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ausblicke 1.10 Magazin für ländliche Entwicklung

Schwerpunkt

Wandel Wandel im ländlichen Raum Klimawandel | Gesellschaftlicher Wandel | Strukturwandel Finanz- und Wirtschaftskrise Auswirkungen auf den ländlichen Raum | Krise der Wirtschaft – Wandel der Werte Netzwerk Land Rückblick 2009 – Ausblick 2010 | Kulturlandschaftspreis 2010 International Finnland: Nahrung für Wachstum – Die Programme für ländliche Entwicklung


Prolog ausblicke 1|10

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Aus Veränderungen nachhaltig Chancen entwickeln Bundesminister Nikolaus Berlakovich

Die Geschwindigkeit, mit der Wandel und Veränderungen in vielen Lebensbereichen verbunden sind, wird von vielen Menschen als immer größer und bedrohlicher empfunden. Im Zeitalter der Globalisierung brechen Strukturen auseinander, es entstehen aber auch neue Chancen. Aufgabe der Politik ist es, in diesem Umfeld Sicherheiten zu geben und mit mutigen und innovativen Ansätzen neue Perspektiven zu ermöglichen. Denn Veränderungen bieten Chancen, die es zu nutzen gilt. Landwirtschaftspolitik ist ein Bereich, der traditionell unter besonderem Anpassungsdruck steht und daher stetig im Wandel begriffen ist. Die Begleitung des landwirtschaftlichen Strukturwandels war jahrzehntelang ein dominierendes Thema der Agrarpolitik. Es ist beeindruckend, wie erfolgreich die Landwirtschaft auf die permanenten Herausforderungen reagiert hat. Ein besonders hervorzuhebendes Beispiel ist in diesem Zusammenhang zweifellos der EU-Beitritt Österreichs: der österreichische Markt war vor dem Beitritt stark reguliert, und die strukturellen Unterschiede waren im Vergleich zum EU-Agrarsystem groß. Massive Einkommensverluste wurden befürchtet, Abwanderungs- und Ausverkaufsszenarien entworfen und eine ausschließliche Konzentration der Landwirtschaft auf Gunstlagen erwartet. Heute besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass sich die Landwirtschaft diesen Herausforderungen hervorragend gestellt und sich neue Perspektiven erschlossen hat – ein Paradebeispiel für „Chancen durch Veränderung“. Gerade als Landwirtschafts- und Umweltminister ist für mich die Frage des Klimawandels ein zentrales Element meiner politischen Arbeit. Der Klimawandel ist eine Bedrohung, der Klimaschutz eine Chance. Eine zeitgemäße Klimaschutzpolitik steht für mich auf zwei Säulen: einerseits Anpassung an die heute unvermeidbaren Folgen des Klimawandels, andererseits deutliche Minderung der Treibhausgasemissionen, um in den kommenden Jahrzehnten extreme Nachteile des Klimawandels und massiv zunehmende teure

Anpassungserfordernisse zu vermeiden. Dafür braucht es mehr Energieeffizienz, mehr erneuerbare Energieformen, verstärkte Investitionen in die thermische Sanierung und in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, eine Forcierung der Entwicklung und Marktdurchdringung alternativer Antriebe sowie mehr Nachhaltigkeit in Produktionsprozessen und im Konsumverhalten. Mein erklärtes Ziel ist die Energieautarkie Österreichs durch den Einsatz erneuerbarer Energien. Mit dem Fokus auf erneuerbaren Energien, dem Ausbau der heimischen Umwelttechnologien im Wärme- und Strombereich, effizientem und umweltfreundlichem Mobilitätsmanagement sowie der Schaffung von Green Jobs und Wertschöpfung durch konjunkturbelebende Maßnahmen verbinden wir notwendige Klimaschutzaktivitäten mit wirtschaftlichen Erfordernissen. Umweltschutz ist ein weltweiter Wachstumsmarkt und hat einen bedeutenden Anteil an der Sicherung und Schaffung neuer Arbeitsplätze. Wir versuchen also, auch in diesem Bereich Synergien zu entfalten. Beeindruckend sind die Projekte, die im ländlichen Raum als Antwort auf Veränderungen „am Land“ entwickelt wurden. Ich denke hier vor allem an das Leader-Programm mit seiner Vielfalt an Themen und Erfolgsbeispielen: Kulinarik und Landwirtschaft, regionale Kultur und Handwerk, ländlicher Tourismus, erneuerbare Energie, Qualifizierung oder Jugend und Chancengleichheit. Die Projekte zeigen, wie man mit neuen Visionen und Strategien auf sich ändernde Situationen reagieren kann. Und das mit bemerkenswertem Erfolg, wenn man beispielsweise an die Käsestraße Bregenzerwald oder den Baumkronenweg im Sauwald denkt. Die Erfahrung mit Veränderungen zeigt, dass wir eine Politik machen müssen, die Verantwortungsbewusstsein und Zusammenarbeit in den Vordergrund stellt. Wir müssen gemeinsam integrierte Lösungen erarbeiten und anbieten, um aus Veränderungen nachhaltig Chancen zu entwickeln. |||


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ausblicke 1|10 Vorwort

Wandel im ländlichen Raum: Über Chancen, Lebensqualität und Ängste als schlechte Wegbegleiter Strukturwandel, Klimawandel und gesellschaftlicher Wandel gehen seit Menschengedenken vonstatten. Allen drei gemeinsam ist, dass die Geschwindigkeit des Wandels permanent zunimmt, womit auch die Herausforderungen an die AkteurInnen einer zukunftsorientierten ländlichen Entwicklung immer anspruchsvoller werden. Grund genug für Netzwerk Land, Szenarien und Strategien für den Wandel in allen drei genannten Bereichen zum Schwerpunkt dieser Ausgabe der „ausblicke“ zu machen. Der grundsätzliche Zugang zum Thema wird dabei von zwei Autoren plakativ auf den Punkt gebracht: Wandel kann, wie Markus Schermer, Agrarexperte an der Universität Innsbruck, in seinem Beitrag über Mythos und Realität des Strukturwandels in der Landwirtschaft schreibt, als Bewegung, als Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten oder als Druck von außen, als negative Entwicklung wahrgenommen werden. Zu einem ähnlichen Befund kommt der Regionalentwickler Robert Lukesch. Zitat: „Wenn in den politischen Reden und Taten die Voraussetzung mitschwingt, dass die Menschen Angst vor Veränderung haben müssen, dann werden sie auch brav Angst haben. Wenn aber vorausgesetzt wird, dass wir immer eine Wahl haben – egal, was passiert – und die Verantwortung dazu, dann werden wir unsere Angst in Neugier verwandeln, das Neue (und die Neuen!) willkommen heißen, unsere Talente einsetzen und wissen, dass wir das Richtige tun.“ Angst oder Zuversicht, Bedrohung oder Chance – innere Haltung und subjektive Wahrnehmung bestimmen die Reaktion auf Veränderungen und die Gestaltung des Wandels entscheidend mit. Was die konkreten Szenarien des Wandels und mögliche Zukunftsperspektiven betrifft, kristallisieren sich in vielen Beiträgen – trotz mancher thematisch bedingter Unterschiede – auch interessante gemeinsame Sichtweisen heraus. So betont z. B. der Zukunftsforscher Andreas Reiter, dass die Zukunft des ländlichen Raums in der Ausdifferenzierung des Kernthemas Lebensqualität liegt. Dass eine einseitige Fokussierung auf Wirtschaftswachstum in Zukunft der Vergangenheit angehören könnte, bringen auch

Leopold Neuhold (‚Krise der Wirtschaft – Wandel der Werte’) und Karl A. Immervoll in einem Gespräch über die Krisenregion Waldviertel zum Ausdruck, deren Beiträge dem zweiten Schwerpunkt dieser Ausgabe der „ausblicke“ – der Finanz- und Wirtschaftskrise – gewidmet sind. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Mitteilung der EU-Kommission vom August 2009, in der festgestellt wird, „dass eine sich verändernde Welt nach anderen Fortschrittsindikatoren als dem BNP-Wachstum verlange (siehe Artikel ‚Vorher – nacher. Den Wandel gestalten’)“. In mehreren Beiträgen angesprochen werden auch Bildung und Know-how-Transfer als wesentliche Voraussetzungen für die Erweiterung des Verhaltensrepertoires und der Handlungsoptionen zur positiven Gestaltung des Wandels. Die Rede ist unter anderem von einer „strategisch gesteuerten Verdichtung des Wissens“ und von „regionalen Lernsystemen“. Schutz vor Krisen und Chancen für einen positiven Wandel bieten nach Ansicht einiger AutorInnen auch Spezialisierung und Diversität – sowohl in den Strukturen als auch bei den AkteurInnen – sowie eine intelligente regionale Vernetzung und Governance. Eine ganz besondere Chance des ländlichen Raums bringt neben anderen ExpertInnen (Pfefferkorn, Aiginger) Andreas Reiter mit folgender Formulierung auf den Punkt: „Der Acker wird zur Energiequelle, der Landwirt zum Energiewirt.“ Diese Option wird allerdings nicht von allen AutorInnen ausschließlich positiv gesehen. Johannes Frühauf von BirdLife Österreich stellt dazu fest: „Die einseitige Forcierung von Biomasse und Biotreibstoffen berücksichtigt die Erfordernisse der Biodiversität zu wenig.“ Und Serena Rauzi von CIPRA International hält nicht viel davon, dass ganze Wälder durch die Schornsteine schlecht isolierter Häuser gepustet werden. Wir hoffen, dass nicht nur diese kritischen Anmerkungen, sondern viele Beiträge dieser zweiten Ausgabe der „ausblicke“ Stoff für anregende Diskussionen bieten. Luis Fidlschuster, Netzwerk Land


Inhalt

1 Prolog 2 Vorwort

Wandel im ländlichen Raum 6 Der Wandel im ländlichen Raum Andreas Reiter

Klimawandel

Strukturwandel 26 28 30 32 34 36

10 Klimawandel findet statt Nora Mitterböck 12 Auswirkungen des Klimawandels auf die

Werner Bätzing

Finanz- und Wirtschaftskrise

Biodiversität Johannes Frühauf

13 Klimawandel – Einen Schritt weiter denken

40 Eine Antwort auf die Krise: rechtzeitige Spezialisierung

Serena Rauzi

14 Sechs Positionen zum Thema Klimawandel 17 Autoverzicht – Eine Frage des Lebensstils Gudrun Wallentin

Strukturwandel – Mythos und Realität Markus Schermer Klimafolgen für Österreichs Landwirtschaft Karl Buchgraber Strategische Betriebsentwicklung Franz Forstner Strukturwandel in der Landwirtschaft Vorher – nachher. Den Wandel gestalten Robert Lukesch Zum Wandel des Tourismus in den österreichischen Alpen

Ein Gespräch mit Karl Aiginger

42 Das Waldviertel – Krisenregion mit Oasen Ein Gespräch mit Karl A. Immervoll

44 Wo ist die Regionalpolitik, wenn es brennt? Markus Gruber 46 Krise der Wirtschaft – Wandel der Werte Leopold Neuhold

Gesellschaftlicher Wandel Netzwerk Land

18 Der ländliche Raum – Zwischen Wachstum und Marginalisierung Wolfgang Pfefferkorn, Helmut Hiess

20 Gesellschaftlicher Wandel zwischen Vielfalt und Einfalt Günter Salchner 22 Land der Kläranlagen, der Sozialvereine und der Einwanderung Martin Fritz 24 Gesellschaftlicher Wandel, eine Chance für die ländliche Entwicklung

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Netzwerk Land – Rückblicke und Ausblicke Christian Jochum Kulturlandschaftspreis 2010 Hemma Burger-Scheidlin Landjugend Österreich Sonja Reinl Natura Trails – Naturfreunde promoten europäische Schutzgebiete Judith Michaeler

56 Leader-Region Oststeirisches Kernland – Land der Ballone, Land der Gelassenheit Teresa Arrieta

58 Leader-Region Hohe Tauern – Ungezähmte Berge Teresa Arrieta

International 60 Nahrung für Wachstum – Die Programme für ländliche Entwicklung in Finnland Juha-Matti Markkola

62 Internationale Terminankündigungen 63 Literatur- und Webtipps 64 NWL-Veranstaltungen 65 Impressum


Wandel im l채ndlichen Raum


Klimawandel, gesellschaftlicher Wandel, Strukturwandel: Die positive Entwicklung l채ndlicher Regionen h채ngt entscheidend von der Art des Umgangs mit Ver채nderungsprozessen ab.


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ausblicke 1|10 Wandel im ländlichen Raum

Der Wandel im ländlichen Raum Die Natur wird nicht nur als Bio-, sondern immer mehr auch als Psychotop genutzt werden, als ein mythisch aufgeladener Kraftplatz. Die Zukunft des ländlichen Raums liegt in der Ausdifferenzierung des Kernthemas Lebensqualität. Erfolgreiche Regionen müssen sich jedoch sowohl für Einheimische als auch für Gäste positionieren. Auf dem Programm stehen u. a. eine klare Differenzierung der einzelnen Regionen, nachhaltiger Tourismus und klimaneutrales Handeln. Andreas Reiter

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n unserer nomadischen Gesellschaft ist alles ständig im Wandel und organisiert sich immer wieder von Neuem: der Einzelne wie die Gesellschaft, die Unternehmen und ihre Märkte. Tradierte geschützte Räume lösen sich auf, die ökonomische und politische Tektonik verschiebt sich. Traditionelle Identitätsstifter wie Familie, lebenslanger Arbeitsplatz etc. sind porös geworden. Innen- und Außenwelt erodieren. Die Biografien werden fragmentarischer, die Innovations- und Produktzyklen kürzer. Traditionen werden durch Optionen ersetzt. Das postmoderne Ich bewegt sich im Transit. Seit Heraklit wissen wir, dass die Welt sich permanent ändert. Nur „fließt“ heute nicht mehr alles, sondern springt. Menschen und Organisationen müssen sich an die immer schnelleren Rhythmen der Veränderungskultur anpassen. Die (erfreuliche) Wahlfreiheit wird oft auch als Wahlzwang erlebt, der viele verunsichert. Unsicherheit aber stärkt das Bedürfnis der Menschen nach Halt, nach Orientierung, nach einem verbindlichen Wertesystem. Dies zeigt sich derzeit in der fundamentalen Identitäts- und Strukturkrise, die uns 2008 erfasst hat. Sie zwingt zu einer Revision gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Konzepte. Das Betriebssystem der Marktwirtschaft wird neu konfiguriert. Die neuen Passwörter für die Zukunft heißen wertorientierte Innovation, nachhaltiges Wirtschaften (statt Quartalquickies) sowie Kreativität. Die Krise des Eis ist die Chance des Kükens.

Das rein materielle Steigerungsspiel ist zu Ende. Das Wachstum von morgen verknüpft die wichtigste Ressource der Marktteilnehmer – ihre strategische Kreativität – mit ihrer sozialen und technologischen Intelligenz und ihrer Verantwortung gegenüber dem Ökosystem, in dem wir leben. Die Wettbewerbsdynamik stellt gerade auch ländliche Regionen vor zentrale Herausforderungen. Im Wettbewerb der Regionen werden künftig mehr denn je die Entwicklung und Positionierung der Region als Standort für Lebensqualität entscheiden. Die Entwicklung des ländlichen Raums erfolgt im Kontext gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Veränderungen. Welche zentralen Treiber werden ländliche Regionen künftig beeinflussen? Und wie können diese für deren Entwicklung nutzbar gemacht werden?

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ie Welt verstädtert. Seit 2001 lebt über die Hälfte der Menschheit in Städten, die Stadtbevölkerung nimmt weltweit viermal so schnell zu wie die Landbevölkerung. Auch in Europa wird die Kluft zwischen Stadt und Land, zwischen wachsenden und schrumpfenden Regionen größer. Und damit auch zwischen prosperierenden und zurückfallenden. Im strategischen Fokus der Politik wird in Zukunft weniger die Polarität Stadt – Land als vielmehr das Management der wachsenden Unterschiede zwischen einzelnen ländlichen Regionen stehen. Die


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zunehmenden Disparitäten hängen von vielen endogenen und exogenen Faktoren ab, etwa der Nähe/ Entfernung zu einem städtischen Ballungsraum, den vorhandenen agrarischen Ressourcen (z. B. Zentren für Wein-, Gemüse- oder Obstanbau), der touristischen Nutzung etc.

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Literatur 1 Kenichi Ohmae, Unterwegs in eine völlig andere Welt, in: Süddeutsche Zeitung (Hrsg.), Die Gegenwart der Zukunft, Berlin 2000. 2 Institut für Weltwirtschaft, Raumstruktur im Internetzeitalter, Kieler Kurzberichte 3/05, Kiel 2005. 3 Quelle: Statistik Austria. 4 Ebd.

achsende Disparitäten zwischen Regionen. Im globalen Wettbewerb der Regionen verliert die Peripherie immer mehr, dafür gewinnen vor allem Stadt-Regionen mit einer strategisch gesteuerten Verdichtung von Wissen (Universitäten, Forschungseinrichtungen, Spin-offs), Kommunen und Unternehmen, spezialisierten Dienstleistern sowie einer hohen Lebens- und Freizeitqualität. Diese Cluster entscheiden über die Innovationskompetenz und damit über den Wohlstand einer Region. „Man muss den Aufschwung von Regionen als charakteristisches und entscheidendes Wirtschaftsphänomen des 21. Jahrhunderts begreifen“, erkannte der Managementberater Kenichi Ohmae schon vor Jahren.1 Städte wie Dublin und Helsinki erwirtschaften bereits fast die Hälfte des gesamten Bruttoinlandsprodukts ihrer jeweiligen Länder. Vor allem innovationsorientierte Unternehmen konzentrieren sich auf verdichtete „urbane Strukturen“ mit entsprechender Infrastruktur.2 Das mag verblüffen. Hatte man in der Startphase des Internets in den frühen 1990er-Jahren noch euphorisch an die „digitale Ortlosigkeit“ und an den Aufschwung ländlicher Randgebiete etwa mittels Teleworking geglaubt, wird man seit Jahren eines anderen belehrt: Viele ländliche Regionen in Europa bleiben trotz ihrer digitalen Vernetzung im Hintertreffen, sind von Abwanderung und Schrumpfung bedroht. Auch in Österreich werden in den nächsten Jahrzehnten ländliche Gebiete vor allem aufgrund der Alterung weiter ausgedünnt werden. Zwischen

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1991 und 2001 verlor fast ein Drittel der ländlichen Gemeinden an Einwohnern. Wenn auch die Bevölkerung Österreichs insgesamt weiterhin wächst (bis 2030 auf knapp über 9 Millionen), wird sie vor allem in Gebieten abseits der touristischen Zentren (z. B. in der Obersteiermark und im nordwestlichen Niederösterreich) stark abnehmen. Die rasante Alterung (der Anteil der über 50-Jährigen an der Bevölkerung in Österreich wird bis 2030 auf 47 Prozent steigen) bei gleichzeitig konstant niedrigen Geburtenraten wird diesen Prozess beschleunigen.3 Was heute schon in manchen schrumpfenden Gebieten (für die Bewohner schmerzlich) sichtbar ist, nämlich die fortschreitende Ausdünnung der Infrastruktur (Volksschule, Nahversorgung etc.), wird sich künftig noch verstärken. Angesichts knapper öffentlicher Haushaltskassen werden in den nächsten Jahrzehnten regionale Infrastrukturen stark gebündelt und auf wenige Hot Spots konzentriert werden (bis hin zur Zusammenlegung von Bezirken). Dieser Ausdünnungs- bzw. Konzentrationsprozess ist nicht aufzuhalten, kann aber seitens der Politik fair und intelligent gemanagt werden. Einerseits wird man den Mut aufbringen müssen, ganze Landstriche rückzubauen oder sie ganz der Natur zu überlassen. Mögliche Umnutzungen sind Naturschutzparks, Landschaftsgärten oder schlichtweg eine Verwilderung der Natur. In einer urbanisierten Welt nicht die schlechteste Aussicht: Die Kulturlandschaft wird teilweise zu einer Naturlandschaft – der Mensch geht, die Wölfe kommen. Andererseits müssen ländliche Gebiete mit Wachstumspotenzial gestärkt werden, sie sollen ja für bestehende wie neue Bewohner eine attraktive Infrastruktur und hohe Lebensqualität garantieren. Damit verbunden sind die Schaffung neuer Arbeitsund Kinderbetreuungsplätze, die Stärkung regionaler Netzwerke, vor allem aber auch Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, vor allem für Frauen. In den nächsten Jahren werden immer mehr gut ausgebildete Frauen auf den Jobmarkt kommen (der Frauenanteil an den Erwerbstätigen wird in Österreich bis 2021 um 9 Prozent zunehmen) 4 ; schon heute ist das Bildungsniveau junger Frauen höher als das der jungen Männer. Hier gilt es, über Bildungs- und regionale Förderungsmaßnahmen junge Frauen in regionale Wertschöpfungsnetze zu integrieren.


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Regionale Marke In diesem Portfolio der Regionen werden sich erfolgreiche ländliche Gebiete deutlich von urbanisierten abheben und sich als attraktive Ergänzung zu städtischen Ballungsräumen positionieren. Entscheidend ist neben der strategisch gesteuerten regionalen Produktentwicklung die Markenführung (Beispiel „Vulkanland“): Die Region als Ganze muss als Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftsraum vermarktet werden, und dies mit einer klaren Differenzierung gegenüber anderen Regionen.

Regionale Lebensqualität Einzelne Regionen werden ihre jeweils spezifische Lebensqualität – zentraler Standortfaktor im internationalen Wettbewerb – entwickeln. Die Zukunft des ländlichen Raums liegt in der Ausdifferenzierung des Kernthemas Lebensqualität. Erfolgreiche Regionen müssen sich jedoch sowohl für Einheimische als auch für Gäste positionieren – denn nur dort, wo sich die Einheimischen wohlfühlen, fühlt sich auch der Gast wohl und umgekehrt. Die neuen Lebensqualitätsmärkte erfordern eine integrierte Standortentwicklung – etwa in der Kooperation der Tourismuswirtschaft mit anderen Wirtschaftszweigen. Der Tourismus als Querschnittsbranche vernetzt andere Branchen wie Landwirtschaft, Gewerbe etc. vor Ort und gibt Impulse für eine regionale Standortentwicklung. Die zentralen Profilierungsfelder der Zukunft sind: Genuss, Gesundheit, Inspiration. Nachhaltige Lebensqualität bedeutet Zeitwohlstand, psychosozialen Wohlstand und ökologischen Wohlstand. In einer globalen Welt nimmt die Sehnsucht der Menschen nach Authentizität und regionaler Unverwechselbarkeit zu. Regionale Produkte werden verstärkt nachgefragt, die Slow-Food-Bewegung ist der Anfang einer Suchbewegung. Orte mit authentischer Aura werden zum Anker, zum Heile-Welt-Symbol: Hier bin ich Mensch, hier kehr ich ein. Menschen suchen in ihrer Freizeit jenen Boden unter den Füßen, der ihnen im Alltag oft weggezogen wird. Dies erklärt die Attraktivität eines Urlaubs in einem Kloster oder auf einem Bauernhof, den Charme einfacher Almhütten. Postmoderne Nomaden, im beruflichen wie privaten Alltag meist massiv belastet, suchen vermehrt Bodenhaftung.

Diese Sehnsucht nach Erdung zeigt sich auch am Stil der Einrichtung von Wohnungen. In den Städten wird die „unberührte“ Natur spielerisch mystifiziert: Der Baum wird ins Haus geholt, der Garten ins Wohnzimmer. Florale Ornamente werden im Design verstärkt eingesetzt, Lampenschirme imitieren die Form von Bienenwaben. Für Möbel werden Holz aus nachhaltiger Waldbewirtschaftung und andere Naturmaterialien verwendet.

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rlebnisraum Land. Die Natur wird künftig nicht nur Bio-, sondern immer mehr auch Psychotop, ein mythisch aufgeladener Kraftplatz sein. Bauern werden ihre Urlaubsgäste künftig mit ganzheitlichen Inszenierungen überraschen, mit Land Art, mit ungewöhnlichen Skulpturen in der Landschaft, mit einer Schaumolkerei, mit einer erlebnisorientierten Weinverkostung und mit Erlebnisfarming: Die Kinder der Gäste werden mit dem Feldroboter auf dem Zuckerrübenfeld Unkraut zupfen oder durch aufregend angelegte Labyrinthe über die Felder schleichen können.

Rückzugsgebiet für Rentner Teile des ländlichen Raums werden recycelt werden, sich zu Chill-out-Zonen für eine ausgebrannte, alternde Gesellschaft verwandeln. Erfahrene Urlauber, die früher um die halbe Welt geflogen sind, werden sich (nicht nur in Zweitwohnsitzen) in ländlichen Gebieten niederlassen. In strukturschwachen, aber landschaftlich reizvollen und klimatisch milden Regionen werden Altenresorts für wohlhabende Rentner entstehen, sie werden oftmals die größten Arbeitgeber in der Region sein. Sun Cities also auch in Österreich? Das englische Wirtschaftsmagazin „Forbes“ jedenfalls sieht Österreich dank seiner herausragenden Lebensqualität als weltweit besten Platz für Rentner. „Österreich ist wie die Schweiz, nur günstiger“, heißt es im Ranking „The 10 Best Retirement Havens“. „Wien hat die höchste Lebensqualität auf der Welt. […] Salzburg, Graz und Kitzbühel und die umliegenden Dörfer haben denjenigen, die gerne in den Bergen und an der frischen Luft sind, viel zu bieten.“ 5


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5 Forbes Magazine, 15.10.2009. 6 Vgl. Stern Review on the Economics of Climate Change, 2006. 7 „Foresight 2020“, Economist Intelligence Unit (EIU) 2006.

limawandel als Chance. Der 4. Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) der Vereinten Nationen prognostiziert für die nächsten 20 Jahre eine globale Klimaerwärmung von 0,2 °C pro Jahrzehnt. Je nach Emissionsszenario wird bis Ende des 21. Jahrhunderts eine Erwärmung von 1,1 °C (niedriger Emissionsanstieg) bis 6,4 °C (hoher Emissionsanstieg) erwartet. Die (ökologischen) Folgen des Klimawandels – mit regional unterschiedlicher Ausformung – sind dramatisch: Hitzewellen im Sommer, extreme Niederschläge, drastische Zunahme von Stürmen, Hochwasser, Trockenperioden etc. Im Alpenraum schmelzen die Gletscher, die Gefahr von rutschenden Berghängen und Felsstürzen aufgrund von auftauenden Permafrostböden steigt, die Vegetation verändert sich (Verschiebung der Vegetationszonen, Migration südlicher Pflanzen wie bestimmter Rebsorten nördlich der Alpen). Der britische Ökonom Nicholas Stern bilanziert die Folgen der Erderwärmung mit einem Verlust von 5,5 Billionen Euro an weltweiter Wirtschaftsleistung; weite Regionen der Welt würden unbewohnbar und Hunderte Millionen Menschen zu Klimaflüchtlingen werden.6 Nur ein strategischer Mix aus Energieeffizienz und verstärktem Ausbau erneuerbarer Energien kann die bedrohliche Erwärmung aufhalten. In den Klimastrategien kommt auch der Landwirtschaft ein aktiver Part zu. Die EU-Kommission will die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen verringern und den Anteil von Biokraftstoffen am Kraftstoffmix bis 2020 europaweit auf 10 Prozent steigern. Ein Fünftel der Ackerfläche der USA wird derzeit für die Ethanolproduktion genutzt; in South Dakota, einem der größten Getreideproduzenten des Landes, werden über 50 Prozent der Ernte zu Sprit verarbeitet. Derzeit wachsen auf 17 Prozent der Ackerflächen in Deutschland Pflanzen zur Energieerzeugung – das macht aus dem Acker eine Energiequelle und aus dem Landwirt einen Energiewirt. Der Klimawandel eröffnet den Bauern auch neue Wachstumschancen auf der Produktebene. Die nächste Biokraftstoff-Generation wird aus ganzen Pflanzen, aus Stroh und Holz gewonnen. Immer mehr Landwirte beliefern die örtlichen Biogasanlagen mit nachwachsenden Rohstoffen. Pflanzenöl- und Biodiesel-

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Blockheizkraftwerke werden künftig vermehrt Kommunen mit Energie versorgen. Bei entsprechender Energieeffizienzsteigerung könnte der europäische Gasverbrauch im Jahr 2020 komplett mit Biogas und Bio-SNG (Synthetic Natural Gas) gedeckt werden. Bis 2020 könnten damit die CO2-Emissionen um 10 Prozent gesenkt werden. Energieprognosen rechnen bis 2020 mit einem weltweiten Anteil von Biomasse von rund 10 Prozent am gesamten Energiemix.7

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achhaltiger Tourismus. Ein weiterer Wachstumsmarkt für den ländlichen Raum ist die Forcierung des „Green Tourism“. Nachhaltiger Tourismus schont das Klima, geht intelligent mit knapperen und teuren Ressourcen um. Er minimiert die Energiekosten für touristische Unternehmen ebenso, wie er die Genuss- und Moralbilanz für die Gäste erhöht. Internationale Destinationsgemeinschaften wie die „Alpine Pearls“ (dazu zählen u. a. Werfenweng, Arosa, Bad Reichenhall) setzen auf Elektromobilität und bieten autofreie Urlaubspackages an. Immer mehr klimaneutrale Hotels entstehen, die sich etwa mit einem eigenen Blockheizkraftwerk auf HolzhackschnitzelBasis selbst versorgen. Destinationen wie Arosa in der Schweiz neutralisieren die CO2-Emissionen ihrer Gäste und positionieren sich als klimaneutraler Ferienort. Gerade Österreich kann sich in diesem Bereich mit attraktiven und glaubwürdigen Produkten behaupten.

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usammengefasst lässt sich sagen: Die Zukunft des ländlichen Raums wird stärker von Disparitäten gekennzeichnet sein. Rückgebaute verwilderte Landstriche werden neben hochwertigen Genussregionen und touristischen Kraftplätzen liegen, in denen die Menschen sich und ihre natürliche Umwelt mit allen Sinnen neu entdecken. Entscheidend für den Erfolg im Wettbewerb der Regionen werden morgen mehr denn je die intelligente regionale Vernetzung, die Entwicklung originärer lokaler Produkte sowie die Führung von Regionen als starke ganzheitliche Lebensqualitätsmarke sein. ||| Andreas Reiter, ZTB Zukunftsbüro


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ausblicke 1|10 Klimawandel

Klimawandel findet statt Die Landwirtschaft gehört zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Sektoren und muss ihm in doppelter Hinsicht gerecht werden: Sie muss ihre Treibhausgasemissionen reduzieren und sich an die veränderten Klimabedingungen anpassen. Nora Mitterböck

Die vom Menschen mitverursachte Klimaänderung kann durch keine Gegenmaßnahmen mehr aufgehalten, sondern nur mehr in ihren negativen Auswirkungen gemildert werden. Die Durchschnittstemperaturen werden in Österreich in den nächsten 40 Jahren voraussichtlich um 2 bis 4 °C ansteigen. Zu erwarten sind heiße, trockenere Sommer mit etwa doppelt so vielen Tagen über 30 °C als bisher. Die Winter dürften im Durchschnitt weniger kalt und damit weniger schneereich werden, vor allem eine Abnahme der Tage mit Schneebedeckung wird prognostiziert. Die Effekte sind vielerorts, auch in Österreich, bereits sichtbar: rasantes Abschmelzen der Gletscher und Auftauen der Permafrostböden mit zunehmender Gefahr von Bergstürzen in alpinen Regionen, regional differenzierte Abnahme von Niederschlagsmengen

vor allem im Sommer. Klimaforscher sprechen u. a. von einer Zunahme extremer Witterungsereignisse. Durch das vermehrte Auftreten von Starkregenereignissen kommt es häufiger zu Hochwässern. Wassermangel auf der einen und die Häufung von extremen Hochwässern auf der anderen Seite haben wir in den vergangenen Jahren in Österreich schon intensiv erlebt. Derartige Extremereignisse, aber auch Stürme und Hagel könnten in Hinkunft noch größere Schäden anrichten. Zu erwarten ist auch eine Häufung von Naturkatastrophen wie Erdrutschen und Muren. Obwohl die ursächliche Bekämpfung des Klimawandels durch Verringerung der Emissionen von Treibhausgasen eindeutig Priorität hat, müssen parallel dazu dringend Maßnahmen der Anpassung an die kommenden klimatischen Veränderungen gesetzt werden.


Klimawandel ausblicke 1|10

Die Landwirtschaft trägt durch den Ausstoß von Methan, Lachgas und CO2 aus Viehhaltung, Düngung und Bodenbewirtschaftung zum Treibhauseffekt bei. In Österreich machten die Emissionen aus dem Sektor Landwirtschaft 2008 mit 7,6 Mio. Tonnen CO2-Äquivalenten knapp 9 Prozent der gesamten Treibhausgase aus. Von 1990 bis 2008 sind sie um ca. 10 Prozent zurückgegangen, wobei es seit 2006 wieder einen leichten Anstieg gibt. Der Rückgang der Emissionen ist einerseits auf die Abnahme des Rinderbestandes (Emissionen aus Verdauung und Wirtschaftsdüngermanagement) und andererseits auf die Reduktion der Ausbringung von organischem Wirtschaftsdünger sowie von mineralischen Stickstoffdüngern durch die Teilnahme der Landwirte am Österreichischen Agrarumweltprogramm ÖPUL zurückzuführen. Die Landwirtschaft verursacht auch noch Treibhausgase, die anderen Sektoren zugerechnet werden, zum Beispiel Emissionen, die durch den Energieeinsatz in der „Kunstdünger“-Erzeugung oder im Verkehrsbereich entstehen. Die Fixierung von Kohlenstoff in sogenannten Senken, zum Beispiel in einem erhöhten Humusgehalt des Bodens oder in der Pflanzenbiomasse von Wäldern, stellt eine Möglichkeit der Reduzierung der Treibhausgasemissionen dar. Weltweit gesehen wird heute in landwirtschaftlichen Böden mehr Humus abals aufgebaut. Daher stellen landwirtschaftliche Böden derzeit eine Nettoquelle von CO2 dar, die mit dem entsprechenden Management zu Nettosenken werden könnten. Mit vielen Maßnahmen wie biologischem Landbau, der Reduktion von Transportwegen durch die Forcierung regionaler Vermarktung und der Erzeugung hochwertiger Bioenergie unter Berücksichtigung des Schutzes der Biodiversität leistet die heimische Landwirtschaft ihren Beitrag zum Klimaschutz.

Die Folgen für die Landwirtschaft

sehr unterschiedlich ausfallen. Bei einigen Pflanzensorten könnten die Verlängerung der Vegetationsperiode und die Erhöhung der CO2-Konzentration auch zu einer Steigerung der Erträge führen. Im Allgemeinen dürften jedoch die negativen Effekte überwiegen, zumal kritische Faktoren wie Hitze- und Trockenstress, neue oder verstärkt auftretende Schadorganismen, das vermehrte Vorkommen von Extremereignissen, aber auch Konflikte bezüglich Wassernutzung limitierend wirken werden. Ähnliche Probleme zeigen sich auch in der Forstwirtschaft. Die Fichte, die häufigste heimische Baumart, ist die große Verliererin des Temperaturanstiegs. Durch den zunehmenden Trockenstress und vermehrten Schädlingsbefall kommt sie stark unter Druck. Der Verlust der Schutzfunktion des Bergwalds könnte eine Folge sein. Weiters könnten in Österreich auch im Sommer Waldbrände, ähnlich wie bereits jetzt im Mittelmeerraum, zu einer Bedrohung werden. Die Auswirkungen des Klimawandels gehen in ländlichen Gebieten allerdings weit über die unmittelbare Betroffenheit der Landwirtschaft hinaus: erhöhtes Hochwasserrisiko, Schadensrisiken für die Infrastrukturen, Wasser als Mangelware – Konkurrenz mit anderen Sektoren, Veränderungen des Waldwachstums und der -produktion, Beeinträchtigung des Landschaftsbildes und der biologischen Vielfalt durch Aufgabe von landwirtschaftlichen Nutzflächen etc. Entscheidend wird sein, ob sich die Landwirtschaft schnell genug und eigenständig an den klimatischen Wandel wird anpassen können. Es bieten sich eine Reihe von Anpassungsmaßnahmen an, etwa die Veränderung der Pflanzzeiten bzw. Aussaattermine und die Züchtung neuer oder die Nutzung bewährter, zum Beispiel hitze- und trockenheitstoleranter Kulturpflanzen mit geringer Schädlingsanfälligkeit. Weitere Handlungsempfehlungen sind die vermehrte Etablierung wassersparender Bewässerungssysteme, die Optimierung der Nährstoffversorgung, die fortschreitende Verbesserung energieeffizienter, standortangepasster und bodenschonender Bewirtschaftungsweisen sowie die Anpassung der Landnutzung (z. B. Fruchtfolgegestaltung). |||

Die zu erwartenden Veränderungen der CO2-Konzentration, der Temperatur und der Niederschläge sowie die steigende Häufigkeit extremer Witterungen werden speziell die Pflanzenproduktion beeinflussen. Zunehmende Trockenheit und erhöhte Klimavariabilität könnten zu deutlichen Ertragseinbußen bzw. einer abnehmenden Ertragssicherheit führen. Sicherlich werden die Auswirkungen des Klimawandels regional Nora Mitterböck, BMLFUW, Immissions- und Klimaschutz

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ausblicke 1|10 Klimawandel

Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität Johannes Frühauf

Die Echte Prachtnelke, Dianthus superbus, gilt in allen Bundesländern Österreichs als stark gefährdet.

Der Klimawandel, seine Folgen und Maßnahmen zu seiner Eindämmung auf ein möglichst geringes Ausmaß sind zu politischen Topthemen geworden. Selbst optimistische Szenarien lassen bis zum Ende dieses Jahrhunderts einen Anstieg der globalen Temperaturen um durchschnittlich über 2 °C gegenüber dem frühen 20. Jahrhundert erwarten. In den Alpen wird sich etwa die Waldgrenze um etwa 500 Meter nach oben verschieben. Das Problem im Hinblick auf Biodiversität ist nicht das Faktum selbst – Tier- und Pflanzenarten haben sich immer wieder an ein verändertes Klima anpassen müssen –, sondern vielmehr die Geschwindigkeit des vom Menschen mitverursachten Wandels; er wird bis zu 40-mal rascher verlaufen als der bisher schnellste, der Übergang von der letzten Eiszeit zur folgenden Zwischeneiszeit. Das wird viele Arten bezüglich ihrer Anpassungsmöglichkeiten (genetisch, „Mitwandern“) überfordern, vor allem hochalpine und hocharktische Arten. Belege für die Auswirkungen der Erwärmung liegen schon seit Jahrzehnten vor, etwa das Höherrücken von alpinen Pflanzen, das in Österreich zum Beispiel durch das Klimaforschungsprojekt GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments) der Universität Wien dokumentiert wird. Bei Vögeln, die aufgrund ihrer Ausbreitungsfähigkeit die wohl reaktionsschnellste Gruppe sind, wird eine Tendenz zur Ausbreitung nach Norden bzw. bei Zugvögeln ein früheres Heimkehren in die Brutgebiete festgestellt. Ein britisches Forscherteam hat 2007 einen Atlas für 430 europäische Vogelarten mit ihren heutigen und

künftigen Verbreitungsgebieten veröffentlicht. Die Zukunftsszenarien beruhen darauf, dass die aktuelle Verbreitung mit Jahrestemperatursumme, Temperatur im kältesten Monat und Feuchte sehr gut erklärt werden kann. Die Extrapolation dieser klimatischen Zusammenhänge auf der Basis gängiger Klimawandelszenarien ergibt, dass das Areal der „durchschnittlichen“ Vogelart am Ende dieses Jahrhunderts um ca. 550 Kilometer nach NNO verschoben und um 20 Prozent geschrumpft sein wird; einige Arten werden wahrscheinlich aussterben, und auch die Artenzahlen in einzelnen Gebieten werden im Mittel um 9 bis 40 Prozent abnehmen. Das ist noch ausgesprochen optimistisch, denn es ist unwahrscheinlich, dass alle Arten das klimatisch geeignete Areal auch tatsächlich rechtzeitig besiedeln werden können. Werden diese Szenarien auf Österreich umgelegt, bedeutet das für über 13 Prozent der heutigen Brutvögel ein hohes Aussterberisiko (u. a. für Großtrappe, Brachvogel, Blaukehlchen) und für über 60 Prozent der Arten Rückgänge; nur etwa 10 Prozent werden zu den „Gewinnern“ zählen. Das jährlich von BirdLife Österreich durchgeführte Vogelmonitoring zeigt, dass die Populationen jener Arten, für die gemäß Klima-Atlas ein schrumpfendes Areal erwartet wird, seit 1998 im Mittel um 17 Prozent (!) zurückgegangen sind, während Arten ohne prognostizierte Einbußen konstante Populationen aufweisen. Das Programm „Ländliche Entwicklung“ soll einen Beitrag zur Eindämmung bzw. Anpassung an den Klimawandel leisten. Anstatt seine negativen Folgen zu verstärken (wie es etwa bei der einseitigen Forcierung von Biomasse und Biotreibstoffen zu befürchten ist), sind auch die Erfordernisse der Biodiversität zu berücksichtigen. ||| Johannes Frühauf, BirdLife Österreich


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Der weitaus größte Teil des Endenergieverbrauchs der privaten Haushalte entfällt auf Raumwärme.

Klimawandel

Einen Schritt weiter denken Serena Rauzi

Gerade weil die Alpenländer besonders stark unter der Erderwärmung leiden, sollten sie „zu einem Modell für vorausschauende Klima- und Umweltpolitik werden“. Dafür engagiert sich die CIPRA (Commission Internationale pour la Protection des Alpes) mit ihrem vor zwei Jahren gestarteten Projekt „cc.alps“*. Als Dachorganisation von rund fünf Millionen Naturschützern in allen Staaten des Alpenbogens eignet sie sich besonders, um ein solches internationales Projekt zu realisieren. Sie bündelt die Expertise von Wissenschaftlern vieler Disziplinen mit dem gemeinsamen Ziel, Klimaschutz einen Schritt weiterzudenken. In so unterschiedlichen Bereichen wie Verkehr, Tourismus, regionale Wirtschaft, Naturschutz, Raumplanung und Energieversorgung listen die Wissenschaftler im Auftrag der CIPRA auf, wie sich die Alpenstaaten jetzt schon auf die Folgen des Klimawandels vorbereiten können. „Wir beobachten derzeit viel schädlichen Aktionismus“, meint Andreas Götz, Geschäftsführer der CIPRA International. Die Politiker wollen schnell handeln und richten oftmals mehr Schaden als Nutzen an. Die CIPRA lässt daher alpenweit erforschen, welche Maßnahmen unerwünschte ökologische oder soziale Folgen haben. Die CIPRA stellt aber auch gelungene nachhaltige Modelle heraus: Kommunen und Unternehmen, die sich vorbildlich engagieren, werden zur Nachahmung empfohlen. Vordergründig ist beispielsweise die Umstellung von Heizungen auf Holz ein Fortschritt. Schließlich

handelt es sich um einen nachwachsenden, natürlichen Brennstoff. Doch es macht keinen Sinn, ganze Wälder durch die Schornsteine schlecht isolierter Häuser zu pusten. Während der Energieverbrauch in der Industrie seit Langem stagniert, hat er sich in den privaten Haushalten seit den 1970er-Jahren verdoppelt. Die meiste Energie wird für Raumwärme verbraucht – vor allem aber verschwendet. In den Alpen handelt es sich bei der Mehrheit der Gebäude um sanierungsbedürftige Strom- und Ölfresser. Mit bes- Naturschutz wertet die serer Abdichtung und der Umstellung auf erneuerbare Lebensräume in den Alpen ökologisch auf und Energieträger ließe sich der Energieverbrauch relativ schützt die Menschen vor einfach um bis zu 90 Prozent senken. Nur in klimamo- Naturgefahren. dernisierten Häusern macht es Sinn, für den restlichen Bedarf an Wärme auf Holz zum Heizen umzustellen. Beim Problem Hochwasser zeigt die CIPRA Wege auf, wie sich Klimafolgen ohne Widerspruch zum Naturschutz bewältigen lassen. Experten erwarten eine Zunahme schwerer Hochwasser in den Alpen – eine der gefährlichen Konsequenzen globaler Erwärmung. Um Dörfer und Städte vor den Sturzfluten zu schützen, wird immer wieder der Ausbau der * Die Ergebnisse des Projekts „cc.alps“ werden in der Flüsse gefordert, also das Betonieren der Ufer und CIPRA-Reihe „compact“ veröffentlicht und laufend auf Betten. Ein moderner Hochwasserschutz sieht nach www.cipra.org/cc.alps gestellt. der Meinung der CIPRA anders aus. Er müsste den Im Rahmen des Projekts wurden Flüssen mehr Rückhalteflächen links und rechts ihres 300 Klimamaßnahmen recherchiert und evaluiert. Eine enge Verlaufs reservieren, damit ihr Wasser in extremen Auswahl von guten Beispielen Wettersituationen nicht flutartig talwärts fließt. ||| Serena Rauzi, CIPRA International

sowie die Preisträger eines alpenweiten Wettbewerbs sind ebenfalls online zu finden.


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Sechs Positionen zum Thema Klimawandel

Ländliche Räume gehören zu jenen Gebieten, welche die Auswirkungen des Klimawandels schon heute stark zu spüren bekommen und bei der Vorbereitung auf die Zukunft diesbezüglich besonders gefordert sein werden. Denn das genaue Ausmaß der Auswirkungen des Klimawandels ist noch nicht absehbar. Sechs Organisationen wurden daher gebeten, sich zur Bedeutung des Klimawandels für den ländlichen Raum zu äußern.

Dem Klimawandel schon heute planerisch begegnen! Andreas Gobiet und Karl Steininger, Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel, Universität Graz andreas.gobiet@uni-graz.at karl.steininger@uni-graz.at

Die regionalen Ausprägungen des globalen Klimawandels sind nach wie vor Gegenstand intensiver Forschung. Während ein Temperaturanstieg von etwa 0,25 °C pro Jahrzehnt in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts in Österreich so gut wie sicher ist, sind andere Änderungen – etwa von Niederschlag und Extremereignissen – weit schwerer vorherzusagen. Nichtsdestotrotz können wir einige in Österreich relevante Auswirkungen des Klimawandels heute schon gut absehen – etwa längere

Vegetationsperioden in der Landwirtschaft und abnehmende Schneesicherheit in tiefliegenden Schigebieten. Es gilt, die Pfade der ländlichen Entwicklung (in Trend und regionaler Variabilität) einerseits an diesen bekannten zukünftigen Klimabedingungen auszurichten, etwa für Dauerkulturen rechtzeitig Sortenwahl und -züchtung sowie Standortentscheidungen zu treffen oder touristische Investitionen und Innovationen nur mehr in langfristig bestandsfähige Gesamtkonzepte eingebettet zu diskutieren. Zum anderen hat ländliche Entwicklung umgehend auf die Erfordernisse des sich verstärkenden Klimaschutzes zu reagieren. Zwei Beispiele hierzu: Siedlungsstrukturen sind als sehr langlebige Investitionen raumplanerisch „mobilitätssparend“ zu gestalten (oder wir können sie uns bei hohen Energiepreisen nicht mehr leisten); der Bedarf nach biogenen Materialien (etwa für ganze Gebäude)

wird extrem anwachsen – eine neue spannende Aufgabe auch für die Landwirtschaft.

Bestehende Maßnahmen ergänzen, neue Instrumente fördern Martin Längauer, Landwirtschaftskammer Österreich, Rechtsund Umweltpolitik m.laengauer@lk-oe.at

Die Landwirtschaft ist der von der Klimaänderung am stärksten betroffene Wirtschaftsbereich. Es ist daher dringend erforderlich, rasch effiziente Klimaschutzmaßnahmen zu setzen, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren und geeignete Anpassungsmaßnahmen zur Abmilderung der negativen Effekte des Klimawandels zu ergreifen.


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Auch wenn derzeit im österreichischen Agrar-Umweltprogramm noch keine speziellen Fördermaßnahmen für eine Reduktion von Treibhausgasen zur Verfügung stehen, gibt es doch bereits einige gelungene Ansätze wie die Förderung der biologischen Wirtschaftsweise, der umweltgerechten Bewirtschaftung (u. a. des Verzichts auf ertragssteigernde Betriebsmittel), der Begrünung von Ackerflächen im Winter und der Mulch- und Direktsaat, die dem Reduktionsziel Rechnung tragen. Eine Weiterentwicklung des vorhandenen Programms wird unter Beibehaltung des Anreizsystems erforderlich sein. Dabei ist verstärkt auf die Bedeutung der Böden als Kohlenstoffspeicher abzuzielen. Aspekte der Regionalität und Nachhaltigkeit zur Vermeidung langer Transportwege oder aufwändiger Produktionsmethoden bedürfen ebenso einer Berücksichtigung wie eine Reduktion der ausufernden Versiegelung. Daneben sind umfassende Maßnahmen wie die Züchtung von hitzeund trockenresistenten Kulturpflanzen, eine Anpassung der Baum- und Pflanzenarten, eine Intensivierung der Forschung und Beratung, bautechnische Maßnahmen, der Ausbau der Biomassenutzung, etc. zu setzen. Da die volkswirtschaftlichen Kosten bei weiteren Verzögerungen um ein Vielfaches höher ausfallen werden, wird ein rasches Handeln das Gebot der Stunde sein.

Neue Energiesysteme für ländliche Regionen

Heinz Kopetz, Österreichischer Biomasseverband, Vorsitzender kopetz@biomasseverband.at

Die wichtigste Aufgabe der nächsten Jahre besteht darin, die Ursachen des Klimawandels zu erkennen und diese schrittweise aus der Welt zu schaffen, statt den Klimawandel als unabwendbar hinzunehmen und über Anpassungsstrategien zu beraten. Die Ursachen des Klimawandels liegen in erster Linie im fossilen Energiesystem. Daher liegt die wichtigste Aufgabe für den ländlichen Raum in den nächsten zwei Dekaden darin, sich in der Energieversorgung von Öl, Gas und Kohle unabhängig zu machen. Wenn es zwischen dem privaten Sektor, den Gemeinden und der Wirtschaft zu einer konstruktiven Zusammenarbeit kommt, ist dies in den meisten ländlichen Regionen möglich. Die Anpassung an Perioden mit anderen Niederschlagsmustern, höheren Temperaturen und intensiveren Wetterereignissen ist von Kleinregion zu Kleinregion verschieden und betrifft vor allem die Landwirtschaft, die Forstwirtschaft sowie das Siedlungs- und Bauwesen. Die Landwirtschaft hat dort, wo es sich überwiegend um einjährige Kulturen handelt, den Vorteil, dass sie rasch reagieren kann. Dies ist im Obst- und Weinbau und natürlich in der Forstwirtschaft nicht möglich. Daher ist für diese Branchen schon jetzt eine enge Zusammenarbeit mit Klimatologen sinnvoll. Besondere Probleme werden sich in jenen Regionen abzeichnen, die stark auf den Wintertourismus ausgerichtet sind. Doch wichtiger als die Anpassung ist derzeit, dass jede

Region ihr Energiesystem umbaut, damit im Sinn einer globalen Solidarität zumindest eine deutliche Verlangsamung des Klimawandels möglich wird.

Anpassung an veränderte klimatische Bedingungen: ländliche Entwicklung für alle!

Christoph Streissler, Arbeiterkammer Wien, Abteilung Umwelt und Verkehr christoph.streissler@akwien.at

Der ländliche Raum befindet sich in einem langfristigen Wandel. Zu den veränderten Randbedingungen kommen nun auch die Auswirkungen des Klimawandels hinzu. Denn es ist unbestritten, dass sich das Klima schon jetzt ändert. Die Anpassung an die veränderten klimatischen Bedingungen ist in die Planung der ländlichen Entwicklung einzubeziehen. Doch es gilt einen Fehler zu vermeiden: In Österreich wird ländliche Entwicklung fälschlicherweise immer noch mit land- und forstwirtschaftlicher Entwicklung gleichgesetzt. Beispielsweise fließen über 90 Prozent der öffentlichen Fördermittel für die ländliche Entwicklung in die Landwirtschaft. Tatsächlich spielt diese aber nur eine sehr untergeordnete Rolle: Von den 1,8 Millionen Erwerbspersonen, die in „überwiegend ländlichen Gebieten“ leben, sind nur 6,5 Prozent im Primärsektor tätig und erwirtschaften dort 4,7 Prozent der Bruttowertschöpfung. Ländliche Entwicklung – und das bedeutet auch: der entsprechende Mitteleinsatz – hat also auf alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen Rücksicht zu nehmen. Die Anpassung an den Klimawandel muss in eine

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wird. Aber auch das gehäufte Auftreten von extremen, für die Jahreszeit unüblichen Wetterphänomenen kann sowohl für den Sommer- als auch für den Wintertourismus eine große Gefahr darstellen. Um eine nachhaltige Entwicklung garantieren zu können, muss also vor allem der Tourismus in ländlichen Gebieten mit entsprechenden Maßnahmen reagieren. Es gilt, bestehende Angebote zu adaptieren und neue zu entwickeln. Innovation und Diversifizierung werden im Vordergrund stehen. Der Mangel an fundiertem Datenmaterial für die einzelnen Tourismusregionen ist das größte Problem. Klimawandel und Touris- Als erster Schritt müssen daher die mus: Daten zu regionalen vorhandenen Daten zusammengeAuswirkungen des Klima- führt und analysiert werden, um daraus regional sinnvolle Anpassungswandels notwendig maßnahmen ableiten zu können. Um der Branche das Reagieren auf neue Situationen mittels neuer Maria Aigner, Wirtschaftskammer Österreich, Ansätze leistbarer zu machen, Bundessparte Tourismus und braucht es außerdem entsprechende Freizeitwirtschaft Unterstützung seitens der Politik, maria.aigner@wko.at beispielsweise durch die Anpassung Wetter und Klima steuern die touristi- bestehender Förderinstrumente. sche Nachfrage gerade in ländlichen Gebieten. Die Veränderungen im Zuge des Klimawandels haben damit auf Lebensraum Alpen: den österreichischen Tourismus nachChancen durch Klimahaltige Auswirkungen. Für den Sommertourismus werden mit Ausnahme wandel der drohenden Austrocknung des Peter Haßlacher, Neusiedler Sees vorwiegend positive Österreichischer Alpenverein, Auswirkungen erwartet. Im WinterFachabteilung Raumplanung – tourismus ist die größte HerausfordeNaturschutz rung, dass nicht in allen Regionen peter.hasslacher@ weiterhin Wintersport möglich sein alpenverein.at so verstandene ländliche Entwicklung integriert werden. Ein Beispiel dafür sind Raumordnung und Raumplanung: Hier geht es u. a. um die Verbesserung und Absicherung der Infrastruktur sowie um die Vorsorge für den Fall von Extremereignissen. Gleichzeitig kann eine achsennahe Raumentwicklung auch zur Einsparung von Verkehr und damit zu einer Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen beitragen – ein Beispiel für die Nutzung von Synergien von Vermeidungs- und Anpassungsmaßnahmen.

Die Entwicklung „peripherer ländlicher Räume in inneralpiner Lage“ wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten aufgrund des Bevölkerungsschwundes und der damit einhergehenden Ausdünnung von wichtigen Basisstrukturen bei den Grunddaseinsfunktionen sehr dramatisch verlaufen. In den schweizerischen Bergkantonen wird ganz offen über die Zukunft von „potenzialarmen“ Bergräumen diskutiert und ihre staatliche Förderung in Frage gestellt. In Österreich startet die Debatte über die „passive Sanierung“ peripherer entwicklungsschwacher Regionen vereinzelt und noch zaghaft. Die Einschätzungen schwanken zwischen schicksalhaftem Niedergang und der Chance, Neues zu entwickeln. Aber sind der Rückzug aus den inneralpinen Flächen, die Aufgabe und Vernachlässigung der Erschließungsstrukturen und die Überhandnahme ausgedehnter Wildnisgebiete der Weisheit letzter Schluss? Manche Naturschützer und Großschutzgebietsplaner, die in großen Wildnisräumen neue Naturschutzstrategien sehen, werden das zu schätzen wissen. Heute wird sehr viel über Klimaanpassung geredet. Der Alpenraum soll künftig aufgrund seiner vergleichsweise günstigeren Klimabedingungen für Lebensqualität, Gesundheitstourismus und Sommerfrische neue Chancen eröffnen. Ihre Forcierung ist Kern einer Anpassungsstrategie, die den prognostizierten Veränderungen des Klimas und den Trends für einen Individualurlaub mit gelenkten Wildniserlebnissen und Rückzugsmöglichkeiten Rechnung trägt. Dafür gilt es jetzt, die Basis eines intakten, attraktiven, vielseitigen und zugänglichen ländlichen Raumes langfristig zu erhalten. |||


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Autoverzicht

Eine Frage des Lebensstils

Wandern und Bergsteigen sind eine Form der naturnahen und umweltverträglichen Freizeitnutzung. Die Anreise erfolgt jedoch zumeist mit dem Auto. Im Bemühen um einen ressourcen- und klimaschonenden Alpintourismus haben wir uns in der Alpenvereinssektion Salzburg näher mit der sanft-mobilen Anreise zu Bergtouren beschäftigt. Die Situationsanalyse ist ernüchternd. Die Anreiseinformationen in den gängigen Führern beziehen sich meist auf das Auto, Fahrpläne müssen von verschiedenen Anbietern mühsam zusammengesucht werden, einige Touren sind autofrei kaum realisierbar, und die Anreise dauert meist deutlich länger als mit dem privaten PKW. Ein konkretes Beispiel: Die Anfahrt von Salzburg zum Wanderweg ins Blühnbachtal dauert laut Google Maps mit der Bahn 1 Stunde und 8 Minuten und nur 37 Minuten mit dem Auto. Verzichtet ein Wanderer allein wegen des Klimaschutzes auf die Bequemlichkeit des Autos? Wohl kaum. Für all jene, die kein Auto haben, sind Bahn und Bus allerdings sehr wohl ein Thema. Jugendliche sind bei selbstständigen Bergtouren auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Auch bei Ausflügen der Alpenvereinsjugend fährt man oft mit dem Zug, mit Linienbussen oder mit dem guten alten Sektionsbus. Erwachsene schätzen autofreie Flexibilität vor allem dann, wenn sie Überschreitungen, Weitwanderungen oder Radtouren planen. Wer nach dem Gipfelsieg gerne einkehrt, kann das ohne Autoschlüssel wesentlich mehr genießen. Der Stress durch starken Rückreiseverkehr, Staus und Baustellen entfällt. Die gemeinsame Anstrengung von alpinen Vereinen, Anbietern des öffentlichen Verkehrs und Verkehrsplanern muss es also sein, die autofreie Anreise so einfach und bequem wie möglich zu gestalten. Dies

Mit der Wengernalpbahn unterwegs ins Lauterbrunnental. In der Schweiz ist das Wandern mit Bus und Bahn eine Selbstverständlichkeit.

setzt allerdings ein ausreichend dichtes Netz von öffentlichen Verkehrsverbindungen voraus – auch an Sonn- und Feiertagen. Verbesserungen in der Zusammenarbeit der Verkehrsanbieter zur Vereinfachung des Fahrplan- und Tarifdschungels sind überfällig. Monats- und Jahreskarten für den gesamten öffentlichen Verkehr fehlen gänzlich. In der Alpenvereinssektion Salzburg setzen wir konkrete Maßnahmen, um unsere Mitglieder zur umweltschonenden Anreise zu motivieren: Eine Sammlung von Skitouren im Salzburger Raum, die sich gut mit Bus und Bahn realisieren lassen, wird jährlich aktualisiert und in einer Broschüre sowie unter www.tourenautofrei.at veröffentlicht. Weitere Maßnahmen sind eine konsequente Beschilderung der Wanderwege von der Haltestelle weg, eine selektive Bezuschussung der öffentlichen Anreise zu Ausbildungsfahrten und das Label „AUTOFREI“ im Programmheft für Sektionstouren mit Bus und Bahn. Letztlich ist der Verzicht auf das Auto eine Frage unseres persönlichen Lebensstils. Wollen und können wir uns in der Freizeit dem Diktat der Zeiteffizienz entziehen? Auf der Suche nach Ruhe und Entschleunigung erlebt das Wandern heute nicht zufällig eine Renaissance. So sollte auch der bewusste Verzicht auf das Auto als Ausdruck eines modernen Lebensstils wahrgenommen werden. In 37 Minuten ins Blühnbachtal hetzen, Parkplatzgebühr zahlen und auf der Heimreise im Stau stecken – warum eigentlich? ||| Gudrun Wallentin, Alpenverein Sektion Salzburg, Naturschutzreferat

Der Alpenverein Salzburg gibt mit Unterstützung des Lebensministeriums jährlich eine Sammlung von Skitouren heraus, die sich auch ohne Auto gut realisieren lassen.

Sektionstouren, die auf die Anreise mit privaten PKWs verzichten, werden in der Alpenvereinszeitung Salzburg mit dem „Autofrei“-Logo prädikatisiert.


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ausblicke 1|10 Gesellschaftlicher Wandel

Der ländliche Raum

Zwischen Wachstum und Marginalisierung Alles deutet darauf hin, dass die Schere zwischen den Gunstlagen und den Problemgebieten im ländlichen Raum in Österreich weiter aufgehen wird. Wie sollen die Betroffenen, wie soll die Politik darauf reagieren? Wolfgang Pfefferkorn, Helmut Hiess

Aktuelle Entwicklungstrends Der ländliche Raum in Österreich ist derzeit von folgenden Entwicklungen gekennzeichnet (Dax et al. 2009): f Wachstum der ländlichen Gemeinden in urbanisierten Regionen: Die Stadtumlandgebiete sind von einer starken Nutzungskonkurrenz geprägt und zeigen eine ungebrochen hohe Entwicklungsdynamik. Sie haben zunehmend mit negativen Folgen dieser Dynamik zu kämpfen. f Differenziertes Wachstum in vom Intensivtourismus geprägten ländlichen Gebieten: Die zweisaisonalen Tourismusgebiete zählen ebenfalls zu den strukturstarken ländlichen Räumen. Sie weisen in vielerlei Hinsicht urbane bzw. periurbane Merkmale auf; in hoch gelegenen Gebieten kommt die besondere ökologische Sensibilität hinzu. Die touristisch geprägten ländlichen Räume stehen zunehmend unter Konkurrenzdruck. Nur den hochgelegenen zweisaisonalen Gebieten werden auf dem zukünftigen Tourismusmarkt gute Chancen eingeräumt. Gebiete in geringerer Höhenlage haben angesichts der zu erwartenden Auswirkungen des Klimawandels schlechtere Karten und stehen vor der großen Herausforderung, neue Entwicklungspfade suchen zu müssen.

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Marginalisierung peripherer Räume entlang der Grenze zu den östlichen Nachbarländern sowie innerhalb der Alpen: Die peripheren und strukturschwachen Räume befinden sich in einer Negativspirale. Die Anzahl der Einwohner und Arbeitsplätze geht zurück, die jungen und gut ausgebildeten Menschen wandern ab, der Einzelhandel verschwindet, Schulstandorte werden reduziert, das Angebot öffentlicher Verkehrsmittel nimmt ab. Diese Entwicklung geht zum Teil mit der Aufgabe der landwirtschaftlichen Nutzung einher.

Zukunftsperspektiven Im Rahmen des ÖROK-Szenarienprojekts (Hiess et al. 2009) wurden verschiedene Zukunftsperspektiven für die räumliche Entwicklung Österreichs bis zum Jahr 2030 skizziert. Ganz unabhängig von den einzelnen Szenarien werden folgende Megatrends die Zukunft – auch die des ländlichen Raumes – prägen: f Alterung der Gesellschaft f bunte Gesellschaft: Vielfalt der Lebensstile und Konsumoptionen, Patchworkfamilien f globale Wirtschaftswelt: Arbeits-, Waren- und Dienstleistungsmärkte f Energiehunger: steigender globaler Energiebedarf


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mobile Welt: steigender globaler Personen-, Güter- und Nachrichtenverkehr digitale Welt: Internet und Telematik Klimawandel

Den Szenarien ist weiters gemeinsam, dass die Ballungsräume stärker von der zukünftigen Entwicklung profitieren werden als die ländlichen Räume. Die Schere zwischen Gunstlagen und Problemgebieten in Österreich wird damit noch weiter aufgehen.

Schlussfolgerungen und Empfehlungen an die Politik

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Literatur Grenzen und müssen durch neue GovernanceModelle abgelöst werden. Die Herausforderungen • T. Dax/E. Favry/L. Fidlschuster/ T. Oedl-Wieser/W. Pfefferkorn, der Wissensgesellschaft machen es unabdingbar, Neue Perspektiven für die regionale Ressource „Wissen“ stärker in Wert periphere ländliche Räume: Stärkung der sozialen Vielfalt, zu setzen. Ausbau der interkommunalen Flexible Angebote im öffentlichen Verkehr: Von Zusammenarbeit, Gestaltung besonderer Bedeutung sind die Sicherung und der Landschaftsvielfalt, ÖROK-Schriftenreihe Nr. 181, Optimierung eines Grundangebots an öffentlichen Wien 2009. Verkehrsverbindungen, die auf Zentren ausge• Helmut Hiess et al., Szenarien richtet sind, sowie bedarfsgerechte lokale und der Raumentwicklung Österreichs 2030. regionale Angebote für weniger mobile, meist Regionale Herausforderungen ältere Menschen. & Handlungsstrategien, Energieautarke Regionen und biogene Rohstoffe: ÖROK-Schriftenreihe Nr. 176/II, Wien 2009. Der Klimawandel bietet für die ländlichen Räume möglicherweise neue Chancen. Biogene Rohstoffe könnten an Bedeutung gewinnen und bergen erhebliche regionale Wertschöpfungspotenziale. Energieautarkie und Klimaneutralität öffnen neue Türen für innovative regionale Entwicklungsprozesse. Der ländliche Raum als ökologisches Ausgleichsgebiet – Wildnis als Chance? Die flächendeckende Bewirtschaftung durch die Landwirtschaft wird in manchen peripheren Gebieten nicht aufrechtzuerhalten sein. Das Thema Rückzug muss verstärkt Eingang in die Diskussion finden, wie dies in Deutschland, Italien und auch in der Schweiz schon der Fall ist. Das bedeutet nicht, dass Gebiete einfach sich selbst überlassen werden, sondern dass man bewusst und aktiv mit Schrumpfungsprozessen umgeht und diese auch als mögliche Chance begreift. |||

Vor diesem Hintergrund sind folgende Strategien und Lösungsansätze von besonderer Bedeutung: f Stärkung der Kleinzentren und ihrer Kooperation mit dem Umland: zum Beispiel bei Infrastrukturplanungen, regionalen Entwicklungsstrategien und gemeinsamen Gewerbegebieten; bei der Zusammenarbeit fehlt es zumeist nicht an technischem Wissen, sondern an „Governancef Wissen“ und Kooperationskultur. f Soziale und kulturelle Diversität als Chance: In Regionen mit hoch entwickelten sozialen Spielräumen wird „Anderssein“ als Ressource und nicht als Bedrohung gesehen. Dadurch können neue Sichtweisen, vielfältige Erfahrungen, interessantes Know-how und neues Potenzial für die Entwicklung erschlossen und genutzt werden. f Verstärkte Teilhabe von Frauen an Wirtschaft und Politik: Obwohl Frauen große Kompetenz für das „Lokale“ zugesprochen wird, ist ihre Präsenz in der politischen Öffentlichkeit minimal. In Österreichs Gemeinden gibt es nur 3,3 Prozent Bürger- Wolfgang Pfefferkorn und Helmut Hiess, Rosinak und Partner meisterinnen und weniger als 15 Prozent Gemeinderätinnen. Für die Entwicklungsbemühungen in ländlichen Regionen wird es unumgänglich sein, die Mitwirkung von Frauen an politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen proaktiv auszubauen. Für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss die Betreuungssituation für unter dreijährige sowie für schulpflichtige Kinder spürbar verbessert werden. f Neue Governance-Modelle, regionaler Wissenstransfer: Traditionelle Formen der Zusammenarbeit, der Kommunikation und Entscheidungsfindung stoßen heute oftmals an ihre


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ausblicke 1|10 Gesellschaftlicher Wandel

Gesellschaftlicher Wandel zwischen Vielfalt und Einfalt Der gesellschaftliche Wandel begegnet uns in vielfältiger Form, er kann Quelle von Kreativität, aber auch von Konflikten sein. In der Tiroler Region Außerfern ist dieser Wandel Gegenstand eines aktiven Entwicklungsprozesses. Günter Salchner

Die LAG Außerfern setzt auf Begegnung: Besuch des türkisch-islamischen Kulturzentrums in Reutte.

Politisch engagierte Frauen bauen mit am Haus Außerfern.

Warum steigen die Tiroler so gern auf ihre Berge? Ein Beweggrund mag in der guten Fernsicht zu suchen sein. Der Blick ist oft gen Westen, auf die Schweiz, gerichtet. Das Land der Eidgenossen, vermeintliches Vorbild aller Alpenvölker, ist eine ständige Herausforderung. Viele reiben sich am Schweizer Weg, hinterfragen die eigene Orientierung, würden gerne ihren Fußstapfen folgen, ob im Alpentransit oder in den Katakomben der Finanzwelt. Und nun das! Mit dem Minarettverbot stellt sich die Schweiz dem Freiheitskampf ums christliche Abendland. Mit dem Freiheitskampf haben auch die Tiroler so ihre Erfahrungen. Und sind wir ehrlich: Eine Volksbefragung in Tirol wäre nicht anders ausgegangen. Wir Tiroler tun uns manchmal schwer mit den sichtbarsten Zeichen des gesellschaftlichen Wandels. Und dennoch findet er statt, jeden Tag, schleichend, bis hinein ins schönste Tal.

Symbol und Plattform für diesen Prozess war und ist das „Soziale Leitbild Außerfern“. Rund 200 Akteure knüpften über drei Jahre in fünf Arbeitskreisen am sozialen Netz. Am Ende gab es den ersten Platz beim Innovationspreis LEADER+. Die Sparkasse Reutte verdoppelte das Preisgeld. Mit 10.000 Euro Eigenmitteln und einer Leader-Förderung treiben wir den Prozess weiter voran. Im Mittelpunkt stehen Qualifizierung und weitere Vernetzung der Sozialeinrichtungen. Bisheriger Höhepunkt war eine Exkursion in Sachen Altenpflege und Schulsystem nach Südfinnland. Dieser Exkursion war der Besuch von finnischen LAGs im Außerfern vorausgegangen. Knowhow-Transfer und kritische Reflexion sind für uns mehr denn den je Quelle für Innovation und Entwicklung. Der gesellschaftliche Wandel als solcher sowie die 27 europäischen Wege, damit umzugehen, sind hierbei eine schier unerschöpfliche Ressource.

Vom gesellschaftlichen Wandel zum aktiven Entwicklungsprozess

Braindrain stoppen

Leader bedeutet noch immer Mobilisierung und Innovation. In Tirol haben wir den breiten Weg nicht verlassen. Ländliche Entwicklung verlangt nach einem systemischen Blick auf den kollektiven Handlungsraum „Region“. Dieser Raum schließt auch die soziale Entwicklung ein. Bereits zu LEADER+-Zeiten machte das LAG-Management aus dem gesellschaftlichen Wandel einen aktiven Entwicklungsprozess. Was weitsichtig klingt, war beileibe kein aufgelegter Elfmeter. Dass nach gekonntem Doppelpass daraus ein Treffer wurde, ist den Leadership-Qualitäten des damaligen Bezirkshauptmanns von Reutte, Dr. Dietmar Schennach, geschuldet.

Die Großfamilie gehört auch auf dem Land längst der Vergangenheit an. Hinzu kommt, dass der Weg zu FH und Uni oft in eine Einbahnstraße mündet. Die Rückkehr bleibt die Ausnahme, Zuwanderung vor allem ein städtisches Phänomen. Die Region Außerfern verliert bereits an Bevölkerung. Das Paradoxe daran: Es mangelte über viele Jahre nicht an attraktiven Arbeitsplätzen. Mittlerweile hat die Wirtschaftskrise auch unsere Region ordentlich gestreift. Ein Regionsmarketing für Fachkräfte ist in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit nicht mehr opportun. Auch wenn die Suche nach Hochqualifizierten eine Herausforderung bleibt. Die Zeit wird kommen, in der das Außerfern mit seinem Krankenhaus, den Industriebetrieben, Ban-


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Obmann Vinzenz Knapp und die LAG Außerfern setzen gezielte Maßnahmen, um den soziodemografischen Wandel zu bewältigen.

ken und Hotels auf Karrieremessen zu finden sein wird. Getreu dem Motto „ALLES AUSSER FERN“ werden wir uns wieder in die Startposition begeben. In der „Trainingsphase“ initiierten wir an der Uni Innsbruck zwei Diplomarbeiten. Die eine beschäftigte sich mit dem Thema „Regionen als Arbeitgebermarken“. Die zweite versuchte, den Einstellungen von Außerferner StudentInnen zur Region und den Motiven für eine mögliche Rückkehr auf den Grund zu gehen. Ein erstes Ergebnis dieser Arbeit besteht im Aufbau einer Berufs- und Karriereberatung für GymnasiastInnen. Diese erfasst den Bedarf der Unternehmen und zeigt Wege zu einer passenden akademischen Ausbildung auf, die kein Verlassen der Region erfordern.

Frauen in die Politik! Generationen- und familiengerechte Gemeinden brauchen den politischen Weitblick beider Geschlechter. Dass es in 279 Tiroler Gemeinden nur zwei Bürgermeisterinnen gibt, ist Zeichen eines gesellschaftlichen Schlafwandels. Bewusstseinsbildung, Pflegekonzepte, Politiklehrgänge für Frauen – steter Tropfen höhlt auch den Außerferner Fels. Heute sind

wir stolz auf eine Bezirkshauptfrau, mit Mitte 30 übrigens eine der jüngsten BezirkschefInnen Österreichs. Zusammen mit der neuen Vertreterin der AK Tirol haben wir nun zwei Frauen im LAG-Vorstand. Yes We Can. Womit wir bei den Fremdsprachen wären.

Die LAG Außerfern setzt auf Begegnung Dass unsere Kinder Englisch lernen, ist gut. Dass sie Latein lernen und nicht die Sprache eines wichtigen Handelspartners und NATO-Mitglieds, ist ein Anachronismus. Josef und Yusuf hätten wohl Spaß am gemeinsamen Lernen. Jetzt wird zuerst mal Deutsch gelernt. Doch der Tag, an dem die erste türkischstämmige Gruppe ein Leader-Projekt einreicht, ist auch bei uns noch fern. Darauf kommt es wohl auch nicht an. Wir setzen vor allem auf Begegnung. So tagte der LAG-Vorstand auch schon im türkischislamischen Kulturzentrum, eine Begegnung mit dem Imam inklusive. Die türkische Gastfreundschaft war Best Practice. Auch das kann Know-how-Transfer im Rahmen von Leader bedeuten. ||| Günter Salchner, Regionalentwicklung Außerfern


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ausblicke 1|10 Gesellschaftlicher Wandel

Mehr als 50 Jahre ist es her, dass das Fernsehen eingeführt wurde, und vor 40 Jahren überstieg der PKW-Bestand erstmals die Millionengrenze: höchste Zeit, sich endgültig von den Bildern eines idyllischen und homogenen ländlichen Raums zu verabschieden. Martin Fritz

Land der Kläranlagen, der Sozialvereine und der Einwanderung

Fortschrittlich in der Stadt und konservativ am Land. Dies schien ein unumstößlicher Orientierungspunkt in der Beschreibung von Lebensstilen, Werten und politischen Überzeugungen im Nachkriegsösterreich zu sein. Die Erzählungen über „das Land“ wurden öffentlich von jenem Idyllkonservativismus dominiert, der vom harten, aber ehrlichen Leben im Einklang mit agrarischen Rhythmen schwärmte und dessen Leitwerte Stabilität, Ordnung und Ergebenheit gegenüber den Institutionen von Kirche und Staat waren. Die Lightversion dieser Sichtweise fand sich in den sogenannten Heimatfilmen, die jedoch – als erstes

Anzeichen einer Modernisierung – bereits Platz für Schlagermusik, Starlets, Hotels und schicke Autos boten. Als ein Großteil der österreichischen Literatur damit begann, diese Bilder fundamental in Frage zu stellen und das „Katholisch-Nationalsozialistische“ (Thomas Bernhard) oder die brutal-patriarchalen Strukturen dahinter (Innerhofer, Jelinek, Winkler u. a.) hervorzukehren, fixierte diese Kritik das Bild des ländlichen Raums als archaisch-authentische Zone, die man eben als konservativer „Einheimischer“ bewohnte oder – als Opfer der Verhältnisse – floh, wenn man nicht bereits vorher an ihnen zerbrochen war.


Gesellschaftlicher Wandel ausblicke 1|10

Die Gegensatzpaare werden noch heute mit tradierten Bewegungsmustern assoziiert: Tempo, Mobilität und Flexibilität und damit Offenheit, Geistesgegenwart und Moderne gehören der Stadt, dem Leben am Land werden weiterhin Innehalten, Abgeschiedenheit und Rückzug und damit das Festhalten an konservativen Werten, altmodische Stile und Bodenständigkeit zugeschrieben. Die Nützlichkeit der Gegensatzpaare für Identitätspolitik und Tourismuswerbung verstärkte diese Langlebigkeit nur, ihre konservativen Anteile wurden jedoch Schritt für Schritt in eine heilsamere, „entschleunigte“ Wellnessvariante umgedeutet. Leider tendieren immer wieder selbst die Bilderwelten jener, die von genuinem Interesse an der Weiterentwicklung des ländlichen Raums getragen sind, zu einer potenziell fatalen Gegenüberstellung von „guter“ Nähe und „böser“ Ferne, einer Gegenüberstellung, wie sie zum Beispiel fallweise im Marketing regionaler Lebensmittel passiert. Heute ist es höchste Zeit, sich von diesen Bildern zu verabschieden. Dies ist umso dringlicher, je größer die Gefahr wird, dass das vermeintlich authentisch Intakte des ländlichen Lebens und die damit verbundene Vorstellung einer zu bewahrenden Homogenität von Lebensentwürfen zur gefährlichen Waffe in den Händen jener rechten Kräfte werden, die von Identität sprechen, jedoch Machtausübung gegenüber Schwächeren meinen. In den Selbst- und Fremdbildern des ländlichen Raums gibt es eine riesige Lücke, in der fast alles untergeht, was den Alltag tatsächlich prägt, in der alternative Lebens- und Kulturformen verschwinden, die man mittlerweile gerade am Land häufig antrifft und deren ExponentInnen in ihren Orten unermüdlich an der Aktivierung der Potenziale arbeiten. Die Rede ist von einem mobilen Alltag in medialer Vernetzung, zu dem Videokonferenzen mit den Kindern, die gerade ein Semester im Ausland verbringen, ebenso dazugehören wie Besuche von Konzerten in München, Fußballspielen in Udine sowie Fachmessen im In- und Ausland. Von LAN-Partys, Fairtrade-Läden und einem Alltag, der zeitgenössisch ist, auch wo er uns nicht gefällt: etwa in Wettcafés, billigen Arbeiterpensionen und Lokalen mit Oben-ohne-Bedienung wie Donnerstagnacht in der „Las Vegas Bar“ einer Bezirkshauptstadt. Unweit davon sorgen „literarische Nahversorger“ für Lebensqualität, wenige Kilometer entfernt

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Die Bilder zeigen Orte des Projekts „Ausfluchtspunkte“ von Christian Loikits und Gerhard Stiftinger beim Festival der Regionen 2007 in Kirchdorf an der Krems. Mit minimalen Eingriffen und Audioinstallationen wurden Orte hervorgehoben, die im Alltagsleben lokaler Jugendlicher eine wichtige Rolle spielen.

organisieren Freundeskreise „Rock im Dorf“ mit einem Coolnesspotenzial auf absoluter Augenhöhe der Stadt. Die autogewohnten LandbewohnerInnen des 21. Jahrhunderts sind nicht nur bemitleidenswerte Zwangspendler, die am liebsten ihre heimeligen Orte nie verlassen würden, sondern auch Zeitgenossen in einer Welt der Mobilität. Sie sind in der Lage, Auseinanderliegendes zu verbinden, eine Fähigkeit, die zwar so manche Stilkatastrophe (Exotikschlager, Themenzimmer!) mit sich bringt, aber auch ein Potenzial der Horizonterweiterung und Veränderung in sich birgt. Diese mobilen BewohnerInnen eines „neuen“ Landes sind Träger von Veränderungsprozessen. Es liegt im ureigensten Interesse eines lebendigen ländlichen Raums, wenn sich dessen ProtagonistInnen in Politik, Regionalentwicklung und Kultur nicht noch länger auf die Fiktion einer zweifelhaften authentisch-tradierten ländlichen Identität der Sesshaftigkeit berufen, sondern sich mit Lust und Kommunikationsfähigkeit jenen zuwenden, die für Anschlussmöglichkeiten in einer komplexen globalen Gegenwart sorgen. ||| Martin Fritz, Kurator, Projektberater und Publizist, von 2004 bis 2009 Leiter des Festivals der Regionen in Oberösterreich


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ausblicke 1|10 Gesellschaftlicher Wandel

Innovation und Kreativität sind gefragt. Wandel bedeutet Veränderung – es liegt an der Region und ihren BewohnerInnen, Veränderungen positiv zu begegnen und die Chancen zu nutzen. Eine abwartende Haltung einzunehmen wäre die falsche Reaktion. Wandel verlangt Innovation, Kreativität und Aktivität. Man sollte sich nicht immer nur an den Trendsettern orientieren, sondern auch mit Mut individuelle und einzigartige Lösungen verfolgen. Zahlreichen Herausforderungen kann nicht wie bislang begegnet werden. Der Wandel der Zeit erfordert neue Herangehensweisen, teilweise aber auch Entschleunigung und Konzentration auf die regionalen Ressourcen. Der Wandel der Zeit bringt vielfältige und umfangreiche Herausforderungen für den ländlichen Raum mit sich – Herausforderungen, denen positiv und individuell begegnet werden muss. Matthias Zawichowski, Leader-Manager Region Elsbeere Wienerwald

Wandel als Chance. Veränderung wird oft nur als Gefahr verstanden, in ihr liegt aber auch der Keim für neue Chancen. Stimmt schon, oft müssen wir uns mehr mit den negativen Seiten auseinandersetzen: vermeiden, Schaden begrenzen, Wirkungen eindämmen. Vergessen wir, die Potenziale neuer Situationen zu nutzen, kommt eine aktive Entwicklung der Regionen mit Sicherheit zu kurz. Wenn das einzig Beständige der Wandel ist, dann ist eine wandlungsfähige Region wohl eher beständig. Johannes Wolf, Leader-Manager Weinviertel Ost

Wandel im Landl? – Fuß vom Gas! Gesellschaften und Kulturen stehen immer unter dem Einfluss von Veränderungen – inwieweit sie sich damit auseinandersetzen, zeigt ihre Zukunftsfähigkeit. In der Regionalentwicklung bedeutet Wandel, den Blick nicht nur nach außen, sondern auch nach innen zu richten. Welchen Wandel wünschen wir uns? In welche Richtung wollen wir uns entwickeln? Wenn wir die Trends erkennen und die Signale

von außen mit den Aktivitäten in der Region verbinden wollen, müssen wir vor allem auf die Menschen in der Region eingehen. Mit geeigneten Managementinstrumenten die regionalen Ressourcen nutzbar machen, das muss unsere Devise sein! Wegweiser stehen immer am Straßenrand und nicht mitten am Weg. Daher lohnt es sich manchmal, das Tempo zurückzunehmen und links und rechts zu blicken, um die Orientierung nicht zu verlieren. Ursula Wastlbauer, Leader-Managerin Mostlandl Hausruck

Gesellschaftlicher Wandel, eine Chance für ländliche Gebiete Abwanderung, Arbeitslosigkeit und Überalterung sind nur einige Probleme, mit denen ländliche Regionen kämpfen. Eine Fülle von Perspektiven zeigt, wie man gesellschaftlichen Umbrüchen kreativ und innovativ begegnet.

Leidensdruck erhöht Bereitschaft zur Veränderung. Wandel ist Voraussetzung für die Entwicklung von Regionen. Ohne ein gewisses Maß an „Leidensdruck“ gibt es allerdings meist nur wenig Bereitschaft zu Veränderungen. Das Triestingtal ist als Industrieregion bekannt, insgesamt aber doch ein ländlich geprägter Raum im südlichen Wienerwald. Der Struktur- und gesellschaftliche Wandel zeigt sich u. a. an der steigenden Arbeitslosig-

keit aufgrund der schlechten Auftragslage der Industriebetriebe, der Zuwanderung aufgrund der WienNähe des unteren Tals und der Integration von Menschen mit nichtdeutscher Muttersprache. Die Herausforderung besteht darin, zu erkennen, wann es an der Zeit ist, notwendige erste Schritte zu setzen. Hier sind wir als Regionalentwickler gefragt, gemeinsam mit regionalen AkteurInnen Projekte zu initiieren und Unterstützungsmöglichkeiten zu finden. Elisabeth Hainfellner, Leader-Managerin Triestingtal


Gesellschaftlicher Wandel ausblicke 1|10

Windmühlen statt Schutzmauern. Ein chinesisches Sprichwort besagt: Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen Windmühlen. Wie jeder Mensch und jede Generation durchlebt auch jede Region ihren Wandel. In der regionalen Entwicklung ist vorausschauende Arbeit von großer Bedeutung – den Wandel lenkend begleiten und ihm nicht hinterhersehen lautet das Motto. In unserer länderübergreifenden Region Pillerseetal-Leogang wird mit jedem Projekt eine kleine (administrative) Grenze überwunden und versucht, die sprichwörtlichen Ziegel der alten Schutzmauern in Material für neue Windmühlen umzuwandeln. Stefan Niedermoser, Leader-Manager Pillerseetal-Leogang, Kitzbüheler Alpen

Mit Innovationen in die Zukunft. Kaum eine Region in Österreich ist vom Strukturwandel und der demografischen Entwicklung stärker betroffen als die Obersteiermark. Dieser Wandel hat auch schon positive Wirkungen gezeitigt. Die Stahl- und Kunststoffindustrie hat Hightech-Werkstoffe entwickelt, und selbst die einst sehr traditionelle Holzindustrie produziert modernste Werkstoffe für den Bausektor; aus Sekundärrohstoffen werden Pellets, Alpenspan, Strom oder Zellstoff erzeugt. Viele Gemeinden hoffen auf die Ansiedlung großer Betriebe, was jedoch schwer zu erzielen ist. Im Zirbenland verfolgt die Regionalentwicklung – mit Leader – das Ziel, Innovationsprozesse gemeinsam mit ansässigen Gewerbe- und Industriebetrieben, Institutionen und Gemeinden zu gestalten, um – wie im Holzinnovationszentrum Zeltweg – neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Josef Bärnthaler, Leader-Manager Innovationsregion Zirbenland

Regionale Identität im Wandel. Der ländliche Raum hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr stark gewandelt. Der Trend ging weg von der bäuerlichen Großfamilie, die mit der Region fest verwurzelt war. Der gesellschaftliche Wandel und die steigende Abwanderung der Jugend und der Qualifizierten stellen die Gemeinden auch in unserer Region vor vielfältige Probleme. Durch Leader-Projekte versuchen wir, die Weiterentwicklung der Region abzusichern, die vorhandenen Potenziale besser zu erschließen und eine gemeinsame kulturelle und regionale Identität auszubilden. Astrid Hohenwarter, Leader-Managerin Saalachtal

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Maßnahmen gegen die Urbanisierungswelle. Braucht eine stadtnahe wirtschaftlich starke Region ländliche Entwicklung? Ja, denn gerade diese Lage bringt im dynamischen Wandel besondere Herausforderungen mit sich: Anonymisierung, „Schlafgemeinden“, steigenden Flächen- und Energieverbrauch, zunehmende Pendlerströme, sterbendes Dorfleben, fehlende Infrastruktur und Nahversorgung abseits der großen Einkaufszentren. In der Regionalentwicklung gilt es daher, nachhaltige Maßnahmen zu setzen, um der Urbanisierungswelle standzuhalten, den ländlichen Charakter der Region zu bewahren, deren Ressourcen zu stärken, Tradition und Brauchtum zu pflegen und vor allem eine eigene regionale Identität zu entwickeln. Isolde Fürst, Leader-Managerin Linz-Land

Kooperationskultur und ausreichende Ressourcen. Bis 2030 rechnet man mit einer starken Entvölkerung und Überalterung peripherer Regionen. Zugleich steht man vor der Herausforderung der Integration und des Verlusts von Arbeitsplätzen. Das macht den Menschen Angst. Mit verschiedenen Initiativen versuchen wir in unserer Region, neue Wege aufzuzeigen und das kreative Potenzial zu wecken. Wir konzentrieren uns auf Schwerpunkte wie erneuerbare Energie, Mobilität oder Daseinsvorsorge. Und wir sehen – gerade vor dem Hintergrund knapper werdender Mittel der Gemeinden – eine Chance in der Kooperationskultur, wie sie in den letzten Jahren auf regionaler Ebene aufgebaut wurde. Dennoch: Um den Herausforderungen besser entgegentreten zu können, müssen ausreichend Ressourcen für die Regionalentwicklung zur Verfügung stehen. Bettina Golob, Regionalmanagement Kärnten, beauftragt mit dem LAG-Management für vier Leader-Regionen


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ausblicke 1|10 Strukturwandel

Strukturwandel

Mythos und Realität

Weltweit ist ein Wandel von bäuerlicher Landwirtschaft zu agroindustriellen Komplexen zu beobachten. Doch das bedeutet nicht unbedingt, dass (klein-)bäuerliche Betriebe aufgeben müssen. Gerade kleine Betriebe können auf Veränderungen des Marktes und der Gesellschaft oft sehr flexibel reagieren und neuartige Kooperationen eingehen. Markus Schermer

Wenn man von Strukturwandel im Agrarbereich spricht, kann Verschiedenes gemeint sein: Veränderungen in der Anzahl der Betriebe, in der Bewirtschaftungsform oder in der Erwerbsform. Strukturwandel kann sich auf die Bauern, auf die Verarbeitung oder auf die Vermarktung beziehen. Schließlich ist auch der gesamte ländliche Raum dem Strukturwandel von einer landwirtschaftlich strukturierten Gesellschaft zu einer Dienstleistungsgesellschaft unterworfen. Wandel hat es immer gegeben, er ist ein notwendiger Bestandteil von Entwicklung. Im Verlauf der Geschichte hat sich die Veränderung allerdings immer mehr beschleunigt. Seit ungefähr 200 Jahren ist der agrarische Wandel unübersehbar geworden, und die letzten 50 bis 60 Jahre haben eine rasante Entwicklung gezeigt. Seit etwa 30 Jahren wird der Strukturwandel als negativ gesehen und zunehmend mit dem Begriff „Bauernsterben“ unterlegt. Bis dahin wurde der „Faktorbeitrag der Landwirtschaft“ zum Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit positiv bewertet. Politisch wurde vor allem über die „ökosoziale Agrarpolitik“ versucht, bewusst gegenzusteuern und für klei-

nere Betriebe alternative Wege aufzuzeigen. Die Strukturanpassungen bzw. Konzentrationstendenzen im Verarbeitungssektor und im Vermarktungsbereich führten jedoch vor allem seit dem EU-Beitritt Österreichs wieder zu einer Beschleunigung der Betriebsabnahmen. Abgesehen von der rein zahlenmäßigen Abnahme ist bei bäuerlichen Betrieben eine starke Tendenz zu Erwerbskombinationen festzustellen. Weltweit ist ein Wandel von bäuerlicher Landwirtschaft zu agroindustriellen Komplexen zu beobachten; und es nimmt nicht nur die Zahl der bäuerlichen Betriebe ab, sondern es verschieben sich vor allem auch die Machtverhältnisse zu ihren Ungunsten. Gleichzeitig entstehen neue Nischen, in denen sich alternative bäuerliche Lebensmittelnetzwerke etablieren: Es entstehen neuartige Formen der Zusammenarbeit von Bauern, aber auch ProduzentenKonsumenten-Vereinigungen. Ein Bauer drückte dies einmal so aus: „Werden die Bloche dicker, werden beim Holzstapel auch die Zwischenräume größer.“ Im Zusammenhang mit dem Strukturwandel ist oft das Schlagwort vom „Wachsen oder Weichen“ zu hören. Damit meint man, dass sogenannte Wachs-


Strukturwandel ausblicke 1|10

tumsbetriebe Gewinner des Strukturwandels sein können, also das Aufhören des einen (vor allem in Gunstlagen) zu einer Vergrößerung und Verbesserung der Betriebsstruktur des Nachbarn führt. Gerade die Entwicklung im Milchbereich zeigt aber, dass die Preis-Kosten-Spirale diese vermeintlichen Vorteile schnell auffrisst und das „Wachsen oder Weichen“ zum buchstäblichen Wettlauf zwischen Hase und Igel wird. Der Zwang zu Wachstum und Strukturanpassung hat zu einer Reihe von Befürchtungen geführt, bis hin zum Prognostizieren des Endes der (klein-) bäuerlichen Familienwirtschaft. Dagegen steht die Beobachtung, dass gerade kleinere Betriebe mit einer vielseitigen Betriebsstruktur flexibler reagieren können. Sie können ihre Leistungen im Sinn einer multifunktionalen Landwirtschaft auch besser in die sich ändernden Erwartungen der Gesamtgesellschaft integrieren. Der holländische Agrarsoziologe van der Ploeg (2008) nimmt an, dass diese Anpassungsfähigkeit an Veränderungen von Markt, Förderungs- und Umweltbedingungen sogar zu einer Renaissance der (Klein-)Bauern führen könnte. So gesehen ist auch die These nicht mehr haltbar, dass der Nebenerwerb

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eine Vorstufe zur Betriebsaufgabe sei. Gerade Literatur Nebenerwerbsbetriebe haben gezeigt, dass in der • Ploeg, J. D. van der, The New Peasantries: Struggles for Kombination von Landwirtschaft und außerlandwirtAutonomy and Sustainability in schaftlichem Erwerb eine erhöhte Pufferkapazität soan Era of Empire and Globalization, Earthscan, London 2008. wohl gegenüber Preisschwankungen für agrarische • Weiss, Franz, Modellierung Produkte als auch gegenüber dem Auf und Ab der landwirtschaftlichen StrukturGesamtwirtschaft liegt. Diese Anpassungsfähigkeit wandels in Österreich: Vergleich einer Modellprogwird in Zukunft wahrscheinlich immer stärker nose mit den Ergebnissen der beansprucht werden. Für die Nachhaltigkeit ist allerStrukturerhebungen (1999– dings ausschlaggebend, dass der außerlandwirt2005). Diskussionspapier DP-33-2007, Institut für nachschaftliche Erwerb nicht dauerhaft für die Finanziehaltige Wirtschaftsentwickrung der Landwirtschaft herangezogen wird. lung, Universität für BodenEine weitere Vermutung geht davon aus, dass in kultur Wien, Department für Wirtschafts- und SozialwissenUngunstlagen wie Berggebieten der Strukturwandel schaften, Wien 2007, rascher erfolgt als in Gunstlagen, weil die Rentabiliwww.boku.ac.at/wpr/wpr_ tät der Berglandwirtschaft geringer ist und daher Bedp/DP-33-2007.pdf. triebe eher aufgegeben werden. Die Statistik (Weiss 2007) zeigt allerdings das genaue Gegenteil. Die geringsten Betriebsaufgaben waren zwischen 2003 und 2005 in Tirol, Salzburg und Kärnten zu verzeichnen. Dass der Strukturwandel verhindert werden kann, erscheint unrealistisch. Dazu wäre eine wesentliche Umorientierung der Werte notwendig. Solange die Landwirtschaft in eine Gesamtwirtschaft integriert ist, in der das Paradigma des Wachstums herrscht, wird sich daran nicht Wesentliches ändern. Eine Verzögerung des Strukturwandels muss aber nicht unbedingt zu späteren schmerzhafteren Anpassungsprozessen führen. Manchmal werden gerade die „Letzten“ zu den „Ersten“. Wandel kann als Bewegung, als Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten oder als Druck von außen, als eine negative Entwicklung wahrgenommen werden. Der Unterschied liegt darin, ob man der Akteur ist oder der Getriebene, Hammer oder Nagel. |||

Markus Schermer, Universität Innsbruck, Institut für Soziologie


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Klimafolgen für Österreichs Landwirtschaft Kopenhagen hat gezeigt, wo wir stehen, was wir bisher gelernt und verstanden haben. Die Auswirkungen der Klimaveränderungen werden deswegen nicht zurückgehen. Es wird wohl noch der Druck durch Naturgefahren und extreme Ereignisse wie Starkniederschläge, Hitzeperioden und Schädlingsbefall steigen müssen, bis sich die Meinung der Basis gegenüber der herrschenden „Energieprofitlobby“ durchsetzen wird. Die Land- und Forstwirtschaft spürt die Auswirkungen des Klimawandels schon jetzt. Wie sich die Veränderungen österreichweit niederschlagen und wie die Landwirtschaft reagieren kann, wird im Folgenden umrissen. Karl Buchgraber

Extremereignisse Durch die globalen Veränderungen werden sich in Österreich im Mittel die Temperaturen um 2 bis 3 °C erhöhen und die Niederschläge jahreszeitlich verschieben (siehe Grafik). In den Ackerbaugebieten, etwa im Marchfeld, im Burgenland, in der Südoststeiermark und im Klagenfurter Becken, sowie in so manchen inneralpinen und voralpenländischen Tal- und Beckenlagen werden in den Monaten Juni bis August die oftmals heißen und anhaltenden Temperaturen sowie die zu geringen Niederschläge Probleme für die Kulturen auf den Feldern bringen. Der „pannonische Einfluss“ wird in so mancher Vegetationsperiode vermutlich Ertragsminderungen bewirken. Vorhersagen zufolge wird es in Österreich in den Bergen leichte Gewinner geben.

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< –600

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> –600 bis –500

> –200 bis –150

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km 160

In den Übergangsgebieten vom Acker- zum Grünlandgebiet und auf den Wiesen und Weiden – sie liegen zu 70 Prozent nach Süden hin – könnten die fehlenden Niederschläge im Juli und August beim zweiten und dritten Aufwuchs zu Ertragsausfällen höheren Ausmaßes führen, was wiederum die Versorgung von Raufutter verzehrenden Tieren betreffen würde. Extreme Ereignisse wie Stürme, Hochwasser, Hagelschläge und Dürreschäden werden in unregelmäßigen Abständen das gesamte Bundesgebiet treffen. Lawinen- und Murenabgänge sowie Steinschlag werden Prognosen zufolge das alpine Gebiet stärker als bisher heimsuchen, vor allem dort, wo sich die „Walddecke“ durch Sturm- und Borkenkäferschäden schon bedenklich schwach zeigt. Die Schäden durch solche Extremereignisse können bei

Die Klimafolgen für die Landwirtschaft in Österreich sind unterschiedlich ausgeprägt.

Quelle: Schaumberger A. (2008) LFZ RaumbergGumpenstein, Institut für Pflanzenbau und Kulturlandschaft


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Acker-, Wein- und Obstkulturen bis zum totalen Ernteausfall gehen.

Schädlingsaufkommen steigt Die milderen Bedingungen und das warm-feuchte Klima im Mai und Juni führen dazu, dass sich Schädlinge wie Pilze, Bakterien, Virosen, Phytoplasmen und Insekten stärker und mit größerer Intensität auf die landwirtschaftlichen Kulturen ausbreiten und dies auch in höher gelegenen Regionen als bisher. Von Schädlingsbefall sind sowohl Obst- und Weinbau als auch alle Ackerkulturen (Schildläuse, Maiswurzelbohrer, Rostkrankheiten bei Getreide) betroffen, aber auch Wiesen und Weiden (Engerlinge, Heuschrecken etc.). Neue Schädlingsarten werden hinzukommen, eine Wanderung vom Süden in den Norden ist bereits jetzt zu verzeichnen. Dem Einsatz von Fungiziden und Insektiziden im Ackerbau wird also größere Bedeutung zukommen. Am Beispiel des Borkenkäfers, der früher fallweise die Fichte bis 500 m Seehöhe befallen hat, kann die Dynamik der Ausbreitung verdeutlicht werden. Im letzten Jahr wurden bereits auf 1500 m Seehöhe Bäume mit Borkenkäferbefall gesichtet. Zudem entwickelt der Borkenkäfer mittlerweile drei Generationen pro Jahr und befällt neuerdings auch Lärchen. Fallweise werden durch die wärmeren Bedingungen auch Nützlinge (z. B. der Ampferkäfer) gefördert.

Landwirtschaft stellt sich den Klimafolgen Derzeit hat die landwirtschaftliche Produktion hinsichtlich der Veränderungen im Bereich Niederschlag und Temperatur in den bisher kühleren und niederschlagsreicheren Regionen mehr und in den wärmeren und trockeneren Regionen weniger Spielraum. In Zukunft dürfte es eher trockenere und längere Herbste und feuchtere Spätwinter geben, ab Juni bis August wird es heiß und trocken sein. Der Ackerbauer wird unter diesen Umständen verstärkt im Herbst seine „Winterungen“ ansäen müssen, um die sogenannte Winterfeuchte für seine Kulturen in der Schossphase im Februar zu nutzen. Der Anbau und die Kulturführung müssten sehr wasserschonend

verlaufen, und man wird Sorten verwenden müssen, die trocken- und hitzeresistent sind und nicht zu spät abreifen, damit sie im Sommer keine Notreife erfahren. In den trockenen Gebieten könnten vermehrt „Tiefwurzler“ wie Mais, Sonnenblume und Luzerne angebaut werden. Aufgrund der zunehmenden Wärme könnte man in den Berggebieten wieder mehr Mais anbauen. Um Erosionen zu vermeiden, müssten die Ackerbauern allerdings häufiger als derzeit mit Fruchtfolgen, die eine starke Bodenbedeckung aufweisen, auf Starkniederschläge reagieren. Breit gestaltete Saatgutmischungen mit trockenresistenten Sorten werden zur Ansaat oder Wiederbegrünung lückiger Pflanzenbestände auf Wiesen und Weiden notwendig sein; die vielfältigen Pflanzenbestände könnten schon jetzt umgebaut werden. In diesem Bereich leisten Pflanzenzüchter in Österreich bereits fantastische Arbeit und bringen viele Sorten mit höchster Produktqualität heraus. Ähnlich wird auch die Waldwirtschaft zu handeln haben – neben der Fichte müssen auch andere Arten, vor allem Laubholzarten, in den Waldbestand eingebracht werden.

Fazit Die Land- und Forstwirtschaft wird sich der Klimaveränderung anpassen und Maßnahmen setzen müssen, die eine produktive und ökologische Bewirtschaftung zulassen. Extreme Ereignisse sind nicht kalkulierbar und treffen die Landwirtschaft und somit die Nahrungsmittelproduktion voll. Es ist also für die Nahrungsmittelverfügbarkeit in Österreich ganz entscheidend, dass die österreichische Landwirtschaft in der Produktion von qualitativen Nahrungsmitteln einen hohen ökologischen Standard erreicht. Doch auch die Unterstützung durch die Konsumenten ist gefragt. Sie müssen durch ihr Einkaufsverhalten und im Bewusstsein des Stellenwerts von Landbewirtschaftung und qualitativer Versorgungssicherheit ihren Beitrag leisten, indem sie zu heimischen Produkten greifen, auch wenn sie teurer sind. Ändert sich das Verhaltensmuster der Menschen, wird auch die Politik mehr Mut zur Veränderung zeigen müssen. ||| Karl Buchgraber, LFZ Raumberg-Gumpenstein, Institut für Pflanzenbau und Kulturlandschaft

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Strategische Betriebsentwicklung Wollen Land- und Forstwirte wettbewerbsfähig sein und auch bleiben, müssen sie über eine große unternehmerische Kompetenz verfügen und langfristige strategische Entscheidungen fällen. Franz Forstner

Betriebe entwickeln sich ständig. Allein durch die Verbrauchssteigerung ergibt sich in bäuerlichen Familien eine Dynamik in der Einkommens- und Betriebsentwicklung (Steigerung des Verbrauches laut Grünem Bericht im Durchschnitt der Jahre um 800 Euro pro Jahr und Haushalt). Die Frage ist, ob die Betriebsentwicklung geplant wird oder „automatisch“ geschieht, was in vielen Fällen zu Arbeitsüberlastung, Fehlinvestitionen, finanziellen Schwierigkeiten und Unzufriedenheit führt. Wie die tägliche Arbeit am Hof fällt auch die Gestaltung der betrieblichen Zukunft in die alleinige Verantwortung der Betriebsleiterfamilie. Ein Teil der erforderlichen Einkommensentwicklung kann durch laufende Anpassung der Betriebsorganisation (Leistungssteigerung, Kostensenkung) erreicht werden. Mittelfristig sind jedoch in jedem Unternehmen strategische (langfristige) Entscheidungen (Erweite-

Euro/Unternehmerhaushalt

Sonderauswertung von freiwillig Buch führenden Betrieben in Oberösterreich, Durchschnitt 2006 –2008

Quelle: LK OÖ Sonderauswertung basierend auf Daten der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft

70.000 60.000 50.000 40.000 30.000 20.000 10.000 0 Einkommen Verbrauch

Einkommen Verbrauch

Einkommen Verbrauch

Einkünfte LW und FW > Privatverbrauch (PV): 5260 Betriebe

Einkünfte LW und FW 50–100% des PV: 5200 Betriebe

Einkünfte LW und FW < 50% des PV: 8450 Betriebe

Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft Außerlandwirtschaftliche Einkünfte Sozialtransfer Verbrauch

rungsinvestitionen, Investitionen in neue Betriebszweige, Erschließung neuer inner- und außerlandwirtschaftlicher Einkommensstandbeine) nötig.

Ausgangssituation realistisch einschätzen Österreichs Landwirtschaft ist im europäischen Vergleich klein- und mittelbäuerlich strukturiert, was in der Einkommensstruktur bäuerlicher Betriebe zum Ausdruck kommt (siehe Grafik). Eine Analyse der Einkommensdaten des Grünen Berichts am Beispiel Oberösterreich macht deutlich, dass (bezogen auf rd. 36.000 Betriebe laut Agrarstrukturerhebung) bei nur rund 14 Prozent der Betriebe das land- und forstwirtschaftliche Einkommen höher als der Privatverbrauch (inkl. Sozialversicherung) ist. Bei weiteren 14 Prozent der Betriebe liegt das Einkommen aus Land- und Forstwirtschaft zwischen 50 und 100 Prozent des Privatverbrauchs; für ein ausreichendes Gesamteinkommen erwirtschaftet diese Betriebskategorie ein entsprechendes außerlandwirtschaftliches Einkommen. In einem Großteil der Betriebe (rd. 72 Prozent = die in den beiden rechten Säulen dargestellten 8450 Betriebe sowie 17.475 kleinere Betriebe mit weniger als 6000 Euro Standarddeckungsbeitrag, die im Grünen Bericht nicht vertreten sind) überwiegt das außerlandwirtschaftliche Haupteinkommen.

Einkommenswachstum dank Vielfalt Wenn es in der österreichischen Land- und Forstwirtschaft um eine nachhaltige Einkommensverbesserung geht, heißt die betrieblich richtige Antwort Einkommenswachstum dank Vielfalt. Die Betriebe lassen sich wie folgt charakterisieren: f Vollerwerbsbetriebe mit Haupteinkommen aus Urproduktion bzw. inneragrarischer Diversifikation (Direktvermarktung, Urlaub am Bauernhof,


Strukturwandel ausblicke 1|10

Dienstleitungen im Rahmen von landwirtschaftlichen Nebentätigkeiten, etc.) f Haupterwerbsbetriebe mit begrenztem Produktionsumfang, deren künftige Einkommensentwicklung durch Ausbau der Erwerbskombination (inner- und außeragrarisch) anzustreben ist f Betriebsleiterfamilien, deren Einkommen bereits derzeit hauptsächlich über einen außerlandwirtschaftlichen Erwerb abgesichert wird Die unterschiedlichen Formen der Einkommensbildung sind in Österreich nur möglich, weil es in vertretbaren Entfernungen Arbeitsplätze und Kaufkraft gibt, die inner- und außeragrarische Einkommenskombinationen erlauben.

Änderungen in der Einkommensbildung seit dem EU-Beitritt Durch den EU-Beitritt und die laufende Weiterentwicklung der gemeinsamen EU-Agrarpolitik wurde die Einkommensbildung über Änderungen der Marktordnungen (Abbau von Preisstützungen und teilweisen Ausgleich durch Prämien) in hohem Maße aus öffentlichen Geldern abgestützt. Betriebsprämien sind neben Ausgleichszahlungen für Umweltleistungen und benachteiligte Gebiete sowie Strukturmaßnahmen und Investitionsförderung eine wichtige Säule für die Entwicklung land- und forstwirtschaftlicher Betriebe und für die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Sie sind ein wesentlicher Einkommensbestandteil und unverzichtbar. Bäuerliche Unternehmer müssen aber auch strategisch überlegen, wie der Betrieb nach unternehmerischen Prinzipien ausgerichtet werden kann, und sollten auch entsprechend handeln. Im Durchschnitt decken die freiwillig Buch führenden Betriebe derzeit rund 80 Prozent der Produktionskosten (inkl. Abschreibungen, Lohn- und Zinsanspruch für das eingesetzte Eigenkapital) durch Erträge ab; die Streuung in den einzelnen Betriebsformen liegt bei 70 bis 90 Prozent. Für eine entsprechende Entlohnung der eingesetzten Produktionsfaktoren besteht also bereits unter den derzeitigen Rahmenbedingungen Handlungsbedarf. Sowohl die Strukturdaten als auch die Einkommensergebnisse des Grünen Berichts machen deutlich, dass vor allem unter Einbeziehung künftiger Herausforderungen (Neugestaltung der Betriebsprämien, Wegfall der

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Milchquoten etc.) in der österreichischen Land- und Forstwirtschaft Betriebsentwicklung und Einkommenswachstum notwendig sind. ||| Franz Forstner, Landwirtschaftskammer Oberösterreich, Bildung und Beratung

Nachhaltige Betriebs- und Einkommensentwicklung Wettbewerbsfähigkeit bedingt eine große unternehmerische Kompetenz der Land- und Forstwirte. Folgende Ansätze sind für eine nachhaltige Betriebs- und Einkommensentwicklung entscheidend: f In die Aus- und Weiterbildung investieren f Aufzeichnungen führen: schafft Kostenüberblick, bringt Klarheit und Sicherheit, liefert Grundlagen für strategische unternehmerische Entscheidungen f Kostenverantwortung übernehmen f Klare Ziele entwickeln, planen, umsetzen und kontrollieren f Produktivitätsreserven ausschöpfen: Kosten senken, Leistungen optimieren, technischen Fortschritt nutzen f Arbeitsorganisation optimieren f Vermarktung und Verarbeitung professionalisieren f Horizontale und vertikale Kooperationen eingehen f Betriebs- und Einkommensentwicklung auf die persönliche und betriebliche Ausgangsbasis, Ziele und Stärken abstimmen f Zuerwerb über neue Produkte, Märkte und Dienstleistungen aufbauen f Außerlandwirtschaftlichen Erwerb (selbständig/ unselbständig) und Führung des land- und forstwirtschaftlichen Betriebes nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ausrichten


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ausblicke 1|10 Strukturwandel

Agrarischer Strukturwandel Johann Schlederer, Verband Landwirtschaftlicher Veredelungsproduzenten/Österreichische

Strukturwandel in der Landwirtschaft

Schweinebörse

Die Dynamik des Strukturwandels österreichischer Schweinebetriebe hat seit dem EU-Beitritt stark zugenommen. Davor war aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen nur ein Maximalbestand von 50 Zuchtsauen oder 400 Mastschweinen zugelassen. Da Betriebe einer solchen Größe am Binnenmarkt nicht wettbewerbsfähig sind, mussten viele die Schweinehaltung aufgeben. 1994 gab es in Österreich noch 119.000 Schweinebetriebe. 2009 zählte man 38.000; 68 Prozent haben in dieser Zeit die Schweinehaltung eingestellt. Beim Schweinebestand hat man nur 15 Prozent verloren und hält derzeit bei 3,15 Mio. Stück. Die Bestandsgröße pro Durchschnittsbetrieb stieg von 31 Stück auf 83 Stück. Dieser Entwicklung entsprechend wird sich die Zahl der Schweinehalter bis 2020 wahrscheinlich noch einmal halbieren; ca. 18.000 Schweinehalter werden dann etwa 3 Mio. Schweine mit durchschnittlich 170 Schweinen pro Betrieb haben. Im internationalen Vergleich kommen diese Zahlen immer noch einer Art „Schrebergartenwirtschaft“ gleich. In Dänemark etwa hält man zurzeit 1500, in Deutschland 300 und in Irland 2000 Schweine je Betrieb. Der Strukturwandel hat positive und negative Seiten. Einerseits ist eine Betriebsstilllegung bzw. die Aufgabe der Produktion oft mit wirtschaftlichen und persönlichen Problemen verknüpft, andererseits bringt sie mehr Zukunft für verbleibende Betriebe. Die Erfahrung der letzten Jahre am EU-Binnenmarkt zeigt, dass ein Mindestmaß an Betriebsgröße gegeben sein muss, um Betriebe am

Die weltweit zu beobachtenden Konzentrationsprozesse in der Landwirtschaft machen auch vor Österreich nicht halt. Über die Auswirkungen dieses Strukturwandels und über mögliche Gegenstrategien geben im Folgenden vier ExpertInnen Auskunft.

Leben erhalten zu können. So gesehen ist ein Strukturwandel erforderlich, um die Konsumenten auch in Zukunft mit heimischem Schweinefleisch versorgen zu können. Dafür wird man in den nächsten Jahren die politischen Rahmenbedingungen für betriebliches Wachstum verbessern und die gesellschaftliche Akzeptanz für Betriebe mit größeren Tierbeständen steigern müssen. |||

Strukturwandel ist kein Naturgesetz! Irmi Salzer, Österreichische Bergbauern- und -bäuerinnen-Vereinigung

In Österreich gibt es immer weniger Bäuerinnen und Bauern, während die Anzahl der AgrarunternehmerInnen steigt. 1980 waren 318.000 landwirtschaftliche Betriebe verzeichnet, 2008 nur mehr 165.000. Die Zahl der Betriebe, die weniger als 30 ha bewirtschaften, schrumpft beständig; die Zahl der Betriebe über 100 ha hat laut Grünem Bericht seit 1999 jedoch um mehr als ein Viertel zugenommen. Dass mehr und mehr Bäuerinnen

und Bauern ihre Höfe aufgeben, ist allerdings kein Naturgesetz. Es handelt sich um einen beinharten Verdrängungsprozess, der das Ergebnis einer gezielten Politik ist. Seit mehreren Jahrzehnten präsentiert man den Bäuerinnen und Bauern eine fast auswegslose Wahlmöglichkeit: wachsen oder weichen. Man drängte und drängt BetriebsführerInnen dazu, ihre Produktion zu mechanisieren und zu spezialisieren, ihre Feldschläge maschinengerecht zu vergrößern, Grund zuzukaufen bzw. dazuzupachten. Obendrein bedient man sich eines Förderungssystems, das aufgrund seines Flächenbezugs kleine Betriebe konsequent benachteiligt. Die Konzentrationsprozesse, die in der Landwirtschaft weltweit zu beobachten sind, machen somit auch vor dem Biomusterland Österreich nicht halt. Unser Ziel muss jedoch genau das Gegenteil sein: Je mehr Menschen in und mit der Landwirtschaft arbeiten, umso eher ist eine Gesellschaft in der Lage, sich mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln zu versorgen. Wenn die österreichische Agrarpolitik


Foto: Wolf Systembau

Strukturwandel ausblicke 1|10

ihren selbst gesetzten Ansprüchen gerecht werden will, muss sie daher ihr Möglichstes dazu tun, den „Strukturwandel“ nicht nur zu bremsen, sondern in sein Gegenteil zu verkehren. Nicht weniger, sondern mehr Bäuerinnen und Bauern braucht das Land! |||

Strukturwandel in der Milchproduktion Johann Költringer, Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter

Die Milchproduktion in Österreich zeichnet sich durch ihre naturnahe und nachhaltige Qualität aus, man denke nur an die Tierschutz- und Umweltstandards, an das AMA-Gütesiegel-Programm, aber auch an den hohen Anteil an Biomilch, Heumilch oder gentechnikfrei erzeugter Milch. Seit dem EU-Beitritt Österreichs ist die österreichische Milchwirtschaft in einem stetigen Strukturwandel begriffen. In Zahlen: Die Anzahl der Milchbauern hat sich von 81.902 im Jahr 1994 auf rund 38.500 im Jahr 2009 reduziert; trotzdem liegt der

österreichische Durchschnittsbetrieb mit ca. 70.000 kg Jahresquote deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 135.000 kg. Rasant war auch die Entwicklung bei den Milchverarbeitern. So verarbeiteten 1994 die drei größten Betriebe 23,6 und die zehn größten Betriebe 52 Prozent; 2008 verarbeiteten die Top 3 mit 59 Prozent der Milch mehr als die Top 10 im Jahr 1994, und die zehn größten Betriebe erreichten 2008 92 Prozent. Doch auch hier ist die Zahl im internationalen Vergleich bescheiden. Wir brauchen daher andere Strategien für die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit. Die österreichischen Molkereien setzen auf regalfertige, hochwertig verarbeitete Qualitätsprodukte. Dass diese Strategie erfolgreich ist, zeigen sowohl der hohe Exportanteil von rund 44 Prozent als auch der höhere Milchauszahlungspreis. Der bereits wirksame schleichende Wegfall einer europäischen Mengenregulierung verstärkt den Strukturwandel. Die Antwort der österreichischen Milchwirtschaft liegt daher in der konsequenten Weiterführung und Weiterentwicklung der Qualitätsproduktion und -vermarktung. Die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass diese Strategie in Zukunft auf möglichst günstige europäische und nationale Rahmenbedingungen trifft, stellt die agrarpolitische Herausforderung der nächsten Jahre dar. |||

Ja zum Regionalprinzip Johannes Abentung, Österreichischer Bauernbund

Veränderung ist keine Heilsversprechung, sondern schlichtweg Notwendigkeit. Notwendigkeit angesichts der dramatischen Einkommensver-

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luste, die den Landwirten im Vorjahr ein Minus von 20 Prozent beschert haben. Notwendigkeit, weil die EU die agrarischen Förderbudgets knapper fassen will. Auf den Weltmärkten für Agrarerzeugnisse tobt der Preiskampf. Von dort ist keine Hilfe zu erwarten: Ohne Marktordnung und Subvention wäre eine bäuerliche Landwirtschaft längst preisgegeben. Die Bestandsaufnahme klingt dramatisch? Allerdings. Doch es gibt eine gangbare Alternative. Nehmen wir mit dem Tiroler Zillertal eine Paradetourismusregion mit nahezu 7 Mio. Nächtigungen jährlich als Beispiel. Wirtschaftsleistung der Hotellerie: 340 Mio. Euro Umsatz. Für etwa 6 bis 8 Prozent des Jahresumsatzes kauft ein Hotel Lebensmittel ein. Wenn künftig nur 10 Prozent davon über regionale Kooperations- und Lieferformen gedeckt werden, fließen mindestens 2 Mio. Euro ins liefernde Tal. Milch, Käse, Butter und Eier nicht zum Billigpreis aus Holland oder Polen importiert, sondern erzeugt und geliefert von Bauern aus dem Tal – authentisches Urlaubserlebnis, soziale Verantwortlichkeit inbegriffen. Schon um diesen regionsbezogenen Preis des „Zehnten“ wäre ein wirtschaftliches Zusammenleben unter den Vorzeichen ökonomischer Gegenseitigkeit zu haben. Nur wenn dieses neue Regionalprinzip endlich gelebt wird, werden sich wirtschaftliche, ökologische und soziale Interessen harmonisieren. Mit Nostalgielandwirtschaft oder Konsumchauvinismus haben solche Wirtschaftskreisläufe nichts zu tun, sondern einzig mit der Anpassungsleistung an die Gesetze der Weltwirtschaft, nämlich mit der vollen Konzentration auf das buchstäblich Nächstliegende. |||


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ausblicke 1|10 Strukturwandel

Vorher – nachher.

Den Wandel gestalten Veränderung kann so schnell sein wie das Aufspringen von Popcorn oder so langsam, wie Berge wachsen. Veränderung kann beliebig und umkehrbar sein, aber auch endgültig und irreversibel. Wir lieben den Wandel, und wir hassen ihn. Wir wollen seine Richtung bestimmen und lassen uns dennoch gern verführen. Robert Lukesch

Und umzuschaffen das Geschaffne, Damit sich’s nicht zum Starren waffne, Wirkt ewiges lebend’ges Tun. Und was nicht war, nun will es werden Zu reinen Sonnen, farbigen Erden, In keinem Falle darf es ruhn. Es soll sich regen, schaffend handeln, Erst sich gestalten, dann verwandeln; Nur scheinbar steht’s Momente still. Das Ewige regt sich fort in allen: Denn alles muß in Nichts zerfallen, Wenn es im Sein beharren will. Goethe, Ein und Alles

Aus diesen Wirrnissen hilft uns wieder einmal der gute alte Kant: „Veränderung ist eine Art zu existieren, welche auf eine andere Art zu existieren eben desselben Gegenstandes erfolget. Daher ist alles, was sich verändert, bleibend, und nur sein Zustand wechselt.“1 Phantastisch: Sind also Beharrung und Wandel buchstäblich dasselbe? Sind wir selbst es, die den Unterschied setzen?

Ewiger Rhythmus oder ewiges Wachstum? Die Ordnung, die wir in die Geschehnisse bringen, nennen wir Zeit. Die Fähigkeit, Zeit überhaupt zu denken, ist uns angeboren. Aber was ist Zeit? Zeit kann zweierlei bedeuten: zum einen das Pulsieren der Ewigkeit. Tiefgreifende Veränderungen erscheinen als Verwandlung und sind geheimnisumwoben: die Metamorphose der Raupe in einen Schmetterling, die alchemistische Transmutation des Eisens in Gold, die märchenhafte Transformation des Frosches in einen Prinzen. Zeit wird hier zirkulär erlebt, von den Mondphasen über die Jahreszeiten bis zur monatlichen Steuererklärung. Wenn wir den ewigen Kreislauf in einzelne Abschnitte teilen2 und „ausbügeln“, entstehen Zeitstrecken mit einem Anfang und einem Ende. Dazwischen tut sich so allerlei, vom Urknall bis zur Apokalypse, vom fröhlichen Stammesleben bis zur klassenfreien Gesellschaft, von der Immatrikulation bis zur Sponsion, von der Idee zum Projekt. Der moderne Geist ist dieser linearen Zeit verpflichtet: Veränderung nach Plan, und damit Entwicklung zum Höheren und Besseren. Die Politik diene dem „individuellen Streben nach Glückseligkeit“, das Thomas Jefferson 1776 in der US-amerika-

nischen Unabhängigkeitserklärung als Menschenrecht verankert hat. Dieses legitime Glücksstreben ist bis heute fest an die politische Verpflichtung gebunden, für „nachhaltiges Wirtschaftswachstum“ zu sorgen.3 Wir sind aufgerufen, unermüdlich das Bruttonationalprodukt zu mehren. Ein ganzes Arsenal politischer Instrumente vom Leitzinssatz bis zu den Strukturfonds steht uns zur Seite. Wir sollen aber nicht nur Werte schöpfen, sondern sie auch verbrauchen, und das bitte rasch. Wir sind aufgerufen, zuzugreifen, zu verschrotten, nachzukaufen und anzuhäufen. Der Vergleich macht uns sicher: nachher ist besser als vorher. Drive the change 4. So sind auch alle Förderprogramme der Wirtschafts- und Regionalentwicklung auf Wachstum ausgerichtet. Nachdem die Krise so halbwegs überstanden ist, geht’s mit Hurra zurück zum business as usual. Die deutsche Regierung erließ im Dezember 2009 ein „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“. Das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) verweist auf die eherne Beziehung zwischen Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung 5: Österreich brauche um die 1,8 Prozent jährliches Wirtschaftswachstum, damit die Arbeitslosigkeit nicht weiter zunimmt. Damit sie gar abnehme, bräuchten wir schon etwa 2,4 Prozent .6 Das geht sich nicht aus. Nicht bei uns. Nicht auf Dauer. Diese Erkenntnis hat auch die politischen Steuerungszentralen erreicht. Die EU-Kommission teilte am 20.8.2009 mit, dass eine „sich verändernde Welt“ nach anderen Fortschrittsindikatoren als dem „BNP-Wachstum“ verlange.


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1 Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft (1781, 1787), Reclam: Stuttgart 1966. 2 „Zeit“, „time“, „teilen“, „Ziel“, „tele“ (= gr. für „fern“) entstammen derselben Wortwurzel. 3 Der britische Arzt und Philosoph John Locke (1632–1704), der Jefferson dazu inspirierte, hatte ursprünglich vom Right to Health, Liberty and Property geschrieben. Jefferson ersetzte „property“ (Eigentum) durch „pursuit of happiness“. 4 Werbeslogan für eine Automarke. 5 Bekannt als Okun’sches Gesetz. 6 Karl Aiginger, Gunther Tichy und Ewald Walterskirchen, WIFO-Weißbuch: Mehr Beschäftigung auf Basis von Innovation und Qualifikation, 2006. Das Schöne bei solchen Gesetzen (dieses hier heißt „Okun’sches Gesetz“) ist, dass sie keine Naturgesetze sind. Wir Menschen befinden uns hier auf der Seite der Ursache. Aber das hat sich noch nicht sehr weit herumgesprochen. 7 Tim Jackson, Prosperity without Growth? The Transition to a Sustainable Economy, 2009. Download: www.sd-commission.org.uk/ publications/downloads/ prosperity_without_growth_ report.pdf. 8 Ronald F. Inglehart und Hans-Dieter Klingemann, Genes, Culture and Happiness, MIT: Cambridge/MA 2000. 9 Tim Jackson, s. Anm. 7: auf der Basis methodischer Arbeiten des kanadischen Ökonomen Peter Victor. 10 www.youtube.com/ watch?v=lLn6TxIpqaI. 11 „This is what change looks like“: US-Präsident Obamas Kommentar zur gelungenen Abstimmung über die Reform des Gesundheitssystems am 22. 3. 2010.

Wohlergehen ohne Wachstum? Uns ist auch klar geworden, dass die „Entkopplung“ wirtschaftlichen Wachstums von steigendem Material- und Energieverbrauch ein Mythos bleibt. Subjektives Glücksempfinden und Einkommen hängen nur bis zu einem Pro-Kopf-Einkommen miteinander zusammen, das ungefähr beim halben österreichischen Durchschnittswert liegt.7 Auf diesem Einkommensniveau liegen Länder wie die Dominikanische Republik, Portugal, Venezuela oder die Seychellen.8 Ein Grund für dieses Auseinanderdriften von materiellem Reichtum und Lebensglück heißt Gewöhnung. Zweitautos, Ferienhäuser und Yachten sind nicht geeignet, unsere Glücksfähigkeit zu steigern. Wir bleiben, was wir sind. So werden wir auch den bisherigen Wachstumspfad nicht verlassen, bloß weil wir um seine Folgen wissen. Denn die Veränderungen, die wir damit auslösen, geschehen vorerst schleichend. Das macht es uns leicht, wegzuschauen. Doch plötzlich konfiguriert sich das Ökosystem neu, und der Kabeljau vor Neufundland, die Korallenriffe in der Karibik, und der Urwald auf Borneo sagen Adieu. Unwiderruflich. Damit wären wir schon beim zentralen Punkt: Wie organisieren wir unser „Streben nach Glückseligkeit“ so, dass wir unseren Nachfahren eine brauchbare Lebenswelt hinterlassen? Die kognitive Dissonanz, weiter wachsen zu müssen, aber eigentlich nicht zu sollen, ist eigentlich unerträglich, aber sie wird von der Politik konsequent ausgeblendet. Dabei zeigen Politikszenarien wie die der britischen Kommission für Nachhaltige Entwicklung, dass mittels gut abgestimmter Investitionen und Maßnahmen eine positive und nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung bei nahezu Nullwachstum denkbar ist. Unter den dafür erforderlichen Maßnahmen finden wir die Verkürzung der Wochenarbeitszeit und die Einführung eines arbeitsunabhängigen Grundeinkommens.9

Warum nicht? Tiefgreifender Wandel, die Veränderung der Veränderung, steht an. Warum auch nicht? Vieles von dem, was unseren Großeltern einst selbstverständlich gewesen ist, finden wir fremdartig und unsere Kinder geradezu absurd. Tiefgreifende Veränderungen vollziehen sich langsam. Das betrifft sowohl die Verän-

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derungen, die sich um uns herum vollziehen, als auch die Art und Weise, wie wir das, was uns widerfährt, subjektiv erleben. Diese Eigenart, äußerem Wandel mit innerem Wandel zu begegnen, macht uns fähig, Krisen, auf die wir eigentlich gar nicht vorbereitet waren, nicht nur zu meistern, sondern gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Es ist dem Menschen gemäß, seinen Verstand zu gebrauchen; an einer Welt mitzuwirken, in der Wohlstand und Lebensglück fair geteilt werden und in der für zukünftige Generationen vorgesorgt ist. Aber diese Veränderungen werden nicht von selbst passieren. Der direkte Einfluss politischer Steuerung auf die soziale und wirtschaftliche Entwicklung ist vernachlässigbar gering. Der direkte Einfluss von Regional Governance auf die Regionalentwicklung ebenso. Der direkte Einfluss der G 20 auf den Klimawandel ist gleich null. Unterschätzen wir aber nicht, dass die Politik die Bühne bereitet, auf der wir Menschen unseren Lebens-Wandel inszenieren, unsere Werte praktisch leben. Wenn in den politischen Reden und Taten die Voraussetzung mitschwingt, dass die Menschen Angst vor Veränderung haben müssen, dann werden sie auch brav Angst haben. Wenn aber vorausgesetzt wird, dass wir immer eine Wahl haben – egal, was passiert – und die Verantwortung dazu, dann werden wir unsere Angst in Neugier verwandeln. Dann werden wir das Neue (und die Neuen!) willkommen heißen, unsere Talente einsetzen und wissen, dass wir das Richtige tun, denn unser Schwerpunkt sitzt tief genug. Jeanette 10 ist aus Port-au-Prince. Sie lag fünf Tage in den Trümmern der Bank, in der sie gearbeitet hatte. Drei Stunden nachdem man sie entdeckt hatte, konnte man sie aus dem Schutt ziehen. Ihre ersten Worte waren: „Danke, Gott.“ Dann begann sie, auf der Bahre liegend, ein Lied zu singen, in das andere einstimmten: „Hab keine Angst vor dem Tod.“ Der CNN-Reporter fragte sie: „Haben Sie gedacht, dass Sie überleben werden?“ Jeanette: „Yeah. Warum nicht?“ So sieht Wandel aus.11 |||

Robert Lukesch, ÖAR-Regionalberatung


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ausblicke 1|10 Strukturwandel

Von vielen kleinen Pensionen hin zu wenigen Großhotels

Zum Wandel des Tourismus in den österreichischen Alpen

Werner Bätzing

Die große Hoffnung …

Große Tourismusgemeinden in den österreichischen Alpen – im Bild Bad Hofgastein/Salzburg – zeichnen sich durch eine chaotische Zersiedlung des siedlungsgünstigen Talbodens aus, wobei touristische Nutzungen, öffentliche und private Infrastrukturen und Wohnnutzung einander stark konkurrenzieren. Dadurch entstehen suburbane und austauschbare Siedlungsbänder.

Mit der Entstehung des Massentourismus nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die große Hoffnung, dass wirtschaftsschwache und periphere ländliche Räume mit attraktiver Landschaft dank des Tourismus eine neue Wirtschaftsgrundlage erhalten könnten. Im Rahmen einer stark dezentral ausgerichteten sozialstaatlichen Politik erließ die Republik Österreich frühzeitig gesetzliche Rahmenbedingungen zur Erleichterung von Privatzimmervermietung und Eigenheimbau sowie eine Bankenkontrolle zur Verhinderung „großkapitalistischer Aufschließungsgesellschaften“ (E. Lichtenberger), die extrem günstige Voraussetzungen für einen flächenhaften Tourismus schufen. Der ab 1955 explosionsartig anwachsende Tourismus konnte deshalb fast die gesamten österreichischen Alpen erfassen.

… und ihre Realisierung in der „Goldgräberzeit“ des Alpentourismus Nach dem Zweiten Weltkrieg verzeichnete der Tourismus in Österreich gut 30 Jahre lang ein permanent starkes Wachstum mit oft zweistelligen Wachstumsraten pro Jahr („Goldgräberzeit“). Die Zahl der Gästebetten erreichte im Jahr 1983 ihr historisches Maximum, die Zahl der Übernachtungen 1980/81 einen ersten und 1991/92 einen zweiten, bis heute unübertroffenen Höhepunkt. Seitdem gehen Gästebettenanzahl und Nächtigungen leicht zurück und stagnieren auf hohem Niveau. 1985 war der Endpunkt der großen Wachstumsphase: Von den 1113 Gemeinden der österreichischen Alpen waren in diesem Jahr nur acht Prozent ohne Tourismus; 65 Prozent aller Gemeinden hatten weniger als 1000 Gästebetten, nur acht Gemeinden mehr als 10.000 Gästebetten.

Diese extrem dezentrale Tourismusstruktur wies allerdings signifikante West-Ost-Unterschiede auf: Alle großen Tourismusgemeinden lagen im Westen (K, S, T, V); auf einen Quadratkilometer kamen 29 Gästebetten, nur neun Gemeinden waren ohne Tourismus. Im Osten dagegen (B, N, O, St) gab es pro Quadratkilometer nur neun Gästebetten und 76 Gemeinden ohne Tourismus. Da die 1,1 Millionen Gästebetten so stark verteilt waren, traten ökologische Probleme durch Intensivtourismus in Österreich vergleichsweise selten auf (nur Sölden, Mittelberg und Saalbach-Hinterglemm stellten bereits 1985 einen Sonderfall dar). Die touristischen Infrastrukturen wurden sehr häufig lokal oder regional finanziert und gesteuert, soziokulturelle Überfremdung war eher eine Ausnahmeerscheinung, und die Akzeptanz des Tourismus war sehr hoch, weil breite Bevölkerungsschichten direkt daran partizipierten.

Der große Wandel im Alpentourismus … Mitte bis Ende der 1980er-Jahre endete die lange Wachstumsphase im Alpentourismus plötzlich. Der Sommertourismus in den Alpen verlor sehr viele Nächtigungen, während der Wintertourismus noch etwas zulegte, aber bereits von schneearmen Wintern aufgrund der Klimaerwärmung beeinträchtigt wurde. Billige Flugreisen, neue Fernziele, neue Urlaubspräferenzen und Verhaltensweisen sorgten dafür, dass der Anteil des Alpentourismus am weltweiten Tourismus erstmals zurückging. Damit verbunden war der Wandel vom Verkäufer- zum Käufermarkt, was die Konkurrenz in den Alpen signifikant erhöhte. Dadurch entstanden für den Alpentourismus völlig neue Rahmenbedingungen.


Strukturwandel ausblicke 1|10

Tourismusintensive Bundesländer: Kärnten, Salzburg, Tirol, Vorarlberg

… und seine Auswirkungen in Österreich

Gemeinden mit Bettenzahl 5000+ 1000–4999 < 1000 0 oder geheim

1985

2005

Gemeinden 36 222 326 9 593

Gemeinden 42 178 351 22 593

Gemeinden +6 –44 +25 +13 –

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Tourismusextensive Bundesländer: Burgenland, Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark 1985 2005

Gemeinden 1 50 393 76 520

Zwischen 1985 und 2005 ging die Zahl der Gästebetten in den österreichischen Alpen um sechs Prozent, die Zahl der Übernachtungen um ein ProGemeinden mit Bettenzahl Betten* Betten* Betten* zent zurück. Dieser Rückgang war so 5000+ 298 348 17% 8 unterschiedlich ausgeprägt, dass ein 1000–4999 467 404 –13% 97 grundlegender Strukturwandel sicht< 1000 147 138 –6% 105 Insgesamt 912 890 –2% 210 bar wurde. Der tourismusintensive Westen hielt in etwa seine Position (minus zwei Prozent Gästebetten, plus zwei Prozent kann man prognostizieren, dass sich der österreichiÜbernachtungen), der tourismusextensive Osten er- sche Alpentourismus immer mehr der Struktur des litt einen gravierenden Rückgang (–21 Prozent Gäste- Tourismus in den schweizerischen oder französibetten, –19 Prozent Übernachtungen). Reine Som- schen Alpen annähern wird, wo im Jahr 1995 42 bzw. merdestinationen – auch im Westen – verloren stark 51 Prozent aller Gästebetten in Gemeinden mit mehr (das Gebiet der Kärntner Seen und das Salzkammer- als 5000 Betten angeboten wurden. In dieser Situagut in S, St, O waren davon besonders hart betroffen), tion wären zwei Strategien sinnvoll: Orte mit zwei Saisonen schnitten deutlich besser ab. f In den großen Tourismusgemeinden braucht es Noch wichtiger war aber die Größe einer Touintegrativ konzipierte und partizipativ erarbeitete rismusgemeinde, die anhand der Zahl der angeboteTourismus- bzw. Gemeindeleitbilder, um die nen Gästebetten leicht darzustellen ist: Die großen ökonomischen, ökologischen und soziokulturellen Tourismusgemeinden (mehr als 5000 Betten) bauten Probleme gemeinsam (!) zu bewältigen und die ihre Position stark aus, die mittelgroßen (1000–5000 Akzeptanz des Tourismus in der Bevölkerung Betten) verloren deutlich; die kleinen (bis 1000 Betdauerhaft zu sichern. ten) verloren ebenfalls, und die Zahl der Gemeinden f In Gemeinden ohne oder mit einem stark abnehohne Tourismus stieg deutlich an. menden Tourismus braucht es neue touristische Während im Osten der Tourismus praktisch Impulse, bei denen die vorhandenen endogenen überall sehr stark zurückging, weil es hier keine groPotenziale (anstelle technischer Tourismusinfraßen Tourismusgemeinden gab und der Tourismus seistrukturen und beliebiger Mega-Events) und die nen flächenhaften Charakter verlor (27 Prozent aller Vernetzung mit der regionalen Wirtschaft und Gemeinden hatten 2005 keinen Tourismus), konzenKultur (anstelle einer abgekapselten touristitrierte er sich im Westen immer stärker auf wenige schen Monostruktur) im Zentrum stehen sollten. große Zentren. Die Zahl der Gemeinden ohne TourisDafür gibt es bereits eine Reihe von eindrucksvollen Beispielen, die aber noch vervielfacht mus war mit vier Prozent zwar noch unbedeutend, werden müssten, wobei die Förderungen durch aber sie dürfte in Zukunft stark ansteigen, wenn man die EU-Regionalpolitik sehr hilfreich sind. den Osten als Trendsetter sieht. Mit dieser starken Konzentration wird der Tourismus immer stärker von außerregionalem Kapital Da Österreich in der Lage war, zwischen 1955 und abhängig, es verschärfen sich seine ökologischen 1985 erfolgreich einen „österreichischen Weg“ der und soziokulturellen Belastungen, und seine Akzep- Tourismusentwicklung zu gehen, besteht die Hoffnung, dass die heutigen Herausforderungen ebenso tanz in der Bevölkerung sinkt. produktiv bewältigt werden können – in völlig neuen Perspektiven für die Zukunft Formen. ||| Der Klimawandel und die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise dürften die räumliche Konzentration des Werner Bätzing, Universität Erlangen-Nürnberg, Tourismus noch zusätzlich vorantreiben. Deshalb Institut für Geographie

Gemeinden 1 35 345 139 520

Gemeinden ±0 –15 –48 +63 –

Betten* 6 70 89 165

–25% –28% –15% –21%

Veränderungen 1985–2005 bei den Gästebetten in den österreichischen Alpen *Betten in 1000 Quelle: W. Bätzing/D. Lypp, „Verliert der Tourismus in den österreichischen Alpen seinen flächenhaften Charakter?“, zu: Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft 56/2009, S. 327–356; Download: www.geographie. uni-erlangen.de/pers/wbaetzing/ publikationen.html (Nr. 210).


Foto: Regionalentwicklung AuĂ&#x;erfern, GĂźnter Salchner

Finanz- und Wirtschaftskrise


Wie kann die nationale und regionale Politik auf globale Krisen reagieren? Handlungsoptionen, Schutzmechanismen sowie Werte und Maßstäbe für eine nachhaltige Entwicklung stehen im Mittelpunkt der Beiträge zur Finanz- und Wirtschaftskrise.


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ausblicke 1|10 Finanz- und Wirtschaftskrise

Eine Antwort auf die Krise: rechtzeitige Spezialisierung Die derzeitige Krise ist für ländliche Regionen der beste Zeitpunkt, sich zu überlegen, worauf man in 20 Jahren spezialisiert sein will. Der Wirtschaftsforscher Karl Aiginger skizziert im folgenden Gespräch mit Johannes Kaup, inwiefern er die Zukunft der österreichischen ländlichen Regionen optimistisch sieht und was jede Region unternehmen kann, um Krisen gut bzw. besser zu überstehen.

In welchen Bereichen sehen Sie Welche Strukturen und Regionen welche Regionen besonders stark von haben sich als stabil und krisenresisder Krise betroffen? tent erwiesen und warum?

Karl Aiginger

Am negativsten ist der Einfluss auf Regionen mit wenigen Industriebetrieben, die jedoch stark exportorientiert sind. In der Steiermark – Beispiel Mur-Mürz-Furche – hat die Krise einige Betriebe besonders stark getroffen. Hier kam hinzu, dass diese Regionen in erster Linie in der Autozulieferindustrie engagiert sind und dadurch massiv unter der Autokrise 2009 litten. Gerade in der Autoindustrie war vor der Krise zu wenig auf neue umweltfreundlichere, sparsame Modelle und Antriebstechniken umgestellt worden.

Warum sind manche Regionen während einer Krise labiler als andere? Liegt das an der an sich schwachen Wertschöpfung in manchen Regionen, oder hat das auch andere Ursachen? Das liegt daran, dass manche Regionen auf ein bis drei Produktionszweige spezialisiert sind, und wenn die Krise dann zwei dieser Produktionszweige trifft, gibt es größere Probleme. Insgesamt gesehen sind exportintensive Industrien nicht schlecht, weil diese im Unterschied zu anderen viel stärker als die gesamtwirtschaftliche inländische Nachfrage wachsen. Nur wenn es zu einer Krise kommt, die sich auch auf den internationalen Handel auswirkt, gibt es Probleme.

Krisenstabil sind Regionen im Bereich der Großstädte, die sich vor allem auf den Dienstleistungssektor spezialisiert haben. Hier ist die Nachfrage überproportional steigend, was sich auf die Regionen stabilisierend auswirkt.

Und im ländlichen Raum? Dort waren die nicht im exportintensiven Sektor tätigen Industriebetriebe relativ stabil. Auch Regionen, in denen es Fremdenverkehr gibt und die vor allem eine starke heimische Nachfrage mit einem hohen Anteil an Inländern haben, zum Beispiel im Gesundheitstourismus, blieben stabiler. Das gilt ebenso für Regionen, die auf Winterfremdenverkehr spezialisiert sind: Sie waren aufgrund des schneereichen Winters relativ stabil. Regionen, die sich auf Ausländersommertourismus spezialisiert haben, hatten es im letzten Sommer etwas schwerer.

Wie sehen Sie die Entwicklung in Regionen, in denen die Landwirtschaft ein dominanter Wertschöpfungsfaktor ist? Diese Regionen sind tendenziell Problemgebiete, weil die Wertschöpfung in den nächsten Jahrzehnten unterproportional wachsen wird. Allerdings haben sie auch bestimmte Chancen: erstens, wenn


Finanz- und Wirtschaftskrise ausblicke 1|10

sie hochwertige biologische Nahrungsmittel produzieren, und zweitens, wenn es ihnen gelingt, im Energiebereich Biomasse zu verwenden und sich vielleicht auch als Vorzeigeregionen zu präsentieren, wie Güssing. Dann ist es möglich, sowohl vom Umwelttourismus als auch von der Vorbildwirkung als Erneuerbare-Energie-Region zu profitieren. Es gibt Regionen, die sich von Krisenentwicklungen abkoppeln konnten, wenn sie sich in die Bereiche Bioproduktion und Umwelttechnologien begeben haben.

Wie schätzen Sie die Zukunft der ländlichen Regionen ein? Insgesamt sehe ich die Zukunft der ländlichen Regionen nicht pessimistisch, weil die österreichische Bevölkerung in den nächsten zwei Jahrzehnten von 8,5 auf 10 Millionen wachsen wird. Das wird dazu führen, dass der Raum im Zentrum zu knapp werden und die Nachfrage nach Wohn- sowie Produktionsraum für hochwertige Dienstleistungen in den Regionen steigen wird. Es wird also einen Trend weg von den Städten hin zu den ländlichen Regionen geben. Hier könnte jede Region ein Spezialisierungsmuster entwickeln. Wir haben eine steigende und eine alternde Bevölkerung. Wir haben eine Verschiebung vom Industrie- zum Dienstleistungssektor. Wir stehen mitten in der Entwicklung neuer Umwelttechnologien. Je nach ihren Vor- und Nachteilen kann jede Region ein Konzept entwerfen, wie sie sich in den nächsten zwanzig Jahren positiv platzieren will – zum Beispiel als Dienstleistungshochburg; diese muss gut vernetzt sein und hochqualifizierte Beschäftigte haben, und zwar männliche und weibliche. Wir müssen also vor allem schauen, dass auch mehr Frauen technische Berufe ergreifen. Manche Regionen können sich auf Gesundheitstourismus spezialisieren, andere auf die Bereitstellung erneuerbarer Energie, andere auf SoftwareEntwicklung, andere wiederum auf Alterswohnsitze. Ich denke da zum Beispiel an das Burgenland als das „Florida von Österreich“ mit viel Sonne, Freizeitkultur und hoher Lebensqualität.

Krisen können ja auch als Zeiten der Entscheidung und der Chance auf Umsteuerung begriffen werden.

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Welche Lehren können die österreichischen Regionen aus der Wirtschaftskrise ziehen? Eine Krise ist der beste Zeitpunkt, sich zu überlegen, worauf man in 20 Jahren spezialisiert sein will. Es gibt neue Trends in der Produktion, neue Konsumgüter, neue Fahrzeugtechnologien. Jetzt ist also die Zeit der Neuorientierung und Neustrukturierung.

Es gibt seit Jahren eine intensive Diskussion darüber, wie der ländliche Raum adäquat gefördert werden soll. Dabei konkurrieren verschiedene Sichtweisen und nicht zuletzt auch lobbyistisch geprägte Interessen miteinander. Welche Wege der Förderung soll die Politik Ihrer Ansicht nach verfolgen? Was sollte sie unterlassen? Förderungen sollten generell aufgrund von zukunftsfähigen Konzepten vergeben werden. Es ist nicht sinnvoll, den Wirtschaftszweig „A“ zu fördern, „B“ aber nicht. Es sollten Basiskenntnisse sowie die Qualifikation beider Geschlechter gefördert werden – denn das ist jedenfalls von Vorteil. Dann soll man schauen, wie sich Regionen spezialisieren können. Wo besteht bereits ein bestimmter Kern, den man erweitern kann? Wenn man weiß, dass es in einer Region einen Schwerpunkt im Bereich Holztechniken oder Software gibt, kann man diese Techniken auch im Lehrberuf stärker forcieren. Man könnte spezialisierte Fachhochschulen gründen oder mit der am nächsten gelegenen Fachhochschule oder Universität darüber verhandeln, dass man einen diesbezüglichen Fachlehrgang gründet. Wenn es eine Qualifikation vom Kindergarten bis zur Fachhochschule gibt, kann man Firmen mit einem Konkurrenzvorteil ausstatten. |||

Das Gespräch mit Karl Aiginger, Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), führte Johannes Kaup, ORF, Journalist und Autor.


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ausblicke 1|10 Finanz- und Wirtschaftskrise

Das Waldviertel

Krisenregion mit Oasen Arbeitslosigkeit, Abwanderung, trübe wirtschaftliche Aussichten – Karl A. Immervoll von der Betriebsseelsorge Oberes Waldviertel macht sich über die Probleme des Waldviertels keine Illusionen. Dennoch hält er die Region Oberes Waldviertel für lebenswert: wegen der unvergleichlichen Natur, der vielen Kulturaktivitäten und der tollen Netzwerke und Initiativen, die immer wieder Anlass zur Hoffnung geben. Mit Uschi Sorz sprach er über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Waldviertels und die Bewältigungsversuche in Zeiten der globalen Finanzkrise. Karl A. Immervoll

Herr Immervoll, Sie haben etliche Projekte zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit im Oberen Waldviertel mit initiiert. Was motiviert Sie?

Waldviertler Regionalwirtschaft, und welche Rolle spielen großräumige Vernetzung und Exporte?

Die Landwirtschaft hat hier wegen der ungünstigen klimatischen Bedingungen einen schweren Stand. Der sogenannte sanfte Tourismus ist noch ausbaufähig. Im Gewerbe könnte eine Stärke liegen, wenn die Bevölkerung die Bedeutung der Nahversorgung erkennt. Als ich vor 25 Jahren mit sieben Arbeitslosen die Schuhwerkstatt gegründet habe, hat man Das Obere Waldviertel gilt seit jeher gesagt, um Gottes willen, die Industriebetriebe als strukturschwach, nun kommt noch sperren zu, und du machst eine Schuhwerkstatt auf. Aber wir brauchen auch im Gewerbebereich eine die globale Wirtschaftskrise hinzu. Wie kann die Region das bewältigen? Nahversorgung und können in Nischen MöglichkeiDerzeit beträgt die Arbeitslosigkeit um die 12 Proten schaffen. Siehe GEA, Sonnentor oder Die Käsezent, aber in Wirklichkeit ist sie viel höher, weil sie macher. Letztere sind aus einer kleinen Molkerei entstanden, die in den 1980er-Jahren als unrentabel erteilweise durch AMS-Maßnahmen verdeckt wird. Ich suche generell nach Möglichkeiten, die sogeachtet und zugesperrt worden ist. Heute hat der Benannten einfachen Leute aktiv einzubinden. Wie der trieb mehrere Standorte und exportiert in die ganze Philosoph Leopold Kohr bin ich der Meinung, dass Welt. Es braucht eine Balance zwischen dem, was sich die Leute nicht mehr beteiligen, wenn Struktu- wir lokal leisten können und fördern müssen, und der ren zu groß werden. Daher müssen wir auf überVerbindung zu den Zentralräumen. Mit Produkten, schaubare Einheiten zurückgehen. Das schließt die hereinkommen, aber auch solchen, die wir liefern Selbstversorgung, erneuerbare Energien, etc. mit können und mit denen wir die Welt bereichern. ein. Unsere finanziellen und personellen RessourWie wirken sich die wirtschaftlichen cen fließen in die Zentralräume. Wir können uns Gegebenheiten auf das gesellschaftvon der globalen Entwicklung nicht loskoppeln, müssen aber die Ressourcen innerhalb der Region liche Leben im Waldviertel aus, und wie könnte die Zukunft aussehen? erkennen und vernetzter denken. Die wirtschaftlichen Gegebenheiten wirken sich Welche Bedeutung haben Landwirtkatastrophal aus. Die Innenstädte des Oberen Waldschaft, Tourismus und Gewerbe in der viertels sind leer, irrsinnig viele Häuser stehen zum Meine Motivation sind die Menschen, mit denen ich hier gemeinsam lebe, und meine Vision, dass im Waldviertel ein gutes Leben möglich ist. Nach meinem Studium bin ich genau aus dieser Überzeugung heraus hierher zurückgekommen.


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Verkauf, die Bevölkerungszahlen sinken und werden weiter abnehmen. Vor allem die jungen Leute gehen weg. Die Frage ist, ob wir es schaffen, aus unserer Lage in der Mitte zwischen österreichischen und tschechischen Zentren einen Vorteil zu ziehen. Ein Ansatz wäre auch der Zuzug von Menschen, die in Pension sind. Das müssen ja nicht nur WienerInnen, sondern können auch in Wien lebende WaldviertlerInnen sein, die zurückkehren. Mit den benötigten Dienstleistungen verändern sich Berufsbilder und -chancen. Und derzeit verfolgen Immobilienmakler, aber auch Landesförderungen die Möglichkeit, das Waldviertel unter dem Motto „Wohn(t)raum“ als Wohngegend zu etablieren.

Was hat es mit der Waldviertler Regionalwährung, dem „Waldviertler“, auf sich? Macht dieses System auch in Zeiten der Wirtschaftskrise Sinn? Das Waldviertel wird beraubt, sage ich immer. Wenn das Geld weggeht, gehen die Arbeitsplätze weg, und damit die Leute. Der „Waldviertler“ ist ein Gutschein und wird wie Geld verwendet. Wir haben ihn 2005 nach dem Vorbild von Wörgl 1932 und dem Wirtschaftsmodell von Silvio Gesell eingeführt, um den Kaufkraftabfluss zumindest zu mildern. Ein „Waldviertler“ entspricht einem Euro, und man kann damit in den meisten Betrieben und Geschäften zahlen. Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, zumindest einen Teil des Geldes zurückzuhalten und bei uns zirkulieren zu lassen.

Worin sehen Sie die Gründe für den Erfolg der Waldviertler Schuhe, mit denen trotz Wirtschaftskrise eine Umsatzsteigerung möglich ist? Die Waldviertler Schuhe sind ein hochwertiges, haltbares Produkt von bester handwerklicher Qualität. Sie waren von Anfang an relativ teuer, aber es kostet um einiges mehr, wenn man sich jedes Jahr neue Schuhe kauft. Dazu kommt die Identifikation der WaldviertlerInnen damit. Ein wichtiger Teil des Umsatzes kommt aus dem Werksverkauf im Waldviertel. Und es gibt mit dem GEA-Album eine geniale Werbelinie, die nicht vereinnahmend ist, sondern gewinnend. Ein Mix aus Produktseiten, literarischen und philosophischen Inhalten. Es gibt Leute, die das Heft sammeln, die Auflage reicht mittlerweile an die Million heran. Dass der Betrieb auch in der Krise floriert, hat uns überrascht. Die Waldviertler Werkstätten beschäftigen derzeit über 70 Leute, im letzten Jahr sind 20 bis 30 dazugekommen. Ich denke, die Menschen investieren lieber in bleibende Güter, wenn sie feststellen oder befürchten, dass Geld keinen dauerhaften Wert hat.

Was ist Ihre Bilanz? Worauf hoffen und bauen Sie?

Wenn man sich die Arbeitslosen- und Abwanderungszahlen anschaut, ist vieles negativ. Aber das Waldviertel ist eine lebenswerte Region. Hier habe ich vieles von dem, was ich unter Lebensqualität verstehe: Gemeinschaft, Aktivitäten, Natur. Es gibt KünstlerInnen, LiteratInnen, MusikerInnen, die hierWorum geht es in der neuen Initiative herkommen, weil die Gegend sie inspiriert. Es gibt „Waldviertler Alternativen“? tolle soziale, künstlerische und auch wirtschaftliche Arbeitslosen stelle ich im Wesentlichen drei FraNetzwerke und zahlreiche hochkarätige Kulturvergen: Was kannst du gut? Wofür entscheidest du anstaltungen. Ich glaube, dass sich im Waldviertel dich? Wobei brauchst du Unterstützung? Wie der ein Bewusstsein dafür entwickelt, was an Schätzen Philosoph Frithjof Bergmann und der Theologe Mat- da ist. All diese Initiativen lassen immer wieder thew Fox glaube ich, dass jemand, der herausfindet, Oasen entstehen. Das lässt mich hoffen. ||| was er wirklich machen will, auch Möglichkeiten findet, das zu verwirklichen. Natürlich braucht es Das Gespräch mit Karl A. Immervoll, Betriebsseelsorge Oberes Waldviertel, führte Uschi Sorz, freie Journalistin. politische Rahmenbedingungen. Aber ich sehe genug Arbeit, wir brauchen Leute, die zuhören, für andere einkaufen, den Nachwuchs für Vereine stellen. Diese Arbeitsmöglichkeiten auszuschöpfen und dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt auszuweichen ist Ziel dieser Kampagne.

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Wo ist die Regionalpolitik, wenn es brennt? Regionalpolitik eignet sich nicht als Krisenfeuerwehr. Ihre Aufgabe wäre vielmehr, vorsorgenden Brandschutz zu betreiben, indem sie u. a. rechtzeitig in strategische Kommunikations- und Infrastrukturen investiert, die Einbettung von Forschungs- und Bildungspolitik koordiniert sowie Diversität und Lernen unterstützt, um damit robustere Grundlagen zu schaffen. Markus Gruber

1 Auslöser war die Finanz- und Immobilienkrise, die über Finanzengpässe und Vertrauensverluste in die Realwirtschaft überschwappte und zu Nachfrageausfällen führte. 2 Ein Krisenlöschzug der Regionalpolitik könnte sein: Sanierung und Ausbau kleiner, meist lokaler/regionaler Infrastrukturen (Schulen, Betreuungseinrichtungen, Bioenergieversorgung etc.) mit Zukunftsrelevanz. Diese Maßnahmen dürften wesentlich rascher umsetzbar sein als Großprojekte. Hierzu wäre es notwendig, die Finanzierungstangenten der zunehmend finanziell chronisch klammen Gemeinden temporär zu stärken und mit Kooperationsklauseln zu versehen. Kommunen könnten in diesem Zusammenhang eine wichtige Funktion als Arbeitgeber übernehmen.

Die öffentliche Hand agiert in der – in ihrer Tiefe hoffentlich überwundenen – Wirtschafts- und Finanzkrise immer noch als Feuerwehr, und zwar unter Aufbringung massiver Finanzmittel: Für die zwei bisherigen Konjunkturpakete ist in den Jahren 2008– 2010 ein Mitteleinsatz von 900 Mio. Euro geplant; 570 Mio. Euro sind für zusätzliche Arbeitsmarktpakete veranschlagt, der Haftungsrahmen für die Industrie wurde im Umfang von 10 Mrd. Euro erweitert, ganz zu schweigen von dem 90-Mrd.-Rahmen des Bankensicherungspakets. Hauptakteur bei diesen Maßnahmen ist der Bund, die Länder agieren ergänzend. Es stellt sich nun die Frage: Wo bleibt in der Krisendiskussion die Regionalpolitik?

Ergänzend wurden in Österreich fiskalpolitische Maßnahmen gesetzt – der European Economic Recovery Plan als Rahmen, umfangreiche Maßnahmenpakete des Bundes als Kern, ergänzende Pakte durch die Länder: f Steigerung der Haushaltseinkommen zur Konsumstärkung (z. B. Steuerreform), f Investitionsanreize (z. B. Erhöhung der Haftungsund Garantierahmen, Dotierung des Mittelstandsfonds, thermische Sanierung), f Infrastrukturinvestitionen (z. B. Vorziehen von Infrastruktur- und Sanierungsprojekten), f arbeitsmarktpolitische Maßnahmen (z. B. Kurzarbeit, Qualifizierungsmaßnahmen).

Es brennt – Zur Natur der Krise

Österreich hat damit rasch und mit hoher Intensität auf die Krise reagiert, allerdings mit traditionellen und nur wenig auf Zukunftsinvestitionen ausgerichteten Maßnahmen.

Die gegenwärtige Krise ist auf der Ebene der Realwirtschaft nachfragebedingt, die Dynamik bricht aufgrund fehlender Nachfrage nach Produkten bzw. Investitionen ein – und zwar global.1 Die Krise ist also kein nationales und schon gar kein regionales Phänomen. Regionen sind „Krisennehmer“. Die aktuelle Krise barg (oder birgt?) das Potenzial für eine große Depression in sich. Die Geschwindigkeit der Abwärtsbewegung überstieg jene der 1930er-Jahre bei Weitem, die geografische Betroffenheit war um vieles höher. Letztlich waren aber auch die wirtschaftspolitischen Gegenreaktionen rascher und umfassender (Aiginger 2008).

Welche Löschmaßnahmen wurden gesetzt? Entscheidend sind und waren vor allem Maßnahmen der Zins- und Geldpolitik auf internationaler Ebene.

Wieso sind die Maßnahmen, wie sie sind? Krisen und Konjunkturschwächen kündigen sich zwar an, wenn aber der Abschwung einsetzt, bedarf es in der Regel sehr rascher Reaktionen. Gefragt sind also großflächige Löschaktionen anstelle der Bekämpfung einzelner Brandherde: Bemüht werden Impulse zur Konsumsteigerung, die möglichst breit und vor allem rasch wirken (z. B. Steuerentlastung), bzw. – umstritten, aber meist eingesetzt – vorgezogene Infrastrukturinvestitionen. Um rasch Wirkungen zu erzielen (bei Verzögerungen besteht die Gefahr einer prozyklischen Wirkung), werden ÖBB, ASFINAG und Bundesimmobi-


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liengesellschaft adressiert, da auf sie ein unmittelbarer Durchgriff der Politik möglich ist. In solchen turbulenten Situationen entstehen natürlich auch Anfälligkeiten gegenüber Intentionen gewisser Gruppen – Stichwort Verschrottungsprämie, Milchmarkt-Stabilisierung als Teil des Recovery Plan – sowie das Bankenpaket. Gibt es weitgehend Einigkeit darüber, dass Letzteres notwendig war, sind die beiden ersten Interventionen wohl dem politischen Lobbyismus gut organisierter Industrien geschuldet.

Welche Rolle spielt in der groß angelegten Feuerwehraktion die Regionalpolitik?

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Was kann das bedeuten? f Eine gute Balance zwischen Konzentration (auf Branchencluster, Leitunternehmen) und Diversität in den Strukturen, Unternehmen und Technologien sowie bei den Akteuren, um einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden. f Forcierung von Wissen und Ausbildung: Das eröffnet Handlungsoptionen und ist damit das Fundament für Anpassungsfähigkeit. f Regionale Anpassungsfähigkeit erfordert neben „kultureller Offenheit“ institutionell-strukturelle Komponenten, Lernsysteme, Netzwerke, die Impulse von außen rechtzeitig als Veränderungssignale aufnehmen – Themen, die wir u. a. aus der Diskussion über „Learning Organization“ und „Lernende Regionen“ kennen.

Bislang keine. Die Ursachen dafür liegen in der Verfasstheit der Regionalpolitik und vor allem auch im Wesen regionalpolitischer Maßnahmen: f Es gibt in Österreich keine nationale Regionalpolitik, sondern ausschließlich eine regionale Politik. Es fehlt damit an gemeinsamen Interessenlagen und letztlich an politischer Aufmerksamkeit. Überzogenes Lobbying kann der Regionalpolitik wohl nicht vorgeworfen werden. f Regionalpolitik kann nicht auf Knopfdruck reagieren, schon gar nicht in Krisensituationen. Regionalpolitische Maßnahmen sind dem Wesen nach (hoffentlich) langfristig und offensiv ausgerichtet. Sie unterliegen längeren Aushandlungsprozessen unterschiedlicher Akteure. Privates Kapital wird in Krisenzeiten vielleicht noch für unternehmerische Kernkompetenzen eingesetzt, kaum mehr für auf Standortentwicklung ausgerichtete Projekte mit langfristiger Orientierung.

Was wäre wohl möglich gewesen, wenn auch nur ein Bruchteil des Geldes frühzeitig für die gesamte Bildungs-, Forschungs- und Innovationspolitik sowie für strategische Infrastrukturen eingesetzt worden wäre, um robustere Strukturen zu schaffen, statt diese in die Marginalisierung zu treiben? Und was wäre möglich gewesen, wenn durch die Regionalpolitik (oder besser: durch die Politik in den Regionen) diese Mittel im Sinn regionaler Einbettung auch strategisch koordiniert worden wären? Wir hätten heute sicherlich andere Möglichkeiten, der neuerliche Start würde von einer anderen Position aus stattfinden. Aber klar ist auch: Die Krise hat mit ihren Ausmaßen andere Ursachen – Regionen können vielleicht vorbauen, sich ihr aber nicht entziehen. |||

Brandschutz statt Feuerwehrfunktion

Markus Gruber, convelop

Die Regionalpolitik ist für den vorsorgenden Brandschutz, allenfalls zur Löschung regional-struktureller Brandherde, keineswegs jedoch zur Bekämpfung eines Flächenbrandes geeignet.2 Es geht um ein geschicktes Risikoportfolio, das auf Themen und Stärken der Regionen Bedacht nimmt. Wie auch bei Finanzinvestments gibt es Risikokomponenten. Regionen, die in der Boomphase – verstärkt durch sektorielle Konzentrationen – in expansiven Sektoren stark profitiert haben, sind auch in der Abschwungphase am stärksten betroffen. Im Kern heißt dies für Regionen: Schutzmechanismen aufbauen.

Literatur 1 Europäische Kommission, A European Economic Recovery Plan, Communication from the Commission to the European Council, COM (2008) 800 final, Brüssel 26.11.2008. 2 Karl Aiginger, The Great Recession vs. the Great Depression. Stylised Facts on Siblings that Were Given Different Foster Parents, WIFO Working Papers, Heft 354/2009, Dezember 2009.

Was wäre gewesen, wenn …?


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Krise der Wirtschaft – Wandel der Werte

Der Begriff der Nachhaltigkeit entstand in der Forstwirtschaft.

Jede Krise ist eine Aufforderung, unsere Entscheidungsbasis zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern. Es stellt sich daher die Frage: Sind es nicht falsche Grundlagen, die dazu geführt haben, dass sich unser Wirtschaftssystem als problematisch erweist? Leopold Neuhold

Das Schreckgespenst Krise geht um: Arbeitslosigkeit, sinkender Wohlstand und verengte Zukunftsaussichten sind bedrohliche Signale. Unter Krise wird der drohende oder schon eingetretene Abbruch einer Wohlstandsentwicklung verstanden, die als positiv betrachtet wird. Damit gerät die Bedeutung, die von der griechischen Wurzel des Wortes Krise nahelegt wird, nämlich Unterscheidung oder Entscheidung, ins Hintertreffen. Diese Bedeutung zeigt sich etwa bei einem Krankheitsverlauf, in dem die Krise der Punkt der Entscheidung ist, ob sich etwas zum Guten oder Schlechten verändert. Die Krise, die wir in Wirtschaft und Gesellschaft heute vorfinden, sollte die Frage nach den Grundlagen stellen lassen, die für die Entscheidung maßgeblich waren oder sind. Und da kommt die Frage nach den Werten in den Blick, nach den Maßstäben, die wir an unser Handeln anlegen. Sind es nicht falsche Grundlagen, die dazu führten, dass sich unser Wirtschaftssystem als problematisch erweist? Deswegen soll zuerst ein Blick auf die problematischen Grundlagen unseres derzeitigen Systems geworfen werden. Von Oscar Wilde stammt der Satz: „Heutzutage kennen wir von allem den Preis, von nichts den Wert.“ Ich glaube nicht, dass dieser Satz

für heute gilt. Wir wissen um die Preise, aber auch um die Werte, aber es mangelt an der Verbindung von Preisen und Werten. Die Preise haben sich verselbstständigt, die Preislogik bestimmt den konkreten Ablauf der Gesellschaft und der Wirtschaft. Die Preislogik ist in der Wirtschaft sehr wichtig, sie muss aber in die Wertelogik eingepasst werden. In der Wirtschaft gilt natürlich die Forderung: Wirtschafte wirtschaftsgerecht! Dies bedeutet, die Regelmäßigkeiten des Marktes zu beachten, innovativ zu sein, die Konkurrenz als Ansporn zu sehen. Wirtschaften ist aber mehr. Um es zu einem Kulturprojekt zu machen, ist es wichtig, der Forderung nach Sachgerechtigkeit die Forderung „Wirtschafte menschengerecht!“ an die Seite zu stellen. Man muss mit einbeziehen, dass es Menschen sind, die in der Wirtschaft mitarbeiten, nicht nur Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Bedürfnisse des Menschen gehen über die wirtschaftlichen Bedürfnisse hinaus, der Mensch ist nicht auf den Bereich Wirtschaft zu beschränken. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, die Wirtschaft hat dem Menschen, und zwar allen Menschen, zu dienen. Die Wirtschaft ist aber auch in eine Umwelt gestellt, die einerseits Voraussetzung für wirtschaftli-


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che Tätigkeiten ist, andererseits aber wesentlich von der Art, wie produziert und konsumiert wird, Beeinträchtigung erfährt. So ist eine weitere Forderung wichtig: Wirtschafte umweltgerecht! Dadurch kann aus Umwelt Mitwelt werden. Wirtschaft steht damit im Zukunftsbezug. Die Zukunft wird auch von der Art, wie wir wirtschaften, wesentlich mitbestimmt; wir können damit Zukunft eröffnen oder Zukunft verschließen. In der Forderung „Wirtschafte zukunftsgerecht!“ wird der Maßstab für die Zukunft angelegt. Wirtschaftliche Gestaltungen beeinflussen auch die Abläufe in unserer Gesellschaft. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeutet es etwas anderes, wenn die Wirtschaft unter dem Vorzeichen radikaler Konkurrenz steht, als wenn die Konkurrenz in solidarische Zusammenhänge eingebunden ist. So ergibt sich als weitere Aufforderung: „Wirtschafte gesellschaftsgerecht!“ Werte zeigen die Zusammenhänge für eine konstruktive wirtschaftliche Gestaltung. Insofern kann die derzeitige Krise eine Chance sein, unsere Wirtschaft auf eine neue Basis zu stellen. Was hier Landwirtschaft und bäuerliches Bewusstsein einbringen könnten, soll kurz aufgezeigt werden.

Ausrichtung auf Ganzheitlichkeit Nehmen wir als Ausgangspunkt den bäuerlichen Familienbetrieb. Dieser kann als ein Zusammenspiel der verschiedenen Forderungen betrachtet werden: wirtschaftliche Produktivität auf dem Hintergrund familiärer, die Menschlichkeit betonender Werte, in der Generationenfolge – fußend auf der Tradition – zukunftsorientiert mit der Umwelt arbeitend. In dieser Ausrichtung auf Ganzheitlichkeit kann eine wichtige Basis für einen dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg geschaffen werden. Natürlich gilt es, diese Voraussetzungen auch zu leben, und dafür müssen die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Die von Josef Riegler konzipierte ökosoziale Marktwirtschaft, aus bäuerlichen Werten gespeist, gibt hier ein wichtiges Konzept ab. Wirtschaftlicher Erfolg auf Dauer in der Verwirklichung von Werten des Miteinanders – das bedeutet natürlich, den Blick nicht auf die Maximierung des gegenwärtigen wirtschaftlichen Erfolgs zu legen, sondern auf längere Sicht zu kalkulieren, um damit die Basis für die Zukunft zu stärken.

Nachhaltigkeit Damit sind wir bei einem weiteren Punkt, nämlich der viel beschworenen Nachhaltigkeit. Dieser Begriff hat eine steile Karriere gemacht und droht zu einem Klischee zu werden, unter dem jede Sehnsuchtsperspektive ihren wörtlichen Ausdruck findet. Deshalb gilt es immer wieder konkret zu fragen, was denn unter diesem Wort verstanden wird. Der Begriff Nachhaltigkeit stammt nicht zufällig aus der Forstwirtschaft. Er wurde von Hans Carl von Carlowitz 1713 in einer Schrift eingeführt, in der er über die nachhaltige Nutzung von Wäldern schrieb; er verstand darunter die Nutzung eines regenerierbaren Systems in einer Weise, dass die Produktionsvoraussetzungen in ihren wesentlichen Punkten erhalten bleiben, also der Waldbestand auf natürliche Weise nachwachsen kann. Um eine Ausrichtung auf Nachhaltigkeit wahrscheinlicher zu machen, bedarf es des Denkens in Generationen, wie es in einem bäuerlichen Familienbetrieb noch in vielen Fällen gegeben ist. Für diese Nachhaltigkeit ist die Beachtung natürlicher Rhythmen und des natürlichen Maßes eine wichtige Voraussetzung. Alles im Schweinsgalopp erreichen zu wollen kann die natürlichen Grundlagen sprengen. Im bäuerlichen Denken hat die Gestaltung der Natur immer eine wichtige Rolle gespielt, aber eine Gestaltung, die an der Natur ihr Maß nimmt. Mit der Sprengung des natürlichen Maßes kann ein schneller Erfolg erzielt werden, aber auf Kosten der Zukunft und der natürlichen Basis. Die Wirtschaft muss auch in den sozialen Zusammenhang eingebettet werden. Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen ist ein wichtiger Faktor, der beachtet werden muss. Sich in der Ausrichtung auf den und die anderen auf eine Möglichkeit der Entwicklung einzulassen, auf dem Umweg über andere zur eigenen Entfaltung zu kommen, das könnte ein wichtiger Wert gegen die Krise sein. Krise bedeutet Unterscheidung und Entscheidung. Jede Krise ist also Aufforderung, unsere Entscheidungsbasis zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern. Dazu bereit zu sein ist unsere Aufgabe. ||| Leopold Neuhold, Universität Graz, Institut für Ethik und Gesellschaftslehre

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R체ckblicke und Ausblicke auf die Aktivit채ten von Netzwerk Land sowie Portr채ts von engagierten NetzwerkpartnerInnen geben Einblick in das weite Feld der l채ndlichen Vernetzungsarbeit.


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Netzwerk Land Rückblicke und Ausblicke Netzwerk Land hat sein erstes Jahr gut gemeistert; es ist bekannt geworden, und man weiß, wofür diese Einrichtung steht bzw. was sie macht. Im Folgenden ein erster Leistungsbericht über das Arbeitsjahr 2009 sowie eine Übersicht über das Arbeitsprogramm 2010. Christian Jochum

2009: Netzwerken wie noch nie Eine Herausforderung für Netzwerk Land war (und ist), ein Netzwerk für die gesamte ländliche Entwicklung herzustellen, deren weiter Bogen sich von der Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft über die Verbesserung der Umwelt und der Landschaft sowie die Diversifizierung und Lebensqualität bis zum Leader-Programm spannt. Der erste Erfolgsfaktor ist die Zusammensetzung von Netzwerk Land: Mit den drei Partnern Agrar.Projekt.Verein, Umweltdachverband und ÖAR sind drei kompetente Organisationen vereint, die – jede für sich – einen Teilbereich gut abdecken und Kontakte mitbringen; diese Struktur hat sich bewährt. Dass sich die handelnden Personen gut verstehen und klare interne Spielregeln herrschen, erleichtert die tägliche Arbeit. Die Arbeit wurde in fünf große Themenblöcke („Landwirtschaft und Markt“, „Forstwirtschaft“, „ÖPUL und Umwelt“, „Zukunft Land“ und „Leader“) gegliedert und auf die Partner aufgeteilt. Neben einem Teil, der gemeinsam bestritten wurde, kümmerte sich jeder in seinem Bereich um die Abwicklung des Programms und das Einhalten der inhaltlichen und finanziellen Vorgaben. Eine Grundvorgabe gilt in jedem Fall: Die Akteurinnen und Akteure der ländlichen Entwicklung sind MeinungsbildnerInnen, EntscheidungsträgerInnen, VertreterInnen aus Beratung, Verbänden, NGOs und MultiplikatorInnen im weitesten Sinn – und die Verwaltung ist dezidiert Teil des Netzwerks. Begleitgruppen zum Netzwerken Um sich gerade am Beginn auf die richtigen Maßnahmen zu konzentrieren, die richtigen Leute zu ver-

netzen und die richtigen Beiträge zu organisieren, wurde für alle Bereiche eine Begleitgruppe eingerichtet, wobei „Leader“ und „Zukunft Land“ in einer Gruppe behandelt wurden. Diese Gremien bestehen aus jeweils 10 bis 15 Personen und sind möglichst repräsentativ zusammengesetzt. Vernetzung in drei Dimensionen Innerhalb jedes Themenbereiches wurde in Absprache mit der Begleitgruppe und dem Lebensministerium als Auftraggeber ein Jahresprogramm entwickelt und abgearbeitet. 21 Veranstaltungen mit ca. 900 Teilnehmerinnen und Teilnehmern (MultiplikatorInnen) sind eine stolze Bilanz, vor allem, wenn man sich die (anonymen) Evaluierungen anschaut: Sie brachten Noten (im Schulsystem) zwischen 1 und 2 und lauten u. a. „gut so!“, „fortsetzen!“, „interessant“, „neue Leute kennengelernt“. Zu den Maßnahmen, die alle Themenbereiche betrafen, gehörten zwei erfolgreiche Veranstaltungen: Die Auftaktkonferenz am 25. März 2009 im Austria Center Vienna mit über 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hatte intern und extern ein gutes Echo, und das Seminar „Leader und Forstwirtschaft“ war ein gelungener Versuch, zwei Bereiche zusammenzubringen, die wenig voneinander wissen, obwohl es viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit gäbe. Auch das Magazin für ländliche Entwicklung, das immer ein Schwerpunktthema haben soll, ist für den ganzen ländlichen Raum interessant. Mit dem Titel „Ausblicke“ konnte ein Name gefunden werden, der zugleich Programm ist. Die Homepage www.netzwerk-land.at bietet einen umfassenden Überblick über Veranstaltungen,


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Namen, Adressen, Projekte und über das, was es sonst noch an erwähnenswerten Themen im Bereich ländliche Entwicklung gibt. Unter der Rubrik „Veranstaltungsrückblick“ findet man eine umfassende Dokumentation über jede Maßnahme; alle Präsentationen sind downloadbar. International hält Netzwerk Land vor allem mit dem europäischen Netzwerk (EN RD – European Network for Rural Development) Kontakt. Neben Routinesitzungen gibt es zwischenzeitlich einige Arbeitsbereiche, in denen Österreich aktiv engagiert ist: im Forestry Network, im Social Farming Network, in Leader-Arbeitsgruppen und im Themenbereich „Best Practice“. Auf nationaler Ebene wurden Fäden zu anderen Netzwerken gesponnen. Ein Ziel war und ist, bestehende Strukturen nicht zu verdoppeln oder zu konkurrenzieren, sondern sie zu vernetzen. Best Practice – Ein Beispiel sagt mehr als 1000 Worte Der bekannte und bewährte in Kooperation mit Netzwerk Land vergebene Agrar.Projekt.Preis lieferte wieder gute und beste Beispiele für landwirtschaftliche Diversifizierung. Mittlerweile sind über 500 solche Projekte auf der Agrar.Projekt.Preis-Homepage abrufbar. Für den Jahreswettbewerb 2010, den Kulturlandschaftspreis (mehr darüber auf S. 52), hat Netzwerk Land ebenso das Konzept entwickelt wie für den „ÖKL-Baupreis Landwirtschaft“, der gemeinsam mit dem Österreichischen Kuratorium für Landtechnik vergeben wird.

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Arbeitsprogramm 2010 Sowohl der Kulturlandschaftspreis (Einreichfrist: 16. Mai 2010, Unterlagen auf der Homepage www. netzwerkland.at/umwelt/kulturlandschaftspreis-2010) als auch die Jahrestagung (29./30. September 2010) zum Thema Ökosystemleistungen und Biodiversität in der Landwirtschaft folgen dem EU-Jahresthema Biodiversität. Dem bewährten Konzept entsprechend wird es für jeden Themenbereich ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm geben. Im Wesentlichen wird der erfolgreiche Weg 2009 fortgesetzt werden (z. B. Biodiversität, Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft, Methodenfragen für LAGs). Neue Akzente im Themenbereich „Landwirtschaft und Markt“ wird es speziell für Regionalität geben. Die Zusammenarbeit mit der europäischen Ebene wird zukünftig noch vertieft. Kooperationen mit ähnlichen Einrichtungen in Österreich zur ländlichen Entwicklung speziell auf Landesebene bzw. mit Netzwerken aus dem Bereich Naturschutz oder Forstwirtschaft sollen ausgebaut werden. Die Homepage wird weiter verbessert und vor allem um eine Projektdatenbank ergänzt werden. Alle eigenen und interessante fremde Veranstaltungen werden rechtzeitig angekündigt. Das Magazin „Ausblicke“ wird künftig zweimal jährlich erscheinen. Die zweite Ausgabe dieses Jahres wird dem Thema „Multifunktionalität“ gewidmet sein. |||

Christian Jochum, Leiter Netzwerk Land

Der Baupreis zielt darauf ab, durch die Anerkennung besonderer Leistungen landwirtschaftlichen Bauens die Motivation, auf hohem Niveau zu planen und zu bauen, zu verbessern und die Akzeptanz landwirtschaftlicher Gebäude in der Öffentlichkeit zu fördern. Die Ausschreibung erfolgt österreichweit. Durch die Prämierung innovativer und zukunftsweisender Wirtschaftsgebäude werden der Öffentlichkeit beispielhafte und wirtschaftliche Lösungen präsentiert. Einreichfrist: 16. Mai 2010 Kontakt Dieter Brandl, ÖKL Gußhausstraße 6 1040 Wien Tel.: 01/505 18 91-21 d.brandl@oekl.at www.oekl.at


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Kulturlandschaftspreis 2010 Im Jahr 2010, dem UN-Jahr der biologischen Vielfalt, veranstaltet Netzwerk Land erstmals einen Wettbewerb zum Schwerpunkt Kulturlandschaft und biologische Vielfalt. Hemma Burger-Scheidlin Kulturlandschaften sind von enormer ökologischer und sozialer Bedeutung – menschliche Lebensweisen, Landschaft und biologische Vielfalt sind eng miteinander verknüpft. Mit der Vergabe des Kulturlandschaftspreises 2010 möchte Netzwerk Land den Reichtum an Tier- und Pflanzenarten sowie Lebensräumen sichtbar machen, nachhaltiges Wirtschaften fördern und die Wertschätzung für die Leistung unterschiedlicher LandbewirtschafterInnen stärken. Denn nur durch ihre Arbeit wird es langfristig möglich sein, Kulturlandschaften und Naturschätze zu erhalten. Alle, die Kulturlandschaften erhalten und gestalten, sollen vor den Vorhang geholt und für ihren Einsatz und ihr Engagement gewürdigt werden.

2. Kulturlandschaft & gemeinschaftliche Initiativen Wo wird Kulturlandschaft gemeinsam genützt, geschützt, gepflegt, gefördert und erhalten? 3. Kulturlandschaft & Landwirtschaft/ Forstwirtschaft Wo und wie wird Vielfalt durch bäuerliche Nutzung und Bewirtschaftung gefördert? Gesucht werden Initiativen in der Land- und Forstwirtschaft, die sich für die Erhaltung von Kulturlandschaften sowie der Artenvielfalt einsetzen (z. B. Offenhalten von Almen, Biotoppflege, Erhalt alter Obstsorten). Sonderpreis der Kategorie 3: „Eine wichtige Kleinigkeit“ – Bäuerliche Klein- und Kleinstprojekte, die sich dem Schutz besonderer landwirtschaftlicher Fünf Kategorien Flächen widmen, z. B. von Trockenrasen und StreuGesucht werden Projekte, die das Thema „Kultur- obstwiesen landschaft und biologische Vielfalt“ in den Mittel- 4. Kulturlandschaft & Tourismus punkt stellen und zu einer positiven Entwicklung des Projekte, die dem Tourismus die Themen Kulturlandländlichen Raumes beitragen. schaft, Artenvielfalt und nachhaltiger Tourismus Der Kulturlandschaftspreis wird in folgenden näherbringen Kategorien vergeben: 5. Kulturlandschaft & Bildung 1. Kulturlandschaft & Visionen 2020 Projekte aus dem Bildungsbereich, welche die Bedeutung von Kulturlandschaften und Artenvielfalt in Visionen zu einer Kulturlandschaft der Zukunft


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den Mittelpunkt stellen und einschlägige Informationsarbeit leisten (Vermittlung von Naturbeobachtungen, Einsatz von innovativen Kommunikationsmethoden und -konzepten, etc.)

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weiterführende Finanzierung der Forschungsarbeit 1 Die Entscheidung über die Förderung der weiterführenden durch das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung obliegt dem BMWF. 1 Forschung in Aussicht gestellt.

Die Teilnahmebedingungen Bewertung der Projekte Je nach Kategorie sind bei der Beurteilung der Projekte noch folgende Kriterien wichtig: f Schutzwirkung: Wie groß ist der positive Beitrag zu Schutz und Erhaltung der Artenvielfalt? Wird ein Beitrag zur Bewusstseinsbildung für geschützte Lebensräume, Tier- oder Pflanzenarten geleistet? Wird ein Beitrag zur Erhaltung des Landschaftsbildes geleistet? f Flächen- und Breitenwirkung: Wie viele Personen werden durch das Projekt erreicht? Wie groß ist die geschützte/gepflegte/erhaltene Fläche? f Vernetzungsgrad: Wie viele Partner haben sich zusammengeschlossen? Wie innovativ/intensiv ist die Kooperation? Seit wann besteht sie? f Originalität/Innovation: Ist das Projekt originell und/oder innovativ? f Ganzheitlichkeit: Wurde das Projekt in ein betriebliches oder regionales Gesamtkonzept eingebettet? Werden im Projekt vielfältige und umfassende Bildungsmethoden eingesetzt? Zudem fließt die Qualität der Einreichung in die Beurteilung der Projekte ein. Die Bewertung der Projekte erfolgt nach einem Punktesystem durch eine Jury von zehn ExpertInnen. Die Jury behält sich vor, sich vor Ort von der Richtigkeit der Angaben zu überzeugen. Die Entscheidungen der Jury sind endgültig. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Die Preise Pro Kategorie werden drei Projekte prämiert und ein Siegerprojekt gekürt. Die Siegerprojekte erhalten je 2000 Euro Preisgeld. Alle prämierten Projekte werden über die Medien präsentiert und auf der Homepage www.netzwerk-land.at vorgestellt. Die feierliche Preisverleihung wird im Rahmen der Jahreskonferenz von Netzwerk Land am 29. September 2010 in St. Johann im Pongau stattfinden. Bundesminister Nikolaus Berlakovich wird die Preise überreichen. Für das Siegerkonzept der Kategorie 1 wird eine

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Die eingereichten Projekte müssen sich bereits in Umsetzung befinden bzw. abgeschlossen sein; in der Kategorie 1 können auch Projektideen eingereicht werden. Die Projekte müssen Flächen oder Aktionen in Österreich betreffen; grenzüberschreitende Projekte und Aktionen sind ebenfalls willkommen. Teilnehmen können Privatpersonen/Bäuerinnen und Bauern, Gemeinden, Regionen, regionale Initiativen, Kooperativen, Vereine, Tourismuseinrichtungen, Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie NGOs.

Eine Projektbewertung kann nur bei Vorlage aller Pflichtinformationen erfolgen. Die WettbewerbsteilnehmerInnen erklären sich damit einverstanden, dass die Informationen zu den eingereichten Projekten in einer Datenbank erfasst und auf der Homepage von Netzwerk Land veröffentlicht werden. Das Wettbewerbsdatenblatt bitte online unter www.netzwerk-land.at/umwelt/kulturlandschaftspreis-2010 ausfüllen oder ausdrucken und per Post senden an: Kulturlandschaftspreis 2010, Netzwerk Land, Umweltdachverband Gmbh, Alser Straße 21, 1080 Wien. Einreichschluss: 16. Mai 2010

Organisation Bei der Planung und Durchführung des Wettbewerbs wird Netzwerk Land vom Lehr- und Forschungszentrum Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein und von der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik unterstützt. Der Wettbewerb wird aus den Mitteln der „Ländlichen Entwicklung“ finanziert und von folgenden Organisationen unterstützt: Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik, Ja! Natürlich, Landwirtschaftskammer Österreich, Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Grünland und Futterbau, Raiffeisen-Klimaschutz-Initiative, Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung. |||

Kontakt Hemma Burger-Scheidlin Netzwerk Land Umweltdachverband Gmbh, Alser Straße 21 1080 Wien Tel.: 01/401 13 47 uwd@netzwerk-land.at www.netzwerk-land.at


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Landjugend Österreich Die Landjugend Österreich ist im ländlichen Raum mit über 90.000 Mitgliedern die größte Organisation ihrer Art. Österreichweit gibt es über 1100 Orts- und Bezirksgruppen, neun Landesorganisationen und die Bundesorganisation. Die Arbeit der Landjugend gliedert sich in sechs Schwerpunktbereiche: f Allgemeinbildung, f Landwirtschaft & Umwelt, f Service & Organisation, f Kultur & Brauchtum, f Sport & Gesellschaft, f young & international. Im Bereich Allgemeinbildung hat die Landjugend ein umfassendes Angebot zur außerschulischen Weiterbildung. Jugendliche sollen sich persönlich weiterentwickeln können sowie Aufgaben und Verantwortung im ländlichen Raum übernehmen. Seit 2005 wird der „aufZAQ“-Lehrgang österreichweit angeboten. „aufZAQ“ ist ein EU-zertifiziertes Ausbildungsprogramm für den Bereich Jugendarbeit und Freizeitpädagogik. Dieser Lehrgang ist nur ein Beispiel für das vielseitige Kurs- und Seminarprogramm der Landjugend. Darüber hinaus werden den Mitgliedern zahlreiche Funktionärsunterlagen und Broschüren kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Bereich Landwirtschaft & Umwelt hat die

Sonja Reinl

Wissensvermittlung durch Wettbewerbe im Mähen und Pflügen sowie im Bereich Forst schon eine lange Tradition. Neben diesen klassischen landwirtschaftlichen Wettbewerben gibt es seit 2008 die Agrar- und Genussolympiade, bei der Konsumenten und Produzenten gemeinsame Stationen zu absolvieren haben. Sämtliche Auslandsaktivitäten unserer Jugendorganisation laufen unter dem Arbeitstitel „young & international“. Die Landjugend ist die größte Stelle in Österreich, die Praktika in landwirtschaftlichen Betrieben in Europa und Übersee vermittelt. Im vergangenen Jahr haben rund 280 Jugendliche die Chance ergriffen und ein Praktikum im Ausland absolviert. Die Landjugend Österreich ist auch Mitglied im Europäischen Landjugendverband. Hier gab es für die Landjugend 2009 ein besonderes Highlight. Das „BestOf09“-Siegerprojekt der Landjugend „Sagenhaftes Wölzertal“ konnte beim europäischen Projektwettbewerb den ersten Platz erreichen. Die Landjugend informiert ihre Mitglieder über die alle zwei Monate erscheinende Zeitschrift „landjugend“ (Auflage: 56.000 Exemplare) und über die Homepage www.landjugend.at, die im Jahr 2009 mit über 14 Millionen Seitenaufrufen einen neuen Rekord erzielt hat. Darüber hinaus erscheint sechsmal jährlich ein Newsletter. Die Betreuung der Medien sowie das Qualitätsmanagement der Landjugend fallen in den Bereich Service & Organisation. Der Schwerpunktbereich Kultur & Brauchtum wird vor allem in den Orts- und Bezirksgruppen umgesetzt. Ebenso gibt es eine Vielzahl von sportlichen Veranstaltungen und Projekten, die in den Arbeitsbereich Sport & Gesellschaft fallen. |||

Sonja Reinl, Landjugend Österreich

Die Bundesleitung stellt sich vor In der Landjugend sind alle Leitungspositionen immer von einem Mädchen und einem Burschen besetzt. Monika Zirkl und Hannes Kessel sind mit der Bundesleitung betraut. Monika Zirkl wurde im Oktober 2008 zur Bundesleiterin gewählt; vorher war sie Landesleiterin der Landjugend Steiermark. Johannes Kessel ist bereits das vierte Jahr als Bundesleiter im Amt. Johannes Kessel sieht die besondere Herausforderung im kommenden Jahr in der Umsetzung der Schwerpunktthemen Lebensmittel und Wasser. Monika Zirkl möchte 2010 vor allem die bundesländerübergreifende Zusammenarbeit der Landjugend fördern. www.landjugend.at


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Blumenwiese am Natura Trail Fronwiesen mit Ausblick auf die Karawanken

Natura Trails Naturfreunde promoten europäische Schutzgebiete. Judith Michaeler Die Naturfreunde haben eine lange Tradition, Naturschutz und Tourismus miteinander in Einklang zu bringen. Dass diese beiden Themen zu unterschiedliche Ansprüche erzeugen, ist nicht zwingend der Fall und meistens das Resultat gewinnmaximierenden Denkens und kurzfristiger ökonomischer Entscheidungen ohne jedes ökologische Gespür. Touristische Aktivitäten können nämlich ganz nach dem Motto „Was ich kenne, kann ich auch besser schützen“ einen wesentlichen Beitrag zu Natur- und Umweltschutz leisten. In diesem Sinn hat die Naturfreunde Internationale über die letzten Jahrzehnte hinweg immer wieder groß angelegte Natur- und Umweltschutzkampagnen ins Leben gerufen und gemeinsam mit ihren Mitgliedorganisationen, die in 21 Ländern mit über 500.000 Naturfreundinnen und Naturfreunden präsent sind, durchgeführt. Nach erfolgreichen Initiativen wie „100.000 Bäume“, „Blaue Flüsse für Europa“ und „Grüne Wege für Europa“ haben die Naturfreunde in den vergangenen Jahren mit dem Projekt „Natura Trails – Europas Naturschätzen auf der Spur“ das europäische Schutzgebietsnetzwerk Natura 2000 ins Zentrum ihrer Aktivitäten gerückt.

Positives Bewusstsein für Europas Naturschätze Natura Trails sind attraktive Wege durch Natura2000-Gebiete, die deren Naturschätze mit allen Sinnen erlebbar machen und ein positives Bewusstsein für Europas Naturschätze schaffen wollen. Naturfreunde-Ortsgruppen in Deutschland, Österreich, Rumänien und Tschechien haben Routen durch Natura-2000-Gebiete zusammengestellt und präsentieren diese in ansprechenden Foldern: Beschrieben werden die Besonderheiten von schützenswerten Landschaftstypen, die Lebensräume bedrohter Pflan-

Nachdem Judith Michaeler, Naturfreunde Internationale, bereits 2006 im Rahmen eines Akademikertrainings mit dem Projekt „Natura Trails“ in Kontakt kam, arbeitet sie seit Um eine „Verschilderung“ der Natur zu vermeiden, werden Tafeln auf Natura Trails bewusst sparsam eingesetzt.

2007 für die Naturfreunde Internationale mit den betreffenden Naturfreunde-Landesorganisationen und -Orts-

zen und Tiere sowie die Tier- und Pflanzenarten, denen man beim Wandern auf dem jeweiligen Natura Trail begegnen kann. Auf diese Weise tragen die Natura Trails zur Sensibilisierung der Touristinnen und Touristen und der Bevölkerung für den Schutz von Lebensräumen und der Artenvielfalt bei. Der Erfolg der Natura Trails ist natürlich in hohem Maß von der Einbindung möglichst vieler lokaler Akteure abhängig. Mit ihnen steht und fällt das Projekt, denn sie sind es, die am besten über die Naturschätze vor ihrer Haustür Bescheid wissen und im Kampf um deren Erhaltung entscheidende Schritte setzen. Mittels webbasierter und GPS-unterstützter Informationsvermittlung werden in Zukunft auch jene Menschen angesprochen werden, denen diese Naturjuwele nicht unmittelbar zugänglich sind. Durch die multimediale Aufbereitung einzelner Natura Trails soll diese Art der Informationsvermittlung noch 2010 auf eine neue Ebene gehoben werden. |||

gruppen an der Realisierung von Natura Trails. Nach ihrem Studium an der Universität für Bodenkultur in Wien mit den Schwerpunkten Naturschutz und Landschaftsökonomie sowie Partizipation und Kommunikation und einer anschließenden weiterführenden Ausbildung in Frankreich an der Ecole Supérieure d’Agriculture d’Angers ist Judith Michaeler nun maßgeblich daran beteiligt, die Anliegen des europäischen Landschaftsund Naturschutzes innerhalb der Naturfreunde-Bewegung und weit darüber hinaus zu kommunizieren und dafür ein noch größeres Bewusstsein zu schaffen. www.naturatrails.net www.nf-int.org


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Land der Ballone, Land der Gelassenheit

Leader-Region Oststeirisches Kernland In der Leader-Region Oststeirisches Kernland reist man gerne durch die Lüfte und entdeckt die Kunst der Entschleunigung. Teresa Arrieta Im Kernland weht ein anderer Wind: Die geringen Luftströmungen machen das Gebiet zu einem beliebten Ziel für Ballonfahrer. An windschwachen Tagen – ideal für diesen kontemplativen Sport – gleiten die bunten Flugkörper gemächlich durch die weite Stille des Firmaments. „Entschleunigung“ ist ein wichtiges Stichwort für die erst 2007 gegründete Leader-Region, in der 35 Gemeinden der Bezirke Weiz, Hartberg und Fürstenfeld vereint sind und die aus drei touristisch gut etablierten Teilregionen besteht: Apfelland – Stubenbergsee, Naturpark Pöllauer Tal und Hartbergerland. Im Reich der Apfelwiesen, Schlossruinen und Flüsse pflegt man die Kultur der gemächlichen Fortbewegung. Die Feistritztaler Schmalspurbahn zuckelt, von einer schnaubenden Dampflok gezogen, über Viadukte und Brücken; die Reisenden genießen das Panorama in Personenwagen aus der Gründerzeit. Im nahen Stubenberg bietet der einzige Schlosskutscher Österreichs seine Dienste an: Ein Picknickausflug mit Pferdegespann gefällig? Oder eine Schlossruinentour samt Weinverkostung? Oder gar eine nächtliche Fahrt bei Vollmond, Grusel inbegriffen? Die sanfte Hügellandschaft kann man per Kutsche besonders gut in sich aufnehmen.

Renaissance der Hirschbirne Wer motorisierte Langsamkeit bevorzugt, sei auf die

zünftige „Traktorgaudi“ verwiesen – das sind Oldtimerfahrten zu Buschenschanken oder zum „Ersten österreichischen Schnapslehrpfad“. Besinnliche Zeitgenossen können das Kernland auch zu Fuß entdecken: etwa auf dem Pilgerweg zur Wallfahrtskirche Pöllauberg. Tausende machen sich jedes Jahr hierher auf, um Kraft zu tanken und das kirchliche Gnadenbild – eines der schönsten Werke steirischer Hochgotik – zu bewundern. In Pöllau gedeiht auch die Hirschbirne, die es nur noch hier gibt und die zu Saft, Essig, Edelbrand und Kletzen verarbeitet wird. Sie hat der Gegend den Titel „Genussregion“ beschert, was zu einem Revival dieses aromatischen Obstes geführt hat. Die weiß blühenden Birnbäume, die der Landschaft ihren außergewöhnlichen Charme verleihen, werden nun wieder gepflegt, und die Gastwirte tischen neuerdings Schweineschopf mit gedörrten Hirschbirnen oder Hirschbirnkipferln auf.

Der langsame Zeitgeist „Regionalentwicklung bedeutet nicht, ideale Bilder zu entwerfen, sondern neue Potenziale zu entdecken“, erläutert Leader-Manager Wolfgang Berger die strategische Ausrichtung im Oststeirischen Kernland. Er unterstützt „Slow-Initiativen“ in den Bereichen Tourismus, Landwirtschaft und Bildung, durch die immer mehr Oststeirer die Vorzüge ihrer Region entdecken. Die Bezirkshauptstadt Hartberg wurde 2009 sogar in den internationalen Verbund der lebenswerten Städte „cittàslow“ aufgenommen: als Auszeichnung für die nachhaltige und ökologische Ausrichtung der Stadtpolitik sowie für besondere Bemühungen um die Bewahrung der historisch gewachsenen Identität.


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Im Oststeirischen Kernland sollen nun neue Umgangsformen mit dem Faktor Zeit entstehen. Geplant sind u. a. Weiterbildungsmöglichkeiten für Arbeitslose zwecks sinnvoller Zeitnutzung, Gesundheitsangebote zum Stressabbau und Kunstprojekte im öffentlichen Raum. „Zeit habe ich so viel, wie ich mir nehme“, erläutert der Kulturphilosoph Erwin Fiala, der das Konzept mitgestaltet hat. Begonnen wird im Sommer 2010 mit einem Zeitkultur-Symposium. Ziel ist, die Teilnehmer zum Nachdenken über die eigenen Zeitressourcen anzuregen. Die im Rahmen des Symposiums gegründeten Arbeitsgruppen sollen neue Zeitgestaltungsideen in die Bevölkerung tragen, die auch das örtliche Wirtschaftsleben beeinflussen. „Beispielsweise könnten in örtlichen Unternehmen statt Akkordarbeit längere Regenerationsphasen eingeführt werden“, meint Erwin Fiala. „Ist die Arbeitsgestaltung menschenfreundlicher, wirkt sich das auf die Leistung positiv aus, trotz längerer Pausen. So würden sich Zeit- und Arbeitsqualität verbessern.“

Soziale Ökologie Zu dieser neuen Zeitkultur gehört auch die soziale Ökologie: Im Oststeirischen Kernland liegt der Firmensitz des Fleischverarbeiters Schirnhofer, der seit den 1990er-Jahren eine tiergerechte und umweltfreundliche Produktion aufgebaut hat. Mit LeaderHilfe hat er in den vergangenen Jahren die benachbarte Almo-Genussregion mitgestaltet. Auf deren Almen weidet der nach Slow-Food-Kriterien gezüchtete Almo-Ochse. Der im oststeirischen Kaindorf angesiedelte Stammbetrieb wurde auf Ökostrom umgestellt und mit einem ausgeklügelten Wärmerückgewinnungssystem ausgestattet. Seit Herbst 2009 zeigt hier ein mit Leader-Unterstützung geschaffenes gläsernes Besucherzentrum die gesamte Kette der Nahrungsmittelerzeugung – vom Humusaufbau der Böden über Tierhaltung bis zur Fleischverarbeitung. Kaindorf nennt sich mittlerweile „Ökoregion“ und präsentiert sich als Vorbild in Sachen Kreislaufwirtschaft und Nutzung erneuerbarer Energie. Das umfangreiche Konzept reicht von klimafreundlicher Mobilität über energiesparende Heizsysteme bis hin zu innovativen Landwirtschaftsprojekten. ||| Teresa Arrieta, Freie Journalistin, Ö1-Sendungsgestalterin und Autorin

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„Das eigene Potenzial bewusst machen“ Im Gespräch mit Wolfgang Berger, LAG Oststeirisches Kernland Herr Berger, was macht einen erfolgreichen Leader-Manager aus? Ein guter Leader-Manager versteht es, genau auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zu hören und mit begrenzten Finanzmitteln Innovationen zu generieren. Ich möchte bei den Menschen Begeisterung auslösen. Das funktioniert am besten, wenn ich selbst von einem Thema überzeugt bin und an eine Idee glaube. Wie bewirkt man als Leader-Manager neue Ideen? In der Oststeiermark geht es darum, das Selbstbewusstsein der Bevölkerung zu stärken, das Bewusstsein für das eigene Potenzial und für das, was bereits geschafft wurde, zu schärfen. Die Menschen hier sind oft recht selbstkritisch. Sobald es gelungen ist, ihre Zweifel auszuräumen und ihren Enthusiasmus zu wecken, entsteht leichter Raum für Neues. Sie haben mit dem Thema „Zeitkultur“ für Ihr Leader-Gebiet eine ungewöhnliche Positionierung gewählt. Wie kam es dazu? Wir haben festgestellt, dass das Thema Entschleunigung in den meisten Projektanträgen genannt wird, und initiieren nun strukturfördernde Projekte, die sich um den Umgang mit der Zeit drehen. Im Bildungsprojekt „Lernende Region, kreative Region“ fördern wir Berufsbilder in der Kreativwirtschaft, um neue Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen, zum Beispiel in Kooperation mit Möbeldesignern. So wird das schöpferische Potenzial der Region genutzt. Wir hoffen auch, erfolgreiche Künstler in die Region zurückzuholen, etwa mit einem Projekt wie „Artists/Designers in Residence“.

LAG Oststeirisches Kernland Hartl 300, 8224 Kaindorf Kontakt: Wolfgang Berger Tel.: 0 33 34/314 78-0 office@kernregion.at


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Leader-Region Hohe Tauern

Ungezähmte Berge In den Hohen Tauern leben in ihren Traditionen verwurzelte Menschen. Heute lernen sie, die wilde Natur ihrer Heimat neu zu schätzen. Teresa Arrieta Gletscher und bergbäuerliches Kulturland, das sind die beiden Gesichter der Leader-Region „Nationalpark Hohe Tauern“. Der Salzburger Teil dieses Naturschutzgebietes, das sich auch über Kärnten und Tirol erstreckt, wurde 1984 eingerichtet. In den folgenden zwanzig Jahren hat sich die Region zum größten geschützten Naturraum der Alpen entwickelt. In den Extremlagen gedeihen Tausende Tierund Pflanzenarten, viele Monate im Jahr herrscht tiefer Winter. Wanderer können außergewöhnliche Naturjuwele entdecken: unberührte Bergseen und grandiose Wasserfälle ebenso wie jahrhundertelang gepflegte bäuerliche Kulturlandschaften. Das zerklüftete Gebiet prägt auch die Bewohner, kulturelle Unterschiede zwischen den Tälern sind zahlreich. Allein im Pinzgau existieren drei verschiedene Dialekte mit unterschiedlichem Klang und Wortschatz. In dem von Leader unterstützten Mundartarchiv von Mittersill ist beispielsweise nachzulesen, dass eine „Gaschdlhöbbön“ eine Gärtnerin ist und „umwigln“ schwer arbeiten bedeutet.

Authentisch bleiben In der kalten Jahreszeit sind in den engeren Tälern die Sonnentage gezählt. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist ein häufig gepflegter Leitsatz, der die unabhängige Geisteshaltung der Einheimischen gut wiedergibt und Regionalentwicklern ihre Aufgabe nicht immer leicht macht. „Ich gehe auf die Leute zu und biete ihnen meine Unterstützung sehr direkt an, denn die Bittstellerrolle liegt den Pinzgauerinnen und Pinzgauern nicht“, sagt Leader-Managerin Georgia Pletzer. Sie fördert Regionalentwicklung in Einklang mit den Schutzbestimmungen des Nationalparks.

Was auch bedeutet, das Gebiet gegen die Begehrlichkeiten des Wintermassentourismus zugunsten von mehr Lebensqualität für Besucher und Bewohner zu verteidigen. „Die Region kann nur stark werden, wenn sie authentisch bleibt. Darum zu kämpfen ist mein Kerngeschäft“, sagt die gelernte Touristikerin, die den Job vor anderthalb Jahren übernommen hat. Teil der Leader-Strategie ist es, die Einheimischen für die Nationalpark-Philosophie zu begeistern und Alternativangebote zu Schifahren mit Massenabfertigung zu entwickeln. Die neuen Ideen reichen vom Schneeschuhwandern bis zu Sommerurlauben am Biobauernhof.

Im Zeichen des Apfels Nach dem aromatischen Bramberger Apfel wurde eine eigene „Genussregion“ benannt. Am Anfang dieses Projekts stand die Anschaffung einer großen Obstpresse mit Leader-Hilfe. Sie ermöglicht die Gewinnung von besonders schmackhaftem Apfelsaft. Innerhalb kürzester Zeit kam es zu einer unerwartet dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung im Zeichen des Apfels: Von kosmetischen Produkten über Apfelbrot bis zu Apfelschokolade reicht das Angebot, das bei den Gästen gut ankommt. Die alten Obstbäume werden nun nicht mehr gefällt, und das Tal begeistert Frühlingswanderer mit lieblicher Apfelblüte.

Neue Jagdkultur „Wilde Natur“ ist ein weiteres erfolgreiches LeaderProjekt. Ziel von Projektleiterin Christine Zandl, einer passionierten Jägerin, war es, veredelte Wildbretprodukte in den regionalen Handel zu bringen. Seit Herbst 2009 finden Wildschinken und Wildrohwürste


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zahlreiche Abnehmer in lokalen Delikatessmärkten – ein neuer Absatzmarkt für dieses besonders gesunde und cholesterinarme Fleisch. Für Jäger gibt es nun Weiterbildungen zum Thema Hygiene, und in der Bevölkerung finden Wildbret-Kochkurse großen Anklang, denn das Wissen über die Verarbeitung der vielfältigen Fleischteile ist zunehmend verloren gegangen. Das Projekt trägt auch zur Imageverbesserung der Jägerzunft bei. „Wir Jägerinnen und Jäger regeln die Wildbestände auf ein für die Kulturlandschaft verträgliches Maß“, erklärt Christine Zandl. „Jäger sind wichtige Umweltexperten, die über die Zusammenhänge in der Natur genau Bescheid wissen, aus jahrzehntelanger eigener Beobachtung.“ Beispielsweise kennen sie die Rückzugsgebiete von Wildtieren so genau wie niemand sonst. „Sie sollten bei der Planung von Schipisten und Hubschrauberrouten unbedingt mit einbezogen werden“, betont Zandl.

Pflanzenwissen beleben Ein weiteres Leader-Erfolgsprojekt ist der Hollersbacher Kräutergarten, der im letzten Sommer eröffnet wurde und auch aus dem Ausland Besucher anzieht. Vor zwanzig Jahren legte der Kosmetikriese Yves Rocher in Hollersbach ein 7500 m2 großes Kräuterfeld an, das zahlreiche Arbeitsplätze garantierte. Als das Unternehmen sich vor wenigen Jahren zurückzog, löste das Bestürzung aus. Bis die Landwirtin Andrea Rieder ein Leader-Projekt zur Umgestaltung des Areals einreichte. Aus dem industriell genutzten Kräuterfeld wurde ein wunderschönes, spiralförmig angelegtes Biotop, in dem heute mehr als 500 verschiedene Pflanzenarten gedeihen. Mit dem Hollersbacher Kräutergarten wird das traditionelle Wissen über die Heilkraft von Kräutern und Blumen neu belebt. Führungen, Kräuterkochkurse, Seifenherstellungsworkshops und Räucherseminare zur energetischen Harmonisierung runden das Angebot ab. „Heute profitiert die Region von unserem Kräutergarten weit mehr als von der früheren YvesRocher-Produktion“, zieht Andrea Rieder ein zufriedenes erstes Resümee. |||

Teresa Arrieta, Freie Journalistin, Ö1-Sendungsgestalterin und Autorin

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„Ich lebe mit den Projekten mit“ Im Gespräch mit Georgia Pletzer, LAG Nationalpark Hohe Tauern

Wie definieren Sie Ihre Aufgaben als LeaderManagerin? Ich hole die Menschen dort ab, wo sie gerade stehen. Wichtig ist, viel miteinander zu reden, um genau herauszufinden, wie man eine Idee sinnvoll unterstützen kann. So werde ich zur Geburtshelferin für innovative Projekte. Ich helfe bei der Konzepterstellung und Umsetzung, ich schlage die Brücke zu Förderstellen, Kammern und Bildungseinrichtungen. Im Grunde bin ich eine Motivationsexpertin, die Menschen miteinander verbindet. Unter welchen Voraussetzungen wird ein Projekt erfolgreich? Es gehört viel Herz dazu. Wichtig ist, dass die Idee zur Region passt, denn man kann den Gästen, die in die Hohen Tauern kommen, nichts vorgaukeln. Die Projektträger brauchen einen langen Atem und müssen risikofreudig sein, denn meistens muss ja ein Kredit aufgenommen werden. Viele, die bei Leader einreichen, sind Pioniere und kreative Visionäre: Ihnen liegt kaufmännisches Denken nicht immer, kompetente Beratung ist daher wichtig. Wie beurteilen Sie die Neuerungen, die das Leader-Programm in der aktuellen Periode mit sich bringt? Der bürokratische Aufwand schreckt viele Leute ab. Heute wird jedes Projekt weit strenger als früher auf die wirtschaftlichen Aspekte hin geprüft, man kann nicht mehr so viel ausprobieren. Erfolgreich umgesetzte Ideen stärken aber die Popularität von Leader. Da sehe ich oft ein wunderschönes Leuchten in den Augen der Menschen. Sie kommen zu mir und sagen: „Danke, es hat sich ausgezahlt!“

LAG Nationalpark Hohe Tauern Gerlosstraße 18, 5730 Mittersill Kontakt: Georgia Pletzer Tel.: 0 65 62/408 49 24 office@nationalparkregion.at


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ausblicke 1|10 International

Nahrung für Wachstum Die Programme für ländliche Entwicklung in Finnland Juha-Matti Markkola

Finnland ist das nördlichste Mitgliedsland der EU und zugleich eines der ländlichsten. Zurzeit laufen in Finnland zwei Programme für ländliche Entwicklung: eines für das Festland und eines für die autonome Provinz Åland. Die Mittelvergabe konzentriert sich auf Unterstützungszahlungen für Bäuerinnen und Bauern, die von den natürlichen Gegebenheiten her benachteiligt sind, sowie auf Agrarumweltmaßnahmen. Die Programme sollen die Fortführung der landwirtschaftlichen Produktion unter Bedachtnahme auf Umweltüberlegungen sicherstellen. Außerdem will man Betriebe in ländlichen Gebieten fördern und die Zahl der Arbeitsplätze erhöhen. Mithilfe verschiedener Instrumente soll die Wettbewerbsfähigkeit ländlicher Betriebe gesteigert werden. Es geht vor allem darum, die Qualität der Nahrungsmittelkette sowie des Holz- und Bioenergiesektors durch die Förderung des Einsatzes neuer Technologien und die Hebung des Know-hows zu verbessern. Aufbau, Wachstum, Entwicklung und Investitionen ländlicher Kleinstbetriebe werden durch Schwerpunkte

Schwerpunkt 1 Schwerpunkt 2 Schwerpunkt 3 Schwerpunkt 4 (Leader) Technische Unterstützung (davon ländliches Netzwerk) Gesamt

Starthilfen, Ausbildungsmaßnahmen und regionale Clusterprojekte unterstützt. Zusammenarbeit und Networking finden im ganzen Land günstige Bedingungen vor. Leader in Finnland In Finnland gibt es 56 Leader-Aktionsgruppen, die als Vereine registriert sind. Die Vorstände sind paritätisch mit Vertretern der Gemeinden, Verbände und LandbewohnerInnen besetzt. Die öffentlichen Förderungen für die LAGs belaufen sich innerhalb des siebenjährigen Programmzeitraums auf insgesamt 242 Mio. EUR; die Zuwendung pro Gruppe liegt zwischen 2,5 und 6,8 Mio. EUR. Die LAGs planen, etwa 7000 Projekte zu finanzieren, wozu auch die Förderung kleiner ländlicher Betriebe gehört. Die Bandbreite der Projekte reicht von der Unterstützung einzelner Betriebe über Dorfentwicklungs- bis hin zu Umweltinitiativen. Auch Ausbildungsmaßnahmen und Investitionen im Sinn des Allgemeinwohls können finanziert werden. Alle Pläne der LAGs für die Entwicklung des ländlichen Raums umfassen auch internationale Aktivitäten, wobei jede Gruppe spezifische Auswahlkriterien hat. Weitere Informationen: www.rural.fi ||| Juha-Matti Markkola, Netzwerk für ländliche Entwicklung Finnland

Öffentliche Förderung in Mio. EUR insgesamt

davon EU-Mittel in Prozent

davon EU-Mittel in Mio. EUR

504 5.406 433 242 40 (12) 6.625

45 28 45 45 45

227 1.514 195 109 18

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2.063


International ausblicke 1|10

Der mobile Zahnpflegedienst Suukko

Das Projekt „Vom Land lernen“ Wird es auf dem Land in Zukunft genügend qualifizierte Arbeitskräfte und UnternehmerInnen geben? Das ist die Frage, mit der sich die BewohnerInnen von Nordsavo konfrontiert sehen. In der Region ist bereits in manchen Berufen wie bei Erntemaschinenfahrern sowie Fachleuten für den Bau landwirtschaftlicher Anlagen eine Knappheit eingetreten. Laut Projektkoordinatorin Sanna Perkiömäki sollen mit der Initiative „Vom Land lernen“ Jugendliche in Nordsavo und ihre LehrerInnen mit unterschiedlichen landwirtschaftlichen Berufen, Geschäftsperspektiven sowie Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten vertraut gemacht werden. Es gehe darum, Jugendliche darin zu bestärken, auf dem Land nach Arbeit zu suchen, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen und sich das Ausbildungsangebot zunutze zu machen. Das Projekt wendet sich an alle Jugendlichen und LehrerInnen höherer Schulen in Nordsavo. Bei der Entwicklung von Modellen, aber auch in anderen Bereichen arbeitet man eng mit sieben Pilotschulen im Gebiet dreier Leader-Gruppen zusammen. Sanna Perkiömäki zufolge entsteht gerade ein enges lokales Netzwerk zwischen Betrieben und Schulen. Verschiedenste Unterrichtsgegenstände werden um ländliche Belange erweitert, und die Schüler lernen die lokalen Betriebe und unterschiedlichen Ausbildungsmöglichkeiten kennen. Sanna Perkiömäki freut sich, dass bisher alle ins Auge gefassten Ziele mehr als erreicht worden sind. Sie verweist darauf, dass die das Projekt finanziell fördernden Schulen, Partnerfirmen und bäuerlichen Betriebe das Thema als für die Region besonders wichtig erachten. Das Projekt wird von der für Savo zuständigen Unterrichtsbehörde umgesetzt. Das Budget beläuft sich auf 187.500 EUR, wobei 37.500 EUR aus privaten Quellen stammen. Der Rest wurde durch Förderungen der drei LAGs Kalakukko ry, YläSavon Veturi ry und Mansikka ry aufgebracht.

Anne Ukkola behandelt Viesti Siilasvuo im Caritas-Heim in Oulu.

Anne Ukkola ist eine Zahnpflegerin, die vor allem ältere und behinderte Menschen sowie private und öffentliche Fürsorgeeinrichtungen besucht. Sie betreut Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Zähne zu reinigen, und denen es schwerfällt, eine entsprechende Einrichtung aufzusuchen. Die Zahnpflege älterer Leute wird zusehends wichtiger, weil es immer mehr betagte Menschen gibt, die noch ihre eigenen Zähne haben. Anne Ukkola nahm ihre Fulltime-Tätigkeit im Frühsommer 2009 auf. Vorher hatte sie als Lehrerin und daneben als mobile Zahnpflegerin gearbeitet. In Finnland gibt es bereits mehrere mobile Einheiten dieser Art. Anne Ukkola ist aber wahrscheinlich die Erste, die sich entschloss, Privatunternehmerin zu werden. Der Unternehmerverband der nördlichen Region von Ostbottnien würdigte ihre Initiative im November 2009 mit einem Preis für innovative Geschäftsideen. Sowohl Angehörige der Branche als auch GeschäftsgründungsexpertInnen ermutigten Anne Ukkola, sich selbständig zu machen. Anne Ukkola absolvierte daraufhin eine spezielle Ausbildung für im Gesundheitsbereich tätige Selbständige – eine, wie sie sagt, für sie positive und lohnende Erfahrung. Auch die LAG Jomma hat Anne Ukkola sehr unterstützt, indem sie ihr Projekt begleitete und ihr half, Investitionen zu tätigen und ihre unternehmerischen Pläne umzusetzen. Hannele Kontiainen

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Annika Korpilo, Niina Tahkokallio und Sanna Tiilikainen, Studentinnen der Laurea-Hochschule für angewandte Wissenschaften Schüler und Lehrer in Nordsavo machen sich mit verschiedenen ländlichen Berufen vertraut.


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ausblicke 1|10 Internationale Terminankündigungen

Internationale Terminankündigungen Deutschland Tagung August/September 2010: Innovative Einkommensfelder für Landwirte Neue Erwerbskombinationen bieten die Möglichkeit, das Einkommen eines landwirtschaftlichen Betriebs zu festigen und zu diversifizieren. Gerade für multifunktionale Betriebe und angesichts des gegenwärtigen Wandels der Regionen ist das Thema „Soziale Landwirtschaft“, das europaweit schon seit einigen Jahren eine große Rolle spielt, von besonderer Relevanz. www.netzwerk-laendlicher-raum.de/service/veranstaltungen/ in-planung Italien Symposium 3.– 5. Juni 2010: Welt und Wirtschaft im Umbruch Die komplexen Probleme und Zusammenhänge einer global vernetzten Welt erfordern Kooperation, nicht Konkurrenz. Ein „Change Management“ mit ausschließlichem Blick auf die Optimierung des eigenen Vorteils wird nicht ausreichen, um eine gedeihliche Zukunft zu garantieren. Wie kann es gelingen, nicht nur für unseren Teil der Welt und unsere Generation ein lebenswertes Leben zu ermöglichen und abzusichern? www.uniklu.ac.at/uniclub_home/inhalt/291.htm Tschechien Thematische Arbeitsgruppe für die Region Südmähren als Instrument für die Rettung ausgetrockneter ländlicher Gebiete Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Trockenheit auf das Leben der Menschen, den Charakter der Landschaft, die Umwelt und die landwirtschaftlichen Tätigkeiten in den betroffenen Gebieten. Ziel ist die Erarbeitung eines Katalogs von Maßnahmen, die eine Umkehr der bedrohlichen Entwicklung einleiten. Kontakt: Kamila.Hrachova@mze.cz

Spanien Studienreise durch Navarra und andere Regionen im Grenzgebiet Spanien/Frankreich Die von der Eureka Local Development S. L. in Pamplona konzipierte und organisierte mehrtägige Studienreise bietet einen Überblick über erfolgreiche Ausbildungsprogramme. Die thematischen Schwerpunkte des Besuchs umfassen u. a. grenzüberschreitende Formen der Kooperation, aktuelle Perspektiven ländlicher Entwicklung, Tourismus, Verarbeitungsweisen landwirtschaftlicher Erzeugnisse sowie Umweltschutz und -management. Kontakt: eureka@eurekasl.eu


Literatur- und Webtipps ausblicke 1|10

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Literatur- und Webtipps Handbuch „Seltene Nutztierrassen“ Das 96-seitige farbig illustrierte Handbuch „Seltene Nutztierrassen“, herausgegeben von ÖKL, Arche Austria, ÖNGENE u.a., enthält Basisinformationen und 47 Rassensteckbriefe vom Altsteirerhuhn bis zum Zackelschaf. Dem Buch liegt eine DVD bei, auf dem ein in das Thema einführender anschaulicher Kurzfilm und nach den einzelnen Rassen geordnetes Foto- und Filmmaterial zu finden sind. Nähere Informationen: www.oekl.at/publikationen/lts/ verzeichnis/231 „Neue Modelle des Natur- und Kulturlandschaftsschutzes in den Österreichischen Naturparken“ In der Studie widmen sich 47 Autorinnen und Autoren aus Österreich, Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Slowenien und der Schweiz den allgemeinen Grundlagen eines auf einen fairen Interessenausgleich abzielenden Naturschutzes und präsentieren über 40 praktische Beispielprojekte aus österreichischen Naturparken. Nähere Informationen: www.naturparke.at Handbuch zum Agrar.Projekt.Preis 2009 Das Handbuch, eine Sammlung von Best-Practice-Beispielen ländlicher Entwicklung, beschreibt 93 Initiativen des Jahres 2009, die sich durch wirtschaftliche Nachhaltigkeit, Originalität und ein durchdachtes Konzept auszeichnen. Es bietet sich Praktikern und Multiplikatoren als nützliches Nachschlagwerk an und liefert gute Ideen. Das Handbuch 2009 sowie Exemplare der vergangenen Jahre sind unter 01/53441-8557 oder app@lk-oe.at zu bestellen. Evaluierung: Natura 2000 – ÖPUL 2007 Die Untersuchung geht der Frage der Teilnahme an Vertragsnaturschutzmaßnahmen innerhalb und außerhalb von NATURA-2000-Gebieten nach. Die Ergebnisse der vom Lebensministerium 2007 in Auftrag gegebenen programmbegleitenden Evaluierung der ÖPUL-Schutzmaßnahmen stehen als Studie oder Broschüre unter www.lebensministerium.at/article/ articleview/74259/1/26582 zum Download zur Verfügung.

Webtipp CURE – Convention for a Sustainable Urban and Rural Europe Die Website der Plattform CURE, der verschiedenste europäische Netzwerke angehören, die an einer nachhaltigen Stadt-Land-Entwicklung arbeiten, bietet einen Überblick über Mitglieder, Partner, Programm sowie Aktivitäten der Initiative und stellt für zukünftige Seminare ins Auge gefasste Kernthemen wie Nahrungsmittelsicherheit, Energieeffizienz, Ressourcenmanagement, Tourismus, Klimaschutz und Raumplanung vor. www.cureforsustainability.eu/


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ausblicke 1|10 NWL-Veranstaltungen

NWL-Veranstaltungen Agrarumweltmaßnahmen für den Klimaschutz? Stand und Perspektiven in Österreich und Deutschland 3.–4. Mai 2010 > Rathaus der Stadt Passau, Passau/Deutschland www.netzwerk-land.at/umwelt/veranstaltungen/ agrarumweltmassnahmen-fuer-klimaschutz Innovative Werkstatt: „Methoden und Instrumente“ Thema: Innovationsmanagement und die Leader-Methode 17.–18. Mai 2010 > Energieregion Weiz – Gleisdorf www.netzwerk-land.at/leader Tagung der Österreichischen Bundesschutzwaldplattform – Kann der Schutzwald alle Erwartungen erfüllen? 16.–17. Juni 2010 > Schloss Röthelstein, Admont www.walddialog.at Innovative Werkstatt: „Gesellschaftliche Vielfalt“ Themen: Interkulturelle Kompetenz, Integration/Zuwanderung und Diversity Management 22.–23. Juni 2010 > Leader-Region Wels Land www.netzwerk-land.at/leader

Schutzgebietsmanagement – Regionale Rahmenbedingungen, überregionale Ziele 30. Juni 2010 > Klagenfurt www.netzwerk-land.at/umwelt/ veranstaltungen/schutzgebietsmanagement Netzwerk Land Jahrestagung 29.–30.September 2010 > St. Johann im Pongau Fachkonferenz zum Thema Ökosystemleistungen und Biodiversität in der Landwirtschaft Verleihung des Kulturlandschaftspreises 2010 www.netzwerk-land.at


Impressum ausblicke – Magazin für ländliche Entwicklung ist die zweimal jährlich erscheinende Zeitschrift von Netzwerk Land. Inhalt: Informationen zu Themen der ländlichen Entwicklung und Neuigkeiten von Netzwerk Land und Partnernetzwerken. Netzwerk Land ist die vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft eingerichtete Servicestelle zur Begleitung und Vernetzung des Österreichischen Programms für die Entwicklung des ländlichen Raums 2007–2013. Mit der Durchführung des Vernetzungsauftrages wurde eine Bietergemeinschaft aus den Partnerorganisationen Agrar.Projekt.Verein, Umweltdachverband und ÖAR-Regionalberatung betraut. Namentlich gekennzeichnete Texte geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Medieninhaber und Herausgeber Agrar.Projekt.Verein im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Dresdner Straße 70, A-1200 Wien, Tel. 01/3321338-14, office@netzwerk-land.at Redaktion Hemma Burger-Scheidlin (Umweltdachverband) Luis Fidlschuster (ÖAR-Regionalberatung) Christina Gassner (Agrar.Projekt.Verein) Christian Jochum (Agrar.Projekt.Verein) Michael Proschek-Hauptmann (Umweltdachverband) Michaela Rüel (Agrar.Projekt.Verein) Lektorat Wolfgang Astelbauer, Karin Astelbauer-Unger Grafische Konzeption neuwirth + steinborn, www.nest.at Gestaltung und Layout Andrea Neuwirth Mitarbeit: Gabriel Fischer Druck Remaprint

Dieses Magazin ist auf Claro bulk 250 g/m2 und 135 g/m2 von Antalis, einem PEFC-zertifizierten Papier, gedruckt.

Abbildungsnachweise Seite 1: BMLFUW/Rita Newman; Seite 2, 3: © Ray – Fotolia.com; Seite 4, 5: Thomas Zechmeister; Seite 6: ÖROK; Seite 6, 7: Nafas – Pixelio.de; Seite 10, 29: Karl Buchgraber/Andreas Schaumberger; Seite 12, 16: Mathilde Stallegger; Seite 13: CIPRA International; Seite 14: Elisabeth Patzal – Pixelio.de/Furgler; Seite 15: Erwin Schuh/Dr. Klaus Uwe Gerhardt – Pixelio.de; Seite 17: A. Katzengruber; Seite 18: LAG Tourismusverband Moststraße; Seite 19: Norbert Artner; Seite 20, 21, 38, 39: Regionalentwicklung Außerfern; Seite 22, 23: Otto Saxinger; Seite 26: Johannes Felsch/ Christoph Kirchengast; Seite 27: Walter Hauser, Bundesdenkmalamt Tirol/Familie Madlmeir, Eidenberg; Seite 31: © Cristina – Fotolia.com; Seite 32, 33: Wolf Systembau; Seite 33: Irmi Salzer; Seite 34: © ChaotiC_PhotographY – Fotolia.com; Seite 41: Paul-Georg Meister – Pixelio.de; Seite 42: Dorothea Fischer – Picasaweb.google.at; Seite 43: Waldviertler Werkstätten GmbH/ Waldviertler Regionalwährung; Seite 44: Andreas Morlok – Pixelio.de; Seite 45: Thorsten Freyer – Pixelio.de; Seite 46: © Pawel Strykowski – Fotolia.com; Seite 48, 49, 51: Netzwerk Land; Seite 52: Hemma Burger-Scheidlin; Seite 54: Landjugend Österreich; Seite 55: Andrea Lichtenecker/Florian Rosenberg; Seite 56, 57: Bernhard Bergmann; Seite 58, 59: LAG Nationalparkregion Hohe Tauern; Seite 60, 61: MMM/Mavi; Seite 61: Hannele Kontiainen; Seite 62, 63: © Felinda – Fotolia.com; Seite 64: © Frank Schöttke – Fotolia.com. Umschlagvorderseite: © Fotofreundin – Fotolia.com Umschlaginnenseite: © Fumie – Fotolia.com Umschlagrückseite: Rainer Sturm – Pixelio.de

Alle übrigen Bilder wurden von den AutorInnen zur Verfügung gestellt.


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Das Netzwerk Land wird finanziert von Bund, L채ndern und Europ채ischer Union.

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