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Samstag, 1. November 2008

DIE WELT

Seite A7

Reise in die Vergangenheit Eine türkische Werft lässt die traditionsreichen Gulets in modernster Bauweise wieder aufleben. Sie fahren heute als Luxus-Charteryachten Von Matthias J. Müncheberg

auch die Kapitänsbrüder Danaci denken, zusammen mit dem Eigner der Xenos, dem in Holland lebenden Deutschen Joachim Steiner, über eine Nachfolgerin der „Xenos IV“ nach. „Sie soll den traditionellen Formen folgen, aber noch größer und schöner sein – und dabei leicht und steif“, sagt Halil Danaci. Ein Fall für die Neta-Werft aus Icmeler, es sei denn, die Kapitäne wollen zu hoch hinaus. „Bei 40 Metern ist die Grenze des Baus aus verleimten Furnieren erreicht“, sagt Önet. Schließlich handelt es sich bei dem verwendeten Werkstoff um Holz. Und das folgt der alten Handwerkerweisheit und arbeitet. Unabhängig von der Bauweise bewege sich das Holz, erklärt der Schiffbauingenieur Önet. „Irgendwann werden die aufs Schiff wirkenden Kräfte für das Material einfach zu groß.“

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und 700 Jahre währte die Herrschaft der Osmanen übers Mittelmeer. Eine gute Zeit für die Bootsbauer, denn ohne starke und schnelle Schiffe war ein Weltreich in alter Zeit nicht zu kontrollieren. Mit dem Niedergang der Osmanen aber verschwand auch die Bootsbauerkunst in der Ägäis für lange Zeit. Heute scheint das Wissen um die alte Kunst gerettet: Seit einigen Jahren werden wieder traditionelle Gulets auf Kiel gelegt, gutmütige, dickbäuchige Segelschiffe mit zumeist zwei Masten und – als Zugeständnis an die Moderne – einem Motor. Die meisten Werften haben

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Süßes Leben an Bord der „Xenos IV“. Die meisten Chartergäste wissen nicht, was es mit der großen Gulet auf sich hat, Kapitän Nedim Danaci (r.) und sein Bruder Halil erzählen es gern

FOTOS: MÜNCHEBERG

sich in Icmeler nahe Bodrum angesiedelt. Wurden die Gulets früher ausschließlich aus massivem Holz, insbesondere aus heimischer Pinie, hergestellt, so gibt es inzwischen Werften, die die Schiffe formverleimt aus Mahagoni herstellen. Dabei werden die massiven Hölzer vor dem Einbau in dünne Scheiben geschnitten. Die so entstandenen Furniere verleimt man dann in drei bis fünf Schichten diagonal über dem Gerippe des Bootes. „Bei deutlich verringertem Gewicht werden die Rümpfe viel fester“, sagt Murat Önet von der NetaWerft. Das neue Verfahren erlaube den Bau größerer Yachten aus Holz in nahezu jeder beliebigen Form. Der 45-jährige Önet, der seit 20 Jahren Holzboote herstellt, hat mit der 32 Meter langen „Xenos IV“ die erste formverleimte Gulet überhaupt

gebaut. „Sie ist das Schmuckstück der etwa 1500 Schiffe umfassenden Gulet-Flotte zwischen Bodrum und Fethyie“, sagt Werftleiter Burhan Talay. Die „Xenos IV“ gibt nun die Richtung vor, in die der Bau der Charterschiffe geht: Größtmöglicher Luxus verbirgt sich hinter den Linien jahrhundertealter Entwürfe. Schon im vierten Jahrhundert war Bodrum Zentrum des Bootsbaus. Schon König Ptolemäus von

Ägypten soll hier Kriegsschiffe gebaut haben. Noch heute haben neuzeitliche Schiffe an der Ägäisküste Ähnlichkeit mit jenen aus der Antike. Sie waren damals schlank und schnell, mit je einer Ruderreihe auf jeder Seite, bei Bedarf konnten sie auch gesegelt werden. Ägypter und Phönizier gelten als die ersten Seefahrer der Geschichte. Heute ist der Aufenthalt an Bord einer Gulet kein Abenteuer mehr.

DVD-Spieler und Flachbildschirm, Minibar und 220-Volt-Steckdose – jede der sechs großzügig geschnittenen Doppelkabinen an Bord der „Xenos IV“ ist ausgestattet wie das Zimmer eines Luxushotels. Trotzdem führt die mit 490 Quadratmetern gut betuchte Yacht auf zwei Masten eine sportliche Segelgarderobe, bestehend aus Groß- und Besansegel sowie Genua und Fock. „Dieses Schiff wurde gebaut, um

damit zu segeln, so oft es geht“, sagt Kapitän Nedim Danaci, 50. „Motort wird nur, wenn der Wind das Segeln nicht zulässt“, ergänzt Halil, sein drei Jahre jüngerer Bruder. Die Nachfahren einer alten Schwammtaucher-Familie sind die Schiffsführer der „Xenos IV“, die in Bodrum, der Gulet-Hochburg, mit 500 anderen Exemplaren konkurriert. Dass Murat Önets formverleimte Ausflugsyacht mit den zwei blauen

Masten und dem typischen, langgestreckten Deckshaus in jeder Hinsicht gelungen ist, hat sich inzwischen herumgesprochen, heißt es in der Werft. „Das hat uns internationale Anerkennung und mehrere Folgeaufträge eingebracht“, sagt Werftchef Talay. Zurzeit entsteht ein 40 Meter langes MahagoniSchiff in dem ständig wachsenden Betrieb in Icmeler, wie die „Xenos IV“ wird es formverleimt sein. Und

Tel: +49 (0)421- 34 69 650 www.logemann-yachting.de

Größere Gulets werden dennoch gefertigt, nämlich aus Stahl wie das im Nachbardock entstehende 50 Meter lange Exemplar namens „Great Nautilus“. Nach Fertigstellung Anfang 2010 dürfte sie die weltweit größte Gulet sein. Im Hafen von Bodrum kann man derweil das bunte Treiben ein- und auslaufender Schiffe und Yachten beobachten, ein Großteil davon sind neue Gulets. Es braucht wenig Fantasie, um sich von dem Anblick in eine Zeit zurückversetzen zu lassen, als Bodrum noch Halikarnassos hieß, und als Gulets wahre Kostbarkeiten brachten: Amphoren mit Oliven und Wein. Anzeige

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