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„Ich habe nur fünf Euro in einen Automaten geworten. Auf einmal hatte ich 400.“ Seit seinem ersten Gewinn lässt das Glückspiel ihn nicht mehr los.


Die Sucht nach Gl端ck Einmal den Jackpot knacken - F端r diesen Traum riskiert B端lent Celik seine Freunde, Familie und Arbeit. Er ist spiels端chtig. Text: Julia Huber


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berall Farben und Lichter, überall Töne und Klänge. Das ist wie ein Rausch.“ Bülent Celik sitzt im Seminarraum der Fachambulanz für junge Suchtkranke in München. Der türkischstämmige Deutsche, der eigentlich anders heißt, rutscht auf dem gepolsterten Holzstuhl herum. Er rückt die Brille mit dem Horngestell zurecht. Hinter den Gläsern huschen seine dunklen Augen im Raum umher. Er räuspert sich, versucht zu beschreiben, wie er so tief in die Spielsucht abrutschen konnte. Zehn Jahre ist es her, dass Celik zu spät aus der Arbeit kam. Er rannte zur Haltestelle, sah seine Trambahn gerade noch davonfahren. Die nächste würde erst in 20 Minuten kommen. Weil es kalter Winter war, sah er sich um, wo er die Wartezeit überbrücken konnte. Sein Blick traf den bunt blinkenden Eingang zu einer Spielothek. „Ich habe nur fünf Euro in einen Automaten geworfen, aus Neugier“, erzählt Celik. Der Automat zeigte drei Sonnen. Ein Gewinn. „Auf einmal hatte ich 400 Euro. ‚Wahnsinn’, dachte mir, ‚wie einfach das geht.’“ Inzwischen ist es längst nicht mehr der Traum vom großen Geld, der ihn lockt. „Wenn ich spiele, vergesse ich alle Probleme um mich herum. Mein Gehirn reagiert nur noch auf den Automaten, nur noch auf das Hier und Jetzt“, beschreibt Celik. Typisch für die Sucht, sagt Ralf Hermannstädter. Er betreut Celik und neun andere Spielsüchtige - Nur zehn von 28.000 in ganz Bayern, so die Landesstelle für Glückspielsucht. Hermannstädter weiß, warum so viele dem Spiel an den Automaten verfallen: „Bei Glücksspielen werden Hormone ausgeschüttet, die entspannen und glücklich machen. Was andere beim Sex oder unter Drogen fühlen, findet ein Spielsüchtiger in der Spielothek.“ Für das Gefühl hat Celik einen hohen Preis gezahlt. Früher hatte er eine hübsche Freundin, viele Kumpels, einen netten Chef – sie alle hat er angelogen, um an Geld zu kommen. Er

erzählte ihnen, dass sein Auto kaputt sei oder er sein Portemonnaie verloren habe. Dann ging er los und verzockte das Geld. Gewissensbisse hatte er schon. Doch je mehr Geld er verlor und je tiefer er sich in Lügen verstrickte, desto versessener war er darauf, alles im Rausch der Automaten zu ertränken. Einmal verspielte er innerhalb von nur 45 Minuten sein gesamtes Gehalt von 1.600 Euro. „Das war der Punkt, an dem ich wusste, dass sich etwas ändern muss.“

„Was andere beim Sex oder unter Drogen fühlen, findet ein Spielsüchtiger in der Spielothek.“ Seitdem kommt er nun in die Fachambulanz. Er und Hermannstädter sind nun ein Team. Sie suchen einen Weg aus seiner Sucht, aus den Schulden, aus den Lügen. „Wenn ich dir jetzt 50 Euro geben würde, was könntest du damit machen?“, fragt der Sozialpädagoge. Auch das gehört zur Therapie. Glücksspielsüchtige müssen erst wieder den Umgang mit Geld lernen. Celik beißt sich auf die Lippe. Er schaut aus dem Fenster nach unten in den Innenhof. Nach kurzem Zögern murmelt er: „Vielleicht würde ich ein Mädchen zum Essen einladen und danach könnten wir uns ein Eis holen.“ Ein Lächeln zeichnet sich um seine Mundwinkel ab. Er richtet den Blick auf die Häuser gegenüber. Gleich dahinter gibt es eine Spielhalle. Und ein paar hundert Meter daneben gleich noch eine. Obwohl er sich dagegen wehrt, muss er noch oft daran denken. In einem ständigen Kampf. Vor kurzem ist es ihm wieder passiert. Er ist schwach geworden, einfach in eine der Spielotheken gegangen. Celik zuckt die Schultern, schaut Hermannstädter an. „Man könnte schon schöne Sachen machen mit dem Geld.“

„Wenn ich spiele, vergesse ich alle Probleme.“ Celik verzockte sein ganzes Gehalt innerhalb von 45 Minuten.

Fotos: Quinn Dombrowski/flickr.com, Garry Knight/flickr.com



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