Issuu on Google+

87 Schrift & Bild Matthias Müncheberg

Fair oder unfair? Sprechen deutsche Segler von den im Dezember letzten Jahres gelaufenen ISAF Worlds vor Perth, wurde und wird nach wie vor zuvörderst thematisiert, wie die Berliner 470er-Seglerin Kathrin Kadelbach im fernen Westaustralien ihr Olympia-Ticket löste. Nach einer Disqualifikation und zwei 25. Plätzen sah Kadelbach ihre Teilnahme an den Londoner Wettbewerben in Gefahr. Grund: Die jüngere Tina Lutz mit Fockfrau Susann Beucke war in die Top Ten des Klassements gefahren. Fortan hatte Kadelbach nur noch ein Ziel: die andere Deutsche „nach hinten segeln“. Die Platzierung bei der WM in Perth rückte in den Hintergrund. Das Ziel ging auf. Lutz stürzte auf Platz 20 ab. Die Steuerfrau vom VSaW und ihre Hamburger Vorschoterin Friederike Belcher vom NRV Olympic Team holten sich den Gesamtsieg in der Olympia-Quali. Mit nur einem Punkt Vorsprung. Ist das Vorgehen auch vom Segel-Reglement gedeckt, es wird seitdem nicht nur in Deutschland über „Moral und Mädchenmanöver“ diskutiert, wie eine große deutsche Zeitung schrieb. Dass Deutschland bei den ISAF Worlds vor Perth jedoch sogar eine WM-Medaille erringen konnte, gerät dabei fast in Vergessenheit. Dies ist umso unverständlicher, als dies ausgerechnet in der Klasse gelang, welche den wohl härtesten Körpereinsatz und eine bestmögliche Kondition auf dem starkwindigen Revier vor Fremantle verlangte, der Starboot-Klasse. Vier deutsche Starboot-Crews hatten die Chance, sich für einen Startplatz bei den in diesem Jahr laufenden olympischen Segelregatten zu qualifizieren. Die Favoriten Robert Stanjek und Frithjof Kleen holten schließlich auf dem Indik den zweiten Platz in der einzigen Kielbootklasse – und fahren damit im Sommer nach England.  

Kraftakt: Segeln vor Perth ist physisch anstrengend – dank des typischen, starken Windes Fremantle Doctor". Im Bild: das deutsche Starboot-Duo Stanjek/Kleen. Foto © ISAF/Perth "

BEI DEN GERADE BEENDETEN ISAF SAILING WORLD CHAMPIONSHIPS IN FREMANTLE/­PERTH GEWANNEN DIE STARBOOT-SEGLER ROBERT STANJEK UND FRITHJOF KLEEN (BEIDE NRV) AUS DEM AUDI SAILING TEAM GERMANY DIE EINZIGE MEDAILLE FÜR DEUTSCHLAND. DAS NÄCHSTE ZIEL DES SILBER-DUOS, DAS SICH ERST ZU JAHRESBEGINN ZUSAMMENFAND: DIE OLYMPISCHEN SPIELE 2012 IN LONDON. WIR SPRACHEN MIT DEM FRISCHGEBACKENEN VIZEWELTMEISTER

[ Perth ]

UND STEUERMANN ROBERT STANJEK ÜBER DIE ISAF WORLDS, WESTAUSTRALIEN, DIE ZUKUNFT DES STARBOOTES – UND DAS REVIER VOR WEYMOUTH, AUSTRAGUNGSORT DER OLYMPISCHEN SEGELWETTBEWERBE IM NÄCHSTEN JAHR.

ROBERT, WIE FÜHLT ES SICH AN, NEUER VIZEWELTMEISTER IM STARBOOT ZU SEIN UND SICH QUASI NEBENBEI AUCH NOCH FÜR DIE OLYMPISCHEN SPIELE QUALIFIZIERT ZU HABEN? Es fällt jetzt viel von mir ab. Das war eine druckvolle Situation. Die Ausscheidung war nicht leicht. Wir hatten in Perth vier deutsche Teams am Start. Zum Zeitpunkt der WM hatten diese zu den Top elf der Weltrangliste gehört. Von Anfang an war klar, dass nur ein deutsches Team nach London

fährt. Unsere Olympia-Ausscheidung war zu Beginn der WM relativ knapp. Jedes Team hätte im Prinzip bei der WM eine Neuentscheidung herbeiführen können. Unsere Leistung war jedoch sehr souverän. Wir wussten: Mit unserem guten Start in die WM kann das aufgehen, wenn wir es weiter so durchziehen. Es war ja dann auch nicht die knappste Entscheidung hinten heraus. Der Spannungsbogen löste sich. Jetzt bin ich echt glücklich.  

HABT IHR JETZT FERIEN? ODER HABEN SPITZENSEGLER FÜR SO ETWAS KEINE ZEIT? Wir haben jetzt ein Jahr Vollgas gegeben. Lediglich um die Pre-Olympics herum hatten wir eine kleine Pause. Jetzt brauchen wir definitiv mal eine richtige Auszeit. Sechs bis acht Wochen. Das heißt nicht, dass wir in dieser Zeit keinen Sport mehr treiben würden, aber wir steigen eben nicht aufs Starboot. Jetzt wollen wir erst einmal zu Hause Zeit verbringen.


89

Gut zum Zuschauen, anspruchsvoll für die Segler: Ynglinge bei den ISAF Worlds auf dem Swan River in Fremantle, kurz vor der Mündung in den Indik.

Der Körper muss wieder physisch aufgebaut werden. Dann gehen wir wieder aufs Wasser, in Südeuropa, wo genau, steht noch nicht fest. Wir werden dann gemeinsam mit dem Italiener Diego Negri, dem Polen Mateusz Kusznierewicz und dem Franzosen Guillaume Florent trainieren. Wir wollen jedenfalls nicht in die USA gehen über den Winter, wie es viele andere machen. Wir bleiben in Europa. England wird hart, wird ruppig. Da brauchst du kein weiches Miami fürs Training. Wir werden die Worldcups und die nächste WM im Mai als Vorbereitung nutzen, also Palma, Hyeres, Holland …   WIE LAUTETE DIE – SCHLIESSLICH ERFOLGREICHE – STRATEGIE FÜR PERTH? Wir sind mit einer total konservativen Serie in Perth durchgekommen. Das war das Ziel. Wir haben am Anfang gemerkt, dass die Jury sehr hart pfeift. Favorit Iain Percy aus England hatte nach Tag drei einen Bandscheibenvorfall. Es war immer ordentlich Wind vor Perth. Deshalb gab es eine hohe physische Belastung im Boot. So kam es bei den Engländern zu einem Ausfall. Sie hatten sich gleich zu Anfang ein hohes Resultat reingezogen und waren damit gehandicapt. Wir hatten keinen Ausfall. Sicherlich haben wir davon am Ende profitiert. Wir haben unseren konservativen Ansatz die ganze Woche über sauber durchgezogen. Wir segelten hoch konzentriert, nie mit zu viel Risiko. Während des Trainings bin ich teilweise denselben Speed gefahren wie der Brasilianer Robert Scheidt oder der Pole Mateusz Kusznierewicz oder der Engländer Percy. Aber das verlangt dann eben auch mehr Körpereinsatz. Konservativ segeln heißt, nicht zu aggressiv

mit dem Oberkörper zu fahren. Du nimmst die Großschot und ziehst und reißt an dem Schiff rum. Alles, was du an Extra-Druck dadurch im Rigg erzeugen kannst, geht im Endeffekt mit einer sauberen Technik nach vorn weg. Das ist eine Gratwanderung: Du bewegst dich immer am Limit. Du kannst Pech haben und siehst eine Flagge dafür. Oder du bewegst dich immer knapp darunter. Zu viel Gas darfst du andererseits auch nicht herausnehmen, sonst kannst du nicht den nötigen Speed fahren. Letztlich waren wir eines der Teams, die am schnellsten waren – ohne sich eine Flagge einzuhandeln. Das könnte man auch als eine Art von Risikomanagement bezeichnen.   WIE SCHLUGEN SICH DIE ANDEREN DREI DEUTSCHEN STARBOOT-TEAMS? Einen schlechten Einstieg hatten Schlonski/ Bohn aus Rostock. Beide sind unter Wert gefahren. Sicher nicht optimal war, dass die beiden unmittelbar vor der WM das Schiff getauscht haben. Eine Bullshit-Aktion in meinen Augen. Aus einem Schiff, das du kennst, kannst du immer einhundert Prozent rausholen. Wenn du ein neues Schiff hast, das vielleicht zwei, drei Prozent schneller fahren könnte, aber du das Potenzial nicht abrufen kannst, dann macht solch eine Aktion keinen Sinn. Gut gestartet in die WM sind Johannes Babendererde und Timo Jacobs. Die sind leider zum Ende etwas eingebrochen. Am Ende ist nur ein 15. Platz herausgekommen. Die beiden waren aber die ersten vier Tage lang unter den ersten zehn. Stark gesteigert haben sich Polgar/Koy. Die waren schwach eingestiegen, auch mit einem Protest. Sie haben dann eine Wiedergutmachung bekommen

und sind eine schöne Serie gefahren. Schließlich hat es für einen achten Platz gereicht. Super Leistung. Aber von den Punkten her lagen zwischen dem zweiten mit 61 und dem achten Platz mit 107 Punkten schließlich Welten. Das war dann schon eine ziemlich eindeutige Sache. Wir hat-

ENGLAND WIRD HART, WIRD RUPPIG. DA BRAUCHST DU KEIN WEICHES MIAMI FÜRS TRAINING." ten nur eine knappe Punkteführung aus den anderen Wettkämpfen dieser Olympiaausscheidung mitgebracht in die WM. Alex Schlonski hätte Weltmeister werden müssen, um uns zu schlagen. Und bei Johannes Polgar hätte selbst der Weltmeistertitel nicht ausgereicht, um uns zu übertreffen. Das hat mich sehr gefreut, dass es schließlich so ein eindeutiges Ergebnis war. Insgesamt war das eine sehr starke Mannschaftsleistung, Platz zwei und acht – super.   WELCHE BESONDERHEITEN WEIST DAS SEGELREVIER VOR DEM WESTAUSTRALISCHEN PERTH AUF? Normalerweise weht in den australischen Sommermonaten, die ja jetzt gerade dort herrschen, vor Perth der sogenannte Fremantle Doctor. Das Land heizt sich dann regelmäßig so stark auf, dass es ab mittags immer eine Seebrise aus Richtung 200 bis 220 Grad (Südsüdwest, Anm. d. Red.) mit 25 bis 30 Knoten Windgeschwindigkeit gibt, das sind sechs bis sieben Beaufort, verbunden mit bis zu zwei Meter Welle. Allerdings hatten wir in den vier Wochen, in denen ich in Perth vor Ort war, nur an sechs oder sieben Tagen diese so sicher geglaubten Bedingungen. Trotzdem hatten wir immer gute Segelbedingungen,


91 das heißt, immer starker Wind. Drei Tage lang hatten wir zu kämpfen mit mehreren kleinen Regenzellen mit Gewittern und Regen, eigentlich ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Dieses Regenwolken-Segeln hat mich sehr an unser Zuhause hier erinnert. Die Deutschen sind damit sehr gut zurechtgekommen.   GAB ES FÜR EUCH ZUR WM EIN EXTRA-VORBEREITUNGSTRAINING? Frithjof und ich hatten gerade im physischen Bereich viel gearbeitet. Ich musste da keine Extra-Arbeit leisten. Ich bin diesbezüglich ohnehin sehr diszipliniert und physisch stets gut vorbereitet. Demgegenüber segelt zum Beispiel Johannes Polgar immer mit sehr viel Gefühl. Das mache ich zwar auch, aber Johannes hat eben nicht diese physische Power. Die braucht man aber im Starboot. Du brauchst richtig Kraft und Substanz. Vielleicht kommt man gut ein oder zwei Tage ohne durch. Aber dann geht es an die Substanz. Eine WM dauert sieben Tage! Bei dem Starboot handelt es sich nach wie vor um ein sehr dynamisches Boot. Man arbeitet viel mit dem Oberkörper: vor und zurück und wieder vor ... Man braucht auch eine starke Oberschenkelmuskulatur

BISLANG HABE ICH NOCH NIE ABSTAND VOM LEISTUNGSSPORT GEWINNEN KÖNNEN, WAR IMMER VOLL MIT DABEI." zum Aushängen, beide Segler reiten ständig auf Amwindkursen aus. Die Rumpfmuskulatur muss gut trainiert sein, um die Kraft des Körpers auch in den Rumpf transportieren zu können. Auf Vorwindkursen wird sehr viel oberer Rücken sowie Arm gefordert. Wenn du an der Großschot ziehst, ist da richtig Kraft drin. Das Groß hat

immerhin 28 Quadratmeter. Das ist Schwerarbeit. Eigentlich handelt es sich um eine Mischung aus Kraftspitzen und Kraftausdauer, das ist schon eine sehr spezielle Anforderung an den menschlichen Körper. Während der WM habe ich dreieinhalb Kilogramm abgenommen.   WER HAT EUCH FÜR DIE WM TRAINIERT? Wir haben in Australien mit Alan Smith zusammengearbeitet. Alan ist ursprünglich Neuseeländer. Er ist für Neuseeland den ersten America`s Cup 1983 in Perth mitgesegelt, hat seine Frau dort kennengelernt und ist in Perth geblieben. Eigentlich kommt Alan aus der Dickschiffszene, hat mehrere America´s Cups und Volvo Ocean Races gefahren, war Olympiateilnehmer in der Soling-Klasse im Jahr 2000. Deshalb verfügt er über einen gigantischen Wissensschatz. Frithjof kennt Alan schon länger, ich habe ihn in Perth vor der WM kennengelernt. Wir haben uns für Alan auch deshalb entschieden, weil er in Perth voll vernetzt ist und „local knowledge“ besitzt. Er hat es geschafft, Ruhe ins Team zu bringen und uns großes Selbstvertrauen zu geben. So konnten wir die entscheidende Woche dann voll konzentriert und auf die Wettfahrten fokussiert segeln.   WANN WIRD DAS STARBOOT WIEDER OLYMPISCH? Aktueller Stand ist, dass das Starboot bei den nächsten Olympischen Spielen 2016 nicht mehr olympisch sein wird. Deutschland war immer daran interessiert, das Starboot als olympische Disziplin auch weiterhin zu erhalten. Wie die weitere Entwicklung laufen wird und ob das Starboot doch wieder olympisch wird, dafür gibt es zurzeit kaum

Indizien. Wir sprechen momentan viel mit Brasilien, die richten 2016 die Olympischen Spiele aus. Brasilien hat gleich mehrere Superstars im Starboot. Robert Scheidt, Torben Grael, Alan Adler, Lars Grael, das sind die vier super Steuerleute dort. Insbesondere Robert Scheidt wäre der lokale Favorit bei den Spielen, wenn denn das Starboot wieder mit dabei wäre. Insofern gibt es da ein starkes Interesse bei den Brasilianern. Von dort hören wir, dass wir uns nicht sorgen sollten, das Starboot wäre auf jeden Fall 2016 wieder mit dabei. Nur, die ISAF hat eben diese Entscheidung gefällt. Und die lautete: Kielboote raus. Brasilien hat nun die gesamte Finanzierung für eine elfte olympische Segeldisziplin gesichert, an dem Geld scheitert es also nicht. Einzig die ISAF müsste nun über ihren Schatten springen und das Starboot wieder als Olympia-Klasse aufnehmen. Das wird meiner Meinung nach nicht 2012 passieren, aber vielleicht 2013. So stelle ich mir das vor. Dafür spricht viel.   WIRST DU DANN NOCH EINMAL ANTRETEN? Wenn das Starboot wieder olympisch wird, werde ich auch bei der nächsten Kampagne versuchen, wieder mit dabei zu sein. Ich bin jetzt 30, würde sicherlich für ein, zwei Jahre auch erst einmal etwas ganz anderes machen. Bislang habe ich noch nie Abstand vom Leistungssport gewinnen können, war immer voll mit dabei. So wird man mit der Zeit müde und ich finde, man sollte irgendwann auch mal etwas anderes ausprobieren. Was genau das sein wird, weiß ich noch nicht. Kann sein, dass ich ein bisschen mehr als Profi segle oder als Trainer arbeite oder einfach mal ein bisschen Geld ver­­diene … Dazu hätte ich definitiv Lust.

Foto © ISAF/Perth Impressionen von Perth (oben links) und Fremantle während der ISAF Worlds.

Unterwasser-Ausguck am Kopfende des Busselton Jetty (oben links), Strand im Süden West-Australiens (rechts außen), Höhlenwanderung im Leuween-Nationalpark (links)


93

Starboot-Segler Robert Stanjek und Frithjof Kleen auf Silber-Kurs: Sie errangen vor Perth die einzige Medaille für Deutschland – und qualifizierten sich ganz nebenbei so auch für Weymouth 2012. Foto © ISAF/Perth


95

Muss für Perth- und Fremantle-Besucher: ein Abstecher zur 20 Kilometer entfernten Ferieninsel Rottnest Island, bequem zu erreichen mit einer Schnellfähre (links). Robben auf Rottnest Island (rechts oben), Abstieg in die Giant´s Cave im Leuween-Nationalpark (rechts Mitte), Quokkas, eine endemische Miniatur-Känguruhart auf Rottnest Island (rechts unten)

IST DIR DER SEGELSPORT IN DIE WIEGE GELEGT WORDEN? Nein. Eigentlich sollte ich Judoka werden. Mein Vater ist Segler, der hat mich dann schnell in einen Segelverein gesteckt. So kam es, dass ich mit sechs Jahren dann doch mit dem Segeln angefangen habe, in der ehemaligen DDR, am Müggelsee bei der SV Rahnsdorf. Ich habe wie damals üblich im Opti begonnen und bin dann mit viel Einsatz bis zu 20 Wettkämpfe im Jahr gesegelt. Später dann bin ich in die LaserKlasse umgestiegen, wurde gefördert durch das Berliner Leistungszentrum. Mit 17 bin ich in die Junioren-Nationalmannschaft gekommen, mit 20 in die Nationalmannschaft. Ich habe in allen Altersklassen im Laser jeweils den Titel Deutscher Meister geholt. Und mit 23 kam relativ früh der Umstieg ins Starboot. Man hatte in Deutschland komplettes Equipment und ausgebildete Vorschoter. Was fehlte, waren die Steuerleute. Der Heinz-Nixdorf-Verein, der die Laserund die Starboot-Klasse förderte, hatte den Laser immer ein wenig als das Sprungbrett für das Starboot gesehen. Als ich in die Starboot-Klasse wechseln sollte, hatte ich mich zunächst gesträubt. Aber ich habe dann ziemlich schnell den Vorteil erkannt, als junger Segler im Starboot zu sitzen. Es hat mir auch relativ schnell Spaß gemacht. Weihnachten 2004 erfolgte der Umstieg. Und die FrühjahrsEuropa­meisterschaft 2005 konnte ich dann schon gewinnen. Aber ich wäre auch in anderen Sportarten, im Judo etwa, bestimmt gut geworden!   WIE VIEL KOSTET EIGENTLICH EIN TRAININGSJAHR? Zunächst: Die Unterstützung durch das AUDI SAILING TEAM GERMANY ist wichtig. Ob

es um die gesamte Infrastruktur geht, Vermessungstechnik oder die mediale Aufbereitung, es ist schon erstaunlich, wie viel Unterstützung von da kommt. Ebenso mit finanziellen Mitteln wird den Seglern geholfen, auch wenn es sich da nicht um große Summen handelt. Man muss mit etwa einer Million Euro rechnen, wenn man eine Olympiakampagne ernsthaft stemmen will. Für Fritjof und mich bedeutet das, mit 150.000 Euro kommen wir gut über´s Jahr – wenn das Boot vorhanden ist. Dann braucht man aber immer noch einen starken Verband im Rücken.   SEIT WANN BESCHÄFTIGST DU DICH MIT WEYMOUTH, AUSTRAGUNGSORT DER OLYMPISCHEN SEGELWETTBEWERBE 2012? Mit Weymouth beschäftigen wir uns seit fünf Jahren. Wir versuchten schon Jahre vorher, während des Zeitraumes der Olympischen Spiele, dort aufzuschlagen und entweder bei Gelegenheit des Worldcups oder der Pre-Olympics dort ein paar Trainingstage zu absolvieren. Es ist ein sehr komplexes Revier. Man muss dort sehr wach sein. Will man Erfolg haben, muss man vor Weymouth sehr strategisch segeln, viele Faktoren müssen berücksichtigt werden: Angefangen mit der generellen Kanalströmung, dazu kommt die Tide, du hast Steilküste darum herum, dann schmettern ständig Tiefdruckgebiete über diese Seite Europas, dass es nur so kracht. Da kann es sein, dass am Tag drei oder vier Fronten durchziehen. Trotzdem kannst du auch einen thermischen Einfluss haben, da kann durchaus mal eine Seebrise mit reintickern, und schließlich ist auch das Wellenbild superkompliziert. An der offenen Seite der Bucht hast du grö-

ßere Wellen, die sich je nach Strömung steiler oder länger gestalten können. Die Komplexität des Reviers kann man lediglich erahnen. Keiner der Topathleten ist sicher, selbst der dort heimische Olympiasieger Iain Percy hat bei dem dort gelaufenen Weltcup ab und zu ins Klo gegriffen. Niemand kann da sichere Vorhersagen treffen. Ein Revier, wo DIE KOMPLEXITÄT DES man vielleicht REVIERS KANN MAN LEDIGLICH ERAHNEN." konservativ ansetzen und dann schauen sollte, wohin die Situation tendiert. Dann muss man schnell reagieren. Das kann aber auch viel Spaß machen. Auf jeden Fall ist es spannender als zum Beispiel der Gardasee: Starten, ran an die Felswand, fertig – so wird das glücklicherweise vor Weymouth nicht laufen. Dann könnte ich ja auch gleich rudern gehen!   HATTET IHR ZEIT, EUCH PERTH UND DIE UMLIEGENDE GEGEND ANZUSCHAUEN? Leider nicht so viel, wie wir uns gewünscht hätten. Die WM stand klar im Vordergrund. Einmal haben wir einen Ausflug nach Margaret River gemacht, das liegt ein paar Kilometer südlich von Perth. Tolle Gegend, nicht nur aus seglerischer Sicht. Von dort kommen Spitzenweine und es gibt eine grandiose Natur. Einmal waren wir in Perth in einer Disco. Die Leute hier scheinen rau, aber herzlich zu sein. Am Eingang gab es jedenfalls scharfe Kontrollen. Fremantle lädt dazu ein, zu shoppen oder eines der Cafés zu besuchen. Das haben wir sehr genossen. In der Regattazeit war ich hier immer mit dem Fahrrad unterwegs, das war das perfekte Fortbewegungsmittel.


97 Endstand der Segelweltmeisterschaften 2011 (Starboot): 1. Robert Scheidt/Bruno Prada (Brasilien) 2. Robert Stanjek/Frithjof Kleen (Berlin) 3. Mark Mendelblatt/Brian Fatih (USA) 8. Johannes Polgar/Markus Koy (Hamburg) 15. Johannes Babendererde/Timo Jacobs (Lübeck) 19. Alexander Schlonski/Matthias Bohn (Rostock)

Adrenalin-Ausschüttung garantiert: 40 Meter-Abseiling in Willyabrup Segelregatten hautnah verfolgen: Öffentlicher Strand in Fremantle. Hier treffen sich traditionell Urlauber und Einheimische, um gemeinsam bei einem Little " Creatures"-Bier aus der nahen Brauerei den Sonnenuntergang zu zelebrieren.

[ Perth ]

Fremantle liegt 19 Kilometer südwestlich der Boomtown-City von Perth entfernt. Es ist der alte und neue Hafen der Hauptstadt von Western Australia. Die zeitgleich mit Perth gegründete Stadt an der Mündung des Swan River in den Indischen Ozean wurde nach deren „Entdecker“ Captain Charles Fremantle benannt. Hier steht mit dem Round House das älteste Haus in Western Australia. Es wurde 1830 als Gefängnis errichtet. Zu dieser Zeit wurden in der Bucht von Bathers Beach Wale gejagt und so wurde unterhalb des Round House ein Tunnel gegraben, damit die Waljäger schnell in die Stadt gelangen konnten. Wie viele Kolonien in der damaligen Zeit wurden diese Städte mit Strafgefangenen „aufgefüttert“, falls nicht genügend Einwohner zur Verfügung standen. Das wirkte sich natürlich katastrophal auf Ureinwohner und Landschaft aus. Das neue Gefängnis, das wegen Platzmangels schon zwei Jahre nach dem alten gebaut wurde, wurde bis 1991 genutzt. Nebenbei gelangte es als eines der gefürchtetsten Gefängnisse des britischen Empires zu unrühmlichen Ruhm. In späterer Zeit setzen vor allem Italiener, Kroaten und Portugiesen kulturelle Zeichen. Aber auch in der Mythologie der Noongar-Aborigines spielte Fremantle eine Rolle. Dass trotz vieler moderner Hafenanlagen die historische Altstadt aus der Kolonialzeit bewahrt werden konnte, ist unter anderem dem America´s Cup von 1987 zu verdanken. Fremantle war Austragungsort und wurde heraus-

geputzt, wovon die Stadt mit den pittoresken Häusern, den vielen Boutiquen, Bistros, Pubs und Restaurants noch heute profitiert. Auch die gerade beendeten ISAF Worlds standen „Freo“, wie die Einheimischen ihre Stadt nennen, gut zu Gesicht: Nicht nur der „Cappuccino Strip“, eine Reihe von Straßencafés entlang der South Terrace, war während der zwei Wochen gut gefüllt. Doch Fremantle samt seinem „Fremantle Doctor“ (weht von Fremantle Richtung Perth), einem kalten Wind im heißen Sommer, ist nicht nur für Segler interessant. Es gilt weithin als das kulturelle Zentrum Perths. Die citynahen, goldgelben Strände locken auch Schwimmer, Sonnenanbeter und Wellenreiter. Scarborough Beach etwa gehört zu einem der Hotspots für Kiter. Trigg Island, etwa 15 Kilometer nordöstlich von Perth gelegen, lockt viele Profisurfer an. Wer es etwas ruhiger mag, besucht die ab Fremantle mit der Schnellfähre nur 20 Kilometer entfernte Trauminsel Rottnest Island mit weißen Stränden, vielen Badebuchten und guten Tauchgründen, in denen einige Wracks erkundet werden können. Ratten gibt es dort nicht, dafür viele endemische Mini-Kängurus, die sogenannten Quokkas. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, besucht das südlich gelegene Segel-, Surf- und Tauchrevier Busselton in der Geographe Bay mit der längsten Holzpier der südlichen Hemisphäre oder wandert vom Cape Naturaliste entlang der Küste zum Cape Leeuwin mit Zelt-Übernachtungsmöglichkeit mitten im Busch auf dem Conto Campground und Abstechern in den Urwald.

Ein Muss ist eine Vor-Ort-Verkostung der westaustralischen Spitzenweine, etwa bei Lamont‘s Margaret River oder in einem der feinsten australischen Gourmet-Tempel der neueren Generation mit eigenem Weinanbau, Cape Lodge, beide in Yallingup gelegen. Wer mehr auf Bier steht, plant einen Stopp in der Eagle Bay bei der neuen Eagle Bay Brewing Co. ein und testet in dem spektakulären, nach hinten offenen Steinbau des italienischen Architekten Mario Bernardi sechs verschiedene Biersorten, vom echten Kölsch bis zum Pale Ale. Oder besucht direkt in Fremantle das in der Mews Road am Fischereihafen gelegene Brauhaus Little Creatures gleich gegenüber der Gedenkstatue des hier 1980 verstorbenen AC/DC-Sängers Bon Scott, dessen Grab sich in Perth befindet. Wer auf Natur verbunden mit „Action“ steht, besucht die knapp 600 Meter lange und 86 Meter tiefe Giant‘s Cave im Leeuwin-Naturpark oder schüttet jede Menge Adrenalin aus beim Abseiling an einem 40 Meter hohen, senkrecht ins Meer abfallenden Kliff bei Willyabrup. www.westernaustralia.com

Impressionen vom Capuccino-Strip" in " Fremantle (links), Einwanderer-Statue am Hafen (Mitte), Straßenszene in Freo.


2012 - Segeln, bis der Doctor kommt_SAILING JOURNAL