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re:green Matthias Walendy


Die Gärten sind zurück. Ein Vorwort von Christa Müller

Manchmal, sagt Matthias Walendy, komme es ihm so vor, als sei

Raum, der befreit werden soll von der einseitigen Belagerung

die Beziehung zwischen Mensch und Natur “entweder nicht mehr

durch Kommerz, Beton und motorisierten Verkehr.

vorhanden, mittlerweile sekundär oder sogar purer Luxus”. Den

Auf Baumscheiben und in Bäckerkisten wird Neuland bewirt­

Fotografen der berühmten Ostkreuzschule irritiert die Tat­sache,

schaftet. Obwohl, so ganz stimmt das ja nicht. Schon in den

dass erstmals in der Menschheitsgeschichte weltweit mehr

1970er Jahren eroberten sich türkische Einwander/innen die

­Menschen in Städten leben; nicht mehr auf dem Land. In seiner

Brachflächen der Innenstädte, um Bohnen und anderes Gemüse

Abschlussarbeit re:green beschäftigt er sich mit dem Wunsch

anzubauen. Ebenfalls ohne zu fragen. Ihre Motivation war dabei

einer wachsenden Zahl von Stadtbewohner/innen, wieder zurück

nicht der Protest, sondern vielmehr eine naheliegende Subsistenz­

zur Natur zu finden.

strategie. Und die ist auch heute nicht von der Hand zu weisen.

Im Fokus von re:green stehen die neuen urbanen Gärten: die

Eins meiner Lieblingsbilder dieser Arbeit ist die alte Frau in der

Projekte der mobilen urbanen Landwirtschaft, Interkulturelle Gär­

lilafarbenen Strickjacke. Gestützt auf einen Krückstock inspiziert

ten, Guerilla Gardening und Nachbarschaftsgärten. Die Vielfalt der

sie den Stand der Dinge im Kreuzberger Nachbarschaftsgarten

urbanen Gartenbewegung präsentiert sich derzeit am eindrucks­

“Ton Steine Gärten”. Die Ernte wird sicher gleich in die über­

vollsten in Berlin; und Berlin ist auch der Aktionsradius von re:green.

dimensionierte Plastiktüte wandern, die sie dabei hat.

Die einsame Gemüsekiste mit Kürbisblättern auf weitem Feld

Die neuen Gemeinschaftsgärten waren von Anfang an Anziehungs­

– dem Tempelhofer Feld – ist das vielleicht programmatischste

punkte auch für die EinwanderInnen. Hier erhielten sie nicht nur die

Foto der Arbeit. Es kündet von etwas Neuem, es fordert auf zur

Möglichkeit, “neuen Boden unter den Füßen zu gewinnen”, hier

Neuinterpretation des Ortes; es symbolisiert Weite in einem nicht

können insbesondere die Menschen mit agrarkulturellem Hinter­

verregelten, undefinierten Raum. Neuerdings geschehen un­

grund ihr Wissen anwenden und darin Anerkennung erfahren.

gewöhnliche Dinge in der Stadt. Auch das Huhn aus dem Görlitzer

Die Generation Garten weiß um die Relevanz des thematischen

Park scheint sich zu wundern über seine urbane Umgebung: eine

Felds, auf dem sie sich bewegt; das zeigt nicht zuletzt die Ernst­

mit Herbstlaub bedeckte Plastikplane, ein ausgemustertes Elektro­

haftigkeit, die sich in vielen Gesichtern auf den Fotos spiegelt.

kabel. Womöglich wundert sich es nicht mehr lange, denn die

Neben Interkultur und Inklusion sind das Zukunftsthemen wie Post

Landwirtschaft kehrt zurück in die Großstädte, und das, so zeigen

Oil City, Ressourcenknappheit, neues Miteinander, sinnvolle Arbeit,

nicht zuletzt die Fotos von Matthias Walendy, ist eine aufregende

die Wiederentdeckung der eigenen Produktivität, des Handwerks,

Nachricht.

der Techniken und Kulturen des Selbermachens und nicht zuletzt

Mehr als Stadtverschönerung im Mini-Format

die Schaffung von Naturerfahrungsräumen in der Stadt. Das Foto vom grün umzingelten Einkaufswagen könnte auch den

Urbanes Gärtnern ist nicht primär erwerbsmäßige, konventionelle

Buchtitel “Die Welt nach uns” illustrieren. Allmählich wächst wieder

Landwirtschaft am Rand der Stadt. Vielmehr handelt es sich um

alles zu; die Insignien der Konsumgesellschaft werden über­

eine soziale Landwirtschaft, um die Herstellung von Lebensmitteln

wuchert und verschwinden von der Bildfläche. Urban Gardening

auf urbanem Territorium als Gemeinschaftsaktion. Es werden be­

ist vielleicht einer der letzten Versuche, eine “Welt nach uns” zu

vorzugt solche Gemüsesorten angebaut, die reiche Früchte tragen

verhindern. Auch hier ist die symbolische Politik unverkennbar:

und von vielen geerntet werden können. Das soziale Miteinander

Der Einkaufswagen wird mit Kapuzinerkresse bepflanzt und damit

strukturiert den Raum ebenso wie die Beet- und Anbauformen.

die Ressourcenknappheit wie auch der Warenüberfluss positiv

Gemeinschaftsgärtnern bezieht die Nachbarschaft mit ein, ­sendet

gewendet. Die Urban Gardeners bauen lokales Gemüse an,

Botschaften an die Stadtplaner und entwirft neue Bilder von

bevorzugen alte Sorten, sensibilisieren für saisonale und regio­

Stadt, indem es den Blick irritiert. So wie die Guerilla-Gärtnerin,

nale Qualitäten, reproduzieren ihr Saatgut selbst und praktizieren

die z­ wischen parkenden Autos Lavendel pflanzt. Was sie tut, ist

­wesensgemäße Bienenhaltung. Hier entstehen Konturen eines ko­

mehr als Stadtverschönerung im Mini-Format; Guerilla Gardening

operativen Mensch-Natur-Verhältnisses. Die Fotos deuten an, dass

ist immer auch eine s­ ymbolträchtige Intervention im öffentlichen

dabei nicht allein die Menschen die bestimmenden Akteure sind.


Berlin zeigt sich von seiner New Yorker Seite

Gärtnerns. Die Zartheit der Farben und der Arrangements lenkt die

Matthias Walendy sucht nach der Natur in der Stadt, aber er

Aufmerksamkeit weg von den prachtvollen Blüten­inszenierungen

sucht zugleich auch nach der Offenheit des Raums. Er legt dar,

der Natur, hin zu den Stadtmenschen, die sich ihr mit der Gieß­

was in einer Stadt jenseits des Überbrachten noch alles denk-

kanne in der Hand vorsichtig wieder nähern. Die Kamera versucht,

und vorstellbar sein kann. Der Fotograf führt uns ungewöhnliche

die Zeichen der neuen Interaktionen zu entziffern.

Landschaften vor; ein großartiges Bild ist die Brachfläche an der

Überall ist sie zu lesen – auch im verwunschenen blauen Wohn­

­Cuvrystraße. Berlin zeigt sich hier von seiner New Yorker Seite:

wagen, der im urbanen Wildwuchs vor der Brandmauer steht –

Weite, ein anregender Architekturmix, Coolness, Graffiti an Haus­

die Sehnsucht nach einer anderen Urbanitas. Walendys Blick auf

wänden, die noch aus der industriellen Epoche stammen – und

Gärten ist nicht gefällig; die bunte, knallige Farbenwelt der Pflanzen

mittendrin in diesem Niemandsland eine Mini-Landwirtschaft –

wirkt in dieser Arbeit eher blass, wie mit einem Filter überzogen.

mehr ein Statement als eine echte Versorgungsalternative.

Das verstärkt die Melancholie auf den Gesichtern einiger der Foto­

So mancher urbane Garten schafft eine traumartige Ästhetik in

grafierten, und es verweist auf die nicht widerspruchsfreie Schnitt­

zugewachsenen Industriekulissen. Man beobachtet das zeitliche

stelle von Mensch und Natur. Die Poesie der Bilder erklärt sich

Ineinanderfallen verschiedener Epochen wie der Industriemoderne

womöglich durch die Unsicherheit, mit der wir alle in die Zukunft

und der Moderne, der sich ankündigenden multiplen Krisen, die

schauen. Konfrontiert mit dem Aufblitzen unzähliger Möglichkeiten

noch einer griffigen Diagnose bedarf. Auch Zerfall ist zu besich­

und gleichzeitig mit dem Wissen darum, dass nicht mehr viel Zeit

tigen, aber in den Fotos findet sich nichts Bedrohliches oder

bleibt, eine Umkehr zu bewirken.

Heruntergekommenes.

Susan Sontag bemerkte in ihrem Essay Über Fotografie, dass

Eher Aufbruch. Optimistisch wie die Pioniere der amerikanischen

ein soziales Phänomen erst dann “real” ist, wenn es abgebildet

Siedlerbewegung schauen die Aktiven des Gemeinschafts­

und medial repräsentiert wird. Wenn diese kulturwissenschaftliche

gartens vom Allmende-Kontor in die Kamera. Tatkräftig stehen

Erkenntnis zutrifft, dann bietet sich dem städtischen Gärtnern eine

sie mit Schaufel und Schubkarre bereit, den Raum nach ihren

große Chance, unseren Blick auf die Städte zu verändern, denn es

Vor­stellungen umzubauen. Und der Ernst, mit dem sich z. B.

erfährt derzeit eine große mediale Aufmerksamkeit. Auch Matthias

Prinzessinnengarten-Gründer Marco Clausen inmitten seiner in

Walendys Fotos verändern unsere Wahrnehmung des städtischen

Asia-Reissäcken aufgezogenen Gemüsepflanzen präsentiert,

Raums, sie lenken den Blick auf die Pflanzen wie auf die sonstigen

zeigt, dass hier nicht die Spaß-Guerilla am Werk ist.

Phänomene, die aus dem Beton hervorwachsen – und womöglich

Umgenutzte Flughäfen und Industriebrachen künden von einer

eine neue Zeit verkünden.

Übergangszeit; und das kann ein hochgradig produktiver Zustand sein. Die Gärtner/innen des Allmende-Kontors haben jedenfalls abenteuerliche Hochbeetkonstruktionen gebaut und das Konzept der Pioniernutzung auf dem Tempelhofer Feld im besten Sinne in die Tat umgesetzt. So selbstverständlich es aussehen mag; es ist bemerkenswert, wie neuerdings Bienenstöcke auf Großstadtdächer geschleppt werden, selbstgebaute Nistkästen in innerstädtischen Wäldchen hängen und Kinder “wilde Ecken” für Insekten schaffen: Woher kommt diese neue Fürsorge für städtische Natur, die eng verknüpft

Dr. Christa Müller ist Soziologin und Geschäftsführende Gesell­

ist mit Do it Yourself und der Suche nach einem individuellen Aus­

schafterin der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis.

druck des eigenen Tuns in der vorgefertigten Industriewarenwelt?

Sie forscht seit Jahren über die neue urbane Gartenbewegung.

In Walendys Projekt re:green zeigt sich ein echtes Interesse an den

2011 gab sie das Buch “Urban Gardening. Über die Rückkehr der

sozialen und möglicherweise auch seelischen Dimensionen des

Gärten in die Stadt” heraus.


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5 .......................................................... Allmende Kontor auf dem Tempelhofer Feld, Berlin - Tempelhof 6 .......................................................... Baumscheibe in der Lausitzer Straße, Berlin - Kreuzberg 9 .......................................................... Prinzessinengarten, Berlin - Kreuzberg 11 .......................................................... Prinzessinengarten, Berlin - Kreuzberg 12 .......................................................... Prinzessinengarten, Berlin - Kreuzberg 14 .......................................................... Kinderbauernhof Görlitzer Park, Berlin - Kreuzberg 15 .......................................................... Wriezener Freiraum Labor, Berlin - Friedrichshain 17 .......................................................... Prinzessinengarten, Berlin - Kreuzberg 19 .......................................................... Prinzessinengarten, Berlin - Kreuzberg 21 .......................................................... Ton, Steine, Gärten, Berlin - Kreuzberg 22 .......................................................... Kid’s Garden, Berlin - Neukölln 25 .......................................................... Prinzessinengarten, Berlin - Kreuzberg 27 .......................................................... Allmende Kontor auf dem Tempelhofer Feld, Berlin - Tempelhof 28 .......................................................... Nachbarschaftsgarten in der Oranienstraße, Berlin - Kreuzberg 29 .......................................................... Baumscheibe in der Weichselstraße, Berlin - Neukölln 31 .......................................................... Prinzessinengarten, Berlin - Kreuzberg 33 .......................................................... Prinzessinengarten, Berlin - Kreuzberg 34 .......................................................... Allmende Kontor auf dem Tempelhofer Feld, Berlin - Tempelhof 35 .......................................................... Brachfläche in der Cuvrystraße, Berlin - Kreuzberg 37 .......................................................... Prinzessinengarten, Berlin - Kreuzberg 38 .......................................................... Bienenzüchterin auf einem Dach in der Ritterstraße, Berlin - Kreuzberg 40 .......................................................... Prinzessinengarten, Berlin - Kreuzberg 43 .......................................................... Bienenzüchterin auf einem Dach in der Ritterstraße, Berlin - Kreuzberg 44 .......................................................... Ton, Steine, Gärten, Berlin - Kreuzberg 46 .......................................................... Baumscheibe in der Mariannenstraße, Berlin - Kreuzberg 47 .......................................................... Baumscheibe in der Görlitzer Straße, Berlin - Kreuzberg 48 .......................................................... Dachgarten der Strategieagentur Diffferent, Berlin - Kreuzberg 51 .......................................................... Dachgarten der Strategieagentur Diffferent, Berlin - Kreuzberg 52 .......................................................... Interkultureller Garten Altglienicke, Berlin - Köpenick 54 .......................................................... Allmende Kontor auf dem Tempelhofer Feld, Berlin - Tempelhof 56 .......................................................... Prinzessinengarten, Berlin - Kreuzberg 57 .......................................................... Brachfläche in der Cuvrystraße, Berlin - Kreuzberg 58 .......................................................... Baumhaus an der Mauer, Berlin - Kreuzberg 61 .......................................................... Allmende Kontor auf dem Tempelhofer Feld, Berlin - Tempelhof 62 .......................................................... Auf einem Dachgarten in der Manteuffelstraße, Berlin - Kreuzberg 64 .......................................................... Baumscheibe in der Görlitzer Straße, Berlin - Kreuzberg 65 .......................................................... Baumscheibe am Schlesischen Tor, Berlin - Kreuzberg 67 .......................................................... Auf einem Dachgarten in der Manteuffelstraße, Berlin - Kreuzberg 69 .......................................................... Wriezener Freiraum Labor, Berlin - Friedrichshain 71 .......................................................... Prinzessinengarten, Berlin - Kreuzberg


re:green Matthias Walendy 2010 - 2011 Fotografie und Gestaltung: © Matthias Walendy www.matthiaswalendy.de Mit einem Vorwort von Christa Müller

Dank an: Prof. Ute Mahler, Thomas Sandberg, Grischa Meyer, Nadine Nelken und alle Lehrer der Ostkreuzschule für Fotografie, Edda Hofer, Christa Müller, Baris Guerkan, Daniel Seiffert, Karsten Klaußner, Thomas Lobenwein, Isabel Kiesewetter, René Zieger, Victoria Tomaschko, meine Eltern Brigitte Walendy und Wilhelm Walendy, sowie alle Personen und Initiativen, die mich bei diesem Projekt unterstützt haben.

Druck: bookfactory - der Verlagspartner GmbH, Bad Münder Siebdruck Umschlag: SDW - Neukölln, Berlin Papier: Gardapat Kiara 135g

Mit freundlicher Unterstützung von


re:green  

Urban gardening in berlin. Softcover, 74 pages, 42 color pictures. Essay by Dr. Christa Müller.

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