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Massanzug & Bordsteinkante DANACH

Ist die Redaktion der Weltwoche in sich auch so dialektisch? Kritiker - und derer gibt es genügend - meinen, Sie hätten unliebsame Journalisten aus der Redaktion entfernt. Sicher, es hat schon einige Ab- und Zugänge gegeben; ich meine, wir waren tief in der Verlustzone und die Redaktion war schlicht zu gross für die Zeit der Wirtschaftskrise. Die Weltwoche ist aber viel offener als man meint. Als ich damals Mörgeli neben Bodenmann gesetzt habe, war das ein Affront! Wir bringen auch viele linke Journalisten bei uns, doch häufig sagen diese: Nein, für die schreibe ich nicht, bei denen will ich nicht erscheinen! Ich persönlich finde das schade, denn ich bin sehr interessiert an der Debatte. Ein Journalist muss doch die besten Argumente aufspüren und sich nicht hinter einem politischen Trachtengrüppli verstecken. Aber oft darf man die Tatsachen ja gar nicht mehr beim Namen nennen, man wird sofort in eine Ecke gedrängt. > Wer dem Mainstream in der Konkordanzdiktatur nicht folgt, wird schnell angefeindet. In persönlichen Gesprächen, die ich vor und nach dem Interview mit Freunden führe, wird genau dieser Sachverhalt immer wieder lamentiert. Die Schweiz sei ein Land der Mediokrität, ein Mann wie Blocher (auf welchen wir noch zu sprechen kommen) oder ein Mann wie Köppel ist gut beraten, nicht zu polarisieren. Doch ist es nicht gerade das, was die politischen Positionen im Land abbildet, ist es nicht das, was den Mehrwert der Weltwoche als Wochenzeitung ausmacht? Um in „ausgefahrenen Gleisen“ zu fahren, braucht es keine Weltwoche, meint Köppel, und beweist mit steigenden Leserzahlen, dass er so falsch nicht liegen kann. < Oder?

Ich sehe Sie ein bisschen in der Tradition von Tina Brown, gefeierte Chefredaktorin des New Yorkers, die in einem Interview mit Ihrem Magazin postulierte, eine Wochenzeitung müsse sich positionieren, um wahrgenommen zu werden. Nun steht das aber in scharfem Kontrast zu dem was Kurt Schildknecht, ebenfalls in Ihrem Magazin, behauptete, nämlich dass es gerade die neutralen Medien (20min, News etc.) sind, die florieren. Die einzige Linie auf die sich die Weltwoche festlegen liesse, ist die, dass sie gerne überrascht. Ständig die gleiche Position zu beziehen ist langweilig, und ein Kampfblatt für eine Partei wollte die Weltwoche nie sein. Nur, als intelligentes Blatt muss die Weltwoche eine gewisse Stringenz in ihrer Argumentation bewahren, ein „Economist“ wird auch nicht von heute auf morgen die Marktwirtschaft verurteilen. So ein Kurs wird schnell unglaubwürdig.

Politisch aktiv oder nur die Nestwärme spürend? Ich hatte eigentlich schon als Schüler eine Abneigung gegen politischen Aktivismus. Man ist einfach ein bisschen pro-Öko, ziemlich antiBlocher gewesen, und die Schweiz war für uns so oder so ein „Auslaufmodell“.

Die Weltwoche ist aber bürgerlich und liberal, daran gibt es keinen Zweifel. Sicher, aber als solche müssen wir für jede Debatte offen sein und auch denen eine Plattform bieten, die uns nicht schätzen.

Wann vollzog sich Ihre politische Wende? Endgültig wohl als Chefredaktor vom Tagi-Magi. Wenn man um Inserate werben muss, kommt man zwangsläufig mit den unternehmerischen Sphären in Kontakt, und für mich mit meinem linken Background war das wie eine neue Welt. Ich stellte dann schnell fest, dass meine Ansichten wohl teils ziemlich illusionär gewesen sein müssen.

Waren Sie immer schon bürgerlich und liberal, oder anders gefragt: Was hat Sie bewegt, als Sie rauchend aufs Tram fürs Feierabendbier nach der Vorlesung gewartet haben? (lacht) Ich habe nie geraucht, und trinke auch nicht. (Ich muss hier nachhaken, das sprengt meinen Vorstellungshorizont) Neben dem Studium habe ich viel gearbeitet, habe mich intensiv mit Film, Musik, Sport und Kultur beschäftigt, worüber ich letztlich auch geschrieben habe. Aber ob Sie das glauben oder nicht, ich war relativ gut integriert in den linken Kreisen damals.

> Roger Köppel konnte dieses Weltbild sogar gegenüber dem intellektuellen Druck des Wirtschaftsgeschichtsstudiums verteidigen, obschon er sich als „intellektuell sehr neugierig“ bezeichnet. Die Aufzählung der Professoren, Autoren, Philosophen (Braun, Habermas, Lübbe, Schmid; Infos hierzu unter www. akademikerzeitung.ch), die ihn während seiner Studienzeit inspirierten, nachdenklich machten, bestätigt sein Selbstbild. Er ist immer noch leidenschaftlicher Leser, ein Eklektiker, der aus Versatzstücken mit Hingabe etwas Neues, Ganzes formt. Und das, sagt er, versucht er auch

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