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Kommentar


Warum die „Generation Maybe“ zu Unrecht verteufelt wird.

Die

Vielleicht Philosophie

Maike 21, studiert Medien und Kommunikation und BWL

„Uns stehen in Zukunft alle Wege offen. Wir sind nicht mehr eingebschränkt durch die Berufe unserer Eltern wie das in früheren Generationen war. Würde ich nicht zur „Generation Maybe“ gehören, sondern in der Generation meiner Eltern leben, hätte ich sicherlich unser Familienunternehmen übernehmen müssen. So bin ich in meinen Entscheidungen aber unabhängig und kann tun, was ich tun möchte.“


„Ich gehöre schon allein deshalb zur „Generation Maybe“, weil ich Kulturwirtschaft studiere. In meinem Studiengang muss man sich auf nichts wirklich festlegen und kann sich alle Möglichkeiten offenhalten. Ich kann mich ausprobieren und so herausfinden, in welche Richtung ich später gehen will. Das macht erleichtert mir meine Entscheidungen zwar nicht, finde ich aber gut.“

Luisa 21, studiert im 3. Semester Kulturwirtschaft

„ D O N ‘ T B E A M AY B E ! “ Noch bis vor kurzem hat uns die Zigarettenmarke Marlboro diesen Satz von ihren Plakaten entgegen gerufen. Die Adressaten der aufgrund ihrer allzu jungen Zielgruppe eingestellten Werbekampagne waren alle Teenies, Twens und Junggebliebenen. Die sogenannte „Generation Maybe“, der nicht nur der Tabakhersteller eine nicht gerade schmeichelhafte Wahl- und Antriebslosigkeit unterstellt. Doch dieses weit verbreitete Klischee ist falsch. Der Anglizismus für die Generation der Unentschlossenen ist in den Medien zur Zeit heißgeliebt, viel zitiert und in der Regel negativ konnotiert. Es mag sein, dass die Lebensläufe weniger zielgerichtet sind als früher und sich die integrierte „Selbstfindungsphase“ in die Länge zieht. Doch dieses Phänomen ist keiner kollektiven Lethargie geschuldet, sondern den schein-

bar unendlichen Möglichkeiten, die der Jugend von heute offenstehen – viel mehr als allen Generationen vor ihr. Ihr Werdegang ist nicht derart vorgezeichnet wie einst der ihrer Großeltern und Eltern. Und das ist durchaus positiv. Dieses Luxusproblem der Entscheidungsschwierigkeiten, das der „Generation Maybe“ oftmals unterstellt wird, ist gar kein Problem, sondern eine Chance – und bezeichnend für unsere Wohlstandsgesellschaft. Niemals zuvor hatte eine ganze Generation derart viele Möglichkeiten, ihren Lebensentwurf zu wählen und zu gestalten. Die Folgen sind nicht nur Orientierungsschwierigkeiten, sondern auch ein kollektives Gefühl des Aufbruchs, des Individualismus. Dass dieser Individualismus oft nur Kulisse und im Prinzip an der Masse orientiert ist, ist nur menschlich. Gerade junge Menschen suchen ei-


nen Lebensentwurf, mit dem sie sich identifizieren können. Der Hipster ist das beste Beispiel: Sein Streben nach Individualität macht ihn letztendlich zum Massenphänomen. Missgünstig blicken die „Alten“ auf die Jugend herab, kritisieren ihr Praktikums-Hopping, ihre politische Wankelmütigkeit, ihre Begeisterungsfähigkeit für mehr oder minder sinnvolle Trends. Dabei passen sich die „Maybes“ nur an die immer schnelllebigere Welt um sie herum an, von deren Trends und Probleme sie geprägt werden. Wirtschaftskrise, schwindende Ressourcen, veränderte Berufsbilder – nichts scheint mehr sicher. Die schwindenden Konstanten in der Ge-

Jürgen 23, studiert European Studies im 5. Semester

„Ich bin ein Maybe, weil ich viel Verschiedenes machen will, was mir Spaß macht. Ich will mit Menschen Kontakt haben und zum Beispiel mit Bedürftigen arbeiten. Dafür würde ich auch gerne in’s Ausland gehen, am liebsten zu einer Nichtregierungsorganisation. Es gibt vieles, was mir Spaß macht, ich möchte mir einfach nichts verbauen.“

sellschaft schlagen sich umso stärker auf diejenigen nieder, die ihren Platz in der Welt erst noch finden müssen. Die Flexibilität dieser Generation ist also keine Feigheit, sondern eine Art überlebenswichtige Anpassungsreaktion. Bevor man heute endgültig in einen Beruf einsteigt, sind Experimente und Fehltritte erlaubt und oft sogar vom Arbeitgeber erwünscht. Wer Erfahrungen sammelt, aus Fehlern lernt und sich nicht immer festlegt, ist für die heutige Gesellschaft bestens gewappnet. Früher oder später wird es der „Generation Maybe“ daher wie der „Generation Porno“ ergehen: Sie wird von den Plakaten und aus den Schlagzeilen verschwinden. Weil sich dann niemand mehr zu Unrecht über sie aufregt. Leonie Sanke


Textleonie sanke