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Nachrichten aus der Kultur.Region Niederösterreich . Juli/August 2013

schaufenster

Kultur.Region Sommerfrische Goldhaubenwallfahrt / Mostviertel . Franz Posch und Willi Resetarits / Interviews

P.b.b. · Vertragsnummer 10Z038552 S · Erscheinungsort: 3452 Atzenbrugg · Verlagspostamt: 3451 Michelhausen · DVR: 0933 295

Kulturbrücke / Fratres . Hiatastangen / Weinviertel


WIEN NORD

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Editorial / 3

Kulturvermittlung

Bildung macht mündig! Der Sommer bietet die Chance, aus der Betriebsamkeit des Alltags auszusteigen. Die Sommerfrische gewinnt derart in zweifacher Hinsicht an Bedeutung: als erfrischende Zeit zur Belebung des Körpers und zur Bereicherung des Geistes.

Der mündige Bürger ist in aller Munde, selbstredend auch die mündige Bürgerin. Mitreden, Mitwirken und Mitbestimmen sind populäre Ansagen, gegen die wohl kaum jemand Einwände erheben wird. Beim Mitverantworten und Mittragen anstehender Probleme scheiden sich aber nicht selten spätestens dann die Geister, wenn es konkret und bindend wird. Eine gängige Erfahrung lehrt, dass beim Feiern von Erfolgen alle gern dabei sind, geht es aber ums Eingemachte, seilen sich die meisten gerne ab. Daher mögen noch ein paar grundsätzlichere Gedanken auf den Weg in die Sommerfrische mitgegeben werden. Gerade ein auf Solidarität fußendes Gemeinwesen braucht die Balance von Ansprüchen auf der einen und entsprechender Vorsorge auf der anderen Seite. Davon ausgehend treffen wir auf Gerechtigkeitsideen, die auf den Ausgleich diverser Vor- und Nachteile

abzielen. Doch ist es ziemlich herausfordernd, die davon abgeleiteten Verteilungsmechanismen zu durchblicken, also herauszufinden, ob Maßnahmen tatsächlich zum Wohl der Allgemeinheit beitragen oder nur den Profit von wenigen zum Ziel haben. Hier schließt sich der Kreis, denn genau dieser Durchblick macht Mündigkeit nicht nur zu einer formalen Kategorie, sondern auch zu einer mit Entscheidungskompetenz ausgestatteten.

Gerade die Sommerpause sollte es ermöglichen, aus der Betriebsamkeit des Alltags auszusteigen und neben all den sportlichen Freizeitaktivitäten auch den Geist zu bereichern: beim Lesen eines guten Buchs oder qualitätsvoller Zeitungen und Magazine, beim Besuch einer Theateraufführung, beim Kennenlernen von Land und Leuten im Zuge einer Reise, beim Genießen eines Konzerts oder beim Sehen und Hören anspruchsvoller Fernseh- und Radioprogramme.

Am Stammtisch geben sich jedenfalls die meisten als kompetent. Speziell wenn es um Themen wie Heimat, Schule, Bestpreisangebote, Volkskultur oder Fußball geht, halten sich viele für Experten, und bei der Beurteilung von Politik sowieso. Ohne hier auf den philosophischen Diskurs über Wissen und Nicht-Wissen eingehen zu können, darf doch einmal mehr eine Lanze für Bildung und Kulturvermittlung gebrochen werden.

Ganz in diesem Sinne wünschen wir einen schönen und erkenntnisreichen Sommer.

Dorli Draxler, Edgar Niemeczek

MusikSCHUL management KULTUR . REGION NIEDERÖSTERREICH

schaufenster / Kultur.Region / Juli/August 2013


Top-Termine / 4

Juli/August 2013

TOP-TERMINE

DIRNDLGWANDSONNTAG

WEIN-SOMMERFEST —————————————————— So, 28. 7. 2013 Brandlhof, 3710 Radlbrunn 24 —————————————————— Das Aufstellen der Hiatastange markierte den Aufenthalt des Weingartenhüters in den Weinrieden, um die anstehende Ernte sowohl vor den Dieben aus der Natur als auch vor den menschlichen Dieben zu schützen. Auch wenn die Weingärten rund um Radlbrunn nicht mehr bewacht werden, so ist es zur Tradition geworden, die Hiatastange zwischen Jakobi und Laurenzi neben der Hiatahütte aufzurichten. Die Volkskultur Niederösterreich und der Weinbauverein Radlbrunn laden im Rahmen des Wein-Sommerfests dazu ein. Musikalisch-kulinarisch geht es am Nachmittag im Brandlhof weiter: Musik, Wein und Schmankerl gibt es aus den Weinbaugebieten am Kleinen Plattensee (Westungarn), Carnuntum und last but not least aus dem Schmidatal. Programm 9.30 Uhr: Gottesdienst im Brandlhof Anschließend Aufstellen der Hiatastange bei der Hiatahütt’n am Galgenberg Ab 13.00 Uhr: Wein, kulinarische Schmankerl und Musik aus drei verschiedenen Weinregionen

—————————————————— So, 8. 9. 2013, landesweit ——————————————————

ALMWANDERTAG —————————————————— Do, 15. 8. 2013 Puchenstuben, Trefflingweide —————————————————— Wandern, Schmankerl, Volkskultur – ein Programm für die ganze Familie und ein Fachprogramm für Landwirte erwartet die Besucher in Puchenstuben. Der 64. NÖ Almwandertag geht am „Großen Frauentag“ über die Bühne. Das Programm erstreckt sich von bäuerlichen Spezialitäten, Frühschoppen und Volksmusik, über ein buntes Kinderprogramm bis zu landwirtschaftlichen Sonderausstellungen. Ein Erlebnistag in einer der schönsten Regionen des Mostviertels. Am Nachmittag lädt die Volkskultur Niederösterreich zum traditionellen Offenen Singen ein. Programm 8.30 Uhr: Musikalische Begrüßung MV St. Anton/Jeßnitz 9.30 Uhr: Eröffnung und Festansprachen 10.30 Uhr: Feierliche Almmesse, anschließend Frühschoppen und Tiervorführungen 14.30 Uhr: Offenes Singen mit Dorli Draxler, Hedi Monetti und Elisabeth Handl

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Information Tel. 0664 8208595 www.volkskulturnoe.at/brandlhof

Information Tel. 05 0259 46700 www.almwirtschaft.com

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Eine der Hauptveranstaltungen der Initiative „Wir tragen Niederösterreich“ ist der landesweite Dirndlgwandsonntag. Seit 2009 laden die Volkskultur Niederösterreich und die „Wir tragen Niederösterreich“-Partner in Kooperation mit den katholischen Pfarren sowie den evangelischen Pfarrgemeinden ein, dem Sonntag durch das Tragen von Tracht eine besondere Würdigung zu geben. Pfarrfeste, Frühschoppen oder Kirtage bieten die Gelegenheit, den Tag in Tracht zu verbringen und die Vielfalt der niederösterreichischen Trachten zur Geltung zu bringen. Dorffest in Furth/Triesting Dem Dirndlgwandsonntag ist auch das diesjährige Dorffest in Furth an der Triesting gewidmet. Von 7. bis 8. September 2013 veranstaltet die Gemeinde Furth in Zusammenarbeit mit der Volkskultur Niederösterreich ein abwechslungsreiches volkskulturelles Programm. Den Auftakt bildet am Samstag ein ORF NÖ Radio 4/4 gefolgt von einem Chöretreffen. Mit schwungvoller Tanzmusik klingt der erste Tag aus. Der Sonntag beginnt mit einer festlichen Messe mit anschließendem Frühschoppen. Ein weiterer Höhepunkt ist der Sternmarsch und das Großkonzert der Blasmusikkapellen aus der Region. —————— Information www.wirtragennoe.at


Inhalt / 5

Juli/August 2013

INHALT Bräuche Handwerk

6 /

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Sommerfrische Landpartie

9 /

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Haus der Regionen Programmvorschau

12 /

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Interview Franz Posch

14 /

Waldviertel Volkstanzfest

26 /

Diözesanmuseum St. Pölten Der Glaube in der Kunst

40 /

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Waldviertel Handwerksmarkt

Pfarrhof Niedersulz

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Kutschenmuseum Laa/Thaya

27 /

Großschönau ——————

Auslage Bücher, CDs & feine Ware

28 /

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42 / Sakralsammlung 44 / Von der Peripherie

in die Stadt ——————

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Forschung Gotische Malerei

30 /

Kulturbrücke Fratres Kunst &

Musikschulen Sommerkurse

16 /

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Musikschulen Volksmusikwettbewerb

18 /

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Mostviertel Goldhaubenwallfahrt

20 /

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Mostviertel Jakobisingen in Lunz

23 /

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Weinviertel Hiatastangen

24 /

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in Rehberg ——————

46 /

Grenzüberschreitung ——————

Gesprächsrunde Weiterbildung

Tschechien Museum am

32 /

im Kulturbereich ——————

47 /

Eisernen Vorhang ——————

NÖ Landesausstellung Brot & Wein –

Egon Schiele-Geburtshaus Bahnhofswohnung Tulln

Kultur.Region Intern

34 /

Gestaltungsschwerpunkte ——————

Museumsdorf Niedersulz

36 / Kleinhäusler-Lebenswelten

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Museumsdorf Niedersulz Benefizkonzert

38 /

48 /

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49 /

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50 / Die letzte Seite

Willi Resetarits ——————

IMPRESSUM Herausgeber: Dr. Edgar Niemeczek, Dorothea Draxler. Chefredakteurin: Mella Waldstein. Redaktionsteam: Karin Graf, MA, Mag. Michaela Hahn, Mag. Katharina Heger, Mag. Marion Helmhart, Mag. Andreas Teufl, DI Claudia Lueger, Dr. Freya Martin, Dr. Veronika Plöckinger-Walenta, Mag. Ulrike Vitovec, Mag. Anita Winterer, Mag. Eva Zeindl, Michaela Zettl, Mag. Doris Zizala. Mitarbeiter dieser Ausgabe: Isabelle Blanc, Mag. Oliver Fries, Mag. Hilde Fuchs, Dr. Wolfgang Huber, Dr. Helga Maria Wolf, Mag. Karin Wolf. Produktionsleitung, Marketing, Anzeigen und Beilagen: Mag. Marion Helmhart. Eigentümer/Medieninhaber: Volkskultur Niederösterreich GmbH, 3452 Atzenbrugg, Schlossplatz 1, FN 308711m, LG St. Pölten. Tel. 02275 4660, office@volkskulturnoe.at, www.volkskulturnoe.at. Geschäftsführung: Dorothea Draxler, Dr. Edgar Niemeczek. Sekretariat: Petra Hofstätter, Tina Schmid. Grafik/Layout: Atelier Olschinsky Grafik und Design GmbH, 1060 Wien. Druck: good friends Druck- und Werbeagentur GmbH. Verlagspostamt: 3451 Michelhausen. Versandpostamt: Postamt 3112 St. Pölten. ISSN 1680-3434. Copyrights: Kultur.Region.Niederösterreich GmbH, 3452 Atzenbrugg. Artikelübernahme nur nach Vereinbarung mit dem Herausgeber. Fotos: Wenn nicht anders angegeben, Bildarchiv der Volkskultur Niederösterreich GmbH. Ziel der Zeitung: Information und Berichterstattung über Kunst und Kultur und ihre gesellschaftlichen Bedingtheiten mit besonderer Berücksichtigung der Regionalkultur im Bundesland Niederösterreich, Beiträge aus Wissenschaft und Praxis, Ankündigungen und Hinweise. Alle in der Zeitschrift verwendeten Begriffe, Personen- und Funktionsbezeichnungen beziehen sich ungeachtet ihrer grammatikalischen Form selbstverständlich in gleicher Weise auf Frauen und Männer. Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers und der Redaktion widerspiegeln. Cover: Lunzer See, Manfred Horvath

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Bräuche / 6

Handwerk

goldener boden „Handwerk hat goldenen Boden“, sagten die einen, andere waren „auf den Hund gekommen“. Die Redensarten erinnern an jene Zeit, in der die Zünfte ihre Schätze in Truhen aufbewahrten. Auf deren Boden war ein Hund aufgemalt, wurde das Bild sichtbar, bedeutete dies das Gegenteil des goldbedeckten Bodens. Meister eines Faches an einem Ort, vor allem in den Städten. Am ehesten traf dies auf die Hersteller von Nahrungsmitteln, das Bekleidungsgewerbe und die Schmiede zu. Bis zur Auflösung der Zünfte im Jahr 1859 bestanden in 49 Orten Niederösterreichs Müllerzünfte, in 42 Bäckerzünfte und in 34 Fleischhauerzünfte.

Pfusch mir nicht ins Handwerk (Pfuschen bezeichnete die Ausübung eines Handwerks von einem, der nicht zur Zunft gehörte.)

Auf den Hund gekommen.

Der Sozialhistoriker Gustav Otruba („Gewerbe und Zünfte in Niederösterreich“, St. Pölten 1989) setzt den Beginn des Zunftwesens in Niederösterreich im 13. Jahrhundert an. Er nennt u. a. Handwerksordnungen der Lederer in St. Pölten, anno 1260, sowie Bäckerund Fleischerordnungen in Melk aus den Jahren 1281 und 1297. Die Bezeichnung „Zunft“ für den Zusammenschluss von Gewerbetreibenden verwandter Berufe auf genossenschaftlicher Basis taucht hier erst im 18. Jahrhundert auf. Vorher sprach man von Zechen und Bruderschaften, was auf religiöse Vereinigungen hinweist. Diese Gemeinschaf-

ten hatten dem Beruf entsprechende Schutzpatrone. Metallhandwerker und Bergleute wählten die hl. Barbara als Zunftheilige, Rauchfangkehrer und Bierbrauer den hl. Florian, holzverarbeitende Gewerbe verehrten den hl. Josef. In der Barockzeit gründete ein Lilienfelder Abt eine St.-Josefs-Bruderschaft für Zimmerleute, das Stift erfreute sich daraufhin regen Zuspruchs als Wallfahrtsziel. Meist fungierten Adelige als Zunftstifter, wie z. B. die Grafen Auersperg 1706, die die Schneider von Purgstall privilegierten. Als Voraussetzung galt die Tätigkeit mehrerer

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Das „geheiligte Symbol der Organisation“ stellt die Zunfttruhe (Bruderlade) dar. Sie war kunstvoll verziert und mit mehreren Schlössern versehen, deren Schlüssel verschiedene Meister verwahrten. Die zu bestimmten Terminen fixierten Versammlungen durften nur „vor geöffneter Lade“ stattfinden. Auf der Tagesordnung standen u. a. das Aufdingen und Freisprechen von Lehrlingen, Streitfälle und das Kassieren der Umlagegelder. Gasthäuser und Herbergen, in denen die Treffen stattfanden, waren durch ein Schild mit Symbolen oder dem Bild des Patrons der Vereinigung kenntlich. Auch ihr Stammtisch trug das Emblem. Für die Mitglieder war der Besuch kirchlicher Veranstaltungen, vor allem der Fronleichnamsprozession, verpflichtend. Je näher ein Handwerk beim „Himmel“ – dem Baldachin, unter dem die Monstranz mit dem Altarsakrament getragen wurde – gehen durfte, umso höher war sein Ansehen. Deshalb kam es immer wieder zu Streitigkeiten. Wer nicht


Bräuche / 7

Barbara, Zunftheilige der Metallhandwerker und Bergleute.

teilnahm, musste Strafe zahlen. Für Benehmen und Kleidung während des Jahres gab es strenge Regeln, deren Verstöße geahndet wurden. Die Strafgelder dienten zur Unterstützung verarmter oder erkrankter Mitglieder, aber auch zur Finanzierung von Zechgelagen. Taxen bildeten die wichtigste Einnahmequelle. Die meisten Ausgaben verursachten Messstipendien, Begräbniskosten und Erhaltung der Herbergen.

Die Felle davonschwimmen sehen (Wenn Felle gegerbt wurden, mussten sie mit Wasser ausgespült werden. Passte man nicht auf, konnten sie davonschwimmen.) Schon bevor ein Lehrling seine Berufslaufbahn begann, musste er Bedingungen erfüllen, wie eheliche Geburt, ehrliche Abkunft und katholische Religion. Aufgedungen wurden nur „Jungen“ zwischen 12 und 18 Jahren. Sie lebten wie Familienmitglieder im Haus des Meisters. Oft mussten sie Lehrgeld zahlen, während der Lohn im Ermessen des Lehrherrn stand. Nach mehrwöchiger Probezeit erfolgte das „Einkaufen in die Zeche“, wofür die Eltern und der Meister zur Kasse gebeten wurden. Dieser sollte dem Lehrling fachliche Kenntnisse beibringen, ihn verköstigen, bekleiden und erziehen (wozu auch die Prügelstrafe zählte). Verpönt war es, berufsfremde Reinigungs- und Haushaltsarbeiten

Gautschen.

zu fordern. Trotzdem gaben schlechte Kost und Behandlung oft genug Anlass zum „Entlaufen“ während der Lehrzeit. Sie endete – nach einem bis sechs, meistens drei Jahren – mit der feierlichen Freisprechung bei geöffneter Lade und der Überreichung des Gesellenbriefs. Der Übergang zum Stand der Gesellen erfolgte mit einem Mahl und meist ziemlich groben Initiationsritualen. Die Betroffenen wurden im wahrsten Sinn des Wortes „über den Tisch gezogen“ und traktiert. Die Tischler nannten das Hobeln, die Binder Schleifen, die Weißgerber Taufen. Bei den Buchdruckern musste der „Cornute“ einen Hut mit Hörnern tragen. Diesen wurde er erst los, nachdem er nach überstandenem „Depositionsspiel“ geschworen hatte, niemandem die schlechte Behandlung zu vergelten. Danach wurde er mit Rosmarin bekränzt und vom Lehrherrn feierlich freigesprochen. 1771 ließ Kaiserin Maria Theresia die „albernen Gebräuche“ abschaffen. Doch die Buchdrucker erfanden einen neuen: das Gautschen. Der Begriff bezeichnete das Entwässern bei der Papiererzeugung, in diesem Fall die „Taufe“ des Ausgelernten. Der Spruch dazu lautete: „Packt an, Gesellen, lasst seynen Corpus Posteriorum fallen / auf diessen nassen Schwamm, bis trieffen beyde Ballen / der durst’gen Seele gebt ein Sturtzbad obendrauff / das ist dem Jünger Gutenbergs seyn’n beste

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Tauff ’.“ Die Gesellenzeit war nur eine Zwischenphase zur Meisterschaft, obwohl sie lange dauern konnte. Die „Junggesellen“ verbrachten zwei bis zehn Wanderjahre („auf der Walz“) und ein bis zwei Mutjahre, während der sie das Meisterstück anfertigten. Dabei standen sie unter der strengen Aufsicht des Meisters, der Material und Werkstatt zur Verfügung stellte, und der Vertreter der Zunft.

Da ist Hopfen und Malz verloren (War das Brauergebnis bescheiden, waren die wichtigsten Zutaten, Hopfen und Malz, verloren.) Bevor sich ein Bewerber in diese „einkaufen“ konnte, musste er in den Städten das Bürgerrecht erwerben. Dieses wiederum setzte Hausbesitz, Wehrpflicht und die Zahlung kommunaler Steuern voraus. Weiters wurde vom jungen Meister erwartet, dass er sich in Jahresfrist verehelichte. Bevorzugte Kandidatinnen waren katholische Töchter oder Witwen von Meistern seiner Zunft. War der Hausstand gegründet und waren alle anderen Bedingungen erfüllt, konnte sich der Handwerker endlich selbständig machen und seine eigenen Lehrlinge und Gesellen aufnehmen. Text: Helga Maria Wolf Illustrationen: Magdalena Steiner


Wissenschaftliche Kompetenz

NÖ Volksliedarchiv Quellensammlung von: 60.000 Lied- & Musikhandschriften 4.000 Flugblattliedern & Noten 1.000 Volkstanzaufzeichnungen 7.600 Büchern, Schriftenreihen & Zeitschriften 6.000 Abbildungen & Fotos 3.000 Tonträgern: Tonbänder, Schallplatten, Musikkassetten, DAT-Bänder, CDs & DVDs 20 Sammlungen, Nachlässen & Vorlässen

Das NÖ Volksliedarchiv verfügt über wesentliche Primärquellen der musikalischen Volkskunde im Bundesland Niederösterreich und leistet vielfältige Aufgaben. Wissenschaft Forschen & Sammeln Inventarisieren & Katalogisieren Kategorisieren & Archivieren Digitalisieren

Vermittlung Publikation Quellenrecherche Nachlassverwaltung Beratung & Service

NÖ Volksliedarchiv c/o NÖ Landesbibliothek 3109 St. Pölten, Landhausplatz 1 Tel.: 02742 9005 12878 archiv@volkskulturnoe.at www.volkskulturnoe.at/vla Öffnungszeiten: Di–Do 9.00–15.00 Uhr bzw. nach Vereinbarung Um Anmeldung wird gebeten.


Sommer / 9

Sommerfrische

LANDPARTIE Für eine Sommerfrische braucht es Berge, Wasser – und vor allem Zeit. In manchen Orten hat sich die Ahnung an dieses Gefühl bis heute erhalten.

Himmelsspiegel Lunzer See.

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Sommer / 10

Undine-Brunnen im Kurpark Baden.

Am Bahnhof stehen drei große Strohkoffer, fünf Lederkoffer, drei Körbe, zwei Rucksäcke, Sonnen- wie Regenschirme und ein Spazierstock. Vier Kinder purzeln durcheinander. Der Bahnhofsvorstand zieht die Kappe, zwirbelt den Schnauzer und begrüßt den Herrn Rechnungsrat und dessen Frau Gemahlin. Frau Rechnungsrat tadelt leicht enerviert die Kinder. Das Dienstmädchen zählt die Gepäckstücke. Dann kommt das Fuhrwerk. So mag die Ankunft der Sommerfrischler Anno 1913 ausgesehen haben. Vielleicht waren es um zwei Koffer weniger und ein Kind mehr. Aber unter sieben Koffern ging es bestimmt nicht. Schließlich blieb man sechs Wochen und länger. Schließlich musste man einen eigenen Haushalt weiterführen, mit weißen Tischtüchern für Kaffeejausen, grünen Filzdecken für Tarockrunden und den eigenen Tuchenten für die Nachtruhe. Und man musste für jedes Wetter gewappnet sein, denn schon die Bezeichnung Sommerfrische verrät, dass es ein Sommer durchaus frisch sein kein.

Malerische Partien Sommerfrische fühlt sich nach dem kühlen Nass der Seen an. Sie riecht nach sonnenwarmem Holz der Veranden und schmeckt nach Schnittlauchbrot und Ribiselsaft. Für Sommerfrische braucht es Zeit und eine

Südbahnhotel am Semmering.

Landschaft à la Semmering oder Lunzer See, Wälder wie um Gutenstein, Täler wie das Kamptal, gespickt mit ein paar Sehenswürdigkeiten und malerischen Felspartien. Der Kunsthistoriker Wolfgang Kos liefert den wissenschaftlichen Ansatz des Phänomens: „Die Geschichte des Reisens ist somit auch eine Geschichte der Landschaftsmoden. Bis heute sind viele Erholungslandschaften Österreichs von der Vorliebe des 19. Jahrhunderts geprägt, Raumbilder wie Interieurs wahrzunehmen. Malerische ,Parthien‘ (ein Lieblingswort des Biedermeier) lösen Bilder aus ihrem Kontext und schieben verschiedene Landschaftselemente zu Effektstücken zusammen. Es fällt auf, dass viele prototypische Reise-Landschaften des 19. Jahrhunderts – Salzkammergut, Vierwaldstättersee, Côte d’Azur – bei aller Grandiosität ihrer Kulissen die Geborgenheit einer Westentaschen-Landschaft vermitteln. Dieser kammermusikalischen Lieblichkeit folgten auch die dieses Gefühl strukturierenden Kleinarchitekturen, die Wegführungen, die Fassung der Aussichtspunkte, ja sogar die Anlage der ,Bankerln‘ entlang den Spazierrouten.“ Schon Ende des 18. Jahrhunderts strebte die städtische Bevölkerung aufs Land hinaus. Landpartien hießen diese Reisevergnügen: Die Wiener Gesellschaft fuhr im offenen Wagen nach Simmering und Rodaun, in den Prater und nach Döbling. Die weniger begü-

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terten Bürger mieteten einen „Zeiserlwagen“, das war ein einfaches Fuhrwerk mit hölzernen Sitzreihen. Die Städter wollten während der Sommermonate den engen Wohnungen, dem Lärm, Gestank und Staub entfliehen. Die „gute alte Zeit“ war nicht leise, da die eisenbeschlagenen Wagenräder übers Pflaster rumpelten. Die „gute alte Zeit“ stank zum Himmel. Ihr fehlte das Kanalsystem. Sie war dreckig – der Kohlestaub der Öfen, Fabriken und Eisenbahnen kroch in alle Ritzen.

Wiener Stadtbagaschi Die ersten Sommerfrischeorte waren rund um Wien: in Kierling, Kritzendorf und natürlich in Baden. Abseits der berühmten Badener Villen logierten die Wiener vor allem in billigen Ausgedingen der Bauernhöfe oder auch in dessen Vorkellern. Die Bauern verdienten gut daran, bis zu 300 Gulden pro Saison, und nannten die Gäste dadurch auch liebevoll die „Wiener Stadtbagaschi“. Ende des 19. Jahrhunderts kam die Sommerfrische richtig in Schwung. Dazu brauchte es die Bahn. Jetzt konnte sich das Bürgertum eine Fahrt nach Reichenau an der Rax, nach Weißenbach an der Triesting, Puchberg am Scheeberg oder Drosendorf an der Thaya leisten. Der Rechnungsrat und seine Familie haben sich in einem Privathaus eingemietet. Hotels


Sommer / 11

Strandbad Drosendorf an der Thaya.

und Villen waren für die meisten unerschwinglich. Die Zimmerwirtin begrüßt die Wiener Gäste. Alles Weitere überlässt man nun einmal dem Dienstmädchen und dem Buben des Hauses, die sich um das Gepäck kümmern. Die Hausleute hatten den Sommer über ihre Betten in Waschküche und Werkstatt aufgestellt und die guten Stuben den Gästen überlassen. Herr Rechnungsrat samt Familie machen den „Corso“ über den Hauptplatz; vielleicht treffen sie alte Bekannte aus dem vorigen Sommer. Der Rechnungsrat von anno dazumal hat möglicherweise eine Tradition begründet, der seine Nachfahren bis heute folgen: Man hält dem Ort die Treue. Man gründete einen Theatergruppe oder einen Tennisclub. Man eroberte die Berge. Vor allem aber ging man schwimmen. Davor schaute die Sommerfrischegesellschaft dem Wasser zu und an den Ufern von Seen und Flüssen wurden Promenaden angelegt. Das Badevergnügen wurde erst nach 1900 mit der Befreiung des Körpers aus Korsett und Vatermörder möglich.

Signale des Sommers Badeanstalten wurden gegründet. Die Kabine ist das Herzstück. Darin vollzog sich der Wechsel, nicht nur der der Kleider, als Dame von Stand und als Herr von Rang, der in der Freikörperkultur des Florian Berndl im Wiener Gänsehäufel seine Vollendung fand. Alle waren nackt und alle gleich. Um die

Kabinen entstanden Stiegen, die ins Wasser führen, Sonnendecks und schattige Veranden. Die Badeanstalten bekamen einen fröhlich bunt gestreiften Anstrich, der an die Sonnenmarkisen der Riviera-Hotels und die Liegestühle der Seeterrassen erinnern soll. Rot und Weiß, Grün und Gelb sind die Signale des Sommers. Ein ganz besonderes Erlebnis bot das Bad von Edlach: Per Südbahn wurde Sand von der Adria geholt. Die Väter, so wie unser Regierungsrat, fahren Sonntagabends zurück ins Amt. Die Familie verabschiedet sie am Bahnhof. Deswegen hießen die Abendzüge „Busserlzug“. Vom Semmering waren es, dem noblen Publikum geschuldet, die Hofratszüge, die nach Wien fuhren. Am Montag begann der Alltag in der Sommerfrische. Das hieß: Marmelade einkochen und Schwammerl suchen, Handarbeiten und Mithilfe in der Landwirtschaft. Wilhelm Smolka, als Kind Sommergast in einer Mühle an der Thaya: „Mutter, du hast den Hausleuten immer wieder Arbeit abgenommen, freiwillig, einfach um mitzuhelfen, wenn zur Erntezeit alle Hände zu wenig waren. Du hast die Kinder der Mägde gewickelt und geputzt, du hast beim Dreschen in der Tenne, voll von Staub und umherfliegenden Stroh an der Maschine, die Garben geschleppt.“ Wenn die Gäste nach einem großen Sommer am Land in die Stadt zurückkehrten,

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Südbahnhotel am Semmering.

riss die Verbindung zu ihrer Sommerfrische nicht ab. Ein Treffen der „Lunzer“, „Reichenauer“ oder „Garser“ war durchaus üblich. Ein Brief an den Besitzer der Pension „Valerienheim“ in Drosendorf an der Thaya berichtet von einem Treffen in Wien: „Lieber Herr Geidl, Samstag, den 12. März d. J. findet unser nächster Familienabend sowie die Wiedersehensfeier der Gäste vom Valerienheim statt, unter Mitwirkung ausgezeichneter Künstler, und wir hoffen alle, Sie und Ihre liebe Frau an diesem Abend doch begrüßen zu können. […] Franz Hlouscha, Obmann der Pension Valerienheim. Wien, am 2. März 1928.“ Sommerfrische treibt wie ein Blatt im Wasser, kitzelt wie das Gras in den Kniekehlen und klingt nach Platzkonzert im Pavillon. Kein Wunder, dass ein Bub vom Land einmal prompt antwortete, als er gefragt wurde, was er denn einmal werden wolle, wenn er groß sei: „Sommerfrischler“. Möge sein Wunsch in Erfüllung gegangen sein. / Text: Mella Waldstein Fotos: Manfred Horvath


Haus der Regionen / 12

Von Frankreich nach Norwegen

BON VØYAGE Seit mittlerweile neun Jahren werden traditionelle und neue Volksmusik aus Österreich und Europa im Haus der Regionen großgeschrieben. Auch die kommende Saison bietet wieder musikalische Überraschungen.

nal anerkannten Musiker, Komponisten und Volksmusikforscher, sowie Lo Còr de la Plana gehören zu den Spitzenensembles der Provence. Calènda lässt das Publikum in die Vielfalt der provenzalischen Instrumentalund Gesangstraditionen eintauchen und scheut sich dabei auch nicht, moderne Einflüsse heranzuziehen. Die sechs Sänger von Lo Còr de la Plana, deren Name auf einen Stadtteil von Marseille (Kulturhauptstadt Europa 2013) zurückgeht, verstehen es, mit vollem Körpereinsatz einen schwungvollen Mix aus ruhigen und feurigen Liedern im okzitanischen Dialekt vorzutragen.

Nordlichter

Lo Còr de la Plana. Foto: Augustin le Gall

Im Haus der Regionen ist Europa zu Gast. So werden vier Mal jährlich Gruppen aus verschiedenen Himmelsrichtungen unseres Kontinents eingeladen, ihre traditionelle Musik, oftmals auch Tänze, vorzustellen und dem Publikum in einem facettenreichen Programm-Mix näher zu bringen. Im Herbst sind dazu Gruppen aus der französischen Provence und aus dem südlichen Norwegen zu Gast im Haus der Regionen. Dabei gehen Tradition und Moderne wieder Hand in Hand und bieten einzigartige Klangerlebnisse.

Voyage musical In der Provence sind musikalische Einflüsse aus dem gesamten mediterranen Raum wie Spanien, Italien, aber auch Nordafrika und Arabien hörbar. Außerdem wird gerade von jungen Volksmusikgruppen auch der im südlichen Teil Frankreichs typische Dialekt des Okzitanischen gepflegt. So formierten sich zahlreiche A-cappella-Ensembles, die sowohl weltliche als auch religiöse Gesänge in okzitanischer Sprache im Repertoire haben. Die Gruppen Calènda mit Miquèu Montanaro an der Spitze, einem internatio-

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Getragener und sphärischer wird es dann im November im Haus der Regionen, wenn die norwegischen Duos Djønne & Børsheim sowie Halvorsen & Bruvoll eingeladen sind, die Musik ihrer Heimatregionen Hordaland und Telemark im Süden Norwegens präsentieren. Besonders deutlich machen diese beiden Gruppen, dass die Volksmusik in Norwegen durchaus lebendig ist und von zahlreichen jungen Musikern gelebt wird. Rannveig Djønne und Annlaug Børsheim gelingt der Spagat zwischen moderner Komplexität und traditioneller Geradlinigkeit. Diatonisches Akkordeon und Gitarre unterlegen den Gesang mit abwechslungsreichen Harmonien und zarten Melodien, während die typische Hardangerfiedel in virtuoser Weise darauf aufbaut und gefühlvoll zum Träumen einlädt. Zu den Spitzenmusikern gehören auch Jon Anders Halvorsen und Tore Bruvoll, die am


Haus der Regionen / 13

Programm

——————————————————— FRANKREICH / Provence Do, 12. 9. 2013, 19.30 Uhr Voyage musical Calènda Di, 17. 9. 2013, 19.30 Uhr Diashow – Reise durch die Provence Christine und Josef Makowitsch Fr, 27. 9. 2013, 19.30 Uhr Stimmen der Provence Lo Còr de la Plana _ aufhOHRchen – Bordunmusik Fr, 11. 10. 2013, 19.30 Uhr Die Wiederkehr des Dudelsacks Vereno, Lughofer & Mayrhuber Fr, 18. 10. 2013, 19.30 Uhr Bagpipe & Hurdy-Gurdy SpuimaNovas _

SpuimaNovas aus Bayern. Foto: z. V. g.

zweiten Norwegenabend mit getragenen Balladen und großer Gitarrenvirtuosität in die sphärische, harmonische Klangwelt des Nordens entführen.

Bordunmusik Recht schwungvoll wird es bei der diesjährigen aufhOHRchen-Reihe im Haus der Regionen, die in die Welt der Bordunmusik einlädt. Dass Dudelsack und Drehleier nicht nur historische Instrumente sind, auf denen alte, nahezu vergessene Stücke gespielt werden, sondern auch durchaus in Kombination mit modernen Instrumenten in zeitgemäßen Arrangements gut zur Geltung kommen, zeigen ein Trio rund um Michael Vereno und die Gruppe SpuimaNovas. Ersteres wird eine musikalische Zeitreise vom Mittelalter bis in die heutige Zeit unternehmen, während die bayerische Band SpuimaNovas rund um Stefan Straubinger eine hinreißende Mischung aus alten Instrumenten und alten Tänzen in neuem Gewand auf die Bühne bringt. Die nahezu endlose Bandbreite der Borduninstrumente durch die Zeiten wird in beiden Konzerten gezeigt und meisterhaft vorgetragen.

Alt und Neu In die Klänge der Alten Musik taucht das Ensemble Salterina ein. Unter dem Motto „Ländlicher Tanz und höfische Eleganz“ werden im Oktober alte bäuerliche Volkstänze der höfischen Tanzmusik gegenübergestellt. Da folgen Stücke des Barock unmittelbar auf Kompositionen aus der heutigen Zeit. Auch volksmusikalische Einflüsse auf Kompositionen von Mozart und Vivaldi kommen wunderbar zur Geltung, wenn Salterina mit zwei Hackbrettern, Gitarre, Harfe und Kontrabass meisterhaft ein facettenreiches Repertoire vorträgt. Der Name der Gruppe leitet sich vom Salterio ab, das ein Vorgänger des heutigen Hackbretts war. Junge Talente, die beim NÖ Volksmusikwettbewerb im Mai erste Preise gewannen, haben im Herbst die Chance vor dem Publikum aufzutreten, wenn diese in einem Konzert auf die Bühne gebeten werden und eingeladen sind, ihr Können unter Beweis zu stellen. / Text: Anita Winterer

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Good Old Europe Fr, 25. 10. 2013, 19.30 Uhr Ländlicher Tanz und höfische Eleganz Salterina _ Junge Meister Sa, 16. 11. 2013, 18.00 Uhr Preisträger NÖ Volksmusikwettbewerb _ NORWEGEN – Hordaland, Telemark Do, 21. 11. 2013, 19.30 Uhr Klangwelt des Nordens Djønne & Børsheim Fr, 29. 11. 2013, 19.30 Uhr Nordlichter Halvorsen & Bruvoll _ Information und Karten Haus der Regionen 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 Tel. 02732 85015 ticket@volkskultureuropa.org www.volkskultureuropa.org


Interview / 14

Franz Posch

denkmalschützer der musik Seit 25 Jahren moderiert und spielt Franz Posch „Mei liabste Weis“. Das Schaufenster Kultur.Region traf ihn zum Interview.

Franz Posch – seit 25 Jahren in Österreich mit „Mei liabste Weis“ unterwegs. Foto: ORF

„Mei liabste Weis“ läuft jetzt seit 25 Jahren. Wie kam es zu der Sendung? Posch: Das ist dem Engagement des ORF Tirol und auch dem damaligen Generaldirektor des ORF, Gerd Bacher, zu verdanken. Bacher wollte ein Pendant zum „Musikantenstadel“, eine Sendung mit echter Volksmusik. Zuerst ging „Klingendes Österreich“ auf Sendung. Doch Peter Moser vom ORF Tirol hat 1988 unser Konzept durchgebracht. Und das wäre? Posch: Das Konzept ist einfach und hat sich deswegen bewährt – eine ungezwungene

Gasthaus-Atmosphäre, Musikanten aus der Region, Live-Ausstrahlung und das Erfüllen von Hörerwünschen. Sie stehen für unverfälschte, gewachsene und „echte“ Volksmusik. Was tun Sie, wenn sich das Publikum volkstümliche Stücke à la Musikantenstadel wünscht? Posch: Da habe ich in 25 Jahren wirklich Erziehungsarbeit geleistet. Unpassende Musikwünsche sind immer seltener geworden. Ich habe ein missionarisches Bewusstsein entwickelt. Das trägt Früchte. Salzkammergut Pascher, Innviertler Landler, Wiener

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Dudler, Polka Franzé aus der Steiermark, Weinviertler Kirtagsmusik – ich versuche die unglaubliche Vielfalt der österreichischen Volksmusiklandschaft zu vermitteln. Sie sind als Volksmusikant bekannt und berühmt. Was macht Dr. Franz Posch? Posch: Ich war Musik- und Sportlehrer am Akademischen Gymnasium Innsbruck. Meine Dissertation habe ich über den Tiroler Musiker Gottlieb Weissbacher und die Tiroler Tanzmusik gemacht. Er war der Begründer der „Fidelen Inntaler“, für die er über 400 Kompositionen hinterlassen hat.


Interview / 15

Steht für unverfälschte, gewachsene und „echte“ Volksmusik: Franz Posch, hier beim NÖ Trachtenball 2012.

Was tun Sie, wenn Sie nicht musizieren? Posch: Dann betreibe ich Sport, spiele Fußball, gehe wandern, fahre Schi. Verändert sich die Volksmusik? Posch: Mir geht es um die Bewahrung der Volksmusik. Ich kann mit der Volksmusik mit x nicht so viel anfangen, also mit dem, was man auch Crossover nennt. Die Volksmusik soll man so belassen, für junge Musiker gibt es viele andere Möglichkeiten zu probieren und zu experimentieren. Ich sehe mich als Denkmalschützer der Volksmusik. Natürlich verändert sich die Volksmusik, aber das muss man nicht erzwingen. Neu in der Volksmusik – und wir reden da von einem Zeitraum von 50 Jahren! – ist etwa das chromatische Hackbrett, die Okarina und das Saxofon, das die Fidelen Inntaler zum ersten Mal eingesetzt hatten. Was ist die wichtigste Bühne der Volksmusik? Posch: Das Wirtshaus ist die Hochschule der Volksmusik. Das hat Prof. Franz Eibner einmal gesagt und dem schließe ich mich an. Wie legt man sich so ein großes Repertoire zu? Posch: Ich bin ständig unterwegs und lerne laufend dazu. Und ich habe ein gutes Gedächtnis, denn von Kindheit an habe ich nur auswendig gespielt. Das Ziehharmonikaspielen habe ich autodidaktisch gelernt, so wie die alten Volksmusiker, die großteils gar keine Noten kannten. Das trainiert die Merkfähigkeit. Für die Sendung haben wir eine Liste an Stücken aufliegen. Es kommt allerdings vor, dass wir einen Wunsch nicht erfüllen können, das ist aber selten.

Eine Live-Veranstaltung ist ja eine besondere Herausforderung. Üblicherweise wird Playback gespielt. Posch: Es passiert relativ wenig, da wir fleißig proben. Einmal mussten wir aufhören – Gott sei Dank ist das mir und nicht einer Gastgruppe passiert. Die einen haben wiederholt, die anderen in einer anderen Tonart weitergespielt. Ich hatte die ganze Zeit gehofft, dass die anderen nachgeben, und die anderen, dass wir nachgeben. Dann habe ich „Stopp und mea culpa“ gerufen und wir haben von vorne begonnen. Nach der Sendung ist mir der Regisseur um den Hals gefallen und hat gemeint, dass das ruhig öfter sein könnte. Denn Fehler sind der Beweis, dass wir tatsächlich live spielen. Sorgen Sie sich um den Nachwuchs? Posch: Es gibt unglaublich viele junge Musikanten, mehr als je zuvor. Ich kann mich erinnern, vor mehr als 20 Jahren habe ich eine Sendung aus dem Drautal in Kärnten gemacht, da mussten wir eine Tanzlmusik aus Salzburg holen. Mittlerweile gibt es unzählige sehr gute Instrumentalgruppen in Kärnten. Oder nehmen wir die Ybbstal Streich, die sind zwischen elf und 17 Jahre alt und die jungen Musikanten auf der Bühne sind Multiplikatoren. Die nächste Sendung bereite ich in der Steiermark vor. Und ich habe immer öfter die Qual der Wahl. Wir Ostösterreicher schauen in Sachen Tradition immer ein bisschen neidisch auf die Alpenländer. Was hat sich in der niederösterreichischen Volksmusiklandschaft in den letzten 20 Jahren geändert?

schaufenster / Kultur.Region / Juli/August 2013

Posch: In Niederösterreich hat sich viel getan, früher war das gegenüber Salzburg oder der Steiermark ein Notstandsgebiet. Am Beispiel Niederösterreich sieht man, was man mit Engagement und Hingabe alles bewirken kann – nicht zuletzt durch die Volkskultur Niederösterreich. Es gibt nicht nur 25 Jahre „Mei liabste Weis“ zu feiern, sondern auch Ihren 60. Geburtstag im August. Wir gratulieren und danken für das Gespräch. / Das Interview führte Mella Waldstein

Franz Posch begann schon im Alter von vier Jahren, Ziehharmonika zu spielen, später kamen Trompete, Klavier, Klarinette und diverse Volksmusikinstrumente dazu. Nach seinem Studium der Musik- und Leibeserziehung an der Universität in Innsbruck war der gebürtige Tiroler von 1977 bis 1990 am Akademischen Gymnasium in Innsbruck als Professor tätig. Seit Ende der 1970er Jahre ist er Gestalter von diversen Musiksendungen, seit 1988 Präsentator der beliebten Fernsehreihe „Mei liabste Weis“.

MEI LIABSTE WEIS

——————————————————— Sa, 19. 10. 2013 in Unterpremstätten bei Graz


Musikschule / 16

Kursangebote

sommerklang Für viele Musikschüler und -lehrer beginnt im Sommer eine Zeit der besonders intensiven Musikausübung: die Zeit der Sommerkurse.

musikalische Entwicklung und Ausdruckskraft mit sich bringen. Je nach Sommerkurs kann das ausgewählte Programm auf Wettbewerbe, Auftritte und Prüfungen vorbereiten oder ein im Kurs gewähltes Thema behandeln und frei gewählt sein. Zentrales Anliegen der Sommerkurse ist der Austausch und die Kontaktpflege zwischen den Musikern sowie in vielen Fällen das gemeinsame Musizieren. Oftmals bringt der Sommerkurs die Möglichkeit mit sich, mit Musikern auf gleichem Niveau zu musizieren.

Hornsommer in Drosendorf an der Thaya. Foto: Hornsommer

Ab in die Ferien! Das Schuljahr ist vorbei, der Urlaub ruft. Doch neun Wochen Ferien für Schüler und Lehrer bedeuten nicht neun Wochen dolce far niente. Dieses Vorurteil ist ebenso überholt wie jene Behauptung, dass sich die Arbeitszeit von Lehrern lediglich auf die Unterrichtszeit beschränkt. Für viele Musikschüler und -lehrer beginnt im Sommer eine Zeit der besonders intensiven Musikausübung: die Zeit der Sommerkurse. Denn wenn andere in den Urlaub fahren, erarbeiten Schüler, Studenten, Lehrer und Dozenten auf zahlreichen Sommerkursen im ganzen Land Programme. Dann fühlt sich zumindest das Rahmenprogramm nach Ferien an, denn der Spaß kommt nicht zu kurz und die Örtlichkeiten – Schlösser,

Berge, Seen – lassen Urlaubsstimmung aufkommen. Lernkurse, Naturwissenschaftskurse, Kunstkurse, Theaterkurse und vieles mehr – das Angebot an Sommerkursen ist vielfältig, so auch für Musiker. Sommerkurse bieten für Musiker nicht nur eine Weiterbildungsmöglichkeit, sondern stellen oft eine Plattform für die Begegnung des nationalen und internationalen Musiklebens dar. In erster Linie bieten sie Zeit und Raum, um gemeinsam mit Künstlern und Pädagogen als Dozenten ein musikalisches Programm zu erarbeiten. Die Arbeit mit Dozenten stellt jedoch keinesfalls Konkurrenz zum Musiklehrer dar, sondern soll vielmehr ergänzend wirken und neue Impulse und Anregungen für die

Intensives Arbeiten verlangt auch passende Rahmenbedingungen, die die Sommerkurse bieten können. Standorte wie Schlösser, Stifte oder Schulen bieten meist optimale Unterrichts- und Übungsbedingungen sowie Orte der Gemeinschaft oder Platz für ungestörte Konzentration. Oft knüpft an die Musikkurse ein breites Freizeitangebot an. Ein Abschlusskonzert am Ende eines Sommerkurses bietet für die Teilnehmer eine zusätzliche Auftrittsplattform und die Chance, sich zu präsentieren und einen Überblick und Eindruck des (eigenen sowie auch allgemeinen) musikalischen Niveaus zu bekommen.

Von der Popfactory … Die Auswahlmöglichkeiten der Sommerkurse in Niederösterreich sowie in ganz Österreich sind vielfältig und bieten für jede Altersstufe, jedes Instrument und Niveau genauso wie für jede Musikrichtung zahlreiche Angebote, die von Volksmusik über Klassik bis hin zu Jazz oder Pop reichen. Je nach Angebot und Schwerpunkt wird der


Musikschule / 17

Fort- und Weiterbildung für Musikschullehrer auf der Fortbildungswoche …

Fokus auf bestimmte Inhalte und Abläufe gesetzt. So stehen bei Familien- und Kindermusikwochen oft eher das gemeinsame Erleben und ein ausgewogenes Freizeitangebot im Vordergrund, während Meisterkurse für Hochbegabte auf die Arbeit mit den Dozenten fokussieren. Neben zahlreichen Kursen im großen Bereich der Klassik, wie Allegro Vivo, Austrian Master Classes oder die Altenburger Musikakademie, ergänzen zahlreiche alternative Sommerkurse das große Angebot. Auch die Volksmusikanten kommen auf ihre Kosten. Gesungen, musiziert und getanzt wird beispielsweise auf der tanz&MUSIKwoche oder der Mostviertler Musizierwoche. Jazz-Workshops und -Weiterbildungen für Instrumentalisten und Sänger gibt es etwa bei der Jazz Tulln, dem Jazzseminar Schönbach oder der NÖ Jazzakademie im Schloss Zeillern. Die Popfactory in St. Pölten bietet jungen Popularmusikern die Chance, eine Woche lang mit erfahrenen Musikern am musikalischen Können und dem Bühnenauftritt zu arbeiten. In Großrußbach im Weinviertel veranstaltet die Vokalakademie Niederösterreich Singwochen für Kinder und Jugendliche.

… bis zum Hornsommer Neben den Sparten wird auch auf einzelne Instrumentengruppen gesondert eingegangen. Das Musikschulmanagement Niederösterreich bietet mit den Streichercamps piccolo und piccolino eine besondere Förderung für junge Streicher. Niederösterreichs Holz- und Blechbläser und Schlagwerker sind auf den Musikwochen des Niederösterreichischen Blasmusikverbands (NÖBV)

gefragt oder haben die Möglichkeit, einen „Bläserurlaub“ in Bad Goisern anzutreten. In Drosendorf an der Thaya steht gar ein einziges Instrument im Zentrum des Interesses: das Horn. Der Workshop richtet sich an alle Hornbegeisterten ab dem elften Lebensjahr und wird organisiert und geleitet von Peter Hofmann, Hornist und Musikschullehrer in Staatz und Poysdorf. Auch in vielen anderen Fällen befinden sich Musikschullehrer im Sommer in einer anderen Rolle, als Dozenten bei Kursen oder Referenten bei Fortbildungen. Einen anderen Weg geht Martin Schwarz – und veranstaltet für seine Gitarrenklasse an der J. G. Albrechtsberger Musikschule der Stadt Klosterneuburg eine eigene Musikwoche. Gemeinsames Musizieren, Proben und natürlich jede Menge Spaß heißt es Ende August, wenn Martin Schwarz mit seinen Schülern auf Musikwoche fährt. Das Resultat fasst er treffend zusammen: „Was diese Woche bringt? Den Schülern: Einen Schub nach vorne beim Entwickeln ihrer instrumentalen Fähigkeiten, das Erlebnis des gemeinsamen Musizierens in einer sie schützenden, stützenden und fordernden Gruppe, einigen Schülern sehr viel Schwung in das neue Lernjahr und natürlich neue Freundschaften. Dem Lehrer: eine intensive Vorbereitungszeit, da alle Stücke den individuellen Möglichkeiten entsprechend arrangiert und eingerichtet werden wollen, ein paar graue Haare mehr beim Proben und – das vor allem – das beglückende Gefühl, junge Menschen zu einem erfüllenden Musizieren gebracht zu haben.“ / Text: Katharina Heger

… und Musikschüler bei den Streichercamps.

sommerkurse

——————————————————— Mo, 8.–Do, 11. 7. 2013 Streichercamp piccolino Für Streicher zwischen 8–12 Jahren Landwirtschaftliche Fachschule Edelhof, 3910 Zwettl Information Musikschule Bisamberg/Leobendorf/ Enzersfeld, Tel. 02262 66142 office.musikschule@leobendorf.at www.ms-bisamberg-leobendorf.at _ So, 7.–Sa, 13. 7. 2013 Streichercamp piccolo Für Streicher zwischen 10–14 Jahren JUFA Waldviertel, 3820 Raabs/Thaya Information Franz Schmidt Musikschule der Marktgemeinde Perchtoldsdorf, Tel. 01 86543 77 musikschule@perchtoldsdorf.at www.ms-perchtoldsdorf.at _ So, 25.–Fr, 30. 8. 2013 Fortbildungswoche Für NÖ MusikschullehrerInnen und Interessierte Schloss Zeillern, 3311 Zeillern Nachmeldungen bis 5. August möglich! Information Tel. 02742 90666-6112 elisabeth.kriechbaumer@musikschulmanagement.at Eine Übersicht über alle Sommerkurse finden Sie im Bereich Pädagogik auf www.musikschulmanagement.at


Musik / 18

NÖ Volksmusikwettbewerb

VOLKSMUSIK macht SPASS Rund 150 Musikschüler stellen sich jährlich einer Jury, die eine besondere Stärke des Wettbewerbs darstellt, denn alle Mitglieder sind hochkarätige Musiker und Größen aus der Volksmusikszene, die den Musikschülern Tipps und Impulse geben.

Hohes Niveau und Spielfreude beim Volksmusikwettbewerb 2013.

Dirndln und Lederhosen, wohin das Auge reicht. Junge Musikanten tummeln sich in der Aula des Bildungszentrums Leobendorf, aus den Räumen dringen bekannte Melodien – der NÖ Volksmusikwettbewerb ist in vollem Gange. Mitten unter den Musikanten: das „Klangwerk Wienerwald“, acht junge Musikerinnen und Musiker aus dem Wienerwald. Miriam, Laura, Nikolaus, Hannah, Charlotte, Sebastian, Tamara und

Bernd werden an drei verschiedenen Musikschulen, im Privatunterricht und an der Konservatorium Wien Privatuniversität unterrichtet. Eines haben sie jedoch gemein: Sie alle haben an der tanz&MUSIKwoche 2012 teilgenommen. Einige von ihnen waren bereits zum fünften Mal dabei, andere zum ersten Mal, als vorigen Sommer klar wurde: „Wir müssen zusammenspielen!“ Das Vorhaben wurde bald umgesetzt, Unterstüt-

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zung fand man bei den Musikschullehrern Saverio Ruol Ruzzini und Sandra Stini, die mit dem Ensemble probten. Klassik, Jazz, Klezmer – ihre musikalische Vielseitigkeit stellen die Musikschüler bei zahlreichen Auftritten und anderen Wettbewerben wie prima la musica, Tanz im Gespräch oder PODIUM.JAZZ unter Beweis. Warum Volksmusik? Die Zugänge


Musik / 19

Bildtext: tanz&MUSIKwoche in Hollenstein/Ybbs. Foto: Fachschule Unterleiten

der Musiker sind unterschiedlich – und doch sind sie sich einig: Volksmusik macht Spaß! Denn „die Lieder gehen ins Ohr und die Atmosphäre ist angenehm – man fürchtet sich nicht einmal vor dem Auftritt“, beschreibt Tamara. „Ein zusätzlicher Bonus ist die coole Besetzung“, klingt die Begeisterung aller heraus. Tatsächlich ist das Klangwerk Wienerwald eines der größten Ensembles beim Wettbewerb.

Die Volksmusik lebt … … und ist aktueller denn je – das wird beim NÖ Volksmusikwettbewerb deutlich demonstriert. Rund 150 Musikschüler stellen sich jährlich einer Jury, die eine besondere Stärke des Wettbewerbs darstellt, denn alle Mitglieder sind hochkarätige Musiker und Größen aus der Volksmusikszene, die den Musikschülern Tipps und Impulse für die weitere Arbeit geben. Wie wichtig die Volksmusik und das gemeinsame Musizieren für die musikalische Entwicklung sind, betont Dorli Draxler, die den Juryvorsitz beim Wettbewerb inne hat: „Die Volksmusik ist die Grundlage für das gesamte Musikschaffen.“ An zwei Wettbewerbstagen wird in Leobendorf um die Wette gesungen und musiziert, die besten Beiträge werden schließlich in zwei Preisträgerkonzerten präsentiert.

Eine Woche Volksmusik Noch mehr Volksmusik gibt es für die Preisträger des Wettbewerbs bereits im Sommer. Die tanz&MUSIKwoche findet jährlich im Juli statt, dazu eingeladen sind Tänzer, Sän-

ger und Musikanten, Familien, Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Stipendien für die Woche erhalten die ersten Preisträger des Volksmusikwettbewerbs als Sonderpreis. Gestartet wird der Tag mit einem musikalischen Wecken mit Dudelsack, das gemeinsame Singen und Tanzen in der Früh soll wach machen und Energie für den Tag bringen.

Harfen Boarischen auch das Publikum. Genug Motivation für die tanz&MUSIK woche 2013, bei der sie wieder als Ensemble dabei sein werden … /

Hauptprogramm sind zwei Seminarblöcke am Vormittag und Nachmittag, bei denen die Teilnehmer mit Unterstützung der Referenten im Ensemble Stücke einstudieren – gespielt wird vorzugsweise auswendig. Das Klangwerk Wienerwald fand im Vorjahr so seinen Ursprung in der zufälligen Zuteilung zu Julia Lacherstorfer, die sie als Referentin betreute. Besonderes Highlight neben der österreichischen Volksmusik war für die Musiker des Ensembles auch das Einstudieren irischer Weisen.

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Was wäre die Volksmusik ohne offenes Musizieren und Tanzen? An den gemeinsamen Abenden wird frei „drauflos musiziert“. Krönenden Abschluss der tanz& MUSIKwoche bildet der Abschlussabend, an dem alle Ensembles gemeinsam mit ihren Referenten die Früchte ihrer Arbeit präsentieren und ein erarbeitetes Stück vortragen. Der Abend mündet in ein offenes Fest, das die Woche mit viel Musik und Tanz gemütlich ausklingen lässt. Das Klangwerk Wienerwald begeisterte beim Volksmusikwettbewerb mit einem hervorragenden 2. Platz die Jury und beim anschließenden Preisträgerkonzert mit einem

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Text: Katharina Heger

INFORMATION

So, 7.–Sa, 13. 7. 2013 tanz&MUSIKwoche 2013 Für Musikanten, Tänzer und Sänger Fachschule Unterleiten 3343 Hollenstein/Ybbs, Dornleiten 1 Herzliche Einladung zum Abschlussabend der tanz&MUSIKwoche am Fr, 12. 7. 2013 19.00 Uhr: Andacht 20.00 Uhr: Abschlussabend Information Tel. 02732 85015 23 oder 0664 8485352 birgit.bosch@volkskulturnoe.at www.volkskulturnoe.at _ Sa, 16. 11. 2013, 18.00 Uhr Junge Meister Die Preisträger des Volksmusikwettbewerbs 2013 präsentieren ein ausgewähltes Programm im Haus der Regionen. Haus der Regionen 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 VVK: EUR 8,00 / AK: EUR 10,00 Freie Platzwahl! Information Tel. 02732 85015 ticket@volkskultureuropa.org


Mostviertel / 20

Goldhauben

GOLD & GEDULD Mitte August treffen sich die Goldhaubengruppen zur traditionellen Wallfahrt. Viel Zeit, Geduld und Liebe steckt in einer Goldhaube. Und jede Menge Goldflitter und Goldgespinst.

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Goldhaubenwallfahrt in Göstling an der Ybbs, 2011.

In den Schraubdeckeln der Marmeladegläser, ausgelegt mit rotem Stoff, glitzert es. Darin liegen goldene Pailletten und Tropfen, Perlen, Sternchen und allerlei filigranes Gespinst. Das ist das Material, aus dem die Goldhaube besteht. Grete Hammel, Obfrau der Goldhauben-, Perlhauben-, Kopftuchund Hammerherrengruppen der Eisenwurzen und des Mostviertels, hat den Inhalt ihrer Nähladen am Tisch ausgebreitet. Das kostbare Material wird grammweise gekauft. Die Trachten- und Goldhaubenreferentin der Volkskultur Niederösterreich schneidert, näht, stickt, sie fertigt Klosterarbeiten an, bemalt Bauernkästen, drechselt u. v. m. Sie stammt aus einer Handwerksfamilie. Der Vater war Drechsler, und Grete Hammel wollte schon immer „alle Fertigkeiten beherrschen und hat als Damen- und Herrenschneiderin gearbeitet. „Mein ganzes Geld“, sagt sie, „habe ich in Weiterbildung gesteckt.“ Viele Wochenenden und Urlaubstage wurden in Kursen verbracht. Ihre Mentorin und Lehrerin in Sachen Gold- und Schwarzhaube war Therese Gintersdorfer aus Garsten in Oberösterreich. Die Hauben entwickelten sich aus dem Kopftuch, das verstärkt, gebunden und mit

Nähten versehen wurde. Die Bänder-, Flügel- und Radhauben waren Teile der bürgerlichen Tracht. Am bekanntesten ist die kunstvoll verzierte „Linzer Goldhaube“, die als Typ ihre Verbreitung von Ulm über die Wachau bis Wien, im Steyr-, Krems- und Almtal, im Mostviertel bis nach Graz, Klagenfurt und Villach fand. Die Goldhauben wären nach dem Zweiten Weltkrieg wohl in Vergessenheit geraten – „viele hatten sie in Kriegs- und Besatzungszeit in Fässer bewahrt und vergraben“, erzählt Grete Hammel –, hätten die Frauen aus Gresten nicht ihre Goldhauben aufgesetzt und ein Foto an die Organisatorin des Opernballes, Christl Schönfeldt, geschickt. Daraufhin wurden sie eingeladen, ihre Goldhauben am Opernball zu präsentieren. Ein Jahr darauf, 1957, fand die erste Goldhaubenwallfahrt statt. Traditionell wird sie zu Maria Himmelfahrt am 15. August abgehalten und findet heuer in Wallsee-Sindelburg statt. Zu einer Goldhaubengruppe könne man beitreten, wenn man eine Haube habe, erklärt die Obfrau. 600 Haubenträgerinnen gibt es in Niederösterreich, vorwiegend im Mostviertel und in der Wachau, in Oberösterreich sind es 18.000.

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„Rossgeld" Goldhaubensticken übten früher zumeist gewerbliche und spezialisierte Haubenmacherinnen aus. Die Haubenmacherin nannte sich auch Putzmacherin. Eine Haube koste ein gutes „Rossgeld“, hieß es, also den Preis eines Pferdes. Viele Frauen tragen ein übernommenes Erbstück oder – denn wer hat schon ein Ross zu verkaufen – fertigen die Goldhauben, angeleitet von Fachfrauen wie Grete Hammel, selbst an. Die Goldhaube wird auf einem ca. 16 mal 116 Zentimeter goldgewebten Band gestickt, das in einem Stickrahmen fixiert ist. Auf dem Band wird die gezeichnete Mustervorlage gelegt. Einen Karton voller Mustervorlagen fand Frau Hammel auf einem Flohmarkt. Nun liegen am Arbeitstisch von Grete Hammel die Schraubdeckel mit den verschieden starken Gespinstfäden, mit vergoldetem Flitter, Perlen und Folien. Flitter ist das, was unter Bastlern als Pailletten bekannt ist. Folien haben die Form von Blümchen und Blättchen, von Ähren und Sternen. Um diese auf die Unterlage zu nähen, müssen zuvor Löcher gestanzt werden.


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Hammerherren, Schwarz- und Goldhaubenträgerinnen in Göstling an der Ybbs.

Die Gespinstfäden in verschiedener Stärke können zu einer Kordel gedreht sein. Ist ein Faden davon matt und einer glänzend, ergibt das das Glitzern einer Kordel. Das Aufwändigste aber ist die Verarbeitung der Kantillen: feinste spiralig gedrehte Golddrähte. Von der Kantille werden – je nach Mustervorlage – passende Stücke abgemessen und zurechtgeschnitten; die einzelnen Stücke auf eine Nadel gezogen und mittels eines dünnen Fadens aufgenäht. Kantille neben Kantille genäht ergibt dann das gewünschte Muster – eine Blume, einen Paisley-Tropfen, ein Ornament. Anschließend werden die Muster mit einem dickeren Gespinstfaden umrandet, um saubere Kanten zu erzielen. „Neun Jahre dauerte die Ausbildung zur Stickerin“, so Frau Hammel. Kombiniert mit Folien, Flitter und Perlen entstehen auf dem Goldgewebe florale Meisterwerke, Girlanden aus Blattwerk mit Ähren und Trauben, Blumen und reichem Schnörksel. „Motive und Technik der Goldstickerei müssen mit der zeitgenössischen Paramentstickerei, mit den prächtigen Auszierungen der Armeeuniformen, mit den zahlreichen Vorlagen der Frauenzeitschriften des 19. Jahrhunderts und mit Klosterarbeiten in Zusammenhang gebracht werden“, schreibt Thekla Weissengruber in „Alte Hüte“ (Christian Brandstätter Verlag, 2009).

Die Bodenhauben der Mädchen sind die Grundform …

„Nicht auf die Zeit schauen“ Wenn sie zu Sticken beginne, schaue Grete Hammel prinzipiell nicht auf die Zeit. Diese ist so und so nicht bezahlbar. In einer Goldhaube stecken 300 bis 400 Arbeitsstunden. Das Schwierigste – und da zeige sich dann die wahre Meisterschaft – sei der Knauf. Die Mostviertler Haube, die im Typ eine Linzer Haube ist, hat am Hinterkopf einen Flügel und am Scheitel den Knauf. Dieser benötigt 80 bis 100 Arbeitsstunden. Der Knauf ist vorerst ein T-förmiges Stück aus gelbem Seidenstoff. Dann werden mit einem Skalpell Formen aus einem Filz geschnitten und diese mit Seidenstoff überzogen. Die Filzschnörksel ergeben den Körper des Knaufs, der mit der Goldstickerei bedeckt wird. Frau Hammel rät Anfängerinnen, mit einer Schwarzhaube zu beginnen. Diese wird auf einer Spitze gestickt und die Stickerei folgt dem Muster der Spitze. Besetzt ist die Schwarzhaube mit Jett und roten Granaten. Für die Form und Stabilität der Haube ist ein Drahtgestell verantwortlich, auf das das Band gespannt und der Knauf angenäht wird. Zum Abschluss wird eine schwarze Spitzenschleife, die mit Draht verstärkt ist, angebracht. „Man kann sie ruhig anfassen, sie sind stabil“, sagt Frau Hammel zu Gästen, die sich den Goldhauben ehrfurchtsvoll nähern. Und wenn sie gut passen, dann sitzen sie auch ohne Spangen fest am Kopf. / Text: Mella Waldstein

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… zahlreicher Hauben österreichischer Frauentrachten.

GOLDHAUBENWALLFAHRT

——————————————————— Do, 15. 8. 2013 Wallsee-Sindelburg 8.45 Uhr Eintreffen der Wallfahrer, Aufstellung vor dem Haus Pachlehner 9.30 Uhr Festgottesdienst, musikalische Gestaltung: Kirchenchor Wallsee-Sindelburg, anschließend Kräutersegnung, festlicher Ausklang am Kirchenplatz mit der Goldhauben-Tanzgruppe Göstling/Ybbs, Volkstanzgruppe Wallsee-Sindelburg


Mostviertel / 23

Jakobisingen

HALBZEIT FEIERN Eingebettet in das Festival „wellenklaenge“ gibt es auf der Seebühne von Lunz am See beim Jakobisingen feine Volksmusik zu hören.

JAKOBISINGEN

——————————————————— So, 21. 7. 2013, 18.30 Uhr Seebühne 3293 Lunz am See Seestraße 28 Weisenbläser St. Georgen am Reith Donnersbacher Viergesang jung & frisch Das Tiroler Trio tritt seit 2006 gemeinsam auf. Besetzung: Katharina Kuen (Steirische Harmonika, Gesang), Anna Rausch (Steirische Harmonika, Gesang, Geige), Maria Schnegg (Harfe, Gesang). jung & frisch aus Tirol mit Maria Schnegg, Katharina Kuen und Anna Rausch (v. l. n. r.). Foto: z. V. g.

Ist einmal Jakobi da, ist die Hälfte der Almzeit auch schon wieder vorbei. Am 25. Juli, am Namenstag von Jakobus dem Älteren und ersten Jünger Jesu, war früher einmal ein Großteil der Heuernte eingebracht. Also Grund und Zeit, um etwas auszurasten und auf der Alm beim Vieh Nachschau zu halten. Auf manchen Almen gibt es heute noch am Sonntag vor oder nach Jakobi einen Almtanz oder Kirtag. Warum also an so einem traditionellen Termin nicht auch ein Jakobisingen auf der Seebühne am Ufer des Lunzer Sees? Für Zuseher und Mitwirkende könnte der Ort nicht stimmungsvoller sein, wenn sich die prächtige Bergkulisse von Scheiblingstein und Hetzkogel im Schein der untergehenden Abendsonne im glasklaren Gewässer des Bergsees spiegelt. Dazu hat sich die Zusammenarbeit der Organisa-

toren des Festivals „wellenklaenge“ und der Volkskultur Niederösterreich bestens bewährt und bewiesen, dass in einem Festival für zeitgenössische Musik auch die Tradition ihren Platz hat. So haben in den Jahren bisher namhafte Chorgruppen, ausgezeichnete Gesangs- und Instrumentalensembles aus allen Bundesländern und dem umliegenden Ausland die Besucher begeistert. Mit Sicherheit auch heuer wieder, wenn die Mollner Maultrommler, jung & frisch aus Tirol, die Tannkoppnmusi aus dem Pongau und der Donnersbacher Viergesang aus der Steiermark alpenländische Musiktradition in ihrer wunderbaren und breiten Vielfalt zu Gehör bringen werden. / Text: Hans Schagerl

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Mollner Maultrommler Im oberösterreichischen Ort Molln wird die Maultrommel schon seit über 350 Jahren hergestellt. Manfred Rußmann kommt mit seiner Gruppe weit in der Welt herum, bringt von solchen Gastspielen immer Neues mit und weiß auch viel Interessantes zur Geschichte der Maultrommel zu erzählen. Tannkoppnmusi Aus Eben im Pongau stammt die Tannkoppnmusi. Zwei Mädchen und vier Burschen lassen höchst professionell die Pongauer Volksmusik hochleben. Sie spielen mit drei Klarinetten, Harmonika, Harfe, Bassgeige oder Posaune. Karten: EUR 14,50 www.volkskulturnoe.at www.wellenklaenge.at


Brandlhof / 24

Weinkultur & Sommerfest

UNTER EINEM GUTEN STERN Die Bewahrung der Hüterhütten und die Tradition der „Hiatastangen“ wird in vielen Weinbaugemeinden hochgehalten – so auch in Radlbrunn.

Sichtbares Zeichen und Unterkunft der Weingartenhüter, die die kostbaren Trauben bewachten: Hiatastange bei der Hiatahütte am Galgenberg, Radlbrunn. Foto: Aichinger

Vereinzelt sieht man sie noch, kleine einfache Hütten, schmucklos stehen sie in den Rieden, gewähren einen guten Überblick auf die umliegenden Weingärten. Im Idealfall sind sie weiß gekalkt. Sie erinnern den Passanten an eine Gemeinschaft und deren Gepflogenheiten, die heute bereits verschwunden sind: die Weingartenhüter. Eine ausgestorbene Berufsgruppe, deren Rechte und Pflichten seit Jahrhunderten tradiert waren. Als sichtbares Zeichen sind die Hütten übrig geblieben. Und so mancher Wein-

bauverein, so manche Dorf- oder Stadtgemeinschaft pflegt den einen oder anderen Brauch, der mit ihrer Arbeit verbunden war. Aus dem Jahr 1340 ist belegt, dass die Kremser Weinhauergemeinde ihre „hueter“ selbst wählte, auch aus Würflach (Bezirk Neunkirchen) ist bekannt, dass die Hauer „einen guten man“ für dieses Amt wählten. Hüterordnungen sind erst aus dem 18. Jahrhundert bekannt. Zwischen Jakobi (25. Juli) und Laurenzi (10. August) bezogen die Hiata –

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wie sie wohl im Weinviertel genannt wurden – in besagten Hütten Quartier und wachten nun bis zum Ende der Lese darüber, dass die verbotenen Wege nicht betreten wurden.

Hüterordnung In den „Vorschriften hinsichtlich der Hütung der Weingärten“ aus dem Jahr 1847 wurde gleich eingangs festgehalten, dass es darum ging, „die Weingartenbesitzer in ihrem Eigenthume angemessen zu schützen“. In


Brandlhof / 25

Hiatastange mit Kränzen geschmückt; Wermut gegen Krankheit und Rausch, Trauben für die Fruchtbarkeit, Radlbrunn 1988. Foto: Bürgmayr

den Hüter-Instruktionen wurde als Erstes festgehalten, dass „derjenige Hüter, welcher während dieser Zeit in einem Gasthaus angetroffen wird, sogleich entlassen und jeden Anspruch auf eine Entlohnung für die bereits vollstreckte Hutzeit verliert; auch derjenige Hüter, welcher während der Nacht schlafend auf seinem Posten getroffen wird, verliert den Anspruch auf Entlohnung und wird ebenfalls entlassen.“ Traubendiebstähle sollten sofort am Bürgermeisteramt angezeigt werden, dennoch wird den Hütern Gelassenheit und Höflichkeit gegenüber dem „Publikum zur Pflicht gemacht“. Die Anwesenheit der Hiata wurde mit dem Aufstellen der Hiatastange, des Hiatabaums oder, wie aus älterer Zeit belegt, der Hutsäule im volksrechtlichen Sinn kundgetan. Schon 1394 ist dies für Weißenkirchen in der Wachau belegt, 1565 hat der Rat von Eggenburg die Hüterstange bei Gauderndorf aufstecken lassen. Das Aussehen dieser Hüterstangen richtete sich nach lokalen Gegebenheiten, meist handelte es sich um einen entrindeten oder auch nur entasteten Baum, bei dem der zumeist geschmückte Wipfel stehengelassen wurde. In vielen Fällen wurde dafür eine Föhre verwendet. Der Schmuck konnte aus Kränzen, geflochtenen Herzen oder „Sonnenscheiben“ bestehen. Vom Schmidatal hinauf bis in den südmährischen Raum war es üblich, auch die Leidenswerkzeuge Christi – aus Holzspänen nachgeformt – und den Hahn des Petrus am Stamm anzubringen. Die für Sträuße und

Der Hiatakranz wird bei einem feierlichen Umzug seiner Bestimmung am Weinberg übergeben, Radlbrunn 1957. Foto: Leo Baringer

Kränze verwendeten Pflanzen und Kräuter sollten vor allerlei Unbill schützen, so verwendete man Johanniskraut als Schutz gegen den Blitz, Wermut gegen Hexen, Krankheit und Rausch. Und die ersten Trauben, mit denen die Hiatastange geschmückt war, sollten die Fruchtbarkeit und den guten Ertrag beschwören.

Hiatastange am Galgenberg Mit der Entwicklung eines Bewusstseins für die Erhaltung einer Kulturlandschaft erinnert man sich auch wieder alter Traditionen. In jüngerer Zeit wurden die Hohlwege, ökologische und landschaftliche Paradiese in der Weinviertler Landschaft, wieder hergestellt. Schon in den 1980er Jahren wurde die Hiatahütt’n am Galgenberg renoviert, der Brauch wurde wieder aufgenommen, beim Reifwerden der Trauben die Hiatastange aufzustellen, die Hütte bleibt zur Zeit der Hut dennoch unbewohnt. Diese Traditionen lassen uns im Arbeitsalltag inne halten. Man nimmt sich wieder Zeit, das Flechten des Herzens mit Wermut braucht Zeit und man nimmt seine Umgebung wieder bewusster wahr. Denn wer weiß schon auf Anhieb, wo der Wermut zu finden ist? Er wächst übrigens wild auf Gstätten. Und es braucht auch ein bisschen Zeit, durch den Hohlweg in die Weingärten hinaufzugehen, um den Anblick unserer einzigartigen Kulturlandschaft zu genießen. / Text: Eva Zeindl

schaufenster / Kultur.Region / Juli/August 2013

Gern gesehener Gast am Brandlhof: Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll, zu Hause in Radlbrunn. Foto: Lackinger

WEINKULTUR & SOMMERFEST

——————————————————— So, 28. 7. 2013 WEIN-Sommerfest im Brandlhof 3710 Radlbrunn 24 Programm 9.30 Uhr: Gottesdienst im Brandlhof Anschließend Aufstellen der Hiatastange bei der Hiatahütt’n am Galgenberg Ab 13.00 Uhr: Wein, kulinarische Schmankerl und Musik vom Kleinen Plattensee (Westungarn) und aus den Weinbaugebieten Carnuntum und Schmidatal Information Tel. 0664 8208595 (Eva Zeindl) www.volkskulturnoe.at/brandlhof


Waldviertel / 26

Volkstanz

TANZBODENSTURM Seit über 30 Jahren wird das Waldviertler Volkstanzfest gefeiert. Am 21. Juli 2013 in Litschau.

Dennoch haben sich schon in der Zwischenkriegszeit, wie es wörtlich heißt, „Musiker als Bauernkapelle verkleidet“; es kam auch zur Gründung von Volkstanzgruppen, nicht allein in der Stadt, wo beispielsweise der Schuhplattler als reiner Vereinstanz innoviert wurde und sich Straßenbahner und Arbeiter „verkleideten“ und in „Trachtenerhaltungsvereinen“ eine heile Wunschwelt ungebrochener Volkstümlichkeit aufleben ließen.

Alljährlich in einer anderen Gemeinde zu Gast: das Waldviertler Volkstanzfest.

Zu den Ausdrucksformen landschaftlich und brauchtümlich geformter Kultur gehört auch der Volkstanz. Hier zeigt sich ein interessantes und gut durchforschtes Phänomen des gegenseitigen Kulturaustausches, dass einfaches Volk einerseits und Adel und Bürgertum anderseits einander gegenseitig befruchteten. Motive des Gesellschaftstanzes fanden verändert und vielleicht vereinfacht Eingang in die Volkskultur, wie etwa die „Scharutscha“ in der Buckligen Welt, während vor allem der Wiener Walzer, den wahrscheinlich Donauschiffer durch die Wachau in die Residenzstadt brachten, zum Inbegriff eines ganzen bürgerlichen Zeitalters wurde. Zeugnisse für reinen Männertanz im Sinne eines Schwerttanzes finden sich zu Langenlois bereits aus der Renaissancezeit. Der

Tanz um die Linde war beispielsweise in St. Wolfgang bei Weitra vor 1900 verbreitet. Brauchtümliche Anlässe im gesamten Waldviertel waren auch die „Rockatanz“ als lustiger Abschluss des Zusammenkommens mit dem Rocken, also des Spinnens, die mit ihren Tänzen und Spielen auch um 1970 eine folkloristische Wiederbelebung erfuhren. Viele Sagen handeln davon, dass übereifrige Tänzer den zu heiligenden Sonntag nicht einhielten und dafür diese mit ihrem Heimatort spurlos versanken. Wechselseitig bedingten einander auch Volkstanzpflege und Tanzaufzeichnung. Der Tanz war ursprünglich Teil der Festbräuche, und Volkslied und -tanzforscher Raimund Zoder schreibt richtig, es gäbe bei Brauch und Tanz nur Mitwirkende und keine Zuhörer.

schaufenster / Kultur.Region / Juli/August 2013

Das ist Folklorismus, das zweite Leben für nunmehr nicht an Ort und Anlass gebundene Tanzformen und die Herausarbeitung von Schauseite und Vorführgehabe, was aber durchaus positiv zu bewerten ist. Im Zuge dieser Neubesinnung und steigenden Wertschätzung für den Volkstanz kam es auch im Waldviertel zu schönen Aufzeichnungen, vom Siebenschritt in Thunau über den Schottisch aus Gmünd und den „Eckerischen“ aus dem Yspertal zum „Schönbacher Landler“ und dem „Linsatputzer“, der die Arbeit des Reinigens des „Leinsamens“, also der Samen des Flachses, tänzerisch nachahmt. Dass der „Eckerische“ mit seinem selbstbewussten Aufstampfen und Klatschen der Burschen, dem werbenden Drehen der Tänzerin und dem harmonisch vereinenden Walzer besonders beliebt beim allgemeinen Volkstanzen aller Teilnehmer ist, zeigt deutlich, dass er in seinem „zweiten Leben“ in den Volkstanzgruppen den Namen „Tanzbodensturm“ bekommen hat, eben, weil er so beliebt ist und stürmisch verlangt wird. Landjugend und Volkskultur Niederösterreich nehmen sich seit über 30 Jahren in


Waldviertel / 27

Handwerksmarkt

MIT HAND UND HERZ Der „2. Schönbacher Korb- & Handwerksmarkt XL“ präsentiert 35 Handwerker und ihre Fertigkeiten.

vorbildlicher Weise um die Volkstanzpflege an – und das Interesse steigt andauernd. Volkstanzbewerbe wurden auch etwa in die Waldviertler Dorfspiele aufgenommen, Volkstanzgruppen prägen lokal den Erntedank und neuestens den Dirndlgwandsonntag im September. 1982 setzte die Erfolgsserie der Waldviertler Volkstanzfeste ein. Nun steht am 21. Juli in Litschau das 32. Waldviertler Volkstanzfest auf dem Programm, verbunden mit dem „Tag der jungen Tracht“. Aus Litschaus Grenzlage heraus liegt es nahe, auch die Nachbarn einzubeziehen, und daher wirkt aus Südböhmen die Folklore- und Volkstanzgruppe von Práchen, seit 1949 bestehend, die sich traditionell auf den Dudelsack spezialisiert hat, mit. Auch sie hat übrigens Lieder und Tänze vom Flachs. Das wiederum zeigt die ähnlichen wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten im Raum Waldviertel und Südböhmen. / Text: Andreas Teufl

32. WALDVIERTLER VOLKSTANZFEST

——————————————————— So, 21. 7. 2013, Litschau 13.30 Uhr: Treffpunkt der Gruppen am Busbahnhof 14.00 Uhr: Festzug am Hauptplatz Auftanz: Eckerischer, Eiswalzer, Krebspolka Gastensemble: Tanzgruppe Prácheň aus Strakonice/Böhmen Information Landjugend, Tel. 050 2592 -6300 johannes.fitzthum@lk-noe.at

Textile Fertigkeiten – Waldviertler Kernkompetenzen von einst werden am Handwerksmarkt vorgeführt. Foto: Erlebnismuseumsverein Schönbach

Passend zu einem Wallfahrtsort wie Schönbach im Waldviertel ist die Geschichte des ungläubigen Thomas: Was er nicht sieht, das glaubt er nicht. Diese Form der Überlieferung aus dem Neuen Testament gilt heute auch für das alte Handwerk, jedoch in abgewandelter Form: Was man nie gesehen hat, kann man sich auch nicht vorstellen. Daher setzt Schönbach auf Handwerkskompetenz. Seit mehr als zwölf Jahren versucht der Erlebnismuseumsverein Schönbach mit seinem Obmann Franz Höfer mittels Kursen, das Bewusstsein rund um das alte Handwerk wieder zu beleben, was auch anschaulich gelingt. In den Kloster-Schul-Werkstätten und der Erlebniswerkstatt zeigen und informieren rund 35 Handwerkerinnen und Handwerker altes Handwerk und dessen Einsatz in der heutigen Zeit. Eine Auswahl: Brunnenröhren

schaufenster / Kultur.Region / Juli/August 2013

bohren, Holztram hacken, Körbe flechten, Seifen sieden, Keramikmalerei, töpfern, drechseln, spinnen, weben, filzen, schmieden, Seile drehen, Schindel machen, Wagnerei, Ziegelerzeuger, Hinterglasmalerei u. v. m. Der Musikverein Raxendorf, die Echsenbacher Kirtagsmusi sowie die Schönbacher Strohhuatbuam sorgen auf der Festbühne für die musikalische Umrahmung. /

2. SCHÖNBACHER KORB- & HANDWERKSMARKT XL

——————————————————— Mi, 15. 8. 2013, 9.00–18.00 Uhr Erlebnismuseumsverein Schönbach 3633 Schönbach 2 Tel. 02827 20777 oder 0664 1546470 www.handwerk-erleben.at


Bücher, CDs & feine Ware / 28

Auslage BIERMÖSL BLOSN

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Tokio – Kapstadt – Hausen EUR 19,90 Verlag Kein & Aber www.keinundaber.ch In bunten Bildern und Geschichten erzählt das große Roadbook der Biermösl Blosn den Werdegang einer bayerischen Institution. Durch die Sichtweisen von vielen mehr oder weniger außenstehenden Zeitzeugen und Kollegen entstand ein buntes Bild, welches die Gesellschaft von der Biermösl Blosn hatte und hat. Dabei hatten auch die drei Biermösls selbst einen Heidenspaß, diese 35 Jahre noch einmal in ihren Köpfen Revue passieren zu lassen. Sie schauten in den Spiegel und durchlebten ihre Entwicklungen von der Pubertät bis ins leicht angegraute Alter noch einmal, vom ersten Anfang in der Kleinkunstbühne bis zum Auftritt zum Punkkonzert mit den Toten Hosen. Mit Beiträgen von: Alfred Biolek, Dieter Dorn, Gerhard Polt, Georg Ringsgwandl, Gerhard Schröder, Gloria von Thurn und Taxis, Die Toten Hosen, Otto Waalkes, Konstantin Wecker u. v. a. /

von Georg Frena zusammengestellten Buches über den Volksliedsänger und Zitherspieler Martin Holzer. Der Werdegang, vom schuhlosen Bergbauernbub zu einer Volksmusiklegende und zum Gastwirt, ist untermalt von Bildern aus dem Familienarchiv. Anlässlich des 90. Geburtstags von Martin Holzer am 12. August 2012 entstand das Buch als Freundesgabe. Die Tonaufnahmen der beiliegenden CD mit 33 Titeln sind eine erlesene Auswahl der authentischsten Tondokumente des legendären Volksmusikmusikanten, welche in den 1990er Jahren für den ORF Steiermark aufgezeichnet wurden. Die Aufnahmen umfassen das Heimatlied „Mein Neuberg“, traditionelle Jodler und Geschichten, womit sich Martin Holzer selbst am besten beschreibt. /

ACHTUNG AUFNAHME!

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MARTIN HOLZER

Musikschule im Studio: Albert Reiter Musikschule der Stadtgemeinde Waidhofen/Thaya EUR 10,00 Erhältlich über Musikschule Waidhofen/Thaya Tel. 02842 53731 Mobil: 0664 88 60 54 94 musikschule@waidhofen-thaya.at www.myspace.com/albertreitermusikschule

„Wenn man nach Neuberg an der Mürz kommt und in den Gasthof Holzer einkehrt, kann man mit etwas Glück einer steirischen Musiklegende begegnen.“ Das sind die einleitenden Worte des

Musikschule im Studio: Im Schuljahr 2012/13 präsentierte sich die Albert Reiter Musikschule der Stadtgemeinde Waidhofen/Thaya auf eine ganz neue Art und Weise. Die von Schülern und Lehrern gemeinsam produzierte CD „Achtung Aufnahme!“ spiegelt die Vielfältigkeit des musikalischen Angebots der Musikschule und das hohe musikalische Niveau wider. Von „Hey, hey Wickie“ über „Blue Bossa“ bis hin zu „Brown Girl In The Ring“ ist für jeden Geschmack und

—————————————————————— Ein steirischer Volkssänger aus Neuberg an der Mürz EUR 25,00 (Buch & CD) Erhältlich u. a. über www.steirisches-volksliedwerk.at

schaufenster / Kultur.Region / Juli/August 2013

jedes Alter etwas dabei. Neben musikalischen und musikpädagogischen Lernprozessen war die Intention dahinter auch das Kennenlernen einer professionellen CD-Produktion und das Arbeiten mit modernster Technik. Musikalisch kreativ soll es in der Musikschule weitergehen: Mit dem Erwerb dieser CD unterstützen und ermöglichen Sie zukünftige kreative Projekte der Albert Reiter Musikschule Waidhofen an der Thaya. /

VON DER LIEBE ERZÄHLEN

—————————————————————— Drachenhaut und Rosenmund Märchen von der Liebe – musikalisch angereichert
vom Duo „Ramsch & Rosen“ EUR 18,00 Erhältlich über www.maerchenerzaehler.at Die Liebe lässt sich nicht auf den Punkt bringen, wohl aber in viele Geschichten fassen:
 vom pfiffig, witzig, absurden oberösterreichischen Volksmärchen „Vom siebenkröpfigen Hansl“ über die russische Parabel „Vom Kranich und der Reiherin“ bis zum dänischen Zaubermärchen „Von der Königin, die Rosen aß“. Der Oberösterreicher Helmut Wittmann schildert frisch von der Leber weg in blühenden Bildern die verschiedenen und seltsamen Spielarten der Liebe.
 Begleitet wird der Märchenerzähler vom Duo Ramsch & Rosen, von Julia Lacherstorfer und Simon Zöchbauer, die ausgewählte österreichische Volksmusik einstreuen. Drei der Geschichten werden zweisprachig erzählt:
 das Volksmärchen „Von den Liebenden und der Klamm“ zusammen mit Evelyn Mair im munteren italienisch-österreichischen Wechselspiel und „Die Maus, die heiratet“ gemeinsam mit Jasmina Maksimovic serbisch-österreichisch. Schlussendlich „Der Niesser“, eine Schelmengeschichte vom Nasreddin Hodscha, zusammen mit Mehmet Dalkilic türkisch-(ober)österreichisch.
 Im lebendigen Wechselspiel der Sprachen sind alle diese Überlieferungen spielerisch leicht verständlich. Herzerfrischend! /


Bücher, CDs & feine Ware / 29

FALCO

—————————————————————— Lyrics Complete EUR 19,90 Residenz Verlag www.residenzverlag.at Der (fast) komplette Falco in einem Band! Den Rap und die Gelfrisur hat er in den 1980er Jahren salonfähig gemacht, mit seinen Hits „Der Kommissar“, „Rock Me Amadeus“, „Vienna Calling“ und „Jeanny“ schrieb er Musikgeschichte. Falco gehört zweifellos in die Kategorie Popstar der Superlative. Die Strahlkraft und Faszination von Falcos Liedtexten liegen im Spielerischen, in der Lust an Wortneuschöpfungen – und er gilt als erster weißer Rapper sowie Erfinder des berühmt-berüchtigten Manhattan-Schönbrunner-Deutsch. Erstmals erscheint, in Kooperation mit der Schule für Dichtung, das Liedwerk, nein: vielmehr die Lyrik eines Ausnahmekünstlers, der durch mehrsprachige Liedtexte nationale Grenzen verschwinden ließ. Ein Kultbuch für alle Falco-Fans und Liebhaber von Dichtung der besonderen Art. Humorvoll, zynisch und sozialkritisch. /

EISZEIT

produkten, Eis aus Früchten, Eis mit Blüten und Gewürzen, Eis mit Nüssen und aus Schokolade, Eis und Gemüse, Eis mit Alkohol sowie Parfaits und Sorbets. Verführerisch fotografiert und mit einer kleinen Kulturgeschichte des Eises garniert. Der Sommer kann kommen. /

LUSTIGE STREICHE

—————————————————————— Hermann Härtel: Tanzmusik für Streicherensembles, Heft 1 Partituren und Einzelstimmen EUR 22,00 Erhältlich über haertel@tradmotion.at, Tel. 03127 41962

wobei auch eine Menge an Fotografien und Kriegspost aus dem Ersten Weltkrieg aufgetrieben werden kann. Damit wird der Kirtagsmusiker, der mit der „Capelle Krickl“ landauf, landab unterwegs ist und als zweites Standbein eine kleine Landwirtschaft in Stronsdorf betreibt, sehr plastisch und einfühlsam vorgestellt. Zum anderen wird auch ein Werkverzeichnis präsentiert, das 155 Stücke auflistet und damit versucht, das Oeuvre des Komponisten zu erfassen, von dem es heißt, dass es doppelt so groß gewesen sein soll. / Richard Edl

HANDGEDRUCKT

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Tanzmusik für Streicherensembles (Faschingsmarsch, Die Stehleiter – Polka Franzé, Prenninger Galopp, s’Ingerl – Geigenjodler, Holzwurmwalzer) einfach auf- und loslegen. Das hat schon lange gefehlt: ein Repertoire für das lustvolle Musizieren in der Musikschule und zu Hause. Mit Heft 1 beginnt der Autor mit der Veröffentlichung seiner Tanzmusik-Kompositionen. Nachschub ist also gesichert. Und die „Lustigen Streiche“ sind auch eine Einladung an den Schalk, für den im Nacken der Musizierenden immer noch ein Landeplatz reserviert bleiben muss. /

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weinviertler walzerkönig

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Marion Schmid, Simon Vollmeyer: Einfach Eis machen EUR 24,99 ISBN 978-3-99011-059-1 Verlag Styria www.styriabooks.at Warum eigentlich immer Erdbeer- und Vanilleeis? Warum nicht Rosmarineis? Quitteneis? Lorbeereis? Olivenöleis? Paprika-Honig-Eis? Keine Angst, die Autorin, die in Berlin-Moabit die „Eisbox“ betreibt, kann’s auch konventioneller: Birnen-, Himbeer-, Ebereschen-, Hollerblüten-, Limetten- und das allseits angesagte Joghurteis. Marion Schmid: „Eis macht glücklich. Und das in jedem Alter – vor dem Eis sind alle gleich. Vielleicht gibt es kaum etwas anderes, was Kleine und Große mehr verbindet.“ Das Buch vereint 93 Rezepte von Eis aus Milch-

Michael Staribacher: Josef Krickl EUR 12,00 ISBN 978-3-902111-48-7 Verlag Günther Hofer 2013 www.druckhofer.at Michael Staribacher, bekannter DialektlexikonVerfasser, hat sich an die Biografie seines Urgroßonkels gemacht: Josef Krickl (1870–1953) ist als Komponist Weinviertler Kirtags- und Tanzmusik allemal wert, dem Vergessen entrissen zu werden. Wie viele Kapellmeister im Weinviertel ist er bei der k.u.k Militärmusik geschult worden und bringt die Militär- und Wiener Salonmusik um die Strauss-Familie und Josef Lanner ins Weinviertel. Gerade im Weinviertel ist diese Tradition in der Blasmusik bis heute nicht abgerissen. Einerseits wird Spurensuche betrieben,

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Der Ausseer Handdruck hat seine Wurzeln nicht dort, wo viele sie vermuten. Seine Tradition entstammt dem großbürgerlichen, städtischen, jüdischen Milieu und wurde von Anna Mautner, der Frau des Heimatforschers Konrad Mautner, 1930 begründet. Tochter Anna Wolsey-Mautner: „Durch die geschmacklosen, maschinengedruckten Muster war es nicht mehr möglich, ein anständiges Niveau in der Tracht zu bewahren.“ Das änderte sich mit dem Engagement von Anna Mautner und den alten Holzmodeln, die sie aus der Südsteiermark holte, und als sie eine Werkstatt – vorerst am Dachboden – einrichtete. Nach der Arisierung des Betriebs, der Vertreibung und Emigration in die USA kam Anna Mautner 1946 wieder zurück ins Salzkammergut. Neben der Handdruckerei Mautner, heute geführt von Martina Reischauer, gibt es drei weitere Handdruckereien im Ausseer Land, deren Geschichten mit der Werkstatt Mautner verwoben sind. Galerie der Regionen 3504 Krems-Stein, Donaulände 56 Tel. 02732 85015 15 Öffnungszeiten Di–Fr, 10.00–12.00 und 15.00–18.00 Uhr, jeden 1. Sa im Monat 10.00–12.00 und 14.00– 17.00 Uhr, an Konzerttagen bis 21.00 Uhr


Forschung / 30

Wandmalerei

BAROCKER RAUM & GOTISCHE WANDMALEREI Die Filialkirche und ehemalige Burgkapelle Hl. Johannes in Rehberg bei Krems ist Gegenstand umfangreicher Bauforschungen und einer restauratorischen Befundung.

rung, konnte Romana Gstrein gewonnen werden, die ihre Diplomarbeit zum Thema verfasste. Begleitend dazu erfolgte eine bauhistorische Analyse des Kirchenbaus durch Oliver Fries. Dadurch konnte erst die bisher nur relativ oberflächlich bekannte baugeschichtliche Entwicklung des Bauwerks und die Einordnung der Wandmalereien in historischer, bau- und kunsthistorischer Hinsicht näher festgemacht werden. Die umfangreichen Untersuchungen wurden mit großem Interesse vom Bundesdenkmalamt, Landeskonservatorat für Niederösterreich, und der Diözese St. Pölten gefördert und finanziell unterstützt.

Baugeschichte

Blick auf die Filialkirche Hl. Johannes auf der Burgruine in Rehberg bei Krems.

Als im Jahr 1992 im Zuge von Adaptierungsarbeiten durch zwei Maler in der Sakristei der Filialkirche Hl. Johannes in Rehberg Wandmalereien freigelegt wurden, war man sich wohl der Bedeutung und deren Umfang wenig bewusst. Unter teilweise großen Verlusten wurden jüngere Schichten als Träger von jüngeren Gestaltungpha-

sen ohne weitere Kenntnis dieser abgeschabt und auf die gegenwärtig freiliegenden Malereien freigekratzt. 2011 richtete sich erstmals das Interesse der Denkmalpflege auf den bisher unbekannten Fund. Von der Akademie der bildenden Künste, Institut für Konservierung und Restaurie-

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Die erste gesicherte Nennung der „chappelle ze Rechperch“ erfolgt 1316 im Zuge einer Messstiftung und der Bestellung eines Priesters durch Agnes von Ungarn, einer Tochter des Habsburgers Albrecht I., welche die Burg als Witwensitz bewohnte. Diese Stiftung war wohl mit großzügigen Baumaßnahmen verbunden, da man zahlreiche gotische Baudetails neben dem bereits bekannten Kreuzgratgewölbe im Turmerdgeschoss dieser Bauphase zuordnen konnte. Auf den offensichtlich romanischen Vorgängerbau deuten nur mehr rudimentäre Befunde und die völlig unter Putz liegenden Reste eines Rundbaus, die mitunter eine Rotunde rekonstruieren lassen, hin. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts hatte die finanziell potente Familie der Grabner die Burg Rehberg als Pfandbesitz. Auf sie ist die heute noch in Resten vorhandene, bedeu-


Forschung / 31

Notsicherung durch Injektionen.

Freilegung von Malereischichten mit der „Biene“.

tende, vollflächige malerische Ausstattung des Kirchenraumes zurückzuführen. Im 16. Jahrhundert erfolgte eine bauliche Umgestaltung des Kirchenraumes unter den protestantischen Herrschaftsinhabern, der Familie Thonradel. Im Wesentlichen hat das heutige Erscheinungsbild eine 1757 erfolgte Barockisierung geprägt. Dabei wurde der quadratische Ostabschluss zu einem Turm erhöht und der Kirchenraum neu gegliedert. Durch das Einziehen eines Gewölbes über Arkaden und einer mächtigen Trennmauer im Osten wurde der bisherige Sakralraum in ein Langhaus mit Altarnische und dahinterliegendem Sakristeiraum unterteilt.

Die Wandmalereien Die 1992 an der Südwand der Sakristei entdeckte spätgotische Wandmalerei (um 1420/50) zeigt einen hl. Christophorus und eine unbekannte weibliche Heilige. Sie sind Teil eines größeren Bildprogrammes – ein Zyklus aus Einzelbildern, der sich einer bestimmten Thematik unterordnet. Die vollflächige malerische Gestaltung des vorderen Kirchenteils ist in Registern aufgebaut und zeigt Heiligendarstellungen in Bildfeldern, die von mit Schablonenmotiven geschmückten Bändern gerahmt sind. Die Sockelzone schließt mit einer Vorhanggestaltung ab. Diese tritt durch rot schablonierte Vogelmotive und vegetabile Orna-

Detail des unteren Abschlusses der Wandmalereien in Form von schablonierten Vogelmotiven und Maßwerkformen.

mente auf weißem Hintergrund besonders stark hervor. Insgesamt kamen fünf verschiedene Schablonenmotive zum Einsatz. Der reiche Dekor auf der Vorhanggestaltung und auf den Rahmenleisten der Wandmalereien wurde in Schablonentechnik geschaffen, einer Reproduktionstechnik, die – wie jüngste Forschungen zeigten – über Umwege aus dem böhmischen Raum um 1400 zu uns gelangte. Die dargestellten Vögel, zwei zueinander zeigende Adler, dürfen wohl als früher zeitgenössisch-provinzieller Kaiserund Reichsbezug verstanden werden und nehmen in der Gesamtheit des Bildprogrammes unübersehbar einen hohen Stellenwert ein.

der Wandmalerei ist, dass sie auf eine teilweise schon beschädigte Kalkgrundierung aufgetragen wurde und an manchen Stellen auf der darunterliegenden Oberfläche liegt.

Beinpartien im oberen Drittel der freiliegenden Wandmalereifläche geben einen Einblick in die Darstellung des oberen Registers, das durch einen Gewölbeeinbau 1757 geteilt wurde. Die Hälfte des Bildprogrammes ist daher im Dachbodenbereich oberhalb des Sakristeigewölbes vorhanden und ist an manchen Stellen durch Abplatzungen jüngerer Schichten sichtbar. Die Wandmalerei ist in Kalksecco-Technik ausgeführt und wurde in schnellen Zügen gemalt, ist jedoch mit feinen Details in Haartracht und Gesichtskonturen ausgeführt. Eine reduzierte Malschichtoberfläche zeigt nur noch bedingt die ehemaligen Feinheiten der Darstellung. Eine Besonderheit

Text und Fotos: Oliver Fries und Romana Gstrein

schaufenster / Kultur.Region / Juli/August 2013

Eine weitere Gestaltungsphase ist im Bereich der an der Südwand der Sakristei freiliegenden spätgotischen Wandmalerei sichtbar. Es handelt sich hierbei um ein mehrfarbig gestaltetes Weihekreuz, das in die Zeit der Ausstattung um 1316 fällt. Auch im Dachbodenbereich und im Choranbau konnte eine mehrfarbige, vegetabile Gestaltung aus dem 16. Jahrhundert entdeckt werden, die jedoch nur noch fragmentarisch vorhanden ist. /

INFORMATION

——————————————————— Eine Besichtigung der Filialkirche und Burgkapelle Hl. Johannes in Rehberg ist nur unter Voranmeldung möglich! Seelsorgesprengel Rehberg der Pfarre Imbach Diakon Mag. Johannes Fiedelsberger 3504 Krems-Rehberg, Seilerweg 31 Tel. 02732 74474


Weiterbildung / 32

Gesprächsrunde

LEBENSLANG LERNEN Schaufenster Kultur.Region stellt Fragen zum Thema Weiterbildung und Personalentwicklung in der Kultur.

V. l. n. r.: DI Paul Gessl, NÖ Kulturwirtschaft, Mag. Ulrike Vitovec, Museumsmanagement Niederösterreich, Mag. Karin Wolf, Institut für Kulturkonzepte, Mag. Susanne Wolfram, Festspielhaus St. Pölten. Foto: Renata Behncke

Warum ist Weiterbildung in den Kulturbetrieben wichtig? Edgar Niemeczek, Kultur.Region: Weiterbildung als wichtiger Teil lebenslangen Lernens stellt sich heute als unverzichtbar dar. Ebenso große Bedeutung wie der intellektuelle Mehrwert aus Weiterbildungsangeboten hat selbstverständlich auch die ästhetische Bildung, also das Kultivieren und Verfeinern der menschlichen Sinne. Es gilt bewusst zu machen, was das menschliche Leben in seiner Gesamtheit ausmacht und wie Wissen verantwortungsvoll und mitfühlend bei der

Zukunftsgestaltung zur Anwendung kommen kann. Diese Kulturvermittlungsarbeit erfordert hervorragend ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in allen Bildungsbereichen, daher auch in den Kultureinrichtungen im Bundesland Niederösterreich. Erst durch ihre Arbeit kann es gelingen, umfassend und eingehend zu erkennen, zu verstehen, zu begreifen oder zu empfinden. Gerade diese Qualitäten sind wesentliche Bausteine, wenn es darum geht, die Gesellschaft positiv weiterzuentwickeln.

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Sie führen seit einigen Jahren kontinuierlich Fortbildungen für Leiter und Mitarbeiter von Museen durch. Was ist das Besondere an der Professionalisierung im Bereich der regionalen Museen? Ulrike Vitovec, Museumsmanagement Niederösterreich: Bei uns ist die große Herausforderung, dass wir vorwiegend mit begeisterten Laien arbeiten, die sich ehrenamtlich und in ihrer Freizeit der Museumsarbeit widmen. Im Kustodenlehrgang engagieren wir Referenten, die fachlich top sind und zugleich professionelle Museumsarbeit so


Weiterbildung / 33

Dr. Edgar Niemeczek, Kultur.Region Niederösterreich: Weiterbildung als wichtiger Teil lebenslangen Lernens stellt sich heute als unverzichtbar dar. Foto: Nikolaus Korab

vermitteln, dass kein akademischer Hintergrund der Teilnehmer notwendig ist. Weiters bieten wir einen Lehrgang für professionelle Kulturarbeit und einen Kulturvermittlungslehrgang an, beide besuchen auch Mitarbeiter aus größeren Betrieben oder freiberufliche Kulturmanager. Für alle drei Lehrgänge gilt: Die Praxisnähe und die Anwendbarkeit der Seminarinhalte haben oberste Priorität. Wir merken eine Professionalisierung durch die Kurse dadurch, dass ein Museum in einem Ort einen ganz anderen Stellenwert bekommt, wenn fachkundig und projektbezogen mit Professionisten gearbeitet wird. Und wir ermutigen die Leute, dass sie Museen ja immer in erster Linie für sich und den Ort machen. Wenn das funktioniert, und sie sich auf die Besonderheiten ihres Museums konzentrieren, dann wirkt das auch nach außen. Die Ergebnisse sprechen für sich. Es wäre schön, wenn die öffentliche Hand auch auf dieser Ebene weiter in die Zukunft der regionalen Museen investiert. Die Weiterbildung von Mitarbeitern gehört zu den Agenden der Personalentwicklung, die ja generell im Kulturbetrieb gerade erst im Kommen ist. Die NÖKU (NÖ Kulturwirtschaft) hat diesen Bereich ja schon seit einigen Jahren entwickelt. Wo sehen Sie Schwerpunkte? Paul Gessl, NÖKU: Die Aufgaben der NÖKU haben sich in den letzten Jahren stark in Richtung Dienstleistung und Service entwickelt. Dabei ist auch die Weiterbildung der Mitarbeiter zu einem zentralen Thema geworden. In den letzten beiden Jahren haben

wir uns sehr intensiv damit beschäftigt und als Resultat in der Holding für alle Mitarbeiter eine Stabstelle für Personalentwicklung geschaffen. Die Budgetmittel wurden über die gesamte NÖKU-Gruppe für den Bereich Aus- und Weiterbildung sicher verdreifacht. Damit wurde für die Personalentwicklungsoffensive ein solides Fundament geschaffen. Für die Zukunft der Kulturbetriebe der NÖKU-Gruppe gilt: Jeder Betrieb ist so gut wie seine Mitarbeiter. Mit dieser Schwerpunktsetzung im Kulturmanagement sind wir sicher ein Innovationsbetrieb. Wer im Kulturbetrieb arbeitet, erwirbt viele Fähigkeiten durch „learning on the job“. Wollen sich diese Menschen überhaupt noch zusätzlich fortbilden? Susanne Wolfram, Festspielhaus St. Pölten: Ich glaube, es gibt Bedarf in zweierlei Hinsicht: Das eine ist die fachliche Weiterbildung, die sich aus dem Alltagsgeschäft ergibt. Das sind Themen wie Änderungen im Vertragswesen zum Beispiel. Das andere geht in Richtung Präsentationstechnik, Moderation oder Konfliktmanagement. In der Plattform Kulturvermittlung Niederösterreich sind im Moment 22 Betriebe aktiv, die sich regelmäßig treffen. Hier gibt es betriebsübergreifend Austausch darüber, welche Kompetenzen in den einzelnen Häusern vorhanden sind und wo es den Wunsch nach gemeinsamer Weiterbildung gibt. Dieser Raum für Reflexion ist sehr wichtig, denn gerade im Theaterkontext ist der Arbeitsdruck so hoch, dass man sich im Arbeitsalltag mit solchen Fragen gar nicht auseinandersetzen kann.

schaufenster / Kultur.Region / Juli/August 2013

Der Lehrgang „Professionelle Kulturarbeit“ findet ab Herbst zum zweiten Mal statt. Worauf legen Sie Wert, wenn Sie Kulturmanagement unterrichten? Karin Wolf, Institut für Kulturkonzepte: Die Praxisnähe und das Einbeziehen der konkreten Fragen der Teilnehmer haben oberste Priorität in all unseren Seminaren und Lehrgängen. Auch in diesem Lehrgang erarbeiten die Teilnehmer individuelle Konzepte für ihre Organisationen, z. B. in den Bereichen Sponsoring, Web 2.0 oder interne Kommunikation. Neben der kompakten und sehr konkreten Wissensvermittlung fördern wir das Netzwerken. Die Lehrgangsgruppe profitiert von den jeweils unterschiedlichen Erfahrungen. Und es gibt Raum für Austausch und Reflexion, der den Teilnehmern oft neue Perspektiven eröffnet, die ihnen im Alltagsstress verborgen bleiben. Weiterbildung ist einfach mehr als Wissensvermittlung: Sie bringt Motivation, Bestätigung und neue Kontakte, die dann in der Folge eine Reihe von positiven Effekten bringt. Nach innen führt eine Professionalisierung zu klareren Strukturen und effizienterem Arbeiten, nach außen gibt es oft einen deutlicheren Auftritt dem Publikum und der Presse gegenüber. / Die Langfassung des Gesprächs lesen Sie auf http://kulturkonzepte.wordpress.com/

PRoFESSIONELLE KULTURARBEIT

——————————————————— Lehrgang Oktober 2013–März 2014 Ort: Haus der Regionen, Krems-Stein Der berufsbegleitende Lehrgang richtet sich an Leiter und Mitarbeiter in Museen, Kulturvereinen und Gemeinden. Voraussetzung zur Teilnahme ist ein Jahr Berufspraxis im Kulturbereich (auch nebenberuflich oder ehrenamtlich). Angesprochen sind alle, die ihre bisherige Arbeit überprüfen und weiter professionalisieren möchten und an der Vernetzung mit anderen interessiert sind. Kursgebühr: EUR 1.900,00 bzw. EUR 1.700,00 (ermäßigt) Anmeldung und Information Tel. 02732 73999 museen@volkskulturnoe.at www.noemuseen.at www.kulturkonzepte.at


Niederösterreichische Landesausstellung 2013 / 34

Asparn an der Zaya und Poysdorf

BROT & WEIN Die künstlerische Gestaltung der Ausstellung macht die Kulturgeschichte von Brot und Wein zu einem Erlebnis für alle Sinne.

Weingläser aus Niederösterreich. Die Ausstellungsorganisation hat zur Sammelaktion von Weingläsern und Brotdosen aufgerufen. Foto: NÖLA

8.000 Jahre spannende Kulturgeschichte werden mit der Niederösterreichischen Landesausstellung 2013 unter dem Titel „Brot & Wein“ lebendig. Bis 3. November wird in Asparn an der Zaya die Kulturgeschichte des Brotes zur Schau gestellt und in Poysdorf die abwechslungsreiche Historie des Weines anschaulich vermittelt. In dieser großen Ausstellung werden die beiden Themen „Brot“ und „Wein“ umfassend aufbereitet und durch eine museumsdidaktisch gut durchdachte Inszenierung für Besucher aller Altersgruppen zu einem spannenden Erlebnis gemacht.

Ideen werden zu erlebbaren Räumen Die konkrete Gestaltung der Niederösterreichischen Landesausstellung 2013 „Brot & Wein“ in Asparn an der Zaya und Poysdorf bietet eine Brücke von den Objekten und deren Inhalten zum Verständnis der Betrachter. Nicht zufällig wurde mit Christof Cremer ein international tätiger Bühnenbildner für die Gestaltung der beiden Ausstellungen – „Brot“ (Asparn an der Zaya) und „Wein“ (Poysdorf) – gewonnen: „Wir schaffen Räume, Atmosphäre, Assoziationen, in denen sich die Aura des jeweiligen Objekts entfalten

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kann. Dadurch werden Geschichte und Geschichten erzählt.“ Inszenierte Räume, die konkrete bauliche Umsetzung und die vielfältige grafische Gestaltung, die sich durch die beiden Ausstellungsorte ziehen, bilden ein Gesamtkunstwerk. Der Weg, den die Besucher an beiden Orten zurücklegen, führt von Mythologie und Geschichte bis ins Heute, ins Reale. Dabei werden durch Sehen und Hören von Geschichte und Geschichten oder durch Tasten, Greifen und Begreifen der Vergangenheit und der Gegenwart sowie durch Rie-


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Durch die gesamte Ausstellung zieht sich eine theatralische Inszenierung: Brotschuhe, eine Installation von Michael Kos in Asparn an der Zaya. Foto: NÖLA

chen und Schmecken Brot und Wein umfassend erfahrbar.

Geschichte und Genuss erleben Das Erfahren der Themen Brot & Wein mit allen Sinnen steht auch im Mittelpunkt des Vermittlungskonzepts. Exponate, Kuratoren, Objekte, Leihgeber und Besucher treten hier in einen Dialog. Letztere sollen nicht nur Wissenswertes über „Brot & Wein“ erfahren, sondern vor allem ihren eigenen Zugang zum Thema entwickeln. 65 Kulturvermittler, dreisprachige Raumtexte (Deutsch, Englisch, Tschechisch) und QR-Codes bieten eine optimale Begleitung durch die Schau.

Schloss Asparn an der Zaya Mitten in einem Kornfeld, mitten im Urbestandteil von Brot – so fühlen sich die Besucher in der Ausstellung „Brot“ in Asparn an der Zaya. Vom Tor des Schlosses Asparn ragen den Gästen, schon von weitem sichtbar, eine Vielzahl von „Strohhalmen“ entgegen. Durch die gesamte Ausstellung zieht sich in Asparn eine stark assoziative Formensprache und theatralische Inszenierung. Ein beachtlicher Teil der Grafiken in den Ausstellungsräumen wurde vor Ort von den Künstlern gemalt und fertiggestellt. Form, Farbe und Art der Vitrinen und Raumgestaltung machen das Thema plastisch erlebbar und bieten den Ausstellungsobjekten die notwendige Bühne. Als Exponat in einer Vitrine ist Brot vergleichsweise unspektakulär und mag auf den ersten Blick wenig von seiner Besonderheit preisgeben. Umso mehr wird es die

Besucher überraschen, wie in dieser Ausstellung unter Beweis gestellt wird, dass Brot weit mehr ist als ein Lebensmittel: Es steht für unsere vom Ackerbau geprägte Ernährung, ist Sinnbild und Symbol des Lebens, ist zentraler Bestandteil von Ritualen und Religionen, aber auch eine Maßeinheit für unsere Kaufkraft. Der Freibereich des Urgeschichtemuseums beeindruckt mit einem weitläufigen Ensemble von Rekonstruktionen urgeschichtlicher Bauten. Die experimentelle Archäologie liefert der Wissenschaft spannende Erkenntnisse und ermöglicht es zugleich, durch das Betreten der Gebäude und das Backen des Brotes das Leben vor tausenden Jahren in die Gegenwart zu holen.

Das jungsteinzeitliche Langhaus in Asparn an der Zaya. Foto: NÖLA

landschaft mit all ihren Besonderheiten und gleichzeitig eine kritische Bestandsaufnahme der aktuellen Weinwirtschaft sein. In der Festhalle stehen Weingenuss und -erlebnis, aber auch Themen wie Weinlandschaften, Wein und Literatur, Kulinarik, Wein und Generationen oder Droge und Genuss im Vordergrund. Im ehemaligen Bürgerspital begeben sich die Gäste der Landesschau auf eine Zeitreise durch die Geschichte des Weines in unterschiedliche Kulturen und Epochen. Auch in Poysdorf rundet ein Freibereich das Ausstellungserlebnis ab. Ein dorfähnliches Ensemble mit Schauweingarten, Presshäusern und Schmiede lädt zum Entdecken und verweilen ein. / Entgeltliche Einschaltung

Ausstellungsgelände Poysdorf „Es lebe der Wein! Es lebe das Land, wo er uns reift! Es lebe das Faß, das ihn verwahrt! Es lebe der Krug, woraus er fließt!“ (Gottfried van Swieten, 1733–1803) Lob auf den Wein, das Joseph Haydn im Oratorium „Die Jahreszeiten“ in Töne fasste, lieferte die Grundidee zur inhaltlichen Konzeption des Themas Wein im Rahmen der Niederösterreichischen Landesausstellung 2013. Kein Ort eignet sich wohl besser als die Weinstadt Poysdorf, um dieses Thema in all seinen Facetten zu präsentieren. Die umfangreiche Schau bietet einen Streifzug durch die Geschichte der Winzerei und des Weingenusses ebenso wie eine Auseinandersetzung mit den kultischen Aspekten des Weins. Die Ausstellung soll eine Würdigung der niederösterreichischen Wein-

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BROT & WEIN

——————————————————— Bis So, 3. 11. 2013, tägl. 9.00–18.00 Uhr Asparn an der Zaya Urgeschichtemuseum Niederösterreich 2151 Asparn an der Zaya, Schlossgasse 1 Poysdorf Ausstellungsgelände 2170 Poysdorf, Brünner Straße 28
 Informationen Niederösterreichische Landesausstellung 2170 Poysdorf, Kolpingstraße 7 Tel. 02552 3515-30
 info@noe-landesausstellung.at www.noe-landesausstellung.at


Museumsdorf Niedersulz / 36

Kleinhäusler Lebenswelten

AM RAND DES DORFES Im Rahmen des niederösterreichischen Viertelfestivals präsentiert das Museumsdorf die Ausstellung „Kleinhäusler Lebenswelten“.

Kleinhäusler-Haus aus Wilfersdorf im Museumsdorf Niedersulz.

Das Weinviertler Museumsdorf Niedersulz hat sich vom heurigen Motto des Viertelfestivals „Brandungszone“ inspirieren lassen: Schließlich ist die Dorfgemeinschaft auch eine Art „Brandungszone“, wo verschiedene soziale Schichten aufeinandertreffen. Wir wollen diejenigen Leute und Gebäude in den Fokus unserer Recherchen und Präsentation stellen, die üblicherweise nicht im Mittelpunkt stehen – also Kleinhäusler, aber auch Inwohner und Dienstboten im Weinviertel des 19. Jahrhunderts. Diese Bevölkerungsschicht war in jedem

Weinviertler Dorf vertreten und übertraf an Personen oft die bäuerliche Oberschicht. Kleinhäusler besaßen – wie der Name schon sagt – ein kleines Haus (im Gegensatz zu einem größeren Zwerchhof), bestehend aus Küche, Stube, Kammer und kleinen Stallungen. Charakteristisch sind auch Lehmböden und Strohdächer sowie die bescheidenere Innenausstattung. Diese Kleinhäuser standen nicht zentral an der Dorfzeile, sondern etwas außerhalb: am Rand der Kellergasse, in Neben- oder „Hintausgassen“ oder

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Peter Huber in der Schusterwerkstatt aus Mistelbach.

am Ortsende. Kleinhäusler besaßen wenig eigenen Grund, meist einen kleinen Weingarten, und bescheidenen Viehbestand – zwei bis drei Schweine, in besseren Fällen ein Pferd oder eine Kuh sowie Ziegen und Hühner – zur Selbstversorgung.

Taglöhner Um trotzdem ihr Auslagen finden zu können, verdingten sie sich bei Bauern als Taglöhner zu Arbeitsspitzen im Weinbau und der Getreideernte. Oft gab es langfristige


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Verbindungen zwischen einer Bauern- und eine Kleinhäusler-Familie, von der beide profitierten: Die Bauern konnten sich auf ausreichende Arbeitskräfte verlassen, und die Kleinhäusler wiederum konnten ihren Wein beim Bauern pressen lassen und lagern, da sie nicht über eigene Presshäuser und Keller verfügten. Außerdem war dem Kleinhäusler geholfen, wenn der Bauer mit seinem Gespann Pflugdienste oder Fuhren für ihn erledigte. Kleinhäusler-Eltern strebten oft danach, diese Verbindung außerdem mittels Patenschaften für ihre Kinder durch das Bauern-Ehepaar zu verstärken. Manchmal betrieben Kleinhäusler zusätzlich noch ein Handwerk wie Schuster, Schneider, Besenbinder, Strohdecker, Seiler oder Korbflechter. Da die Werkstätten meist in der Stube untergebracht waren, schränkten diese den ohnehin schon bescheidenen Wohnraum zusätzlich ein.

Inwohner Als Inwohner bezeichnet man eine sozial niedrige Gruppe von Arbeitskräften in Getreide- und Weinbau ohne eigenen Wohnsitz und meist auch ohne Grundbesitz. Sie wohnten entweder direkt im Bauernhaus oder in einem separaten Gebäude wie dem Ausgedinge, der „Ausnahm“, die üblicherweise dem Altbauernpaar als Alterswohnsitz diente. Manche besaßen einen kleinen Weingarten für den Eigenbedarf. Dienstboten waren im Weinviertel aufgrund des vorherrschenden Getreide- und Weinbaus nicht sehr häufig, da bei diesen Landwirtschaftszweigen nur zu bestimmten Zeiten (und nicht wie bei der in Westösterreich verbreiteten Viehwirtschaft das ganze Jahr über) hoher Personalbedarf bestand. Dieser Bedarf an Hilfskräften wurde eben meist durch Kleinhäusler abgedeckt. Im Weinviertel verdingten sich manchmal ledige junge Frauen und Männer für eine bestimmte Zeit als Mägde und Knechte bei größeren Bauern, wo sie auch wohnten, bis sie heirateten und selbst einen Hausstand gründeten. Zu den Aufgaben der Mägde zählten beispielsweise das Hüten der Kleinkinder und Küchendienste, aber auch Hilfsarbeiten in der Landwirtschaft. Die Knechte waren –

neben Arbeiten vor allem in der Erntezeit – für die Pferde zuständig und schliefen auch im Stall, um praktisch immer ein Auge auf die wertvollen Tiere haben zu können.

Wetzelsdorfer Haus Exemplarisch für diese sozialen Schichten eines Weinviertler Dorfes wird die Geschichte eines Kleinhäusler-Haus aus Wetzelsdorf und ihrer Bewohner mithilfe der bewährten ehrenamtlichen Mitarbeitern des Museumsdorfs erforscht und präsentiert. Das Gebäude geht auf ein aus Lehmbatzen errichtetes Haus aus dem Ende des 18. Jahrhunderts zurück. Es wurde in der heutigen Form 1816 erbaut und 1994 im Museumsdorf wieder aufgebaut. Die Lage des Originalstandorts am Rand der Kellergasse wurde auch im Museumsdorf berücksichtigt. Die Umsetzung der Forschungsergebnisse will Häuser zum Erzählen bringen: Das Wetzelsdorfer Haus wird so authentisch wie möglich eingerichtet und erhält eine Dokumentation seiner Haus- und Familiengeschichte. Dazu soll auch die letzte Bewohnerin des Hauses in Form von Interviewpassagen zu Wort kommen. Zusätzlich machen Interventionen – also deutlich erkennbare Hinweise und Informationen zu deren Geschichte(n) – in weiteren KleinhäuslerHäusern des Museumsdorfs (z. B. Schusterhaus aus Mistelbach, Kleinhäusler-Haus aus Kleinhadersdorf) auf die Thematik aufmerksam und lassen Häuser und ihre ehemaligen Bewohner sozusagen selbst ihre Geschichte erzählen. / Text: Veronika Plöckinger-Walenta Fotos: Museumsdorf Niedersulz

naturgartenfest & Benefizveranstaltung HILFE IM EIGENEN LAND

——————————————————— Sa, 14. 9. 2013, 10.00–18.00 Uhr Museumsdorf Niedersulz Historische Weinviertler Dorfarchitektur mit typischen, spätsommerlichen Bauern- und Gemüsegärten bilden den Rahmen für ein Fest, das alle Sinne anspricht. Frühschoppen mit der Militärmusik Niederösterreich, Gartenschwerpunkt „Kümmel, Koriander & Co.“ mit Vorträgen und Führungen, Kunsthandwerksmarkt, großes Chöre- und Singgruppentreffen und Volkstanz. Im Rahmen des Naturgartenfestes findet das Herbstfest der Organisation HILFE IM EIGENEN LAND statt. Museumsdorf Niedersulz 2224 Niedersulz 250 Museumsdorf Niedersulz www.museumsdorf.at Eine Veranstaltung in Kooperation mit „Natur im Garten“.

KLEINHÄUSLER LEBENSWELTEN

——————————————————— Museumdorf Niedersulz Eröffnung, So, 28. 7. 2013, 11.00 Uhr Wetzelsdorfer Haus 2224 Niedersulz 250 Tel. 02534 333 www.museumsdorf.at

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HILFE IM EIGENEN LAND KATASTROPHENHILFE ÖSTERREICHISCHER FRAUEN


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Musik = Kommunikation + Emotion

Benefizkonzert Beim Benefizkonzert mit Willi Resetarits und seinem „Stubnblues“ unterstützen die Weinviertler Erste-Bank-Filialen und das Museumsdorf Niedersulz die sozialen Dienste des Roten Kreuzes. Schaufenster Kultur.Region traf Willi Resitarits zum Interview.

Willi Resetarits und der Stubnblues. Foto: Günter Standl

Ein Benefiz-Konzertabend, bei dem sich Musik, Kultur und soziales Engagement ideal und auf ganz besondere Art und Weise vereinen, findet am Samstag, den 24. August, im Museumsdorf Niedersulz statt. Das Rote Kreuz Zistersdorf, als Veranstalter, konnte Willi Resetarits und seinen „Stubnblues“ für das Open-Air-Konzert im Südmährer Hof gewinnen. Die Formation „Stubnblues“ steht dabei für Musik, die unter die Haut

geht, für gefühlvolle Harmonien und Melodien, für beeindruckende Texte und abwechslungsreiche, mitreißende Rhythmen. „Ois offn“ heißt das aktuelle Programm, bei dem nach Willi Resetarits tatsächlich alles offen ist, „das Genre, die Zukunft, einfach alles“. Und er macht sich mit seinen Musikern auf die Suche nach dem schönsten Lied der Welt, in der Hoffnung, dieses nie zu finden.

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Lieber Wilhelm Thomas Resetarits, geboren 1948 in Stinatz, mit burgenlandkroatischer Abstammung sind Sie ein Kind der wilden 68er Generation. Inwieweit hat Ihre Biografie Einfluss und Auswirkungen auf Ihr soziales Engagement? Resetarits: Verschiedenste Aspekte. Das eine ist meine Zweisprachigkeit. Als ich ein Kind war, wurde sie als Makel empfunden. Aber eigentlich war ich gar nicht zweispra-


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chig. Ich war immer abwechselnd einsprachig. In Wien sollten wir nur Deutsch reden, denn wenn man als „Krowot“ enttarnt wurde, hatte man Nachteile zu befürchten. Und in Stinatz, im Südburgenland, habe ich bei den Großeltern nur „Krowotisch“ geredet. Das heißt, als Kind lernt man nicht nur leicht Sprachen, sondern auch, wie man abwechselnd jemanden nach dem Mund reden muss. In Stinatz „Krowotisch“ und in Wien Deutsch. Und dann habe ich als dritte Sprache noch Hochdeutsch gelernt. Ein weiterer Grund war auch: Wir waren arme Leute. Als Kind habe ich das nicht so stark wahrgenommen, denn alle um uns herum waren auch arm. Sowohl in Stinatz als auch in Wien, im 10. Bezirk, haben die Kinder nicht viel gehabt. Wenn man von seiner Herkunft her arm ist, entsteht automatisch und parallel dazu ein Sentiment für die Außenseiter. Daraus resultiert auch mein soziales Engagement. Gab es ein Schlüsselerlebnis für Ihren „sozialen Aktivismus“? Oder ist das langsam, schleichend entstanden? Resetarits: Beides. Einerseits aus den bereits genannten Gründen. Das Politische kam dann kurz vor 1968 dazu – durch die „laute Musik“. Das heißt, die Politisierung der 15-, 16-Jährigen damals kam, weil wir die Haare ein bisschen länger über die Ohren haben wollten. Und das hat einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Da lernt man plötzlich etwas über die Gesellschaft. Ein bisschen davon war mir schon bekannt, da ich gesehen habe, wie man mit Minderheiten umgeht und dass arme Leute im selben Atemzug in der Meinung vieler Menschen als kriminell angesehen werden. Sie sind mittlerweile Ehrenpräsident des Integrationshauses bzw. haben etliche Preise wie den Bruno-Kreisky-Preis für Menschenrechte erhalten. Resetarits: Stellvertretend für das ganze Team vom Integrationshaus. So wahnsinnig viel mache ich nicht mehr wie früher. Im Dezember habe ich mein Pensionsantrittsalter erreicht. Verlorengehen werde ich dem Projekt sicherlich nicht. Das ist mein Lebenswerk. Man muss aber nicht immer von jedem Fernsehkastl und jeder Zeitung rauslachen.

Willi Resetarits und Peter Markovics, MSC, Bezirksstellenleiter des Roten Kreuzes Zistersdorf, beim Interview im Gasthaus Birner in Wien 21. Foto: Museumsdorf Niedersulz

Ein Zitat von Ihnen ist: „Ein gutes Lied ist ein gutes Lied. Wir suchen sie, die guten Lieder. Sie sind gesund und geben Kraft.“ Was macht ein „gutes Lied zu einem gutem Lied“? Resetarits: Wenn das genau zu definieren wäre, dann wäre das von Universal Music bereits gekauft und patentiert worden. Und dafür bin ich der Musik dankbar, dass sie das Rezept nicht preisgibt. Was ist mit Emotion in der Musik? Resetarits: Musik ist Kommunikation plus Emotion. Für mich fängt Musik erst richtig an, wenn sie die Ohren der Zuhörer erreicht. Bei mir geht’s darum, dass ich ein Lied in der bestmöglichsten Form bringe. Irgendein Amerikaner hat einmal gesagt: „Slave to the song!“ – Man muss ein Lied erst begreifen und es dann in der richtigen Form, in der bestmöglichsten bringen. Das bist du dem Lied schuldig. Sollen Lieder auch Trost spenden? Resetarits: Der Trostfaktor muss da sein. Ein gutes Lied hat in jedem Fall etwas Tröstliches. Das muss jetzt nicht „eiei“ und „Schlaf, Kindlein schlaf “ sein, man kann auch etwas Kontroverseres sagen und trotzdem das Publikum getröstet nach Hause schicken. Aber das habe ich auch lange genug gemacht – das Protestlied … / Das Interview führte Freya Martin. Text: Peter Markovics

Rotes Kreuz Zistersdorf An der Bezirksstelle Zistersdorf versehen rund 150 Mitarbeiter ihren Dienst. Gemeinsam mit der Ortsstelle Hohenau werden rund 22.000

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Einwohner in 33 Ortschaften versorgt. Der Großteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen im Rettungsdienst. Während der Rettungsdienst des Roten Kreuzes von den Gemeinden und den Krankenkassen sowie von den Beiträgen der Mitglieder getragen wird, sind die sozialen Dienste oft ausschließlich von der Spendenbereitschaft der Bevölkerung und der Unterstützung durch Unternehmen abhängig. Aber auch in diesem Bereich der Gesundheits- und sozialen Dienste bietet das Rote Kreuz Zistersdorf Essenzielles für die regionale Bevölkerung, wie etwa einen Pflegemittelverleih, Rufhilfe, Essen à la carte sowie Seniorentreffs und die Team Österreich Tafel. Beim Benefizkonzert mit Willi Resetarits und seinem „Stubnblues“ unterstützen die Weinviertler Erste-Bank-Filialen und das Museumsdorf Niedersulz diese sozialen Dienste des Roten Kreuzes, damit auch weiterhin schnell und effizient Hilfe gewährleistet, Not gelindert und Hoffnung gegeben werden kann! www.rk-zistersdorf.at

Willi Resetarits & Stubnblues

——————————————————— Sa, 24. 8. 2013, 20.00 Uhr Museumsdorf Niedersulz Einlass: 18.00 Uhr (Museums-Portal) Karten: EUR 28,00 erhältlich bei Ö-Ticket (www.oeticket.com) und bei allen Banken. Die Konzertkarte berechtigt außerdem zum einmaligen ermäßigten Eintritt von 6 Euro ins Museumsdorf. Das Konzert findet bei jedem Wetter statt. www.williresetarits.at


Museen / 40

Diözesanmuseum St. Pölten

DER GLAUBE IN DER KUNST Das Diözesanmuseum St. Pölten, das älteste Museum dieser Art im Bereich der ehemaligen Monarchie, feiert sein 125-jähriges Jubiläum mit der Sonderausstellung „Credo – Der Glaube in der Kunst“.

Monstranz im Blütenkranz von Johannes (Jan) Antonius van der Baren (1616–1686), Öl/Leinwand, um 1670, signiert, Leihgabe der Pfarre Scheideldorf (Detail). Foto: Diözesanmuseum St. Pölten

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Museen / 41

Der Glaube in der Kunst – diesem Thema widmet sich das Diözesanmuseum St. Pölten. Anlass ist das gegenwärtige „Jahr des Glaubens“, das zum 50. Jahrestag der Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962 von Papst Benedikt XVI. proklamiert wurde. Als zentrales Dokument des christlichen Glaubens ist das Credo seit der Frühzeit die knapp formulierte Zusammenfassung des Bekenntnisses sowie wesentlicher Bestandteil der Gottesdienstes, das im Laufe der Jahrhunderte mittels verschiedener Fassungen textlich ausgestaltet wurde. In seiner elementaren Form als „Apostolisches Glaubensbekenntnis“ (Symbolum Appostolorum) nennt es mit den darin enthaltenen zwölf Glaubenssätzen (Credoartikeln) die Grundtatsachen des christlichen Glaubens. Trotz seiner scheinbaren Einfachheit und Kürze gehört das Credo zu den komplexesten Texten überhaupt. Als Gegenstand zahlreicher theologischer Kommentare und Auslegungen wurden seine Inhalte auch Motive der bildenden Kunst. In der Ausstellung des St. Pöltner Diözesanmuseums geht es um die Frage, in welcher konkreten Form das Glaubensbekenntnis Niederschlag in der bildenden Kunst gefunden hat. Von den biblischen Textquellen ausgehend werden an Hand der unterschiedlichen historischen Fassungen und Überlieferungen Tradition und Funktion des Credo in der christlichen Lehre und im Kultus vorgestellt. Einen Schwerpunkt dabei bildet die Epoche von Reformation und Gegenreformation, in der die bedeutenden Zusammenfassungen der Glaubenslehre, die Katechismen, formuliert wurden. Deren Inhalte sind durch die Kunst veranschaulicht und verbreitet worden. Ein in diesem Zusammenhang interessantes Beispiel stellt die um 1670 von Johannes (Jan) van der Baren gemalte Monstranz im Blütenkranz dar. Sie gehört zum Typus des geistlichen Blumenbildes und verbindet unter dem Einfluss der thomistischen – gegenreformatorisch überarbeiteten – Vorgabe einer theologischen Durchdringung der Natur die Realpräsenz des dargestellten Allerheiligsten mit den stilllebenartig um das Zentralmotiv arrangierten Blumen. Gemäß jesuitischer Theologie sollte die Beobachtung auch der kleinen Dinge zur religiösen Kontemplation führen und die wissenschaftliche Forschung in das System der christlichen Weltordnung und damit des Glaubens eingebaut werden.

Beziehung zum Glauben Die künstlerische Befassung mit sakralen Inhalten beinhaltet auch eine wie immer geartete Beziehung zum Glauben. Diese in Form einer Ausstellung zu vermitteln, ist eine herausfordernde Aufgabe, die eine Vorstellung von den Möglichkeiten und Grenzen sakraler Kunst impliziert. Durch die Einbeziehung einiger ausgewählter zeitgenössischer Werke wird in einem spannungsreichen Miteinander mit Werken der „alten Kunst“ versucht, auch aktuelle künstlerische Positionen zum Credo und zur Heilsgeschichte zu präsentieren. Es ist das große Verdienst von Werner Telesko, dass er die angesprochenen Visualisierungen von Glaubensinhalten zusammengestellt und bearbeitet hat. Von ihm wurde die Ausstellung inhaltlich konzipiert, die historischen Objekte ausgewählt und in fünf Themenbereiche gegliedert: „Glauben und Bekennen in der historischen Tradition“ – „Die Abfolge der Credoartikel“ – „natus passus resurrexit / der christologische Kern des Glaubensbekenntnisses“ – „Das Bekenntnis zum Glauben leben“ – „Glauben und Wissen / historisch und aus heutiger Sicht betrachtet“. Auf diese inhaltliche Gliederung wurde in Anordnung und Reihenfolge der Ausstellungsobjekte möglichst Rücksicht genommen. Auch wurde darauf geachtet, Objekte aus dem Diözesanmuseum oder solche mit regionalem Bezug zu integrieren, was durch das Entgegenkommen der Leihgeber ermöglicht wurde. In die Thematik einleitend werden in der Kerens-Bibliothek die textlichen Voraussetzungen des Glaubens und Bekennens vorgestellt, im Ausstellungsgang werden analog der genannten Gliederung die jeweiligen Inhalte präsentiert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf in Themenblöcken zusammengestellte barocke Druckgrafik, die von Objekten anderer Gattungen, vor allem Gemälde, aufgelockert werden.

Glaube und zeitgenössiche Kunst In der ehemaligen Stiftsbibliothek mit den heilsgeschichtlich interpretierten FakultätsFresken Paul Trogers in den beiden Haupträumen und der Darstellung der Weisheit von Daniel Gran im Mittelraum wird das spannungsreiche Verhältnis von Wissen und Glauben thematisiert und über die markante

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Zäsur des 2. Vatikanischen Konzils der Anschluss zu gegenwärtigen Standpunkten und Diskussionen hergestellt. Diese stehen auch mit den genannten zeitgenössischen künstlerischen Positionen in Zusammenhang, die an Hand einiger ausgewählter Werke von Sieghard Pohl, Susanne SehnBaumhakel, Ildiko Koller, Karel Rechlík und Siegfried Anzinger vorgestellt werden. Trotz divergierender formaler Eigenschaften ist den meisten der gezeigten Arbeiten die – auch vom Thema – bedingte Zeitlosigkeit von Darstellungsinhalt und formaler Bewältigung, die Enthobenheit vom Individuellen im Sinne einer allgemeinen Bildorganisation als Abbild der dahinter stehenden ur- und vorbildhaften Ordnung gemein. In diesem Zusammenhang wird auch auf die parallel zur Ausstellung in der Domkirche präsentierte Installation mit Motiven zum Credo von Karel Rechlík aufmerksam gemacht. Schließlich sei noch auf ein besonderes Ausstellungsobjekt hingewiesen: der aus Kloster Einsiedeln stammende und für dieses angefertigte vierteilige Credo-Ornat vom Beginn des 20. Jahrhunderts, dessen gewebte Besätze ein differenziertes, der Entstehungszeit entsprechendes Bildprogramm zum Glauben aufweisen. Dadurch ergab sich die schöne Möglichkeit, in die bestehende Paramentenausstellung ein unikates Objekt des frühen 20. Jahrhunderts mit Bezug zum Ausstellungsthema einzubauen. Für die ansprechende Gestaltung der Ausstellung und des Katalogs sind das Grafikerteam no-maddesigners verantwortlich, den gelungenen Aufbau besorgte Georg Bergner und sein Team. Der reich bebilderte Katalog enthält Beiträge von Werner Telesko, Josef Kreiml, P. Pius Maurer Ocist. und Wolfgang Huber. / Text: Wolfgang Huber

CREDO

——————————————————— Diözesanmuseum St. Pölten 3100 St. Pölten, Domplatz 1 Tel. 02742 324 331 Öffnungszeiten: Bis Do, 31. 10. 2013 Di–Fr, 9.00–12.00 und 14.00–17.00 Uhr Sa 10.00–13.00 Uhr www.dz-museum.at


Sammlung / 42

Vom Andachtsbild zum Zimborium

ZUSAMMENGLAUBEN Vorerst im Museumsdorf Niedersulz untergebracht und ausgestellt, hat nun die Sakralsammlung Josef Geissler ihren endgültigen Ausstellungsort im alten Pfarrhof von Niedersulz gefunden.

Sakralsammlung vom Andachtsbild bis zum Zimborium …

„Kunst ist die irdische Schwester der Religion“. Frei nach dem Zitat von Adalbert Stifter ist im alten Pfarrhof von Niedersulz eine Sammlung der ganz besonderen Art untergebracht: die „Sammlung sakrale Kunst“ von Museumsdorf-Gründer Josef Geissler. Das Gebäude, das selbst schon ein museales Juwel darstellt, war ein Herrenhaus des Stiftes Heiligenkreuz aus dem frühen 17. Jahrhundert und wurde nun instandgesetzt. In den Jahren 1840/41 erfolgte eine Neuerrichtung des Hauptgebäudes sowie der östlichen und nördlichen Einfriedungsmauer mit dem Eingangstor. Auch der Garten wurde von Prof. Josef Geissler neu gestaltet und nach Plänen und in der Stilistik der Landschaftsgärten errichtet. Den Grundstein für seine Sakralsammlung legte der in Niedersulz geborene Josef Geissler vor mehr als 40 Jahren, denn bereits als 17-Jähriger begann er, erste Sakralobjekte zu sammeln bzw. sich dafür zu interessieren. Im Laufe der Jahrzehnte wuchs die Sammlung der Sakralgegenstände suk-

… seit 40 Jahren von Josef Geissler (links) zusammengetragen.

zessive an. Vorerst im Museumsdorf Niedersulz untergebracht und ausgestellt, hat nun die mittlerweile sehr beachtliche Sakralsammlung ihren endgültigen Bestimmungsund Ausstellungsort im alten Pfarrhof von Niedersulz gefunden. In insgesamt zehn Ausstellungsräumen sind die Ausstellungsobjekte themen- und inhaltsspezifisch geordnet und betitelt. So finden sich im Erdgeschoss unzählige Objekte und Raritäten die „Alltags- und Volksfrömmigkeit“ betreffend – Rosenkränze, Christuskreuze und Kruzifixe, Andachtsbildchen, Wachsstöcke und Wetterkerzen, um nur einige zu nennen. In der ehemaligen Waschküche wird der christliche Totenkult unter dem Überbegriff „Tor zum Herrn“ dargestellt. Im Stiegenhaus, das ins Obergeschoss führt, werden Teile des Kreuzweges respektive „Der Weg nach Golgotha“ gezeigt. Der Saal „Menschwerdung des Herrn“ ist dem Thema rund um die Geburt Christi gewidmet – einzigartige Unikate von antiken „Grulicher Krippen“ sowie Kastenkrippen aus

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dem 19. Jahrhundert dominieren diesen Raum. Die ehemalige Pfarrkanzlei des Herrenhauses ist der Gottesmutter zugedacht – unterschiedlichste Mariendarstellungen und -interpretationen wie die der mater dolorosa, die glorifizierte Maria, Marien- und Himmelskönigin, Immaculata oder Pietà-Marien umfasst die Sammlung. Im einstigen Prälatenzimmer präsentiert sich das „Gefolge des Herrn“, Heiligendarstellungen ab der Spätgotik, und im vormaligen Kaplanzimmer und der Paramentenkammer sind liturgische Geräte, Kruzifixe, Reliquien unter anderem von Sakralkünstlern wie Guiliani, Schwanthaler oder Kupelwieser ausgestellt. Im neu rekonstruierten und wiederaufgebauten ehemaligen Stadel des Gebäudekomplexes sieht man im nunmehrigen „Sanctuarium“ unter dem Titel „Erlösungswerk des Herrn“ das österliche Mysterium mit Passionsdarstellungen, Auferstehung und Eucharistie. Die beeindruckende Sakral-Sammlung von Prof. Geissler wurde am Pfingstmontag, den 20. Mai 2013, feierlich eröffnet und ist jederzeit nach telefonischer Voranmeldung zu besichtigen. / Text: Freya Martin Fotos: Manfred Horvath

VEREIN SAKRALE KULTUR

——————————————————— 2224 Niedersulz 23, Pfarrhof Herrenhaus Tel. 0650 9779503 Besichtigung nach tel. Vereinbarung


Ausstellung / 43

Schloss Orth

spurensuche Ausstellungen im Schloss Orth präsentieren Terrakotta-Skulpturen aus der Renaissance und ein zeitgenössisches Videoprojekt. Ton zu Terrakotta gezeigt, welches als attraktives Material für die serielle Fertigung von Zierelementen genutzt wurde.

Tauschangebot

Die Künstler Antje Schiffers und Thomas Sprenger dokumentieren bäuerliches Leben.

Von den Renaissance-Terrakotten spannt sich der Bogen bis zum zeitgenössischen Videokunstprojekt: Orther Landwirte werden unter dem Titel „Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben“ porträtiert. Das Schloss Orth präsentiert Wolf Hubers Terrakotten und begibt sich auf die Spuren der Donauschule. Wolf Huber (1485–1553), der neben Albrecht Altdorfer als der bedeutendste Meister der Donauschule gilt, wird heute vor allem wegen seiner leichthändigen, wie geschriebenen Landschaftszeichnungen geschätzt. Er entwickelte die „beseelte“ Landschaft von innig-zarter Naturschilderung bis zu dämonischen Visionen.

Faune & Fruchtgehänge Nach den Verwüstungen durch die Türkenkriege im Jahr 1529 begann Niklas Graf Salm der Jüngere mit dem Wiederaufbau von Schloss Orth. Das Gewölbe einer Stube im „Marktturm“ an der Nordostecke ist kunstvoll mit Terrakotten in Form von Wappen, Faun-, Widder- und Ziegenköpfen sowie als

Terrakotta-Schmuck aus Schloss Orth a. d. Donau. Fotos: z.V.g.

Fruchtgehänge gestaltet. Ganz ähnliche Zierelemente finden sich im Schloss Neuburg am Inn (Bayern), wo sie nach einem Entwurf des in Passau ansässigen Malers Wolf Huber gefertigt wurden, der 1529 von Niklas Graf Salm II. zum „pawmaister” für den Umbau seines Stammschlosses bestellt worden war. Anlässlich seiner Arbeit an dem Prunkgrab für Niklas Graf Salm den Älteren – der als Verteidiger von Wien bei der 1. Türkenbelagerung an einer Verwundung starb – reiste Wolf Huber im Jahr 1530 nach Wien und war auch hier tätig. Da in Schloss Neuburg die künstlerische Urheberschaft belegt ist, könnten somit die Terrakotten in Schloss Orth ebenfalls von Wolf Huber stammen. In Kooperation mit dem Kulturreferat des Landkreises Passau und der laufenden Bauforschung des Bundesdenkmalamtes soll auf die kunsthistorisch hochspannende Zuordnung der Terrakotten als mögliches Werk von Wolf Huber in Form einer Spurensuche aufmerksam gemacht werden. In Zusammenarbeit mit dem Keramikkünstler Georg Niemann wird die Verarbeitung und das Formen von

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„Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben“, so heißt ein Videoprojekt mit Orther Bauern von Antje Schiffers und Thomas Sprenger. Das Künstlerpaar aus Berlin bietet Landwirten an, ihren Hof zu malen. Im Tausch gegen das Gemälde filmen und kommentieren die Landwirte ihren Hof, ihren Betrieb und ihre Arbeit. Auf diese Weise haben die Künstler ein Archiv von 25 Filmen zusammengetragen, Filme aus Deutschland, Österreich, aus den Niederlanden, Großbritannien und der Schweiz, aus Mazedonien, aus Rumänien und aus dem spanischen Baskenland. Im Juni werden sie ihre Tauschgeschäfte mit Bauern aus dem Marchfeld fortsetzen und ihre Filme im museumORTH präsentieren. / Konzept und Text: Hilde Fuchs

museumORTH

——————————————————— 2304 Orth/Donau, Schlossplatz 1 Öffnungszeiten: Tägl. 9.00–18.00 Uhr Tel. 0676 5642767 (Annemarie Täubling) Bis Fr, 1. 11. 2013 Wolf Hubers Terrakotten So, 7. 7.–Fr, 1. 11. 2013 Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben www.museum-orth.at


Museen / 44

Kutschenmuseum Laa/Thaya

DIE HOHE SCHULE Die Kutschenmuseum Laa hat nun einen neuen Standort im Zentrum von Laa. Über 100 Fahrzeuge erzählen ihre Geschichte.

Leder. „Als ich die Victoria bekommen habe, waren es Funder-Platten.“ Die Lederkotflügel hat er selbst genäht, nämlich zwiefach. Damit das Leder geschmeidig bleibt, wird es mit Seehundtran gefettet. Was die Wagenfabrikanten Cooper in England, waren die Brüder Binder in Paris. In Wien war es die k. u. k. Hofwagenfabrik Sebastian Armbruster. Eine der letzten Wiener Coupés von Armbruster, gebaut 1880, steht im Kutschenmuseum und stammt aus dem Schloss Atzenbrugg. Aus den Wagenbauern wurden um 1900 Automobilhersteller wie Cooper in England oder Lohner in Österreich.

Die Trittstufen sind versenkt und klappen mit dem Öffnen des Wagenschlags aus.

Kein Hufgeklapper, kein Schellengeläute, kein Fluchen der Kutscher, kein Aufreißen des Wagenschlags war zu hören. 110 Kutschen und Schlitten wurden mit einem Tieflader übersiedelt – von der Peripherie in das Zentrum von Laa an der Thaya.

nun die Prunkstücke: Kaleschen, Wiener Coupés, Schlitten, Postkutschen, Victorias, Pirschwägen und Phaetons, Berlinen und Zeiserlwagen, Landauer und Chaisen.

„Möbelhäuser sind mein Schicksal“, sagt Wolfgang Satzer. Sein Kutschenmuseum war in einer ehemaligen Möbelhalle im Einkaufszentrum untergebracht und hat nun im Stadtkern von Laa seinen neuen Standort. Auch hier ein ehemaliges Möbelhaus, dafür doppelt so groß. Tief im Inneren des Hauses befinden sich alte Stallungen – hier stehen

Ein besonders feines Stück ist die Victoria, gebaut 1850 von den Gebrüdern Binder in Paris, aus dem Besitz der Grafen Bardeau. Da gibt es einige Extras: die Hartgummireifen, ein Novum der damaligen Zeit, die achtfache Federung mit elliptischen und C-Federn und eine besonders leichte Bauweise. So sind die Kotschirme nicht aus Blech, sondern aus

Victoria und Klapp-Phaeton

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Hier ein Klapp-Phaeton, gebaut von der Firma M. Keslar um 1892. „Auf dem zweisitzigen Wagen saß der Herr gemeinsam mit seiner Verlobten. Er hielt die Zügel und sie den Sonnenschirm. Und hinten“, Herr Satzer klappt aus der rückwärtigen Holzkiste einen Notsitz, „hier saß der Kutscher. Wenn die Herrschaften dann ins Café gingen, um heiße Schokolade zu trinken, dann übernahm der Kutscher das Gespann. Natürlich musste er pünktlich gestellt sein, dafür gab es die Kutscheruhr.“ Livreen und Hüte, Fellsäcke und Strohüberschuhe der Bierkutscher (natürlich aus der Laaer Brauerei), mit Briketts geheizte Reiseöfen, Bärenfellmäntel, Engelsgeläut und das ganze Rundherum aus der „guten, alten Zeit“ fehlen nicht. Das Engelsgeläut sind versilberte Schellen. Maria Theresia ordnete an, dass auf jedem Schlitten der Sicherheit wegen mindestens eine Schelle angebracht sein musste.


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Achtfach gefederte Victoria mit vielen Extras.

Die Schlitten sind besonders aufwändig und schön gestaltete Stücke, wie der Carousellschlitten, gebaut um 1790, aus Schloss Bautzen in Deutschland. „Der hat mich ein Jahr meines Lebens gekostet“, bemerkt Wolfgang Satzer. Die Schlitten wurden für den Schlittenkorso zur Faschingszeit aus der Remise geholt. Die geschnitzten Köpfe machen sie zu Figurenschlitten.

Landauer Hinter jeder Kutsche verbirgt sich eine Geschichte. Da gibt es jenen Wagen, der Hühnern als Nachtlager diente. Als der pensionierte Schuldirektor Wolfgang Satzer ihn aus einem Waldviertler Stall holte, musste er zuerst ein paar Tage lang den Dreck wegkratzen. Zum Vorschein kam ein Glaslandauer. Die Bezeichnung Glas deutet auf die Fensterscheiben des viersitzigen Wagens hin. Die meisten Arbeiten macht er selbst. Tischlerarbeiten, Tapeziererarbeiten, Näharbeiten, löten, drechseln, schleifen, lackieren. „Ich hatte das Glück, alten Meistern auf die Finger schauen zu können.“ Denn als er bei seiner ersten Kutsche ein Jahr auf das Rad wartete, das er dem Wagner gebracht hatte, war ihm klar geworden, die Reparaturen lieber selbst zu machen. So ist es bis jetzt geblieben. Allein für das Nähen einer Naht der ledernen Kotflügel braucht er manchmal mehr als einen ganzen Tag. Apropos Nähen: Auch über Litzen und Borten und das Gewerbe der Posamentierer weiß er genau Bescheid.

Bei genauer Betrachtung ist jede Kutsche hohe Schule des Handwerks. Das beginnt beim Wagenrad bis über die Aufhängung des Wagenkastens, von der Federung bis zur Führung der Riemen, von den Laternen bis zur Aufstiegshilfe für den Kutscher – diese befindet sich an der Radnabe und nennt sich „Haufen“ –, von den geschliffenen Scheiben bis zu der Rautentapezierung im Inneren. Messingleisten verdecken die Nägel, mit denen das Leder fixiert wird. Um diese Messingleisten zu rollen, hat Wolfgang Satzer eine eigene Maschine gebaut.

Halbberline

zahlreichen Filmen wieder. Einer der größten Einsätze war in Schloss Weinern im Waldviertel, das als Schloss Possenhofen im Film „Sophie – Sissis kleine Schwester“ zu sehen ist – Wolfgang Satzer rückte mit 18 Kutschen aus: „Da hat sogar die alte Gräfin ergriffen ausgerufen: ,Wie in alten Zeiten!‘“ Wenn Wolfgang Satzer von seinen Kutschen erzählt – und das tut er mit nie versiegender Leidenschaft –, dann hört man es: das Hufgeklapper und Schellengeläute, das Fluchen der Kutscher und das Aufreißen des Wagenschlags. / Text: Mella Waldstein

Die Halbberline des Bischofs von Trnava/ Tyrnau hat versenkbare Fensterscheiben, Kartentaschen, eine prunkvolle Lakaienbrücke, jede Menge Quasten und Borten und einen dunkelblauen Himmel. „Mit Leintüchern habe ich drei Tage das Faltenlegen geübt“, erklärt Satzer, bevor er sich an die Bespannung der Kutschenhimmels heranwagte. Die Berline ist ein voll durchgefederter, viersitziger Reisewagen, der ab dem 17. Jahrhundert gebaut wurde. Die Halbberline hat zwei Sitze. Der Wagenkasten hängt über Langbäumen an leichten Federn sehr hoch über dem Erdboden und war nur mit einer kleinen Leiter erreichbar. Wenn Wolfgang Satzer den Wagenschlag öffnet, schwenkt die Aufstiegshilfe heraus. Alle Kutschen sind einsatzbereit. Hochzeiten und Begräbnisse, Firm- und Firmenausflüge bringen dringend benötigtes Geld. Coupé und Co. finden sich in

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Fotos: Herbert Jaitner

KUTSCHENMUSEUM

——————————————————— 2136 Laa/Thaya Bürgerspitalgasse 4 Öffnungszeiten Bis Ende Oktober, Sa, So und Fei 14.00–17.00 Uhr, Haupteingang Bürgerspitalgasse 4 Mo–Fr 9.00–17.00 Uhr und Sa 9.00–12.00 Uhr, Eingang Stadtplatz durch den „BuchLAAden“ www.kutschenmuseum-laa.at


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Kulturbrücke Fratres

DIE UNIVERSELLE SPRACHE DER KUNST Das Sommerprogramm der „Kulturbrücke Fratres“ ist Garant für anspruchsvolle Kunst- und Grenzüberschreitung.

Museum Humanum und Pfeiler der Kulturbrücke: Gutshof Frates.

Waldviertler Dorf mit dem nahen tschechischen Renaissancestädtchen Slavonice/Zalbings verbindet, sondern ein Zentrum der Begegnung von Kunst, Gesellschaft und Wissenschaft ist. Das passt gut zum Museum Humanum, dessen Objekte aus 30.000 Jahren Menschheitsgeschichte in den interkulturellen Dialog treten. Im Zentrum stehen die bedeutungsvermittelnden Eigenschaften von Kunstwerken und anderen Zeugnissen der materiellen Kultur. Diese veranschaulichen den Wandel künstlerischer Motive und Formensprache vor dem Hintergrund der Evolution von Magie, Mythos, religiösem und rationalem Denken.

Rendezvous an der Grenze Fratres ist ein Dorf an der menschenleeren Grenze des Waldviertels. Hier waren Kardinal Franz König und Vaclav Havel zu Gast ebenso wie Carl Djerassi, der „Erfinder der Pille“, tibetanische Würdenträger, Botschafter, Schriftsteller wie Pavel Kohout, Barbara Frischmuth, Robert Schindel, Vladimir Vertlieb, Felix Mitterer und heuer Peter Turrini, Wissenschafterinnen wie die Biochemikerin Renee Schroeder, das Prager Nationaltheater und der senegalesische Musiker Ousmane Keba Cissokho. Kunstschaffende und Denker aller Himmelsrichtungen treffen einander auf der „Kulturbrücke Fratres“. Birken säumen den Weg zum Gutshof. Er umfasst einen großen Innenhof und ein Herrenhaus, daran grenzt ein weitläufiger Kuhstall. In diesem hat der Privatgelehrte Peter Coreth das Museum Humanum eingerichtet. Und hier ist der Sitz des Vereins „Kulturbrücke Fratres“, der nicht nur das

Das Sommerprogramm der Kulturbrücke präsentiert zum Thema „Grenzraum & Grenzerfahrung“ den Film „Rendezvous an der Grenze“. Electric Ballroom, der Verein für junge darstellende Kunst im Waldviertel, zeigt darin die Lebenswirklichkeit der Jugend in dieser Region. In der begleitenden Ausstellung, kuratiert von Margherita Belcredi, nähern sich Künstlerinnen und Künstler beider Seiten der ehemaligen Grenze mit Installationen und Videoarbeiten den „Leeren Linien“. Ein Höhepunkt des diesjährigen Programms ist der Auftritt der tschechischen Kultlegende und ehemaligen Undergroundband „Plastic People of the Universe“. Die Verhaftung der Bandmitglieder im Jahre 1976 war der Auslöser, der zur Gründung der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung Charta 77 führte.

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Museen – Orte der Nachdenklichkeit? Neben künstlerischen Positionen stehen gesellschaftsrelevante Themen. Unter dem Motto „Helfen ohne Distanz“ wird nicht nur die Aktivistin Ute Bock von ihren Sozialprojekten erzählen, sondern auch der französische Armenpriester und Gründer der Emmaus-Gemeinschaft, Abbe Pierre (1912– 2007), vorgestellt. Der Dokumentarfilm „Liebet eure Feinde“ zeigt das Leben des Pädagogen und Humanisten Premysl Pitter (1895–1976), der Arbeiterkindern aus Prag ein Zuhause gab und nach dem Zweiten Weltkrieg tschechischen, jüdischen und deutschen Kriegswaisen in den von ihm geführten Häusern eine gemeinsame Heimat und Zukunft gab – bis er durch das kommunistische Regime gezwungen wurde, nach Deutschland zu emigrieren. Ein Symposium über „Museen – Orte der Nachdenklichkeit?“ und eine Lesung von Peter Turrini vervollständigen das aktuelle Programm. Peter Coreth: „Die Lage an der Nahtstelle unterschiedlicher Sprachen und Denkweisen hat sich von Anfang an als vorteilhaft erwiesen. Wo politischer und historischer Konfliktstoff die neue Nachbarschaft von Tschechen und Österreichern immer wieder trübt, kann die universelle Sprache der Kunst auf einer höheren Bedeutungsebene vermitteln …“ / Text: Mella Waldstein Foto: Kulturbrücke Fratres


Museum / 47

Tschechien

hart an der grenze In einem kleinen Dorf an der Grenze zeigt ein leerstehendes Kulturhaus das „Leben am Eisernen Vorhang“.

MUSEUM HUMANUM

——————————————————— 3844 Fratres, Gutshof www.museumhumanum.com geöffnet bis 31. 10. gegen Voranmeldung Tel. 0664 1508282

KULTURBRÜCKE FRATRES

——————————————————— Sa, 13. 7. 2013 Grenzraum & Grenzerfahrung 11.00 Uhr: Institut Slavonice/CZ Film „Rendezvous an der Grenze“ ab 15.00 Uhr: Gutshof Fratres Ausstellung tschechischer und österreichischer Künstler; Niklas Perzi: „So nah, so fern“, Buchpräsentation und Vortrag; Lesung: Milena Michiko Flasar: „Ich nannte ihn Krawatte“; Konzert: Plastic People of the Universe Sa, 3. 8. 2013, ab 15.00 Uhr Helfen ohne Distanz Martina Stigler: Der Armenpriester Abbe Pierre; Dokumentarfilm: „Liebet eure Feinde“ (Premysl Pitter, Retter der Kinder); Ute Bock berichtet von ihren Sozialprojekten; Konzert: Duo Paradiso mit Melanie Sabel und Stepan Matejka Sa, 24. 8. 2013, 15.00 Uhr Museen – Orte der Nachdenklichkeit? Statements von Sandra Sam, Makis Warlamis, Carl Aigner, Friedl Umschaid, Elisabeth Hruska, Peter Coreth; Lesung Bernhard Setzwein: „Der neue Ton“, begleitet vom „Duo de Clarinettes Basses“ Sa, 7. 9. 2013, 18.00 Uhr Turrini liest Turrini

Diese Gegend nennt man auch Mährisch Sibirien. Sie grenzt unmittelbar an Tschechisch Kanada und ans Waldviertel. Somit dürfte zur Lage des kleinen Dorfes Hluboka einiges gesagt sein. Die Landschaft zwischen Slavonice/Zalbings in Tschechien und Drosendorf an der Thaya im Waldviertel ist idyllisch. Idyllisch ruhig und idyllisch einsam – auch wenn es längst keinen Eisernen Vorhang mehr gibt. Die 20 Häuser von Hluboka umfassen einen weiten Anger. In seiner Mitte eine Kapelle, ein Teich und das ehemaliges Kulturhaus in mintgrüner Plattenbauweise. Am Laternenmast findet sich noch einer jener Lautsprecher, mit denen jedes noch so kleine Dorf mit Propaganda beschallt wurde.

jede Menge unkommentiertes Propagandamaterial – vom Ersten Mai bis zu Ernteaufrufen. Apropos Ernte: Früher arbeiteten die Bewohner von Hluboka für die örtliche landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG). Die Flächen wurden nach der Wende von einer Aktiengesellschaft aufgekauft, jetzt finden gerade zwei Dorfbewohner als Traktorfahrer Beschäftigung. 34 Einwohner zählt das Dorf, davon ein Schulkind. Davon und vom Leben heute erzählen die Bewohner, die das Museum aufsperren, wenn Besucher den Weg nach Hluboka finden. /

Das Kulturhaus ist nun ein Museum; eine wandfüllende Fototapete zeigt den Streifen, an dem der Eiserne Vorhang einmal verlief. Reste des Stacheldrahtes sind ausgestellt, einiges an Equipment der Grenzsoldaten und

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LEBEN AM EISERNEN VORHANG

Život u železné opony Hluboka, CZ 37873 Dešná Tel. +42 (0) 7770 25383 (Gemeindeamt/ Obec Dešná)


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Egon Schiele-Geburtshaus

RAUMGEFÜHL Das Egon Schiele-Geburtshaus am Tullner Bahnhof präsentiert sich als authentischer Raum mit Mut zur Lücke.

Die Wohnung der Familie Schiele am Bahnhof Tulln: Das Ausgestellte ist lediglich eine „Idee“ vom Aussehen der damaligen Wohnung.

Mitte Juni wurde am Tullner Bahnhof die umgebaute Geburtswohnung Egon Schieles eröffnet. In diesen Räumlichkeiten verbrachte einer der größten österreichischen Künstler das erste Jahrzehnt seines Lebens. Das französisch-italienische Ausstellungsteam toikoi wurde eingeladen, die Gestaltung und kuratorische Begleitung zu übernehmen. Sie zeigen hier einen interessanten Ansatz sowie eine mutige Lösung. Die Gestalter verzichteten weitestgehend auf Rekonstruktion, sondern vermitteln ein Gefühl für den Raum – indem sie dessen Geschichte erzählen – und lassen absichtlich Fragen offen, für die es keine nachgewiesenen Antworten gibt.

Das Konzept der Raumvermittlung Zuallererst wird die Einzigartigkeit des Geburtshauses gegenüber einem Museum

oder einem anderen Ausstellungsraum über Schiele hervorgestrichen. Die Authentizität des Raumes, das Wohngefühl soll für den Betrachter nachvollziehbar sein. Der Raum hat nachweislich einen Einfluss auf die Person, spielt eine Rolle im Leben eines Menschen. Aus diesem Grund wurden die drei Räume (Esszimmer, Eltern- und Kinderschlafzimmer) als Wohnräume erkennbar gemacht und sind somit frei von kulturgeschichtlichen Hintergrundinformationen. Diese Räumlichkeiten werden dem Wohngefühl überlassen. Soundduschen erzählen hier zahlreiche Geschichten, die sich in den Räumen der Wohnung ereignet haben. Die Geschichten selbst gehen „unter die Haut“, birgt sich in ihnen doch die ganze Bandbreite von Aufstieg und Fall einer Tullner Familie der Zeit um 1900. Es entsteht eine klare Trennung zwischen dem inszenierten Leben in der Wohnung einerseits und den pädago-

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gisch aufbereiteten kulturgeschichtlichen Hintergrundinformationen andererseits. In einem zusätzlichen Raum, der eindeutig erkennbar kein Teil der Schiele-Wohnung ist, kann sich der Besucher weiter informieren: Ein interaktives Display, Bilder, Skizzen, Briefe und Videos stehen zur Verfügung.

Ein authentischer Ort, keine Rekonstruktion Eine Herausforderung in der Gestaltung der Räumlichkeiten war das Fehlen von Originalmöbeln oder Fotografien der Wohnung. Rein die Erzählungen der Schwestern von Egon Schiele erlauben eine relativ präzise Zuordnung der Zimmer und auch der Möbelstil lässt sich anhand von Erbstücken, die sich in der Wohnung der älteren Schwester Melanie Schiele fanden, rekonstruieren. Das Gestaltungskonzept macht dies zum Thema und arbeitet mit „konzeptuellen“ Möbeln. Die gezeigten Möbel sind Originale aus der Gründerzeit. Sie haben jedoch keinen Anspruch darauf, originale Stücke der Schiele-Wohnung zu sein. Um dies zu verdeutlichen, wurden allesamt hellgrau lackiert. toikoi zeigt hiermit einen kreativen Ansatz im Umgang mit Wissenslücken. Das Sichtbare, das Ausgestellte ist lediglich eine „Idee“ vom Aussehen der damaligen Wohnung. Es ist eine Möglichkeit, wie es gewesen sein könnte. Das Konzept von toikoi ist ehrlich. Mangelnde Überlieferung wird nicht kaschiert, sondern thematisiert. / Text: Isabelle Blanc Fotos: toikoi

EGON SCHIELEGEBURTSHAUS

——————————————————— Hauptbahnhof Tulln 3430 Tulln, Bahnhofstraße 69 Tel. 02272 64570 Öffnungszeiten Tägl. 8.00–20.00 Uhr www.egon-schiele.eu


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INTERN GOLDENER IGEL

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Schaugärten von „Natur im Garten“, die die Kriterien der Aktion eine ganze Saison zur Gänze erfüllen konnten, wurden heuer erstmals mit einer neuen Auszeichnung geehrt: dem „Goldenen Igel“. Das Museumsdorf Niedersulz wurde mit dem „Goldenen Igel“ ausgezeichnet. Im Bild v. l. n. r.: Dr. Veronika Plöckinger-Walenta (Geschäftsführung und Wissenschaftliche Leitung Museumsdorf Niedersulz), Mag. Wolfgang Sobotka (LH Stv.), Ulrike Nehiba (Leitung Grünraum Museumsdorf Niedersulz). Foto: Natur im Garten _

Eröffnung Bibelgarten

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sulz), René Lobner (Landtagsabgeordneter und Stadtrat Gänserndorf), Dr. Veronika Plöckinger-Walenta (Geschäftsführerin und wissenschaftliche Leitung Museumsdorf Niedersulz), Superintendent Mag. Paul Weiland, Dr. Edgar Niemeczek (Geschäftsführer Kultur.Region. Niederösterreich und Museumsdorf Niedersulz), Prälat Abt Mag. Matthäus Nimmervoll, Dr. Jutta Henner von der Österreichischen Bibelgesellschaft, Ulrike Nehiba (Leitung Gartenteam Museumsdorf), Dr. Martin Steinhauser (Bezirkshauptmann Gänserndorf). _

Wir gratulieren

—————————————————————— Ihren runden Geburtstag feiern unsere Ehrenmitglieder: Alois Döller (70), Oberwölbling, 23. Juni Peter Obersteiner (80), Limberg, 10. Juli Vzbgm. Johann Leitner (65), Hernstein, 24. Juli Gerhard Müller (70), Mödling, 26. Juli LAbg. a. D. Josef Spiess (80), Ternitz, 10. August Prof. Dir. Viktor Mayerhofer (65), 17. August KR Friedrich Bläuel (85), Mauerbach, 17. August Ihren besonderen Geburtstag feiert unser Ehrenmitglied: StadtR a. D. Eleonore Hebenstreit, Tulln an der Donau Ihren runden Geburtstag feiern unsere Mitglieder: Leopold Ochsenbauer (70), Weiten, 5. Juli

Am 26. Mai wurde der Bibelgarten im Museumsdorf Niedersulz eröffnet. Pflanzen spielen in der Bibel eine grundlegende Rolle. Beginnend beim Schöpfungspsalm, in dem von Wein, Öl und Brot gesprochen wird, über das Hohelied Salomos mit seiner Beschreibung von Rosen, Safran und Henna bis hin zu den vielen Gleichnissen Jesu Christi. Die Segen erteilten Prälat Abt KR Mag. Matthäus Nimmervoll und Superintendent der Diözese NÖ Mag. Paul Weiland. Im Bild v. l. n. r.: Otto Kurt Knoll (Geschäftsführer Museumsdorf Nieder-

Josef Hiemetsberger (70), Leutzmannsdorf, 17. Juli Ing. HR Oskar Lazansky (70), Wien, 11. August Johann Hartmann (65), Maria Taferl, 20. August Rektor Josef Roßmeisl (65), Deggendorf, Deutschland, 26. August Zur Verleihung des Berufstitels Professor gratulieren wir herzlichst Abg.z.NR Prof. Ewald Sacher. _

VOLKSMUSIKSENDUNGEN DES ORF

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ORF 2 Wetter-Panorama täglich 7.30–9.00 Uhr Klingendes Österreich Do, 15. 8., 20.15 Uhr: „Wege durch die Zeiten“ – Von der Flattnitz nach Schloss Moosham Fernsehfrühschoppen Do, 15. 8., 12.00 Uhr, Mariä Himmelfahrt _

ORF 3 Unser Österreich Sa, 17.00 Uhr; Mo, 12.00 Uhr _

RADIO NIEDERÖSTERREICH aufhOHRchen, Di, 20.00–21.00 Uhr 2. 7.: Auf in den Sommer! Gestaltung: Hans Schagerl 9. 7.: Volkskultur aus Niederösterreich Gestaltung: Dorli Draxler 16. 7.: Im Sommer hinaus aufs Land Gestaltung: : Edgar Niemeczek 23. 7.: Volksmusikalische Kostbarkeiten Gestaltung: Walter Deutsch 30. 7.: Neues aus der Volksmusik Gestaltung: Edgar Niemeczek 6. 8.: Niederösterreichischer Almwandertag, Gestaltung: Hans Schagerl 13. 8.: Volkskultur aus Niederösterreich Gestaltung: Dorli Draxler 20. 8.: „Aufhebenswert“ rund um die Jubiläen des NÖ Landesarchivs und der NÖ Landesbibliothek Gestaltung: Edgar Niemeczek 27. 8.: Volksmusikalische Kostbarkeiten Gestaltung: Walter Deutsch Klassik am Abend, 21.00 Uhr Do, 4. 7., Bundespreisträgerkonzert prima la musica „vielstimmig“ – Die Chorszene Niederösterreich, Do, 20.00–20.30 Uhr 4. 7., 18. 7., 1. 8., 15. 8., 29. 8. G’sungen und g’spielt & Für Freunde der Blasmusik, Mi, Do, 20.00–21.00 Uhr Musikanten spielt’s auf, Fr, 20.00–21.00 Uhr Frühschoppen, So, 11.00–12.00 Uhr Programmänderungen vorbehalten, Detailprogramme auf www.orf.at

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2nd life Eine Bank im Grünen ist fast schon ein Urlaub. Unser aktuelles Urlaubsziel ist die Palettenbank, bequem in der Höhe und beim Zurücklehnen mit Himmelblick-Garantie. 1961 unterzeichneten die Vereinigung europäischer Eisenbahnen einen Vertrag über tauschbare Paletten. Die Europoolpalette, im Volksmund Europalette genannt, mit den Maßen 1.200 × 800 × 144 Millimeter und einem Gewicht von etwa 20 Kilogramm war geboren. Allein in Deutschland werden etwa 80 Millionen Paletten jährlich produziert.

Für die Palettenbank braucht es zwei Paletten; das Design kommt von der UpcyclingPlattform „we upcycle“, die von Magdalena Akantisz und Lisa Schultz ins Leben gerufen

wurde. Zurzeit arbeiten beide als Grafikdesignerinnen in Wien und betreuen die Seite weupcycle.com, wo täglich seit über 780 Tagen neue Ideen vorgestellt werden. /

Landeinwärts

RETTET DIE ANSICHTSKARTE „Liebe Mitzi-Tant’! Das Wetter ist schön, das Essen ist gut. Es grüßen dich herzlich …“; heute kommt bestenfalls eine SMS: „chillen am strand. echt g’schmeidig :-D“. Die Urlaubszeit naht – und die Kulturtechnik Ansichtskartenschreiben ist akut bedroht. Die offizielle, postamtliche Einführung der Postkarte in Österreich-Ungarn war im Jahre 1869. Postkarten sind per Definition dann Ansichtskarten, wenn auf der Rückseite (sic!: die Post hat einen anderen Blick auf die Dinge als wir) Bilder bzw. Fotografien sind. Anfangs schmückten Lithografien die Bildseite (oder eben Rückseite). Die Grußworte durften nur auf der Bildseite geschrieben werden, die Vorderseite (oder Adressseite) gehörte ganz allein der Post und war nur für die Adresse

vorgesehen. 1904 wurde die „geteilte Adressseite“ eingeführt, nun war auf der Adressseite auch Platz für die Grußworte. Postkarten wurden vorerst zu festlichen Anlässen geschrieben. Mit der Sommerfrische und beginnendem Tourismus kamen die Grüße aus überall. Die Bildmotive unterliegen dem Wandel der Zeiten. In den 1960er Jahren war man durchaus stolz auf asphaltierte Parkplätze vor den Gasthöfen, auf Neubauten und Sendemasten und präsentierte diese selbstbewusst. Später kamen die Karten mit der heilen, romantischen Welt. Oder die halbwitzigen, die Karten mit Loch und die mit 3D-Effekt, die runden und herzförmigen und die, auf denen nichts zu sehen ist, à la „St. Pölten by night“.

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Die Menschheit – als sie noch Postkarten schrieb – kann in zwei Kategorien eingeteilt werden: die Ausnützer, die jedes freies Fleckchen beschreiben, und die Pflichterfüller, die mit dem Standardsatz (siehe Anfang). Die Markierer mit dem Pfeilchen („Hier wohne ich“) sind in beiden Kategorien anzutreffen. Das Schreiben von Ansichtskarten ist ein gesellschaftlicher Akt am Tisch eines Gasthauses, in einer Strandbar, in der Berghütte. Oft ist der Wille da, allein es fehlt an Briefmarken und Postkästen. So kommt es, dass viele Ansichtskarten ihr Leben in einem Koffer aushauchen und ihre Botschaft bleibt unerhört: Liebe Leute! Rettet die Ansichtskarte! Herzlich grüßt Ihre Mella Waldstein


Damit Visionen Wirklichkeit werden, ermöglicht Raiffeisen viele Kulturveranstaltungen durch seine regionalen und lokalen Förderungen. Denn Realisierung und Erfolg von Kulturinitiativen hängen nicht nur von Ideen, sondern auch von finanziellen Mitteln ab. Gemeinsam ist man einfach stärker. www.raiffeisen.at


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Die EVN ist immer f端r mich da.


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