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ausblicke 1.09 Magazin für ländliche Entwicklung

Schwerpunkt

Vielfalt Vielfalt im ländlichen Raum Biologische Vielfalt | Gesellschaftliche Vielfalt | Ökonomische Vielfalt Leader Leader in Österreich: Zahlen, Fakten, Chancen Zwei Leader-Regionen stellen sich vor Netzwerk Land Netzwerk Land – Wer? Was? Wozu? Was macht Netzwerk Land? International Vielfalt in Deutschland: Ländliche Entwicklung durch den ELER


Im Gespräch LE-Magazin 1|09

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„Maßgeschneiderte Instrumente für den ländlichen Raum“ Bundesminister Niki Berlakovich im Gespräch mit Netzwerk Land

Herr Bundesminister, welchen Bezug haben Sie zum ländlichen Raum?

Die ländliche Entwicklung beschränkt sich aber mit den Fördermöglichkeiten nicht auf die Landwirtschaft.

Ich stamme aus dem ländlichen Raum und wohne auch dort. Ich war bei mir zu Hause Gemeinderat und als Vorstand der Leader-Region tätig. Ich kenne die Lebensbedingungen im ländlichen Raum sehr gut, und ich schätze die vielfältigen Leistungen, die die Bevölkerung dort erbringt, sei es für die natürlichen Ressourcen, für die ländliche Wirtschaft oder vor allem auch im gesamten Sozialbereich.

Genau. Das ist auch ein Teil des Erfolgsrezeptes. In der ländlichen Entwicklung können die Mitgliedstaaten innerhalb eines Rechtsrahmens ihre eigenen Prioritäten setzen. Wir fördern beispielsweise Tourismusvorhaben, Gewerbeprojekte oder auch Kunstaktivitäten. Mir ist es wichtig, dass wir einen passenden Spielraum für regionale Initiativen bieten, beispielsweise über den Leader-Ansatz. In Summe ist das österreichische Programm aber ganz klar umweltorientiert. Der Schwerpunkt „Umwelt und Landschaft“ ist mit über 72 Prozent der öffentlichen Gelder dotiert.

Die Gemeinsame Agrarpolitik ist immer wieder Gegenstand der Kritik. Zu viele Finanzmittel, eine vor allem historische Begründung, fehlende Anpassungsfähigkeit – so lauten die Vorwürfe. Diese Kritik wird ständig wiederholt, ohne sie zu hinterfragen. Meistens wird mit dem hohen Anteil der Agrarausgaben am EU-Haushalt argumentiert. Tatsache ist, dass lediglich zwei große Politikbereiche auf europäischem Niveau umgesetzt werden: die Strukturpolitik und die Gemeinsame Agrarpolitik. Die Dotierung der Strukturpolitik hat mit der EU-Erweiterung die Agrarpolitik zwischenzeitlich überholt. Heuer werden etwa 42 Prozent der europäischen Mittel für die Landwirtschaft und die ländliche Entwicklung ausgegeben, 45 Prozent für die Strukturpolitik. Diese Betrachtung lässt aber sämtliche Zahlungen im Rahmen nationaler Förderprogramme außer Acht. Werden diese auch berücksichtigt, liegt der Anteil der Zahlungen für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung bei etwa 1 Prozent, und diesen Anteil halte ich für besonders gut angelegt.

Stichwort ländliche Entwicklung: Welche Bedeutung kommt diesem Teil der Gemeinsamen Agrarpolitik in Österreich zu? Wir setzen seit 1995 sehr bewusst auf diese Schiene, was sich auch in der finanziellen Dotierung niederschlägt. Die Mittel werden bei uns zu zwei Dritteln in die ländliche Entwicklung investiert. Damit können wir spezifische Ziele mit maßgeschneiderten Instrumenten ansprechen, beispielsweise mit den Agrarumweltmaßnahmen: Sie stellen eine angepasste Landbewirtschaftung sicher und sind für uns im Hinblick Biodiversität ganz wesentlich. Oder nehmen Sie die Bergbauernförderung mit ihrer immensen Bedeutung für die Kulturlandschaft. Sie stellt eine zentrale Grundlage für die gesamte Wirtschaftstätigkeit im ländlichen Raum dar.

Leader wird immer wieder als besonders erfolgreiches Beispiel für regionale Entwicklung genannt. Wir können jetzt auf fast 15 Jahre Leader-Umsetzung in Österreich zurückblicken. Da ist wirklich vieles geschaffen worden, auf das wir stolz sein können. Für die Periode 2007–2013 haben sich die Umsetzungsbedingungen geändert. Wir haben ein massiv aufgestocktes Finanzvolumen, damit gehen wir auch in den investiven Bereich. Die Stärke von Leader ist ja, dass die Ideen in den Regionen entwickelt werden. Da entstehen Konzepte und Projekte, die den Bedürfnissen vor Ort oft viel besser entsprechen als zentrale Planungen. Aus meiner Leader-Erfahrung weiß ich, dass damit ein großer Aufwand und viele Gespräche und Diskussionen verbunden sind. Aber der Aufwand lohnt sich.

In welche Richtung wird die ländliche Entwicklung in Zukunft gehen? Die großen Themen haben wir im Rat der europäischen Landwirtschaftsminister bereits bei der letzten Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik klar genannt: Klimawandel, Artenvielfalt, erneuerbare Energien, Wassermanagement. Das sind Themen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz, für die die Politik für den ländlichen Raum Konzepte und Antworten bieten muss.

Noch ein Wort zu Netzwerk Land. Für mich ist Netzwerk Land ein Ideen- und Informationsmultiplikator, der Menschen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene vernetzt. Netzwerk Land soll den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus erleichtern. |||


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ausblicke 1|09 Vorworte

Netzwerk Land und die Vielfalt

Ländliche Entwicklung ist vielfältig

Netzwerk Land ist offiziell eingerichtet worden und hat seinen Betrieb aufgenommen. Frage: „Hat sich etwas geändert?“ Antwort A: Nein, warum sollte sich etwas ändern? Die Akteurinnen und Akteure betreiben ihre Projekte, stellen ihre Förderanträge oder wickeln sie ab und gehen ihren Geschäften nach – jede/jeder in ihrem/seinem Bereich, wie es früher auch war. Antwort B: Ja, mit der Auftaktkonferenz hat Netzwerk Land ein kräftiges Lebenszeichen von sich gegeben und hier wie in einer Reihe weiterer Veranstaltungen gezeigt, wohin sich die Vernetzungsaktivitäten entwickeln sollen.

Wir haben das Netzwerk Land mit dem Ziel eingerichtet, die Information, Kommunikation und Zusammenarbeit der Akteurinnen und der Akteure im ländlichen Raum zu verbessern. Unsere Erfahrung mit einer Netzwerkstelle ist bislang auf das LEADER+-Netzwerk beschränkt. Diese sehr positive Erfahrung ist die Grundlage für die Erweiterung des Netzwerks auf die gesamte ländliche Entwicklung. Ich bin davon überzeugt, dass die Ausweitung erfolgreich sein und die Qualität der Umsetzung der ländlichen Entwicklung in allen Schwerpunkten erhöhen wird. Wir haben bereits sehr positive Beispiele gesammelt, beispielsweise was die Diskussion zur Biodiversität im Rahmen des Agrarumweltprogramms ÖPUL betrifft. Allerdings ist das Netzwerk Land keine Einbahnstraße. Netzwerk Land ist als Plattform konzipiert, und Sie alle sind Teil des Netzwerks. Ich lade Sie daher ein, sich aktiv an der Vernetzung zu beteiligen, Ihre innovativen Beiträge und Inputs beizusteuern und die Angebote des Netzwerks ausgiebig zu nutzen. Schicken Sie Anregungen, Lob und Kritik, und reagieren Sie auf Beiträge, die auf www.netzwerk-land.at verfügbar sind. Dann kann das Angebot von Netzwerk Land besser auf die gegebenen Bedürfnisse abgestimmt werden.

Liebe Leserin, lieber Leser, Ihre Wahrnehmung liegt vielleicht irgendwo in der Mitte, das ist verständlich. Eine Vernetzungsstelle ist neu für die ländliche Entwicklung. So wie bei allen neuen Dingen existiert eine Mischung aus gespannter Neugier und abwartender Haltung. Netzwerk Land versteht sich als Servicestelle für Akteurinnen und Akteure in der ländlichen Entwicklung: Wir bringen Menschen zusammen, die einen Bezug zum ländlichen Raum und zur ländlichen Entwicklung haben. Wir bieten die Bühne zum Austausch von Wissen und Erfahrung. Wir sammeln und publizieren praktische Beispiele für die erfolgreiche Umsetzung von Maßnahmen. Große und kleine Veranstaltungen, Kooperationen mit bestehenden Einrichtungen, eine breit angelegte Homepage und das vorliegende Magazin dienen diesem Zweck. Es soll aber auch Platz für die zweckfreie Begegnung, für das Knüpfen von Kontakten und das Kennenlernen neuer Bereiche geben. Die Kunst und Herausforderung besteht darin, den richtigen Mix zu finden: Wer mit wem? Wo? Wann? Welche Themen? Wie geht’s weiter? Unser Ansatz: Der ländliche Raum ist vielfältig, die ländliche Entwicklung ist vielfältig, Netzwerk Land spiegelt in seiner Zusammensetzung diese Vielfalt wider. Wir sind überzeugt, dass die drei Trägerorganisationen Agrar.Projekt.Verein, ÖARRegionalberatung und Umweltdachverband die gestellte Aufgabe optimal erfüllen. Jeder Partner hat Kompetenz in bestimmten Bereichen der ländlichen Entwicklung und bringt Kontakte und Beziehungen ein. Durch die vorhandenen unterschiedlichen Zugänge entsteht zusätzliche Vielfalt und Kreativität. „Vielfalt“ ist auch das Thema dieser ersten Ausgabe: für eine vielfältige Leserschaft, als Spiegelbild einer bunten und breit angelegten ländlichen Entwicklung. Christian Jochum, Leiter Netzwerk Land und themenverantwortlich für Landwirtschaft und Markt bzw. mitverantwortlich für Forstwirtschaft Michael Proschek-Hauptmann ist themenverantwortlich für ÖPUL und Umwelt. Luis Fidlschuster ist themenverantwortlich für Zukunft Land und Leader.

Markus Hopfner, Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Programmverwaltung LE 07–13

Das Team von Netzwerk Land (v. l. n. r.): Christina Gassner, Karl Reiner, Barbara Pia Hartl, Hanspeter Gratzl, Hemma BurgerScheidlin, Luis Fidlschuster, Michael Proschek-Hauptmann, Christian Jochum


Inhalt

1 Im Gespräch 2 Vorworte

Ökonomische Vielfalt 28 Vielfalt in der Landwirtschaft aus ökonomischer Perspektive Leopold Kirner

Vielfalt im ländlichen Raum 6 Auf der Suche nach Ungleichheit Conrad Seidl

30 Weißer Kuhsaft – die vielen Gesichter der Milch Andreas Steinwidder und Christian Jochum

32 Diversifizierung am Bauernhof – So vielfältig zeigt sich

Biologische Vielfalt 10 Neue Werte braucht die Vielfalt! Michael Proschek-Hauptmann

die österreichische Landwirtschaft Christian Jochum

34 Ökonomische Vielfalt – unterschiedliche Sichtweisen

12 Biodiversität dank nachhaltiger Landwirtschaft Ein Gespräch mit Niki Berlakovich

15 Biodiversitätsmonitoring durch LandwirtInnen – Bewusstseinsbildung durch Beobachtung

36 Wer will schon Vielfalt? Robert Lukesch 38 Für eine treffsichere Politik: Integrative Sicht auf ländliche Räume Ein Gespräch mit Gerlind Weber

Barbara Steurer

16 Sechs Positionen zum Thema Biodiversität 19 Das Bildungsprojekt „Seltene Nutztierrassen“ Günter Jaritz

Leader 42 Leader-Region Moststraße: Vom Niemandsland zur Heimat der Mostbarone Teresa Arrieta

44 Die Leader-Region Wels Land: Die Geburtstunde

Gesellschaftliche Vielfalt 20 Gesellschaftliche Vielfalt: Eine endogene Ressource Luis Fidlschuster

23 Aktive Integrationspolitik im ländlichen Raum Franjo Steiner

einer Region miterleben Teresa Arrieta

46 Leader in Österreich: Zahlen, Fakten, Chancen Markus Hopfner 48 Ein Blick in die Praxis – Erfahrungen mit Leader 50 Das Leader-Netzwerk – Eine erfolgreiche Liaison wird fortgeführt Luis Fidlschuster

24 Gleichstellung von Frauen und Männern am Land Theresia Oedl-Wieser

25 Das Potenzial der Jugend im ländlichen Raum Rainer Schramayr

26 Gesellschaftliche Vielfalt, eine Chance für die ländliche Entwicklung?

Netzwerk Land 54 Netzwerk Land – Wer? Was? Wozu? Christian Jochum 56 Was macht Netzwerk Land? Werkstätte einrichten und Vernetzung starten

58 Weitere Netzwerke für die ländliche Entwicklung

International 60 Vielfalt in Deutschland: Ländliche Entwicklung durch den ELER Juliane Mante und Jan Swoboda

63 Literatur- und Webtipps 65 Impressum


Vielfalt im l채ndlichen Raum


Biologische, gesellschaftliche und ökonomische Vielfalt macht ländliche Räume attraktiv. Wie Diversität gestaltet und erhalten werden kann, steht im Fokus des Schwerpunktthemas „Vielfalt im ländlichen Raum“.


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ausblicke 1|09 Vielfalt im ländlichen Raum

Auf der Suche nach Ungleichheit Es ist schon seltsam: Die meisten Österreicher streben an, ihr Leben nach eigener Façon leben zu können, und dennoch wünschen sich alle möglichst viel Gleichheit. Kann das gut gehen? Nicht generell, aber immerhin in vielen Bereichen. Denn Ungleichheit ist die Chance auf Vielfalt – wenn man sie intelligent nutzt. Conrad Seidl

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or zwei Jahren hat die Statistik Austria eine interessante Karte veröffentlicht, auf der man sieht, wo in unserem Land Akademiker sowie jene Menschen leben, die nur über die einfachste Grundschulbildung verfügen. Man kann sich leicht vorstellen, dass die höchste und die niedrigste Bildungsschicht in verschiedenen Welten leben – aber die Statistik legt nahe, dass dies auch geographisch verschiedene Welten sind (siehe Grafik Seite 8): Der größte Anteil wenig gebildeter Menschen findet sich in den Grenzräumen und in inneralpinen Tälern. Die meisten Studienabsolventen wohnen in den Universitätsstädten und in deren engstem Umland. Die erste Reaktion auf derartige Daten ist üblicherweise: Da muss etwas passieren, damit die Ungleichheiten ausgeglichen werden. Das aber funktioniert nicht. Nicht bei der Bildung. Und auch sonst nicht. Man erinnert sich: Bis in die 1980er-Jahre galt es den meisten Landespolitikern als wichtiger regionalpolitischer Ansatz, ein hochrangiges Straßennetz zu schaffen; dass die Südautobahn später als die Westautobahn ausgebaut wurde, führte zu Medienkampagnen und Unterschriftenaktionen. Dass die Brennerautobahn mehr Verkehr brachte, galt als wünschenswerter Effekt: Verkehr ist Leben, hieß es damals. Erst später wurde erkannt, dass der Autoverkehr mehr Nachteile als Vorteile in die Region gebracht hat. Während die Touristiker „Österreich ist schön, komm, bleib!“ plakatierten, persiflierten die Kritiker der ungebremsten Automobilisierung den Slogan mit den Worten „Österreich war schön, komm, fahr durch!“.

In der Rückschau lässt sich allenfalls sagen, dass der Straßenbau die Nachteile der Verkehrserschließung gleichmäßiger über das Land verteilt hat. Aber diese Art von Gleichheit wollte dann doch wieder keiner – wer kann, zieht weg aus dem Wipptal und von der Wiener Südosttangente, vom Wiener Westgürtel und aus der Nachbarschaft der Pyhrnautobahn. Und wer da bleibt, bleibt auch nicht wirklich: Der steigt nach Möglichkeit in sein Auto, um die Verkehrsverbindung zu nutzen und wenigstens den Großteil des Tages anderswo zu verbringen; irgendwo, wo man vielleicht nicht besser leben, wohl aber besser verdienen kann. Die Einheit von Lebens- und Arbeitsumfeld, die über Jahrhunderte Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenhalts war, zerfällt. Sie zerfällt an den Verkehrsadern. Sie zerfällt in den Zentralräumen. Sie zerfällt in den peripheren Regionen. Und die politischen Anstrengungen, dem entgegenzuwirken, erreichen oft das Gegenteil von dem, was man angestrebt hat. Da war etwa die bildungspolitische Aufbruchsstimmung der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre: Gleiche Chancen für alle Kinder! Klingt gut, hat aber nicht funktioniert – und zwar nicht nur in den Städten, wo die Hauptschule zur Ghettoschule der Migrantenkinder geworden ist. Die Bildungsoffensive hat auch im ländlichen Raum Effekte hervorgebracht, die nicht bedacht worden waren: Wer „vom Land“ kommt, geht nicht dorthin zurück, wenn er ein Studium in einer größeren Stadt absolviert hat. Das hat auf die sozialen Strukturen im ländlichen Raum massive Auswirkungen. So zeigt sich, dass viele kleine Unternehmer ihren Kindern die bestmögliche Bildung angedeihen lassen wollen, was angesichts der relativ kostengünstigen Studienplätze in Österreich leicht möglich ist. All die gut gebildeten Kinder von Gastwirten und Schuhhändlern, Bäckern und Fleischhauern werden aber nach Abschluss des Studiums nicht zurückkommen, um das Wirtshaus oder die Schuhhandlung, die Bäckerei


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oder das Fleischwarengeschäft zu übernehmen. Mit dem unangenehmen Nebeneffekt, dass diese Nahversorger den gewachsenen dörflichen Strukturen ebenfalls verloren gehen.

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and ohne Leute“ ist ein Schlagwort, das die massiven wirtschaftlichen Auswirkungen trefflich beschreibt. Das Bruttoregionalprodukt im Weinviertel, einer rein landwirtschaftlich geprägten Region nördlich von Wien, betrug im Jahr 2006 pro Kopf 15.300 Euro – in der nur wenige Dutzend Kilometer entfernten Bundeshauptstadt waren es dagegen 41.500 Euro. Eine besonders niedrige regionale Wertschöpfung weisen das Mühlviertel mit 17.000 Euro und die Regionen des Burgenlands an der ungarischen Grenze aus. Im Raum Linz-Wels und in Salzburg sind die Werte mehr als doppelt so hoch. Was das konkret heißt, sieht man, wenn man in die benachteiligten Regionen fährt: Noch vor einem Vierteljahrhundert meinte man, deren größte Sorge wäre, dass die Umweltbelastungen aus den Ballungsgebieten hier als saurer Regen den Wald zerstören würden. Waldsterben? Das war einmal. Vom Dorfsterben könnte man eher berichten. Martin Ploderer zum Beispiel ist in Rotmoos geboren und aufgewachsen, einer Ortschaft im Salzatal am nördlichen Abhang des Hochschwab-Massivs, die in seiner Kindheit Heimstatt für 90 Bewohner geboten hat. „Heute leben da noch genau drei Leute. Und das ist kein Einzelfall. Es gibt in unserer Region viele Orte wie Neuhaus, Nestelberg und Taschelbach am Zellerrain, wo es kaum noch Bewohner gibt“, erzählt Ploderer. Und was kommt, wenn der Mensch geht? Es kommt der Wald, der in vielen Gegenden Österreichs die natürliche Bodenbedeckung wäre – hätten ihn nicht Bauern vor Jahrhunderten in Acker- und Grünland umgewandelt. Ploderer sieht das durchaus kritisch: „Bei uns sind jetzt schon 80 Prozent der Fläche Wald, viel mehr geht nicht mehr.“ In Lunz mag das besonders stark auffallen, aber es verdeutlicht einen österreichweiten Trend: Seit 1990 hat die Dauergrünlandfläche um 13 Prozent abgenommen, bei den Bergmähdern und Almen beträgt der Rückgang sogar 22 Prozent. Das hat beachtliche ökologische Folgen. Waldflächen weisen eine wesentlich geringere Artenvielfalt als die agrarische Kulturlandschaft auf. Ungunstlagen aufzuforsten ist schon aus diesem Grund eine schlechte Lösung. Was als noch stärkeres, weil ökonomisches Argument eingebracht werden kann: Es wäre nicht mit dem Tourismus verträglich.

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Touristen suchen keine dichten Wälder, sondern den sogenannten Waldrandeffekt. Und Ploderer weiß, wie wichtig der Tourismus ist, schließlich ist er Bürgermeister von Lunz am See. Diese Gemeinde hatte bei der Volkszählung 2001 noch 2045 Einwohner, aktuell sind es nur mehr 1850. Pro Jahrzehnt verliert Lunz rund 200 Bewohner. Wenn das so weitergeht, Herr Bürgermeister, gibt es dann im Jahr 2100 in Lunz gar niemanden mehr? Nein, so weit werde es nicht kommen, ist Ploderer überzeugt. Lunz am See hat gut 400 Zweitwohnsitzer, die zwar für den im Finanzausgleich wichtigen Bevölkerungsschlüssel nicht mitzählen, aber sehr wohl Geld in die lokale Wirtschaft pumpen.

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uf der anderen Seite stehen die reichen Zentralräume. Seit 1950 ist die österreichische Bevölkerung um 19 Prozent gewachsen, der Siedlungsflächenverbrauch aber um 280 Prozent. Das Umweltbundesamt rechnet, dass nach wie vor 2,7 Hektar pro Tag allein unter neu geschaffener Straßenfläche, die diese Siedlungen verbindet, verschwinden. Dazu kommt, dass Gewerbe- und Industriegebiete auf die grüne Wiese gesetzt werden, weil Investoren fürchten, dass auf alten, von anderen Unternehmen aufgelassenen Standorten unabschätzbare Altlasten liegen: Bis in die 1970er-Jahre waren Unternehmen bestrebt (und gewerberechtlich sogar dazu verpflichtet), die Abfälle ihrer Produktion auf eigenem Grund und Boden zu entsorgen. Die Mobilisierung alter Gewerbeflächen ist daher besonders riskant. Gerlind Weber, eine Raumplanerin an der Wiener Universität für Bodenkultur, wirbt dennoch dafür, dass man die vorhandenen Flächen nutzt und nicht weiter zubetoniert: „Es kann ja nicht der Weisheit letzter Schluss sein, dass der eine Teil Österreichs von Wald und der andere von Beton bedeckt ist.“ Weber geht auch davon aus, dass die Ungleichheit zwischen den Regionen nicht einfach ausgeglichen werden kann. „Man muss für manche Räume ganz andere Leitbilder entwickeln. Schrumpfende Räume sollten zu Ruhe- und Regenerationsräumen werden.“


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Das klingt nach aktiver Sterbehilfe für jene Regionen, aus denen sich die Bevölkerung mehr oder weniger langsam zurückzieht – ein Rückzug, der Wald und Wild in ihre angestammten Lebensräume zurückkehren lässt. Ist das denn wünschenswert? Gerlind Weber: „Man muss zwischen einer begleiteten Schrumpfung und einem unkontrollierten Zusammenbruch unterscheiden. Ein unkontrollierter Zusammenbruch ist ebenso unerwünscht wie unkontrolliertes Wachstum. Wenn ganze Regionen wieder zur Wildnis werden, symbolisiert das den Zusammenbruch.“

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s wäre auch ökologisch nicht wirklich sinnvoll: Unsere gewachsene Kulturlandschaft bietet eine größere Vielfalt von Landschaftstypen sowie von Flora und Fauna als eine großflächige Bewaldung. Die ökologisch reichsten Zustände sind die dynamischen, also von Ungleichheit geprägten. Die Frage ist – ökologisch wie sozial –, welches Maß an Ungleichheit erwünscht ist. Und wie Zustände der Ungleichheit kompensiert werden können. Ebenso wenig wie man unproduktive Landschaftsteile durch mehr oder weniger

geförderte Bewaldung gleichschalten und damit das restliche Bundesgebiet benachteiligen darf, kann man akzeptieren, dass Regionen verarmen. Schon der von ihr vertretene „begleitete Schrumpfungsprozess“ wird von der betroffenen Bevölkerung und den sie vertretenden Politikern nicht immer begeistert aufgenommen, sagt Weber – und sie hat Verständnis dafür. Planung, die auf eine völlige Angleichung der Lebensverhältnisse ziele, sei zum Scheitern verurteilt – und sie bewirke das Gegenteil: überzogene Erwartungen, eine umso tiefere Enttäuschung über deren Scheitern, Pleiten, Abwanderung, unkontrollierten Zusammenbruch. Das Gegenteil wäre erstrebenswert. „Wenn man weiß, dass ein Drittel der Österreicher in diesen schrumpfenden Räumen lebt, die gut die Hälfte der Landesfläche ausmachen, muss man klarstellen, was diese Räume wertvoll macht“, so Weber. „Es werden Räume sein, die langsamer, kostengünstiger, älter sind – aber das sind ja auch Werte in einem bewusst entworfenen Gegenbild, in dem Entschleunigung und Ruhe positiv besetzt sind.“ Das Umdenken ist allerdings nicht selbstverständlich. Und schon gar nicht selbstverständlich ist, dass die Bevölkerung an der Entwicklung alternativer Leitbilder für ihre Umgebung mitarbeitet. „Gemeindevertreter, Touristiker und Agrarier sind in die Entwicklung von Leitbildern und Strategien meist gut eingebunden – andere

Höchste abgeschlossene Ausbildung 2001 Universitäten und hochschulverwandte Ausbildungen nach 5-km-Rasterzellen Anteil der Bevölkerung mit Universitäts- oder hochschulverwandtem Abschluss an der über 14-jährigen Bevölkerung insgesamt unter 2,3% 2,4–3,3% 3,4–4,2% 4,3–5,6% 5,6% und mehr Zahl der über 14-jährigen Bevölkerung kleiner 100

Grenzen der Bundesländer Grenzen der politischen Bezirke Wald, Almen und Ödland

Quelle: Statistik Austria, Volkszählung 2001, erstellt am 27.06.2007


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Berufsgruppen, Frauen und Jugendliche sind es oft nicht in ausreichendem Ausmaß“, stellt der Regionalplaner Luis Fidlschuster fest. So wird in der ländlichen Entwicklung das bäuerliche Interesse besonders berücksichtigt, oder es werden regionale Tourismuskonzepte entwickelt, als ob Tourismus überall passen würde. Der Mostviertler Regionalmanager Karl Becker ergänzt: „Regionale Zusammenarbeit bringt man noch am ehesten bei Tourismusprojekten zustande.“ Diese finden auch am ehesten öffentliche Unterstützung. Dabei wäre das Geld oft besser in die Verbesserung der Lebensumstände der ansässigen Bevölkerung investiert, meint Fidlschuster: „Wenn man es für die Menschen attraktiv macht, dauerhaft in der Region wohnen zu bleiben und an der regionalen Wirtschaft teilzunehmen, ist das womöglich rentabler, als ein paar zusätzliche Touristen anzulocken.“

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richtungen in großen Städten konzentriert hat: Studentisches und akademisches Leben heißt hier Großstadtleben. In Deutschland kann es auch Sozialisierung in kleinen und mittleren Städten wie Göttingen und Eichstätt, Greifswald und Tübingen bedeuten, was eine andere Einstellung zum umgebenden ländlichen Raum bewirkt. So gesehen ist die Gründung von (Fach-)Hochschuleinrichtungen in kleineren Städten nicht hoch genug zu schätzen. Dazu muss man aber auch eine für den ländlichen Raum passende Ausbildung anbieten und im besten Sinne des Wortes „salonfähig“ machen: Kleine und mittelständische Betriebe brauchen Eigentümer, Manager und Mitarbeiter, für die es keine Schande ist, keinen oder einen niedrigeren akademischen Grad zu haben – und sie müssen trotzdem attraktive Einkommenschancen bes ist auch keineswegs so, dass die Menschen in diesen periphe- kommen. ren Regionen zum ökonomischen oder sozialen Unglück verdammt sind, eher im Gegenteil. Im März 2009 hat das Linzer market-Institut 800 Österreicherinnen und Österreicher gefragt: „Würden Sie er zweite Ansatz hängt unmittelbar damit zusamsagen, Sie können Ihr Leben im Großen und Ganzen gestalten, wie men, welches Lebensgefühl einen im ländlichen Raum es Ihnen gefällt, oder sind in Ihrem Alltag Einschränkungen nötig?“ erwartet: Gerade in Österreich gibt es viele Beispiele Interessanterweise sagen gerade die Bewohner von Gemeinden mit dafür, dass kulinarische und kulturelle Angebote in weniger als 5000 Einwohnern in höherem Maße als die Bewohner bester Qualität außerhalb der Ballungsräume zu finvon Städten, dass sie ihr Leben voll und ganz (23 Prozent) oder im- den sind. Sie sind, zugegebenermaßen, Minderheimerhin weitgehend (57 Prozent) nach eigenen Vorstellungen ge- tenprogramme – aber das sind sie in der Stadt auch. stalten können. Die höchsten Nennungen kommen übrigens aus Was fehlt, ist das mittlere Segment: Schlimmer als das Niederösterreich und dem Burgenland, was allerdings mit dem Beislsterben in den Großstädten, das längst durch Speckgürteleffekt Wiens erklärbar sein dürfte. Tausende Neugründungen von gastronomischen Betrieben ausgeglichen wurde, ist das Wirtshaussterben auf dem Land. Es nimmt Zehntausenden Menas also müsste geschehen, um die Menschen mit der Un- schen die Möglichkeit, fußläufig einen bodenständigleichheit zu versöhnen? Das Erste ist wohl, dass Planer und Politi- gen Kommunikationsraum zu erreichen. Und es macht ker damit aufhören, Ungleichheit als einen absolut unerwünschten, – in Verbindung mit der Verlagerung von Einkaufsunbedingt auszugleichenden Zustand zu begreifen. Um beim ein- möglichkeiten in die regionalen Zentren – Druck hin gangs zitierten Beispiel der Bildung zu bleiben: Wenn alle jungen zu einer Automobilisierung der Gesellschaft: IrgendLeute, die für ein Studium qualifiziert sind, zum höchsten Bildungs- wann fahren alle vor ihrer als unbefriedigend empabschluss gedrängt werden, ergibt das in den peripheren Regionen fundenen Lebenssituation davon. Daher wird ein weeinen gewaltigen Braindrain: Die besten Köpfe wandern ab. Und sie sentlicher Schlüssel zu einer positiv erlebten Unkommen nicht einmal dann zurück, wenn es „draußen auf dem gleichheit darin liegen, die Bewohner des ländlichen Land“ geeignete Arbeitsplätze gibt: Da gibt es Apotheker, die drin- Raumes vom eigenen Auto unabhängig zu machen gend nach jungen Pharmazeuten suchen, da gibt es unbesetzte und ihnen Mitsprache bei der Entwicklung ihres UmFacharztstellen und offene Management- und Technikerpositionen feldes zu geben. Sonst bleiben die wesentlichen in der obersteirischen Industrie. Aber das dafür ausgebildete Per- Chancen der Vielfalt ungenutzt – und Ungleichheit sonal will lieber dort bleiben, wo es während des Studiums soziali- wird zur Ungerechtigkeit. ||| siert wurde: in der Großstadt. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass Österreich – anders als Deutschland – seine universitären Ein- Conrad Seidl ist Journalist.

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ausblicke 1|09 Biologische Vielfalt

Neue Werte braucht die Vielfalt! 2010 wird das UN-Jahr der biologischen Vielfalt. Das Ziel, bis zu diesem Jahr den Rückgang der Biodiversität zu stoppen, wird glatt verfehlt werden. Der unverhältnismäßig hohe Ressourcenbedarf ist nach wie vor einer der Haupttriebkräfte für den Rückgang, und die Landwirtschaft ist mitverantwortlich. Dabei bietet die LE seit Jahren Ansatzpunkte, wie betriebswirtschaftliche Optimierung und die Bereitstellung öffentlicher Güter durch die LandwirtInnen bewerkstelligt werden können. Dennoch muss mehr geschehen: Eine Diskussion über den „Wert“ der Vielfalt könnte dabei hilfreich sein. Michael Proschek-Hauptmann

1 KOM (2009) 358 endgültig, Bericht der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament, Zusammenfassender Bericht über den Erhaltungszustand von Arten und Lebensraumtypen gemäß Artikel 17 der Habitatrichtlinie, 13. Juli 2009. 2 www.umweltbundesamt.at/ umweltschutz/raumordnung/ flaechenverbrauch/ (3. August 2009).

Blühende Wiesen, dunkle Seen, rauschende Bäche und tiefe Wälder, eine reiche Natur- und Kulturlandschaft: Das ist das Bild, das viele ÖsterreicherInnen von ihrem Land haben und das sie auch nicht müde werden, weit in die Welt hinauszutragen, meistens in Form von Hochglanzbroschüren, manchmal durch einschlägige Musiksendungen und hin und wieder bei Verhandlungen um eine angemessene Dotierung der Fördertöpfe der EU. Die Vielfalt von Lebensräumen und Arten wird als Wert an sich wahrgenommen, wenngleich nicht immer sehr konsequent. Obwohl Österreich ein im europäischen Vergleich wirklich herzeigbares Agrarumweltprogramm hat, bleibt eines der Hauptziele des

Programms – nämlich den Rückgang der Artenvielfalt zu stoppen – unerreicht. Dieses Ziel setzten sich die Europäischen Staats- und Regierungschefs 2001 beim Europäischen Rat in Göteborg. Im Juli 2009 veröffentlichte nun die Kommission ihren allerersten Umsetzungsbericht in Sachen Artenvielfalt.1 Das Fazit ist ernüchternd: Europaweit befindet sich ein nur geringer Teil der Lebensräume und Arten in einem günstigen Erhaltungszustand. Grünland und Feuchthabitate sind nach wie vor am stärksten bedroht. Die Situation in Österreich ist dramatisch: Lediglich 4 Prozent der geschützten Habitate der kontinentalen Region sind gut erhalten, über 50 Prozent in schlechtem Zustand. In der alpinen Region sieht es marginal besser aus.


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Wenig überraschend die Erkenntnis: Die landwirtschaftliche Nutzung bleibt vor dem steigenden Flächenverbrauch durch Urbanisierung eine der Hauptgefährdungsursachen. Im Klartext heißt das: Früher war die landwirtschaftliche Bewirtschaftung im Kulturland die Grundlage für biologische Vielfalt, heute ist die sich ändernde Nutzung Ursache für deren Rückgang. Grenzertragsflächen werden aufgegeben, Optimalstandorte intensiviert. Doch nur den LandwirtInnen die Schuld in die Schuhe zu schieben ist billig. Immerhin profitieren KonsumentInnen in hohem Maß von dem durch die Rationalisierung der Produktion bewirkten Preisverfall bei landwirtschaftlichen Produkten. Die Menschen geben heutzutage nur mehr die Hälfe dessen für Lebensmittel aus, was sie vor 40 Jahren dafür zu berappen hatten. Diese Verbesserung zugunsten der KonsumentInnen geht nicht nur auf Kosten der biologischen Vielfalt, sondern, wie am Beispiel der Milchbauern sichtbar, auch auf Kosten der ProduzentInnen. Vor diesem Hintergrund ist es auch in Zukunft aus Umweltsicht absolut rechtfertigbar und notwendig, dass LandwirtInnen für die Erhaltung der Kulturlandschaft und für die Pflege der Habitate von der Gesellschaft quersubventioniert werden, sofern die Leistung stimmt. Doch wenn Österreich ein so gutes Agrarumweltprogramm hat und die Bauern gutes Geld für gute Leistung bekommen, warum werden dann die gesetzten Ziele im Bereich Biodiversität dennoch verfehlt? Ein psychologisches Hemmnis liegt wahrscheinlich im Verständnis des Begriffs Landwirtschaft, das ausschließlich den Produktionsaspekt in den Vordergrund rückt. 18 Prozent der ÖPUL-Betriebe (Österreichisches Programm zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft) nahmen 2008 an Naturschutzmaßnahmen teil. Das erscheint auf den ersten Blick viel, ist aber angesichts der Notwendigkeit, große Fortschritte im Naturschutz zu machen, wenig. Eine beherzte Richtungsänderung in Richtung „Agrikultur“ wäre hier schon die halbe Miete. Neben der Wertschöpfung durch Produktion müssen auch die kulturelle und die ökologische Dimension in Betracht gezogen werden. Immerhin war das über Jahrhunderte die Grundlage für nachhaltiges Wirtschaften. Die Ausweitung des Vertragsnaturschutzes ist umso

wichtiger, als in vielen Fällen für Kulturlandschaft hoheitlicher Naturschutz nur in seiner Außenwirkung zielführend, für die BewirtschafterInnen aber oft kontraproduktiv ist. Ein zweiter Grund für die Verfehlung der Biodiversitätsschutzziele ist, dass es bisher noch nicht gelungen ist, die wesentliche Ursache für den Biodiversitätsrückgang, den global steigenden Ressourcenbedarf, in den Griff zu bekommen. Am Beispiel Boden lässt sich das Problem für Österreich gut festmachen. Aktuelle Daten des Umweltbundesamtes2 belegen, dass täglich rund 12 Hektar für Siedlungsund Verkehrstätigkeit versiegelt werden; rechnet man Sportflächen und Abbauflächen mit ein, sind es gar 22 Hektar. Täglich! Der gestiegene Lebensstandard, die Änderungen der Wirtschaftsstruktur, aber auch die derzeitige Praxis der Raumplanung sind die Hauptursachen des steigenden Flächenverbrauchs. Durch die zusätzliche Notwendigkeit der Verlagerung von fossilen Energieträgern auf erneuerbare wird sich in diesem Feld eine Flächenkonkurrenz nicht nur zwischen Teller, Zapfsäule und Infrastruktur, sondern überall auch zur biologischen Vielfalt ergeben. Der Erhalt der biologischen Vielfalt sollte nicht als Pflichtübung, sondern als Chance gesehen werden. Beispiele aus den Regionen belegen, dass sich damit sehr wohl auch eine beträchtliche regionale Wertschöpfung erzielen lässt, wie am Biosphärenpark Wienerwald stellvertretend für viele Regionen in Österreich sichtbar wird. Hier wird aus einer maßgeschneiderten Kombination von Vermarktung regionaler Produkte und integriertem, in ein durchdachtes Management der Region eingebettetem Tourismusangebot über regionale Produktionskreisläufe biologische Vielfalt erhalten und nachhaltig genutzt. Die Menschen, das Land und seine Natur sind das Kapital der Zukunft. Nur wenn es gelingt, biologische Vielfalt und Regionalentwicklung zu verbinden, haben beide eine Chance. Das Programm zur ländlichen Entwicklung leistet hier bereits einen wichtigen Beitrag. In Zukunft müssen diese Aspekte aber noch größere Beachtung finden, wenn multifunktionelle „Agri-kultur“ anstelle rein produktiver Landwirtschaft ernst genommen werden soll. ||| Michael Proschek-Hauptmann, Geschäftsführer Umweltdachverband

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ausblicke 1|09 Biologische Vielfalt

Biodiversität Ein Gespräch mit Niki Berlakovich, Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft

dank nachhaltiger Landwirtschaft

Bundesminister Niki Berlakovich setzt mit der Aktion „vielfaltleben“ ein Zeichen für Biodiversität.

Das Jahr 2010 wurde von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt deklariert. Österreich hat sich bereits 2001 dazu bekannt, den Verlust der Biodiversität stoppen zu wollen. In welchen Bereichen werden Sie in Ihrer Amtszeit Schwerpunkte für die Erhaltung der biologischen Vielfalt setzen, und welche Ziele haben Sie sich gesteckt? Mein Ziel ist es, Bewusstsein zu schaffen und politische Rahmenbedingungen sicherzustellen. Denn nur was der Mensch kennt und schätzt, ist ihm etwas wert und wird ihn zu entsprechendem Handeln bewegen. Wir müssen uns bewusst werden,

dass die Vielfalt der Natur keine unerschöpfliche Ressource ist. Nur wenn wir umsichtig, nachhaltig und vorsorgend mit ihr umgehen, wird sie uns auch in Zukunft zur Verfügung stehen und Lebensqualität in unserem Land gewährleisten. Mit der Biodiversitätskampagne „vielfaltleben“ des Lebensministeriums soll dieses Bewusstsein bei den Menschen geweckt und gestärkt werden. Vor allem ist es mir wichtig, dass jeder Einzelne auch weiß, dass es nicht nur um große kostenintensive Projekte geht, sondern jeder etwas tun kann. Das beginnt damit, dass man zum Beispiel regionale Lebensmittel und für den Garten auch heimische Zierpflanzen kauft. Mit der Kampagne gehen wir daher auch direkt zu den Menschen, in die Schulen und in die Gemeinden.

Was ist der Hintergrund für die Kampagne „vielfaltleben“? Das Erfolgsgeheimnis der Natur lautet biologische Vielfalt. Je mehr Tier- und Pflanzenarten es gibt, desto größer ist die Chance, dass Anpassung und Fortpflanzung gelingen und Leben weiter besteht. Das gilt beispielsweise auch für extreme Veränderungen wie den globalen Klimawandel. Die Vielfalt der Gene, Arten und Ökosysteme ist die Lebensversicherung der Natur und somit auch für uns Menschen. Doch sehr viele Pflanzen- und Tierarten sind vom Aussterben bedroht. Um den Verlust der Biodiversität zu stoppen, hat das Lebensministerium die Kampagne „vielfaltleben“ gestartet.


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Wir müssen den KonsumentInnen bewusst machen, dass sie mit jedem Einkauf über den Weg unserer Landwirtschaft entscheiden.

Intakte Ökosysteme stellen uns eine Reihe von Leistungen zur Verfügung: etwa Nahrungsmittel und sauberes Wasser, natürlichen Hochwasserschutz und die Regulierung des Klimas. Sind sich die Öffentlichkeit und die Wirtschaft dieser Leistungen bewusst? Verglichen mit anderen Ländern können wir uns glücklich schätzen. Österreich zählt zu den artenreichsten Ländern Europas. Wunderschöne abwechslungsreiche, vielfältige Landschaften sind nicht nur das Aushängeschild Österreichs als Urlaubsdestination. Unsere Natur sichert auch Einkommen und Arbeitsplätze und hat einen enormen volkswirtschaftlichen Wert. Es ist mir daher ein überaus großes Anliegen, diese Vielfalt und Schönheit zu erhalten. Die heimische Landwirtschaft produziert nicht nur qualitativ hochwertige Lebensmittel, sondern erhält aufgrund der flächendeckenden Bewirtschaftung auch die österreichische Landschaft. Das schätzen auch die Gäste, die wegen dieser Kulturlandschaft nach Österreich kommen. Die Landwirtschaft erbringt damit eine unverzichtbare Leistung für die österreichische Tourismuswirtschaft. Zudem sichern die österreichischen Bäuerinnen und Bauern die Vitalität der ländlichen Räume, indem sie die Wertschöpfung in der Region halten und Motor regionaler Initiativen sind.

Zentral für die bäuerlichen Produzenten sind die Konsumenten. Wir müssen den Konsumentinnen und Konsumenten bewusst machen, dass sie mit jedem Einkauf über den Weg unserer Landwirtschaft entscheiden. Werden österreichische Produkte gekauft, wird es auch eine flächendeckende österreichische Landwirtschaft geben. Wenn nur Billigprodukte von irgendwoher gekauft werden, wird es für die Bauern schwer sein, die Lebensmittelversorgung sicherzustellen und die gesellschaftlich erwünschten Leistungen zu erbringen.

Das Österreichische Programm für die ländliche Entwicklung setzt sich auch Ziele im Biodiversitätsschutz. Kann das Programm Ihrer Meinung nach dieser umfassenden Aufgabe überhaupt gerecht werden? Das Österreichische Programm für die ländliche Entwicklung ist ein wesentlicher Beitrag zum Biodiversitätsschutz. Wir setzen umfassende Maßnahmen zum Erhalt der Biodiversität etwa in den Bereichen Bildung, Infrastruktur, Naturschutz und Kulturlandschaft. Wir unterstützen u. a. Biotopschutz- und Entwicklungsprojekte sowie die Herstellung und Erhaltung von Landschaftsstrukturen. Um artenreiche Vegetationstypen zu erhalten und das Grünland zu pflegen und zu schützen, bedarf es auch vielfältiger Agrarumweltmaßnahmen, die von extensiver Tierhaltung über integrierte und ökologische/biologische Erzeugung bis hin zum Verzicht auf den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln auf ökologisch wertvollen Flächen reichen.

Die biologische Vielfalt profitiert vor allem von der Kleinstrukturiertheit der Landwirtschaft in Österreich. Es ist jedoch ein konstanter Trend hin zu weniger und

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größeren Betrieben festzustellen. Kann es gelingen, den Marktanforderungen nach größeren Betrieben gerecht zu werden und die Biodiversität zu erhalten? Der Erhalt der biologischen Vielfalt hat nicht unbedingt etwas mit der Betriebsgröße zu tun. Die österreichischen Biobetriebe beispielsweise sind im Schnitt größer als die konventionellen Betriebe. Überdies gehören die österreichischen Betriebe im Durchschnitt zu den kleinen in Europa. Viel mehr Sorge bereitet mir die derzeitige wirtschaftliche Krise, die auch in der Landwirtschaft spürbar ist. Wenn sich die Produktion von Lebensmitteln nicht mehr lohnt, weil der Bauer etwa für die Milch weniger bekommt, als ihm die Erzeugung kostet, ist die flächendeckende Bewirtschaftung gefährdet. Damit wäre tatsächlich ein gravierender Verlust an Biodiversität verbunden.

Österreich besteht aus zahlreichen abwechslungsreichen Regionen. Inwiefern trägt die Initiative GENUSS REGION ÖSTERREICH zur Stärkung des ländlichen Raums bei? Viele traditionelle Lebensmittelspezialitäten haben eine große wirtschaftliche Bedeutung und tragen wesentlich zur Stärkung der kulturellen Identität einer Region bei. Den Trend zu mehr „Regionalität“ und zu traditionellen Lebensmitteln greifen die Konsumentinnen und Konsumenten auf und verlangen regionale, saisonale und qualitativ hochwertige Produkte. Mit der Initiative GENUSS REGION ÖSTERREICH kommen wir dieser Nachfrage entgegen. Region und Produkt verschmelzen zu einer unverwechselbaren Marke und tragen zur Steigerung der Wertschöpfung und damit zur Stärkung des ländlichen Raums bei. Die Darstellung von „traditionellem Wissen“ über Lebensmittel ist eine weitere Initiative des Lebensministeriums. Im österreichischen Register über traditionelle Lebensmittel werden Produkte, die von mindestens drei Generationen oder seit bereits 75 Jahren hergestellt werden, ihre Geschichte, die Herstellungsverfahren und die spezifischen Zusammenhänge zwischen Lebensmitteln, Produktionsmethoden, geografischen Gebieten und traditionellem Wissen beschrieben. Das Register

wird ständig erweitert und wird künftig Produkte aller GenussRegionen sowie traditionelle Speisen wie klassische Fleischgerichte und Speisen aus der traditionellen österreichischen Süß- und Mehlspeisenküche enthalten.

Die Anpassung an den Klimawandel ist eine der zentralen Fragen im Biodiversitätsschutz, aber auch für die Zukunft der Landwirtschaft. Welche Möglichkeiten bietet das Programm für die ländliche Entwicklung bereits jetzt, um beide Aspekte unter einen Hut zu bringen? Eine erfolgreiche Strategie gegen den Klimawandel braucht auch eine intakte, vielfältige Natur. Die heimische Landwirtschaft hat in den letzten Jahren ihre Klimaziele erreicht, und das ist zum großen Teil auf die umweltgerechte Bewirtschaftungsweise im Rahmen des Agrar-Umweltprogramms zurückzuführen.

Angesichts der bevorstehenden Verhandlungen über den EU-Haushalt steht das Agrarbudget im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wie wird sich Österreich in dieser europäischen Diskussion positionieren? Gibt es Chancen auf mehr Förderungen für Umweltleistungen in der Periode 2014–2020? Als Minister bin ich für die Bereiche Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft zuständig. In all diesen Bereichen ist die biologische Vielfalt ein zentrales Thema. Im landwirtschaftlichen Bereich ist es notwendig, in Österreich und in der gesamten EU eine flächendeckende nachhaltige Landwirtschaft sicherzustellen. Die Gestaltung der gemeinsamen Agrarpolitik der EU muss daher auch in Zukunft eine gerechte Entlohnung der Leistungen der Bäuerinnen und Bauern gewährleisten. Ihr Beitrag für die Landschaftspflege, die Umwelt, die Lebensmittel- und Energieproduktion sowie den ländlichen Raum muss honoriert werden. ||| Das Gespräch führte das Redaktionsteam der „ausblicke“.


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Biodiversitätsmonitoring durch LandwirtInnen Bewusstseinsbildung durch Beobachtung Seit 2007 wird ein österreichweites Beobachtungsnetzwerk von interessierten LandwirtInnen aufgebaut, die einmal im Jahr auf ihren Magerwiesen ganz bestimmte Pflanzenarten (Zeigerarten) beobachten, zählen und einer zentralen Stelle melden. Unterstützt werden sie dabei von NaturschutzexpertInnen, einfachen Erhebungsbögen sowie Pflanzensteckbriefen. Mitmachen können jene LandwirtInnen, die bereits an der Naturschutzmaßnahme des Österreichischen Programms zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft (ÖPUL) (WF/Pflege ökologisch wertvoller Flächen) teilnehmen. Als Aufwandsentgelt wird ein zusätzlicher „Monitoringzuschlag“ von 30 Euro pro Hektar aus Mitteln des ÖPUL bezahlt. Hauptziel des Projekts ist die Bewusstseinsbildung. Durch genaues Hinschauen können Zusammenhänge zwischen aktueller Bewirtschaftung und dem Auftreten bestimmter Arten erkannt bzw. hinterfragt werden. Mit Ende des Jahres 2009 werden über 500 Landwirtinnen und Landwirte verteilt über ganz Österreich an dem Projekt teilnehmen. Zudem konnten sieben landwirtschaftliche Fachschulen als Partner und wichtige Multiplikatoren gewonnen werden. Die Schulen werden von einem Naturschutzexperten besucht, der eine Unterrichtsstunde zum Thema Biodiversität gestaltet und dann auf einer nahegelegenen Magerwiese gemeinsam mit den Schülern seltene Pflanzen bestimmt und zählt. Ziel ist es, die LandwirtschaftsschülerInnen über das Projekt „Biodiversitätsmonitoring“ zu informieren, Zusammenhänge zwischen Nutzung und Artenvielfalt aufzuzeigen und die SchülerInnen anzuregen, sich mit Anliegen des Naturschutzes auseinanderzusetzen. Weiters wird in einer derzeit laufenden Machbarkeitsstudie zum Thema Tierbeobachtung gemeinsam mit ZoologInnen und LandwirtInnen untersucht,

ob und auf welche Weise ab dem nächsten Jahr auch Tiere beobachtet werden können. Viele Aussagen teilnehmender LandwirtInnen untermauern die These, dass erst durch die aktive Beschäftigung mit dem, was auf der Wiese wächst, der Wert dieser Flächen erkannt wird. Nach dem Motto „Was man schätzt, das schützt man!“ können so im besten Fall die Zielsetzungen des Naturschutzes auch zu einem Anliegen der LandwirtInnen werden. Das Projekt soll diese Ergebnisorientierung als neuen Ansatz im Vertragsnaturschutz unterstützen. Das im Programm Ländliche Entwicklung (mittels Maßnahme 111) geförderte Bildungsprojekt wird vom Umweltbüro Klagenfurt, dem Österreichischen Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung und der ARGE Netzwerk Naturschutz – Ländliche Entwicklung bearbeitet. ||| Barbara Steurer, Österreichisches Kuratorium für Landtechnik www.oekl.at

„Durch das Aufschreiben kann man dann das eine oder andere besser verstehen oder sucht aktiv nach einer Erklärung, warum sich der Pflanzenbestand verändert.“ Landwirt, Niederösterreich „Ich mach die Schafbeweidung jetzt seit dem Jahr 2000. Für mich ist es interessant zu sehen, wie sich die Flächen dadurch verändern und was das für den Naturschutz bringt.“ Landwirt, Niederösterreich „Durch dieses Projekt fängt man an, sich mehr für Pflanzen zu interessieren, und versteht dann auch besser, was der Naturschutz eigentlich will.“ Landwirtin, Burgenland


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Sechs Positionen zum Thema Biodiversität Das Jahr 2010 wurde von der UNESCO zum Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt erklärt. Der Erhalt und der Schutz der Artenvielfalt gehören neben dem Kampf gegen den Klimawandel zu den größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. In diesem Sinne wurden sechs Organisationen um Stellungnahmen zum Thema Biodiversität gebeten.

Biologische Landwirtschaft: Schutz der Biodiversität durch Multifunktionalität

Thomas Fertl, BIO AUSTRIA, Leiter Stabsstelle Agrarpolitik thomas.fertl@bio-austria.at

Der Beitrag der biologischen Landwirtschaft zum Schutz der Biodiversität ist unbestritten. Besonders im Ackerbau werden durch Prinzipien wie Fruchtwechsel und Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel maßgebliche Leistungen für die Artenvielfalt erbracht. Dies wird auch im Agrarumweltprogramm ÖPUL anerkannt, in dem die biologische Wirtschaftsweise als höchstwertige Agrarumweltmaßnahme verankert ist. Aber „bio“ ist mehr. Als BestPractice-Beispiel einer multifunktionalen Landwirtschaft wird Landbewirtschaftung systemisch optimiert. Da spielt der Schutz der Biodiversität eine entscheidende Rolle, aber eben auch andere Aspekte wie Bodenund Wasserqualität, Tierschutz und Lebensmittelqualität. Wenn ausschließlich sektorale Lösungsansätze verfolgt werden, besteht die Gefahr, dass andere Maßnahmen das verfolgte Ziel konterkarieren. Beispielsweise kann das Ziel der Agroenergie-

produktion mit dem Biodiversitätsschutz kollidieren, wenn andere Aspekte der Nachhaltigkeit aus den Augen verloren werden. Der beste Umgang mit unausweichlichen Zielkonflikten ist es, den multifunktionalen Ansatz auszubauen. Ob der Artenverlust in der Kulturlandschaft eingedämmt werden kann, wird daher wesentlich davon abhängen, inwieweit sich die EU im Rahmen der Neugestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik für die Periode nach 2013 auf ein europäisches Modell einer multifunktionalen Landwirtschaft besinnt. Die biologische Landwirtschaft bietet sich als Kristallisationspunkt zur Entwicklung der zukünftigen Landwirtschaft an.

Nachhaltige Ressourcennutzung zum Erhalt der Biodiversität

Dietmar Jäger, Land&Forst Betriebe Österreich, Leiter Bereich Forst und Umwelt jaeger@landforstbetriebe.at

Biologische Vielfalt bildet die Lebensund Wirtschaftsgrundlage einer Gesellschaft. In ihrer heutigen Erscheinungsform sind die Kulturlandschaften und Ökosysteme Europas durch die jahrhundertelange Landnutzung geprägt.

Die Land- und Forstwirtschaftsbetriebe in Österreich erzeugen hochwertige Lebensmittel und produzieren nachwachsende Rohstoffe für die industrielle Weiterverarbeitung und Energiegewinnung. Im Zuge ihrer auf dem Prinzip der Nachhaltigkeit beruhenden Bewirtschaftung und Nutzung der natürlichen Ressourcen führen die Betriebe einen Ausgleich zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Zielsetzungen herbei. Die Erhaltung der Biodiversität und der Naturschutz sind auch Leistungen, welche die Land- und Forstwirtschaftsbetriebe für die Gesellschaft erbringen. Für den einzelnen Betrieb wirtschaftlich nicht tragbare Maßnahmen zum Erhalt der Biodiversität sind daher in fairer Weise im Rahmen des Vertragsnaturschutzes abzugelten. Das ambitionierte Ziel, den Verlust an biologischer Vielfalt bis 2010 zu stoppen, kann durch die Landeigentümer und -bewirtschafter allein nicht getragen werden. Vielmehr ist es notwendig, die breite Öffentlichkeit durch Bewusstseinsbildung und Aufklärung für dieses Thema zu sensibilisieren und auf den notwendigen Beitrag aller Bevölkerungsgruppen zur Erhaltung der Biodiversität aufmerksam zu machen. Dazu gehören vor allem auch Vertreter in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Handel, Industrie, Verkehr, Tourismus- und Freizeitwirtschaft.


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Biolandbau stärken, ÖPUL umbauen Irmi Salzer, Österreichische Bergbauern- und -bäuerinnenVereinigung – Via Campesina Austria, Informations- und Öffentlichkeitsarbeit irmi.salzer@viacampesina.at

Biologische Vielfalt ist Grundlage zahlreicher menschlicher Aktivitäten und vor allem Voraussetzung für die Erzeugung von Lebensmitteln. In Österreich werden 3,4 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzt. Landwirtschaftliche Bewirtschaftungsweisen spielen deshalb eine zentrale Rolle, wenn es um Strategien zur Förderung und Sicherung der Biodiversität geht. Intensive konventionelle Landwirtschaft ist eine der Hauptursachen des Verlusts biologischer Vielfalt. Wissenschaftliche Untersuchungen der Auswirkungen der Landwirtschaft auf die Biodiversität bestätigen, dass von allen Landbewirtschaftungssystemen der ökologische und der extensive Landbau am vorteilhaftesten sind. Österreich hätte mit dem Österreichischen Programm zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft (ÖPUL) ein Instrumentarium in der

Hand, um eine die Biodiversität schützende Landwirtschaft effektiv zu fördern. Leider hat jedoch nur ein geringer Teil der ÖPUL-Maßnahmen tatsächlich positive Auswirkungen auf die Biodiversität. Zudem sind jene Maßnahmen, die vorteilhaft wirken können, sehr schlecht dotiert. Die Österreichische Bergbauernund -bäuerinnen-Vereinigung – Via Campesina Austria fordert deshalb schon seit Jahren eine Umverteilung der Mittel zugunsten des biologischen Landbaus sowie zugunsten von Naturschutzmaßnahmen. Obwohl offensichtlich ist, dass das Biodiversitätsziel 2010 nicht erreicht werden kann, würde eine entsprechende Neuorientierung zumindest einen Schritt in die richtige Richtung darstellen.

Landwirtschaft und Biodiversität ist (k)ein Widerspruch Christian Krumphuber, Landwirtschaftskammer für Oberösterreich, Pflanzenbaudirektor christian.krumphuber@lk-ooe.at

Was Fläche und Wertschöpfung angeht, stellt Österreichs Landwirt-

schaft in der EU etwa zwei Prozent der Grundgesamtheit dar. Kaum ein anderes Land in Europa hat mit vergleichsweise so geringer geographischer Ausdehnung eine solche Vielfältigkeit der Produktion aufzuweisen. Von den Trockengebieten im Osten mit ihren ökologischen Eigenheiten über unterschiedlichste Klimaräume westwärts bis zu hochalpinen Kulturlandschaften hat Österreichs Landwirtschaft Vielfalt im wahrsten Sinn des Wortes zu bieten. Wohlgemerkt: Landwirtschaft prägt und gestaltet Kulturlandschaft – das ist nicht „Natur pur“, auch wenn eine Marke damit wirbt. Gerade eine in weiten Teilen klein strukturierte, ökonomisch dem Weltmarkt nicht wirklich gewachsene Landwirtschaft braucht das Vertrauen und den Rückhalt der KonsumentInnen. Das schließt heute fraglos den Erhalt der biologischen Vielfalt ein. Es kann daher nicht um „Produktion oder Ökologie“ gehen, die Devise muss „Produktion und Ökologie“ lauten. Dieser in manchen Köpfen noch immer bestehende Widerspruch ist zu klären, auch wenn das mühsam und langwierig sein mag. In jedem Fall wird es sich lohnen, ein ausgewogenes Gleichgewicht der Ansprüche zu suchen. Erste, recht gelungene Ansätze gibt es: Im aktuellen Umweltprogramm wurde z. B. der Erhaltung gefährdeter Sorten und Tierrassen ein größerer Stellenwert eingeräumt. Die Erhaltung „genetischer Kleinode“ on farm ist kein Retrokonzept zur Schaffung von Agrarmuseen, sondern kosteneffizientes Biodiversitätsmanagement. Nebenbei hat der Ansatz den Vorteil, den Biodiversitätsgedanken in der Landwirtschaft besser zu verankern – etwas, woran wir da und dort noch arbeiten müssen: Der Weg ist das Ziel.

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vielfaltleben: Gemeinsam für mehr Lebensvielfalt in Österreich Birgit Mair-Markart, Naturschutzbund Österreich, Geschäftsführerin birgit.mair-markart@ naturschutzbund.at

Der zunehmende Verlust der Biodiversität sowie die Klimaerwärmung stellen derzeit wohl die größten Herausforderungen an die Menschheit dar. Diese Erkenntnis hat die Vereinten Nationen veranlasst, Biodiversität zum Thema zu machen und 2010 zum Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt zu erklären. Biodiversität – der Reichtum der Lebensformen, die Vielfalt der Arten und Lebensräume sowie die genetische Vielfalt – ist auch in Österreich bedroht: Lebensräume gehen verloren, die Rote Liste der gefährdeten Arten wird länger und länger. Österreich hat sich gemeinsam mit anderen EU-Staaten das Ziel gesetzt, den Verlust der Arten vielfalt zu stoppen: ein ehrgeiziges Ziel, das – so zeigt sich bei allen einschlägigen internationalen Konferenzen – bis 2010 nicht erreicht werden wird. Dennoch intensiviert Österreich seine Bemühungen maßgeblich. Sehr positiv ist, dass das Lebensministerium sich voll und ganz hinter

das Thema stellt und 2008 – trotz schwieriger wirtschaftlicher Zeiten – eine „1.000.000-Euro-Kampagne“ zur Förderung der Biodiversität in Österreich in Auftrag gegeben hat. Der Naturschutzbund, Österreichs älteste Naturschutzorganisation, überparteilich, gemeinnützig und in Österreich allerorten vertreten, leitet die Kampagne namens „vielfaltleben“ und wird dabei von WWF, Birdlife, und brainbows unterstützt. Mit konkreten Schutzaktivitäten vor Ort, Maßnahmen zur Einbindung der Öffentlichkeit und Entwicklung eines regionalen Netzwerkes sowie Schaffung einer breiten Allianz hochrangiger Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur wird sich der Naturschutzbund – sicher auch über das Jahr 2010 hinaus – für die Lebensvielfalt in Österreich einsetzen.

Biodiversität: Schutz und Nutzung als Schlüssel zur Zukunft Christoph Haller, Wirtschaftskammer Österreich, Abteilung Umwelt- und Energiepolitik christoph.haller@wko.at

Die Sicherung der biologischen Vielfalt gehört zu den Herausforderungen

des 21. Jahrhunderts. Die Verfügbarkeit von ausgleichenden Ökosystemen mit ihren Arten und genetischen Ressourcen liegt im Interesse aller Akteure von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft gleichermaßen. Diese Vielfalt zu erhalten und nachhaltig zu nutzen ist Ziel des 1992 ausgehandelten „Übereinkommens über die biologische Vielfalt“. Die Natur hat vielfältige Formen, Strukturen und Verfahren entwickelt. Was Biodiversität auszeichnet und für die Wirtschaft interessant macht, sind ihre große Komplexität und die Wechselwirkung zwischen unterschiedlichen Faktoren und Funktionen. Für viele Unternehmen ist Biodiversität heute bereits ein Business Case (Nutzung des Naturvermögens als rohstofflicher Ressource), aber auch eine Business Opportunity (Erforschung und Nutzung der Natur als Vorbild). Diese Nutzung nachhaltig zu gestalten ist eine Grundvoraussetzung, um langfristig erfolgreich zu wirtschaften, denn der intrinsische Wert der Natur wie der unentdeckte Reichtum der Pflanzen lässt sich nicht nur in wirtschaftlichen Kategorien beschreiben und bewerten. Das Ziel, den Verlust der Artenvielfalt zu verlangsamen, braucht globale Rahmenbedingungen. Der grundsätzliche Konflikt spielt sich nicht zwischen Wirtschaft und Natur, sondern zwischen Mensch und Natur ab, wächst doch mit der Zunahme der Weltbevölkerung auch die Nachfrage nach Siedlungs-, Verkehrs- und landwirtschaftlich genutzten Flächen. Dennoch tragen Partnerschaften zwischen Unternehmen und Organisationen, die sich dem Schutz der biologischen Vielfalt widmen, dazu bei, Verständnis füreinander zu schaffen und effiziente Beiträge zum Erhalt dieser Vielfalt zu leisten. |||


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Das Bildungsprojekt

„Seltene Nutztierrassen“ Österreich verfügt nicht nur über eine sehr vielfältige Kultur- und Naturlandschaft, sondern auch über eine Vielzahl von Nutztierrassen. Durch die jahrhundertelange züchterische Selektion und Anpassung an unterschiedliche Nutzungs- und Haltungsbedingungen ist eine große Vielfalt spezialisierter Rassen mit unterschiedlichsten Nutzungsmöglichkeiten entstanden. Durch die Forcierung hochspezialisierter Leistungsrassen ist diese Rassenvielfalt drastisch zurückgegangen. Trotz intensiver Bemühungen auf nationaler Ebene durch die Einrichtung von Förderprogrammen sowie Forschungs- und Generhaltungsprogrammen weisen zahlreiche seltene Nutztierrassen in Österreich noch kritische Bestandsgrößen auf. Immerhin 21 von 41 heimischen Rassen gelten in Österreich offiziell als hochgefährdet. Für einige Arten wie Hund, Esel, Bienen und alle Geflügelrassen gibt es keine Erhaltungs- und Förderprogramme der öffentlichen Hand. Bei LandwirtInnen ist das Wissen über diese Rassenvielfalt sowie deren spezielle Nutzungs- und Einsatzmöglichkeiten wenig verbreitet. Defizite bestehen auch im Bereich des Wissensstandes bei Schlüsselkräften und MultiplikatorInnen. Generell sind die Bedeutung und der kulturelle Wert der biologischen Vielfalt der Nutztiere in der breiten Öffentlichkeit wenig verankert. Vermarktungspotenziale und Einsatzmöglichkeiten der seltenen Nutztierrassen für deren wirtschaftliche Absicherung werden häufig nicht erkannt oder nur zögerlich in Angriff genommen. Vor diesem Hintergrund wurde 2008 auf Initiative des Vereins zur Erhaltung seltener Nutztierrassen ARCHE Austria eine Bildungsoffensive gestartet.

Projektziele Ziel des Bildungsprojekts ist die Akzeptanzsteigerung der Maßnahme „Seltene Nutztierrassen“ im Rahmen des Österreichischen Programms zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft (ÖPUL) bei

LandwirtInnen, um die Bestände innerhalb der Programmperiode vor allem bei hochgefährdeten Rassen zu stabilisieren und abzusichern. Parallel soll durch Informations- und Bildungsmaßnahmen das Thema „Seltene Nutztierrassen“ offensiv transportiert werden. LandwirtInnen und MultiplikatorInnen im Berater- und Schulungswesen sollen zu dem Thema qualifiziert und weitergebildet werden. Begleitende Aktionen zum Thema Vermarktung und Inwertsetzung seltener Nutztierrassen sollen zu deren wirtschaftlicher Absicherung und Etablierung in den ursprünglichen Verbreitungsgebieten beitragen.

Wissensmanagement und Qualifizierung Neben den klassischen Instrumenten der Wissensvermittlung wie Informationsbroschüren und Handbüchern werden in der Projektumsetzung gezielt „moderne Medien“ eingesetzt. Herzstücke der Wissensvermittlung sind die Plattform „Archepedia“ nach dem Vorbild des Internetlexikons Wikipedia (www.archepedia.at) sowie ein Internetforum.

„Netzwerk Weideprojekte“ und Produktvermarktung Im Frühsommer und Herbst 2010 finden zwei Fachtagungen zum Thema „Seltene Nutztierrassen“ statt. Unter dem Titel „Netzwerk Weideprojekte“ werden auf der ersten Tagung beispielhafte Beweidungsprojekte mit seltenen Nutztierrassen im Rahmen von Naturschutz- und Landschaftspflegeprojekten behandelt. Die zweite Fachtagung widmet sich der Produktvermarktung. Durch den Erfahrungsaustausch und die Vernetzung von Multiplikatoren sollen Projekte initiiert und bestehende Aktivitäten qualitativ verbessert werden. So bleibt zu hoffen, dass auch noch die nächsten Generationen diese Vielfalt genießen und erleben können. ||| Günter Jaritz, Obmann Arche Austria www.arche-austria.at

Das Alpine Steinschaf mit einem Gesamtbestand von nur 360 Tieren ist 2009 „Gefährdete Nutztierrasse des Jahres“.


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Gesellschaftliche Vielfalt Eine endogene Ressource Glaubt man dem schwedischen Innovationsexperten Kaj Mickos, kommt es in der ländlichen Entwicklung auf eine Ressource ganz besonders an, nämlich auf die Menschen, die in einer Region leben. In der Entwicklung von Regionen geht es daher immer auch darum, Frauen, Männer, Jugendliche, ältere Menschen, MigrantInnen, kritische und kreative BürgerInnen mit ihren unterschiedlichen Interessen zu beteiligen und in ihrer persönlichen Entwicklung zu fördern. Fragt sich nur, ob die derzeitige Praxis der ländlichen Entwicklung die gesellschaftliche Vielfalt von Regionen ausreichend berücksichtigt und als Ressource nutzt. Luis Fidlschuster

„Ich habe den Eindruck, du bist am Land gezwungen, ein relativ normiertes Leben zu führen. Da fehlt es oft an sozialem Spielraum, an Unterstützung und Wertschätzung, wenn man spezifische Interessen abseits des Mainstreams verfolgt. Dieser Mangel an sozialem Spielraum ist ein Defizit, das maßgeblich dazu beiträgt, dass Menschen nicht nur abwandern, sondern auch die Beziehung zu ihrer Herkunftsregion irgendwann aufgeben.“ Dieses Zitat stammt aus einem Interview mit der aus Unterkärnten abgewanderten Künstlerin Ines Doujak. Vielfalt in unterschiedlichen Ausprägungen ist ein zentrales Thema ihrer künstlerischen Arbeit. So setzt sie sich u. a. mit der Rolle von Stereotypen im Bereich Geschlechterrollen und Rassismus auseinander. An der „documenta 12“ nahm sie mit einer Installation („Siegesgärten“) über die Privatisierung genetischer Vielfalt durch Missbrauch des Patentschutzes auf Lebewesen und Saatgut teil.

Anders formuliert, aber in eine ähnliche Richtung wie die Künstlerin Doujak, argumentiert der Regionalforscher Paul Cloke im „Handbook of Rural Studies“ in einem Beitrag mit dem Titel „Rurality and otherness“. Zitat: „Die Bindung der Menschen an ländliche Regionen hängt auch davon ab, wie gut es gelingt, verschiedene Bevölkerungs- und Altersgruppen zu integrieren und sozialen Ausschluss zu verhindern.“ Und Mark Shucksmith stellt in seinem Buch „Exclusive Countryside? Social Inclusion and Regeneration in Rural Areas“ fest: „Auf die veränderten sozialen Beziehungen und Ansprüche verschiedener Bevölkerungsgruppen wird nur unzureichend eingegangen. Fragen der umfassenden Beteiligung sind in ländlichen Gebieten von hoher Relevanz. Sozialer Ausschluss kann gerade bei einer vermeintlich übersichtlichen kleinräumigen Struktur massiv ausgebildet sein.“

Foto: Festival der Regionen, Norbert Artner

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Der subjektiv-politische Blick der Künstlerin und die Analyse der Regionalwissenschafter verleiten zu einer Annahme: Es ist nicht nur die oft prekäre Arbeitsmarktsituation, die zur Abwanderung – insbesondere von jungen qualifizierten Frauen – aus ländlichen Gebieten führt. Auch ein zu geringer „sozialer Spielraum“ kann entscheidend dazu beitragen.

Soziale Spielräume fördern Innovation Der soziale Spielraum in einer Organisation oder Region bestimmt sich über das Ausmaß, in dem deren AkteurInnen – die MitarbeiterInnen und BürgerInnen – ihre Talente und Interessen entfalten und in die Entwicklung einbringen können. Soziale Spielräume entstehen durch Wertschätzung, Förderung und Nutzung der Vielfalt. In Regionen mit hoch entwickelten sozialen Spielräumen wird Anderssein als Ressource und nicht als Bedrohung gesehen. Dadurch können neue Sichtweisen, vielfältige Erfahrungen, interessantes Know-how und neues Potenzial für die Entwicklung erschlossen und genutzt werden. Die positive Nutzung, die konstruktive Integration von Vielfalt oder Diversity bezeichnet der Berater und Sozialforscher Heinz Metzen als Grundbedingung für eine höhere Selbstentfaltung. In vielen – vor allem international agierenden – Unternehmen wird die Selbstentfaltung der MitarbeiterInnen seit Jahren durch professionelles Diversity Management gefördert. In seiner operationalen Ausrichtung zielt Diversity Management auf eine erhöhte Problemlösungsfähigkeit heterogener Gruppen. Ziel ist, die „Kraft der Vielfalt“ für Wachstum, Weiterentwicklung und Innovation zu nutzen. Scott E. Page von der Universität Michigan beschreibt den Zusammenhang von Innovation und Diversity mit „Diversity powers innovation“ und „Innovation requires thinking differently“. Und auch die Netzwerkanalyse kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Heterogen zusammengesetzte Netzwerke gelten als stabiler, kreativer, innovativer und leistungsfähiger. Die Herausforderung bei der Realisierung dieser positiven Wirkungen von heterogenen Netzwerken ist ein professionelles Management von Unbalance und Spannungen.

„Wir sind so – und nicht anders“ Schafft die aktuelle ländliche und regionale Entwicklungspolitik jene sozialen Spielräume, die eine nach-

haltige Nutzung der Vielfalt ermöglichen? Die Antwort lautet wahrscheinlich: nicht immer und nicht überall – und insgesamt sicher noch viel zu wenig. Frauen, Jugendliche, MigrantInnen und die viel zitierten QuerdenkerInnen abseits des Mainstreams und Establishments sind in Projekten, in den Vorständen regionaler Entwicklungsorganisationen und in anderen entwicklungsrelevanten Organisationen unterrepräsentiert, weil sie nicht wirklich als „Potenzial“ und außerhalb normierter Rollen wahrgenommen werden. Zudem könnten die fortschreitende Institutionalisierung und Spezialisierung von regionalen Entwicklungsorganisationen negative Auswirkungen auf deren ursprünglich offenen, netzwerkartigen Charakter und damit auf die Beteiligung und die produktive Nutzung von Vielfalt haben. Und: Die einseitige Betonung der wirtschaftlichen Effizienz in der Entwicklungsarbeit kann dazu beitragen, dass nur ein kleiner Personenkreis eingebunden wird und kreatives Potenzial ungenutzt bleibt. Einen negativen Effekt auf die gesellschaftliche Vielfalt hat auch die Tatsache, dass die rasche und sichere Ausschöpfung von EU-Fördermitteln immer mehr zu einem Leitmotiv von Förderstellen wird. Diese Handlungslogik führt dazu, dass innovative Pilotprojekte und Experimentierfelder in regionalen Förderprogrammen kaum noch Platz finden. Beschränkend wirkt in diesem Zusammenhang auch eine mitunter zu beobachtende Verpolitisierung von Entwicklungs-

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Vielfalt durch Jugendbeteiligung: In der Leader-Region Eferding gestalteten Jugendliche in neun Gemeinden ihre Lieblingsplätze.


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Vielfalt fördert Kreativiät, Innovation und Wachstum.

organisationen auf regionaler und Landesebene. Zu einer Exklusion sozialer Gruppen bzw. zur Einengung der sozialen Spielräume kann aber auch die Überbetonung regionaler Identität führen, die (zu) stark auf Tradition und regionalen Besonderheiten basiert und regionsunabhängige, zeitgenössische (globale) Werte weitgehend ausblendet. Denn Identität, besonders wenn sie sehr eng gefasst ist, bedeutet ja nichts anderes als: Wir sind so – und nicht anders! Fazit: Wer nicht so ist wie „wir“, passt nicht wirklich ins Bild, es sei denn, sie/er passt sich an und verabschiedet sich vom Anderssein. In letzter Konsequenz kann all dies zu einer Beschränkung der regionalen Handlungsfähigkeit und der regionalen Entwicklungsperspektiven führen, die, so eine Empfehlung des Projektes „Zukunft in den Alpen“ (CIPRA 2005–2008), nur dann erweitert werden können, „wenn die regionale Gesellschaft und Wirtschaft verschiedenartig genug sind, um Individuen die Entwicklung eines breiten Spektrums (gesellschaftlicher und wirtschaftlicher) Rollen und Vorgangsweisen zu erlauben“.

Intelligenzen des 21. Jahrhunderts“ und meint damit Folgendes: Respekt und Achtung beruhen auf der Erkenntnis, dass niemand für sich oder nur innerhalb seines „Stammes“ leben kann, sondern dass die Welt aus Menschen besteht, die anders aussehen, anders denken, anders fühlen und unterschiedliche, aber prinzipiell gleichwertige Freuden erleben oder Ziele verfolgen. Dies zu akzeptieren ist laut Gardner der erste entscheidende Schritt für ein konstruktives Miteinander (vgl. „Psychologie heute“, Juli 2009). Für das Funktionieren heterogener Netzwerke – und das sollten regionale Entwicklungssysteme im Idealfall sein – spielen aber noch drei weitere Faktoren eine wesentliche Rolle: Humus und Erfolgsfaktor Nr. 1 für fruchtbare Beziehungen in Netzwerken ist das Vertrauen zwischen den AkteurInnen. Eine kritische Reflexion, ob das eigene Handeln vertrauensbildend ist oder Vertrauen zerstört, gehört daher zum Einmaleins der Zusammenarbeit in vielfältigen Netzwerkstrukturen. Die Kooperation unterschiedlicher Interessengruppen erfordert aber auch ein gewisses Maß an Großzügigkeit. Das heißt konkret: Man muss „den anderen“ auch etwas vergönnen und bewusst Leistungen einbringen, von denen die PartnerInnen profitieren. Kurzfristige egoistische Nutzenerwartungen und das permanente Verteidigen der eigenen Pfründe sind Gift für das Zusammenarbeiten in heterogenen Gruppen. Der dritte Erfolgsfaktor für eine produktive Nutzung der gesellschaftlichen Vielfalt ist die Neugierde. Menschen, die sich für die Anliegen und Probleme, das Wissen und die Erfahrungen anderer interessieren, die offen sind für neue Beziehungen, erschließen sich neue, alternative Entwicklungswege und erhöhen damit ihre Wahlmöglichkeiten. Die „Glücksforschung“ kommt in diesem Zusammenhang zu folgendem Schluss: „Neugierige Menschen sind glücklichere Menschen.“ Auf die ländliche Entwicklung übertragen könnte man auch sagen: Neugierige Regionen sind glücklichere Regionen. Diese Neugierde und damit die gesellschaftliche Vielfalt in ländlichen Regionen zu fördern wäre eine lohnende Aufgabe für eine innovative ländliche Entwicklungspolitik. |||

Einfach zum Nachdenken Eine Grundvoraussetzung für die Förderung und Nutzung der gesellschaftlichen Vielfalt ist „respektvolles Denken“. Der Intelligenzforscher Howard Gardner bezeichnet respektvolles Denken als eine der „fünf

Luis Fidlschuster, ÖAR-Regionalberatung Grundlage dieses Beitrags: T. Dax, E. Favry, L. Fidlschuster et al., Neue Handlungsmöglichkeiten für periphere ländliche Räume, ÖROK, 2009.


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Aktive Integrationspolitik im ländlichen Raum Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund hat in den letzten Jahren auch in vielen Gemeinden und Bezirksstädten im ländlichen Raum deutlich zugenommen. Eine gestaltende Integrationspolitik wird daher immer mehr auch zu einem Thema der ländlichen Entwicklung. Gerade der ländliche Raum kann gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration von ZuwanderInnen bieten. Hier spielt sich die sozial-kulturelle Auseinandersetzung von Einheimischen mit Zugezogenen – im Unterschied zur Großstadt – nicht in voneinander getrennten Räumen ab. In den sozialen und kulturellen Einrichtungen der Gemeinden wie Kindergärten, Schulen oder Vereinen ergibt sich eine Durchmischung der Bevölkerung, die kommunalen Verwaltungsstrukturen sind überschaubarer, kleinräumige Entscheidungsstrukturen erleichtern die soziale Einbindung der Bevölkerung, und es bieten sich leichter Möglichkeiten zur Bildung von Wohneigentum. Es können jedoch langlebig tradierte Strukturen und eine auch ausgrenzend wirkende soziale Kontrolle Integrationsbarrieren darstellen. Die Eingliederung neuer MitbürgerInnen setzt einen erheblichen Gestaltungswillen der Alteingesessenen voraus.

Integration braucht Strategie Die verschiedenen Aktivitäten, die das interkulturelle Zusammenleben stärken oder fördern, werden häufig vom ehrenamtlichen Engagement einzelner Menschen getragen. Die vorhandenen individuellen Strukturen und Vereinszusammenhänge allein werden diese Aufgabe auch im ländlichen Raum jedoch nicht bewältigen können. Viele Gemeinden zeigen großes Interesse an integrationsfördernden Maßnahmen. Oft besteht aus nachvollziehbaren Gründen allerdings der Wunsch nach überschaubaren Schritten, die rasch Erfolge in Bezug auf aktuelle Problemfelder erkennen lassen. Langfristige und nachhaltige Entwicklungsstrategien im Bereich der kommunalen Integrationsarbeit bleiben dabei auf der Strecke. Um Gestaltungsmöglichkeiten im Bereich Integration stärker bewusst zu machen und als eine

wesentliche Schiene zur Verbesserung der Lebensqualität in den Gemeinden zu erkennen, bedarf es neben positiver Impulse der Politik auch einer professionellen Unterstützung der kommunalen EntscheidungsträgerInnen. In den letzen Jahren sind zahlreiche Leitbilder auf Landes- und kommunaler Ebene erstellt worden, die sich inhaltlich an der sozioökonomischen Dimension (z. B. Bildung, Arbeitsmarkt, Wohnen), der rechtlich-politischen Dimension (z. B. Aufenthalt, Staatsbürgerschaft, Wahlrecht), der kulturellen Dimension (z. B. Sprache, Identifikation) und an der Haltung des Aufnahmelandes, der Region und der Gemeinde gegenüber Zugewanderten orientieren. Die Herausforderung für VerantwortungsträgerInnen in Gemeinden besteht darin, Zusammenhänge zwischen diesen Dimensionen zu analysieren, die eigene Situation und Gestaltungsspielräume auf kommunaler Ebene zu erkennen, Zukunftsbilder zu entwickeln und Entscheidungen zu treffen, die in der Bevölkerung auf Akzeptanz stoßen.

„Szenario i“ Ein aktuelles Beispiel der Unterstützung kommunaler Integrationsbemühungen stellt das vom Europäischen Integrationsfonds sowie vom Innenministerium geförderte Projekt „Szenario i – Beratungsangebot zur Szenarienentwicklung in der kommunalen Integrationspolitik“ dar, das vom Interkulturellen Zentrum mit der ÖARRegionalberatung, dem Institut für Konfliktforschung und der Donau-Universität Krems als Projektpartnern umgesetzt wird. Zentrales Element dieses Beratungsansatzes ist es, den Denkraum zwischen Problemerkennung und Lösungsansatz zu öffnen, um schließlich – angereichert mit Faktenwissen, neuen Handlungsoptionen – zu einer nachhaltigen Entwicklungsstrategie zu gelangen. Ein wirklicher Erfolg der Bemühungen auf allen Ebenen der Regional- und Gemeindepolitik wäre aus meiner Sicht dann erreicht, wenn die Gemeinden langfristig nicht mehr von Integration von MigrantInnen sprechen, sondern sich als erfolgreiche AkteurInnen einer Migrationsgesellschaft verstehen. ||| Franjo Steiner, Interkulturelles Zentrum


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ausblicke 1|09 Gesellschaftliche Vielfalt

Gleichstellung von Frauen und Männern am Land Wenn Chancengleichheit in ländlichen Gebieten verwirklicht werden soll, müssen klare Akzente für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen gesetzt werden.

In Österreich besteht mittlerweile ein breiter gesellschaftlicher Konsens, die Gleichstellung von Frauen und Männern erreichen zu wollen. Deren Verwirklichung ist allerdings regional unterschiedlich weit fortgeschritten. Neben den sogenannten harten Faktoren wie der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit oder dem Arbeitsplatzangebot sind es vor allem die sozialen Gegebenheiten wie Infrastruktur, ein offenes oder geschlossenes gesellschaftliches Klima oder das Kulturangebot, welche die Attraktivität von ländlichen Regionen für Frauen und Männer bestimmen. Die persönliche Entfaltung von Frauen ist eng mit der Möglichkeit verknüpft, eine gute Ausbildung zu absolvieren und ein eigenständiges Einkommen zu erwirtschaften. In vielen ländlichen Regionen ist das Arbeitsplatzspektrum für qualifizierte Frauen sehr eingeschränkt, und die Versorgung mit ganztägigen Betreuungseinrichtungen für Kinder ist in nur geringem Umfang gegeben. Daher wandern gut qualifizierte Frauen eher in die Zentralräume ab und kehren nach der Ausbildung nicht mehr in ihre Ursprungsregion zurück. Um diesen Braindrain aufzuhalten und das Potenzial der Frauen für die regionale Entwicklung zu nutzen, sind bei den politischen und administrativen AkteurInnen unmittelbare Maßnahmen einzufordern. Das Problembewusstsein, die Sensibilität und die politische Offenheit für Geschlechterfragen sind allerdings bei regionalen und lokalen Entscheidungsträgern noch nicht sehr ausgeprägt. Dies sind jedoch Voraussetzungen, um die sich immer rascher vollziehenden gesellschaftlichen Veränderungen wahrzunehmen und sie im regionalen Kontext aktiv mitzugestalten. Darüber hinaus ist die Präsenz von Frauen in

der politischen Öffentlichkeit in ländlichen Regionen extrem niedrig (3,4 Prozent Bürgermeisterinnen), obwohl ihnen eine hohe Kompetenz für das „Lokale“ zugesprochen wird. Auch in wichtigen Sektoren wie der Landwirtschaft ist die Entscheidungsmacht überwiegend in Männerhand. So sind alle Präsidenten der Landwirtschaftskammern Männer, und in den Vollversammlungen sind nur knapp 15 Prozent der Delegierten weiblich. Dasselbe Bild zeigt sich im Bereich der Sektorsolidarität (Raiffeisen, SV der Bauern) und in der politischen Vertretung der Bäuerinnen und Bauern. Eine Folge davon ist, dass der Diskurs über agrarische Politik, landwirtschaftliche Produktion und ländliche Entwicklungspolitik durchwegs aus männlicher Sicht bestimmt wird. Die mangelnde politische Präsenz von Frauen in den Gemeinden setzt sich natürlich auch auf regionaler Ebene, etwa in den Lokalen Aktionsgruppen (LAGs) von Leader, fort. Hier gibt es auch in der aktuellen Förderperiode aufgrund der Beschickung der LAG-Vorstände mehrheitlich mit Bürgermeistern kaum nennenswerte Änderungen in Hinblick auf die Männerdominanz in den Vorstandsgremien. Für die Projektauswahlgremien in den LAGs wurde eine Frauenquote von 33 Prozent eingefordert, die im Österreichschnitt auch erreicht wurde, jedoch durchaus stark variierte (7 bis 55 Prozent); vor allem von den neuen LAGs der Förderperiode 2007–2013 wurde die geforderte Quote erfüllt. Angesichts der noch immer bestehenden Benachteiligung von Frauen am Land ist es unabdingbar, in den gut dotierten Programmen zur ländlichen Entwicklung klare Akzente (finanzielle Ressourcen) zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse von Frauen zu setzen. Weitere wichtige Schritte sind eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen auf allen Entscheidungsebenen, eine Umverteilung von Erwerbs-, Familien- und ehrenamtlicher Arbeit zwischen Frauen und Männern sowie ein lebendiger Dialog und eine neue Konfliktkultur zwischen allen Beteiligten. ||| Theresia Oedl-Wieser, Bundesanstalt für Bergbauernfragen in Wien


Gesellschaftliche Vielfalt ausblicke 1|09

Das Potenzial der Jugend im ländlichen Raum Trotz des großen medialen und wissenschaftlichen Interesses an der juvenilen Lebensphase ist das Thema „Jugend im ländlichen Raum“ bisher weitgehend unbeleuchtet geblieben. Seit den 1990er-Jahren öffnet das Bundesland Salzburg mit seinen „Bezirksjugendstudien“ den Blick auf die Lebenssituation der ländlichen Jugend – eine komplexe und heterogene Gruppe mit vielen ungenutzten Möglichkeiten für die Regionalentwicklung. Bei oberflächlicher Betrachtung ließe sich vermuten, dass Jugendliche in Stadt und Land dieselben Probleme und Herausforderungen zu bewältigen haben. In der Tat lassen sich auch zahlreiche Überschneidungen feststellen, zumal die Grenzen zwischen Stadt und Land mehr und mehr verschwimmen. Die schlechteren Voraussetzungen am Land werden aber deutlich, vergegenwärtigt man sich etwa das geringere Angebot an Lehrstellen und Arbeitsplätzen, die sich auf wenige Branchen konzentrieren, in Verbindung mit oft langen und beschwerlichen Anfahrtswegen. Auch das Netz der Beratungseinrichtungen ist zumeist dünner als in der Stadt. Trotzdem zeigen viele regional oder kommunal durchgeführte Jugendbefragungen eine hohe Zufriedenheit und Verbundenheit der Jungendlichen mit ihrer Gemeinde oder Region und eine Wertschätzung der gegebenen Lebensqualität. Vor allem der Erholungswert der vielfältigen Landschaft, die Möglichkeiten der Unterstützung durch soziale Netzwerke (Freunde, Verwandte) oder die Geborgenheit einer „gefühlten“ und funktionierenden Dorfgemeinschaft werden hervorgehoben.

Als Folge werden Skateparks, Sportanlagen und Jugendtreffs in die Peripherie verbannt. Aus meiner Sicht erstrebenswert wäre, in jeder Gemeinde eine funktionierende (betreute) Treffpunktstruktur zu etablieren, die ein kreatives Milieu für Ideen und Projekte bietet. Die Basis für die Verwirklichung dieses Ziels ist eine Art gesellschaftlicher Grundkonsens, Jugendliche an den Prozessen einer integrierten ländlichen Entwicklung zu beteiligen, der u. a. auch in den Leitlinien für Leader und die Lokale Agenda 21 zum Ausdruck kommt. Die kommunale und regionale Ebene eignet sich dafür besonders, da dort die Lebenswelt der Jugendlichen direkt berührt wird und die Resultate ihrer Beteiligung unmittelbar sichtbar werden.

Aufholbedarf in der Jugendbeteiligung

Das Ausmaß dieser Partizipation ist in einigen Gemeinden, Regionen und Einrichtungen sicherlich schon sehr weit fortgeschritten, in Summe lässt sich allerdings noch vielerorts Aufholbedarf erkennen, sei es in der Etablierung eines funktionierenden Austauschs (in Form von Jugendgesprächen, Befragungen etc.) zwischen Gemeinde-/Regionalpolitikern und Jugendlichen, der aktiven Informationsarbeit der EntscheidungsträgerInnen, der Sicherstellung von Beratungseinrichtungen oder der kontinuierlichen Verbesserung der Infrastruktur (v. a. der öffentlichen Verkehrsmittel). Um Gemeinden in ihren Bemühungen zur Beteiligung Jugendlicher zu unterstützen, hat die „ARGE Partizipation Österreich“ einen speziellen Leitfaden erarbeitet, dem auch viele Erfahrungen aus Salzburg zugrunde liegen. Der Leitfaden bietet eine flexible Praxisanleitung für kommunale Strukturen zur Verankerung nachhaltiger Beteiligung. Download und weitere Informationen zum Thema unter www.akzente.net/Fachtagung-Leitfaden-Partizipation. 2109.0.html. Zusammenfassend kann ich nach jahrelanger Beobachtung und Begleitung der Jugendarbeit im ländlichen Raum festhalten, dass Jugendliche mit Sicherheit Kreativität einbringen, Mitarbeit Milieu für Projekte und Ideen schaffen leisten und Verantwortung in den Regionen und Gemeinden überFreizeit und die damit verbundenen Aktivitäten neh- nehmen können. Es liegt an den EntscheidungsträgerInnen, dieses men im Leben der Jugendlichen einen zentralen Stel- Potenzial zu nutzen und zu fördern, um es den Jugendlichen zu lenwert ein. Oftmals wird es ihnen aber erschwert, ermöglichen, ihren Lebensraum verstärkt mitzugestalten. ||| Räume zu finden, die sie sich für ihre Aktivitäten aneignen können. Besonders am Land entstehen beim Rainer Schramayr, Akzente Tennengau, Bedürfnis nach Treffpunkten nicht selten Konflikte. www.akzente.net und www.jugendinaktion.at

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ausblicke 1|09 Gesellschaftliche Vielfalt

Das Repertoire an Lösungen erweitern. Gesellschaftliche Vielfalt birgt die Chance, unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen jenseits gewohnter Denkmuster in die regionale Entwicklung zu integrieren. Sie stärkt den sozialen Zusammenhalt und erweitert das Repertoire an Problemlösungen, was vor allem in Zeiten des Umbruchs und der Neuorientierung sehr hilfreich ist. Vorarlberger LeaderProjekte wie das Kräuterprojekt „Alchemilla“, „Engagement“, „Junge KlostertalerInnen“ oder „bewusst. montafon“ fördern das Engagement von Frauen, vernetzen Jugendliche und beteiligen sie an regional bedeutsamen Entwicklungen. Gemessen an der Gesamtzahl der Projekte sind diese Themen jedoch unterrepräsentiert. Es bedarf noch großer Überzeugungsarbeit, damit gesellschaftliche Vielfalt ebenso geschätzt wird wie landschaftliche Vielfalt. Bernhard Maier, Leader-Manager Regionalentwicklung Vorarlberg

Verschiedenartige Menschen integrieren. Gesellschaftliche Vielfalt ist ein Leader-Thema, denn auch ländliche Gebiete sind längst nicht mehr vollständig homogen. In unserer Arbeit wird das Wesen der Vielfalt, das Nebeneinander von Lebensstilen, sozialen Charakteristika, Einstellungen und Ansichten greifbar. In MostviertelMitte ist uns bewusst, dass der

Umgang damit eine wichtige Aufgabe und Chance ist. So haben wir z. B. bereits ein örtliches Genderprojekt umgesetzt, und wir versuchen in Projekten wie „Lernende Region“ möglichst viele verschiedenartige Menschen in die Leader-Arbeit zu integrieren. Zurzeit werden mögliche Diversity-ManagementStrategien überlegt. Anja Gamsjäger, Leader-Managerin Mostviertel-Mitte

Gesellschaftliche Vielfalt, eine Chance für die ländliche Entwicklung? Frauen, Jugendliche, innovative und kritische Personen abseits etablierter Organisationen, MigrantInnen und ältere Menschen sind wichtige Ressourcen und Zielgruppen ländlicher Entwicklung. Welche Rolle spielt die gesellschaftliche Vielfalt in der Leader-Arbeit?

Die Grenzen der Einseitigkeit. Monokulturelle Entscheidungen und Entwicklungen bringen kurzfristige, einseitige Erfolge – bis sie an ihre Grenzen stoßen und Stoff für Weiterentwicklung und Veränderung liefern. In einer Zeit der globalen Standardisierungswut und vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Sackgassen gewinnt die Wahrnehmung von Vielfalt, Ambivalenz und Vermischung wieder mehr Bedeutung. Ich sehe dies als Chance, etablierte Strukturen durch Beteiligungsprozesse zu bereichern und eine von Fairness und Gerechtigkeit, aber auch von ökonomischer Sicherheit geprägte Zukunft zu gestalten. Heidi Drucker, Leader-Managerin „mittelburgenland plus“

Neue Ressourcen und Chancen. Die Mär vom globalen Dorf ist Wirklichkeit geworden. Die rumänische Frau des Bäckers hat in ihrem Heimatland mit Auszeichnung maturiert; die thailändische Freundin des IT-Fachmanns hat in Bangkok Mode und Design studiert. Längst sind dies nicht mehr nur Kennzeichen von städtischen Regionen. Auch im sogenannten ländlichen Raum hat die Internationalisierung der Gesellschaft längst Einzug gehalten. Neue Technologien und neue Formen der Mobilität haben räumliche Distanzen global schrumpfen lassen. Integration und Nutzen von gesellschaftlicher Vielfalt sind wesentliche Chancen auch für die Entwicklung von ländlichen Regionen. Klaus Diendorfer, Leader-Manager Donau-Böhmerwald


Gesellschaftliche Vielfalt ausblicke 1|09 Wir sind Tiroler. Unsere Region präsentiert sich bei näherer Betrachtung als ein Schmelztiegel unterschiedlicher Nationalitäten. Rund 60 verschiedene Nationalitäten leben hier mit all ihren Eigen- und Besonderheiten. Neben einer Vielzahl von Sprachen treffen vor allem verschiedene Bräuche, Kulturen, Temperamente und auch Religionen aufeinander. All diese Aspekte werden in dem Projekt „Wir sind Tiroler“ aufgezeigt: vor allem durch Porträts von Familien und Einzelpersonen – fotografisch und in Form von Texten („Geo“-Reportagen, Bildband). Das Projekt will den Facettenreichtum der Nationalitäten erfassen und stellt eine gänzlich neue Form der Integration dar: „Nur was man kennt, kann man verstehen, und nur was man versteht, kann man akzeptieren und respektieren.“ Barbara Loferer, Leader-Managerin Hohe Salve und Mittleres Unterinntal Tirol

Vielfalt von AkteurInnen und Perspektiven. Die Österreichische Raumordnungskonferenz wagt in ihrem aktuellen Bericht zur demografischen Entwicklung eine ernüchternde Prognose: Der Großraum Wien und eingeschränkt die Städte Linz, Graz und Innsbruck werden zu den Gewinnern zählen. Und die Verlierer? Geburtenrückgänge und Abwanderung führen zu einer schleichenden Ausdünnung des ländlichen Raums. Diesen Trend umzukehren muss die Mission jeder Lokalen Aktionsgruppe

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Das kleine Einmaleins kommt vor dem großen. Hoch sind sie, unsere Vorstellungen von gesellschaftlicher Vielfalt: Wir wollen ZuwandererInnen integrieren, alle Menschen gleichstellen, Frauen zur Mitarbeit gewinnen, usw. Ja, ich bin dafür – wenn wir damit umgehen können. Dieses Umgehenkönnen mit dem „anderen“, mit anders Denkenden, anders Gläubigen, erfordert Kompetenz und Haltung. Beides zeigt sich in Projektbesprechungen, Vorstandssitzungen, Wahlreden usw. – nicht erst in Diversity-Projekten. Wir sollten das kleine Einmaleins üben. Hans Rupp, Obmann der Leader-Region Römerland Carnuntum, Geschäftsführer des Bildungs- und Heimatwerks NÖ

sein. Der ländliche Raum hätte hierfür einiges zu bieten. Das Ziel einer Trendumkehr werden wir nicht nur auf neuen Wander- und Radwegen erreichen. Ländliche Entwicklung braucht einen breiten Möglichkeitsraum und einen integrierenden Handlungsraum. Die Vielfalt von AkteurInnen und Perspektiven ist dabei unsere wichtigste Ressource. Wenn nur jene über Innovation durch Vielfalt. die Zukunft des ländlichen Raums entAus meiner Sicht liegt scheiden, die für den Stillstand verantin der Aktivierung der wortlich waren, haben wir verloren. regionalen Vielfalt – Günter Salchner, Leader-Manager in den Bereichen Wirtschaft, Natur, Außerfern Nationalitäten, Sprachen, Bildung, Geschlechter, Generationen, Religionen – eine große Chance. Die Schwierigkeit ist ihre NutzbarmaVielfalt ist Zukunft. Innovative Ideen chung. Nur durch aktives Aufeinanderund kreative Köpfe sind das Salz in zugehen und ständige Gespräche mit der Suppe der Regionalentwicklung. den Menschen in der Region kann Ganze Regionen können davon naches gelingen, vorhandene Hemmhaltig profitieren. In unserer Region hat beispielsschwellen zu überwinden und das weise eine Frau einen Prozess ausgelöst, der nun Bewusstsein für diesen Mehrwert zu viele Menschen (Entscheidungsträger, Funktionäre, schaffen. So können neue Ideen und Vertreter von Kammern und Verbänden, aber auch Sichtweisen in die Regionalentwickengagierte Personen der Zivilgesellschaft) dazu lung einfließen und Innovationen bewegt, einen neuen Weg einzuschlagen – für den entstehen. Und eine langfristige Lungau als Biosphärenpark. Partizipationsprozesse positive und ganzheitliche Weitervon Menschen aus unterschiedlichen Lebensentwicklung ist nur dann möglich, welten spielen dabei eine wichtige Rolle. Jene wenn sich die regionale Vielfalt Regionen, die aktiv soziale Vielfalt fördern, werden in den Projekten und Aktivitäten profitieren. Denn nur dort wird es möglich sein, widerspiegelt. ökonomische Sicherheit, ökologische NachhaltigUrsula Feist, Regionalmanagerin keit und soziale Gerechtigkeit zu sichern – auch Nockregion für künftige Generationen am Land. Andrea Schindler-Perner, Regionalmanagerin für Arbeit und Chancengleichheit, Regionalverband Lungau


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ausblicke 1|09 Ökonomische Vielfalt

Vielfalt in der Landwirtschaft aus ökonomischer Perspektive Infolge des zunehmenden globalen Wettbewerbs ist die Landwirtschaft der westlichen Welt seit Längerem von Prozessen der Spezialisierung und Konzentration der Produktion geprägt. Da die Abnahme vielfältiger Betriebsstrukturen von vielen als Verlust gewertet wird, sollen nachfolgend mögliche Gründe für die Spezialisierung sowie Chancen für mehr Vielfalt in der Landwirtschaft erörtert werden. Leopold Kirner

Gründe für die Spezialisierung und ihre Gefahren Ein wesentliches Argument für die Zunahme der Spezialisierung liegt in den Skaleneffekten größerer Einheiten (Economies of Scale): Mit zunehmender Betriebsgröße werden die (fixen) Kosten auf immer mehr Einheiten verteilt, wodurch die Kosten je Einheit in der Regel sinken. Besonders deutlich lässt sich dieser Sachverhalt an der Arbeitszeit veranschaulichen. Für einen Betrieb mit fünf Kühen und entsprechender Stalltechnik werden laut Deckungsbeitragskatalog 200 Arbeitskraftstunden (AKh) je Kuh und Jahr veranschlagt, bei etwa 100 Kühen reduziert sich der entsprechende Arbeitszeitbedarf auf unter 30 AKh. Die Abnahme von Vielfalt durch zunehmende Spezialisierung birgt jedoch wesentliche Gefahren in sich. Die Fehlertoleranz eines Systems nimmt ab, und die Risikoanfälligkeit steigt, weil homogenere Bedingungen vorherrschen. Die zunehmende Spezialisierung in der Landwirtschaft ginge somit mit einer Reduktion und Vereinheitlichung von Produktionssystemen und Betriebstypen einher. Eine solche Situation könnte dazu führen, dass einige genetische Ressourcen verschwinden und Bäuerinnen bzw. Bauern weniger als bisher zur Erhaltung von Umwelt und Landschaftsbild beitragen würden, wenn derartige Aktivitäten nicht entsprechend entlohnt werden.

Chancen und Nutzen von Vielfalt in der Landwirtschaft Eine vielfältigere Betriebsorganisation kann dann zu ökonomischen Synergieeffekten führen, wenn die

Kosten für die gemeinsame Betreuung zweier zusammengeführter Segmente niedriger sind als die für die Betreuung voneinander isolierter. Diese als Economies of Scope bezeichnete Strategie kommt in der Landwirtschaft vor allem durch Diversifizierungsmaßnahmen zum Tragen. Die Voraussetzung ist, dass solche Segmente identische Vertriebswege nutzen können, auf die gleiche Zielgruppe zugeschnitten sind


Ökonomische Vielfalt ausblicke 1|09

oder auf vergleichbaren Produktionsprozessen beruhen. Beispielsweise können freie Arbeitskapazitäten für Verarbeitungs-/Vermarktungszwecke eingesetzt oder vorhandene Maschinen im Rahmen des Maschinenringes auswärts verwendet werden. Vielfalt entsteht auch dadurch, dass nicht ausschließlich standardisierte Agrarrohstoffe erzeugt und geliefert werden, sondern bestimmte Zusatzleistungen mit einem Zusatznutzen für die Verbraucher kreiert oder für ausgewählte Nischenmärkte produziert werden. Generell werden Diversifizierungsstrategien vor allem von kleineren Betrieben wahrgenommen, da Spezialisierungseffekte begrenzt und freie Arbeitskapazitäten eher vorhanden sind. Diese Strategien führen zu einem abwechslungsreichen Landschaftsbild und tragen wesentlich zur Erhaltung ländlicher Räume bei.

Vielfalt erhalten, aber wie? Welche Maßnahmen sind nun zu ergreifen, damit die Vielfalt in der (österreichischen) Landwirtschaft erhalten bleibt oder nicht weiter sinkt? Die Rückführung eines spezialisierten Betriebs in einen Betrieb mit größerer Vielfalt ist selten zu beobachten. Ein Bild aus

der Natur: Eine aus vielen verschiedenen Arten zusammengesetzte Glatthaferwiese ist kaum mehr als solche wiederherzustellen, wenn sie einmal durch häufigere Nutzung und stärkere Düngung zu einer Intensivwiese gemacht wurde. Ein Ansatz für mehr Vielfalt in der Landwirtschaft ist der Erhalt bestimmter Schutzmechanismen im Rahmen der Agrarpolitik, zum Beispiel durch Zölle oder Direktzahlungen für bestimmte Produktionsweisen. Die evolutorische Ökonomik spricht hier von der Isolation getrennter Populationen, um verschiedene Eigenschaften und somit Vielfalt zu bewahren. „Getrennte Populationen“ in der Landwirtschaft könnten unterschiedliche Produktionssysteme oder Betriebstypen sein, die durch bestimmte Vorkehrungen („Isolation“) von der Außenwelt geschützt werden und auf diese Weise ihr Überleben sichern. Ein weiterer Ansatz kommt aus dem Argument der natürlichen Selektion nach Darwin und Spencer, dem zufolge der Selektionsprozess dafür sorgt, dass unangepasstes Verhalten verschwindet. Auf die hier interessierende Frage übertragen könnte das bedeuten, dass kleine bäuerliche Familienbetriebe mit beispielsweise hohen Kosten generell aus der Produktion ausscheiden (müssten). Dies gilt jedoch nur eingeschränkt, da der Selektionsdruck abnimmt, wenn die Faktoren Arbeit, Boden und Kapital sich in einem hohen Ausmaß im Eigenbesitz befinden. Mehr Eigenkapital bedeutet weniger Risiko und führt daher zu weniger Strukturwandel. Eine überragende Rolle für Vielfalt in der Landwirtschaft nimmt die Fähigkeit für Innovationen aller Art ein, weil dadurch die Variabilität von Betrieben und Produktionsweisen steigt. Alle Maßnahmen, die Innovationsprozesse fördern, sichern somit auch Vielfalt. Als konkrete Handlungsorientierungen dazu wären flexible Lebensmodelle in der Familie sowie die Möglichkeit zu nennen, über Beratung eine Außensicht auf den Betrieb zu ermöglichen. Nur eine Art der Landwirtschaft wird es in Zukunft (hoffentlich) nicht geben. Für eine erfolgreiche Betriebsführung stehen viele Wege offen, die für die Familie geeignete Strategie ist auszuwählen. Alle Akteure des Agrarsystems sind gefordert, den Rahmen für eine vielfältige Landwirtschaft der Zukunft aufzubereiten, weil vielfältige Produktionsweisen auch erwünschte nichtökonomische Nebenwirkungen zeitigen. |||

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Leopold Kirner, Bundesanstalt für Agrarwirtschaft


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ausblicke 1|09 Ökonomische Vielfalt

Weißer Kuhsaft – die vielen Gesichter der Milch Heumilch, Zurück-zum-Ursprung-Milch, Herzmilch, Biomilch, Weidemilch, Almmilch, gentechnikfreie Milch … – in den letzten Jahren hat sich die Milchwirtschaft Österreichs grundlegend diversifiziert. Die zunehmende Vielfalt beschränkt sich nicht auf die Produkte der Molkereien und des Handels, sondern wirkt sich auch deutlich auf die Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe aus. Andreas Steinwidder und Christian Jochum

Differenzierung und Komplexitätsreduktion Sortimentsbreite und -tiefe bringen Vielfalt am Markt und sprechen die unterschiedlichsten Zielgruppen an. Überall wo Milch nicht als generischer Rohstoff für ein Gericht verwendet wird („Man nehme ¼ l Milch“), können die vielfältigen Wünsche und Bedürfnisse der VerbraucherInnen mit Spezialmilchsorten befriedigt werden. Zielgruppen sind Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen wie junge oder ältere Singles, Familien mit Kindern, Paare ohne Kinder. Diese Bandbreite wird von sozialen Faktoren wie Bildung, Einkommen oder Beruf überlagert und ergibt bei der Nachfrage ein buntes Bild. Die Kunst des Marketings besteht darin, jeder

Zielgruppe genau die Milchsorte anzubieten, die sie braucht bzw. wünscht. Ein Teil dieser Sortenvielfalt (Packungsgrößen, Haltbarkeit, Fettgehalt etc.) geht auf das Konto der Molkereien, andere Eigenschaften ergeben sich aus besonderen Produktionsprogrammen. Diesem Trend zur Ausdifferenzierung der Produkte steht eine Reduktion der Komplexität gegenüber: die Kombination möglichst vieler verschiedener Merkmale in einem Produkt, wodurch mit einer Kaufentscheidung gleich mehrere Aspekte abgedeckt werden. So steht „bio“ in der Verbrauchermeinung für gesunde Lebensmittel, tierfreundliche Haltung, Umweltschutz (Verarbeitung, Verpackung, Transport), soziale Standards usw.


Ökonomische Vielfalt ausblicke 1|09

Vielfalt: Chancen und Risken Die klein strukturierte und heterogene Milchwirtschaft Österreichs kommt dem Vielfaltskonzept entgegen (in anderen landwirtschaftlichen Bereichen, wo die Standardisierung stärker ausgeprägt ist, z. B. bei der Schweinehaltung, stoßen vergleichbare Trends rasch an Grenzen). Diese Tatsache unterscheidet die österreichische Milchproduktion von der in den Nachbarländern Österreichs und ermöglicht, im Export mit „Zusatzqualitäten“ zu punkten (Heumilch, Weidemilch, gentechnikfreie Milch). Steigende Produktvielfalt erhöht den Aufwand in der Beschaffung der Rohstoffe (zusätzliche Milchtour), der Lagerung, der Verarbeitung, der Kontrolle, im Marketing, in der Werbung, im Vertrieb und in der Informationspolitik. Großräumige und umfassende Werbe- und Informationsmaßnahmen werden erschwert. Darüber hinaus nimmt die Bindung der Produzenten und Verarbeiter an die Handelspartner zu, da zumeist nur diese die notwendigen finanziellen Mittel aufbringen können, um am Markt neue Produktschienen aufzubauen. Auf landwirtschaftlicher Seite erhöhen zusätzliche Anforderungen die Kosten in der Lebensmittelerzeugung und beeinflussen auch die Betriebsentwicklung und das Produktionsrisiko.

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lichste Strategien ökonomisch wettbewerbsfähig sein können. Entscheidend ist immer, dass die gewählte Strategie optimal zu den Betriebsbedingungen passt, dass das Verfahren effizient, professionell und konsequent umgesetzt wird und dass die BetriebsleiterInnen mit Herz und Freude dahinterstehen. Dazu ein Ergebnis aus einem Forschungsprojekt zur Low-InputVollweidehaltung: Trotz geringerer Einzeltierleistungen konnten die Projektbetriebe mit der Vollweidestrategie bei der direktkostenfreien Leistung sehr gute Ergebnisse erzielen. Geringere Milchleistungen wurden durch weniger Kraftfutterkosten, eine bessere Fruchtbarkeit und geringere Kuhverluste kompensiert. Die Produktionsbedingungen in der österreichischen Milchviehhaltung sind sehr vielfältig und werden es auch in Zukunft bleiben. Daher wird es auch weiterhin unterschiedlichste Wege in der Betriebsentwicklung geben müssen, wobei die ressourceneffiziente und ökologische Ausrichtung eine zentrale Rolle spielt. Nur solche Strategien sind langfristig nachhaltig und sichern auch den Absatz der Spezialprodukte sowie die notwendigen finanziellen externen Unterstützungen.

Faire Partnerschaften ohne Hü und Hott Milchviehhaltung wohin?

Spezielle Produkte brauchen meistens auch spezielle Produktionsprogramme, die bereits auf bäuerlicher Ebene klar definiert sind. Fettarme Milch wird in der Molkerei gemacht, Biomilch am Bauernhof. Spezialanforderungen müssen abgegolten werden und sind sinnvollerweise vertraglich geregelt. Langfristige Perspektiven ermöglichen es den Betrieben, sich den Anforderungen optimal anzupassen. Ständig wechselnde Vorgaben demotivieren und bringen nicht die besten Ergebnisse. Wenn sich landwirtschaftliche Familienbetriebe ständig neu ausrichten müssen, ist dies auch mit einem hohen Risiko und hohen Kosten verbunden. Ein Qualitätsprogramm muss gesichert und im gemeinsamen Einvernehmen weiterentwickelt werden. Das erfordert eine faire Partnerschaft zwischen Bäuerinnen und Bauern, Verarbeitungsbetrieben und Ergebnisse betriebswirtschaftlicher Auswertungen dem Lebensmittelhandel – und einen guten Draht zu (Arbeitskreise, Forschungsprojekte etc.) zeigen immer den KonsumentInnen, denn ihnen muss die Milch wieder, dass in der Milchviehhaltung unterschied- letztlich schmecken. |||

Nicht nur in der Verarbeitung und im Handel, sondern auch in der Viehhaltung stellt sich die Milchwirtschaft Österreichs als sehr vielfältig dar. Es gibt beispielsweise f kleine Milchviehbetriebe in strukturell stark benachteiligten Berggebieten und ackerbaubetonte Gunstlagenbetriebe, f biologisch und konventionell wirtschaftende Betriebe, f High-Cost- und Low-Cost-Betriebe, f Hightechbetriebe und traditionell wirtschaftende Betriebe, f Betriebe mit und ohne Weidehaltung, f Vollerwerbs-, Zu- und Nebenerwerbsbetriebe, f Hochzuchtbetriebe und Landeszuchtbetriebe.

Andreas Steinwidder, Höhere Bundeslehr- und Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein Christian Jochum, Landwirtschaftskammer Österreich, Agrarvermarktung


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ausblicke 1|09 Ökonomische Vielfalt

Diversifizierung am Bauernhof So vielfältig zeigt sich die österreichische Landwirtschaft Die bestmögliche Nutzung der einzelbetrieblichen Möglichkeiten ist die Grundlage für die vielseitige und vielfältige österreichische Landwirtschaft. Mit zusätzlicher Wertschöpfung über die Urproduktion hinaus können die Nachteile kleiner Betriebe oder klimatische Erschwernisse kompensiert werden. Durch Förderungen und ein projektfreundliches Klima wird diese ökonomische Vielfalt seit Jahren von der Politik unterstützt. Christian Jochum

Die traditionelle Landwirtschaft war zwangsläufig vielfältig. Auch heute noch gibt es die unterschiedlichsten Formen der Urproduktion bis hin zur Zucht von Zwergzebus, Lamas und Straußen oder dem Anbau von Kiwis, Artischocken und Leindotter. Die Gewerbeordnung ermöglicht landwirtschaftlichen Betrieben gewisse Tätigkeiten, die zwar mit der Landwirtschaft zusammenhängen, aber nicht zur Urproduktion zählen. Dazu gehören zum Beispiel Fuhrwerksdienste mit eigenen Fahrzeugen, das Mähen von Straßenrändern im kommunalen Auftrag, die Vermietung eigener Gerätschaften, was zu einer besseren Auslastung und damit zu einer Kostensenkung führt, die Kompostierung organischer Abfälle, der Betrieb von kleinen bis mittleren Biomasseanlagen bis vier Megawatt, das Einstellen von Reittieren, das Ausschenken eigener Erzeugnisse (Buschenschank) oder die Verarbeitung der eigenen Naturprodukte.

Die klassische Diversifizierung: UaB, DV, MR Hinter den Kürzeln UaB, DV und MR verbergen sich Urlaub am Bauernhof, Direktvermarktung und Maschinenring. Urlaub am Bauernhof Urlaub am Bauernhof hat sich von einer Verlegenheitslösung der 1950er-Jahre, als man den Gästen aus der Stadt die eigenen Zimmer überließ und auf den Dachboden oder in den Keller zog, längst zu einer eigenen Betriebssparte mit definiertem Produktprofil entwickelt. 3000 Betriebe (von ca. 15.000 bäuerlichen Vermietern) sind mit Blumen kategorisiert und gehören der Organisation „Urlaub am Bauernhof“ an, die

mit einem eigenen Logo und einer eigenen Struktur die Qualitätssicherung, die Weiterbildung der Mitglieder und die Bewerbung dieser Premiumgruppe unterstützt. Überdurchschnittliche Auslastungswerte der Betriebe und die Rolle als „Botschafter der Landwirtschaft“ unterstreichen die Wichtigkeit der Spartenorganisation. Jenseits der Sehnsucht der KonsumentInnen nach der Idylle des Landlebens gibt es einen beinharten Wettbewerb bezüglich Bekanntheit und Buchbarkeit im Internet sowie des Preises und des Wunsches nach Programm und Unterhaltung. Mehr darüber unter www.urlaubambauernhof.at. Direktvermarktung Die Direktvermarktung ist eine Weiterentwicklung der bäuerlichen Selbstversorgung. Sie bedeutet drei Jobs in einer Sparte: Urproduktion (mit oft ganz besonderen Anforderungen an den Rohstoff), Lebensmittelverarbeitung (inklusive aller rechtlichen Anforderungen von der Hygiene bis zur korrekten Produktkennzeichnung) und Vertrieb bzw. Verkauf (und allem, was zum Kundenkontakt dazugehört). Von den ca. 60.000 landwirtschaftlichen Betrieben, die „irgendwie“ direkt vermarkten, bezeichnen sich ca. 20.000 Betriebe als Profis; ca. 4000 davon sind in Verbänden organisiert. Mit „Gutes vom Bauernhof“ wurde zu einem Qualitätsprogramm eine Dachmarke geschaffen, die von ca. 1300 Betrieben in fünf Bundesländern eingesetzt wird und eine Art „Direktvermarktung mit Garantie“ darstellt. Allerdings ist die Direktvermarktung insgesamt rückläufig, weil der klassische Supermarkt als OneStop-Shop eine große Konkurrenz darstellt und sich die Lebensweise hin zu kleineren Haushalten und we-


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niger Kochen ändert. Doch auch hier gilt: Die Zukunft gehört den Profis – und diese wachsen! Mehr darüber unter www.gutesvombauernhof.at.

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Maschinenring Der Maschinenring hat sich längst von einer bäuerlichen Selbsthilfeorganisation zu einer österreichweiten Dienstleistungsorganisation gemausert. Die 78.000 Mitgliedsbetriebe erzielen bereits mehr als die Hälfte des Umsatzes im nichtagrarischen Bereich, nämlich ca. 90 Mio. Euro in der kommunalen Dienstleistung (vor allem im Winterdienst) und ca. 40 Mio. Euro im Personalleasing, das landwirtschaftliche Facharbeitskräfte an gewerbliche Betriebe vermittelt – eine interessante Zuerwerbsvariante für Nebenerwerbsbetriebe. 100 Mio. Euro Umsatz in der klassischen Landwirtschaft steht ein Einspareffekt in mehrfacher Höhe bei jenen Betrieben gegenüber, die sich eigene schlecht ausgelastete Maschinen ersparen. Gerade bei den Maschinenfixkosten liegt oft die Grenze zwischen Sein und Nichtsein. Mehr darüber unter www.maschinenring.at.

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„Alles ist möglich“ – die hohe Schule der Diversifizierung

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Ein Senioren- und Pflegeheim am Bauernhof mit allem Komfort und professioneller Betreuung? Gibt es in der Steiermark; mehr darüber unter www.adelwoehrerhof.at/start.htm. Chinesische Massage während eines Bauernhofurlaubs? In Annaberg in Salzburg; mehr darüber unter www.mandlhof.at. 3200 Paradeisersorten von einem Betrieb? Beim „Paradeiser-Kaiser“ Stekovics im Seewinkel; mehr darüber unter www.stekovics.at.

Noch mehr erfolgreiche Beispiele findet man unter www.agrarprojektpreis.at.

PEFC – Holz mit Verantwortung Das Zertifizierungssystem PEFC (Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes) ist mit weltweit 224 Mio. Hektar zertifizierter Waldfläche das größte System dieser Art, das darauf abzielt, nachhaltige Waldbewirtschaftung zu forcieren. PEFC-zertifizierte Produkte stammen aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern. PEFC ermöglicht es Waldbesitzern, ihr vorbildliches und nachhaltiges Wirtschaften klar der breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Auch Sägewerke, Betriebe der Holz- und Papierindustrie sowie Druckereien können sich zertifizieren lassen. PEFC-zertifizierte Betriebe werden von unabhängigen Zertifizierungsstellen überprüft. Bei Produkten mit dem PEFC-Siegel kann die gesamte Verarbeitungskette lückenlos nachvollzogen werden. Nur Produkte mit dem PEFC-Logo garantieren dem Konsumenten die Einhaltung der PEFC-Richtlinien, die alle fünf Jahre überarbeitet werden. Gerade bei der Diskussion über illegalen Holzeinschlag haben die PEFC-zertifizierten Betriebe ein starkes Argument für ihr umweltbewusstes Engagement in der Hand. In den öffentlichen Beschaffungsrichtlinien vieler Länder wird zunehmend ein Herkunftsnachweis für Holz vorausgesetzt. Das PEFC-Zertifizierungssystem leistet auch in Österreichs Wäldern einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit und zum Erhalt der biologischen Vielfalt; mehr darüber unter www.pefc.at.

Viele bäuerliche Betriebe haben sich in den letzten Jahren ein Entwicklungskonzept überlegt und realisiert. Persönliche Vorlieben der Betriebsführerin/des Betriebsführers, Standortvorteile, die Nachfrage von Kundenseite, neue Fertigkeiten und Kenntnisse durch einen eingeheirateten Partner oder schlicht die Überlegung, durch Rationalisierung in der Urproduktion frei werdende Arbeitskapazitäten sinnvoll zu nutzen, führen oft zu sehr interessanten erfolgreichen Projekten. Nach der Devise „Es gibt nichts, was es nicht gibt“ einige Beispiele: f 100.000 BesucherInnen pro Jahr bei einem „etwas größeren“ Direktvermarkter? Ja, in der 1. Whisky-Brennerei Österreichs; mehr darüber unter www.roggenhof.at. f 560 km Reitwanderwege mit einem Infrastrukturnetz, das keinen Wunsch unerfüllt lässt? Wanderreiten auf der Mühlviertler Alm; mehr darüber Katharina Lohr ||| unter www.pferdereich.at.

Christian Jochum, Landwirtschaftskammer Österreich, Agrarvermarktung Katharina Lohr, PEFC Austria


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ausblicke 1|09 Ökonomische Vielfalt

Ökonomische Vielfalt in der regionalen Wirtschaft

Ökonomische Vielfalt – unterschiedliche Sichtweisen

Thomas Dax, Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien

Best-Practice-Beispiele werden oft als Muster für erfolgreiche regionale Strategien präsentiert. Die unkritische Übernahme von „Erfolgsrezepten“ kann jedoch zu einer Vereinheitlichung und Standardisierung regionaler Entwicklungsbemühungen führen. Gerade die aktuelle Finanzund Wirtschaftskrise verweist auf die Grenzen der Übertragbarkeit regionaler Leitbilder und die Kurzschlüsse neoliberaler Konzepte. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage, ob die Orientierung auf die Vielfalt der regionalen Wirtschaft geeignet ist, die Wirtschaftsdynamik ländlicher Gebiete zu steigern. Differenzierung und der Hinweis auf die Vielfalt der Regionen gelten zurzeit als Zauberwörter für die Entwicklungschancen ländlicher Gebiete. Dies gibt die Ansicht wieder, dass in diesen Gebieten häufig besonders attraktive Kultur- und Naturräume und teilweise ungenutzte wirtschaftliche Potenziale bestehen. Wir sprechen daher nicht mehr vom „ländlichen Raum“ oder von ländlichen Gebieten als homogenen Einheiten, sondern müssen Konzepte für unterschiedliche Typen ländlicher Regionen erarbeiten. Das Besondere der jeweiligen Region und ihrer Wirtschaftsstruktur muss mit städtischen und anderen ländlichen Regionen in Verbindung gebracht werden. Manche Strategien setzen auf die Entwicklung regionaler Cluster, viel entscheidender dürfte aber die Attraktivität der Regionen für „kreative“ Bevölkerungsgruppen und die Jugend sein. So gesehen gilt es, ein gewisses Spektrum interessanter Wirtschaftsaktivitäten sowie den Zugang zu einer modernen Infrastruk-

tur und öffentlichen Dienstleistungen in den Regionen zu sichern. Dies bedingt auch eine geringere Krisenanfälligkeit. Eine größere Branchenvielfalt kann bei einer Einbettung in die regionale Entwicklungsstrategie die regionale Wirtschaft stärker vernetzen und spricht mehr berufliche Fähigkeiten an als eine zu starke Konzentration auf wenige Branchen. |||

Ökonomische Vielfalt in der Landwirtschaft: Erlaubt ist, was Einkommen schafft Christian Jochum, Landwirtschaftskammer Österreich

Im Rahmen der gesellschaftlichen und internationalen Arbeitsteilung ist die Konzentration ausschließlich auf die Produktion von Lebensmitteln nicht ausreichend, um die kleinbäuerliche und kleinräumige Struktur der österreichischen Landwirtschaft (halbwegs) aufrechtzuerhalten. Daher ist es seit jeher Credo der Agrarpolitik, in den angestammten Bereichen zu differenzieren, neue Märkte zu erschließen, Folgetätigkeiten selber zu übernehmen oder mit dem Kapital von Grund und Boden, Gebäuden und Geräten bzw. der Menschen Dienstleistungen anzu-

bieten. Das österreichische Gewerbeund Steuerrecht hat darauf Rücksicht genommen und ermöglicht der Landwirtschaft einige Tätigkeiten, die über die reine Urproduktion hinausgehen. Das ist auch der Grund für die Vielfalt in der österreichischen Landwirtschaft, um die uns viele europäische Länder beneiden. Spezialisierung und Intensivierung in der klassischen Urproduktion auf der einen Seite, Entwicklung von Nischen und Dienstleistungen oder Kooperation mit Branchenfremden auf der anderen Seite sind kein Widerspruch. Der ländliche Raum profitiert von der Landwirtschaft: Sie ist Arbeitund Auftraggeberin für viele Branchen; in der landwirtschaftlichen Diversifizierung ergeben sich interessante Synergien in der Zusammenarbeit mit dem Tourismus und der Gastronomie, aber auch mit der Energiewirtschaft. Die Agrarstruktur


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lässt sich nur mit der Einbettung in eine intakte ländliche Struktur erhalten und weiterentwickeln. Das Programm zur ländlichen Entwicklung leistet einen wichtigen Beitrag dafür: Mit dem ersten Schwerpunkt erfolgt die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, mit dem zweiten wird eine von der Politik und vom Markt gewünschte Ökologisierung ermöglicht, und mit dem dritten Schwerpunkt erreicht man mit der Diversifizierung die Verschränkung mit der nichtagrarischen Wirtschaft. |||

Stärkere Arbeitsplatzförderung im ländlichen Raum Iris Strutzmann, Arbeiterkammer Wien

Die Entwicklung des ländlichen Raums ist ganz eng mit der Entwicklung der Wirtschaft und damit des Arbeitsmarkts in den Regionen verknüpft. Nach der OECD-Klassifikation für den ländlichen Raum leben 78 % der österreichischen Bevölkerung in „ländlichen Regionen“, davon 47 % in „überwiegend ländlich“ geprägten Gebieten, die rund 40 % der Arbeitsplätze Österreichs bieten. Das Programm zur ländlichen Entwicklung trägt dieser Bedeutung in keiner Weise Rechnung; sein Schwerpunkt

liegt in der Förderung der Landwirtschaft: 85 % der Fördergelder fließen in diesen Bereich. Damit bleiben 15 % für die Schwerpunkte „Diversifizierung im ländlichen Raum“ und Leader-Programme, die in ihrer Ausgestaltung auch sehr stark an den Agrarsektor gebunden sind. Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage und der rasant steigenden Arbeitslosigkeit sind dringendst Maßnahmen zur Stärkung der Humanressourcen notwendig, speziell wenn Beschäftigungsmöglichkeiten in ländlichen Industrieregionen wegfallen. Bildungs- und Beschäftigungsmaßnahmen im Programm sind demnach für alle Menschen im ländlichen Raum auszurichten. Mit dem Konjunkturpaket zur ländlichen Entwicklung sollen verstärkt Investitionen in die Breitbandinfrastruktur gefördert werden, die einen extrem hohen Beschäftigungseffekt haben: Mit rund 100 Mio. Euro können mehr als 1000 Arbeitsplätze gefördert werden. Nach Angaben von Wirtschaftsforschungsinstituten wird in den nächsten Monaten auch der Dienstleistungssektor – eine typische Frauenbranche – zunehmend von der Krise betroffen sein; auch in diesem Bereich werden vor allem regionale Maßnahmen erforderlich sein. Um die Synergieeffekte einzelner Fördermaßnahmen zu verstärken, ist die Einbindung aller für die Anliegen der Menschen im ländlichen Raum zuständigen Ressorts der Bundesregierung in die laufende Programmgestaltung essenziell. |||

Diversifizierung ist weiblich! Maria Dachs, Landwirtschaftskammer Oberösterreich

Wenn Sie einen Urlaub am Bauernhof buchen, ist die Bäuerin Ihre Ansprech-

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partnerin. Und wenn Sie am Bauernmarkt einkaufen, bedient Sie da nicht auch meistens eine Bäuerin? Vor 25 Jahren begannen Bäuerinnen, Lebensmittel ab Hof oder auf Bauern- und Wochenmärkten direkt zu verkaufen. Das entsprach dem Wunsch bewusster KonsumentInnen nach frischen, handwerklich verarbeiteten und regionalen Produkten. Diesen Pionierinnen unter den Bäuerinnen war gemeinsam, dass sie zusätzliche Einkommensquellen erschließen wollten. Grundlage dafür war die gute Ausbildung, die Frauen in landwirtschaftlichen Schulen und in speziellen Kursen nutzten. Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit am Hof zu verbinden war ihnen besonders wichtig. Das „Urlaub-am-Bauernhof“Angebot entstand vor 35 Jahren, als mit einfachsten Zimmern bäuerliche Wohnhäuser geöffnet wurden. Auch bei diesem Betriebszweig waren es die Bäuerinnen, die sich selbst einen Arbeitsplatz schufen. Gerade 15 Jahre ist es her, dass Frauen aus der Landwirtschaft weitere Dienstleistungen in Zusatzeinkommen umzuwandeln anfingen: als Seminarbäuerinnen, als Kräuterpädagoginnen oder mit Bauernhoftagen für SchülerInnen, mit Lebensmittelworkshops, Geschmacksschulen oder dem aktuellen Angebot „Woher kommt mein Schnitzel?“ in Schulen. Alle diese Bäuerinnen erwirtschaften mit Wissen, Engagement und Unternehmergeist einen Teil des Familieneinkommens und haben das Image der Landwirtschaft in der Gesellschaft bunt und sympathisch gemacht. Die neue Vielfalt bäuerlicher Produkte prägt das positive Bild der multifunktionalen Landwirtschaft Österreichs. Der Wermutstropfen ist, dass zu wenige Bäuerinnen ihre Leistungen in den unterschiedlichen Interessengruppen führend repräsentieren. |||


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ausblicke 1|09 Vielfalt

Wer will schon Vielfalt?

Robert Lukesch

Die einzige Alternative für die Menschheit ist Disziplin […]. Mit Disziplin meine ich keine strengen Routinen. Ich meine nicht, dass man jeden Morgen um halb sechs aufsteht und kaltes Wasser über sich kippt, bis man blau wird. Zauberer verstehen unter Disziplin die Fähigkeit, gelassen den Unkalkulierbarkeiten zu begegnen, die außerhalb unserer Erwartungen liegen. Für sie ist Disziplin eine Kunst. Es ist die Kunst, sich der Unendlichkeit zu stellen, ohne mit der Wimper zu zucken, und zwar nicht, weil sie stark und verwegen sind, sondern weil sie tiefe Ehrfurcht empfinden. Don Juan Matus in Carlos Castanedas „Das Wirken der Unendlichkeit“ (1999)

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ir alle wollen „Vielfalt“: Vielfalt ist Wahl- und Meinungsfreiheit, Biodiversität, viele Shopping- und Kulturangebote. Vielfalt ist modern, bunt und jung, so wie auch der Begriff selbst. Er entsprang dem Konzept der biologischen „Diversität“, das sich seit den „Vielfalt“ ist als 1970er-Jahren, spätestens aber 1992 zu einer globadirekte Übersetzung des Begriffs „divers- len Leitidee entwickelt hat – in dem Jahr, als Edward O. Wilsons Klassiker „The Diversity of Life“ erschien ity“ („Unterschiedund die Staats- und Regierungschefs der Länder dielichkeit“ oder „Verschiedenheit“) in ser Welt auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro die Biodiversitätskonvention (Convention on Biological unseren SprachgeDiversity) unterzeichneten. brauch gekommen. Was ist eigentlich das Gegenteil von Vielfalt? In In „Vielfalt“ steckt „falten“, was wiede- seiner „Kritik der reinen Vernunft“ stellt Immanuel Kant die „Vielheit“ der „Einheit“ gegenüber. Die rum auf „Komplexi„Mannigfaltigkeit der Erscheinungen“ werde durch tät“ verweist (von die synthetisierende Leistung des menschlichen Verlat. „cum“, „con“ = standes auf „einheitliche“ Begriffe reduziert: ein „zusammen“ und „plicare“ = „falten“). Apfel, ein Markt, eine Region, die Menschheit. Die Fähigkeit zur Begriffsbildung erspart uns unendlich Die „Falte“ macht detaillierte Beschreibungen dessen, worum es geht. den „Unterschied“, Wir gebrauchen unseren Verstand – und unser Überdaher kann man sie auch als Schnittstelle leben hängt in hohem Maß davon ab –, um die unendliche Mannigfaltigkeit des Seins auf das „einfach sehen, aber jede Schnittstelle ist auch Wesentliche“ zu reduzieren. Nicht selten jedoch misslingt diese Reduktion und endet in der Einfalt. eine Nahtstelle. Allerdings: So einfältig wie Ein(fach)heit, so verDaher ist die eigentwirrend kann Vielfalt für uns sein: Die Vielfalt der liche Bedeutung des Wortes „Komplexität“ Naturkräfte und gesellschaftlichen Phänomene verwirrt, macht Angst. Wir fürchten uns vor Unwettern, („complexitas“) Mikroben, Konkurrenten, Widerspruch, ausländi„Verbundenheit des schen Einbrecherbanden und schwarzer Magie. Einer Unterschiedlichen“.

der Wegbereiter des wissenschaftlichen Zeitalters, Isaac Newton, fürchtete sich so sehr vor dem Unbekannten, dass er mit fanatischem Eifer daran arbeitete, die Welt in einfache mathematische Formeln zu gießen. Doch gerade dieser gigantische Versuch der Vereinfachung durch das wissenschaftliche Weltbild hat der Menschheit ungeahnte Innovationen ermöglicht und bewirkt immer tiefer greifende Wandlungsprozesse, die wiederum neue Bedrohungsbilder hervorbringen: von der nuklearen Katastrophe bis hin zum „genetischen Babylon“1.

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ein, wir Menschen sind nicht in die Vielfalt verliebt. Aber die List der Vernunft will es, dass wir in unserem Streben nach Einfachheit und Ordnung jene oft als Chaos erlebte Vielfalt hervorbringen, in der zu leben sich allerdings durchaus lohnen kann, wenn wir uns ihrer als würdig erweisen: „May God keep us from single vision and Newton’s sleep“, dichtete einst William Blake, der, wie wir heute wissen, zu Recht, nicht glauben wollte, dass die Wissenschaft uns mehr zu erschließen vermag als einen kleinen abgezirkelten Raum im Ozean der Unendlichkeit. Jedoch, sagt uns gerade die Wissenschaft, gebiert Vielfalt Einheit, entsteht aus Chaos Ordnung. Biodiversität gilt als Stabilitätsbedingung des Lebens, so wie Redundanz2 für technische Systeme. Wir werden auch der Aussage zustimmen, dass ein dichtes Netz aus miteinander vielfältig verbundenen Klein- und Mittelunternehmen Merkmal einer robusten regionalen Wirtschaftsstruktur ist.


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1 Vester 1991, S. 166. 2 Der Begriff Redundanz (lat. „redundare“ = im Überfluss vorhanden sein) bezeichnet allgemein in der Technik das zusätzliche Vorhandensein funktional gleicher oder vergleichbarer Ressourcen eines technischen Systems. Dadurch minimiert man das Risiko, dass sie einer gemeinsamen Störung unterliegen. 3 Cosma Shalizi, „The Logic of Diversity. The Complexity of a Controversial Concept“, in: Santa Fé Institute Bulletin, vol. 20 (2005), no. 1. 4 Heinz von Foerster, „Abbau und Aufbau“, in: Fritz B. Simon (Hg.), Lebende Systeme, Berlin/ Heidelberg 1988, S. 19–33. 5 Shalizi 2005, S. 1. 6 Renée Zucker in ihrer Rezension von K. A. Appiahs Der Kosmopolit. Philosophie des Weltbürgertums (2006), Rundfunk Berlin-Brandenburg online, 31. 5. 2009. 7 „Life, liberty and the pursuit of happiness“ werden in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika 1776 als „unveräußerliche Menschenrechte“ bezeichnet. 8 Die Hirnforschung zeigt, dass zumindest die höheren Primaten über diese Fähigkeit verfügen: Albert Zeyer, „Der Altruismus des Primaten. Neurobiologie und Ethik“, in: Zeitschrift für Evangelische Ethik, Jg. 45 (2001), S. 302–314. Literatur • Kwame Anthony Appiah, Der Kosmopolit. Philosophie des Weltbürgertums, C. H. Beck: München 2006. • Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem, Goldmann: München 2005. • Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft (1781, 1787), Reclam: Stuttgart 1966. • Frederic Vester, Neuland des Denkens (1984), 7. Aufl., dtv: München 1991. • Edward O. Wilson, The Diversity of Life, W. W. Norton & Company: New York/London 1992.

„Newton“, mit seinem Zirkel gegen die Finsternis ankämpfend (William Blake)

Die Komplexitätsforschung belegt diese Befunde: Teams aus relativ mittelmäßigen, aber verschiedenartigen KandidatInnen lösen knifflige Aufgaben schneller und besser als einzelne exzellente KandidatInnen. Das können wir noch ganz gut nachvollziehen, aber der eigentliche Clou kommt jetzt: Sie schneiden auch besser ab als Teams aus exzellenten, aber einander ähnlichen KandidatInnen. Das läuft wider unsere Intuition, aber ums Eck gedacht verstehen wir dann doch, woran das liegen könnte: Die exzellenten Teams probieren einfach weniger Varianten aus und bleiben in ihren Rezeptlösungen stecken, weil sie schon „zu viel“ über erfolgreiche Lösungspfade wissen. „Diversity trumps ability“: Vielfalt schlägt Kompetenz.3 Diese Erkenntnisse veranlassten den Kybernetiker und Philosophen Heinz von Foerster, seinen ethischen Imperativ zu formulieren: „Handle stets so, daß du die Zahl der Möglichkeiten vergrößerst.“4 Allerdings wird er oft falsch zitiert: Aus der „Zahl der Möglichkeiten“ wird die „Zahl deiner Handlungsmöglichkeiten“. Nun, Letzteres würde ich eher als taktische Maxime denn als ethischen Imperativ bezeichnen, denn die Zahl der eigenen Handlungsmöglichkeiten kann man auch auf Kosten anderer vermehren. Doch Heinz von Foerster sah das Ganze und seine Teile: Erst wenn alle Teile eines Systems und das System als Ganzes ihre Möglichkeiten erhöht sehen, ist der ethische Imperativ erfüllt.

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o erschließt sich uns, jenseits der „ShoppingMall-Side-of-Life“5, Vielfalt als ein Konzept kritischer Vernunft. „Einheit in der Vielfalt“ ist das Motto der europäischen Integration, und es scheint nur recht und billig, dem zuzustimmen. Aber so billig ist das Ganze eben nicht zu haben. Ohne angemessenen Gebrauch unserer Vernunft wird sich eher „Einfalt in der Verwirrung“ breitmachen. Denn die Vielschichtigkeit der Lebenswelten, die Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten und Bedrohungen steigert sich in dem Maß, wie unsere Welt zusammenwächst. In dieser Welt, stellen

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wir fest, begegnen wir dem Fremden längst nicht mehr nur, wenn wir auf Reisen gehen, sondern das Fremde holt uns dort ein, wo wir „bei uns sind“: zu Hause. Einer der AutorInnen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, ist Kwame Anthony Appiah in seinem Werk „Der Kosmopolit. Philosophie des Weltbürgertums“: „In einer Zeit, da sich die Eindeutigkeiten verschieben, sowohl gefühlt als auch tatsächlich, sieht sich der Einzelne oft umzingelt von Gefahren. Eine der größten Bedrohungen scheint ihm das Fremde. Vor allem der Fremde. Der, der von woanders kommt, wo man anders lebt, glaubt und isst. Vor ihm und seinen Gewohnheiten glauben wir, uns fürchten zu müssen.“6 Für Appiah ist Weltbürgertum „Universalität plus Unterschied“, das heißt der Glauben an „die Gemeinsamkeit des Menschseins“, die einhergeht mit „freundlicher Konversation“ mit den „anderen“. Als gemeinsame Grundlage sollte ausreichen, Fanatismus, Intoleranz und Grausamkeit auszuschließen. „Freundliche Konversation“ zielt nicht auf Konsens ab, sondern auf praktische Absprachen: „Es genügt, wenn das Gespräch den Menschen hilft, sich aneinander zu gewöhnen.“ Die beiden Prinzipien, die hier anklingen, stammen direkt aus dem „Betriebssystem“ der Aufklärung. Immanuel Kant bezeichnet sie als „pragmatisches“ und „sittliches“ Handeln. Das pragmatische Handeln folgt unserem Streben nach Glückseligkeit, das gutes Recht jedes Menschen auf Erden ist.7 Sittliches Handeln hingegen folgt dem Imperativ: „Tue das, wodurch du würdig wirst, glücklich zu sein!“ Die Idee von Würde und Selbstwert ist allen Menschen8 gemein, so unterschiedlich sie auch in der Praxis ausgelegt werden.

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b ländlich, städtisch oder suburban: Ich sehe die Region als Gehschule des Weltbürgertums. Sie ist Spielfeld für Aushandlungs- und Lernprozesse, der Ort, an dem das Gleichgewicht zwischen „Bei-SichSein“ und der „Gewöhnung an das Fremde“ ausgelotet, Vielfalt ausprobiert, verstanden und genutzt werden kann, wo sich uns neue Möglichkeiten zu handeln und zu sein erschließen; wo wir immer mehr zu dem werden, was wir uns wert sind zu sein. ||| Robert Lukesch, ÖAR-Regionalberatung


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Für eine treffsichere Politik: Integrative Sicht auf ländliche Räume O. Univ.-Prof.in DIin Dr.in Gerlind Weber beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit Raumordnung und nachhaltiger Entwicklung ländlicher Räume. Sie leitet das Institut für Raumplanung und Ländliche Neuordnung der Universität für Bodenkultur Wien. Die Redaktion der „ausblicke“ hat die Expertin zu einem Interview gebeten.

Was versteht man unter dem ländlichen Raum?

O. Univ.Prof.in DIin Dr.in Gerlind Weber

Laienhaft kann man sagen, der ländliche Raum umfasst all jene Gebiete, die nicht „städtisch“ sind: die also nicht dicht bebaut und bewohnt sind, in denen man kein mannigfaltiges Angebot von Waren und Dienstleistungen vorfindet, das über den Grundbedarf hinausgeht, und in denen die Landwirtschaft schon immer eine große Bedeutung hatte. Das Problem dieser Art der Annäherung ist nur, dass sie auf einem Stadt-Land-Gegensatz gründet, der unterstellt, dass sich die jeweilige Kernstadt klar von ihren noch ländlich geprägten Umlandgemeinden abgrenzen lässt. Dieses Bild stimmt aber mit den Gegebenheiten nicht mehr überein. Man spricht heute von einem Stadt-Land-Kontinuum: Zwischen Stadt und Land hat sich ein hybrider Raumtyp geschoben, der als „Zwischenstadt“ bezeichnet wird. Hier mischen sich städtische mit ländlichen Raumcharakteristika und bilden eine Übergangsform, in der heute etwa ein Drittel aller in Österreich Wohnhaften lebt. Im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz findet sich in Österreich (noch) ein relativ hoher Anteil der Bevölkerung im ländlichen Raum, zu dem auch die EinwohnerInnen von Kleinstädten gerechnet werden. In Österreich lebt etwa jede/jeder Zweite auf dem Land, und zwar großteils in einem Ein- oder Zweifamilienhaus, und verfügt meist über zumindest ein Auto. Die LandbewohnerInnen schätzen vor allem die Nähe zur Natur, die Schönheit der agrarisch geprägten Landwirtschaft, die Ruhe und die individuell gestalt- und nutzbaren Freiflächen.

Kann man aus raumwissenschaftlicher Sicht überhaupt noch von „dem“ ländlichen Raum sprechen? Nein! Es ist auch heute nicht mehr zutreffend, wenn man „ländlich“ mit „landwirtschaftlich“ gleichsetzt. Was den Wertschöpfungsanteil und den Anteil der in der Landwirtschaft Tätigen betrifft, hat die Landwirtschaft laufend an Bedeutung verloren. Heute empfiehlt sich eine integrative Sicht auf ländliche Räume, wonach diese für die Gesellschaft vielfältige Aufgaben erfüllen. Nur mit dieser multifunktionalen Perspektive kann man treffsicherer eine integrative Politik für nichtstädtische Gebiete entwickeln. An unserem Institut haben sich im Zuge mehrerer Forschungsprojekte folgende fünf ländliche Raumtypen herauskristallisiert: f periurbane ländliche Räume, f touristisch geprägte ländliche Räume, f ländliche Räume im Umfeld internationaler Verkehrswege, f ländliche Räume entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs und f ländliche Räume in inneralpiner Lage. Diese Kategorisierung ist als Ausgangspunkt für eine differenzierte einschlägige Diskussion zu verstehen.

Was macht Ihrer Meinung nach ländliche Räume attraktiv? Da muss ich zunächst fragen: Für wen attraktiv? Für die öffentliche Hand etwa sind leistbare ländliche Räume attraktiv, die kostenschonend infrastrukturell erschlossen und betrieben werden können. Für die öffentliche Hand sind natürlich auch wirtschaftlich starke Räume attraktiv, weil diese hohe Steuereinnahmen bringen. Für Umwelt- und Naturschutzorganisationen, für Gäste, die dem Massentourismus abschwören, sowie für manche DauerbewohnerInnen sind wiederum naturnahe Gebiete in Regionen, die sich mangels Wirtschaftskraft auch in den letzten Jahrzehnten wenig verändert haben, unter Umstän-


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den attraktiv; sie schätzen deren „Bodenständigkeit“, ihre tradierte Kulturlandschaft, ihre (relative) Langsamkeit, die Ruhe. Für viele Wirtschaftsbetriebe sind hingegen eine dem Stand der Technik entsprechende Infrastrukturausstattung, ein direkter Anschluss an hochrangige Straßen- und Schienenwege, die Nähe zu einem Flughafen, billiger Baugrund und die großen Flächenreserven, ein niedriges Lohnniveau etc. anziehend. Und für viele Personen ist der ländliche Raum attraktiv, weil sich dort in weiten Bereichen der Traum vom leistbaren Eigenheim realisieren lässt, weil damit das Eingebundensein in eine überschaubare Dorfgemeinschaft assoziiert wird, in der die Kinder in der Natur und in relativ stabilen Familien aufwachsen können. – Vielfach sind das natürlich Pauschalurteile, die den Blick auf die Nachteile des Lebens auf dem Land verstellen.

Was ist der Lebensqualität im ländlichen Raum besonders abträglich? Was die einzelne Person als Mangel empfindet, ist natürlich individuell. Wir PlanerInnen sprechen von einer Beeinträchtigung der subjektiven Lebensqualität. Dies ist etwa der Fall, wenn die Kinder einer betagten Frau weggezogen sind und diese das Getrenntsein als großen Mangel empfindet. Wir PlanerInnen versuchen, in den ländlichen Gebieten die sogenannte objektive Lebensqualität zu sichern. Was darunter zu verstehen ist, spiegeln die Zielkataloge der Raumordnungsgesetze der Länder gut wider. Jene Entwicklungen, die gegen diese Zielkataloge verstoßen, werden als besonders abträglich für die Lebensqualität qualifiziert: lange Wege bei der Bewältigung des Alltags, starke Zersiedelung, große Abhängigkeit vom Auto, mangelnde soziale und technische Infrastruktur, nicht vorhandene Nahversorgung, ein geringes Qualifikationsniveau der Bevölkerung, ein starkes Verkehrsaufkommen, eine nicht mehr gepflegte Kulturlandschaft, ausgeräumte Landschaften durch zu intensive Landbewirtschaftung, etc.

Wie wichtig sind die einzelnen Wirtschaftssektoren im ländlichen Raum? Welche Rolle spielt die Landwirtschaft?

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Die erste Frage lässt nur eine sehr grobe Einschätzung zu. In Österreich gibt es zum Beispiel viele ländliche Gebiete, in denen der Tourismus überhaupt keine Rolle spielt, und welche, in denen der Tourismus die Haupteinnahmequelle bildet. Man muss die Wirtschaftsstruktur stets im konkreten kommunalen oder regionalen Kontext analysieren. Einige Eckpunkte: Für die ländliche Wirtschaft ist vor allem die Hervorbringung von Rohstoffen wie Lebens- und Futtermitteln durch die Landwirtschaft, aber auch von nicht erneuerbaren wie Metallen und Mineralien zu nennen. In Zukunft wird die großzügige Flächenausstattung des ländlichen Raums für die Energiegewinnung – Agrartreibstoffe, Solarenergie, Geothermie etc. – sicher immer bedeutender werden. Die ländliche Wirtschaft ist auch oft noch stark handwerklich geprägt und wird dies wohl auch in Zukunft sein. Oft wird eine Kleinregion von einem internationalen Leitbetrieb bzw. von einem Cluster bestimmt, wobei mehrere Betriebe einander ergänzen bzw. voneinander profitieren. Der Wertschöpfungsanteil sowie die Beschäftigungseffekte der Landwirtschaft werden heute allgemein weit überschätzt. Es gibt kein Gebiet mehr in Österreich, wo diesbezüglich der primäre Sektor dominiert. Dennoch ist die Landwirtschaft äußerst wichtig, weil sie für das Offenhalten der Landschaft sorgt – wer will schon mitten im Wald wohnen?

Welche Rolle nehmen regionale Zentren für die Entwicklung von ländlichen Räumen ein? Die regionalen Zentren, also die Märkte und Kleinstädte, sind für die ländliche Entwicklung in vieler Hinsicht von Bedeutung. Sie versorgen ihr Umland mit Arbeitsplätzen aller Qualifikationsstufen, sie stellen neben höherrangigen Einkaufsmöglichkeiten auch Bildungs-, medizinische sowie Freizeiteinrichtungen bereit. Doch sie saugen die Umgebungsdörfer oft funktionell aus. Und die Bedeutung der regionalen Zentren wiederum ist im Städtenetzwerk bedroht. In der Regel verlieren sie im Vergleich zu den überregionalen Zentren, also den Mittel- und Großstädten, an Attraktivität. Aber auch hier gilt: Um zu maßgeschneiderten Entwicklungsstrategien zu kommen, ist das regionale Gefüge im Einzelfall zu analysieren. |||


Foto: Leader Region Steirisches Almenland

Leader


In 86 österreichischen Regionen arbeiten engagierte Menschen an einer innovativen sektorübergreifenden Entwicklung. Die Leader-Philosophie, Eigeninitiative und Zusammenarbeit zu fördern, eröffnet für den ländlichen Raum neue Perspektiven.


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Leader-Region Moststraße: Vom Niemandsland zur Heimat der Mostbarone Wer aus dem Mostviertel stammt, der ist heute wer: „Wir haben so viel“, sagt Mostbauer Leopold Reikersdorfer und lächelt stolz, als er durch das alte Presshaus führt, das er zu einem gut frequentierten Heurigenbetrieb umgebaut hat. Teresa Arrieta Er tischt hofeigenen „Schofkas“ und Mostviertler Birnenmost auf: mild, klar und goldgelb. Das ehemalige Arme-Leute-Getränk ist in den letzten Jahren in die Liga edler Gourmettropfen aufgestiegen. Die Aromapalette reicht von fruchtig über kräftig bis resch. Ein originales Mostviertler Produkt, nirgendwo anders in Europa wird Birnenmost in so vielen harmonischen Geschmacksnuancen hergestellt. Denn die Streuobstwiesen-Birnbäume, die im Frühling so üppig blühen und die Landschaft des Mostviertels prägen, gibt es nur hier: Die Stieglbirne, die Winawitzbirne, die Dorschbirne und die rote Pichlbirne gedeihen am besten in der schweren Erde hier, südlich der Donau. Sie haben dem Mostviertel in den letzten zehn Jahren zu einer erstaunlichen Entwicklung verholfen. Heute weiß jeder, wofür das „Viertel der Verführungen“ mit seinen bis zu 300 Jahre alten Vierkanthöfen steht, mit seiner Mostkulinarik, der Eisenwurzen und den weitläufigen Rad- und Wanderwegen.

ten einen Schwur auf die Mostkultur und ihr Engagement für höchste Qualitätsstandards ab und wurden mit dem Mostheber zu Baronen geschlagen. Sie tragen eine eigens gewebte Tracht und einen auffälligen schwarzen Hut mit rotem Band, breiter Krempe und Adlerflaum. Der Hut firmiert nun als Markenzeichen.

Rasante Entwicklung

Insgesamt 19 Most-Betriebe wurden seither zu Mostbaronen geadelt. „Anfangs ist es uns schwer gefallen, den Hut aufzusetzen und zu sagen: I bin jetzt ein Mostbaron“, erinnert sich Leopold Reikersdorfer. Doch nach einigen Schauspielseminaren wuchsen die neuen Adeligen in ihre Rolle hinein. „Heut stehen sie dazu“, zeigt sich Leader-Managerin Eva Pfeiffer zufrieden, und sie hat wahrlich allen Grund dafür: Die Region entwickelt sich rasant, laufend werden neue Ideen geboren. Mit Leader-Hilfe wurde das Tourismusprojekt Moststraße gestartet, jedes Jahr Ende April wird der vielbesuchte Mostfrühling eingeläutet. „Bei uns greifen Leader-Projekte und Tourismus inVom Bauern zum Baron Zu diesem neuen Wir-Gefühl haben Mostproduzenten einander“, beschreibt Eva Pfeiffer, „das eine würde wie Leopold Reikersdorfer wesentlich beigetragen: ohne das andere nicht funktionieren.“ „Zu seinen Wurzeln“ wollte er vor 20 Jahren zurückkehren, nicht mehr bloßer Nebenerwerbslandwirt für Regionales Wissen erhalten Milch und Getreide sein, die traditionellen Birnbäume Die Leader-Strategie fußt auf der kongenialen Zuneu pflanzen, anstatt sie umzuschneiden. Ab 1986 sammenarbeit der 30 Mostviertler Gemeinden. Die schenkte Reikersdorfer den traditionellen Birnenmost meisten Projekte entstehen in der Bevölkerung, anaus und baute sein altes Presshaus zum Heurigen um. dere werden von Leader angeregt wie etwa das ProAndere Betriebe schlossen sich der neuen alten jekt „Lernende Region“, in dessen Rahmen sich die Mostkultur an. Später wurden von Leader unterstützte Idee einer regionalen Onlineenzyklopädie (OnlineTourismusberater hinzugeholt. Es folgten Markenent- Wiki) herauskristallisierte, die Begriffe wie Most und wicklung und die geniale Idee der „Mostbarone“: Die sanfter Tourismus sowie Mundartwörter umfasst. Bebesten Mostbauern und -wirte des Mostviertels leg- sonders Frauen beteiligten sich an der Ideenfindung.


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Sie wünschen sich ortsnahe Weiterbildungsmöglichkeiten während der Karenz, da ihre Zeit zu knapp ist, um bis in die Ballungszentren zu fahren. Der erste Schritt wird daher eine Onlinedatenbank mit sämtlichen Kurs- und Weiterbildungsangeboten der Region sein. Auch interessante TrainerInnen haben sich im Rahmen der Leader-Workshops präsentiert: ein Ausbildner für Hubstaplerfahren oder eine BäuerinnenCoachin, die Landwirtinnen Selbstbewusstsein und Kommunikationskompetenzen beibringt.

Elefantengras statt Heizöl Ein völlig neues Leader-Schwerpunktthema im Mostviertel ist erneuerbare Energie. Leader wird als Informations- und Vernetzungsdrehscheibe dienen, einige Gemeinden fungieren als Zugpferde: „Elefantengras ersetzt Ölheizung“, heißt es etwa in Stephanshart, einem Ortsteil der Gemeinde Ardagger. Die Landwirtsfamilie Fürlinger hat vor drei Jahren einen Hektar pflegeleichtes Elefantengras angepflanzt und nun die erste reine Elefantengrasheizung zur Versorgung ihres Einfamilienhauses installiert. Die Jahresenergiemenge von 6000 Liter Heizöl kommt jetzt vom Acker. Hauptmotor der regionalen Entwicklung ist jedoch nach wie vor die Mostkultur: Die 19 Mostbarone treffen einander monatlich, um die Geschicke der Region mitzulenken; sie sind im Leader-Gremium vertreten. Mittlerweile zeigen sich auch Niederösterreichs Politiker und Wirtschaftstreibende gerne mit den behuteten Mostadeligen, die stets neue Produkte hervorbringen: seien es die dutzendfach ausgezeichneten Edelbrände von Georg Hiebl, die zart schmelzenden Birnenpralinen oder der noch im Ideenstadium befindliche Baronkäse. Leopold Reikersdorfer ist nun wieder Vollerwerbslandwirt. Seine Söhne arbeiten im Betrieb mit, einer wohnt mitsamt seiner Familie am Hof. Heute sieht er der Zukunft mit „erhobenem Haupt“ entgegen: „Nie hätt’ ich mir vor 20 Jahren gedacht, dass ich eines Tages Mostbaron werde und die Leut’ bis aus München und Ungarn zur Mostverkostung kommen. Und dass an meinem Hof vier Generationen unter einem Dach leben werden und zusammenarbeiten. Das alles wurde möglich, weil wir unsere Kultur hier wirklich leben.“ ||| Teresa Arrieta, freie Journalistin, Ö1-Sendungsgestalterin und Autorin

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„Spüren, was in der Luft liegt“ Im Gespräch mit Eva Pfeiffer, Leader-Region Tourismusverband Moststraße Was ist das Erfolgsgeheimnis für die rasante Entwicklung des Mostviertels in den letzten zehn Jahren? Die Zusammenarbeit. Hier weiß jeder Mostbauer, was beim anderen im Keller steht. Sie helfen einander, beispielsweise bei der Kellertechnik. Es braucht die Bereitschaft, eigenes Wissen zu teilen, das war ein jahrelanger Prozess. Der Bottom-upAnsatz von Leader unterstützt dieses Gemeinschaftsgefühl. Wie entwickeln Sie im Leader-Gremium Projektideen? Es geht darum, zu spüren, was in der Luft liegt. Man muss viel bei den Leuten draußen sein. So entstehen organisch gewachsene Ideen. Wenn man die dann vorträgt und von der Bevölkerung ein positives Feedback bekommt, weiß man, die Zeit ist reif für die Umsetzung. Mitunter geben wir jedoch auch Themen vor, z. B. erneuerbare Energie. Unsere Aufgabe besteht dann darin, die Menschen dafür zu begeistern. Wofür steht Leader hier bei den MostviertlerInnen? Die BewohnerInnen haben gelernt: Wenn man etwas wirklich will, gibt es immer einen Weg. Auch mit schrägen Ideen ist man bei Leader an der richtigen Adresse, man wird stets Unterstützung finden, das schätzen die Leute. Welche aktuellen Trends sehen Sie in der Regionalentwicklung? Die Zeit für ein Europa der Regionen ist angebrochen. Man denkt nicht mehr in Bundesländergrenzen, auch Landesgrenzen werden im Kopf durchlässiger. Regionen nehmen sich wichtiger und wissen, dass sie etwas bewegen können.

Leader-Region Tourismusverband Moststraße Mostviertelplatz 1, 3362 Öhling Kontakt: Eva Pfeiffer Tel.: 07475/533 40-316 Mobil: 0676/81 22 03 36 eva.pfeiffer@moststrasse.at www.moststrasse.at


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Die Leader-Region Wels Land: Die Geburtstunde einer Region miterleben

Die Gegend ist flach, die Landwirtschaft intensiv, das Leader-Büro schlicht. Noch ist Wels Land nicht viel mehr als der Name eines Bezirks, eine politische Grenzlinie um 21 Gemeinden mit nicht ganz 60.000 EinwohnerInnen. Teresa Arrieta

Auf Leader-Manager Wolfgang Pichler wartet viel Arbeit. Er ist fröhlich und voller Tatendrang. Mit dem Begriff Regionalisierung haben die gegenwärtigen Verhältnisse noch nicht viel zu tun, denn das würde Identität, Selbstbewusstsein und Zusammenhalt bedeuten. Dieses Wir-Gefühl steckt hier noch in den Kinderschuhen, und das Leader-Programm fungiert als Gehschule. Leader setzte vor eineinhalb Jahren buchstäblich im Nichts an: „Unser Büro haben wir auch aus Sparsamkeit in einem abgelegenen Verwaltungsgebäude angesiedelt, da war zuerst nur gähnende Leere“, erinnert sich Wolfgang Pichler. Doch gerade darin lag die spannende Herausforderung: In Wels Land ist alles möglich – ein fruchtbarer Boden, und das nicht nur in landwirtschaftlicher Hinsicht.

Kein Marketingkorsett für die Region In Zusammenarbeit mit den anderen Regionalentwicklungsbeteiligten hat sich Wolfgang Pichler für den schwierigeren Weg entschieden. „Wir wollen die Region nicht einseitig vermarkten, sondern ein echtes Miteinander entstehen lassen, auch wenn das weniger werbewirksam ist“, erklärt er. Intensivmarketing, das Hinwerfen einiger Schlagworte, die dann in Tourismusfoldern abgedruckt werden, das allein reicht in dieser touristisch wenig attraktiven Region nicht aus. „Wird ein Gebiet auf einmal zum Synonym für eine bestimmte Obstsorte oder Sportart, funktionieren diese Etiketten zwar mitunter gut, schränken aber auch ein“, meint er. Das Leader-Team will stattdessen auf die tatsächlichen Bedürfnisse der EinwohnerInnen eingehen. Am Anfang stand daher breit angelegte Aufklärungsarbeit: Workshops, Ideenbör-

sen mit Bevölkerungsbeteiligung, Besuche bei Amtsleitern, Gemeinderäten und Bürgermeistern. Eine lokale Entwicklungsstrategie wurde erarbeitet – ein Prozess, der quer durch alle Bevölkerungsschichten eine völlig neue Qualität und Intensität des Zusammengehörigkeitsgefühls bewirkt hat. „In Vielfalt z’samm wachsen“ ist auch das Motto der neuen Leader-Region.

Die Jugend partizipiert Vielfältig sind die Projekte, die derzeit ihrer Umsetzung harren, ganz sicher. JuWeL etwa, das neue Jugendnetzwerk, soll ab Herbst aktiv werden: Jugendliche bestimmen das Leben in ihrer Gemeinde mit. Ihre Anliegen werden stärker gehört, und sie werden dabei unterstützt, eigene Projekte durchzuführen: Beispielsweise werden regionale Musikbands bei Konzertveranstaltungen gefördert. Die jugendlichen Musikbands machen den gesamten Organisationsprozess mit, vom Flyer bis zum Bühnenaufbau: „Sie professionalisieren sich und verlieren die Scheu, mit der Erwachsenenwelt zu kooperieren“, meint der 24-jährige Bernhard Stegh aus Marchtrenk. Auch ein „Speaker’s Corner“ ist geplant: JugendarbeiterInnen begeben sich an öffentliche Plätze in den Gemeinden, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und deren Anliegen, Sorgen und Wünsche zu erfragen. Ein neuer Auffangpool soll JuWeL werden, um Jugendlichen mehr Handlungsspielräume zu eröffnen, die Identifikation mit der Heimat zu stärken und die Abwanderung zu bremsen. Im Rahmen des JuWeLVernetzungsprozesses haben die Jugendzentren der verschiedenen Gemeinden erstmals miteinander kom-


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muniziert, nun tauschen sie ihre Erfahrungen im Umgang mit schwierigen Jugendlichen aus. „Auf einmal kommt etwas in Bewegung, die Zeiten des Einzelkämpfertums sind vorbei“, sagt Leader-Manager Wolfgang Pichler. Ein Ende der Isolation – das trifft auch auf das Pferdezentrum Stadl-Paura zu, das weit über Österreichs Grenzen hinaus bekannt ist. Das einstige k. k. Hengstendepot mit seinen denkmalgeschützten Stallungen hat sich zum internationalen Leitbetrieb für Pferdezucht gemausert. „Früher waren wir eine geschlossene Anstalt, nun starten wir Tourismuskooperationen mit den umliegenden Gemeinden“, freut sich Geschäftsführerin Andrea Holzleithner. Sie wirkt aktiv im Leader-Gremium mit, ermutigt durch diese neue Offenheit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit, die von allen Seiten zu spüren ist. „Früher haben alle geglaubt, ich singe, wenn ich gesagt hab’, dass ich zu einer Leader-Sitzung geh’, heute wissen sie, dass Leader Zukunft bedeutet.“ Ähnlich optimistisch zeigt sich die Landwirtin Anita Straßmayr. Sie wird mit Leader-Hilfe HauptschülerInnen auf den Bauernhof holen und ihnen die Vorzüge der Landwirtschaft erklären. „Dein Nachbar – der Bauer/die Bäuerin“ heißt das innovative Projekt, das Jugendlichen ein positiveres Bild des bäuerlichen Berufes vermitteln soll. Landwirtinnen werden als Referentinnen an Schulen geladen, und Schüler sollen einen Tag lang einen Hof besuchen und mitarbeiten. „Mein Sohn hat in der Schule zu kämpfen gehabt wegen seiner Herkunft, seine Klassenkameraden haben ihn verspottet“, erinnert sich Bäuerin Straßmayr. Damals lud sie die gesamte Klasse zu sich auf den Hof, um allen zu zeigen, dass bäuerliche Arbeit nicht nur mit stinkendem Kuhmist zu tun hat und wie wichtig Landwirte für die Region sind. „Wir Bäuerinnen und Bauern pflegen die Landschaft und ernähren die Menschen“, sagt sie, wobei sie aus jeder Pore Stolz und Liebe für ihren Beruf verströmt. Die gesamte Leader-Projektentwicklung sei ein Stück harte Arbeit gewesen, aber nun freut sie sich auf den Start im Herbst: „Leader zeigt auch den EU-Skeptikern unter uns, dass die EU auch was tut für die Bevölkerung, das Land und die Region.“ ||| Teresa Arrieta, freie Journalistin, Ö1-Sendungsgestalterin und Autorin

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Nicht bloß Leuchtturmprojekte, sondern mehr Miteinander Im Gespräch mit Wolfgang Pichler, Regionalentwicklungsverband Leader-Region Wels – LAG Wels Land (LEWEL)

Was hat Leader in der Region Wels Land bisher bewirkt? Immer mehr Menschen hier verstehen, dass das Zusammenrücken von Gemeinden und Institutionen notwendig ist. Früher gab es Einzelinitiativen, seit es Leader gibt, hat man begonnen, über Gemeindegrenzen hinaus zu denken. Leader baut auf Bürgerbeteiligung auf. Ja, aber man braucht auch politischen Rückhalt und Projektmittel. Wir haben uns bemüht, nicht nur die BürgerInnen einzubeziehen, sondern auch bei den Entscheidungsträgern Vertrauen aufzubauen und die Verwaltungsebene ins Boot zu holen. Denn Leader ist mehr als das Umsetzen von Leuchtturmprojekten, Leader bedeutet für uns Entwicklung durch Kooperation. Wie kann man die Entwicklungsstrategie hier beschreiben? Die Strategie ist in thematische Aktionsfelder gegliedert: Wohnen – Arbeit – Wirtschaft, Agrarbereich, Energie, Naherholungsausflug, Jugend – Kultur und Lernende Region. Interessierte aus den Gemeinden wirken in sogenannten Aktionsgruppen mit, die sich im Idealfall eigenständig organisieren und vom Leader-Team professionell begleitet werden. Jedes Aktionsfeld hat eine Themenpatin/einen Themenpaten. Diese PatInnen repräsentieren das Thema in der Öffentlichkeit und sorgen dafür, dass es präsent bleibt und sich etwas bewegt.

Regionalentwicklungsverband Leader-Region Wels – LAG Wels Land (LEWEL) Fluchtwang 24, 4650 Edt bei Lambach Kontakt: Wolfgang Pichler Tel.: 07245/225 52 Mobil: 0664/73 72 93 82 office@lewel.at www.regionwelsland.at


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Leader in Österreich: Zahlen, Fakten, Chancen Fünfzehn Jahre erfolgreiche Regionalpolitik Leader steht in Österreich seit 15 Jahren für einen innovativen, modernen und effektiven Bottom-up-Ansatz zur Entwicklung ländlicher Regionen. In die Regionen verlagerte Entscheidungskompetenzen, professionalisierte Strukturen und eine sektorübergreifende Strategieumsetzung waren und sind weiterhin die wesentlichen Elemente und die wichtigsten Gründe für den Erfolg von Leader. Markus Hopfner

Diese Methode wurde in allen EU-Mitgliedstaaten umgesetzt, und ihr europaweiter Erfolg führte letztlich dazu, dass das Leader-Konzept Eingang in die Mainstream-Programme für ländliche Entwicklung gefunden hat. Mit diesen Programmen wird in der Periode 2007–2013 die gesamte EU-Politik zur Entwicklung des ländlichen Raums, die sogenannte 2. Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik, umgesetzt. In Österreich erfolgt dies mit einem einzigen Programm mit der Bezeichnung LE 07–13 unter der Verantwortung des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (BMLFUW). Andere EU-Mitgliedstaaten wie Deutschland oder Italien setzen diese Politik mit Programmen auf Bundesländerebene um. Diese EU-Politik flankiert die klassische Agrarmarktpolitik durch ergänzende Maßnahmen für ländliche Gebiete und verfolgt drei Ziele: f die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der Land- und Forstwirtschaft, f die Verbesserung der Umwelt und Landschaft, f die Steigerung der Lebensqualität im ländlichen Raum und die Förderung der Diversifizierung der ländlichen Wirtschaft. Diesen Zielen entsprechend sind die Programme in drei Schwerpunkte gegliedert, mit so breiten Maßnahmen wie dem Österreichischen Programm zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft (ÖPUL), der Bergbauernförderung und der landwirt-

schaftlichen Investitionsförderung. Und hier kommt Leader ins Spiel: Leader ist als methodischer Schwerpunkt in der ländlichen Entwicklung verankert, der zur Umsetzung der drei inhaltlichen Schwerpunkte dient. Mindestens 5 Prozent der ursprünglich zugeteilten EU-Mittel (2,5 Prozent in den neuen Mitgliedstaaten) sind nach dem Leader-Konzept umzusetzen.

423 Millionen Euro für Leader Das österreichische Programm LE 07–13 trägt diesen Vorgaben Rechnung. Etwa 5,4 Prozent der EU-Mittel sind dem Schwerpunkt 4, Leader, zugeordnet. Gemeinsam mit den obligatorisch einzusetzenden Mitteln des Bundes und der Länder ergeben sich in Summe 423,1 Millionen Euro öffentliche Mittel. Dies entspricht einer Vervierfachung des öffentlichen Finanzvolumens im Vergleich zum LEADER+-Programm 2000–2006 und beinahe einer Verzehnfachung gegenüber der Leader-Periode 1995–1999. Leader-Dotierung in Österreich seit 1995 Programm Periode EU-Mittel

LEADER II LEADER+ LE 07–13

1995–1999 2000–2006 2007–2013

Bundes- und Öffentliche Landesmittel Finanzierung gesamt 25,0 24,0 49,0 76,8 29,8 106,6 213,7 209,4 423,1

Angaben in Millionen Euro

86 Leader-Regionen österreichweit Diese massive Erweiterung der finanziellen Möglichkeiten wirkt sich direkt auf die Umsetzungsbedingungen und -strukturen aus. So erfolgte die Durchführung


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von LEADER II mit 31 Lokalen Aktionsgruppen (LAGs) in acht Bundesländerprogrammen. Die EU-Mittel stammten aus drei verschiedenen Strukturfonds. Von dieser Multifondsarchitektur wurde mit der Agenda 2000 wieder abgegangen und das LEADER+-Programm konzipiert, das als bundeseinheitliches Programm unter der Federführung des BMLFUW realisiert wurde. Zur Umsetzung wurden 56 LAGs ausgewählt. Mit etwa 47.000 Quadratkilometern umfasste das LEADER+-Gebiet mehr als die Hälfte des österreichischen Staatsgebiets. Leader 2007–2013 wird in 86 ausgewählten Regionen mit über 4,3 Millionen EinwohnerInnen implementiert. Im Vergleich zur Vorperiode hat sich die Bevölkerungsanzahl der Leader-Regionen beinahe verdoppelt: Neben der flächenmäßigen Ausweitung aufgrund der größeren LAG-Anzahl ist auch die durchschnittliche EinwohnerInnenzahl je LAG von knapp 39.000 auf etwa 50.000 gestiegen. Über 51 Prozent der EinwohnerInnen Österreichs leben nunmehr in Leader-Regionen, die über 87 Prozent der Staatsfläche abdecken. Verteilung der LAGs 2007–2013 auf die Bundesländer Bundesland Fläche Einwohner Anzahl der in km2 Innen per Gemeinden 01.01.2008 Burgenland 3.678 263.367 156 Kärnten 8.441 353.236 113 Niederösterreich 17.517 1.151.340 497 Oberösterreich 11.536 1.049.994 425 Salzburg 6.894 329.795 108 Steiermark 14.772 794.724 477 Tirol 8.359 288.631 167 Vorarlberg 1.966 98.761 63 Österreich 73.163 4.329.848 2.006

Anzahl der LAGs

3 5 18 24 8 19 8 1 86

Diese Eckdaten stellen eindrucksvoll die räumliche und budgetäre Ausweitung der Leader-Anwendung dar. Sie zeigen auf, was mit dem oft zitierten „Mainstreaming“ von Leader gemeint ist: Leader ist nicht mehr die kleine feine Experimentierwerkstatt, die vorwiegend über Softmaßnahmen regionale Entwicklung induziert und fördert. Neben diesen wichtigen und meist innovativen Projekten sind nun auch vermehrt investive Umsetzungen gefordert, die außerhalb des Leader-Gebiets durchaus über die verschiedenen Maßnahmen der Schwerpunkte 1 bis 3 abgedeckt werden können, dort allerdings nicht in regionale Entwicklungsstrategien eingebettet und auf diese abge-

stimmt sind. Leader ist gewissermaßen erwachsen geworden und muss zur Umsetzung seiner kreativen Ideen auch verstärkt finanzielle Verantwortung tragen. Dies sollte mit dem neuen Finanzrahmen gewährleistet sein, immerhin betragen die öffentlichen Mittel je LAG durchschnittlich beinahe 5 Millionen Euro.

Auf neue Chancen schauen Eine kleine Einschränkung des bewährten Bottomup-Ansatzes wurde über die EU-Umsetzungsbestimmungen eingeführt: Im Finanzplan des Programms LE 07–13 mussten bereits vorab die den Zielen „Wettbewerbsfähigkeit der Land- und Forstwirtschaft“, „Umwelt und Landschaft“ sowie „Lebensqualität und Diversifizierung“ zugeordneten Finanzmittel festgelegt werden. Diese Festlegung erleichtert zugegebenermaßen auch die Planbarkeit der nationalen Fachbudgets. Dazu kommen noch die Mittel für Kooperationsprojekte mit in- und ausländischen Regionen sowie die Mittel für das LAG-Management. Etwa zwei Drittel der Finanzierung sind für Maßnahmen des Schwerpunkts 3, „Lebensqualität und Diversifizierung“, vorgesehen. Finanzplan Leader 2007–2013 nach Maßnahmen Maßnahme EU-Mittel Nationale Öffentliche öffentliche Mittel Mittel 411 Wettbewerbsfähigkeit 38,9 38,1 77,0 412 Umwelt und Landschaft 4,7 4,6 9,3 413 Lebensqualität und Diversifizierung 143,0 140,1 283,1 421 Transnationale und internationale Zusammenarbeit 7,1 6,9 14,0 431 LAG-Management 20,0 19,6 39,7 Schwerpunkt 4 – Leader gesamt 213,7 209,4 423,1 Angaben in Millionen Euro

Trotz dieser Vorgaben – und trotz eines eher als einschränkend empfundenen Abwicklungsregimes – ist ein sentimentaler Blick zurück auf LEADER+ nicht angebracht: Erstens war in der Vergangenheit auch nicht immer alles Gold, was glänzte, und zweitens ist ein nach vorn, auf neue Chancen und Entwicklungspotenziale ausgerichteter Blick seit eh und je Grundvoraussetzung für erfolgreiche Regionalentwicklung. Glücklicherweise ist diese Fähigkeit besonders oft bei den in Leader engagierten AkteurInnen zu finden. |||

Markus Hopfner, BMLFUW, Programmverwaltung LE 07–13


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Stolz und Selbstbewusstsein wachsen „Genau in dem Augenblick, als die Raupe glaubte, die Welt gehe unter, wurde sie zum Schmetterling.“ Im Mühlviertler Kernland drohte zwar vor der Bewerbung der Region um Aufnahme in das Leader-Programm nicht die Welt unterzugehen, aber eine Aufbruchstimmung war kaum zu spüren – eher ein neidisches Überdie-Grenzen-Schauen, weil dort vermeintlich alles besser war. Genau in dieser Hinsicht setzt nun s c h ö n l a n g s a m eine Veränderung ein. Mit jedem Leader-Projekt wächst der Stolz auf das, was wir im Kernland haben. Und mit wachsendem Stolz und Selbstbewusstsein macht sich auch Mut breit, die Flügel auszubreiten, um Neues zu wagen. Es ist eine spannende Zeit. Conny Wernitznig, Leader-Managerin Mühlviertler Kernland

Erweiterung des strategischen Spielraums „Leader neu“ ist gut, es bedeutet in Niederösterreich eine deutliche Erweiterung des strategischen Spielraums. Zu meinen, einzelbetriebliche Projekte hätten keine regionale Auswirkung, ist falsch: Jeder Winzer, der in seinen Keller investiert, pflegt die Landschaft und hat damit Einfluss auf den Tourismus und das Welt-

kulturerbe. Gleichzeitig bedeuten die vielen Standardprojekte ein Plus in der Projektfinanzierungsbilanz der Region und halten den Rücken für wichtige strategische Projekte frei. Viel Nutzen für ein bisschen Bürokratie. Das Gegreine über das angebliche Ende von Leader als Methode kann ich nicht nachvollziehen. Michael Schimek, Leader-Manager Wachau – Dunkelsteinerwald

Ein Blick in die Praxis Statements von Leader-ManagerInnen und „Programmverantwortlichen Landesstellen“

Kooperation und Vernetzung Leader stellt für Niederösterreich mit seinen 18 Leader-Regionen, die nahezu 90 Prozent der Landesfläche umfassen, ein wichtiges Instrument für die Weiterentwicklung ländlicher Gebiete dar. Das Besondere am Leader-Konzept ist die übergreifende, breite Zusammenarbeit unterschiedlichster Akteurinnen und Akteure bei verschiedenen Themen. Viele Probleme können auf regionaler Ebene viel besser gelöst werden als auf Gemeinde- oder Landesebene. Leader trägt dazu bei, vom „Kirchturmdenken“ Abschied zu nehmen und den Kooperations- und Vernetzungsgedanken in den Vordergrund zu rücken. Eva Eichinger, Land Niederösterreich

Erfahrungen mit Leader

Steigerung der Lebensqualität Leader bietet aus meiner Sicht peripheren Regionen optimale finanzielle Impulse, weil alle Arten von Projekten zur Steigerung der Lebensqualität umgesetzt werden können. Entscheidend sind die handelnden Personen. Gerade Menschen, die in solchen ländlichen Regionen leben, haben Wünsche für die Zukunft ihrer Region und können dank des Leader-Ansatzes ihre Ideen auch umsetzen. Ein besonderer Synergieeffekt hat sich in meiner Region in Verbindung mit dem Nationalpark Hohe Tauern ergeben. Durch die Einbettung der LeaderAktionsgruppe in die Nationalparkverwaltung entsteht für die Region sowie für beide Organisationen ein profitabler Alleinstellungsvorteil. Georgia Pletzer, Leader-Managerin Nationalpark Hohe Tauern

Kreative Konstellationen Im Rahmen von Leader treffen im Schilcherland Menschen aufeinander. Die sich dadurch ergebenden kreativen Konstellationen bringen Initiativen und Projekte hervor, die aus Einzelinteressen ein gemeinsames Bewusstsein für die ländliche Region entstehen lassen, auch über Leader hinaus. Leader ist ein verbindendes Element – ideell und in den Tätigkeiten in- und außerhalb des Schilcherlandes. Für mich ist Leader die wesentliche Grundlage für die Identität einer LAG und öffnet Systeme durch Gemeinsamkeiten, auch über Staatsgrenzen hinweg. Susanne Hubmann, ehemalige LeaderManagerin Schilcherland


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Lust auf gemeinsames Gestalten Osttirol ist erstmals als gesamter Bezirk LeaderRegion. Die Projektinhalte sind bereits breit gefächert, Vernetzung und Austausch sind gefragt, Kooperationen werden angestrebt. Auch wenn nicht alle Inhalte gefördert werden können, hat Leader durch seine Prinzipien den Zugang zu Ideen und deren Übersetzung in Projekte geprägt. Als junge Leader-Region profitieren wir besonders von der guten Zusammenarbeit zwischen den Tiroler Leader-Regionen und unseren PartnerInnen in den Abteilungen des Landes Tirol, vor allem in der Schwerpunktverantwortlichen Landesstelle (SVL) und der Programmverantwortlichen Landesstelle (PVL). Leader macht Lust auf mehr gemeinsames Gestalten. Helene Brunner, Leader-Managerin Regionalmanagement Osttirol

Eine neue Planungskultur Mit Leader hat eine andere, neue, moderne Kultur von Planung und Projektarbeit im ländlichen Raum Einzug gehalten. Die LAG Vorarlberg macht es möglich, dass die Regionalplanungsgemeinschaften – sie sind seit vielen Jahren wichtige Motoren für die Entwicklung ländlicher Räume – über ihre Talschaftsgrenzen hinaus zusammenarbeiten. Das ist ein echter Leader-Mehrwert. Seit es Leader gibt, ist stärker bewusst, dass neben Infrastrukturprojekten die aktive Gestaltung der gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklung wichtig und möglich ist. Und diese Themen sind eine echte Herausforderung. Walter Vögel, Land Vorarlberg

Leader: Die Seele der ländlichen Entwicklung Gleicht das Leader-Programm nicht der Partitur einer mächtigen zeitgenössischen Sinfonie mit Elementen der Improvisation, Dynamik, Agogik usw.? Das Notenbild teils konkret vorgegeben, teils verworren und schwer interpretierbar, wo nur das Geschick und die Interpretationskunst der lokalen Akteure darüber entscheiden, ob die Aufführung erfolgreich wird oder ein Scheitern vorprogrammiert ist. Solisten stehen auf und lassen

Mehr EU-Phorie bitte! Man kann über die EU sagen, was man will. Faktum ist, dass das Südburgenland schon seit Jahren von EU-Förderungen profitiert. Gerade über Leader konnten Vor- und QuerdenkerInnen – die zentralen ImpulsgeberInnen einer Region – in ihren innovativen Vorhaben unterstützt werden. Von 2007 bis 2013 rechne ich wieder mit der Einreichung zahlreicher Regionsprojekte. Ausgeprägt experimentelle Initiativen haben in der aktuellen Förderperiode hierzulande Nachrang. Der Schwerpunkt liegt bei der Dorferneuerung, gefolgt von Naturschutz-, Kleinstunternehmensund Tourismusprojekten. Darauf will ich bauen – für unser Südburgenland. Ursula Maringer, Leader-Managerin „südburgenland plus“

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ihre Fanfaren schmettern, liebliche Melodien kräuseln sich um den Chor der Streicher und Pfleger und versinken in der Gesamtheit des Orchesters, die Trommeln geben den Rhythmus dazu. Leader ist im Rahmen von LE 07–13 vielfältiger geworden, der jeweilige Rahmen jedoch enger. Es wird noch ein wenig dauern, bis wirklich alles läuft, wir sind diesem Ziel aber schon sehr nahe und blicken zuversichtlich in eine neue Leader-Zukunft – zumindest bis zum Jahr 2013! Thomas Müller, Leader-Manager Sauwald

Ein Kleinprojektefonds wäre hilfreich Die in den LAGs erarbeiteten Entwicklungsstrategien, die gute Zusammenarbeit mit der PVL und SVL und die damit verbundene Abstimmung der Projektvorhaben bewirken in Kärnten eine bestmögliche Umsetzung der LeaderIdee. Als Schwachpunkt wird das projekttechnische Ausschließen von Partnerschaften innerhalb der Maßnahme 41 gesehen, das meiner Meinung nach dem Leader-Ansatz völlig widerspricht. Bedauerlich ist auch der Umstand, dass Kleinprojekte derzeit nur geringe Chancen auf Realisierung haben und der damit verbundene Administrationsaufwand unverhältnismäßig hoch ausfällt. Die Idee eines Kleinprojektefonds, wie sie in der Programmperiode 2000–2006 in Kärnten erfolgreich umgesetzt wurde, würde den Menschen und innovativen Ideen eine nützliche Starthilfe sein. Gerald Hartmann, Leader-Manager Unterkärnten


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Das Leader-Netzwerk Eine erfolgreiche Liaison wird fortgeführt Leader sorgt bereits seit fast 15 Jahren für fruchtbare Beziehungen auf regionaler, Landes-, Bundes- und europäischer Ebene. Im Rahmen des „Ländlichen Entwicklungsprogramms“ soll nun die Vernetzungsarbeit auf den gesamten ländlichen Raum und die AkteurInnen aller Schwerpunkte des Programms ausgeweitet werden. Für die 86 österreichischen Leader-Regionen gibt es aber innerhalb von „Netzwerk Land“ – der Vernetzungsstelle für den ländlichen Raum – ein eigenes Serviceangebot, um die bewährte Leader-Vernetzung fortzuführen. Luis Fidlschuster

Verantwortlich für die Entwicklung und Umsetzung von Serviceleistungen zu Vernetzung und Erfahrungsaustausch ist im Konsortium von Netzwerk Land die ÖAR-Regionalberatung GmbH. Basis für das Vernetzungsangebot ist ein jährliches Arbeitsprogramm, das in Zusammenarbeit mit der Leader-Begleitgruppe (= 12 Leader-ManagerInnen aus allen Bundesländern) erarbeitet wird. Das Grundprinzip des Arbeitsprogramms lautet: Es sollte für jeden etwas Nützliches dabei sein. Leader will sowohl einfach „konsumierbare“ als auch – für Leader-Gruppen mit einem Interesse an Vernetzung und Erfahrungsaustausch komplexerer Art – inhaltlich anspruchsvolle und etwas zeitaufwändigere Serviceleistungen anbieten. Was sich Leader-Regionen konkret von Netzwerk Land erwarten können, wird im Folgenden kurz vorgestellt.

Leader-Hotline: Service is our success Netzwerk Land steht allen Leader-Gruppen als Ansprechpartner für Fragen vor allem in folgenden Bereichen zur Verfügung: beispielhafte Projekte, Suche nach ExpertInnen für relevante Entwicklungsthemen, Partnersuche für nationale und transnationale Kooperationsprojekte, Förderprogramme mit Relevanz für die Regionalentwicklung. Allgemeiner formuliert gilt das Angebot grundsätzlich für „Leaderund entwicklungsrelevante Fragen aller Art“. Anregungen und konstruktive Kritik an der Vernetzungsarbeit sind jederzeit willkommen.

Innovative Werkstätten: Know-how-Transfer Die „Innovativen Werkstätten“ sollen den Erfahrungs-

austausch zwischen den Leader-Gruppen fördern und neues Knowhow in die Entwicklungsarbeit einspielen. Für diese Werkstätten wurden folgende vier übergeordnete Hauptthemen festgelegt: f Methoden und Instrumente der Regionalentwicklung, f gesellschaftliche Vielfalt, f interkommunale Kooperation, f Tourismus. Die konkreten Fragestellungen, die in den Werkstätten bearbeitet werden sollen, werden in Kooperation mit der „Leader-Begleitgruppe“ und im Rahmen der Werkstätten selbst festgelegt. Jede/r LeadermanagerIn ist eingeladen, jederzeit Themenvorschläge an die Leader-Netzwerkstelle heranzutragen.

Kooperationsberatung: Moderation von Start-Workshops Neben der Suche nach möglichen PartnerInnen für nationale und transnationale Kooperationsprojekte stehen bei Bedarf ExpertInnen der Netzwerkstelle auch kostenlos als ModeratorInnen für einen Start-Workshop eines Kooperationsprojekts zur Verfügung. Grundsätzlich können Regionen, die eine Moderation für den Start eines Kooperationsprojektes benötigen, immer auch auf BeraterInnen zurückgreifen, mit denen sie bisher gute Erfahrungen gemacht haben. Netzwerk Land kann dann Kosten für diese Moderation bis zu einer Höhe von 800 Euro übernehmen. Voraussetzung ist, dass dies vorher mit Netzwerk Land abgeklärt wird. Durch die Moderation eines Start-Workshops sollen die KooperationspartnerInnen dabei unterstützt werden, Ziele, Inhalte und Vorgangsweise für ein konkretes nationales oder transnationales Kooperationsprojekt zu entwickeln. Damit soll der oft schwierige Schritt von der Projektidee zur konkreten Zusammenarbeit mit PartnerInnen aus anderen österreichischen, vor allem aber europäischen Regionen erleichtert werden.


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www.netzwerk-land.at: Profilierung und Transparenz

lichen Inputs und Erfahrungsaustausch wird es – ganz in alter Leader-Tradition – stets auch ein kulinarisches und unterhaltsames Auf der Website von Netzwerk Land gibt es eine regionales Abend- und Rahmenprogramm geben. eigene Rubrik für Leader. Diese steht allen LeaderRegionen für Öffentlichkeitsarbeit und Erfahrungs- Europäische Leader-Vernetzung austausch zur Verfügung. Alle Lokalen Aktionsgrup- Leader hat auch in der europäischen Vernetzung einen hohen Stelpen (LAGs) haben ein Login und ein Passwort erhalten lenwert. Bei den Treffen der nationalen Vernetzungsstellen für die und können folgende Daten eingeben bzw. veröffent- ländliche Entwicklung, aber auch im eigens eingerichteten LeaderSubbegleitausschuss der EU-Kommission werden regelmäßig lichen: f aktuelle Infos aus ihrer Region und Projektarbeit, Erfahrungen bei der Umsetzung von „Leader neu“ in den einzelnen Mitgliedstaaten ausgetauscht. Derzeit ist in diesem Zusammenhang f Vorstellung der Region und der regionalen die Einrichtung einer „Fokusgruppe“ mit VertreterInnen aus unterStrategie, schiedlichen EU-Mitgliedstaaten im Gespräch, die sich mit Chancen f Projektinfos (die Eingabe von ausgewählten und Problemen im Bereich „Leader-Mainstreaming“ beschäftigen Projekten in die Online-Projektdatenbank ist soll. Das ENRD bietet den nationalen Vernetzungsstellen zudem voraussichtlich ab Winter 2009 möglich). wertvolle Hilfestellungen bei der Suche nach Partnern für transnaAlle LAGs sind eingeladen, die Möglichkeiten der tionale Kooperationsprojekte. Was im Gegensatz zu LEADER+ derWebsite aktiv zu nutzen. PR auf www.netzwerk- zeit auf europäischer Ebene nicht geboten wird, sind regelmäßige land.at kann einen Beitrag zur Profilierung einer Lea- themenbezogene Leader-Seminare, an denen in der abgelaufenen der-Region in der Leader-Community – bei anderen Periode jeweils zwischen 200 und 300 Leader-AkteurInnen aus ganz LAGs, Verwaltungsstellen auf Landes- und Bundes- Europa teilgenommen haben und die nicht nur zu Erfahrungsausebene, GD Agri der EU, ENRD (European Network for tausch und Weiterbildung, sondern auch wesentlich zur Anbahnung Rural Development) – leisten. Zudem werden dadurch transnationaler Kooperationsprojekte beigetragen haben. ein guter Überblick und die erforderliche Transparenz bezüglich Leader-Aktivitäten in Österreich geschaffen Wozu das Ganze? – als Voraussetzung für mögliche Kooperationen, aber Was haben der Formel-1-Weltmeister Mika Häkkinen, die Innovatiauch als Visitenkarte und Nachweis für die Bedeu- onsexpertin Eva Buchinger und der Managementberater Stephen R. tung von Leader für die Entwicklung ländlicher Regio- Covey gemeinsam? Alle drei sind bekennende NetzwerkerInnen. nen. Das hört sich so an: „Du gewinnst nie allein. An dem Tag, an dem du etwas anderes zu glauben anfängst, fängst du an, zu verlieren.“ (Mika Häkkinen, Formel-1-Weltmeister). Leader-Forum: Die Jahrestagung von „In modernen, funktional differenzierten Gesellschaften gibt es Leader Österreich Die Leader-Jahrestagung wird jedes Jahr im Herbst keine Innovation ohne Netzwerkaktivitäten.“ (Eva Buchinger, und immer in einer Leader-Region stattfinden. Das Austrian Research Centers) „In einer Welt wechselseitiger Abhängigkeiten und wachsenerste „Leader-Forum“ ist für den 18. und 19. November 2009 in Waidhofen an der Ybbs anberaumt. Ziel der Komplexität kann nur das WIR – d. h. Kooperation und Vernetder Jahrestagung ist es, die Leader-Community – zung – zum Erfolg führen. Der Versuch, nur durch Unabhängigkeit Leader-Gruppen, Verwaltungsstellen, ExpertInnen aus und Einzelinitiativen maximale Effektivität zu erreichen, gleicht dem, Beratung und Forschung, andere regionale Entwick- mit einem Tennisschläger Golf spielen zu wollen: Das Werkzeug lungsorganisationen mit einem Bezug zu Leader – ein- passt nicht zur Realität.“ (Stephen R. Covey, Die 7 Wege zur Effekmal im Jahr geschlossen zu versammeln. Inhaltlich tivität). In diesem Sinne: Viel Spaß und Erfolg beim Netzwerken in den wird es immer um ein übergeordnetes Thema der Regionalentwicklung gehen. Das erste Leader-Forum Regionen und Bundesländern, in Österreich und Europa! ||| wird dem Thema „Regionalität“ in all seinen Facetten – regionale Produkte, Angebote, Kultur, Identität, Luis Fidlschuster, ÖAR-Regionalberatung Wirtschaftskreisläufe – gewidmet sein. Neben inhalt- fidlschuster@oear.at

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„Service is our success“: Netzwerk Land bietet Dienstleistungen für AkteurInnen und Organisationen der ländlichen Entwicklung. Im Zentrum stehen Maßnahmen für Erfahrungsaustausch und Know-how-Transfer.


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Netzwerk Land Wer? Was? Wozu? Um das Österreichische Programm für die Entwicklung des ländlichen Raums (LE) 2007–2013 – den „Grünen Pakt“ – erfolgreich umsetzen und die AkteurInnen im ländlichen Raum bei ihren Aktivitäten unterstützen zu können, wurde vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft eine neue Servicestelle ins Leben gerufen: Netzwerk Land. Christian Jochum

Zu den AkteurInnen der ländlichen Entwicklung gehören vor allem VertreterInnen von Organisationen, die im ländlichen Raum bzw. in der ländlichen Entwicklung tätig sind, aber auch Personen aus der Verwaltung. Die Aufgaben und Ziele der Service-Einrichtung Netzwerk Land sind: f die Organisation des Austausches von Erfahrungen und Fachwissen, f die Ermittlung und Analyse von übertragbaren innovativen oder bewährten Praktiken (BestPractice-Beispielen), f die Vernetzung innerhalb von Sektoren und sektorübergreifend und f die nationale und internationale Zusammenarbeit.

Umweltdachverband (UWD): Der UWD ist eine österreichische Dachorganisation für 38 Umwelt- und Naturschutzorganisationen. Im Zentrum seiner Arbeit steht der nachhaltige Schutz natürlicher Ressourcen. Er übernimmt die Vernetzungsarbeit für den Themenschwerpunkt „ÖPUL und Umwelt“ (ÖPUL: Österreichisches Programm zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft). ÖAR-Regionalberatung: Die ÖAR hat langjährige nationale und internationale Erfahrung in der Regionalentwicklung und war bis 2007 für die Leader-Netzwerkstelle verantwortlich. Im Rahmen von Netzwerk Land widmet sich die ÖAR dem Leader-Bereich.

Die Vernetzungsaufgaben für Netzwerk Land erstrecken sich bis 2015. Netzwerk Land steht in Kontakt mit dem europäischen Netzwerk (ENRD – European Network for Rural Development), das als Drehscheibe für die nationalen Netzwerkstellen fungiert und die EU-weite Koordinierung sowie einen effektiven internationalen Austausch garantiert.

Wozu gibt es Netzwerk Land?

Wer ist Netzwerk Land? Mit der Durchführung des Vernetzungsauftrages wurde vom Lebensministerium eine Bietergemeinschaft aus den folgenden drei Partnerorganisationen betraut: Agrar.Projekt.Verein (APV): Der APV ist durch den Agrar.Projekt.Preis und verschiedene überregionale Initiativen wie die GenussKrone bekannt. Der APV ist der Leadpartner und widmet sich den Themen „Landwirtschaft und Markt“ sowie „Forstwirtschaft“.

Netzwerk Land unterstützt mit seinen Aktivitäten die Ziele und Schwerpunkte der ländlichen Entwicklung und hilft damit den Menschen, die im ländlichen Raum tätig sind. In enger Abstimmung mit den Entscheidungsträgerinnen und -trägern sowie Meinungsbildnerinnen und -bildnern der ländlichen Entwicklung wurden und werden daher folgende Angebote entwickelt: f Seminare, Workshops („Netz-Werkstätten“) und Konferenzen zu ausgewählten Themen, in denen Lösungsansätze für Problemlagen erarbeitet, interessante Persönlichkeiten zusammengebracht und Informationen über neueste Trends weitergegeben werden; f die Homepage www.netzwerk-land.at mit Informationen, Adressen und Kontakten zu einschlägigen Themen der ländlichen Entwicklung;


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eine Projektdatenbank auf der Homepage mit guten Beispielen oder Ideen; die Vermittlung von Projektpartnern sowie nationaler und internationaler Kontakte über die Homepage; das zweimal pro Jahr erscheinende Magazin „ausblicke“, das über Schwerpunktthemen berichtet und Menschen im ländlichen Raum bewegende Ansichten und Informationen liefert; eine Hotline für Anfragen und Informationen: +43/1/332 13 38 14.

Netzwerk Land sucht die Anbindung und die Zusammenarbeit, wo es bereits Strukturen und Netzwerke gibt, und will Bestehendes weder verdoppeln noch konkurrieren.

Strategische Leitlinien und österreichische Programmierung als Basis Mit der EU-Ratsverordnung zur Förderung der Entwicklung des ländlichen Raums ist erstmals eine Vernetzungsstelle für die gesamte ländliche Entwicklung vorgesehen. Modell für diese neue Einrichtung war die erfolgreiche Umsetzung des Leader-Konzepts, das immer schon von einer Netzwerkstelle begleitet worden war. Basis für die inhaltliche Ausrichtung der Tätigkeit von Netzwerk Land sind die strategischen Leitlinien der EU und Österreichs bzw. das von Österreich detailliert ausgearbeitete und von der Kommission bewilligte Programm zur ländlichen Entwicklung. Netzwerk Land ist daher keine politische Plattform zur Gestaltung der ländlichen Entwicklung, sondern ein Instrument zum optimalen Vollzug dieses Programms. Während die strategischen Leitlinien der EU und der daraus abgeleitete österreichische Strategieplan die grundsätzliche Richtung vorgeben, ist das konkrete österreichische Programm mit den zugehörigen Sonderrichtlinien das Feingerüst dazu. Aus strategischer Sicht konzentrieren sich die Maßnahmen der nationalen LE-Programme auf drei Hauptbereiche: auf die Agrarlebensmittelindustrie, die Umwelt sowie die ländliche Wirtschaft und Bevölkerung im weiteren Sinn.

Vernetzung auf drei Ebenen Netzwerk Land hat im Rahmen der internen Arbeitsteilung ein Gesamtkonzept mit den Themenbereichen „Landwirtschaft und Markt“, „Forstwirtschaft“, „ÖPUL und Umwelt“, „Zukunft Land“ und „Leader“ ausgearbeitet. Diese Untergliederung folgt in etwa den vier Programmschwerpunkten der Ratsverordnung („Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Land- und Forstwirtschaft“, „Verbesserung der Umwelt und der Landschaft“, „Lebensqualität im ländlichen Raum und Diversifizierung der ländlichen Wirtschaft“ und „Leader-Konzept“). Innerhalb dieser Themenbereiche wird als Erstes vernetzt. In einem weiteren Schritt geht es um die Herstellung von Querverbindungen zwischen den Themenbereichen, um ein Wissen, Kennenlernen und Verstehen – vielleicht auch als Basis für eine spätere Zusammenarbeit. Das betrifft vor allem die Einbindung von Leader in den Bereichen Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Umwelt. Schließlich zielt Netzwerk Land auch auf eine internationale Vernetzung ab: sowohl mit der EU-Ebene (auch dort gibt es eine Vernetzungsstelle) als auch mit anderen Mitgliedsländern; der bilaterale Austausch ergibt sich aus Kooperationen zwischen LeaderRegionen oder einschlägigen Veranstaltungen. Vernetzung ohne Ende? Alle Aktivitäten werden letztlich am Nutzen der Vernetzten gemessen werden. In Zeiten des Überangebots an Veranstaltungen, Strukturen und Informationen ist das die wahre Herausforderung für Netzwerk Land. ||| Christian Jochum, Leiter Netzwerk Land

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Was macht Netzwerk Land? Werkstätte einrichten und Vernetzung starten

Das Arbeitsprogramm von Netzwerk Land wird jährlich in Abstimmung mit den Begleitgruppen und dem Auftraggeber, dem BMLFUW, erarbeitet. Es besteht einerseits aus Maßnahmen in den Bereichen „Landwirtschaft und Markt“ sowie „Forstwirtschaft“, für die der Agrar.Projekt.Verein (APV) verantwortlich zeichnet, im Bereich „ÖPUL und Umwelt“, für den der Umweltdachverband zuständig ist, und in den Themenfeldern „Zukunft Land“ und „Leader“, für welche die ÖAR-Regionalberatung Ansprechpartner ist. Die Jahreskonferenz wird in trilateraler Kooperation durchgeführt. Für die Administration des Netzwerks ist der APV hauptverantwortlich. Website, Projektdatenbank und Hotline werden von den themenverantwortlichen Partnern eigenständig betreut.

Agrar.Projekt.Verein – Wettbewerbsfähigkeit als Schwerpunkt Ohne Landwirtschaft kein ländlicher Raum, ohne ländliche Entwicklung keine Landwirtschaft. Die vielfältigen Leistungen der Bäuerinnen, ihre Rolle als Betriebsführerinnen bzw. als gleichwertige Partnerinnen am Hof, ihr Beitrag zur Stärkung der Identität der bäuerlichen Familien sowie ihre Stellung in der ländlichen Entwicklung wurden im Seminar „Die ländliche Entwicklung und die Bäuerinnen“ am 15. September 2009 behandelt. Österreich hat einen hohen Anteil an Berglandwirtschaft und sonstigen benachteiligten Gebieten. Die Bewirtschaftung des Grünlands ist zentraler Ansatzpunkt für die meisten Bergregionen Österreichs. Eine in Zusammenarbeit mit der Höheren Bundeslehrund Forschungsanstalt für Landwirtschaft RaumbergGumpenstein organisierte, für Winter anberaumte Veranstaltung spannt einen Bogen von der Bedeutung der Milchproduktion bis zu Tourismus und Landschaftspflege. In einem gemeinsam mit der AMA und dem BMLFUW am 14. und 15. Oktober 2009 veranstalteten

Seminar wurden aktuelle Fragen der Förderabwicklung bearbeitet. Ein weiterer Spezialworkshop Anfang Oktober stellte den Zusammenhang zwischen Betriebs- und Arbeitswirtschaft her. Dabei ging es um die Optimierung von innerbetrieblichen Arbeitsabläufen, um einerseits Kosten zu sparen, andererseits die Lebensqualität zu verbessern. Agrarische Bildung ist ein wesentlicher Faktor für die ländliche Entwicklung. In einem ersten Schritt wird in der Projektdatenbank ein Überblick über bestehende Bildungsaktivitäten geschaffen. Qualität und Innovation sind zwei strategische Ansätze für die österreichische Lebensmittelwirtschaft. Beide bedingen eine vertikale Integration. Weiters sind die geschützten Herkunftsbezeichnungen der EU geeignete Instrumente der Regionalvermarktung. Zur besseren Implementierung der Maßnahmen des Programms für die ländliche Entwicklung 2007–2013 sind zwei Workshops in Planung. „Ein Beispiel sagt mehr als 1000 Worte!“: Der Agrar.Projekt.Preis 2009 zeichnet vor allem Best-Practice-Beispiele in den Maßnahmenbereichen „Diversifizierung“ und „Investition“ aus. Die Siegerehrung findet im Rahmen des Festes der Projekte am 16. November 2009 in Stift Ossiach statt. Die Forstwirtschaft wird eigens betreut; Schwerpunkte sind Förderabwicklung, „Leader und Forstwirtschaft“, Kooperationen bei der Waldbewirtschaftung und der Austausch mit anderen EU-Ländern. Bei den Kooperationen geht es in erster Linie um Forstbiodiversität und den Forsttourismus.

Umweltdachverband – Fokus auf Biodiversität und Klimawandel Biodiversität und Klimawandel als neue Herausforderungen der Gemeinsamen Agrarpolitik stehen im Bereich „ÖPUL und Umwelt“ im Zentrum einer Reihe von Veranstaltungen im Jahr 2009. Der Schwerpunkt im


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Bereich der Workshops und Seminare liegt dieses Jahr klar auf problem- und lösungsorientierten Fragestellungen, deren Behandlung auf einer sachlichen Ebene möglich ist. Es gibt einerseits die Seminarreihe „Ländliche Entwicklung und Biodiversität“ und andererseits die „LE-Workshops“. Die Seminarreihe konzentriert sich auf das Thema biologische Vielfalt. Im Rahmen von bisher drei Seminaren wurde die Umsetzung der Biodiversitätsvorgaben erörtert und das Thema „Biodiversitätsauflagen im intensiven Grünland bzw. im Ackerland“ aufgegriffen. In den jeweils zweitägigen mit Exkursionen kombinierten Veranstaltungen wurden die Themen mit Theoretikern und Praktikern aus Landwirtschaft und Naturschutz diskutiert und Lösungsansätze zu erarbeiten versucht. Die „LE-Workshops“ beschäftigen sich eher mit technischen Rahmenbedingungen des Programms wie z. B. den ÖPUL-Umsetzungserfordernissen im Naturschutzbereich bzw. dem Problemfeld Naturschutz in Land- und Forstwirtschaft. Der Klimawandel steht im Mittelpunkt zweier Tagungen zu bisher wenig behandelten Themen. Die Tagung „Schutzgebiete und Klimawandel“, die im Juni im Rahmen der „Klagenfurt Days of Protected Areas“ abgehalten wurde, zeigte nicht nur auf, welchen Beitrag Schutzgebiete zum Klimaschutz leisten können, sondern stellte auch die provokante Frage, ob angesichts des Klimawandels die Ziele von Schutzgebieten künftig neu definiert werden müssen. Weiters will eine in Kooperation mit der Deutschen Vernetzungsstelle für Anfang 2010 geplante Konferenz zum Thema Agrarumweltmaßnahmen und Klimawandel jene Maßnahmen beleuchten, die zur Vermeidung des Klimawandels bzw. zur Anpassung an den Klimawandel beitragen können. Um der österreichischen Bevölkerung einen besseren Einblick in das österreichische Agrarumweltprogramm zu geben und die Akzeptanz für das Programm zu heben, wird 2009 ein Konzept für eine Broschüre entwickelt, die das ÖPUL einfach und verständlich erklären und damit die vielfältigen Leistungen der österreichischen LandwirtInnen aufzeigen soll. Darüber hinaus wird in Zusammenarbeit mit Partnern wie der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik sowie der Höheren Bundeslehr- und For-

schungsanstalt für Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein ein „Netzwerk-Land-Wettbewerb“ entwickelt, der 2010 als Kulturlandschaftspreis umgesetzt werden wird.

Leader ist Vernetzung Die Weisheit von Leader steckt bereits im ersten Buchstaben: Das „L“ steht für Liaison – also für Kooperation und Vernetzung. Und eine Kultur der Vernetzung und Zusammenarbeit ist in den letzten Jahren in der Leader-Community auf regionaler, Landes-, Bundes- und europäischer Ebene entstanden. Dazu beigetragen haben engagierte Leader-Managements, Verwaltungsstellen der Länder und des Bundes sowie die österreichische und europäische Leader-Vernetzungsstelle. Für dieses gut funktionierende LeaderNetzwerk wird die ÖAR im Rahmen von Netzwerk Land Serviceleistungen anbieten, die jedes Jahr gemeinsam mit der „Leader-Begleitgruppe“ entwickelt werden. In dieser Begleitgruppe sind 6 Leader-Managerinnen und 6 Leader-Manager vertreten, die dafür sorgen sollen, dass Netzwerk Land nicht an den Bedürfnissen der Leader-Regionen „vorbeiproduziert“. Details zum Serviceangebot sind in einem eigenen Beitrag (siehe Seite 50) dargestellt. Daher an dieser Stelle nur ein kurzer Auszug: Herzstück der LeaderVernetzung sind die „Innovativen Werkstätten“. Für diese wurden folgende vier übergeordnete Themen festgelegt: Methoden und Instrumente der Regionalentwicklung, gesellschaftliche Vielfalt, interkommunale Kooperation, Tourismus. Bereits die ersten Werkstätten zu den Themen „Methoden und Instrumente der Regionalentwicklung“, „Gesellschaftliche Vielfalt“ und „Interkommunale Kooperation“ („Energieregionen“) haben gezeigt, dass das Interesse an Erfahrungsaustausch und der Leader-Spirit unter erfahrenen und neuen LeaderManagerInnen sehr lebendig sind. Zu einem besonderen Highlight der Leader-Vernetzung soll das „Leader-Forum“, die Jahrestagung von Leader Österreich, werden. Das Thema des ersten „Leader-Forums“ am 18. und 19. November 2009 wird „Regionalität“ in all ihren Facetten sein. Weitere Serviceangebote für die Leader-Vernetzung sind die Leader-Hotline und die Beratung für nationale und transnationale Kooperationsprojekte. |||

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Weitere Netzwerke für die ländliche Entwicklung BirdLife: Vogelschutz über Regionen und Grenzen hinweg Angela Balder, BirdLife Österreich, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Die Vogelschutzorganisation BirdLife ist in über 100 Ländern aktiv und zählt mehr als 2,5 Millionen Mitglieder. Die Partnerorganisationen, zu denen auch BirdLife Österreich gehört, arbeiten neben lokalen und nationalen Projekten an der Umsetzung eines weltweiten VogelschutzProgramms. BirdLife Österreich wurde bereits 1953 als „Österreichische Vogelwarte“ gegründet. „Unsere Arbeit basiert heute auf den Säulen Artenschutz, Schutzgebiete, Lebensraumschutz und Bewusstseinsbildung der Bevölkerung“, erläutert BirdLifeGeschäftsführer Gerald Pfiffinger. Artenschutzprojekte helfen gefährdeten Arten, die auf der Roten Liste stehen: in Österreich etwa dem Kaiseradler, dem Braunkehlchen und dem Wiedehopf. BirdLife weist die weltweit wichtigsten Gebiete für die Vogelwelt (Important Bird Areas – IBA) nach einheitlichen Kriterien aus. Mit mehr als 50 solchen Gebieten liefert Österreich einen wichtigen Beitrag zu diesem zentralen BirdLifeProgramm. Extensive Bewirtschaftungsformen gut für die Vogelwelt Damit häufige Arten auch häufig bleiben, setzt sich BirdLife für eine umwelt- und naturgerechte Bewirtschaftung von Lebensräumen ein. Monitoring-Projekte wie der Farmland Bird Index (FBI) zeigen einen

alarmierenden Rückgang der Vogelzahl um 22 Prozent im agrarisch genutzten Kulturland während der letzten zehn Jahre. BirdLife-Agrarexperte Johannes Frühauf: „Maßnahmen zur Verbesserung des Lebensraumes wie extensive Bewirtschaftungsformen wirken sich auf die Vogelbestände nachweisbar positiv aus. Abgeltungszahlungen lohnen sich sowohl für den Umweltund Naturschutz und die Erhaltung der Biodiversität als auch für die Landwirtschaftsbetriebe.“ Der Trend geht aber in eine andere Richtung. Zwar greifen einzelne ökologische Förderprogramme, gleichzeitig verschlechtern aber viele Maßnahmen der ländlichen Entwicklung, etwa der Bau von Forststraßen, den Lebensraum für viele Arten. Besonders dramatische Auswirkungen hat die immer intensivere Landnutzung. Frühauf: „Immer weniger Bauern bewirtschaften immer größere Felder mit immer größerem Ertrag. Ungünstige Lagen werden hingegen ganz aufgegeben. Beides ist für die Artenvielfalt schlecht.“ Aktuelle Zahlen von BirdLife belegen den Zusammenhang zwischen Bauernsterben und dem Verschwinden einzelner Vogelarten, die typisch für eine extensiv genutzte Kulturlandschaft sind. Weitere Infos: www.birdlife.at

Lernende Regionen Klaus Thien, Geschäftsführer des Österreichischen Instituts für Erwachsenenbildung

In unserer wissensbasierten Gesellschaft wurde und wird niedrigqualifizierte Arbeit in hohem Maß wegrationalisiert oder in Schwellenländer verlagert. Grad und Qualität von Aus- und Weiterbildung der Menschen werden immer relevanter. In der regionalen Dimension liegt die Chance, das Lernen den Lernenden (auch räumlich) näher zu bringen. Das Lebensministerium hat im Rahmen des Schwerpunkts 3 des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) mit M341 eine eigene Fördermaßnahme für die Entwicklung „Lernender Regionen“ im ländlichen Raum geschaffen. Träger der Lernenden Regionen sind die LeaderRegionen, deren Managements auch die Organisation der Lernenden Regionen übernehmen. Die Aufgaben In einer Lernenden Region finden sich wichtige Institutionen aus der Region rund um das Thema „Bildung und Lernen“ zu einem Netzwerk zusammen: Bildungsanbieter, Regionalentwicklungseinrichtungen, Arbeitsmarktservices, Interessenvertretun-


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gen, Unternehmen sowie sonstige Einrichtungen (z. B. Vereine), die an der Entwicklung von Bildungsangeboten in der Region interessiert sind. Erste Aufgabe in einem solchen Netzwerk ist es, für die Region eine Lernstrategie zu erarbeiten. Die Netzwerkpartner analysieren zunächst die Bildungssituation ihrer Region mit allen Herausforderungen, Defiziten und Chancen und entwickeln darauf aufbauend Bildungsprojekte, die von allen oder einigen Netzwerkpartnern umgesetzt werden. Fixe Aufgaben einer jeden Lernenden Region sind auch eine begleitende Öffentlichkeitsarbeit, die Abstimmung der Bildungsangebote aufeinander, Bildungsinformation und – nach Möglichkeit – Bildungsberatung. Das Netzwerk bleibt als steuerndes und weiterentwickelndes Organ bestehen. Die Ziele In den Lernenden Regionen soll das bereits vorhandene Bildungsangebot bekannter werden. Daneben sollen neue, leicht zugängliche und innovative Angebote geschaffen werden. Man will das Bewusstsein der Bevölkerung für die Wichtigkeit des Lernens stärken, die Bildungsbeteiligung steigern und damit die Zukunftsfähigkeit der Bewohner und ihrer Region à la longue sichern. Bald 30 Lernende Regionen Derzeit sind in Österreich bereits zwanzig Lernende Regionen am Arbeiten, weitere zehn werden bald dazukommen. Die Idee der Lernenden Region wird von den regionalen Stakeholdern sehr gut angenommen. An den

Netzwerken sind jeweils bis zu fünfzig Partnereinrichtungen beteiligt, das Arbeitsklima wird durchwegs als produktiv beschrieben. Das spiegelt sich auch in den bis dato vorliegenden Strategien wider, in denen von den Netzwerkpartnern sowohl regionsspezifische Schwerpunkte als auch allgemeine Themen des lebenslangen Lernens herausgearbeitet wurden. Weitere Infos: www.netzwerk-land.at/ leader/lernende-regionen

Der Österreichische Walddialog – ein Beteilungsprozess mit „vielfältigen“ Interessen Georg Rappold, BMLFUW, Forstsektion

Die österreichischen Wälder sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, bieten Schutz vor Naturgefahren, leisten einen wesentlichen Beitrag für die Luft- und Wasserqualität und sind zudem ein vielseitiger Erholungs- und Lebensraum für Mensch und Tier. Um die vielfältigen Leistungen langfristig sicherzustellen und die unterschiedlichen Waldnutzungsinteressen bestmöglich auszugleichen, hat der Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft im April 2003 einen breiten gesellschaftlichen Dialogprozess – den Österreichischen Walddialog (ÖWAD) – initiiert. Die Teilnahme am Walddialog steht allen mit den österreichischen Wäldern befassten Gruppen, Institutionen und Interessierten offen. Ziel dieses institutionalisierten, transparenten und auf Dauer angelegten Dialogs sind die Sicherstellung und laufende Optimierung einer nachhaltigen Bewirtschaftung der österreichischen Wälder. Es geht darum, mit allen Betroffenen und am Wald Interessierten gemeinsam den sorgsamen Umgang mit dem Wald weiterzuentwickeln und sämtliche Wirkungen

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des Waldes nachhaltig zu sichern. Der ÖWAD fördert eine sektorübergreifende Zusammenführung waldrelevanter sowie forstpolitischer Diskussionen und Instrumente auf Bundes- und Länderebene. Außerdem werden Synergieeffekte, Defizite und Konflikte aufgezeigt sowie Zielsetzungen und Lösungsansätze mit einer nachhaltigen Landesentwicklung in einen programmatischen Zusammenhang gestellt. Durch den Walddialog ist es möglich, die oft nur singulär betrachteten waldbezogenen Aspekte, wie die Erhaltung der Biodiversität, zu bündeln und in einen von den betroffenen Akteuren gemeinsam erarbeiteten forstpolitischen Rahmen zu stellen. Ein wichtiger Meilenstein des Walddialogs ist das von 80 Organisationen und Institutionen erarbeitete und Ende 2005 im Konsens beschlossene erste Österreichische Waldprogramm. Das Waldprogramm ist ein langfristiges Arbeitsinstrument, das klare Leitlinien vorgibt, um alle ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlich wichtigen Komponenten der Wälder bestmöglich miteinander in Einklang zu bringen und nachhaltig auszuschöpfen. Auch das zugehörige Arbeitsprogramm, das die Umsetzung des Waldprogramms mittels konkreter Maßnahmen laufend festhält und weiterentwickelt, ist ein wichtiges Ergebnis des Walddialogprozesses. Weitere Infos: www.walddialog.at


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Vielfalt in Deutschland: Ländliche Entwicklung durch den ELER Bei der Umsetzung der Politik für ländliche Regionen im Rahmen des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) geht Deutschland einen anderen Weg als die meisten anderen EU-Mitgliedstaaten: Es hat nicht ein einziges nationales Umsetzungsprogramm, sondern insgesamt 14 Programme auf Ebene der Bundesländer, die von einer „Nationalen Rahmenregelung“ flankiert werden. Dieser Beitrag zeigt: Ländliche Entwicklungspolitik in Deutschland ist so vielfältig wie seine ländlichen Räume. Juliane Mante und Jan Swoboda

Agrarumweltmaßnahmen nehmen den größten Teil der in Schwerpunkt 2 geförderten Maßnahmen ein.


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... Entwicklungsprogrammen für den ländlichen Raum

Nach dem Agrarinvestitionsförderungsprogramm (AFP) der „Nationalen Rahmenregelung“ werden zur Unterstützung einer wettbewerbsfähigen, nachhaltigen, umweltschonenden, tiergerechten und multifunktionalen Landwirtschaft Investitionen in langlebige Wirtschaftsgüter landwirtschaftlicher Unternehmen gefördert.

Die Umsetzung liegt in Deutschland in der Verantwortung der Bundesländer. Deshalb sind die Entwicklungsprogramme für den ländlichen Raum der Länder (EPLR) die wichtigste Grundlage für die Förderung der ländlichen Entwicklung 2007–2013. Deutschland ist jedoch neben Spanien das einzige Land mit regionalen Entwicklungsprogrammen, das in einer Rahmenregelung Vorgaben für ausgewählte Maßnahmen auf nationaler Ebene macht. Die Maßnahmen der Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK) fungieren als „Nationale Rahmenregelung“ und bilden somit den inhaltlichen Kern der EPLR. Ist eine Kofinanzierung der einzelnen Fördermaßnahmen durch den Bund angestrebt, müssen die entsprechenden Vorgaben der GAK zu diesen Maßnahmen eingehalten werden. Die Maßnahmen der „Nationalen Rahmenregelung“ werden aber – je nach Förderschwerpunkt verschieden – von den Ländern häufig nicht eins zu eins übernommen. Die EPLR der Bundesländer sind also in Bezug auf die angebotenen Fördermaßnahmen und deren Dotierung entsprechend der spezifischen Ausgangslage der Bundesländer sehr unterschiedlich ausgestaltet.

Neben dem Europäischen Sozialfonds (ESF), dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), dem Kohäsionsfonds und dem Europäischen Fischereifonds (EFF) bildet der ELER die Grundlage für die ländliche Entwicklungspolitik Europas von 2007 bis 2013. Für Deutschland stehen aus diesen EU-Fonds in der neuen Förderperiode insgesamt rund 35 Mrd. Euro zur Verfügung, davon ein Großteil (26 Mrd. Euro) aus den Strukturfonds. 8 Mrd. Euro werden im Rahmen des ELER bereitgestellt, während der EFF mit rund 150 Mio. Euro nur einen relativ kleinen Anteil an Mitteln Ost-West-Gefälle umfasst. Die ökonomische, strukturelle, ökologische und soziale Ausgangslage der ländlichen Räume Deutschlands ist sehr verschieden. Die ostdeutschen BunVon einer nationalen Strategie zu ... Die auf Basis der „Strategischen Leitlinien der Ge- desländer zählen mit einigen regionalen Ausnahmen meinschaft für die Entwicklung des ländlichen zu den Konvergenzregionen – also den Regionen, Raums“ (2006/144/EG) erarbeitete nationale Strategie deren Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt weniger als 75 konkretisiert unter anderem die nationale Prioritäten- Prozent des europäischen Durchschnitts beträgt. Im setzung für jeden der 4 ELER-Förderschwerpunkte. Vergleich zu den Nichtkonvergenzregionen ist das Bei der Verfolgung ihrer zentralen Ziele kommt in durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt je Einwohner Deutschland folgenden Punkten besondere Bedeu- hier um 30 Prozent niedriger, die Arbeitslosenquote aber mit durchschnittlich 19 Prozent deutlich höher. tung zu: f Investitionen innerhalb und außerhalb der LandHinzu kommt ein auch in diesen Regionen verstärkter und Forstwirtschaft, demografischer Wandel: Geburtenrückgang und Abf freiwilligen Agrar- und Waldumweltmaßnahmen, wanderung vor allem junger und besser qualifizierter f Ausgleichszahlungen für naturbedingte Nachteile Menschen – vor allem Frauen – führen zu überdurchund ordnungsrechtliche Beschränkungen, schnittlich starkem Bevölkerungsverlust und Überalf Informations-, Qualifikations- und Weiterbildungsterung. Dies mindert die wirtschaftliche Entwickmaßnahmen, lungsfähigkeit und gefährdet die wirtschaftliche Tragf sektorübergreifenden Entwicklungsstrategien. fähigkeit infrastruktureller Grundausstattungen, da

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Der etwa achtmal jährlich erscheinende Newsletter „landaktuell“ und das viermal jährlich erscheinende Magazin „LandInForm“ der DVS können kostenlos über die untenstehende Kontaktadresse abonniert werden. Detaillierte Informationen zur Umsetzung des ELER in Deutschland gibt es unter www.netzwerklaendlicher-raum.de/ hintergrund/ eler-in-deutschland.

Kontakt Deutsche Vernetzungsstelle Ländliche Räume Tel.: +49/228/684 539 56, dvs@ble.de, www.netzwerklaendlicher-raum.de Literatur • Tietz, Andreas (Hg.), Ländliche Entwicklungsprogramme in Deutschland 2007–2013 im Vergleich – Finanzen, Schwerpunkte, Maßnahmen, Landbauforschung Völkenrode, Sonderheft 315, Braunschweig 2007.


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© Eufinger/BLE

Prozentuale Verteilung der ELER-Mittel auf die einzelnen Förderschwerpunkte in den Bundesländern inkl. Top-ups (Stand 2008; Änderungen in der Fördermittelverteilung als Folge des Health-Checks der europäischen Agrarpolitik wurden noch nicht berücksichtigt.)

Schwerpunkt 3 hat in Deutschland ein deutlich größeres Gewicht als in den meisten anderen EU-Mitgliedstaaten. Die meisten Mittel werden hier für die Dorferneuerung und -entwicklung, für die Erhaltung und Verbesserung des kulturellen und natürlichen Erbes sowie für Dienstleistungseinrichtungen zur Grundversorgung eingeplant.

die Infrastrukturkosten je Ein- Landschaftspflege – liegt, ist in den (nord-)ostdeutwohner steigen. schen Bundesländern der Förderschwerpunkt 3 (Diversifizierung der ländlichen Wirtschaft und LeFördermittelumfang bensqualität im ländlichen Raum) den beschriebenen Diese unterschiedliche Aus- Strukturproblemen entsprechend tendenziell am gangslage spiegelt sich in der stärksten ausgestattet (siehe Abb.). Mittelverteilung aus den EUFonds wider. Die ostdeutschen Rolle und Situation von Leader Bundesländer Sachsen, Bran- Insgesamt etwa 6,5 Prozent der Mittel werden in denburg und Sachsen-Anhalt Deutschland für Schwerpunkt-4-Maßnahmen eingeerhalten als Konvergenzregio- setzt. Ausreißer sind hier das Saarland, Hessen und nen die meisten Mittel aus den Schleswig Holstein, die zwischen 11,5 und 15 Prozent EU-Fonds. Abgesehen von für Leader nutzen. Der ELER schränkt das ThemenBayern, das die meisten ELER- spektrum meist ein. Strategie aller Länder ist die KomMittel erhält, stehen auch bei bination von Leader- mit Schwerpunkt-3-Maßnahmen. der ELER-Förderung die ostdeutschen Bundesländer Einige stellen minimale Beträge für Schwerpunkt 1 an der Spitze. Dieses Gefälle wird auch bei der För- und 2 zur Verfügung. Etwas höhere Beträge bieten derung pro Einwohner deutlich: So werden zum Bei- neben Niedersachsen/Bremen vor allem ostdeutsche spiel in Mecklenburg-Vorpommern rund 730 Euro Länder. Wegen der thematischen Orientierung an der ELER-Mittel je Einwohner in ländlichen Regionen ein- GAK zwecks Kofinanzierung sind zwar nicht alle Maßgesetzt, in Nordrhein-Westfalen nur rund 27 Euro nahmen des 3. Schwerpunkts programmiert und nutzbar, Schwerpunkt 3 ist aber vergleichsweise gut ab(siehe Tietz 2007). Die gesamte Mittelausstattung eines EPLR ist gedeckt. In vielen Bundesländern bestehen jetzt enge aber von den gewählten Kofinanzierungssätzen und Bezüge zur Dorfentwicklung, die teilweise erhebliche der unterschiedlich in Anspruch genommenen Mög- Mittel bindet. Von den Stadtstaaten – besonders von lichkeit der Bundesländer abhängig, eigene Mittel Hamburg – sind stärkere Impulse zur Stadt-Landohne ELER-Finanzierung bereitzustellen. Daher ergibt Kooperation zu erwarten. sich hier ein gegensätzliches Bild: Die EPLR der westdeutschen Bundesländer Bayern, Niedersachsen und Vernetzung und Information Baden-Württemberg haben die höchste Mittelaus- Die „Deutsche Vernetzungsstelle Ländliche Räume“ stattung und setzen zusammen rund 45 Prozent aller (DVS) setzt in der Förderperiode 2007–2013 die Arbeit Mittel ein (siehe Tietz 2007). der bisherigen Vernetzungsstelle LEADER+ mit erweiterten Aufgaben fort. Sie soll den Austausch zwischen den vielfältigen Akteuren im Bereich der ländlichen Fördermittelverwendung Im Vergleich zur alten Förderperiode haben sich für Entwicklung ermöglichen und die Entwicklung geden Zeitraum 2007–2013 Inhalte, Maßnahmen und meinsamer Projekte und Kooperationsvorhaben unZielgruppen der angebotenen Fördermaßnahmen zur terstützen. Hinzu kommen intensive Informationsarländlichen Entwicklung kaum geändert. beit über ein umfassendes Internetangebot, ein Man kann aber auch in der finanziellen Newsletter („landaktuell“) und das Magazin für ländSchwerpunktsetzung der EPLR Unter- liche Räume „LandInForm“. Von der DVS durchgeschiede vor allem zwischen den (nord-) führte Veranstaltungen wie Seminare, Workshops, ost- und (süd-)westdeutschen Bundes- Schulungen und Tagungen sowie Messeauftritte dieländern ausmachen. Während in den nen als Foren für den fachlichen Austausch und die (süd-)westdeutschen Bundesländern Information von Fachpublikum und Öffentlichkeit. ||| der finanzielle Schwerpunkt im Durchschnitt auf dem Schwerpunkt 2 der Juliane Mante und Jan Swoboda, Deutsche Vernetzungsstelle ELER-Förderung – Umweltschutz und Ländliche Räume


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Literaturtipps EduCate Fortbildung für die Gastronomie

verstehen vernetzen vermarkten

EduCate – Fortbildung für die Gastronomie Das Fortbildungsprogramm „EduCate“ zeigt die Zusammenhänge von Landnutzung, regional erzeugten Lebensmitteln und Naturerlebnissen auf. Grundlage ist ein Handbuch, das im Rahmen eines europäischen Projektes entwickelt wurde. Gastronomen erhalten Ideen für die Verwendung und Vermarktung regionaler, biologischer und fair gehandelter Produkte. So werden regionale Akteure vernetzt und das Bewusstsein für die Region gefördert. Download: www.agrarprojektverein.at Evaluierungsbericht 2008 – Ex-post-Evaluierung des Österreichischen Programms für die Entwicklung des ländlichen Raums In diesem Bericht finden Sie alle Ergebnisse der Ex-post-Evaluierung des Österreichischen Programms für die Entwicklung des ländlichen Raums in der Programmperiode 2000–2006. Alle in Österreich angebotenen Maßnahmen wurden einbezogen, die Entwicklung bei den Projekten und Zahlungen sowie die Zeitreihen der Indikatoren ausführlich behandelt. Download: www.lebensministerium.at/filemanager/ download/41361/

Indikatoren-Bericht zur Biodiversität in Österreich Der Status der Biodiversität wird durch bestimmte biodiversitätsrelevante Parameter einer Dauerbeobachtung unterzogen und systematisch untersucht. Der aktuelle Bericht, der sich auf 16 Indikatoren aus den Bereichen Arten und Lebensräume, Wald, Alpen, Kulturlandschaft, Gewässer, Boden, Naturschutz und Fragmentierung bezieht, ist im April 2009 erschienen. Download: www.nachhaltigkeit.at/article/articleview/ 73917/1/25775

Webtipp Netzwerk Naturschutz & ländliche Entwicklung Die Website gibt eine Übersicht über die naturschutzrelevanten Teile des Programms zur ländlichen Entwicklung in Österreich sowie alle wichtigen bewilligten Projekte und enthält Hinweise auf Fachliteratur und weitere spezielle Informationen, die für die Abwicklung und Betreuung von Projekten relevant sind. http://netzwerk-naturschutz-le.at/index.php


www.netzwerk-land.at Besuchen Sie auch unsere Website! Sie bietet Ihnen: f aktuelle Informationen zur ländlichen Entwicklung, f eine Kontaktdatenbank mit wichtigen Adressen aus dem Bereich der ländlichen Entwicklung, f Veranstaltungshinweise und wertvolle weitere Infos.

Schreiben Sie uns! In Zukunft möchten wir an dieser Stelle Ihre Meinungen veröffentlichen. Haben Sie Anregungen, Lob oder Kritik zu unserem Magazin „ausblicke“ oder zur Arbeit von Netzwerk Land? Was auch immer Ihnen wichtig ist: office@netzwerk-land.at


Impressum ausblicke – Magazin für ländliche Entwicklung ist die zweimal jährlich erscheinende Zeitschrift von Netzwerk Land. Inhalt: Informationen zu Themen der ländlichen Entwicklung und Neuigkeiten von Netzwerk Land und Partnernetzwerken.

Lektorat Wolfgang Astelbauer, Karin Astelbauer-Unger

Abbildungsnachweise Seite 1, 12, 28+29, 30: BMLFUW/Rita Newman; Seite 2, 52+53, 55: Netzwerk Land; Seite 3, 34: © hans slegers – Fotolia.com; Seite 4+5: Hemma Burger-Scheidlin; Seite 7, 38: Gerlind Weber; Seite 8: Statistik Austria, Volkszählung 2001, erstellt am 27.06.2007; Seite 10: Biosphärenpark Großes Walsertal; Seite 13: © meailleluc.com – Fotolia.com; Seite 14: J. Gepp/Naturschutzbund Österreich; Seite 15: ÖKL; Seite 16: ÖBV – Via Campesina Austria; Seite 17: Land&Forst Betriebe Österreich; Seite 18: J. Limberger/ Naturschutzbund Österreich; Seite 18: P. Buchner/ Naturschutzbund Österreich; Seite 19: Günter Jaritz; Seite 20: Festival der Regionen, Norbert Artner; Seite 21: LAG Eferding; Seite 22: Richard Frankenberger, K.U.L.M.; Seite 24: LAG Mühlviertler Alm; Seite 25: Akzente Salzburg; Seite 29, 31, 34, 35: agrarfoto. com; Seite 32: www.UrlaubamBauernhof.at; Seite 33: www.maschinenring.at; Seite 33: www.stekovics.at; Seite 33: www.pefc.at; Seite 35: © Anette Linnea Rasmussen – Fotolia.com; Seite 37: William Blake; Seite 39: Bildausschnitt aus dem Bildband „flora“, foto: © nick knight, verlag schirmer/ mosel; Seite 40+41: Leaderregion Steirisches Almenland; Seite 43: www.moststrasse.at; Seite 44, 45: www.about-pixel.de; Seite 44: Kronberger; Seite 50: Leaderregion Vorarlberg; Seite 58: www.birdlife.at; Seite 58: Andrea Klar/oieb.at; Seite 59: Arge Regionalcoaching; Seite 59, 64: © makuba – Fotolia.com; Seite 59: www.walddialog.at; Seite 60: Pambieni/ Pixelio; Seite 61: BLE Bonn/Foto: Thomas Stephan; Seite 62: Rita Köhler/ Pixelio; Seite 63: Klenovec. Umschlagvorderseite: www.gettyimages.com Umschlagrückseite: www.oscorna.at

Grafische Konzeption neuwirth + steinborn, www.nest.at

Alle übrigen Bilder wurden von den AutorInnen zur Verfügung gestellt.

Netzwerk Land ist die vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft eingerichtete Servicestelle zur optimalen Umsetzung der ländlichen Entwicklung laut LE 07–13 (Grüner Pakt). Mit der Durchführung des Vernetzungsauftrages wurde eine Bietergemeinschaft aus den Partnerorganisationen Agrar.Projekt.Verein, Umweltdachverband und ÖAR-Regionalberatung betraut. Medieninhaber und Herausgeber Agrar.Projekt.Verein im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Dresdnerstraße 70, A-1200 Wien, Tel. 01/3321338-14, office@netzwerk-land.at Redaktion Barbara Pia Hartl (ÖAR-Regionalberatung) Christian Jochum (Agrar.Projekt.Verein) Christina Gassner (Agrar.Projekt.Verein) Hemma Burger-Scheidlin (Umweltdachverband) Luis Fidlschuster (ÖAR-Regionalberatung) Michael Proschek-Hauptmann (Umweltdachverband)

Gestaltung und Layout Andrea Neuwirth Mitarbeit: Gabriel Fischer Druck Remaprint

Dieses Magazin ist auf Claro bulk 135g/m2 von Antalis, einem PEFC-zertifizierten Papier, gedruckt.


www.netzwerk-land.at

Das Netzwerk Land wird finanziert von Bund, L채ndern und Europ채ischer Union.


ausblicke 1.09 - Vielfalt: Magazin fuer laendliche Entwicklung