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Es läuten die Glocken – Das Paulusviertel ist eine der beliebtesten Wohngegenden in Halle (06/11) Von der Schlafstadt zur Waldstadt – Die Silberhöhe hat heute mit Imageproblemen zu kämpfen (07/11) Mediterranes Flair im Künstlerviertel – Kröllwitz ist in Halles Norden Rückzugsort und Ausflugsziel zugleich (08/11) Am Anfang eine Lotterie – Beim Hausbau im Dautzsch gab jeder alles (09/11) Lebendig trotz Friedhof und Galgenberg – Die Anwohner des Landrains schwören auf den dörflichen Charakter ihres Kiezes (10/11) Ein Gesundbrunnen für Leib und Seele – Der gleichnamige Stadtteil wird durch Sportstätten und grüne Idylle geprägt (11/11)

Mitten im Leben. Mitten in Halle.


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Es läuten die Glocken

Das Paulusviertel ist eine der beliebtesten Wohngegenden in Halle Wer in Halle wohnt, kennt das HändelDenkmal, die Marktkirche oder die Franckeschen Stiftungen. Aber wissen Sie auch, was in Ihrer unmittelbaren Umgebung sehenswert ist? Die unterschiedlichen Facetten hallescher Stadtteile stellen wir in einer Serie vor.

Wer nach Halle zieht und auf der Suche nach einer Wohnung in einer schönen Gegend ist, dem wird zumeist das Paulusviertel empfohlen. Warum? Ganz einfach: Hier leben viele junge, gebildete Menschen; es gibt wunderschöne renovierte Häuser mit prächtigen Vorgärten; es ist zentral gelegen und doch relativ verkehrsarm. „Ich lebe gern hier!“, erklärt Karla Fischer. Man grüße sich untereinander, dazu gebe es viel Grün. Besonders die sternförmige Anordnung der Straßen gefalle ihr, sagt Fischer, die seit 2007 Kinderärztin im Paulusviertel ist. Und auch Heidrun Kaufmann vom gleichnamigen Kuchenladen ist von ihrem Stadtteil überzeugt: „Das Ambiente ist wundervoll,

nicht zu vergessen die freundlichen Leute“, schwärmt die Hallenserin, deren frisch gebackene Kuchen im Paulusviertel mittlerweile legendär sind. Bürgerwall zum Erhalt des Viertels Anfang 1990. (Foto: privat)

Entstehung des Paulusviertels 1870 noch bestand das Gelände rund um den Hasenberg überwiegend aus Weide- und Ackerland. Aufgrund zweier Quellbäche war es hier recht sumpfig (was die häufig feuchten Keller von heute erklärt). Lediglich zwei Straßen führten durch diese Gegend: die Feld- und die Ackerstraße (heute Humboldtstraße). Obwohl das Land für eine Bebauung ungeeignet war, machte das rapide Bevölkerungswachstum in Halle eine Erschließung des Nordostens notwendig. Einen ersten Bebauungsplan gab es 1878. In ihm wurde der Hasenberg wegen seiner natürlichen Höhe als Zentrum festgelegt. Von ihm aus sollten zwei Ringund acht Radialstraßen verlaufen – eine Anordnung, die das Viertel heute so speziell macht. Markant ist auch die Pauluskirche, für die   der erste Spatenstich am 25. Juli 1900 erfolgte. Im Gegensatz zu heute gehörten 25 Prozent der Menschen, die um die Zeit um den damaligen Kaiserplatz (heute Rathenauplatz) wohnten, zu den unteren Schichten. Das lag an der

sogenannten Segregation: Während die besser gestellten Familien im Vorderhaus lebten, waren im hinteren Bereich, ganz oben oder Souterrain, die Arbeiter und Witwen beherbergt. Dazu gab es an den Randlagen des Viertels ganze Straßenzüge, die nur von Arbeitern bewohnt waren. Der drohende Verfall Zu DDR-Zeiten hingegen war das Paulusviertel wegen seiner großen Wohnungen mit den hohen Wänden vor allem bei Akademikern, Ärzten und Freunden der Partei beliebt. Wer hier wohnen wollte, brauchte Beziehungen und die richtige Einstellung, denn ab 1949 sind die einst prächtigen Bauten zunehmend verfallen. Mit einer Miete von 109 Mark für 150 Quadratmeter (Stand: 1981 – heute liegt der Preis bei dem Zehnfachen) war eine Renovierung nicht finanzierbar. Die Mieter mussten sich, wenn möglich, selbst helfen und „besorgten“ Gasheizung und Co. Viele sagen: Wäre die Wende nicht gekommen, wäre in spätestens zehn Jahren die Bausubstanz endgültig am Ende gewesen. Im Herbst 1989 gründeten engagierte Bewohner um Hanna Haupt, die zu der Zeit aus Thü-


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Das Paulu

sviertel

Der Hausbesuch Friedhelm Kasparick ist Pfarrer in der Paulusgemeinde. Der 49-Jährige wohnt seit sechs Jahren mit seiner Familie in einem sanierten Altbau in der Adolf-von-Harnack-Straße. Wir haben ihn besucht.

Durchschn ittsalter: 36 ,5 (Stand: 3/ Einwohne 11) r: 11.732 (S tand: 12/10) Fläche: 1,0 8 km² Mietspiege l: 5,64 €/ m ² (40 - 80 m

Kinder demonstrieren für 'Tempo 30' in der Humboldtstraße. (Foto: privat)

ringen zugezogen war, die „Bürgerinitiative Paulusviertel“ (BI), die sich die Verschönerung und Entwicklung des Stadtteils zum Ziel setzte. „Wir waren damals noch naiv. Zum Beispiel erstellten wir Listen mit leerstehenden Wohnungen, dabei ging der größte Teil der Häuser sowieso zurück an die Privateigentümer“, erinnert sich Hanna Haupt. „Zu unseren ersten Forderungen gehörte 'Tempo 30' und die Regelung 'rechts vor links' – beides wurde erst vor etwa zehn Jahren realisiert.“ Die heute 63-Jährige ist stolz auf die zahlreichen Aktionen, die sie gemeinsam mit der Bürgerinitiative in die Wege geleitet hat. Zu den bekanntesten zählt das traditionelle Paulusfest im Mai, zu den jüngsten der „Familiengarten“ auf der Grünfläche am Jugendamt (Schopenhauerstraße). Im Übrigen sind engagierte Bürger im Paulusviertel

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Stand: 4/11 ) Arbeitslose nzahl: 2,7 % (Stand: 3/ Stärkste P 11) artei (Wahl 2011): CDU Wahlbeteil 23,6 % igung: 53,2 % Besonderh eit: 24h-Ed eka und T platz ennis-

Tradition. Bereits 1903 gab es den „Verschönerungsverein“, der sich aktiv mit der Gestaltung des entstehenden Viertels auseinandersetzte. Im Hier und Jetzt Wer heute im Paulusviertel wohnt, weiß, dass es in Sachen Verschönerung noch einiges zu tun gibt. So bemängeln Anwohner die wenigen Parkmöglichkeiten, den schlechten Zustand der Straßen und die oft von Wurzeln zerbrochenen Gehwege, die vor allem Eltern mit Kinderwagen den Spaziergang versalzen. Einige noch unsanierte Häuser stehen zwischen prachtvollen Bauten im Jugendund Gründerstil. Besucher schlendern gern durch die breiten, verkehrsberuhigten Straßen, bewundern die restaurierten Ornamente und die Pauluskirche auf dem Hasenberg, auf dem man nicht nur im Sommer wunderbar entspannen kann. All das macht den Stadtteil zu einem der schönsten in Halle. 1 

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Wieso dieses Haus? Erstens gefällt uns die Lage und zweitens die Leute, die hier wohnen. Außerdem muss ich als Pfarrer in der Gemeinde präsent sein, und ich habe einen Arbeitsweg von nur drei Minuten. Wie würden Sie den Geruch Ihrer Wohnung beschreiben? Es riecht nach Holz. Die Dielen, alte Türen und viele unserer Möbel sind aus Holz. Kennen Sie eigentlich Ihre Nachbarn? Ja. Wir sind drei Familien mit Kindern und alle sind sehr tolerant. Da kann man auch abends noch Musik machen. Was hören Sie, wenn die Fenster offen sind? Vor allem die Straßenbahn und Autos. Nicht das Glockenläuten der Pauluskirche? Stimmt. Das Abendläuten höre ich 18 Uhr. Manche Leute im Paulusviertel nervt das schon. Andere finden es gut. Was riechen Sie, wenn Sie aus dem Haus kommen? Im Augenblick: einfach Natur. Am Reileck rieche ich dann Benzin. Da freue ich mich immer wieder über unseren kleinen grünen Gürtel vor dem Haus. Was sehen Sie, wenn Sie aufwachen? Die große Pappel im Hinterhof. 1 

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Was ist so besonders am Paulusviertel? Es liegt sehr zentral in Halle und doch sind wir von Grün umgeben. Für mich ist das wie eine Oase.

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In unserer nächsten Ausgabe lesen Sie Teil 2: Silberhöhe Haben Sie Hinweise oder alte Bilder von Ihrem Viertel? Schreiben Sie uns an: 9 Redaktion@Tempo-in-Halle.de oder per Post: Barfüßerstr. 11

Pfarrer Kasparick lebt gern im Viertel. (Foto: Julia Steiner)

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Von der Schlafzur Waldstadt

Die Silber

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Masse statt Klasse: Die Silberhöhe hat heute mit Imageproblemen zu kämpfen Wer in Halle wohnt, kennt das HändelDenkmal, die Marktkirche oder die Franckeschen Stiftungen. Aber wissen Sie auch, was in Ihrer unmittelbaren Umgebung sehenswert ist? Die unterschiedlichen Facetten hallescher Stadtteile stellen wir in einer Serie vor.

Das Stigma hält sich hartnäckig: Silberhöhe? Bloß nicht! Da gibt’s nur „Arbeiterschließfächer” in standardisierten Wohnblocks und überhaupt: Gleicht das Ganze nicht eher einer Betonwüste? „Eben nicht”, sagt Ramona Müller, die wir am „Schneckenbrunnen” des Stadtteils treffen. Sie hat das Kiez-Porträt in der vorangegangenen Tempo-Ausgabe gelesen und sagt: „Bei uns ist es viel grüner als im Paulusviertel.” Wenn man sich umblickt, kann man ihr nur Recht geben: Ein Band mit großzügigen Rasenflächen, Strauch- und Baum-Arealen, Spielplätzen und Kunstplastiken zieht sich vom Gesundheitszentrum im Norden der Silberhöhe südwärts hinunter bis nach Beesen. Der sogenannte zent-

rale Grünzug hat es auch Frank Motzki angetan, der in seiner Silberhöhen-Hymne die Vision einer Waldstadt besingt. „Schon heute kann man an jeder Ecke Kaninchen rumflitzen sehen”, sagt der 62-Jährige. Alles also im grünen Bereich? Nein. Denn auch wenn die Innenwahrnehmung der Bewohner sehr viel positiver ausfällt als die mitunter Klischee-geprägte Einschätzung von außen, hat der Stadtteil in Halles Süden mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen. Problemen, die im Grunde bereits mit dem Bau der Großwohnsiedlung angelegt wurden. Das DDR-Wohnbauprogramm Bis weit in die 70er Jahre war auf der Silberhöhe (der Name leitet sich unserem Leser Helmut Wiebach zufolge von einem angeblich dort vergrabenen Silberschatz ab) nichts. Beziehungsweise landwirtschaftlich genutzte Freifläche. Dann kam das Wohnungsbauprogramm der damaligen DDR-Führung und mit ihm das ambitionierte Ziel, bis 1990 jede Familie mit einer eigenen Wohnung zu versorgen. Weil aus Geldmangel das Prinzip „Masse statt Klasse” galt, wurden in der Silberhöhe zwischen 1979 und 1990 in Windeseile knapp 15 000 Wohneinheiten für bis zu 45 000 Einwohner aus dem Boden gestampft. In die

Durchschn ittsalter: 46 ,7 (Stand: 3/ Einwohne 11) r: 13 199 (S ta nd: 03/11) Fläche: 2,0 4 km² Mietspiege l: 4,22 €/ m ² (40 - 80 m ²-Wohnung

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Stand: 4/11 ) Arbeitslose nzahl: 11,2 5 % (S tand: 3/11) Stärkste P artei (Wahl 2011): Die LINKE 34,3 % Wahlbeteil igung: 29,9 % Besonderh eit: Kleing a rtensparte berhöhe“ a „Siln der Hano ier Straße

Wohnungen zogen, durch die sozialistische Familienpolitik bevorzugt, vor allem junge, oftmals in den nahegelegenen Buna-Werken beschäftigte Ehepaare mit Kindern. Ein Problem war von Beginn an, dass die Schaffung der nachgelagerten Infrastruktur wie etwa Versorgungs- und Freizeitmöglichkeiten oder auch die Gestaltung der Freiflächen, mit dem Rekordtempo des Wohnungsbaus nicht Schritt hielt. In dieser Zeit hatten die stigmatisierenden Begriffe wie „Schlafstadt”, „Wohnklos” oder eben „Betonwüste” ihren Ursprung. Zwei Drittel Einwohner verloren Während die trockenen und fernbeheizten Neubauwohnungen zu DDR-Zeiten angesichts der maroden Altbausubstanz begehrt waren,


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Der Hausbesuch

Das Neubaugebiet Halle-Silberhöhe 1985. (Foto: Thomas Billhardt)

Der Schneckenbrunnen im zentralen Grünzug. (Fotos: Andreas Löffler)

kehrte sich nach der Wende das Bild: Wer es sich leisten konnte, zog in ein Eigenheim in den „Speckgürtel” rund um Halle. Im Zusammenspiel mit jobbedingten Weggängen und dem Auszug der inzwischen erwachsenen Kinder sank die Einwohnerzahl von ihrem Maximalwert von 40 000 im Jahr 1990 bis heute um nahezu zwei Drittel. Die Folge waren erhebliche Leerstandsquoten, die in der Spitze mehr als 30 Prozent erreichten. Um diesem „Nurnicht-als-letzter-übrig-bleiben-Effekt”, wie ihn Karsten Golnik vom halleschen Stadtplanungsamt benennt, Einhalt zu gebieten, wurde ab der Jahrtausendwende mit dem Abriss und dem Rückbau begonnen. Parallel wurden die Anstrengungen bei der weiteren Ausgestaltung des zentralen Grünzugs und der von den Wohnblocks umgebenen Innenhöfe intensiviert. Nach dem selektiven Wegzug ist vor allem die Erstbezieher-Generation in der Silberhöhe geblieben. Damals Mitte/Ende zwanzig, gehen sie heute vielfach auf das

Rentenalter zu und wissen solche grünen Oasen der Ruhe ganz besonders zu schätzen. Bestens vernetzt kennen sie den Kiez wie ihre Westentasche und schwören auf die kurzen Wege: „Zu meinem Hausarzt im Gesundheitszentrum brauche ich nicht einmal fünf Minuten. Und ich habe hier einen richtigen Einkaufspalast”, sagt Roswitha Schulz, der wir im E-Center an der Weißenfelser Straße begegnen. „Ich bekomme alles, sogar einen Fischstand gibt es. Es ist bestimmt kein Zufall, dass auch viele Leute aus Beesen und der Rosengarten-Siedlung hierher zum Einkaufen und Bummeln kommen”, meint die rüstige ältere Dame.

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Angebote für die Älteren Überhaupt wird den Bedürfnissen der älteren Bevölkerungsgruppen mehr und mehr Rechnung getragen. Die Wohnungsgenossenschaften haben eine ganze Reihe von Wohnblocks spezifisch für altersgerechtes, teilweise betreutes Wohnen saniert. In die einstigen Kindertagesstätten ist mit soziokulturellen Zentren und Begegnungsstätten neues Leben eingezogen. Wie etwa die „Schöpfkelle“, die Mittagstisch, Sprach- und Sportkurse, Spiele-Abende, ja, sogar ein kleines Kino anbietet. Freilich: Für jüngere Leute dürfte das stärkste Argument Pro Silberhöhe allenfalls in den günstigen Wohnungsmieten liegen. Es gibt nicht eine einzige Kneipe. Selbst Anreize wie halbierte Kaltmiete habe es schon gegeben, weiß Susanne Knabe, Sprecherin des Arbeitskreises Geographische Wohnungsmarktforschung: „Insgesamt lässt sich noch nicht seriös prognostizieren, wie sich die Silberhöhe langfristig entwickeln wird.” Frank Motzki hält mit seiner Silberhöhen-Hymne dagegen:

Georgia Kroll ist Sozialgeographin am Institut für Geographie der Uni Halle. Die 64-Jährige, die sich im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit wiederholt mit den Entwicklungsproblemen von Großwohnsiedlungen wie eben der Silberhöhe auseinandergesetzt hat, gehörte 1981 mit zu den ersten Bewohnern des Stadtteils und lebt seitdem in einem der typischen Fünfgeschosser in der Stendaler Straße. Wir haben sie besucht. Was ist so besonders an der Silberhöhe? Es ist ein äußerst funktionales und, wenn man so will, praktisches Wohnviertel. Die Wege zu Versorgungseinrichtungen wie ­Supermarkt oder Gesundheitszentrum sind kurz, die Wohnungen pflegeleicht. Wieso dieses Haus? Wir sind hier zu DDR-Zeiten eingezogen. Das heißt, damals bekam man die Wohnung durch die staatliche Wohnraumlenkung zugewiesen. Für uns als junges Ehepaar mit zwei Kindern war der Neubaublock mit Fernheizung und fließend Warmwasser nach 14 Jahren in einer 2-Zimmer-Altbauwohnung mit Kohleofen und Außen-WC das reinste Paradies. Kennen Sie eigentlich Ihre Nachbarn? Sehr gut sogar, zumal nach wie vor einige Erstbewohner wie wir hier wohnen. Man erkundigt sich nach dem Befinden, hilft und packt mit an, wenn diesmal nötig ist, erledigt Besorgungen mit. Was hören Sie, wenn die Fenster offen sind? Glücklicherweise praktisch keinen Straßenlärm, da wir nicht an einer Hauptverkehrsachse liegen. Ansonsten und gerade jetzt im Sommer: Vogelgezwitscher. Was riechen Sie, wenn sie aus dem Haus kommen? Vor der Wende zogen dann und wann Karbidschwaden aus Buna zu uns herüber. Heute riecht es nach Grün und nach Natur. Was sehen Sie, wenn Sie aufwachen? Unseren grünen Innenhof und hin und wieder ein wildes Kaninchen. 1 A n d r e a s LÖ F f l e r

„Manche sind schon weggezogen, Suchten sich ein neues Heim, Bleib doch in der Waldstadt wohnen, Denn wir wollen treu dir sein. Vögel werden Nester bauen, Und sie zwitschern manches Lied, Hasen kann man heut’ schon schauen, Unseren Stadtteil haben wir lieb.”

In unserer nächsten Ausgabe lesen Sie Teil 3 unserer Stadtteilserie: Kröllwitz

Georgia Kroll vor ihrem Wohnblock in der Stendaler Straße.

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Mediterranes Flair im Künstlerviertel

Kröllwitz

Kröllwitz ist in Halles Norden Rückzugsort und Ausflugsziel zugleich Wer in Halle wohnt, kennt das HändelDenkmal, die Marktkirche oder die Franckeschen Stiftungen. Aber wissen Sie auch, was in Ihrer unmittelbaren Umgebung sehenswert ist? Die unterschiedlichen Facetten hallescher Stadtteile stellen wir in einer Serie vor.

Kröllwitz könne das Montmartre Halles werden, meinte vor sieben Jahren „Burg“-Kanzler Wolfgang Stockert. Und tatsächlich gilt der Stadtteil als das heimliche Künstlerviertel. Vor allem Maler hatten und haben die Idylle an der Saale für sich entdeckt: Albert Ebert, einer der bedeutendsten naiven Künstler der damaligen DDR, lebte nach dem zweiten Weltkrieg in der Talstraße. Nach Carl Adolf Senff (Biedermeierzeit) und Wilhelm von Kügelgen (Portrait- und Hofmaler von Ballenstedt) wurden sogar Straßen in Kröllwitz benannt. Bis heute profitieren Maler wie Moritz Götze, Ehepaar Rataiczyk oder ihr Sohn Matthias vom kreativen Ambiente, das mit dem Skulpturengarten des Kunst-

vereins oder „Kunst und Keramik im alten Fischerhaus“ rund um die Talstraße zu spüren ist. Einstiges Fischerdorf mit Fährbetrieb Ursprünglich war der heutige Stadtteil, der sich von der Saale entlang der Gartenanlagen an der Äußeren Lettiner Straße bis zur Endhaltestelle der Straßenbahn Nr. 7 erstreckt, ein sorbisches Fischerdorf. Erstmals erwähnt wurde „Crolewiz“ 1291. Neben der Fischerei ist die Papierproduktion ein wesentlicher Aspekt der Stadtteilhistorie. 1714 wurde an der Saale eine Papiermühle gebaut, die vier Jahre später Johann Christian Keferstein pachtete. Er stellte Papier für die Druckerei und Buchhandlung des Waisenhauses von August Hermann Francke, dem späteren Eigentümer, her. Über fünf Generationen bis 1871 blieb die Mühle unter Kefersteinscher Regie. Der Versuch, gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Sulfatverfahren für die Herstellung einzusetzen, hatte eine hohe Luftverschmutzung zur Folge. „Es cröllwitzt“, sagten die Leute, wenn der beißende Geruch aus der Mühle über die Saale wehte. Zunehmend protestierten die Bewohner gegen den Gestank bis die Produktion 1940 eingestellt wurde. Heute ist die Papiermühle zur Ruine

Durchschn ittsalter: 42 ,3 (Stand: 3/ Einwohne 11) r: 5 296 (Sta n d: 03/11) Fläche: 4,5 km² Mietspiege l: 4,73 €/ m ² (40 - 80 m ²-Wohnung

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Stand: 6/11 ) Arbeitslose nzahl: 1,7 % (S ta n d : 3/11) Stärkste P artei (Wahl 2011): CDU Wahlbeteil 35,5 % igung: 57,5 % Besonderh eit: Nähe zu r Saa ten wie der Krug zum gr le, Biergärünen Kran ze

verkommen – die Luft und das Wasser sind dafür wieder sauber. Touristen finden über den Saaleradwanderweg ins Viertel und sind verblüfft von dessen üppig-grüner Schönheit. „Ich liebe den südländischen Charakter hier“, schwärmt Rataiczyk, der in der ehemaligen Kefersteinvilla in der Talstraße wohnt. „Wie bei uns an der Mosel“, soll selbst Klaus Peter Rauen, ehemaliger Oberbürgermeister von Halle, einst erstaunt gesagt haben als er in Rataiczyks Felsengarten hinter dem Haus stand und über die mediterranen Hartlaubgewächse auf die Saale blickte. Eine halbe Million Mark für nichts In den fünfziger Jahren hatte die Stadt große Pläne für Kröllwitz. Curt Barth projektierte da-


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Der Hausbesuch Die Wohnungsgröße ist mit 38 Quadratmetern für Kröllwitz eher ungewöhnlich, die Lage dafür typisch: Zwischen einem alten Fischerhaus, Meerschweinchengehegen und viel Grün wohnt Miriam Littmann direkt an der Saale. Die 32-jährige Burgstudentin hält ihr Domizil in der Talstraße für einen Glücksfall. Wir haben sie besucht.

Als die Kröllwitzbrücke noch aus Holz war, konnten man direkt in die Talstraße gehen. (Archiv: Familie Rataiczyk)

mals die Pädagogische Hochschule, in der sich heute die Institute der Geschichte und Kunstgeschichte befinden. Außerdem begann man auf dem Gelände hinter der heutigen Sporthalle am Brandbergweg, ein riesiges Stadion zu bauen. „Die Tribünen waren schon fertig, und eine halbe Million Mark investiert, als man das Projekt stoppte und nach Leipzig verlegte“, berichtet Barth. Noch heute kann man hier Reste des Stadions sehen. Auf einer Bank vor der Sporthalle treffen wir Marianne Meyer. Täglich geht sie hier spazieren. Mit ihren 77 Jahren beurteilt sie ihre Wohngegend vor allem pragmatisch: „Ich habe alles, was ich brauche: Den Supermarkt im Haus und die Straßenbahn davor“, erzählt uns die Rentnerin.

Ärger im Kiez Fast alle scheinen zufrieden. Wenn da nicht die Baumaßnahmen an der Grundschule neben der Petruskirche wären. Anwohner sind auf die Barrikaden gegangen, als für den Neubau des Hortgebäudes Bäume geopfert werden sollten. „Immer mehr Grünanlagen, die zum Teil mehr als hundert Jahre alt sind, werden zugebaut“, kritisiert Annegret Brandt. Großen Ärger gab es auch, als die Straße „An der Petruskirche“ für das neue Gesundheitszentrum umbenannt werden sollte. In der Fuchsbergstraße treffen wir Bernd Wolff beim Unkrautjäten. Seit elf Jahren wohnt der 64-Jährige hier. Man kenne sich untereinander. „Nur an den großen Autos sieht man, dass die Schickeria zugezogen ist“, sagt er und zeigt auf einen schwarzen Mercedes auf der anderen Straßenseite. Der Wohlstand sei in Kröllwitz eingezogen. Wer das nötige Kleingeld habe, baue sich hier ein Eigenheim, sagt Wolff. Schade. Künstler, die wie im Pariser Stadtteil Montmartre mit ihren Leinwänden und Ölfarben auf einem gepflasterten Marktplatz sitzen, sehen wir in Kröllwitz nicht. Doch sind wir sicher: Hinter den Mauern in den privaten Gärten entsteht gerade ein neues Kunstwerk. Vielleicht eine Kindergeschichte von Juliane Blech oder ein neuer Krimi von Peter Godazgar. Vielleicht setzt Matthias Rataiczyk gerade zum letzten Pinselstrich an. Wir wissen es nicht. Doch spätestens zur nächsten Ausstellung oder Lesung ­werden wir darüber staunen können. 1

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Atelier der Malerfamilie Rataizcyk in der Kefersteinvilla an der Talstraße. (Fotos: Cornelia Hennersdorf)

Was ist so besonders an Kröllwitz? Zum einen das künstlerische Ambiente. Zum anderen ist es so schön ruhig hier, fast wie auf einem Dorf – und trotzdem wohnt man in der Stadt. Wieso dieses Haus? Ich hatte mich im Vorfeld über die schönsten Viertel in Halle informiert. Als ich dann den Aushang in der Uni las, habe ich sofort beim Vermieter angerufen. Hier gibt es nicht mal eine Klingel? Doch, aber erst an meiner Wohnungstür. Das ist für meine Besucher etwas gewöhnungsbedürftig, weil sie erstmal in den Hof kommen müssen. Was riechen Sie, wenn Sie aus dem Haus kommen? Ich weiß nicht, Frische vielleicht? Es riecht so, dass man gern seine Wäsche raushängt. Und die Saale? Die ist das Beste. Ich darf den Garten und alles hier mitbenutzen. Ich fahre also gern mal mit dem Boot raus oder schwimme rüber zum Felsen (Klausberge), klettere ein Stück hoch und springe wieder rein. Kennen Sie eigentlich Ihre Nachbarn? Meine Vermieter und die unmittelbaren Nachbarn kenne ich. Vor allem deren Kinder, weil die oft hier im Hof spielen. Der Sandkasten war mal direkt vor meinem Fenster, da war an Lernen nicht zu denken. Was hören Sie noch, wenn Ihre Fenster offen sind? Bis auf die Vögel und die Meerschweinchen nichts. 1

In unserer nächsten Ausgabe lesen Sie Teil 4 unserer Stadtteilserie: Dautzsch Haben Sie Hinweise oder alte Bilder von Ihrem Viertel? Schreiben Sie uns an: 9 redaktion@zachow-magazin.de oder per Post: Barfüßerstr. 11, 06108 Halle

Miriam Littmann entspannt sich beim Lesen vor ihrem Haus.

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Am Anfang eine Lotterie Dautzsch

Es könnte ja das eigene werden: Beim Hausbau auf dem Dautzsch gab jeder alles Wer in Halle wohnt, kennt das HändelDenkmal, die Marktkirche oder die Franckeschen Stiftungen. Aber wissen Sie auch, was in Ihrer unmittelbaren Umgebung sehenswert ist? Die unterschiedlichen Facetten hallescher Stadtteile stellen wir in einer Serie vor.

Ein Haus gewinnen – das kennt man heutzutage von Lotterien wie etwa der „Aktion Mensch”. Buchstäblich eine Doppelhaus-Hälfte zugelost bekamen Anfang der 30er Jahre aber auch die Mitglieder jener Siedlergenossenschaft, die auf dem fruchtbaren Land zwischen Diemitz und Reideburg in Halles Osten zunächst 58 Doppelhäuser errichtet und damit den Ursprungskern des heutigen Stadtteils Dautzsch geschaffen hatte. „Da jeder an jedem Haus mitwerkelte und immer die Chance bestand, dass genau dieses Heim später das eigene werden würde, haben wohl alle immer und überall beste Qualitätsarbeit abgeliefert”, staunt Volker Grasse, Chef der Dautzscher Wohngemeinschaft,

noch heute über den psychologisch ausgeklügelten Effekt, der nach Abschluss der Bauarbeiten veranstalteten „Häuser-Lotterie“ unter den Genossenschaftsmitgliedern. Motoball und Osterfeuer Als Namenspate für die neue Siedlung mit ihren großen, jeweils um die 1 000 Quadratmeter großen Parzellen, fungierte der Dautzsch – eine nahegelegene Gesteinskuppe vulkanischen Ursprungs, in der Porphyr für den Straßenbau gebrochen wurde und hernach ein Badesee entstand. Als dieser in den 30er Jahren zugeschüttet wurde, nutzte man die entstandene Fläche für FeldHandball, später sogar Motoball-Spiele und für die alljährlichen Osterfeuer. Wenn vom Dautzsch die Rede ist, kommt man, spätestens jedenfalls seit der 1950 erfolgten Eingemeindung nach Halle, nicht am Selbstbehauptungswillen und einer gewissen Widerborstigkeit seiner Bewohner vorbei. So wie im Comic Asterix und die Gallier Rom trotzen, boten und bieten die Dautzscher dem Tun der „Zentralregierung” in Halle die Stirn. „Und wenn man uns von Pontius zu Pilatus schickt: So leicht lassen wir uns nicht abwimmeln”, sagt Volker Grasse und listet Auseinandersetzungen um Hochwasser-Schutzmaßnahmen, Straßensanierung, öffentliche

Durchschn ittsalter: 47 ,8 (Stand: 3/ Einwohne 11) r: 1 864 (Sta nd: 03/11) Fläche: 3,6 km² Mietspiege l: 5,09 €/ m ² (40 - 80 m²Wohnung | Stand: 6/11 Arbeitslose ) nzahl: 4,1 % (Stand: 3/ Stärkste P 11) artei (Wahl 2011): CDU Wahlbeteil 37,1 % igung: 60,3 % Besonderh eit: Tante-E m ma-Laden der Äußeren in Diemitzer S tr aße mit frischen Brö tchen täglic h ab 7 Uhr

Beleuchtung, Busanbindung oder Lärmschutz bei der geplanten Weiterführung der Osttangente auf. Die DDR-Behörden an der Nase rumgeführt Bei einem letztlich erfolgreichen Husarenstreich, von dem man sich heute noch erzählt, war Grasse in vorderster Reihe dabei. Weil der Empfang des Westfernsehens so schlecht war, wollten die Anwohner Ende der 80er Jahre eine große Gemeinschaftsantenne auf dem Dautzschberg errichten. „Aber weil wir mit dieser – ehrlichen – Argumentation natürlich keine Chance auf Genehmigung durch die DDR-Behörden gehabt hätten, haben wir uns einfach etwas hübsch Linientreues ausgedacht, denen eben was von wegen einheitliche


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Der Hausbesuch

Der Siedlungsaufbau am Dautzsch zu Beginn der 30er Jahre. (Foto: privat)

Ansicht der Siedlung gewährleisten, Materialeinsparung und Werterhaltung der Bausubstanz erzählt“, sagt Ex-Volkspolizist Grasse, der sich damals in voller Uniformmontur – und so die sozialistische Legende unterstreichend – in die „Höhle des Löwen“, sprich Rat der Stadt, begab. „Es ist schon erstaunlich, dass die damals gegründete Interessengemeinschaft Dautzscher Antenne bis heute funktioniert“, sagt Heinz Schiedewitz, seit Jahren vor allem im Sportverein vor Ort aktiv. „Auch wenn es längst nicht mehr so einfach ist, die Leute zu bewegen, etwas zu tun: Die Dautzscher nehmen Anteil am Wohl und Wehe ihrer Siedlung.” Neben einem eigenen Fernsehkanal dient vor allem die von der Wohngemeinschaft monatlich herausgegebene Dautzsch-Zeitung dem Informationsaustausch. „Die Blättchen sind stets im Nu vergriffen”, erzählt Frank Mennicke. Der 57-Jährige betreibt bereits in dritter Generation einen Tante-Emma-Laden in der Äußeren Diemitzer Straße, der – aufgewertet durch Hermes-Paketservice, Presse- und Lotto-Shop, Getränke-Heimdienst und nicht zuletzt das jeden Morgen frisch vom Bäcker aus Kanena bezogene

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Die bis heute bestehende Gemeinschafts-Antennenanlage auf dem Dautzschberg. (Fotos: Andreas Löffler)

Backwarenangebot – als Drehscheibe und Marktplatz für den Dautzsch fungiert. Neuankömmlinge und Rückkehrer Heute ist die Siedlung neben Seeben einer der nur zwei halleschen Stadtteile, in denen die Bevölkerungszahl seit der Wende stetig (und auf dem Dautzsch konkret um mehr als 50 Prozent im Vergleich zu 1989) gestiegen ist. Vor allem an Hanf-, Hafer- und Traubenweg wuchsen neue Häuser empor. „Das brachte natürlich auch unserem Sportverein mächtig Zulauf”, sagt Heinz Schiedewitz und verweist stolz darauf, dass die Fußball-Abteilung mit einer Ausnahme auch in sämtlichen Nachwuchsklassen vertreten ist. „Das zwingt uns aber auch zum Improvisieren. Weil wir nur ein Spielfeld zur Verfügung haben, gibt es Überlegungen, die Fläche im einstigen DautzschSteinbruch für sportliche Trainings-Zwecke wiederherzurichten.“ Die Tischtennis-Spieler, Gymnastik- und Aerobic-Jünger des Vereins tummeln sich mangels Turnhalle im Veranstaltungssaal der Sportlergaststätte. Übrigens würden auch viele ältere Dautzscher in ihre frühere Heimat zurückkehren. „Einmal Dautzscher, immer Dautzscher”, sagt Schiedewitz. Er selbst ist 1961 mit seinen Eltern nach Halle-Süd fortgezogen und 1977 mit ihnen auf den Dautzsch ins Haus seiner Großeltern zurückgekehrt. In den 80er Jahren erwarb der heute 59-Jährige nur 300 Meter entfernt – “von einem Skatfreund meines Opas” – selbst eine der typischen DoppelhausHälften. Und zog damit das große Los. Ganz ohne Lotterie. Äußere 1 Diemitze r Straße



Wenn es so etwas wie einen Kiez-Bürgermeister auf dem Dautzsch gäbe – er würde Volker Grasse heißen. Der 67-Jährige ist nicht nur Vorsitzender des ortsansässigen Sportvereins, er ist auch Chef der ­Dautzscher Wohngemeinschaft. Zudem war Grasse lange Zeit einer der Hauptakteure der Interessengemeinschaft Dautzscher Antenne. Wir haben ihn in seiner DoppelhausHälfte im Maisweg besucht. Was ist so besonders am Dautzsch? Es ist eine vergleichsweise verkehrsarme und beschaulich-schöne Wohngegend, zudem auch ohne größere Gewerbeansiedlungen. Man hat Luft zum Atmen, zum Spazierengehen, zum Laufen. Wenn ich die Tür aufmache, stehe ich in der Natur und muss nicht erst kilometerweit fahren, um in meinen Schrebergarten zu kommen. Wieso dieses Haus? Meine Großeltern gehörten in den 30er Jahren zu den Erstsiedlern auf dem Dautzsch, und meine Mutter hat die damals erworbene Doppelhaushälfte mir und meiner Familie weitervermacht. Kennen Sie eigentlich ihre Nachbarn? Keine Frage. Wir haben ein prima Verhältnis, nehmen Pakete für die anderen an, helfen uns gegenseitig bei Instandhaltungs- und Pflegearbeiten, klönen und fachsimpeln – etwa über Gartenthemen. Selbst bei Familienfesten der anderen feiern wir hin und wieder mit. Was hören Sie, wenn Ihre Fenster offen sind? Vogelgezwitscher. Praktisch keinen Straßenlärm. Aber auch: Flugzeuge, wenn sie auf ihrer Route nach und von Schkeuditz mal wieder abkürzen. Und Fahrgeräusche von der Bahntrasse, wenn der Wind ungünstig weht. Was sehen Sie, wenn Sie aufwachen? Wolken, Bäume, Blumen – wohl das, was man sich unter einer heilen Welt vorstellt. Ich blicke in meinen Garten und versuche, meine Schildkröte Sophie zu erspähen. 1 ANDREAS LÖ FFLER

ANDREAS LÖ FFLER

In unserer nächsten Ausgabe lesen Sie Teil 5 unserer Stadtteilserie: Landrain Haben Sie Hinweise oder alte Bilder von Ihrem Viertel? Schreiben Sie uns an: 9 redaktion@zachow-magazin.de oder per Post: Barfüßerstr. 11, 06108 Halle

Volker Grasse liebt seinen Garten hinterm Haus.

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Lebendig trotz Friedhof und Galgenberg

Landrain

Die Anwohner des Landrains schwören auf den dörflichen Charakter ihres Kiezes Wer in Halle wohnt, kennt das HändelDenkmal, die Marktkirche oder die Franckeschen Stiftungen. Aber wissen Sie auch, was in Ihrer unmittelbaren Umgebung sehenswert ist? Die unterschiedlichen Facetten hallescher Stadtteile stellen wir in einer Serie vor.

Man kann es gewiss morbide finden, wenn ein Stadtteil ausgerechnet von einem Galgenberg und einem großen Friedhof dominiert wird so wie der Kiez am Landrain. Man kann aber auch hingehen und die Bewohner fragen – und das genaue Gegenteil in Erfahrung bringen. „Ach was, hier geht es quicklebendig zu”, sagt Kerstin Wilhelm und lacht. Völkerwanderung und ein Musik-Feuerwerk Man nehme nur einmal den Galgenberg: „An sonnigen Tagen gibt es eine wahre Völkerwanderung dorthin”, erzählt die 50-Jährige. Mit ihrer Familie hat sie selbst unzählige Male den Picknick-Korb gepackt, eine Sitzdecke geschnappt

und ist zu den beiden exakt 136,4 Meter (Großer Galgenberg) und 129,6 Meter (Kleiner Galgenberg) hohen Porphyrkuppen gepilgert. Deren furchteinflößender Name geht übrigens darauf zurück, dass hier bis 1798 der Galgen des heute nach Halle eingemeindeten Ortes Giebichenstein stand. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Areal intensiv als Steinbruch genutzt und ab 1950 für die Naherholung entwickelt. „Ich komme gern hierher, genieße mit Freunden bei Rotwein und Zigarre den Ausblick“, erzählt Thomas Koschitzki und ergänzt: „Der Rundweg um den Großen Galgenberg ist auch eine ideale Jogging-Strecke.“ Auch Sportkletterer (neudeutsch: Boulderer) haben in der Schlucht eine Heimstatt gefunden. Und dann ist da noch der alljährliche Höhepunkt: Das Abschlusskonzert der Händelfestspiele, an dessen Ende traditionell die Feuerwerksmusik des Barockmeisters und ein zu den Klängen choreographiertes Feuerwerk stehen. Höchst lebendig geht es auch auf dem weiträumigen SpielAreal am Kleinen Galgenberg zu. Am Mispelweg ist eine Reihe von Einfamilienhäusern entstanden, in die vornehmlich junge Familien eingezogen sind. Nun tollen zahlreiche Kinder zwischen Sandkasten, Rutsche und Klettergerüst

Durchschn ittsalter: 54 ,2 (Stand: 3/ Einwohne 11) r: 3 323 (Sta n d: 03/11) Fläche: 1,5 km² Mietspiege l: 5,42 €/ m ² (40 - 80 m²Wohnung | S ta n d: 6/11) Arbeitslose nzahl: 2,4 % (Stand: 3/ Stärkste P 11) artei (Wahl 2011): CDU Wahlbeteil 2 7,7 % igung: 51,7 % Besonderh eit: Galgen berg, Gertr denfriedho auf, Sparkass en -Passage m Einkaufsm it öglichkeite n

herum. Auch die Sanierung der Wohnblocks am Landrain selbst trage zur Veränderung der Einwohnerstruktur bei: „Plötzlich sehe ich wieder junge Familien mit Kindern”, erzählt Kerstin Wilhelm. Zwei-Zwei-Halbe macht vier Von Kindern, und zwar vielen, weiß auch Hansjörg Possekel zu berichten. Der heute 81-Jährige ist 1962 in einen der frisch errichteten Wohnblocks direkt am Landrain, gleich gegenüber des Gertraudenfriedhofs, eingezogen. „Es gab 18 Mietparteien und mehr als 40 Kinder”, erzählt der Senior und verweist auf eine Besonderheit. „Bei uns im Block sind das alles sogenannte Zwei-Zwei-Halbe-Wohnungen.” Was zunächst wie eine unlösbare


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Der Hausbesuch Kerstin Wilhelm ist die einzige diplomierte Puppenspielerin in Sachsen-Anhalts Polizeidienst. Die 50-Jährige, die seit mehr als 20 Jahren in einem Mehrfamilienhaus am Landrain wohnt, bereist mit ihren Kollegen regelmäßig Grundschulen des Landes und betreibt dort mit einer Puppenbühne auf spielerische Weise Verkehrserziehung. Wir haben sie zwischen zwei Touren besucht. Anfang der 60er Jahre: Landrain / Ecke Otto-von-GuerickeStraße

Tino Kluge bei einer Seitquerung in der halleschen Galgenbergschlucht. Florian Beyer sichert ihn ab.

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Rechenaufgabe anmutet, ist im Grunde rasch ausdrücklich auch die „frische Luft” zu den erklärt: Zu zwei „ausgewachsenen” Räumen ganz besonderen Vorzügen seines Kiezes. – Wohn- und Schlafzimmer – kommen noch Auch wenn man zu DDR-Zeiten von Industzwei kleine, gewissermaßen „halbe” (Kinder-) rieschwaden wie etwa aus Buna und Leuna Zimmer mit jeweils knapp zehn Quadratme- verschont blieb, war dies früher dennoch ter Fläche hinzu. Der gelernte Schlosser, der nicht immer so: „Etwa zweimal pro Woche den Kiez bereits seit seinen Kindertagen kennt wurden im Krematorium des Gertraudenfriedund zudem zu DDR-Zeiten als „Feierabend- hofs Einäscherungen vorgenommen. Dann Handwerker” Instandhaltungsarbeiten für die stieg eine pechschwarze Wolke auf, und es Wohnungsgenossenschaft ausführte, ist ohne- legte sich eine fettige Rußschicht auf unsere hin eine Art Kompendium in Sachen Bauge- Fensterbänke.” schichte am Landrain. „Bis in die 50er Jahre hinein gab es hier den Gertraudenfriedhof Spaziergänger im „wilden Paradies” und ausgedehnte Gärtnereianlagen und an- „Dies ist, modernen Filtertechniken sei Dank, sonsten: Kornfeld.” Ende der 50er, Anfang der natürlich längst passé”, sagt Heike Bunge, die 60er Jahre seien dann am Landrain die ersten Leiterin des Gertraudenfriedhofs, dem wir zum Mietshäuser hochgezogen worden. In den Fol- Abschluss unseres Streifzuges am Landrain gejahren wurde sukzessive das Ackerland zwi- einen Besuch abstatten. Wer noch nicht dort schen Landrain und dem südlich gelegenen war, sollte unbedingt mal hingehen: Gerade Bahndamm bebaut. Nach der Wende habe es im Eingangsbereich, noch vor den Gräberfelfast zwangsläufig einen Entwicklungsschub dern, hat das 1914 eröffnete und insgesamt 50 gegeben, als Häuser saniert, Fassaden bunt Hektar große Areal viel mehr etwas von einem gestrichen, Parkplätze angelegt und Innenhöfe idyllischen Park. Spaziergänger drehen ihre bepflanzt wurden – „richtig Runden um den Teich und verweilen schön”, wie der Ruheständauf Bänken, Steppkes laufen an Helmut-Just-Stra ße ler sagt. Possekel der Hand ihrer Großzählt eltern, Roller und Kinderwagen werden ße a r t ll-S ho geschoben. Und da, Sc r iste chw wo die BewirtGes schaftung aufhört und “das wilde Paradies beginnt“, Pa wie Kerstin Wilhelm schwärmt, kann man sogar Füchse, Hasen und Landrain Spechte beobachten. Also Landrain keineswegs makaber, sondern wahr: Selbst hier geht es in gewisser Weise quicklebendig zu. 1 nke Bergsche

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Was ist so besonders am Landrain? Es gibt den Galgenberg – ein wunderschönes Areal, wo man selbst an Tagen, wo eine richtige Völkerwanderung dahin einsetzt, immer noch ein Eckchen zum ungestörten Entspannen findet. Wieso diese Wohnung? Das geht letztlich auf die Wohnraumlenkung aus DDR-Zeiten zurück. Wir hatten vorher zu viert in einer 1 ½-Zimmer-Wohnung in der Windhorststraße gehaust. Als wir die Wohnung hier angeboten bekamen, wusste ich noch nicht einmal, wo der Landrain überhaupt liegt. Aber wir waren sofort begeistert, zumal der Vormieter, ein Ingenieur, offensichtlich seine Beziehungen für einige seinerzeit luxuriöse Extras wie Loggia und holzverkleidete Decken hatte spielen lassen. Kennen Sie eigentlich ihre Nachbarn? Ja. Und der Zusammenhalt hat sich bis heute erhalten. Als 2003 mein Mann starb, war die Anteilnahme groß. Meine Nachbarin Frau Ziebe, die früher als Köchin gearbeitet hatte, richtete das Essen nach der Beisetzung aus. Und als mein Enkelkind unterwegs war, konnten wir uns vor geschenkten Babysachen kaum retten (lacht). Was hören Sie, wenn Ihre Fenster offen sind? Nun, zum Landrain hin, bedauerlicherweise: Straßenlärm. Ich bin sehr wohl an Geräusche gewöhnt, aber etwa ab 6 Uhr morgens wird es in der Regel so laut, dass ich aufstehen und die Fenster schließen muss. Im alten Kinderzimmer an der Rückseite des Hauses höre ich dagegen Vogelgezwitscher. 1LÖ F

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:: Wenn Sie selbst über ihr Stadtviertel schreiben wollen, dann machen Sie mit im Sachsen-Anhalt-Wiki - dem regionalen Online-Lexikon: www.sachsen-anhalt-wiki.de

In unserer nächsten Ausgabe lesen Sie Teil 5 unserer Stadtteilserie: Gesundbrunnen Haben Sie Hinweise oder alte Bilder von Ihrem Viertel? Schreiben Sie uns an: 9 redaktion@zachow-magazin.de oder per Post: Barfüßerstr. 11, 06108 Halle

Kerstin Wilhelm im Wohnzimmer ihrer Wohnung am Landrain. (Foto: Andreas Löffler).

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Ein Gesundbrunnen für Leib und Seele

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Der gleichnamige Stadtteil wird durch Sportstätten und grüne Idylle geprägt Wer in Halle wohnt, kennt das HändelDenkmal, die Marktkirche oder die Franckeschen Stiftungen. Aber wissen Sie auch, was in Ihrer unmittelbaren Umgebung sehenswert ist? Die unterschiedlichen Facetten hallescher Stadtteile stellen wir in einer Serie vor.

Preisfrage: In welchem Stadtteil kann (oder jedenfalls konnte) man an der freien Luft wie auch unterm Hallendach seine Schwimmbahnen ziehen, denkwürdige Fußballspiele erleben, an Geräten turnen, sich als Leichtathlet betätigen und sogar Schlittschuh und Ski fahren? Die richtige Antwort lautet: Im Gesundbrunnen-Viertel. Der Kiez wird wie kein anderer in Halle durch Sportstätten geprägt. Allen

voran der „Erdgas Sportpark“ (ehemals KurtWabbel-Stadion) sowie der Sportkomplex Robert-Koch-Straße, der neben Leichtathletik-Arena, Schwimm-, Turn- und Ballsporthalle auch die Sportschule und das „Hauptquartier” des Olympiastützpunkts beherbergt. Nur Kühe und das Pferdefuhrwerk fehlen Gesundbrunnen ist aber zweifellos auch einer der grünsten und lauschigsten Stadtteile Halles. Dafür sorgt der Pestalozzipark, welcher sich, beiderseits flankiert von Laubenpieper-Kolonien, wie ein langes grünes Band vom Gesundbrunnen südwärts bis zur Diesterwegstraße zieht. „Vorne raus Stadtanbindung, hinten raus Dorfleben – nur ohne Kühe”, bringt es Claudia Dittmann, die wir an einem Haus in der Benkendorfer Straße treffen, auf den Punkt. Zum Stichwort lauschig passt auch dies: „Noch bis in die 80er Jahre hinein gab es am Amselweg Gas-Laternen, die Tag für Tag von einem Nachtwächter in Betrieb gesetzt wurden”, erinnert sich Eberhard Probst. Der zweifache Olympiateilnehmer im Ringen hat kürzlich eine Broschüre zur Geschichte des Stadtteils erstellt. Seinen Namen Gesundbrunnen hat das Viertel von der gleichnamigen, mineralien- und eisenrei-

Durchschn ittsalter: 51 ,3 (Stand: 3/ Einwohne 11) r: 10 270 (S ta nd: 03/11) Fläche: 2,1 3 km² Mietspiege l: 5,31 €/ m ² (40 - 80 m²Wohnung | S ta n d: 8/11) Arbeitslose nquote: 3,5 % (Stand: 3/ Stärkste P 11) artei (Wahl 2011): CDU Wahlbeteil 3 0 ,7 % igung: 48,4 % Besonderh eit: „Erdga s Sportpark Pestalozzip “, ark, Paul-R iebeck-Stift

chen Quelle, die bereits im Mittelalter urkundlich erwähnt wurde. Als das darüber errichtete achteckige Brunnenhäuschen zunehmend verfiel und im Zuge des Stadion-Neubaus abgerissen werden sollte, schlossen sich 2008 Mitglieder der Gesundbrunnen-Kirchengemeinde und weitere Anwohner zu einem Bürgerverein zusammen, um das Kleinod zu retten. Inzwischen erstrahlt die Außenfassade wieder im ursprünglichen Glanz. „Im Inneren des Baus wollen wir noch ein Leuchtmittelkonzept mit bläulich nach draußen schimmerndem Licht realisieren und das Areal rund ums Häuschen aufhübschen”, nennt Paul Zeisler vom Bürgerverein die weiteren Vorhaben. Die Gesundbrunnen-Siedlung wurde zwischen 1926 und 1931 im Geiste der Gartenstadtbe-


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Der Hausbesuch Hardy Gnewuch ist Diplomlehrer für Sport und Geschichte. Der 53-Jährige, der seit beinahe 30 Jahren im Gesundbrunnen-Viertel wohnt, verantwortet und koordiniert als Leiter Leistungssport die Betreuung der in Halle stationierten Kaderathleten des Olympiastützpunkts Sachsen-Anhalts. Wir haben Gnewuch in seiner Wohnung an der Pestalozzistraße besucht. 1953: Im Gesundbrunnen-Bad konnte man nicht nur seine Sommerferien „nonstop“ verbringen. (Foto: privat)

Anwohner genießen die Idylle im Pestalozzipark. (Fotos: Andreas Löffler)

wegung als Stadterweiterung nach Südwesten errichtet. Architektonisch reicht die Bandbreite vom (bereits 1896 fertiggestellten) „Hallenser Schloss”, dem Paul-Riebeck-Stift mit Pflegeheim und Park an der Kantstraße über ungewöhnliche „Türmchen-Häuser” wie ‚Vor dem Hamstertor‘ bis hin zum Bauhaus-Stil an der nördlichen Vogelweide. Während die Genossenschaften vor allem entlang der Hauptverkehrsachsen wie etwa der Pestalozzistraße großzügige, freistehende Mietshäuser bauten, reihen sich in den Querstraßen wie beispielsweise Ammendorfer oder Rockendorfer Weg die typischen „Eigene Scholle”-Häuschen dicht an dicht. „In denen ist zwar auch nicht viel mehr Platz als in einer Drei-Raum-Wohnung, aber es gibt doch einen gewissen Dünkel”, sagt Dittmann lachend. 1950 bis 1970 wurde der Anschluss der Siedlung an die Stadt und die südliche Erweiterung vollzogen. Frank Menzel hat als Kind noch auf der Gleisbaustelle der Straßenbahnlinie am Böllberger Weg gespielt. Der Sportlehrer verbindet seine vier Jahrzehnte im Kiez vor allem mit sportlichen Aspekten. Da war zunächst das Gesundbrunnen-Bad: „Zwei Wochen Ferienlager, zwei Wochen Urlaub mit Mama und

Papa – und vier Wochen nonstop im Freibad”, so Menzel. „Das war genial. Die Dauerkarte 2 Mark oder so, ein Eis vom Kiosk und Wassersportvergnügen von früh bis spät”, schwärmt er über das Bad, das 1999 wegen des überbordenden Sanierungsaufwandes geschlossen wurde und dessen Ruine im Zuge des StadionNeubaus völlig verschwand. „Im Winter fungierte das Schwimmbecken auch als Eisfläche, sogar Glühwein wurde angeboten”, erinnert sich Menzel. Gleichfalls in der kalten Jahreszeit seien er und seine Kumpel an den Hängen der Zuschauertribünen im Sportdreieck auch Schlitten-, Gleitschuh- und sogar Ski gefahren.

Wieso diese Wohnung? Wir haben ab 1983 an der Ecke Paul-SuhrStraße/ Vogelweide gewohnt. Nachdem unsere Kinder das Erwachsenenalter erreicht hatten, wollten wir uns verkleinern, dabei unbedingt im Kiez bleiben. Wir haben ganz genau darauf geachtet, dass die neue Wohnung weg vom Straßenlärm nach hinten rausgeht. Vor zwei Jahren hat es dann mit dieser Wohnung der GWG „Gartenstadt“ geklappt. Kennen Sie eigentlich ihre Nachbarn? Ja, alle. Und wir passen aufeinander auf. Und weil das vielleicht ein wenig klischeehaft oder abgegriffen klingt, will ich eine Anekdote erzählen: Als mal ein starker Regen niederging und ich vergessen hatte, das Dachfenster über unserem Wohnzimmer zu schließen, hat mich ein Mann aus dem gegenüberliegenden Haus per Anruf dran erinnert.

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Polizeisperre und Presslufthämmer In der Bugenhagenstraße laufen wir Matthias Riesing über den Weg. Riesing kann als Sportwart des Tennisclubs Sandanger gewiss als dem Sport zugeneigter Mann gelten, doch das HFC-Stadion hat ihm als Anwohner manchen Kummer bereitet. Da waren die massive Einschränkungen bei Hochsicherheitsspielen. „Meine Freundin wurde einmal trotz Vorzeigen ihres Ausweises von der Polizei nicht zu unserer Wohnung durchgelassen und musste anderthalb Stunden in der Gegend rumfahren”, sagt Riesing. Und bei den Bauarbeiten zum neuen Stadion, gerade in der Abrissphase, seien sie mit ihren Nerven beinahe am Ende gewesen: „Punkt sechs Uhr in der Früh ratterten die Presslufthämmer los.” Insgesamt hebt aber auch Riesing die Vorzüge des Kiezes hervor, und Hardy Gnewuch ergänzt: aß e r t S „Hier wird nicht rumgepinkelt, hKoc ertRo b fliegen keine Flaschen.” Eben ganz so, wie es schon in dem Sinnspruch am Gesundbrunnen-Häuschen geschrieben steht: “Kein Menschenfreund zerstört, was ihm und andern nützt.” 1 Lö f

Was ist so besonders am Gesundbrunnen? Ich komme aus einem kleinen Dorf bei Magdeburg und finde diese dörfliche, fast familiäre Atmosphäre hier wieder. Man kennt sich, man grüßt sich. Hervorzuheben sind das viele Grün und die liebevoll gepflegten Vorgärten, wobei ich wohl erst fünfzig werden musste, um letzteres so richtig zu schätzen (lacht).

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Was hören Sie, wenn Ihre Fenster offen sind? Vogelgezwitscher, Kinderlachen. Insgesamt hätte ich nicht gedacht, dass man in Halle so leise wohnen kann: Seit zwei Jahren kann ich endlich wieder bei offenem Fenster schlafen.1

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:: Noch bis 5. November informiert eine Ausstellung in der Sparkassen-Filiale an der Robert-Koch-Straße über die Geschichte des Gesundbrunnen-Viertels

In unserer nächsten Ausgabe lesen Sie Teil 7 unserer Serie: Lutherplatz/Thüringer Bahnhof

Hardy Gnewuch in seinem Garten hinter seinem Haus an der Pestalozzistraße.

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Zachow-Stadtteilserie