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Ausgabe 21

06 | 2015

http://www.museum.de

MAGAZIN M USEUM.DE

Germanisches Nationalmuseum, N端rnberg


LANG LEBE DIE KUNST Seit 2004 verlässt sich das Kupferstichkabinett in Dresden auf die Ästhetik und Vielseitigkeit von Mila-wall. Mittlerweile wurden die Stellwände in zahlreichen verschiedenen Ausstellungen verwendet, immer wieder neu kombiniert und arrangiert und schon mehr als 50 mal überstrichen. Die Langlebigkeit von Mila-wall bietet dem Museum nahezu unbegrenzte Möglichkeiten und ein tragfähiges, nachhaltiges System.

WWW.MILA-WALL.DE


In diesem Heft

Seite

Alte Meister in neuem Licht Festung Rosenburg, Kronach

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utsourcing?

Museen à la carte

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Kirchner Museum Davos

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Von Monstern, Drachen und Dämonen Germanisches Nationalmuseum

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Bodenschätze – Geschichte(n) aus dem Untergrund. Archäologisches Museum Frankfurt

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Zwischen Anstand und Erotik LVR-Industriemuseum Engelskirchen

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Digitaler Denkmalpfad für‘s Kraftwerk Ermen & Engels

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Erwin von Kreibig-Museum, München-Nymphenburg

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Ein Juwel an der Bergstrasse: Das Museum Stangenberg Merck

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Ein Mekka für Fans von Eisenbahnmodellen 46 DB Museum Nürnberg Die Osterburg in Weida

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Benötigen wir die treuen und langjährig im Museum tätigen Mitarbeiter, die praktisch jede Frage ad hoc beantworten können? Aus eigener Erfahrung schätze ich solche Fachleute jedenfalls sehr.

Der Begriff „Outsourcing“ kommt aus der Ökonomie und ist nicht immer positiv belegt, denn viele verstehen darunter die Auslagerung von bisher eigens geleisteten Aufgaben an Externe Dienstleister. Damit einher geht oft auch ein Abbau von Arbeitsplätzen. Es kann aber auch die Konzentration auf die Kernkompetenz eines Unternehmens bzw. eines Museums fördern. Nüchtern betrachtet benötigt ein Museum keinen eigenen Restaurator, wenn der Bedarf nur bei wenigen Stunden pro Woche liegt. Ich frage mich trotzdem manchmal, wie diese Rechnung langfristig ausgeht, denn möglicherweise geht hausinternes Know-How verloren. Zusätzliche extere Strukturen verlängern auch die Kommunikationswege. Es entsteht eine inhomogene Belegschaft aus internen und externen Mitarbeitern. Letztere wecheln systembedingt häufiger ihre Stelle. Wer ist dann Ansprechpartner für was?

Bei meinem Besuch im Germanischen Nationalmuseum schien es mir so, als gäbe es für alle Aufgaben eigene Mitarbeiter. Beispielsweise konnte die aktuelle Sonderausstellung „Monster“ selbständig und vorrangig aus dem eigenen Sammlungsbestand realisiert werden. Das über die Jahre gewachsene Depot ist jedoch auf unterschiedliche Standorte in Nürnberg verteilt. Bis 2018 rechnet man mit der Fertigstellung des neues Depots, das sich an zentraler Stelle im Museum über fünf unterirdische Stockwerke erstrecken wird. Solche Rahmenbedingungen schaffen eine „Wissenschaft der kurzen Wege“ und ideale Bedingungen für die Erforschung des eigenen Bestands, aus denen sehenswerte Ausstellungen entstehen. Wer sich darüber freut? Die Museumsbesucher. Herzlichst, Ihr Uwe Strauch

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Alles unter Kontrolle. Triennale der Karikatur 58 Sommerpalais Greiz Das Internationale Maritime Museum Hamburg (IMMH)

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Sprechende Texte in Museen

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Museen in den sozialen Medien – zwischen Kür und Pflicht

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KUNST | STOFF – das tim steht Kopf Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg

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WLAN in Museen

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Barcelona: Eine Stadt zwischen Tradition und Umbruch

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GESCHICHTE – GEWALT – GEWISSEN VILLA TEN HOMPEL Münster

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Szenografie-Gipfel 2015

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Faust-Museum und Faust-Archiv in Knittlingen

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Titelseite: Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Blick in den historischen Kreuzgang, Anfang 15. Jh. MAGAZIN MUSEUM.DE

Uwe Strauch (Gründer museum.de) und Prof. Dr. G. Ulrich Großmann, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums, seit 2012 President of the International Committee of the History of Art (CIHA). Im Hintergrund links: „Paris“ von Gabriel Grupello (ca.1691/92) und vor der „Gemäldegalerie“ von Johann Michael Bretschneider (1702)

Ausgabe Nr. 21

Herausgeber

Bahnhofstr. 4

Telefon 02801-9882072

museum@mailmuseum.de

Druck: Strube Druck & Medien

Juni 2015

Uwe Strauch, Dipl.-Inf. TU

46509 Xanten

Telefax 02801-9882073

www.museum.de

Vers.: Dialogzentrum Rhein-Ruhr

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Alte Meister in neuem Licht Autor: Dr. Wolfgang Roddewig

Die Fränkische Galerie befindet sich auf der Festung Rosenberg, die sich über der Altstadt von Kronach erhebt. Zum Ausstellungsbestand zählen rund 200 Meisterwerke der Malerei und Skulptur aus der Spätgotik und Frührenaissance – darunter Gemälde des Malers Lucas Cranach dem Älteren (1472–1553 ), der in Kronach zur Welt kam.

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Lucas Cranach Lucas Maler wurde um 1475 in Kronach als Sohn des wohlhabenden Bürgers Hans Maler geboren und benannte sich später nach seiner Heimatstadt um in Lucas Cranach. Er war einer der bedeu-

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tendsten deutschen Maler und Graphiker der Renaissance. Neben zahlreichen Altarwerken und allegorischen Gemälden fertigten er und seine Werkstatt vor allem auch eine große Zahl von Portraits seiner Dienstherren sowie der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchton.

Die Cranach-Werkstatt, in der mutmaßlich rund 5000 Gemälde entstanden sind, wurde von seinem gleichnamigen Sohn Lucas dem Jüngeren fortgeführt. Lucas Cranach d. Ä. starb am 16. Oktober 1553 in Weimar und wurde auf dem dortigen Jakobsfriedhof begraben.


Anlass für das Cranach-Jahr 2015, das mit einem umfangreichen kulturellen Programm begangen wird, ist der 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. In Kronach, der „Stadt des Vaters“, liegt also der Ursprung der bedeutenden Künstlerdynastie. Unweit von dem Platz,

an dem einst Lucas Cranach d. Ä. aufwuchs, erinnert jetzt eine Bronzebüste an den großen Sohn der Stadt. Und hoch über der von mittelalterlichem Fachwerk geprägten Kronacher Altstadt liegt die Festung Rosenberg, eine der schönsten und größten Festungsanlagen Deutsch-

lands. Sie beherbergt die Fränkische Galerie, ein Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums, das fränkische Kunst des 13. bis 16. Jahrhunderts zeigt, darunter in einem Cranach-Saal auch eine Reihe bedeutender Werke Lucas Cranachs d. Ä. und seines Sohnes.

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Festung Rosenberg Steil über der Altstadt von Kronach erhebt sich die ehemalige Bambergische Bischofsburg und spätere Landesfestung. Das Nebeneinander von mittelalterlicher, renaissancezeitlicher und barocker Wehrbauarchitektur gibt der Anlage heute ihre bedeutende Stellung innerhalb der Baugeschichte des deutschen Wehrbaus. Die Festung wurde niemals von Feinden eingenommen oder besiegt. Ihre schwerste Zeit durchlebten Stadt und Festung im Dreißigjährigen Krieg, als in den Jahren 1632 bis 1634 die Schweden mehrfach versuchten, Kronach einzunehmen. Dank der Standhaftigkeit der Kronacher und der Verteidigungsbereitschaft der Festung gelang dieses Vorhaben nicht. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erfolgte die Verstärkung der Festung Rosenberg durch den Bau der mächtigen steinernen Bastionen in ihrer jetzigen Form. Im Jahre 1867 verlor Rosenberg die Festungseigenschaft und die Stadt Kronach kaufte im Jahre 1888 die Bauten und das gesamte Areal. Sie sind noch heute in ihrem Besitz.

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Mit der Fränkischen Galerie, einem Sonderausstellungsbereich zur Geschichte fränkischer Festungen und anderer Einrichtungen hat sich die Festung Rosenberg inzwischen zu einem kulturellen Zentrum für die ganze Region entwickelt. Fränkische Galerie auf der Festung Rosenberg Seit ihrer Eröffnung im Jahre 1983 zählt die Fränkische Galerie zu den bedeutendsten Kunstmuseen Oberfrankens. Im nach Plänen von Balthasar Neumann errichteten Südflügel der Festung werden in 25 Sälen auf drei Stockwerken Meisterwerke der fränkischen Malerei und Skulptur von der Zeit um 1300 bis zur ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts präsentiert. Je ein großer Raum ist den Skulpturen von Tilman Riemenschneider und aus seiner Werkstatt sowie dem Schaffen Lucas Cranachs d. Ä. vorbehalten, des berühmtesten Sohnes der Stadt. Die Mehrzahl der ausgestellten Werke gehört seit 150 Jahren zum Bestand des Bayerischen Nationalmuseums, das auf diese Weise einen großen Teil seiner fränkischen Arbeiten in ihrer Ent-


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stehungslandschaft zeigt, darunter die Hauptwerke aus der fränkischen Malerei der Dürerzeit. Die Bestände des Bayerischen Nationalmuseums werden durch Gemälde aus dem Besitz der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und weitere wertvollen Leihgaben ergänzt.

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Der Bereich der Fränkischen Galerie im Kommandantenbau der Festung Rosenberg wurde in den 1980iger Jahren komplett entkernt und zugunsten regelmäßiger Ausstellungsräume umgebaut. Auf ca. 1000 m² Ausstellungsfläche, die sich über 3 Ebenen verteilen, werden rund 200

Exponate gezeigt. Für die notwendige Ertüchtigung der Fränkischen Galerie ab 2012 war vorerst nur die Erneuerung der Beleuchtungsanlage vorgesehen, im Zuge der Planung ergaben sich neben weiteren technischen Erneuerungen jedoch auch gestalterische Änderungswünsche.


Das neue Lichtkonzept Die gut 30 Jahre alte Beleuchtung bestand aus einem Lichtrohrsystem mit Leuchtstofflampen und Stromschienen mit Strahlern, die mit gewöhnlichen Presskolbenlampen hoher Wattage (bis

zu 120W) bestückt waren. Das Lichtbild im Raum war eher flächig. Die Farbwiedergabe entsprach nicht mehr den heutigen Anforderungen und eine Akzentuierung von Exponaten gab es nur in wenigen Ausnahmefällen. Die neue Beleuchtung sollte zurückhal-

tend, möglichst flexibel und energieeffizient sein. Daher wurde der Einsatz einer LED-Beleuchtung favorisiert. Neben der vergleichsweise hohen Energieeffizienz überzeugten die Vorteile einer hochwertigen, museumstauglichen

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LED-Beleuchtung auch aus konservatorischen Gründen: n sehr geringe direkte Wärmestrahlung n Verringerung / Vermeidung von UV-Strahlung n deutliche Reduzierung des Gesamt schädigungspotentials durch die Beleuchtung n Helligkeitssteuerung ohne Farbverschiebungen

entspricht. Durch das werkzeuglos wechselbare Spherolitlinsen-System ist es auf einfachste Weise möglich, die Lichtverteilung zu ändern. So kann beispielsweise ein breitstrahlender Strahler (Flood) zu einem engstrahlender Strahler (Spot) oder auch zu einem Wandfluter verändert werden. Als Lichtfarbe wurde warmweiß mit 3000K gewählt, wobei sich die Lichtfarbe der LEDs auch beim Dimmen nicht ändert.

lichen des Bayerischen Nationalmuseums insbesondere die Stadt Kronach bei der Planung und Koordination maßgeblich beteiligt.

Obwohl die alte Beleuchtung bereits eine sehr geringe Anschlussleistung aufwies, konnte diese noch einmal um nahezu 50% auf nur noch ca. 6 Watt/m² reduziert werden. Und das bei gleichzeitig extremer Verbesserung der Lichtsituation und nun individueller Beleuchtung der Exponate.

„Die bedeutendste Maßnahme im Zuge der Neueinrichtung war die Planung und Umsetzung einer modernen Lichtanlage. Mit diesem neuen Beleuchtungssystem können Räume und Objekte ganz individuell ausgeleuchtet werden. Die überaus sorgfältige und umsichtige Lichtplanung verdanken wir dem Berliner Büro von Katrin Söncksen, die uns während der Einrichtungsphase weit über jedes übliche Maß hinaus mit ihrem sachkundigen Rat zur Seite stand.“1

Lassen wir zum Schluß die Generaldirektorin des Bayerischen Nationalmuseums, Frau Dr. Renate Eikelmann, zu Worte kommen, zitiert aus dem Vorwort zu dem lesenswerten neuen Ausstellungskatalog:

Baulich sollten möglichst wenig Eingriffe in den Bestand erforderlich sein. Da im Bereich einer Wandfläche oftmals sowohl Gemälde als auch Skulpturen positioniert werden, bedurfte es einer durchdachten Planung der Stromschienenanordnung. Ein schlichtes umlaufendes Rechteck hätte hier nicht ausgereicht, um adäquate Beleuchtungswinkel sowohl für Gemälde und als auch für Skulpturen zu erreichen. Gerade die Einhaltung der optimalen „Museumswinkel“ für die Beleuchtung der Exponate ist ein wichtiges Qualitätskriterium: Auf einem Gemälde, das mit einem zu flachen Winkel beleuchtet wird, entsteht Reflexblendung und bei einer Skulptur, die mit einem zu steilen Winkel beleuchtet wird, kann es zu starken Eigenschatten kommen, beispielsweise zu dunklen Augenhöhlen.

Neues Licht für Alte Meister

Neben hohen Anforderungen an die Farbwiedergabe und das Lichtbild spielten auch Aspekte wie die Verbesserung des Detailsehens eine große Rolle. Aus diesem Grund wurden die Wände in einem grauen Farbton abgetönt. Über die Reduzierung des Helligkeitskontrasts zwischen Exponat und Wand konnte im Zusammenhang mit der direkten Exponatbeleuchtung die Detailwahrnehmung immens verbessert werden. Zugleich wurde der Tageslichteintrag über neue Sonnenschutzbehänge, die auf die neue Raumgestaltung abgestimmt wurden, deutlich reduziert, wobei die Wahrnehmung der Umgebung im Außenbereich möglich bleibt.

Nach einer umfassenden Modernisierung sind die Werke Cranachs, Riemenschneiders, Hans von Kulmbachs und die anderer Meister der Spätgotik und Frührenaissance nun in neuem Licht zu sehen. Eine am Objekt orientierte, fein abgestimmte Illuminierung der Tafelbilder, Klappaltäre und zum Großteil gefassten Holzskulpturen korrespondiert mit einer neuen Farbgebung in den Schauräumen, die die Werke zusätzlich zum Leuchten bringt. Begleitet wird dies von einem neuen inhaltlichen und textlichen Leitfaden durch die einzelnen Abteilungen des Museums sowie einer teilweisen neuen Hängung der Werke.

Technische Umsetzung

Auf der Festung Kronach werden jetzt Galerieführungen mit dem Titel „Neues Licht für Alte Meister“ angeboten. Damit wird nicht nur die überaus sorgfältige Lichtplanung gewürdigt, sondern auch die Präsentation der Alten Meister auf ein neues Niveau gehoben. Dies ist einer frühen und intensiven Zusammenarbeit zwischen dem Lichtplanungsbüro und allen anderen Projektbeteiligten zu verdanken. Bei der Durchführung der jüngsten Arbeiten in der Galerie war neben den Verantwort-

Für die technische Umsetzung des Beleuchtungskonzepts wurde daher ein modernes Stromschienensystem im beleuchtungstechnischen Sinne geometrisch richtig platziert. Nach intensiver Bemusterung vor Ort entschied man sich für einen ERCO-Strahler aus der Optec-Baureihe, der den museumstypischen Anforderungen hinsichtlich einer guten Farbwiedergabe und einfacher Bedienbarkeit

Weitere Informationen zum Projekt und zu den eingesetzten Produkten sind unter www.erco.com oder unter der nachfolgenden Adresse erhältlich: Dr.-Ing. Wolfgang Roddewig Leiter Segment Museum Reichenberger Str. 113a, 10999 Berlin Tel. 030-769 967 14 email w.roddewig@erco.com

Der Autor bedankt sich für wertvolle Hinweise bei Katrin Söncksen vom Büro lichttransfer aus Berlin und dem Museologen Alexander Süß aus Kronach. Bauherr: Bayerisches Nationalmuseum/ Stadt Kronach Licht: lichttransfer, Katrin Söncksen, Berlin Produkte: Optec LED-Strahler, ERCO © Fotos Christoph Eyrich S. 4/5, 8 unten, 9,10,11,13 © Fotos Alexandra Lechner S. 6/7, 8 oben Matthias Weniger, Fränkische Galerie, Festung Rosenberg, Kronach, Michael Imhof Verlag, 2014

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Museen à la carte

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tim | Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg www.timbayern.de

Kirchner Museum Davos (CH) www.kirchnermuseum.ch

LVR-Industriemuseum - Kraftwerk Ermen und Engels, Engelskirchen www.industriemuseum.lvr.de

Archäologisches Museum Frankfurt www.archaeologisches-museum.frankfurt.de

Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz mit Satiricum www.sommerpalais-greiz.de

Internationales Maritimes Museum Hamburg www.imm-hamburg.de


Duftmuseum im Farina-Haus, Köln www.farina-haus.de

Gutenberg-Museum, Mainz www.gutenberg-museum.de

Erwin von Kreibig-Museum, München-Nymphenburg www.kreibig-museum.com

DB Museum Nürnberg www.dbmuseum.de

Nationaal Militair Museum, Soest (NL) www.nmm.nl

Museum Stangenberg Merck, Seeheim‐Jugenheim www.museum-jugenheim.de

Osterburg Weida www.osterburg-vogtland.eu

Dom St. Viktor Xanten www.xantener-dombauverein.de

© Fotos: gelistete Museen

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Kirchner Museum Davos Der doppelte Kirchner – Die zwei Seiten der Leinwand. Autor: Thorsten Sadowsky

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Links: Ernst Ludwig Kirchner, Der Flötenspieler, 1922/23, Öl auf Leinwand, recto, Kirchner Museum Davos

Das Phänomen der doppelseitigen Gemälde Ernst Ludwig Kirchner zählt zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Expressionismus. Durch seine avantgardistische Lebenseinstellung und seinen befreiten Umgang mit Form und Farbe hat er die Malerei des frühen 20. Jahrhunderts revolutioniert. Im Werk des Künstlers, der zu Lebzeiten sein eigenes Schaffen in Form von selbstgeschriebenen Kunstkritiken und stilistischen Überarbeitungen redigierte, gibt es ein besonderes Phänomen, das in dieser ausgeprägten Form wohl bei keinem anderen Künstler der Klassischen Moderne zu finden ist: die Rückseitenbilder als eigene Werkkategorie. In Kooperation mit der Kunsthalle Mannheim und dem Kirchner Archiv in Wichtrach widmet sich das Kirchner Museum Davos ab Juni 2015 erstmalig der Werkkategorie der Rückseitenbilder. In einem Brief vom 7. Februar 1919 findet

sich der vielzitierte Satz von Ernst Ludwig Kirchner: „Aber die Leinwand hat Gott sei Dank 2 Seiten.“ Daraus folgt allerdings nicht, dass der Künstler prinzipiell beide Seiten der Leinwand als gleichberechtigt akzeptiert hat. Es macht die Sache nicht einfacher, dass Kirchner Bilder aus der Dresdner und Berliner Zeit in Davos drehte, überarbeitete und seinem neuen Stil anpasste. Obwohl Kirchner so selbst einiges zur Unübersichtlichkeit der Sachlage beitrug, lässt sich doch deutlich unterscheiden zwischen den Vorder- und Rückseiten zu Lebzeiten Kirchners und den Wendemanövern, die nach dem Ableben des Künstlers erfolgten.

Das Ausstellungsprojekt Die Vorder- und Rückseiten der Gemälde sind im Werk von Ernst Ludwig Kirchner untrennbar miteinander verknüpft. Vor diesem Hintergrund ist die lückenlose Dokumentation aller Seitenwechsel von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus

hat die Präsentation der Doppelseiten einen grossen Einfluss auf ihren Status als Kunstwerk und auf die Rezeption der Werke durch das Publikum, weshalb auch sie jeweils gründlich durchdacht werden muss. Die genannten Aspekte sollen in der geplanten Ausstellung umfassend kunstwissenschaftlich untersucht und in einem avancierten Ausstellungsdesign dem Publikum vor Augen geführt werden. Anhand von 17 exemplarischen doppelseitigen Werken stellt die Schau das spannende Feld der Werk- und Künstlerforschung vor und präsentiert die unterschiedlichen Perspektiven des Kunstbetriebs auf diese Besonderheit, um eine wissenschaftliche und kuratorische Auseinandersetzung mit dem Phänomen in Gang zu setzen. Die konzentrierte Ausstellung präsentiert alle Gemälde doppelseitig. Damit werden die Kunstwerke, die Kirchner im Kontext des Ateliers immer als Tafelbil-

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Ernst Ludwig Kirchner, Fehmarndüne mit Badenden unter Japanschirmen, 1913, Öl auf Leinwand, verso, Kirchner Museum Davos

der für die Wand gemeint und gemalt hat, zu Objekten im Raum, die sich erst im Umrunden, in der Bewegung des Betrachters erschliessen. Es ist den Kuratoren und Ausstellungsgestaltern wichtig, die Haupt- und Rückseiten-Problematik im Ausstellungsraum nicht zu bewerten, sondern dem Publikum eine eigene Beobachtung und Einschätzung zu ermöglichen. Die durch die Präsentation offengelegten Rahmenvarianten geben Hinweise darauf, was als Rückseite wann, von wem und warum auch immer definiert wurde. Darüber hinaus gegen sie Auskunft über die Geschichte der Bilder, die sich in Beschriftungen und Aufklebern manifestiert. In die Ausstellung einbezogen sind auch die Fotoalben aus dem Künstlerarchiv, die es dem Betrachter ermöglichen, Kirchners Denken und Vorgehen beim Redigieren des eigenen Werks nachzuvollziehen. Zu Ausstellung gehört schließlich eine interaktive Insze-

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nierung, die das gesamte Spektrum und die große Fülle der Doppelbilder im Werk von Kirchner veranschaulicht. Das Phänomen beidseitig bemalter Leinwände ist keineswegs auf das Werk von Ernst Ludwig Kirchner beschränkt. Auch im Werk seiner Künstlerkollegen Erich Heckel, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff finden sich Rückseitenbilder. Durch die grosse Anzahl von bislang 138 im Kirchner-Archiv verzeichneten doppelt bemalten Werken ist diese Eigenschaft in Kirchners Schaffen jedoch besonders ausgeprägt. Eine kuratorische Herausforderung bilden die nicht-formatkonformen Doppelbilder, d.h. Gemälde, deren Vorderseitenformat nicht dem der Rückseite entspricht. Dadurch ist ein gleichzeitiges, nicht wertendes Ausstellen unmöglich, da eine der Ansichten immer entweder auf dem Kopf oder seitlich liegend präsentiert werden muss.

Zur Ausstellung erscheint im Wienand Verlag ein Katalog mit Texten von Lucius Grisebach, Wolfgang Henze, Ulrike Lorenz, Thorsten Sadowsky und Aya Soika, ca.166 Seiten mit ca. 385 farbigen Abb., 22,5 x 27 cm, gebunden. Der Katalog beinhaltet ein Werkverzeichnis aller bislang bekannten Doppelbilder von Ernst Ludwig Kirchner.

Kirchner Museum Davos Ernst Ludwig Kirchner Platz Promenade 82 CH-7270 Davos www.kirchnermuseum.ch info@kirchnermuseum.ch


Der richtige Schritt: Perfekter Service

Besucherzufriedenheit. Modern geführte Museen, Science Center und Kulturbetriebe setzen für ihre Besucher gerade an der Kasse auf einen perfekten Service. Umfassende Information und Beratung sind dabei genau so wichtig wie die gekonnte Abwicklung von Spontankäufen, der Verkauf spezieller Tickets und die Vornahme von Reservierungen. Die bewährte Top-Software von Beckerbillett für Warenwirtschaft und Verwaltung in Museen ist exakt auf diese Anforderungen hin entwickelt worden. So können sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Kasse voll und ganz auf die Besucher konzentrieren und einen Service bieten, der sich schnell positiv bemerkbar macht.

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Von Monstern, Drachen und Dämonen Eine große Sonderausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg entführt noch bis 6. September 2015 in fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik.

Edvard Munch: Vampir, 1917. Öl auf Leinwand. 85 x 110 cm. Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall

Feuerspeiende Drachen, dämonisches Höllengetier, aber auch gutmütige, dem Menschen hilfsbereit zur Seite stehende Fabelwesen: Monster bevölkern derzeit das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg. Erstmals widmet sich eine Sonderausstellung geheimnisvollen Monstermythen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Gemälde von Edvard Munch, Franz von Stuck und Max Beckmann sind ebenso vertreten wie grafische Blätter von Albrecht Dürer und Federico Zuccari. Der berühmte Codex Aureus Epternacensis ist zu sehen, das Einhorn der Altöttinger Einhornapotheke, aber auch die ironisch-satirischen „Monster des Alltags“ von Christian Moser aus dem Anfang des 21. Jahrhunderts. Die Ausstellung geht der Frage nach, wovor wir uns fürchten. Was macht ein Wesen in unseren Augen zum Unwesen, zu einem Monster? Auffällig ist, dass es meist das Fremde, Unbekannte ist, das uns Unbehagen bereitet. Nähert man sich ihm und macht sich ihm vertraut, verlieren viele Monster ihren Schrecken.

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Die Ausstellung betritt der Besucher durch einen eindrucksvollen Nachbau des Höllenmauls am Palazzo Zuccari in Rom. Unheimlich ist die Fratze, charmant die Idee, sie als Durchgang zu nutzen. Zwischen Schrecken und Charme, zwischen Grauen und Komik, bewegen sich auch die Motive der Ausstellung. Rund 230 Exponate aller Gattungen – von hochkarätigen Gemälden und Skulpturen über kostbare Buchmalereien und Wandteppiche bis hin zu modernen Filmplakaten und Videos – folgen den wechselvollen Spuren der Dämonisierung und Entdämonisierung fiktiver Gestalten und Geschichten. Etwa zwei Drittel der Objekte stammt aus der eigenen Sammlung, bedeutende Leihgaben aus dem In- und Ausland ergänzen die fulminante Schau. Das Haupt der Medusa Ein Highlight ist die Darstellung eines Medusenhaupts von Franz von Stuck, das als Leihgabe der Museen der Stadt Aschaffenburg nach Nürnberg gereist ist. Die Medusa ist ein Geschöpf der anti-

ken Mythologie, eine der drei Gorgonen. Ovid beschreibt sie in seinen „Metamorphosen“ als weibliche Ungeheuer mit Schlangen statt Haaren, spitzen Zähnen und goldenen Flügeln. Ihr Anblick sei so schrecklich, dass er jeden, der sich ihnen nähert, sofort zu Stein verwandelt. Zwei der Gorgonen sind unsterblich, einzig der dritten – Medusa – könne man ein Ende bereiten. Das Gemälde entstand im Jahr 1892 und macht deutlich, wie lange sich manche Ängste in der Vorstellungswelt der Menschen hielten. Eindrucksvoll setzt Franz von Stuck den Medusenkopf in Szene: Aus weit aufgerissenen Augen starrt die Gorgone den Betrachter finster an. Ihr dunkles Schlangenhaar windet sich wild um das bleiche Gesicht und verschwimmt mit dem bedrohlich schwarzen Hintergrund. Stuck konzentriert sich auf die Wiedergabe des Wesentlichen, des Gefährlichsten der Medusa – auf ihr Gesicht. Ihr Blick vermag andere zu versteinern, ihr Haupt ist das zentrale Machtinstrument. Zugleich ziehen ihre Augen an. Stucks Medusa ist nicht nur gefährlich und unheimlich, sondern auch schlau und schön. Zwischen Faszination und Schrecken Ende des 19. Jahrhunderts übten Darstellungen von weiblichen Monstern eine besondere Faszination aus. Die Motive waren ambivalent, neben der Bedrohung betonten Künstler besonders die verfühFranz von Stuck: Medusa, 1892 Öl auf Leinwand 37 x 37 cm, Museen der Stadt Aschaffenburg


rerisch-schönen Reize weiblicher Figuren. Die sinnliche Frau, die den Mann verführt, ihn willenlos und ihr untertan macht, war ein Thema, vor dem sich das vermeintlich starke Geschlecht auch in der Realität fürchtete. Die gesellschaftliche Rolle der Frau hatte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts verändert, Frauen wurden selbstbewusster und kämpften für politische Gleichstellung. Viele begrüßten diese Entwicklung, doch manchem bereitete sie auch Unbehagen. Und so wurde einigen die Frau zum „Monster“, zum unbekannten Wesen. Edvard Munch gehört zu ihnen. Er setzt auf seinem Gemälde die Frau mit einem Vampir gleich. Auf den ersten Blick stellt er ein Paar in inniger Umarmung dar. Genaueres Betrachten offenbart jedoch eine Frau, die sich über einen Mann beugt, zubeißt und ihm das Blut aus dem Hals saugt. So wird die historische Angst vor der Medusa und dem Vampir in die Gegenwart des ausgehenden 19. Jahrhunderts transportiert. Von unheimlichen Tieren und wundersamen Menschen Sowohl Stuck als auch Munch pflegten komplizierte Verhältnisse zum anderen Geschlecht. Fabelwesen, Wundervölker oder Fantasiefiguren: alles Andersartige schreckte erst einmal ab. Eindrucksvoll ist die große Kreativität, mit der Künstler sich mysteriöse Figuren, halb menschliche, halb tierische Gestalten, vermeintliche Insel- oder Höllenbewohner erdachten. Manche der Fantasiewesen orientieren sich am Aussehen von Tieren: der Drache, eine übergroße Echse mit Flügeln und dem Vermögen, Feuer zu speien, oder das friedliche Einhorn, ein Pferd mit Narwalzahn als Horn. Drei außergewöhnliche Leihgaben aus Italien zeigen, mit welch‘ unglaublichem Ideenreichtum Sirenen und Basilisken aus einem Rochen und aus Tierversatzstücken wie Fischschwanz, Vogelklauen und Nagezähnen für Wunderkammern zusammengefügt wurden. Andere Wesen basieren auf der menschlichen Figur: der sogenannte „Wilde Mann“, dessen Körper komplett behaart ist, oder Wundervölker und Menschen in fremden Ländern mit Ohren groß wie die eines Elefanten. So stellte man sich im Mittelalter und der Neuzeit die am Rande der bekannten Welt lebenden Völker vor. Aber auch der Vampir, der den friedlich Schlafenden das Blut aus den Adern saugt, ist als Figur vertreten. Ausschnitte aus dem berühmten Stummfilm „Nosfe-


ratu“ zeigen, wie aus dem Gemäldemotiv ein bewegtes Bild wird. Geschichten berichten von diesen Wesen, vom gefährlichen Drachen, gegen den der Heilige Georg kämpfte, von unheimlichen Teufeln und Dämonen, die einen in die Hölle hinabzuziehen versuchen, oder von Menschenfressern, die in der Fremde ihr Unwesen treiben. Sie alle verbreiten Angst und Schrecken, ihr Anblick einen wohligen Schauer. Der Begriff „Monster“ Unter dem Begriff „Monster“ sind in der Ausstellung Mischformen von Mensch und Tier im Sinne von Ungeheuern zusammengefasst. In der Antike verstand man unter Monstern bisweilen etwas anderes: „Monstra“ waren Zeichen, auch Vorzeichen, die auf kommende zumeist schicksalhafte Ereignisse hinwiesen. Der weit verbreitete Glaube an „monstra“ wurde vielfach instrumentalisiert. Flug-

blätter berichten noch im ausgehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit von außergewöhnlichen Tieren, die als apokalyptische Boten des Weltendes interpretiert wurden. Einzigartig in seiner Ausführung ist das sogenannte „Wunderzeichenbuch“, das 1552 in Augsburg entstand. Ganzseitige farbige Illustrationen berichten über Naturkatastrophen und Himmelserscheinungen und liefern ihre düstere Bedeutung. Ähnlich wie Kometen und Regenbögen gehörten auch Drachen zu den aufsehenerregenden Himmelserscheinungen. Angeblich sei ein Schwarm gekrönter Drachen 1533 über Böhmen geflogen, 1545 sei am Himmel über Polen ein Drache erschienen, der einen Krieger in Rüstung verschlang. Die Angst vor dem Fremden Im 19. Jahrhundert vollzieht sich ein Wandel in der Legendenbildung. Roma-

ne erscheinen, in denen sich die Hauptfigur den fremden Wesen zu nähern wagt und sie kennenlernen möchte. Das Fremde wird vertraut, der vermeintlich furchterregende Drache zum Freund und Beschützer. Vor allem Kindergeschichten greifen dieses Motiv gerne auf. Erstmals geschieht das in Kenneth Grahams Kinderbuch „The Reluctant Dragon“ von 1898. Es erzählt von einem Drachen, der nicht gerne kämpft und sich stattdessen lieber Büchern widmet. Mit ihm freundet sich ein kleiner Junge an, der ebenfalls gerne liest. Walt Disney verfilmte die Geschichte 1941. Von da an war der Siegeszug des harmlosen und verniedlichten Drachen in die Kinderzimmer nicht mehr zu stoppen. Im Disney-Film „Die Monster-AG“ haben dann auch die Monster Angst. Sie fürchten sich vor kleinen Kindern. Ein weiteres Beispiel ist das Buch „Wo die Wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak, in dem sich die im Wald lebenden „Wilden Kerle“ nur von

Linke Seite Links: Sirene mit Fischschwanz, wohl 19. Jahrhundert. Tierpräparat (Fischschwanz, Zahne eines Nagetiers, Vogelklauen) 32 cm lang. Modena, Museo Civico Archeologico Etnologico Rechte Seite. Oben Links: Christian Wilhelm Ernst Dietrich: Jason tötet den kolchischen Drachen, 1760/70. Öl auf Leinwand. 120 x 96 cm. Dessau, Anhaltische Gemäldegalerie Oben Rechts: Heiliger Georg im Kampf mit dem Drachen, um 1510. Öl auf Eichenholz. 89,1 x 33 cm Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg Unten: Erstürmung der Minneburg durch Wilde Leute, um 1420. Bildteppich (Leinenkette, Wolle, Seide). 88,5 x 158 cm. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

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Oben: Egbert II. van Heemskerck: Luthers Eintritt in die Hölle, um 1700/1710 Öl auf Leinwand 46 x 85 cm Genf, Musée international de la Réforme Links: Christian Moser: Der Groll, 2009 Siebdruck auf Papier. 50 x 35 cm. Aus der Serie: Monster des Alltags Sammlung Rainer Michely © VG Bild-Kunst, Bonn 2015 Rechts: Einhorn aus der Altöttinger Einhornapotheke, um 1700. Lindenholz und Narwalzahn. insgesamt 238 cm lang Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

dem kleinen Jungen Max zähmen lassen, den sie schließlich zu ihrem König wählen. Auch der Karikaturist und Comiczeichner

Christian Moser verleiht seinen „Monstern des Alltags“ eine menschliche Note. Sein Interesse gilt dem menschlichen Missverhalten. Der „Groll“ besitzt zwar spitze Zähne, mit den beleidigt vor der Brust verschränkten Armen erinnert er aber eher an ein trotziges Kind als an ein gefährliches Ungeheuer. Den ursprünglich negativen Eigenschaften verleiht Moser eine ironisch-humorvolle Seite, die uns Menschen nahe ist. Das Monster verliert seinen Schrecken. Begleitend zur Ausstellung zeigt das Filmhaus Nürnberg ein umfangreiches Filmprogramm mit Klassikern der Stummfilmära, ausgewählten Horrorstreifen und Kinderfilmen. Ein rund 500 Seiten starker Katalog mit farbigen Abbildungen aller Exponate führt außerdem ist Thema ein. Führungen an jedem Sonntag um 14 Uhr und Mittwoch um 18 Uhr bringen die Monster den Besucher näher.

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Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik 7. Mai bis 6. September 2015 Germanischen Nationalmuseum Nürnberg Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg www.gnm.de


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Schon mal Boden gezaubert? Das kann jeder in der Ausstellung mit der Bodenzaubermaschine ausprobieren! Foto: © Varusschlacht im Osnabrücker Land-Museum und Park Kalkriese

Bodenschätze – Geschichte(n) aus dem Eine Mitmach-Ausstellung für die ganze Familie 20. Juni – 13. September 2015 im Archäologischen Museum Frankfurt. Autorin: Tessa Maletschek, M.A.

Es wird laut im Archäologischen Museum Frankfurt! Es wird rumpeln und scheppern, quietschen und zischen. Denn ab dem 20. Juni bis zum 13. September steht die Bodenzaubermaschine im Foyer des Museums und wartet nur darauf, ausprobiert zu werden. Die ungewöhnliche, 600 kg schwere Konstruktion bildet den Anfang der Sonderausstellung „Bodenschätze“. In dieser Ausstellung können Kinder ab 8 Jahren (fast) alles über den Boden und das, was im Boden gefunden wird, erfahren und vor allem selbst entdecken. Denn: Boden ist das größte Museum der Welt. Er vergisst nichts und bewahrt vie-

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les. Nur leider stellt er seine Schätze nicht aus. Um sie zu finden, muss man die Tricks der Profis kennen – und die lernt man hier! Wie man z. B. mittelalterliche Burgen entdeckt, oder wie man alte Knochen datiert. Ein Hauptthema der Ausstellung ist der Boden an sich und dessen Entstehung. Es wird erklärt, was z.B. Gley oder Rendzina ist: äußerst interessante Bodentypen, die viel erlebt haben. Sechs verschiedene Bodenarten kommen hier tatsächlich „zu Wort“, die Besucher können sich per Knopfdruck anhören, was jeder Boden zu sagen hat. Weitere Informationen

werden anhand von Texten und Bildern bereitgestellt. An einer Videostation zeigt ein „Bodenkrümel“ Szenen aus seinem Leben. Deutlich ist zu erkennen, wie es ihm geht, wenn viele Blumen blühen, oder ein Baum gepflanzt wird aber auch, was passiert, wenn ein Parkplatz asphaltiert wird oder gar eine Sprengung stattfindet. Hier wird deutlich, dass die Ausstellungsmacher dem Boden ein Gesicht und eine Stimme geben wollten, so dass er selbst über sich berichten kann. Ein erfrischendes Konzept, das gut funktioniert und Kinder (und auch erwachsene Besucher) direkt anspricht.


Der zweite große Themenkomplex der Ausstellung befasst sich mit Archäologie. Startpunkt ist eine Vitrine mit „Frankfurter Bodenschätzen“. Von der Keramik der ersten Ackerbauern über römische Münzen bis zu frühmittelalterlichem Schmuck bekommen die Besucher einen kurzen Einblick, was in Frankfurts Boden verborgen liegt. In weiteren sechs Stationen werden Methoden vorgestellt, die man zur Auffindung und Erforschung der Funde verwendet. Schnell wird klar, dass Naturwissenschaften hier eine wichtige Rolle spielen. Anschaulich ist z.B. die Funktionsweise der 14C Datierung oder der Dendrochronologie dargestellt.

Untergrund

Hier wird die Datierungsmethode der Dendrochronologie erläutert. Fotos oben und unten: © Varusschlacht im Osnabrücker Land-Museum und Park Kalkriese

Tierknochenglücksrad – wer drückt als Erster den Buzzer!?

Archäozoologie und Anthropologie werden an einer weiteren Station gezeigt. Hier können sich Kinder beim „Tierglücksrad“ versuchen und Knochen bestimmten Tieren zuordnen. Welche teils erstaunliche Informationen ein Anthropologe nach einer Analyse von menschlichen Knochen liefern kann, wird in einer Medienstation zusammengefasst: die Besucher können an einem Touch screen z.B. erfahren, dass „Herr Rot“ 24 Knochenbrüche überstand und „Frau Grün“ als Kind nicht richtig wuchs, weil sie vielleicht krank war oder oft Hunger hatte.

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Durch das Mikroskop können Pflanzenpollen angeschaut werden. Foto: © Varusschlacht im Osnabrücker Land-Museum und Park Kalkriese

Die richtige Bodenschichten-Abfolge muss mit dem Stratigraphie-Puzzle gefunden werden. (© Foto: Archäologisches Museum Frankfurt)

Wenn Archäologen wissen wollen, wie die damalige Landschaft aussah, oder was für Pflanzen angebaut wurden, fragen sie die Archäobotaniker – und so gibt es auch in der Ausstellung eine Station, an der man durch ein Mikroskop vergrößert echte Pflanzenpollen sehen kann. Hier erfährt man, wie die Forscher damit ein Bild der früheren Umwelt nachzeichnen können.

Traditionelle Methoden der Archäologie wie z.B. die Typologie werden anhand von Beispielen erläutert und mit einem „Stratigraphie-Puzzle“ können Kinder die richtige Schichtenfolge des Bodens wieder herstellen: ist ja klar, dass ein Mammutknochen älter ist als ein römisches Schwert und deswegen weiter unten im Boden liegen muss!

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Ein Highlight (nicht nur für Kinder!) ist eine 5 x 6 Meter große „Ausgrabungsstation“, wo man selbst zu Kelle und Pinsel greifen muss, um die „Schätze“ zu finden. Diese besondere Mitmach-Ausstellung verlangt ein besonderes Vermittlungskonzept, denn schließlich sollen alle Spaß beim Rätseln, Forschen und Entdecken haben, aber niemand soll den Faden verlieren. Deswegen stehen in der Frankfurter Ausstellung „Boden-Erklärer“ bereit, allesamt Archäologie-Studenten, die zugewandt und ansprechbar sind, die Tipps und Ratschläge geben und auch mal helfen, wenn’s drauf ankommt. Wer knifflige Fragen zur Ausstellung beantworten will, kann mit dem Forscherheft auf Entdeckungstour gehen. Wenn alles richtig beantwortet wurde gibt’s eine persönliche Forscherurkunde! Das Begleitprogramm ist auf Familien mit Kindern zugeschnitten. Jeden Samstag und Sonntag finden um 14 Uhr öffentliche Führungen statt. Für Schulklassen oder private Kindergruppen können Führungen gebucht werden. Erstmals wird im Archäologischen Museum Frankfurt an zwei Terminen (12. Juli und 6. September, jeweils um 15:30 Uhr) eine „Kinder-Uni“ angeboten. Hier erfahren Kinder ab 8 Jahren z.B. was menschliche und tierische Knochen den Forschern verraten können - wenn man weiß, wie man sie richtig untersuchen muss!

Eine Ausgrabung in der Ausstellung! Hier erfahren Besucher wie eine archäologische Ausgrabung funktioniert. Foto: © Varusschlacht im Osnabrücker Land-Museum und Park Kalkriese

Im Forscherheft gibt es knifflige Fragen zu lösen! (Grafik: © Archäologisches Museum Frankfurt)

Weitere Veranstaltungen sind die Familiensamstage am 27. Juni und am 25. Juli, sowie die Führungen durch die Werkstätten der Restauratoren. Hier wird verraten, was eigentlich mit den archäologischen Funden passiert, nachdem sie aus dem Boden ausgegraben wurden. Die Ausstellung entstand im Haus der „Varusschlacht im Osnabrücker Land – Museum und Park Kalkriese“. Sie wird in Frankfurt gefördert von der „Stiftung Polytechnische Gesellschaft“. Alle kleinen und großen Feldforscher, Spürnasen und Schatzsucher sind herzlich willkommen!

Archäologisches Museum Frankfurt Karmelitergasse 1 D-60311 Frankfurt am Main archaeologisches-museum.frankfurt.de

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Zwischen Anstand und Erotik LVR-Industriemuseum in Engelskirchen zeigt neue Ausstellung zur Kulturgeschichte der Unterwäsche

Die erstaunliche Kulturgeschichte der Unterwäsche steht im Mittelpunkt der Ausstellung „Dessous – 150 Jahre Kulturgeschichte der Unterwäsche“ im Kraftwerk Ermen & Engels in Engelskirchen. Hier treffen die Besucherinnen und Besucher auf mehr als 250 reizvolle Originalexponate wie Korsetts und Krinolinen des 19. Jahrhunderts oder den Hauch von Nichts der modernen Dessous. Auch die frühen BHs der 1920er, edle Seidenensembles der Femme Fatale sowie panzerartige Mieder und Spitztüten-BHs der Wirtschaftswunderzeit lassen den Wandel der Unterwäsche erkennen. Von der Klappunterhose zum String Die Unterwäsche von heute ist kaum noch welche: knappe String-Tangas oder Panties, dazu ein BH, vielleicht noch ein Hemdchen, das ist alles. Dem steht zu Beginn der Geschichte der Unterwäsche eine wahre Wäsche- und Rüschenpracht entgegen. In festgelegter, logischer Abfolge zog die bürgerliche Frau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nacheinander an: Unterhose – damals noch „Unaussprechliche“ genannt – Strümpfe, die von einem Strumpfband gehalten wurden, wadenlanges Hemd, Korsett, in das man sie Damenunterhose, für die begehrenswerdie hinten zu öffnen te schlanke Taille einist, um 1900 schnürte, eine Untertaille, um Korsett und Oberbekleidung zu schonen, und einen Anstandsunterrock, darüber je nach Mode Krinoline, Tournüre oder Cul de Paris und zum Abschluss rundeten wenigstens zwei oder mehr Unterröcke das Untenrum ab. Rechts, rechte Seite: Kalasiris Mieder, 1950/60er Jahre Doppelseitiges Foto: BH der 1930er Jahre. Nach dem flachen, fast männlichen Körperideal der 1920er Jahre träumt die elegante Dame nun wieder von einer „schönen“ Büste. © Fotos: LVR-Industriemuseum

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Wenn die Hüllen fallen Die Ausstellung schildert das Thema nicht nur aus der historischen Perspektive, sondern aus verschiedenen Blickwinkeln: etwa aus der Sicht verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. Das Korsett des 19. Jahrhunderts zum Beispiel – Trägerin und Betrachter assoziierten mit diesem Kleidungsstück ganz unterschiedliche Gefühle: Für die Näherin oder Wäscherin war es schlicht ein Stück Stoff, das Arbeit bedeutete, für den Arzt eine ungesunde Verirrung, in bestimmten Kreisen hingegen der Inbegriff der Erotik. Stets war die Unterwäsche auch dem kritischen Blick der Gesellschaft ausgesetzt. Wer im 19. Jahrhundert auf der Wäscheleine Extravagantes im Wind flattern ließ, dem war der Klatsch der Nachbarschaft sicher. Nicht fehlen darf auch der Blick der Geschlechter aufeinander. Erotische Dessous sind fast ausschließlich weibliche Kleidungsstücke, zu denen es kaum männliche Pendants gibt. Sie entwerfen Bilder von Frauen, die häufig bestimmten StereoFotos linke Seite - Blick auf die Unterbekleidung um 1900: Rüschen, Spitzen und Tournüre - Damen- und Herrenunterwäsche der 1950er Jahre - Stretch BH auf Bügel Triolet, 1970er Jahre Fotos rechte Seite - Blick auf das Mobiliar eines ehemaligen Miederwa- rengeschäfts, das in der Ausstellung zu sehen ist - Blick auf 150 Jahre Korsettgeschichte. Rechts und links klassische Korsetts des 19. Jahrhunderts und in der Mitte ein modernes Korsett - Corsage, 2004. © Foto: Roland Wirtz - Stringtanga für Herren, 2006 © Alle Fotos (ohne Corsage): LVR-Industriemuseum

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typen erotischer Fantasien entsprechen, wie dem Vamp, der Femme Fatale oder der sexy Karrierefrau. Facetten des Darunter Die weit geschnittene Wäsche der wilhelminischen Epoche und ihre üppigen Auszierungen mit Stickereien, Spitze, Volants, Rüschen, Schleifen und Bändern zeigt die Ausstellung ebenso wie die ersten Büstenhalter der 1920er Jahre und die ersten Strumpfhosen der 1950er Jahre. Zu sehen sind außerdem die Anfänge des Wonderbras, der in den 1960ern eine Revolution in der Welt der Wäsche darstellte, sowie die farbenfrohen Schlupf-BHs, Hemdhöschen aus Feinripp, Frottee-Stretch oder Wegwerf-Höschen aus Papier der 1970er. Wie Dessous bis heute zum Modeartikel geworden sind und als solche in der Öffentlichkeit gezeigt werden dürfen, wird vor dem Hintergrund der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungen erläutert.

Geschichten von Reiz und Scham Das LVR-Industriemuseum präsentiert Originalkostüme aus seiner umfangreichen Sammlung zur Geschichte der Mode und Bekleidung. Darüber hinaus wurden dem Museum vielfältige Leihgaben von Firmen und aus Privatbesitz überlassen. Mit diesen sind immer auch persönliche Geschichten zum Thema Reiz und Scham verknüpft, die sich in der Ausstellung wiederfinden. Modejournale, Fotos, Accessoires und Filme ergänzen die Ausstellung. Den Besucherinnen und Besuchern bietet sich in Engelskirchen die letzte Gelegenheit, die atemberaubende Kulturgeschichte der Dessous zu erleben. Denn die Schau, die bereits durch verschiedene Museen tourte, wie die Schauplätze des LVR-Industriemuseums in Euskirchen und Ratingen, das Textil- und Industriemuseum Augsburg und das LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt, wird letztmalig zu sehen sein. Laufzeit: 9. April bis 25. Oktober 2015 Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 10 – 17 Uhr, samstags und sonntags 11-18 Uhr

LVR-Industriemuseum Kraftwerk Ermen & Engels Engels-Platz 2 51766 Engelskirchen http://www.industriemuseum.lvr.de info@kulturinfo-rheinland.de

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Digitaler Denkmalpfad für‘s Kraftwerk Ermen & Engels

Das Zwirnereigebäude der denkmalgeschützten Baumwollspinnerei Ermen & Engels. © LVR-Industriemuseum

Die Dauerausstellung im LVR-Industriemuseum in Engelskirchen erweitert sich in virtuelle Welten. Autorin: Nadine Höppner Jetzt geht’s los

Projektleiter Dr. Helge David, Museumsleiterin Dr. Sabine Schachtner und Vorstandsmitglied Peter Ruland vom Förderverein des LVR-Industriemuseum Engelskirchen e.V. (v.l.n.r.) eröffnen den neuen, digitalen Denkmalpfad. © Foto: LVR-Industriemuseum

Unter ermenundengels.de kann man seit Mai 2015 den Denkmalpfad rund um das Kraftwerk Ermen & Engels virtuell erleben. Die silbernen Schatzkisten auf dem Museumsgelände führen nun zu weiteren, vertiefenden Informationen, die jeder per Smartphone an Ort und Stelle oder aber in Ruhe zu Hause am Computer abrufen kann – zum Nachlesen und Weiterlesen, zum Neuentdecken und Wiederentdecken. Es sind insgesamt 19 Stationen, die auf dem weitläufigen Außengelände der ehemaligen Baumwollspinnerei von der wechselhaften Geschichte der Fabrik erzählen, aber auch von Friedrich Engels oder dem Leben und Arbeiten entlang der Agger. Der Denkmalpfad ist das ganze Jahr geöffnet und frei begehbar – sowohl als Spaziergang über den Engels-Platz als auch als Online-Entdeckungstour.

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History Calling Alles, was die Besucherinnen und Besucher brauchen, um den Denkmalpfad in seiner digitalen Dimension zu erleben, ist ein internetfähiges Mobiltelefon. Auf dem Gelände rund ums Kraftwerk sind 19 Tafeln verteilt, die einen ersten Zugang zum Standort und seiner Geschichte der letzten 200 Jahre bis heute eröffnen. QR-Codes und Kurz-URLs – das sind kurze Internetadressen – öffnen im Mobiltelefon das Tor zu den Videos, Texten und Bildern. Viele verschiedene Themen sind online abrufbar: vom Verhältnis des Revolutionärs Friedrich Engels zu seinem gleichnamigen Vater über die Produktionsabläufe in der Baumwollspinnerei, die Kinderarbeit im 19. Jahrhundert, die Energiegewinnung aus Wasserkraft bis zur Globalisierung heute.

Start des Denkmalpfades ist die „Mittelinsel“ am Modell der alten Fabrikanlage. Alle weiteren Standorte sind auch online verzeichnet. Die einzelnen Stationen können die Besucherinnen und Besucher dann nach eigenem Interesse ansteuern - die Geschichte der Fabrik und der Baumwollverarbeitung, das alltägliche Leben der Arbeiterinnen und Arbeiter, Friedrich Engels und der Klassenkampf, bis hin zur Frage nach Energie und Strom, der Geschichte der Bahn und der Kirche, sowie Globalisierung und Umwelt. Eine zusätzliche Außenstation befindet sich am Oelchenshammer im Ortsteil Engelskirchen-Bickenbach. Hier dreht sich alles rund um die historische, wasserbetriebene Schmiede. Gesucht, gefunden: Geocaching am digitalen Denkmalpfad Der Denkmalpfad bietet noch ein zusätzliches Highlight: Für Freunde des Geocachings ist auf dem Gelände ein Multicache in Rätselform versteckt. Geocaching ist eine Art Schnitzeljagd mit GPS-Koordinaten. Der Multicache umfasst verschiedene Rätsel, die vor Ort an mehreren Stationen gelöst werden müssen, um die richtigen GPS-Daten zu finden. Auf den ersten Entdecker des Caches wartet eine Überraschung. Der digitale Denkmalpfad ist in Kooperation mit Dr. Helge David | openmuseum. de entstanden. Der LVR hat das Projekt mit Mitteln aus der Regionalen Kulturförderung unterstützt. LVR-Industriemuseum Kraftwerk Ermen & Engels Engels-Platz 2 51766 Engelskirchen www.ermenundengels.de


Erwin von Kreibig-Museum, München-Nymphenburg Autor: Univ.-Prof. Dr. Guido Eilenberger

Außenansicht Südliches Schlossrondell 1

Am Eingang des Südlichen Schlossrondells, gegenüber dem Nymphenburger Schloss, öffnet sich in der Rondell-Mauer überraschend der Eingang zu einem modernen Kunstmuseum höchster architektonischer Qualität. Von außen unscheinbar, bewahrt es in seinem Inneren vorzugsweise das faszinierende Lebenswerk des Münchner Malers und Graphikers Erwin von Kreibig (1904 -1961).

Erwin von Kreibig absolvierte 1919 zunächst eine Ausbildung zum Metallbildhauer und Ziseleur, ehe er gemeinsam mit seinem älteren Bruder und Bildhauer Erich von Kreibig (1903-1989) für die Münchner „Vereinigten Werkstätten“ und die „Deutschen Werkstätten“ arbeitete. Der Erfolg ihrer kunstgewerblichen Arbeiten reichte bis in die USA, da die Kreibig-Brüder bis Beginn des Zweiten Weltkrieges regelmäßig die bekanntesten Galeristen in New Yorks Fifth Avenue belieferten. Parallel zu diesem Broterwerb entwickelte sich Erwin von Kreibig im Kreis der Schwabinger Bohème zum

kritischen Illustrator und Satiriker, der seit 1925 zu den Mitarbeitern des „Simplizissimus“ und der „Jugend“ zählte. In den Kneipen des legendären „Simpl“ oder in der „Brennessel“, aber auch bei „Papa Steinnicke“ traf Erwin von Kreibig nach dem Ersten Weltkrieg den Maler Julius Hüther ebenso wie Oskar Maria Graf, Georg Schrimpf, Heinrich Mann, Max Halbe und Lion Feuchtwanger. Für die „Juryfreien“ wurden 104 seiner Arbeiten im alten Münchner Glaspalast gezeigt. Darüber hinaus verband ihn in Berlin als Zeichner des „Eulenspiegel“ die Freundschaft mit Bert Brecht und

Alexander Roda-Roda. In seinen Gemälden und Graphiken bezog sich Erwin von Kreibig mit Vorliebe auf Kindheitsund Jugenderlebnisse im klösterlichen Internat, auf die kurios „verrückte“ und phantastische Welt der Komödianten, der Gaukler, der Tänzerinnen und der einsamen Trinker genauso wie auf die Schwabinger Künstlerfeste und Volksbelustigungen der Oktoberfeste. Als später Erbe eines Pieter Brueghel stand er in seiner ganz persönlichen, expressiv schillernden Manier der französischen Malerei und Illustrationskunst seiner Zeit viel näher als der seiner deutschen Kollegenschaft. Ein Reisestipendium der Stadt München nach Paris eröffnete Erwin von Kreibig 1932 eine neue Welt berühmter Kollegen in der französischen Metropole. Dort entstanden in einem kleinen Atelier auf Montparnasse eine Reihe seiner besten Arbeiten. Im

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Fensterfront mit Großplakaten Erwin von Kreibig

Anschluss daran zog es ihn 1934 nach Ibiza zum einfachen Leben auf dem Lande, er baute eine Finca und genoss Arkadien. Die Idylle währte allerdings nicht lange. Ein deutsches U-Boot rettete ihn zusammen mit Nonnen Ende 1936 vor den Gräueln des spanischen Bürgerkriegs. Nicht verwunderlich, dass viele der 1934-1936 entstandenen Arbeiten verschollen sind. In München konnte Erwin von Kreibig allerdings nicht mehr Fuß fassen, galt doch mittlerweile seine Kunst als „entartet“. Daher verließ er seine Heimatstadt und blieb bis 1952 in Sanremo im selbst gewählten Exil. Nach seiner Rückkehr nach München folgten zahlreiche Ausstellungen und auf ei-

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ner Reise nach Kenia entstanden 1956 nochmals eindrucksvolle Gemälde und Studien. In München war Erwin von Kreibig keinesfalls vergessen. Die bayerische Landeshauptstadt ehrte ihn 1961 als Ersten mit dem Schwabinger Kunstpreis für Malerei. Den Preis konnte er allerdings nicht mehr persönlich entgegennehmen. Er starb am 2. September 1961in München. Mehrere Ausstellungen brachten weitere, späte Ehrungen. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang vor allem die von Christoph Stölzl 1983 im Münchner Stadtmuseum kuratierte und realisierte große Retrospektive.

Seit 1991 zeigt in ständiger Ausstellung das Erwin von Kreibig-Museum einen Großteil des Lebenswerks dieses Münchner Künstlers. Seine Entstehung verdankt das private Kunstmuseum, das den Anforderungen des International Council of Museums (ICOM) entspricht, der Stiftung des Bruders Erich von Kreibig, der sein gesamtes Vermögen und die zeitlebens gesammelten Werke Erwins einbrachte. Zur Erwin von Kreibig Stiftung gehört auch das angrenzende barocke Palais „Hofkistlerhaus“, das als eines der zehn Rondell-Palais vom bayerischen Oberhofbaumeister Joseph Effner 1730 im Rahmen der Rondell-Bebauung vor dem Haupttrakt von Schloss Nymphen-


burg geplant und errichtet worden ist. Um der historischen Verantwortung gegenüber einem weltbekannten Denkmalensemble gerecht zu werden, war das Museum, dessen Entwurfsplanung Ernst Bogenberger, ein Schüler des Münchner Architekturprofessors Franz Hart, übernommen hatte, behutsam in die prominente Situation einzufügen. Dies ist auf beispielhafte Weise gelungen, woran auch die mit der Ausführungs- und Werkplanung beauftragte Architektengemeinschaft Fischer, Steiger, Tschaidse in Zusammenarbeit mit dem Vorstand der Erwin von Kreibig Stiftung erheblichen Anteil hatten. Als Glücksfall erwies sich dabei, dass dem Vorstand der Stiftung Prof. Dr.-Ing. Otto Meitinger, zu dieser Zeit Inhaber des Lehrstuhls für Entwerfen und Denkmalpflege der TU München, ebenso angehörte wie Hildegard Merzenich, eine engagierte Denkmalexpertin und unermüdliche Förderin des Museumsprojekts, ohne deren Einsatz das Museumsprojekt wohl nicht realisiert worden wäre. Die Architektur des Museums besticht im Inneren auf zwei Etagen mit über 460 Quadratmetern Fläche und 2.285 Kubikmetern umbauten Raumes durch ausgeklügelte Lichtführung und geniale Schlichtheit, wodurch sie die Konzentration auf Gemälde und Graphik wie selbstverständlich fokussiert. Dazu trägt nicht zuletzt die Beschränkung auf nur drei Baumaterialien (Glas, Metall, Beton) bei. Der italienische Terrazzoboden ver-

leiht dem Museum südländische Leichtigkeit. Zur Gartenseite präsentiert sich das Museum im Obergeschoss mit einer durchgehenden Glasfassade nach Art eines japanischen Teehauses, die den Besucher staunen lässt und Raum für zusätzliche Hängungen großer Formate, wie der Plakatkunst Erwin von Kreibigs, gibt. Hier befindet sich auch die ständige Ausstellung von Gemälden des Künstlers, eröffnet aber auch anderen Künstlern die Möglichkeit, als „Gast bei Kreibig“ auszustellen. Interessierte Besucher können in einer Museumsbibliothek mit dem Schwerpunkt der Sammlung „Münchner Kunst“ (als einer „Monacensia“) schmökern und ihren Wissensdurst stillen. Dem leiblichen Wohl dient eine kleine Cafeteria. Im Untergeschoss wird die lichtempfindliche Graphik präsentiert, in der es Erwin von Kreibig zu einer wahren Meisterschaft gebracht hat. Darüber hinaus können an dieser Stelle weitere Sonderausstellungen ihren Platz finden, wie zum Beispiel die Kleinskulpturen-Sammlung von Marie-Luise Lentz, die von der Stiftung bewahrt wird. Aus dem umfangreichen Depot des Erwin von Kreibig-Museums kann immer wieder geschöpft werden – insbesondere in Hinblick auf Einzelthemen und Querverbindungen. In Sonderausstellungen konnte in diesem Zusammenhang zum Beispiel Verbindungen von Arbeiten Erwin von Kreibigs mit seiner Schwester Manda (1901-1989), einer einst bekannten Tänzerin, Ballettmeisterin und Tanzpädagogin, ebenso zur Geltung gebracht werden wie die künstlerische Beziehung zu seinem Freund Joachim Ringelnatz. Dazu kommen nach Bedarf Ausstellungen für Münchner Künstlerinnen und Künstlern aus den Stadtteilen Nymphenburg, Neuhausen und Gern, für die von der Erwin von Kreibig-Stiftung in loser Folge die Nymphenburger Kunstpreise für Malerei und Plastik vergeben werden. Text: Univ.-Prof. Dr. Guido Eilenberger © Fotos: Constantin v. Ritter zu Groenesteyn

„Wirtshaus-Szene“ (kolorierte Federzeichnung)

Erwin von Kreibig-Museum München-Nymphenburg, Südliches Schloßrondell 1 http://kreibig-museum.com

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Ein Juwel an der Bergstrasse: Das Museum Stangenberg Merck Autorin: Daniela Walther

Zwölf Kilometer südlich von Darmstadt, in einer 1860 erbauten und 1904 vom damaligen Star-Architekten Prof. Metzendorf erweiterten Villa, inmitten eines gepflegten Parks und mit einem grandiosen Ausblick über Jugenheim und die Rheinebene befindet sich das Museum Stangenberg Merck. Das private Kunstmuseum, Mitglied im Deutschen Museumsbund e.V., wurde 2010 eröffnet. Es erstreckt sich über drei Etagen mit rund 500 qm Ausstellungsfläche und ist ein beeindruckendes Beispiel gesamtkünstlerischen Schaffens.

Die akademische Malerin Heidy Stangenberg-Merck (1922 - 2014), die in diesem Haus Kindheit und Jugend verbrachte, konnte noch miterleben, wie ihr umfangreiches künstlerisches Lebenswerk erfasst und archiviert wurde und Einzug im „Haus auf der Höhe“ gehalten hat. Zusammen mit ihrem Mann Karl Stangenberg, ebenfalls Künstler verschiedener Sparten, entschied die Malerin über die Auswahl und Hängung der Bilder in den aufwändig restaurierten Räumen des Hauses. Ein Goßteil der Museumsexponate entstammt dem Werk von Heidy Stangen-

berg-Merck, die sich in vielen Techniken ausdrückte. Neben Öl- und Temperabildern gehörte ihre besondere Vorliebe der Radierung. Bleistift- und Tuschezeichnungen, Holz- und Linolschnitte sowie Monotypien oder die im Museum ausgestellten Skizzenbücher zeugen von der Vielseitigkeit dieser leidenschaftlichen Malerin. Heidy Stangenberg-Merck fand bereits früh zu ihrem bezeichnenden Stil, den sie über Jahrzehnte beibehielt; besondere Themen der gegenständlichen Malerin sind lebendige atmosphärische Darstellungen des griechischen Landlebens sowie streng durchkomponierte Stilleben in ihrer reinsten Form.

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Obwohl sich über 1.000 der Bilder der Künstlerin im Privatbesitz befinden, beherbergen Museum und Archiv eine mehr als ebenso grosse Menge, so dass neben der Dauerausstellung auch für Wechselausstellungen reichlich Material zur Verfügung steht. Zur Vielfältigkeit im Museum Stangenberg Merck tragen auch die Marietta Merck und Karl Stangenberg gewidmeten Räume bei. Marietta Merck, Mutter von Heidy Stangenberg-Merck und selbst schaffende Künstlerin, widmete sich nicht nur der

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Malerei und der Zeichnung - ihre besondere Stärke waren fein ausgearbeitete Portraits mit Bleistift, Röthel oder Silberstift - sondern schuf auch einige ausdrucksvolle Plastiken, wie die Dauerausstellung zeigt. Karl Stangenberg, bis zu ihrem Tode im Nov. 2014 rund 60 Jahre als Ehemann an der Seite von Heidy Stangenberg-Merck, zeigt mehrzonige Tempera-Bilder, die ihre Gegenständlichkeit durch die Auflösung in Licht und Schatten fast schon wieder verlieren. Tonträger mit Einspielungen aus seiner Zeit als Solist der originären Blockflöte und Bände mit lyrischen Werken zei-

gen drei verschiedene Schaffensperioden des vielseitigen Künstlers. Ein Geheim-Tipp im Museum Stangenberg Merck ist der „Kunstgenuss“: ein Ort zum Verweilen, zum Ausruhen und zum Genießen: Der Blick über die Rheinebene bei einer Tasse Cappuccino und ein paar Macarons ist ein absolutes Muss für den Museumsgast! Im Artificium, dem Museumsshop im Souterrain der Villa, gibt es unter dem Leitgedanken „Kunst zum Anschauen und Mitnehmen“ nicht nur hochwertige Re-


produktionen der Arbeiten von Heidy Stangenberg-Merck, Marietta Merck und Karl Stangenberg, sondern auch ausgewählte Originalkunst befreundeter Künstler. Jedes Jahr gibt es zwei Sonderausstellungen im Haus auf der Höhe. Aus den umfangreichen Archivbeständen wird jeweils im Spätsommer des Jahres eine neue Sonderausstellung mit bislang unveröffentlichten Werken von Heidy Stangenberg-Merck zusammengestellt. Bis August 2015 werden „Portraits“ gezeigt. Immer wieder neue interessante Künstler werden dem Besucher im Artificium vor-

gestellt. Hier sind ab Juni 2015 die ungewöhnlichen Kunstwerke von Gudrun Cornford zu sehen: unter dem Titel „figurative Glasreliefs“ zeigt die Reinheimer Künstlerin ihre halbplastische Glaskunst. Die Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag von 15 bis 19 Uhr An Samstagen, Sonntagen und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr Montag und Dienstag ist das Museum geschlossen. Gruppen, die eine Führung zu einer anderen Zeit wünschen, werden um entsprechende Anfrage gebeten. Direkt am Haus

sind genügend Parkplätze vorhanden. Alle Fotos: © Daniela Walther

Museum Stangenberg Merck im Haus auf der Höhe Helene‐Christaller‐Weg 13 64342 Seeheim‐Jugenheim Telefon: 06257 ‐ 90 53 61 www.museum‐jugenheim.de info@museum‐jugenheim.de (facebook: Museum Stangenberg Merck) Das Museum Stangenberg Merck ist Mitglied im Deutschen Museumsbund e.V.

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Š Foto: DB Museum/Uwe Niklas

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Ein Mekka für Fans von Eisenbahnmodellen Das Modellarium im DB Museum öffnet seine Pforten. Autor: Dr. Rainer Mertens

Mit wohl kaum einem technischen System ist der Begriff „Modell“ derart eng verbunden wie mit der Eisenbahn. Die Modelleisenbahn war Jahrzehnte lang der Inbegriff „interaktiven“ Spielzeugs und bildet bis heute die Grundlage für eine ganze Branche der Spielzeugindustrie. Dabei sind Modelle nicht nur zum Spielen da: Sie werden als Anschauungsmodell für Design und Marktforschung eingesetzt, unterstützen die Entwicklung von Eisenbahnfahrzeugen oder dienen als augenfälliges Werbeobjekt.

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Das Modell der Lokomotive 23 001 im Masstab 1:5 ist das größte Einzelexponat im Modellarium. Es wiegt beinahe eine Tonne. © Foto: DB Museum/Uwe Niklas

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Unglaubliche Detailtreue: Blick in den Führerstand eines 1:10-Modells. © Foto: DB Museum/Klaus Mosch

Das DB Museum besitzt eine Vielzahl verschiedener Modelle, die seit dem Bestehen des Hauses in allen Größen, sehr detailliert oder eher grob gearbeitet, angefertigt worden sind. Viele Exemplare sind bereits in der Dauerausstellung präsentiert – von der Mini-Bahn der Baugröße Z im Maßstab 1:220 bis zum Design-Modell im Maßstab 1:1. Doch eine weit größere Anzahl schlummert in den Depots des Museums. Ein neuer Bereich, das Modellarium, macht nun viele dieser Modelle für Museumsbesucher zugänglich. Darüber hinaus haben sich das Museumsteam und die Gestalter der Ausstellungsagentur KWOD zur Aufgabe gestellt, die kostbaren Stücke nicht nur zu zeigen, sondern sie auch zu erklären: Welche Arten von Modellen gibt es, in welchen Größen und zu welchen Zwecken wurden sie hergestellt? Wunderwerke der Feinmechanik Drei große Sammlungen bilden den Kern des Modellbestandes des DB Museums. Die Fahrzeuge im Maßstab 1:10 sind der älteste und zugleich der faszinierendste Bestand, überdies mit 280 Exemplaren einer der größten in der Welt. Die zwischen 1885 und 1997entstandenen Modelle bestechen durch eine unglaubliche Detailtreue. Die Triebwerke von Dampflokomotiven sind bis zur einzelnen Schraube nachgebildet, bei Reisezugwagen sind nicht nur Türgriffe, sondern auch Vorhänge und Polstersitze in verblüffend echt wirkender Machart nachgebildet. Die schönsten Stücke können die Besucher im Modellarium betrachten, indem sie per Knopfdruck einen Mechanismus in Gang setzen, der die Fahrzeuge aus einem raumhohen Regal wie in einem Paternoster-Aufzug unmittelbar vor die Augen des Betrachters führt.

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Ein weiterer zentraler Bestand ist die Sammlung von Bundesbahn-Werbemodellen. Die Fahrzeuge im Maßstab 1:20 wurden von den 1950er bis in die 1980er Jahre im Maßstab 1:20 von einer Modellbaufirma hergestellt. Sie dienten als augenfällige Ausstellungsstücke auf Messen und in den Schaufenstern von Bahnhöfen und Reisebüros. Aus dieser Sammlung werden Güterwagen und ganze Züge gezeigt, die im Modell bis zu acht Meter lang sind. Die dritte wichtige Sammlung wurde dem Museum gestiftet: Im Jahr 2003 überließ der Würzburger Pharmazie-Professor Siegfried Ebel seine über Jahrzehnte gesammelten Modelle der Spur N. Mit über 12.000 Fahrzeugen im Maßstab 1:160 bildet die Sammlung Ebel den weltweit größten Bestand dieser Baugröße. Um den Umfang der Sammlung zu zeigen, enthält die Ausstellung eine vier Meter breite und 2,5 Meter hohe Glasvitrine mit genau 1822 Modellen. Etwa sechs dieser Vitrinen würden benötigt, um den gesamten Bestand aufzunehmen. Links: 1:10-Modelle in der Schwerlastvitrine. Unten: Professor Siegried Ebel und seine Frau vor einem Teil seiner Sammlung. © Fotos: DB Museum/Uwe Niklas

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Das Modell eines bayerischen Güterwagens im Maßstab 1:10. © Foto: DB Museum/Klaus Mosch

Über 2000 Modelle Die legendäre E 03 in verschiedenen Maßstäben. © Foto: DB Museum/Mike Beims

Neben diesen drei Sammlungs-Schwergewichten hält das Modellarium viele weitere Attraktionen bereit: vom beweglichen Dampflokmodell im Maßstab 1:5 bis zur interaktiven Darstellung virtueller Modelle, die heute bei der technischen Entwicklung von Bahnfahrzeugen sowie im Freizeitbereich Verwendung finden. Und natürlich gibt es etwas für kleine und große Spielkinder: Auf zwei neuen Modellbahnen können die Besucher selber Züge fahren lassen. Auch ist die bestehende Modellbahn mit ihrem historischen Relais-Stellwerk in den Bereich einbezogen. Insgesamt beläuft sich die Zahl der hier ausgestellten Modelle auf über 2200.

Detail aus dem Führerstand eines 1:10-Modells. © Foto: DB Museum/Mike Beims

Das Modellarium schließt die letzte Lücke im Haupthaus des Museums. Nach der großen Dauerausstellung zur Geschichte der Eisenbahn, dem Kinder-Bahnland „KIBALA“, den Originalfahrzeugen und dem Freigelände mit Schaudepot ist das Haus um eine weitere Attraktion reicher geworden. DB Museum Nürnberg Lessingstraße 6 D-90443 Nürnberg http://www.dbmuseum.de

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Eine App für alle Museen Installation der App museum.de: Suchen Sie nach „museum“ im App Store (1. Platz) und bei Google play (3. Platz)

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mit integriertem Audioguide funktioniert im Online- und Offline- Modus

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Die Osterburg in Weida Autorin: Bettina Gunkel

Die Vögte von Weida, Gera und Plauen waren eine bedeutende mittelalterliche Adelsfamilie im Gebiet von Ostthüringen, Nordböhmen, dem südwestlichen Sachsen und Teilen Oberfrankens. Ihr ehemaliges Herrschaftsgebiet zwischen oberer Saale, Pleiße und Regnitz wird auch „terra advocatorum“ – Vogtland genannt. Wo einst die Vögte residierten Die Ministerialenfamilie übersiedelte Anfang des 12. Jh. wohl aus dem Westharz oder der Unstrutgegend stammend, in das Gebiet der oberen und mittleren Weißen Elster. Mehrfach sind sie als Reichslandrichter im Eger- und Pleißenland erwähnt. Weil dieses Gebiet von den Kai-

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serpfalzen aus gesehen weit im Osten lag, wird es auch Ost(er)land genannt. So kam die Stammburg der Vögte in Weida zu ihrem Namen: Osterburg. Eingebettet in ein idyllisches Landschaftsbild überragt die Osterburg mit ihrem

unverwechselbar gestuften Bergfried die Stadt Weida. Die Osterburg wurde von 1163 bis 1193 unter Vogt Heinrich I. als romanische Befestigungsanlage gebaut. Im 13. und 14. Jahrhundert war sie Residenz und Verwaltungszentrum für das gesamte Vogtland. Unter den Wettinern war die Burg vom 15. bis zum 17. Jahrhundert Sitz der Amtsverwaltung und Gerichtsbehörde. 1633 wurde sie fast völlig zerstört. Nur der Burgturm ist Zeitzeuge der ursprünglichen Bebauung und überstand alle Zerstörung und Brandschatzung. Mit 54 Metern Höhe und einer Mauerstärke von 5,70 m unterhalb des ersten Zinnenkranzes zählt der Turm zu den mächtigsten unter den vergleichbar gut erhaltenen in Deutschland. Nach dem 17 m hohen steinernen Achteckhelm wird er „Turm ohne Dach“ genannt. Das Museum in der Osterburg Seit 1930 gibt es ein Museum in der Burg. Am 23. März wurde es vom Vorstand des ortsgeschichtlichen Vereins eröffnet.


Die Ausstellungsräume befinden sich in der Remise, im Alten Schloss und im Burgturm. In der Remise gibt es eine Bauernstube, ein Bürgerzimmer und ein Burgmodell. Außerdem ein Grafikkabinett und den großen Raum für Sonderausstellungen. Früher wurden hier im Laufe eines Jahres mehrere Ausstellungen zu den unterschiedlichsten Themen gezeigt. In der jüngeren Vergangenheit gab es auch Jahresausstellungen, so zum Beispiel 2009 anlässlich der 800-Jahrfeier der Stadtrechte von Weida. Gegenwärtig wird die Ausstellung „Der Osterburg Zeit geben“ gezeigt. Dieser Titel soll Brücke sein. Man will der Osterburg die Zeit geben, die nötig ist, um das Wissens-Schloss zu etablieren, will aber auch den Besuchern die Zeit nahe bringen. Zeit kann man messen, beschreiben, einteilen, verschwenden – eines jedoch nicht: Man kann sie nicht anhalten. Zeit vergeht oder Tempus fugit, wie schon die Römer wussten. Und so ticken in der Ausstellung ständig die Uhren, schlägt das Westminstergeläut des Regulators und ertönt der Gong der Standuhr. Der Kuckuck ruft und vom Turm ertönt die Stundenglocke. Und sogar an der Atomuhr kann man mal lauschen! Man kann selbst „an der Uhr drehen“, der Sanduhr beim Verrinnen der Zeit zuschauen oder den Wecker stellen und so die Bedeutung der Zeit mit allen Sinnen erleben. Im Erdgeschoss des Alten Schlosses wurde ein Lapidarium, eine Gesteinssammlung eingerichtet. Hier werden archäologisch und geologisch wertvolle Exponate sowie historisch wertvolle Epitaphien (Grabplatten) und Insignientafeln (Wappensteine) gezeigt. Im ersten Obergeschoss ist die ständige Ausstellung der Stadtgeschichte zu sehen. Sie zeigt die Entwicklung Weidas zwischen dem 12. und 19. Jahrhundert. In der zweiten Etage im Alten Schloss wurden die ehemals tragenden Balken von der Decke abgehängt. Seitdem heißt dieser Veranstaltungsraum „Balkensaal“. Hier wird die ständige Ausstellung „Weida - Wiege des Vogtlandes“ gezeigt. Zu-

Oben: Uhrenstube in der Türmerwohnung Mitte: Wetterfahne von 1671 Unten: Webstuhl

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Eheschließung im Balkensaal

Stundenglocke am 3. Kranz

nehmender Beliebtheit erfreuen sich Eheschließungen im Balkensaal. 1993 entstand im dritten Obergeschoss die „Galerie im Alten Schloss“. Die Begegnung mit der Bildenden Kunst in der Galerie und im Künstleratelier im Neuen Schloss eröffnen neue Perspektiven für den Kunstliebhaber.

Wenn alte Mauern sprechen könnten, heißt es, hätten sie viele spannende Geschichten zu erzählen. Und die alten Ziegelwände im Inneren haben tatsächlich zu reden begonnen. In einer 360°-Projektion unmittelbar auf die romanischen Ziegel gebannt, erzählt ein Film die Geschichte des Vogtlandes und der Reußen, der Nachfahren der Vögte. Die Zuschauer gleiten mit einem virtuellen Turmfalken über das Vogtland dahin, aufsteigend von der Osterburg in Weida. Hier ließen sich die Vögte im 12. Jh. nieder, hier begann der Aufstieg der späteren Reußen von Dienstmannen des Kaisers Barbarossa bis hin zu Reichsfürsten.

Im Inneren des Burgturms auch Bergfried genannt befinden sich zwei weitere Ausstellungsbereiche. Weil Ausgrabungsfunde gezeigt und ein Einblick in die Baugeschichte des Turms gegeben werden, heißt die Ausstellung tief unten „Turm im Turm“. Besonders stolz sind wir Museumsleute auf die 360°-Projektion im Turm.

Das Neue Schloss beherbergt ein Künstleratelier, das Moritzgewölbe als rustikalen Veranstaltungsraum und die gastronomischen Einrichtungen der Osterburg. Die Wirtschaft zur Osterburg bietet den Gaumenschmaus der besonderen Art im historischen Tonnengewölbe des Neuen Schlosses. Tafeln wie zu alten Zeiten mit Holzlöffel, Dolch und Fingern. Gaukler und Spielleute sorgen für Folklore. Attraktionen sind eine Kaffeepause auf der „Stadtblickterrasse“ oder ein Frühstück in der Türmerstube des Burgturms in etwa 40 m Höhe.

Lehmbackofen

sätze, betreiben Sponsoring und beteiligen sich aktiv an Veranstaltungen. So haben sie Teile der Burgmauer saniert, das Lapidarium im Alten Schloss neu gestaltet und sich bei der Einrichtung der Türmerstube beteiligt. Mit Spendengeldern, die dem Verein zufließen, werden Museumsexponate restauriert oder bauliche Missstände beseitigt. So hat der Förderverein 2014 die Treppe zum Burgturm erneuert. Mit dem Lehmbackofen aus Urgroßmutters Zeiten hat er eine echte Attraktion für große und kleine Besucher geschaffen. Erlöse aus dem Verkauf von Brot, Zwiebelkuchen und anderem leckeren Backwerk werden immer wieder für weitere Projekte im Osterburggelände eingesetzt. Künstlerstammtisch „Osterburg“

Unsere Partner Förderverein „Freunde der Osterburg“ Der 1997 gegründete Verein will die Idee zum Erhalt und zur Nutzung der Osterburg fördern. Die Vereinsmitglieder leisten Arbeitsein-

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Zum Künstlerstammtisch gehören Bildende Künstler, Schauspieler, Komponisten und Literaturschaffende. Die Idee dahinter: Kunst braucht Austausch! So werden neue Projekte angeschoben. Mehrere Gemeinschaftsausstellungen in der „Galerie im Alten Schloss“, im Künstleratelier, in


tigung mit dieser Zeit. Eine umfangreiche Waffenausrüstung und ein großer Kleiderfundus befinden sich im Rittergewölbe. Regelmäßig veranstalten die Vereinsmitglieder Schaukämpfe und beteiligen sich aktiv an Osterburgveranstaltungen. Sie nehmen Kinder mit auf Schatzsuche und zeigen das ritterliche Lagerleben. Auch außerhalb der Osterburgmauern sind die „Ritter der Osterburg“ bekannt. Alle Fotos: © Archiv der Stadt Weida

Mittelalterspektakel

Das Neue Schloss

den Partnerstädten und sogar in Europas „Hauptstadt“ Brüssel wurden vom Künstlerstammtisch verantwortet. Als Mentoren stehen sie den Museumsmitarbeitern zur Seite und schlagen Galerieausstellungen vor. Dem Künstlerstammtisch gelang es, Weida und die Osterburg, weit über

Thüringen hinaus bekannt zu machen. „Ritter der Osterburg zu Weida“ Die Mitglieder des nicht eingetragenen Vereins verbindet ein langjähriges Interesse am Mittelalter und die aktive Beschäf-

Museum in der Osterburg Schlossberg 14 07570 Weida Tel.: 036603 62775 museum-osterburg@versanet.de www.weida.de www.osterburg-vogtland.eu Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag, auch an Feiertagen. April bis Oktober: 10 bis 18 Uhr November bis März 10 bis 16 Uhr Burgführungen sind auch an Schließtagen auf Anfrage möglich.

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Alles unter Kontrolle 8. Triennale der Karikatur im SATIRICUM des Sommerpalais Greiz. Autorin: Eva-Maria von Máriássy

Das Sommerpalais im Fürstlich Greizer Park. Foto: © Carolin Senf. Zeichnung unten: © Pascal Heiler

In der Staatlichen Bücher und Kupferstichsammlung, dem Museum im Sommerpalais Greiz, wird unter vielem anderen eine große Anzahl von historischen Karikaturen des 17. bis 19. Jahrhunderts aus zumeist fürstlichem Besitz bewahrt. Darunter befinden sich Blätter von bedeutenden englischen, französischen und deutschen Künstlern wie William Hogarth, Daniel Chodowiecki, Thomas Rowlandson, James Gillray, Louis-Léopold Boilly, Honoré Daumier oder Alfons von Boddien. Der große Bestand an hervorragenden englischen Karikaturen stammt aus der Sammlung der englischen Prinzessin Elizabeth (1770–1840). Eine Vielzahl der bekanntesten Blätter wurde von James Gillray geschaffen. Daneben gibt es noch eine umfangreiche Sammlung deutscher Karikaturen aus der Zeit

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des Vormärz und der Revolution von 1848.

Der reiche Fundus an historischen Karikaturen führte 1975 zur Gründung des SATIRICUMs als nationaler Karikaturensammlung der DDR und eigenständiger Bestandsgruppe im Museum. Satirezeitschriften, Arbeiten aus dem „Simplicissimus“, dem „Wahren Jacob“, der Arbeiterpresse der 1920er Jahre sowie Schenkungen und Nachlässe namhafter Künstler kamen hinzu und ließen das Satiricum schnell zu einer bedeutenden Sammlung anwachsen. Die von 1975 bis zur Wende entstandene Spezialsammlung mit ca. 10 000 Blättern stellt heute einen hervorragenden satirischen Bilderbestand zur DDR-Zeitgeschichte dar. Dazu zählt auch eine größere Anzahl satirisch-humoristischer Objekte, so genannte „Plastikaturen“. Nach 1990 wurde die Sammeltätigkeit auf den gesamten


deutschsprachigen Raum ausgeweitet; die Karikatur aus dem Osten Deutschlands bildet allerdings weiterhin einen Schwerpunkt. Nach der Gründung des SATIRICUMs im Sommerpalais Greiz wurden von 1980 an sechs Biennalen der Karikatur veranstaltet. Nach der Wende entschloss man sich zu einem maßvolleren und weniger kostspieligen Rhythmus. Seit 1994 ist es im Jahr 2015 die 8. Triennale der Karikatur, die am 6. Juni im Greizer Sommerpalais eröffnet wird. Eine Tradition, die die erste DDR-Fassung der Ausstellung nun mindestens in der Anzahl überholt hat. Vorgabe sowohl für die Biennalen als auch die Triennalen war und ist jeweils ein politisch oder gesellschaftlich interessierendes Thema. Der Abhörskandal vom Sommer 2013 lag zwar schon einige Zeit zurück, fand aber immer noch kein Ende in den Schlagzeilen. Ergebnis der Enthüllung Edward Snowdens war ja doch, dass zwar eigentlich Terroristen überwacht und bekämpft werden sollten, zur Erkennung derselben aber zunächst jeder, der das Internet oder ein Mobiltelefon nutzt, ständig, intensiv und nachhaltig ausgespäht wird und die ausgespähten Daten auch gespeichert werden. Und dass diese Tatsache immer mehr in Ohr und Aug der Öffentlichkeit rückte. Ein kurzer Blick in die Geschichte der Informationsübermittlung hätte allen die fassungslose Überraschung erspart. Schon immer wurden reitende Boten, Postkutschen und Brieftauben aufgehalten oder abgefangen, um an Informationen zu kommen. Hat wirklich jemand ernsthaft geglaubt, die Überwachung der transportierten Daten wäre eine völlig neue Unverfrorenheit im Spähgeschäft? Einen eklatanten Unterschied gibt es allerdings: Postkutscher, reitende Boten oder Brieftauben waren nach dem Raub entweder gefangen oder tot, also merklich aus dem Verkehr gezogen. Das ist heute anders. Der Alltagsnutzer merkt nicht, wenn seine Daten abgefischt werden. Wer nach den Enthüllungen der letzten zwei Jahre glaubt, dass ein Mo-

Zeichnung: © Werner David

biltelefon nur zum Telefonieren taugt, und das Internet nur zur eigenen Freude und Lohn und Nutzen und Gewinn existiert, der darf nicht mehr nur naiv genannt werden. Die National Security Agency der USA überwachte sowohl politische Gegner

als auch politische Verbündete, sogar das Telefon der Kanzlerin. Britische Journalisten belauschten britische Politiker und Prominente und sogar die Queen am Telefon. Es gibt von öffentlicher Hand installierte Überwachungskameras auf den Autobahnen und in den Städten. GoogleEarth fotografiert vom Satelliten

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aus und fährt mit Streetview durch die Straßen, um Häuser von oben und von außen fotografiert ins Netz zu stellen. Mit den Daten des Mobiltelefons und der Kredit- oder EC-Karte kann jederzeit ein Bewegungsprofil des Inhabers erstellt werden. Mit Payback-Karten wird das Kaufverhalten aufgezeichnet, und für die Hersteller erfüllt sich der Traum, einen völlig berechenbaren Kunden vor sich zu haben. Fitnessarmbänder zeichnen das Ernährungs- und Bewegungsverhalten auf und vermessen den Körper sozusagen auf Schritt und Tritt, eine Art privater medizinischer Assistent. Noch geschieht das freiwillig zur Selbstoptimierung; irgendwann erfährt es die Krankenversicherung. Computer in Kraftfahrzeugen zeichnen Fahrverhalten, Spritverbrauch und Durchschnittsgeschwindigkeit des Fahrers auf; nur eine Frage der Zeit, bis Kfz-Versicherungen oder die Flensburger Verkehrszentralregisterauskunft Einblick haben. Bald kann auch unsere Kleidung überwacht und die Daten unserer Socken effizient ausgewertet werden.

Zeichnung oben: © Sobe. Unten: Ausstellungseröffnung im Gartensaal des Sommerpalais. Foto: © Christian Freund

Kurzum: Wir werden beobachtet. Immer wenn man das Mobiltelefon einschaltet oder im Internet unterwegs ist, fangen soziale Netzwerke, Werbenetzwerke oder Firmen unsere Daten ab. Alles was man anklickt, liest oder kauft, wird in einem Datenmeer gesammelt und gespeichert, nicht nur von Staaten, sondern auch von Konzernen. Der so genannte Abhörskandal war Auslöser für die längst fällige Diskussion über den lässigen, weil coolen, den leichtsinnigen, weil unüberlegten und vor allem den naiven und unkritischen Umgang mit den eigenen Daten. Diese immense gesellschaftliche Überwachung, Kontrolle und drohende Vorratsdatenspeicherung sowie deren Sinn und Unsinn wurde mit den Einsendungen zur 8. Triennale durch die Verzerrung ins Satirische und Groteske kenntlich gemacht. Im Kampf gegen die totale Digitalisierung und die lückenlose Verbreitung unserer intimsten Informationen wird der Humor als Überlebensstrategie wohl nicht genügen. Den Versuch ist es aber wert. 78 Karikaturistinnen und Karikaturisten haben sich des Themas angenommen, deutlich mehr als bei den früheren Triennalen. Es werden mehr als 240 Karikaturen in dieser Ausstellung gezeigt.

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Die Abbildungen geben einen winzigen Einblick in die Fülle der Interpretationen der Künstler zum Thema. Der Vergleich der aktuellen Informationsgewinnung durch freiwillige Abgabe aller privater und intimer Einzelheiten mit den dagegen eher behäbig und rückständig zu nennenden Methoden der Stasi wurde nur einmal thematisiert. Sehr viele Einsendungen gab es zur Illustrierung des dämlichen bis debilen Nutzers, der alles gleichgültig hinnimmt mit der Bemerkung, er habe ohnehin nichts zu verbergen. Die etwas Pfiffigeren unter den Dämlichen basteln handgemachte Abwehrstrategien, die die Datenabschöpfung oder gar das Gedankenlesen verhindern sollen. Oft wird auch die NSA bemüht, um abgestürzte Festplatten wieder herstellen zu können, die Überwachung also für nützlich erklärt. Dass Google mit fahrenden Autos unter dem Namen Streetview die Straßen abfotografiert und ins Netz stellt, scheint aus Karikaturistensicht für Exhibitionisten eine spezielle Form des Wonneschauers zu ergeben. Facebook wird als theologische Kraft dargestellt, wohingegen sein Gründer Marc Zuckerberg direkte Häme aushalten muss.

8. TRIENNALE der Karikatur

Die 8. Triennale der Karikatur mit dem Titel „Alles unter Kontrolle“ ist vom 6. Juni bis zum 4. Oktober in beiden Etagen des Sommerpalais Greiz zu sehen. Zeitgleich wird zum 40. Jahrestag der Gründung des Satiricums eine kleine Ausstellung gezeigt mit einer Auswahl aus Schenkungen und Ankäufen der letzten 40 Jahre. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog: „Alles unter Kontrolle“ – 8. Triennale der Karikatur, 168 Seiten mit 156 farbigen Abbildungen, Lappan-Verlag, 14,95 € Eintritt 5 € (ermäßigt 2,50 €). Täglich geöffnet außer Montag von 10 bis 18 Uhr

Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz mit Satiricum Sommerpalais 07973 Greiz http://www.sommerpalais-greiz.de info@sommerpalais-greiz.de

6. Juni bis 4. Oktober 2015 | 10.00 bis 18.00 Uhr | montags geschlossen

SATIRICUM | Sommerpalais Greiz www.sommerpalais-greiz.de

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Das Internationale Maritime Museum Hamburg (IMMH) 3.000 Jahre Schifffahrtsgeschichte auf 9 Ausstellungsdecks und ein attraktives Rahmenangebot 62


Schon das Gebäude allein ist einen Besuch wert. An zwei Seiten von Wasser umgeben, erhebt sich das 10 Stockwerke hohe Backsteingebäude beeindruckend über den Magdeburger- und Brooktorhafen in der Hamburger Speicherstadt. Der Kaispeicher B, 1878/79 gebaut, ist der älteste noch betriebene Hamburger Kaispeicher. Er schlägt mit seiner Passage die Brücke zwischen dem rund 1.000 Meter entfernten Hauptbahnhof, der Speicherstadt und der modernen HafenCity an der Elbe. Wer das Museum betritt, reist neuen Horizonten entgegen. In dem ebenso behutsam wie aufwendig restaurierten Gebäude verbinden vier korrespondierende Lufträume jeweils drei Böden des Speichers. Das sorgt für Transparenz und Offenheit und macht das ohnehin einmalige Innere des Gebäudes noch attraktiver. Die neun Ausstellungs-Decks erzählen von Entdeckern und Eroberern, von Kapitänen und einfachen Seeleuten. Die Besucher erwartet eine Expedition durch 3.000 Jahre Schifffahrtsgeschichte. Basis des Museums ist die Sammlung von Professor Peter Tamm. Seine weltweit größte maritime Privatsammlung wurde in eine Stiftung überführt und mit der Eröffnung des Museums im Jahre 2008 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für die rund 1.000 großen und 36.000 Miniaturmodelle, 5.000 Gemälde, Grafiken, Aquarelle sowie viele weitere einmalige Exponate wurde ein modernes Museumskonzept entwickelt, sodass zwei Drittel seiner Sammlung dauerhaft gezeigt werden können. Lebendiges Museum Prof. Peter Tamm wollte aber nicht nur seine Sammlung präsentieren, sondern ein lebendiges Museum schaffen, in dem große und kleine Freunde der Maritimen Welt immer neue, interessante Anregungen und Themen finden. So gibt es neben den regelmäßig stattfindenden, allgemeinen Führungen durch das Museum eine Fülle von Vorträgen und speziellen Themenrundgängen, die von ehemaligen Kapitänen, Technikern, Historikern oder Logistikern geführt werden und nahezu alle Interessenbereiche abdecken. Besonders beliebt ist die Fahrt mit dem Schiffsführungssimulator, bei der die Besucher unter der fachkundigen Anleitung ehemaliger Kapitäne ein ca. 300 Meter

langes Containerschiff in die Häfen von Rotterdam, Singapur oder Hamburg steuern kann. Kinder entdecken bei den sehr beliebten maritimen Geburtstagen Neues rund um das Meer und Seefahrt. Auf Deck 1 vor dem „Schwimmenden Klassenzimmer“ liegt die Queen Mary 2 im Dock Elbe 17, gebaut aus fast einer Million Legosteinen. Wer angesichts des 6,90 Meter langen und 1,70 Meter hohen Schiffsmodells Lust zum Bauen bekommt, kann dies an den Lego-Tischen im Spielbereich tun. Schulklassen werden in einem eigens für sie reservierten Bereich aktiv. Sie können Knoten knüpfen, Segelschiffe bauen oder maritime Motive malen. Und gleich nebenan in der Modellbauwerkstatt pflegen Fachleute kostbare Museumsobjekte. Zuschauen und Fragen ist jederzeit erlaubt! Einmal in der Woche steht auch die Bibliothek interessierten Besuchern offen. Eine umfangreiche Schriftensammlung zur Handelsschifffahrt, Marinegeschichte, Kartographie, Navigation, Schiffbauliteratur seit den frühesten Anfängen im 17. Jahrhundert, Forschungs- und Entdeckungsreisen, Maler der See, Belletristik, Enzyklopädien, Lexika der Seefahrt, aktuelle und ältere Zeitschriften sowie Schifffahrtsregister ist für Besucher nach Voranmeldung zugänglich. Das Maritime Museum ist auch eine der beliebtesten Event-Locations der Hansestadt. 500 Veranstaltungen richtete das Museum bereits aus – von der privaten Hochzeit, über den traditionellen Ham-

burger Hafenempfang bis zu Jubiläumsfeierlichkeiten und Tagungen großer Unternehmen. Ein eigenes Eventteam steht dem Kunden bei der Planung und Durchführung zur Seite. Das Angebot reicht von modernster Veranstaltungstechnik, die für Konferenzen mit mehrsprachiger Simultanübersetzung geeignet ist, bis zu phantasievollen Lösungen für Möblierung und Dekoration. Neben dem Deck 10 mit 600 Quadratmetern Fläche und einem phantastischen Blick über die Elbe und Hamburger Skyline, stehen fünf weitere Eventflächen zur Verfügung. Für Leben im Foyer sorgen zwei angeschlossene Restaurants und der Museumsshop, der in Kürze um die traditionsreiche Fachbuchhandlung WEDE mit ihrem umfangreichen Sortiment an maritimen Büchern, Karten und Modellen erweitert wird. Mit der Barkasse ins Museum Ganz stilgerecht kann der Besucher seit einiger Zeit das Museum auch auf dem Wasserweg erreichen. Der Anleger MARITIMES MUSEUM liegt direkt vor dem Haus und wird u. a. auch von der Maritimen Circle Line angefahren. Zu den Ausstellungsdecks: Deck 1 - Die Entdeckung der Welt: Navigation und Kommunikation Dank GPS findet man heute leicht den Weg in unbekannten Gegenden. Aber

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wie wusste der Kapitän eines historischen Segelschiffes, wo er war und wohin er fahren musste? Am Beispiel von Kompass, Astrolabium, Sextant und weiteren historischen Navigationsgeräten behandelt das Deck 1 die Themen Navigation und Kommunikation, u.a. mit Flaggen und Modellen von Lotsenschiffen und Leuchttürmen. Deck 2 - Mit dem Wind um die Welt: Schiffe unter Segeln Das Deck 2 gibt einen Überblick über die Fortschritte der Seefahrt von der Antike bis in das 20. Jahrhundert. Gezeigt werden zahlreiche Modelle von Segelschiffen. Nacheinander werden wichtige und spannende Kapitel aus dem Geschichtsbuch der Segelei aufgeschlagen und die Leistungen der Seefahrernationen wie der Spanier, Osmanen, Engländer und Niederländer besprochen. Eins hatten alle gemeinsam: Stets entschied der Wind, auf welcher Route und wie schnell ein Kapitän sein Ziel erreichte. Die Ära endet mit den Windjammern, den letzten kommerziellen Segelschiffen. Auf dem Zwischendeck lernen Sie die geheimnisvolle Bruderschaft der Cap Horniers kennen und begegnen den Schrecken der Meere: den Piraten. Deck 3 - Die Geschichte des Schiffbaus: Vom Handwerk zur Wissenschaft Schiffe und Boote sind eindrucksvolle Beispiele für das technische Wissen der Epochen und Regionen, in denen sie entstanden. Im Lauf der Jahrhunderte veränderten sich Material und Technik der Schiffsbauer, bis hin zum Antrieb der Schiffe vom Segel zum Motor. Wichtige Stationen auf dem Deck 3 sind u.a. das älteste Exponat im Maritimen Museum, ein Einbaum, die von William Keltridge 1684 angefertigten Schiffsbaupläne und das Modell einer Antriebsmaschine der “Titanic”. Erleben Sie im Zeitrafferfilm, wie auf der Werft von Blohm + Voss das Containerschiff “Cosco Panama” entsteht. Deck 4 - Dienst an Bord: Im Zeughaus der Geschichte Bestimmten das Rumfass und die neunschwänzige Katze den Alltag der Matrosen auf einem Segelschiff? Ein Seemann musste unter schweren Bedingungen harte Arbeit verrichten. Mit den Dampf-

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schiffen kamen ganz neue Aufgaben an Bord. Aber immer verbirgt sich dahinter ein streng organisiertes System. Auszüge aus Berichten von Zeitzeugen ergänzen die Ausstellungsobjekte. Deck 5 - Krieg und Frieden Marinen der Welt seit 1815 Mit der Entdeckung der Seewege nach Indien und Amerika beginnt auch das Zeitalter des Kolonialismus und der Aufstieg der europäischen Mächte zur Weltherrschaft: Wollen zunächst Spanien und Portugal die Welt unter sich aufteilen, so erwächst ihnen schon bald Konkurrenz in Gestalt von Frankreich, Holland und England. Später versucht das geeinte Deutschland, sich als Kolonialund Großmacht zu etablieren, scheitert aber im Ersten Weltkrieg und im Zweiten gar mir dem Griff nach der Weltherrschaft. Damit einher geht der Niedergang des britischen Empire und der Aufstieg der USA und Russland. Deck 5 zeigt diese historischen Prozesse. Deck 6 - Moderne Seefahrt: Handelsund Passagierschifffahrt Auf Deck 6 erfahren Museumsbesucher, wie sich der Gütertransport seit der Zeit der Dampfmaschinen verändert hat. Den größten Einschnitt stellt die Einführung des genormten 20-Fuß-Containers dar, der seit den 1960er Jahren die Standardisierung des Handels bestimmte und durch den der Besucher seinen Rundgang fortsetzt. Doch nicht nur der Handel bringt hohe Gewinne: Kreuzfahrten boomen wie kaum eine andere Schifffahrtsbranche. Lässt sich die Faszination dieser Seereisen nachvollziehen? Werfen Sie einen Blick in die Originalkabinen der “Hanseatic” und der “Sea Cloud II”, die im Museum ausgestellt sind. Deck 7 - Expedition Meer: Das letzte Geheimnis der Erde “Der Mond ist besser erforscht, als die Tiefsee”, sagt Museumsgründer Prof. Peter Tamm. Wie das Meer erforscht wird, welche Chancen, aber auch Gefahren der Ozean der Zukunft birgt, wird auf diesem Deck thematisiert. Die Expedition führt von den ersten Entdeckungs- und Forschungsreisenden wie James Cook, Georg Forster und Karl Chun zu den führenden Instituten der Meeresforschung, die sich mit ihrer Arbeit auf Deck 7 präsentieren.

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Deck 8 - Kunstsammlung: Marinemalerei und Schatzkammer Das Internationale Maritime Museum verfügt über eine große Sammlung Marinemalerei. Gemälde aus fünf Jahrhunderten, vom Aufkommen des Genres in den Niederlanden bis heute, verdeutlichen, dass Marinemalerei neben Kunst vor allem Berichterstattung war. Gezeigt werden unter anderem Werke von Jan Porcellis, Willem van der Velde, Lyonel Feininger und Karl Schmidt-Rottluff. Der zweite Teil des Rundgangs führt in die Schatzkammer: Schiffe aus Gold, Silber und Bernstein sowie die weltweit einzigartige Sammlung seltener Knochenschiffe. Deck 9 - Modelle: Die große Welt der kleinen Schiffe Auf diesem Deck finden Sie den Ursprung der Sammlung: Die Miniatur eines

Links: Goldschiff, Deck 8. Alle Fotos: © IMMH / Michael Zapf

Küstenmotorschiffs im Maßstab 1:1250. Mit diesem Modell fing vor über 80 Jahren alles an. Mittlerweile beherbergt das Museum über 40.000 Modelle aus aller Herren Länder, Seeschlachten und Hafenlandschaften im gleichen Maßstab. Der Größenvergleich zwischen einem Wikingerschiff und der Queen Mary 2 beeindruckt ebenso wie der Überblick über die Entwicklung verschiedenster Schiffstypen. Dioramen zeigen Werften und Häfen der Vergangenheit und der Gegenwart, so zum Beispiel die Anlagen in Bremerhaven mit 60.000 Containern. Derzeit in Arbeit ist ein aufwendig gestaltetes Diorama des Hamburger Hafens. Der Rundgang über Deck 9 fasst die gesamte Seefahrtsgeschichte in Kleinstformat zusammen.

Internationales Maritimes Museum Hamburg Peter Tamm sen. Stiftung Kaispeicher B, Koreastraße 1 (ehemals Magdeburger Straße) , 20457 Hamburg Telefon: +49 (0)40-300 92 300 E-Mail: info@imm-hamburg.de Internet: www.imm-hamburg.de

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Sprechende Texte in Museen Autor: Werner Becker Die App von museum.de wird momentan um eine kostenlose Funkton erweitert, mit der Audiobeiträge inclusive Diashows direkt über die Smartphones der Museumsbesucher abgespielt werden können. Das Angebot von museum.de funktioniert nicht nur im Museum, sondern jederzeit und überall. Die besondere Stärke liegt in der Einbindung der Gesamtheit aller Museen mit allen Besuchern. Man kommuniziert auf diese Weise über einen gemeinsam aufgebauten Kanal mit kulturinteressierten Menschen weltweit. Um Audioguides bei museum.de anlegen zu können, ist es erforderlich, sich als Museumsmitarbeiter im Datenpflegebereich (Backend) von museum.de einzuloggen. Im Backend werden die Tonspuren mit zusätzlichem Bild- und Textmaterial selbständig hochgeladen. Vorraussetzung dafür ist, dass die uneingeschränkten Nutzungsrechte der Inhalte beim Museum liegen. Wir möchten Sie auf dem Weg zum eigenen Audioguide bei technischen und inhalltlichen Fragen fachlich begleiten. Auf Seite 82 gibt es beispielsweise einen Artikel über „WLAN in Museen“. Möglicherweise kommen Ihre Gäste ohne vorinstallierte App ins Museum. Über einen kostengünstigen WLAN-Hotspot können Sie Ihren Besuchern einen Service anbieten, den sie schätzen werden. Um Sie bei der Erstellung von Audioguides auch inhaltlich zu unterstützen, haben wir einige Regeln für die erforderlichen Textvorlagen zusammengestellt. Bei Führungen bleiben viele Fragen unbeantwortet, da sich in der Menge nicht jeder getraut, seine Fragen zu stellen. Dabei sind die „dummen“ Fragen meist die interessantesten Fragen. „Von dem, was wir hören, behalten wir nur etwa 20 %, von dem was wir sehen, etwa 35 %. Demgegenüber erinnern wir schon ca. 50 % von dem, was wir sehen und hören.“ Es ist nicht immer einfach, einen Text zu

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schreiben, der auch museumsferne Menschen anspricht. Wissenschaftliche Fakten und wichtige Daten so einzustreuen, dass der Besucher nicht überfordert ist und interessiert bleibt, ist eine Herausforderung. Nach einer Statistik sind es 56% der Besucher, die aus Schaulust und Neugierde, bzw. für ein gemeinsames Kulturerlebnis in Museen gehen. Meist ist der erste Museumsbesuch der entscheidende für den zukünftigen Umgang mit Kultur im weitesten Sinne. Das gilt nicht nur für Kinder, auch Erwachsene müssen eine Barriere überwinden, um diesen Zugang zu bekommen. Vieles, was in ein paar Minuten erzählt wird, sollte Spaß an der Betrachtung machen, sollte Interesse wecken und Neues zeigen. Was sie brauchen, ist die narrative Freiheit. Vielleicht ist das „Floss der Medusa“ von Gericault ein gutes Beispiel dafür, wie Kunst - dem Betrachter, dem Hörer - den Spannungsbogen über 200 Jahre bis in die Jetztzeit erhält. Das Interesse steuert die Wahrnehmung Eins der großen Probleme der Jetztzeit ist es, bewusst zu lesen, bewusst zu zuhören. Lesen lernen und hören lernen sind keine Phrasen. Dies geschieht aber nur dann, wenn wir interessieren können. Da passt die Strategie der guten Verkäufer: Demonstration beats explaination. Die Vorführung über das Gehörte zum Bild sollte nicht an Erklärungen hängen bleiben, sondern Vorführen; in das Objekt eindringen, den Künstler verstehen. Die reinen Erklärungen können durch kurze Wandtexte vermittelt werden. Erklärungen halten nicht gefangen. Deshalb ist es wichtig, dass der sprachliche Duktus des Audioguidetextes so ausgerichtet ist, dass der Besucher sich angesprochen fühlt. Bei manchen Ausstellungen vermeint man, eine lineare Führung alleine sei durchaus ausreichend und es benötigt keinen weiteren Zugriff auf die Intention des Künstlers. Vielleicht stimmt dies für den interessierten Laien, aber für die große Masse ist dies eventuell zu wenig.

Es ist ratsam mit zwei Texten zu arbeiten. Zum Einen der informative Text -Wandtext-, der die Grundlagen vermittelt und der zum Anderen der Audiotext, der vertiefend auf diesen eingeht. Wichtig ist, dass das, was man vermitteln möchte, zum gezeigten Objekt passt. Eine Überladung für den Besucher durch zuviel Wandtext ist dabei genau so hinderlich, wie zu lange Texte für den Audioguide. Manche Wandtexte erfordern eine hohe Konzentration. Insbesondere Kinder und Kunsteinsteiger werden damit überfordert. Die Konzentrationsfähigkeit von Kindern im Alter von 5 bis 16 Jahren liegt zwischen maximal 15 bis 30 Minuten. Für viele Erwachsene ist eine längere Konzentrationsfähigkeit gegeben. Konzentration ist keine Eigenschaft, die immer und jederzeit vorhanden ist, sondern eine Fähigkeit, die in besonderem Maße von der Situation abhängt. Deshalb ist es auch wichtig, auf die Länge des Audiotextes zu achten. Ein Text für ein einziges Objekt sollte maximal 1 Minute nicht überschreiten. 120 Wörter entsprechen 1 Minute. Das gilt nicht für Texte, die sich auf Objektgruppen, Bereiche, Abteilungen, Saal, etc. beziehen. Diese können durchaus auf 2 Minuten, bzw. 2 Minuten und 30 Sekunden ausgebaut werden. Audiotexte sind wissenschaftlich fundiert, bleiben aber vom Text her nahe am interessierten Laien. Sie sind nicht mit Daten überladen und geben ein übersichtliches Bild über das Objekt, so dass der Besucher Zeit für eigene Interpretationen hat. Ein Audiotext sollte nicht hinterfragt werden, also keine Interpretationen oder Spekulationen enthalten, die der Besucher nicht nachvollziehen kann. Trotzdem müssen Audiotexte sprachlich einfach sein. Sprachliche Einfachheit bedeutet nicht inhaltliche Einfachheit. Der Audiotext hat wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen.


Die Schritte, die zum Audioguide führen: - Texterarbeitung (Recherche, Erarbeitung, Lektorat) - Umwandlung in einen Audiotext (Satzaufbau, Wahl der Wörter, Allgemeine Stilmittel) - Sprachaufnahme Wichtig ist es, dramaturgische Arbeit zu leisten, um aus einem geschriebenen Text einen sprechbaren „Hörtext“ zu gestalten: - Sätze sollten so kurz wie möglich sein. Vermeiden Sie verschachtelte Sätze.

Das gilt nicht für Fachbegriffe, denn sie sind notwendig. Wiederholungen vermeiden Redundanzen sind inhaltliche Dopplungen. Manche sind leicht zu erkennen wie „kreisrunde Knopfaugen“ oder „alter Greis“, andere werden erst im Kontext sichtbar. Kein Problem sind Wortwiederholungen. Sie sind sogar wünschenswert, da sie eine der wichtigen Funktionen für das Textverständnis darstellen.

„Sie kochte ihm für den Abend alles, was sie nur Stärkendes und Beruhigendes aufzutreiben wußte, in der Küche zusammen, bereitete und wärmte ihm das Bett, um ihn sogleich hineinzulegen, sobald er nur, an der Hand der Tochter, erscheinen würde, und schlich, da er immer noch nicht kam, und schon die Abendtafel gedeckt war, dem Zimmer der Marquise zu, um doch zu hören, was sich zutrage?”

Keine Anhäufung von Adjektiven

Heinrich von Kleist zeigt in “Die Marquise von O...”, dass man das Verschachteln von Sätzen sogar perfektionieren kann, jedoch ist ein solcher Satzbau für Hörtexte ungeeignet. Trotzdem kann es lange Sätze geben, um wichtige Zusammenhänge zu erklären. Sie sollten aber nicht verschachtelt und in einem verständlichen, einfachen Aufbau formuliert werden.

Adjektive sollten gezielt eingesetzt werden. Anstatt mit Adjektiven sollte man eher Verben arbeiten. Wo ein Verb den Dienst eines Substantivs übernehmen kann, sollte dies geschehen.

Fremdwörter In der Neuübersetzung des Buches „Brave new world“ des britischen Schriftstellers A. Huxley gibt es einige Begriffe, die man bei Audioguides nicht verwenden sollte. Beispielsweise wurde „to inoculate“ mit „vakzinieren“ übersetzt, anstatt den Begriff „impfen“ für ein einfacheres Verständnis vorzuziehen. Warum umständlich, wenn es auch einfach geht und zum besseren Verständnis beiträgt? Falls man auf den Gebrauch von Fremdwörtern nicht verzichten kann, sollten sie auch erklärt werden.

„Er erlag seinen schweren Verletzungen.“ Kann man leichten Verletzungen erliegen? „Eine steile Felswand erklimmen.“ Wäre sie nicht steil, wäre sie ein Hang und keine Felswand.

Informieren und einbinden - Informationen sollen präzise und verständlich sein. - Auf Füllwörter und Ausschmück ungen sollte verzichtet werden. Wichtig ist, dass man für den Besucher immer Zusammenhänge schafft, in denen er sich wieder findet, in denen er sich hinein versetzen kann. Gerne begleiten wir Sie bei der Planung und Erstellung Ihrer Tonspuren.

Werner Becker, museum.de www.museum.de kontakt@museum.de Tel: 02801-9833943

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Museen in den sozialen Medien – zwischen Kür und Pflicht Autorin: Tanja Neumann

Die sozialen Medien sorgen in den deutschen Museen immer noch für lebhafte Kontroversen: Die Arbeitszeit ist begrenzt, Aufgaben gibt es bereits mehr als genug. Das Engagement in den Online-Netzwerken ist kein direkter Ersatz für eine der anderen Tätigkeiten, es sind also nicht per se Ressourcen dafür verfügbar. Außerdem lässt sich in den wenigsten Fällen nachweisen, dass durch aktive Kommunikation im Internet die Besucherzahlen gesteigert werden können. Und trotzdem plädiere ich dafür, dass Museen an diesem Thema nicht vorbeikommen – und sich keinen Gefallen tun, wenn sie es versuchen.

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waren. Auch hier waren Nutzer ab 50 Jahren noch stark vertreten: 55 Prozent von ihnen nutzten bereits 2011 soziale Netzwerke, bis heute steigen die Zahlen jedes Jahr. Aus diesen Ergebnissen folgt eindeutig, dass Museen nicht mehr davon ausgehen dürfen, für ihre Zielgruppen sei das Social Web nicht relevant. Auch Häuser, deren Stammpublikum aus älteren Besuchern besteht, müssen zumindest genauer nachhaken, ob Facebook, Twitter und Co. für ihre Klientel wirklich noch Fremdworte sind. Selbst wenn Sie zu dem Schluss kommen, dass Sie nicht über die Ressourcen verfügen, um für Ihr Museum Profile im Social Web anzulegen, sollten Sie es nicht ignorieren!

Die Zielgruppen der Museen in den sozialen Medien

Die Pflicht: Hören Sie zu

Werbung ist so gut, wie sie gezielt ist. In anderen Worten: Museen sollten ihr Marketing-Budget dort investieren, wo ihre Zielgruppen anzutreffen sind. Es ist kein Geheimnis mehr, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen das Internet nutzt. Die BITKOM hat schon 2011 bei einer Analyse der Nutzung sozialer Netzwerke in Deutschland ermittelt, dass 74 Prozent der deutschen Onliner (damals drei Viertel der Deutschen) in mindestens einem sozialen Netzwerk angemeldet

Museumsbesucher sprechen heute nicht mehr erst nach ihrem Besuch mit einigen ausgewählten Bekannten. Es sind nicht mehr nur professionelle Journalisten, die Texte verfassen, die von anderen gelesen werden. Heute wird vor, während und nach des Museumsbesuchs darüber geschrieben. Natürlich können wir uns entscheiden, das zu ignorieren. Aber wie viele Museen kennen Sie, die keinen Pressespiegel erstellen oder zumindest ein Auge auf die Regionalzeitung haben? Ver-


mutlich kaum eines, und das aus gutem Grund. Schließlich wollen wir wissen, was über uns geschrieben wird. Wir möchten erfahren, welche Eindrücke Journalisten wie Besucher aus unseren Ausstellungen mitnehmen. Haben wir unser Vermittlungsziel erreicht? Gefällt die Gestaltung? Gab es Probleme, das Museum zu finden? Waren die Mitarbeiter, mit denen der Besucher oder Journalist Kontakt hatte, freundlich und kompetent? Auf diese Fragen und viele mehr sammeln wir Antworten, um daraus zu lernen und Rückschlüsse auf die Qualität unserer eigenen Arbeit zu ziehen. Außerdem möchten wir wissen, was geschrieben wird, damit wir darauf reagieren können, gerade auch im Falle negativer Kritik. Zeitungen und Zeitschriften sind längst nicht mehr die beste Quelle für die Beantwortung solcher Fragen. Neben der formellen Besucherbefragung, die in den meisten Museen nur sporadisch bis nie stattfindet und größere Mengen Zeit und Geld kostet, bieten sich die sozialen Medien an. Daher meine Empfehlung: Hören Sie zu! Selbst, wenn Ihr Museum (noch) nicht in den einschlägigen Netzwerken aktiv ist, sollten Sie ein offenes Ohr dafür haben, wo und wie über Sie gesprochen wird. Und wenn Sie aktiv sind oder es werden wollen, dürfen Sie keinesfalls in die Falle tappen, nur regelmäßig Meldungen abzusetzen und die Rückmeldungen darauf zu ignorieren. (Sollte es keine Rückmeldungen geben, ist das ein sehr deutliches Feedback. In diesem Fall sollten Sie dringend hinterfragen, warum die Antworten ausbleiben.)

Handys werden häufig dann gezückt, wenn ihre Besitzer etwas besonders spannend finden, wie hier in der Fondation Beyeler. Foto: © Tanja Neumann

Wenn Sie das Thema Social Media wirklich professionell angehen wollen, sollten Sie sich eingehend mit dem Thema Monitoring befassen. Die meisten Plattformen bieten integrierte Statistik-Tools, die Ihnen zumindest ein gewisses Level an Einblick bieten. Natürlich sind die Monitoring-Ergebnisse hilfreicher, wenn Sie sie mit den eigenen Erwartungen abgleichen können – in anderen Worten, wenn Sie über eine Strategie verfügen. Es ist eine große Erleichterung in der täglichen Arbeit, wenn Sie ein Budget für professionelle, plattformübergreifende Monitoring-Software bereitstellen können. Derartige Tools ermöglichen es Ihnen, ganze Kampagnen als Ganzes zu betrachten. Aber keine Sorge, falls Sie für ein kleineres Haus arbeiten: Sie sind es in allen Bereichen gewohnt, mangelnde Mittel durch etwas mehr Innovation und/oder Engagement

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auszugleichen, und vielleicht müssen Sie dank flacherer Hierarchien auch nicht unbedingt ein mit bunten Grafiken gespicktes Powerpoint-Reporting abliefern. Ich will die Bedeutung von Zahlen nicht herabsetzten – sie können wertvolle Erkenntnisse liefern -, aber sie sind bei Weitem

Das ist auch sehr empfehlenswert, wenn Sie noch vor der Frage stehen, ob und wo Sie anfangen sollen. „Social Media kostet kein Geld“ Vielleicht ist Ihnen die Formulierung im vorigen Absatz bereits aufgefallen. Na-

sein oder auch Menschen, die auf einem anderen Netzwerk wie Twitterer oder Instagram aktiv sind. Gehen Sie auf sie zu und laden Sie sie ein, über Ihr Haus zu berichten. Das geht auch per E-Mail, Sie sollten nur darauf achten, dass Ihr Angebot für die Zielperson tatsächlich inhaltlich relevant ist. Es ist außerdem immer eine nette Geste, eventuelle Reisekosten zu übernehmen – freier Eintritt sollte selbstverständlich sein, wenn Sie jemanden zu sich einladen und sich etwas von ihm erhoffen. Höflichkeit und das Internet

Foto: © Bert Bostelmann, bildfolio

nicht alles. Das beste Monitoring-Tool sind mit ein wenig Erfahrung Sie selbst. Sie werden schnell ein Gespür dafür entwickeln, wo Sie suchen müssen und welche Werte Sie wirklich benötigen. Die plattformeigenen Statistik-Tools sind alle kostenfrei nutzbar, und darüber hinaus gibt es einige kleine Tricks, die Ihnen im Alltag sehr nützlich sein können: 1. Nutzen Sie zum Zuhören (auch) Accounts, die nicht als offizielle Museumsaccounts erkennbar sind. Melden Sie sich zum Beispiel privat auf Facebook an, erfinden Sie ein witziges Pseudonym für Twitter, und suchen Sie dort gezielt nach den Themen Ihres Hauses. Sie werden unter Umständen überrascht sein, wie viel Sie finden. 2. Wenn Sie kompensieren müssen, dass Sie nicht überall unterwegs sein können, gibt es praktische Werkzeuge wie Google Alerts und Social Mention zu Ihrer Unterstützung. Auf diese Art können Sie – ohne Geld auszugeben – Monitoring betreiben und ein Gefühl dafür entwickeln, wo Sie Ihre Zielgruppen erreichen könnten und welche Art der Ansprache wirksam wäre.

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türlich kostet Ihre Arbeitszeit Geld, daran geht kein Weg vorbei. Das Monitoring – oder auch die Betreuung der Social-Media-Kanäle – sollte trotzdem keine Aufgabe für Praktikanten oder ungeschulte Ehrenamtliche sein. Natürlich können Sie sich helfen lassen, aber Sie sollten nicht aus den Augen verlieren, dass es sich um Außenkommunikation handelt. Jemand, dem Sie keinen Pressetermin anvertrauen würden, sollte auch nicht eigenverantwortlich das Haus in den sozialen Medien vertreten. Ohne ein hohes Maß an Einblick (und hoffentlich strategisches Denken) kann man schnell durch ungeschickte Kommunikation einen schlechten Eindruck hinterlassen. Und welche Erkenntnisse soll jemand bei der Analyse der Social-Media-Kommunikation gewinnen, der mit dem Haus und seinen Zielen nicht bestens vertraut ist? Sicherlich keine, die Ihnen bei Ihrer Arbeit weiterhelfen. Sie werden beim Zuhören ein Gefühl für die Sprache und Tonart der einzelnen Netzwerke entwickeln, typische Gepflogenheiten kennenlernen und vermutlich auch auf Menschen stoßen, die als Influencer interessant für Ihr Haus sind oder werden könnten. Das können Blogger

Als „vernetzte Besucher“ bezeichne ich Menschen, die ein Smartphone oder Tablet mit sich führen und über so viel Interesse an Museen verfügen, dass Sie sich über sie äußern. Wie eingangs dargelegt, ist das bereits jetzt eine Mehrheit der Deutschen, und die Tendenz ist steigend. Vernetzte Besucher sind es durch die Nutzung sozialer Netzwerke gewohnt, sich auch mit Firmen oder Institutionen schnell kurzschließen zu können. Sie gehen nur noch im Notfall den Weg, die E-Mail-Adresse eines Ansprechpartners herauszusuchen und einen vollständigen Text zur Kontaktaufnahme zu verfassen. Es erscheint ihnen unkomplizierter und auch persönlicher, sich an die Auftritte in den sozialen Medien zu wenden. Ignoriert man diese Kontaktaufnahmen, reagieren vernetzte Besucher auch schon mal unwirsch. Für sie gehört es heute zum Service, über derartige Kanäle jemanden erreichen zu können. Gleichzeitig bietet der Besuch solcher Menschen eine große Chance für das Museum: Sie sind Multiplikatoren, deren Fürsprache schwer wiegen kann. Ihre Empfehlung gilt im Freundes- und Bekanntenkreis mehr als der Artikel eines unbekannten Journalisten. Außerdem sind sie Quellen für ein weitgehend ungefiltertes, unverstelltes Feedback, aus dem das Museum wertvolle Rückschlüsse ziehen kann. Erfolgt eine Kontaktaufnahme durch einen Besucher über soziale Netzwerke, sollte man als Museum unbedingt zeitnah darauf reagieren, selbst wenn sie trivial erscheint. Ein „Es war schön bei euch!“ über Twitter oder Facebook wird von Museen häufig ignoriert, weil es sich dabei nicht um eine direkte Frage handelt. Doch übertragen Sie die Situation einmal auf eine Begegnung im Museum: Ein Besu-


cher verlässt das Haus, bleibt noch mal am Tresen stehen und sagt: „Es war schön bei euch!“. Die natürliche Reaktion des Mitarbeiters am Empfang wäre doch nicht, den Besucher zu ignorieren und weiter zu kassieren. Stattdessen hebt man fast automatisch den Blick und bedankt sich für das nette Feedback, im Idealfall mit einem Lächeln. Warum sollte man im Internet anders kommunizieren als bei einer physischen Begegnung? Bereiten Sie Ihr Haus auf den Besuch vernetzter Besucher vor Mit Hilfe einiger Maßnahmen kann man erreichen, dass vernetzte Besucher sich im Museum wohl fühlen. Das gilt selbst dann, wenn Ihr Museum auf keinem der Kanäle vertreten ist. Falls es über Profile verfügt, sind Ihre Möglichkeiten natürlich noch besser. Hier einige bewährte Ideen: Handy-Verbote werden nicht mehr bedingungslos akzeptiert. Sie können das Telefonieren verbieten und auch verlangen, dass die Handys auf Lautlos geschaltet werden. Jemanden daran zu hindern, eine Nachricht zu schreiben, ist so gut wie

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unmöglich. Es zu versuchen, sorgt für gedrückte Stimmung. Foto-Verbote sind im Zeitalter der Smartphones schwer durchzusetzen. Dort, wo es keine zwingenden Gründe gibt, das Fotografieren zu verbieten, sollten Sie es erlauben. Die Besucher freuen sich und machen kostenlose Werbung für Ihr Haus, indem sie Fotografien im Netz verbreiten.

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Falls Sie zeitgenössische Kunst zeigen und keine Möglichkeit sehen, das Fotografieren zu erlauben, hängen Sie trotzdem nicht einfach ein Verbotsschild an die Tür. Kennzeichnen Sie stattdessen klar, was genau verboten ist. Geht es nur um einzelne Werke? Dann markieren Sie diese. Ist das Fotografieren von Personengruppen oder das Schießen von Selfies erlaubt? Kommunizieren Sie das und stellen Sie sicher, dass die Aufsichten über diese Details informiert sind.

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Wenn Besucher auf Foursquare oder einem anderen Dienst im Museum einchecken und das so kommunizieren, dass Sie es sehen können, begrüßen Sie sie - und

wenn es nur über das Favorisieren eines Check-in-Tweets sein sollte. Hängen Sie im Eingangsbereich und gerne auch in anderen Bereichen des Hauses Hinweise auf Ihre Social-Media-Aktivitäten aus, soweit vorhanden. Und selbst, wenn Sie nicht aktiv sind: Es schadet nichts, wenn Sie Hashtags (Schlagworte) festlegen, mit denen über Ihre Ausstellungen kommuniziert werden soll. Sie können diese auswerten und so viel leichter mitbekommen, worüber gesprochen wird.

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Achten Sie bei Veranstaltungen wie Podiumsdiskussionen oder Vorträgen mal auf das Publikum: Sehen Sie Smartphones, Tablets oder Laptops? Dann legen Sie für zukünftige Veranstaltungen unbedingt einen Hashtag fest und lesen Sie auf Twitter mit. Wenn Sie nicht twittern, bitten oder beauftragen Sie jemanden, die Twitter-Aktivitäten für Sie im Auge zu behalten. Es ist sehr lohnend, in solchen Situationen einen Moderator zu stellen.

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Nehmen Sie Hinweise auf Ihre Profile (soweit vorhanden) in Ihre Flyer, auf Ihre Website und auch überall sonst auf.

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Museumspädagogik Vermitteln & Kuratieren

Berufsbegleitender Lehrgang: Museum in der Vermittlungs- und kuratorischen Praxis Vier Module im Zeitraum von Oktober 2015 bis Herbst 2016 In Kooperation mit den Staatlichen Museen zu Berlin | Bildung und Vermittlung

Alle Welt im Museum: Museen, Migration und kulturelle Vielfalt

Zertifikatslehrgang zum Sammeln, Ausstellen und Vermitteln Vier Workshops im Zeitraum von November 2015 bis Februar 2016 Erarbeitet in Kooperation mit dem Deutschen Museumsbund e.V. Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel Programmbereich Museum | www.bundesakademie.de Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter

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Wenn Sie zum Beispiel aktiv twittern, hängen Sie gerne eine Twitterwall auf, auf der alle Tweets zur Ausstellung zusammenlaufen. So sehen auch andere Besucher, worüber gesprochen wird. Ähnlich können Sie auch mit auf Instagram geposteten Fotos verfahren.

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Sobald ein Besucher über die sozialen Medien Kontakt mit Ihnen aufnimmt, antworten Sie ihm. Wie schon erwähnt, gelten auch im Social Web die Regeln der Höflichkeit. Und wer sich ignoriert fühlt, bekommt einen schlechten Eindruck – und kommuniziert diesen.

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Sorgen Sie dafür, dass alle Mitarbeiter, die in direktem Kontakt mit Besuchern stehen, über die Linie des Hauses informiert sind. Wenn Sie sich über Tweets aus Ihren Ausstellungen freuen, wäre es schade, wenn eine übermotivierte Aufsicht das Handy verbieten würde.

Erklären Sie den Begriff „Blogger“. Wenn sich jemand am Tresen als Blogger vorstellt, sollte er wie ein Journalist behandelt werden. Es schadet absolut nichts, freien Eintritt zu gewähren, und Sie sollten Infomaterial anbieten. Blogger legen noch größeren Wert auf eigene Bilder als Journalisten. Sie sollten im Interesse der Berichterstattung also eine Fotoerlaubnis ausstellen, wenn das Fotografieren nicht sowieso erlaubt ist. Im Gegenzug können Sie den Blogger problemlos bitten, seine Kontaktdaten und die Adresse seines Blogs zu hinterlassen – das würden Sie von einem Journalisten schließlich auch verlangen.

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Die Nutzung sozialer Medien durch Museen: Ziele Wenn Sie soziale Netzwerke aktiv nutzen, kennen Sie sich bereits aus. Sobald Sie eine Weile aktiv zugehört haben, auch.

Das historische museum frankfurt kommuniziert aktiv in den sozialen Medien und lädt auch regelmäßig Twitterer in seine Ausstellungen ein. Foto: © historisches museum frankfurt

Trotzdem geraten erfahrungsgemäß im Alltag gelegentlich Dinge in den Hintergrund, daher lohnt es sich immer, das eigene Handeln noch mal zu überprüfen. Für die Nutzung des Social Web durch Museen gibt es leider kein Patentrezept, das für alle funktioniert. Welche Netzwerke Sie nutzen sollten, was genau Sie dort veröffentlichen und wie viele Beiträge in welcher Frequenz notwendig sind, muss individuell entschieden werden. Wichtig ist, dass Sie möglichst strategisch vorgehen. Überlegen Sie genau, welche Ziele Sie erreichen wollen und achten Sie darauf, dass diese sowohl realistisch als auch überprüfbar sind. Die häufigsten Wünsche dürften die Erschließung neuer Zielgruppen sowie die Steigerung der Besucherzahlen sein. Beides ist in einem gewissen Rahmen möglich, wenn die Parameter stimmen: Sollten Sie zum Beispiel gezielt Jugendliche ansprechen wollen, achten Sie darauf, dass Ihre Social-Media-Nutzung diesem Ziel entspricht. Wählen Sie für Jugendliche relevante Kanäle, richten Sie die Ansprache auf diese Zielgruppe aus, und wählen Sie die Inhalte passend. Und verlieren Sie nicht aus den Augen, was geschieht, wenn Ihre Strategie Erfolg hat! Denn wenn Sie es tatsächlich schaffen, verstärkt Jugendliche in Ihr Haus zu locken, brauchen Sie dort dann auch die passenden Angebote. Andernfalls verläuft der erste und einzige Besuch enttäuschend, und Ihre Anstrengung hat keinen nachhaltigen Erfolg. Bei der Steigerung der Besucherzahlen müssen Sie im Hinterkopf behalten, dass Ihre Aktivitäten im Internet automatisch überregional wahrgenommen werden. Sie sollten also auch Angebote für Interessierte machen, die nicht (oder zumindest nicht so bald) zu Besuchern werden

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können. Dennoch können diese Personen sich mit Ihren Inhalten auseinandersetzen, was dem Bildungsauftrag eines Museums entspricht. Außerdem sollten Sie etwas Geduld mitbringen: Das Angebot an Freizeitaktivitäten ist groß. Es kann dauern, bis Interessierte die Zeit finden, Ihr Haus tatsächlich zu besuchen, selbst wenn sie es wahrnehmen und sich interessieren. Sofern Sie dann aber tatsächlich vorbeikommen, wäre es förderlich, wenn das in Ihre Statistiken einfließen könnte. Häufig haben Museen deshalb keinerlei Zahlen, wie viele Besucher über soziale Netzwerke zu ihnen finden, weil die Besucher nicht gefragt werden. Bei Besucherbefragungen sollte die Frage nach den Online-Aktivitäten deshalb keineswegs vergessen werden. Außerdem hilft der Vergleich mit anderen Maßnahmen: Wissen Sie, wie viele Besucher das neue Plakat oder die letzte Anzeige in dieser oder jener Zeitung Ihnen gebracht haben? Im Vergleich dazu haben Sie bei den sozialen Medien sogar bessere Chancen auf Rückmeldungen, vorausgesetzt, Sie hören zu. Die Auswahl der Plattformen Wo Sie kommunizieren sollten, hängt im Wesentlichen von drei Fragen ab: 1. Wo finden Sie Ihre Zielgruppe(n)? 2. Welche Arten von Inhalt können Sie anbieten? 3. Wie viel Zeit/welches Budget haben Sie zur Verfügung? Die erste Frage können Sie vermutlich schon nach einer kurzen Phase des aktiven Zuhörens beantworten. Dort, wo über Sie gesprochen wird, sollten Sie auf jeden Fall präsent sein. Darüber hinaus helfen Statistiken über die Nutzung einzelner Netzwerke durch bestimmte Altersgruppen, demografische Gruppen, Interessensverbände… Konzentrieren Sie sich nicht automatisch auf Facebook und YouTube, weil die Nutzerzahlen hoch sind – auch Dienste wie Instagram, Pinterest und einige andere bergen großes Potenzial für Museen. Die Antwort auf die zweite Frage hängt von Ihrem Team ab. Wenn Sie kein Ein-Mann-Unternehmen sind, sollten Sie auch das Thema Social Media nicht allein angehen. Man muss nicht in der Pressestelle, nicht einmal in der Öffentlichkeitsarbeit tätig sein, um interessante Inhalte liefern zu können. Restauratoren haben ihre ganz eigene Perspektive auf die Sammlung, Besucherbetreuer und auch

der Haustechniker können spannende Geschichten aus dem Museumsalltag erzählen, und die Bedeutung der Kuratoren in diesem Zusammenhang dürfte unstrittig sein. Holen Sie möglichst viele Kollegen, unbedingt aber die Entscheidungsträger mit ins Boot. Rückhalt im Haus ist unbezahlbar. Achten Sie darauf, welche Inhalte Sie bereits haben: Gibt es Fotografien, die Sie verwenden dürfen, oder können Sie sie machen? Zählen gute Autoren zum Kollegenkreis, die ihren Stil dem Schreiben für soziale Netzwerke anpassen können und wollen? Das wären zum Beispiel gute Voraussetzungen für ein Blog. Natürlich müssen Sie auch gezielt Inhalte erstellen, die für Ihre Zielgruppe passend sind. Aber öffnen Sie keinen YouTube-Channel, wenn Sie nur einmal im Jahr ein Video drehen können. Mit solchen Entscheidungen setzen Sie sich und die Kollegen nur unter Druck und enttäuschen Ihre Follower. Wenn Sie mit Hilfe der ersten beiden Fragen festgelegt haben, wo Sie präsent sein sollten und können, geht es mit der dritten Frage ans Eingemachte. Jeder Kanal, den Sie aufmachen, kostet Zeit für die Betreuung, und die Inhalte können schnell ebenfalls Geld kosten – Filme wären das offensichtlichste Beispiel. Es ist ratsamer, klein anzufangen und sich zu steigern, als spontan eine Vielzahl von Kanälen anzulegen und dann festzustellen, dass dort seit einem Jahr nichts veröffentlicht wurde. Alle Profile müssen regelmäßig aktualisiert werden, damit potenzielle Besucher dort nicht zuerst auf veraltete Informationen stoßen. Ein Social-Media-Auftritt hat nur eine Wirkung im Sinne Ihrer Strategie, wenn Sie dort zumindest ein Grundrauschen aufrechterhalten können. Noch wichtiger ist, dass Sie überall sehr regelmäßig nachschauen, ob es Kontaktaufnahmen gegeben hat – denn das Potenzial sozialer Medien ist weniger die Reichweite als der Dialog.

tig dem Beziehungsaufbau und der Vernetzung dienen. Sie sind daher ein wertvolles Instrument; aber das ist der zweite Schritt. Erst wenn die Basis gemeistert ist – der tägliche souveräne Umgang mit den Wortmeldungen vernetzter Besucher -, dann können sie Erfolg haben. Jemand, den Sie gestern noch auf Twitter ignoriert und damit vor den Kopf gestoßen haben, wird morgen nicht an Ihrem Tweetup teilnehmen und für Sie Werbung machen wollen. Verlieren Sie nicht aus den Augen, dass Ihre Gäste ihre Freizeit für diese Veranstaltungen opfern. Wählen Sie deshalb Termine am Wochenende oder – besser noch – nach Feierabend, verlangen Sie auf keinen Fall Eintritt und sorgen Sie dafür, dass das Event unterhaltsam ist. Selbst wenn Sie eine Ausstellung zu einem ernsten Thema wie dem Ersten Weltkrieg vermitteln wollen, spricht nichts gegen ein zwangloses Get-together mit Drinks und Häppchen im Anschluss, bei dem Ihre Gäste Sie besser kennenlernen und sich auch untereinander vernetzen können. Denn genau das ist das Wesen der sozialen Medien: Es geht um Dialog und Beziehungen.

Autorin: Tanja Neumann, M.A. Medienwissenschaftlerin Social Media Managerin (IHK) Tanja Neumann ist Medienwissenschaftlerin und Social Media Managerin. Sie unterstützt Museen bei Projekten rund um das Social Web und bloggt auf museumstraum.de.

Die Kür: Besondere Veranstaltungen für das Netzwerk Wenn Sie es geschafft haben, sich eine eigene Community aufzubauen, dann ist der Zeitpunkt gekommen, über besondere Aktionen für sie nachzudenken. Veranstaltungen wie Tweetups, Blogger-Treffen oder InstaMeets, die gezielt vernetzte Besucher adressieren, können punktuell die Reichweite des Museums in den sozialen Netzwerken enorm steigern und langfris-

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KUNST | STOFF – das tim steht Kopf Interventionen im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim). 22.Mai bis 29.November Autor: Dr. Karl Borromäus Murr

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Das 2010 eröffnete Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) versteht sich von Beginn an nicht lediglich als ein Museum, sondern vielmehr als ein Laboratorium der Moderne. Dieses museale Selbstverständnis speist sich aus einem zweifachen Motiv, das sich zum einen auf die Vergangenheit und zum anderen auf die Gegenwart richtet. In historischer Perspektive zeichnet das tim am Beispiel der heimischen Textilindustrie einen exemplarischen Weg Bayerns in die Moderne nach, die von einer bis dahin unvorstellbaren Beschleunigung aller Lebensbereiche gekennzeichnet ist. Jedoch sind die vielfältigen Ambivalenzen dieser Moderne – wie allenthalben in der westlichen Welt – bis in die Gegenwart hinein zu spüren. Dabei stehen Kapitalismus, materieller Reichtum und individuelle Freiheit der sozialen Entfremdung, wachsenden Umweltzerstörung und global ungleich verteilten Chancen gegenüber. Profitierte die Augsburger Tex-

Linke Seite: KRYPTOGRAMM.15.002, 2015 von Christine Ott Oben: HOSTAGE - SUSPENDED BETWEEN IMPRSONMENT AND ASPIRATION FOR FREEDOM, 2015 von Elizabeth Aro Links: PENDULUM (Tanzperformance mit Videoprojektion), 2015 von Eva Ruhland

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tilindustrie anderthalb Jahrhunderte lang von der ökonomischen Dynamik der Moderne, wurde sie seit den 1960er Jahren zum Opfer genau dieser Steigerungslogik einer global operierenden Wirtschaft. Das tim, das inmitten des städtebaulich sich tiefgreifend wandelnden Textilviertels liegt, verfolgt den Aufstieg und Niedergang der Textilindustrie nicht als ein unbeteiligter Chronist, sondern sieht sich vielmehr von den Folgen produktiv herausgefordert. So gilt es unentwegt, der Vergangenheit neuen Sinn zu verleihen – ganz im Dienste einer lebenswerten demokratischen Gesellschaft. Als Laboratorium der Moderne versucht das tim, einen Beitrag zu leisten, nicht nur die Moderne mit all ihren Ambivalenzen zu verstehen, sondern die aus ihr resultierenden Wandlungsprozesse zu reflektieren, ja dieser Reflexion in seinem Haus sprichwörtlich Raum zu geben – in der Form von Ausstellungen, Foren, Lesungen, Konzerten, Philosophy Slams etc. Das tim lädt damit die Zivilgesellschaft zur Partizipation ein, an der Entwicklung einer lebenswerten Stadt nicht nur teilzuhaben, sondern mitzuwirken. Es offeriert Oben Links: NEURONERV, 2015 von Carolina Kreusch Unten Links: HEURE COUTURE - PENDULUM (Modellkleider Dezima, Nona, Parca), 2015 von Eva Ruhland Oben: ATHENAE, 1998 von Stefanie Unruh Rechts: WÜHLTISCH (Detail), 2015 von Felix Weinold Unten: POST DJERASSY, 2007 von Manfred Mayerle

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ein vielfältiges Experimentierfeld, das auf der Grundlage eines erweiterten Kulturbegriffes Appropriationsprozesse von Geschichte und Kunst jenseits einer bloß bildungsbürgerlichen Selbstvergewisserung anbietet. Lange Zeit dienten Museen lediglich dazu, bestehende Identitäten von Gesellschaft und Politik zu reproduzieren. Mit Michel Foucault lässt sich das Museum jedoch als eine Heterotopie begreifen. Das sind Orte, die als „Gegenplatzierungen oder Widerlager“ zur gegenwärtigen Gesellschaft dienen, als „tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können“. In diesem Sinne legt Peter Sloterdijk dem Museum die Aufgabe nahe, als eine „Schule des Befremdens“ zu wirken, die sich heraufordern lässt von der Alterität der Welt, um in diesem Licht Dinge, Verhältnisse, Strukturen, Verfasstheiten neu zu sehen, zu erleben und zu erfahren. In diesem Kontext ist die Idee zu der Aus-

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stellung KUNST | STOFF entstanden. Das tim wagt mit dieser Schau eine neue Positionsbestimmung. Dazu hat das Museum eine ganze Reihe von Künstlerinnen und Künstlern eingeladen, ästhetische Interventionen in den Parcours seiner ohnehin stark inszenierten Dauerausstellung zu setzen – Interventionen, die die bestehenden Narrative des Museums zuspitzen, erweitern, aufbrechen, unterlaufen etc. Die Ausstellung KUNST | STOFF zeigt etwa 30 Werke von 17 Künstlerinnen und Künstlern respektive Künstlerkollektiven, die größtenteils neu entstanden sind. Allein schon die gattungsmäßige Vielfalt der Arbeiten, die von der Malerei, Plastik über textile Arbeiten verschiedenster Art bis hin zu visueller Poesie, (interaktiven) Multimedia-Projekten und zu Guerilla Knitting reichen, legt nahe, dass der klassische und häufig genderspezifisch enggeführte Begriff der Textilkunst viel zu eng gefasst ist, um die Mannigfaltigkeit der in Rede stehenden Werke treffend konzeptualisieren zu können. Verschiedene Projekte nutzten zudem die

Oben: ATTACKE! AUF INS GEFLECHT, 2013 v. Louisen Kombi Naht & Militärhist. Museum der Bundeswehr, Dresden Rechts: DISTANZ, 2015 von Michael Krause Alle Fotos: © Felix Weinold

Einladung des tim, mit den hauseigenen Webstühlen Kunstobjekte zu erarbeiten. Als Interventionen gedacht, finden sich die künstlerischen Arbeiten in den Parcours der bestehenden Dauerausstellung integriert, greifen jedoch auch auf das Foyer des Museums aus und beziehen darüber hinaus den Außenraum beziehungsweise eine leerstehende Industriehalle auf dem Gelände mit ein. Viele Arbeiten treten in einen unmittelbaren Dialog mit konkreten Exponaten, Ausstellungseinheiten oder musealen Inszenierungen, setzen Kontrapunkte oder beziehen kritisch Stellung. tim | Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg Provinostraße 46, 86153 Augsburg http://www.timbayern.de


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WLAN in Museen Autor: Christoph Becker Multimediale Präsentationen sind bereits seit langem ein integraler Bestandteil in Museen und Ausstellungen. Die attraktive Vermittlung von Wissen und Informationen direkt an den Exponaten über Sprache, Video oder auch Animationen und Grafiken sorgt für ein abwechslungsreiches Erleben der Ausstellung und bietet Anreize für alle Altersstufen. Durch die hohe Verbreitung mobiler Geräte, wie beispielsweise Smartphones und Tablets, bietet sich ein schier endloses Feld an neuen Präsentationsmöglichkeiten. Dies stellt neue oder zusätzliche Anforderungen an die IT-Infrastruktur, um den Besuchern schnell und störungsfrei die Services und Inhalte zur Verfügung stellen zu können. Die Verwendung von mobilen Endgeräten als Präsentationsfläche für Informationen und als Wiedergabegerät für Audio- oder Videoinhalte ist eine sehr reizvolle Möglichkeit, den Besuchern die Exponate einer Ausstellung noch intensiver näherzubringen. So besteht die Möglichkeit, Museumsbesuche bereits zu Hause zu planen und vorzubereiten. Mediale Inhalte können im Vorfeld auf das Handy oder

Tablet gespielt werden und dabei kann die breitbandige Verbindung des eigenen DSL- oder Kabelanschlusses genutzt werden. Das kostbare Datenvolumen des Mobilfunkvertrags wird nicht belastet. Was aber, wenn der Besuch spontan erfolgt oder der Besucher erst im Museum von den Möglichkeiten der Nutzung eigener mobiler Geräte erfährt? Dann stellt sich oftmals die Frage, ob das verhältnismäßig teure Datenvolumen belastet werden soll oder die Dienste ungenutzt bleiben. Museen können Ihren Besuchern hierbei einen entscheidenden Mehrwert bieten, indem sie ihnen einen performanten Internetanschluss zur Verfügung stellen. Am Anfang ist das Netz Damit Besucher den Internetzugang eines Museums nutzen können, benötigen sie Zugriff auf das Netzwerk. Dies geschieht bei mobilen Geräten in der Regel über drahtlose Netze, sogenannte WLANs (kurz für Wireless Local Area Network). Ein WLAN Access Point (auch kurz AP) stellt die entsprechende Schnittstelle zur Verfügung und strahlt das WLAN Signal aus. An einen Access Point können sich mehrere Nutzer gleichzeitig anmelden

und so Zugriff auf das Internet oder speziell ausgewählte Inhalte erlangen. Die Access Points werden per Kabel an einen Netzwerk-Switch oder direkt an einen Internet-Router angeschlossen. Sie können hierbei auch über den Switch mit Strom versorgt werden, so dass am Installationsort des Access Point nicht zwangsläufig eine Stromsteckdose vorhanden sein muss. Die Dimensionierung der Access Points und der restlichen Hardware sollte an die zu erwartende Anzahl an Nutzern angepasst sein, kann aber auch nachträglich jederzeit noch erweitert werden, so dass mit wachsenden Ansprüchen auch das Netzwerk wachsen kann. Das ermöglicht eine problemlose Installation in der Anfangsphase mit der Möglichkeit, später, falls erforderlich, noch zusätzliche Komponenten zu installieren. Die Konfiguration der Access Points kann direkt über die Weboberfläche des Geräts geschehen. Kommen mehrere Access Points zum Einsatz, so kann durch die Verwendung einer zentralen Management-Software die Konfiguration synchronisiert und so wesentlich vereinfacht werden. Bei noch größeren Umgebungen können WLAN Controller dieses Management übernehmen. Auch ist so der Zugriff auf das Netzwerk von außen realisierbar, um beispielweise einen externen IT-Dienstleister mit der Pflege und Wartung des Netzes zu beauftragen, falls dies nicht durch eigenes Personal erledigt werden kann. Sicherheit ist das oberste Gebot Viele drahtlose Netzwerke werden heutzutage nicht oder nur unwesentlich geschützt betrieben. Dabei gilt es, ausschließlich berechtigten Personen, wie Gästen oder Angestellten, den Zugriff auf das WLAN zu erlauben. Wird ein Netzwerk unzureichend oder überhaupt nicht abgesichert, kann es sein, dass der Betrei-

Über eine Whitelist werden Websites für den exklusvien Zugriff eingetragen: Z.B. a) Homepage des Museums b) www.museum.de c) https://www.apple.com/itunes/ d) https://play.google.com/store

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ber im Rahmen der sogenannten Störerhaftung beispielsweise für Urheberrechtsverletzungen haftbar gemacht wird. Es existieren mehrere Lösungen, ein Wireless LAN gegen unberechtigte Zugriffe zu schützen. Die Verschlüsselung des Verkehrs mit einem fix definierten Passwort ist eine Möglichkeit. Bei der WPA2 Verschlüsselung mit preshared Key muss das Passwort jedoch in kurzen Abständen regelmäßig geändert werden, um Missbrauch zu vermeiden. Sicherer geht es über ein Ticket-System, welches für jeden Anwender ein zeitlich begrenztes und nur für ihn gültiges Ticket ausstellt. Mit den auf dem Ticket vermerkten Zugangsdaten loggt sich der Anwender im Wireless LAN ein und wird für den entsprechend gebuchten Zugriff auf das Netzwerk bzw. das Internet freigeschaltet. Dabei kann auch geloggt werden, welcher Anwender wann online war. Eine Wireless LAN Infrastruktur bietet sich natürlich auch an, um Angestellten Zugang zu internen Ressourcen zu geben und um Applikationen wie beispielsweise Bestellsysteme im angegliederten Restaurant zu realisieren. Solche internen und teilweise sensiblen Systeme gilt es, von den Gästen und externen Anwendern zu trennen. Dies ist problemlos über unterschiedliche Netzwerksegmente, sogenannte virtuelle LANs oder kurz VLANs, machbar. Sowohl die Access Points als auch die Netzwerkswitche, an welche die Access Points angeschlossen werden,

Flexible Lösungen für alle Anforderungen und Budgets

den. Geeignete Typen gibt es bereits für einen Anschaffungspreis weit unter 100 Euro, beispielsweise den D-Link DAP2310, welcher bereits VLAN Support und Multi-SSID mitbringt und über die, kostenfrei herunterladbare Software Central WifiManager (D-Link CWM-100) zentral konfigurierbar ist. Wachsen die Anforderungen, kommen Access Points mit zwei Funkfrequenzen in Betracht, die auch bereits den aktuellsten WLAN Standard Wireless AC unterstützen und über PoE mit Strom versorgt werden können (D-Link DAP-2660). Passende Ethernet-Switche mit PoE gibt es bereits für knapp über 100 Euro, beispielsweise den DGS-110008P. Auch hier gibt es weitere, größere Modelle, welche mit mehr Ports und PoE Leistung daher kommen. Als Router mit VLAN Unterstützung und Webseiten-Filterung kommen die D-Link Service Router der DSR Serie in Frage (DSR-250N, DSR500N oder DSR-1000N). Sie bieten zusätzlich Firewall und VPN Funktionen, mit Hilfe deren ein externer Zugriff auf das Netzwerk realisiert werden kann. Mit solchen flexiblen Möglichkeiten ist der Einstieg in eine WLAN Umgebung sehr einfach sowie kostengünstig möglich und zugleich profitieren die Museumsbesucher von einem intensiven Ausstellungserlebnis.

Abgestimmt auf die Bedürfnisse eines Kunden kann eine WLAN Lösung flexibel dimensioniert werden. So kann mit der Versorgung des Eingangsbereiches (Kassen, Infostand etc.) begonnen und dort einzelne Access Points platziert wer-

Autor: Christoph Becker, Senior Consultant Business Development & Product Marketing Management, D-Link (Deutschland) GmbH http://www.dlink.com/de/de dce-vertriebsanfrage@dlink.com

müssen diese Funktion unterstützen. Der Access Point sendet dabei mehrere Funknetze (SSIDs) aus und trennt diese in die unterschiedlichen VLANs auf. So kann ein Gast nicht auf die internen Systeme zugreifen, bekommt aber zugleich Zugriff auf das Internet und ausgewählte Ressourcen wie beispielsweise Drucker. Eine weitere Möglichkeit, Missbrauch zu verhindern, ist die Begrenzung der Zugriffsmöglichkeiten auf das Internet. Sollen über das WLAN beispielsweise ausschließlich multimediale Inhalte des Museums bereitgestellt werden, so kann der Zugriff ausschließlich auf diese Webseiten erlaubt werden. Dies geschieht über sogenannte Webseiten-Filter und Whitelists, wie in dem Bild auf der linken Seite zu sehen ist. Des Weiteren bieten HotSpot Anbieter teilweise eine Haftungsfreistellung an. Gäste im WLAN surfen über die Netze dieses Dienstleisters und der Betreiber des WLAN kann nicht in die juristische Verantwortung genommen werden, da nur die IP-Adressen des HotSpot Anbieters erscheinen, nicht aber die des WLAN Betreibers.

Access Points

PoE-Switch

Router

Internetzugang

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Barcelona: Eine Stadt zwischen Tradition und Umbruch Autorin: CĂŠline MĂźlich

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Barcelona ist eine internationale, weltoffene und zugleich sehr traditionsreiche Stadt. Als Barcelona-Besucher genießt man nicht nur die lange und reichhaltige architektonische Geschichte der Stadt, sie erfreuen sich auch an dem vielschichtigen Angebot der über 60 Museen, Theatern und Konzerthäuser, wie zum Beispiel das „Gran Teatre del Liceu“ oder dem „Palau de la Música Catalana“. Erfreuen kann man sich ebenfalls an der vielseitigen Gastronomíe. Neben vielen südamerikanischen Restaurants und den verschiedensten Möglichkeiten, die asiatische Kochkunst zu genießen, findet man natürlich auch moderne vegetarische sowie spanische und die typische katalanische Küche. Jeder dürfte so sein kulinarisches Highlight finden. Natürlich bietet Barcelona auch viel für

den Sportenthusiasten. Für den Wanderer, dem Surfer oder dem vielseitig Sportbegeisterten. Zu den Attraktionen für über 8 Millionen Touristen jährlich, bietet die imposante Landschaft einfach alles, was der Aktive und auch der ruhige Genießer bevorzugen könnten. Barcelona gilt nicht umsonst als beliebtes Reiseziel, denn es bietet durch seine Vielzahl an bedeutenden Stätten alles, um Kultur zu erleben. Hinzu kommt das vergangene Wirken der großen hier ansässigen Künstler wie Picasso, Miró, Tàpies und Dalí. Im historischen Zentrum finden Sie weitere interessante Sehenswürdigkeiten. Neben den „Las Ramblas“, die wie eine 1,2 km lange Ader durch das Zentrum fließen, können Sie die älteste Markt-

halle Barcelonas - die „Boqueria“ - erkunden und sich von den vielfältigen Waren wie Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch und Käse berauschen lassen. Sie können sich aber auch in einem der zahlreichen Cafes auf der Plaça Reial niederlassen und einfach die Sonne genießen. Denn auch die Katalanen sind genießerische Menschen, zudem ein natürliches und offenes Volk, denen es an Patriotismus nicht mangelt. Vor drei Jahren ist auch die Autorin dieses Artikels den vielfältigen Reizen der Stadt erlegen und zog mit ihrem Ehemann von Frankfurt nach Barcelona. Vor Ort stellt sie den Touristen aus aller Welt Informationen für den Besuch der Stadt mit seinen über 60 Museen zur Verfügung und veröffentlicht alle Tipps auf zwei Internet-Portalen.

Der Turó de la Rovira. Hier trifft sich die Jugend und genießt den Blick auf ihr Barcelona

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Der Augustustempel

Römischer Krug im Museum der Stadtgeschichte Barcelonas

Die Gründungslegende Es sind die Legenden, Geschichten und die Tradition, die Barcelona so charmant und außergewöhnlich machen. So soll nach einer Legende der Halbgott Herakles die Stadt 1153 vor Christus gegründet haben, also 400 Jahre vor der Gründung Roms. Bei seiner Reise mit Jason und den Argonauten, die sich auf der Suche nach dem goldenen Vlies befanden, kam es zu einem Schiffsunglück. Eines der neun Schiffe, die das Mittelmeer durchkreuzten, ging während eines starken Sturmes an der katalanischen Küste verloren. Herakles machte sich auf die Suche nach diesem Schiff. Es zerschellte an einem Felsen, die Mannschaft konnte sich jedoch an Land retten. Als Herakles die Mannschaft fand und die Landschaft sah, sei er so begeistert von dessen Schönheit gewesen, dass er direkt eine Stadt an dieser Stelle gründen wollte. Er nannte die Stadt Barca Nona (ital.: neuntes Schiff) nach dem an dieser Stelle zerschellten Schiff. Ernsthaft sprechen natürlich die verschiedenen archäologische Befunde gegen eine Gründung des Herakles. Belegbar ist aber die Eroberung der Gegend durch die Karthager im Zuge des zweiten punischen Krieges. Dies geschah im Jahre 218 v. Chr. - unter Hannibal Barkas. Diese militärische Besetzung wird oft als Gründungsdatum Barcelonas angeführt. Aus der Folgezeit ist allerdings nur wenig bekannt, aber unter dem ersten Kaiser Roms, Kaiser Augustus, erhielt Barcelona den Namen „Barcino“. Es hatte das Aussehen eines Militärlagers, war aber weniger bedeutend als Tarragona, dem es unterstellt war. Man vermutet, dass Barcino von Soldaten im Ruhestand besiedelt wurde.

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Ein deutliches Überbleibsel aus dieser Zeit ist der Augustustempel, der allerdings etwas versteckt liegt. Hinter der Kathedrale an der Plaça la Seu, in der kleinen Gasse, erwartet man nicht unbedingt einen Tempel, der im 1 Jh. vor Chr. gebaut wurde. Doch verweisen Schilder auf „Römische Säulen“ – man wird allerdings in den Innenhof eines normalen Wohnhauses verwiesen. Es eröffnet sich dem Besucher ein völlig unerwarteter Blick auf vier riesige antike Säulen des einstigen Tempels. Er wurde im späten 1. Jhr. v. Chr. zu Ehren Augustus auf dem Forum, der heutigen Plaça Sant Jaume, errichtet. Vier Jahrhunderte lang war der Augustustempel ein Ziel der Betenden und Bittenden, bis er am Ende des Römischen Reiches, die Zeit der Christianisierung, seine Rolle verlor. Bis ins 11. Jahrhundert hinein war er ein „Miraclum“ (Wunder), da er trotz seines ruinösen Zustandes immer noch stand. Man beging schließlich Häuser auf dem ehemaligen Forum zu bauen, da die Stadt expandierte. Im Mittelalter wurde sie zu einer Handelsmacht und es wurde jeder Platz für Wohnraum benötigt. Man verwendete sogar die Steine des Tempels zum Ausbau der Stadt. Zum Glück wurden drei dieser Säulen nicht abgebaut, sondern in die entstandenen Wohnungen integriert. So sieht man in diesem Innenhof Bilder von Lesestuben und Versammlungsräumen, in denen Teile der Säulen herausschauen. Ab dem 19. Jahrhundert entfachte die Diskussion, ob die Säulen für die Öffentlichkeit freigestellt werden sollten oder ob Sie zum Schutz im Inneren der Wohnungen verbleiben können. Der Wanderclub Barcelonas kaufte damals das Gebäude und beauftrage den Architekten Lluis Domènech i Montaner, der auch den Palau de la Musica Catalana errichtete, mit der Gestaltung des Innenhofs. 1904 wurden die drei Säulen freigelegt und sind nun für alle sichtbar. Die vierte Säule wurde bei späteren Ausgrabungen gefunden und nachträglich in diesen Innenhof integriert. Dieses besondere Gefühl, der Antike, vermischt sich mit dem Hier und Jetzt des Alltäglichen. Den Gerüchen aus den umliegenden Küchen, dem einen oder anderen Fernseher, dem Klatsch und Tratsch der Bewohner, die für die Beschallung des einzigartigen Innenhofs sorgen. Gerade diese Kombination macht den Ort so besonders.


Die vier S채ulen des Augustustempels

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Das Museum der Stadtgeschichte Ein weiteres Highlight bei der Entdeckung der römischen Stadtgeschichte ist das „Museum der Stadtgeschichte Barcelonas“ im Palau Clariana Padellàs an der Plaça del Rei. Das Museum ist eine Zeitreise durch die Geschichte. Zunächst betritt man einen Fahrstuhl, der seine Gäste mit der Etagenbeschriftung überrascht. Mit ihm gelangt man vom heutigen „Barcelona“ in das unterirdische „Barcino“. Hier entdecken Sie die Reste der einstigen römischen

Oben: Die Fahrstuhlbeschriftung im Museum der Stadtgeschichte Barcelonas. Unten: Die Stege, die die Besucher durch den unterirdischen Teil des Museum führen

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Siedlung. Auf Stegen kommen Sie an den Ruinen eines römischen Bades und einer Färberei vorbei, durchschreiten einen Weinkeller und eine Fischverarbeitungsstätte. Am Ende steigt man in das mittelalterliche Barcelona auf und gelangt in den ehemaligen Königspalast. Man sieht den Königssaal ‚Sala Tinell‘, in dem Columbus 1493 der Königin Isabell I. seine Geschenke aus der neuen Welt präsentierte. Von dort aus kann man die dazugehörige königliche Kapelle Santa Agatha besichtigen.

Als in den 1930er Jahren der gotische Palast ‚Casa Padellàs‘ dem Ausbaus der Via Laietana weichen musste und er Stein für Stein an eben diese Stelle der Plaça del Rei versetzt wurden, entdeckte man diese römische Ruinen. Die archäologischen Grabungen und Sicherung der Artefakte dauerten 10 Jahre. Rechts: Eine der ausgegrabenen Skulpturen im Museum der Stadtgeschichte Barcelonas

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Gravur der katalanischen Karte an der Porta Sant Jordi im barocken Leutnantspalast (Palau del Lloctinent). Es handelt sich um eine Arbeit des spanischen Bildhauers Josep Maria Subirachs, der auch die Passionsfassade der Sagrada Familia gestaltete.

Die Entstehung der katalanischen Flagge Im Mittelalter wuchsen Barcelona, bzw. Katalonien, zur mediterranen Macht heran und eine weitere Legende bildete sich um die Entstehung der katalanischen Flagge. Graf Wilfried I. von Barcelona, auch Wilfried der Haarige genannt, lebte im 9. Jahrhundert. Er war ein katalanischer Adeliger und gilt als Gründer Kataloniens. Sein Lehnsmann war Karl der Kahle. Wilfried war der letzte von den Franken eingesetzte Graf in dieser Region. Er erhielt das Recht, Titel und Ländereien zu vererben – ab jetzt stimmte der Frankenkönig lediglich der Entscheidung des Grafen zu. So entstand die Dynastie der Grafen von Barcelona und die Grundlage der Unabhängigkeit Kataloniens. Wilfried der Haarige wurde schließlich in einer Schlacht schwer verletzt. Karl der Kahle besuchte Wilfried am Krankenbett. Er steckte dem Verwundeten vier Finger in die blutende Wunde und zeichnete damit vier rote Streifen auf das goldene Schild Wilfrieds. Da dieser noch keine eigenes Wappen hatte, wurden diese zu den „Quatre barres“, die das gelbe Tuch der katalanischen Fahne, der so genannten „Senyera“, durchziehen. Tatsächliche Macht erreichte Katalonien

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dann im 12. Jahrhundert: der Graf von Barcelona, Ramon Berenguer IV., verlobte sich 1137 mit der erst einjährige Erbin des Königreichs Aragón, Petronella von Aragón. Mit der darauf folgenden Hochzeit im Jahre 1150 entstand die Staatsgemeinschaft, die als „Krone Aragóns“ bekannt wurde. Das war der Grundstein, der im Laufe der Jahre – bis ins Spätmit-

telalter hinein - durch weitere Heiraten und Eroberungen gestärkt und erweitert wurde. Barcelona war in dieser Zeit die größte Ansiedelung und der wichtigste Handelspunkt des Reiches. Hier entstand der katalanische Stolz, die katalanische Sprache und dies ist auch der Hintergrund für die Unabhängigkeitsbewegung heute. Die Macht der Krone Aragóns – ergo Barcelonas – reichte bis nach Frankreich, Italien und Griechenland. Diese Macht und Unabhängigkeit verlor Katalonien allerdings im 15. Jahrhundert. Der erste Schritt zum Verlust der Macht war die Hochzeit zwischen Ferdinand II. von Aragonien und Isabella I. von Kastilien im Jahr 1469. So verbanden sich die beiden spanischen Königsgeschlechter. Isabella I. war allerdings eine starke Frau, die das politische Zentrum von Barcelona nach Toledo verlegte. Hinzukam der Handelsrückgang, der bedingt durch die Entdeckung Amerikas entstand. Ein weiterer Schritt war der Spanische Erbfolgekrieg (1700-1713). Barcelona setzte auf den falschen Verbündeten. Als der französische König Karl II. kinderlos verstarb, unterstützten die Katalanen den habsburgischen Thronanwärter Erzherzog Karl. Als aber der Bourbone Philipp von Anjou (Philipp V.) gewann, wurde Katalonien von ihm beim Frieden von Utrecht (1713) bestraft. 1714 wurde Katalonien von französischen Truppen erobert, die katalanischen Institutionen wurden aufgelöst und die Selbstverwaltung endete.

Rechts: La Diada: Jugendliche machen es sich auf dem Monument des Dichter Jacint Verdaguers bequem. Unten: Die „Carrer Ferran“ ist die ehemalige Hauptstraße der römischen Siedlung. Sie führt auf die Plaça Sant Jaume, die das ehemalige Forum der römischen Siedlung bildete. Hier finden Sie das Rathaus und können auch das Stadtwappen sehen. Eine Mischung aus der katalanischen Flagge und der des heilgen Georgs.


Dieses historische Ereignis ist Anlass für die jährlich am 11. September stattfindenden Demonstrationen für die Unabhängigkeit Kataloniens. Beim 300-jährigen Jahrestag 2014 waren ca. 1,8 Millionen Menschen unterwegs. Auf den Straßen „Avinguda Diagonal“ und „Gran Via de les Corts Catalanes“ formierten sich Katalanen in roten und gelben T-Shirts zu zwei katalanischen Flaggen und da die Straßen wie ein V aufeinander stoßen, entstand so ein riesiges Viktory-Zeichen. Getragen von dieser Euphorie trieben die Katalanen ihre Unabhängigkeit weiter voran. Sie sollte in einem offiziellen Referendum am 09.11.2014 enden. Aber die große Wahl wurde aus den Angeln gehoben – sie fand statt, aber Madrid stellte klar, dass diese Wahl keine rechtliche Grundlage habe. So war die Wahl letztendlich nur eine Abstimmung – die auch nicht mehr mit dem vollen Elan angenommen wurde. Lediglich ein Drittel der wahlberechtigten Katalanen gingen zur Wahl. 80% von ihnen wählten, dass Katalonien ein eigenständiger Staat werden solle.

Der „Día Nacional de Catalunya“ auch „La Diada“ genannt: am 11. September 2014 waren mehr als 1,8 Millionen Katalanen auf der Straße und bildeten ein riesiges Viktory-Zeichen. Selbst Hunde werden am 11. September mit der katalanischen Flagge geschmückt

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MNAC – 1000 Jahre Kunst aus Spanien Wenn man von der Plaça d‘Espanya aus auf den Montjuic – den Hausberg Barcelonas – hinaufschaut, fällt dem Besucher ein riesiger Palast auf. Es ist das Museu Nacional d‘Art de Catalunya (MNAC), das über Barcelona thront. Der Palast wurde1926 im Rahmen der Weltausstellung von 1929/30 errichtet. Er war das Hauptgebäude und hinter ihm, auf dem Montjuic, standen weitere Pavillons aus 29 Nationen.

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Der Palau Nacional zeigte während der Weltausstellung über 4000 spanische Kunstwerke. Daraus entstand die Idee den Platz für ein neues Museum zu nutzen. Am 11. November 1934 öffnete das Museu d‘Art de Catalunya seine Pforten und zeigte katalanische Kunst vom Mittelalter bis zum Barock. In Folge eines Museumsgesetzes wurden 1990 das Museu d‘Art de Catalunya (mit romanischer und gotischer Kunst, Werken der Renaissance und des Barock) und das Museu d‘Art Modern (mit Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts) zu einem Nationalen Museum zusammengeschlossen. Das Ergebnis ist das MNAC, das heute 1000 Jahre Kunstgeschichte zeigt. Die Sammlung des MNAC ist geprägt von spanischen und katalanischen Künstlern. Diese Kombination mag auf den ersten Blick schwierig erscheinen, ist aber sehr interessant. Obwohl man hier weniger die großen Künstler vertreten sieht, wird die spanische Kunst sehr gut vermittelt. Man entdeckt Übereinstimmungen und auch Unterschiede zu der uns bekannten deutschen Kunst. Natürlich findet man in der Ausstellung auch die Werke der spanischen Künstler Pablo Picasso, Joan Miró und Salvador Dalí. Aber vor allem sind es national bekannte Künstler. Wer einen Tiepolo, Rubens oder einen Cranach sehen möchte, der wird aber trotzdem nicht enttäuscht: Die separate Sammlung „Thyssen-Bornemisza “ zeigt international bekanntere Künstler. Die Architektur des MNAC ist sowohl innen als auch außen spektakulär. Vor allem die Kuppel im ersten Stock sowie der Festsaal, der 5000 m² groß ist und Platz für 20.000 Menschen bietet. Die Ausstellungsarchitektur ist gerade im romanischen Teil der Sammlung einmalig. Romanische Kirchenfresken wurden abgetragen und hier in einer kuppelförmigen Architektur wieder integriert. Es ist, als ob man eine Kirche durchschreiten würde. Der Besuch des MNAC wird schließlich mit einer grandiosen Aussicht auf die Plaça d‘Espanya abgerundet.

Fresken aus dem Kapitelsaal von Sigena, um 11961208, Meister des Kapitelsaals von Sigena, romanische Abteilung des MNAC

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hiesige Valentinstag. Die Frauen bekommen an diesem Tag Rosen und die Männer bekommen Bücher geschenkt. In ganz Barcelona sieht man Blumen- und Buchstände.

Oben: Der Drachentöter Jordi an einer Hausfassade in Barcelona. Unten: Die Dämonen des Corre Foc © Foto: www.AndrzejWitek.com

Wichtige Schutzpatrone Barcelona hat sehr viele Schutzpatrone und fast jedem ist ein großes Fest gewidmet. Sie sind Teil der katalanischen Tradition, bei der es drei Hauptfiguren gibt. Bei der ersten Figur handelt es sich um St. Jordi, den heiligen Georg. Der Sage nach rettete er die Königstochter und tötete den Drachen, der jährlich ein jungfreuliches Opfer verlangte. Danach lassen sich die vom Bösen erlösten Menschen aus Dankbarkeit taufen. Aus dem Blut des Drachens erwuchsen rote Rosen. In Barcelona sieht man häufig Abbildungen vom Drachentöter: an Hausfassaden, am Rathaus und auch die Flagge Barcelonas geht auf ihn zurück – eine Mischung aus den Streifen der katalanischen Flagge und roten Kreuzen auf weißem Grund (wie die Engländer es auch haben). Sein Feiertag – also „Sant Jordi“– wird am 23. April gefeiert, ein besonderer Tag, der auch als Tag der Verliebten in Katalonien gilt. Das Datum fällt außerdem mit dem Tag des Buches zusammen, dem Geburtsund Todesdatum von William Shakespeare sowie dem Todestag von Miguel de Cervantes. In dieser Kombination entstand also eine typisch katalanische Tradition: es ist der

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Ein weiterer Schutzpatron ist Sant Juan, der Apostel Johannes. „Sant Juan“ oder auch die „Nit del foc“ (Nacht der Feuer) wird in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni gefeiert. Man kann sich das als katalanisches Silvesterfest vorstellen. Denn während es an Silvester kein Feuerwerk gibt, entzünden die Katalanen hier die Feuer. Die Kinder erfreuen sich an Knallfröschen und kleinen Feuerwerkskörpern, während sich die Eltern den großen Feuern widmen. Es ist ein Fest, um den Sommeranfang zu begrüßen. Das Feuer hat allerdings auch eine tiefere Bedeutung: man entledigt sich alter Sünden und Altlasten. Das tut man, indem man alte Möbel ins Feuer wirft. Neben dem Feuer hat auch das Wasser in dieser Nacht eine große Bedeutung. Deswegen findet die größte Party auch am Strand statt. Man tanzt und feiert und viele springen um Mitternacht ins Meer. Denn das Wasser soll in der Nacht Sant Juans heilende Wirkung haben und den Körper von Krankheit heilen. Das gleiche wird an diesem Festtag auch Kräutern zugesprochen. Das größte und wichtigste Fest – die Fiesta Major – ist aber der Schutzheiligen Mercè gewidmet und wird um den 24. September herum, 7 Tage lang, ausgiebig gefeiert. Der Legende nach ist die Jungfrau Mercè in der Nacht des 24. September 1218 drei Männern im Traum erschienen – darunter dem König Jaume I. Sie erteilte den Männern den Auftrag, einige christliche Mönche aus den Händen der Sarazenen zu befreien. Es war die Zeit der Religionskriege und die Mauren besetzten das Land. Außerdem wandte die Heilige im Jahr 1687 eine Heuschreckenplage von Barcelona ab und befreite die Stadt von der Pest. Nachdem Papst Pius IX. 1868 die Jungfrau von Mercè zur Schutzheiligen der Stadt erklärte, feiert man seit 1871 ihr zu Ehren die ersten Feste - jeweils im September. Während der 7 Tage andauernden Festlichkeiten gibt es verschiedene Veranstaltungen. Es ist ein großes Stadtfest mit Musik, den sogenannten Castelleres, den Gigantes (riesige Pappmascheefiguren), Shows und Umzügen. Und natürlich mit

dem berühmt-berüchtigten „Corre foc“ (dem Feuerlauf). Die Prozession des Corre foc findet normalerweise auf der Via Laietana statt. Mit dem Einbruch der Dunkelheit kommen dann die Teufel und Monster mit ihren riesigen „Wunderkerzen“ heraus und laufen durch die Massen. Man muss alte Kleidung wählen und Gesicht, Haare und Augen bedecken, denn die Feuerläufer verhalten sich wie Dämonen und kennen keine Gnade. Der katalanische Modernismus Viele Menschen verbinden Barcelona mit einem ganz besonderen Mann, einer besonderen Architekturepoche und einem bestimmten Gebäude: Antoni Gaudi – Modernisme – Sagrada Familia. Keiner hat die Stadt architektonisch so sehr geprägt wie er. Gaudi wuchs in einer Zeit der Revolution hinein. Es ist das späte 19. Jahrhundert/ frühe 20. Jahrhundert. Es ist die Zeit des spanischen Anarchismus, der Industrialisierung, die neue Materialien hervorbrachte und des katalanischen Modernismus. Diese kulturgesellschaftliche Erneuerungsbewegung fand ihren Ausdruck in Kunst, Literatur und Musik, vor allem aber in der Architektur. Es war eine Hinwendung zum Rationalismus, mit Materialien aus Ziegelstein und Eisen, aber auch eine Hinwendung zur Natur und zu floralen Motiven, die Gaudi mit seinen geschwungenen Linien, unregelmäßigen Grundrissen und schrägen Stützen zur Vollendung brachte. Gaudi hatte viele Anhänger. Darunter reiche Barcelonesen, die seinen neuen Architekturstil unterstützten und ihm Aufträge zur Gestaltung ihrer Häuser erteilten. Die Casa Batlló, der Palau Güell, die Casa Milà und auch der Park Güell - sie sind alle private Aufträge gewesen. Schließlich wandte sich auch die Stadt an ihn und er übernahm die Leitung der bereits begonnenen Arbeiten an der Sagrada Familia. Dies war sein Lebenswerk, denn er verbrachte die letzten 43 Jahre seines Lebens auf dieser Baustelle, bis er 1926 an den Folgen eines Straßenbahn-Unfalls starb. Die Sagrada Familia ist bis heute unvollendet. Es fehlen noch 10 Türme und die Hauptfassade, die bis zum Jahr 2026 - dem hundertjährigen Todesjahr Gaudis – fertiggestellt werden sollen. Rechts: Der Parc Güell. Seit 2013 ist dieser leider nicht mehr kostenlos zu besichtigen. Mit Zeittickets sollen die Menschenmassen, die täglich in den Park strömen, besser kontrolliert werden.


Die Castelleres auf der Plaça Sant Jaume. Der Turm im Aufbau und ...

Die Tradition der Castelleres Die Castelleres sind Menschentürme, die einer der Programmpunkte beim MercèFest sind. Ihren Ursprung haben sie in Tanzveranstaltungen, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Valls bei Tarragona stattfanden. Bei diesen wurde gegen Ende jedes Tanzes eine abschließende Hebefigur entwickelt. Diese Hebefiguren wurden immer ausgeklügelter und riskanter und sie waren das Highlight dieser Tänze. So kam

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es, dass die Figuren weiter entwickelt wurden. Es entstanden eigene Vereine und Wettkämpfe. Der Tanz ging in den Vereinen irgendwann verloren und man konzentrierte sich nur noch auf den Aufbau der Menschentürme. Die Castelleres-Vereine sind in ganz Katalonien verbreitet und sie treten regelmäßig gegeneinander an. Sie sind auch bei Stadtfesten und Feiertagen zum

Amüsement in den Städten zu sehen. Es gibt verschiedene Arten von Türmen, denn deren Aufbau kann unterschiedlich ausgeführt werden. Wichtig ist allerdings, dass sie meist bis zu neun menschliche Stockwerke erreichen. Dabei sind die kräftigsten Männer im unteren Stockwerk, der „Pinya“ (Zapfen) – sie werden von der umstehenden Menge gestützt. Je höher man kommt, desto mehr Frauen, Jugendliche und Kin-


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Das Holi-Festival ist das indische Fest der Farben und findet jährlich im April in Barcelona statt.

Barcelona heute Unter der Diktatur Francos wurden die Castelleres verboten. Das war natürlich nicht das einzige Verbot, das die Katalanen ertragen mussten. Die katalanische Sprache wurde untersagt, Straßennamen wurden hispanisiert und die Eigenständigkeit Kataloniens litt wieder unter der Macht Madrids. Mit dem Ende der Diktatur lösten sich die Einwohner Barcelonas recht schnell von

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den Restriktionen. Die Straßen wurden wieder umbenannt, die Sprache zog wieder in die Schulen ein und Waren trugen wieder ihre katalanische Bezeichnung. Katalonien erhielt wieder mehr Eigenbestimmung (Estatu de Autonomia) und nutzt diese heute auch für ihr langfristiges Ziel: die komplette Unabhängigkeit. Inzwischen hat auch die Moderne Einzug in das Stadtbild erhalten. Die Modernisierung der Stadt begann im Vorfeld der

Olympischen Spiele, die im Jahre 1992 in Barcelona stattfanden. Barcelona wollte sich weltoffen und modern präsentieren. Um dieses Ziel zu erreichen, entwickelte man ein modernes Metronetz und säuberte die Stadt. Der Stadtstrand wurde angelegt und es entstanden immer mehr moderne Gebäude. Diese neuen Gebäude prägen heute ebenfalls das Stadtbild Barcelonas: zum Beispiel die zwei Hochhaustürme am Hafen, die das „Olympisches Dorf“ bilde-


R. Oben: Der Torre Agbar: das ehemalige Bürogebäude der Wassergesellschaft wird derzeit zu einem Hotel umgebaut. R. Unten: Die Kissenschlacht auf der Plaça Catalunya findet Jährlich im Frühjahr statt

ten, denn hier befanden sich die Apartments für die Sportler. Später kamen ein weiteres Hotel am Strand und der Torre Agbar hinzu. Der Torre Agbar, mit seiner auffallenden architektonischen Form, war zunächst das Bürogebäude der Wassergesellschaft. 2014 wurde er aber für eine hohe Summe von einer Hotelkette gekauft. Auch die Jugend zelebriert IHR Barcelona mit verrückten neuen Festen und Aktio-

nen. Dazu gehört die alljährliche Kissenschlacht auf der Plaça Catalunya oder das Holi-Fest, auf dem hiesige indische Tanzvereine auftreten. Diese Art von Aktionen lenkt die „Verlorene und bestens ausgebildete Generation Spaniens“ von ihrer Arbeitslosigkeit ab, die seit der Krise 2007/2008 vor allem unter den jungen Leuten herrscht. Trotzdem spürt man überall einen Optimismus, dass man die Krise doch bald überwinden wird. Einer der spanischen Filme,

der dieses Thema aufgreift, heißt „Perdiendo el norte“ (Den Norden verlieren). Im Film wird eben diese Generation, die nach Deutschland auswandert, um Arbeit zu finden, vorgestellt. Eine Sequenz aus dem Film ist besonders amüsant: „Es gibt so viele Deutsche, die auf Mallorca und im restlichen Spanien leben und so viele Spanier, die nach Deutschland gehen, um Arbeit zu finden – eigentlich müsste man die Namen der beiden Länder tauschen…“.

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Gemälde oben: José Carlos Naranjo Bernal, „La Perla“, 2011; Gemälde Mitte: Carlos Asensio Sanagustin, „L‘avi“ (Der Großvater), 2010; Skulptur: Grzegorz Gwiazda, „Sitting man“, 2011. Rechts: Gemälde links: Juan Manuel Cossío, „De natura II“, 2006; Gemälde rechts: Juan Manuel Cossío, „Umbilical I“ (Die Nabelschnur I), 2006; Skulptur: Antonio Santín Benito, „Estudio para torso“ (Studie eines Torsos), 2008

Museu Europeu d’Art Modern In einer kleinen Seitenstraße, gleich um die Ecke vom Picasso Museum, findet man einen echten Geheimtipp für Museumskenner. Ganz anders als beim prominente Museum in der Nachbarschaft, gelangt man hier direkt, ohne lange Warteschlange, in die Ausstellung. Das Museu Europeu d’Art Modern (MEAM) wurde im Palau Gomis, im Stadtteil Born, eröffnet. In diesem Teil der Altstadt ist katalanische Kultur allgegenwertig. Und auch das Museum verbindet Tradition und moderne Kunst auf besondere Art und Weise miteinander. Das MEAM wurde im Juni 2011 eröffnet und es gehört der privaten Stiftung „Fundació de les Arts i els Artistes“ (Stiftung der Kunst und der Künstler) an. Die Künstler sind hier sehr stark in das Geschehen des Museums involviert. Mit ihrer Unterstützung wurde das Projekt trotz Weltwirtschaftskrise zum Ziel geführt. Das MEAM fördert vor allem die figurative Kunst des 20. Und 21. Jahrhunderts. Diese Künstler erhalten nämlich immer

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seltener einen Platz in zeitgenössischen Museen, die derzeit ihr Augenmerk hauptsächlich auf abstrakte Werke werfen. Im MEAM ist es umgekehrt: Sie werden hier keine abstrakten Werke finden, dafür aber viele figurative Schmuckstücke. Das Gesamtkonzept des MEAMs ist somit in vielfacher Hinsicht interessant. Zum einen ist es ein Museum der modernen Kunst, das sich in einem alten, original belassenen Gebäude befindet. In den Ausstellungsräumen erklingt außerdem leichte Hintergrundmusik, die einen ganz besonderen Reiz der Ausstellung ausmacht. Und die Künstler arbeiten direkt mit der Stiftung zusammen. Sie finden eine Bandbreite an Kunstgattungen: Malerei, Skulptur, Fotografie und auch Zeichnungen. Die Themen sind ebenfalls Vielfältig: es wird Kritik an der Gesellschaft geübt, am Krieg, es werden makabre Szenen gezeigt und auch religiöse Darstellungen werden aufgegriffen.


Parc de la Ciutadella, Detail der Kaskaden von Fontserè i Mestre

Abschließend soll eine weitere Legende nicht unerwähnt bleiben: Sie handelt von der „Fuente de Canaletas“ oder „Font de Canaletes“(katalanisch), einem Brunnen, der sich am oberen Ende der Ramblas befindet. Auf einer Plakette steht geschrieben: „Si beveu aigua de la Font de Canaletes sempre més sereu uns enamorats de Barcelona. I per lluny que us n’aneu, tornareu sempre.“ (katalanisch) – „Wenn ihr Wasser aus dem Canalet-Brunnen trinkt, werdet ihr euch in Barcelona verlieben. Und egal wie weit ihr weggeht, ihr werdet immer wieder hierher zurückkehren!“

Über die Autorin Céline Mülich studierte Geschichte und Kunstgeschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen und arbeitete 6 Jahre in der Abteilung „Bildung und Vermittlung“ im Städel Museum und der Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main. 2012 zog sie nach Barcelona. Dort machte sie sich mit 2 Webseiten über Barcelona selbständig.

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Auf der Seite www.barcelona-museum. com stellt sie die vielen Museen Barcelonas vor. Mit den Kategorien „Für Kunstliebhaber“, „Für Gaudi-Fans“ oder „Für Familien“ gibt sie deutschen Touristen einen Überblick über das Angebot, Tipps und weiterführende Informationen. In einem weiteren Ratgeber unter www. BCNDiscovery.com sind Testberichte von vielen Stadtführungen zu finden. Sie nimmt an diesen teil und erklärt anschließend auf der Webseite, was man beim Buchungsprozess oder beim Treffpunkt beachten sollte, und ob sich diese Touren lohnen. Dieses Angebot ist für deutschund englischsprachige Touristen konzipiert. Damit will sie zum einen die Barcelona-Besucher unterstützen und auf der anderen Seite kann sie ihren Leidenschaften – Museen und Kultur – nachgehen. Alle Fotos: © Céline Mülich

Céline Mülich http://www.barcelona-museum.com http://www.BCNDiscovery.com


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Inszenierung zum Thema „Völkermord an Juden, Sinti und Roma. Eingesetzte Methode: U. a. sichtbares Verstecken. Unten: Die Ausstellung begleitende APP – hier Objektinformationen. Foto: © Prof. N. Nowotsch

GESCHICHTE - GEWALT - GEWISSEN Geschichtsort VILLA TEN HOMPEL Münster Neueröffnung der Dauerausstellung

Im Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster wurde am 29. März 2015 mit internationalen Gästen die neue Dauerausstellung „Geschichte – Gewalt - Gewissen“ eröffnet. In über 3 Jahren hat ein Team aus Wissenschaftlern unter der Leitung von Dr. Christoph Spieker, dem Beirat unter Leitung von Prof. Patrik Wagner und dem Gestaltungsteam unter Leitung von Prof. Norbert Nowotsch eine Ausstellung umgesetzt, Maßstäbe setzen. Das internationale Interesse an diesem Ereignis kommt nicht von ungefähr: Der Geschichtsort Villa ten Hompel hat sich seit seiner Gründung 1999 hohe Reputation in der Forschungs- und Gedenkstättenlandschaft erarbeitet und kooperiert heute mit der Shoah-Gedenkstätte Yad

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Vashem in Israel, dem US Holocaust Memorial Museum Washington, der polnischen Gedenkstätte LublinMajdanek u.a. So ist es kein Zufall, dass die Ausstellungseröffnung mit einem Festakt begangen wurde, bei dem sich die Stadt Münster die Vorgänge um das Kriegsende vor 70 Jahren in Erinnerung rief. Internationale Gäste der Villa waren dabei die Gesprächspartner Dr. Noa Mkayton, Leiterin des German Desk der International School for Holocaust Studies in der israelischen Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem, sowie Dr. Gabriel Bach, israelischer Generalstaatsanwalt a.D. Die völlig neu konzipierte und gestaltete

Ausstellung dürfte – ähnlich wie seinerzeit ihre Vorgänger – genügend Stoff für Diskussionen liefern. Der Aufbau orientiert sich an der wechselvollen Hausgeschichte, die der Villa ten Hompel zu ihrem Alleinstellungsmerkmal als historischem Ort wechselnder Etappen deutscher Zeitgeschichte verhilft: Die ehemalige Fabrikanten-Villa war im Nationalsozialismus Kommandozentrale der Ordnungspolizei, nach 1945 Ort der Entnazifizierung, schließlich Sitz der Wiedergutmachungsbehörde – und heute Geschichtsort.


Inszenierung „Entnazifizierung / Vergessene Opfer“ – Paul Wulf.

Neu ist auch der strukturelle Aufbau der Ausstellung: Die bislang unverbundenen Themen „Polizei“ und „Wiedergutmachung“ werden nun durch den Komplex „Kriegsende und Entnazifizierung“ zusammengebunden. Das Kriegsende erscheint dabei nicht als angebliche „Stunde Null“, sondern als Angelpunkt, von dem aus orientierende Erkundungen in beide Richtungen der Zeitachse möglich sind, multiperspektivisch werden Neuanfänge ebenso wie Kontinuitäten erkennbar.

Multimediaanwendung zum Thema „Reparationszahlungen“.

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Inszenierung „Ausgrenzung und Terror“

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Gestaltung SNT Media Concept GmbH zeichnet als Teilgeneralunternehmer sowohl für das externe Projektmanagement als auch für die Entwicklung der Ausstellungsarchitektur, das Ausstellungsdesign und die Umsetzung der medialen Anteile in der Ausstellung „Geschichte, Gewalt und Gewissen“ verantwortlich. In enger Zusammenarbeit mit Prof. Norbert Nowotsch als künstlerischem Leiter wurde hier über zwei Jahre ein Projekt umgesetzt, das zum einen Kontrapunkte zur Architektur der Villa ten Hompel setzt und zum anderen in einer dynamischen und asymmetrischen Formen- und Farbsprache die historischen Inhalte zeitgemäß den angestrebten Zielgruppen vermittelt. Das Projektmanagement von Manfred Hendricks umfasste auch die Steuerung aller externen Gewerke wie Ausstellungsbau, Drucke, Installationen oder auch der technischen Belange für den Einsatz der multimedial und interaktiv aufbereiteten Inhalte. Für die Umsetzung wurden nur hochwertige Verfahren gewählt: Matt lackierte Oberflächen für den Bau der Ausstellungsmöbel, Einzelelemente-Druckverfahren oder individueller Vitrinenbau. Der UV-Schutz wurde ebenso berücksichtigt wie auch moderne Medienaufbereitungen und der Einsatz von Smart-Tablets. Besonderes Augenmerk hat das Team um

Inszenierung „Im Auftrag - Erinnerungsstücke“.

die Artdirectoren David Lederer, Frank Heuwes und Irmhild Hockemeyer auf die Umsetzung der Installationen gelegt. In Zusammenarbeit mit dem Designer und Installationsmeister Rolf Rongen sowie den Firmen Artist Messebau und heddier electronic entstand hier ein breit gefächertes Angebot auf der Grundlage der von Prof. Nowotsch entwickelten Methodik von Kontrastierung, Rekonstruktion und partizipativen Elementen.

Inszenierung „Vom Ende zum Anfang“.

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APP

Links: Menüführung der die Ausstellung begleitenden APP. Navigation für die Außenstationen, kartenbasiert. Screenshot Unten: Inszenierung „Vom Ende zum Anfang“.

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Alle Ausstellungen – nicht nur historische – folgen räumlichen Ordnungsstrukturen: Raumabfolgen mit Raumnummern, Laufrichtungen, Stockwerken, Zeiträumen oder anderen linearen Vorgaben. Das Projekt MuNA (Multilineare Narration) beruht auf einer Konzeption von Prof. Norbert Nowotsch, es untersucht und entwickelt Modelle, in denen vorhandene Elemente einer linearen (Raum) Erzählung aufgegriffen und durch erweiterte Erzählstrukturen neu vermittelt werden.


MuNa nutzt dabei das vorhandene „Material“ und setzt es, ergänzt durch zusätzliche, in der Ausstellung nicht vorhandene Texte, Bilder oder sonstige Medien, neu zusammen. Es entstehen zusätzliche, erweiterte Erzählstrukturen, in denen Besucher auf nichtlinearen Wegen durch die Ausstellung geführt werden, sie bewegen sich zwischen neu gesetzten thematischen Stationen. Die unterstützende technische Basis dazu sind Smartpads oder Smartphones, die mit spezifischen Applikationen ausgerüstet werden. Ergänzend werden auch Bildkombinationen aus historischen

Bildern und aktuellen Orten eingesetzt: so genannte Augmented Reality (AR). Dieses Modell lässt sich in allen Räumen anwenden, so eben auch in Stadträumen. Daher werden in der neuen Ausstellung der Villa ten Hompel Verweise von Exponaten in der Ausstellung aufgegriffen und in die Stadt weitergeführt – ebenso kann der Weg von dort wieder zurück in die Ausstellungsräume genommen werden. Zurzeit stehen über die im Google App-Store kostenlos erhältliche App 25 Außenstationen zur Verfügung. Partner in diesem Projekt sind Prof. Gernot

Bauer und die Firma beemo. Die beemo GmbH ist ein Spin-off des Labors für Software Engineering der Fachhochschule Münster und auf die Konzeption und Realisierung mobiler Anwendungen („Apps“) spezialisiert. Ein Schwerpunkt von beemo liegt in der Entwicklung von Software mit neuartigem medialen oder geografischem Kontext. Alle Fotos: Morsey & Stephan GmbH SNT Media Concept GmbH Scheibenstraße 121 48153 Münster www.snt-media.com

Die neue Dauerausstellung „Geschichte - Gewalt - Gewissen“ steht unter der Schirmherrschaft der Ministerpräsidentin von NRW, Hannelore Kraft. Sie wurde gefördert von: Bundesbeauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Landeszentrale für politische Bildung NRW, Sparkasse Münsterland Ost, Förderverein Villa ten Hompel.

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Prof. Dr. Gerhard Kilger, Erika Wobser und Prof. Frank den Oudsten

Szenografie-Gipfel 2015 Für eine neue Qualität der Ausstellungskultur. Autorin: Lea Mirbach

Ende April 2015 traf sich ein enger Kreis von Experten des Museumswesens, der Hochschulen und Agenturen aus Deutschland und der Schweiz zu einem Szenografie-Gipfel im Stadtmuseum Berlin. Ziel des moderierten Diskurses war es, Konsens über gute Ausstellungskultur und die Grundlage für einen gemeinsamen Leitfaden, zu bilden. Eingeladen hat einer der besten Kenner des Ausstellungswesens, Prof. Dr. Gerhard Kilger, unter dessen Leitung seit Jahren die SzenografieKolloquien in der DASA Arbeitswelt Ausstellung in Dortmund abgehalten wurden. Die Organisation und Workshop-Koordination war der freien Künstlerin Erika Wobser zu verdanken. Die Konferenz

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moderierte Kilger gemeinsam mit dem bekannten Szenografen Frank den Oudsten. Das Märkische Museum selbst bot den perfekten Ort für diese Debatte, denn das Stadtmuseum Berlin ist derzeit in einem spannenden Veränderungsprozeß und steht vor der Sanierung und Neugestaltung des Märkischen Museums. Die Praxis des Gipfels machte Folgendes deutlich: Das Ausstellungswesen der Museen befindet sich vielerorts in einer zwiespältigen Situation – Durch den wissenschaftlichen Anspruch der Museen einerseits und durch die gestalterische Kompetenz der ausführenden Agenturen andererseits, kommt es zunehmend zu fachlichen Kontroversen. Meist sind den Beteiligten auch

die gegenseitigen Qualifikationen nicht bekannt. Außerdem spalten sich die Verfechter der reinen Objektorientierung – sogenannte Auratiker – weitgehend von den didaktisch eingestellten Gestaltern ab. Die Anwesenheit hochkarätiger Szenografen bewies, dass es hervorragende Beispiele für gelungene Ausstellungen gibt. Was klar sein muss: die künstlerische Geste von Ausstellungen unterscheidet sich wesentlich von z.B. bei Theater, Oper oder Film – sie ist oft aufgrund ihres didaktischen Anspruchs weniger abstrakt und dennoch bieten sich hier mehr direkt erlebbare Räume. Während dem Workshop wurden dazu unterschiedliche Thesen bearbeitet und deren Ergebnisse diskutiert.


THESEN 1. Szenografie kann zu einer bedeuten‑ den und sinnstiftenden Komponente im gesellschaftlichen Dialog wachsen. 2. Der Wert von Wissensvermittlung und Wertebildung durch Museen muß höher eingestuft werden! 3. Jede kuratorisch-dramaturgische Praxis benötigt Einsicht in die Wir‑ kung des szenografischen Instru- mentariums! 4. Mehr Raum für schöpferische Prozesse! 5. Transformative Potentiale aus exzen- trischer Perspektive nutzen!

Besonderen Wert legten die Beteiligten darauf, zugunsten fachlicher und künstlerischer Qualität strukturelle Hemmnisse durch Auftraggeber-Auftragnehmer-Verhältnisse abzubauen. In besonderer Bedeutung wird jedoch übergreifend die

prägende Kraft räumlicher Gestaltung gesehen. Insofern kommt der Szenografie eine zunehmend gesellschaftliche Bedeutung zu. Es ist beabsichtigt, den Szenografie-Gipfel zur jährlichen Einrichtung zu etablie-

ren, denn dieser Kreis will sich langfristig für eine neue Qualität der Ausstellungskultur stark machen.

Fotos: © Lea Mirbach

gmbh

TAMSCHICK MEDIA+SPACE GmbH

WIR ERZÄHLEN GESCHICHTEN IM RAUM

Bülowstrasse 66, Aufgang D3 10783 Berlin | Germany

Tamschick Media+Space ist auf die Konzeption, Gestaltung, Herstellung und Implementierung räumlicher Medienproduktionen spezialisiert. Inhalte und Objekte werden durch mediale Bespielung in dreidimensionale und ganzheitliche Raumerlebnisse übersetzt, wodurch parallel die Vermittlung kuratorischer Inhalte gefördert wird. Somit sind Information und Emotion gleichwertige Faktoren für nachhaltige Lernerfahrungen.

T: +49 (0)30 21 96 50 9-0 info@tamschick.com www.tamschick.com

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Faust-Museum und Faust-Archiv in Knittlingen Von der Renaissance bis in die Gegenwart mit FAUST. Autorin: Dr. Denise Roth

Weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt ist das seit 1980 im alten Rathaus, einem Fachwerkgebäude aus dem 19. Jahrhundert etablierte Faust-Museum. Dabei handelt es sich weder um ein Goethe- noch um ein Heimatmuseum, sondern um eine umfassende Darstellung des faustischen Mythos‘. Dessen Dokumentierung reicht von seinem historischen Ursprung, der um 1480 in Knittlingen als Geburtsort des historischen Georg Johann Faust seinen Anfang nahm und über die mündliche Tradierung, die „oral poetry“, die Volksbücher und Puppenspiele zu den verschiedenen literari-

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schen Interpretationen des Faust-Mythos‘ von Goethe bis Thomas Mann. Auch alle anderen Medien wie Musik, Theater oder Film greifen bis heute das Thema auf. „Faust“ erweist sich in der chronologisch aufgebauten Ausstellung als unendlich wandelbar: In den unterschiedlichsten Kontexten hat man das faustische Dilemma um den Bund mit dem Bösen angesiedelt – und dennoch bleibt sich der Kern dieses Mythos‘ in all seinen verschiedenen Adaptionen treu. Dass Faust mit dem Teufel paktiert hätte, kam jedoch nach dem Tode des historischen Faust um 1540 auf. Der Knittlinger

Faust wurde zum Teufelsbündler stilisiert, war aber nach Auffassung der Forschung, wie das Faust-Museum über die Quellen dokumentiert, ein Mensch, der seiner Zeit weit voraus war: Ein charismatischer Astrologe, Heilkundiger, Wissenschaftler und Alchemist. Der historische Faust starb wohl im Rahmen eines missglückten alchemistischen Experimentes – mit einem ordentlichen Anteil von Schwarzpulver könnte er durch eine Explosion zu Tode gekommen sein, gar „graulich zerrissen“, wie die Quellen überliefern. Für die Zeitgenossen war der Fall klar: Den hat der Teufel geholt! So entstand die Legende


vom Teufelspakt, der in der Volksphantasie mit Lust an der Sensation, aber auch mit dem Bedürfnis nach Kompensierung der eigenen Wünsche und Ängste seine zwei Seiten hatte: Zum einen als Möglichkeit, die Grenzen des Menschlichen zu überschreiten, zum anderen als garantierter Freifahrschein in die Hölle. Im Faust-Museum Knittlingen wird die Lebenswelt der Renaissance mit ihren prägenden Umwälzungen in fast allen Feldern der Geistes- und Kulturgeschichte auch über die Zeitgenossen Georg Johann Fausts eindrücklich. Die Entdeckung Amerikas durch Columbus als Horizonterweiterung, die Glaubenskämpfe und die Reformation mit ihren Vertretern wie Philipp Melanchthon als Faktoren einer ins Wanken geratenen Weltordnung, aber auch Wegbereiter der stückweisen Verschiebung bis dato fest gesetzter Grenzen des menschlichen Aktionsradius‘,

wie Leonardo da Vinci – dies sind die Ankerpunkte, die eine ganze Epoche prägten und in der Georg Johann Faust wohl durch seine Praktiken, seine Künste, aber auch seine Persönlichkeit polarisierte. Aus dem Geburtshaus des Faust in Knittlingen, dem Hause „allwo fausten born“, stammt ein im 19. Jahrhundert gefundener, in der Scheune vergrabener sternförmiger Holzschrank mit Intarsien, die eindeutig auf alchemistisches Gedankengut und Praktiken verweisen. Erde, Feuer, Wasser, Luft, Quecksilber und „Sal“, das von Paracelsus (auch er ein Zeitgenosse Fausts!) bestimmte „fünfte“ Element – der „Giftschrank des Doktor Faust“ ist ein absolutes Unikat, von dem weltweit kein zweites Exemplar dieser Art überliefert wurde. Rechts: Goethe Zimmer

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Pergamentzettel mit bisher nicht entschlüsselten Schriftzeichen mit Ledersäckchen

Das erste Faustbuch, das später so genannte „Volksbuch“ hieß „Historia von D. Johann Fausten“

Ebenfalls zu bestaunen ist der zweite Fund aus dem Geburtshaus: ein Pergamentzettel mit Schriftzeichen, die bis heute nicht entschlüsselt wurden – ein Rezept zur Goldgewinnung? Eindeutig aber auf die-

Weibliche Fäuste

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sem Zettel verewigt ist der magische, aus vorchristlicher Zeit überlieferte Abwehrzauber, die „Sator-Arepo-Formel“ – in einem Ledersäckchen verborgen und im Astloch des Türrahmens mit einem Zapfen verschlossen sollte dieser Zettel das Haus vor Unbill schützen. Und tatsächlich: obwohl Knittlingen bei mehreren Großbränden dem Feuer zum Opfer fiel, ist doch dieser Zettel aus dem 16./17. Jahrhundert unbeschadet erhalten geblieben. Nach dem Getöse seines Todes, der zum Startschuss der Legendenbildung wurde, sollte es fast fünfzig Jahre dauern, dass der erste literarische Niederschlag in Form der „Historia von D. Johann Fausten“ erschien: 1587 von dem reformatorischen Verleger Johannes Spiess veröffentlicht. Hier aus reinem Hedonismus abgeschlossen, wird das faustische Drama nur kurze Zeit später bei Christopher Marlowe zur wirklichen Tragödie um die Problematik des menschlichen Vorwärtsstreben. Längst hat sich die Legende verselbständigt, der Knittlinger Faust lebt posthum weiter und kann sich nicht dagegen

wehren, nun zum Vertreter des Fortschrittsdenkens, des sinnsuchenden Wissenschaftlers und gewissenlosen Teufelspaktierers avanciert zu sein. Johann Wolfgang von Goethe bringt ein neues Element hinein und lässt Faust selbst zum Verführer werden: die Gretchentragödie wird als zweite Säule neben die „Wissenschaftler“- oder „Gelehrtentragödie“ eingefügt. Mit dem Gretchen wird so ein weiterer, menschlicher Weg des Fehlens, der Verführbarkeit abgebildet: nicht über die Ratio, wie Faust, sondern über die Liebe. Im Faust-Museum sind Faksimile der Brockenszene, Erstausgaben sowie wunderbare Illustrationen des Goetheschen Faust zu bewundern, darunter auch ein Gretchen-Porträt von Salvador Dalì. Doch auch nach Goethes Faust I und II gibt Faust keine Ruhe – oder lässt man Faust nicht in Ruhe? Sein Dilemma ist ein allgemein-menschliches, das in jeder Kultur, in jedem geschichtlichen Kontext, in jeder Gesellschaftsform seine Berechtigung hat: was darf der Mensch? Und wer definiert,


was ein Teufelspakt, oder doch vielleicht eine notwendige Weiterentwicklung sein könnte? Wie vielseitig diese Frage umsetzbar und adaptierbar ausfällt, zeigt die dritte Ebene des Faust-Museums, mit den

Umformungen in Filmen wie „Im Auftrag des Teufels“, mit den Ausprägungen in comic, Kinderbuch, Karikatur und Satire, mit weiblichen Faust- und Mephistophela-Gestalten, aber auch mit Songtexten

aus der Blues- und Rockmusik. „Sympathy for the devil“ – ein wiederum selbst „legendärer“ Song der Rolling Stones entstand aus dem Faust-Roman Michail Bulgakows, „Meister und Margarita“ und

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Oben: Archiv. Oben Links: Schattentheater mit Szenen aus dem Schattenspiel „Doktor Faust „, Figuren und Inszenierung Otto Krämer Links: Faust-Archiv vormals Lateinschule Unten: Museumsleiterin Denise Roth bei einer der beliebten Theaterführungen mit der einheimischen Theatergruppe „Laterna Mystica“

verweist mit den Zeilen „in the end it was you and me“ direkt auf Goethes Hinweis: „Es sind zwei Seelen in meiner Brust“. Von Georg Johann Faust bis zu Mick Jagger – wie viel ist vom Knittlinger Faust noch in den Adaptionen erhalten? Mehr als zunächst erwartet: Was den Knittlinger Faust mit dem Faust der Legende, dem Faust Goethes und all der anderen Interpretationen verbindet, sind die Lust und die Neugier, und wohl auch der innere Drang, die Grenzen zu überschreiten und neue Wege zu gehen – auch auf die Gefahr hin, das eigene Leben und die Seele zu riskieren. Zu der Dauerausstellung im Faust-Museum gehört auch noch das auf der anderen Seite der Kirche befindliche Faust-Archiv, das in der alten Lateinschule neben Fausts Geburtshaus beherbergt ist. Eine umfangreiche Spezialbibliothek zum Thema Faust mit über 6000 Titeln steht allen Interessierten offen. Über das ganze Jahr hinweg finden hier im barocken Schulsaal Vorträge, Konzerte und Ausstellungen statt, zu vielseitigen, auch „unfaustischen“ Themen. So präsentiert das Faust-Archiv Krimilesungen, Wanderausstellungen wie beispielsweise des Thedoro-Heuss-Hauses oder Chansons-Abende. Führungen sind ganzjährig in verschiedenen Formen und Schwerpunkten buchbar. Fotos: © Eva Filitz

Faust-Museum/Faust-Archiv Kirchplatz 9 75438 Knittlingen www.faustmuseum.de

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