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HEILIGER HAFEN IM ATLANTIK

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[ Madeira]

Schrift & Bild Matt. Müncheberg

Nächtlicher Blick über Madeiras Hauptstadt Funchal Richtung Hafen. Links im Bild gut zu erkennen: das Fortaleza do Pico. Die hell erleuchtete Rua Dr. Brito Camâra stößt am Meer auf die Avenida Sá Carneiro und die Avenida do Mar.


47 Als wir Ende Oktober in der Marina Quinta do Lorde bei Caniçal im äußersten Osten Madeiras eintreffen, beginnt es zu regnen. Nein, es schüttet, wie aus Eimern. „Das erste Mal in dieser Saison“, sagt die MarinaChefin Catia Esteves. Der Sommer sei zu Ende. Noch vier Wochen bis zum Anfang des Winters. In der Hafenbar bestellen wir Bica, so nennen die Madeirer einen Espres­ so, und Chinesa genannten Milchkaffee mit Zucker. In einer kurzen Regenpause besteigen wir die für uns bereitliegende PARALELO 32, eine sechs Jahre alte, sehr gepflegte Beneteau Oceanis 323. Wir lösen die Leinen und setzen Segel. Das Boot gehört Bruno, einem 36-jährigen Unternehmer

aus der Inselhauptstadt Funchal. Wenn der passionierte Segler das Boot einmal nicht selbst nutzt, und er segelt oft mit seiner PARALELO, dann kann man sein Boot auch chartern. Es ist eine der wenigen Yachten auf Madeira, die man überhaupt chartern kann, tage- oder wochenweise, bareboat oder mit Skipper. Wir haben Glück, Bruno hat gerade dienstlich zu tun. Das Boot ist frei. Also stecken wir einen nordöstli­ chen Kurs ab. Unser Ziel ist die knapp 30 Seemeilen entfernte Insel Porto Santo. Auf Christoph Kolumbus` Spuren wollen wir in den nächsten Tagen die elf Kilometer lange und nur sechs Kilometer breite Insel mitten im Atlantik erkunden.

ir passieren den Ponta de São Lourenço und segeln zwischen der Ilhéu de Agostinho an Backbord und der kleineren, schroffen Ilhéu do Farol mit dem pittoresken Leuchtfeuer São Lourenço hindurch. Die aus Nord anrollende Dünung wird durch die Felsen wie durch eine Düse gepresst. In der Folge entstehen beeindruckende Wellenberge, die sich durch das Nadelöhr zwängen. „Kein Problem für die PARALELO“, sagt Skipper Marc Herminio, hier sei es tief genug. Das schmucke weiße Schiffchen kommt den Felswänden kurzzeitig gefährlich nahe. Seinen Namen verdankt es seinem Heimathafen Funchal, der etwa auf dem 32. Breitengrad (portugiesisch: Paralelo) liegt. Dann ist es geschafft. Nur östlich der Ilhéu do Farol müsse man jetzt noch gut Wahrschau halten, empfiehlt der junge Marine-Ingenieur, der einen Bootsmotoren-Service betreibt, nebenbei Bootsbautechnik lehrt und ab und zu eben auch für Bruno als Skipper arbeitet. Denn dort bei der Insel gebe es dicht unter Wasseroberfläche einige Felsen. Die könnten bei Ebbe und Dünung eine Gefahr darstellen. Doch jetzt läuft die Insel langsam an Steuerbord achteraus. Noch lange können

wir den kleinen, Pilar genannten Leuchtturm hinter uns ausmachen. Auch die nur ein paar Seemeilen entfernten Ilhas Desertas lösen sich langsam am dunstigen Horizont in ein geheimnisvolles Nichts auf. Die zum Madeira-Archipel gehörenden „öden“ Inseln sind Madeira im Südosten in einer Entfernung von etwa zwölf Seemeilen vorgelagert. Im 16. Jahrhundert gab es eine Kirche mit Pfarrer auf den felsigen Eilanden. Ein knappes Jahrhundert später ließ der König auf den Inseln einen Wachturm errichten. So sollte Funchal durch Feuerzeichen rechtzeitig vor Piratenschiffen gewarnt werden können. Seit 1990 stehen die Inseln unter strengem Naturschutz. Lediglich drei Wildhüter leben heute auf Chao, Deserta Grande und Bugio. 30 der seltenen Mittelmeer-Mönchsrobben leisten ihnen Gesellschaft.

Am östlichsten Punkt Madeiras: Die Passage zwischen den Felsen-Eilanden Ilhéu do Farol (Leuchtturm-Insel, im Foto hinten) und Ilhéu de Agostinho. Verdankt seine goldgelbe Farbe zersplitterten Muschelschalen: Der acht Kilometer lange Sand­ strand von Porto Santo.

DIE AUS NORD ANROLLENDE DÜNUNG WIRD DURCH DIE FELSEN WIE DURCH EINE DÜSE GEPRESST.


Porto Santo voraus: Die flache Insel gehört neben den Ilhas Desertas und Ilhas Sel­ vagens zum Madeira-Archipel und ist als einzige bewohnt.

SO UNGEFÄHR MÜSSEN SICH DIE SEEFAHRER WOHL GEFÜHLT HABEN, ALS SIE DAMALS UNWISSENTLICH AUF DIE KLEINE INSEL ZUGESTEUERT WAREN ...

NORDEN Schon bald können wir voraus in nordöstlicher Richtung die „goldene“ Insel Porto Santo ausmachen. In der Chrónica da Guiné von 1448 erzählt Gomes Eanes de Azurara eine Geschichte: Danach schickte Prinz Heinrich der Seefahrer im Jahr 1419 die Schildknappen João Gonçalves Zarco und Tristão Vaz Teixeira auf Entdeckungsreise an die afrikanische Küste. Beide, Zarco und Teixeira, sollen vorher schon an der Eroberung Ceutas beteiligt gewesen sein. Ein Sturm trieb sie zufällig nach Porto Santo. So wurde, als die Not am größten war, die kleine Insel zu ihrer Rettung. Nach ihrer Heimkehr berichteten sie dem Prinzen, dass die Insel „gut zu besiedeln“ sei.

Heinrich befahl ihnen daraufhin, das Eiland in seinem Namen einzunehmen. Zusammen mit dem adeligen Seefahrer italienischer Herkunft, Bartolomeu Perestrelo, befolgten sie diesen Befehl nur ein Jahr später. Vor uns baut sich eine tiefschwarze Wolkenwand auf. Wir rollen vorsorglich die Genua ein, binden ein Reff ins Groß und zurren das Bimini fest. Die Maschine lassen wir zur Sicherheit mitlaufen. Minuten später segeln wir in einem grauen Nichts. Starkregen, etwa eine Stunde

lang. In dieser Zeit muss uns – für uns unsichtbar und unhörbar – ganz in der Nähe die große Autofähre an Steuerbord passiert haben. Sie verbindet Funchal mit Porto Santo. Einziger Vorteil des Unwetters: Wir machen jetzt gute Fahrt. Trotzdem müssen wir noch ganze drei Stunden gegen die Bedingungen ankämpfen, vermeldet unser Plotter. Plötzlich fühlen wir uns ein bisschen so wie Zarco und Teixeira auf ihrer Expeditionsfahrt vor knapp 600 Jahren. So ungefähr müssen sich die Seefahrer wohl gefühlt haben, als sie damals unwissentlich auf die kleine Insel zugesteuert waren, die ihnen schließlich zu ihrem „Heiligen Hafen“ werden sollte.

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Carro de cesto, auch Tobogan-Schlitten genannt: Die Schlittenfahrt auf der Straße vom Villen­ ort Monte bergab nach Funchal beschrieb schon Ernest Hemmingway, als er Madeira bereiste. Erfun­ den von einem englischen Geschäftsmann, der seine Waren ohne Anstrengung ins Tal bringen wollte.

Farbiges Andenken: Viele der AtlantikÜberquerer verewigen sich und ihre Yachten an der Steinmole im Hafen von Porto Santo, wie die MOLOKINI aus dem Jahr 2011.


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Eine Steilküste, zwei Perspektiven

FOTOS // TOM KÖRBDER

Die Dörfer Paul do Mar (im Bild) und Jardim do Mar an Madeiras Nordwestküste. Früher waren beide Dörfer nur über den Seeweg zu erreichen. Mit dem Eintritt in die EU verbesserte sich die wirtschaft­ liche Lage. Ab und an lassen sich heute hier Touristen blicken.

Sehr gefährliche Serpentinen erinnerten eher an südame­ rikanische Verhältnisse. Als durch EU-Förderprogramme eine Autobahn gebaut werden konnte, verkürzte sich die Fahrzeit in den Norden um mehr als das Doppelte.


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SÜDOSTEN Kurz bevor wir den Porto de Abrigo, den geschützten Hafen an der Südostseite Porto Santos, erreichen, klart es plötzlich wieder auf. Das sei nicht ungewöhnlich für diese Jahreszeit, erklärt der erfahrene Skipper Marc. Schließlich sei es nun schon Herbst, da gebe es einen ständigen Wechsel des Wetters. Es werde nun windiger – und eben ab und zu auch mal nass. Jetzt flaut der Wind jedoch so schnell, wie er aufkam, wieder ab. Eine angenehm wärmende Sonne bricht sich Bahn. Nun erschließt sich uns, warum viele von Porto Santo auch als von einer „goldenen“ Insel sprechen: Schuld ist der feinsandige, hellbraune Strand. Er erstreckt sich auf einer Länge von neun Kilometern entlang der gesamten Südseite der Insel von Ponta da Calheta im Südwesten bis zum östlich gelegenen Hafen. Einladend funkelt der Sand, dem sogar eine heilende Wirkung nachgesagt wird, in der späten Sonne. Die feinen Sandkörner bestehen aus Kalk. Meeresorganismen sind dafür verantwortlich: Sie lagerten sich mit der Zeit an der Südküste ab, als noch eine Epoche mit einem sehr viel wärmeren Klima herrschte. Kurz vor der Hafeneinfahrt rufen wir über Funk den Hafenmeister, erst auf

Gilt dank einer neuen Mole heute als sicherster Hafen an der Nordküste Madeiras: Porto Moniz.

VOM HAFENBISTRO AUS HAT MAN EINEN GUTEN BLICK AUF UNGEZÄHLTE GEMÄLDE VON YACHTEN, DIE DIE MOLE SCHMÜCKEN. Kanal 9, dann auf Kanal 16. Kurz danach heißt uns Nelson Vasconcelos willkommen. Seit elf Jahren arbeitet der freundliche junge Mann im einzigen Yachthafen auf Porto Santo. Seine spiegelnde Sonnenbrille scheint ihm in seinem gebräunten Gesicht festgewachsen zu sein. Er empfängt uns am Steg und belegt geschickt die Vorleine. Nach einer kurzen, herzlichen Begrüßung schnarrt schon wieder sein Funkgerät, das er lässig am Gürtel trägt. Vasconcelos besteigt sein HafenDienstfahrzeug, ein klappriges Mountainbike, und macht sich auf den Weg, um die nächste einlaufende Yacht gebührend zu empfangen. Die stärksten Monate des Jahres seien Juli, August, September und Oktober, erklärt er uns etwas später im Hafenbistro Pato Bravo. Hier treffen sich regelmäßig die Hafenarbeiter, der Zoll, die Polizei und die Mitglieder des Clube Nautico do Porto Santo mit den Gastliegern auf einen schnellen Bica oder ein Coral-Bier. Von hier aus hat man einen guten Blick auf ungezählte Gemälde von Yachten, die die Mole schmücken. Teilweise sind die Bilder schon etwas verwittert und mit einer neuen Abwasserröhre zugebaut.

Siggi, Mona, Silvio, Steffen und Ferry waren auch hier, mit der stolzen INKONJANE, 1995, kurz bevor sie in die Karibik aufbrachen. Wie so viele nutzten auch sie die Insel zum Absprung über den großen Teich. Stolz präsentiert der junge, sympathische Hafenmeister seine Statistik: Im vorvergangenen Jahr hätten danach 67 Yachten im Juli bei ihm festgemacht, 102 waren es im August, im September 132 und im Oktober 117. In 2011 habe sich das Bild etwas verschoben: 160 Yachten seien es 2011 allein im Juli gewesen, 93 mehr als im Jahr davor. Im August und im September hätten jeweils 117 Yachten in Porto Santo die Festmacherleinen ausgebracht. Den ersten Platz belege im letzten wie übrigens auch im Jahr davor Frankreich, traditionell gefolgt von portugiesischen und englischen Yachten. An vierter Stelle folgten schließlich die deutschen Segler: 78 waren es 2010. Die weitaus meisten Yachten würden zwölf Meter lang sein, im Übrigen betrage die Länge der hier einlaufenden Boote zwischen zehn und 13 Meter, weiß Nelson Vasconcelos. Unsere 32 Fuß lange Beneteau gehört damit in Porto Santo durchaus zum Hafen-Schnitt.


Dachreiter aus gebranntem Ton. Die " Remates de tecto" wachen über Haus und Gut, wie hier in Penedo in der Nähe des Hafens von Porto Santo.

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MITTENDRIN

WESTEN & OSTEN Dient heute nur noch dekorativen Zwe­ cken: der alte Schiffsanleger am Ende der Palmenallee von Vila Baleira.

Porto Santo ist auf den ersten Blick eine kleine, unscheinbare Insel, verloren in den Weiten des Atlantiks. Einige wenige spitze Berge, ein Strand, ein etwas größerer Hauptort, Vila Baleira, ein kleiner Flughafen, eine Militärbasis – natürlich – und ein Hafen. Und dennoch hat es dieses Eiland, gelegen zwischen den Azoren im Nordwesten und den südlichen Kanaren, in viele Geschichtsbücher auf diesem Globus geschafft. Grund dafür ist eine berühmte Persönlichkeit, die zwei Jahre auf der Insel gelebt haben soll: Christoph Kolumbus. 1478, noch lange vor seiner Reise nach Amerika, logierte der Seemann im benachbarten Funchal, um Zucker für Händler in Genua zu kaufen. Dort heiratete er schließlich Filipa Moniz, die Tochter des Bartolomeu Perestrelo. Diesem war eine Capitania auf Porto Santo angedient worden, als Lohn für die Inbesitznahme der Insel. Madeira

West und Ost waren an die beiden anderen „Entdecker“ von Porto Santo und Madeira, an Zarco und Taxeira, gegangen. Nach Bartolomé de Las Casas lebte Kolumbus mit seiner Frau dann eine Zeit lang in Porto Santo, wo 1482 ihr Sohn Diego geboren wurde. Zwar dürfte Kolumbus damals nur einer von vielen Seeleuten und Händlern aus den damaligen Wirtschaftsmächten Europas gewesen sein, die Zucker aus Madeira in europäische Häfen brachte. Aber genau hier muss in dem Seefahrer der Plan für seine spätere Atlantiküberquerung gereift sein. Angeblich wurde die Idee geboren, als todkranke Seeleute an Porto Santos Küste Schiffbruch erlitten hatten. Zwar habe niemand von den Seeleuten überlebt, so die Sage. Jedoch soll der Steuermann des gestrandeten Schiffes dem späteren Entdecker auf dem Sterbebett von einer Insel „jenseits des Ozeans“ berichtet haben.

TEIL DER KLEINEN, LIEBEVOLL ARRANGIERTEN AUSSTELLUNG SIND BILDER DES SEEFAHRERS SOWIE EINIGE SEEKARTEN DER VON KOLUMBUS BEREISTEN ROUTEN.

Den folgenden Tag wollen wir nutzen, um die kleine Atlantik-Insel zu erkunden. Wir mieten etwas westlich des Zentrums an der Hauptstraße ein zweisitziges Quad und fahren zunächst zum „Museum Christoph Kolumbus Haus“, von den Insulanern nur kurz Casa Colombo genannt. Ein unscheinbarer Bau, gut versteckt hinter der Kirche, duckt sich in die Travessa do Sacristia 2-4. Lediglich der Eingangsbereich des kleineren, hinteren Hauses und zwei gemauerte Rundbogenfenster des Vorderhauses seien noch aus dem 15. Jahrhundert im Original erhalten geblieben, erfahren wir. Teil der kleinen, liebevoll arrangierten Ausstellung sind Bilder des Seefahrers, entstanden zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert, sowie einige Seekarten der von Kolumbus bereisten Routen. Jeweils ein Modell der SANTA MARIA und der NINJA krönen die Schau. Von der PINTA, dem dritten Schiff der Flotte, mit der er 1492 die Karibik erreicht hatte, fehlt bis heute noch ein Modell zur Anschauung – eine lohnende Aufgabe für einen spendenwilligen Hobbybastler. Weiter geht es über Dragoal zum Aussichtspunkt gleich unterhalb des 437 Meter hohen Pico de Castelo. Wir werden belohnt mit einem weiten Blick gen Südwesten. Klar zu erkennen sind von hier aus Flughafen, Golfplatz und die vorgelagerte Felseninsel Ilhéu de Baixo ou da Cal. Weiter geht es durch den Korbflechter-Ort Camacha, in dem einst englische Weinhändler ihre Sommerresidenzen errichtet hatten, bis zur rauen Nordküste.

Im Museu do Porto Santo in der Travessa da Sacristia im Zentrum von Vila Baleira soll Christoph Kolumbus um 1480 vorübergehend gelebt haben. Nur die Grundmauern des Ge­ bäudes gehen jedoch noch auf das 15. Jahrhundert zurück.


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Kolumbus war hier: Statue in Vila Baleira in der Nähe des alten Bootsanlegers. Man sagt, auf Porto Santo sei der See­ fahrer zu seinen Entdeckungsfahrten inspiriert worden.

Der Sonntag naht, der Tag unserer Abfahrt. Anstatt noch einen Abstecher zu den nahen Ilhas Desertas zu unternehmen, hatten wir entschieden, einen ganzen Tag zusätzlich auf Porto Santo zu verbringen. Für den Nachmittag sagt der Wetterbericht nun schweres Wetter aus West voraus. Aus diesem Grund wollen wir früh ablegen, um rechtzeitig wieder in der gut geschützten Marina Quinta do Lorde am Ostzipfel der Insel festmachen zu können. Mit Sonnenaufgang gegen acht Uhr verlassen wir den Porto de Abrigo. Mit einer schon früh angenehm wärmenden Herbstsonne im Rücken, einem heißen Pott Kaffee in der Hand und einem moderaten West rauscht unsere PARALELO am Wind durch´s tiefblaue, salzige Atlantik-Nass, das hier bis zu 2.000 Meter tief ist. Erste Zirren ziehen auf, gefolgt von immer schneller wandernden Cumuli. Erstaunlicherweise schläft der Wind fast ein, als wir uns wieder dem Ponta de São Lourenço vor Madeira nähern. Wir lassen die Maschine mitlaufen und schütteln das Reff aus. Jetzt nur keine Zeit verlieren! Ein Anruf von Bruno, der mit seiner Familie gerade am westlichsten Punkt der Insel, dem Punta do Pargo, unterwegs ist, verkündet uns von dort Starkwind. Auch aus dem südlicher gelegenen Funchal gibt es eine Warnung mit bis zu 30 Knoten Wind. Bisher

Kneipenviertel rund um die Rua de Santa Maria im Südosten von Funchal City in der Zona Velha. Vor einem der Cafés läuft via Beamer ein Mitschnitt eines Pink-Floyd-Konzertes.

Kurz hinter dem Quellort Fonte da Areia endet die asphaltierte Straße dann urplötzlich. Jetzt zahlt sich aus, dass wir ein geländegängiges Quad mit zuschaltbarem Differenzial angemietet haben. Von nun an geht es über staubige, steile und vor allem steinige Pisten weiter Richtung Süden. Schilder, auf denen die Namen der Orte längst verblichen sind, zeigen ins Nirgendwo. So haben wir Gelegenheit, die Insel von ihrer anderen, wilden Seite kennenzulernen. Bei Campo de Cima erwischen wir endlich wieder eine „richtige“

Straße. Das nächste Ziel heißt nun Ponta da Calheta am äußersten Südzipfel der Insel. Das Strandrestaurant hat bereits geschlossen, am Wasser sonnen sich nur vereinzelt ein paar Urlauber. Sie genießen wie wir die Ruhe am Kap gleich unterhalb des Aussichtspunktes Miradouro das Flores, unterbrochen nur von den Wellen, die sich im Fels brechen. Die Szene-Beachbar Pé na Água am Praia do Fontinha gleich unterhalb des Hauptortes Vila Baleira hat jedoch noch geöffnet. Hier

genießen wir neben einigen Portugiesen und einem russischen Paar nach einem erfrischenden Atlantikbad bei entspannter Reggae-Musik neben Bier und Wein das „Nationalgetränk“ Poncha zu Tuna-Steak von den Azoren und mit viel Knoblauch angemachten Riesengarnelen – und einen großartigen Sonnenuntergang. Nach Einbruch der Dunkelheit spazieren viele Einheimische auf dem nun hell erleuchteten ehemaligen Schiffsanleger entlang, auf dem ein paar Angler ihre Ruten ausgeworfen haben.

NACH EINBRUCH DER DUNKELHEIT SPAZIEREN VIELE EINHEIMISCHE AUF DEM NUN HELL ERLEUCHTETEN EHEMALIGEN SCHIFFSANLEGER ENTLANG ... Nelson Vasconcelos ist seit 13 Jahren Hafenmeister in Porto Santo. Nach Frankreich, Portugal und England be­ legen deutsche Yachten Platz vier im " Heiligen Hafen".


Alles handgemacht: " Vinhos finos da Madeira" bietet Artur de Barros e Sousa zusammen mit seinem Bruder Edmundo in der Rua dos Ferreiros 109 in Funchal an.

war davon auf unserem Törn allerdings noch nicht viel zu sehen. Erst als wir die Passage zwischen Ilhéu de Agostinho und Ilhéu do Farol nehmen, bricht das Inferno über uns hinein. Mit unserer Nussschale kämpfen wir uns zwischen den Felseneilanden mit der mitlaufenden Strömung hindurch – um von vom starken Wind getriebenen Brechern aus dem nun plötzlich gegenan stehenden Südwest empfangen zu werden. Spätestens hier zahlt sich jedoch die gute Seemannschaft an Bord aus: Die Segel hatten wir vorausschauend eingeholt, die Maschine tat zuverlässig ihren Dienst, alles war gut verzurrt, und wir hatten die Westen angelegt. So kann uns der Wind mit Böen bis zu 28 Knoten und die Brecher, die unsere PARALELO ein paarmal unsanft aufschlagen ließen, nichts anhaben.

Die Markthalle von Santa Cruz. Hier wird unter anderem frischer Fisch feilgeboten, vor allem der schwarze, unansehnliche, aber wohlschmeckende Espada.

Eine halbe Stunde später ist der Spuk vorbei. Das Boot haben wir sicher in Madeiras östlichstem Yachthafen verzurrt und das

frische Coral an der Hafenbar ist bereits gezapft – als das Unwetter mit brachialer Gewalt losschlägt. Swell und Wind stehen nun auch in den Hafen hinein; eine gerade einlaufende größere Motoryacht kann nur unter großen Mühen und mit mehreren vergeblichen Versuchen sicher im südlichen Hafenbecken anlegen. Skipper Mark verabschiedet sich. Doch vorher verabreden wir uns noch für einen weiteren Segeltörn mit der PARALELO. Das nächste Mal wollen wir die ebenfalls zu Madeira gehörenden, etwa 300 Kilometer entfernten Ilhas Selvagens ansteuern. Man sagt, der englische Korsar William Kidd soll im 18. Jahrhundert drei mexikanische Galeonen ausgeraubt und ihre Ladung, pures Gold, auf einer „verlassenen Insel in der Nähe von Teneriffa“ versteckt haben. Der Schatz blieb bis heute verschollen ... www.visitmadeira.pt, www.paralelo32.pt www.quintadolorde.pt, www.lobosonda.com

TRADITION UND MODERNE: „MADEIRISIERTER“ WEIN EROBERT DIE WELT

Als einziges Fischerboot auf Madeira setzt die RIBEIRA BRAVA noch das Trapezsegel ein. Tages-Mitfahrten ab Calheta möglich.

ZWEI WINZER, DIE SICH GANZ DER TRADITIONELLEN HERSTELLUNG VERSCHRIEBEN HABEN, SIND DIE BRÜDER ARTUR UND EDMUNDO DE BARROS E SOUSA.

Wer mit der Yacht im madeirischen Hafen von Funchal festmacht, kommt nicht umhin, vom berühmten Madeira-Wein zu probieren. Dabei handelt es sich um einen hochprozentigen Likörwein mit einem Alkoholgehalt von 17,5 bis 22 Prozent. Kennzeichnend für den edlen Tropfen ist das abrupte Ende der zweiten Fermentierung durch Zugabe von Branntwein oder Tresterbrand. An Bord portugiesischer Schiffe waren die Holzfässer mit dem verschnittenen Rebensaft in den Tropen oft monatelang der Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Am Ende der Seereise stellte sich dann – so jedenfalls geht die Sage – heraus, dass die stete Erwärmung

des Fassinhaltes dessen Geschmack wesentlich verbessert hatte. Fest steht, dass diese Behandlung des Weines heutzutage nicht mehr dem bloßen Zufall überlassen wird. Die sogenannte Madeirisierung, also den besonderen Reifeprozess, versucht man heute durch mehrmonatige Lagerung bei Temperaturen zwischen 45 und 75 Grad Celsius zu erreichen – zumeist in gesichtslosen riesigen Speichergebäuden. Noch schneller funktioniert die Madeirisierung des Verschnittes durch ausgeklügelte Technik: In Stahltanks und mithilfe von Wasserspiralen dauert die Fertigstellung dann nur noch einen Bruchteil der Zeit.

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[ Madeira]

der Vater der beiden leidenschaftlichen Winzer, die Weinherstellung, bis der den Laden schließlich an seine beiden Söhne, nach Großvater und Vater ebenfalls Artur und Edmundo genannt, übergab. Seitdem wird in der Rua dos Ferreiros 109 von den beiden alles handgemacht, von der Ernte über den Fasstransport, die Einlagerung, Degustierung, Abfüllung bis hin zum Aufmalen der traditionell weißen Lettern mittels Schablonen und dem Verkauf. Lediglich zu den Hochzeiten werden einige Zeitarbeiter beschäftigt. Das komme aber nicht allzu häufig vor, sagt Edmundo. Wer den Weg in die Weinkellerei findet, sollte sich unbedingt die Lager-, Abfüll- und schließlich auch die Verkaufsräume der kleinen MadeiraweinLimited anschauen. Oben im verwinkelten Gebäude lagern die jüngsten, unten die älteren, wertvollen Weine. In Flaschen abgefüllt können die schon mal mit bis zu 80 Euro pro Flasche aus dem Jahrgang 1979/80 und mit bis zu 120 Euro für noch ältere Jahrgänge, die nicht einmal mehr die beiden fleißigen Winzer-Brüder Artur und Edmundo kennen, zu Buche schlagen.

Es gibt sie jedoch noch, die klassische Methode der Madeirawein-Erzeugung. Allerdings ist sie nur noch sehr selten anzutreffen auf der Atlantikinsel. Zwei Winzer, die sich ganz der traditionellen Herstellung verschrieben haben, sind die Brüder Artur und Edmundo de Barros e Sousa. Mit ihrer „Artur de Barros e Sousa Lda., Vinhos Frios de Madeira: Selectionados desde 1890“ setzen sie von Anfang an konsequent auf Qualität statt auf Quantität. Da stört die Brüder auch der Volumenverlust von rund drei Prozent pro Jahr bei der Lagerung im traditionellen Holzfass nicht. Der führt über die jahre- und teilweise auch jahrzehntelange Reife-Lagerung zu erheblichen Mindereinnahmen. Und dennoch: „5.000 Liter verkaufen wir jedes Jahr“, sagt

der ältere der Brüder, Artur, stolz. Das seien etwa 3.000 Flaschen, ergänzt Edmundo. Damit werde man nicht reich, aber es reiche aus, „um über die Runden zu kommen“. Wer die kleine Winzerei in der Rua dos Ferreiros 109 in der Nähe des Praca do Municipio im Zentrum Funchals besucht, wird durch kein Reklameschild darauf hingewiesen, dass sich hinter der schweren Eingangstür eine urige Weinkellerei befindet, in der seit vier Generationen feiner Madeirawein hergestellt wird. 1890 gegründet von Dr. Pedro José Larelino, übernahm 31 Jahre später Artur de Barros e Sousa das Geschäft – der Großvater der Brüder. Seit 1952 leitete dann Edmundo,

Auf 3.000 Flaschen bringen es die Brüder jedes Jahr. Wer will, lässt sich die 122 Jahre alte Weinkellerei samt sehr alter Madeiraweine zeigen.

Auch in Matt. Münchebergs im Mai erscheinender Novelle (mari-team-Verlag, Berlin) wird viel gesegelt zwischen Madeira, Porto Santo und den Ilhas Desertas (port. deserto = öde). In „Roter Regen“ widmet sich der Autor einem fiktiven, in der Kunstszene angesiedelten Konflikt zwischen scheinbarer Ordnung und Chaos: In der nur auf den ersten Blick klar strukturierten Welt des erfolgreichen Malers Andreas Rudolph herrscht in Wahrheit Angst, Unsicherheit und Verzweiflung. In einem Gespräch mit dem Bilderdieb Michael öffnet sich der Künstler seinem ungebetenen Besuch und gewährt ihm einen Einblick in seine zerrissene Seele. Was als entspannter Segeltörn vor der Küste Madeiras beginnt, nimmt ein überraschendes Ende. Das nur vordergrün­ dig detektivisch angelegte Stück zeigt damit auf, welch jähe Wendungen im Leben möglich sind und wie schnell es durch besondere Ereignis­ se existenziell bedroht sein kann. Das Motiv des roten Regens symbolisiert das Unfassbare, Unerklärliche, das den Dingen und letztlich jedem einzelnen Menschen innewohnt. Ein Buch nicht nur für Segler und PortugalLiebhaber (96 Seiten, Format 10,8 x 17,7 Zentimeter, Broschur, ISBN 978-3-938513-07-1, Preis 9,95 Euro).

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2012 - Heiliger Hafen im Atlantik