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Aldo Pantozzi Im Angesicht des Todes

Inhaltsverzeichnis Vorworte. Einführung von Ada Neiger. Aldo Pantozzi (1919-1995): biografische Daten. Im Angesicht des Todes: von Bozen bis nach Mauthausen. Redaktionsvermerk. Vorwort der ersten Auflage. Vorwort des Autors. Namenstag. «Durchgangslager». Block E. Leidensgenossen aus La Spezia. Zu Besuch bei den «Ukrainern». Von oben fällt Freiheit herab. Ins Ungewisse. Adieu, Italien! Die bestialische Reise. Mauthausen! Diebstahl und Verbrechen. «Ruski-Lager»: Block 1. Verpflegung und Ruhe. Grabstätte für Lebende. Die «Weberei». Arbeit, Peitsche, Hunger. Block 9: Ende der Weberei. Vernichtung durch Hunger. Die «Zugänge». Zu den Gaskammern. Die Befreiung. Das kleine Tagebuch von Mario. Ende. Bibliographie. Namensverzeichnis. Aldo Pantozzi Wurde 1919 in Avezzano geboren. Er besuchte das Gymnasium in Trient und Meran, anschließend das Lyzeum in Bozen. 1942 schloss er sein Rechtsstudium in Bologna ab. Wegen der Bombardierung von Bozen musste er im September 1943 mit seiner Familie nach Cavalese fliehen, wo er einen Lehrauftrag im Schulzentrum von Ezio Mosna erhielt. Am 1. Dezember 1944 wurde er von Beamten des Sicherheitsdienstes verhaftet, ins Gefängnis von Trient überstellt und dort bis zum 10. Januar 1945 gefangen gehalten. Es folgte die Überführung ins Lager Bozen und am 1. Februar 1945 die Deportation in das Vernichtungslager Mauthausen. Nach seiner Rückkehr nach Bozen übte er mit großem Einsatz seine Tätigkeit als Anwalt und ab 1950 als Notar aus. Er starb am 10. November 1995 in Bozen

ISBN 978-88-7197-092-9

E 11,00

www.museostorico.it info@museostorico.it Telefon +39.0461.230482 Fax +39.0461.237418

Provincia Autonoma di Bolzano/Alto Adige Autonome Provinz Bozen/Südtirol

Città di Bolzano Stadt Bozen

Im Angesicht des Todes von Bozen bis nach Mauthausen Aldo Pantozzi

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Die erste Auflage des vorliegenden autobiografischen Werks wurde 1946 herausgegeben, nur ein Jahr nach dem Beginn der tragischen Umstände, die darin erzählt werden. Es handelt sich um den schonungslosen Bericht von Aldo Pantozzi über seine schreckliche Erfahrung im Lager Mauthausen: Hundert Tage verbrachte er Anfang 1945 in diesem Ort des Grauens und der tiefsten Verletzung der Menschenwürde.2002 gab das Historische Museum von Trient mit dem Einverständnis der Familie Pantozzi eine kommentierte Neuauflage des Buches heraus, die in kürzester Zeit ausverkauft war. Nun wird das Werk erneut publiziert und dank der wesentlichen Unterstützung der Stadt Bozen und der Autonomen Provinz Bozen auch in deutscher Sprache veröffentlicht, um allen den Zugang zu diesem sowohl in historisch-dokumentarischer als auch in menschlicher Hinsicht wertvollen Buch zu ermöglichen.

Aldo Pantozzi Im Angesicht des Todes

von Bozen bis nach Mauthausen

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Grenzen confini


Aldo Pantozzi (Lager Bozen 8.078 – Lager Mauthausen 126.520)

Im Angesicht des Todes Sotto gli occhi della morte von Bozen bis nach Mauthausen

Herausgegeben von Rodolfo Taiani

Provincia autonoma di Bolzano/Alto Adige Autonome Provinz Bozen/Südtirol

Fondazione Museo storico del Trentino Città di Bolzano Stadt Bozen

2008

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Vorwort Seit 1995 läuft im Stadtarchiv Bozen unter dem Titel «Geschichte und Erinnerung: das Bozner NS-Lager» ein umfassendes Projekt, das bereits bedeutsame Früchte getragen hat. Mit der deutschsprachigen Übersetzung des einprägsamen Erinnerungsbandes «Im Angesicht des Todes» von Aldo Pantozzi wird das Projekt nun weiter bereichert. Der rote Faden, der sich durch unsere gesamten Tätigkeiten zieht, ist die Überzeugung, dass das Wort immer an die Zeitzeugen gehen muss: Wir können ihre Stimmen aufnehmen, wie es zum Beispiel in den Videoaussagen aus den NS-Lagern der Fall ist, damit wir, wenn sie nicht mehr unter uns sein werden, immer noch ihren Erzählungen lauschen können. Oder wir können ihr geschriebenes Wort retten, damit es gelesen werden kann. Die Möglichkeit, uns mit den Erinnerungen des Bozner Notars Aldo Pantozzi auseinanderzusetzen, verdanken wir einer wertvollen kulturellen Initiative, an der mehrere Personen und Institutionen gemeinsam gearbeitet haben: die Familie Pantozzi, das Historische Museum von Trient, die Autonome Provinz Bozen (Assessorat für deutsche und ladinische Berufsbildung, italienisches Schulamt, Pädagogisches Institut), die Autonome Region Trentino-Südtirol und die Stadt Bozen. Es ist für uns eine ganz besondere Ehre, die deutschsprachige Übersetzung des Werkes «Im Angesicht des Todes» von Aldo Pantozzi vorstellen zu können, da wir damit «die Fackel der Erinnerung» weiterreichen können. Der Text ist eine klare und dichte Erzählung, die auf äußerst wirksame und einfache Weise eine der schlimmsten Erfahrungen schildert, die einem Menschen widerfahren können: den gewaltsamen Verlust der eigenen Freiheit und den Kampf ums Überleben, zuerst im Durchgangslager Bozen und anschließend im KZ Mauthausen. Die Lektüre dieses Buches ist deshalb allen zu empfehlen, und besonders den Jugendlichen, die dadurch Einsicht gewinnen können in eine Vergangenheit, die uns für immer eine Lehre sein soll. Im Namen aller, die an dieser bedeutsamen kulturellen Initiative mitgewirkt haben, wünschen wir Euch eine gute Lektüre. Wir freuen uns, einen konkreten Beitrag geleistet zu haben, damit niemand vergesse, was geschah. Luisa Gnecchi

Vizepräsidentin der Autonomen Region Trentino-Südtirol

Sandro Repetto

Stadtrat für Kultur der Gemeinde Bozen

Giuseppe Ferrandi

Direttore Fondazione Museo storico del Trentino

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Vorwort Sie haben die Pflicht, zu erzählen, denn jene die nach ihnen kommen, haben nicht bloß das Recht, sondern ihrerseits die Pflicht, zu wissen. Norberto Bobbio

Als der Band «Sotto gli occhi della morte» von Aldo Pantozzi im Januar 1946 gedruckt wurde, handelte es sich um eines der ersten öffentlichen Zeugnisse über die Tragödie, die sich in den deutschen Vernichtungslagern abgespielt hatte und deren echtes, entsetzliches Ausmaß vielen noch unbekannt war. Das Buch konnte damals nicht vertrieben werden, da ein Großteil der Exemplare bei einem Unfall zerstört wurde, in den der LKW, der sie transportierte, verwickelt worden war. Erst 1995 bot eine anastatische, limitierte Neuauflage die Möglichkeit, dieses gleich nach der Heimkehr verfasste Werk, das mit ungewöhnlicher Intensität und Unmittelbarkeit das Grauen der Naziverbrechen beschreibt, einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Wer ihn kannte, weiß, dass der Autor nur selten über diese unsäglichen Gräueltaten und über seinen bitteren Leidensweg sprach... Trotzdem wollte Aldo Pantozzi weder vergessen noch verdrängen... Im Gegenteil: Er war fest davon überzeugt, dass es unerlässlich ist, die Erinnerung an das, was war, wach zu halten und zu stärken. Den Lehren der Geschichte fügte er die Lehre des christlichen Verzeihens hinzu, die für ihn unersetzlich war, um die Tragödie der Vergangenheit zu überwinden und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu entfachen. Die Einladung, dieses Buch zu lesen, entspringt der Überzeugung, dass es sich um einen wertvollen historisch-dokumentarischen Beitrag handelt, aus dem eine tiefe Menschlichkeit spricht, die für uns alle eine Lehre sein möge. Ich bedanke mich herzlich bei den Familienangehörigen von Aldo Pantozzi – seinen Kindern Mirta und Paolo sowie seiner Frau Gabriella – die der Wiederveröffentlichung dieses Buches zugestimmt und den biografischen Anhang verfasst haben. Mein bester Dank geht auch an Casimira Grandi, Ada Neiger, Giuseppe Pantozzi und Rodolfo Taiani, die zur Verwirklichung dieser bedeutsamen Verlagsinitiative beigetragen haben. Vincenzo Calì

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Einführung Die Vergangenheit ist Großmutters Taschentuch, schwarz wie die Wolke über dem Friedhof. Die Wolke vergessen? Die schwarze Wolke ist die Großmutter, ist ihr Sohn, ist meine Mutter. Was für ein dummes Zeitalter! Alles ist auf den Kopf gestellt. Die Friedhöfe schweben in der Luft und sind nicht in die feuchte Erde gegraben. Elie Wiesel, Der Tag

Harald Weinrich hat eine beeindruckende Hypothese aufgestellt: Hitler genügte es nicht, einen Völkermord durchzuführen; zu seinen hinterhältigen Zielen gehörte auch die «Auslöschung der Erinnerung». Dagegen setzte sich ein Leben lang Primo Levi ein, der in einem Fernsehinterview erklärte, die Erinnerung sei eine unbedingte Pflicht, die insbesondere jene erfüllen müssen, die in ihrem Leben extreme von grundlegender Bedeutung Erfahrungen gemacht haben. Werke wie Im Angesicht des Todes sind ein kleines, aber unvergängliches Denkmal dieses Dokumentations- und Gerechtigkeitswillens, das im Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung errichtet wurde. Bereits Titel und Untertitel des Buches von Aldo Pantozzi liefern uns einen klaren Hinweis auf das Szenarium, das uns als Leser erwartet: eine Reise, die von Bozen zum berüchtigten Zielort Mauthausen führt. Auch die Anfangszeilen lassen keine Ungewissheit über die Zeit und den Ort zu, wo sich die später erzählten Ereignisse abspielen: «Dem einsamen Fußgänger, der in den frühen Morgenstunden jenes grauen 10. Januars [1945] dort vorbeiging, wird der auffallend schäbige und befremdliche Lastwagen, der vor dem Gebäude Nr. 6 der Carlo-AntonioPilati-Straße stand, einen Schauer durch die Glieder gejagt und ihn dazu bewogen haben, den Kragen des Mantels hochzuziehen, den Blick abzuwenden und schnurstracks weiter zu gehen». Die genaue Angabe des Datums und des Ortes tragen dazu bei1, gleich

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von Anfang an die Wahrhaftigkeit der Erzählung zu beweisen. Der Leser wird dann rasch in die Mitte des Geschehens versetzt und in den Bann der stellenweise krimi-ähnlichen Schilderung der Ereignisse gezogen. Der Bericht der von Pantozzi erlebten Fahrt durch die Hölle strotzt von brutalen Gewalttaten, Folterszenen und Delikten: Da aber die Auftraggeber und die Verbrecher bekannt sind, gibt es kein Rätsel, das enthüllt werden muss. Wir stehen also keinesfalls vor einem Krimi, sondern vor einer unermesslich grausamen und wahren Horrorgeschichte. Ausgangspunkt des dramatischen Leidenswegs des Autors ist die Stadt Trient während der Nazibesatzung: Ein Dutzend politischer Häftlinge, darunter drei Patres und zwei Frauen, werden aus dem städtischen Gefängnis hinausgebracht. So beginnt für Aldo, der damals 26 Jahre alt war, am trüben Morgen seines Namenstages eine tragische Reise, deren erste Etappe das Konzentrationslager in Bozen ist, wo er im Block E untergebracht wird, dem Lagergebäude, das die «gefährlichsten» Häftlinge beherbergt, die politischen Sträflinge. Aldo Pantozzi wird zur «Nummer 8078»: Er erhält ein rotes Stoffdreieck und wird kahl geschoren. Obwohl die Bedingungen, unter denen die Häftlinge ihr trostloses Dasein führen, äußerst schwierig sind, gibt es im Lager Menschen, denen es gelingt, die Verzweiflung ihrer Mitgefangenen zumindest für kurze Augenblicke zu lindern. So zum Beispiel Gianna, die Protokollführerin, und Pater Konstantin, der sanfte Franziskaner mit dem «ewigen Lächeln», der seine Mithäftlinge mit seinen Erzählungen aus seiner Missionszeit in China unterhält und damit ihre Gedanken von der Verzweiflung des schäbigen Alltags ablenkt. Wie bereits Primo Levi scharfsinnig feststellte, «würde es die menschliche Fähigkeit verdienen, genauer untersucht zu werden, sich auch in scheinbar auswegslosen Situationen einen Schlupfwinkel zu graben, eine Art schützende Schale zu bilden, rund um sich herum eine dünne Schutzmauer zu errichten»2. Am ersten Februar erfährt Pantozzi, dass er im Verzeichnis der Gefangenen eingetragen ist, die nach Mauthausen verschleppt werden sollen. Er muss sein Blechgeschirr, die Decken, die Identifizierungsplakette und das rote Auch Primo Levi hatte in seinem Werk Se questo è un uomo (Ist das ein Mensch?) gleich zu Anfang genaue zeitliche Angaben geliefert: «Ich war am 13. Dezember 1943 von der faschistischen Miliz festgenommen worden». 2 Levi 1992: 56. 1

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Dreieck abgeben. Während er beim letzten Abendappell darauf wartet, dass sein Name aufgerufen wird, bemerkt er in einer Pfütze einen kleinen Eisenring, auf dem die Buchstaben «B.F.» eingekerbt sind. Er hebt den Ring auf: Sein unbändiger Optimismus flüstert ihm zu, dass die beiden Buchstaben für «buona fortuna» (viel Glück) stehen, und so steckt er sich das Amulett an den Finger. Nach einer «bestialischen» Reise gelangen die Deportierten zu einer Anlage, die wie ein «großes und unheimliches mittelalterliches Schloss» aussieht. Gleich daneben steht ein Schornstein, aus dem unaufhörlich schwarzer Rauch quillt. Die Gefangenen haben Mauthausen erreicht. Den ahnungslosen Pantozzi erwartet eine unglaublich gewaltsame Aufnahme. Er wird von seinen beiden Mithäftlingen, Pater Konstantin Amort und Mario Pedinelli, getrennt, die ihn seit der Einkerkerung in Trient schon allein durch ihre Anwesenheit getröstet hatten. Es wird ihm sein weniges persönliches Hab und Gut beschlagnahmt, der Blockführer schikaniert ihn, er ist gezwungen, eine einzige Pritsche mit vier anderen Häftlingen zu teilen. Mit untröstlicher Bitterkeit muss er feststellen, dass an jenem gottverlassenen Ort sich nicht einmal die Gefangenen untereinander unterstützen: Um zu überleben, muss jeder imstande sein, sich gegen die Angriffe der verhärteten Schicksalsgenossen zu wehren. Pantozzi – dem eine Plakette mit der eingravierten Matrikelnummer 126520 ausgehändigt wird, die er am Handgelenk tragen muss – macht fast umgehend alle Italiener ausfindig, die in seiner Baracke untergebracht sind, und baut zu ihnen ein brüderliches Verhältnis auf, das sein Gefühl erbitterter Trostlosigkeit ein wenig dämpft. Der eisigen Kälte ausgesetzt, vom Hunger zerfressen, von den Wächtern misshandelt, müssen die Häftlinge unzählige weitere Erniedrigungen aushalten. Aber auf der Bühne von Mauthausen spielen sich auch weitere grausamste Tragödien ab, die die Juden und die Mitglieder der Strafkompanie zum Opfer haben. Der nationalsozialistischen Barbarei gelingt es, die in den tiefsten Abgründen der Erde versunkene Hölle von Dante wieder an die Oberfläche zu zerren. In den Baracken nötigt der Hunger viele verzweifelte Häftlinge sogar zum Kannibalismus. Die körperlichen Strafen mit Peitschenhieben, die unerträglichen Disziplinarmaßnahmen, die ständigen Demütigungen und Repressalien zertreten die menschliche Würde der Häftlinge. Trotz der unsäglichen Leiden, die die Nationalsozialisten den Gefangenen zufügen, dürfen diese nichts darüber berichten. Die Zensur lässt es nicht zu, dass aus dem Lager

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von Mauthausen Briefe gehen, die Informationen über das Schicksal der Häftlinge enthalten. Wie Hans Marsalek in seiner gut dokumentierten Geschichte des Lagers Mauthausen erklärt, mussten die Häftlinge in ihren Briefen und Karten die Standardformel «Ich fühle mich wohl und es geht mir gut» einfügen. Während die Verwandten der Opfer nichts vom Grauen, das sich im Lager abspielt, erfahren dürfen, stellt der blanke Horror des Lagers für die Einwohner der nahe gelegenen Stadt Mauthausen ein gewohntes Schauspiel dar. Bei ihren sonntäglichen Spaziergängen machen sie manchmal beim Sportplatz Halt, der direkt ans Lager grenzt und auf dem die SS-Männer Fußball spielen. Durch den Stacheldraht hindurch sehen die müßigen Spaziergänger die nackten Skelette der Häftlinge, denen die Schergen das menschliche Antlitz geraubt haben, aber das stört sie nicht, es lässt sie anscheinend ganz und gar gleichgültig. Mit dem Einbruch des Frühlings wird das Klima etwas milder, aber eine neue Plage bricht über die Leidensgemeinschaft der Deportierten herein: die Wanzen. Pantozzi erzählt von den «Pritschen», die oft nur mehr «eine unförmige Anhäufung aus Fleisch, oder besser Knochen, Ausscheidungen, Läusen und Wanzen» waren. Dies sind ideale Bedingungen für die Ausbreitung des Fleckfiebers, das zu all den anderen Krankheiten hinzu kommt, die bereits unter «normalen» Umständen das Lager befallen, und immer neue Opfer fordert. Mit der Zeit merken die Häftlinge, dass ihre herkömmlichen Anpassungsmechanismen und Werte nicht mehr greifen. Sie erleiden – wie Bettelheim es ausdrücken würde – einen vollkommenen Verlust ihrer Abwehrmechanismen: In dieser Extremsituation müssen sie versuchen, «ein neues Verhaltensmuster, neue Werte, neue Über-Lebensweisen zu entwickeln», die den neuen Bedingungen angepasst sind3. Endlich erreichen am 5. Mai 1945 die amerikanischen Alliierten das Lager, wo sie von einer auf das Skelett reduzierten Menschenmenge begrüßt werden. Im Kapitel «Die Befreiung» – dem Das kleine Tagebuch von Mario (Aufzeichnungen von Pedinelli) und das abschließende «Ende» folgen – beschreibt Pantozzi die Ankunft der Kleinlaster der Alliierten auf der «verruchten Straße entlang der Mauer». Aldo Pantozzi widmet diesem Ereignis, das die KZ-Erfahrung beendet, drei Seiten: Die Bilder der gerührten und

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Bettelheim 1981: 25.

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jubelnden Deportierten überschneiden sich mit der Beschreibung des qualvollen Staunens, das die Alliierten beim Betreten des Lagers, eines «Massengrabs für Lebende», empfinden. Den KZ-Häftlingen gelingt es nicht, die fürchterlichen Erinnerungen auszulöschen, die sich unaufhörlich in ihre Gedanken drängen. Es kehrt hartnäckig die «barbarische Reise» in ihr Gedächtnis zurück, die sie nach Mauthausen geführt hat, und der «barbarische Tod», den eine halbe Million Gefangene erleiden musste. Die Ruinen der Baracken des Krankenlagers, das von den Flammenwerfern der Alliierten zerstört wurde, erscheinen Pantozzi als das Symbol einer «beendeten Barbarei, des niederträchtigen Nazismus», der nun endgültig besiegt wurde. Die Befreiung führt zur abschließenden Reflexion über die «schändliche Barbarei», die sich nicht nur in Mauthausen zutrug, sondern auch in den zugehörigen Arbeitslagern. Das Adjektiv «schändlich» häuft sich in diesem letzten Kapitel, taucht aber bereits auf den vorhergehenden Seiten des Buches immer wieder auf. Es wird die «schändliche Folter» zitiert, der Aldo und seine Mithäftlinge im Gefängnis von Trient während der vierzig Tage vor der Überführung in das Lager Bozen ausgesetzt sind. Ein «schändliches Zeichen» ist für die SS das rote Dreieck, das die politischen Häftlinge tragen. «Der schändliche Samen des Hasses» hat in den Herzen jener Buben Wurzeln geschlagen, die bei einem Halt des Zuges, der die Häftlinge nach Mauthausen transportiert, als Zeichen der Verachtung Schneebälle gegen die überfüllten Waggons der Deportierten werfen. Ein «schändliches Grab» ist der Block, dem Pantozzi zugewiesen wird. Die SSMänner werden «schändliche Doppelbuchstaben» genannt und an anderen Stellen als «schändliche Folterknechte, verdammte Doppelbuchstaben, Menschenschinder, Menschenbiester, Biester» beschrieben. Man soll sich jedoch von diesen Zitaten nicht täuschen lassen: Das Buch von Pantozzi ist keineswegs eine Sammlung ungebremster neorealistischer Ausschweifungen. Es handelt sich vielmehr um ein Werk, das Ergebnis eines unmittelbaren, spontanen Niederschreibens ist, bei dem aber Gedankenklarheit und Gleichgewicht nie verloren gehen. Im abschließenden Kapitel «Ende» beschreibt Pantozzi die wichtigsten Momente seiner Rückkehr nach Bozen. Die verletzte Persönlichkeit des Heimkehrers strukturiert sich wieder. Dank seines religiösen Glaubens, der ihn dazu bewogen hatte, sich geduldig dem Schicksal zu fügen (was seine Gefangenschaft etwas gelindert hatte), spürt Pantozzi, dass in seiner Seele «der barmherzige Samen des Vergebens» zu sprießen beginnt. Mit diesen Worten verabschiedet sich der Autor vom

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Leser. Jean Améry, selbst ein ehemaliger Deportierter, hätte dieses versöhnliche Gefühl sicherlich verachtet. Den Verantwortlichen der Verbrechen, die in den Lagern ausgeübt wurden, zu verzeihen, die Taten der Nationalsozialisten der Vergessenheit zu überlassen, kam für Améry einem Verrat gleich: Er bestand auf sein Recht auf Ressentiment. Einer zerfressenden Wut ausgeliefert, verkündet er seine Unfähigkeit, die Gräueltaten der Nazis zu verstehen und somit zu rechtfertigen. Er kritisiert die Haltung von Primo Levi, den er mit kaum verhohlener Verachtung einen «Verzeiher» nennt. Diese Bezeichnung hielt Levi jedoch für ungenau: In einem Brief an eine Freundin stellte er richtig, dass er seinen Peinigern nie vergeben habe, da er «kein menschliches Handeln kenne, das eine Schuld tilgen kann». In einem Gespräch mit Paola Valabrega gab er aber zu, keinen Hass zu empfinden. Oft werde der Hass mit dem Wunsch nach Gerechtigkeit verwechselt. Doch ein ungesteuerter Hass könne Schaden anrichten. Diese Überlegungen zum Thema der Verzeihung erinnern an ein Stück von Simon Wiesenthal, Die Sonnenblume, in welchem der Autor, der die Shoah überlebt hatte, einen Vorfall erzählt, der sich 1942 in Lemberg zugetragen hatte: Ein junger Nazi, der im Sterben liegt, bereut seine Gräueltaten und bittet Wiesenthal um Verzeihung. Wiesenthal aber weigert sich, ihm zu vergeben. Nach Kriegsende wird der spätere unerbittliche Nazijäger von einem quälenden Zweifel befallen: Er fragt sich, ob er mit seiner Weigerung, dem Sterbenden zu verzeihen, recht oder unrecht getan habe. Um dieses Dilemma zu lösen, schickt er zahlreichen angesehenen Persönlichkeiten aus verschiedenen Ländern einen Brief, in dem er sie auffordert, sein Verhalten zu beurteilen. Viele der angeschriebenen Personen erklärten, sie seien mit der Handlungsweise Wiesenthals einverstanden, da es wohl einem einzelnen Menschen zustehe, Böses zu vergeben, das ihm selbst zugefügt wurde, nicht aber Verbrechen zu verzeihen, die gegen die Menschheit ausgeübt wurden. Andere gaben zu, dass sie in derselben Situation, die Wiesenthal erlebt hatte, dem Sterbenden in extremis vergeben hätten. Die von Pantozzi gewährte Verzeihung ist eine seltene Geste «fast übermenschlicher Güte in einer Welt voller unmenschlichen und bestialischen Grausamkeiten»4, eine Geste, die Bewunderung und Ergriffenheit in uns weckt und sein Zeugnis mit dem höchsten aller Siegel versieht. Ada Neiger

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Franz König, in Wiesenthal 2002: 161.

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Im Angesicht des Todes Von Bozen bis nach Mauthausen

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Redaktionsvermerk Der in dieser Neuauflage enthaltene Text entspricht jenem, der bereits im Jänner 1946 veröffentlicht wurde (Bozen, Opera pro orfani perseguitati politici e derelitti). Kleinere Änderungen wurden einzig zur Korrektur offensichtlicher Druckfehler angebracht oder um einige wenige Nachnamen zu verbessern, deren richtige Schreibweise ausfindig gemacht werden konnte. Es schien außerdem für angebracht, den Text mit einigen erklärenden Fußnoten zu versehen, Bilder hinzuzufügen und den Text in Absätze zu gliedern, die in der ursprünglichen Auflage fast vollkommen fehlten. Leider konnte dazu nicht der verschollene Originaltext herangezogen werden. Pantozzis Bruder Giuseppe erinnert sich, dass dieser mit Bleistift in einen Notizblock geschrieben worden war. Ein herzlicher Dank geht an all jene, die mit ihren wertvollen Auskünften dazu beigetragen haben, den wissenschaftlichen Teil zu bereichern. Ganz besonders erwähnen möchte ich Arturo Boninsegna aus Predazzo, Giovanni Tomazzoni aus Rovereto und Arnaldo Righetti aus La Spezia sowie die Studienstiftung Filippo Turati. r.t.

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Vorhergehende Seite: Leichenhaufen in Mauthausen, gleich nach der Befreiung des Lagers. Dieses Foto trug Aldo Pantozzi immer in seiner Geldtasche bei sich (mit freundlicher Genehmigung der Angehörigen).


Vorwort der ersten Auflage 1946 Acht Monate nach der Befreiung beginnen wir mit der Veröffentlichung der «Collana dei redivivi»: Es handelt sich um Erzählungen, die von den abgründigen, höllischen Leiden in den Todeslagern berichten, verfasst von jenen, die sie an ihrem eigenen, lebendigen Leib erfuhren und auf wundersame Weise überlebten. Wie ich sagte, sind seit der Befreiung bereits acht Monate verstrichen: Aber diese Zeit war notwendig, um den Schmerz der tiefen, noch offenen Wunden zu lindern und die Gemüter zu besänftigen, denn das Erzählte soll nicht den Hass schüren (das ist nicht der Zweck), sondern eine Lehre echter Brüderlichkeit und Liebe sein. Zudem machte es die nunmehr endgültig erloschene Hoffnung auf die Wiederkehr vieler vermisster Schicksalsgenossen notwendig, ihren Leidensweg zu beschreiben, um dadurch ihr großes Opfer zu würdigen. Schließlich war es auch rein menschlich nötig, dass sich das Leid auch bei den Überlebenden selbst verringerte: Erst so konnten sie sich ihrer heiligen Pflicht widmen, die unendliche und vielleicht noch immer zu wenig beachtete Trauer zu lindern, die in den Familien der vielen Leidensgenossen, die nie wieder zurückkehren werden, noch immer andauert und insbesondere in den Herzen der kleinen Waisen eingekerbt ist, die geliebt, gepflegt und erzogen werden müssen. Aus diesen Gründen stellt das vorliegende Buch – zusammen mit den anderen, die folgen werden – die Umsetzung einer patriotischen Pflicht dar, und es ist darüber hinaus ein Werk christlicher Barmherzigkeit: Nur aus Nächstenliebe haben die Autoren ihre Zurückhaltung überwunden und über sich selbst geschrieben. Aldo Pantozzi war der erste, den wir um Zusammenarbeit gebeten haben. Seine Geschichte steht stellvertretend für die nicht enden wollende Kolonne von Italienern, die vom Bozner Lager in ein unbekanntes Schicksal jenseits der Alpen aufbrachen. Er hat uns seine Aufzeichnungen übergeben, und zwar ohne Überarbeitungen, genau so, wie er sie spontan nach der Rückkehr niedergeschrieben hatte, in der ruhigen Atmosphäre unseres Krankenhauses C.A.R. [Zentrum für die Betreuung der Heimgekehrten] in Bozen, wo er vollkommen erschöpft

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angelangt war. Wir veröffentlichen sie so wie sie sind. Den Autor zu bitten, den Inhalt zu revidieren (was vielleicht die Publikation eines dicken Bandes ermöglicht hätte), schien uns wie eine Entweihung: Zu groß sind die Ehrlichkeit des Textes und seine authentische Wiedergabe des tatsächlichen Ablaufs der tragischen Ereignisse. Dies ist ein Buch, das ein ganzes Leben enthält, verdichtet zu einer sechs Monate währenden Tragödie. Erzählt wird in einfacher, schlicht berichtender Weise, das Martyrium, welches unzählige heldenhafte Männer «erlitten». Ihre Erinnerung durchweht die Seiten dieses Bandes. Es sticht ins Auge, dass nirgendwo darauf hingewiesen wird, was die Deportierten vor ihrer Verhaftung gemacht hatten: In den Lagern trat dies in den Hintergrund, wurde verschwiegen, wurde als ganz normale Pflichterfüllung betrachtet. Gerade deswegen enthält die Geschichte auch keinerlei Vorspann: Sie beginnt mit dem Austritt aus dem Gefängnis von Trient und der Überstellung in das Lager von Bozen. Die Phase, die der Haft vorausging, die rohen und oft gewaltsamen Verhöre, die Verhaftung und die Aktionen der Partisanengruppe aus Cavalese, die im November 1944 festgenommen wurde, gehört eben zu dem, was «gemacht» wurde, und es steht anderen zu, darüber zu sprechen. Die Überlebenden müssen hingegen das erzählen, was «erlitten» wurde, damit die – oft skeptischen – Leser durch diesen Bericht alles über die Abgründe der Barbarei und des Hasses erfahren können, um dadurch zu fruchtbarer Zivilisation, Liebe und christlicher Güte gelangen zu können. Nicht zufällig erscheint dieser Band genau ein Jahr nach dem Beginn der geschilderten Ereignisse und der Verhaftung vieler Bozner Partisanen, deren treibende Kraft Dr. Manlio Longon gerade während jener emotional so dichten Tage grausam ermordet wurde. Auch ihm gilt unser unauslöschliches Gedenken. Bozen, Neujahr 1946 Luigi Pirelli 1 1

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Luigi Pirelli (Varenna 1893 - M. Bellano 1964), ehemaliger Internierter des Lagers Bozen, gründete gleich nach dem Krieg den Verein der ehemaligen Internierten, der sich später in den Verein der italienischen antifaschistischen Verfolgten aus politischen Gründen (Associazione nazionale perseguitati politici italiani antifascisti - APPIA) angliederte. Ihm ist die Rettung einer handgeschriebenen Liste mit den Namen verschiedener Häftlinge des KZ in der Reschenstraße zu verdanken, die er am 30. April 1945 dem Feuer entriss. Das Dokument, das etliche Male von Hand zu Hand wechselte, wurde schließlich von Happacher (Happacher 1979) für seine Studie benutzt. Der Band «Sotto gli occhi della morte» (Im Angesicht des Todes) leitete die «Collana dei redivivi» (Reihe der Wiederaufstandenen) ein, die Pirelli im Rahmen der Tätigkeit der Opera pro orfani dei perseguitati politici e derelitti (Hilfsorganisatzion für die Waisen der Verfolgten aus politischen Gründen und der Mittel-


Vorwort Ich widme meine Erinnerungen an die erlittenen Schandtaten und Gräuel meinen verstorbenen Schicksalgenossen aus Cavalese, die mit mir verhaftet wurden und in den verdammten Lagern umkamen: Pater Prof. Konstantin Amort aus Branzoll bei Bozen Missionär in China, Professor für Sprachen am Istituto superiore Francescano di scienze e lettere in Neapel, verschworener Patriot, eingekerkert in Trient und dort gefoltert, interniert im Lager Bozen, Block E, nach Mauthausen deportiert und dort gestorben1; Frater Kasimir Jobstraibizer aus Trient Pförtner des Klosters von Cavalese, unschuldiges Opfer, eingekerkert in Trient, losen, a.d.Ü.) von Bozen, deren Vorsitz er innehatte, zu verwirklichen gedachte. Im selben Jahr 1946 wurde auch ein zweiter Band, Don Narciso Sordo: da Trento a Mauthausen per l’olocausto von Angelo De Gentilotti, herausgegeben, während die anderen Publikationen, die nach dem folgenden Schema geplant waren, nie auf den Markt kamen. Band 3: Marcello Caminiti, «Uomini 65, cavalli 8» Band 4: Dani 7459, «Le 11116 matricole del Campo di Bolzano» Band 5: Gionno 9981, «Attilio ed Emilio: i fratelli… ribelli…» Band 6: Andrea Mascagni, «Il movimento clandestino nell’Alto Adige» Band 7: Bruno – Maria, «Sprazzi di luce nel tormento della guerra» Band 8: Don Pedrotti, «I piccoli dei campi di concentramento» Band 9: Giorgio Benettini, «I nefasti della Repubblica Sociale Italiana». Luigi Pirelli lebte einige Jahre lang in Bozen, wo er im Rahmen der katholischen Bewegungen eine Vielzahl wohltätiger Initiativen durchführte (Pantozzi, Giuseppe 2000b: 120). Später kehrte er in seine Heimatstadt Varenna in der Provinz Como zurück. In der Ortschaft Eremo di Varenna e Perledo richtete er eine Herberge ein, der er den Namen Eremo Gaudio gab. Dieser Name wurde von den Patres des Vocationistenordens, denen die Stätte als Schenkung zukam, beibehalten. Der Eremo Gaudio wurde vollständig saniert und dient heute auch als Unterkunft für Touristen. Weitere Auskünfte, insbesondere bezüglich der wohltätigen Initiativen von Luigi Pirelli, sind in der Publikation Maglia 1964 enthalten. 1 Pater Ludwig Amort (Ordensname: Pater Konstantin) wurde 1900 in Branzoll geboren. Er besuchte das erzbischöfliche Gymnasium in Trient und trat im Alter von 20 Jahren dem Franziskanerorden bei. Nach dem Studium der englischen Sprache in London war er von 1928 bis 1936 als Missionär in China tätig. Pater Konstantin Amort starb am 14. April 1945 im KZ Gusen, einem Nebenlager von Mauthausen (Pantozzi, Giuseppe 2000b: 25. Weitere Informationen in Pantozzi, Aldo 1990; Pantozzi, Aldo 1995a; Pantozzi, Aldo 1995b; Turbiani 1995). 2 Frater Kasimir Jobstraibizer, Laienfranziskaner, geboren in Florutz, war Pförtner des Klosters von Cavalese. Er wurde am 19. Jänner 1945 in das KZ Flossenbürg deportiert und starb am 18. April desselben Jahres im KZ Leitmeritz, in der Nähe von Prag (Pantozzi, Giuseppe 2000b: 109). 3 Mario Zorzi (1925-1945) war ein junger katholisch erzogener Student. Er hatte gerade seine Studien am erzbischöflichen Gymnasium in Trient abgeschlossen (Pantozzi, Giuseppe 2000b: 22). Er wurde am 19. Jänner 1945 in das KZ Flossenbürg deportiert und starb dort am 14. April.

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gefoltert, interniert im Lager Bozen Block B, deportiert und gestorben in Seimeritz2. Mario Zorzi aus Cavalese Student, verschworener Patriot, eingekerkert in Trient, gefoltert, interniert im Lager Bozen Block B, deportiert und gestorben in Flossenbürg3. In diese Erinnerung schließe ich alle meine Mithäftlinge des «Weberei-Kommandos» und des «Invalidenblocks» des «Kranken-Lagers» von Mauthausen ein: 51 von 56 starben; von diesen habe ich ich folgende, unvollständige Liste erstellt4: Don Antonio Rigoni aus Arsiero (Vicenza); RA Alfredo Violante aus Mailand; Dr. Mario Biga aus Bovisio Mombello (Mailand); Gen. Cesare Botteri (alias RA Rocca) aus La Spezia; Dr. Antonio Battolla aus La Spezia; RA Giuseppe Benvenuti aus Genua; Prof. Vincenzo Salerno aus Catania; Filippo Trinchero aus Bellusco (Mailand); Livio Cavazzani aus Avio (Verona); Mario Delaito aus Feltre; Antonio Raco aus Tauria Nova (Reggio C.); Battista Zanolini aus Val Trompia (Brescia); Alberto Costa aus La Spezia; Antonio Gigli aus Triest; Mario Bagna aus Mailand; Anselmo Manfrini aus Mailand; Bruno Zordan aus Schio (Vicenza); Nino Bortolosco aus Schio (Vicenza); Vittorio aus Schio (Vicenza); Antonio Bosic aus Pola; Domenico Baruffato aus Vicenza; Ing. Vairani aus Mailand; Burattini aus Rom; Marella aus Venedig; Ricci aus Imperia; Morasca aus La Spezia; Mariani aus La Spezia; Dr. Vigilante aus La Spezia; Calvo aus Pegli; Rossi aus Genua; Larini aus Livorno; Rusconi aus Como; Pelizzi aus Reggio Calabria; Alberto aus Triest; Malavasi aus Ligurien; Candeloni aus dem Piemont; Pietro aus der Gegend von Belluno. (Ich entsinne mich nicht der Namen weiterer 14 Gefährten, aber die Erinnerung an sie ist in mein Herz gemeißelt). Wir haben versucht, so weit es möglich war, biografische Daten zu den von Aldo Pantozzi erwähnten Personen einzuholen. Nachfolgend in alfabetischer Reihenfolge die Ergebnisse unserer Recherche: Bagna Mario, geboren am 5. Mai 1920 in Cantù und wohnhaft in Mailand, Matrikel Nr. 58692 (Buffulini – Vasari 1992: 108). Er starb wenige Tage nach der Befreiung, am 15. Mai 1945. Battolla Dr. Antonio Luigi, geboren 1881. Er war Apotheker der Gemeinde Follo in der Provinz La Spezia. Biga, Dr. Mario, Tierarzt in Bovisio Mombello (Mailand), geboren 1894 in Potenza, Matrikel Nr. 110203 (Buffulini – Vasari 1992: 108). Burattini Umberto, Maurer, geboren am 2. April 1889 in Rom. Bereits nach dem 1. Weltkrieg als Leiter der kommunistischen Zelle des Stadtviertels Borgo-Trastevere in Rom tätig. Am 2. Dezember 1926 wurde er zu einem 5-jährigen Zwangsaufenthalt auf den Inseln Tremiti, Ustica und Ponza verurteilt. Mehrmals wegen Nichteinhaltung der Gerichtsauflagen verurteilt. Er wurde am 31. März 1932 befreit und in das Verzeichnis der Personen eingetragen, die zu bestimmten

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Zusammen mit ihnen gedenke ich Dutzender und Dutzender Leidensgefährten aus allen europäischen Nationen, die, fest an uns geschmiegt, in unseren erbärmlichen Schlafstätten für die Sache der Menschheit starben. Anlässen zu verhaften waren. Am 17. Juni 1940 wurde er erneut eingekerkert (Manfredonia) und am 17. April 1942 befreit (Antifascisti 1990: 362). Costa Alberto aus La Spezia, geboren 1925. Manfrini Anselmo, Arbeiter aus Mailand, nahm am Streik des 1. März 1944 teil. Mariani Alceste Massimo aus La Spezia, geboren 1877. Morasca Alberto aus La Spezia, geboren 1906. Rigoni Don Antonio, geboren am 4. August 1883 in Asiago. Er wurde 1907 zum Priester geweiht und war anschließend Kaplan in verschiedenen Ortschaften, darunter auch in San Pietro Valdastico, wo er die Kriegsjahre und die Zeit der nationalsozialistischen Besatzung verbrachte. Diese erwies sich im Astico-Tal als besonders grausam, wie das Massaker von Pedescala bezeugt. Für die Deutschen stellte das Astico-Tal einen strategisch überaus wichtigen Rückzugskorridor nach Deutschland dar, der unbedingt freigehalten und gesichert werden musste. Vielleicht war dies der Grund der vielen «Säuberungsaktionen», die dort durchgeführt wurden. Im Laufe einer solchen Aktion wurde Don Antonio (Snaco) am 7. Jänner 1945 in der Ortschaft Ponte Posta verhaftet, wo er Pfarrer war (Diozöse Padua). Nach der Haft in verschiedenen italienischen Gefängnissen, darunter Strigno und Bozen, wurde Don Antonio Rigoni am 1. Februar 1945 im Alter von 62 Jahren nach Mauthausen deportiert. Die Nachricht seines Todes, der zwischen dem 10. und dem 15. April erfolgte, traf am 3. September bei seiner Pfarrei durch einen Brief ein, den Monsignor Agostini, Bischof von Padua, dem Seelsorger Don Aldo Bordin schickte. Im Schreiben teilte der hohe Geistliche mit, er habe durch einen Brief eines «aus Deutschland Heimgekehrten» vom Tod Rigonis erfahren (Gios 1981: 266). Es handelte sich dabei um Aldo Pantozzi, der am 12. August 1945 die Umstände des Todes von Don Rigoni wie folgt schilderte: «Hochwürdige Eminenz, ich bin ein Überlebender aus dem Konzentrationslager Mauthausen und halte es für meine Pflicht Ihnen nun, da es mir wieder besser geht, zu schreiben, um Ihnen Auskunft zu geben über einen Pfarrer Ihrer Diozöse, Don Antonio Rigoni, der mit mir die Gräuel jenes entsetzlichen Lagers teilte. Wir verließen am 1. Februar 1945 das Lager Bozen in Richtung Mauthausen, wo Don Antonio wegen seines Alters einem Invaliden-Block (Baracke) zugewiesen wurde und wo auch ich wegen einer körperlichen Behinderung landete: Unser Zielort hatte jedoch nichts Menschliches an sich, da besonders die Invaliden- und Krankenbaracken in Wahrheit ein Ort der systematischen Vernichtung des Lebens waren, insbesondere durch Hunger. Don Rigoni trotze diesen Widerwärtigkeiten bis Anfang April, dann brach seine Widerstandskraft zusammen: Zwischen dem 13. und dem 15. April verstarb er in mystischer Zuwendung zu Gott. In der Baracke herrschte – wie ich erwähnte – großer Hunger: Trotzdem verzichtete Don Antonio Rigoni oft auf sein ärmliches Brot, um es seinen Gefährten zu schenken. Diese Nächstenliebe führte ihn wahrscheinlich ins Reich der Guten. Er war der Pfarrer von Arsiero oder einer anderen Gemeinde der Valdastico-Gegend. Er traf mit einer Gruppe von Partisanen seiner Pfarrei hier in Bozen ein. In Mauthausen verlor sich jede Spur der Gruppe. Ich weiß nur, dass einer von ihnen, ein gewisser Elio Bona, Grundschullehrer, in einem Nebenlager starb. Mit großer Hochachtung und mit tiefstem Beileid.« (Archiv der bischöflichen Kurie Padua, Fondo Agostini, 7/A, zit. in Gios 1986: 122). Weitere biografische Auskünfte über Don Antonio Rigoni in Polato Rigoni [s.d.]. Trinchero Filippo aus Bellusco (Mailand), geboren 1883 in Florenz und ehemaliger Hauptmann des Alpini-Korps. Vigilante Lodovico aus La Spezia, geboren 1892, Kommissar der öffentlichen Sicherheitskräfte. Violante Alfredo, Rechtsanwalt, geboren 1888 in Rutigliano (Provinz Bari). Anlässlich seines 50. Todestages hat ihm die Gemeinde Rutigliano den Band Fanizzi 1995 gewidmet.

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Namenstag Dem einsamen Fußgänger, der in den frühen Morgenstunden jenes grauen 10. Januars1 [1945] dort vorbeiging, wird der auffallend schäbige und befremdliche Lastwagen, der vor dem Gebäude Nr. 6 der Carlo-Antonio Die von Aldo Pantozzi erzählte Geschichte beginnt am 10. Jänner 1945. Pantozzi war bereits am 30. November 1944 verhaftet worden. Zwischen dem 27. November und den ersten Dezembertagen wurden in Cavalese auch Pater Konstantin Amort, Anna Clauser Bosin, Pater Giuseppe Degasperi, Bruder Kasimir Jobstraibizer, Mario Leoni, Giovanni Tosca und Mario Zorzi verhaftet. Die Verhaftungen in Cavalese und ihre Gründe werden eingehend in Pantozzi, Giuseppe 2000b: 21-38 beschrieben. Über die Ereignisse, die sich am 27. November 1044 abspielten, als die SS in das Franziskanerkloster von Cavalese einbrachen, wird im Tagebuch des Klosters ein detaillierter Bericht erstattet: «Um 6.15 Uhr wurde das Kloster von Cavalese mit höllischem Krach von einer Gruppe erbarmungsloser und barbarischer nazideutscher SS-Soldaten überfallen. Alle Patres und Haushälter wurden in die Zelle Nr. 6 eingesperrt, mit Ausnahme von Pater Konstantin und Bruder Kasimir, die in ihre eigenen Zellen eingeschlossen und überwacht wurden und anschließend einem brutalen, gewalttätigen, menschenverachtenden Verhör unterzogen wurden. Nach ihnen kam der Pater Guardian an die Reihe. Pater Giuseppe wurde in seine Zelle geführt und so wie seine Glaubensbrüder verhört. Die Details der gesamten Verhaftung und der einzelnen Verhöre werden getrennt berichtet werden. Der gewaltige Tummel ging weiter, als die deutschen SS beschlossen, alle Ecken des Klosters zu durchsuchen: In der Küche fanden sie Bruder Clemente, der gerade das Essen zubereitete. Sie schleppten ihn in den Vorraum, zerrten ihn über den Hackstock und drohten ihm mit dem erhobenem Hackbeil, dass sie seinen Schädel zerschmettern würden, falls er nicht zugab, dass die Patres am Tag zuvor eine Kuh geschlachtet hatten. Da dies aber keineswegs der Wahrheit entsprach, stritt Bruder Clemente den angelasteten Vorfall entschieden ab. Da die SS nicht das gefunden hatten, worauf sie hofften, und zwar ein Lager voller Getreide, einen Stall voller Tiere und einen Keller voller Wein, um mit einer reichen Beute abziehen zu können, führten sie die Durchsuchung mit noch größerer Vehemenz durch. Wie hungrige Tiere machten sie sich schließlich über die wenigen Würste her, die sie gefunden hatten. Sie waren entrüstet über die Ärmlichkeit ihres Diebsgutes, steckten die Würste aber dennoch in einen Sack und luden sie, als hätten sie einen reichen Fang gemacht, in ihren Wagen. (Wir haben später erfahren, wie sie die Würste in Cavalese, im Gasthaus Venezia, verspeist haben!). Gleichermaßen verhielten sich die SS, als sie zwei Krüge mit Gewürzen und ein altes, verstaubtes Schaffell fanden, das im ersten Weltkrieg von österreichischen Soldaten auf dem Rückzug zurückgelassen worden war. Nach Beendigung der Durchsuchung verhafteten die SS – die insgesamt drei Stunden im Kloster verbracht hatten – Pater Guardian, Pater Konstantin und Bruder Kasimir und forderten sie auf, ihnen zu folgen. Nachdem sie sie in der Absicht, sie bloßzustellen und der allgemeinen Verachtung preiszugeben, kreuz und quer durch Cavalese geführt hatten und ausgiebig an den Plätzen Halt gemacht hatten, wo sich am meisten Leute aufhielten, brachten sie sie in die Kaserne der Gendarmerie, wo sie bis zum Anbruch des Abends blieben. Gegen 16 Uhr tauchten die SS wieder auf und befahlen ihnen erneut, ihnen zu folgen. Gleich vor der Kaserne standen ein weiteres Dutzend von Verhafteten, die fast alle aus Cavalese waren. Mit ihnen zusammen wiederholten sie die ‹Via Crucis› des Vormittags, gingen denselben Weg und machten an denselben Stellen des Dorfes Halt» (zit. in Pantozzi, Aldo 1990: 157-158).

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Inhalt

Vorwort (Luisa Gnecchi – Sandro Repetto – Giuseppe Ferrandi) Vorwort (Vincenzo Calì) Einführung Aldo Pantozzi (1919-1995), biografische Daten

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Im Angesicht des Todes: Von Bozen bis nach Mauthausen Redaktionsvermerk Vorwort der ersten Auflage 1946 Vorwort Namenstag «Durchgangslager» Block E Leidensgenossen aus La Spezia Zu Besuch bei den «Ukrainern» Von oben fällt Freiheit herab Ins Ungewisse Adieu, Italien! Die bestialische Reise Mauthausen! Diebstahl und Verbrechen «Ruski-Lager»: Block 1 Verpflegung und Ruhe Grabstätte für Lebende Die «Weberei»

20 21 23 26 32 35 43 47 51 54 58 61 64 73 78 81 84 89

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Arbeit, Peitsche, Hunger Block 9: Ende der Weberei Vernichtung durch Hunger Die «Zugänge» Zu den Gaskammern Die Befreiung Das kleine Tagebuch von Mario Ende Bibliografie Zeigefinger der Namen

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91 96 99 104 106 114 118 130 131 135


Aldo Pantozzi Im Angesicht des Todes

Inhaltsverzeichnis Vorworte. Einführung von Ada Neiger. Aldo Pantozzi (1919-1995): biografische Daten. Im Angesicht des Todes: von Bozen bis nach Mauthausen. Redaktionsvermerk. Vorwort der ersten Auflage. Vorwort des Autors. Namenstag. «Durchgangslager». Block E. Leidensgenossen aus La Spezia. Zu Besuch bei den «Ukrainern». Von oben fällt Freiheit herab. Ins Ungewisse. Adieu, Italien! Die bestialische Reise. Mauthausen! Diebstahl und Verbrechen. «Ruski-Lager»: Block 1. Verpflegung und Ruhe. Grabstätte für Lebende. Die «Weberei». Arbeit, Peitsche, Hunger. Block 9: Ende der Weberei. Vernichtung durch Hunger. Die «Zugänge». Zu den Gaskammern. Die Befreiung. Das kleine Tagebuch von Mario. Ende. Bibliographie. Namensverzeichnis. Aldo Pantozzi Wurde 1919 in Avezzano geboren. Er besuchte das Gymnasium in Trient und Meran, anschließend das Lyzeum in Bozen. 1942 schloss er sein Rechtsstudium in Bologna ab. Wegen der Bombardierung von Bozen musste er im September 1943 mit seiner Familie nach Cavalese fliehen, wo er einen Lehrauftrag im Schulzentrum von Ezio Mosna erhielt. Am 1. Dezember 1944 wurde er von Beamten des Sicherheitsdienstes verhaftet, ins Gefängnis von Trient überstellt und dort bis zum 10. Januar 1945 gefangen gehalten. Es folgte die Überführung ins Lager Bozen und am 1. Februar 1945 die Deportation in das Vernichtungslager Mauthausen. Nach seiner Rückkehr nach Bozen übte er mit großem Einsatz seine Tätigkeit als Anwalt und ab 1950 als Notar aus. Er starb am 10. November 1995 in Bozen

ISBN 978-88-7197-092-9

E 11,00

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Città di Bolzano Stadt Bozen

Im Angesicht des Todes von Bozen bis nach Mauthausen Aldo Pantozzi

10 Grenzen | confini

Die erste Auflage des vorliegenden autobiografischen Werks wurde 1946 herausgegeben, nur ein Jahr nach dem Beginn der tragischen Umstände, die darin erzählt werden. Es handelt sich um den schonungslosen Bericht von Aldo Pantozzi über seine schreckliche Erfahrung im Lager Mauthausen: Hundert Tage verbrachte er Anfang 1945 in diesem Ort des Grauens und der tiefsten Verletzung der Menschenwürde.2002 gab das Historische Museum von Trient mit dem Einverständnis der Familie Pantozzi eine kommentierte Neuauflage des Buches heraus, die in kürzester Zeit ausverkauft war. Nun wird das Werk erneut publiziert und dank der wesentlichen Unterstützung der Stadt Bozen und der Autonomen Provinz Bozen auch in deutscher Sprache veröffentlicht, um allen den Zugang zu diesem sowohl in historisch-dokumentarischer als auch in menschlicher Hinsicht wertvollen Buch zu ermöglichen.

Aldo Pantozzi Im Angesicht des Todes

von Bozen bis nach Mauthausen

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Grenzen confini


Im Angesicht des Todes von Bozen bis nach Mauthausen