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ZEITZEUGE

Zettel weist Weg in Frohe Zukunft Republikflucht: Der Merseburger Thomas Jannot ging ins Gefängnis, um in den Westen zu gelangen Thomas Jannot (Foto, oben) hat einen Trick, wenn er Herausforderungen angeht: „Ich schaffe mir Umstände, die mir einen Rückzieher nicht erlauben und die mich zum Weitermachen zwingen.” So verhält es sich mit dem Buchprojekt über seine Jugend in und seine außergewöhnliche Flucht aus der DDR, an dem der 46-Jährige seit langem arbeitet: Durch gelegentliche öffentliche Lesungen aus dem Manuskript will er sich „noch stärker in die Pflicht nehmen durchzuhalten”. Ganz ähnlich verhielt es sich einst mit jenem Zettel, mittels dessen Jannot seinen Weggang aus der DDR forcierte. Rückblende: In Merseburg geboren, wird „Schanno” in Halle-Neustadt groß und fällt nicht weiter auf. Das ändert sich: „Ab der 8. Klasse sind wir mit Fleischerhemd und einer Sicherheitsnadel im Ohr herumgelaufen.” Der eloquente Heranwachsende legt es auf Provokation an, denn seine Zweifel wachsen: „Anfangs hatte das gar nichts Politisches, sondern eher etwas Trotzköpfiges. Ich wollte partout nicht einsehen, warum ich nie oder erst mit 65 in den Westen oder an den Orinoco (Fluss in Südamerika, Anm. d. Red.) darf.” Wenn seine Oma von ihren Westreisen zurückkam, hätte sie stets Tränen in den Augen gehabt. Das sei „so scheen” da drüben. „Und uns hat man etwas vom faulenden und absterbenden Imperialismus erzählt. Da stimmte doch was nicht.“ So fasste

Jannot schon zu Schulzeiten den Entschluss, aus der DDR abzuhauen. Ein kaltblütiges, aber auch unbedarftes Kalkül Vor Augen, dass ein Ausreiseantrag zu langwierig, das Überwinden der Mauer zu gefährlich wäre, wurde Jannot beim Trampen von einem Westler auf eine andere Idee gebracht. „Der meinte, wenn ich die Courage besäße, in den Knast zu gehen und auf eine bestimmte Liste zu gelangen, würde ich freigekauft werden.” Ein gewiss kaltblütiges Kalkül, das Jannot in die Tat umsetzte. „Während meiner LandmechanikerLehrzeit nahe Greifswald gab es ständig Auseinandersetzungen mit den Erziehern. Am 6. Januar 1984 teilte man mir mit, dass ich nicht länger geduldet sei. Ich hab einen Zettel mit den Worten ,Let's go to Western Germany‘ auf meinem Bett hinterlassen und bin mit einem Kumpel los.” Auf dem Greifswalder Bahnhof wurden sie von der bereits alarmierten Trapo in Gewahrsam genommen. Jannots Plan zielte auf eine Verurteilung nach § 213 wegen versuchter Republikflucht ab. Der bewusste Zettel sollte diese Legende stützen. Und insgeheim wollte sich Jannot wohl auch die eigene Umkehr verbauen. Nach „unangenehmen” Wochen in der U-Haft wurde Jannot zu neun Monaten Haft verurteilt. „Letztlich wegen eines Zettels. In der Gerichtsverhandlung hat man das aber so instrumentalisiert und dramatisiert, als hätte ich die ganze Zone in die Luft sprengen wollen.”

Jannot wird später in das berühmt-berüchtigte Jugendgefängnis in der – ausgerechnet – Frohen Zukunft von Halle verlegt. „Ich könnte abendfüllend von den mafiösen Strukturen und gnadenlosen Hierarchiekämpfen unter den Häftlingen erzählen, die ich dort erlebt habe. Bloß: Mir geht es nicht um das Bedienen von Sensationslust, sondern um die vielen Zwischentöne.” Wie beispielsweise jenen Vernehmer, der ihm zuraunte: „Bleiben Sie dabei, bleiben Sie stark, ich wünsche Ihnen viel Glück.” Jannot sagt nur: „Durch meine Neustadt-Jugendzeit hatte ich ein gutes Netzwerk, das mich einigermaßen geschützt hat. ” Um eine lange Geschichte stark abzukürzen: Mittels verschlüsselter Botschaften erreichen Jannot und seine Familie die Einschaltung des für den so genannten Häftlingsfreikauf zuständigen DDR-Anwalts Wolfgang Vogel. Nach bangen Wochen wird Jannot Mitte August aus der DDR-Staatsbürgerschaft entlassen. Jannot absolviert eine Lehre als Bürokaufmann und entdeckt den gerade aufkommenden Heimcomputer für sich. Bald arbeitet er als freiberuflicher Programmierer, wird Redakteur einer Computerzeitschrift, kurz darauf Chefredakteur und hat später bei zwei Heftgründungen den Hut auf. Heute führt er einen kleinen Verlag in Bad Aibling, wo er seit 20 Jahren mit seiner ebenfalls aus Merseburg stammenden Frau Kathrin lebt. 1 A N D R E A S LÖ F F L E R : Lesung „Republikflucht in die Frohe Zukunft”, 16. Oktober, 18 Uhr – im Rahmen der Ausstellung „Halle. Leben und Verfall in der DDR“ ab 3. Oktober, Salinemuseum

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Oktober 2012 | Zachow - Ihr Magazin  

Zachow - Ihr Magazin | Oktober 2012 | Thema des Monats: Von Mörderstein bis Käsebier – Zachow ermittelt | Zeitzeuge: Thomas Jannot über sein...

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