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„Immer

der gleiche Schmarrn

-wie Bandarbeit krank macht Wer glaubt, es seien die Manager und Geschäftsführer, die durch großen Stress in der Arbeit ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, der irrt. Denn Bandarbeiter haben ein weitaus höheres Risiko an Herzinfarkten zu sterben. Studien belegen dies.


Stephanie Amler

S

graute Mann hat keine guten Erinnerungen obald Alfred S. ein Auto auf sich zu-

an seine Berufszeit. Tag um Tag verbrachte

kommen sieht, breitet sich ungeheu-

er in der düsteren Industriehalle. Wenn im

erlicher Stress in ihm aus. Je näher es

Sommer draußen die Sonne schien, bekam

kommt, umso stärker wird die Anspannung.

er nichts davon mit. Stattdessen war das sich

Wenige Zentimeter vor ihm verlangsamt sich

langsam bewegende schwarze Gummiband,

das Auto. Alfreds Herz schlägt schneller. Das

auf dem die schicken, neuen Autos standen,

Band hält an. Reifen aufsetzen. Schrauben rein-

sein ständiger Begleiter. Und zugleich sein

drehen. Befestigen. Den Halt Prüfen. Das Band

Feind. „Das Band nimmt keine Rücksicht auf

fährt weiter. Erneut hält es an. Die gleiche Pro-

dich. Das wartet zwei Minuten und wenn du

zedur beginnt von Neuem. Stunde für Stunde.

deine Aufgabe nicht fertig hast, bist du am

Tag für Tag. Jahr für Jahr.

Ende der Depp“, erinnert sich Alfred. Der zeitliche Druck war enorm. Wenn das Fließband

So sah fast 30 Jahre lang der Berufsalltag von

wegen einem Mitarbeiter anhalten musste,

Alfred aus. Alfred hat am Band eines gro-

war der Ärger groß. Zwischendurch mal Trin-

ßen Automobilkonzerns gearbeitet, bevor

ken oder gar auf die Toilette gehen - nicht

er vor zwei Jahren in Frührente ging, weil er

erlaubt. Das Band gab den Takt an, nicht der

den Druck, der auf ihm lastete, nicht mehr

Mensch. Zum Zeitdruck und Stress kamen die

aushielt. „Ich habe es einfach nicht mehr

monotonen Arbeitsschritte hinzu. „Egal, ob

gepackt. Weder körperlich, noch psychisch,

es Reifen aufschrauben oder Sitze montieren

noch seelisch“, erinnert sich Alfred mit erns-

war. Am Ende ist es die gleiche Belastung, im-

tem Gesichtsausdruck. Der große, leicht er-

mer der gleiche Schmarrn.“

Die Arbeit am Fließband bringt enormen Zeitdruck und viel Stress mit sich

Foto: © Rainer Sturm / Pixelia


Auf die Frage, warum er und viele andere sich diese Arbeit Jahrzehnte lang antun, gibt es für den 58-jährigen Frührentner nur eine Antwort: „Der einzige Grund ist das Geld. Geld ist das einzige Argument für Bandarbeit.“ Ähnlich wie Alfred geht es vielen Fließbandarbeitern. Diverse Studien belegen: Menschen

Alltag für Bandarbeiter: Monotone Arbeitsschritte

mit niedrigem Einkommen, geringer Bildung und einem niedrig qualifizierten Beruf haben

Die Arbeit war für Alfred, dem man seine un-

ein deutlich erhöhtes Risiko an Herz-Kreis-

zähligen, harten Arbeitsjahre im Gesicht deut-

lauf-Erkrankungen zu leiden. Dies liege aller-

lich ansieht, von Anfang an Stress pur. Nur der

dings nicht am niedrigeren sozialen Status an

Druck, sagt er, der wäre mit den Jahren immer

sich, sondern daran, dass er „Stressfaktoren

noch größer geworden. Natürlich habe er da-

bedingt“, sagte der Medizinsoziologe Prof. Dr. Richard Peter dem Focus. Höher qualifizierte Arbeitnehmer hätten es häufig leichter, negativen

Stress

gering

zu halten. Laut Peter wäre zur Stressverringerung die

„Ich habe es nicht mehr gepackt. Weder körperlich, noch psychisch, noch seelisch.“

Möglichkeit wichtig, seine

rüber nachgedacht beruflich umzusatteln. Nicht nur einmal. „Nur, was hätte ich machen sollen ohne Ausbildung? Ich habe für mich einfach den richtigen Zeitpunkt verpasst“, meint Alfred. Heute ist er psychisch und körperlich ein geschlagener Mann. Die beinahe

Arbeitsumgebung kontrollieren und etwa sei-

30 Jahre Druck und Stress sind nicht spurlos

ne Fähigkeiten in die Arbeit einbringen oder

an ihm vorbeigezogen. Wenn Alfred von den

die Arbeitszeit gestalten zu können. So hätte

Jahren am Band redet und sich an die schwe-

eine Studie gezeigt, dass die stressbedingten

ren Zeiten erinnert, wird er traurig. Aber auch

Gesundheitsrisiken von Fließbandarbeitern,

Ärger macht sich in ihm breit. „In der Gesell-

die aus starren in flexible Gruppenstrukturen

schaft gilt dieser Beruf als minderwertig. Was

gelangten, sanken.

wir leisten und opfern, wird nicht bedacht.“

Foto: © Dieter Schütz / Pixelia



Berufswahl reportage