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Bild: Priska Ketterer

thema hatte Mut. Aber er musste auch lernen. Im Rheingold ist das Gleichgewicht der Künste, also von Sprache und Musik, fast ein bisschen zu gut gemeint. Aber sicher spielen auch klare konzeptionelle Ideen eine Rolle. Wenn zum Beispiel mitten in der «Götterdämmerung» ein Thema auftaucht, das Siegfried mit Wotan ver­ bindet, dann ist das faszinierend, weil es tiefere Bedeutungen offenlegt und Denkweisen Wagners verrät. M&T: Was macht das Revolutionäre in Wagners «Ring» aus? Jonathan Nott: Ich habe zwar viel gele­ sen, aber noch nicht wirklich eine Ah­ nung, was diesen verrückten Kerl wirk­ lich alles ausmacht. Sicher wollte er uns etwas lehren. Bevor er nach Zürich kam, hatte er den «Lohengrin» komponiert. Er war ein Exilant und erfasst von den revolutionären Ideen, die damals in Eu­ ropa virulent waren: Die jungen Deut­ schen und vor allem Ludwig Feuerbach inspirierten ihn, er las Bakunin, Prou­ dhon und Marx, er dachte nach über das ultimative Kunstwerk. In den ersten Jahren in Zürich entstanden seine theo­ retischen Schriften, in denen er sich erst einmal bewusst zu werden versuchte, wie dieses  «Kunstwerk der Zukunft» ausse­ hen könnte. Und er konzipierte bewusst seine neue Oper, die erst «Siegfrieds Tod» hiess, nach solchen Ideen.

Götterdämmerung? Nein, Sturm über Tribschen im Juni 2013

M&T: Jonathan Nott, Sie haben in einem Einführungsvortrag die weit über hundert Leitmotive, die Wagner in seinem «Ring» in vielfältig verwobenen Kombinationen verwendet, vorgestellt. Denken Sie, dass dieses Geflecht bewusst so konzipiert worden ist? Oder schrieb Wagner intuitiv? Jonathan Nott: Sicher ist ein Teil Intui­ tion. Aber wenn man sich wie Wagner so viele Jahre in dieser Welt bewegt, in der Familie der Motive und Figuren denkt, dann bekommt das immer dramatur­ gischen Sinn. Es sind rein musikalisch gesehen relativ einfache Motive: Lei­ tern, Dreiklänge, Akkorde, Arpeggien. Wagner hat zwar 26 Jahre für die ganze Tetralogie gebraucht. Aber die «Wal­ küre» zum Beispiel komponierte er in recht kurzer Zeit, in vier oder fünf Mo­ naten. Wagner war sehr begabt, und er

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M&T: Was waren das für Ideen? Jonathan Nott: Eine davon war die Gleich­ berechtigung der Künste. Eine andere in Feuerbachs Sinn, dass alles, was geschieht, von Menschen gemacht wird: Wir sind, was wir tun. Friede und Harmonie sind die natürliche Ordnung der Welt. Besitz ist Diebstahl, die Liebe ist Ersatz für Politik. Dazu kommt die griechi­sche Idee der Glorifizierung des Körpers. Das ist ungefähr der gedankli­ che Kochtopf Wagners bis 1854. Dann kam ihm Schopenhauer in die Quere, der sein ganzes Lebensbild aus den Fu­ gen brachte. Wagner wollte mit seinem revolutionären Kunstwerk die reale Ge­

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sehr langsam verändert werden könne. Wagner lässt den «Ring» zwölf Jahre lang liegen. Feuerbach ist nicht mehr aktuell. Erst 1864, nach «Tristan» und «Meister­ singer», setzt er sich als ganz anderer Mensch wieder mit an den «Ring». Ich habe mich ja lange mit Gustav Mahler beschäftigt. Das ist eine ähnliche Welt, in der aus allen Ecken und Enden des Le­ bens und Denkens Elemente zusammen­ kommen: höchst komplex, höchst banal, metaphysisch oder alltäglich wie der Ehekrach zwischen Wotan und Fricka. M&T: Mahler ist ja deutlich Ich-Musik. Ist Wagner auch Ich-Musik? Jonathan Nott: Ich denke, er hat sich schon mit Wotan identifiziert, es gibt auch Aussagen, in denen er sich mit Alberich vergleicht. Ich würde sagen, ­ diese Ich-Bezogenheit ist bei Mahler deutlicher, wenn sie auch nicht überall gilt. Und interessanter finde ich sowieso, was wir aus diesen Umständen für uns entdecken können. Die Aktualität des Stoffes von Wagners «Ring» ist ja unbe­ stritten und auch ganz direkt fassbar: Wunderschön zum Beispiel ist die Lie­ be vom Vater Wotan zu seiner Tochter Brünnhilde. Und ich frage mich dann: Ist es wahr, dass Natur keine Liebe hat? Ist es wahr, dass man Macht nur erlan­ gen kann, wenn man der Liebe entsagt? Das sind Gedanken, die unglaublich be­ wegend sein können. Ich habe selber ein sehr zwiespältiges Verhältnis zur Macht, was als Dirigent nicht ganz einfach ist: Ich will ja alle lieben, wie kann ich sie zwingen, etwas zu tun, was ich will? M&T: Wenn Sie jetzt so viel über den «Ring» wissen, wie viel hilft Ihnen das bei konzertanten Aufführungen? Jonathan Nott: Ich kann viel mehr auf Details achten und habe die Chance, dass man sie auch hören kann. Als auf­ führender Musiker muss ich das Stück beleben, die Energiequellen freilegen und so nahe am Komponisten bleiben wie möglich. Auf der anderen Seite muss ich, damit das Stück Kraft hat, auch sel­

«Die Liebe in der ‹Walküre› ist nicht rosig, sondern wie eine Rose in einer dürren Landschaft.» sellschaft verändern. Jetzt sagt Schopen­ hauer, dass nicht die reale Welt die zen­ trale ist, sondern alles Wichtige nicht nur ausserhalb der empirisch wahrnehm­ baren Ebenen liegt, sondern auch von den Menschen, wenn überhaupt, nur

ber diese Kraft aufbringen. Zu all den Problemen, Themen und philosophi­ schen Gedanken findet man Parallelen im eigenen Leben, und das beeinflusst sich gegenseitig. Ich finde das höchst spannend, wenn auch ein bisschen ge­

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