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Ave Matura THEMA

Maturitätsquote im Sinkflug Seit Jahren sinkt im Kanton Aargau die weit unter dem schweizerischen Durchschnitt liegende Maturitätsquote. Über mögliche Ursachen und Lösungen ist im Kanton Aargau eine kontroverse Diskussion entbrannt. Ein Denkanstoss von Emanuel Staubli, Alte Kanti Aarau, G1G

Die Situation alarmierend, denn sowohl bei der Gymnasialen als auch bei der Berufsmaturitätsquote ist ein Abwärtstrend erkennbar. Im Jahr 2006 lag die gymnasiale Maturitätsquote 7%, die Berufsmaturitätsquote 3% und die allgemeine Maturitätsquote 10% unter dem Schweizer Durchschnitt, was dem Kanton Aargau den drittletzten Platz im kantonalen Vergleich bescherte. Die Abschaffung der „guten alten Bez“ (im Zusammenhang mit dem Bildungskleeblatt) ist eine oft zitierte Patentlösung in diesem Fall. Die Statistik beweist aber, dass diese Massnahme nicht genügen würde. Im Jahr 2006 haben 70% der Bezirksschüler einen Notendurchschnitt von 4.4 oder höher erreicht, womit man an einer Wirtschaftsoder Fachmittelschule zugelassen wäre. 45% der Bezirksschüler haben sogar einen Notendurchschnitt von 4.7 oder höher erreicht und sich damit den Zugang zum Gymnasium gesichert. Trotzdem traten 18.3% der Bezirksschüler, die den erforderlichen Notendurchschnitt erreicht haben, nicht ins Gymnasium ein, sondern schlugen den Weg einer Berufslehre ein. Würden diese Schüler ebenfalls eine gymnasiale Laufbahn wählen, würde sich die Maturitätsquote im Jahr 2006 von 13% auf 16.8% erhöhen.

Folglich erfüllt die Bezirksschule ihren Job gut. Nun gilt es herauszufinden, warum so viele Schüler nicht ins Gymnasium wollen, oder anders ausgedrückt, eine Berufslehre bevorzugen. Ein wichtiger Faktor ist sicher, dass der zentrale Standort Aargau attraktive Lehrstellen zu bieten hat, aber auch eine Lehrstelle am Finanzplatz Zürich oder in der Chemiebranche in Basel ermöglicht. In diesen Branchen herrscht ein hoher Bedarf an qualifizierten, praxisorientierten Fachkräften. Des Weiteren sollte man beachten, dass sich die Jugendlichen bei ihrer Ausbildung an der Elterngeneration orientieren (auch ‚integrationelle Bildungsimmobilität’ genannt). Da im Aargau Berufsgruppen dominieren, in welchen die Berufslehren einen hohen Stellenwert haben, ist es für viele nicht nahe liegend, eine akademische Laufbahn anzutreten. Für den Jugendlichen von heute ist es ebenfalls wichtig, sich neben Schule oder Arbeit ein attraktives Freizeitprogramm zu ermöglichen. Da Ausgang, Sport und Kleidung aber nicht gerade billig sind, scheint das karge Budget eines Schülers nicht jedem akzeptabel und so wird oft eine Lehre bevorzugt. Aber auch eine neunjährige, teilweise monotone Schulkarriere mit nicht immer zeitgenössischen Lehrmitteln

(zum Beispiel dem FranzösischLehrmittel der Oberstufe „Portes Ouvertes“, wo Lektionsthemen wie z.B. ein „Flohzirkus“ nicht unüblich sind) weckt auch nicht unbedingt Lust auf mindestens vier zusätzliche Schuljahre. Das Gymnasium scheint aber vor allem für junge Männer, deren Abwesenheit besonders hoch ist, wegen der Sprachlastigkeit nicht sehr attraktiv zu sein. Für die tiefe Maturitätsquote ist möglicherweise auch die doppelte Selektion im Kanton Aargau mitverantwortlich. Im Aargau wird Ende der fünften Klasse selektioniert und dann nach der Bezirksschule ein weiteres Mal für das Gymnasium. Von Bedeutung ist ausserdem, dass die Maturitätsquote mit dem Wirtschaftswachstum korreliert. Deshalb ist es von erheblichem Interesse, diese ohne einen Qualitätsverlust zu erhöhen, damit der Kanton Aargau über genügend qualifizierte Arbeitskräfte verfügt und somit für Unternehmen attraktiv bleibt. Ob die Anhebung der Maturitätsquote nun mit besserer Information über das Gymnasium und die Perspektiven, die sich damit eröffnen, mit mehr Motivationsarbeit, neuen Lehrmitteln oder durch eine Änderung der Schulstruktur erreicht werden kann, würde sich nach einer genauen Studie der Ursachen für die tiefe Quote zeigen.

NAKT #1 Ave Matura  
NAKT #1 Ave Matura  

Die erste Ausgabe der NAKT Neue Aargauer Kantizeitung Troubadour

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