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Gambit

Claudia Starke


Der Motor erstarb mit einem Geräusch, das in den Zähnen schmerzte. Petra schlug eine Hand vors Gesicht und schloss die Augen. Vielleicht, wenn sie einen Moment wartete … er musste nur abkühlen … sich ausruhen … Sie wusste selber, dass sie sich etwas vormachte. Dieses letzte Geräusch war eindeutig der Todesseufzer ihres Autos gewesen. Sein Abschiedswort an sie. Verdammt. Sie schlug gegen das Lenkrad. Regen prasselte auf das Autodach, die Scheiben beschlugen allmählich, während draußen die Dämmerung einem trübgrauen Tag ein Ende setzen wollte. Und weit und breit war kein Haus zu sehen. Petra atmete tief durch und nahm noch einmal die Wegbeschreibung zur Hand. Sie hatte sich genau an Sabines Anweisungen gehalten, es konnte nicht mehr weit sein. Allerdings lag ihr Handy daheim auf der Kommode, weil es heute Mittag den Geist aufgegeben hatte - just in dem Moment, da Petra mit vollen Einkaufstüten vor ihrer


Wohnungstür gestanden und nach dem Schlüssel gekramt, hatte es geklingelt. Weil sie daraufhin nach dem Handy gesucht hatte, war ihr eine der Tüten entglitten. Und das gerade gefundene Handy war auf dem Boden gelandet, gleich neben den zerbrochenen Eiern. Seitdem schwieg es. Es half alles nichts. Laut Beschreibung konnte es nicht mehr weit sein und da es bereits den ganzen Abend ununterbrochen regnete, war nicht damit zu rechnen, dass es innerhalb kürzester Zeit aufhören würde. Also öffnete Petra die Autotür. Der Wagen stand inmitten einer schlammigen Pfütze. Die junge Frau sah hinunter auf ihre Pumps und zog diese schließlich aus, warf sie hinter sich auf den Rücksitz und schwang die nackten Beine aus dem Auto. Der Regen war warm, ebenso das Wasser in der Pfütze, doch der Schlamm, der zwischen ihre Zehen quoll, machte sie schaudern. Sie durchmaß mit wenigen Schritten die Lache, bis sie auf eine Grasfläche gelangte. Dort


blieb sie stehen und sah sich um. Sie befand sich am Rande einer unbefestigten Straße, auf der sich etliche Schlaglöcher mit Regen gefüllt hatten. Linker Hand verliefen Schienen, umsäumt von Brombeerhecken, ansonsten umgab sie freies Feld und zunehmende Dunkelheit. Etliche hundert Meter weiter erhob sich ein kleines Wäldchen, Bäume, Sträucher – sie konnte nicht alles erkennen, doch dort schimmerte auch Licht. Nun, in etwa stimmte das mit Sabines Worten überein – demnach musste die Freundin dort wohnen. Unschlüssig sah Petra zu dem vermuteten Haus hinüber. Der Regen fiel in dicken, weichen Tropfen, rann über ihren Nacken, ihr Gesicht, tropfte von ihrer Nase und hatte mittlerweile jeden Teil ihres Kleides durchnässt. Querfeldein war es kürzer, doch es wurde zu dunkel, um den Untergrund deutlich erkennen zu können, und sie scheute sich, barfuß über unbekanntes Terrain zu laufen. Andererseits war das, was vor ihr lag, keine beleuchtete Straße und der Boden


genauso wenig zu erkennen. Dann also das kleinere Übel. Der Boden war schlammig, teilweise sank sie beinahe bis zu den Knöcheln ein, doch sie konzentrierte sich einzig auf das näher kommende Licht, darauf, dass nur Grashalme ihre Beine berührten und dass Schlamm schließlich sehr gesund war als FangoPackung. Somit konnte er ihren Füßen auch nicht schaden. Kaum eine Viertelstunde später näherte sie sich dem Haus. Das einzige, was sie in der Dunkelheit noch ausmachen konnte, war eine Hecke, die sie um etliche Zentimeter überragte, und einen Bogen, der durch diese Hecke führte. Die Fenster am Haus waren nicht erleuchtet, doch neben der Tür brannte außen eine Lampe. Dort hing auch ein Briefkasten. Und selbst wenn es nicht Sabines Haus war, so hatten sie sicherlich ein Telefon. Petra atmete tief durch und betrat den Vorgarten. Als sie vor der Tür stand und nach einem Namensschild suchte, begann die


Lampe zu flackern. Sie vermochte soeben noch Weigand zu lesen und den Finger auf den Klingelknopf zu legen, als die Glühbirne mit einem Laut verlosch, dass Petra an ihr Auto erinnerte. Auch wenn das Geräusch der Lampe viel leiser als das des Automotors gewesen war, so hatten sie eines gemeinsam: die Endgültigkeit. Nun, da sie in einer Finsternis stand, die es unmöglich machte, noch etwas von ihrer Umgebung auszumachen, lauschte sie auf Geräusche aus dem Haus. Es blieb still. Keine Stimmen. Keine Schritte. Noch einmal legte sie den Finger auf die Schelle, doch ehe sie sie betätigen konnte, wurde die Tür aufgerissen. „Petra!“ Sabine umarmte sie und zog sie ins Hausinnere. „Herrje, wie siehst du denn aus? Und wo ist dein Auto?“ „Hat den Geist aufgegeben. Irgendwo da draußen. Und da mein Handy heute Mittag ebenfalls gestorben ist, blieb mir nichts anderes übrig als zu laufen.“ „Du Arme.“ Noch einmal umarmte Sabine


sie. „Weißt du was? Du gehst jetzt erst mal unter die Dusche. Ich geb dir ein paar Sachen von mir, dann geht es dir auch bald besser. Um dein Auto kümmern wir uns morgen. Wenn es eh tot ist, wird es schon keiner klauen.“ Sie lachte. Und ehe Petra sich versah, stand sie in einem blau-weiß gekachelten Badezimmer und betrachtete sich im Spiegel, während hinter ihr bereits die Dusche rauschte. Die Wimperntusche war verlaufen, die Haare klebten am Kopf, am Hals und … sie schüttelte den Kopf. Schluss damit. Die Dusche wartete, danach wäre sie ein ganz neuer Mensch. Sie zog das Kleid über den Kopf und schlüpfte gerade aus ihrem Slip, als die Badezimmertür sich öffnete. „Wo soll ich die Sachen denn hin…“ Sie erstarrte, denn nicht Sabine stand vor ihr, sondern ein ihr unbekannter Mann. Vermutlich Matthias, Sabines Ehemann. Er lehnte mit einem süffisanten Lächeln im Türrahmen und ließ seine Augen ungeniert wandern.


Petra zögerte einen Moment lang, schwankend zwischen Augen auskratzen und schreien, entschied sich aber schließlich dafür, betont lässig die Duschkabine zu betreten. „Die Sachen hab ich hier auf den Hocker gelegt.“ Sabine. Demnach musste der Mann sich verzogen haben. „Ein Handtuch hängt hier neben der Dusche. Ich warte dann unten auf dich.“ Das Wasser war herrlich. Wie der Regen von vorhin, nur ohne Schlamm und … sie sah hinunter auf ihre Beine, die einige Kratzer zierten – egal, jetzt war sie an ihrem Ziel und morgen war ein anderer Tag. Allerdings sollte sie langsam mal die Dusche verlassen. Als sie die Schiebetür öffnete, sah sie sich einer fremden Frau gegenüber. „Was machen Sie in meinem Badezimmer?“, fragte diese kalt. Sie war schon älter, vermutlich Sabines Mutter, obwohl … Petra suchte in dem Gesicht nach Sabine, jedoch ohne sie zu finden. Die Züge waren härter, hagerer, die Augen eisblau und ebenso kalt.


Mit der Frau war es sicher nicht einfach zu leben. „Können Sie nicht endlich Ihre Blöße bedecken? Wie schamlos …“ Petra griff nach dem Handtuch und fragte sich, was als Nächstes käme. „Ich würde mich jetzt gerne in Ruhe abtrocknen und anziehen.“ Sie sah der Frau offen ins Gesicht, deren Blick konnte vermutlich kaum jemand lange standhalten. Schließlich drehte doch die Frau sich um und verließ das Bad. Petra runzelte die Stirn und atmete durch. Es war entschieden zu viel los in diesem Raum. Später, im Esszimmer im Erdgeschoss, fühlte Petra sich behaglicher. Sabine hatte einen Imbiss bereit gestellt – Salat, Baguette, Kräuterbutter, ein paar Oliven und Pepperoni – und eine Flasche Rotwein aufgemacht. Dunkle, schwere Vorhänge verbargen die Fenster, so dass Petra nicht zu sagen vermochte, ob es noch regnete, doch es spielte längst keine Rolle mehr. Und mit


jedem Schluck Wein konnte sie eher über die ganze Situation lachen. Einschließlich der zahlreichen Besucher im Badezimmer, bei denen es sich um Sabines Ehemann und dessen Mutter gehandelt hatte. Mehr erfuhr Petra allerdings nicht, da die Freundin rasch das Thema wechselte. Und sie selber mochte nicht weiter nachfragen, da es Sabine offensichtlich unangenehm war. Später, allein im Gästezimmer, drängten sich jedoch all die Fragen auf. Warum war Matthias nicht gekommen? Nach der Aktion im Badezimmer hätte er die Freundin seiner Frau zumindest vernünftig begrüßen können. Und sich entschuldigen. Und auch seine Mutter … nach deren Auftritt hatte Petra jeden Augenblick damit gerechnet, dass sie käme und ihr Gift versprühte. Die junge Frau zog die Jeans und das TShirt aus, dass sie von Sabine bekommen hatte, und da ihr eigener Slip noch nass war, legte sie sich nackt ins Bett. Zuhause schlief sie auch ohne Sachen, warum sollte


sie also hier … Schritte vor der Tür ließen sie sich aufsetzen. Während sie mit klopfendem Herzen in die Dunkelheit des Zimmers lauschte, schalt sie sich eine Närrin, dass sie Sabine nicht nach einem Zimmerschlüssel gefragt hatte. Die Schritte setzten nach kurzer Zeit wieder ein und entfernten sich. Petra knipste die Nachttischlampe wieder an, zog das T-Shirt über und machte sich auf die Suche nach Sabine. Es war nicht zu spät für einen Schlüssel. Das Gästezimmer befand sich im zweiten Stock, am Ende eines Flures, von dem mehrere Türen abgingen. Bis auf eine Tür direkt neben der Treppe, waren alle anderen verschlossen. Da aus der offenstehenden Tür Licht in den Korridor fiel, ging Petra darauf zu, in der Hoffnung, dass es sich dabei um das Schlafzimmer der Freundin handelte. Zumindest stand ein Bett darin. Und es lag auch jemand in diesem Bett. Jemand mit langen dunklen Haaren. Also eindeutig … jäh


wurde die Tür weiter aufgerissen und Matthias stand vor ihr, in Boxershorts, mit nacktem Oberkörper. Petra lächelte und zog wie sie hoffte unauffällig ihr T-Shirt länger. „Ich wollte nicht stören, aber ich hab noch eine Frage. - Sabine?“ Keine Reaktion. „Ist sie nicht schön?“ Matthias sah hinüber zu seiner Frau. „So schön.“ Dann trat er auf Petra zu und zog dabei die Tür hinter sich zu. „Sie muss schlafen. Braucht Ruhe.“ Wieder wanderten seine Augen und Petra zog noch stärker an dem T-Shirt. „Okay, dann geh ich mal wieder schlafen. Ich bin auch müde.“ Sie nickte Matthias zu und wandte sich ab, bemüht, nicht zu hastig in ihr Zimmer zu gehen. Sie spürte seinen Blick nicht nur in ihrem Rücken, sondern ganz besonders auch auf ihrem Po. Und ihr Herz klopfte viel zu laut und zu schnell. Mensch, Sabine … Zurück im Bett, nach dem Löschen des Lichts, sah sie das Bild wieder vor Augen. Sabine, im Bett, so still, so blass, und


Matthias … so konnte sie nicht schlafen, sie musste die Tür verschließen. Vielleicht lag ja auch ein Schlüssel in der Kommode. Kaum öffnete sie die oberste Schublade, öffnete sich die Zimmertür. Matthias. Lächelnd hielt er ihr einen Schlüssel entgegen. „Den suchst du doch, oder? Wenn ich bei dir bin, brauchst du aber nicht abzuschließen.“ Er trat näher und Petra wich zurück. Sie hatte noch nicht einmal das TShirt … vielleicht sollte sie sich anziehen und … zuerst einmal nahm sie Matthias den Schlüssel aus der Hand. „Danke, den Rest schaff ich allein.“ Sie hielt den Schlüssel umklammert und den Blick gesenkt. Herrje, was sah er auch so gut aus. Sie schluckte. „Bist du sicher?“ Er trat näher, legte seine Hand auf ihre Wange und näherte sein Gesicht ihrem. „Sabine bekommt garantiert nichts mit.“ „Sabine ist …“ Seine Hand strich über ihre Wange, ihren Hals.


„… immer noch meine Freundin!“ Sie schubste ihn von sich, schubste ihn weiter aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter ihm zu. Aufatmend lehnte sie sich dagegen. Der Schlüssel! Hastig steckte sie ihn ins Schloss, doch noch ehe sie ihn umdrehen konnte, wurde die Tür aufgestoßen. Durch die Wucht taumelte sie nach hinten und landete rücklings auf dem Bett. Wer zum Teufel … „Habe ich es doch gewusst.“ Matthias' Mutter. „Diese schamlose Person, die sich Schwiegertochter nennt, holt sich ein Betthäschen ins Haus.“ „Wie bitte?“ Petra schüttelte den Kopf. Was redete die Alte da? „Matthias hat sich bei mir beklagt, dass seine Frau nicht mehr mit ihm schläft. Weil sie ein sexuelles Verhältnis mit einer Frau hat. MIT IHNEN!“ Die letzten Worte spie die Frau Petra regelrecht entgegen. „Und Sie besitzen nicht nur die Dreistigkeit, in mein Haus zu kommen, sie verführen darüber hinaus auch noch meinen Sohn.“ „Moment mal, so stimmt das nicht.“ Petra


sprang auf. Wut wartete darauf sich zu entzünden. „Ihr Sohn ist ungefragt in mein Zimmer gekommen und hat mir Avancen gemacht. Und seine Frau …“ Wieder hatte sie dieses Bild vor Augen: Sabine, bleich und still … sie schluckte. „Dies ist nicht Ihr Zimmer. Und bezichtigen Sie nicht meinen Sohn einer Lüge. Sie lügen. Ganz allein Sie. Und jetzt machen Sie, dass Sie raus kommen.“ „Ich bin hier, weil Sabine mich eingeladen hat. Und ich gehe erst, wenn sie es wünscht.“ Wenn sie überhaupt noch wünschen kann. Sie musste wissen, was … „Sabine ist auch nur Gast in MEINEM Haus, sie hat überhaupt nichts zu sagen. Am besten gehen Sie beide gemeinsam. Dann kehrt endlich wieder Ruhe ein …“ „Halten Sie doch die Klappe, Sie alte Schreckschraube!“ Petra schlug die Hand vor den Mund. Sie war eine alte Frau und konnte nichts dafür. Kein Grund wütend zu werden. Ganz bestimmt nicht. „Raus!“ Frau Weigand packte Petra am


Oberarm und zog sie Richtung Tür. „Ich lasse mich in meinem Haus nicht beleidigen. RAUS HIER!!!“ „Wissen Sie was?“ Petra riss sich los. „Ich gehe. Freiwillig. Aber erst zieh ich mich an.“ „Aber bestimmt nicht die Sachen, die mein Sohn bezahlt hat. Sie können Ihren Fetzen wieder anziehen, den Sie bei ihrer Ankunft trugen.“ Wieder griff sie nach Petras Arm. „Du – fasst – mich – nicht – an!“, zischte Petra und mit lautem Klatschen landete ihre Hand in Frau Weigands Gesicht. Der Blick in Helene Weigands Augen gefror. „DAS hätten Sie nicht tun sollen.“ Was für eine penetrante Alte. Petra schloss die Augen. Sie war wütend. Es half nichts. Sie war … Wieder zerrte die Hand an ihr, packte sie sie viel zu fest am Oberarm und zog sie Richtung Tür. Petras Hand tastete umher, während sie sich gegen den Griff stemmte. Tastete an der Wand, auf der Kommode, bis ihre Finger sich schließlich um etwas schlossen. Lass los!!!


Doch die Worte kamen schon gar nicht mehr über ihre Lippen. Stattdessen holte sie aus. Die Kerzenflamme spiegelte sich im Wein und in ihren Augen. „Tut sie dir nicht leid?“, fragte er, während er einschenkte. Sie lächelte. „Nein. Warum? Sie war ein Bauernopfer, um die Königin zu schlagen.“ „Mit Erfolg. Die Königin ist tot.“ Er prostete ihr zu. „Es lebe die Königin.“ Leise klirrten die Gläser. Unter dem Fenster hockte eine schmale Gestalt. Bauernopfer? Ein Krieg endete nicht zwangsläufig mit dem Tod der Königin, dafür würde sie schon sorgen …


Gambit  

Vielleicht, wenn sie einen Moment wartete … er musste nur abkühlen … sich ausruhen … Sie wusste selber, dass sie sich etwas vormachte. Diese...

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