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Pl at t en

Pl at t en Boom Tschak

Die Electro-Kolumne von Albert Koch

Nachts im Museum Brendan Benson

What Kind Of World Lojinx/Alive ď‚Ťď‚Ťď‚Ťď‚Ť

Nostalgisch schimmernder Powerpop von einer der Kapazitäten auf diesem Gebiet: Brendan Benson macht’s mal wieder alleine.

Beach House Bloom

Bella Union/Coop/Universal ď‚Ťď‚Ťď‚Ťď‚Ťď‚Ť

In den besten Fällen haben die Songs von Beach House die Qualität von Weisen, die MĂźtter ihren Kindern zum Einschlafen vorsingen. Weil gerade immer irgendwo auf dieser Welt jemand in den Schlaf ge­ sungen werden muss, verklingen diese Lieder nimmermehr. Tatsächlich: Die bes­ ten StĂźcke von Beach House erwecken den Eindruck, als wĂźrden sie endlos ihre Kreise drehen. Und sie klingen tatsächlich auch nach kleinen Schäfchen oder Ă„ffchen und sonst einem Tierchen, das eifrig, aber mit Bedacht, auf weichen Pfoten Tonleitern hinunterklettert und wieder hinauf. Die in Arpeggios aneinandergereihten Noten kommen bei Beach House Ăźblicherweise aus der alten, kleinen Orgel. Und die Slide­ gitarre seufzt dazu. Die Rhythmusmaschi­ ne macht zischel-zischel und klack-klack. So viel zum Klischee, zum Verharren in ihrem Sound und Stil, welches aus Alex Scally und Victoria Legrand die vielver­ sprechendsten Talente in der Nachfolge von Mazzy Star (die es aber wieder gibt!) machte und ihnen darĂźber hinaus sogar ein gewisses Alleinstellungsmerkmal ver­ lieh. Bloom zeigt allerdings deutlich, dass dieses Klischee, das man von Beach House hat, endgĂźltig nicht mehr zu halten ist. Denn der von Hunderten hippen Platten bekannte Co-Produzent Chris Coady geht auf ihrem vierten Album ziemlich weit. Die Opulenz, die in der feierlichen, traumver­ hangenen Musik des Duos schon immer an­ gelegt war, wird offen ausgekleidet. Bloom braust stellenweise richtig auf, shoegazet sogar. Doch nicht nur voller sollen Beach House klingen, auch abwechslungsreicher, farbenfroher. Es ist dies eine offenkundig produzierte, keine einfach nur aufgenom­ mene Platte. Aber das alles ändert ja nun weder etwas an Victorias gĂźtigem Mezzo­ sopran, noch an den Einschlafliedermelo­ dien. Lassen Sie sich bloĂ&#x; nichts erzählen: Das neue Beach-House-Album ist genauso schĂśn wie jedes andere. Key Tracks: „Myth“, „The Hours“, „Other People“ Oliver GĂśtz VĂ–: 11.5. Story S. 50

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Best Coast

The Only Place Wichita/PIAS/Rough Trade ď‚Ťď‚Ťď‚Ťď‚Ť

California Dreamin’ im Schwurbel- und Schraddel-Style, featuring Shoobidoo & Lalala. In Kalifornien wird immer noch vehement geträumt. Es gibt kaum einen Ort in der mythologischen Map Of America (von

A

gerecht werden. Die Idee des RetroFuturismus ist bei Kraftwerk zu einer generalstabsmäĂ&#x;ig aufgezogenen Verwertungskette des Backkatalogs geworden. Neues kommt nicht dazu, die Helden

cht aufeinanderfolgende Tage. Acht

schwimmen im eigenen Saft, Retromanie

Konzerte. Acht Alben. Mitte April

statt Retro-Futurismus. Seit mehr als 20

traten die Techno-Pioniere Kraftwerk Im

Jahren verwalten Kraftwerk die eigene

Museum Of Modern Art in New York auf.

Legende in Form ihres schmalen Song­

Normale Konzerte waren das natĂźrlich

katalogs – bis auf die ungeliebten ersten

nicht. Jeder Abend, an dem Kraftwerk die

drei Alben. Die Digitalisierung ihrer alten

Alben von Autobahn bis Tour de France

Aufnahmen Ende der 80er-Jahre mĂźnde-

(Soundtracks) komplett aufgefĂźhrt ha-

te in einem gigantischen Soundarchiv

ben, wurde als audiovisuelles Gesamt-

und dem Greatest-Hits-Album The Mix.

kunstwerk inszeniert mit 3-D-Projektio-

Darauf korrigierten Kraftwerk ihre Songs,

nen und allem Pipapo. Es stellt sich dabei

also ihre eigene Geschichte mit Neuauf-

weniger die Frage, was der Pop in den

nahmen. Ab da ging es um jeweils als

Tempeln der Hochkultur verloren hat. Die

zeitgemäĂ&#x; empfundene Updates des

Popmusik hat ja in ihrer Geschichte auch

Sounds. Weniger Techno-Pop, mehr

noch den letzten Bereich durchdrungen

Technokratentum. Die Historisierung und

und Altersgrenzen (bei den AusfĂźhrenden

Musealisierung von Kraftwerk hat also

und beim Publikum) verschoben. Wie bei

nicht erst im Herbst 2011 im Lenbachhaus

jeder anderen Kunstform reicht ihre

in MĂźnchen oder im April 2012 in New

Qualitätskurve von trivial bis hoch kom-

York begonnen, sondern schon vor zwei

plex. Warum also nicht Kraftwerk im

Jahrzehnten mit dem Album The Mix.

MoMA? Es geht auch nicht um die Frage,

Alex Clare

The Lateness Of The Hour

Am Abend nach der Live-Präsentation

ob Bands ganze Alben – im Sinne klassi-

des Albums Die Mensch-Maschine hat

scher Kompositionen – auffßhren dßrfen.

Juan Atkins eine Soundinstallation im

Wer etwas dagegen hat, hängt wahr-

MoMA aufgefĂźhrt. Atkins ist einer der

scheinlich einer rockistischen und roman-

Väter des Detroit Techno – und maĂ&#x;geb-

tischen Vorstellung nach, die nach Män-

lich von Kraftwerk beeinflusst. Er zeigte,

nerschweiĂ&#x; riecht und Spontaneität und

dass Auftritte nachts im Museum nicht

Ehrlichkeit als hĂśchste Tugenden ansieht.

zwangsläufig etwas Museales an sich

Es geht vielmehr darum, dass Kraftwerk

haben mĂźssen.

New York abgesehen), der so konsequent von einem Set von Bildern beherrscht wird wie der Golden State an der US-WestkĂźste. Die Beach Boys mĂśgen in ihrer Surf-Phase den Grundstein fĂźr den California-Kult gelegt haben, Brian Wilson und Van Dyke Parks setzten California mit dem Album Orange Crate Art in den 90er-Jahren ein Denk­ mal, Heerscharen von Bands zwischen Los Angeles und San Francisco proben in UV-intensiven Popsongs ein StĂźck Hei­ matpflege unter besonderer BerĂźcksich­ tigung von Drogen, Glamour und den geografisch-klimatischen Besonderheiten Kaliforniens. Auf Crazy For You, dem 2010er-Vorgänger-Album des Duos Best Coast aus Los Angeles, konnten wir in den „Summer Mood“ switchen, um uns dann von der becircenden Beth Cosentino erzählen zu lassen, wie es sich so anfĂźhlt, „When The Sun Don’t Shine“. Dem stark nostalgischen Trip in die eigene Teenager­ zeit folgt mit The Only Place ein durchaus erwachsenes Album, angefĂźhrt von einer weiteren Liebeserklärung an ihren Home State. Was nicht heiĂ&#x;en soll, dass Beth Cosentino und Partner Bobb Bruno die Girl-Group-Referenzen von ihrer Agen­ da genommen hätten, aber ihr California Dreamin’ im Jahr 2012 findet im Schwur­ bel- und Schraddel-Style mit nicht ganz so strom­linienfĂśrmigen Gitarren statt. Dream Pop fĂźr ein gewĂśhnlich gut informiertes Indie-Publikum, das zum Sonnenunter­ gang am Venice Beach die nächste Umwelt­ katastrophe schon mitdenkt. Am Ende aber werfen Best Coast wieder einen ungebro­

VĂ–: 25.5. Story S. 31

Island/Universal ď‚Ťď‚Ťď‚Ťď‚Ť

Singer/Songwriter-Dubstep, der vom Dancefloor direkt unter die Bettdecke fĂźhrt

Eine verzichtbare, aber wahrscheinlich unvermeidliche Information: Alex Clare war einmal ein Jahr lang der Liebhaber von Amy Winehouse. Danach kam er auf die seltsame Idee, seine Singer/SongwriterSongs mit Dubstep-Beats aufhĂźbschen zu lassen. Die Idee war aber nicht seltsam genug, dass sein in GroĂ&#x;britannien bereits im vergangenen Sommer erschienenes DebĂźtalbum The Lateness Of The Hour nicht einen dezenten Hype ausgelĂśst hätte. Das hatte sicherlich auch damit zu tun, dass fĂźr jene Beats zwei Herren namens Diplo und Switch zuständig waren. Wie die arbei­ ten, fĂźhren sie am eindrĂźcklichsten vor in einer Coverversion von „When Doves Cry“. Aus der Prince-Schnulze wird auf The Lateness Of The Hour ein mathematisch abgezirkeltes Klangexperiment, das quiet­ schende 80er-Jahre-Synthesizer mit kĂźh­ len Keyboardflächen und einem unterir­ disch grollenden Beat kombiniert, während Alex Clare weihevoll dazu singen darf. An­ sonsten beschreibt das Album eine Nacht, die im Club mit dem Dancehall-Knaller „Up All Night“ beginnt. Danach läuft im schicken After-Hour-Laden das wun­ dervoll schlafwandlerische „Tightrope“. Und schlieĂ&#x;lich landet Alex Clare unter der Bettdecke und knĂśdelt soulig „I Won’t Let You Down“. Diese Piano-Ballade verzich­ tet auf jeden elektronischen SchnĂśrkel, ist aber so gnadenlos kitschig, dass Elton John dafĂźr einst seine halbe Brillensammlung hergegeben hätte. Key Tracks: „Up All Night“, „Tightrope“ Thomas Winkler

Cold Specks

I Predict A Graceful Expulsion Mute/Good To Go ď‚Ťď‚Ťď‚Ťď‚Ťď‚Ť

Singer/Songwriter oder Doom Soul: Ein ungemein spannendes DebĂźtalbum einer extrem vielversprechenden Musikerin aus Toronto, Kanada. Was wurde im Vorfeld dieser VerĂśffentli­ chung nicht schon wieder alles unternom­ men, um der Musik der 23-jährigen Sän­ gerin und Songwriterin aus Toronto, die mittlerweile aber in London lebt, ein neues Genre zuzuweisen. Sie selbst bezeichnet ihre Lieder als Doom Soul und liegt damit gar nicht einmal so weit von der Wahrheit entfernt. In ihrem Storytelling nimmt sich die Sängerin vorrangig den abgrĂźndigen Seiten des Lebens an, und mit ihrer auĂ&#x;er­ gewĂśhnlichen Stimme erinnert sie nicht selten an die groĂ&#x;en weiblichen Stimmen des US-Gospels wie zum Beispiel Maha­ lia Jackson. Mit religiĂśser Inbrunst haben zwar nur die wenigsten Songs ihres von Jim Anderson produzierten DebĂźt­albums I Predict A Graceful Expulsion etwas zu tun, aber die Intensität, mit der Al Spx alias Cold Specks ihre Geschichten in StĂźcken

wie „When The City Lights Dim“ und „Send Your Youth“ vorträgt, ist durchaus vergleichbar mit der weltlichen EntrĂźckt­ heit mancher Gospel-Hymne. Als Inspira­ tionsquellen nennt die KĂźnstlerin unter an­ derem James Carr, Bill Callahan und Tom Waits sowie die Aufnahmen des legendär­ en Musikforschers Alan Lomax, was das kĂźnstlerische Bild, das Cold Specks auf I Predict A Graceful Expulsion malt, perfekt abrundet. In manchen Momenten erinnert ihre von Musikerkollegen wie Rob Ellis, Pete Roberts, Thomas Greene und Tom Havelock perfekt unterstĂźtzte Suche nach mĂśglichst groĂ&#x;er stimmlicher Ausdrucks­ stärke zwar unangenehm an Janis Joplin, aber solche kleinen AusreiĂ&#x;er verzeiht man der Sängerin gerne, solange am Ende so tol­ le Songs wie „Heavy Hands“ und „Hector“ herauskommen, die eben nicht in Manieris­ men erstarren. Key Tracks: „Winter Solstice“, „Elephant Head“, „Heavy Hands“ Franz Stengel VĂ–: 18.5.

chenen Blick in die Nacht, untermalt von Streichern und viel Shoobidoo & Lalala. Key Tracks: „Up All Night“, „No One Like You“, „How They Want Me To Be“ Frank Sawatzki VĂ–: 11.5.

Citizens!

Here We Are KitsunĂŠ/Coop/Universal ď‚Ťď‚Ťď‚Ťď‚Ťď‚Ť

Alex Kapranos empfiehlt: eine Indie-Band aus London und ihre rhythmischen Pop-Dinger Jetzt benennen sich Bands schon nach ganz normalen BĂźrgern. Immerhin gibt es ein Ausrufezeichen dazu, etwas Luxus muss schon sein. Aber bloĂ&#x; nicht täuschen las­ sen. Wenn man eine Band sucht, die auf dem reichlich ausgedĂźnnten Gebiet des Indie-Pop in der nächsten Zeit fĂźr Aufre­ gung sorgen kann, sollte man diese auf kei­ nen Fall auĂ&#x;er Acht lassen. Alex Kapranos hat sie im Osten Londons entdeckt und alle Mitglieder nach Glasgow beordert, wo dieses DebĂźtalbum entstanden ist. Man braucht dann auch nicht lange, um zu verstehen, warum der Sänger von Franz Ferdinand einen Narren an diesen Neu­

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musikexpress. Juni 2012

musikexpress. Juni 2012

Einschlaflieder-Pop, den keine Opulenz klein, nein ... zu groĂ&#x; kriegen kĂśnnte.

Man kann Brendan Benson nicht genug dankbar sein. Immerhin schrieb er vor eini­ gen Jahren einen der schĂśnsten Popsongs al­ ler Zeiten. Die Rede ist hier keinesfalls vom Indie-Disco-Kracherle „Good To Me“, sondern von „The Pledge“, einer und viel­ farbigen Verbeugung vor Phil Spectors Sound aus dem Jahr 2005. Das Wissen um diese Qualitäten geriet in den Folgejahren allerdings ein StĂźck weit in den Schatten der etwas rockigeren Zusammenarbeit mit Jack White bei den Raconteurs. Die Nachricht eines neuen Solo-Albums ist insofern zu begrĂźĂ&#x;en. Zumal’s Brendan Benson immer noch kann. Geschickt bedient er sich im groĂ&#x;en Spielkasten vornehmlich des Pop, zitiert die GroĂ&#x;en (natĂźrlich kann man bei „Bad For Me“ Billy Joel und den frĂźhen Elton John raushĂśren, wenn man das mĂśchte, und natĂźrlich klingt „Met Your Match“ nach den Cars), aber eben auch die, die nie ganz groĂ&#x; wurden, also Jonathan Richman, Jellyfish und Alex Chilton. Letzteren er­ setzte Ken Stringfellow neulich Ăźbrigens bei einer Big-Star-Show. Dass eben die­ ser Stringfellow (aus dem letzten Line-up von Alex Chiltons Big Star und bei den Posies) und Jon Auer auf What Kind Of World zu hĂśren sind, ist also nur logisch. Ob die Songs immer funktionieren? Nein, manchmal verlieren sich Brendan Benson und seine Mitmusiker im beherzten, aber letztendlich ziellosen Handwerk. Ob es wieder einen der schĂśnsten Popsongs aller Zeiten gibt? NatĂźrlich! „On The Fence“ heiĂ&#x;t die Nummer, die das Album mit angemessener Country-Kante beendet. „I can’t decide on this way or the other, so I live my life just sittin’ on this fence“, singt Brendan Benson hier. Man kann sich ein schlimmeres Leben vorstellen. Key Tracks: „On The Fence“, „Bad For Me“ Jochen Overbeck

Wie Kraftwerk mit acht Konzerten in New York die eigene Legende am Leben erhalten

den eigenen AnsprĂźchen nicht mehr

lingen gefressen hat. Sie haben genau wie er viel Rhythmus im Blut. Bassläufe spielen eine grĂśĂ&#x;ere Rolle als Gitarrenriffs und den Keyboards/Synthesizern wird auch viel Platz eingeräumt. Von Hooklines verste­ hen Citizens! ebenfalls eine Menge. Es wäre nicht verwunderlich, wenn im Indie-Land demnächst Ăźberall die Zeile „Sitting alone on a park bench just like a reptile“ gesungen wird. Sänger Tom Burke trägt sie in etwa so wie Alexis Taylor vor und auch sonst hat man das GefĂźhl, dass Hot Chip hier nie weit weg sind. Ein kleiner Schlingel scheint Burke auch zu sein. „I always want what I can’t have“, bekennt er und meint damit die Freundin des Freundes. Brave BĂźrger hĂśren sich anders an. Key Tracks: „Reptile“, „Love You More“ Thomas Weiland

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Musikexpress 06 2012 - Selektor S. 74 - 75