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Dr. theol. Gabriela Lischer, Hochschulseelsorgerin in Zürich mit Lehrauftrag am Religionspädagogischen Institut der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.

KO M PAS S

Kuno Schmid, Dozent für Didaktik des schulischen Religionsunterrichts am Religionspädagogischen Institut und Studienleiter des Lehrdiplomstudiengangs Religionslehre an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.

Partizipation der Eltern wird in der schulischen und außerschulischen Erziehung und Bildung, gerade im religiösen Bereich, zu einem immer wichtigeren Erfolgsfaktor. Trotzdem wird die Zusammenarbeit mit Eltern von Lehrpersonen und Religionspädagogen oft vernachlässigt. Sie ist komplex, weil die Haltung der Eltern gegenüber der Kirche als Institution kritisch ist und die religiösen Erfahrungen vieler Erwachsener oft wenig positiv sind. Zudem gibt es wenig theoretisch fundierte und praxisnahe Handreichungen für Lehrpersonen und Pädagoginnen. Hier setzt «Mit Eltern zusammenarbeiten in Ge meinde katechese und Unterricht» an und zeigt, wie die Ko operation mit Eltern in Religionspädagogik, Jugendarbeit und Gemeindekatechese fruchtbar gestaltet werden kann. Ausgehend von heutigen Familienrealitäten im Spannungsfeld von Religion und Gesellschaft wird im Grundlagenteil entfaltet, wo und wie Erziehungsberechtigte Partner von Schule und Kirche sein können: Welche Ziele sollte sich die Zusammenarbeit mit Eltern aus religionspädagogischer Sicht setzen und welche Formen der Elternzusammenarbeit sind erfolgreich? Der Praxisteil mit konkreten Planungshilfen zeigt, wie Anlässe mit Eltern gut organisiert und moderiert werden, wie man Elterngespräche erfolgreich führen kann, und welche Möglichkeiten der Kommunikation mit Eltern offenstehen, von Brief und Mail bis zur Öffentlichkeitsarbeit in Medien.

Lischer, Schmid, Schwander | MIT ELTERN ZUSAMMENARBEITEN

Gregor Schwander, Dozent für Gemeindekatechese und Religionsunterricht am Religionspädagogischen Institut an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.

Gabriela Lischer Kuno Schmid Gregor Schwander

MIT ELTERN ZUSAMMENARBEITEN in Gemeindekatechese und Unterricht

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INHALTSVER ZEICHNIS Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

1

Familie und religiöse Erziehung (Lischer) . . . . . . . . . . . . . 11

1.1 1.2 1.3 1.4

Familienbilder und Familienrealitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Intrafamiliäre Dynamik und Generationenbeziehungen . . . . . . 14 Religiöse Erziehung im Spannungsfeld von Familie, Kirche und Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Zusammenfassendes Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39

2

Eltern als Partner von Schule und Kirche (Schmid) . . . . 43

2.1 2.2 2.3 2.4 2.5

Schule im gesellschaftlichen Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . Elternrechte und Religionsfreiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erwartungen von Eltern an die Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kundenorientierung als Leitmotiv . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mit Eltern zusammenarbeiten im Kontext der Gemeindekatechese (Schmid/Lischer/Schwander) . . . . . . .

44 48 56 63 70

3

Orientierungen für die Elternzusammenarbeit (Lischer) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77

3.1 3.2 3.3

Ziele und Zielfelder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Formen der Elternzusammenarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Rollen und Funktionen in der Elternzusammenarbeit . . . . . . 88


4

Veranstaltungen mit Eltern (Schwander) . . . . . . . . . . . . . 97

4.1 4.2 4.3 4.4

Der Elternabend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Parallelangebote zum Religionsunterricht . . . . . . . . . . . . . . . 117 Wie lernen Erwachsene? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 Thematische Elternbildungsangebote . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125

5

Elterngespräche (Schmid) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133

5.1

5.3

Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für Elterngespräche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 Elterngespräche sind aufgaben- und beziehungsorientiert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 Besondere Situationen in der Elternzusammenarbeit . . . . . . 150

6

Schriftliche Kommunikation (Schmid/Schwander) . . . . 157

6.1 6.2

Elternbriefe (Schwander) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 Über Medien kommunizieren (Schmid) . . . . . . . . . . . . . . . . . 161

5.2

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166

Autorin und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173


Kapitel 1–1.1

Eltern ist man, wenn Kinder da sind, für die man Erziehungsverantwortung hat

Wer im Rahmen von Gemeindekatechese und Religionsunterricht mit Eltern zusammenarbeiten möchte, muss zunächst eine Vorstellung davon haben, wer die «Partner» sind, wie sie «funktionieren» und in welchem Kontext sie stehen. Diese Vorstellung ist im Alltag meist eine intuitive oder beruht auf Eigenerfahrung. Doch nicht immer reicht es aus, von sich auf andere zu schließen. Deshalb wird in den ersten beiden Kapiteln dieses Buches vertieft über die Fragen nachgedacht, mit wem wir es zu tun haben, wenn wir von «Eltern» sprechen, und wie sie mit den gemeindekatechetischen Handlungsfeldern verbunden sind. Ohne diesen genauen Blick droht nämlich die Gefahr, dass die gewünschte Zusammenarbeit an den Eltern vorbeiläuft, dass Erwartungen überfordern oder auf der anderen Seite frustrieren. «Eltern» ist man immer nur dann, wenn Kinder da sind. Oder andersherum gesagt: Ohne Familie gibt es keine Eltern. Daher kann die Zusammenarbeit mit den Eltern auch nicht isoliert von Familie und Familienarbeit betrachtet werden. Familie ist aber – das wird im folgenden Kapitel ersichtlich werden – kein einheitliches Gebilde, weder in ihrer inneren Struktur noch hinsichtlich ihrer Sozialisationsleistungen in Kirche und Gesellschaft.

1.1 Familienbilder und Familienrealitäten Was eine Familie ist, scheint von vornherein klar zu sein. Die meisten Menschen haben dabei sicherlich das Bild eines verheirateten Ehepaars mit leiblichen Kindern vor Augen. So jedenfalls antworteten 95 % der deutschen Bevölkerung 2007 in der Allensbacher Studie auf die Frage, was sie unter einer Familie verstehen.2 Allerdings ist diese Konstellation längst nicht mehr die einzig «normale». Es gibt eine Vielzahl verschiedener Familienformen, z. B.: unverheiratete oder geschiedene Eltern, alleinerziehende Mütter oder Väter, adoptierte Kinder oder gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern. Hinzu kommt, dass Familien zeitweise örtlich getrennt leben und Kinder bei nahen Verwandten wie Großeltern oder Tanten bzw. Onkeln aufwachsen. Die Familiensoziologin Rosemarie Nave-Herz zählt 16 verschiedene Familientypen auf, die durch die Kombination unterschiedlicher Familienbildungsprozesse (Geburt, Adoption, Scheidung/Trennung, Verwitwung, Wiederheirat, Pflegschaft), verschiedener Rollenzusammensetzungen

2

Allensbacher Jahrbuch (2003–2009), 653.


12 I 13

(Eltern-, Mutter- oder Vater-Familien) und der Art der rechtlichen Verbindung (formale Eheschließung, nichteheliche Lebensgemeinschaft) entstanden sind.3 Fakt ist: «Familien ähneln sich immer weniger, Partnerschaft und Elternschaft, Ehe und Familie fallen nicht mehr automatisch zusammen.»4 Trotz aller Pluralität muss festgehalten werden, dass 61,6 % der Schweizer Wohnbevölkerung im Jahr 2008 in familiärem Kontext lebte. Über 85 % der Kinder und Jugendlichen wohnen mit beiden leiblichen Eltern zusammen, 12,6 % bei einem Elternteil und 0,2 % leben nicht bei ihren leiblichen Eltern. 77,6 % der Kinder wachsen mit mindestens einem Geschwister und davon 31,5 % mit zwei oder mehr Geschwistern auf.5 So resümiert Gellner in seinem Buch «Paar- und Familienwelten»: «Paarweises Zusammenleben, Monogamie und der Eltern-Kind-Verband bilden weiterhin die vorherrschende Normalität – wenn auch nicht mehr in der bisherigen Ausschließlichkeit und zunehmender Unsicherheit hinsichtlich ihrer Dauerhaftigkeit.»6 Der Begriff «Familie» wurde etwa Ende des 17. Jahrhunderts in die deutsche Sprache übernommen. Damals wie heute werden damit unterschiedliche Bedeutungen verknüpft. So bezog man ihn auf ganze Abstammungslinien und er wurde lange Zeit ebenso für die Hausgemeinschaft von Eheleuten, Kindern, Dienern und Mägden verwendet, wie er auch auf die sogenannte «Kernfamilie» von Eltern und ihren leiblichen Kindern angewendet wurde. Diese Bedeutungsbreite hat das Wort beibehalten, auch wenn es sich heute kaum mehr auf Angestellte bezieht, so ist es doch noch immer so, dass im Empfinden der Menschen auch Personen «zur Familie» gehören, die weder blutsverwandt sind noch in einem rechtlichen Sinne zur Familie gehören. Gerade Kinder haben ganz eigene Vorstellungen, wer alles zur Familie gehört. Gemäß einer Befragung von Studierenden betonen Kinder, dass – neben weiteren Verwandten und Paten – ihre Haustiere (Hund, Katze, Meerschweinchen, Vögel oder Kaninchen) auf jeden Fall auch zur Familie gehören.7

3 4 5

6 7

Vgl. Nave-Herz, Familie, 17. Auch: Nave-Herz, Ehe- und Familiensoziologie, 33–34. Gellner, Form, 10. BFS, Demos, 27; BFS, Familiale Lebensformen, 36 (Die Daten beziehen sich, wo nicht anders vermerkt, auf das Jahr 2000). Gellner, Form, 13. Vgl. Fuhs, Geschichte, 25–26 (Ergebnis einer Befragung von Studierenden im Rahmen eines Seminars; Universität Erfurt WS 2002/03).

Die Familiensoziologin Rosemarie NaveHerz zählt 16 verschiedene Familientypen auf


Kapitel 1.1–1.2.1

Die Pluralität des Gebildes «Familie» macht es schwierig, von der Familie zu sprechen. Selbst der Wissenschaftssprache mangelt es an einer eindeutigen Begriffsbestimmung. Nave-Herz schlägt aus soziologischer Sicht drei Kriterien vor, welche die Familie von anderen Lebensformen in der Gesellschaft unterscheidet: die biologisch-soziale Doppelnatur (d. h. die Übernahme der Reproduktions- und der Sozialisationsfunktion), ein besonderes Kooperations- und Solidaritätsverhältnis und die Generationendifferenz.8 Der Begriff «Familie» bezeichnet also eine Gemeinschaft mehrerer Personen unterschiedlicher Generationen, die durch (biologische und/oder soziale) Elternschaft verbunden sind. Dieses Zusammenleben zeichnet sich durch menschliche Nähe und Fürsorge sowie durch dessen Solidaritäts- und Sozialisationsfunktion aus. Diese Definition lässt ganz verschiedene Formen von Familien zu. Das heißt, es handelt sich um einen weiten, beschreibenden Familienbegriff. Was aber macht Familie heute aus? Welche Kennzeichen, welche Dynamik prägen sie?

1.2 Intrafamiliäre Dynamik und Generationenbeziehungen Familie ist ein sozialer Raum, der nur im Kontext der Gesellschaft beschrieben werden kann

Die Beschreibung heutiger Familiendynamik kommt ohne Rückgriff auf die Vergangenheit nicht aus. Allerdings muss dies mit Vorsicht geschehen. Es kann nicht darum gehen, die Bestandsaufnahme der Gegenwart auf der Folie einer verklärten Vergangenheit auszubreiten. Dies ist deshalb wenig hilfreich, weil es mit einer Idealisierung der Familie, wie sie «war» und «eigentlich» sein sollte, einhergeht und heutige Familienmodelle schon von Anfang an als defizitär erscheinen lässt. Vorsicht ist auch deshalb geboten, weil Familie auch früher nie eine homogene Institution war. Das macht eine idealtypische Beschreibung schwierig. Kommt hinzu, dass sich die Vielheit von real gelebten Familienmodellen historisch in der Zeitachse verändert hat und zusätzlich regional sehr unterschiedlich ist. Familie ist ein sozialer Raum, der nur im Kontext der Gesamtgesellschaft beschrieben werden kann. Sie steht mit den sozioökonomischen Bedin-

8

Vgl. Nave-Herz, Ehe- und Familiensoziologie, 30–33; vgl. Nave-Herz, Familie, 15.


Leseprobe elternarbeit