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Lesungen der deutschen + brasilianischen Autoren-Nationalmannschaften im Rahmen des Autoren-L채nderspiels Deutschland - Brasilien vom 10.-13.10.2013


[LESUNGSÜBERSICHT] [ SA | 12.10.2013 | 14H ]

[ SO | 13.10.2013 | 11H30 ]

Ist der Ball noch rund? Zeit, dass sich was dreht!

Ausgetanzt [oder] Vom Fallen in die Tiefen des Raumes

[ Albert Ostermaier ] ____________________________04 Luftball

[ Albert Ostermaier ] ____________________________21 Laufwege

[ André Argolo ] ________________________________04 Fußball

[ Antônio Prata ] ________________________________21 Ronaldos Bauch

[ Custodio Rosa ] _______________________________06 Der Ball, die Leidenschaft und die Prinzipien

[ Celso de Campos Jr. ] __________________________22 Ein Duell des Stils

[ Flavio Carneiro ] ______________________________07 Namen der Leidenschaft

[ Christoph Nussbaumeder ] ____________________23 Der Giftige

[ Florian Werner ] ______________________________08 Mein erster Ball

[ Fernando Galuppo ] _____________________________27 Cesar Maluco: der Volkskaiser

[ Jochen Schmidt ] _____________________________09 Mein erster Ball

[ Fernando Galuppo ] ___________________________28 Friedenreich, eine brasilianische Seele mit deutschem Blut

[ Jörg Schieke ] _________________________________10 Die Glücklichen [ Marcelo Moutinho ] ____________________________11 Der Ball und die Zeit [ Márcio Vassallo ] ______________________________12 Meine ersten Erfahrungen mit dem Ball

[ Gustavo Bernardo ] ___________________________29 Garrincha und der Torwart [ José Luiz Tahan ] ______________________________30 Coutinho vor dem Tor [ Nils Straatmann ] _____________________________31 Fußball-Slam

[ Marcos Alvito ] ________________________________13 Die Geschichte einer unmöglichen Liebe: Ich und der Ball

[ Rudi Gutendorf ] ______________________________32 Stan Libuda – mein schwieriger Star

[ Matthias Sachau ] _____________________________14 Schütze holt!

[ Uli Borowka ] _________________________________33 Anpfiff

[ Moritz Rinke ] _________________________________16 Wir ewigen Träumer [Die Generation Fimpen]

[ Uli Hannemann ] ______________________________34 Helden des Fußballsports: Meine Oma

[ Rogério Pereira ] ______________________________17 Auf den Vater wartend

[ Vladir Lemos ] ________________________________35 Adriano, der Imperator

[ Thomas Klupp ] _______________________________18 Joe Strocka

[ Wolfgang Herrndorf ] _________________________36 Outtake: Tschick

[ Vladir Lemos ] ________________________________19 Im Namen des Balls


[aLbert ostermaier] luFTBall richtet sich wieder auf du ziehst die schuhe aus gehst barfuss durch das frisch gemähte grün wie das riecht fängst zu laufen an und bist ein kind die erinnerung in den sohlen die schnitte der halme die grasflecken an den fussballen die wolke spielt dir den ball zurück das sehnen in die gespannten sehnen die kugelwelt in die drehung eines knöchels das blutende knie der sonne der du zwischen die beine spielst so lang sie sich auch macht am horizont sie wird deinen ball nicht erreichen du reisst die arme in die luft und wirst nicht SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

als verlierer schlafen müssen

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FussBall

ode an JorGe Valdano

das niedergetretene gras

die himmelblaue decke über den kopf das kissen zu einem ball geknüllt wirst du mit heissen wangen träumen und draussen vor deinem fenster glüht das gras noch immer von deinen schritten und die nachtigallen singen deine namen wenn du einschläfst und das glück dich berührt wie man einen schlafenden liebkost und die kleinen nimmermüden füsse zeigen der nacht im schlaf noch einmal all ihre zaubertricks und noch heute wachst du an den guten morgen auf mit der geruch von frischgemähtem gras

[ANDRÉ ARGOLO] V

or mir, an einer seitenlinie, der seitenlinie aller Fußballfelder, breitete sich ein riss aus. ich kann nicht sagen, wann genau dies geschehen ist. aber ich bin nicht plötzlich in dieses exil hineingeraten. eine reihe von Tatbeständen hat letztendlich zu meiner Verurteilung geführt. die klingelnden Querbalken des Beinahe blieben in der entfernung eines gigantischen Grabens zurück, in den großen und kleinen seufzenden strafräumen aus entlegenen chancen, Pfiffen, den göttlichen Trikots, der menschlichen idole darin, von einigen meiner alten Freunde, der Trainer und assistenten, die von reservespielern vollen ersatzbänke. man brauchte mich nicht mehr. ich habe den Fußball zum ersten mal verraten, als ich noch ein kleiner Junge war. die Tradition will es, dass der sohn auch ein Fan des Vereins des Vaters wird. meiner streifte mir das Trikot des Fc são Paulo über. ich wusste damals noch nicht wer Pelé war, der König, der sich im Jahr meiner Geburt auf Knien vom Fc santos verabschiedete, dem Verein meiner heimatstadt. Vielleicht war es wegen des autogramms auf dem Trikothemd „Für andré, mit vielen Grüßen von edson“, und dann diese unterschrift, wie ein großes Fallrückziehertor im „P“, gefolgt von starkem Torjubel. es war mein erstes Geschenk im leben – eine art schicksal, wunsch, Zauberspruch, den mein onkel herrmann einschmuggelte. mein Großvater und jener besagte onkel sprachen von santos auf eine so grandiose weise, dass ich mich fragte, warum Pelé keinen umhang und kein schwert trug. nur noch Pepe hatte diesen mordsschuss. aber alle waren stärker als mein Vater. ich wich vor den eroberten ruhmestaten zurück. ich wurde ein wendehals. ich war schon ein weit erfahrener Fan von santos, als ich, mit acht Jahren, meinen zweiten Verrat am Fußball beging. es war in der Pause in der schule. es gab dort einen Betonplatz und wir spielten, wenn es nicht regnete, mit aus alten socken gefertigten Fußbällen. es gab eine ecke. die Jungen, dort, wo in der allgemeinen Vorstellung der strafraum sein sollte, waren wie atome kurz vor der atomspaltung. meine lust mit ihnen zu kämpfen, war gleich null. ich war, wie immer, ein privilegierter Zuschauer, der nur dazu bereit war, nicht im wege zu stehen. offiziell habe ich frei gestanden. Bis dieses weiche etwas, das wir einen Ball nannten, mitten in das Knäuel von Jungs geschossen wurde. mein Freund Paulinho, der Torwart, warf sich mit den händen den torhungrigen Köpfen entgegen, und hielt. er rief: „lauf, argolo, lauf!“ und passte den Ball zu mir. und ich lief, was hätte ich auch anderes tun können, und lief. aber der kleine spielplatz, selbst mit den kurzen schrittchen eines kleinen Jungen, der ich ja war,


war schon zu ende und ich war ganz nah am schlecht an die wand gemalten Tor, als andré higa, mein Klassenkamerad, ein Typ, den ich mochte, obwohl er keiner der superhelden in meiner Klasse war, also einer wie ich, mit schrecken im Gesicht auf mich zukam. ich spürte, wie mich etwas an meinem schienenbein traf. dann flog etwas über mich hinweg. und auch über den higa. und schlug genau in der mitte des etwas krummen, weißen rechtecks ein, das wir als Tor bezeichneten. wie schade, dass es kein netz hatte, denn in dem moment würde es zittern. und das Geräusch, das es gar nicht gab, würde ein ganzes maracanã-stadion in Verzückung erbeben lassen. wie schade, nichts dergleichen geschah. meine mannschaftskameraden sprangen im Kreis um mich herum. sie klopften mir auf die schulter, hauten mir auf den Kopf. “was für ein Tor! was für ein Tor!” riefen sie, und auch der Paulinho. ich habe mich geschämt, higa anzuschauen. er hätte es wissen müssen. aber dann habe ich nicht danach gefragt, wer lieber die wahrheit wollte als den Jubel und habe gestanden: „das war kein supertor, das war aus Versehen.“

ich habe aufgehört zu zählen. die male des Verrats haben sich angehäuft. es gibt diese manie, Prinzipien über die anzahl der Titel zu stellen; ein dribbling, ein schöner Pass bis hin zum Tor; ein, selbst wenn auch gescheiterter Versuch eines schönen spielzuges, bis hin zum sieg. dieser Tick, ein böses Gesicht zu machen, wenn der beste spieler der gegnerischen mannschaft einen elfmeter herausschinden will: „das hier ist doch ein spiel, wenn du ernsthaft spielen willst, dann musst du zu den Profis gehen.“ in meinem land sagt man so etwas nicht zu einem spieler, der mit seinem geheiligten Trikot, für das er viel Geld bezahlt hat, auf künstlichem rasen spielt, um so zu tun, als ob er eine Koryphäe wäre, die ungerechterweise in der auswahl des lebens gescheitert ist.

ich dachte, ich wäre nah dran gewesen, aber ich war immer weit davon entfernt. so habe ich es dann aufgegeben. ich setzte mich hin, um zu lesen und andere Geschichten zu schreiben. und ausgerechnet jetzt kommt jemand vom anderen ende der welt und will mit mir Fußball spielen. sollte dies ein wink des Verzeihens sein? oder eine Falle? es gibt risse, die sich niemals schließen und im Grunde, ganz da unten, ist der Fußball für gewöhnlich unerbittlich. aber es ist ein spiel. wer weiß, vielleicht beenden ein paar minuten meine strafe?

SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

Beim dritten mal, bei dem ich den Fußball verraten habe, da bin ich beinahe am strand verprügelt worden. mit 13 Jahren habe ich in santos mehr im sand Ball gespielt, als auf den gepflegten sportplätzen meiner schule: anstatt Tennis hatten wir Fußball und die Freiheit, von der wir glaubten, dass es sie gäbe, wenn das spiel nicht mit dem abpfiff des lehrers endet, sondern mit den laternen am strand, die sich bei einbruch der nacht einschalten. es war das Jahr 1986. ich habe meine mutter gebeten, mir ein Trikot von argentinien zu kaufen. das war die schuld von diego armando maradona. meine mutter hat es mir geschenkt. und ich habe es zum Fußballspielen am strand angezogen. man hat mich nicht gut empfangen. aber zur weltmeisterschaft 1990 hat mir das hemd dann schon nicht mehr gepasst.

so ist mein letztes spiel gewesen. der rand des abgrunds ist einsam. ohne den schmerz der Tritte zu spüren, in einem sturmlauf beim angriff, ohne das hemd mit schweiß sich vollsaugen zu lassen, ohne über ein wirkliches Tor zu lächeln, das man mit absicht geschossen hat, oder lauthals über die köstliche lüge eines dribblings zu lachen, habe ich mich zwei Jahrzehnte lang als reporter verkleidet, in den stadien herumgetrieben und von den großen Geschichten aus der welt des Fußballs berichtet.

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SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

[CUSTODIO ROSA] der Ball, die leidenschaFT und die PrinZiPien

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[fLÁvio carneiro]

namen der leidenschaFT dickerchen, Kindchen, Baby, ich erinnere mich an ihren

erst dann, wenn du dort sein wirst, wo ich es will, dann

duft, als ich sie das erste mal sah, rund, rundlich, passte

kannst du mit allen männern gehen, die auftauchen, aber

sie genau in meine umarmung hinein, mit ihrem zarten

heute nicht, heute will ich dich zu meinen Füßen, komm

duft von neuen sachen, Puppe, mädchen, man hatte so-

mit mir mit, ich werde dir zeigen, wo das Paradies ist,

gar angst, dich zu berühren, Verlangen und angst, die

ich werde dich ins netz betten, ganz sanft, da, in dieses

Begierde mit dir durchs haus zu rennen (ich war damals

netz dort, komm, meine Gaunerin, du untreue, du meine

noch ein verzauberter Junge), sich mit dir im Garten im

geliebte lederkugel.

Gras umher zu wälzen, den ganzen Tag mit dir zu verbringen, für kurze Zeit hatte ich die illusion dein herr und Gebieter zu sein, dein einziger herr, bis zu dem augenblick, in dem meine Freunde kamen und du dich nicht lange bitten ließest, ich erinnere mich an deine Kurven, du hinterlistige, Kapriziöse, Teuflische, wie du durch andere Beine schlüpfst, dich an die oberschenkel meiner Freunde schmiegst, jawohl, meiner besten Freunde, und auch der Feinde, du undankbare, Verworfene, du hast nicht Partei genommen, es reichte aus, dich zärtlich zu behandeln und da warst du dann, lebendig, an der Brust irgendeines maskulinen mannes liegend, giftig, ich habe dich geholt wie man einen Teller essen holt, und du hast dich gar nicht darum gekümmert, warst gefangen, verschlossen, einige haben brutal auf dich eingetreten, hernach wurdest du von diesem und jenem berührt oder du irrtest allein Fluge, wirbeltest herum wie eine Ballerina, und fandest, wie in Zeitlupe, unterschlupf in den armen eines anderen. ich erinnere mich an dich, wie du still und einsam, auf den ersten, der vorbeikam, wartetest und dann du, mitten zwischen den Beinen von jemand, von hinz und Kunz, wie ich dich mein liebling nenne und dich hat es nicht einmal interessiert, du Geschundene, Grausame, Gefährliche, du Zuckersüße, du Feurige, Geraubte, der man nachrennt, die ich wie verrückt verfolgte und du, wie du mir ausweichst, du eckige, ich habe nicht einmal einen schatten von dir gesehen, und wie wahnsinnig wollte ich dich nur für mich allein, du dickerchen, rundliche, Kindchen, ich habe dich nie mit eure exzellenz angesprochen, so komm also auch mit mir mit, du, Prinzessin, du liederliche, Geliebte, Verdammte, ja, genau so, mit Geschick bearbeitet, liebst du es auf bestimmte Typen einzuschlagen, auf mich aber nicht, du ungezogene, Ängstliche, Köstliche, heute will ich dich bei mir haben, so dass die rivalen um mich herum fallen, indem sie dich aufreizend rollen sehen, fast in reichweite und dennoch unerreichbar, heute gehörst du mir, morgen ist montag und niemand weiß, was sein wird, sie werden versuchen, dich mir wegzunehmen, das werde ich aber bestimmt nicht zulassen, erst dann wenn ich es auch will,

SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

durch leeren raum, glittst durch die lüfte in unsäglichem

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[fLorian Werner]

mein ersTer Ball wir trafen uns auf einem maskenball.

ich sagte: „hör mal, hallo, hal−

der saal sah aus, als wär’s in Tadsch mahal,

t−das geht mir zu sehr Knall auf Fall.

der schampus floss in stetem schwall

wir beide: das hat Potenzial!

aus einem champampagnerwasserfall

doch gib mir kurz ein intervall

in einen Brunnen aus Kristall.

Zum nachdenken …“ uh-oh, là làll:

Zu essen gab’s lamm provençale,

die antwort, die war offensichtlich fal−

Giraffe [leider nicht halal],

schnell wurde Pascal aschefahl

Kandierte amsel, drossel, nachtigall

Vor wut und schrie: „mir platzt die Gall-

lachs, Kaviar und Krill und Quall−

enblase. na warte, hannibal. ich knall

ensushi sowie frischen sal−

dir eine, und mit Überschall

amander in aspik, ich war schon lull und lall:

Fliegst du im hohen Bogen nach walhall.“

da traf ich diese Femme fatale. Gesagt, getan: madame Pascal ich selber trug nichts als sandalen, ging als hannibal,

nahm einen schlagring aus metall

sie sagte, sie sei madame Blaise Pascal,

und hieb ihn mir ins Genital,

Trug einen purpurfarbnen seiden-overall

dann ballerte sie ihn mir brutal

und eine Kette aus Korall.

auf meinen schädel, überall

SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

hin, hilfe! schrie ich — und ich fall

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wir tanzten samba, swing und wal−

in saltos, schrauben und spiral−

zer, und hin und wieder auch mal sal−

en kopfüber in das dunkle all.

sagt sie: „das ist ein Überfall!

elf engel singen im choral:

hör zu, ich komm aus gutem stall,

Krawehl, krawehl? Krawall, Krawall?

ich habe reichlich Kapital ich reis interkontinental

ich weiß nicht mehr. ist auch egal:

die kreuz, die quer, diagonal,

das war mein erster [und mein letzter] Ball.

okzident- und oriental, ob sturm, Taifun oder mistral, Vom saalestrand bis nach ital−“ ich unterbrach: „das ist ja tall, äh, toll, und ich mag dich total. aber …“ sie sagte: „schätzchen, schwall mich nicht so voll. wenn ich gefall, dann komm mit mir nach schwäbisch hall, da gibt’s ein großes Festival Zum frühen werk von louis malle. Zufällig ist auch Karneval! Verkleide dich als Feldmarschall ich komme mit als dein Vasall, Tätä tätä tätä! narrhall− amarsch. was zögerst du? Komm! und zwar dall−“


[Jochen schmidt]

mein ersTer Ball Ich hatte als Kind zwei leidenschaften, die schwer miteinander zu vereinbaren waren: zuhause bleiben und Fußball spielen. Zuhause war es schön trocken, man wurde nicht von straßenkindern mit Katapulten beschossen, und man konnte seinen schlüssel nicht verlieren. Fußball spielen ging aber nur draußen, weil meine eltern schon lange vor meiner Geburt damit begonnen hatten, in unserer wohnung wacklige Bücherstapel zu errichten und überall meißner Porzellan hinzustellen, und die Bücher, die in den regalen stehen durften, wurden sogar von Glasscheiben geschützt. außerdem gab es da ja noch die Fenster, die ebenfalls aus Glas waren, und wertvolle technische Geräte, wie den schwarz-weiß-Fernseher, den Grundig-Kassettenrekorder und die elektrische Kaffeemühle, investitionen fürs leben, die auf keinen Fall beschädigt werden durften. man konnte also zuhause nur das spiel bei ruhenden Bällen üben, wie man z.B. eine mauer stellt, aber das war alleine nicht sehr unterhaltsam.

wenn im Fernsehen argentinien gegen Brasilien spielte, berührte der Ball ja über lange strecken gar nicht mehr den Boden. es ist immer noch eine meiner hauptbeschäftigungen beim Fußballgucken, mitzuzählen, wie oft ein Ball hintereinander geköpft oder volley gespielt wird, bis ein spielverderber ihn auf den Boden aufspringen läßt. das ist wie am meer flache steine ditschen zu lassen, man kann auf diese weise die langeweile überbrücken, von der die meisten Fußballübertragungen nicht frei sind. mir war auch nie klar, warum man den Ball nicht einfach auf dem Kopf ins gegnerische Tor balanciert. eine noch einfachere methode, mit der jeder ein Tor selbst gegen den Fc Bayern münchen erzielen könnte, wäre es natürlich, nachts ins stadion einzubrechen und den Ball ins Tor zu tragen. ich möchte den Profi-Fußballern nicht unterstellen, daß sie zu dumm sind, auf diese idee zu kommen, aber es fällt schon auf, daß sie sich immer genau dann darum bemühen, wenn sich andere spieler auf dem Feld befinden, die sie dabei behindern und teilweise sogar die hände benutzen.

mit dem handy-Ball habe ich jedenfalls beim Köpfen mein Gehirn nicht geschädigt, daran waren bestimmte Getränke schuld. damals hätte ich mich wahrscheinlich noch cacau nennen können, heute eher lahm oder messi. in meiner Kakao-Zeit habe ich dann die wohnung doch einmal verlassen und auf einem spielplatz im Viertel mitspielen dürfen, obwohl ich eine Brille hatte. das Tor war ein halbbogenförmiges Klettergerüst, das andere Tor stand im winkel von 90° dazu. der Ball fiel mir vor die Füße, ich schoß aufs Tor, und der Ball wäre reingegangen, aber ein Junge, der auf dem Gerüst saß und eigentlich gar nicht mitspielte, rutschte schnell runter und fing ihn auf. daran schloß sich eine dieser endlosen diskussionen über die regelauslegung an, mit denen wir damals viel mehr Zeit als mit dem eigentlichen spiel verbrachten. anschließend mußte ja auch noch gewählt werden, und bevor es endlich losgehen konnte, mußten die ersten schon wieder nachhause zum abendbrot. mein erstes Tor, das gar keines war, habe ich jedenfalls nie vergessen, ein Vorgeschmack auf die ungerechtigkeiten des lebens. etwas anderes ist mir aber auch noch in erinnerung von diesem ersten spiel mit straßenkindern, die ihre Katapulte dafür ausnahmsweise einmal zur seite gelegt hatten. es wurde nämlich verfügt, daß wir uns vor dem anstoß die Beine ausschütteln sollten. das war eine interessante Bewegung, als würde man mit einem seil eine welle machen. das Ziel war es, vergessen zu lassen, daß man Knochen in den Beinen hatte, sie mußten wie Gummischläuche wirken. einer der Großen lobte mich dafür, wie gut ich Beine ausschütteln konnte. ich war richtig stolz darauf, denn bis dahin hatte ich nicht gewußt, daß ich ein Talent zum Beine ausschütteln hatte. ich habe das dann leider nicht weiter verfolgt, und es hat nie jemand mein Talent entdeckt, so daß es verkümmern mußte.

SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

meine Tante aus hamburg hatte vermutlich gar nicht geahnt, was sie mir mit dem handy-Ball für ein gelungenes Geschenk machte. eine orange schaumgummikugel mit roten schlieren, mit der man gefahrlos gegen Glasscheiben schießen konnte. eigentlich war ich gegen schaumgummi allergisch, schon der Gedanke, diesen stoff zu berühren, war mir so unangenehm, daß ich zusammenzuckte, aber beim handy-Ball überwand ich meinen ekel. ich konnte jetzt jonglieren üben, mit Kopf, Füßen und Knien, gegen eine wand, so würde ich, ohne je mit anderen gespielt zu haben, eines Tages als fertig ausgebildeter spieler die Bildfläche betreten.

mein Vater stellt mir auch heute noch bei jedem spiel, das wir zusammen gucken, die Frage, ob die spieler nicht beim Köpfen ihr Gehirn schädigen. er fragt mich auch immer, welcher der beiden spieler noch einmal “Thon” und welcher “Thom” hieß, das sind so unsere Gespräche. Früher hat er mir beim Fußballgucken die Fußnägel geschnitten, so konnte ich mir manchmal eine halbzeit erschleichen, wenn ich eigentlich ins Bett mußte, heute habe ich längst herausgefunden, daß man Fußnägel gar nicht schneiden muß, sie nutzen sich irgendwie von selbst ab.

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[JÖRG SCHIEKE]

die GlÜcKlichen manche menschen schwimmen im sommer mit dem herzen voran aber viele fangen auch einfach zu weinen an. weißt du, ich habe mal ein prima mädel getroffen das hatte seine lieblingspuppe hoch in einen Kastanienbaum geworfen.

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an einem Julitag, seinerzeit in den vorbestraften fünfziger Jahren. scharlach, mumps, windpocken, röteln – wir waren schon eine lustige Truppe. mumps ist dann hin zu dem Baum, zielt, schießt: die Puppe fällt runter, der Fußball bleibt oben. ich habe die eine Krankheit nachträglich mit der andern verwoben. weißt du, ich habe mal auf einem Platz spielen müssen der war so klein, dass sich die strafräume in der mitte berührten. Vor dem einen Tor eine Pfütze voller Krankheitserreger, voller schaum ein richtiger infektionsherd. wir durften unseren Ball da um Gottes willen nicht hineinrollen lassen. nur der

2

diensttuende Pfleger war ein bisschen geimpft. windpocken masern, mumps, röteln: lauter Kinderkrankheiten, alles Kinderkacke. Zwischenfrage: dieser seuchen-Ball, war das der aus dem Baum? und stand da noch immer jenes Puppenmädel SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

das mit den braunen locken

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und hat böse böse geschimpft? natürlich, sie war ja unsre lieblingsärztin und lebte arm in arm mit Blaulicht und martinshorn in der sani-Baracke. Zwanzig Jahre später fiel der Ball von ganz allein aus dem Baum. wir waren inzwischen alle entlassen und trafen uns ein letztes mal, um endlich mit unserem Ball ein richtiges spiel auszutragen. der Platz war noch immer so klein, dass sich die strafräume berührten. das Gras reichte uns bis zu den Kniekehlen. der Ball war zu einer matschpflaume geworden, das heißt, alle luft war entwichen. die meisten von uns konnten inzwischen recht ordentlich zählen, aber keiner konnte die Zahlen auch zum rechnen anwenden. addition, subtraktion, multiplikation, division. mumps, masern, röteln, windpocken. Zählen ist das eine, zusammenzählen das andere. das schlimmste aber war, dass niemand an eine luftpumpe gedacht hatte. wir versuchten es mit der Kraft unserer münder und lungen, wir pusteten und sabberten am Ventil rum, und hatten doch nur das Gefühl, es sei alles vergebens. einer sagte: wir sind zu neunt, wir spielen die Guten gegen die Bösen, und die Guten bekommen acht Tore Vorsprung; mindestens. das ist so – sagte ein anderer, einer, der sich schon immer sehr schlau vorgekommen war – als müsste bei einer schachpartie der schwächere mit einem Turm, einem läufer und einem springer weniger anfangen. wir wussten allerdings, dass wir sowieso nicht spielen würden, weil der Ball, der sich die ganze Zeit über tot gestellt hatte, gegen 22.37 uhr wirklich gestorben war. spätestens da wünschten sich viele das Puppenmädel zurück, unsere liebe Ärztin, aber die war mittlerweile von einer Betreuerin zu einer insassin geworden und hatte an diesem abend gar keinen ausgang.

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[marceLo moutinho]

der Ball und die ZeiT mein Vater hat nur mit der Picke schießen können. er hat nie eine Flanke mit dem außenrist geschossen, einen schuss mit drei Zehen, mit dem man dem Ball effet geben kann und seinen Bewacher täuschen. er hat Fußball gerne am Fernseher verfolgt, hat aber noch niemals in seinem leben in einem spiel mitgespielt. meine erste erfahrung mit dem Ball war eigentlich eine sehr einsame Geschichte. ich stellte das radio auf den sender ein, der das spiel von Fluminense übertragen sollte, schloss die Tür in meinem Zimmer, rannte herum und schoss einen virtuellen Ball, während der reporter beschrieb, was sich im stadion zutrug. es war ein geheimer und einsamer Tanz mit der eigenen Vorstellungskraft. im Gymnasium habe ich die Pausen genutzt, um mich mit den Kameraden auf ein „spielchen“ zu treffen. das spielfeld – ein Teil des ewig langen schulhofs – vertrug so viele spieler, wie mitspielen wollten. das taktische system war einfach: alle sind dahin gelaufen, wo der Ball war – der in wahrheit ein kugelförmiges objekt aus zusammengedrückten schokoladengetränkekartons war, die mit Tesa-Film zusammengehalten wurden.

in meiner Jugend dann spielte ich mit Freunden, die bei mir in der nähe wohnten. wir haben auf der straße, auf dem asphalt gespielt. die beiden kleinen Tore, aus alten holzlatten und einem gebrauchten Volleyballnetz zusammengezimmert, brauchten keine Torhüter. wenn dann ein auto kam, wurde das spiel für einige sekunden unterbrochen. danach ging es wie gewohnt weiter. es war dort, auf der straße, dort habe ich gelernt mit dem außenrist zu schießen, einen schuss mit drei Zehen, voller effet. wenn ich auch kein geborenes Talent war, so lernte ich es doch durch beharrliches Üben.

SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

ein Fußballspiel live, mit einem offiziellen Fußball, Trikots und allem was so dazugehört, das habe ich erst gesehen, als ich schon acht Jahre alt war und es geschafft hatte, meinen Vater zu überreden, wieder ins maracanã-stadion zu gehen. der alte war einer der Überlebenden der weltmeisterschaft von 1950. er hatte dort das endspiel gegen uruguay gesehen und das Trauma war so groß gewesen, dass er nie wieder das stadion hat betreten wollen. noch dazu war er begeisterter anhänger von Botafogo, was es mir auch nicht gerade leichter machte: ich musste ihn dazu überreden, sich ein anderes spiel als das seines Vereins anzuschauen. ich habe es aber dennoch geschafft. als wir im maracanã ankamen und das spiel begann, fragte ich ihn: „wo ist denn der reporter?“. Vater lachte und umarmte mich, wie nur Väter es können.

nelson rodrigues, der chronist, der am besten über den Fußball geschrieben hat, sagte einmal, dass brasilianische schriftsteller nichts vom sport verstünden, ja, dass sie nicht einmal einen einfachen einwurf zustande brächten. als ich mein erstes Buch veröffentlichte, da hat mein alter herr noch gelebt, und das gut, aber er hat nie ein Tor von mir gesehen. die ganze Zeit, seitdem ich begonnen habe, mich auf den rasen zu wagen, habe ich versucht, diesen satz von nelson rodrigues zu widerlegen. spiel für spiel. und manchmal, wenn mitten in einem spiel der Ball gerade auf den Körper zukommt, er aber zu kurz ist, um ihn mit rechts oder auch mit links zu schießen, da mache ich nicht lange herum und pfeif auf Klasse. dann schieße ich mit der Picke, wie mein Vater, nur um seiner zu gedenken.

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[mÁrcio vassaLLo]

meine ersTen erFahrunGen miT dem Ball

Ich wuchs mit ihm zu Füßen auf, wie so viele brasilianische Jungs, aber, auf Grund fehlender intimität, habe ich ihm nie das wasser reichen können. denn, ich habe anfangs gedacht, dass der Ball ein spielzeug wäre, das man nur treten müsste. es hat etwas gedauert, bis ich gemerkt habe, dass er in wahrheit dazu da ist, die Träume in uns an die oberfläche zu bringen.

SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

Vom Traum zur erinnerung, es gibt menschen, die erinnern sich an das erste mal, an dem sie das meer gesehen haben. ich bin in rio de Janeiro geboren, in copacabana. Von klein auf ist der strand mein Garten gewesen, in dem mir meine mutter beibrachte, musik aus muscheln zu picken und mein Vater, mit mir zusammen, das universum vor den attacken der fürchterlichsten seemonster verteidigte.

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Von all dem abgesehen, wünschte ich es mir manchmal, fern vom strand aufgewachsen zu sein, um dann eines Tages, wenn ich schon erwachsen wäre, das meer zum ersten mal zu sehen, mit überraschtem Blick und vor erstaunen offenem mund. ich erinnere mich nicht mehr genau an den Tag, an dem ich das meer zum ersten mal sah. auch erinnere ich mich nicht an den Tag, an dem ich zum ersten mal einen Ball gesehen habe. ich erinnere mich aber an das erste mal, an dem ich tatsächlich Fußball gespielt habe, in einer einbahnstraße, mit Torpfosten aus aufeinander gelegten steinen, latschen oder Ziegelsteinen. der star dieses spiels, und das vieler anderer, die ich an diesem ort spielte, war ein mädchen namens Vica. ich war acht Jahre alt. damals dachte alle welt, dass mädchen keinen Fußball spielen könnten. aber alles was ich im leben wollte, war wie Vica dribbeln zu können, die alles, was an Jungen da war, umspielte, in der straße, auf dem rasen, dem spielplatz und im dreck, wo immer man ihr auch einen Ball zuspielte. später dann, mit elf, weit weg von Vica und woanders wohnend, hatte ich meine Torwartphase. das Gymnasium, das ich besuchte, veranstaltete eine weltmeisterschaft für Jungen, die das ganze Jahr über andauerte. Jede Klasse hatte vier nationalmannschaften. ich war der Torhüter von deutschland. ich hatte eine Kappe wie schumacher, damals der deutsche Torwart. Bis heute kann ich deswegen die deutsche nationalhymne pfeifen. eines Tages, im endspiel gegen italien, kurz vor ende des spiels, hielt ich den elfmeter des Torschützenkönigs der meisterschaft und wir hatten gewonnen. er schoss auf die eine seite des Tors und ich warf mich in die andere, habe aber den Ball mit dem Fuß noch herausgeholt. das ganze Gymnasium fiel im Jubel über mich her.

in allen momenten meines lebens versuche ich, auf irgendeine weise, das Glücksgefühl dieses magischen augenblicks einzufangen. mit zwölf Jahren aber, da habe ich mich endgültig in den Ball verliebt, auf einem kleinen Fußballplatz, ohne rasen, in Belém do Pará am amazonas, wo ich fünf Jahre lang gewohnt habe. an dem Tag, an dem ich diesen kleinen Platz entdeckte, wollte ich auch schon gleich spielen, mit sportschuhen und stutzen, ganz adrett, so wie ich immer gespielt habe, als Vadinho, ein Junge mit langen roten haaren, den satz sagte, der mein leben verändern sollte: „mann, hier spielen wir nur barfuß“. Bis zu jenem Tage hatte ich noch nie barfuß Fußball gespielt. den Ball an meinem Fuß zu fühlen, das erste mal seine lederhaut spüren, endlich so intim mit mir, letztendlich das wahrhaft erste mal mit einem Ball zu haben, all dies war eine so starke erfahrung, dass mein herz auch heute noch zu rasen beginnt, wenn ich mich auch nur daran erinnere… Bis heute, mit oder ohne Ball an den Füßen, ziehe ich es immer vor, barfuß zu sein. Übrigens, habe ich das Buch „der Junge mit regen im haar“ barfuß geschrieben. es ist die Geschichte eines Jungen, der Fußballspieler werden wollte, dann aber schriftsteller wurde, als er entdeckte, dass er die ergriffenheit vor einer landschaft dem Torjubel vorzieht. aber heute, hier in Frankfurt, jubelt der Junge mit regen im haar - jetzt allerdings ohne haare - mehr als die schönsten landschaften deutschlands. letztendlich war es auf Grund dieses Buches und der anderen, die ich geschrieben habe, dass ich hierhergekommen bin, um Fußball zu spielen und euch kennenzulernen. ich widme diesen Text meinen Großmüttern, Fófa und Benita, die mich an die literatur herangeführt haben, die literatur, die mich so vielen geschätzten menschen nahe brachte. in meinem alltag als schriftsteller beeinflusst all das, was mein leben inspiriert, auch meine arbeit. und alles, was meine arbeit inspiriert, beeinflusst mein leben. meinen dank an alle hier anwesenden für diesen bezaubernderen augenblick, als es ein gehaltener elfmeter in einem endspiel sein kann… ich wünsche euch ein leben voller wunderschöner Überraschungen.


die GeschichTe einer [marcos aLvito] unmÖGlichen lieBe: ich und der Ball I

mmer dann, wenn wir gerade anfingen, mit unserem Ball zu spielen, mit einem dieser Gummibälle für Kinder, tauchte wie durch Zauberei unser henker auf und hat ihn uns einige minuten später weggenommen. wie hat er es nur so schnell herausgekriegt, dass wir gespielt haben, unsere Garage wäre das maracanã-stadion und jener schuss wäre ein Pass von Gérson oder ein raffinierter spielzug von Tostão gewesen. das schlimmste aber war, dass dieser verdammte Portier, der so ein schmales Gangsterbärtchen trug, sich immer mit einem höhnischen Grinsen im Gesicht an uns heranschlich. und dann ging er triumphierend mit dem Ball unterm arm weg. erst später haben wir das Geheimnis dieser Kanaille gelüftet. er hatte durch das schlüsselloch der Tür gelinst, die die Garage von der Portiersloge abtrennte und hat uns dort spielen sehen. so einfach war das. er war wie ein schiedsrichter der ewig abseits pfiff.

in wahrheit hatte er nur seine Pflicht getan, wenn auch mit unverkennbarem sadismus. ich wette, dass sein Vater ihm das Fußballspielen verboten hatte, als er noch klein war. wir aber haben nicht aufgegeben. wir machten einige Plakate und zogen in einem Protestmarsch in die eigentümerversammlung ein, die unheimlich langweilig war, bei der es aber immer umsonst limonade gab. und wie die Vietcong starteten wir unsere endoffensive: wir gingen von Tür zu Tür, um unterschriften zu sammeln. wir baten um erlaubnis, damit eine Bande von Kindern Fußball spielen könnte. wer ein auto besaß, der fürchtete, dass einer dieser machtvollen schüsse die Karosserie seines kostbaren Vehikels beschädigen würde. als sie aber in unsere fußballlosen augen sahen, da haben sie dann doch unterschrieben. eine Überraschung: der so allmächtige syndikus, vielleicht weil er mein Vater war, hat auch unseren apellen nachgegeben. Zwei oder drei monate lang waren wir die glücklichsten Kinder auf der welt.

unsere allerhöchsten appellationen wurden allesamt zurückgewiesen: zuerst mit aus alten socken gemachten Bällen spielen zu dürfen, dann mit Tennisbällen, und, man glaubt es kaum, mit murmeln, die man mit dem Fuß spielt. wir mussten in einer Traumwelt leben, die sich Knopffußball nannte. in ihr wurde jeder zum Funktionär, Trainer, spieler und gleichzeitig zur Fangemeinde. Ganz zu schweigen von jenen schwärmern, die zu reportern wurden, um ihre eigenen spielzüge zu kommentieren. wir machten Tabellen und stellten regeln auf, ja wir entwarfen sogar sportzeitschriften, die dann auf der schreibmaschine ins reine geschrieben wurden. es war einfach zu schön. aber wir vermissten ihn, den Ball. schließlich hatte der Ball des Knopffußballs ecken. mit sicherheit, um uns daran zu erinnern, dass einfach etwas fehlte: unsere unerreichbare liebe, der Ball. der Fußball, den ich heutzutage spiele, auch der ist eckig, ohne dribblings, schüssen mit effet, genau geschlagenen Flanken oder zielgenauen Pässen. Je mehr ich den Ball begehre, desto mehr scheint er vor mir zu fliehen. der Ball aber ist immer unvorhersehbar. und lädt er mich jetzt nicht sogar, im vollen Gange der zweiten spielhälfte, dazu ein, einer der glücklichsten spieler des Fc Pindorama zu sein? Komm nur mein Bällchen, komm…

SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

Zusammen mit zwei Freunden haben wir uns dann entschlossen dagegen zu protestieren. Vielleicht waren wir durch die nachrichten beeinflusst, die über die studentenproteste während der diktatur berichteten. mitten in der nacht schrieben wir Parolen gegen unsern henker an alle wände. da wir nicht einmal wussten, was ein spray ist, haben wir einen blauen wachsmalstift benutzt. es muss aber wohl einen Verräter unter uns gegeben haben. am nachmittag des nächsten Tages standen wir dann alle da, mit eimer und Bürste bewaffnet und beseitigten die Zeichen dieser mehr als gerechten manifestation von den wänden.

der neue syndikus aber, und sein Beruf als Zahnarzt lässt es schon erahnen, erließ ein neues dekret und verbannte somit für immer den Fußball und gleichzeitig unsere Freude.

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[matthias sachau] schÜTZe holT!

w

SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

as damals passiert ist, hätte nicht passieren dürfen. und nachdem es doch passiert war, wusste ich gleich, dass es nur ein Vorzeichen für etwas noch viel schlimmeres war. aber eins nach dem anderen.

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ich wohnte in oberbayern, irgendwo an einem stadtrand. da herrschten klare Verhältnisse. hier war siedlung und da war maisfeld. die Grenzlinie dazwischen war ein gerader strich auf dem Katasterplan. nur an einer stelle schrieb er eine kleine rechteckige ausbuchtung in den acker hinein. das war der Bolzplatz. dort stand auf der maisfeldseite ein großes Tor aus aluminium. Gleich dahinter ragte ein maschendrahtzaun acht meter in den himmel, damit zu hoch geschossene Fußbälle nicht im maisfeld verschwanden. auf der siedlungsseite wäre ein zweites Tor gut gewesen, aber man wollte auch etwas für die Kleinen haben. deswegen stand dort ein bunt lackiertes Klettergerüst. das wurde aber auch von den Großen benutzt. Zum Biertrinken und Küssen Üben. und die Kleinen kletterten lieber auf den hohen Zaun hinter dem Tor. man musste klein sein, um auf den Zaun klettern zu können. nur bis schuhgröße 34 passten die Füße in die maschen. als meine Füße noch gepasst hatten, verbrachte ich so viel Zeit dort oben, dass ich ohne hinzuschauen, allein anhand von Geräusch und erschütterung bestimmen konnte, wer gerade den Ball in meinen hochsitz gedonnert hatte. als meine Füße zu groß für den Zaun geworden waren, wollte ich bei den Fußballern mitspielen. Zuerst durfte ich nicht, weil ich noch zu klein war und verbrachte einige Zeit im niemandsland zwischen Zaun und spielfeld und wuchs. als ich endlich durfte, musste ich ins Tor. hier war mein Platz, bis der nächste Kleine vom Zaun herunter kommen und mich ablösen würde. Bis dahin musste ich aufpassen, den Großen keinen Grund zur Beanstandung zu geben. das war nicht immer einfach. mein größtes Problem bestand darin, dass ich kein bayerisch sprach. außerdem konnte ich fast nie einen Ball halten, weil das Tor viel zu groß für mich war. als ausgleich holte ich alle verschossenen Bälle. wenn einer den Ball am Zaun vorbei in das maisfeld drosch, schrien die anderen immer „schütze holt!“ wenn dann ich stattdessen losrannte, war der schütze froh, dass er verschnaufen konnte. nur wenn Toni kam, durfte ich Feldspieler sein. Toni wollte Profi-Torwart werden und ging deswegen freiwillig ins Tor. der andi, der rudi oder der schorsch schrien mir dann zu, wie das mit dem Feldspielen ging. sie wohnten alle drei in meiner straße und waren für meine fußballerische erziehung zuständig. sie waren sehr gut.

wenn sie in einer mannschaft zusammenspielten, gewannen sie immer. doch an diesem Tag war alles anders. und es hätte nicht passieren dürfen. die Verwandtschaft aus der schweiz war zu Besuch gekommen. mit ihren Kindern urs, wulf und Fritz. und ich musste urs, wulf und Fritz mit zum Bolzplatz nehmen. das war schlecht. schweizer sind nie gut im Fußball, das wusste ich. deshalb waren sie für die bevorstehende weltmeisterschaft auch gar nicht qualifiziert. und sie redeten schweizerdeutsch. Zumindest wulf und Fritz. urs, der größte von ihnen, redete gar nichts. außerdem wechselte er aus irgendeinem Grund nur einmal in der woche die socken, was dazu führte, dass seine Füße sogar noch durch seine Turnschuhe hindurch stanken. das würde alles auf mich zurückzufallen. schritt für schritt näherten wir uns dem Bolzplatz. ich versuchte so langsam wie möglich zu gehen, aber wir kamen trotzdem an. andi, rudi und schorsch waren schon da und warteten auf mitspieler. urs, wulf und Fritz wollten zusammenspielen. andi, rudi und schorsch waren einverstanden. an diesem Tag ging ich gerne ins Tor. Vielleicht war so noch etwas zu retten. wenn andi, rudi und schorsch zusammenspielten, würden meine cousins zehn zu null geschlagen werden. Vielleicht gingen sie dann weg und ich könnte noch etwas länger bleiben und andi, rudi und schorsch würden erkennen, dass ich nichts mit denen zu tun hatte, außer ein bisschen Verwandtschaft. wie ein Fußballspiel auf dem Bolzplatz begann, war nicht festgelegt. es musste halt irgendwie anfangen. wie, das wurde jedes mal neu erfunden. an diesem Tag hielt rudi den Ball lange mit den Füßen hoch. das konnte er sehr gut. dann ließ er ihn gnädig zu seinen Gegnern rollen. ausgerechnet zu urs. urs stellte seinen stinkenden Fuß auf den Ball und wartete, die nase hoch in die luft gereckt, als wäre er der Fußballgott persönlich. ich überlegte, ob ich schnell im maisfeld verschwinden und nie wieder kommen sollte. rudi wurde die sache bald zu dumm. er schlappte aufgesetzt schwerfällig zu urs und trat dann plötzlich nach dem Ball. wenn man den Fuß auf den Ball gestellt hatte und jemand trat einem den Ball unter dem Fuß weg, war das peinlich. aber rudi hatte ins leere getreten. urs war schneller, hatte den Ball mit der Fußsohle weggezogen und ihn anschließend zwischen rudis Beinen hindurchgeschoben. so ging es dann los. urs spielte zu wulf, wulf zu Fritz, Fritz zu urs. Beängstigend schnell kamen sie in die nähe meines Tors, aber sie schossen nicht. sie spielten sich nur den Ball zu.


normalerweise weiß man es schon kurz vorher. der Ball zischt leise und wird größer. man sieht ihn, aber er ist zu schnell. danach fühlt es sich an, als hätte man kein Gesicht mehr und es piept im Kopf. während die anderen sich über einen beugen, versucht man ruhig zu atmen und es riecht nach Gras und erde. wenn der schmerz einsetzt und man sein Gesicht wieder fühlt, weiß man, dass alles in ordnung ist, steht auf und spielt weiter. aber auch das war an diesem Tag anders. meine mutter kam und rief zum essen. nun passierte auf einmal das, womit keiner mehr gerechnet hatte. urs schoss ein einziges mal richtig. Fünfzehn metern halbrechts legte er sich den Ball vor und zog ab, um einen würdigen schlusspunkt für das spiel zu setzen. so fest hatte noch nie jemand auf mein Tor geschossen. der Ball war sofort da. er zischte nicht, sondern pfiff wie eine Gewehrkugel. und er hätte unhaltbar im rechten eck eingeschlagen, aber michis schulter hatte ihn abgelenkt. ich lag im staub und hatte kein Gesicht mehr. nase, mund, augen, stirn, wangen, Kinn, alles weg. es piepte. aber es roch nicht nach Gras und erde. es stank. ich hatte keine nase mehr, aber es stank. nach urs’ Füßen. Überall. ich robbte ein paar Zentimeter vorwärts und stieß gegen Beine. ich kroch um die Beine herum und robbte weiter. es war sinnlos. etwas hatte sich von urs Fuß zu Ball zu nicht mehr vorhandenem Gesicht übertragen. der Gestank drang durch meinen Kopf in meinen Körper und breitete sich aus. ich wurde eins mit urs Füßen. das hätte nicht passieren dürfen. ich schrie. drei wochen später verlor deutschland in cordoba gegen Österreich.

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urs, wulf, Fritz, urs, wulf, Fritz, urs, wulf, Fritz, als ob sie genau diese reihenfolge einhalten müssten. andi, rudi und schorsch kamen nicht an den Ball, egal was sie versuchten. selbst wenn sie sich die Pille durch ein leichtes Foulspiel ergaunerten, wurden sie sie sofort wieder los und meine cousins spielten weiter urs-wulf-Fritz. es sah aus, als führe der Ball auf unsichtbaren schienen einen präzise berechneten Zickzackkurs zwischen Bahnhöfen, die immer genau dann auftauchten, wenn er ankam. andi, rudi und schorsch wurden sauer. sie sagten, dass urs, wulf und Fritz gescheit spielen und Tore schießen sollten. urs ließ sich den Ball zuspielen, umkurvte andi und rudi und kam auf mich zu. andi schrie „Torwart rauslaufen!“ und ich lief urs entgegen. mit offenen handflächen, die arme im dreißig-Grad-winkel vom Körper abgespreizt, so wie ich es gelernt hatte. aber urs schoss nicht. er schob den Ball zur seite. dort stand wulf und ließ ihn im Zeitlupentempo ins Tor kullern. ich war nicht schuld. mehr, als mit offenen handflächen herauslaufen, kann ein Torwart nicht, wenn ein spieler allein auf ihn zukommt. das wussten andi, rudi und schorsch. urs, wulf und Fritz schossen jetzt lauter Kullertore und andi, rudi und schorsch schrien sich wütend gegenseitig an. dann kamen michi, Thomas und rainer. andi wollte neue mannschaften machen und urs, wulf und Fritz verteilen, weil sie zu gut waren. meine cousins wollten aber zusammenbleiben. sie wollten gegen andi, rudi, schorsch, michi, Thomas und rainer spielen. sechs gegen drei. michi, Thomas und rainer schauten komisch aber andi sagte sofort ja. die zahlenmäßige Überlegenheit der anderen wirkte. der Ball wurde oft aus den schienen gestoßen und Bahnhöfe kamen nicht mehr pünktlich. wenn die schweizer am Ball waren, versuchten sie weiter, Kullertore zu schießen, aber es waren zu viele Beine dazwischen. der anderen mannschaft gelang allerdings auch kein Tor. sie kämpften, schwitzend, verbissen, aber umsonst.

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[moritZ rinKe]

wir ewiGen TrÄumer [die GeneraTion FimPen] V

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or ein paar Tagen war ich im Kino. es lief der Kinderfilm „Fimpen, der Knirps“, den habe ich zuletzt vor fast 30 Jahren gesehen, und es gibt ihn in deutschland auch nur noch auf einer einzigen, knisternden und holprigen 16mm-Kopie. „Fimpen, der Knirps“ wurde 1974 in schweden gedreht, und es war der erste Film, den ich je im Kino gesehen habe. in der „Gondel“ in Bremen, ich war sechs, und dieser Film hat mein leben verändert! normalerweise ändert man ja mit sechs noch nicht sein leben, aber in diesem Fall schon, sonst wäre ich heute realistischer.

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in der ersten szene läuft der große schwedische nationalstürmer mackan zufällig über einen spielplatz. er hat gerade noch die deutschen im länderspiel mit dem Kolibri-Trick, einer Vorstufe des Übersteigers, zur Verzweiflung gebracht und die Kinder schießen ihm nun ehrfürchtig einen Ball zu, der ihm dann von einem kleinen Jungen beim dribbling einfach wieder abgenommen wird und genauso aussieht wie mein Ball der Kindheit: altes leder, mittlerweile braun und leicht verformt. der Junge, der sechsjährige Fimpen Johan Bergman, wird nach diesem dribbling sofort vom Profiverein hammarby iF verpflichtet und schießt als linksaußen gegen Ätvidaberg zwei Tore. danach ruft der nationaltrainer Georg ericson an, der kleine Johan nimmt den riesigen Telefonhörer ab und wird für die entscheidenden Qualifikationsspiele zur Fußballweltmeisterschaft 1974 in deutschland in die schwedische nationalmannschaft berufen. Fimpen, der Knirps, hat lange haare wie ich sie auch damals mit sechs getragen habe, unsere Bälle sind fast identisch, er spricht wenig [wie ich damals!] und kann auch nicht 2+2 zusammenzählen, schießt aber schweden zur wm! in einer meiner lieblingsszenen muss der nationaltorwart ronnie hellström dem Knirps am Vorabend des länderspiels in wien aus „14 kleine Bären“ vorlesen, damit er einschläft, aber dann schläft ronnie hellström ein, tatsächlich gespielt von ronnie hellström, der damals in der Bundesliga beim 1. Fc. Kaiserlautern zwischen den Pfosten stand und als elfmetertöter galt. während dieser szene beugte ich mich im Kino pathetisch zu einem Jungen hinüber, der mit seiner mutter neben mir saß, so als sei dieser Junge jetzt ich vor fast vierzig Jahren in der Bremer „Gondel“. „das ist ein echter nationaltorwart, der da aus den 14 kleinen Bären liest, toll, was?“, sagte ich. „Pass auf, gleich spielt Fimpen gegen Österreich!“ „Podolski ist viel besser! harry Potter auch!“ antwortete der Junge.

ich dachte, ich hör nicht richtig. „Podolski ist einundzwanzig, Fimpen aber erst sechs!“, entgegnete ich. „scheißbild! da wackelt ja unsere waschmaschine weniger! harry Potter ist mit computeranimation!“, erklärte der Junge. „na, hör mal, Fimpen ist auf 16 mm gedreht, das ist die letzte Kopie, die es gibt, aber dafür mit dem echten ronnie hellström! der war elfmetertöter!“ „häh? wer?? Kenn ich nicht!“, antwortete der Junge und schien seiner mutter zu signalisieren, dass ich ihm irgendwie auf die nerven ging. ich glaube, das war mein erster echter Generationenkonflikt, aber diesmal in entgegengesetzter richtung! Bisher hatte ich nur diese Konflikte, in denen ich den Älteren diesen ganzen nervenden mist um die ohren schlug: woodstock, aPo, Kommune, uschi obermaier etc. aber sätze wie „Podolski ist besser!“ oder „da wackelt ja unsere waschmaschine weniger!“, das sind ja jetzt aussagen, die meine letzten 30 Jahre in Frage stellen. immer noch träume ich davon, in der nationalmannschaft zu spielen, theoretisch hätte ich vielleicht noch zwei Jahre, berufen zu werden, da ist noch alles drin, die 68-iger glauben ja schließlich auch, dass bei ihnen noch alles drin sei. seit dem Konflikt mit dem Jungen im Kino habe ich sogar das Gefühl, ich muss mich bei jemandem entschuldigen, den ich einmal auf einem Podium lächerlich machte, weil er seine ganze revolutionäre existenz bescheinigen wollte, indem er sagte, er sei mit rudi dutschke linienbus gefahren. ich kenne einen mann, der seinen gesellschafts utopischen Geist immer noch für intakt hält, weil er einmal für die raF-Terrorsitin Gudrun ensslin öffentlich Zahnersatz forderte. und nun komme ich ernsthaft mit meiner heiligen, schrottigen 16mm-Kopie, ronnie hellström liest die „14 kleinen Bären“ vor, und ich glaube immer noch, dass alles möglich ist? Ja, offen gestanden, glaube ich das! wenn man mit sechs Tore für die nationalmannschaft schießt, dann geht das auch in entgegengesetzter richtung, dann schieße sie auch noch mit 40! Ja, der stürmende Knirps Fimpen hat bestimmt abertausende meiner Generation zu träumenden, tänzelnden, ewigen spielern gemacht, da bin ich mir sicher, we are the fimpen-generation! hellström, dutschke, uschi obermaier, Podolski, Potter – wahrscheinlich kann man sich die Filme, Busse, Kommunen und Zeiten, in denen sich die Träume in die menschen schleichen und einrichten, nicht aussuchen.


[rogÉrio pereira]

auF den VaTer warTend aber vielleicht werde ich in Zukunft sanfter, wenn ich ältere herren treffe, bei denen sie partout nicht ausziehen wollen. Bei mir war übrigens damals der Filmvorführer schuld, dass ich noch immer weiterträume, vielleicht noch mehr als all die anderen aus der Fimpen-Generation. der Filmvorführer legte nämlich die zweite Filmrolle zuerst ein und dann die erste. der Film endet eigentlich kritisch, denn Fimpen wird immer müder von den großen spielen und muss sich am ende für schule und leben entscheiden. Bei mir endete es mit hellströms Gute-nacht-Geschichte und Fimpens wundertoren gegen Österreich am nächsten Tag. [aus “also sprach metzelder zu mertesacker”, Kiepenheuer & witsch-Verlag, 2012]

nie habe ich Vater mehr gehasst. ich wartete auf ihn vor der haustür. er kam die steinige straße herunter. wir hatten das land erst vor kurzem verlassen. Jetzt mussten wir Beton- und asphaltboden bearbeiten. allmählich würden wir uns an das Geräusch des neuen lebens gewöhnen. hinter dem holzhaus haben wir unser stadion errichtet – ein armseliges maracanã, umgeben von Zedern und einem schüchternen Graben. unser netz, die rückseite eines schuppens, in dessen innereien dickbäuchige ratten schliefen. wir waren migranten in einer welt, die uns Furcht einflößte.

um mich herum, fiebernde augenpaare. endlich würden wir den ausgeliehenen Plastikball aufgeben. wir hätten unseren Ball: groß, weiß, gegerbtes leder. das zerknüllte Papier, die enttäuschung. ein kleiner Ball, dunkle Farbe, aus Gummi, er stach seine stacheln in meine handfläche. Gefällt er dir mein sohn? die Frage des Vaters verlor sich in nicht zu brechender stille. schweigsam und resigniert begaben wir uns in richtung unseres stadions. ich trug den hass unter meinem arm. der kleine hässliche Ball - verdammtes Gummi - verwandelte sich in Kürze. wir erfanden den perfekten Ball. unser schweigen wurde eine lustige Toberei. die lärmenden Gnus schleckten den reißenden Fluss. Krokodile erschreckten uns nicht. wir erfanden dribblings für diesen wahnsinnig springenden Ball. unsere Füße litten darunter, ihn zu beherrschen. allmählich zähmten wir seine Tobsucht. wir dribbelten und schossen ihn durchs leben. es schmerzt weniger den Vater zu hassen, wenn man glücklich ist.

SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

der Vater trägt das Päckchen. und er kommt auf mich zu. ich warte auf ihn. meine nackenwirbel pulsieren vor spannung. ein Knoten knapp vorm Zerspringen im Gebrüll des uralten Tiers. er läuft langsam, als wolle er die Zeit einfrieren, den moment lähmen, in dem er dem sohn das Brot gibt, das nie seinen hunger stillen wird. ich hasse dich so sehr Vater, an diesem unendlichen nachmittag. ich hatte es schon meinen Freunden angekündigt. mein warten war ihr warten. wir waren eine horde Gnus am rande eines ausgetrockneten Flusses, ohne Krokodile. wir würden in unser Fantasiestadion sprinten. endlich wären wir wie kleine Götter, fähig zu kleinen ungehörigen wundern. mein Vater streckte mir die hände entgegen. auf ihnen, das Päckchen. eine nachahmung des weihnachtsmannes, dessen Kleider eine lächerlich traurige Figur von ihm abgaben. Bitte, mein sohn. ich riss es mit allen Kräften eines neunjährigen Jungen an mich. david und Goliat tauschten streicheleinheiten und höflichkeiten. ich habe das grünliche Papier aufgerissen wie ein ausgehungerter das Kleid seiner liebhaberin zerreißt.

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[thomas KLupp]

Joe sTrocKa [oder] warum ich ein

ToP FussBaller Bin und TroTZdem immer auF der ersaTZBanK siTZe

Ich bin ein ToP Fußballer – schnell, wendig, trickreich, der

SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

wohl beste Techniker unter den europäischen autoren – aber ich habe eine schwäche. ich steige nicht zum Kopfball hoch. wirklich nie. selbst wenn beim stande von 1:1 in der 90. minute im eigenen strafraum eine butterweich getretene Flanke auf mich zusegelt und hinter mir der extrem kopfballstarke stürmer des gegnerischen Teams lauert, der, wenn ihn die Flanke erreicht, todsicher das finale 1:2 köpfen wird: ich steige trotzdem nicht hoch! das heißt: ich steige schon hoch, aber nur zum schein. ich werfe mich dem Ball wie ein angreifender stier entgegen, springe mit tief gesenktem Kopf haarscharf unter ihm hindurch und nehme, während ich den scharfen luftzug des über mich hinweg zischenden leders in meinen locken spüre, schwe ren herzens den sieg unseres Gegners in Kauf. ich habe so schon manch bittere niederlage verschuldet, habe vielfach den Zorn meiner aufopferungsvoll kämpfenden Kameraden auf mich gezogen, die sich allerdings schon lange nicht mehr von meinen sprüngen täuschen lassen und mich deshalb auf die ersatzbank verbannt haben, die ich nur dann noch verlasse, wenn wir haushoch führen oder aussichtslos hinten liegen und es völlig egal ist, ob noch jemand zum Kopfball hochsteigt oder nicht.

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ich bedauere dieses elendige, meinen technischen Fähigkeiten hohn spottende reservistendasein auf den Fußballplätzen dieser welt, immer wieder nehme ich mir vor, nun doch einmal zum Kopfball hochzusteigen ... aber der schatten der Vergangenheit ist stärker als ich. der schatten der Vergangenheit: ich spreche von Joe strocka, den wir nur G . i . J o e oder auch d en st re cker nannten, seines Zeichens oberfeldwebel bei den ostbayerischen Gebirgsjägern und c-Jugendtrainer des VfB weiden, der uns mitte der 1980er Jahre disziplin und mut und mannschaftsgeist einzuimpfen suchte, bis er von unbekannter hand auf dem schlecht beleuchteten Parkplatz hinter dem VfB-Vereinsheim mit einem schraubenzieher zwischen den lendenwirbeln in den Vorruhestand geschickt wurde. disziplin und mut und mannschaftsgeist jedenfalls: Für den st re cker waren das nicht nur worte sondern eine haltung, die es zu verinnerlichen galt. eine haltung, die uns den sieg bringen würde. eine haltung, die allerdings seinen Preis hatte. disziplin und mut und mannschaftsgeist impfte uns der st re cker nicht durch schneidige Kabinenansprachen ein, nicht indem er uns auf gemeinsame Klettertouren schickte oder gar über heiße Kohlen laufen ließ sondern durch Freistoßtraining. Jeweils die letzten fünf minuten jedes mittwochabends waren dafür reserviert. mit langen Gummibändern, die den spinden der VfB-Turnerabteilung entnommen waren, wurden wir vom

st re cker zu einer mauer geschnürt, hüfte an hüfte zusammengezurrt zu einem einzigen Körper, einem singulären organismus, der dem standzuhalten hatte, was auch immer da kommen mochte. noch heute sehe ich geschlossenen auges die schmalen lippen unter dem dünnen, eisengrauen oberlippenbart des st re cker s , sein mund ein dunkles loch, ich höre wie er brüllt: ein er f ü r alle , und wie wir mit zu Panikfratzen verzerrten Gesichtern zurück brüllen: a lle f ü r ein en! und wie er brüllt: die ma u er hält , und wie wir zurück brüllen: Bis zu m jü n g s ten Ta g ! und wie er dann, flankiert von Pöll und Kampe, den beiden schussgewaltigsten spielern der B-Jugend, auf die fünf, sechs meter vor uns aufgereihten Bälle zusprintet. synchron sprinteten der st re cker und Pöll und Kampe auf die Bälle zu, droschen die Freistöße mit Vollspann in uns hinein, wie artilleriefeuer kam das leder über uns, ein einziges Zischen und Knallen, wenn die Kugeln die ungeschützten stellen unseres Körpers trafen. Teils zielte der st re cker auf den unterleib, teils auf den Kopf, nur selten auf die Brust. im hagel der Geschosse, den scharfen angstschweiß der Kameraden in der nase, ihre schmerzensschreie im ohr, habe ich eins gelernt: entweder du schützt deine eier oder du schützt deinen Kopf. du kannst nicht beides schützen. du musst dich entscheiden: für die eier oder für den Kopf. ich habe mich stets für die eier entschieden. die eier waren mir immer wichtiger als der Kopf. ich weiß nicht, wie oft ich dort halb ohnmächtig, nur noch aufrecht gehalten von den zum Zerreißen gespannten Gummibändern und den gebeutelten Körpern meinen Kameraden in der mauer hing, während der st re cker mir disziplin und mut und mannschaftsgeist mit Vollspann in meinen schädel bläute. Bestens aber kann ich mich an die rasenden Kopfschmerzen erinnern, an die in meinem Gesichtsfeld jäh aufblitzenden sterne des mittwochabends. noch immer höre ich das sausen und Zischen und Knallen und die speichel sprühenden Triumphschreie des st re cker s , wenn eins seiner Geschosse in meinem Gesicht, auf meiner stirn, auf meinen schläfen explodierte. diese laute höre ich unter Garantie noch heute, wenn eine Flanke auf mich zusegelt, wenn es darum geht, den heran fliegenden Ball mit dem Kopf aus der Gefahrenzone zu befördern. wie gesagt, ich bin ein ToP Fußballer – schnell, wendig, trickreich, der wohl beste Techniker unter den europäischen autoren – aber ich steige nicht zum Kopfball hoch. seit rund 20 Jahren nicht mehr.


[vLadir Lemos]

im namen des Balls schweren herzens akzeptiere ich mein elendiges reservistendasein, sehe den anderen beim spielen zu und halte den mannschaftsgeist hoch. nur ab und zu, wenn nußbaumeder oder rinke zum Kopfball hochsteigen oder wenn merkel oder ostermaier die mauer dirigieren, dann ziehe ich auf der ersatzbank still und heimlich einen mittlerweile rostigen schraubenzieher aus meiner sporttasche und kratze mich damit leise kichernd am hinterkopf.

Ich schreibe mit der andacht von einem, der ein Gebet spricht. ich schreibe in seinem geheiligten namen. die erste erinnerung, die ich an einem Ball habe, erscheint mir als etwas, das bis auf die Vorfahren zurückgeht. es war einer dieser riesigen und unermesslich leichten Bälle, die kleine Kinder üblicherweise vom rummelplatz mitbrachten. ich erinnere mich nicht an das spiel. aber den lauten Knall, den er machte, als er an die wände der alten Garage sprang, den höre ich bis heute. ein wink des Tobens. eine erste Begeisterung. seine Farbe, ein rot, das ein kleines rendezvous mit rosa hatte. aus endlosen kleinen Quadraten gefärbt, die vom Gelb in ein unwahrscheinliches Blau spielten.

wenn ich es mir recht überlege… und die technische Qualität in rechnung stelle, die ihren Glanz verloren hat, so macht es doch sinn, dass die athleten sich plötzlich von ihm bedroht fühlen. und ich gehe sogar noch weiter. hinterhältig oder auch nicht, so ist er doch für alle gleich. der Ball besitzt einen noblen Geist, niemals würde er sich Privilegien einräumen lassen. den Ball seltsam zu finden, gehört praktisch zum spiel. ich erinnere mich, dass als Kind einen Ball fürs spiel auszuwählen, oftmals in streit ausartete. und wenn es gar ein spiel gegen die mannschaft aus der nachbarstraße war, dann erst recht. der arme Ball, der vom gegnerischen Team mitgebracht wurde, wurde regelrecht niedergemacht. man beschuldigte ihn alt zu sein, ohne luft, zu hart, zu viel oder zu wenig springend. im allgemeinen war es die heimmannschaft, die entschied welcher Ball genommen würde. wem wäre es nicht lieber, mit einem Ball zu spielen, an den man gewöhnt war?

SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

ich weiß nicht, wie es hier in deutschland ist. in Brasilien aber ist dieses Thema schon seit langem im Gespräch. ihr wisst schon, wie das ist. als wäre es noch nicht genug, ihn mit den Füßen zu malträtieren, jetzt beleidigen sie ihn auch noch und verleumden ihn. ich bin der meinung, dass ein Fußball unantastbar sein sollte. ihn im rückwärtsgang zu sehen, bereitet mir einige Verlegenheit. wo er doch so rund und anspruchsvoll ist. aber das war es nicht, was wir in unserem sogenannten land des Fußballs gesehen haben. schon seit einiger Zeit steht er in Frage. man beschuldigt ihn, zu leicht zu sein. ungehorsame Kurven zu machen, die nicht von dem diktiert wurden, der ihn getreten hat. eine Katastrophe. und man spricht nicht von den Bällen meiner Kindheit, man redet von den heutigen Bällen, von hightech-Bällen. wie kann man nur?

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[ SO | 13.10.2013 | 11H30 ]

ausGeTanZT [oder]

SA | 12.10.2013 | 14H [ isT der Ball noch rund? – ZeiT, dass sich was drehT! ]

Übrigens, vor einiger Zeit musste ich mich von Zweien trennen. ich weiß, es mag lächerlich klingen, aber es war nicht einfach. nachdem ich mich so viel mit ihnen vergnügt hatte, fühlte ich mich, als ob ich einen allergrößten Verrat anzetteln würde. wie könnte ich sie nur im stich lassen? dadurch, dass ich immer und immer wieder den moment aufschob, fand ich schließlich ein mittel, das linderung versprach: ich fotografierte sie! es sollte eine möglichkeit sein, sie über die erinnerung hinaus zu behalten. und so habe ich es dann auch gemacht. aber selbst heute, wenn ich mich an diesen umstand erinnere, ist es unvermeidlich, dass ich mich frage, bei welchen Füßen sie schließlich gelandet sind. ob sie wohl immer noch Jemandem Freude bereiteten? der Ball, wie ich ihnen bereits sagte, wurde unter verschiedenen anderen Beleidigungen beschuldigt, so auszusehen, als wäre er „im supermarkt gekauft“ worden. also, als ich ein kleiner Junge war, da habe ich viele Bälle „aus dem supermarkt“ gekauft und auch geschenkt bekommen. und wie viel Freude haben sie mir bereitet. wie all die Jungs in meiner straße habe ich nie große sympathien für Bälle gehabt, die zu leicht waren. ich habe sie aber nicht verschmäht und das ist wichtig einmal klarzustellen.

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einer, den wir wirklich gut fanden, war etwas schwerer und sehr robust. er hatte sogar einen namen: milchzahn. er war aus Plastik, jawohl, und ist im supermarkt gekauft worden. er war ganz weiß und imitierte das klassische design der Bälle aus leder, mit den sechseckigen, schwarz angemalten „waben“. er war der Beste! ein wahrhaftiger Konsumtraum. wir wollen hier auch gar nicht erst von den Bällen reden, die aus alten socken gemacht wurden, oder von den frenetisch umkämpften meisterschaften, die mit Tennisbällen ausgetragen wurden. oder die Bälle aus genähtem leder mit einer schweinsblase drin, bei denen uns mit jedem schuss die Füße brannten. ach! der Ball! man lege nur einen in irgendeinem raum ab und schaue, wer in der lage ist, ihm gegenüber gleichgültig zu bleiben. wer nur, könnte uns sagen, was ein Ball alles in uns auslösen kann?

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Vom Fallen In die TieFen des raumes . . .


[aLbert ostermaier] lauFweGe

ode an Julius hirsch

im sturm den rücken gebückt als ihm noch alles glückt auf links den ball über die linie gedrückt das volk verzückt die kirsche gepflückt und gleich den holländern vier stück kein kick ohne zauber kein trick ohne fairplay nur toreheimweh gentlemen in kurzen hosen ganz ohne turnvaterjahnposen

[antÔnio prata]

ronaldos Bauch

Am 4. märz 2009, nach 15 Jahren, in denen er für europäische clubs gespielt hatte, kehrte ronaldo zurück, um nun wieder für einen brasilianischen Verein zu spielen, corinthians. das Phänomen war außer Form und stark übergewichtig. Viele haben in seinem Bauch ein trauriges Zeichen der dekadenz gesehen, eine nachlässige haltung von Jemandem, der vorzeitig ins rentenalter eintrat. im Juli 2009, habe ich in der Zeitung Jornal de são Paulo eine Glosse geschrieben, in der ich eine etwas andere art vorschlug, diesen wanst zu betrachten. hier nun der Text:

noch gibts keine hatz auf dem engländerplatz den rasen kurz geschoren haben sie sich dem sieg verschworen der nation juller läuft im laufschritt juller er hat die kugel er schiesst das eiserne kreuz auf der brust bricht ihm als stern das herz darunter er wird zu stein den aktenkoffer umklamert steht er den rücken nach vorn gebeugt am spielfeldrand den linken sein gleichgewicht stürzt er aus dem zug in frankreich verrückt ohne fussball rast er ins leere trennt er sich mit einer täuschung von frau und kind wie von einem gegner läuft davon sie zu schützen ins messer verbannt auf den schrottplatz wartet er in seinem strafraum zu lange auf ein wunder die wende in letzter minute vor dem apfiff schickt er eine karte abgestempelt als der zug schon abgefahren ist

der mythos unserer Zeit ist wie ein standardskript aus hollywood: irgendjemand will unbedingt etwas eigentlich unerreichbares. und alle sagen ihm: „Vergiss es Junge, das schaffst du doch nicht!“ dieser Jemand aber ist ein dickkopf; er hört auf niemanden, nur auf seine innere stimme. er wird tausende male provoziert, aber was er sich selbst eingebrockt hat, muss er auch auslöffeln. und letztendlich hat er dann ja auch erreicht, was er wollte. er ist wie rocky Balboa, der seine adrian alleine im Bett liegen lässt und in die metzgerei trainieren geht, wo er auf gefrorene schweinehälften einprügelt. er ist wie JFK, als dieser 1962 sagte, dass bis zum ende dieses Jahrzehnts der mensch auf dem mond sein würde, und im Jahr 1969 dann, war dort die amerikanische Flagge zu sehen und bestätigte, dass der himmel nicht mehr länger die Grenze sei. man will, man kann: das ist der Geist unserer Zeit.

m ein e lieb en bin g u t g ela n d e t e s g eht g u t ko m m e na ch o b er s c hle sien n o c h in d e u t s chla n d h er zlic h e g r ü s s e u n d k ü s s e e u er juller steht vor einem tor nach dem es keine hoffnung gibt und keinen weg zurück ins spiel den rücken gebeugt über links wo sein herz noch immer pässe schlägt

drei mal hat ronaldo seine rolle in diesem skript gespielt. Zuerst, als er die Vorstadt von rio verließ und zum Besten der welt wurde. danach, als er zwei Verletzungen erlitt, von denen man sagte, dass er sie nicht überstehen werde – „Vergiss es, ronaldo!“ – er hat sie aber überstanden. er ist der spieler, der am meisten Tore in weltmeisterschaften geschossen hat, er wurde drei mal von der FiFa zum weltbesten Fußballer gewählt, aber all das reicht uns wohl noch nicht.

SO | 13.10.2013 | 11H30 [ ausGeTanZT [oder] Vom Fallen in die TieFen des raumes ]

fuss schwingend verliert er

Zu Beginn haben die leute noch an ihm herumgenörgelt. „wann wird er wohl wieder hundertprozentig in Form sein?“, fragten die reporter. „mit dem Übergewicht, da wird er nichts zustande bringen“, murrten die Fans. Jedes mal, wenn er auf dem Feld auflief, schauten wir neugierig auf seinen Bauchumfang. ist er wohl noch da? Bis vor Kurzem war ich enttäuscht, dass dem wohl so war. so langsam aber bin ich mir klar darüber geworden, dass es unter diesem Trikot mehr gab, als nur eine Kurve: es war eine Parabel.

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ein duell des sTils

[ceLso de campos Jr.]

marcos X Kahn, Brasilien X deuTschland, im Finale der welTmeisTerschaFT 2002 wir wünschen uns, dass der Film mit ronaldo in einem magischen höhepunkt endet; er schenkt corinthians die copa libertadores amerikas, die weltmeisterschaft 2010, den weltpokal der clubs, und erst dann kann der abspann beginnen.

SO | 13.10.2013 | 11H30 [ ausGeTanZT [oder] Vom Fallen in die TieFen des raumes ]

etwas aber, steht diesem drehbuch entgegen: es ist der Bauch. er deutet an, dass ronaldo den leuten ja vielleicht gar nichts [oder nicht mehr so viel] beweisen will. wer weiß, vielleicht hat er einfach nur lust darauf, Fußball zu spielen, hier und da ein Tor zu schießen und jubelnd auf die Fans zuzulaufen; in seiner freien Zeit und mit seiner Frau im shopping center spazieren zu gehen, mit Freunden auszugehen, keine ahnung.

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dieser Bauch ist seine achillesferse und, von daher, sein menschlicher Ballast. mit jedem Tor befreit uns ronaldo vom hollywood’schen imperativ, in dem nur die Perfektion zählt und uns zeigt, dass wir, sogar mit unseren Fehlern, schwächen und schlechten angewohnheiten gut und glücklich sein können. Jedes mal, wenn er auf dem spielfeld aufläuft, denken sich die Brasilianer: „schau mal, da laufe ja ich!“ und man lernt, dass es noch andere arten gibt, genauso schön oder sogar noch schöner, einen Film zu beenden, abgesehen vom magischen...

[happY end]

Als

Torhüter der endspielteilnehmer, hatten marcos und oliver Kahn nur eines gemeinsam, nämlich die nummer 1 auf ihren Trikots. ansonsten schien nichts weiter die beiden zu verbinden. auf dem spielfeld bevorzugte der Brasilianer die Gelassenheit, das Kollektiv und die diskretion; der deutsche aber kultivierte aggressivität, den Personenkult und die rage als Form der motivation. einer von ihnen war bereits fast vollständig kahlköpfig, der andere stellte eine üppige blonde mähne zur schau. sankt marcos war religiös und hatte immer medaillen mit heiligenbildern bei sich; King Kahn, der skeptische albinogorilla, hat sich in die hand der letzten Person verbissen, die versuchte, ihm ein solches amulett unterzuschieben. abgesehen von den unterschieden im stil, war die leistung von beiden während des Turniers gleichermaßen solide. Beide befanden sich in der Gruppe der 33 spieler, die die studiengruppe der FiFa bereits vor dem halbfinale als die Besten des wettbewerbs erwählt hatte. aber während Felipão über rivaldo, ronaldo, ronaldinho Gaúcho, roberto carlos und cafu verfügte – ebenfalls auf dieser liste der FiFa – musste sich der deutsche, rudi Völler, ohne auf den gesperrten michael Ballack zählen zu können, allein auf Kahn im Kampf gegen die Kanariengelben stützen. „er hat die Bedeutung, die linienspieler für andere nationalmannschaften haben, wie Zidane für Frankreich und rivaldo und ronaldo für Brasilien“, erklärte der Trainer, dessen Team sogar die eigenen landsleute in erstaunen versetzte, die einen bis dahin einwandfreien sturmlauf mit fünf siegen und einem unentschieden zu sehen bekamen. nicht durch Zufall war oliver Kahn, mit nur einem Gegentor in sechs spielen, der Favorit für den lew-Jaschin-Pokal, den die FiFa dem besten Torhüter der weltmeisterschaftsspiele verleiht. marcos, der vier mal überwunden wurde, versicherte, dass ihn der Preis nicht interessieren würde. als er gegen ende des vorletzten Trainings für das Finale, hierauf angesprochen wurde, polterte er los: „ich bin nicht hierhergekommen, um der beste Torhüter zu sein, sondern nicht der schlechteste. was ich wirklich will, das ist weltmeister zu werden.“ als größte Gewinner in der Geschichte der Fußballweltmeisterschaften sind Brasilien mit vier Titeln und deutschland mit dreien bisher noch niemals in einer weltmeisterschaft aufeinandergetroffen. das schicksal wollte es, dass dieses erste duell ausgerechnet in einem endspiel, bei einer geschätzten Zuschauerzahl von ungefähr 1,5 milliarden menschen oder 25% der weltbevölkerung stattfand.


[christoph nussbaumeder] der GiFTiGe

internationales stadion von Yokohama, am 30. Juni 2002. Brasilien 2, deutschland 0. während marcos mit dem Gefühl erfüllter Pflicht vom Platz geht, wurde Kahn, aufgrund seines Fehlers beim ersten Tor der Brasilianer, zum sündenbock des spiels. mit sicherheit von mitgefühl getrieben, versuchte die brasilianische nr. 1, oliver Kahn zu entlasten, der, nach ansicht des Torhüters vom Fc Palmeiras, von nun an mit demselben schatten würde leben müssen, wie der damalige brasilianische Torwart von 1950. „ich bin nicht der meinung, dass Kahn einen Fehler begangen hat. es hat ihm einfach an Glück gefehlt, denn der Ball ist ihm aus den armen gerutscht. er wird aber trotzdem für den rest seines lebens gebrandmarkt sein. so ist es nun einmal im leben eines Torhüters. nur einmal hat man ein Problem und all das, was man vorher geleistet hat, ist vergessen.“

allerdings bittet die mutter des Torhüters ihren heldensohn um erlaubnis, anderer meinung zu sein. direkt aus der stadt oriente applaudierte dona antônia stehend der entscheidung des höchsten Fußballgremiums. „der Kahn hat doch gut gespielt, denn er hat ronaldinho den Ball vor die Füße gelegt. er hat Brasilien ein super Geschenk damit gemacht. und deshalb stimme ich seiner wahl zum besten Fußballer der weltmeisterschaft zu.“ das war’s. [aus “são marcos de Palestra itália”, Biografie des Torwarts und fünffachen weltmeisters mit der brasilianischen nationalmannschaft, 2002]

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ob wir wollen oder nicht: unser gesamtes denken ist tief und in jedem Bereich vom christentum beeinflusst. die religiöse ideologie eines gefolterten und ermordeten liebesgottes hat uns alle erfasst, gleichgültig, ob wir an diesen Gott glauben oder nicht. Jedes Kind kennt aber nicht nur die faszinierende legende von Jesus, sondern auch die von luzifer. der abgestürzte und der wiederauferstandene, beide sind fester Bestandteil unseres kulturellen Gedächtnisses. wahrscheinlich brauchen die menschen in einer christlich geprägten welt das dramatische spektakel vom aufstieg und vom Fall genauso, wie das tägliche Brot. Vielleicht, weil es sie erleichternd vergewissert, dass es sich bei ihrem helden letztendlich doch nur um einen fehlerhaften menschen, also um ihresgleichen handelt. Vielleicht, weil die geliebte beziehungsweise verhasste Person ihr eigenes durchschnittsdasein für einige augenblicke vergessen macht. Vielleicht. auf alle Fälle gibt es ein ungetrübt kindliches staunen und es gibt die sehnsucht nach dem fernen lichtträger, der den schatten birgt. Fest steht auch, dass es in diesem spiel der Polarisierung und Projektion einen gibt, der bisher alle übertroffen hat: der paraguayische Fußballer und hasardeur Jesús lúz calderón, genannt “ el Tóxic o” - d er Gif tig e . love him or hate him, you can’t ignore him. und selbst die, die ihn hassten, liebten ihn dafür, dass er ihnen einen Grund zum hassen gab. der Kleine Jesús lúz wurde am 6. mai 1954 geboren, just am selben Tag, an dem sich der diktator alfredo stroessner an die macht putschte. calderón wuchs in einem der berüchtigen slums von asunción auf. seinen Vater - ein vagabundierender indio - hat er nie kennengelernt, denn der ließ seine Frau noch vor der entbindung des Kindes sitzen. Von Geburt an war sein rückgrat deformiert, und sein linkes Bein war fünf Zentimeter kürzer als sein rechtes. durch zahlreiche operationen wurde ihre Beweglichkeit zwar soweit hergestellt, dass er damit laufen konnte, sein linkes Bein blieb jedoch ein o- und sein rechtes ein X-Bein. um seine Beinmuskulatur zu kräftigen, begann er, Fußball zu spielen, und entwickelte dabei schon im Kindesalter erstaunliche Fähigkeiten. Von kleiner statur, lag sein Körperschwerpunkt besonders tief, was ihm schnelle drehungen und Bewegungen ermöglichte. Bereits früh - angeblich schon mit zehn Jahren - wurde er zum alkoholiker, um seine schmerzen zu lindern.

SO | 13.10.2013 | 11H30 [ ausGeTanZT [oder] Vom Fallen in die TieFen des raumes ]

allerdings hat solidarität auch ihre Grenzen: der fünffache weltmeister begehrte gegen die Tatsache auf, dass die FiFa den deutschen zum besten Torwart und besten spieler der weltmeisterschaft gewählt hatte. „ich fand das lächerlich. der Kahn zum Beispiel hat eine weltmeisterschaft wie ich und der Torwart von senegal gespielt. der Torhüter der Türkei hätte den Preis gewinnen sollen und als spieler war ronaldo bei weitem der Beste.“

FÜr alle GeFallenen und wiederauFersTandenen FussBaller. denn niemand GelTe als GescheiTerT, den man nichT VerGissT.

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[christoph nussbaumeder] der GiFTiGe

wegen seiner Verkrüppelung, vor allem aber wegen seines unverkennbaren indianischen aussehens wurde er oft von anderen Kindern gehänselt, worauf er mit zunehmendem alter mit immer heftigeren aggressionsausbrüchen reagierte.

SO | 13.10.2013 | 11H30 [ ausGeTanZT [oder] Vom Fallen in die TieFen des raumes ]

die ersten fußballerischen erfolge ließen nicht lange auf sich warten. sein überbordendes Temperament und sein überragendes Ballgefühl vereinten sich zu einer schier unschlagbaren waffe für seinen ersten Profiverein club libertad. Berühmt wurde er aber vor allem mit seinen atemberaubenden dribblings, die nicht nur die eigene, sondern auch die gegnerische anhängerschaft zu Bewunderungsstürmen hinreißen ließ.

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1976 ging sein stern vollends auf, als er mit seiner mannschaft im Finale um die paraguayische meisterschaft gegen das regimetreue Team von olimpia stand. calderóns mannschaft war der krasse außenseiter. Gegen mitte der zweiten halbzeit, beim stand von null zu null, rammte ihm der gegnerische Torwart das Knie ins Gesicht. die aktion war nicht nur ungeheuer brutal, sie blieb auch ungeahndet, dabei war es eine klare Tätlichkeit, in der absicht, den spieler außer Gefecht zu setzen. calderón musste minutenlang behandelt werden, dann kehrte er wieder, obwohl sein Jochbein gebrochen war. mit zugeschwollenem auge, vier ausgeschlagenen Zähnen und halb tollwütig vor schmerz, schoss er in der letzten minute das siegtor. im darauffolgenden Fersehinterview spuckte er einen Zahn in die Kamera und fauchte in richtung des reporters: “das lied der Freiheit pfeift man auch ohne Zähne. lang lebe Paraguay! die Jacketkronen zahl ich mir selbstverständlich selbst. wo ist meine Frau!?” ein mythos war geboren. diese szene soll, ganz nebenbei erwähnt, sylvester stallone für das ende von rocky ii inspiriert haben, wo der held nach gigantischem Kampf gegen den Favoriten blutverschmiert und fast erblindet nach seiner Frau adrian ruft. calderón und stallone haben sich, auch das sei an dieser stelle gesagt, dann 1980 kennengelernt, als sie gemeinsam für den Film “Flucht oder sieg” vor der Kamera standen. der regierung war calderón von nun an ein dorn im auge, doch der Fußballverband konnte schwerlich auf ihn verzichten. 1979 schoss er Paraguay zum ersten und bislang einzigen copa-america-Titel seiner Geschichte. den Gewinn dieser meisterschaft widmete er mit unüberhörbarem Getöse und unter großem internationalem aufsehen allen ausgestoßenen der paraguyaischen Gesellschaft, allen voran dem indianerstamm der aché.

damit hatte er für viele den rubicon überschritten, denn dem diktator stroessner wurde vorgeworfen, für die planmäßige ausrottung eines großen Teils der aché verantwortlich zu sein. somit stach der Volksheld calderón in ein wespennest. Ferner rief er die Fans dazu auf, sich gegen die militärdiktatur und für die demokratie zu engagieren. calderón wusste, dass er dadurch extrem anecken würde, aber auch der regierung war bewusst: wenn sie ihn unschädlichen machten, könnte es zu einem Bürgerkrieg kommen. angebote aus europa, wie etwa von real madrid, lehnte calderón demonstrativ mit großem Tamtam ab, er wolle in erster line ein star in seiner heimat sein - und bleiben. Bekenntnisse solcher art machten ihn bei der unterpriviligierten Bevölkerungsschicht natürlich noch populärer, während die regierung schäumte. doch die staatsmacht war schlau, sie wusste, wie man den rebellen schlagen konnte, ohne ihn anzugreifen. calderón war nicht nur genuss-, sondern auch extrem geltungssüchtig. darüber hinaus hatte er ein ausgeprägtes Faible für status- beziehungsweise luxusgüter. Von seinem werbehonorar - er war der erste südamerikanische sportler, der reklame für Brandwein machte - kaufte er sich einen nagelneuen Ferrari 512 BB. das protzige auto und seine Villa im nobelviertel “las carmelitas” machten ihn in den augen vieler verdächtig. sein verschwenderischer lebensstil kollidierte arg mit seiner politsichen haltung, die ihm nun zunehmend als linkspopulistische attitüde ausgelegt wurde. immer mehr Fotos drangen jetzt an die Öffentlichkeit: calderón in nachtclubs, calderón mit Zigarre und whiskyglas in der hand, calderón mit nacktmodellen im arm. als sein haus im mai 1980 von Paparazzi belagert wurde - calderón feierte seinen 26. Geburtstag mit einer ausschweifenden Party -, versuchte er volltrunken, die Fotografen, bei denen es sich in wirklichkeit um regierungsangestellte handelte, mit einer schrotflinte zu verjagen. dabei traf er den 18-jährigen nachwuchsjournalisten enrico martinez tödlich; auf dem weg ins Krankenhaus verblutete der Junge. erst 2005 belegeten geheime dokumente, dass es sich bei martinez um ein Bauernopfer handelte, man ließ ihn im Krankenwagen verbluten, um calderón einen mord anhängen zu können. auf einmal stand calderón massiv unter Beschuss. er kam in untersuchungshaft, gleichzeitig kam heraus, dass er eine affäre mit der berühmten samba-sängerin maria antunes unterhielt, die er bereits ein Jahr zuvor bei der copa america kennengelernt hatte.


ein sogenannter Freund, der ihm auch andere damen zuführte und mit dem er wilde orgien veranstaltet haben soll, gab der Presse bereitwillig auskunft. dieser umstand brachte nun seine letzten unterstützer gegen ihn auf, denn seine ehefrau - die Fabrikarbeiterin anna sol, mit der er seit seinem 15. lebensjahr liiert war -, hielten nicht wenige für den eigentlichen guten Geist in seinem leben. man schrieb ihr gemeinhin zu, sie habe ihn politisch sensiblilisiert und ihn für die rechte der armen eintreten lassen. da die ehe keine Kinder hervorbrachte - calderón war offenbar zeugungsunfähig -, überzog ihn die Journaille zudem mit häme der übelsten machismoart. es wurde sogar offen spekuliert, ob calderón in wahrheit nicht schwul sei, seine kolportierte Gier nach Frauen würde gut ins Bild passen, um den umstand seiner homosexualität perfekt zu kaschieren. außerdem machte man sich über seinen analphabetismus lustig, der zwar kein Geheimnis war, aber jetzt, im Zuge der schmutzkampagne besonders hervorgekehrt wurde.

in einer nacht- und nebelaktion floh er aus Paraguay nach argentinien und heuerte dort ende 1980 für ein Jahr bei den Bocca Juniors an, wo er den kommenden weltstar diego armando maradonna unter seine Fittiche nahm. wenngleich nur sechs Jahre älter, so war calderón eine art Ziehvater für maradonna, sowohl was das Fußballerische, als auch was das Feiern anging. maradonna schrieb später in seiner autobiographie “el diego”: “das Jahrhunderttor 1986 bei der wm gegen england wäre ohne mein Vorbild Jesús lúz calderón nicht möglich gewesen. er lehrte mich die Bewegungen der Verteidiger im Voraus zu erahnen. mit calderón konnte man außerdem eine menge spaß haben.” in argentinien wurde er überschwänglich empfangen, die in ihn gesteckten erwartungen konnte er letztendlich aber nie erfüllen. die Trainingspause war zu lang gewesen, er wurde nie richtig fit. mehrere comeback-Versuche scheiterten, weil er zu ungeduldig war, immer wieder zog er sich muskelverletzungen zu, die ihn zum Zuschauen verurteilten. doch auch wenn seine Zeit in argentinien nicht von erfolg gekrönt war, so wird er den Bocca-Fans für eine szene immer im Gedächtnis bleiben. im prestigeträchtigen duell gegen river Plate wurde calderón beim stand von eins zu eins zehn minuten vor schluss als

nach den Bocca Juniors verschlug es calderón nach Venezuela zu deportivo, einem mittlerweile mittelmäßigen club, die ihn als heilsbringer engagiert hatten. doch auch dort lief es nicht sonderlich rund für ihn. er überwarf sich mit dem Trainer und mit dem rest der mannschaft, für die er nur abschätzige Bemerkungen übrig hatte. aus dieser Zeit ist folgendes Zitat von ihm überliefert, das er nach seinem letzten spiel in der Kabine gesagt haben soll: “ich tue euch jetzt den Gefallen und gehe.” ein dubioser spielerberater brachte ihn zudem um sein in argentinien erwirtschaftetes Geld. die samba-sängerin verstieß ihn - wenn man den Boulevardblättern jener Jahre Glauben schenken darf - und tauschte ihn für den brasilianischen star Zico ein, der eben mit Flamengo den weltpokal gewonnen hatte. calderón war von nun an nur noch in den Bars von caracas anstatt auf dem Trainingsgelände zu sehen. der Vertrag wurde aufgelöst. calderón war 28, aufgedunsen, übergewichtig und pleite. in einer nobeldiskothek wurde er vom Türsteher nicht erkannt (er war auch nicht wiederzuerkennen) und aufgrund seines indianischen aussehens wurde ihm der einlass verwehrt. daraufhin zettelte er eine schlägerei an und brüllte seinen namen vergeblich in die Finsternis. Kein Verein in südamerika, ja auf der ganzen welt wollte ihn mehr haben. allein gelassen und orientierungslos trieb er durch die nächte. nicht mal in seine heimat Paraguay konnte er zurück. am silvesterabend des Jahres 1982 stieg er auf einen stuhl und knüpfte sich mit einem Kälberstrick an der Zimmerdecke auf. als er den stuhl umkippte, schwebte er kurz im raum, er blickte auf sich selbst, wie auf einen fremden Körper und sein ganzes leben zog im Zeitraffer an ihm vorüber. dann brach der Karabinerhaken aus der decke und mit ihm ein riesiger Klumpen der maroden Bausubstanz. sein Übergewicht hatte ihm das leben gerettet. Beim sturz auf den Fußboden brach er sich allerdings den ellbogen. in seiner peinlichen not wandte er sich am neujahrstag 1983 an den Vereinsarzt von deportivo. da sich der arzt in seiner Freizeit als mafiadoktor verdingte, traf er in dessen apartment zufällig auf den bei einer schießerei verwundeten kolumbianischen auftragskiller John Jairo Velásquez Vásquez, genannt „Popeye“.

SO | 13.10.2013 | 11H30 [ ausGeTanZT [oder] Vom Fallen in die TieFen des raumes ]

als Jesús lúz endlich auf Kaution freikam, musste er ein abkommen unterschreiben, in dem er zusicherte, das land nie mehr zu betreten. der staat konfiszierte überdies seinen Besitz und anna trennte sich von ihm. erst gegen ende seines lebens, am sterbebett, bat er sie unter Tränen um Vergebung.

Joker eingewechselt. in der 85. minute kam maradonna an den Ball, der narrte drei Gegenspieler auf engstem raum und lupfte das spielgerät in den strafraum. die an und für sich etwas zu ungenaue, in den rücken des stürmers geratene Flanke, katapultierte calderón im Flug mit der hacke ins Tordreieck. ein sensationeller Treffer. es war sein erster Ballkontakt und zugleich das siegtor.

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SO | 13.10.2013 | 11H30 [ ausGeTanZT [oder] Vom Fallen in die TieFen des raumes ]

Popeye war nicht nur ein mann der Tat, er war auch ein großer Fußball-aficionado und erkannte calderón auf anhieb. der Killer arbeitete für einen gewissen Pablo escobar, der in medellin gerade dabei war, in den Fußballclub atlético nacional zu investieren.

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noch am selben Tag packte Jesús lúz seine sporttasche und stieg mit Popeye und noch ein paar anderen dubiosen Gestalten in einen wagen in richtung Kolumbien. langsam kam calderón wieder in Fahrt. Über die zweite mannschaft von atlético nacional empfahl er sich für die Profis. ab der saison 84/85 gehörte er dem stammpersonal an und war fortan der Torschütze vom dienst. in seiner letzten saison, das soll hier nicht unerwähnt bleiben, spielte er dort mit dem jungen Torwart rené higuita zusammen. doch vorher wurde calderón zwei mal hintereinander Torschützenkönig der kolumbianischen liga. er war wieder wer. seine schüsse trafen wie Giftpfeile markerschütternd ins Gehäuse der gegnerischen mannschaften. sein neuer Ferrari Testarossa schnurrrte durch die straßen medellins und auch die Frauenwelt lag ihm wieder zu Füßen. seine leistungen in Kolumbiens höchster spielklasse blieben auch dem paraguayischen Fußballverband nicht verborgen. so trug es sich zu, dass Paraguay sehr gute chancen hatte, sich für die wm 1986 in mexico zu qualifizieren. man durfte nur das entscheidende spiel gegen chile nicht verlieren. da aber die beiden etatmäßigen stürmer verletzt beziehungsweise gesperrt waren, fehlte es der mannschaft an einem angreifer mit Format. Bei den Buch machern galt deshalb chile als Favorit. in Paraguay war stroessner immer noch an der macht. seine autorität jedoch begann langsam aber sicher zu bröckeln. die Funktionäre im Fußballverband wussten daher, dass eine amnesty für calderón dem diktator nützlich sein könnte, denn das Volk sehnte sich danach, den Verbannten wieder im nationaltrikot aufspielen zu sehen. sie schlugen stroessner also vor, den Fußballer zu begnadigen. calderón freute sich enorm über die anfrage, er zeigte sich reumütig und gelobte, keine politischen aussagen mehr zu machen. wenig später war es soweit. Jesús lúz wurde nach sechs Jahren im exil wieder für ein länderspiel nominiert. lange Zeit stand es null zu null und es sah danach aus, als ob man calderóns dienste nicht benötigen würde, doch dann landete ein harmloser Fernschuss des chilenen mendoza im paraguayischen Tor. der Torwart hatte gepatzt, die elf von Paraguay war plötzlich wie paralysiert. Bei diesem stand würde chile zur wm fahren. Tausende Fans forderten nun vehement calderóns ein-

wechslung, 20 minuten vor ende der Partie kam er dann schließlich ins spiel. seine erste aktion war ein grobes Foul und er hatte Glück, dass er nicht rot bekam. Kurz vor schluss fasste er sich dann ein herz, er schnappte sich vom eigenen mitspieler den Ball im mittelfeld und setzte zu einem atemberaubenden solo an, das er mit einem wuchtigen schuss unter die latte abschloss. eins zu eins. somit hatte sich Paraguay zum ersten mal seit 28 Jahren für eine Fußballweltmeisterschaft qualifiziert. der Jubel kannte keine Grenzen. Für stroessner ging der Propaganda-coup auf und für calderón war es ein überwältigendes comeback - filmreif, wie nach einem perfekten script, das selbst hollywood-drehbuchautoren vor neid erblassen ließe. die Feierlichkeiten dauerten drei Tage, auch hierin lief er wieder zu Bestform auf. asunción bebte und calderón war das epizentrum des Bebens. am ende des dritten Tages, als er mit seiner entourage in eine gutbesuchte Bar im centrum asuncións eintraf, löste sich von irgendwoher ein schuss und traf calderón in die hüfte. im großen Getümmel war zunächst kein Täter auszumachen, erst am nächsten Tag konnte man ihn fassen. humberto costa war Bodyguard und Fahrer mächtiger drogenbosse. er handelte möglicherweise als auftragsmörder der wettspielmafia, deren Pläne calderón mit seinem ausgleichstor durchkreuzt hatte. Vermutet wird aber auch, dass es sich um einen denkzettel von escobar handelte, denn calderón hielt es offenbar nicht im geringsten für nötig, atlético nacional über seine absenz zu informieren. wieder andere stimmen behaupteten, der schütze hätte im auftrag der Familie von enrico martinez gehandelt, jenem nachwuchsjournalisten, auf den calderón 1980 geschossen hatte und der dabei ums leben kam. costa selbst äußerte sich nie dazu, seine haftstrafe war aufgrund guter Kontakte nicht von nennenswerter dauer. calderón kam indessen nie mehr auf die Beine, er lernte zwar wieder laufen, seiner Fußballkarriere hatte der schuss jedoch ein ende gesetzt. noch während seines Krankenhausaufenthalts wurde ihm die fristlose Kündigung von atlético nacional mitgeteilt, sein ungenehmigter urlaub hatte also ein weitreichendes nachspiel. und wenn es calderón übel erwischte, erwischte es ihn richtig übel. da er in einer art liebesbeweis seiner dritten ehefrau, der kolumbianischen Telenovela-schönheit estefania rincon, freie hand auf sein Bankkonto einräumte, war die dame so frei und räumte das Konto während seiner abwesenheit leer.


[fernando gaLuppo]

cesar maluco: der VolKsKaiser depressiv, perspektivlos und wieder einmal pleite, verkündete Jesús lúz calderón am 6. mai 1986 - seinem 32. Geburtstag - das ende seiner fußballerischen laufbahn. immerhin bekam er als dank für sein engagement vom paraguayischen Fußballverband eine invalidenrente zugesprochen, die ihn bis zu seinem Tod mehr oder weniger über wasser hielt. einmal noch kam er in die schlagzeilen, als er anfang der neunziger Jahre einer einladung des Fußballverbandes nach deutschland folgte, wo sein land gegen die mannschaft der Brd antrat. er war vorher noch nie in europa gewesen. angereist mit einer neuen Flamme, hatte er sich ausbedungen, in einem luxushotel mit ihr nächtigen zu dürfen. am spieltag selbst, es war kalt in deutschland, wollte calderón für sich und seine Begleiterin die passende Garderobe besorgen und wurde prompt beim Pelzdiebstahl in düsseldorf erwischt.

er hatte die ehre, mitglied von zwei der größten mannschaften in der Geschichte des Palmeiras Fußballclubs, ja, des brasilianischen Fußballs zu sein. césar gehörte der ersten mannschaft an, die auch als academia de Futebol bekannt war, zusammen mit Koryphäen wie djalma santos, djalma dias und rinaldo. in den 1970er Jahren war er der spielgestalter in einem anderen Team, das Brasilien verzauberte. es war die sogenannte zweite “Fußballakademie” mit luís Pereira, leivinha, dudu und ademir da Guia. in dieser Zeit bekam er dann auch seinen namen, césar „maluco“, der Verrückte. und er erzählt: „als ich zu Palmeiras kam, da waren die spieler alle recht brav. ich nicht! wenn ich ein Tor geschossen hatte, dann habe ich auf alle nur mögliche art und weise gefeiert und die Fans sind aus dem häuschen gewesen“, sagt die Koryphäe und der Torschützenkönig der landesmeisterschaft von são Paulo des Jahres 1971, mit 18 Treffern. er war der erste spieler, der die Fans in den Torjubel mit einschloss und dadurch verklärte. er war ein dynamischer stürmer und Kämpfer. Bei jedem Tor, das er schoss, lief er zum drahtzaun hin und zeigte auf sein grünes Trikot, um zusammen mit den Fans zu feiern. seine Geste, die hände zu heben und das VZeichen für „Victory“ – oder des Friedens, der hippies – zu machen, das war sein markenzeichen.

EL T ÓX ICO JesÚs LÚZ caLderÓn [1954 - 2002]

mit langer und wilder haartracht, respektlos und trickreich wie nur wenige, veränderte césar dann auch gleich die Persönlichkeit der Fans der anderen clubs, und somit die des Fußballs allgemein. wegen ihm und seines unerwarteten Verhaltens – auf und auch außerhalb des spielfelds - veränderte sich der Fußball in são Paulo. er wurde temperamentvoller.

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Jesús lúz calderón starb mit 48 Jahren verarmt und vereinsamt an einer leberzirrhose, verursacht durch seinen jahrelangen alkoholismus. Beim Begräbnis erwiesen ihm tausende Fans die letzte ehre. auf seinem mittlerweile überwachsenen Grabstein im Friedhof “cementerio del sur” steht geschrieben: “hier ruht in Frieden der, der die Freude und das laster war - Jesús lúz calderón”

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er aus rio de Janeiro stammende césar augusto da silva lemos, ist eines von so vielen Genies, die der brasilianische Fußball hervorgebracht hat, und die mehr wegen ihrer exzentrik als ihrer Klasse und techni schen Qualität bekannt wurden. in niterói geboren, begann césar seine Karriere in den Jugendabteilungen des clubs Flamengo. Gleich bei seinem debut im Profiteam, mit nur 19 Jahren, schoss er zwei Tore gegen den heimrivalen Vasco da Gama und zeigte so seinen riecher fürs Toremachen. 1966 wechselte er zuerst als leihgabe zu Palmeiras, aber auf Grund seines Könnens dauerte es nicht lange, bis er dort endgültig einen Vertrag bekam. und hier begann eine ehe, die ganze neun Jahre dauern und viele Titel erobern sollte.

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[fernando gaLuppo] Friedenreich, eine Brasilianische seele miT deuTschem BluT die Furcht, die césar den gegnerischen mannschaften einflößte, war so groß, dass man ihm drohte, ihn in der schlusswoche der landesmeisterschaft von são Paulo 1972 zu entführen. im selben Jahr beleidigte er den schiedsrichter renato de oliveira Braga schwer und wurde deswegen für neun monate von allen spielen suspendiert. im Jahr 1974 wurde césar zur weltmeisterschaft in deutschland in die nationalmannschaft berufen, blieb aber die ganze Zeit auf der Bank sitzen, als reserve. im darauffolgenden Jahr wurde er an corinthians verkauft, er blieb aber nur für kurze Zeit dort im Park são Jorge und ging dann nach santos.

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1979 kehrte césar zurück nach rio de Janeiro und spielte dort zwei spielzeiten lang für Fluminense, wo er zu guter letzt auch seine Fußballschuhe an den nagel hing.

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als er bei Palmeiras spielte, gewann césar maluco drei landesmeisterschaften von são Paulo (1966, 1972 und 1974), vier nationale meisterschaften (1967, 1969, 1972 und 1973), zwei ramón de carranza-Pokale (1969 und 1974) und verschiedene andere Titel. als Trainer versuchte césar maluco sich in verschiedenen kleineren Teams im innern von Bahia, Goiás, minas und são Paulo. weiterhin übernahm er die leitung der Juniorteams von Palmeiras, bevor er sich als Pai-de-santo, also als umbanda-Priester und in der welt der Politik versuchte, wo er 1988 und 2000 in der stadt são Paulo für den stadtrat kandidierte.

das Fußballspiel wurde vom engländer charles miller gegen ende des XiX. Jahrhunderts in Brasilien eingeführt. es war aber ein Kind deutscher eltern, ein mulatte athletischen und eleganten aussehens, der alle aufmerksamkeit auf sich zog und die verzauberte, die in den, in seinen anfängen befindlichen, britischen sport vernarrt waren. arthur Friedenreich war das erste idol der breiten masse. der erste star einer Konstellation von Künstlern, die den brasilianischen stil Fußball zu spielen, definierten. seine spektakuläre Karriere begann in den romantischen Zeiten des sogenannten amateurfußballs und erstreckte sich bis hin ins Zeitalter des Profitums. legenden und mythen ranken sich um seinen werdegang. Jahrzehnte hindurch glaubte man beispielsweise, dass er mehr Tore als Pelé geschossen hätte. so weit ist es dann aber doch nicht gekommen, wie die werke aufzeigen, die Frieds Karriere analysieren. es ist ein detail, das seine siegreiche laufbahn mitnichten kleiner macht. es ist ein mythos, von derselben reichweite und demselben repräsentativen charakter, wie der des großen Königs des weltfußballs; mit einem Torriecher, der genauso fein war wie der Pelés. Fried bereitete den weg, damit andere Ballgenies den ihren gehen konnten. der meister des brasilianischen Journalismus, armando nogueira, beschrieb ihn mit folgendem satz: „arthur Friedenreich spielte Fußball mit dem herzen im Fuß. er war es, der dem brasilianischen Fußball den weg zum Tor wies“. im Jahre 1925 nahm er an einer exkursion mit seinem Verein, dem clube atletico Paulistano, nach europa teil. es war das erste mal, dass sich eine brasilianische mannschaft auf dem alten Kontinent präsentierte. arthur Friedenreich war der star des ensembles. in den folgenden Galavorstellungen lernte ihn die welt kennen. um genau zu sein, den brasilianischen Fußball. das emblematischste spiel dieser reise, mit dem größten echo in der Presse, war zweifelsohne der haushohe sieg mit 7 zu 2 Toren im auftaktspiel gegen die französische nationalmannschaft. Fried erzielte dabei drei Tore. und die Zeitungen lobten die leistung des jungen angriffsspielers in den höchsten Tönen: brillant, außergewöhnlich, phantasievoll, mutig. ein held auf dem spielfeld, wurde er gleichfalls zum Kriegshelden. 1932 rückte er in die schützengräben der Verfassungsrevolution von são Paulo ein, in der die Bevölkerung zu den waffen griff, um für das recht auf eine freie wahl ihrer Volksvertreter und gegen das vorherrschende, damals totalitäre regime zu kämpfen. in seiner einheit dienten 1400 soldaten. er nahm an einem Gefecht mit den regierungstruppen teil.


[gustavo bernardo]

Garrincha und der TorwarT im rang eines Feldwebels führte er das regiment zu einem heroischen sieg und wurde, aufgrund seiner Tapferkeit, von der revolutionsarmee zum leutnant befördert. es waren 26 Tage mühevollen Kampfes. nachrichten erschienen in den Zeitungen und im radio, von seinem angeblichen Tod, die allgemeine erschütterung auslösten. es waren aber nur Gerüchte. er wurde im Triumphzug, zusammen mit anderen soldaten, durch die straßen são Paulos getragen und war in direkter weise für die eroberung von Bürgerrechten und Freiheitsidealen verantwortlich, genau so, wie sein Großvater, Karl wilhelm Friedenreich, der in der revolution von 1848 auf die straße ging, um das schwarz-rot-Gold der Fahne der deutschen revolutionäre im sogenannten „Völkerfrühling“ zu verteidigen. der hätte es sich wohl nie träumen lassen, dass sein enkel eines Tages in südamerika ein unsterblicher des Fußballs sein würde. der erste in einer langen reihe von Genies, die das land des Fußballs hervorbrachte. mit einer brasilianischen seele und deutschem Blut! es lebe arthur Friedenreich!

Bei seiner Geburt, sagte ein krummer engel zum dichter: Gehe, carlos, sei „gauche“ im leben. als ich geboren wurde, segnete mich, ohne es zu wollen, ein engel mit krummen Beinen, als würde er sagen wollen: Junge du wirst ein dichter werden. als er älter wurde, schrieb der dichter namens carlos tatsächlich seine ironischen Verse von der linken seite seiner Brust, immer darum besorgt, weder dies noch das zu sein. als ich älter wurde, wollte ich alles, nur kein dichter sein: entweder ein Zeichner oder vielleicht ein illusionist. ich konnte aber nur das Gesicht von einem bestimmten mädchen zeichnen, wenn ich auf die Bühne kletterte, um das schreiben zu vergessen und mich an Zaubertricks versuchte, die nie funktionierten. als ich dann noch ein wenig älter wurde, da wollte ich immer noch alles andere sein, außer dichter: ein ingenieur, wie mein Vater, weise wie mein Großvater oder sogar ein Fußballspieler, wie der engel mit den krummen Beinen, der mich, ohne es zu wissen, gesegnet hatte.

a b er, d er B all. der Ball hat mich fasziniert. und plötzlich war alles, was ich im leben wollte, Ball zu spielen, einfach nur deswegen, weil der Ball rund war und mein leben quadratisch. also, wenn ich Ball spielte, würde wohl auch mein leben rund laufen, nicht wahr? aber, die bösen Jungs. die bösen Jungs haben mich immer zuletzt ausgewählt und dann haben sie mich unter das rechteck eines Tores gestellt, wo meine aufgabe darin bestand zu verhindern, dass der Ball sein rundes Ziel erreichte. ich stand im Tor, weil ich dem Ball nahe sein wollte, vergoss aber in strömen die Tränen des anderen engels, des pornografischen. so wurde mein leben noch mehr quadratisch und noch krummer. ich war ein guter Torwart, ich kämpfte immer gegen den intimen wunsch des Balles an, den ich so sehr liebte. wie jeder gute Torwart war ich ein trauriger mensch, der von der Traurigkeit jenes krummen engels träumte, der mich, ohne es zu wissen, bei meiner Geburt gesegnet hatte. die Traurigkeit des krummen engels wiederum, die brachte mich dazu, Verse zu schreiben und sie in meinen Glossen und romanen zu verstecken. und so wurde ich ein dichter, wobei nur ich und mein engel mit den krummen Beinen davon wissen.

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ich bin aber nie gut in mathematik gewesen, war nie ruhig wie ein weiser und wusste auch nicht einen Ball in die ecke zu befördern, in der die eule schläft.

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[JosÉ LuiZ tahan]

couTinho Vor dem Tor

F

ußball ist eine ernste sache. die welt bleibt stehen, wenn der Ball rollt. in santos, wo ich diese Zeilen schreibe, existiert ein ganz besonderes Gefühl dieser britischen sportart gegenüber. dort wurde das meistverehrte und siegreichste Team geboren, von dem man je gehört hat, und das seinen weg in die welt gemacht hat: der santos Futebol clube.

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in rio de Janeiro kann man, hin und wieder, einen bekannten schauspieler in einem restaurant sehen oder am strand. hier aber sehen wir Fußballspieler, die meisten mit weißen haaren, wie coutinho, wie der wohlbekannte spitzname von antonio wilson honório lautet.

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Zuhause in Piracicaba, wo er auch geboren wurde, nannte ihn seine mutter, „cotinho“, weil er so schmalwüchsig war. der Junge lief von Zuhause fort, indem er, von jener mannschaft verzaubert, die ihn für immer verändern sollte, aus dem Fenster und über die mauer sprang, und kam dann nach santos. die hände in den drahtzaun gekrallt, der das spielfeld abgrenzte, sah der 13-jährige Junge, Pagão, Pelé und Pepe spielen und von da an wusste er, was er wollte: er wollte in dieser mannschaft mitspielen, bei diesem leben, das sich ihm zum ersten male zeigte, mitmachen. noch bevor er 15 wurde, spielte er zum ersten mal bei den Profis, und er spielte schlecht. Bei seinem wichtigsten spielzug umspielte er einen, zwei, drei Gegner und erst dann merkte er, dass er in die falsche richtung lief, aufs eigene Tor zu. damals war es noch üblich, dass man sich für etwas schämte, und der Junge hat deswegen sehr gelitten. er war entschlossen, ins landesinnere zurückzukehren, aber die älteren spieler haben es ihm ausgeredet. es war die Zeit einfacher männer und komplizierten Fußballs, von Kameradschaft und wenig Geld. ich stehe immer noch unter dem einfluss dieses Klimas und dieser Geschichten: wir haben gerade die Biografie von coutinho in unserem Verlag am strand herausgegeben. einige der Geschichten habe ich in einer Kneipe genau gegenüber der Vila Belmiro gehört, an dem ort der wieder einmal unsere Koryphäe willkommen hieß, diesmal aber, um seine Geschichte zu feiern. nachdem viele autogramme geschrieben waren, bekamen die leute dort durst, aber sie wollten nichts vom angebotenen schaumwein wissen und viel weniger noch vom wasser. man ging also direkt zur Bar do alemão, in die Bar des deutschen – eines seltenen exemplars eines Fußballfans in santos, der so fanatisch war, dass er sich das Vereinswappen mitten auf die stirn hat tätowieren lassen.

dann machten wir es uns in der Kneipe gemütlich und nahmen das Fest wieder auf, jetzt aber mit samba und Bier, zusammen mit den Fußballern. am selben Tisch saßen die spieler, negreiros, mengálvio, coutinho, maneco, und wir, die Gurkentruppe. ich wunderte mich, dass Pepe nicht da war, also habe ich ihn angerufen. als er sich meldete, bemerkte ich, dass er etwas überrascht war. ich sagte: „Pepe, mein Bestseller! da ist jemand der auf dich wartet… der coutinho!“. und er: „ach du liebe Güte, wird das in der Bücherei stattfinden?“. „nein, Pepe, in der Vila, mann!“ als dann unsere vielgeliebte Kanone aus der Vila im Trophäensaal erschien, war die Freude groß. coutinho scherzte: „warst du noch im schlafanzug? hat man dich aufgeweckt?“. Pepe umarmte coutinho und die Fans umdrängten ihn mit Fotoapparaten in den händen und baten ihn um autogramme. ich verstehe ja, dass jemand den Pepe daran erinnern muss, immer wieder zu noch einer Veranstaltung zu kommen. die emotionen heute, die autogramme, die erinnerungen und die Geschichten, die sind für sie selbst viel weniger bewegend, als die auf dem spielfeld gelebten ruhmestaten, in den fast achtzig ländern, in denen sie sich vor Königen und Plebejern, vor Präsidenten und Päpsten als die Besten der welt präsentiert haben. nichts ist dem Torjubel in einem endspiel vergleichbar, mit einer menschenmenge, die ihre namen ruft. Für uns aber, war es das höchste!


[niLs straatmann] FussBall-slam

Irgendwo im hiesigen norden nördlicher sogar als west und ost einst bewohnt von friesigen horden heute gekleidet in rest und rost liegt nahe der Pfade von Bremen zur Jade in mahnender lage fast flehend im sarge eine kleine, klar malade stadt B rem er haven bauergraute hochhausfelder atzen hartzen steuergelder gut, man hat das Klimahaus, Ökobau, sieht prima aus und die windparkindustrie doch kurz gesagt im Paarreim: d er B rem er haven er a n sich , d er f ris tet kein d a s ein d en f is tet s ein d a s ein

die linien sind wieder nicht ganz gerade der Platzwart hat wieder gesoffen und trotz unsres Torwarts Glanzparade wurd doch noch im nachschuss getroffen die eckfahnen stehen in windschiefer neigung das netz ist schon mehrfach geflickt und trotzdem wird hier noch in zünftiger Kleidung von montag bis sonntag gekickt Jenio auf steffen, steffen auf Terry, Terry an’n Pfosten gesetzt Terry auf rose, rose auf ollie und olliver haut ihn ins netz momo stand zwischen den Pfosten. und sonst meistens eher am rand. er kam aus einer schwierigen Familie hatte auffallend schlechte Zähne, dazu sensationelle reflexe, vor allem auf der linie, und wenig Grips. unser Trainer war stets sehr besorgt um ihn. „momo“, sagte er, „momo, ich hab dir nen ausbildungsplatz besorgt. als schweißer in ner reederei am hafen, das is super momo, du verdienst dein eigenes Geld, lernst neue leute kennen, trägst nen Blaumann und...“

„na, so blaue schutzanzüge, damit du dich nicht verletzt.“ „danke Trainer, schwöre, aber ich kann den Job nicht machen – mir steht kein blau.“ walter war unser Fahrer. unterhemd, schnurrbart und dick. er trug Goldkette und Brusthaar und sah aus wie ein walter eben auszusehen hat. er fuhr pünktlich und sicher und in seinem handschuhfach lagerten schmierheftchen. döschers Tochter war zwei, als ich in die mannschaft kam. ich war siebzehn, ein Jahr Jünger als döscher und döscher ein sich mühender Vater. mike zeigte selbst gedrehte Pornos in der Kabine und mike war es auch, der sich beim Turnier in england lauthals beim schiri beschwerte: „reverend! That was a foul, reverend!“ Vielleicht waren wir nicht die schlausten, wir wolltens auch niemals sein das spiel lief mehr über die außen und dann von der Grundlinie rein wir trainierten vier mal die woche, fraßen Gras und erde – und am ende stiegen wir ab. im folgenden Jahr kämpften wir um den aufstieg, fraßen staub und schlacke und verloren das entscheidende relegationsspiel in der sechs ten minute der nachspielzeit. mein opa hat früher immer gesagt: mien Jung, dat givt keen Fallen. dat givt blots Fleegen – mit nem schmerzhaften aufprall. leever arm dran as arm ab. leever levertran as levertransplantation. momo wird heute Gärtner sein, denn grün hat ihm schon immer geschmeichelt. walter hat sicher noch immer die gleichen schmierheftchen im handschuhfach und döschers Tocher geht mittlerweile wahrscheinlich zur schule. Terry hat es geschafft. er spielt bei einem der großen Vereine Österreichs, wenn man dort von Größe sprechen kann, und ich erinnere mich an die größte Zeit meines lebens, als ich siebzehn war und einem Ball nachrannte. so oft wandern wir hügel hinan, vertrauend und blind, und erst im rückblick erkennen wir, dass da ein weg war, den wir gegangen sind, der sich in serpentinen hinter uns durch die Täler schlängelt.

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am rande des Zentrums, nahe des stadtparks speckenbüttel liegt der olympische sportclub osc. ein Kunstrasenplatz, schwarz geperlt, zwei rasenplätze, ein hauptplatz, Tribünengerade für gut 5000 Zuschauer. 2005 war schalke zu Gast, Fabian ernst, Kevin Kuranyi himself, ansonsten liegt der Zuschauerdurchschnitt bei spielen der herrenmannschaft um gut fünfundzwanzig plus-minus zwei.

„Trainer, was isn Blaumann?“

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[rudi gutendorf]

sTan liBuda – mein schwieriGer sTar

schalke war Vorletzter in der Bundesliga, als ich sie in der winterpause übernahm, es drohte der abstieg. die mannschaft war keine mannschaft mehr. ich appellierte an die einsicht der spieler, an ihr ehrgefühl. Gehorsam fordern kann jeder Primitivling, aber um loyalität bittet der Gentleman und ich, der rudi aus neuendorf.

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mein Problemkind heißt reinhard “stan” libuda. er ist der beste spieler, den ich bisher trainiert habe, ein begnadeter Fußballkünstler, das merke ich schnell. aber er ist labil und in seiner leistung unberechenbar; von den anderen spielern wird er ständig verspottet. sie benehmen sich wie ungezogene Kinder, ihr opfer ist immer libuda, der sich nicht dagegen wehren kann.

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libuda leidet unter den hänseleien wie ein hund. so etwas kann einen in den selbstmord treiben. das beunruhigt mich sehr. Friedel rausch und rolf rüssmann sind die einzigen, die versuchen, ihn gegen die gehässigen sprüche in schutz zu nehmen. um sein angeknackstes selbstbewusstsein wieder aufzubauen, übertrage ich libuda zunehmend mehr Verantwortung. wir sitzen die ganze nacht zusammen und diskutieren. ich will ihn zum mannschaftskapitän machen - damals konnte man so etwas ja noch als Trainer. doch libuda will nicht, er hat angst davor und ist schrecklich verlegen. ich sage ihm, er solle nicht glauben, was die anderen sagen. er sei ein hervorragender spieler und müsse nur etwas robuster werden. und dann verspreche ich ihm: “ich bringe dich zurück in die nationalmannschaft!” das zieht. schließlich willigt der notorisch schüchterne ein und löst hermann erlhoff als spielführer ab. es funktioniert. er zeigt glänzende leistungen und begeistert die Zuschauer. Keine Blutgrätsche, kein Kampf bis zum letzten, aber Fußballzauber, bei dem die Tribüne enthusiastisch aufsteht und im stakkato den namen des helden ruft: “stan, stan!” seit ich schalke trainiere, habe ich ihm ständig eingetrichtert, dass er gut genug für die nationalmannschaft ist. selbst helmut schön habe ich ununterbrochen mit elogen auf meinen rechtsaußen genervt: “der stan gehört in die nationalelf”, sage ich wieder und wieder, “wer das nicht begreift, tut mir leid. Besser als libuda kann niemand spielen. er ist auf seinem Posten weltmeister.” ich glaube, dass ich ihm libuda so penetrant “untergejubelt” habe, hat mir helmut schön bis zu seinem Tod nicht verziehen. er nimmt den Flügelstürmer eher widerwillig in sein Team. in der wm-Qualifikation gegen schottland erzielt libuda sein wohl schönstes und wichtigstes Tor: ein furioses dribbling in den gegnerischen strafraum hinein und ein platzierter schuss am herausstürzenden Keeper vorbei - 3:2, die Fahrkarte nach mexiko.

schön kann gar nicht anders, als ihn zum wm–Turnier mitzunehmen. dort macht libuda gegen Bulgarien eines der größten spiele seiner Karriere - und versagt einige Tage später gegen england völlig. als er in der Begegnung um den dritten Platz gegen uruguay in der 74. minute von schön aus dem spiel genommen wird, kommt es zum endgültigen Bruch zwischen den beiden. Vor laufenden Kameras verweigert libuda dem Bundestrainer einen versöhnlichen händedruck. später fragen mich Journalisten, ob denn ich als Bundestrainer auf libuda gebaut hätte? ich muss zugeben: nein, wenn ich coach der nationalmannschaft gewesen wäre, ich hätte mich wohl nicht auf jemanden wie libuda verlassen. dafür war er einfach zu unbeständig. man konnte nie sicher sein, wie er drauf war. manchmal lief es hervorragend, doch dann war mal wieder gar nichts von ihm zu sehen, dann fummelte er sich unentwegt fest, dass es für alle eine Qual war. mein permanentes insistieren war taktisch: ich wollte sein selbstbewusstsein stärken. dann spielte er besser. er brauchte sicherheit, privat wie in der mannschaft. und ich musste sehen, wie ich ihn so weit bekam, seine privaten angelegenheiten zu vergessen. nach meinem abgang von schalke ging es mit libuda nur noch bergab. im september 1974 bestritt er sein letztes spiel. wenig später übernahm er den Tabakladen neben der Glückauf-Kampfbahn und verkaufte Zigaretten, TotoZettel und eintrittskarten für schalke 04, mehr traute sich dieser grandiose ausnahmespieler beruflich nicht zu. sandaletten tragend, mit Fahrradspange an der hose, wurde er endgültig zum tragischen held, der selbst einfachste rechenaufgaben [“sechs Karten bitte”] mit der registrierkasse zu bewältigen versuchte. “sieh nur, was geschieht, wenn man nichts anständiges lernt“, tuschelten die leute. immer mehr versank er im alkohol. aus der legende libuda war mitleid geworden, aus dem Geschäft, wo er die Zeit abstand, ein Käfig. als ich Jahre später in der Kurt-schumacher-straße vorbeischaute, sah ich einen zutiefst deprimierten mann in einem nach Tabak und Bier stinkenden Kasten, vielleicht 16 Quadratmeter groß. ausgestellt wie ein schönes, wildes Tier. schalke 04 hatte es nicht geschafft, ihn da herauszuholen. hätten sie ihm ernsthaft helfen wollen, hätten sie ihm anbieten müssen, Jugendtrainer zu werden. sie hätten ihn, der ja immer ablehnte, viel stärker bedrängen und einfach verpflichten müssen. doch nichts wird so schnell vergessen wie die erfolge der Vergangenheit. Kurz vor seinem 53. Geburtstag ist reinhard “stan” libuda völlig verarmt gestorben. [aus “mit dem Fußball um die welt – ein abenteuerliches leben” Verlag die werkstatt]


[uLi boroWKa] anPFiFF

märz 1996. Vor vier Jahren war ich auf dem Gipfel. damals in lissabon. 2:0 mit werder Bremen im Finale des europapokals der Pokalsieger gegen den as monaco. europapokalsieger. was für ein schönes wort. dieter eilts schor mir eine Glatze, ich sah aus wie eine Bowlingkugel. eine Bowlingkugel, die gerade den europapokal gewonnen hatte! werder und monaco. lissabon. allofs und rufer. rehhagel betritt deutschen Boden. die Fans. der Jubel. der ruhm. das Gefühl, einer der besten Fußballer der welt zu sein. der eisenfuß. die axt. ein held. meine Fresse, ist das lange her.

Jetzt sind sie alle weg. meine Frau ist mit unseren beiden Kindern zu ihren eltern geflohen. weil ich sie sturzbetrunken im streit mit dem Kopf gegen die wand geschlagen habe. sie wird nicht mehr zurückkommen. Bei werder Bremen haben sie mich rausgeschmissen. sie sagen, ich habe ein alkoholproblem. ich bin 33 Jahre alt, die Knie tun weh, meine Karriere ist im eimer. die autos vor der Tür habe ich verkauft. Vergangene woche habe ich ein umzugsunternehmen angerufen. die möbel, die Klamotten, die Fotos an den wänden, Tische, schränke, stühle, Teller, Tassen, Gläser, Pokale, medaillen und urkunden, alles ist weg. ich habe den möbelpackern die neue adresse von meiner Frau und von meinen eltern in die hände gedrückt. weg, bloß weg mit dem ganzen Zeug. der makler war schon hier, die Villa wird verkauft. nur noch ich bin da. ich, die matratze, ein Kühlraum voller alkohol und die hausapotheke. ich besaufe mich, das kann ich gut. erstaunlich, wie viel ein mensch verträgt, bis er den Verstand verliert. da! ein schrei! der kam von oben, aus den Kinderzimmern! mein sohn Tomek ist fünf Jahre alt und hatte früher immer so schlimme ohrenschmerzen. Jetzt schreit er wieder. nach mir, seinem Papa! ich renne die stufen nach

Zurück auf der matratze. ich öffne die nächste Flasche wein. leere sie, öffne die nächste. Versuche, die einsamkeit, die leere, die angst und die Trauer zu ertränken. aber heute klappt das nicht. heute nicht. heute muss ich zu drastischeren maßnahmen greifen. ich gehe ins Badezimmer und hole den Karton mit den Tabletten. schmerz tabletten, schlaftabletten, der ganze Karton ist voll damit. in der Küche steht noch ein letztes großes Glas. Tabletten und Glas stelle ich vor die matratze. mir ist da eben ein Gedanke gekommen. was, wenn ich morgen nicht mehr aufwache? würde mich jemand vermissen? Braucht mich jemand? Brauche ich mich noch? wäre es nicht besser, der ganzen scheiße ein ende zu bereiten? sich hier und jetzt zu verabschieden? was hindert mich daran? ich schütte die Tabletten ins Glas. eine handbreit schmerzmittel und schlaftabletten vermengt mit rotwein und Bier. minutenlang sitze ich da und starre auf den selbstgemachten cocktail. oder sind es stunden? Jetzt. ich nehme das Glas und leere es in einem Zug. mein name ist uli Borowka und ich werde mir jetzt das leben nehmen.

SO | 13.10.2013 | 11H30 [ ausGeTanZT [oder] Vom Fallen in die TieFen des raumes ]

Jetzt sitze ich auf einer dreckigen matratze in meinem leeren wohnzimmer in meiner leeren Villa. Voll bin nur ich und das nicht zu knapp. habe einen Kasten Bier und vier Flaschen wein gesoffen. oder waren es nur zwei Flaschen? drei? Fünf? scheißegal. Vor vier Jahren stand an dieser stelle noch ein teures designersofa. als ich nach hause kam, saß dort meine Frau mit meinen beiden Kindern und wartete auf mich. ich erzählte ihnen eine Gute-nacht-Geschichte aus dem stadion des lichts in lissabon. Zwei wunderbare Kinder, eine bildhübsche Frau. eine 250-Quadratkilometer-Villa im noblen Bremer stadtteil oberneuland. drei autos vor der Tür. stammspieler bei werder Bremen. der meist gefürchtete abwehrspieler der Bundesliga. europapokalsieger. ich hatte alles.

oben, stürze über den Flur und öffne die Tür zu Tomeks Zimmer. aber da ist nichts. ich höre den schrei, ganz klar und deutlich, aber das Zimmer ist leer. Tomeks Kinderbettchen, seine spielsachen, das bunte Poster an der wand, nichts ist mehr da. ich höre meinen sohn schreien, aber er ist gar nicht hier. die einsamkeit frisst sich durch meine eingeweide, ich schließe die augen. das schreien verstummt.

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[uLi hannemann]

helden des FussBallsPorTs: meine oma

d

ie Flanke ist scharf und zu ungenau, das lange Bein des stürmers schlicht zu kurz. Kein Vorwurf, aber - „den hätte doch meine oma reingemacht!“ das wollte ich nicht. der satz ist mir rausgerutscht. auch wenn er stimmt. „deine oma?“ mein nachbar, den mir der Zufall und die gemeinsame Vorliebe für kaltes Bier und Kneipenfußball an den Tisch gelost hat, dreht sich zu mir um und mustert mich missmutig. doch mit dem erkennen weicht der argwohn aus seinem Blick, um Verblüffung Platz zu machen. „du bist … deine oma ist … wirklich … die … die große …?“ die ehrfurcht lässt seine stimme beben. „Genau die.“ ich versuche, nicht zu stolz zu klingen, auch wenn ich es bin. aber es ist nicht mein Verdienst und ich bin auch kein angeber, sondern nur ein unfreiwilliger Trittbrettprominenter. ich bin einfach nur der enkel.

SO | 13.10.2013 | 11H30 [ ausGeTanZT [oder] Vom Fallen in die TieFen des raumes ]

„uwe.“ ich hebe mein Glas und stoße es kurz an seines. „uwe Przewalski.“

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„ich weiß.“ seine augen schimmern feucht. „andreas. ich bin ein großer Bewunderer deiner oma. mein Keller ist ein einziger altarraum: Verschlissene original-Töppen, Fotos mit dem Kaiser, dem reichstrainer und der Queen, autogrammkarten, aktenordner mit vergilbten Zeitungsausschnitten und natürlich mehrere signierte exemplare von‚ waltraud Przewalski: eine Frau steht ihren mann‘.“ Prof. dr. Frank willmanns großartige Biographie über meine oma kenne ich natürlich. ein sportjournalistisches, ein sporthistorisches meisterwerk. neben hochinteressanten einblicken in die entwicklung des europäischen Fußballs erstellt das Buch auch ein sittengemälde von der gesellschaftlichen Position der Frau in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. waltraud Przewalskis spezialität war ihr unglaublich harter schuss. so wurde die 1908 Geborene kurz nach Beendigung des ersten weltkriegs von einem Jugendtrainer auf Kartoffelplünderfahrt entdeckt, als sie auf dem elterlichen hof im westpommerschen Bömmensinchen das scheunentor mit einem lebenden huhn einschoss. danach war es allerdings tot. der läuseplage war es zu verdanken, dass der nachwuchs coach das mädchen mit dem stoppelkurzen Blondhaar für einen Jungen hielt. Zum Glück. denn was für eine grandiose spielerin wäre der welt sonst vorenthalten geblieben – die Zeiten des Frauenfußballs waren schließlich noch weit entfernt.

waltraud wuchs zu einer jungen Frau heran. der Karriere tat das keinen abbruch, denn ihre androgyne und zugleich kräftige erscheinung erleichterte ihr das erfolgreiche Versteckspiel zwischen all den männlichen mitspielern. dass man damals nach dem spiel in unterwäsche duschte, kam der Vermeidung zeitgenössisch kleinlicher Fragen bezüglich der primären Geschlechtsmerkmale zusätzlich entgegen. den namen waltraud hielt man für eine bloße marotte. Über Victoria Bömmensinchen, sportfreunde stettin und hertha Bsc landete sie beim Fc schalke 04, dem vorläufigen höhepunkt ihrer laufbahn. Zu jener Zeit verfügte meine oma längst über den wohl wuchtigsten Vollspannstoß auf dem Kontinent. mehr als einmal musste das spiel abgebrochen werden, da die holzpfosten der brachialen Gewalt ihrer abschlüsse nicht standhielten. und noch mit 48 Jahren trat sie unter dem Pseudonym Peter murphy für Birmingham city im englischen Fa-cup-Finale gegen manchester city an und schoss deren Keeper Bert Trautmann aus dreißig metern den Kopf ab. Für den sieg reichte es trotzdem nicht. deutschland hatte sie schon mitte der 30er Jahre verlassen. Über rapid wien, olympique marseille und die Bolton wanderers gelangte sie zu real madrid, wo sie unter dem Trainerfuchs hugo Balderez das Zentrum der legendären sturmreihe sanchez – Quijote – Przewalski – rigatoni – melltorp bildete. die Karriere ließ sie dann in england ausklingen, wo sie bis zu ihrem abschied mit fast sechzig Jahren über tausend Tore schoss. ab so etwa dem alter von achtzig Jahren wurde oma langsamer, doch ihre rechte Klebe war noch immer furchterregend. das bekam auch das Küchenpersonal im Gelsenkirchener seniorenstift „Zur ruhe“ zu spüren, dem das belgische Gemüse durch die geschlossene schwingtür wie schrappnelle um die ohren flog. oma hasste rosenkohl.


[vLadir Lemos]

adriano, der imPeraTor leider ließ ihr Geist noch vor dem schussbein nach. wir sahen oft zusammen in ihrem Zimmer Fußball und sie reagierte im Grunde nur noch, wenn sie eine verpasste Torchance sah: „den hätte ich reingemacht.“ natürlich bestätigte ich dann: „Ja, oma, den hättest du locker reingemacht.“ inmitten eines dieser immer gleichen dialoge trat sie vor gesegnet wenigen Jahren auch den letzten schlummer an. eines hatte oma übrigens nie verwunden: wegen ihrer kritischen haltung gegenüber dem ns-regime schlossen die nazis sie aus dem nationalteam aus und ließen ihren namen aus den annalen tilgen. so kommt es, dass anstelle von waltraud Przewalski noch heute ein gewisser ernst lehner als rekordtorschütze der 30er Jahre gilt, obwohl meine oma in nur zweiunddreißig länderspielen hundertelfmal traf, davon ein dutzend Treffer aus der eigenen hälfte.

einunddreißig Jahren, personifiziert adriano, der imperator, den schmerz und die Freude am Fußball. Zu einem gewissen Zeitpunkt war dies in aller munde. angesichts dieser omnipräsenz habe ich mich dabei erwischt, an all die leute zu denken, die über diese, meine worte stolpern könnten. leute, deren tägliches einkommen es erlaubt eine Tageszeitung zu kaufen, oder leute, die diese in meinem Blog finden, in dem ich sie für gewöhnlich und in bescheidener weise hinterlege. leute, die einen computer besitzen und die sich das recht erkauft haben, das internet zu benutzen. leute, die eine Familie haben und arbeit, leute, die pünktlich kommen und gehen müssen. leute, die Zugang zu sanitären einrichtungen haben. und zu unterhaltung. ich habe mich also gefragt: was wissen wir eigentlich vom leben dieses adriano? wer von uns ist tatsächlich in der lage den werdegang dieses, in der Vila cruzeiro aufgewachsenen mannes, zu erklären? Für den, der es nicht weiß, die Vila cruzeiro ist eine der gewalttätigsten Gegenden in rio de Janeiro. eine Gegend, in deren straßen Tag für Tag der Bürgerkrieg tobt. wer unter uns könnte wissen, was diese Favela wirklich bedeutet? wer? wer wüsste, auf welche weise adrianos Jugend sich mit den Geschichten dieses hintersten winkels im norden von rio de Janeiro vermischte? es handelt sich hier um einen imperator, der in einem von makabren imperatoren verpesteten land aufgewachsen ist. und es entstehen Vermutungen, denn die Favela ist ein fruchtbares land dafür. noch dazu ist da der alkohol – es ist immer der alkohol – und die idiotische erklärung eines befreundeten Torhüters. aber die Tugend gewisser Gedanken ist nun einmal die, den Typ von mensch bloßzustellen, der diese ausgesprochen hat. wer von uns wäre in der lage zu verstehen, dass ein junger mann eines Tages - in einem dieser ausbrüche - sich das recht zugesteht, den Fußball zum Teufel zu wünschen und die entscheidung zu treffen, den rest seiner Tage unter menschen zu verbringen, die ihn haben aufwachsen sehen? wer könnte ihn sich dabei glücklich vorstellen? ist es denn so schwer zu verstehen, dass jemand, der aus einer solchen Gegend kommt, sich in einem Konflikt sieht, wenn er von angesicht zu angesicht, mit dem Gegenteil von allem was er bisher gelebt hat, konfrontiert wird? warum ist es so schwer sich vorzustellen, dass adriano mehr spaß an einer Funk-Party hat, als an den Partys der reichen und schönen mit viel teurem wein und champagner? ein Grand cru ist für ihn etwas anderes – es ist die rohe realität. und die hat keine Geheimnisse.

SO | 13.10.2013 | 11H30 [ ausGeTanZT [oder] Vom Fallen in die TieFen des raumes ]

es sind menschen wie meine Zufallsbekanntschaft andreas, die dafür sorgen, dass die Treffsicherheit meiner oma nicht nur nicht vergessen wird, sondern geradezu sprichwörtlichkeit erlangt hat. dafür bin ich ihm dankbar. sein nächstes Bier geht auf mich, während auf dem Bildschirm der nächste riese gnadenlos versemmelt wird. meine oma hätte ihn reingemacht.

mit

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[WoLfgang herrndorf] ouTTaKe: TschicK

und wenn er dir sagen würde, dass er bei den leuten, oben in der Favela, mehr wahrheit und schönheit findet, als bei denen hier unten? das würdest du nicht wahrhaben wollen, nicht wahr? und mehr noch, die sorge um die schlagzeilen, um das echo, die moralischen Gedanken, die Verhaltensanalysen, all dies passt in unsere kleinbürgerliche realität, aber wahrscheinlich nicht in die seine. und nichts kann ungerechter und voller Vorurteil sein, als über jemanden wegen der millionen, die er verdient hat, richten zu wollen, oder niemals den merkwürdigen ort vergessen zu wollen, aus dem er gekommen ist. es gibt gewisse aspekte im leben, die es niemals in die Zeitungen schaffen werden, selbst wenn sie Teil sind von Jemand, den der Fußball zu einem superhelden transvestiert hat.

einmal

sollten wir ein Gedicht schreiben. da hatten wir monatelang Gedichte gelesen und analysiert, Goethe, schiller, hebbel, so die richtung, und das sollte jetzt weitergehen mit modern. nur daß modern keiner mehr verstand. einer hieß celan und ein anderer Bachmann, da hätte man simultandolmetscher gebraucht. “lyrik ist die sprache der Gefühle”, hat Kaltwasser uns immer wieder klargemacht, und wer das in seinen aufsatz schrieb, hatte schon mal eine drei sicher: lyrik ist die sprache der Gefühle. nur daß einem das bei diesem celan auch nicht weiterhalf, und das ganze desaster endete damit, daß Kaltwasser fragte, wer denn schon mal selbst so was probiert hätte. ein Gedicht schreiben. Keiner natürlich. “das ist nichts, wofür man sich schämen muß”, sagte Kaltwasser und wartete.

SO | 13.10.2013 | 11H30 [ ausGeTanZT [oder] Vom Fallen in die TieFen des raumes ]

Zwei mädchen meldeten sich, natalie relativ schnell, und marie erst, nachdem sie rot geworden war.

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“mehr nicht?” fragte Kaltwasser, und dann meldete sich andré. andré langin. der schöne andré. hätt’ ich fast gekotzt. und das schlimmste war: das brachte die Festung zum einsturz. nachdem andré sich gemeldet hatte, meldete sich nach und nach fast die hälfte der verblödeten mädchen, die alle schon mal “naja, so was, was sich reimt” gemacht hatten, und noch zwei Jungs. einer davon der nazi. der meldete sich, wie er sich immer meldete: ellenbogen auf den Tisch und dann schlapp irgendein Finger krumm in die luft gehalten, gern auch der mittelfinger. und der wollte jetzt also auch schon mal ein Gedicht geschrieben haben. ich war anscheinend fast der einzige, der noch nicht auf die idee gekommen war. wobei leider nicht geklärt wurde, wer denn da was genau produziert hatte. Bei dem nazi konnte man wahrscheinlich schon davon ausgehen, daß das eher nicht so “Frühling läßt sein blaues Band” und so war. wobei ich den nazi nicht kannte. Keiner kannte den genauer. Vielleicht hatte er ja ein total gefühlsmäßiges innenleben? nur einmal hatte ich ihn außerhalb der schule getroffen. in der s-Bahn, auf dem weg ins olympiastadion, zusammen mit hundert anderen grölenden hertha-spacken. womit ich nicht sagen will, daß alle herthaner spacken sind. ich bin früher auch mit meinem Vater ins stadion gegangen. aber die ostkurve ist halt schon völlig verspackt, und das Komische ist, daß alle diese hertha-Vollirren eine wahnsinnige Freude an Gedichten haben. in der s-Bahn den ganzen weg zum stadion immer: sprechgesang, Jambus, reimschema, alles.


nur daß der inhalt eher nicht so goetheartig ist. das geht schon immer mehr richtung Türken, auschwitz, Baseballschläger. wir sind die Blauen, wir sind die weißen, wir sind die, die auf die schalker scheißen – und ich vermute, solche Gedichte wird der nazi in seiner Freizeit dann wohl auch gedichtet haben. womit er Kaltwassers anforderung ja erfüllt gehabt hätte: die sprache der Gefühle. aber, wie gesagt, nach inhalt wurde nicht gefragt. weil, Kaltwasser ging es jetzt um die hausaufgabe, und die war, daß wir eben alle auch mal so was machen sollten. wir wüßten ja jetzt, wie das geht, Kreuzreim, dings, a-B-a-B. und dann noch stilmit tel.

wenn man über liebe und so was schreiben will, sollte man wahrscheinlich schon länger darüber nachdenken als fünf minuten auf dem schulklo. hat Goethe bestimmt auch gemacht. außerdem hatte ich nicht wirklich vor, ein Gedicht über Tatjana zu schreiben. aber wenn nicht über Tatjana, worüber dann? eins über mich? Über die natur? Über das Klo? Türken? auschwitz? mir fiel nur Quark ein. ich liebe dich, du blöde sau, während ich ins Jungsklo schau. nee, nee. Vielleicht doch besser harmlos machen die sache – wie hieß das noch? metaphorisch, genau. einfach die liebe weglassen und über die landschaft reden. und am ende stellt sich raus, es ist gar keine landschaft gemeint, sondern Frau von stein. der winter kommt. die luft ist kalt. ich hab kein schal, herr rechtsanwalt. nein. als ich in die Klasse zurückkam, hatten schon fast alle gelesen. die reihe war an meinem Platz längst vorbei, und

die stunde war fast um, und ich hoffte schon, nicht mehr dranzukommen. war aber leider nicht so. Kaltwasser setzte ein feines lächeln auf, überblickte die ganze Klasse und sagte: “unser Freund maik Klingenberg. dann lies doch mal vor, was du da in fünf minuten über dem urinal zusammengekritzelt hast. wenn’s Versmaß stimmt, mach ich nicht mal einen eintrag.” immer dieses Problem mit den erwachsenen. einerseits blicken sie’s oft nicht. aber dann blicken sie’s wieder. Kaltwasser blickte es meistens. ich packte meinen Zettel aus und las. “ich liebe dich -” “ich liebe dich? was? lauter!” rief Kaltwasser. “ich liebe dich. und ganz egal. der winter kommt. ein warmer schal ist besser als ein kalter. ich bin zu häßlich für mein alter. du bist zu schön. und das vergeht. das ist nicht neu. nichts bleibt, nichts steht. ein lada steht im Parkverbot. in hundert Jahren sind wir tot.”

“soso. wir können schon ironie”, sagte Kaltwasser. “na – das hätte Goethe in fünf minuten auch nicht besser hingekriegt. Kein eintrag. hausaufgaben zum nächsten mal: seite 122 oben.”

SO | 13.10.2013 | 11H30 [ ausGeTanZT [oder] Vom Fallen in die TieFen des raumes ]

aus irgendwelchen Gründen hatte ich die hausaufgabe am nächsten Tag aber vergessen, und als Kaltwasser dann tatsächlich jeden einzelnen der reihe nach aufgerufen hat, hab ich mich erstmal auf Toilette verabschiedet. mit Zettel und Füller. und da saß ich dann auf dem Klodeckel und dachte, hau ich halt schnell einen Vierzeiler zusammen. was strategisch unklug war, weil ich auf die weise ja das Gedicht von Tatjana verpaßte, und wenn mich eins auf der welt interessierte, dann wie Tatjanas sprache der Gefühle aussah. wäre ich also besser in der Klasse sitzengeblieben und hätte einen eintrag kassiert. aber, wie gesagt, das fiel mir zu spät ein auf dem Klo. und dann wußte ich auch nicht, was ich überhaupt schreiben sollte. sprache der Gefühle. ich hatte schon seit monaten nur noch ein einziges Gefühl gehabt. und so hab ich dann auch angefangen. ich kann an gar nichts anderes denken, erste Zeile. und schon bei Zeile zwei war ich mächtig am schwimmen. Tatjana, param param, mein herz, hier fehlt ein wort, param, irgendwas mit schenken. herz schenken. Geschenk schenken. oh mann.

nur die zwei hinteren Bänke kamen noch. den größten erfolg hatten Jungen, die die worte scheiße und arsch in ihren Gedichten untergebracht hatten. wobei arsch das schwierigste zu sein schien, quasi Königsdisziplin. da spielte gleich in zwei Gedichten von der letzten Bank irgendein Fluß die hauptrolle, damit nämlich ein Barsch in dem Fluß schwimmen konnte. und was war das für eine Begeisterung am ende, wenn das reimwort kam! nur Kaltwasser mochte es nicht so.

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[ autonama ] [ trainer | rudoLf gutendorf - “rudi” ] wurde am 30. august 1926 in Koblenz-moselweiß geboren und ist ehemaliger deutscher Fußballspieler und -trainer. er gilt als der Trainer mit den meisten internationalen engagements und steht als solcher auch im Guinness-Buch der rekorde. [ uLLi boroWKa ] startete seine Karriere als Fußballprofi unter Jupp heynckes bei Borussia mönchengladbach. mit werder Bremen, von 1987 bis 1996 unter otto rehagel, wurde er mehrfach deutscher meister, Pokal- und europapokalsieger. der sechsfache nationalspieler hatte schon damals alkoholprobleme. nach einer erfolgreichen alkoholtherapie betreibt er heute eine sportmarketing-Firma und gründete einen Verein zu suchtprävention für Profisportler. [ KLAUS DÖRING ] Geb. 1963 in Frankfurt a.m., diplom-informatiker. leitete die edV einer Filmfirma, bevor er für seinen arbeitgeber drehbücher schrieb. heute arbeitet er als drehbuchautor für Kinderserien wie Benjamin Blümchen, simsalagrimm, Biene maja 3d. er gewann den deutschen Kinderfilmpreis Goldener spatz [Kurzanimation] und die BKm Kinoförderung für seine aktuelle Kinoadaption des Kinderbuchbestsellers “rico, oskar und die Tieferschatten”. der linksfuß lebt in Frankfurt. [ WoLfram eiLenberger ] Geb. 1972, linksfüßer, ist Philosoph und schriftsteller. er ist chefredakteur des “Philosophie magazin” und autor zahlreicher Bücher, darunter “Philosophie für alle, die noch etwas vorhaben” [Berlin Verlag, 2005], “lob des Tores - 40 Flanken in Fußballphilosophie” [Berlin Verlag, 2006] und “Finnen von sinnen” [Blanvalet, 2010]. [ uLi hannemann ] Geb. 1965 in Braunschweig, lebt in Berlin und spielt in der abwehr der autorennationalmannschaft. mitglied der traditionsreichen Berliner lesebühnen “reformbühne heim & welt” sowie “lsd – liebe statt drogen”. seiner jüngsten Veröffentlichung “wenn der Kuchen schweigt, sprechen die Krümel” [ullstein, 2012] wird im märz 2014 der roman “hipster wird’s nicht” [Berlin Verlag] folgen. [ faLKo hennig ] wurde 1969 in Berlin geboren. nach einer schriftsetzerlehre und abitur arbeitete er als Taxifahrer, Bauarbeiter, Pförtner, Touristenführer und aktmodell. er schreibt für die Berliner Zeitung und die Frankfurter allgemeine sonntagszeitung und ist mitglied der reformbühne heim & welt. er veröffentlichte die romane “alles nur geklaut” [1999] und “Trabanten” [2002]. 2011 kam “ohne dich ist alles staub” heraus [zusammen mit robert weber]. [ thomas KLupp ] Geb. 1977 in erlangen, arbeitet am institut für deutsche sprache und literatur der universität hildesheim. er war herausgeber der Zeitschrift Bella triste und hat Prosa in anthologien und literaturzeitschriften veröffentlicht. sein 2009 im Berlin Verlag erschienener debütroman Paradiso wurde mit dem nicolas-Born-Förderpreis ausgezeichnet. 38

die deuTsche [ WoLfgang herrndorf ] verstarb 2013 nach langer schwerer Krankheit in Berlin. er spielte lange für die autorennationalmannschaft und schrieb die mehrfach prämierten romane “sand” und “Tschick”. in Gedenken an ihren ehemaligen mitspieler liest die mannschaft einen seiner Texte und spielt im länderspiel mit Trauerflor. [ NORBERT KRON ] Geb. 1965 in münchen, lebt seit 1992 in Berlin als schriftsteller, Filmemacher, Journalist und mittelfeldspieler der autonoma. Zahlreiche stipendien, u.a. Villa aurora los angeles und deutscher Kulturfonds. TV-reportagen und Beiträge, z.B. Titel Thesen Temperamente. Veröffentlichungen u. a. in der Frankfurter allgemeinen Zeitung, im Tagesspiegel, in ndl und akzente. nach “autopilot” [2002] erschien im mai 2008 sein zweiter roman “der Begleiter”. 2011 gab er die zweite anthologie der autorennationalmannschaft “Fußball ist unser lieben” mit heraus. [ andreas merKeL ] Geb. 1970 in rendsburg, studierte literaturwissenschaft, Theater- und Filmwissenschaft sowie Philosophie. er hat die romane “Große Ferien” und “das perfekte ende” veröffentlicht, schreibt für die Tageszeitung, die Berliner Zeitung und die Zeit und ist mitglied des 1. Fc Köln. [ christoph nussbaumeder ] Geb. 1978 in eggenfelden. studierte Jura, Germanistik und Geschichte in Berlin. sein debüt als dramatiker gab er 2005 bei den ruhrfestspielen in recklinghausen. seitdem wurden seine stücke u.a. an der Berliner schaubühne, am schauspielhaus Bochum und am schauspiel Köln uraufgeführt. christoph nußbaumeder erhielt einige Preise und stipendien, darunter das Thomas-Bernhard-stipendium des landestheaters linz im Jahr 2004. im sommer 2005 nahm er am international residency for emerging Playwrights am renommierten royal court Theatre in london teil. in der spielzeit 2007/2008 war er hausautor am nationaltheater mannheim. 2010 erhielt er den autorenpreis des Kunstsalon Köln. seine stücke werden im suhrkamp Verlag publiziert. [ aLbert ostermaier ] der in münchen lebende schriftsteller ist vor allem als lyriker und dramatiker bekannt. seine Theaterstücke wurden von namhaften regisseuren inszeniert, u.a. von andrea Breth und martin Kušej. er war hausautor am nationaltheater in mannheim [spielzeit 1996/97], am Bayerischen staatsschauspiel [spielzeit 1999/2000] und am wiener Burgtheater [spielzeit 2003-2009]. sein jüngster roman “seine Zeit zu sterben” erschien 2011. im selben Jahr fanden auch die uraufführungen von zwei stücken statt: “aufstand” bei den ruhrfestspielen in recklinghausen und luxemburg sowie “halali” im residenztheater in münchen. aktuell ist im Prestel-Verlag der Fotoband “Venedig. die unsichtbare” von christopher Thomas mit Gedichten von albert ostermaier erschienen. albert ostermaier wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, u.a. mit dem ernst-Toller-Preis, dem Kleist-Preis, dem BertoltBrecht-Preis und für sein literarisches Gesamtwerk mit dem “welT”- literaturpreis 2011.


AUTOrenNATionalmannschaFT [ moritZ rinKe ] Geb. 1967 in worpswede, studierte drama, Theater, medien in Gießen. seine reportagen, Geschichten und essays erschienen in “der Blauwal im Kirschgarten” und “das große stolpern”. sein stück “der mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte” erhielt 1997 den literaturpreis des Pen-club und wurde für den mülheimer dramatikerpreis nominiert. das stück “republik Vineta”, wurde 2001 zum besten deutschsprachigen stück gewählt und 2008 verfilmt. Für die nibelungenfestspiele schrieb er eine neufassung der “nibelungen”. rinkes erster Film “september” [regie: max Färberböck] wurde 2003 zu den internationalen Filmfestspielen nach cannes eingeladen. ZdF/arTe drehten einen Film mit und über moritz rinke. 2010 erschien sein erster roman “der mann, der durch das Jahrhundert fiel” sowie 2012 “also sprach metzelder zu mertesacker”, rinkes liebeserklärungen an den Fussball. sein neuestes Theaterstück “wir lieben und wissen nichts” wurde 2013 am schauspiel Frankfurt uraufgeführt und an über 30 Bühnen nachgespielt. rinke lebt in Berlin. [ matthias sachau ] nachdem matthias sachau hoffnungsvolle Karrieren als architekt, musiker, Golfer und Klassenclown in den sand gesetzt hatte, begann er zu schreiben. mit comedyromanen wie “Kaltduscher”, “schief gewickelt” und “wir tun es für Geld” konnte er zwar durchaus erfolge verbuchen, aber wer ihn länger kennt, weiß, dass er auch hier scheitern wird. Vor allem, dass sachau sich aktuell in den ihm fremden Genres Fantasy und liebesroman versucht, gilt unter Kennern als Zeichen für seinen bevorstehenden niedergang. matthias sachau lebt in Berlin, sowie an orten mit meer oder schnee. [ JÖRG SCHIEKE ] Geb. 1965 in rostock, studierte am deutschen literaturinstitut leipzig. arbeitete als redakteur der literaturzeitschrift ediT sowie als lektor beim GustavKiepenheuerVerlag leipzig. lebt jetzt als freier hörfunkjournalist und autor in leipzig. Veröffentlichte lyrik und Prosa; zuletzt “count down” – ein reisegedicht [2007]. spielt auf der Position des innenverteidigers in der nationalmannschaft der autoren.

[ niLs straatmann ] wurde 1989 in Geesthacht geboren. als slam-Poet „Bleu Broode” reist er durch deutschland und europa. im Jahre 2008 wurde er u20-meister der deutschsprachigen Poetry-slam-meisterschaften in Zürich, 2010 gewann er die sachsen- und hessenmeisterschaften im Poetry slam. seine fußballerische laufbahn musste straatmann 2008 seinem studium opfern. Zuvor führte sie ihn über verschiedene Bremer clubs durch die Jugendregionalligen nord. 2009 erschien sein erstes Buch “Kleinstadtgeschichten” im lektora-Verlag, 2010 veröffentlichte er in der anthologie “Poetry slam” bei carlsen. [ fLorian Werner ] Geb. 1971 in Berlin, studierte anglistik, amerikanistik und Germanistik und wurde 2007 mit einer arbeit über hiphop und apokalypse promoviert. Veröffentlichungen: “wir sprechen uns noch” [dtv 2005]. “rapocalypse” [transcript 2007]. “die Kuh: leben, werk und wirkung” [nagel & Kimche 2009]. “dunkle materie: die Geschichte der scheiße” [nagel & Kimche 2011]. “schüchtern“ [nagel & Kimche 2012]. “Verhalten bei weltuntergang” [nagel & Kimche 2013]. seine Bücher wurden unter anderem ins englische, spanische und Japanische übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. [ KLaus cäsar Zehrer ] Geb. 1969 in schwabach. lebt als freier autor, herausgeber und Übersetzer in Berlin. 2002 Promotion im Fachbereich Kulturwissenschaften der universität Bremen zum Thema “dialektik der satire”. Kinderbücher: “der Kackofant” [illustriert von Fil, 2011; hörspiel 2012], “Knut Großmut, der raubtierbändiger” [illustriert von F.w. Bernstein, 2010]. Veröffentlichungen als herausgeber: “hell und schnell. 555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten” [mit robert Gernhardt, 2004], “da - das meer! das maritime oeuvre der neuen Frankfurter schule” [2005].

[ Jochen schmidt ] Geb. 1970 in Berlin. romanistikstudium. 1999 gründete er die Berliner lesebühne “chaussee der enthusiasten” und liest dort wöchentlich neue Texte [www.enthusiasten.de]. er veröffentlichte zahlreiche Bücher u.a: “müller haut uns raus” [c.h.Beck, 2002], “meine wichtigsten Körperfunktionen” [c.h.Beck, 2007], das lektüretagebuch “schmidt liest Proust” [Voland&Quist, 2008] und “schneckenmühle” [c.h.Beck, 2013]. daneben schrieb er die reiseessays “Gebrauchsanweisung für die Bretagne” [Piper, 2005] und “Gebrauchsanweisung für rumänien” [Piper, 2013]. mit der Künstlerin line hoven veröffentlichte er zuletzt die Graphic novel “schmythologie - wer nicht Griechisch kann, kann gar nichts” [c.h.Beck, 2013]. 2004 erhielt Jochen schmidt den Förderpreis zum Kasseler Preis für grotesken humor.

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[fc pindorama] [ trainer | JosÉ macia - “pepe” ] wurde am 25. Februar 1935 geboren und zweifacher weltmeister mit der brasilianischen nationalmannschaft: er gewann die Fußball-wms 1958 und 1962. mit 405 Toren in 750 spielen ist er der zweitbeste Torschütze der Geschichte des santos, gleich hinter Pelé. er gilt als einer der besten “links-außen” der Fußball-Geschichte. nach dem ende seiner sportlerkarriere wurde er ein erfolgreicher Trainer und gewann die brasilianische meisterschaft 1986 mit dem Verein são Paulo F.c. in seinem Buch “Bombas de alegria” [Bomben der Freude] veröffentlichte er Geschichten, die er in der welt des Fußballs erlebt hat. [ ANDRÉ ARGOLO ] wurde 1974 in santos geboren. Postgraduiertenstudium im Bereich der ausbildung von schriftstellern und spezialisten in literarischen Texten am instituto superior de educação Vera cruz. derzeit bereitet er die Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes, „Vento noroeste” [nordost-wind], vor. seit 20 Jahren als Journalist tätig, arbeitete er als reporter bei medien wie rede Globo, TV cultura und esPn Brasil. Zu seinen professionellen literarischen Tätigkeiten zählen die realisierung von Videos für Bücher von autoren des Verlags Global editora, sowie die Zusammenarbeit mit der site Publishnews. [ antÔnio prata ] wurde am 24. august 1977 in são Paulo geboren und ist schriftsteller und drehbuchautor. er ist sohn der schriftsteller mário Prata und marta Góes, studierte Philosophie [an der usP], Filmwissenschaft [FaaP] und sozialwissenschaft [Puc-sP], brachte aber kein studium zum abschluss. er schreibt Kurzgeschichten für das Feuilleton der sonntagsausgabe der Folha de são Paulo und ist als drehbuchautor beim Fernsehsender rede Globo angestellt, wo er an der Telenovela avenida-Brasil von João emanuel carneiro mitarbeitete. Von ihm wurden bereits zehn Bücher veröffentlicht, darunter “meio intelectual, meio de esquerda“ [halb intellektuell, halb links; Verlag 34], “adulterado“ [Verfälscht; Verlag moderna] und “o inferno atrás da pia“ [die hölle hinter der spüle; Verlag objetiva]. [ ceLso de campos Jr. ] wurde 1978 in são Paulo geboren. er hat an der universität cásper líbero Journalismus und an der universität são Paulo Geschichte studiert. er ist autor des Buches “adoniran - uma biografia” [adoniran - eine Biographie; Verlag Globo] über den bekannten sambakomponisten aus são Paulo, und mitautor von “nada mais que a Verdade: a extraordinária história do jornal notícias Po-pulares” [nichts weiter als die wahrheit: die erstaunliche Geschichte der Zeitung notícias Populares], das den werdegang des bekanntesten sensationsblattes Brasi-liens nachgezeichnet. als Journalist schreibt er für verschiedene medien der brasilianischen und internationalen Presse, er war mehr als zehn Jahre lang Korrespondent in Brasilien für die englische Fußball Zeitschrift “FourFour Two”. sport ist überhaupt eine seiner leidenschaften, er hat bereits zwei Bücher zum Thema Fußball geschrieben: “1942 – o Palestra vai à guerra” [Palestra zieht in den Krieg], 40

die Brasilianische eine reportage über das sportpanorama in são Paulo vor dem hintergrund des Zweiten weltkrieges und “são marcos de Palestra italia” [são marcos vom Palestra italia], eine Biographie des Torwarts der brasilianischen Fußballmannschaft, die 2002 die wm gewann. [ CUSTÓDIO ROSA ] ist 45 alt, in são Paulo geboren und arbeitet seit 25 Jahren als drehbuchautor und illustrator und zeichnet politische cartoons. er gründete das Projekt caminhos do Traço [wege des strichs; 2011 und 2012], eine wanderwerkstatt, die bereits 12 städte besuchte und über 5.000 Kilometer durch das landesinnere des staates são Paulo reiste. hier bietet er aktivitäten an, die sich mit dem Prozess der erstellung und illustrierung von Büchern und literarischen Texten befassen. das Projekt besuchte Bibliotheken und öffentliche schulen und wurde auch vom Kultusministerium des staates são Paulo ausgezeichnet [Proac]. er schrieb unter anderem die Bücher “anita Garibaldi, o nascimento de uma heroína” [anita Garibaldi, Geburt einer heldin] einer historischen Biographie in Bildern und “alma, a história da arena esportiva mais antiga do país” [alma, die Geschichte der ältesten sportarena des landes] über das älteste Fußballstadion in Brasilien, dem Parque antarctiva. [ eduardo spohr ] wurde im Juni 1976 in rio de Janeiro geboren. als sohn eines Piloten und einer Flugbegleiterin bekam er Gelegenheit, die welt zu bereisen sowie fremde Kulturen und Völker kennen zu lernen. seine leidenschaft für literatur und seine Begeisterung für Geschichte brachten ihn dazu, Kommunikationswissenschaft zu studieren. er veröffentlichte vier Bücher, darunter “a Batalha do apocalipse” [armageddon - der Krieg der engel], “Filhos do Éden: herdeiros de atlântida” [Kinder von eden: die erben atlantis] und “Filhos do Éden: anjos da morte” [Kinder von eden: Todesengel]. neben seinen Graphikprojekten ist er Berater für drehbücher und er leitet den Kurs “estrutura literária – a Jornada do herói no cinema e na literatura” [literarische struktur - der werdegang des helden im Kino und in der literatur], an der universität hélio alonso [Facha], in rio. “armageddon - der Krieg der engel” wurde 2012 in deutschland veröffentlicht. [ fernando gaLuppo ] wurde 1979 in são Paulo geboren, hat sich als Journalist auf die Geschichte des Fußballs spezialisiert und sich dabei vor allem der akademischen Forschung gewidmet – dabei an verschiedenen Gruppen zu diesem Thema teilgenommen – sowie der praktischen recherche in der direkten arbeit mit den Vereinen. er war von 2009 bis 2013 Pressereferent des Vereins sociedade esportiva Palmeiras und schrieb unter anderem die Bücher “Palmeiras campeão do mundo 1951” [Palmeiras weltmeister 1951, maquinária], “Glórias de um moleque Travesso” [ruhm eines frechen Jungen] über den Verein Juventus und “Palmeiras campeão Paulista 1993: Fim do Jejum. início da lenda!” [Palmeiras, meister von são Paulo 1993: ende der durststrecke. Beginn der legende! [BB editora].


auTorennaTionalmannschaFT [ fLavio carneiro ] wurde 1962 in Goiânia geboren und lebt heute in Teresópolis, in rio de Janeiro. er ist schriftsteller, literaturkritiker, drehbuchautor und Professor für literatur an der universität des staates rio de Janeiro [uerJ]. er hat zwei Bücher über Fußball veröffentlicht. das erste war ein Kinder- und Jugendroman, in dem es um die abenteuer eines 12-jährigen geht, der sich nicht zwischen dem Traum schriftsteller oder Profi-Fußballer zu werden, entscheiden kann. daher schreibt er seinem idol ronaldo Briefe. der Titel ist “Prezado ronaldo” [sehr geehrter ronaldo]. sein neuestes werk ist eine sammlung von Kurzgeschichten mit dem Titel: “Passe de letra: literatura & futebol” [Geschriebener Pass: literatur & Fußball]. er war Kurator der Kultur-wm, einem Projekt des Kultusministeriums, das 2006 in Zusammenarbeit mit der deutschen regierung durchgeführt wurde. außerdem schrieb er unter anderem die romane “a ilha” [die insel; rocco] und “o leitor fingido” [der lese-simulant; rocco]. [ gustavo Krause ] wurde am 1. november 1955 in rio de Janeiro geboren. er hat einen master in brasilianischer literatur und promovierte in vergleichender literatur an der staatlichen universität rio de Janeiro. er absolvierte ein Post-doktoranden-Praktikum in Philosophie an der Bundesuniversität minas Gerais. er ist Privatdozent an der universität des staates rio de Janeiro mit vollem stundendeputat und unterrichtet dort Theorie der literatur. er hat einen Gedichtband mit dem Titel Pálpebra [augenlid; 1975] geschrieben und veröffentlicht. Gustavo Krause hat ferner die romane Pedro Pedra [1982], menina [mädchen; 1989], lúcia [1999], a alma do urso [die seele des Bärs; 1999], desenho mudo [stumme Zeichnung; 2002], o mágico de verdade [der echte Zauberer; 2006], reviravolta [wirren; 2007], a filha do escritor [die Tochter des schriftstellers; 2008], monte Verità [2009] und o gosto do apfelstrudel [der Geschmack von apfelstrudel; 2010] geschrieben und veröffentlicht. der roman monte Verità wurde ins deutsche übersetzt, aber noch nicht veröffentlicht. [ JosÉ LuiZ tahan ] arbeitet seit 20 Jahren als unternehmer im Buchhandel und ist eigentümer des Verlags realejo livros, in santos. er hat literatur- und musikveranstaltungen organisiert, überzeugt davon, dass diese die entwicklung von lesern förderten. er hat dutzende von autorentreffen über die sesc-niederlassungen in santos und im landesinneren von sao Paulo organisiert. 2006 gründete er den Verlag realejo, der bereits 50 werke veröffentlicht hat, zwei von ihnen waren Finalisten für den literaturpreis Jabuti. im Jahr 2009 hat er das Festival Tarrafa literária ins leben gerufen, das mittlerweile zum fünften mal stattfindet. im laufe dieses 4-jährigen internationalen literaturfestivals war er als organisator, Kurator und mediator tätig. [ JuLio Ludemir ] ist schriftsteller und Journalist aus rio. er ist Gründer und Kurator des Flupp [internationales literarisches Fest der befriedeten einheiten - uPPs] und schrieb unter anderem “rim por rim” [niere um niere] und “o bandido da chacrete” [der räuber der Kutsche].

[ marceLo moutinho ] wurde 1972 in rio de Janeiro geboren. er veröffentlichte die Bücher “a palavra ausente” [das abwesende wort, rocco; 2011], “somos todos iguais nesta noite” [heute nacht sind wir alle gleich; rocco, 2006] und “memória dos barcos” [erinnerung an Boote; 7 letras, 2001] sowie das Kinderbuch “a menina que perdeu as cores” [das mädchen, das die Farben verlor; Pallas, 2013]. er ist außerdem herausgeber der anthologien “dicionário amoroso da língua Portuguesa” [liebevolles wörterbuch der Portugiesischen sprache; casa da Palavra, 2009], “contos sobre tela” [erzählungen auf leinwand; Pinakotheke, 2005], und mitautor von “Prosas cariocas - uma nova cartografia do rio” [Plaudereien aus rio - eine neue landkarte von rio; casa da Palavra, 2004]. er gab das sonderheft der Zeitschrift “Bravo! - literatura e Futebol” [literatur und Fußball; april 2011] heraus, schrieb Kritiken für die literaturbeilage ideias [Jornal do Brasil] und schreibt aktuell für die Beilage Prosa & Verso [Prosa & Gedicht; o Globo] und für die Zeitschrift “Bravo!”. [ mÁrcio vassaLLo ] wurde am 18. dezember 1967 in rio de Janeiro geboren. als Journalist und schriftsteller hält er seit zehn Jahren reden und workshops in ganz Brasilien, er wird von unternehmen, universitäten, Verbänden und vom Bundesprogramm zur leseförderung der nationalbibliothek oder von den Kultusministerien der Bundesstaaten, schulen, erziehungsseminare und Buchmessen eingeladen. er veröffentlichte kürzlich die Bücher a professora encantadora [die bezaubernde lehrerin] und minha princesa africana [meine afrikanische Prinzessin; Verlag abacatte]. er hat auch mario Quintana, die erste Biographie des dichters aus rio Grande do sul geschrieben, die vom Verlag moderna veröffentlicht wurde. alle diese Bücher wurden von der nationalen stiftung für Kinder- und Jugendbücher, der brasilianischen abteilung des iBBY - international Board on Books for Young People, eine gemeinnützige organisation der unesco, für den Katalog der brasilianischen autoren für die Buchmesse von Bologna, italien ausgewählt. aktuell arbeitet er als Berater für autoren und verschiedene Verlage landesweit, er bewertete Projekte, originale und redaktionelle inhalte. [ marcos aLvito ] ist 52 Jahre alt und seit 29 Jahren Professor für Geschichte an der uFF. dort betreut er seit 2005 die von ihm gegründete arbeitsgruppe nePess [núcleo de estudos sobre esporte e sociedade], die mittlerweile die 21. nummer einer internationalen mehrsprachigen Zeitschrift veröffentlichte: www.esportesociedade.com. 2007/08 hat er ein Post-doktoranden-Praktikum an der universität leicester absolviert und sich dabei mit der polizeilichen Überwachung der Fans in england beschäftigt. aktuell widmet er sich, neben dem Fußball, den interessensgebieten samba, mündliche Geschichte und die literatur als Geschichtsquelle. er ist autor des Buches “a Guerra na Grécia antiga” [der Krieg im alten Griechenland; Ática] und schrieb “Futebol por todo o mundo: diálogos com o cinema.” [Fußball um die ganze welt: Gespräche mit dem Kino; herausgeber] zusammen mit Victor andrade de melo [FGV]. 41


[fc pindorama]

die Brasilianische auTorennaTionalmannschaFT [ rodrigo oLiveira ] hat einen studienabschluss in Kommunikationswissenschaft mit schwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit und werbung an der escola superior de Propaganda e marketing [esPm-sP]. er ist stipendiat der Young america’s Foundation für Forschung in washington d.c. er übersetzte unter anderem die Bücher “Fidel, o Tirano mais amado do mundo” [Fidel, der beliebteste Tyrann der welt], von humberto Fontova, für den Verlag leYa, “como Pensar sobre as Grandes ideias” [wie man über große ideen nachdenkt], von mortimer J. adler, für den Verlag É realizações, und “uma nação, duas culturas” [eine nation, zwei Kulturen], von Gertrude himmelfarb, für den Verlag É realizações. er ist Koordinator der sammlung “livros de macho” [Bücher für den echten Kerl] für den Verlag realejo edições und schreibt eine Kolumne in der Zeitung “a Tribuna”. [ rogÉrio pereira ] wurde 1973 in Galvão [sc] geboren. er ist Journalist, schriftsteller und herausgeber. er hat im Jahr 2000 in curitiba die Zeitung rascunho gegründet — eine der wichtigsten Publikationen über literatur in Brasilien. im april wird die monatszeitschrift rascunho 14 Jahre alt. auf seine initiative geht auch die Veranstaltung Paiol literário zurück: bereits 60 große namen der brasilianischen literatur sind der einladung zu literarischen debatten in die hauptstadt von Paraná gefolgt. seit Januar 2011 ist Pereira leiter der staatsbiliothek “Biblioteca Pública do Paraná”, hier koordiniert er das Programm Buch, lesen und literatur “Plano estadual do livro, leitura e literatura”, das system der öffentlichen stadtbüchereien von Paraná und die arbeitsgruppe für Veröffentlichungen des Kulturministeriums núcleo de edições da secretaria da cultura. im oktober wird sein erster roman “na escuridão, amanhã” [im dunkeln, morgen; cosac naify] veröffentlicht. im september wird seine erzählung “der schwarze sohn Gottes” in einer von luiz ruffato herausgegebenen anthologie in deutschland erscheinen [Verlag assoziation a]. er ist mitautor des Buches “chico Buarque do Brasil” [Verlag Garamond]. [ vLadir Lemos ] wurde am 7. september 1967 geboren und begann seine Karriere 1992 als reporter. Beim sender TV cultura/ sP moderiert und leitet er das Programm cartão Verde [Grüne Karte] und war sportkommentator bei Guia do dia. er ist autor der Bücher dois poetas frente ao espelho [Zwei dichter vor dem spiegel; Folha de poesia, 1988] sowie weiterer vom Fußball inspirierter werke: a magia da camisa 10 [der Zauber des Trikots mit der 10; Verus, 2006] hat er zusammen mit andré ribeiro geschrieben, mit Geschichten der größten Fußballspieler der welt, inspiriert am Trikot mit der nummer 10, das Pelé bei der Fußball-wm 1958 trug. sein werk o dia em que me tornei santista [der Tag an dem ich santos-Fan wurde; Panda Books, 2007] richtet sich an den jugendlichen leser. unter den dokumentationen sind zu nennen os caminhos do Tri [die wege zum dreifachen meister; TV cultura, 2000]; a jogada da renúncia [spiel des Verzichts; TV cultura, 2001]; diamante negro - o homem que venceu o tempo [schwarzer diamant - der mann, der die Zeit besiegte; Bossa nova Filmes, 2006]; und Gaudí - o Visionário [Gaudi - der Visionär; GnT, 2002] von ihm.

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[impressum] [ herausGeBer ] dFB-Kulturstiftung Theo Zwanziger liTcam Gmbh Goethe-institut são Paulo [ redaKTion ] Klaus döring und stefanie Kastner [ ÜBerseTZunG Brasilianisch-deuTsch ] Thomas hempfing | s.4 | s.7 | s.11 | s.12 | s.13 | s.19 | s.21 | s.22 |s.27 | s.28 | s.29 | s.30 | s.35 anke schüttel | s.6 | s.12 [ GesTalTunG & laYouT ] nicole herzog | www.mundografia.com [ PhoTonachweis ] deutsche mannschaft | Knut hildebrandt Brasilianische mannschaft | dietmar Kastner Titelbild | istockphoto.com [ drucK ] flyeralarm.com | würzburg [ erscheinunGsdaTum ] 12. oktober 2013

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