Page 1

W E LT A M S O N N TAG N R . 5 0

T

T

T

BOOTE | 73

14 . D E Z E M B E R 2 0 0 8

Segeln wie die Pharaonen Seit 2000 Jahren transportieren Feluken Mensch und Material zuverlässig auf dem Unterlauf des längsten Flusses der Welt. Eine Nilreise zu den Anfängen des Segelns _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

Schaurig und schön sind die überlieferten Geschichten aus alter Zeit. Jede Feluke auf dem Nil trägt als Kennzeichen für diesen speziellen Bootstyp ein Auge, in den Bug geschnitzt. Diesem Brauch liegt eine mörderische Legende zugrunde, die gar nicht passen will zum friedlichen Charakter der antiken Boote. Seth, der Pharaonengott, soll einst seinen Bruder Osiris in die Falle gelockt haben. Er schubste ihn Anzeige

Exklusive Charter-Yachten mit professioneller Crew weltweit. Tel: +49 (0)421- 34 69 650 www.logemann-yachting.de

in einen marmornen Sarkophag, verschloss diesen mit einem Deckel und warf ihn in den Nil. Als Isis, die Frau von Osiris, das Verschwinden ihres Mannes bemerkte, machte sie sich mit ihrem Sohn Horus auf die Suche. Dabei verlor Horus ein Auge. „Man sagt, dass derjenige, der dieses Auge findet, vor Neid und bösen Blicken geschützt wird“, erzählt Mahmut, und er erzählt es

gern. Der 42-Jährige ist Kapitän auf dem Nil nahe Luxor. Seit er denken kann, befährt er den Strom im Norden Ägyptens. Natürlich trägt auch sein Boot das Horus-Auge am Bug. Die Feluke ist ein traditionell hölzernes, heute oft aus Metall grob zusammengeschweißtes Segelboot mit einem hoch ausgestellten Tuch, dem sogenannten Lateinsegel. Dieses dreieckige Stück genähter Baumwolle wird an einer langen Spiere gefahren. Charakteristisch für eine Lateinbesegelung ist, dass das aus schlanken Baumstämmen bestehende Holz in einem Winkel von 45 Grad vom Bug nach achtern reicht und auf einen kurzen Mast gesetzt wird. Einst waren die kleinen, früher oft zweimastigen Handelsboote im gesamten Mittelmeerraum anzutreffen. Heute gibt es die meisten noch verbliebenen Feluken auf dem Nil. In Luxor, vor allem aber am Fuße des mächtigen Assuan-Staudammes bieten Feluken-Skipper ihre Dienste an. Wer will, besteigt eines der Boote und begibt sich für ein paar ägyptische Pfund auf eine Zeitreise in die Geschichte Ägyptens und zu den Anfängen des Segelns: Alles an Bord ist einfach zu bedienen und bei einer Reparatur auch schnell zu ersetzen. Nur so ist in dem von Armut geprägten Re-

Feluken mit hoch ausgestellten, dreieckig scheinenden Segeln aus Baumwolle befahren den Nil bei Luxor

MÜNCHEBERG (2)

Von Matthias J. Müncheberg

vier am Nil die Einsatzbereitschaft der Boote gewährleistet. Auch Mahmut wird nicht reich mit seinen bezahlten Segelfahrten. Trotzdem reichen die Einnahmen aus, um damit den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu bestreiten. Dafür fährt der Kapitän alles: Eier, Reifen, Trinkwasser – am liebsten sind ihm aber Touristen von den 300 auf dem Nil fahrenden Flusskreuzfahrtschiffen, die fernab des Getümmels auf dem Wasser dahingleiten wollen. Die Fremden bringen ihm das meiste Geld. Mahmuts zwölfjähriger Neffe, er heißt ebenfalls Mahmut, geht oft mit auf Fahrt. Er ist Bootsmann, Koch und, wenn es sein muss, auch Steuermann in einem. Nur wenn die kindlichen Kräfte einmal nicht

reichen, lascht Mahmut der Ältere kurz die beindicke Pinne fest und geht dem Kleinen zur Hand. Gemeinsam bringen sie mit ein paar Handgriffen die gut zehn Meter lange, gertenschlank auslaufende Spiere in die gewünschte Position. Der Bootsmann gibt dem Bug einen Mahmut steuert seine Feluke „Gehan“ sicher über den Nil. In der einen Hand hält er die Schot, in der anderen die Pinne. Hauptsächlich transportiert der Kapitän Eier, Reifen und Trinkwasser, manchmal aber auch Touristen

letzten Stoß und springt mit der Leine in der Hand an Deck. Der Skipper legt das Ruder, das riesige Baumwolltuch füllt sich erst widerstrebend, dann willig mit dem staubigen Wüstenwind. Mahmut der Jüngere kocht derweil auf einer kleinen Feuerstelle

an Bord Wasser und bereitet den schwarzen ägyptischen Tee mit frischer Minze zu, der mit viel Zucker gereicht wird. So ähnlich muss es auch gewesen sein zur Zeit der Pharaonen, segelnd auf dem Nil. Das Leben an Bord einer Feluke läuft langsam. Einen Motor gibt es nicht, Skipper und Passagiere sind abhängig vom Wind. Träg schiebt sich der acht Meter lange Schiffskörper durch das Nilwasser. Andere Lateinsegel gesellen sich dazu. Nur wenn eines der großen FlussPassagierschiffe den Kurs kreuzt, kommt Bewegung ins Boot. Dann zeigt sich, wie elastisch die langen Spieren der traditionellen Nilsegler wirklich sind. Wie Peitschen schlagen sie aus, wenn die großen Bugwellen der Passagierdampfer

Anzeige

durchgehen und die kleinen Boote auf einmal wild schaukeln lassen. Bequemer geht es da schon auf den Kreuzfahrtschiffen zu. Doch für Segler gehört ein Ausflug auf einer Feluke zu den Höhepunkten einer solchen Reise. Man fühlt die Größe des längsten Stroms der Welt (6738 Kilometer) noch intensiver an Bord eines Schiffes mit dem Horus-Auge am Bug. Vielleicht weil es seit mehr als 2000 Jahren über die Schiffsleute wacht.

Anzeige

+

2008 segeln wie die pharaonen  

eine feluken-nilreise zu den anfängen des segelns

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you