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global generation

Lebensentwurf und interkultureller Austausch der Global Generation Herausgegeben von Artoholics e.V.


Codes einer Generation

Global Generation, was ist das? Was ist das schon wieder für ein Anglizismus? Was der Inhalt des Begriffs? Sind wir es, die Generation der Jahrtausendwende?

muss man es ausprobieren, erst dann zeigt sich, ob ein Konzept der Realität standhält und Echo hallt. Ob uns ein Experiment tatsächlich die Global Generation erklären kann.

Die jungen Leute von heute eben, mit ihrer nichtssagenden Computer-, Mode-, Subkultur-. Freizeitaffinität. Die mit den diversen, widersprüchlichen Eigenschaften, bei denen nie was klar ist, bei der sich Fest(an)stellungen nicht halten, da außer dem multiplen Informationsgebäude nichts feststeht, das aber umso fester. Was ist nur los mit den jungen Leuten von heute?

Unterschiedliche biografische Verortungen reagieren miteinander, interagieren. Unvermeidliche Konfrontationen, weiße Wände und Naturbelassene, Anfänger und Profis, Parteien von jung und älter, Kompetenz und Unfähigkeit. Der virtuelle Raum wird physisch, die Reaktionen laufen nicht mehr zeitverzögert ab, sondern direkt, unmittelbar und ungefiltert treffen sich die Weltbilder.

Global Generation, eine smarte Wortschöpfung, doch entspricht sie dem Geist der Jugend von heute? Kann man uns charakterisieren, unsere Lebensentwürfe und Hoffnungen vereinigen? Haben wir über die Landesgrenzen und Internetforen hinweg gemeinsame Werte, Wünsche, Hoffnungen und Ziele – oder ist der Begriff Global Generation letztlich ein allein künstlicher, einer ohne Substanz? Wir wollten es wissen, und haben ein Konzept entworfen, das den kulturspezifischen Lebensentwürfen, wie auch den interkulturellen Einflüssen der jungen Menschen unserer Zeit Raum verschafft. Ein Konzept, das sich experimentell diesen Fragen annimmt. Es war alles angelegt auf ein kulturelles Experiment mit spannungsreichen Inhaltsstoffen. Denn: Kunst und Wissenschaft, USA und Iran, Japan und der Rest der Welt lagen als Reagenzien bereit. Was passiert wenn man mischt? Irusapan oder Japeuland? Wohl kaum, doch wer weiß es schon, letzten Endes

Und das Ergebnis: ein Vorschlag. Kein Generationenbild aus der Generation selbst, als sei man selbst die Laborratte. Viele Fragen galt es zu beantworten. Viele Antworten in Form und Satz kamen zu Tage, aber keine Regeln, keine Gesetzmäßigkeiten, nur implizite Codes, Codes einer Generation, die nur schwer (be)greifbar ist. Eine Generation die unterschiedliche Vorstellungen, kulturelle Missverständnisse, neue Ideen erzeugt, jedoch kein einheitliches Bild. Aber auch eine Generation, die mehr sein kann als nur eine funktionelle Gruppe, die vorgegebenen Identifikationsmustern folgt – das haben wir deutlich wahrnehmen dürfen. Symposium, Ausstellung, Events und auch der vorliegende Katalog waren und sind Experiment und Resultat zugleich, und regen dazu an ein Bild der Global Generation zu skizzieren, einer Generation, die mit kulturellen Unterschieden umzugehen weiß, und

aus diesen schöpft. Der Katalog zeigt unseren Ansatz, vier Kulturen: eine Wohngemeinschaft. Treffen in den Gemeinschaftsräumen, miteinander diskutieren, voneinander lernen – und ein Ergebnis schaffen, Ideen Form geben, aus Fehlern lernen. Über jegliche Fragen, Ideen oder Vorschläge zum Thema freuen wir uns. Wir wünschen dem Betrachter und Leser der folgenden Seiten viel Vergnügen, wollen hoffen, dass eine Vorstellung entstehen kann, von dem, was wir als die Global Generation bezeichnen. Freiburg, August 2008

Oliver Kremershof & Robin Resch


Inhalt

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madison (usa)

8

matsuYama (Japan) Michiko Nakatani 10 Tamayo Misawa 12 Mayuko Suzuki 16 Nakaya Sato 17 Ulala Ukuda 18 Yurika Seda 19

20

isfahan (iran)

Parisa Darouei 22 Kiana Mahboob 24 Neda Hoveida 24 Mohsen Kouhestani 25 Minoo Iranpour 26 Tahmoores Bahadorani 27 Ramatollah Nehdaran 28 Nasibeh Moazeni 32 Rayehe Aghili 32 Amirhoseyn Rismanchian 32

Dylan Richardson 36 Carl S. Taylor 36 Joel D. Poischen 40

42

freiburg (Germany) Patrick Criscione 42 Angela Murr 44 Franz Diettrich 45 Matthias Gephart 46 Nino Maskola 50 Emil Meier 50 Christian Ofenheusle 52

64

community space Terashima Daisuke 64 Jun Matsuura 68 Maike T채ubert 69 Marc Doradzillo 70 Nicolai Hertle 72 Michael Gleich 76


MATSUYAMA Japan


Michiko Nakatani (oben) Schรถner, Schรถner Wald 2008 Michiko Nakatani (rechts) ohne titel (3x3m) 2008

10 Matsuyama


Tamayo Misawa Rettungsmantel 2008

12 Matsuyama


14 Matsuyama


Tamayo Misawa (oben) H.P.Franze Bracelet 짜81,900 2008 Tamayo Misawa Rettungsmantel 2008


16 Matsuyama


Nakaya Sato (oben) 2008 Mayuko Suzuki (links) 2008


18 Matsuyama


Yurika Seda (oben) 2008 Ulala Okuda Hyakkiyakou (Ballade von 100 Teufeln) (links) 2008


isfahan Iran


22

isfahan


Parisa Darouei 2008 Ramatollah Nehdaran (auf der vorherigen Seite) 2008


24

Isfahan


Kiana Mahboob (links oben) 2008 Neda Hoveida (Links unten) 2008 Mohsen Kouhestani (oben) 2008


Minoo Iranpoor 2008

26 Isfahan


Tahmoores Bahadorani 2008


Ramatollah Nehdaran 2008

28 Isfahan


Ramatollah Nehdaran 2008


Neda Hoveida 2008

Kennzeichnend für die aktuelle Situation der jungen iranischen Generation sind weiterhin die bestehenden Unterschiede zwischen der Lage der Mädchen und jener der Jungen. Unabhängig von ihrem Bildungsniveau genießen die Mädchen nicht die gleiche Unabhängigkeit wie ihre männlichen Altersgenossen. Selbst wenn sie arbeiten, sei es als Zahnarztgehilfin oder bei einem Universitätsprofessor, so befinden sie sich doch immer im Status der Abhängigkeit: Entweder heiraten sie oder sie leben weiter im Familienverbund. Eine alleinstehende Frau ist nicht gut angesehen im Iran, wenngleich sie immer stärker am Arbeitsleben teilnehmen kann und oft auch Stellen oft auf höchstem Niveau besetzen. Die Jungen ihrerseits leben zwar wesentlich freier, nach ihrem Privatleben fragt sie niemand. Doch es gibt viele, die trotz eines schulischen Abschlusses,

30 Isfahan

das dem Abitur oder einem akademischen Grad entspricht, ohne Beziehungen keine Arbeit finden. Und wenn sie eine Stelle haben, dann entspricht sie oft nicht ihrem akademischen Grad. Es kommt in den Großstädten häufig vor, dass junge Akademiker als Taxifahrer ihren Unterhalt verdienen. Nichtstun und Hoffnungslosigkeit sind oft der Einstieg in Kriminalität und Drogensucht. Die jungen Menschen, Mädchen wie Jungen, werden oft so schlecht für ihre Arbeit bezahlt, dass sie weiterhin bei ihren Familien wohnen bleiben müssen und nicht in der Lage sind, sich eine eigene Wohnung zu kaufen oder zu mieten oder überhaupt zu heiraten. Drogen und Prostitution sind eine Geißel, die vor allem in den sozial benachteiligten Vierteln der Städte anzutreffen ist. Dieses Thema ist noch tabu. Das Fehlen von Freiheiten ist allge-

mein bekannt. Die meisten jungen Leute verbringen sehr viel Zeit damit, die Vorschriften zu umgehen und nehmen oft, bewusst oder unbewusst, eine provozierende Haltung ein. Die Kleidung ist vorgeschrieben und muss den islamischen Vorschriften entsprechen: die Haare sowie der Hals, der Nacken, die Arme und die Beine müssen völlig bedeckt sein; eine lange und weite Bekleidung soll die Formen verschleiern. Dies verleitet zu alle möglichen Übertretungen. Es kommt nicht selten vor, dass man auf den Straßen stark geschminkte Mädchen, in provozierende Kleidung gezwängt und in hochhackigen Schuhen antrifft, wo ihnen doch auf jeden Schritt und Tritt droht, von den „Schwestern der Tugend“ aufs nächste Polizeirevier befördert zu werden - unterstützt von der Polizei, die allgegenwärtig mit ihren Transportern


Die verlorene jugend

lauert. Es gibt eine „goldene“ Jugend: Dies sind die Kinder sehr reicher Familien, die sich zunehmend häufiger aus den Schichten der Arrivierten und Neureichen rekrutieren und sich in Gegenwart führender Kreise bewegen. Die Familien, die vor der Revolution vermögend waren, sind hingegen zum großen Teil in die Vereinigten Staaten oder nach Europa ausgewandert. Wenn diese jungen Leute heiraten (wobei diese Ehen oft noch von den Familien arrangiert werden), dann zählt dabei das Geld weitaus mehr als die Liebe. Das noch sehr stark vorhandene Traditionsbewusstsein verhindert, dass sich die zukünftigen Eheleute sehen: Sie heiraten ohne sich zu kennen. Der junge Ehemann arbeitet oft in der Unternehmung des Vaters, der für die frisch Vermählten ein riesiges luxuriöses Appartement mit Schwimmbad,

Whirlpool und Sauna gekauft hat. Sie fahren topmoderne Autos, meist zwei pro Haushalt, eines davon ein starker Geländewagen. Da Discos und andere öffentliche Treffpunkte verboten sind und die Polizei berechtigt ist, alle Nichtverheirateten oder nicht in enger Familienbeziehung stehende Paare zu verhaften, verbringen die jungen Leute ihre Freizeit bei äußerst feuchtfröhlichen Privateinladungen (und dies, obwohl Alkohol strengstens verboten ist) – bisweilen nur knapp bekleidet… und wie sie ausgehen, darüber wird geschwiegen... Diese Jugend führt ein sehr egoistisches Leben, das sich nur um das eigene Vergnügen dreht und sich jeden Luxus erlaubt, während man auf das Visum wartet, um auswandern zu können. Wie dem auch sei: vom Ärmsten bis zum Reichsten, alle träumen nur

von einem: Raus hier und ins Ausland, obwohl sie die Schwierigkeiten dort vor Ort gar nicht kennen. Raus hier, um vor einem Leben zu fliehen, in dem es so viele Verbote und Tabus gibt. Denn Internet und Satellitenfernsehen gibt es überall, obwohl die Nutzung untersagt ist und es Kontrollen gibt. Diese jungen Leute sind meistens völlig desinteressiert an den Problemen der Gesellschaft, nur ihre persönliche Lage zählt für sie, alles betrachten sie aus diesem Blickwinkel. Eine Arbeitskultur, wie man sie im Westen antrifft, existiert im Iran nicht; statt Dialog und Kooperation versucht man, über hierarchische Strukturen die allgemeine Situation zu verändern. Die jungen Leute ignorieren, ja sie wollen gar nicht wissen, unter welchen Bedingungen die meisten ihrer Landsleute leben. Text von Azadeh


Die Iranische Jugend Eine Umfrage von Rayehe Aghili, Nasibeh Moazeni und Amirhoseyn Rismanchian

NO 21%

18%

23%

What is your idea about Iranian young adults?

DO YOU LIKE TO IMMIGRATE TO OTHER COUNTRIES?

WHAT IS YOUR IDEA ABOUT IRANIAN YOUNG ADULTS?

11%

12% 13%

YES

10%

79% 14%

9%

7%

6% 11 %

Without goal Agitated & Depressed Lazy Talented Energetic & Active Other positive instances Other negative instances

14 %

11 %

12 % 12 %

8%

46% 8%

32 Isfahan

WHAT IS YOUR IDEA ABOUT GERMAN YOUNG ADULTS? Active Pensive Cold Regular I do not know Other positive instances Other negative instances

WHAT IS YOUR IDEA ABOUT AMERICAN YOUNG ADULTS?

19 % 37 %

Active Free Living in pleasure I do not know Other positive instances Other negative instances


What is

your idea about Japanese young adults?

2%

4% 10 %

14%

39%

WHAT IS YOUR IDEA ABOUT JAPANESE YOUNG ADULTS?

22%

Active Creative & Orginator I do not know Other positive instances Other negative instances

22%

IN WHICH WAYS DO YOU LIKE TO BECOME FAMILIAR WITH THE YOUNG ADULTS OF OTHER COUNTRIES?

43% 17%

Internet Reading books Talking with tourists Having family relationships Other ways

23%

IS IT NECESSARY TO COMMUNICATE WITH YOUNG ADULTS OF OTHER COUNTRIES? 100%

13%

91,5%

29%

4%

WHY DO YOU LIKE TO IMMIGRATE TO OTHER COUNTRIES?

17%

17%

Education Becom familiar with other cultures Vacation No Answer Other instances

50%

8,5% 0%

Yes

No


Madison USA


Growing Up Urban

In these modern times urban children and youth are far too often negatively influenced and affected by factors in their community. Professional and volunteers working with young people are frequently challenged by the negative influences. Historically, positive youth development methods and practices have been implemented in urban communities via nuclear and extended family and through such institutions and organizations as block clubs, churches, recreational clubs, agencies and leagues and others. Today street culture is increasingly dominant, frequently supplanting the values learned by children and

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madison

youth through traditional methods and programs. For the past three decades street culture has become more dominant, its tentacles digging ever deeper into mainstream society as Madison Avenue and big business frequently embrace ist “flava“ for commercial appeal. In urban communities the rapid evolution of stree culture has created a widespread negative impact on children and young people. The normalization of ignorance and violence are the most obvious and detrimental elements affecting urban (and other) communities, and nowhere

is this more apparent than with the children and youth. A wide array of activities attract young people in the new millenia, from sports and recreeation to music and dance and an increasingly vast array of interests involving technology; modern young people are more and more diverse in their interests. With this mind it is of paramount importance that activties and new technologies are utilized at every opportunity to positively influence young people and help to counteract the increasingly pervasive negative influences of street culture. To affectively do this individuals working with children and young people in urban communities must


understand the dynamics of street culture and how it impacts and influences every aspect of working with urban children and youth. It is also important to know that in these modern times there can be a element of danger in working with people of all ages, it is therefore critical that the professional and volunteer alike be ever vigilant while performing the various tasks associated with their jobs or assignments. Far to frequently, people young and old will choose to resort to violence when they are angry or dissatisfied. This model will adress some methods

for dealing with violent situations and scenarios but nothing replaces common sense, vigilance and attentiveness to potentially volatile situations. As often evidenced by television news programs and media reports children ares sometimes the target of enraged, disillusioned and/or mentally unstable adults. Violent assaults against children by parents, associates and lovers of parents and others have become more commen place in news reports. The professional and volunteer working with children and young people must be continually vigilant and aware of potential threads on properties where children are involved. The ability to quikly recognize a 端ptential thread and

act appropriatly can literally mean the difference between life and death in extreme circumstances. Page 17-19 of the Publication Growing Up Urban by Dr. Carl S. Taylor, 2003.

Dylan Richardson (Fotos) 2008


38

madison


Eingang USA Zimmer


40

madison


Joel D. Poischen 2008


Freiburg Germany


44 Freiburg


Franz Dittrich (oben) 2008 Angela Murr (links) 2008 Patrick Crsiscione (auf der vorherigen Seite) 2008


46 Freiburg


Matthias Gephart 2008


Matthias Gephart 2008

48 Freiburg


Nino Maaskola und Emil Meier 2008

50 Freiburg


global generation

Die junge Generation der Gegenwart sieht sich vielen Herausforderungen gegenüber. Die klassischen Anforderungen an die Jugend wie die Suche nach einem Arbeitsplatz, das Finden einer individuellen sozialen Stellung in der Gesellschaft oder die ersten Erfahrungen in Liebesdingen, haben durch das Phänomen der Globalisierung strukturelle wie inhaltliche Veränderungen erfahren. Es gilt, den Anforderungen eines international gewordenen Arbeitsmarktes mit all der zusätzlichen Konkurrenz gerecht zu werden und das unüberschaubare Angebot an möglichen Identifikationsstrukturen, wie etwa Jugendszenen, so zu nutzen, dass Spaß und Anerkennung gleichermaßen vorhanden sind. Den an der Globalisierung, der Entstehung von Weltwirtschaften und Weltkulturen durch transnationale Vernetzung, partizipierenden Jugendlichen ist zur Bewältigung der auf sie einstürmenden Vielfalt von Optionen aber auch eine Vielfalt von Hilfsmitteln bereitgestellt. Neue Kommunikationsmedien, neue Plattformen für den Austausch zwischen Kulturen, die erhöhte Durchlässigkeit von nationalen Grenzen und die sich vereinfachende Mobilität müssen vom Einzelnen wie auch von Gruppen sinnvoll genutzt werden um den globalisierten Optionen gerecht werden zu können. Dabei gilt es jedoch noch immer, die eigene Identität und Individualität zu be-

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wahren. Der Lockruf der weiten Welt steht den noch immer auf Kontinuität angewiesenen Institutionen wie etwa Familie, Freundschaft und Partnerschaft gegenüber. Diese Auswirkungen der Globalisierungsprozesse dringen auch in abgelegene Winkel der Welt vor. Obwohl Freiburg also sowohl von Einwohnerzahl als auch strukturell nur begrenzt als Weltstadt gelten kann, schlagen sich diese Herausforderungen an die junge Generation auch hier deutlich nieder. Die zum einen Teil vorgefundene, zum anderen Teil selbst gewählte Mischung an Herausforderungen und Hilfsmitteln, an Hindernissen und Chancen der „Generation Global“ beeinflusst zweifellos die Einstellungen und das Verhalten der Freiburger Jugendlichen. Doch wie genau sehen Einstellungen und Verhalten der Jugendlichen in Freiburg denn aus? Um sich dieser Frage analytisch annähern zu können, ist der Begriff des „Lebensentwurfs“ ein gutes Hilfsmittel. Beim Lebensentwurf als Basis für soziale Forschung handelt es sich um die kurz- und mittelfristigen Haltungen und Pläne zur Lebensführung der Jugendlichen. Eine etwas tiefer gehende Definition des Lebensentwurfes bieten Birgit Geissler und Mechthild Öchsle: „Der Lebensentwurf ‚entwirft’, ‚phantasiert’ eine mögliche Zukunft; dies ist aber nicht als unverbindlicher Wunsch zu verstehen, sondern der Lebensentwurf ist durchaus auf Verwirklichung angelegt. Er formuliert biographische Ziele- im Kontext des potentiell verfügbaren – beispielsweise für die Ausbildung und die Berufstätigkeit, für den gewünschten Lebensstandart und die Lebens-

weise, für die privaten Beziehungen mit einem Partner und mit Kindern oder für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.“ (Geissler/Öchsle 1996, S.36) Die Schweizer Soziologin Karin Schwitter ergänzt: „Individuen sind also im Sinne einer handlungstheoretischen Perspektive Akteure und Akteurinnen, die ihre Lebensentwürfe auf Basis ihrer Erfahrungen und in Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Strukturen entwickeln und umsetzen. In Abgrenzung zu anderen Studien, die beispielsweise mit den Termini Lebensplanung […] oder biografischen Projekten […] arbeiten, ist dabei der Begriff des Lebensentwurfs aufgrund seiner Konnotationen ganz besonders geeignet, um die Veränderbarkeit von biografischen Orientierungen zum Ausdruck zu bringen. Denn Zukunftsorientierungen haben nicht die Form von fixierten Plänen oder konkreten Projekten, die bewusst gefasst und dann über längere Zeit hinweg konsequent verfolgt werden. Sie sind mehr oder weniger reflektierte Entwürfe, die auf Basis neuer Erfahrungen immer wieder ergänzt, umgeschrieben oder verworfen werden.“ (Schwitter, 2005, S.4-5) Es wird hier insbesondere das Moment der Veränderlichkeit hervorgehoben, welches in der wechselhaften Orientierungsphase der Jugend sehr starke Bedeutung hat. Auf dieses Konzept aufbauend, werden im Folgenden nach einem in das Thema einführenden Teil verschiedene Bereiche jugendlicher Lebensführung beleuchtet werden. Über qualitative sowie statistische Daten soll so ein Ein-


blick in die Lebensentwürfe Deutscher und letztlich auch Freiburger Jugendlicher gegeben werden.

zieht allerdings auch für Jugendliche Konfliktfelder nach sich. Statt eindeutigen Übergängen ins Erwachsenenleben, etwa in Form von Initiationsriten Einführung und der dazugehörigen Übernahme mehr oder minder starker RollenmusErst mit der Wende vom 19. zum 20. ter, etwa des Geschlechts, findet in der Jahrhundert entstand in Deutschland individualisierten „Risikogesellschaft“ Jugend als Lebensphase für Her(Beck 1986) ein Prozess der „Freisetanwachsende und damit auch eine zung“ statt . „Freisetzung heißt hier: spezifische Jugendkultur. Bis dahin Normalvorstellungen vom Übergang galt, was für viele Entwicklungs- und ins Erwachsenenleben haben spürbar Schwellenländer noch heute gilt: „Die ausgedient, obwohl sie institutionelle Gesellschaft insgesamt […] verbindet – zum Beispiel in den Übergangssituhier noch Arbeit, Leben und inforationen Schulen, Ausbildungssystem, melles Lernen. Und wenn Kinder Arbeitsverwaltung – immer noch über genügend Erfahrung und Wissen verankert sind, was ein zusätzliches verfügen, wechseln sie direkt in den Konfliktpotential schafft. Freisetzung Erwachsenenstatus.“ (Villányi et al. heißt auch, dass die Aushöhlung des 2007, S.11) Erwachsenenstatus konkret erfahrbar Zunächst bildete sich Jugendkultur wird – und mit ihr die Aushöhlung als Gegenentwurf zur spezifischen geschlechtsspezifischer Vorstellungen Erwachsenenkultur. Spätestens ab von einer (überwiegend männlich den 1980er Jahren existierten Jugendkonnotierten) stabilen Erwerbsposition und einer 5% 7% 8% 12% (überwiegend weiblich 20% 20% 22% konnotierten) klaren 33% Situierung in der Familie.“ (Stauber 2004, S.15) BarbaEigene Kinder erzieht man, 60% 60% 58% wie man selbst erzogen wurde. ra Stauber, welche diesen 43% Ganz anders Begriff geprägt hat, urteilt Anders weiter, dass an die Stelle Ungefähr so 15% 13% 13% 12% Genau so dieser Normalvorstellun1985 2000 2002 2006 gen „individualisierte, pluralisierte und fragmentierte Übergänge“ (ebda.) getreten sind. Die kulturen jedoch als eigenständige, damit zusammenhängenden Herausforpositive Orientierungsrahmen, die ihre derungen an die junge Generation, ihr Attraktivität auch außerhalb der GeLeben jenseits von althergebrachten, neration der jugendlichen verfestigen eindeutigen Bahnen ganz individuell konnten. Jugendlichkeit ist, auch und und eigenverantwortlich zu gestalten, gerade durch massenmediale Vermitterzeugen einen hohen Druck auf den lung, zum gesamtgesellschaftlichen einzelnen Jugendlichen. Resultate Phänomen geworden. Diese Tatsache dieses Drucks sind einerseits Versa-

gensängste, andererseits allerdings auch enorme integrative und kreative Kräfte, die sich in der überschäumenden Vielfalt von jugendkulturellen Aktivitäten, Jugendszenen und jugendlichen Lebensentwürfen offenbaren. In diesem Verständnis sind Jugendkulturen und Jugendszenen als identitätsstiftende „Sinngemeinschaften“ zu verstehen, „die zum einen die Wertschätzung des Informellen, Selbstorganisierten, Selbstgestalteten ausdrücken, und zum anderen – über die sozialen Lernprozesse – beschreibbar machen, wie subjektiv Bedeutungsvolles für soziale Zusammenhänge wichtig werden kann.“ (Stauber 2004, S.48) Auf der Suche nach den Lebensentwürfen der Freiburger Jugendlichen darf also auch ihre Partizipation am kulturellen Leben nicht vernachlässigt werden. Die hier vorgelegte Auseinandersetzung geht allerdings über diesen Aspekt hinaus. Das begründet sich darin, dass eben nicht nur die mehr oder wenig frei gestaltete Lebenspraxis in der spezifischen Jugendkultur sondern auch die Auseinandersetzung mit vorgegebenen formellen und informellen Institutionen, von vorgelebten Rollenmustern des Elternhauses über medial vermittelte Vorstellungen erstrebenswerten Lebens bis zum institutionalisierten Schul- und Ausbildungssystem, maßgeblich am Entwurf des jugendlichen Lebens beteiligt sind. Daher wird die folgende Auseinandersetzung mit den Feldern Familie, Freundschaft, Geschlecht/Sexualität, Körper, Freizeit, Ausbildung/Beruf und gesamtgesellschaftlichen Bereichen einige der wichtigsten Faktoren des jugendlichen Lebensumfelds beleuchten.

An dieser Stelle wird das Begriffsnetzwerk anderer postmoderner Theoretiker zur Identitätskrise aus Platzgründen umgangen. Zu einer äußerst knappen und daher sympathischen Erläuterung der Problematik empfiehlt der Autor: Witzke 2004, S.27-35

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Familie Gerade in der Frühphase des jugendlichen Lebensalters spielt die Familie als der zeitlich primäre Ort der Sozialisation noch eine große Rolle. Die ersten Vorstellungen von Lebensführung an sich stammen aus dem familiären Umfeld wo sie sich dem Kind und dem jungen Jugendlichen noch kaum 7% gefiltert und reflektiert präsentieren. Darüber hinaus bildet die Herkunfts-55% familie noch heute den wichtigsten sozialen „Heimathafen“, von dem aus sie andere Lebenswelten erschließen 35% (vergl. Shell 2006; Bmfsfj 2006). Im Verlauf des Jugendalters wird es jedoch Männlich auch verstärkt möglich, sich in Distanz zur durch die Herkunftsfamilie vorgelebten Lebensführung zu setzen. Diese Bewegung der Emanzipation und kritischen Differenzierung spielt eine große Rolle in der Bildung eigener Lebensentwürfe. Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen der noch am Elternhaus orientierten Rebellion und dem späteren selbständigen, authentischen Lebensentwurf. Auf dem Weg zu diesem Lebensentwurf spielen Rollenvorbilder noch immer eine große Rolle. Eine Zeitreihenanalyse der Ergebnisse der Shell-Jugendstudie zieht in Bezug zu diesem Thema eine viel sagende Bilanz: Einerseits hat die Bedeutung von Vorbildern in den letzten Jahrzehnten insgesamt abgenommen. Gerade bei Jugendlichen aus höheren Bildungsschichten geht deren Bedeutung stark zurück, was etwa Beate Großegger und Bernhard Heinzelmaier damit begründen, dass das Anerkennen von Vorbilden nicht „zu der von ihnen

54 Freiburg

kultivierten Attitüde des frühzeitig autonomen und unabhängig entscheidenden Menschen“ passt. (Großegger/ Heinzelmaier 2007, S.72/73) Die Autoren unterstellen diesen Jugendlichen, nicht zugeben zu wollen, dass sie Rollenvorbilder haben, da dies in der individualisierten Mittelschicht imageschädigend sei und dort der

Generell stellen Großegger und Heinzelmaier fest, dass heutzutage Baukasten- oder „Patchwork“-Vorbilder vorherrschen. Das bedeutet, ein zusammengesetztes Ideal aus verschiedenen Eigenschaften verschiedener Personen. Ein Beispiel aus ihrer Veröffentlichung macht klar, wie so etwas aussehen kann: „Irmina, 17: Also beruflich ist mein Vater ein großes Vorbild für mich. 7% 7% Ich möchte auch mal so eine Karriere hinlegen. Politisch 51% 53% finde ich Merkel gut, weil die Verhältnis zu den Eltern. hat sich gegen alle Männer 41% Ständig Meinungsversschiedenheiten 38% durchgesetzt. Musikalisch Häufig Meinungsverschiedenheiten finde ich Holofernes nicht Gelegentlich Meinungsverschiedenheiten Kommen bestens miteinander aus schlecht. Die hat eine gute Weiblich Gesamt Stimme, spielt auch gut Gitarre, möchte ich auch gerne so Kult um die eigene Unabhängigkeit können. Und – das sage ich, auch wenn und Besonderheit „in vielen Fällen ich dafür dann immer geprügelt werde den Stellenwert einer Ersatzreligion – den Bohlen finde ich gut. Von dem erreicht hat.“ (ebda., S.73) kann man lernen, dass man, wenn man es drauf hat, aus Scheiße Gold machen Andererseits fand eine Verschiebung kann.“ (Großegger/Heinzelmaier 2007, der Rollenvorbilder statt. Während S.71) Wenn auch die Herkunftsfamilie etwa 1955 noch ca. 75% der Jugendlinicht mehr im gleichen Maße wie noch chen angab, ein Vorbild zu haben, das vor wenigen Jahrzehnten zum Vorbild aus dem unmittelbaren Nahbereich für das eigene Alltagshandeln taugt, stammt, etwa Eltern oder Lehrer, so ist dieser Trend doch nicht auf alle bestätigten das 1996 nur noch etwa ein Bereiche des Lebensentwurfs ausdehnViertel der Jugendlichen. Stattdessen bar. Was etwa die Erziehung angeht, ist der Anteil der Rollenvorbilder aus so ist der Anteil derjenigen Jugendlider Popkultur, etwa Fernsehen, Kino, chen, die ihre eigenen Kinder einmal Musik, etc. im selben Zeitraum von genauso oder ähnlich erziehen wollen 25% auf über zwei Drittel angestiegen. wie sie selbst erzogen worden sind, seit Die Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 1985 sogar von 53% auf 71% gestiegen. 2000 stellt einen besonders starken Auch haben Jugendliche meistens ein Zuwachs dieser Art von Vorbildern bei gutes Verhältnis zu ihren Eltern, was Jugendlichen mit niedrigem Bildungsden Einfluss des Elternhauses auf die stand und hohem TV-Konsum fest. individuellen Lebensentwürfe begüns(Shell 2000, S.215ff) tigt.


Freundschaft Im Jugendalter werden die Muster und Schranken sozialer Interaktion wie sie in der Familie vorgelebt werden durch alternative ergänzt und teilweise ersetzt. Nun wird es notwendig, im Austausch mit Menschen in der selben Orientierungsphase eine eigene Haltung zum Leben zu finden und Lebensentwürfe zu entwickeln. Der Umgang mit Freunden (und schließlich mit einem festen Partner) wird zur ausschlaggebenden Instanz in der Einstellungen zu lebensrelevanten Themen ausgetauscht werden und sozialer Halt und Identitätsbewusstsein als Basis für eine autonome Lebensführung geschaffen werden. Darum kann es nicht verwundern, dass Umfragen zur Wertorientierung Jugendlicher Freundschaft und Partnerschaft an erster Stelle sehen. Dieser Trend ist zunehmend. Anerkennung und Akzeptanz sind in Bezug auf den Begriff Freundschaft wichtige Begriffe. Auch die Interviewpartnerin Julia (Name geändert), 22, bestätigt dies. Sie sagt: „Also was halt wirklich im tiefsten Kern für mich ne Freundschaft ausmacht, und solche wichtigen Freundschaften hab ich sehr wenige, und die hab ich schon dann sehr lange, das sind Menschen, das ist was, was ich nicht mehr erklären kann […] aber ich weiß halt einfach, dass es Menschen in meinem Leben gibt, mit denen kommunizier ich noch auf ner anderen Ebene. Mit denen versteh ich mich auf ner Ebene, die ich nicht erklären kann, die ich auch nicht jetzt hier beschreiben kann […] Hier mein bester Freund […] mit dem muss ich

eigentlich gar nicht sprechen. Mit dem telefonier ich manchmal […] ein halbes Jahr nicht, oder sogar noch länger, und wenn wir uns anrufen, dann ist es genau so wie vorher. […] Und des find ich n extrem faszinierendes Phänomen, dass so was existiert, so ne Form von Freundschaft, wo ich halt jemanden auch verstehe ohne mit ihm zu sprechen, wo ich Witze verstehe […], egal wie viele Leute da rum sitzen, die keiner versteht und wo […] Blicke halt mehr als tausend Worte sagen und bla. […] Es gibt so ne Klischees davon. Und des halt zu erfahren […] dass es so was gibt.“ Sie betont hier die Kontinuität als in der wechselhaften Jugendzeit wichtiges Merkmal, anhand dessen sich Freundschaften von anderen sozialen Kontakten unterscheiden. Daneben ist

in Beziehungen, und natürlich freu ich mich über jeden der an mir wächst. Aber, ich versuch auch, viele Menschen […] dazu zu bringen an mir zu wachsen, auch vielleicht im Konflikt, vielleicht auch weil sie mich Scheiße finden und so weiter. Völlig unabhängig von Freundschaft oder so. Also, das aneinander Wachsen ist eine Kategorie, die jetzt nicht nur für Freundschaft gilt sondern auch allgemein.“

Dieses Aushandeln beschränkt sich nicht auf face-to-face Interaktion; In einer Studie über Online-Communities von Migrantenjugendlichen in Deutschland, für welche solche Aushandlungsprozesse besonders bedeutsam sind, kommt etwa Kai-Uwe Hugger zu dem Schluss, dass auch „der Kommunikationsraum Internet als eine neue Art von MöglichkeitsgeWichtigkeit von Werten für füge realisiert wird, um dort die Lebensgestaltung. eigene, hybride Identitäten ausFleiß und Ehrgeiz Gesetz und Ordnung zudrücken bzw. mit anderen, Kreativität Gleichgesinnten Jugendlichen Unabhängigkeit ‚auszuhandeln’“ (Hugger 2007, Kontakte Eigenverantwortung S.182). Auch er betont, dass Familienleben dabei die dort beobachteten Partnerschaft Freundschaft Strategien „besondere BeachSonstiges tung [verdienen], die mit Hilfe Männlich Weiblich des kommunikativen Verhaltens in den Foren der Communities auch das „Aushandeln“ von Identitäten Anerkennung zu erzeugen versuchen. ein grundlegender Faktor, nicht nur für […] Diese Anerkennung wird gerade in feste Freundschaften, sondern auch für den Communities des Internets gesucht sämtliche sozialen Kontakte. Auch hier (und von vielen auch gefunden), weil trifft das Julias Aussage, welche glaubt, diese für Jugendliche Räume darstel„dass die normale Freundschaft, die len, die nicht bereits von Erwachsenen zwischen Menschen herrscht, halt aus besetzt sind […]“ (ebda, S.182/183) einer egoistischen und individuellen Ebene heraus entsteht. […] Und für mich bedeutet Freundschaft halt, dass ich auch wachs’ an meinem Gegenüber. Das ist mir total wichtig, genauso wie

Erster Exkurs zu Jugendszenen Damit ist auch der erste Schritt getan, um das Phänomen Jugendkulturen/


Jugendszenen, das im weiteren Verlauf immer wieder auftauchen wird, anreißen zu können. Anerkennung, Akzeptanz und schließlich interaktives Formen der individuellen Identität sind dort wichtigste Grundbausteine. Szenespezifisches Auftreten in Sprachstil, Gestik, Kleidung und Körperschmuck, kurz, dem ‚Code’, schaffen dabei gewissermaßen eine Vorform übersprachlicher Kommunikation wie Julia sie versuchte zu beschreiben. Zwar herrscht auch dort das Bewusstsein, dass diese Merkmale nur einen Teil der Persönlichkeit des Gegenübers ausmachen, allerdings reduziert diese gemeinsame Grundlage in Jugendszenen zumindest das Risiko, an Menschen zu geraten, mit dem man gar keine Gemeinsamkeiten hat. Großegger und Heinzlmaier beschreiben: „Doch die Welt des Szene-Codes ist nicht nur eine oberflächliche Welt. Auch spezielle Werthaltungen, Gefühle und Einstellungen, kurz gesagt ein bestimmtes und unverwechselbares Lebensgefühl, ist jeder der Szenen zu eigen und auch Teil des Codes.“ (Großegger/Heinzlmaier 2002, S.14)

Sex Die geschlechtliche Sozialisation in der Herkunftsfamilie, der Unterschied in der Erziehung als Mädchen und als Junge, prägt zunächst die Haltung zum eigenen Geschlecht. Durch den Austausch mit anderen Jugendlichen sowie durch Auseinandersetzung mit medial vermittelten Inhalten wird es in der Jugendzeit nun möglich, andere Kon-

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hatten.“ (Archiv der Jugendkulturen e.V. 2001, S. 49) „Kerstin [20]: Wenn ich mit meinen Freundinnen alleine war, war das schon eine ernstere Atmosphäre, wo man sich dann auch mal darüber unterhalten hat und Gedanken ausgetauscht hat, so ‚was meinst du dazu?’ Aber sobald man zu mehreren war – und vor allem, sobald Jungs dabei waren -, war das dann doch mehr so auf die lapsige Art, dass Präferierte Medien der man gekichert und gelacht hat. Sexualaufklärung. Sarah [16]: Und man hat so getan, Computerprogramme Sorgentelefon als ob man alles wüsste.“ (ebda., Ausstellungen S.34) Vorträge

zepte von Geschlecht, von Männlichkeit und Weiblichkeit, zu entdecken. Unsicherheiten und Schwierigkeiten mit dem eigenen Geschlecht sowie mit den kommunizierten Rollenzuschreibungen als Mann oder Frau können nun thematisiert werden. Kommunikation mit Gleichaltrigen ist dabei z.T. von Schwierigkeiten begleitet. Über

Internet Fernsehfilm Illustrierte Aufklärungsbroschüre Bücher Jugendzeitschriften Jungen

Mädchen

aufklärerische Inhalte von Jugendmagazinen wie „Bravo“ und „Girl!“ wird beispielsweise gesagt: „Sascha [21]: Das war schon eher allein in meinem Zimmer. Ich glaube, es wäre mir auch zu peinlich gewesen, wenn ich bei meinen Kumpels die Aufklärungsseite gelesen Personen der Sexualaufklärung. Geschwister Andere Jungen Andere Mädchen Bester Freund/in Partner/in Arzt/Ärztin Lehrer/in Vater Mutter Jungen

Mädchen

hätte. Die hätten mich dann aufgezogen, obwohl sie selbst Interesse daran

Aber auf Jugendliche strömen nicht nur solch direkte und dezidiert auf Jugendliche zugeschnittene Inhalte ein. Die Medienlandschaft bietet weitere Identifikationsmöglichkeiten, die auch das traditionelle Geschlechterbild unterlaufen. „Das in letzter Zeit immer öfter Actionheldinnen wie Lara Croft, Cat Woman oder Charlys Angels auf den Leinwänden der großen Kinos die Welt retten, ist ein weiterer Hinweis auf den Anspruch dieser neuen Generation von Frauen, sich weder mit Zuschauerplätzen noch mit der Rolle der romantischen Heldin zufrieden zu geben.“ (Shell 2006, S.37) Dadurch scheinen sich gerade junge Männer überfordert zu fühlen. „Sie tragen ihre Überforderung aus sich heraus und signalisieren durch Unruhe, Aktivismus, Aggressivität und erhöhten Drogenkonsum innere Spannungen. Die traditionelle Männerrolle ‚verbietet’ Jungen, ihre Überforderung, Unsicherheit und Hilflosigkeit nach außen zu zeigen und sich


– wie Mädchen – Hilfe von Freunden und Familie zu holen […]“ (ebda.) Gerade die letztere Aussage klingt in den obigen Interviewausschnitten ebenfalls an. Dafür spricht auch, dass Jungen sich bei der sexuellen Aufklärung eher anhand von Medien aufklären, während Mädchen dies eher kommunikativ tun. Auch im Personenkreis, sowie in über den Aufklärung stattfindet herrschen z.T. große Unterschiede bei den Geschlechtern. Neben den Erhöhten Anforderungen der geschlechtlichen Selbstschöpfung und der neuen Frauenrolle (hierzu

der 14jährigen Mädchen und 10% der Jungen gleichen Alters, sowie 23% der 15 Jährigen Mädchen und 20% der Jungen gleichen Alters haben bereits einen Koitus hinter sich (BzgA 2007, S.7).

Körper

Die Entdeckung des eigenen Körpers findet schon lange vor dem Eintritt ins Jugendalter statt. Neben der sexuellen Konnotation tritt aber nun auch der Umgang mit dem Körper als visuelles 8% 16% Kommunikationsmittel hinzu. Körper24% 43% pflege, Make-up, 60% Schmuck, Arbeit an Zufriedenheit mit dem 49% der Figur (Sport, eigenen Körpergewicht. Diäten) und Kleidung Ich empfinde mich als zu dünn. werden nun als AcIch empfinde mich als zu dick. Ich gabe genau das richtige Körpergewicht. cessoirs des Körpers Jungen Mädchen zu dessen würdiger Präsentation genutzt. Hier wird der Leauch Geissler/Öchsle 1996, S.150ff) bensentwurf in Bezug auf Geschlecht sowie den dazugehörigen medialen und kultureller Einordnung mit den Leitbildern kommt auch ein Druck zur Realitäten des Körpers konfrontiert Verfrühung sexueller Erfahrung zum und in Bezug gesetzt. Dass hier häufig Tragen. Erfahren sein schafft CoolPathologien zu Tage treten darf bei der ness. Cathrin Kahlweit fasst diese MiKombination von jugendlicher Unsischung als Leitbild für junge Mädchen cherheit einerseits und unrealisierbaren in einem Artikel unter der plakativen medial vermittelten Idealen andererÜberschrift „Dünn, schön und Sex mit seits nicht verwundern. 12“ zusammen. (in: Neumann-Braun/ Richard 2005, S.225/226) Dazu wird „In der Zunahme von Essstörungen gleich noch mehr gesagt werden, es wie Bulimie und Anorexie, aber auch bleibt aber festzuhalten, dass neben die Zunahme des bei Teenagern immer einer vermutlich durch bessere Lepopuläreren Ritzens sehen Mediziner bensbedingungen früher eintretende ein Indiz für das gestörte Verhältnis Menarche, die durchschnittlich mit 12 vieler Kinder zu ihrem Körper. Bilder ½ Jahren eintritt, auch eine frühere von mageren Teenie-Stars, retuschiersexuelle Ersterfahrung stattfindet: 12%

te Fotos von Mädchen mit prallen Brüsten und ohne Pickel erwecken in Teenagern ohnehin das Gefühl nicht attraktiv zu sein. […] ‚Da wird ein Körperschema entworfen, da werden Rollenmodelle gezeichnet, die dazu beitragen, Störungen auszulösen’, sagt der Münchner Psychologe Christian Mühldorfer. Sehr junge Mädchen bekämen zunehmend das Gefühl, cool und in sei nur ‚wer schön sexy und dünn ist – und mit zwölf Sex hat’.“ (NeumannBraun/Richard 2005, S.226) Allerdings bleiben diese Phänomene selten genug um als pathologisch eingestuft zu werden. Die meisten Jugendlichen fühlen sich nach verschiedenen Studien in ihrem Körper wohl. Nichtsdestotrotz arbeiten sie beständig daran, ihn optimal zur Geltung zu bringen. Zweiter Exkurs zu Jugendszenen Die Orte an denen sich Jugendkultur vollzieht, von Kinderzimmern über Jugendtreffs bis zu Diskotheken, sind Räume in denen Jugendliche sich vorbringen, sich darstellen. Im Ringen um Anerkennung und um die Festigung der eigenen sozialen Identität sind Jugendliche dort gefordert, sich mit den Ansprüchen und Vorstellungen anderer Jugendlicher auseinanderzusetzen. Beim Eintritt in das Jugendalter herrscht bereits eine hohe Aufklärungsquote in sexueller Hinsicht und es entwickelt sich ein positives Körperbild (vergl. BzgA 2007, S.50-65 bzw. S.69), daher können diese beiden Faktoren, Sexualität und Körper, in die soziale Interaktion mit einiger Selbstsicherheit eingebracht werden. „Was da vor sich geht, das ist […] vor allem ein Wechselspiel zwischen


sehen und gesehen werden, zwischen die-anderen-genießen und sich-zumGenuss-der-anderen-machen. Dieses Spiel intensiviert alles Erleben, sozusagen ‚auf allen Kanälen’ bzw. ‚mit allen Fasern des Körpers’. Was immer diesen Lebensstil sonst noch kennzeichnet, ein auffälliges Element dabei ist u.E. ein neues Körperverständnis bzw. ein verändertes Verhältnis zum Körper.“ (Hitzler/Pfadenhauser 1997, S.10) Was hier über die Technoszene gesagt wird, ist leicht auf andere Jugendszenen zu übertragen. Es findet sich auch in Freiburg eine ganze Reihe von Szenen, in denen eine bestimmte Haltung zum Körper gepflegt wird und bestimmte Akzentuierungen gesetzt werden. Die recht lebendige Indie- und Emo-Szene in Freiburg etwa, beides Musikstile die in Richtung Rock/Punkrock orientiert sind, hat eine starke Affinität zu Körperschmuck wie Tätowierungen, oft in Sternform, oder Gesichts-Piercings. Eine weitere Szene, nämlich die der Linksalternativen, legt eher Wert auf Natürlichkeit. Nichtsdestotrotz finden sich auch dort spezifische Merkmale wie etwa Frisuren mit Dreadlocks, verfilzten Haarsträhnen. Häufigste Musikstile in dieser Szene sind Reggae und Punk. Es gilt festzuhalten, dass die genannten Szenen stark differenziert und in Subszenen gespalten sind, die z.T. völlig andere Stile pflegen.

Freizeit Dem von schulischen, beruflichen und privaten Pflichten erfüllten Alltag etwas entgegenzusetzen ist nicht nur in

58 Freiburg

der Jugend ein wichtiges Topos. Allerdings liegt der Freizeit dort noch stärker der Charakter der Selbstfindungsinstanz bei. Musikhören, Fernsehen, Treffen mit Freunden, Internetsurfen, Chatten, Feiern, Sporttreiben, all diese Dinge sind untrennbar mit Identitätskonstruktion verknüpft. Know-how über Lieblingsbands, Lieblingsfilme, Computerspiele, angesagte Partys, aber auch (szeneabhängig) stilgerechtes Kleiden und Verhalten schafft gefestigte soziale Stellungen und den gerade in unsicheren sozialen Verhältnissen oft zitierten ‚Respekt’. Das Streben nach dem ‚Erlebt Haben’ und der damit verbundenen sozialen Anerkennung lassen hier den Vorwurf des Hedonismus und der Vergnügungssucht gegenüber der jungen Generation aufkommen. Häufigste Freizeitbeschäftigung im Laufe der Woche.

Sonstiges

Musik

PCSpiele Fernsehen

Video/DVD Sport Bücher Feiern

Leute treffen Internet

Medien sind für die Junge Generation eine wichtige Instanz, wie bereits in Bezug auf die Rollenvorbilder festgestellt wurde. Dementsprechend stehen medienbezogene Beschäftigungen wie Musik hören und Fernsehen an erster Stelle bei der Freizeitgestaltung. Auch die Bedeutung des Internets nimmt mit steigender Verbreitung von Hochge-

schwindigkeits-Internetverbindungen zu. Die Jugendlichen verstehen sich darauf, dieses Medium zur Kommunikation, Information und Unterhaltung zu nutzen. Der durchschnittliche Jugendliche ist 59 Minuten täglich (NeumannBraun/Richard 2005, S.145) bzw. um 10 Stunden in der Woche (Shell 2006, S.84) online. Aber auch die klassischen Freizeitbeschäftigungen wie Lesen und Sport haben noch immer einen festen Platz in der Freizeitgestaltung Jugendlicher. Es gilt bei der Betrachtung der verschiedenen Beschäftigungstypen auf ihre Rolle bei jugendlichen Lebensentwürfen zwischen partizipativen und konsumptiven Beschäftigungsarten zu unterscheiden. Während bei konsumptiven Arten des Freizeitverhaltens, wie etwa die Medienrezeption, vorgefertigte Inhalte und Rezeptionsformen überwiegen, ist den partizipativen Arten, wie Vereinssport oder MMOGs (Massive Multiplayer Online Games), ein Plattformcharakter für soziale Interaktion inhärent. Während also konsumptives Freizeitverhalten Ideen für Lebensentwürfe vorsetzt und zunächst keine eigenen abverlangt, ist partizipatives Freizeitverhalten gerade auf bereits bestehende soziale Kompetenzen angewiesen, die bei der jeweiligen Freizeitbeschäftigung erprobt und erweitert werden können. Am Beispiel der MMOGs lässt sich das gut nachvollziehen. „Computerspiele entwerfen eine Ersatzrealität, deren illusionärer Charakter außer Frage steht. Die Welt des Spiels dient der Erprobung von Handlungsabläufen und wird zum Trainingsfeld, auf welchem Verhaltensmuster eingeübt und durchgespielt werden. Auch in Spielen gilt es, einen Verhaltenscodex einzuhalten, da sonst


mit Sanktionen der übrigen Spieler zu rechnen ist.“ (Neumann-Braun/Richard 2005, S.153) In der Wahl der Freizeitbeschäftigungen ist ein Phänomen zu betrachten, das mit „Multioptionslust umschrieben wird. „Multioptionslust meint die Freude daran, dass angesichts eines Überangebots an Waren ebenso wie an Weltdeutungen alles – wenigstens grundsätzlich – verfügbar ist. Multioptionslust meint, dass alles geht, und dass es außer den fehlenden finanziellen Ressourcen nichts gibt, was einen hindern könnte, bei dem was geht, auch selbst mitzugehen.“ (Hitzler 2007, S.60) Auch die Befragte Julia meint in dieser Beziehung: „Also für mich persönlich ist ein kulturelles Angebot dann gut, wenn man immer, immer, immer alle Möglichkeiten hat. Vierundzwanzig Stunden am Tag, jeden Tag im Jahr die Möglichkeit hat, genau auf die Party zu gehen, auf die man Bock hat, genau das Bild zu sehen, das man sehen will. Ich will nicht irgendwie nach New York fliegen müssen um ein bestimmtes Bild anzuschauen das ich sehen will, sondern ich will, dass es zu mir kommt. Wenigstens alle paar Jahre mal.“ Ihrer Ansicht nach ist diese Möglichkeit in Freiburg keinesfalls gegeben. Der Markt, der sich um das Freizeitverhalten Jugendlicher gebildet hat profitiert von der hohen Kaufkraft der jungen Generation in Deutschland. Das Konsumverhalten kann aber auch zum Problem werden. „Der Kauf von Konsumgütern dient dabei nicht nur der Wunscherfüllung, sondern vor allem auch der sozialen Anerkennung und Selbstverwirklichung.

Wenn Jugendliche nicht in der Lage sind, mit dem Konsumverhalten ihrer Gleichaltrigengruppe mitzuhalten, können psychische und soziale Spannungen entstehen, wie etwa niedriges Selbstwertgefühl oder aggressive und kriminelle Verhaltensweisen.“ (Shell 2006, S.77) Zwar sind die meisten Jugendlichen mit ihrer finanziellen Situation zufrieden. Dennoch bessern immer mehr, mittlerweile ein Drittel aller Jugendlichen zwischen 12 und 25, ihr Freizeitbudget durch Nebenjobs auf. Insbesondere bei Studenten ist das der Fall. (ebda., S. 85)

Ausbildung Die Botschaft von der Wichtigkeit der Ausbildung für die spätere Lebensführung ist bei den Jugendlichen angekommen. Ein Großteil des Lebensentwurfes verschränkt sich daher in diesem Bereich mit der weiteren Lebensplanung. Die, je nach Standpunkt und Bildungsweg lange oder kurze, Phase der Ausbildung bietet ein breites Feld an Entscheidungsmöglichkeiten, mit denen Jugendliche sich konfrontiert sehen. Der Druck, diese Entscheidungen vor dem bedrohlichen Hintergrund künftiger Arbeitslosigkeit, unbefriedigender Arbeitsverhältnisse oder anderweitigen, nicht zuletzt finanziellen, Scheiterns richtig zu fällen, lastet auf den Jugendlichen ebenso wie der Begründungszwang einer gefällten Entscheidung für einen Berufsweg nach außen. „In der Berufswahl sind Jugendliche mehr als Erwachsene mit einem eklatanten

Mangel an einschlägiger Erfahrung und Information konfrontiert. Eklatant ist der Mangel vor allem deshalb, weil sich alle Welt von den Heranwachsenden erklären lassen möchte, wofür sie sich warum entscheiden werden.“ (Dimbath 2007, S.225) Oliver Dimbath kommt zu dem Schluss, dass die Häufig anzutreffende Begründung für die Berufswahl, „Der Beruf muss Spaß machen“, eine doppelte Funktion erfüllt: nach außen eine Abschirmung gegen den Begründungszwang und nach innen ein Selektionswerkzeug, das allerdings nicht auf die hedonistische Spaßdeutung reduziert werden darf, sondern vielmehr als Überbegriff für Selbstverwirklichungsfaktoren im Beruf gesehen werden muss. (Dimbath 2007, S.236/237) Selbstverwirklichung ist auch für die Interviewpartnerin ein wichtiger Faktor. Dabei sieht sie die multioptionale, globalisierte Berufswelt als Absicherung gegen Monotonie und Stagnation. Für sie steht fest, „Was ich mir nicht vorstellen kann ist, mein Leben lang irgendeinen scheiß Job zu machen, also egal wie gut er ist und so, aber den selben Job irgendwie zu machen.“ Für sie gilt auch „dass man sich halt nicht überlegt: Ok, halt ich studier jetzt die nächsten fünf Jahre irgendwas, was ich danach damit machen will, oder so. Das find ich halt grad die falsche Perspektive. Sondern… weil man halt überhaupt nicht wissen kann, was man in fünf Jahren machen will. […] Viel Kohle scheffeln zum Beispiel ist genau die falsche Perspektive sich zu überlegen, was man studiert […]“ Allerdings bedeutet das nicht, dass die Bildungs- und Ausbildungszeit als Flucht vor der Berufswahl gelten darf. Sie soll vielmehr eine qualitativ bessere


Entscheidung ermöglichen, darf aber nicht zu lange dauern. Unabhängigkeit und Selbständigkeit bleiben ein zu verwirklichendes Ziel. Ein Ausschnitt aus einem anderen Interview gibt dieses Verständnis treffend wieder. Rückblickend erzählt die Interviewte, sie habe überlegt: „Also, jetzt wird es langsam Zeit, dass du hier mal runter von der Schule kommst, irgendwann ist das mal… das Maß ist ja irgendwann auch mal voll. Du kannst irgendwann auch nicht mehr, du willst ja auch mal ein bisschen Geld verdienen und sagen: also, ich steh’ jetzt total im Berufsleben. Nicht immer von einer Schule zur anderen wetzen, um irgendwie herauszufinden, was könnte dir denn eventuell noch am nächsten liegen, ne?“ (Geissler/Öchsle 1996, S.106) Bei der schlussendlichen, wenn auch nur vorübergehenden, Berufswahl, gilt es, sich auch den Gegebenheiten anzupassen. Sowohl den äußerlichen, wie der Notwendigkeit eines Auskommens oder den Gegebenheiten des Arbeitsmarktes, als auch den innerlichen, wie der eigenen Befähigung und eben dem Drang nach Selbstverwirklichung, wobei letztere, auch für junge Frauen, ausschlaggebender sind (Geissler/Öchsle 1996, S.105). Die Junge Generation fühlt sich jedenfalls ab einem gewissen Zeitpunkt durchaus in der Lage, die eigenen Fähigkeiten und Optionen richtig einzuschätzen, wie folgender Interviewausschnitt belegt: „Ja, ich hatte dann zwischendurch auch mir so andere Sachen überlegt, weil Floristin ist ja irgendwie – ja, zukunftssicher, weiß ich nicht, kann ich eigentlich nich so sagen. … Was so (sicher) is, sind ja Computersachen, aber da hab’ ich

60 Freiburg

nicht so den Dreh … Ich muss schon irgendwie so, wo ich … was machen kann, so kreativ sein, … und von daher hatte ich mir das eigentlich ausgesucht.“ (Geissler/Öchsle 1996, S.105) Wo dies noch nicht der Fall ist, kommt es zu vermehrtem Bedarf an Orientierungshilfen wie Rollenvorbildern oder komplexitätsreduzierenden Instanzen wie Berufsberatungen. Die Ausbildungslandschaft in Freiburg schließlich ist von mehreren Faktoren geprägt. Zum einen ist Freiburg, als Universitätsstadt und mit dem Uniklinikum als größtem Arbeitgeber, ein Hort der akademischen Ausbildung. Wichtigste bundespolitische Aufgaben.

Steuern Gesundheit Wirtschaft Osterweiterung Familien

Arbeitsplätze

Zuwanderer Hochschul Bildung

Zum anderen machen von der im Jahr 2007 erstmals auf über 4600 gestiegenen Zahl der Lehrausbildungen diejenigen in Industrie und Handel mit beinahe 57% den größten Anteil aus. Aber auch das Handwerk spielt mit 29% eine große Rolle. (Bundesagentur für Arbeit/Bundesinstitut für Berufsbildung 2008)

Gesamtgesellschaft Mit der Vergrößerung des Handlungsspielraums in der Jugend, mit der zunehmenden Autonomie und Emanzipation werden auch größere gesellschaftliche Zusammenhänge ins Blickfeld der Identitätsbildung gerückt. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur, mit dem Verständnis von Heimat und von idealem gesellschaftlichen Zusammenleben äußert sich letztlich in einer politischen Haltung. Diese Haltung lässt sich allerdings nicht in Parteiprogramme gießen und erst recht nicht im realpolitischen Alltag umsetzen, was letztlich dazu führt, dass sich Jugendliche trotz hohen sozialen Engagements häufig von etablierten Parteien und Staatsstrukturen abwenden und neue Formen der gesellschaftlichen Partizipation suchen. „Neben institutionalisierten und formalen Partizipationsmöglichkeiten zeigt sich jugendlicher Aktivismus insbesondere in alternativen Organisationsformen, die keine verbindliche und dauerhafte Mitgliedschaft voraussetzen.“ (Müller/Reim/Calmbach 2007, S.16) Dies „verweist auf einen Trend, nach dem Jugendliche ein auf konkrete Problemlagen bezogenes und eher ‚projektförmiges’ Engagement einer dauerhaften Einbindung in feste Organisationsstrukturen vorziehen.“ (Shell 2006, S.45) Das starke Selbstbewusstsein politisch engagierter Jugendlicher lässt die Forderung laut werden, mit politischer Aktivität selbst etwas verändern zu können. Da sie dies nicht in der demokratischen Praxis verwirklicht sehen, darf es nicht verwundern,


dass etwa für die Bundestagswahl 2005 galt: „Je jünger die Staatsbürger waren, desto geringer fiel ihre Beteiligung aus.“ (Shell 2006, S.47) Dabei herrscht in der jungen Generation ein breit ausdifferenziertes politisches Bewusstsein. Die Vor- und Nachteile der Globalisierung werden detailliert erkannt, internationale Prozesse aufmerksam verfolgt und gesellschaftliche Problemstellungen bearbeitet. Unter letzteren werden diejenigen, die die junge Generation direkt betreffen, wie Arbeitsmarkt, Schul- und Bildungspolitik sowie Hochschulpolitik und Studiengebühren, auch als am wichtigsten angesehen. Zwei Drittel der Jugendlichen in Baden-Württemberg engagieren sich auch ehrenamtlich in den verschiedensten Bereichen (Landesstiftung BadenWürttemberg gGmbH 2005, S.93). Hierbei stehen Ausländerintegration und generelle jugendliche Interessen an erster Stelle. Auch spezifisch in Freiburg existiert viel gesellschaftliches Engagement und eine lebendige ProSoziales Engagement für ...

Umweltschutz Ausländer Hartz IV Jugendliche Behinderte

Dritte-Welt

Senioren

testkultur unter Jugendlichen, was sich in häufigen Demonstrationen meistens

politisch linker Couleur zeigt. Doch auch die parteiisch organisierte politische Partizipation unter Jugendlichen ist immerhin so stark, dass neben der Enklaven der Bundesparteien an der Universität auch eine eigene Partei der jungen Generation über Abgeordnete im Stadtrat vertreten ist, die Wählervereinigung „Junges Freiburg“. Dritter Exkurs zu Jugendszenen Dass die Freizeitgestaltung in Jugendszenen einen festen Stellenwert hat, ist bekannt. Hier finden und treffen sich Freunde und Partner unter dem Dach des gemeinsamen Erlebens „ihrer“ kulturellen Nische. Hier wird gemeinsam Musik gehört, getanzt und gegebenenfalls die szenetypischen Drogen konsumiert. Hier wird aber auch diskutiert, problematisiert und etwas bewegt. Szene ist, wo viele gleichen Schlags sich treffen. Daher ist die Freizeitbeschäftigung in Jugendszenen als kommunikativ zu klassifizieren. Daraus ergeben sich interessante Konsequenzen. Jugendszenen übernehmen durch den dort sehr hohen Grad an Kommunikation, auch über Symbolik, nach Elternhaus und Schule einen festen Platz in der Sozialisation der Jugendlichen ein. Von einer Ersatzfamilie ist wohl nur in den wenigsten Fällen zu sprechen, aber dort finden Jugendliche alle von ihnen hochgeschätzten Werte, Anerkennung, Selbständigkeit, Respekt, Selbstverwirklichung und eine Plattform um sich einzubringen und etwas zu gestalten oder zu verändern. Jugendszenen sind ohne Übertreibung die einzigen sozialen Netzwerke, die etwas derartiges zustande bringen. Keine kirchliche oder staatliche Orga-

nisation kann dieses Unabhängigkeitsgefühl vermitteln, keine formalisierte demokratische Struktur solch ein Zugehörigkeitsempfinden. Jugendszenen machen das Spagat zwischen individualisierter und globalisierter Welt möglich, weil sie „glokal“ sind. Sie sind ein Ergebnis der paradoxen Entwicklung der Moderne: der gleichzeitigen Pluralisierung und Generalisierung des kulturellen Feldes. Einerseits herrschen starke Distinktionen und nicht selten Aversionen zwischen den einzelnen Jugendszenen, andererseits schöpfen sie aus dem gleichen Pool der Weltkultur, ihrer Ideologien, Symbole und Produkte. Erst die Umdeutung und Neuzusammenstellung dieser Einzelelemente macht aus einer Jugendszene etwas singuläres. Der so geschaffene Raum ermöglicht den Jugendlichen den Erwerb sozialer Kompetenzen, denn wo Kommunikation geschieht, muss eine Basis dafür geschaffen und erhalten werden. Darüber hinaus bieten Jugendszenen Arenen der Selbstverwirklichung und über szenespezifische politische Standpunkte schließlich auch eine Basis zur politischen Haltung und Handlung. All dies ist untrennbar mit dem sprachlichen, symbolischen und ästhetischen Code der Szene verknüpft. „Diese Befunde ernst nehmend muss politikwissenschaftliche Jugendforschung ästhetische Praxen und jugendkulturelle Stilisierungen künftig in die Analyse politischer Orientierungen im Jugendalter einbeziehen, will sie nicht dauerhaft in einer erwachsenenzentrierten Perspektive verweilen und blind bleiben für jugendspezifische Formen des Umgangs mit politischen Konflikten.“ (Pfaff 2007, S.114)

Hier wird die Position Hannah Arendts vertreten, nach der gilt: „Für Menschen heißt leben – wie das Lateinische, also die Sprache des vielleicht zutiefst politischen unter den uns bekannten Völkern, sagt – soviel wie ‚unter Menschen weilen’ (inter homines esse) und Sterben soviel wie ‚aufhören unter Menschen zu weilen’ (desinere inter homines esse).“ (Arendt 2006, S.17)

2


zeigt. 27.857 Jugendliche zwischen 16 und 26 machen gegenüber der Gesamteinwohnerzahl Freiburgs von 217.547 (Stand Dezember 2006) einen Anteil von 12,8 % aus (Statistisches Landesamt BW 2008) und prägen mit ihrer kulturellen Teilhabe die Stadt. Die von

Fazit Die vorliegende Arbeit hat versucht zu zeigen, auf welchen Grundlagen die Lebensentwürfe Jugendlicher in Freiburg beruhen. Die dazu herangezogenen statistischen Daten beziehen Alter 99+ 95 90 85 80 75 70 65 60

und der Übernahme der Verantwortung für diese Entscheidungen verlangt wird, in der andererseits jedoch der Mensch als Mensch nur im Plural existieren kann . Dass die Junge Generation sich allerdings dieser Herausforderung – diese scheinbaren Widersprüche zu vereinen – nicht nur affirmativ stellt statt in dumpfen Regionalismus und Traditionalismus zu verfallen, sondern sie augenscheinlich mit ihren ganz eigenen Mitteln sogar bewältigt, sollte ihr jenen Respekt verschaffen, der ihr noch immer verwehrt wird. Christian Ofenheusle

55 50 45 40 35 30

Altersaufbau der Freiburger Bevölkerung am 1.1.2007

25 20 15 10 5 2000

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sich oft auf die Grundgesamtheit der Jugendlichen in Deutschland, was durchaus Sinn macht. Freiburg hat als Stadt eine hohe Fluktuationsrate in der Bevölkerung. Der Zuzug von über 20.000 Menschen pro Jahr (Statistisches Landesamt BW 2008) schaffen eine Bevölkerung, die von kulturellem Austausch geprägt ist und in der auch ein Teil Gesamtdeutschlands, durch den Anteil von einem Viertel ausländischer Zuziehender auch im Sinne eines Einwanderungslandes, repräsentiert ist. Die grundsätzlichen Trends, die sich aus den statistischen Daten ableiten lassen, gelten also für Freiburgs Jugend genauso wie für die gesamtdeutsche. Freiburg ist keine „alte“ Stadt, wie der Blick auf die Bevölkerungspyramide 62 Freiburg

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1

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2500

Männlich - deutsch Männlich - ausländisch Weiblich - deutsch Weiblich - ausländisch

kulturellen Elementen aus der ganzen Welt geprägte Jugendkultur dient ihnen dabei als Werkzeug und Heimat gleichermaßen um damit und von dort aus ihren Lebensentwurf in die Tat umzusetzen. Der Lebensentwurf nun schließlich ist geprägt vom Streben einerseits nach Selbständigkeit, Selbstverwirklichung und Identität, sowie andererseits nach sozialen Bindungen, Anerkennung und gesellschaftlicher Teilhabe. Damit spiegelt der Lebensentwurf der Freiburger, wie der gesamtdeutschen Jugendlichen, exakt die Dualität und teilweise Paradoxie der globalisierten Welt wieder, in der einerseits unter endlosen Wahlmöglichkeiten und –pflichten immer wieder nach ganz individuellen Entscheidungen


Literaturliste Arendt, Hannah: Vita activa oder vom tätigen Leben, 4. Auflage, Piper, München/Zürich 2006 Archiv der Jugendkulturen e.V. (Hg.): Generation Sex? Jugend zwischen Romantik, Rotlicht und Hardcore-Porno, Verlag Thomas Tilsner, Bad Tölz 2001 Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1986 Bundesagentur für Arbeit, Statistik; Bundesinstitut für Berufsbildung, Arbeitsbereich 2.1 (Hg.): Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge am 30. September. AA Freiburg. Berichtsjahre 19972007, Nürnberg 2008. Volltext unter: http:// www.pub.arbeitsamt.de/hst/services/statistik/ ausbildungsmarkt/NAV-aktuell/tab_617.pdf Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektive für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Siebter Familienbericht, Berlin 2006 Volltext unter: http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/ generator/RedaktionBMFSFJ/Abteilung2/PdfAnlagen/siebter-familienbericht,property=pdf,b ereich=,sprache=de,rwb=true.pdf Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hg.): Jugendsexualität 2006. Repräsentative Wiederholungsbefragung von 14-17 Jährigen und ihren Eltern, Köln 2007. Volltext unter: http://www.bzga.de/pdf.php?id=f0ba37381b035 4c60910ae16171f182d Dimbath, Oliver: Spaß als Paravent?. Analysen zur Handlungsbegründung in der Berufswahl, in: Göttlich et al (Hg.): Arbeit, Politik und Religion in Jugendkulturen. Engagement und Vergnügen, Juventa Verlag, Weinheim und München 2007 Geissler, Birgit; Öchsle, Mechthild: Lebensplanung junger Frauen. Zur widersprüchlichen Modernisierung weiblicher Lebensläufe, Deutscher Studienverlag, Weinheim 1996 Großegger, Beate; Heinzelmaier, Bernhard: Die neuen vorBilder der Jugend. Stil- und Sinnwelten im neuen Jahrtausend, G&G Verlag, Wien 2007

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Maike T채ubert (rechts) 2008 Jun Matsuura (links) 2008 Terashima Daisuke (auf der vorherigen seite) 2008


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Marc Doradzillo 2008


Nicolai Hertle, 2008

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wie die kulturen zusammenhängen

Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt, Kommunikation, Individuen, Gesellschaften, Institutionen, Staaten, technische Fortschritt, Digitale Revolution, politisch, Liberalisierung, Welthandel, Begriff, Theodore Levitt, Harvard Business School, Harvard Business Review, Nationalstaat, Karl Jaspers, Kulturkritik, Indikatoren, Transnationale Konzerne, Finanzmärkte, idealtypisch, Demokratie, Auslandsinvestitionen, Industriestaaten, Volkswirtschaft, Steuer-, Unternehmenssteuern, Sozialstaates, Schwellenländer, Entwicklungsländer, Zölle, landwirtschaftlichen, Global Players, Arbeitskosten, Billiglohnländer, Private-Equity, Heuschreckendebatte, Devisenmarkt, TurbinSteuer, Europäische Union, NAFTA, APEC, ASEAN, Mercosur, CARICOM, GCC, AU, Tourismus, Telefon, Mobiltelefon, Videokonferenz über IP, Fax, Internet, Kooperation, Weltwirtschaft, Nationalstaaten, Standortwettbewerb, multilateral, Wirtschaftssubjekte, Ozonproblem, Unilateralismus, Global Governance, Rechtsverkehr, völkerrechtlche Verträge, Haager Konvention, Urkunden, Apostille, Legalisation, Vereinte Nationen, Menschenrechte, Internationale Arbeitsorganisation, Genf, Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Rom, Welternährungsorganisation, Umweltprogramm der Vereinten Nationen, Nairobi, Kenia, Umweltbundesamt, nachhaltige Entwicklung, Washington D.C., Weltbankgruppe, Internationale Währungsfonds, Wechselkurse, Welthandelsorganisation, internationales Handeln, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Internationale Energieagentur, Nichtregierungsorganisationen, Greenpeace, WWF, Attac, Lobbypolitik, Hyperkulturalität, Innerlichkeit, Gleichberechtigung, Traditionen, Moderne, Postmoderne, Islamismus, Fernsehen, Kino, Music, Mode, Krawatte, Wertvorstellungen, Lebensstile. Leitkultur, Kopftuchstreit, Schlagwort, Kampf der Kulturen, Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington, Toleranz, interkulturelle Kompetenz, Globalisierung, Lokalisierung, altes Kaisergrab des ersten Kaisers von China, Englisch, Denglisch, Exonyme, Ressourcenverbrauch, Industrieländer, Weltbevölkerung, Industrialisierungsprozess, Klimawandel, Ulrich Beck, externe Effekte, Desertifikaton, Ozonloch, Folgen der globalen Erwärmung, Europäische Union, nichtstaatliche Organisationen, UNEP, UNO, Visumspflicht, protektionistische, Handelshemmnisse, Subventionen, Protektionismus, G8, Knut Borchardt, Protektionismus, Friedrich Engels, Weltmarkt, Grundsätze des Kommunismus, Mittelalter, Eurasien, Fernhandelsverbindungen, Antike, Ägyptens, Chinas, Mesopotamiens, Induskultur, Importsubstitution, Tigerstaaten, Globalisierungskritik, Weltsozialform, Peoples Global Action, WEED, BUKO, neoliberal, Kapitalismus, Marktwirtschaft, Arbeitnehmerrechte, ökologisch, Lobbygruppen, Transparenz, Legitimation, WTO, IWF, Weltbank, soziale Ungleichheit, Gini-Koeffizient, Maß der Ungleichverteilung, UNDP, Ralf Dahrendorf, NPD, Nationalismus, Rechtsextreme, Völker, Antiamerikanistisch, Abgase, Systemtheorie, globale Beschleunigungskriese, Peter Kafka, Turbokapitalismus, Entschleunigung, Triade, Bruttonationaleinkommen, Volksrepublik China. (Auszug aus Wikipedia Deutschland) Tamayo Mizawa 74

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Aufbau in der Kaiser-Joseph-StraĂ&#x;e


Generation Globo

Globos sind mobil, vernetzt. Und sie denken die Welt als Ganzes. Ein neuer Typ Weltbürger ist im Kommen. Globales Bewusstsein ist keine ferne Vision. Seine Vorboten sind bereits unter uns. Einer davon ist ein Phänomen, das ich als Generation Globo bezeichne. Zu ihr zähle ich Menschen, die sich in ihren Handlungen und Ge danken auf die Erde als ein Ganzes beziehen. Ende der 1970er-Jahre schlug die Geburtsstunde der Globos. Weltläufige Menschen hatte es auch früher schon gegeben, allerdings nur als kleine Elite: Diplomaten, Reiche, Kaufleute, Bildungsbürger auf Sinnsuche. Das wirklich Neue an den Globos ist, dass zum ersten Mal in der Geschichte ein globales Bewusstsein zur mentalen Ausstattung von Millionen gehört. Diese Demokratisierung von Weltläufigkeit unterscheidet die Globos wesentlich von Nachkriegseltern und den Babyboomern. Zwar gehört beileibe nicht jeder nach 1970 Geborene dazu. Aber in ihrer Altersgruppe formuliert „Think global, act local“ zum ersten Mal den Mainstream des Denkens.

Zwei Globos im Blickpunkt Es gibt eine Menge guter Gründe, sich zu fragen, wes Geistes Kinder die Globos sind, woran sie glauben, wofür sie sich engagieren. Zeichnen wir also

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erste Porträts, geben wir ihnen ein Gesicht, besser gesagt zwei: Einar aus Rey kjavik und Gheena aus Nairobi. Wenn sie sich zufällig treffen würden, wäre es wie bei einer Überraschungsparty: Man hat lauter Freunde eingeladen, die sich vorher noch nie begegnet sind, aber man weiß: Die beiden wer den Spaß miteinander haben. Die werden verstehen, was der andere meint. Grenzenlos. Island und Kenia bezeichnen Herkunftsländer, sind für sie nur noch geografische Namen. Ihre Heimat ist größer. Einar und Gheena. Die zwei sind eingeloggt in die globalen Netzwerke. Sie fischen in den Flüssen der Medien, Daten, Waren, Finanzen, Bewegungen. Sie fühlen sich wohl in der Stadt, in der sie wohnen. Es ist nicht die Stadt ihrer Geburt, sondern ihrer Wahl. Sie dient als Hauptquartier. Von dort brechen sie auf, dort hin kehren sie zurück. Zwischendurch sind sie ziemlich vielunterwegs. Sie fühlen sich mit denen verbunden, die ein ähnliches Leben führen, an das Gleiche glauben, die gleiche Sprache sprechen. Nähe kennt keine Kontinente. Sie wird hergestellt mit E-Mails und Flugzeugen. Gheena, 26, kommt aus Nairobi. Sie wohnt nicht in der Innenstadt, einer grauen Betonwüste, sondern an der Peripherie, eingebettet in grüne Hänge und Haine. Fünf Tage die Woche arbeitet sie bei einer Fluglinie im Ticketverkauf, am sechsten besucht sie einen Kurs in Textverarbeitung. „Computer – was ist das?“, hatte ihr Vater gefragt. Er ist Bauer, Analphabet, ein bescheide ner, aber relativ erfolgreicher Viehhändler vom Stamme der Kikuyu.

Gheena durfte nach Nairobi, die Highschool besuchen, Englisch lernen, eine Büroaus bildung machen. Mädchen bekommen selten solche Chancen. In der Familie N’Duma gibt es nur Mädchen. Also durfte die Älteste lernen. Sie wohnt in einem winzigen Apartment, das sie sich mit einer Kollegin teilt. Samstags gehen die beiden in die Disco „Florida 2000“, tanzen nach Afropop oder englischem House-Techno. Von einer Leinwand blitzen die Stars von MTV. Einar, 29, kommt aus Reykjavik. Aus dem Flugzeug wirkt Island so isoliert. Eisige Insel inmitten atlantischer Einöde. Ab und zu spuckt die Erde Feuer, bebt, taut Gletscher und verwandelt sie in vernichtende Fluten. Auf Meereshöhe bietet sich jedoch ein heimeligeres Bild. Island liegt mitten in der Welt. Fast jeder hat ein Handy, Internet gehört zum Haushalt wie die Waschmaschine, die Jugend spricht meist hervorragend Englisch. Einar kommt viel herum. Als Verkäufer in einem der hippen Modeläden an der Bergstaarstræti verdient Einar zwar nicht besonders viel Geld. Aber da er noch bei den Eltern wohnt, kann er sein Gehalt in der Freizeit verjubeln. Vier Flugstunden sind es bis New York, nur zwei bis London. Einar besucht Freunde, geht Shoppen, hält Ausschau nach den neuesten Trends. Das Wochenende verbringt er am Liebsten beim Rave in Reykjavik. Von Freitag spät nachmittags (Aufwärmtrinken in der Clique) bis Sonntagmittag (wenn die letzte Techno-Bar schließt) zieht er durch ruhelose Polarnächte. „Unsere Szene ist heißer als die von Ibiza“, sagt Einar. Er hat den Vergleich.


Fünf globale Prägungen

5. Das Erlebnis einer sich beschleunigenden wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung

Globos sind, so paradox es klingt, ein Kollektiv von Individualisten. Die Gängelweisheiten der Alten haben sie abgehängt: „Kein Sex vor der Ehe“, „Leben heißt arbeiten“, „Spare für später“, „Haste was, dann biste was.“Gheena würde nie stumm erleiden, was sich ihre Mutter von der Sippe des Ehemanns hat gefallen lassen. Einar verkehrt offen in der Gay-Szene. Wie die alten Dogmen verlieren auch ihre Verkünder, die Repräsentanten der traditionellen Institutionen, an Gewicht und Stimme, die Altvorderen. Nach Expertenschätzungen pflegt schon mehr als eine Milliarde Menschen einen globalisierten Lebensstil. Die Globos, ein Phänomen der Metropolen, des Mittelstandes, der Mobilität, der multimedialen Vernetzung, werden in den nächsten Jahren überall auf der Welt in Machtpositionen drängen. Schon aus diesem Grund lohnt es sich nachzusehen, wer hier in den Startlöchern steht. Fünf Phänomene haben sie mental geprägt: 1. Das Bild vom Blauen Planeten 2. Die grenzenlose Mobilität nach Ende des Kalten Krieges 3. Die Konfrontation mit globalen Problemen 4. Die Nutzung weltumspannender Netze

Aus dieser Gemengelage formt sich ein völlig neues Phänomen heraus: ein „Global Spirit“, der zum ersten Mal in der Geschichte eine Ahnung davon vermittelt, wie echtes Weltbürgertum als bestimmende planetare Kraft aussehen könnte. 1. Das Bild vom Blauen Planeten gehört heute selbstverständlich zur Ikonografie des Alltags. Es ist so allgegenwärtig, dass es schon wieder unsichtbar wird. Doch die Menschen Ende der 1960er-Jahre fanden es aufregend, als hätte man den Mann im Mond fotografiert. Ein Bild, das alles ändert. Vorher kannte man zwar Luftaufnahmen, und es gab Globen. Völlig unvorstellbar war jedoch, wie die Erde von außen wirken würde, als dreidimensionales Ganzes. Der amerikanische Astronaut Eugene A. Cernan formulierte ein neues Heimatgefühl: „Wenn man aus der Erdumlaufbahn hinabblickt, sieht man Seen, Flüsse, Halbinseln. Man erkennt, wie die Sonne über Amerika unter und über Australien wieder aufgeht. Man blickt zurück nach Hause und sieht nichts von den Schranken der Hautfarbe, der Religion und der Politik, die unsere Welt teilen.“ Das Foto vom Blauen Planeten hat der Menschheit geholfen, erwachsen zu werden. In der Entwicklung von Kindern gibt es jenen Moment, da sich ein Baby zum ersten Mal in einem Spiegel erkennt. Es sieht sich von außen und als Ganzes. Die Außensicht auf den

Heimatplaneten markierte gleichsam das Spiegelerlebnis unserer ganzen Spezies. 2. Grenzen und Gräben. Die Kriegsund Nachkriegsgeneration war traumatisiert von Zerstörung, Völkermord und Hunger. Sie war verwurzelt an Orten, die Westfalen oder Rauchbucht hießen und die sie Heimat nannte. Die Welt der Kinder definiert sich durch neuartige Koordinaten: Schüleraustausch mit Lyon, erste Weltreise nach dem Abitur, Auslandssemester in Sydney. Bei jedem Ausflug knüpfen sie neue Kontakte, weben Faden für Faden zu einem Internet der Freundschaften. Von solcher Umtriebigkeit hätten die Eltern nur träumen können. Kaum waren die Schrecken des Zweiten Weltkriegs ausgestanden, zerschnitt der Kalte Krieg den Globus in zwei Hälften: Mitten durch Europa wurde 1961 eine Mauer gezogen und zu einem hermetischen, tödlichen Wall ausgebaut. Er trennte Familien, stoppte den Verkehr, leitete Warenströme um, verhinderte Verständigung. Nachrichten wurden zensiert, gefärbt, gefälscht – in beiden Richtungen. Die Menschen waren weit weniger vernetzt als heute, Propaganda konnte ungefiltert in Köpfe sickern, weil es keinen kommuni kativen Abgleich gab. Mobilität war weniger eine Frage der Fortbewegungsmittel als eine des Rechts auf Fortbewegung. Es wurde beschränkt durch Reiseverbote, Sperren, Passentzug. Diese Hermetik verbreitete sich weltweit, denn die Supermächte kannten keine Hemmungen, ihren Konflikt auf alle Kontinente zu exportieren. Überall


wurden neben den sichtbaren Eisernen Vorhängen noch heimliche Barrieren hochgezogen. Die ärmeren Länder in Afrika, Südamerika und Asien mussten sich entscheiden: Wes Freund, wes Feind? Vom jeweiligen Bekenntnis hing es ab, ob Washington oder Moskau die Alimente zahlte. Der Kalte Krieg war eine Phase der Stagnation. Er lähmte den Prozess der Weltwerdung. Auf der mehrfach geteilten Erde bekamen globale Fürsorge und globales Bürgertum wenig Chancen auf Entfaltung. Alles änderte sich schlagartig, als 1989 erst die Berliner Mauer fiel und dann der Ostblock kollabierte. Die USA hatten den Kalten Krieg gewonnen. Die eiserne Zeit endete nicht mit Pauken und Trompeten, eher mit einer leisen Implosion. Die Global Generation nahm die Mauer genau in dem Moment bewusst wahr, als sie einstürzte. Sie war jung, in der Phase des Erwachens, wo man politische Interessen entdeckt. Mit einem Mal standen alle Grenzen offen: die Einladung, auf eine sehr lange Reise zu gehen. 3. Radioaktive Wolken und Erdgipfel. Bedrohung von außen schweißt im Inneren zusammen. Interessanterweise gilt das auch für jene Gefahren, die der Menschheit als Ganzes drohen. Zwar sind die meisten ökologischen Probleme „hausgemacht“, dennoch wirken sie gleichsam wie von außen kommend, weil ihre Tragweite über den Einflussbereich von einzelnen Ländern weit hinausreicht. Die Sicherheit von Kernkraftwerken ist seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl keine nationale Angelegenheit mehr, denn

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die radioaktiven Wolken, die freigesetzt wurden, versetzten Menschen rund um den Globus in Panik. Auch das laufende Großexperiment mit dem Weltklima, bei dem schädliche Gase massenweise in die Atmosphäre geblasen werden, kann nicht von einem Staat, sondern nur durch eine internationale Anstrengung gestoppt werden. Das schmiedet die Völker zur Risikogemeinschaft zusammen. Aber mit der Gefahr wächst das Rettende. Bereits Anfang der 1970er-Jahre formierte sich eine breite Protestfront von Natur- und Umweltschützern gegen den drohenden ökologischen Kollaps. Es gelang, wovon vor ihnen Gewerkschaftsfunktionäre oder Frauenrechtlerinnen immer nur geträumt hatten: Innerhalb von nur 25 Jahren eroberten sie die öffentliche Moral und die politische Meinungsführerschaft; damit waren sie die erfolgreichste soziale Bewegung des Jahrhunderts. Das heißt nicht, die Umwelt sei gerettet. Immer noch wird millionenfach gesündigt. Aber immerhin wagt es niemand, sich auf die politische Bühne zu stellen und zu verkünden, Regenwald, Artenvielfalt und Klima seien ihm vollkommen schnuppe. 4. An die Existenz des Internets haben wir uns schon so sehr gewöhnt, dass wir vergessen, wie sehr es unseren Alltag verändert hat. Als Massemedium ist es gerade mal 13 Jahre alt, also noch ein Teenager. Vor dem World Wide Web gab es zwar kleine Datennetze, die von Verteidigungs- und von wissenschaftlichen Institutionen betrieben wurden. Aber sie blieben zunächst lokale, voneinander isolierte Einrichtun-

gen. Erst die Erfindung des leicht zu bedienenden Standards namens „World Wide Web“schuf im Jahr 1991 die Grundlagen jenes Booms, der seit Mitte der 1990er-Jahre die Welt verändert. Jedes Jahr toppt das Internet seine Rekorde an neuen Nutzern, angeschlossenen Servern, gespeicherten Websites. Globos bewegen sich mit großer Leichtigkeit durch die elektronischen Räume des Cyberspace: Sie sind mit ihm aufgewachsen. Anders als die Generation der 68er, die alternative Lebensziele gegen den Widerstand traditionsverhafteter Eltern durchsetzen mussten und zu einem „langen Marsch durch die Institutionen“aufbrachen, stand den Globos von vornherein nichts und niemand im Weg. Ihre Eltern hatten zu akzeptieren, dass Computer, englische Sprache, Auslandsreisen, Internet die Zukunft bedeuten – ohne den Kindern dahin folgen zu können. 5. Die Welt ist ebenfalls ein Teenager. Sicher, auch vor 1990 hatten internationaler Handel und globale Arbeitsteilung gewaltige Dimensionen erreicht. Doch in der Ära der offenen Grenzen, des Freihandels und expandierender Datennetze können Finanzströme plötzlich in Echtzeit fließen. Das ganze Rund des Globus bietet sich als möglicher Marktplatz dar und wurde in blitzartigen Kampagnen erschlossen. Seitdem stöbert die Generation Globo in den Filialen von Bata und Body Shop, kauft Klamotten von Donna Karan und Nike, zappt sich durch CNN und MTV, isst Sushi-Falafel-PizzaBurger, sieht die deutsche Krimiserie „Derrick“in 112 Ländern der Erde und findet im Supermarkt, egal wo auf der Welt, vorne rechts immer das Gemü-


se und die Süßigkeiten kurz vor der Kasse. Und sie hat sich daran gewöhnt, über Waren, Bilder und Informationen aus allen Teilen der Erde zu verfügen – jederzeit und überall. Mauerfall, Internet-Geburt, Erdgipfel und Globalisierungswelle sind Schlüsselerlebnisse, die das Denken der Globos entscheidend geprägt haben. Sie fallen in die Zeit, als Einar und Gheena erwachsen wurden. Ihr Aktionsradius erweiterte sich, und die Neuen Medien lieferten ihnen die idealen Vehikel, um die Welt in großer Geste zu umarmen. Einar informiert sich auf den Websites der internationalen Schwulengemeinde „über angesagte Events“ und organisiert gleich noch seine Ausflüge dorthin. Gheena erhielt später als ihre Altersgenossen in den reicheren Industrieländern Zugang zum Datahighway. Vor einigen Jahren öffneten in Nairobi die ersten Internet-Cafés. Meist handelt es sich weder um gemütliche Cafés noch um schnelles Internet. „Aber eine langsame Leitung ist besser als keine“, sagt Gheena, die per E-Mail Kontakt zu ihrem saisonweise in Kairo arbeitenden Freund hält. Ausgestattet mit Palmtop, elektronischem Routenplaner und „Fly around the world“-Tickets bewegen sich die Globos auf einem Planeten, der einen atemberaubenden Prozess der Schrumpfung durchläuft. Ein Düsenflugzeug ist heute 50-mal schneller als ein Segelschiff um 1900, sodass sich die Welt um den Faktor 50 verkleinert. Noch schneller schlägt der Takt der Informationen. Bit-Pakete pulsieren mit Lichtgeschwindigkeit durch die Nervenstränge der Datennetze. Für

Reykjavik rückt Washington genauso nah heran wie Wladiwostok.

Die neuen Nomaden Doch was bedeutet Beschleunigung für die neuen Nomaden: Sind sie die treibenden Kräfte? Oder die Getriebenen? Haben sie die soziale Kontrolle von Dorf und Familie nur deshalb abgelegt, um sich nun den anonymen Ab hängigkeiten der globalen Netze auszuliefern? Wenn man sie danach fragt, wissen sie es oft selbst nicht. Es gibt eine Gruppe von Globos, bei denen Mobilität zur Maxime wurde. Jedes Molekül scheint zu schwingen. Lust an Umtriebigkeit, vermischt mit der allgegenwärtigen Forderung nach Flexibilität, erzeugt ein diffuses Gefühl von Freiheit. Vielleicht macht genau diese Mixtur das „Mehr“beim extremen Lebensstil des „Miles & More“ aus. Sie hasten von einer Abflughalle zur nächsten, bevölkern Lounges, ziehen alle zwei Jahre um, pendeln täglich zur Arbeit und zurück, nutzen jede freie Minute zu Ausflügen und Ausbrüchen. Sie haben zwar eine feste Wohnung, aber das will wenig heißen. Städte verlieren ihre Statik, sind nicht länger ein Hort der Sesshaftigkeit, sondern Sammelplätze für die urbane Karawane. Ob freier Nomade oder Opfer eines kapitalistischen Arbeitsethos, der aus ihrer Verfügbarkeit Rendite schlagen will, muss jeder der „Flexecutives“(Flexible Executives) für sich selbst definieren. Sicher ist nur, dass das allgemeine Mi-

grantentum drastisch zunehmen wird. Man ist unterwegs als Pendler, Tourist, Geschäftsreisender, Pilger, Matrose, Flüchtling, Soldat, Wanderarbeiter, Hirte, Reiseleiter, Wandergeselle, Forschungsreisender, Trucker ... Die Vorhut der postmodernen Völkerwanderung rekrutiert sich aus den Globos. Sie wissen: Wer seine Chancen und Aussichten verbessern will, muss den richtigen Standort zur richtigen Zeit finden. Sie verfallen in milde Panik, wenn sie ahnen, woanders könnten die Tage bereichernder und die Nächte spannender sein. Nie genug Zeit, all das zu tun, was man tun möchte. Leben als letzte Gelegenheit. Der Aufenthalt in der Gegenwart verkürzt sich, die Zukunft expandiert. Und niemand in Sicht, der wüsste, wie es weitergeht. Ungewissheit liegt in der Logik des Wandels: Technische, soziale und kulturelle Neuerungen setzen sich in immer kürzeren Zyklen durch, das beschränkt die Treffsicherheit von Vorhersagen für die Zukunft auf wenige Monate. Regelmäßig versagen die Prognostiker, und oftmals wäre es besser, sie schwiegen ganz. Aus dieser Richtung hat die Global Generation wenig Weisung zu erwarten. Sie nimmt es gelassen, ist sie es doch von Kindesbeinen an gewohnt, mit einem Minimum an Gewissheiten auszukommen. Auch das unter scheidet sie von ihren Eltern. Das „eigene Leben“, selbst komponiert und selbst verantwortet, erstreckt sich als riesiger Möglichkeitsraum vor ihnen. Und jeder muss entscheiden, ob er es als Vakuum fürchtet oder als Freiraum entdeckt. Bei nicht wenigen gewinnt man den Eindruck, als sehnten sie eine übergeordnete Instanz zurück,


die mit Erklärung, Orientierung und, wenn nötig, mit Strenge durchs Leben führt. Ein verständlicher Wunsch angesichts des Drucks, sich permanent neu entscheiden zu müssen, und der Angst, an irgendeiner der zahlreichen Weggabelungen falsch abzubiegen. Die Elterngeneration erlebte, wie dramatisch sich alle Verhältnisse durch Krieg, Vertreibung, Inflationen ändern können. Wandel bedeutete Leiden. Die Global Generation lebt mit dem Bewusstsein, Wandel nicht einfach hinzunehmen, sondern ihn zu gestalten. Er ist eine der wenigen Konstanten ihrer Biografie. Über ihrer Bastelei an den eigenen Biografien kommt den Globos das Träumen abhanden. Statt FlowerPower und „Für eine bessere Welt“Protest kultivieren sie einen coolen Pragmatismus, der seine Bezugs- und Belohnungspunkte im Hier und Jetzt festlegt. Utopien liegen ihnen fern.

Mündige Weltbürger „One World“, die eine Welt, un mundo unido: Die Parole gilt ihnen als Feststellung und Forderung zugleich. Einerseits pointiert sie das Lebensgefühl, freudig über die gefallenen Grenzen hinwegzuschreiten. Gleichzeitig benennt sie eine gigantische Aufgabe: Die Welt als Ganzes ist ihr zu Obhut und Pflege anvertraut. Politiker hält man für überfordert. Unternehmen wird misstraut. Der UNO haftet das Image der Ohnmacht an. Und dennoch müssen für mehr globale Probleme

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globale Lösungen gefunden werden denn je. Von wem, wenn nicht von mündigen, vernetzten Weltbürgern? Auf der Tagesordnung stehen Raubbau an den Energievorräten und Regenwaldabholzung, Energievergeudung und Erderwärmung, Artenschwund und Wüstenausbreitung, Aidsepidemie und Drogenhandel sowie so komplexe Probleme wie Armut, Bevölkerungswachstum oder Bürgerkriege. So viel Verantwortung macht schwindlig. Nicht jeder stellt sich ihr. Die Verführung ist groß, global zu denken, um lokal nicht handeln zu müssen. Einar zum Beispiel glaubt nicht „an den Quatsch mit der Klimakatastrophe. Alles Panikmache. Und ehrlich gesagt: Wenn es in Island wärmer würde, hätte ich nichts dagegen.“Gheena sorgt sich um das Aussterben von Tieren und Pflanzen. Der Nationalpark am Rande von Nairobi kommt ihr vor wie „eine kleine Arche“, es sei traurig, dass wilde Tiere immer weniger Platz zum Leben hätten. Aus dem Fernsehen weiß sie, dass in Brasilien die Tropen wäl der brennen. Aber es tröstet nicht, dass woanders alles noch viel schlimmer ist. Die Globos erforschen auf ihren Reisen fremde Mentalitäten, spüren Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf. Wer, wenn nicht sie, hat das Zeug zum Unterhändler eines kommenden „Common Sense“? Sie verteidigen keine Heimat, hängen ihr Herz nicht an Hymnen. Ohne der Illusion zu verfallen, da sei ein Heer von Gutmenschen unterwegs, halte ich ihre umfassende Perspektive für einen ungeheuren Fortschritt. Sie fördert den sorgsamen Umgang mit der blauen Kugel, lenkt den

Blick auf die Rahmenbedingungen des vernetzten Lebens. Die blaue Kugel ist beschränkt in der Kapazität für Milliarden Menschen, limitiert im Ertragen ökologischer Lasten, fragil im Ausbalancieren kultureller Konflikte. Darauf wir. Keine Chance auszuwandern. Wir müssen auskommen mit dem, was wir haben. Vor allem aber miteinander. Die Globos haben erkannt, dass sie Teil eines größeren Ganzen sind. Die Erde ist ihr Ort. Michael Gleich ist Koordinator von Culture Counts. www.culture-counts.de

Nicolas Kremershof (rechts) 2008


Anhang Mayuko Suzuki »» 1982 in Tokio, Japan geboren »» 2001 - 2005 Studium des Fachbereichs Bildhauerei an der Tama Art University in Tokio, Japan 2006 Gastmagisterstudium an der Tama Art University in Tokio, Japan

Michiko Nakatani »» 1981 in Tokio, Japan geboren »» 2001 - 2005 Studium der Fachbereich Bildhauerei an der Tama Art University in Tokio, Japan »» 2005 Umzug nach Deutschland »» 2006 Gaststudium an der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden »» seit 2007 Hauptstudium bei Prof. Martin Honert an der HfBK Desden

Nakaya Sato »» »» »» »» »»

2001年 渡欧 ヨーロッパ各地を旅 し、イギリスに移り住む 2002年 Camberwell College Of Arts, Foundation Course(アート基礎コ ース)入学 2003年 University Of The Arts ndon(Camberwell College Of Arts) 写 真専攻 2005年 同校を中退 ヨーロッパ各 地を再び旅する 2006年 帰国  現在 フリーランス フォトグラファー、アシスタントフォトグラ ファーとして活動中

Tamayo Misawa »» geboren 1975 in Tokyo, Japan

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»» wohnen und arbeiten in Dresden »» Studium an der Kunsthochschule Musashino, Tokyo »» Studium Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin »» seit 2004 Hochschule für Bildende Künste Dresden

Ulala Okuda »» geboren in Tokio, 1990 »» 2002-2008: Ausbildung an Myojo Gakuen junior / high School, Tokio »» 2007: Auftragsarbeit beim Soas World Music Sommer School 2006 in London, England »» Erste Einzelausstellung Die Tiere, die Urara Okuda malt in Hachioji Kunst- und Kulturvereinhaus in Tokio, Japan

Yurika Seda Keine Biografie vorhanden.

Amirhoseyn Rismanchian My name is Amirhoseyn Rismanchian. I began music with playing „Tonbak“ an Iranian musical instrument. I took part in international film festivals for children and young adults. I am studying Civil Engineering at the University of Isfahan. I wrote some literary criticism and I also took part in some NGOs in Isfahan

Kiana Mahboob

»» Kiana Mahboob, born 1980 in Iran, Esfahan. »» Profession: Master of Painting

Minoo Iranpour »» born 1964 in Isfahan, Iran »» works and lives in Isfahan »» 1984 Art diploma in Isfahan young cinema society »» 1993 B.A in paintig from azad islamic Isfahan & tehran univercity »» 2002 M.A in Art Reserche from Tehran Art university (best student in M.A) »» Art techer in ministery of education and univesity in Isfahan »» Member of manager society of painter in Isfahan

Nasibeh Moazeni My name is Nasibeh Moazeni. I am born in Isfahan, Iran and I am 22 years old. I am interested in Iranian painting and have been painting since I am 7 years old. I am playing an Iranian music instrument named Tar which is another artistic activity of me. I am also very interested in reading about different cultures. I had exhibitions of my paintings in Isfahan. Currently I am studying translation in university.

Neda Hoveida Born in Iran, Isfahan in 1973 Master of since art and Painter and Teacher at the art university in Isfahan, Bozorgmehr.

Parisa Darouei

Keine Biografie vorhanden.

Rayehe Aghili My name is Rayehe Aghili. I am born in Isfahan in 1987. I became familiar with Santur, an Iranian musical instru-


ment and then I became familiar with Tar. I have learned calligraphy many years ago. I took part in the Festival of film for children and young adults and in NGO of film in Isfahan and in some others NGOs. Now I am studying Sociology in Isfahan University. I also worked in a library and in an institute besides my studying for teenagers which have physical and mental problems.

Tahmoores Bahadorani Keine Biografie vorhanden.

Joel D. Poischen Keine Biografie vorhanden.

Dylan Richardson Richardson currently resides in Vermont, having recently attended the Hallmark Institute of Photography in Massachusetts. Blending various interests, including music, environmental, and political issues, Richardson aspires to bring issues that don‘t always surface in corperate media to the attention of all. He covers the performance series at the Vermont Jazz center as well as for bands including The Alchemystics and Mo Umbassa. He is currently persuing a more photo-journalist approach through documentary projects including doing work for Unite For Sight in India this winter. Richardson is currently putting together imagery from an extensive body of work taken during a trip seven month trip throughout Asia and West Africa.

Angela Murr Angela Murr (geb. 1974) bespielt Räume durch konzeptionelle Installationen, die durch unterschiedliche Materialien und Medien verknüpft sind. In ihren Arbeiten spielt die Wahrnehmung von Orten und Situationen eine Rolle, die sie abstrahiert und durch eingefügte Irritationen in einen erweiterten Kontext stellt. So entstehen surreale Raumbilder, die durch die Verschmelzung assoziativer Sichtweisen geschaffen werden. Nach ihrem Architektur-, Kunst-, Film- und Pädagogikstudium an der Universität Stuttgart, Edinburgh College of Art, der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und Filmakademie BadenWürttemberg lebt sie in Straßburg, wo sie sich verstärkt mit Fragestellungen zur Raumwahrnehmung in einer von permanent fortentwickelten Informationstechnologie bestimmten Welt auseinandersetzt.

Emil Meier »» geboren am 12.09.1985 1991-1996 Volksschule - Leifers »» 1996-1999 Mittelschule - Leifers »» 1999 -2000 Einjähriger Grundlehrgang für Handwerkliche Berufe (Tischler/Schlosser/Elektriker/ Maler/Maurer) - Bozen »» Seit 9.2005 Ausbildung als Holzbildhauer in der Schnitzschule Elbigenalp – Elbigenalp - Tirol (Österreich) »» 08.2006 und 08.2007 4-wöchiges Praktikum als Vergolder und Restaurator bei Restaurator Helmut Krump – Kimpling (Oberösterreich)

Franz Dietrich »» *15.06.1982 in Offenbach a.M. »» Schulabschluss: 2001 erreichen der allgemeinen Hochschulreife an der Ludwig Geißler Schule in Hanau »» Studium: 2003 beginn des Studiums der Visuellen Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach »» 2004 Spezialisierung des Studiums auf den Fachbereich Bühnen- und Kostümbild bei Prof. Rosalie und Claudia Billourou und Dreidimensionale Arbeiten bei Wolfgang Luy »» 2006 Vordiplomsprüfung im Fach Bühnen- und Kostümbild

Matthias Gephart »» *1972 i n Bochum, Abitur 1991 »» 1992 - 1995 Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf »» Studium Germanistik, Medienwissenschaft, Geschichte »» 1995 - 2003 Hochschule für angewandte Kunst Dortmund: Studiengang Visuelle Kommunikation / Grafik Design »» Diplom bei Prof. Fons Hickmann, Universität für angewandte Kunst, Wien »» 2003 - 2006 Freiberufliche Arbeit als Illustrator und Grafikdesigner in Dortmund, Gründung des Bureau Disturbanity_Graphics »» 2007 Umzug nach Berlin - Leben und Arbeiten in Berlin und im Ruhrgebiet


Nino Maskola »» 1989-2004: Grundschule und Gymnasium in Aschaffenburg und Seligenstadt »» Abschluss: Abitur »» 2004 - 2006: Gemeinschaftliches Atelier „Ftudio“ in Helsinki, Finnland »» Seit 2006 Ausbildung an der Kunsthandwerklichen Fachschule für Holzbildhauerei in Elbigenalp, Österreich

Patrick Criscione »» geboren in Bad Säckingen am 27.01.1980 »» Freischaffender Künstler (Grafik, Malerei, Illustration, Zeichnung) »» wohnhaft in Freiburg i.Brsg »» Ausbildung: 2002-2006 Studium der bildenden Kunst und freien Malerei an der freien Hochschule für Grafik-Design und bildende Kunst in Freiburg

Jun Matsuura He dibujado desde niño. Me gusta crear mis propias historias, aunque para vivir he trabajado mucho con el mundo del cine, sobretodo en „ Storyboards „, teniendo muy buenas experiencias. Para mi el dibujo es una herramienta imprescindible que me ayuda a sacar todo lo que me pasa por la cabeza. Me gusta el dibujo rapido, por lo que mis tecnicas preferidas son el lapiz, la acuarela, y el pastel. Trabajo siempre con figura humana, que ha sido siempre mi tema central.

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Maike Täubert Keine Biografie vorhanden.

Marc Doradzillo »» japan ische Grundschule »» Gymnasium (Düsseldorf) und Universität (Freiburg) »» Ausbildung zum Juristen »» Presse- und Bandfotografie neben des Studiums »» mehrjährige Arbeit im eigenem SW-Labor »» seit 2003 freiberuflicher Fotograf/ Videodokumentar in Freiburg »» seit 2003 Ausstellungs- und Performenceplaner und Techniker im Kunstverein Freiburg e.V

Nicolai Hertle Nicolai Hertle, geboren 1981 in Kirchzarten. Anfänglich vor allem inspiriert durch seine Kindheit die er in weitenTeilen in Westafrika verbrachte, erwächst mit der Zeit ein durch den Kontakt mit unterschiedlichsten Kulturen geprägt und mit Lust an der fliessenden Form gewürzter Stil. NH´s graphischen Arbeiten suchen die Schnittstelle zur Skulptur.Die Verbindung von Microcontrolern, Soundequipment, Licht und dem lebendigen Werkstoff Holz sind momentan im Fokus des Künstlers. Dabei kehrt er immer wieder zur reinen Holzarbeit aus einer Hand zurück.

Terashima Daisuke Keine Biografie vorhanden.


GRUSSWORT

Hauptsponsor Planetopia für Global Generation

Verehrte Global Generation! Die heute auf unserem Planeten lebenden Generationen sind jene, die unter dem Einfluss der Globalisierung aufgewachsen sind; viele Jugendliche kennen den Zustand der Welt zuvor nur aus Gesprächen mit Älteren, Schule und Medien. Die Globalisierung ist eine Entwicklung, der sich kaum einer entziehen kann – sie ist da und beeinflusst unser aller Leben, man kann nicht gegen oder für sie sein – da verhält es sich wie beim Wetter: Sonne oder Regen, das Wetter ist immer da. Also muss man etwas daraus machen – aus dem Wetter wie auch der Globalisierung. Einer der wichtigsten Protagonisten der Globalisierung ist zweifellos das Internet: Es hat die Welt radikal verkleinert: Jeder kann mit fast jedem in Kontakt treten und bleiben, egal, wo er sich befindet. Das Exotischste heute ist ein Funkloch oder ein Winkel hinterm Mond ohne Internetzugang: Da fangen dann oft die letzten echten Abenteuer an. Austausch von Wissen und Meinungen ist für viele denkbar einfach geworden. Die Welt ist kein gigantischer Planet mehr, der durchs All jagt, sondern ein global village, ein kleines Dorf, bestehend aus Abermillionen Postfächern. Kontinente, Länder, Kulturen sind durch das Internet noch enger zusammengerückt denn durch die BilligAirlines dieser Welt, die es mittlerweile vielen Menschen ermöglichen, „mal eben“ an Ziele zu gelangen, von denen unsere Großeltern nur zu träumen wagten. Waren ausgefallene Ziele bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts noch von Abenteuergeist und

Exklusivität geprägt, so ist folgende Reaktion schon fast die Regel: „Nach Feuerland wollt ihr? Gute Idee, da empfehle ich euch das Fischrestaurant direkt am Hafen von Ushuaia.“ Diese Zeit, deren Möglichkeiten die Menschen enger zusammenrücken lässt: Wird sie die Lebensentwürfe der jungen Menschen verändern? Werden die markanten Unterschiede zwischen den Kulturen abgeschliffen oder verfestigen sie sich weiter? Trägt das global village mit seiner permanenten Unruhe, überall dabei sein zu können, gar müssen, zu einem Zustand höherer Zufriedenheit bei? Wird Nachdenklichkeit und Besinnung auf Wesentliches ersetzt durch eine lebenslange Jagd nach dem, was vermeintlich für jeden da ist und das man sich nur abholen muss, ja, was offenbar jedem schlichtweg zusteht? Immerhin vermitteln viele Politiker dies, wenn sie inflationär mit dem Stichwort der sozialen Gerechtigkeit auf Menschen- und Wählerstimmenfang gehen. Werden in dieser Zeit nicht irrationale Begehrlichkeiten weltweit und parallel in großem Stil geweckt? Die Politik bleibt viele Antworten schuldig – und umso mehr lohnt es sich, in das hineinzuhören, was junge Menschen auf diesem Planeten von ihrem Leben erwarten, welchen Entwurf sie in den ersten Dekaden für ihr Leben anfertigen, welche Träume sie für dieses eine Leben haben. Möglicherweise kommen sie mit den neuen Gegebenheiten viel besser zurecht als ältere Generationen: Wer nur den Euro erlebt hat, wird keine Ver-

gleiche zu D-Mark-Zeiten im Kopf mit sich schleppen. Doch auch die Älteren sollten eigentlich wissen: Früher war durchaus nicht alles besser. Planetopia, das wöchentliche Wissensmagazin in Sat.1 (jeden Sonntag um 22:45) setzt mit seinen Themenwelten auf Generationen, die vieles wissen wollen, die Wissen als Bereicherung der eigenen Möglichkeiten begreifen, die Bildung als wichtigste Option begreifen, den eigenen Lebensentwurf anzupacken. Insofern unterstützen wir gerne dieses Projekt, dass die Fragen nach der Zukunft dort stellt, wo sie anliegen: Bei der Global Generation. Auf die Antworten, die gefunden werden, darf man gespannt sein. Ich wünsche diesem Projekt viel Erfolg und gute weitere Perspektiven. Josef Buchheit Produzent Planetopia (News and Pictures) Mainz, im Juni 2008


Dank

Wir wollen uns hiermit ganz herzlich bei sämtlichen Unterstützern, Helfern und Freunden des Projekts bedanken. Die ewige Floskel, dass es ohne sie nicht gegangen wäre, steht auch hier fundamental auf der letzten Seite des Projektbuches.

stein, des Goethe Instituts Freiburg, F. Schildecker Gartenbau und der Stiftung der Landesbank Baden-Württemberg. Junges Freiburg ist unsere absolute Nummer eins im Freiburger Rathaus, und wir bedanken uns ganz herzlich für ihren tatkräftigen Einsatz.

Allen voran gilt es unseren beiden Hauptsponsoren Fortis und Planetopia zu danken. Nicht allein für die großzügige Hilfe und die unkomplizierte Zusammenarbeit: Das große Vertrauen aus der Wirtschaft ehrt uns sehr. Gleiches ist für die Unterstützung des Kulturamts Freiburg zu formulieren. Zusätzlich zum Projektzuschuss ist vor allem die Bereitstellung des Gastateliers L6 zu erwähnen.

Weiterhin wollen wir ein großes Dankeschön an die folgenden Unterstützer wenden:

Hervorzuheben ist auch das wichtige Engagement der Sprachschule Ehr-

Gefördert durch Hauptpresenter

Förderer & Unterstützer Kulturamt

Medienpartner

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Albert-Ludwigs Universität Freiburg, Langenscheidt, Carl Schurz Haus, Landeszentrale für politische Bildung, Literaturbüro Freiburg, Internationales Referat Stadt Freiburg, Culture Counts Foundation, Computer Store Freiburg, Freundeskreis Freiburg-Isfahan, FRWlan, Kunstverein Freiburg, SWO – Kunstportal Baden-Württemberg, Mundologia, The Journal of Urban

Youth Culture, Institut Digar Isfahan, Painting Society Isfahan. Folgenden Personen gilt besonderer Dank: _Martin Kranz für das Vertrauen und die kompetente Beratung _Lilian Kerig für innovatives Innendesign _Manabu Daimon, unsere Brücke nach Japan _Fatima und Ansgar Chahin-Dörflinger für das Fußfassen im Iran _Irmgard Maassen, unser Jungbrunnen Natürlich wäre es ohne unsere Familien einmal mehr nicht gegangen, denn auch die Global Generation braucht Mut, Liebe, Zuversicht und einen Ursprung. So was kommt nicht von ungefähr.


Herausgeber Artoholics e.V. Wiesentalstrasse 21a D-79115 Freiburg im Breisgau Phone +49 (0)761 450 7667 info@global-generation.net www.global-generation.net www.artoholics.de Projektleitung Oliver Kremershof Robin Resch Organisationsteam Lennart Siebert Oliver Kremershof Robin Resch Mitorganisation Sabrina Roesner Sebastian Sadowski Tanja Rochow

Dolmetscher Manabu Daimon Internetpräsenz Sebastian Sadowski Büro für Grafik und Webdesign www.23grad.com Gestaltung und Konzeption Nicolas Kremershof n.kremershof@gmail.com Das Projekt und die Ausstellung Global Generation ist eine Initiative des gemeinnützigen Vereins Artoholics e.V. © Alle Rechte an Inhalten vorbehalten. Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers.


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Global Generation 2008  
Global Generation 2008  

Ausstellungskatalog des interkulturellen Projekts des Artoholics e.V. im Juni 2008 in Freiburg, Deutschland.

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