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4 Erzählmuster über psychisch Kranke in Kino- und Fernsehfilmen Eva-Maria Fahmüller

Dieser Beitrag handelt nicht von der Wirklichkeit, nicht von realen psychischen Störungen, mit denen Sie als Leserin oder Leser aus den Arbeitsbereichen Psychiatrie, Psychotherapie, Sozialarbeit oder Foren­ sik täglich zu tun haben. Es geht um eine andere Frage: Welche Bilder und Vorstellungen werden mittels Fiktion in der Gesellschaft über psychisch Kranke transportiert? Welche Geschichten werden über sie erzählt? Die nachfolgenden Überlegungen beziehen sich auf das zeitgenössische Hauptmedium des Er­ zählens: den Film. Ziel dieses Beitrags ist es, die Hintergründe gängiger Erzählmuster zu beleuchten, Medienkompetenz in Bezug auf stereotype Figuren zu vermitteln und etablierte Vorstellungen zu hinter­ fragen.

4.1 Fragestellungen Noch vor jeder weiterführenden Analyse lässt sich bemerken: Über die Themen Psychose, Depression und Psychiatrie gibt es eine ganze Reihe von Filmklassikern wie A BEAUTIFUL MIND  1 und ONE FLEW OVER THE CUCKOO’S NEST.  2 Aus deutscher Produktion sind vielen Zuschauerinnen und Zuschauern vermutlich DAS WEISSE RAUSCHEN  3 oder VINCENT WILL MEER  4 in Erinnerung geblieben. Überdies wurden zahlreiche wissenschaftliche Interpretationen zu Filmfiguren mit psychischen Krankheiten verfasst. Inhalt der Analysen sind in der Regel der Spielfilm und sein jeweili1 2 3 4

A Beautiful Mind: R: Ron Howard, B: Akiva Goldsman, USA 2001. One Flew Over the Cuckoo’s Nest (Einer flog übers Kuckucksnest): R: Miloš Forman, B: Bo Goldman, Lawrence Hauben, USA 1975. Das weiße Rauschen: R: Hans Weingartner, B: Hans Weingartner, Tobias Amann, D 2002. Vincent will Meer: R: Ralf Huettner, B: Florian David Fitz, D 2010.

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ger innovativer Ausdruck. Mit der Interpretation und Klassifikation von psychischen Störungen so unterschiedlicher Kinohelden wie Professor Unrat (DER BLAUE ENGEL),  5 Travis Bickle (TAXI DRIVER)  6 oder Léon (LÉON – DER PROFI)  7 befassen sich auch Psychoanalytiker, Therapeuten und Ärzte.  8

Filmfiguren in psychischen Krisen werden jedoch wesentlich häufiger erzählt, als es diese erste Assoziation vermuten lässt. So ist es ein dramaturgischer Standard, Figuren in Lebenssituationen zu zeigen, in denen Emotionen wie Angst, Wut oder Trauer, Enttäuschungen oder Schuldgefühle dominieren und diese Figuren dabei an ihre Grenzen und gegebenenfalls auch darüber hinaus zu führen: In jeder Serie gibt es Opfer und Angehörige, die angesichts der erlebten Gewalt um ihr inneres Gleichgewicht ringen; der Kriminelle im TV-Krimi ist fast nie ein Dieb, stattdessen oft und selbstverständlich ein psychisch entgleister Serienmörder. Um gängigen Stereotypen näherzukommen, hilft vor allem ein Blick auf das Fernsehen. Hier wird mit festgelegten Sendeplätzen gearbeitet, die in der Regel eine bestimmte Tonalität aufweisen. Oftmals lassen sie sich einfacher rezipieren und ermöglichen deshalb auch eher, Standards und Muster aufzuzeigen, die Ausdruck gesellschaftlicher Vorstellungen sind. Der vorliegende Beitrag versucht zunächst anhand einer Erhebung Fragen nach der Häufigkeit der erzählten Störung, den dafür verwendeten Genres und der Funktion der Figuren innerhalb des Genres zu beantworten. Im Anschluss werden die sich daraus ergebenden typischsten Figuren des aktuellen deutschen Fernsehens bezüglich ihrer Tradition, ihrer Eigenschaften und ihrer Wirkungsweise näher beleuchtet.

Um das weite Feld aller Fernsehfilme und -serien einzugrenzen, beschränkt sich die Erhebung auf zwei als qualitativ hochwertig geltende Sendeplätze in der Primetime. Das sind der ARD TATORT/POLIZEIRUF am Sonntag und der ZDF FERNSEHFILM DER WOCHE am Montag. Einbezogen wurden auch die Nominierungen aus dem Bereich ‚Fiktion: Fernsehspiel/TV-Movie‘ für die wichtigste deutsche Fernsehauszeichnung, den Grimme-Preis. Insgesamt wurden 136 Einzelfilme aus den Jahren 2013 und 2014 dahingehend untersucht, ob sie Figuren mit psychischen Störungen enthalten.  9

Die Ergebnisse der Untersuchung können nicht den Anspruch erheben, repräsentativ zu sein. Feststellen lassen sich allerdings deutliche Ausprägungen, die voraussichtlich auch der Seherfahrung der meisten Leserinnen und Leser dieses Beitrags entsprechen. Auf der Suche nach Figuren, die Symptome einer psychischen Störung aufweisen im Sinne „erhebliche(r), krankheitswertige(r) Abweichungen des Denkens, Handelns, Fühlens von einer festgelegten Norm, die bei den Betroffenen gro-

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Der Blaue Engel: R: Josef von Sternberg, B: Carl Zuckmayer, Karl Gustav Vollmoeller, Robert Liebmann nach dem Roman Professor Unrat von Heinrich Mann, D 1930. Taxi Driver: R: Martin Scorsese, B: Paul Schrader, USA 1976. Léon (Léon – Der Profi): R u. B: Luc Besson, F/USA 1994. Beispielhaft für viele andere werden hier die folgenden Bücher angeführt: Stephan Doering, Heidi Möller (Hg.): Frankenstein und Belle de Jour. 30 Filmcharaktere und ihre psychischen Störungen. Heidelberg 2008; Dies: Batman und andere himmlische Kreaturen. Nochmal 30 Filmcharaktere und ihre psychischen Störungen. Heidelberg 2010; Lutz Wohlrab (Hg.): Filme auf der Couch. Psychoanalytische Interpretationen. Gießen 2006; Parfen Laszig, Gerhard Schneider (Hg.): Film und Psychoanalyse. Kinofilme als kulturelle Symptome. Gießen 2008. Betrachtet wurden die Inhalte sämtlicher Filme auf den genannten ARD- und ZDF-Sendeplätzen vom 01.01.2013 bis 09.03.2014, außerdem sämtliche Grimme-Nominierungen für TV-Einzelstücke aus den Jahren 2013 und 2014. Aufgrund der schwierigen Vergleichbarkeit und der Quantität des dann zu berücksichtigenden Materials wurden Folgen von Serien und Mini-Serien nicht berücksichtigt.


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4.1 Fragestellungen

Demenz = 1 Drogen, Alkohol = 2 Schizophrenie, Halluz. = 3 Depression, Manie = 5 Ängste, Zwänge = 1 Trauma = 7 Körperliche = 0 Persönlichkeit = 13 Entwicklung = 2 0

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Abb. 9 Häufigkeit der Störungen in %. Von 136 Fernsehspielen zeigen 32 zum Teil mehrere Figuren mit ausgeprägten Symptomen psychischer Störungen. Insgesamt treten 36 Figuren mit psychischen Störungen auf = 100%

ßes persönliches Leid verursachen können“,  10 wurden 32 Filme gefunden. An diese Filme wurden die folgenden drei Fragen gestellt: „„Welche psychischen Störungen lassen sich in welcher Häufigkeit erkennen? „„Welche Genres erzählen wie häufig von psychischen Störungen?

„„Welche Funktionen übernehmen Figuren mit psychischen Störungen?

Welche psychischen Störungen lassen sich in welcher Häufigkeit erkennen? Nach einer im weitesten Sinne an die Klassifikation des ICD-10 angelehnten Diagnose und Auswertung der auftretenden Figuren mit psychischer Störung ergibt sich die in Abbildung 9 dargestellte Verteilung von Krankheitsbildern.  11

Zunächst fällt auf, dass Angst- und Zwangsstörungen (F40-F48) erheblich seltener auftreten als unter den psychisch Erkrankten in der deutschen Bevölkerung: Diese

10 Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.): Seele aus der Balance. Erforschung psychischer Störungen. Berlin 2011, S. 16. 11 Die Einteilung kann nur grob geschehen, weil die Diagnosen in vielen Filmen nicht benannt werden und gängige Möglichkeiten der Diagnostik, wie das ausführliche Gespräch mit dem Betroffenen, nicht zur Verfügung stehen. Andererseits zeigen viele Filmfiguren eine klare Symptomatik.Abweichungen zur Klassifikation des ICD-10: 1. Die Auflistungen des ICD-10 von F0 bis F9 werden durch populärwissenschaftliche Begriffe bzw. gängige Krankheitsbilder wie ‚Demenz‘ stark vereinfacht. 2. Da sie in den untersuchten Filmen relativ häufig auftritt, werden Störungen, die durch ein traumatisches Erlebnis hervorgerufen sind, wie die Posttraumatische Belastungsstörung oder die Anpassungsstörung, nicht unter Ängste/Zwänge entsprechend F4 gefasst, sondern unter dem Begriff ‚Trauma‘ einzeln aufgeführt. 3. Alle Störungen, die Kinder und Jugendliche betreffen, laut ICD-10 F8 und F9, werden aufgrund ihres seltenen Auftretens in den betrachteten Filmen unter dem Begriff ‚Entwicklung‘ zusammengefasst.

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bilden die größte Gruppe psychisch Erkrankter überhaupt.  12 Ebenfalls unverhältnismäßig gering vertreten sind mit 5,6% Störungen, die mit der Einnahme psychoaktiver Substanzen wie Alkohol, Drogen oder bestimmten Medikamente in Zusammenhang stehen (F10-F19).

Demgegenüber ist die Posttraumatische Belastungs- oder Anpassungsstörung (F43) mit 19,4% deutlich überrepräsentiert, sodass man von einem „Trend zum Trauma“ sprechen kann. Am markantesten ist jedoch, dass 36,1% aller psychisch erkrankten Figuren in den untersuchten Filmen deutliche Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufweisen (F60–69). Bei dieser Klassifizierung geht es um stark ausgeprägte, relativ stabile Merkmale der Persönlichkeit selbst.  13 Das, was dem Fernsehzuschauer in den untersuchten Filmen überwiegend als psychische Störung präsentiert wird, sind also schwere Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen. In Filmen treten diese Figuren dann auf als häufig männliche Täter, die extrem gewalttätig sind, indem sie andere schlagen, foltern, morden oder entführen: Vergewaltiger, Sadisten, Serienmörder oder Pädophile, die ihre Fantasien ausleben.

Welche Genres erzählen wie häufig von psychischen Störungen? Um auf diese Frage eine taugliche Antwort zu finden, werden die ARD- und ZDF-Sendeplätze TATORT/POLIZEIRUF und FER NSEHFILM DER WOCHE ausgeklammert. Denn beide zeigen (fast) ausschließlich Krimis. Eine größere Vielfalt müsste unter den für den Grimme-Preis nominierten Filmen zu finden sein. Dabei enthalten 11 von 35 nominierten Filmen Figuren mit ausgeprägten psychischen Störungen. Es ergibt sich eine Genre-Verteilung von fünf Krimis, fünf Dramen und einer Komödie. Die Tonalität der nominierten Filme mit psychisch kranken Figuren ist demnach – mit einer Ausnahme – ernst. Denn auch die Dramen bieten keine leichtere Unterhaltung, sondern erzählen von äußerst belastenden Erlebnissen. Es geht unter anderem um den Umgang einer Familie mit dem Selbstmord der depressiven Mutter ( DER LETZTE SCHÖNE TAG),  14 um Alzheimer in einer Liebesbeziehung (DIE AUSLÖSCHUNG)  15 oder um Mobbing und die Auswirkungen desselben auf die Familie (MOBBING).  16 Die psychische Problematik steht jeweils im Mittelpunkt des Geschehens, enthebt die Ge-

12 Im Folgenden wird die 12-Monatsprävalenz der angeführten psychischen Störungen genannt. Gemeint ist damit der Prozentsatz der von einer Störung Betroffenen in der gesamten Bevölkerung innerhalb von 12 Monaten. Vergleichbar mit der Erhebung bei Filmfiguren ist allerdings nur das Verhältnis der Störungen untereinander. Denn die Gesamtzahl der Filmfiguren basiert auf einer willkürlichen Größe: der Zahl aller Figuren in den analysierten 32 Filmen. Demgegenüber liegt der 12-Monatsprävalenz als Ausgangspunkt die Einwohnerzahl Deutschlands zugrunde.Angst- und Zwangsstörungen: 16,2% (häufigste Störung) Einnahme psychoaktiver Substanzen: ca. 12% (zweithäufigste Störung).Posttraumatische Belastungsstörungen: 2,4%.Vgl.: Hans-Ulrich Wittchen, Frank Jacobi: Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS). Was sind die häufigsten psychischen Störungen in Deutschland? In: https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Degs/degs_w1/Symposium/degs_psychi­ sche_stoerungen.pdf?__blob=publicationFile 14.06.2012, S. 8 (11.03.2015). Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. 13 Die Prävalenz von Persönlichkeitsstörungen wird in verschiedenen Studien mit Zahlen zwischen 3 und 18% unterschiedlich be­ wertet. Grund dafür könnte sein, dass Menschen mit Persönlichkeitsstörungen eine therapeutische Behandlung nicht unbedingt benötigen oder beanspruchen. Bemerkenswert ist: In einigen Texten wird darauf hingewiesen, dass die dissoziale (auch antisozia­ le) Persönlichkeitsstörung (emotionales Unbeteiligtsein, Verantwortungslosigkeit, geringe Frustrationstoleranz, niedrige Schwelle für gewalttätiges Verhalten) bei straffälligen Männern häufig vorkommt. Dabei werden 40% als niedrigster Wert für dissoziale Persönlichkeitsstörungen unter männlichen Gefängnisinsassen genannt. Vgl.: N.N.: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen. https://www.uni-due.de/imperia/md/content/rke-ap/lehre/personlichkeitsstorungen_fr._dr.pdf, Feb. 2005, S. 5 (17.03.2015); Emine Nebi, Omar Chehadi: Antisoziale Persönlichkeitsstörung. https://www.uni-due.de/imperia/md/content/rke-forensik/mate­ rial/nebi___berischt__psychopathie_1.pdf; 28.05.2011, S. 21 (17.03.2015). 14 Der letzte schöne Tag: R: Johannes Fabrick, B: Dorothee Schön, D 2012. 15 Die Auslöschung: R: Nikolaus Leytner, B: Nikolaus Leytner, Agnes Pluch, Ö/D 2013. 16 Mobbing: R: Nicole Weegmann, B: Volker A. Zahn, Eva Zahn nach dem Roman von Annette Pehnt, D 2012.

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4.2 Krimi: Täter mit psychischen Störungen

schichten dem alltäglichen Erleben und macht sie zu etwas Besonderem. Sie wird im Rückbezug auf die Wirklichkeit nicht als Normalität behauptet.

Welche Funktionen übernehmen Figuren mit psychischen Störungen? Bei den Krimis enthalten 24 von 97 Filmen zum Teil mehrere Figuren mit psychischen Störungen. Darunter sind drei erkrankte Kommissarinnen und Kommissare, fünf Opfer, zwei Zeugen, sechs Verdächtige und zwölf Täter, von denen wiederum fünf eine Symptomatik mit sexuellen Elementen aufweisen. Figuren mit psychischen Störungen werden demnach zum großen Teil als Täter beziehungsweise Mörder geführt. Die Ausnahme bilden einige Figuren, die aufgrund ihres unangepassten Verhaltens zu Verdächtigen werden, deren Unschuld sich aber im Verlauf der Handlung erweist. Für das Genre genauso elementar wie der Täter ist die Figur des Kommissars. Insofern ist bemerkenswert, dass einige labile Ermittler als relativ neue Erscheinung im aktuellen deutschen Krimi auftreten.

Bei den TV-Dramen lässt sich darüber hinaus anmerken, dass es weniger um langfristige Störungen als um Krisen geht, die als konkrete Reaktion auf eine akute äußere Belastung auftreten. Die Krise ist im Fernsehen insofern zumeist eine exogene temporäre Erscheinung. Dabei spielen traumatische Erlebnisse eine große Rolle. Demgegenüber geht es vor allem im Kino darum, dem Zuschauer die reale Situation längerfristig Erkrankter verständlich zu machen. Hier werden häufiger psychische Störungen gezeigt, deren Ursache nicht eindeutig zu benennen ist.

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Ergebnisse Als Ergebnis dieser Erhebung lassen sich insgesamt vier relevante Figurentypen hervorheben: 1. Die gängigste Figur mit einer psychischen Störung im deutschen Fernsehen ist der Täter in einem Mordfall. Ihr Genre ist der Krimi, sie leidet unter einer schweren Persönlichkeitsstörung. 2. Der psychisch labile Ermittler bildet das zweite Muster. 3. Als dritte Variante treten im Drama, das traditionell freier gestaltet werden kann und keine derart fest gefügten Rollenbilder enthält, vor allem Figuren in akuten psychischen Krisen auf. 4. Die vierte Figur, die unter einer längerfristigen Störung leidet, weist über die durchgeführte Erhebung hinaus, weil sie überwiegend im Kino zu finden ist. Sie ist nicht als Typus zu fassen, denn im Kino werden ganz unterschiedliche, weniger stereotype psychische Störungen erzählt.

4.2

Krimi: Täter mit psychischen Störungen

In der Folge BLUTIGE FÄHRTE 17 der Reihe STRALSUND, die auf dem Sendeplatz des ZDF-Fernsehfilms der Woche ausgestrahlt wird, tritt Boris Gerg als Frauenmörder in Erscheinung. Seine späteren Opfer hat er auf einem Online-Dating-Portal kennenge17 Blutige Fährte. Reihe: Stralsund: R: Martin Eigler, B: Martin Eigler, Sven Poser, D 2010.

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lernt und mehrfach mit ihnen romantische Telefonate geführt. Als er herausfindet, dass die Frauen dafür bezahlt werden, mit ihren Kontakten am Telefon zu flirten, startet er eine Mordserie. Mit einem Blumenstrauß aus weißen und violetten Malven sucht er die Frauen auf, stellt sich als die frühere Telefonbeziehung vor und fragt sie aus. Wichtig ist ihm, ob sie während der Zeit mit ihm auch Kontakt zu anderen hatten: „Hast du sie (die anderen Männer) auch so angeschaut, mit diesem Blick?“

Danach tötet er sie. Gerg ist ein Mann, der unfähig ist, Beziehungen zu Frauen realistisch einzuschätzen und mit Enttäuschungen umzugehen. Sein Verhalten weist in vielen Punkten die Merkmale eines stereotypen Krimi-Täters auf.

Denn Boris Gerg ist gebildet, sein Auftreten höflich, seine Sprache gewählt. Da er klug vorgeht, haben es die Ermittler schwer, ihn zu fassen. Denn der Täter als Antagonist ist umso stärker, wenn er intelligent vorgeht oder seinem Morden sogar etwas Geniales anhaftet. Es dient der Steigerung der Spannung, wenn er zunächst überlegen und unberechenbar wirkt. Oft stellt sich dann heraus, dass ein beeindruckend komplexer Ritus die Taten bestimmt: so wie der Serienmörder Buffalo Bill in THE SILENCE OF THE LAMBS  18 Frauen entführt, sie hungern lässt bevor er sie tötet, um sich aus ihrer Haut selbst ein Frauenkleid zu nähen – und so wie Boris Gerg Malvensträuße mitbringt und die Leichen immer mit Unterwäsche bekleidet auf ihrem Bett platziert. Es ist dann Aufgabe der Kommissare, das geheime Muster im Vorgehen des Täters zu entschlüsseln und ihm dadurch auf die Spur zu kommen. Der geniale Zug im Charakter der Serienmörder ist in der Regel allerdings nur die Kehrseite einer weitreichenden sozialen Inkompetenz. Auch Gerg ist einsam. Nach dem tragischen Tod seiner Eltern und seines Bruders scheint er nicht in der Lage zu sein, soziale Kontakte aufzubauen. Dies lässt er sich jedoch nicht anmerken, ganz im Gegenteil: Wie viele seiner Kollegen ist er überaus charmant, sieht gut aus und ist in seinem Auftreten um größte Anpassung an gesellschaftliche Normen bemüht.

Vielen Tätern fällt es vor allem schwer, eine Beziehung zu Frauen aufzubauen. Ihre sexuelle Entwicklung ist gestört oder verzögert. So hat Gerg einen grundsätzlichen Hass auf Frauen entwickelt. Er erträgt ihren Blick nicht, in dem er sexuelles Begehren vermutet. Er findet Frauen schmutzig. Der Film legt nahe, dass Gerg, der 32 Jahre alt ist, noch keine sexuellen Erfahrungen mit anderen gemacht hat. Als Begründung für die sexuelle Komponente der Störung dient gemeinhin eine Backstory mit einer schwierigen Eltern‑, insbesondere Mutter-Beziehung. Die Mutter war häufig dominant oder besitzergreifend, oft in einer Ausprägung, die selbst als psychische Störung angesehen werden kann. Diese und ähnliche psychologische Erklärungsmuster rationalisieren das Geschehen und vermitteln dem Zuschauer den Anschein von Realitätsnähe. Der mögliche Rückbezug zur Wirklichkeit lässt den Täter mit Persönlichkeitsstörung im Krimi umso bedrohlicher, weil glaubwürdiger erscheinen.

Sobald der Mörder gefasst und die Vermittlung zwischen Verbrechen und Gesellschaft geglückt ist, endet die Geschichte. Ob der Täter in eine Psychiatrie oder ins Gefängnis kommt und was dort mit ihm passiert, spielt für den klassischen Krimi keine Rolle. 18 The Silence of the Lambs (Das Schweigen der Lämmer): R: Jonathan Demme, B: Ted Taily, USA 1991.

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4.2 Krimi: Täter mit psychischen Störungen

Um dieses Muster bezüglich seiner Wirkung zu verstehen, ist es sinnvoll, in einem Exkurs kurz auf das Genre des Thrillers einzugehen. Denn im Thriller geht es traditionell um die Erzeugung größtmöglicher Spannung. Es ist dem Genre immanent, im Zuschauer Angst durch alle möglichen erzählerischen Mittel zu erzeugen. Zu diesem Zweck werden Geschichten über die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit einer vermeintlich heilen Welt erzählt, bedroht von Gefahren, die der Täter personifiziert. Der Zuschauer empfindet mit dem Protagonisten, also dem in Gefahr geratenen Opfer. Nicht nur im Fernsehen, traditionell eher noch im Kino, wird der Zuschauer dadurch in Höchstspannung versetzt, dass ein „Mensch wie du und ich“ von einem Täter in seiner Existenz infrage gestellt wird. Seit dem Siegeszug der Psychoanalyse und den Überlegungen ihres Begründers Sigmund Freud, versuchten viele Filmemacher ihre Figuren auch psychologisch interessanter zu gestalten. Dies bedeutete unter anderem die Verlegung des Beängstigenden in die Figuren selbst. Es ist seitdem nicht mehr nur der Mafiaboss oder eine räuberische Bande, die aus Macht- oder Geldgier Bewohner eines Ortes in Angst versetzt. Es geht um etwas Unberechenbares, gegebenenfalls Böses, in der Psyche des Menschen selbst, das jederzeit hervorbrechen kann. Herausragende Beispiele dafür findet man etwa im Werk Alfred Hitchcocks.  19 Darüber hinaus lässt sich konstatieren, dass Thriller nicht nur universale Ängste thematisieren, sondern auch auf spezifische Unsicherheiten der jeweiligen Zeit bezogen sein können. So entstanden in den 90er-Jahren zahlreiche Filme, die die Angst vor dem Verlust der traditionellen Familie und einer entfesselten weiblichen Sexualität thematisieren. Beispiele dafür sind THE HAND THAT ROCKS THE CRADLE,  20 FATAL ATTRACTION  21 und BASIC INSTINCT.  22

Es geht im Thriller also ganz grundsätzlich darum, einen Ausdruck für menschliche Ängste zu finden. Es geht nicht darum, eine psychische Störung anhand eines Täters möglichst realistisch darzustellen. Intention dieses Erzählmusters ist es, den Täter auf plausible Art und Weise so gefährlich zu machen, dass er das größtmögliche Grauen in der Hauptfigur und damit auch im mit ihr empathisch verbundenen Zuschauer erzeugen kann. Dieser weiß, dass sich die Angst nach dem Überstehen der kritischen Situation in umso größere Erleichterung verwandeln wird. Um die Spannung zu erhöhen, lehnen sich auch die meisten TV-Krimis durch den Gebrauch von Thriller-Elementen an diese Tradition an. Die Figur des psychisch kranken Täters erweist sich demzufolge als relativ gängig und stabil. Grund dafür kann sein, dass sie eine für den Zuschauer entlastende Funktion übernimmt. Das ‚Böse‘, vor allem aber die Angst davor, wird personifiziert und in eine Geschichte gebannt. Es hat dort eine klar definierte Aufgabe, die mit den Ambivalenzen der realen Welt wenig zu tun hat. Je stärker die Angst im Film ausgelebt wird, umso entlastender ist diese Erfahrung für den Zuschauer, denn mit dem Filmende wird die Angst aufgelöst und entsorgt. Der psychisch kranke Täter im Krimi hat zwar stereotype Eigenschaften, somit aber auch archetypische Züge.

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Vgl.: Psycho: R: Alfred Hitchcock, B: Joseph Stefano, USA 1960. The Hand that Rocks the Cradle (Die Hand an der Wiege): R: Curtis Hanson, B: Amanda Silver, USA 1992. Fatal Attraction (Eine verhängnisvolle Affäre): R: Adrian Lyne, B: James Dearden, USA 1987. Basic Instinct: R: Paul Verhoeven, B: Joe Eszterhas, USA 1992.

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Die Forderung nach einer realitätsnäheren, psychisch Kranke weniger stigmatisierenden Darstellung dieser Figuren ist im Rahmen eines so wirkungsmächtigen Erzählmusters wie dem klassischen Krimi nur schwer vorstellbar. Dies könnte nur mit einer Weiterentwicklung des Genres, also mit der Öffnung hin zu einem Mix aus Krimi und Drama einhergehen.

Ein solcher Prozess lässt sich immerhin seit einigen Jahren im Bereich der Fernsehserien beobachten. Angeregt von der Innovationskraft US-amerikanischer Pay-TVSerien wie THE WIRE  23 werden neben dem horizontal über eine ganze Staffel ausgedehnten Ermittlungs-Plot auch Handlungsstränge erzählt, in denen die Situation der Kriminellen ausführlich beleuchtet wird. Dabei entsteht Raum für eine realitätsnähere Darstellung der Psychologie dieser Figuren. Nichtsdestotrotz stellen diese innovativen Erzählformen nur einen Teilbereich des fiktionalen Angebots dar, das sich in Deutschland erst ansatzweise etabliert hat. Sie werden den klassischen Krimi, insbesondere Geschichten mit psychopathischen Tätern, aller Voraussicht nach nicht grundsätzlich verdrängen.

Eine ausführlichere Analyse, speziell von Täter- und Ermittlerfiguren mit psychischen Stö­ rungen im aktuellen deutschen Krimi inklusive einer Betrachtung aktueller Trends auch im Serienbereich enthält der eEssay der Autorin „Geniale Psychopathen, labile Kommissare. Figuren mit psychischen Störungen im aktuellen deutschen Krimi“ (Fahmüller 2015).

4.3 Krimi: Ermittler mit psychischen Störungen Im Kontext psychisch kranker Täter treten derweil vermehrt auch Ermittlerfiguren mit psychologischem oder psychiatrischem Hintergrund auf. Ihre stereotypen Merkmale sind: Sie verfügen über ein beeindruckendes Fall- und Fachwissen. Oft sind sie genauso genial wie die Täter, die sie verfolgen. Ihre Methode ist die der logischen Deduktion in der Tradition der Kunstfigur Sherlock Holmes. Sie erstellen aus winzigen Details, die über den Mörder bekannt sind, umfangreiche Psychogramme. Sie simulieren mit Vorliebe die Situation des Verbrechens, um sich in die Psyche von Täter und Opfer einzufühlen. Geschichten mit Profilern oder Ermittlern mit psychologischem oder psychiatrischem Hintergrund erzählen von der vollständigen Enträtselung der menschlichen Psyche – einer offensichtlich geheimnisvollen und nur schwer kontrollierbaren Welt. Es geht darum, die Motivation, die Denk- und Gefühlsweise des Täters möglichst vollständig zu dechiffrieren. Sobald der Täter mit rationalen Methoden identifiziert und gefasst ist, endet ihre Aufgabe. Das zunächst unverständliche Handeln des Täters ist dann als in sich schlüssig aufgeklärt, auch wenn er aufgrund persönlicher Erfahrungen einen falschen, weil kriminellen Bezug zur Realität entwickelt hat. Der weitere Umgang mit seiner Störung oder die Suche nach Möglichkeiten, die seine Beschwerden lindern, werden nicht mehr thematisiert. Bemerkenswert ist daran allerdings, dass das Menschenbild des vernunftorientierten Psycho-Ermittlers häufig Elemente der Entfremdung enthält. Die Konzentration auf die Ratio hat problematische Auswirkungen auf den Charakter des Ermittlers: 23 The Wire: 60 Episoden, Idee: David Simon, USA, HBO 2002–2008.

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4.3 Krimi: Ermittler mit psychischen Störungen

Nicht nur Profiler, Psychologen und Psychiater in Krimis erleben die Grenzen ihres großen Denk- und Arbeitsvermögens regelmäßig an sich selbst.

Allerdings traten im deutschen TV-Krimi noch lange eher warmherzige Helfer-Figuren mit Verständnis und/oder Humor auf wie der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Maximilian Bloch  24 oder der Kriminalpsychologe Vince Flemming.  25 Doch inzwischen hat sich das beschriebene intellektuelle Muster auch hier etabliert. Die KrimiReihe NEBEN DER SPUR , deren erste Folge ADRENALIN  26 am 23.02.15 auf dem Sendeplatz ‚Fernsehfilm der Woche‘ im ZDF ausgestrahlt wurde, ist ein typisches Beispiel dafür. Im Zentrum steht Psychiater Dr. Johannes „Joe“ Jessen als Helfer der Polizei. Natürlich ist auch Jessen in der Lage, marginale Details zu einem Gesamtbild zu interpretieren. Er führt sich typgemäß als Enträtseler anderer Menschen ein: „Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind ein Junge vom Land, der es in die große Stadt geschafft hat. Kein Ring am Finger, Kaffeeflecken auf dem Hemd. Ich glaube, Sie sind verwitwet oder geschieden. Nach der Arbeit belohnen Sie sich mit zwei Bier. Sie haben Schwierigkeiten Ihr Gewicht zu halten, seit Sie nicht mehr rauchen und stattdessen Kaugummi kauen. Und zuletzt haben Sie in Italien Urlaub gemacht.“  27

Jessen legt Wert darauf, als Psychiater wahrgenommen zu werden und betont damit seine fachärztliche Eignung; er korrigiert sein Gegenüber, sobald er als Psychologe bezeichnet wird. Er wird zwar als Verfasser von Gutachten benannt, doch man sieht nicht, wie er Medikamente verschreibt oder Einweisungen anordnet. Der Zuschauer erlebt ihn als einen klugen Mann, der seinen Beruf sehr ernst nimmt, insbesondere als er dabei auf einen Mörder mit Persönlichkeitsstörung trifft. Doch seine Haltung und Behandlungsmethoden bleiben gegenüber der Schwere des Falls lange Zeit unangemessen zurückhaltend und theoretisch. Die lebenspraktische Hemmung Jessens spiegelt sich auch in der Darstellung seines Privatlebens. Während er seine Patienten zum Dialog auffordert, kann oder will er selbst nicht sprechen: über die Angst-Erkrankung seiner Mutter und ihren daraus resultierenden Unfalltod, über seine Parkinson-Erkrankung, seine Eheprobleme inklusive seiner Affäre. Es ist ein zurzeit gängiges Muster, dass Kommissare vermehrt unter Ambivalenzen, psychischen Labilitäten, Krisen und Störungen leiden. Dazu ist anzumerken, dass die Auflösung der heldenhaften, redlichen Ermittlerfigur ein Prozess ist, der über Jahrzehnte hinweg erfolgte – vom väterlichen Stephan Derrick,  28 der seine Tätigkeit 1974 begann, über Horst Schimanski,  29 der sich in den 80er-Jahren selbst nicht mehr an Recht und Gesetz hielt. Einen weiteren Umbruch bringt der schwedische, mit deutscher Beteiligung verfilmte Roman-Kommissar Kurt Wallander  30 zum Ausdruck, der sich nicht mehr in der Lage sieht, die globalisierte Kriminalität einzudämmen und deshalb verzweifelt. Diese Entwicklung setzt sich fort bis zu Ermittlern in aktu24 Bloch: 24 Episoden, Konzept: Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich, SWR/WDR 2002–2013. 25 Flemming: 22 Episoden, B: Gregor Edelmann, ZDF 2009–2012. 26 Neben der Spur – Adrenalin: R: Cyrill Boss, Philipp Stennert, B: Frederik Weis, Cyrill Boss, Philipp Stennert nach dem Roman von Michael Robotham, D 2015. 27 Aussage Jessens zu Kommissar Vincent Ruiz, als er ihn zum ersten Mal sieht. In: Neben der Spur – Adrenalin: R: Cyrill Boss, Philipp Stennert, B: Frederik Weis, Cyrill Boss, Philipp Stennert nach dem Roman von Michael Robotham, D 2015. 28 Derrick: 281 Episoden, B: Herbert Reinecker, D, ZDF/ORF/SF 1974–1998. 29 Schimanski als Hauptfigur im Tatort: 29 Episoden, davon 2 mit Kino-Auswertung, D, ARD 1981–1991. – Schimanski: 17 Episoden, D, ARD 1997–2013. 30 Die Romane Henning Mankells mit Kommissar Kurt Wallander wurden und werden sowohl vom schwedischen Fernsehen (SVT) von 1994–2007, von der BBC seit 2008 und als internationale Co-Produktion mit Beteiligung der ARD unter dem Titel MANKELLS WALLANDER seit 2005 verfilmt.

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ellen US-amerikanischen Pay-TV-Serien. Sie sind weder edel noch stark, sondern weisen problematische Charakterzüge auf, die zum Teil Symptome für psychische Störungen sind: Der Polizei-Berater Adrian Monk leidet in der gleichnamigen Serie unter zahlreichen Phobien und Zwängen.  31 Der als Forensiker beim Miami-Metro Police Department arbeitende Protagonist Dexter Morgan ist selbst ein Serienmörder mit Persönlichkeitsstörung.  32 Und die CIA-Analystin Carrie Anne Mathison kämpft in HOMELAND  33 nicht nur gegen den internationalen Terrorismus, sondern auch gegen ihre bipolare Störung. Häufig wird erzählt, dass eine Sucht die eigentliche Störung überlagert. So kämpfen im deutschsprachigen Fernsehen der depressive TATORT-Kommissar Frank Steier aus Frankfurt und die reizbare Bibi Fellner aus Wien mit akuten oder früheren Alkoholproblemen.

Fast alle aktuell ermittelnden labilen Kommissare werden trotz psychischer Einschränkungen von einer extremen Leistungs- und Erfolgsorientierung angetrieben. Ein ungebrochenes Arbeitsethos ist das Element, das die Charaktere all dieser Ermittler maßgeblich bestimmt. Kaum ein deutscher Ermittler würde sich zurzeit vom Dienst suspendieren lassen. Genauso unwahrscheinlich wäre es, dass ein Kommissar freiwillig auf die Aufklärung eines Falles verzichten würde, zum Beispiel weil der Partner mit Trennung droht. Das Privatleben der Ermittler, häufig als Nebenhandlung erzählt, leidet bei jedem neuen Fall. Arbeit bedeutet alles. Private Schwierigkeiten, psychische Erkrankungen oder Krisen werden um jeden Preis verdrängt. Krimis transportieren zurzeit ein Menschenbild, bei dem das Festhalten am Beruf, auch unter widrigsten Umständen, als identitätsstiftendes Moment behauptet wird. Dabei stehen die Ermittler unter hohem Druck. Es ist dem Genre Krimi immanent, dass es um Leben und Tod geht. Insofern ist nachvollziehbar, dass sich durch die Arbeit das psychische Leiden der Kommissare weiter manifestiert oder verstärkt. Psychisch kranke Ermittler sind in der Regel einsam, sie verhalten sich ablehnend bis gefühllos gegenüber ihren Kollegen, ihr Privat- und Familienleben ist zerrüttet. Sie sind nicht in der Lage ein soziales Leben aufrechtzuerhalten und ganz auf ihre Arbeit fixiert, was eine Verbesserung oder Heilung der psychischen Problematik erschwert. Gleichzeitig ist diese Fixierung auch eine besondere Stärke, die den Kommissaren hilft, den Fall zu lösen. Die Aufklärung suggeriert ihnen dann für kurze Zeit, nicht nur das Verbrechen, sondern auch das eigene Leben ein Stück weit unter Kontrolle zu haben.

Insgesamt ist der Typus des labilen Ermittlers Ausdruck von Diskursen und Befindlichkeiten, die auch innerhalb der Gesellschaft zurzeit eine große Rolle spielen. Es geht um Burn-out, traumatische Erlebnisse, Depressionen, Ängste oder Alkoholprobleme. Als Spiegelbild seines archetypischen Gegenübers, dem Täter mit Persönlichkeitsstörung, ist der Kommissar mit psychischer Störung wesentlich realitätsnäher. Er wird nicht als das Fremde, das Andere betrachtet. Seine Kollegen auf der Dienststelle müssen mit seinen Launen und Besonderheiten zurechtkommen, schon allein deshalb, weil er – im Unterschied zum verhafteten Täter – in der nächsten Folge wieder dabei ist. Seine Störung wird als selbstverständliches Element innerhalb der Welt der Geschichte erzählt. Sie wird nicht diskutiert, sondern als integraler Bestandteil der Gesellschaft gezeigt. 31 Monk: 125 Episoden, Idee: Andy Breckman, USA Network 2002–2009. 32 Dexter: 96 Episoden, Idee: Jeff Lindsay, Lauren Gussis, Timothy Schlattmann, USA, Showtime 2006–2013. 33 Homeland: 48 Episoden, Idee: Howard Gordon, Alex Gansa, USA, Showtime seit 2011.

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4.4 Drama: Figuren in psychischen Krisen

Insofern ist diese Figur grundsätzlich geeignet, zur Entstigmatisierung psychischer Krankheiten beizutragen. Der Zuschauer sieht Auslöser und Symptome, aber vor allem das Bemühen der Kommissare, das Leben zu meistern, stark zu sein und den Täter zu fassen als ‚ganz normalen‘, dauerhaften Teil dieser Welt.

4.4 Drama: Figuren in psychischen Krisen In dem für den Grimme-Preis nominierten Einzelfilm NACHT VOR AUGEN  34 versucht der deutsche Soldat David, sich nach der Rückkehr von einem Einsatz in Afghanistan in seiner früheren Lebenswirklichkeit zurechtzufinden und mit traumatisierenden Erlebnissen umzugehen; MOBBING  35 erzählt die Geschichte von Familienvater Jo, der sich angesichts zunehmender Schwierigkeiten mit seiner neuen Vorgesetzten auch vor seiner Frau Anja verschließt. Beide Dramen erzählen von Figuren, die in psychische Krisen geraten, was sich in Symptomen wie Schlafstörungen, innerem Rückzug, sozial unangepasstem Verhalten, Reizbarkeit oder Ähnlichem äußert.

Als Filmgenre wird der Begriff des Dramas häufig undifferenziert verwendet mit einer Spannbreite von Melodram bis Sozialdrama. Gemeinsam ist den Spielarten des Genres, dass Geschichten über Figuren in Extremsituationen erzählt werden. Der Protagonist gerät in ein Abenteuer und wird dabei mit seinen Grenzen konfrontiert. Er ist gezwungen, Gewohnheiten, Hemmnisse und Ängste zu überwinden und reift dadurch beispielhaft an großer Gefahr. Die Extremsituation kann so stark sein, dass er dadurch in eine psychische Krise gerät.

Die Krise dient dann vor allem der dramatischen Zuspitzung des Problems, das in der Geschichte thematisiert wird. Im Sinne einer realitätsnahen Anbindung an die Lebenswirklichkeit der Zuschauer beziehen sich zahlreiche Dramen auf gesellschaftlich relevante Milieus, Entwicklungen oder Problemstellungen. Die psychische Krise wird als integraler Bestandteil einer schwierig zu bewältigenden Realität gezeigt. Gängige Themenfelder sind zurzeit unter anderem: Burn-out, Kinder und Erziehung (von ADHS bis zu Heimkindern in den 60er-Jahren), Demenz, deutsche Soldaten, der Zweite Weltkrieg, die Aufarbeitung der DDR.

Das Drama ist grundsätzlich offener für unterschiedliche Inhalte und Figuren, insofern wäre eine Ableitung von Stereotypen nicht treffend. An der Erhebung, die zu Beginn dieses Beitrags erläutert wurde, fällt jedoch auf, dass Filme, die die Bewältigung einer traumatischen Vergangenheit erzählen, deutlich überrepräsentiert sind. So wurde die Entsendung deutscher Soldaten in Kriegsgebiete wie Somalia, Afghanistan oder den Irak mehrfach von verschiedenen Filmemachern aufgegriffen.  36 Die Rheinische Post schreibt am 14.11.2014 ganz lapidar: „Nachdem in Afghanistan die ersten Soldaten ausländischer Truppen gefallen waren, griffen etliche Drehbuchschreiber das Thema Krieg erneut auf. Krieg und posttraumatische Belastungsstörung bieten immer die Chance für einen 90-Minüter im TV.“  37

34 Nacht vor Augen: R: Brigitte Bertele, B: Johanna Stuttmann, D 2008. Der Film wurde im Jahr 2010 für den Grimme-Preis nominiert. 35 Mobbing: R: Nicole Weegmann, B: Volker A. Zahn, Eva Zahn nach dem Roman von Annette Pehnt, D 2012. 36 Vgl.: Rainer Tittelbach: Kino-Koproduktion „Nacht vor Augen“. In: http://www.tittelbach.tv/programm/kino-koproduktion/​artikel-​ 286.html (26.06.2015). 37 N.N.: Luxus-Resort statt Psychiatrie. In: Rheinische Post, 14.11.2014. http://www.rp-online.de/panorama/fernsehen/luxus-resortstatt-psychiatrie-aid-1.4667029 (26.06.2015).

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4 Erzählmuster über psychisch Kranke in Kino- und Fernsehfilmen

Die Häufigkeit von Traumaerzählungen im deutschen Fernsehen lässt sich jedoch nicht nur im Zusammenhang mit dem Aufkommen entsprechender Sachthemen betrachten. Bildung und Auswirkungen eines Traumas im Sinne eines überwältigenden Lebensereignisses mit dem Potenzial, psychische Folgestörungen auszulösen, harmonieren auch aus dramaturgischen Gründen mit der Erzählform des Dramas:

Im Gegensatz zu anderen psychischen Störungen wie der Depression kann eine aktive, weitgehend in die Gesellschaft integrierte Hauptfigur erzählt werden. Dem Medium Film kommt außerdem besonders entgegen, dass das traumatische Ereignis als ein klar von anderen abgrenzbares definiert werden kann. Dies steht im Gegensatz zu oft nicht fassbaren, häufig komplexen Auslösern, die bei der Genese anderer psychischer Störungen wie Depression oder Schizophrenie maßgeblich sind und in einer dramatischen Geschichte eine unklare Motivlage bilden.

Dabei ist das traumatische Ereignis in manchen Filmen als Backstorywound oder Vorgeschichtenverletzung, also vor dem eigentlichen Geschehen angesiedelt. Dann kommt es zu Beginn der Filmhandlung zu einer Situation, die mit einer Retraumatisierung vergleichbar ist. So trifft in dem für den Grimme-Preis nominierten Film ES IST NICHT VORBEI  38 Carola Weber nach 20 Jahren zufällig ihren größten Peiniger aus dem DDR-Frauengefängnis Hoheneck wieder. Sie ist ihren Erinnerungen ausgesetzt und kämpft gegen eine ähnliche Machtstruktur. Möglich ist auch, dass der traumatische Moment zu Beginn der Frontstory als auslösendes Ereignis platziert ist. In DER LETZTE SCHÖNE TAG  39 steht der Selbstmord von Sybille Langhoff am Anfang. Es geht um den Ausnahmezustand, in dem sich die Familie in den ersten Tagen nach dieser schockierenden Nachricht befindet. In beiden Fällen, bei der Traumatisierung als Backstorywound genau wie bei der Platzierung als auslösendem Ereignis, geht es um die Hoffnung, dass die betroffenen Figuren im Laufe der Geschichte einen Zustand erreichen, der zeigt, dass sie das Geschehen verarbeitet haben und dass ihr weiteres Leben relativ unabhängig davon verlaufen kann.

Bemerkenswert ist außerdem, dass zahlreiche Filmgeschichten von kollektiven Traumata wie dem Holocaust erzählen oder stellvertretend für typische seelische Verletzungen stehen. So handelt der Film UND ALLE HABEN GESCHWIEGEN  40 von Heimkindern in den 60er-Jahren und deren Gewalterfahrungen. Solche Filme sind Teil einer Erinnerungskultur, die historisches Geschehen bewahren, aber auch verdichten und interpretieren, das heißt entsprechend der eigenen Perspektive und Haltung deuten und weitererzählen kann. Besonders offensichtlich wird dies an der intensiven Medien-Diskussion, die so gut wie jeden Kinofilm und TV-Beitrag kritisch begleitet, der sich mit dem Dritten Reich auseinandersetzt.  41 Für einzelne Betroffene können diese Filme unter Umständen jedoch eine entlastende Wirkung haben, weil Elemente der eigenen Lebensgeschichte in ein dramatisches Narrativ gefasst sind.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass trotz der starken und damit einseitigen Konzentration auf Traumaerzählungen Dramen, in denen Figuren in psychischen Krisen auftreten, zur Entstigmatisierung psychisch Kranker beitragen. Denn es geht um 38 39 40 41

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Es ist nicht vorbei: R: Franziska Meletzky, B: Kristin Derfler, Clemens Murath, D 2011. Der letzte schöne Tag: R: Johannes Fabrick, B: Dorothee Schön, D 2012. Und alle haben geschwiegen: R: Dror Zahavi, B: Andrea Stoll, D 2012. Dies wird unter anderem deutlich an der journalistischen Diskussion, die Filme wie DER UNTERGANG, INGLORIOUS BASTERDS oder UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER begleitet hat. Vgl.: Der Untergang: R: Oliver Hirschbiegel, B: Bernd Eichinger, D/I/RUS/Ö 2004. Inglo­ rious Basterds: R u. B: Quentin Tarantino, USA/D 2009. Unsere Mütter, unsere Väter: R: Philipp Kadelbach, B: Stefan Kolditz, D 2012.


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4.5 Drama: Figuren mit psychischen Störungen im Kino

gesellschaftlich bedingte Geschehnisse, die jeden treffen können. Gerade das Drama macht in einer realitätsnahen Tonalität nachvollziehbar, wie Menschen unter Druck von außen in psychische Krisen geraten, welche Symptome sie entwickeln und wie sie sich bemühen, ihre Situation zu überwinden.

4.5 Drama: Figuren mit psychischen Störungen im Kino Selten steht im TV eine Hauptfigur im Mittelpunkt, bei der eine langwierige psychische Erkrankung explizit erzählt wird. Vermutlich erscheint dies den Fernsehmachern zu düster und schwierig, um eine dem jeweiligen Programmplatz angemessene Quote zu erreichen. Anders ist die Situation bei einer Kino-Auswertung. Hier bestehen mehr Möglichkeiten, dramaturgisch und emotional schwierige Geschichten für ein in der Regel kleines Publikum zu erzählen. Die Folge davon ist, dass fast nur mit Kinofilmen versucht wird, dem Zuschauer psychisch Erkrankte als Hauptfiguren näherzubringen. Es gibt derweil eine Tradition kleiner deutscher Dramen, die Geschichten über psychische Störungen erzählen wie DAS WEISSE RAUSCHEN,  42 REQUIEM  43 oder HIRNGESPINSTER .  44

Insofern diese Filme der realen Situation psychisch Kranker gerecht werden wollen, werden einige dramaturgische Fragen wesentlich:

Die Frage nach der Visualisierung: Oft ist die Geschichte einer Erkrankung subjektiv geprägt

und lässt sich einem gesunden Zuschauer nur schwer verständlich machen. Häufig wird versucht, optische und akustische Halluzinationen filmisch umzusetzen. Andere Symptome aus dem Bereich des inneren Erlebens lassen sich jedoch kaum in Bilder oder Töne übersetzen und bereiten der Gestaltung sowie dem Publikumsverständnis Mühe.

Die Frage nach der äußeren Handlung und der inneren Entwicklung: Viele Figuren verhalten sich auf-

grund ihrer Erkrankung passiv und sind nur wenig geeignet, die Handlung aktiv voranzutreiben. Zudem steht am Ende der erzählten Zeit zwar gegebenenfalls die Hoffnung auf Besserung oder Behandlung, aber keine große und bewegende Entwicklung. Dabei handeln vor allem emotional wirkungsmächtige Geschichten, die sich an die universale Erzähltradition der Heldenreise anlehnen, von einer aktiven Hauptfigur, die ein Abenteuer durchlebt und am Ende geläutert daraus hervorgeht. Einige Filme geben der Hauptfigur aus diesem Grund ein externes Ziel, dem die Krankheit als antagonistische Kraft entgegensteht. So bemüht sich beispielsweise in REQUIEM die Hauptfigur Michaela darum, ein Studium der Sozialpädagogik in Tübingen zu absolvieren. Angelehnt an den realen Fall der Anneliese Michel aus den 70er-Jahren erzählt der Film den Weg einer religiösen jungen Frau in den Exorzismus, die zu einer bestehenden Epilepsie dissoziative Symptome entwickelt. Die innere Entwicklung Michaelas ist allerdings rückläufig. Der Film endet mit ihrem Tod als Tragödie.

Die Frage nach der Motivation: In einem Spielfilm mit begrenzter Erzählzeit bleibt nur wenig Raum, um einen – in der Realität gegebenenfalls nicht fassbaren – Erkrankungsprozess nachvollziehbar zu gestalten. Viele Filme klammern diese Frage deshalb be42 Das weiße Rauschen: R u. B: Hans Weingartner, Tobias Amann, D 2002. 43 Requiem: R: Hans-Christian Schmid, B: Bernd Lange, D 2006. 44 Hirngespinster: R u. B: Christian Bach, D 2014.

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4 Erzählmuster über psychisch Kranke in Kino- und Fernsehfilmen

wusst aus und gehen nicht explizit auf etwaige Auslöser einer Störung ein – wie beispielsweise DAS FREMDE IN MIR ,  45 in dem die postnatale Depression der Hauptfigur keine individuelle Herleitung erfährt.

Die Frage nach der Empathie: Manchmal bemühen sich die Angehörigen im Film mit all

ihrer Kraft um den Erkrankten. Sie können ihre Hilflosigkeit kommunizieren und sind deshalb für den Zuschauer nachvollziehbarer als die eigentliche Hauptfigur.  46 Deshalb wählen einige Filme eine streng personale Perspektive. Auch in REQUIEM hört und sieht der Zuschauer in (fast) jedem Moment des Films dasselbe wie die Hauptfigur und wird so eng an ihre tragische Erlebniswelt gebunden.

Eine andere Möglichkeit, den Zuschauer empathisch an eine ambivalente Hauptfigur zu binden ist, sie mit besonderen Stärken auszustatten. Dies erhöht den emotionalen Faktor, bedeutet aber unter Umständen auch die Anlehnung an das Stereotyp von „Genie und Wahnsinn“. Darauf baut das für seine Thematik bemerkenswert publikumswirksame Melodram A BEAUTIFUL MIND  47 über das Leben des schizophrenen Mathematikers John Nash. Die außergewöhnlich begabte Hauptfigur entwickelt nach ersten mathematischen Erfolgen zunehmend Wahnvorstellungen. Erst am Ende erkennt die Gesellschaft den Wert ihrer Berechnungen. John Nash wird auch offiziell als Genie gewürdigt, wenn er schließlich den Nobelpreis entgegennimmt. Die Behauptung, dass psychische Störungen und Kreativität eng verknüpft sind – bis hin zur größtmöglichen öffentlichen Ehrung am Ende von A BEAUTIFUL MIND – verklärt und überhöht einerseits das Leid und die sozial eher schwierige Situation vieler Erkrankter. Andererseits lenkt es den Blick darauf, dass Depression oder Schizophrenie nicht nur Kummer und Elend bedeuten, sondern dass auch andere Erfahrungen stattfinden können. So sind Geschichten über Hauptfiguren mit psychischen Störungen meist im Spannungsfeld zwischen Wirklichkeitsnähe und deren Dramatisierung angesiedelt. Auf der einen Seite soll eine Realität der Krankheit vermittelt werden. Dabei definiert jeder Film diese Realität auf seine eigene Art – von einer eher naturalistischen Tonalität bis hin zum expressionistischen Ausdruck der Gefühlswelt eines Erkrankten. Andererseits geht es darum, durch ein bestimmtes Maß an Dramatisierung den Zuschauer emotional anzusprechen und in das Geschehen zu verwickeln. Doch verliert der Film seine Plausibilität, sobald der Zuschauer die Dramaturgie als zu konstruiert empfindet.

4.6 Ausblick Zum Schluss dieses Beitrags möchte ich noch einmal auf die anfangs angeführte Erhebung über die Darstellung von Figuren mit psychischen Störungen im deutschen Fernsehen zurückkommen. Unter den für den Grimme-Preis nominierten Fernsehspielen/TV-Movies aus den Jahren 2013 und 2014, die von Figuren mit psychischen Störungen erzählen, ergibt sich eine Genre-Einteilung in fünf Krimis, fünf Dramen und eine Komödie. Die Tonalität dieser Filme ist demnach überwiegend ernst und düster.

45 Das Fremde in mir: R: Emily Atef, B: Emily Atef, Esther Bernstorff, D 2008. 46 So entwickelt der Zuschauer in HELEN phasenweise weniger Empathie für die an einer Depression erkrankte Hauptfigur Helen, als für ihren verständnisvollen Mann David. Damit erschwert der Film die emotionale Beteiligung: Geht es um Helen, geht es um David? Soll ein Innen- oder Außenbild der Depression oder beides auf einmal vermittelt werden? Vgl.: Helen: R u B: Sandra Nettel­ beck, USA 2009. 47 A Beautiful Mind: R: Ron Howard, B: Akiva Goldsman, USA 2001

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4.6 Ausblick

Daraus ergibt sich mein Plädoyer: Es wäre wünschenswert, Figuren mit psychischen Krisen, Störungen und Krankheiten nicht nur im Krimi/Thriller oder im Drama zu erzählen. Ein selbstverständlicherer Umgang in der Gesellschaft kann auch durch die unaufgeregte Darstellung in Liebesfilmen, Buddy-Movies, Road-Movies und anderen Genres erreicht werden, bei denen nicht nur die Krankheit, also ‚das Problem‘, sondern auch andere Aspekte jedweder menschlicher Lebenswelt wie Liebe oder Freundschaft, wie Abenteuer oder Kunst im Vordergrund stehen: so wie in SILVER LININGS  48 eine Liebesbeziehung zwischen psychisch labilen Tanzpartnern entsteht und in VINCENT WILL MEER  49 drei erkrankte Jugendliche aus einer Klinik nach Italien fliehen und unterwegs Vertrauen zueinander fassen. Möglich ist außerdem über manche Aspekte einer Krankheit zu lachen und einen leichteren Ton anzuschlagen. HEDI SCHNEIDER STECKT FEST  50 ist ein Film mit einer komischen Hauptfigur, die bunte Kleider trägt und sich einen Rest Kindlichkeit bewahrt hat, bis sie plötzlich – ausgerechnet beim Sex mit ihrem Mann – eine Panikattacke bekommt und im Anschluss eine Angststörung entwickelt. Einige Monate lang versucht sie, mithilfe verschiedener Behandlungsmethoden, aber auch mit Witz und Charme, ihr Leben in der Kleinfamilie aus Mann und Kind zu bewältigen: „ HEDI SCHNEIDER STECKT FEST ist eine Komödie, eine Komödie, die die Depression so ernst nimmt, wie es die meisten Dramen bei all ihrer Anstrengung nicht könnten. Eine Komödie, die mit Leichtigkeit die schwere Zeit bebilder (...)“.  51

Filme in dieser Tonalität sind vermutlich am ehesten geeignet, zur Entstigmatisierung psychisch Kranker beizutragen.

Literatur Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.) (2011) Seele aus der Balance. Erforschung psychischer Störungen. Berlin Chehadi O, Nebi E (2011) Antisoziale Persönlichkeitsstörung. URL: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/ rke-forensik/material/nebi___berischt__psychopathie_1.pdf; 28.05.2011 (abgerufen am 13.08.2015) Doering S, Möller H (Hrsg.) (2008) Frankenstein und Belle de Jour. 30 Filmcharaktere und ihre psychischen Störun­ gen. Springer Verlag Heidelberg Doering S, Möller H (Hrsg.) (2010) Batman und andere himmlische Kreaturen. Nochmal 30 Filmcharaktere und ihre psychischen Störungen. Springer Verlag Heidelberg Fahmüller E-M (2015) Geniale Psychopathen, labile Kommissare. eEssay. Master School Drehbuch e.K. Berlin Laszig P, Schneider G (Hrsg.) (2008) Film und Psychoanalyse. Kinofilme als kulturelle Symptome. PsychosozialVerlag Gießen Mühlbeyer H (2015) Hedi Schneider steckt fest. In: kino-zeit.de  – Das Portal für Arthouse-Film und Kino. URL: http://www.kino-zeit.de/filme/hedi-schneider-steckt-fest (abgerufen am 13.08.2015) NN (2005) Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen. URL: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/rke-ap/​ lehre/personlichkeitsstorungen_fr._dr.pdf, Feb. 2005 (abgerufen am 13.08.2015) Rheinische Post (2014) Luxus-Resort statt Psychiatrie. In: Rheinische Post vom 14.11.2014. URL: http://www.rp-on­ line.de/panorama/fernsehen/luxus-resort-statt-psychiatrie-aid-1.4667029 (abgerufen am 13.08.2015) Tittelbach R (2011) Kino-Koproduktion „Nacht vor Augen“. In: tittelbach.tv. URL: http://www.tittelbach.tv/pro­ gramm/kino-koproduktion/artikel-286.html (abgerufen am 13.08.2015)

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Silver Linings: R u B: David O. Russell, USA 2012. Vincent will Meer: R: Ralf Huettner, B: Florian David Fitz, D 2010. Hedi Schneider steckt fest: R u. B: Sonja Heiss, D 2015. Harald Mühlbeyer: Hedi Schneider steckt fest. In: http://www.kino-zeit.de/filme/hedi-schneider-steckt-fest (26.06.2015).

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4 Erzählmuster über psychisch Kranke in Kino- und Fernsehfilmen

Wittchen H-U, Jacobi F (2012) Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS). Was sind die häufigs­ ten psychischen Störungen in Deutschland? URL: https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/ Studien/Degs/degs_w1/Symposium/degs_psychische_stoerungen.pdf?__blob=publicationFile, 14.06.2012 (abgerufen am 13.08.2015) Wohlrab L (Hrsg.) (2006) Filme auf der Couch. Psychoanalytische Interpretationen. Psychosozial-Verlag Gießen

Filmverzeichnis A Beautiful Mind: R: Ron Howard, B: Akiva Goldsman, USA 2001. Basic Instinct: R: Paul Verhoeven, B: Joe Eszterhas, USA 1992. Bloch: 24 Episoden, Konzept: Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich, SWR/WDR 2002–2013. Blutige Fährte. Reihe: Stralsund: R: Martin Eigler, B: Martin Eigler, Sven Poser, D 2010. Das Fremde in mir: R: Emily Atef, B: Emily Atef, Esther Bernstorff, D 2008. Das weiße Rauschen: R: Hans Weingartner, B: Hans Weingartner, Tobias Amann, D 2002. Der Blaue Engel: R: Josef von Sternberg, B: Carl Zuckmayer, Karl Gustav Vollmoeller, Robert Liebmannnach dem Roman Professor Unrat von Heinrich Mann, D 1930. Der letzte schöne Tag: R: Johannes Fabrick, B: Dorothee Schön, D 2012. Der Untergang: R: Oliver Hirschbiegel, B: Bernd Eichinger, D/I/RUS/Ö 2004. Derrick: 281 Episoden, B: Herbert Reinecker, D, ZDF/ORF/SF 1974–1998. Dexter: 96 Episoden, Idee: Jeff Lindsay, Lauren Gussis, Timothy Schlattmann, Showtime 2006–2013. Die Auslöschung: R: Nikolaus Leytner, B: Nikolaus Leytner, Agnes Pluch, Ö/D 2013. Es ist nicht vorbei: R: Franziska Meletzky, B: Kristin Derfler, Clemens Murath, D 2011. Fatal Attraction (Eine verhängnisvolle Affäre): R: Adrian Lyne, B: James Dearden, USA 1987. Flemming: 22 Episoden, B: Gregor Edelmann, ZDF 2009–2012. Hedi Schneider steckt fest: R u. B: Sonja Heiss, D 2015. Helen: R u. B: Sandra Nettelbeck, USA 2009. Hirngespinster: R u. B: Christian Bach, D 2014. Homeland: 48 Episoden, Idee: Howard Gordon, Alex Gansa, Showtime seit 2011. Inglorious Basterds: R u. B: Quentin Tarantino, USA/D 2009. Léon (Léon – Der Profi): R u. B: Luc Besson, F/USA 1994. Mobbing: R: Nicole Weegmann, B: Volker A. Zahn, Eva Zahn nach dem Roman von Annette Pehnt, D 2012. Monk: 125 Episoden, Idee: Andy Breckman, USA Network 2002–2009. Nacht vor Augen: R: Brigitte Bertele, B: Johanna Stuttmann, D 2008. Neben der Spur – Adrenalin: R: Cyrill Boss, Philipp Stennert, B: Frederik Weis, Cyrill Boss, Philipp Stennert nach dem Roman von Michael Robotham, D 2015. One Flew Over the Cuckoo’s Nest (Einer flog übers Kuckucksnest): R: Miloš Forman, B: Bo Goldman, Lawrence Hauben, USA 1975. Psycho: R: Alfred Hitchcock, B: Joseph Stefano, USA 1960. Requiem: R: Hans-Christian Schmid, B: Bernd Lange, D 2006. Schimanski: 17 Episoden, D, ARD 1997–2013. Silver Linings: R u B: David O. Russell, USA 2012. Taxi Driver: R: Martin Scorsese, B: Paul Schrader, USA 1976. The Hand that Rocks the Cradle (Die Hand an der Wiege): R: Curtis Hanson, B: Amanda Silver, USA 1992. The Silence of the Lambs (Das Schweigen der Lämmer): R: Jonathan Demme, B: Ted Taily, USA 1991. The Wire: 60 Episoden, Idee: David Simon, USA, HBO 2002–2008. Und alle haben geschwiegen: R: Dror Zahavi, B: Andrea Stoll, D 2012. Unsere Mütter, unsere Väter: R: Philipp Kadelbach, B: Stefan Kolditz, D 2012. Vincent will Meer: R: Ralf Huettner, B: Florian David Fitz, D 2010.

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Erzählmuster über psychisch Kranke in Kino- und Fernsehfilmen  

Lesprobe aus Nalah Saimeh (Hrsg.) "Straftäter behandeln" ISBN: 978-3-95466-228-9

Erzählmuster über psychisch Kranke in Kino- und Fernsehfilmen  

Lesprobe aus Nalah Saimeh (Hrsg.) "Straftäter behandeln" ISBN: 978-3-95466-228-9

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