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Kategorie | Artikel 2012

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Schwalm-Eder

www.gudso.net

News und Projektberichte: Vielfalt, Toleranz und Demokratie!

Unser MSG Wie es funktioniert und warum es so ist wie es ist.

Schwerpunkt Musik Was sie mit uns macht und wie sie sich ver채ndert.


Inhaltsverzeichnis // Gud so 2 Inhaltsverzeichnis 3 Editorial 4 Die Autoren 5-7 Interview // Musik im 21. Jahrhundert 8-9 Digitalisierung 10-13 LaMosiqua 14-17 Wie eine Katze die Musik veränderte 18-19 Der Musiknazi // Festivalszene 20-23 SIN 24-25 Eine Trojanische List // Unser MSG 26-29 Festival 2012 30-31 Zeitplan 32-33 Prinzessin des Booking 34-37 Mit Pasta und Panda-Mann 38-39 Horst und Monika

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Gewalt geht nicht! TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN

// TFKS 42 Erweiterung und Pflege des Toleranz Fördern-Netzwerkes im Schwalm-Eder-Kreis 43 WIR gewinnt - Erlebniswelt Demokratie 44-46 Projekttage des Netzwerks für Demokratie und Courage für den Respekt- und Toleranzpass 47 WIR gewinnt - Erlebniswelt Demokratie 48-51 Ein Dorf erzählt 52-53 Schule ohne Rassimus 54-55 Projektübersicht 56 Impressum

Editorial „Is doch gud so“ ist ein nordhessischer Ausspruch, der mehr Bedeutungen in sich trägt, als sein schlichter Charakter auf Anhieb suggeriert. „Gud so“ heißt es, wenn jemand etwas beurteilt, vielleicht auch eine Diskussion beendet und zum nächsten Punkt übergegangen werden soll. „Gud so“ heißt es auch, wenn man etwas angefangen hat, das Ergebnis noch nicht optimal ist, aber schlichtweg die Lust und Zeit fehlt weiter zu machen. Ganz im Sinne von „Passt schon“. Nun ist es aber im Leben nicht besonders vorteilhaft fahrig zu agieren. Insbesondere in der Projektarbeit können Dinge nicht schluderig erledigt werden. Denn egal ob Arbeitsstelle, Ehrenamt oder Gesellschaft: wir setzen auf Zusammenarbeit, um gemeinsame Ziele zu erreichen. So ist „Gud so“ auch ein Ausdruck, der eine Mischung aus unterstüt-

zenden Worten und großem Lob um Bemühungen, Ziele oder Ergebnisse, darstellt. „Gud so“ ist Nordhessen in Reinform: vordergründig brummig ehrlich, doch dahinter passiert eine Menge mehr. Wir alle wissen: Nordhessen ist mehr als Ahle Wurscht (auch wenn wir auf die natürlich besonders stolz sind). Mit dem Titel wollen wir besonders die Projekte aus dem Bundesprogramm TOLERANZ FÖRDERN KOMPETENZ STÄRKEN (TFKS) adeln und eine Plattform bieten, damit noch mehr Menschen auf die Einzelprojekte aufmerksam werden. Und was liegt näher, als das Magazin „Gud so“ von denen gestalten zu lassen, die Zielgruppe vieler TFKSProjekte sind: Jugendliche. In Wochenendseminaren wurde das Konzept zu „Gud so“ gemeinsam mit ei-


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ner Handvoll Nachwuchsredakteure und Layouter diskutiert und geplant – vom Titel bis zum einzelnen Artikel. Um das Magazin nicht zu einem bloßen Projektsammelsurium zu machen, sondern zu einem schlüssigen und wirklich spannenden Gesamtwerk, entschlossen wir uns das Heft unter einem Schwerpunktthema zu gestalten, in das die Projekte eingelassen werden. Die Wahl fiel auf die Musik und das Musikschutzgebiet-Festival. Der veranstaltende Musikschutzgebiet e.V. ist gleichzeitig führender Projektträger von „Gud so“. Es überrascht uns teilweise selbst, wie das Festival unterschiedliche Jugendgruppen zusammenführt. Zwischen den Anhängern der unterschiedlichen Musikgenres kommt es in der Regel zu wenigen Überschneidungen auf den Schulhöfen,

Kategorie Gud so | Editorial | Artikel

in den öffentlichen Verkehrsmitteln, Clubs und Konzertsälen dieser Welt. Auf dem Musikschutzgebiet feiern plötzlich alle zusammen. Doch wollten wir unseren Fokus nicht bloß auf das Festival im nordhessischen Bergland legen. Wir waren uns schnell einig, weder ein Festivalmagazin oder eine Sammlung von 0815-Inhalten aus dem Repertoire im Kampf gegen Extremismus zusammenzustellen. Demokratische Prozesse sind in derartig viele Vorgänge des täglichen Lebens eingebunden, sodass wir uns nicht vorrangig an den Inhalten anderer Publikationen orientieren müssen. Für das Magazin hat die Redaktion viel reflektiert und recherchiert – überzeugen Sie sich selbst. Steffen Adams / Philipp Hühne

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// Die Autoren Steffen Adams (30) In der Schule kamen die Kopien noch von Matrizen, das Mixtape wurde mit dem Doppelkassettendeck geschnitten: Klar, dass mich die erweiterten Möglichkeiten durch die Digitalisierung begeistern. Unsere „Young Line“ aus Onlinemagazin und Webportal konkurriert im globalen Medienzirkus mit den klassischen Print- und Rundfunkprodukten und den digitalen Webangeboten aus multimedialen Streamingangeboten. Wie können die vielen Optionen verknüpft werden? Den Königsweg für die Zukunft kennt keiner, warum nicht einfach loslaufen mit Ausgabe Nummer 1? Gud so?

Antonia Mohr (16) Zusammen mit tollen Leuten interessante Themen aufarbeiten, dabei noch hinter die Kulissen eines Festivals zu gucken, gegen Rechtsextremismus arbeiten und mehr über meinen Traumberuf Journalistin erfahren – perfekt.

Philipp Hühne (30) Wer einen Schraubenschlüssel nicht von einem Schraubendreher unterscheiden kann, muss andere Qualitäten in die Waagschale werfen. In meinem Beruf als PR-Manager arbeite ich schon als halbprofessioneller Schreiberling. Ehrensache, dass man das Talent nicht nur in der bayerischen Landeshaupt in die Waagschale wirft (wo ich derzeit wohne und arbeite), sondern auch in der nordhessischen Heimat. Nordhessens Jugend ist gerade kreativ sehr umtriebig. Es fühlt sich gut an, gemeinsam mit den jungen Talenten in die gleiche Kerbe zu schlagen und mit Gud so etwas auf die Beine zu stellen, das so gut aussieht. Dank der neuen Kommunikationsmöglichkeiten des Internets lässt sich ein solches Projekt trotz großer Entfernung recht reibungslos umsetzen. Danke Tim Berners-Lee.

Henrietta Bauer (19) Alles, was mit Musik zu tun hat fasziniert mich einfach. Bei einem Projekt, das Journalismus, Politik und Musik vereint bin ich natürlich sofort dabei.

Franziska Becker (21) Ich möchte die Schönheit der Chance nutzen, um mich kreativ und journalistisch weiterzuentwickeln. Für mich ist Lesen und Schreiben Eskapismus und eine universelle Freude.

Amelie Wild (17) Durch die Webseite des MSGs wurde ich auf das TFKS-Projekt aufmerksam und dachte mir: Hey, da musst du mitmachen! Schreiben macht mir Spaß, Musik interessiert mich und so schickte ich kurzerhand eine Bewerbung ab – die auch noch angenommen wurde!

// Die Gestalter Samuel Waldeck (34) Demokratie und Toleranz gehören für mich zu den wichtigsten Pfeilern unserer Gesellschaft, für die es sich lohnt einzusetzen. Als Mediengestalter ist es meine Aufgabe Inhalte leser- bzw. usergerecht aufzubereiten. Wenn ich das für so wichtige Themen tun kann, bedeutet mir das unglaublich viel.

Jonas Seemann (23) Ein kreatives Projekt, mit dem man junge Menschen in der Region auf Projekte und Gedanken zum Thema Toleranz aufmerksam macht – klingt für mich perfekt!

Nico Birkelbach (17) Ich schließe dieses Jahr meine Ausbildung zum Gestaltungs- und medientechnischem Assistenten ab. Außerdem wohne ich ziemlich nah am MSG-Gelände und kenne es daher seit Anfang an. Dieses Projekt hat mir sehr geholfen meine Kenntnisse zu festigen und neue Dinge aus zu probieren.


Gud so | Interview

// Interview mit Stephan Bürger

Dein Besuch auf dem Musikschutzgebiet-Festival war bestimmt nicht der erste Ausflug auf ein OpenAir. Was ist deine nachhaltigste Erinnerung an Deine Festivalpremiere und wo warst du zu Gast? Ich war natürlich beim Open-Flair in Eschwege, aber ehrlich, dass ist schon sehr lange her. Ich erinnere mich daran, dass ich mich dort sehr wohl gefühlt habe und es genossen habe regionale Kleinkunstprojekte und auch große Gigs präsentiert zu bekom-

men. Außerdem hatte ich auch immer schon Kontakt zu ein paar von den „Machern“ des Open-Flair; das ist auch sehr spannend. In 1986 war ich schon mal mit ein paar Jungs in Mannheim bei der World-Tour von Deep-Purple. Das war natürlich super klasse, besonders auch, weil ich da meinen absoluten Favorit von damals, Meat Loaf, live erleben konnte. Aber das war mir zu groß: 60.000 Menschen und auf dem Zeltplatz mehrere Tausend. Da sind mir kleinere, regionale Festivals schon damals lieber gewesen.

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Stephan Bürger // 24.06.1966 Diplom-Sozialpädagoge – seit 1998 beim Schwalm-Eder-Kreis als Jugendbildungsreferent für außerschulische Bildung – seit 2008 Projektleiter von „Gewalt geht nicht! – Wir im Schwalm-Eder-Kreis Gemeinsam. Tolerant .Aktiv“; im früheren Leben mal Versicherungskaufmann gelernt; Verheiratet und zwei Kids.

Ein Festival zu organisieren erfordert viel Planung, Du koordinierst gleich zwei Initiativen in denen wiederum eigenständige Träger ihre Projekte umsetzen. Schilder uns bitte den Prozess von der Idee bis zur Umsetzung des geförderten Projekts? Wir haben ja im Schwalm-Eder-Kreis unser Projekt „Gewalt geht nicht!“, was übrigens komplett aus Mitteln des Kreises unterhalten und getragen wird und dann haben wir noch das Bundesförderprogramm TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN, wir nennen es TFKS. Das wird wiederum vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert. Ich selbst bin so eine Art Bindeglied zwischen der Kreisverwaltung und den Kreistagspolitikern, dem Bundesministerium und den Projektträgern, die letztlich Aktion planen und umsetzen. Da geht es auch schon mal turbulent zu, zumal ich auch immer noch relativ viel Aktionen, Vorträge und Workshops selbst als Experte in Sachen Rechtsextremismus und Demokratieförderung durchführe. Aber für den einzelnen Prozess eines Projektes ist das nicht sichtbar und auch egal. Bei den Projekten steht am Anfang immer erst mal eine Idee was zu tun, sich in Sachen Demokratieund Toleranzförderung zu engagieren und nicht nur zuschauen, wenn Rechtsextreme demokratiefeindliche Positionen und Parolen vertreten. Wer auch immer so eine Idee hat, sollte sich an mich wenden und dann mit mir besprechen, wie diese umgesetzt und gegebenfalls unterstützt werden kann. Wir haben da ja mit den beiden Programmen zwei Möglichkeiten, was sehr gut ist und es uns auch erlaubt flexibel zu sein. Alle weiteren Vorgänge werden dann direkt oder indirekt gecoacht. Mal helfe ich persönlich beim Ausfüllen von Förderanträgen, mal machen das aber andere ebenfalls im Projekt engagierte Personen. Aber eigentlich ist es so einfach aufgebaut, dass das jeder hinbekommt. PC und Internet reichen oder auch Telefon und Briefkasten. Und wenn das nicht hinhaut, dann komme ich einfach raus. Vielleicht sollte sich jeder selbst ein Bild machen und

auf unserer Webseite nachsehen: www.gewalt-gehtnicht.de und www.toleranz-schwalm-eder.de. Begriffe wie Förderrichtlinien, Lokaler Aktionsplan und Leitlinien sind nicht gerade in der breiten Öffentlichkeit verankert, wie hilfst Du den Projektträgern diese zu verstehen und zu verinnerlichen? Das sind Titel, die wir zum Teil vom Bundesprogramm vorgegeben bekommen.Auf der eben erwähnten Internetseite www.toleranz-schwalm-eder.de ist eine Rubrik „So geht’s!“ zu finden. Da wird man gut durch die einzelnen Schritte begleitet. Am Ende ist auch eine Legende mit den Begriffserläuterungen aufgeführt. Falls ihr aber was findet, was zu kompliziert oder unverständlich ist, dann meldet Euch bei mir, ich will das dann gern beheben. Welche(n) Tipp(s) würdest Du jemandem geben, der versucht ein eigenes Projekt ins Leben zu rufen? Am Anfang ist immer die Idee. Das Projekt kann erforderlich sein, das kann gewünscht sein, das kann aber auch einfach nur Spaß machen. Egal wie und was, traut Euch die Ideen an mich weiter zu geben und dann sehen wir weiter. Und bei Ideen gilt sowieso, „Denken ist erlaubt und nichts ist zu abwegig, um nicht vielleicht mal ausgesprochen zu werden“. Muss halt nur mit dem Thema unserer Projekt zu tun haben. Die Fördersummen für TFKS-Projekte laufen aus und noch ist unklar, ob neue Mittel bereitgestellt werden. Was kann das Netzwerk konkret leisten, um die Fördergelder auch über 2014 zu sichern. Ja, das macht uns auch Kopfzerbrechen. Wir haben gerade vor ein paar Tagen den sehnsüchtig erwarteten Förderbescheid für 2013 bekommen. Wir kriegen bis zu 90.000 Euro. Aber das ist das letzte zuverlässige Förderjahr im Bundesprogramm TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN.


Gud so | Interview

Wir hoffen in eine zweite Förderperiode, mit dann deutlich geringeren Zuschüssen zu kommen, die uns aber immerhin 40.000 Euro, 30.000 Euro und im Jahr 2016 dann noch 20.000 Euro bringen würde. Das würde helfen, das vielfältige und wirklich tolle Engagement bei uns im Kreis weiter zu unterstützen. Drückt uns also die Daumen! Für ein Onlinemagazin mit dem Schwerpunkt Musik wäre es fast fahrlässig eine beliebte Frage nicht zu stellen: Wie heißt deine erste Platte, die Du Dir von Deinem Taschengeld gekauft hast? Das war die Scheibe „Gone to earth“ von Barclay James Harvest. Die hab ich in 1978 gekauft und täglich rauf und runter gespielt. In 1979 hatte ich das Glück die Jungs in der Kasseler Eissporthalle live zu sehen. Da kriege ich noch heute Gänsehaut, war immerhin mein erstes Konzert mit 13 Jahren. Musik ist Teil der Individualisierung des Menschen, bist Du einer Musikrichtung in den vergangenen Jahren vorrangig treu geblieben oder gab es Veränderungen im Laufe der Jahre? Ich kann und will mich da nicht festlegen. Ich kann Euch auch gar nicht sagen, was im Augenblick mein Favorit ist. Musik macht aber viel mit mir und meinen Emotionen. Ich habe selbst klassische Trompete gelernt und auch das Glück gehabt in einem Blechbläsersextett Konzerte zu geben. Bis heute genieße ich es immer wieder mal klassische Musik zu hören, insbesondere um ruhiger und auch mal melancholischer zu werden. Aber ansonsten bin ich offen und freue mich immer über gut beherrschtes Handwerk. Stephan mal ehrlich: welchen Beitrag kann Musik bei der positiven Sozialisierung junger Menschen überhaupt leisten? Das ist es ja. Musik ist super emotional und kann sowohl positive, aber auch negative Emotionen ver-

stärken. Grundsätzlich ist es super, wenn du es hinbekommst selbst Musik zu machen. Das ist ein wirklich gutes Gefühl ein Instrument so zu beherrschen, dass du damit auch eigene Emotionen ausdrücken kannst. Und dafür musst du das Instrument noch lange nicht super gut beherrschen. Außerdem ist es eine tolle Erfahrung Musik gemeinsam zu machen. Sing einfach mal mit mehreren Leuten, das macht auch schon was mit dir. Seit vielen Jahren begegnen mir immer wieder junge Menschen die selbst Musik machen. Und die sind überwiegend gut drauf. Sie organisieren sich selbst, halten engen Kontakt mit guten Kumpels und haben immer wieder das gute Gefühl des gemeinsamen Musikmachens. Ich glaube, dass die auch alle irgendwie im Unterbewusstsein wissen, dass Musik die einzig echte Weltsprache ist. Wenn du das mal begriffen hast und auch so lebst, dann hast du automatisch vor allen anderen Musikmachern und Musikhörern auf der Welt Respekt. Das ist eine globale Verbindung und riesige kulturelle Gemeinsamkeit. Und das macht dann auch tolerant!

Stephan vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen – zum Abschluss nehmen wir dich in das musikalische Kreuzverhör: (Antworten unterstrichen)

Musik hörst Du lieber live vor der Bühne oder aufgenommen aus dem Lautsprecher? Deine Musiksammlung ist überwiegend: Analog oder digital? Morgens wachst du auf mit: Radiowecker oder traditionellen Alarmton? Unter der Dusche: Singst Du selber oder hörst Musik? Runder Geburtstag: DJ oder eigene Playlist? Beim Arbeiten: Lenkt Dich Musik ab oder sorgt für Kreativität?

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Musiker im 21. Jahrhundert: Teil der digitalen Show mit enger Bindung zu den Fans Das Internet hat uns voll im Griff. Viele Serviceangebote, insbesondere aus dem Konsumbereich, haben sich online etabliert und können digital bezogen oder rezipiert werden. Aber wie kam es zu dieser Entwicklung? Inwiefern bietet die Digitalisierung Chancen und Risiken für Künstler und Bands? Henrietta zeigt es Euch an Beispielen aus der Historie der vergangenen Jahre auf. Musik gibt es schon länger als wir uns vorstellen können. Früher konnte allerdings ein Song nicht einfach aus dem Internet geladen werden, wenn man ihn hören wollte. Lieder wurden ausschließlich live gespielt und rezipiert, bevor sich Möglichkeit entwickelten die Musik auf einem Trägermedium festzuhalten. Die Geschichte der Musik und die Geschichte der Technik hängen also stark zusammen. Angefangen hat der „grenzenlose Musikkonsum“ mit den Tonbandgeräten. Sie ermöglichten einen (wenn auch nicht ganz rauschfrei) Konsum an Musik, wann immer man auch wollte. Aufnahmen wurden „damals“ erstens noch im Tonstudio gemacht und zweitens mussten die Instrumente entweder zeitgleich und parallel oder im Playbackverfahren aufgenommen werden. Spielfehler konnten nur durch eine Neuaufnahme behoben werden. Durch die analogen Synthesizer, die in den 80ern stark an Popularität zunahmen, wurden die Klangerzeugung und die Bearbeitung auch virtuell möglich. Heutzutage ist diese Technik schon weit fortgeschritten. Während früher für die Aufnahme von Musik noch ein professionelles Tonstudio nötig war, lassen sich die Inhalte heute selber produzieren. Und das Zuhause! Wer ein virtuelles Studio auf dem Computer hat, weiß, dass die Qualität darunter nicht leiden muss und die Aufnahme sogar noch um einiges günstiger ist. Die Frage hierbei ist allerdings: Werden Musiker nicht eigentlich unbedeutend, solang es virtuelle

Instrumente gibt? Schließlich kann jeder mit etwa Know-how einen kompletten Song mit mehreren Instrumenten aufnehmen und die instrumentalen Spielfähigkeiten stehen dabei im Hintergrund, denn der Zeitpunkt eines Tons kann auf Millisekunden genau eingestellt werden, genauso wie seine Dauer, die Lautstärke und seine Tonhöhe. Natürlich sind Musiker an sich jetzt nicht mehr so essenziell um die Musik aufzunehmen; was wäre die Musikwelt allerdings ohne Konzerte? Und hier darf der Künstler nicht fehlen. Doch auch in der Welt der Livemusik zeigt die Digitalisierung ihre Wirkung: durch perfekte Aufnahmen erwarten viele Zuhörer gerade bei den Superstars eine genauso perfekte Liveshow. Konzerte von Künstlern wie beispielsweise Madonna müssen auch in den großen Hallen klingen wie vor der heimischen Dolby-Surround-Anlage. Bei größeren Konzerten werden wir Zuhörer deshalb meist von visuellen Inszenierungen überflutet; wir hören Musik hier kaum noch, sondern wir sehen sie. Oft werden solche Konzerte auch für die kommerzielle Verwertbarkeit aufgenommen, um weitere Einnahmequellen zu sichern. Das ist nötig, weil die Digitalisierung nicht nur positiven Fortschritt mit sich bringt. Durch die massenhafte Reproduzierbarkeit von Medieninhalten gibt es einen erheblichen Rückgang der Verkaufszahlen von Tonträgern. Der in den 70ern entwickelte Kassettenrekorder vereinfachte das Kopieren von Musikinhalten und als dann die CD als erste Möglichkeit Musik nicht nur analog, sondern auch digital zu speichern, auf den Markt kam wurde es immer einfacher Musik an Dritte weiterzugeben und so oft zu kopieren, wie man wollte. Das Medium Internet entkoppelt die Musik von ihrem physischen Trägermedium und bietet massenhaft Möglichkeiten, Musik zu hören und zu downloaden. Durch Musikdownloads im In-


Musik im 21. Jahrhundert | Digitalisierung

ternet können Lieder (teilweise sogar kostenlos – ist zwar illegal, schreckt aber nur wenige ab) auf andere Geräte kopiert werden und dadurch super einfach verbreitet werden. Das sogenannte „Streaming“ ermöglicht zwar keine Abspeicherung, allerdings kann man hier gegen eine (meistens) monatliche Gebühr jederzeit Musik abspielen. Heute ist es viel einfacher Zugang zu Musik zu bekommen, da die Digitalisierung uns die Nutzung von Musik schneller, billiger und vor allem grenzenloser anbietet. Falls überhaupt noch CDs verkauft werden, dann immer öfters im Internet; viele Musikläden mussten schon schließen, da diese einfach nicht mehr von ihren Einnahmen überleben können. Trotzdem führt die CD laut www.musikindustrie.de aktuell die Absatzstatistik an. Auf der Überholspur sind allerdings Einzeltrack-Downloads, die 2011 um 25 Prozent stiegen. Musikvideo-Portale wie YouTube oder MyVideo dominieren mittlerweile die Musiknutzung im Internet und diese Art von Musikkonsum wird wohl weiterhin zunehmen. Ein großer Vorteil der Digitalisierung für Musiker ist allerdings die leichte Erreichbarkeit und Nähe zu Fans. Fast jede Band hat mittlerweile ein FacebookProfil, wo sie ihre Fans auf dem Laufenden halten und mit ihnen kommunizieren können. Bands und Musiker haben sogar teilweise eigene Apps, durch die sie ihre Fans auf dem Laufenden halten: in Echtzeit informieren. Die Arctic Monkeys beispielsweise sind durch MySpace bekannt geworden, da ihre Songs dort hochgeladen wurden oder Cro’s Video zu „Easy“ wurde über zwei Millionen mal auf YouTube gesehen. Obwohl die Künstler vorher unbekannt waren, kann das Internet wahnsinnig schnell für Bekanntheit sorgen. Einfacher ist es auch geworden internationales Publikum anzusprechen, denn auf die Musik im Internet hat so ziemlich jeder Zugang, schließlich steht www für „World Wide Web“. Henrietta Bauer

Foto: suze / photocase.com

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Konzertmitschnitte zwischen Bühne und Wohnzimmer der Künstler

Musik im 21. Jahrhundert | LaMosiqua

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// Konzertmitschnitte zwischen Bühne und Wohnzimmer der Künstler

Das Projekt LaMosiqa filmt Live-Acoustic-Sessions von Musikkünstlern in natürlicher Umgebung: Die Songs werden auf der Straße, in der Fußgängerzone, im Park oder anderen interessanten Orten performed. Dabei sind die Aufnahmen des Projekts LaMosiqa experimentell und künstlerisch mit vielen Unschärfen und außergewöhnlichen Kameraeinstellungen. Steffen stellte Christian Kell vom LaMosiqa-Team ein paar Fragen über die seit 2012 kontinuierlich wachsende Videosammlung. In Deiner Anfrage im Vorfeld des Musikschutzgebiet-Festival 2012 war bereits ein passwortgeschützter Link zu einemVideo aus der nun veröffentlichten LaMosiqa-Reihe. Das Ding ist doch von langer Hand geplant. Wann habt Ihr das Konzept entwickelt und was sind eure Intentionen hinter LaMosiqa? Hallo Steffen, ich freue mich sehr, dass Du Interesse an unserem Projekt hast! Die Idee der LaMosiqa One-Shot-Sessions entstand im Dezember 2011. Die erste Kamera und das dazugehörige Tonequipment wurde gekauft, die ersten

Sessions wurden gedreht und nach und nach entwickelte sich ein kleines Netzwerk. Bis zur Veröffentlichung der Internetseite lamosiqa.com im Dezember 2012 wurden über 20 Sessions aufgenommen. Unsere Intention dabei ist das Fördern der Künstler – natürlich wurden wir dabei durch andere Formate inspiriert und hatten einfach Lust etwas in der Kombination von szenischen Bildern und toller Musik zu drehen, um Abwechslung von dem täglichen TV-Formaten (wir alle sind beruflich Fernsehkameramänner) zu haben. „One-Shot-Sessions“? Seid ehrlich! Gibt es wirklich nur den einen Versuch für den Videodreh oder doch mehrere Einstellungen, die nachträglich zusammengeschnitten werden? Das kommt darauf an! Hat der Künstler genügend Zeit mitgebracht, drehen wir zur Sicherheit gerne mehrere Varianten, so dass wir den besten Take auswählen können. Oftmals ist es aber so, dass der Künstler nur sehr wenig Zeit hat und seine Songs nur einmal spielt – dann muss natürlich alles auf Anhieb klappen! Grundsätzlich drehen wir nur mit einer Kamera und innerhalb der Songs gibt es keine Schnitte. Dass ist unser künstlerischer Anspruch und eine große Herausforderung!


Paradoxerweise wurden Musikvideos vor ein paar Jahren aus den traditionellen Musikvideosendern wie MTV oder Viva durch Serien- und Realityformate verdrängt. Soll LaMosiqa so auch eine Alternative im Internet darstellen, wie beispielsweise die Onlineplattformen tape.tv. oder myvideo.de auf denen gezielt Musikvideos rezipiert werden können? Das ist richtig, auch wir bedauern es, dass reine Musiksender anscheinend nicht mehr ohne solche Formate auskommen. Der Trend geht immer mehr zum Online-Schauen, da es im Internet einfacher möglich ist zu selektieren was einem gefällt und was nicht – Youtube-Party statt stumpfes Fernsehen. Mit LaMosiqa bieten wir den Leuten die Möglichkeit, auch Musik von Künstlern abseits des Mainstreams zu finden. Wir wollen einfach gute Musik verbreiten und sie den Leuten näher bringen, die sich genau wie wir für manchmal eher unbekannte, aber deswegen nicht weniger begabte Künstler begeistern. Um sie einem möglichst breiten Publikum zur Verfügung zu stellen, nutzen wir die Plattformen You Tube und Vimeo. Ist LaMosiqa eine Art Bewegung „back to the roots“, denn bei einer Live-Acoustic-Sessions zeigt sich nun wirklich, ob der Künstler sein Handwerk beherrscht. Warum habt Ihr diesen Ansatz gewählt? Ja, genau das ist es, was wir wollten: Die Musik pur und „ohne künstliche Zusatzstoffe“ präsentieren und genau das zeigen, was auch die Künstler von sich präsentieren wollen. Wir möchten einfach näher dran sein als es beispielsweise bei einem Konzertmitschnitt der Fall wäre und befinden uns mit unseren Sessions zwischen Bühne und Wohnzimmer des Künstlers. Diese Art der Präsentation schafft eine einzigartige Atmosphäre und gibt den Künstlern die Möglichkeit, ihre Musik mal ganz neu auszuprobieren. Überwiegend habt Ihr bisher regionale Künstler oder Bands im Umfeld von Auftritten in Nordhessen gefilmt. Spricht sich Eurer Projekt bereits rum oder geht Ihr weiterhin gezielt auf interessante Musiker zu beziehungsweise seid zudem offen für Anfragen aus der ganzen Welt und trudeln diese kontinuierlich ein?

Ein paar Anfragen haben wir schon bekommen, doch hauptsächlich gehen wir gezielt auf die Musiker zu. Unser Netzwerk wächst aber stetig und die ersten Sessions mit internationalen Künstlern gehen demnächst online!

Christian vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen – zum Abschluss nehmen wir Dich in das musikalische Kreuzverhör: Musik hörst Du lieber live vor der Bühne oder aufgenommen aus dem Lautsprecher? Ich schätze das ist eine Frage der Band – nicht jede Band ist live so gut wie auf der CD oder andersherum. Jedoch ist das Feeling bei einem Livekonzert etwas ganz fantastisches! Deine Musiksammlung ist überwiegend: Analog oder digital? Meine Musiksammlung ist überwiegend digital, ich denke das ist heutzutage normal. Ich freue mich aber immer riesig über eine neue und handfeste CD, die uns die Künstler mitgeben, mit denen wir gerade eine Session gedreht haben. Ich hoffe sehr, dass die analogen Tonträger nicht aussterben! Morgens wachst Du auf mit: Radiowecker oder traditionellen Alarmton? Ich brauche leider einen klassischen, schrecklich klingenden Alarmton zum Aufwachen – mit Musik als Weckton besteht bei mir die Gefahr des Wiedereinschlafens. Unter der Dusche: Singst Du selber oder hörst Musik? Meistens beides! Runder Geburtstag: DJ oder eigene Playlist? Ich bin der DJ mit meiner eigenen Playlist! Beim Arbeiten: Lenkt Dich Musik ab oder sorgt für Kreativität? Ich mag es, wenn im Hintergrund leise Musik läuft – es würde mich eher beunruhigen, wenn es um mich herum still und leise wäre. Beispielsweise höre ich auch gerade bei der Beantwortung dieser Fragen Musik.


Musik im 21. Jahrhundert | LaMosiqua

KITTY SOLARIS Talking to Turtles Stella Roin - Under Stars and Moons Stella Roin - Seasons Stella Roin - Malou

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Wie eine Katze die Musik ver채nderte


Musik im 21. Jahrhundert | Wie eine Katze die Musik veränderte

Das Logo zierte ein Katzenkopf mit Kopfhörern und sieben Buchstaben. Napster. 1999 ging die Musiktauschbörse oder im Internet Jargon: FilesharingPlattform ans Netz und mit einem Mal war nichts mehr wie vorher. Das war zwar kaum jemandem anfänglich bewusst, aber die Götterdämmerung für die Musikindustrie hatte begonnen. Musik für nichts aus dem Internet runterladen – auch wenn das anfänglich dank ISDN-Geschwindigkeit noch ewig dauerte. In den Folgejahren verlernten viele Menschen für Musik zu bezahlen, der Absatz von CDs sank kontinuierlich und die Plattenfirmen stürzten sich in Kriminalisierungsmaßnahmen und Lobbyarbeit, um den illegalen Downloadern an den Kragen zu gehen. Dass der Ruf nach harter Bestrafung kein fehlendes Geschäftsmodell ersetzt, drang mit Verzögerung auch bis in die Geschäftsetagen durch. Man wollte schließlich weiter von silbernen Tellern essen. Mittlerweile hat die Musikbranche ihr Geschäft digitalisiert und der Verkauf digitaler Inhalte kompensiert die sinkenden CD-Verkäufe einigermaßen. Das Wehklagen der Plattenfirmen ist deutlich leiser geworden. Zwischenzeitlich war es so laut, dass man diejenigen vergaß, die für die wohligen Klänge, die aus den Wohnzimmerboxen fließen, verantwortlich sind: die Musiker. Für die hat sich noch weit mehr geändert als für die großen Labels. Das Internet hat die Produktion eigener Musik unwahrscheinlich vereinfacht, auch wenn das www Talent selbstverständlich nicht ersetzt. Die Möglichkeiten der Verbreitung der eigenen Musik haben sich durch soziale Netzwerke ungleich potenziert und schaffen eine ganz neue Nähe zwischen Musiker und Bands. Einer, der das heute und gestern sehr gut kennt, ist Matthias Kranz, Bandmanager, Booker und Bassist der Hamburger Band

Wilhelm Tell Me. Er hat für uns die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Musiker aufgegriffen, die Vor- und Nachteile erläutert und den Blick in die Glaskugel gewagt. Matthias, sind wir mal ehrlich: Kann man als Musiker heutzutage überhaupt noch Geld verdienen?   Das lässt sich schwierig beantworten. Das fängt schon mit der Definition „Musiker“ an! Ist man Einzelkünstler? Ist man Session-/Livemusiker für verschiedene andere Künstler und Bands? Ist man gleichzeitig auch Komponist? Welchen Karriere- und Lebensweg strebt man überhaupt an? Es ist alles sehr vielschichtig und deshalb nicht in der Kategorie „Musiker“ zu beantworten. Grundsätzlich finde ich es aber immer wichtig heraus zu stellen, dass auch nicht alle „Fußballer“ vom Fußballspielen leben können.   Du kennst noch die analoge Zeit und hast die Digitalisierung der Musikindustrie beobachtet und miterlebt? Welches ist der größte Vorteil für junge aufstrebende Musiker gegenüber der vermeintlich guten alten Zeit?   Na klar, das Internet. Die unglaublich breite Öffentlichkeit und Verbreitung, die man mit seiner Musik durch das Netz und seine einschlägigen Portale bekommen kann. Jeder kann durch das Hochladen seiner Musik zumindest schon mal seinen Song fast der ganzen Welt öffentlich machen und mit ihr in Austausch treten. Wie viele Menschen man damit dann erreicht, das hängt natürlich wieder von vielen anderen Faktoren ab – nicht zuletzt von der Qualität. Aber es gibt sie ja jeden Tag, die Internet-Phänome-

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ne. Und die Musikszene ist durch das Internet auch vielschichtiger geworden. Viel mehr ist möglich, viel mehr kann ausprobiert werden. Aber klar ist auch: In der Fülle des Internets auf einer höheren Ebene wahrgenommen zu werden, das ist schon die Ausnahme. Aber noch vor 15 Jahren war die Chance, dass man als Musiker/Band aus einem nordhessischen Dorf irgendwo außerhalb des 20 Kilometerumkreises „Gehör“ fand, im Grunde ausgeschlossen – auch wenn der „Plattenvertragstraum“ natürlich von jedem geträumt wurde.   Ich muss aber auch noch etwas heraus stellen, nämlich die großen Fortschritte in Hinsicht auf Aufnahme- und Produktionsmöglichkeiten. Das ist einfach totaler Wahnsinn. Vor eben jenen 15 Jahren habe ich mit meiner damaligen Band für eine CD-Produktion noch auf Kassette aufgenommen – und wir hatten acht Aufnahmespuren zur Verfügung. Heute kann man mit Hilfe eines Rechners und ein bisschen passender Hard- und Software schon Aufnahmeergebnisse erzielen, für die man damals seine Seele verkauft hätte.   Nachdem Wilhelm Tell Me das erste Album „Excuse My French“ noch ganz klassisch auf CD und sogar Vinyl releast hat, geht ihr nun einen ganz neuen Weg: Seit dem 8. Februar 2013 veröffentlicht ihr jeden Monat einen neuen Song. Was hat Euch zu diesem Schritt bewogen? Was versprecht ihr Euch von diesem Schritt?   Für uns ist das einfach der natürlichste und beste Weg, der uns unglaublich große Freiheiten und hoffentlich auch Chancen beschert. Eine Albumproduktion – eben gerade für uns, die wir alles selbst machen, von der Produktion bis hin zum Promoten und Verkaufen – ist vor allen Dingen ein unglaublich großer Stress und Druck. Man muss funktionieren und tausende Sachen auf den Punkt fertig bekommen. Und es muss alles zusammen passen. Die Titel, das Artwork, das Image, das Marketingkonzept, die Tournee und so weiter und so weiter. Man verwirft tolle Ideen, weil sie eben nicht auf das Album oder eben in die Zeit passen. Letztendlich schmeißt man so auch tolle Songs und wichtige Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten im wahrsten Sinne des Wortes weg.

 Auf der anderen Seite gehen auch viele tolle Songs auf einem Album unter – eben wenn sie nicht die „Singles“ sind die promotet und beworben werden. Uns geht es aber wirklich um das – den Song – jeden Einzelnen. Und das eben immer auch gerade in dieser Zeit, in der sie entstehen und sie aus uns heraus kommen. Wir können uns so viel besser ausprobieren und unseren Ideen sowohl im Entstehungsprozess als auch in Hinsicht auf die Veröffentlichung viel mehr Kreativität, viel mehr Raum und Aufmerksamkeit schenken. Und unsere Fans und die andere Öffentlichkeit hören und sehen quasi in Echtzeit, was uns beschäftigt und umtreibt.   Wagen wir einen Blick in die Glaskugel: Wie sieht der Musikmarkt in fünf Jahren aus?   Für den gesamten Labelbereich – auch für die kleinen Labels – geht es nach über 10 Jahren der Krise wieder bergauf. Schon in 2012 haben wir ja das Ende der Talfahrt erreicht und die Zuwächse aus dem Digitalgeschäft haben die Verluste aus dem sogenannten physischen Geschäft ausgeglichen. In den nächsten drei Jahren wird sich vor allen Dingen der gesamte Streamingbereich als erheblicher Wachstumsmotor erweisen, weil es eine neue digitale Vertriebsform darstellt, die eine große Masse an Musikhörern neu dazu gewinnt – zum Beispiel durch die Kopplung an Handyverträge. Und nebenbei führt es den „illegalen Download“ ad absurdum, weil die Musik sowieso in toller Qualität frei oder über eine Flatrate verfügbar ist. Im Jahr 2018 leben wir dann fast vollständig in der Streamingwelt. CDs und Vinyls werden für die Musikwirtschaft als Vertriebsformate im Grunde keinerlei Relevanz mehr haben und nur noch für Sammler von Bedeutung sein. Selbst eine Festplatte mit einer mp3-Sammlung entwickelt durch die allgegenwärtige Verfügbarkeit in der Cloud im alltäglichen Leben keinen Sinn mehr und wird wohl eher als eine Art musikalische Lebensversicherung in den Schrank gestellt.   Sehr schwierig wird es aber für den Live/Konzertbereich, der in den nächsten Jahren noch weiter in die Krise wandern wird. Zu viele Konzerte und Festivals, gesättigte Nachfrage und letztlich auch explodierende Gagen und Produktionskosten sind die Gründe hierfür.

Philipp Hühne


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Musik im 21. Jahrhundert | Wie eine Katze dieKategorie Musik ver채nderte | Artikel

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Musik im 21. Jahrhundert | Der Musiknazi

Aus den Boxen dröhnt der neueste Chartbreaker, irgendein fast unentdeckter Indie-Track oder auch bereits seit zwei Stunden das Elektroset bei der After-Show-Party. Alle drehen im Club durch. Nur eine Person steht mies gelaunt in der Ecke und wartet darauf, bis sich der Rest der Gruppe ausgetobt hat. Dies sind nämlich nicht auszuhaltende Zustände für den Musiknazi und irgendwann wird es vielleicht auch aus ihm rausplatzen. Man kann den Leuten ja nicht in die Köpfe gucken und seinen Mitmenschen fiel nur die kontinuierlich sinkende Stimmung auf. Egal ob private oder öffentliche Party, nach einiger Zeit fliegt er auf. Durch eine simple Aussage wird deutlich – er ist ein Musiknazi: „Musikstil XY kann ich gar nicht leiden, ich höre sowieso nur Lieder aus dem Bereich XY“. Bumm! Das hat gesessen, die Fronten sind erst mal verhärtet. Was kann man auf diesen Frontalangriff von zumeist vorher unbekannten Leuten antworten, die wir just in den Moment kennenlernen und die Reaktionen nicht abschätzen können? Jetzt ist große Diplomatie angesagt, die sicher nicht mit dem Satz „Ich höre eigentlich alles“ beginnen sollte. Diese Einstellung qualifiziert nämlich niemanden zu einem toleranten Menschen als den Musiknazi, denn dieser ist nicht zwangsläufig in allen gesellschaftlichen Bereichen auf eine Richtung fixiert. Die Betitelung als (Musik)Nazi bezieht sich schließlich nur süffisant auf die engstirnige Musikauswahl. Personen, die tatsächlich alle Genres inklusive allen veröffentlichen Songs ohne Ausnahme super finden, müssen sich auch vorwerfen lassen, keinen individuellen Musikgeschmack zu entwickeln und

sich stumpf berieseln zu lassen. Ein Satz wie „Ich höre eigentlich alles“ oder die Lieblingsmusikrichtung „Charts“ bekräftigt den Musiknazi in seiner Weltanschauung. Wenn nun also der Wunsch an den Musiknazi ist, mehr Toleranz zu zeigen, müssten die „Alles-Hörer“ dann auch lernen intoleranter zu werden? Um sich anzunähern, könnten doch beide Parteien den Kompromiss anstreben und aus den Songpools der diversen Musikgenres die Rosinen rauspicken für die gemeinsame Party. Was dazu der Gastgeber wohl sagt? Je nach Motto wahrscheinlich: „Das ist doch keine Kirmes oder Uniparty hier, sondern eine XY-Musik Party, lies doch mal den Namen auf dem Flyer!“ Hierbei hat der Veranstalter noch das Heft in der Hand. Auf Privatpartys kommt es aber teilweise zu Übergriffen extremistischer Musiknazis, die mit externen Speichermedien anrücken, den Platz an der Anlage blockieren und allen ihre Musik um die Ohren hauen. Musikwünsche werden ignoriert, vertröstet und verspottet als sollte der Abend des angesagten Underground-DJ mit David Guetta Songs gesprengt werden. Zurück bleibt oftmals ein unzufriedenes Publikums anstatt eines verstimmten Musiknazis, den der private Gastgeber oft noch nicht mal engagiert hat. Der Text bediente sich oft der männlichen Form – kann der Musiknazi denn auch weiblich sein? Ja! Erinnert Euch an den einen Moment, als ihr es gewagt habt die Musik der Lieblingsband Euer Schwester oder Freundin zu kritisieren. Hoffentlich sprecht ihr mittlerweile wieder miteinander und steht nicht allein in dieser dunklen Ecke im Club. Steffen Adams

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Blick 端ber den Tellerrand

Secret Island Nation Festival


Festivalszene | SIN

Was Festival? Lass mal Staat gründen…! Klar, Rock am Ring zieht immer noch die Massen. Aber vielen Festivalgängern ist ein Headliner-Gewitter im Blockbuster-Format einfach nicht mehr genug. Die Musik spielt für die meisten immer noch die Hauptrolle, aber man möchte sich auch wohlfühlen, Community-Feeling statt Massenabfertigung. Eine echte persönliche Bereicherung statt drei Tage Alkohol-Blackout. Für das Secret Island Festival – kurz SIN – erstickt sich der Gedanken des Community-Buildings nicht im Aufbau einer FacebookFanpage. Aus der Liebe zu elektronischer Musik ist ein soziales Experiment entstanden. Seit 2011 gründen 500 Musikliebhaber auf der schwedischen Insel Ulmsholm einen Staat –Sweutschland. Staatsräson: Techno im Einklang mit der Natur. „Eigentlich wollte ich mit ein paar schwedischen Freunden ein paar schöne Sommer in Göteborg verbringen. Am Ende war ich Sweutscher.“ Das Glück wollte es so, dass Marco, Student aus München, auf den letzten Drücker noch Karten für das SIN ergattern konnte. Und die sind nicht so leicht zu bekommen wie ein Ticket für Rock wo auch immer. 500 Tickets sind schnell weg, wenn ein Festival heißer Scheiß ist. Als Durchlauferhitzer dürfte sicher auch die Bundeshauptstadt dienen. Denn von hier kam die Idee und auch ein Großteil der Musiker und DJ’s, die auf dem SIN auftreten. Somit darf es auch niemanden verwundern, dass neben Schweden auffallend viele Berliner auf dem Felsen tanzen. Angefangen hat das SIN noch als reines Musikfestival in einer außergewöhnlichen und außergewöhnlich schönen Location. 72 Stunden auf der felsigen Insel zu elektronischer Musik feiern und die Natur Ulmsholms mit allen ihren Widrigkeiten genießen. Von Anfang an traten alle Musiker ohne Gage auf und auch die Verantwortlichen und Helfer engagieren sich hier ähnlich dem MSG unentgeltlich. Nach und nach verloren auch die Bewohner des Festlandes die Skepsis und wurden Teil des Festivals. Mit Booten übergesetzt verkaufen sie Lebensmittel an die Sweutscher. Vielleicht war es gerade die erfolgreiche Integration der Bewohner vor der Insel, die 2011 den letzten Anstoß zu dem sozialen Experi-

ment der Staatsgründung auf Zeit führte. Seitdem existiert Sweutschland – zumindest für fünf Tage im Jahr. Und deren Einbürgerunspolitik ist äußerst liberal: Ticket abgeben, persönliche Daten angeben, Bändchen umlegen lassen und schon sitzt man auf der Fähre gen Ulmsholm.

Aber wofür steht Sweutschland genau? Jeder Staat fußt ja im bestmöglichen Fall auf einem gemeinsamen Wertekanon. Der scheint im Falle Sweutschlands ein formbarer, aber nicht austauschbarer Begriff, zu sein, den jeder Bürger aktiv mitgestalten kann. „Wie viele gleichgesinnte Sweutscher habe ich sehr starke Meinungen zu unserem gegenwertigen System, das u.a. auf Ansammlung materieller Güter und das Aufsteigen in der sozialen Hierarchie durch Status und Wohlstand abzielt. Doch wir Sweutscher maßen es uns nicht an zu wissen, wer was wie besser machen sollte. Anstatt mit dem Zeigefinger rumzufuchteln und sich über das System zu beschweren, bietet Sweutschland die Plattform, um zu versuchen selbst ein „besseres“ System zu erschaffen und zu gestalten“, erklärt Björn Wurmbach, Hauptverantwortlicher von SIN, das Grundverständnis von Sweutschland. Und die Staatsform? „A participatory techno do-cracy“. Freiheit scheint das Bindemittel des Staates auf Zeit. „Wir überlassen den Bürgern selbst zu entscheiden, wie unser Zusammenleben angenehmer gestaltet werden kann. Es sind Ideale wie Gemeinschaft, Gleichheit, freie Meinungsäußerung, Liebe, Respekt für Mitmenschen, Techno und Natur, die uns vereinen und die wir in Sweutschland

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ausleben wollen.“ Die hohe Wertigkeit des Projekts hat auch die Europäische Union gegründet und unterstützt das SIN finanziell. Die Wahlmöglichkeit der Teilnahme scheinen die geheime Zutat des Festivals zu sein. Hier kann jeder mitmachen oder einfach entspannen und Sonnenauf- wie -untergang abwarten. Diese Außenansicht bestätigt auch Sweutscher Marco: „Man kann sich frei bewegen. Wer Lust hat, nimmt an beispielsweise an Debatten über Globalisierung oder einem Turntable-Workshop teil und wer nicht, der eben nicht. Man wird animiert sich zu beteiligen, aber ohne pushy zu sein. Jeder kann das machen, was er will.“ Bei all der Freiheit gibt es neben der Steuerpflicht in Form eines gültigen Eintrittstickets nur eine Verpflichtung: die Insel so zu verlassen, wie man sie vorgefunden hat – ohne Zigarettenstummel und RRavioli-Dosen. Ein fairer Deal mit Symbolik. Letztlich nimmt nicht nur jeder seinen Müll mit, sondern auch einzigartige Erinnerungen und wenn es nach Björn geht ein Sweutschland-Philosophie: „selbst Vorbild sein, bei sich selbst anfangen, statt nur zu reden. Live what you preach“.

Wer jetzt schon den Schlafsack für den Sommer 2013 einpacken möchte, muss leider noch etwas warten. Dieses Jahr wird das SIN ausgesetzt. Sich selbst gestatten die Veranstalter rund um Björn Wurmbach allerdings keine Atempause. „2013 gehen wir auf eine SIN-Tour durch einige Länder Europas. Dabei organisieren wir selber oder unterstützen Ableger bzw. Spin-offs von Sweutschern, die sich von SIN haben inspirieren lassen und versuchen somit die Sweutschland-Philosophie an anderen Orten weiter zu kommunizieren und neue Menschen zu erreichen“, erklärt Björn. Watch out! Philipp Hühne


Festivalszene | SIN

Link zum Video 端ber das Festival

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k n i L e b u t You


Eine trojanische List

Festivalszene | Eine Trojanische List

te h c e r d n u r G e h c s ti a r k o m Durch de estival

htsrockf legitimiertes Rec -----------------------------unterwandert ----------

t is L e h c is n a j o r t e in e h durc Es klingt unglaublich: knapp 70 Kilometer südlich von Leipzig versammeln sich schon seit zehn Jahren einmal jährlich Rechtsradikale, um auf dem größten Neonazi-Festival Deutschlands ihr Gedankengut zu rechten Rockbands zu feiern. Und das ist sogar erlaubt. Wie kann das passieren? Ganz einfach: Die NPD deklariert die Veranstaltung als politische Kundgebung, die Stadt ist deswegen in der Pflicht, der Partei einen öffentlichen Ort dafür zuzuweisen. Verhindern kann man dies nicht, da sonst auch demokratische Parteien kein Recht mehr hätten, Veranstaltungen zu organisieren. Die einzigen Einschränkungen sind das Verbot von rassistischen oder ausländerfeindlichen Sprüchen, Alkoholkonsum und das Abkleben von Tattoos mit verbotenen Symbolen. Mehr kann man nicht machen. Zwar stehen Jahr für Jahr Gegendemonstranten hinter dem Bauzaun, der das Gelände umgibt. Auch die Polizei ist anwesend, aber das Festival ist Ausdruck dafür, dass die Rechtsideologie ist in der Mitte der Gesellschaft präsent. So zog beispielsweise die NPD 2009 mit 5,6 Prozent der Stimmen in den sächsischen Landtag ein. Laut dem Verfassungsschutzbericht gab es in Deutschland allein 2011 mehr als 130 Rechtsextreme Konzerte, die durchschnittlich von rund 150 Personen besucht wurden. Diese Zahlen sind gestiegen, 2009 waren es 125 Konzerte mit durchschnittlich 120 Besuchern. Auch in der Musikszene verbreiten sich rechtsextreme Bands und Musikvertriebe immer mehr, in Deutschland gibt es 178 (!) Bands und 91 Vertriebe, die nationalsozialistische Musik in die rechte Szene bringen.

Auch die Merchandising-Artikel auf diesen Festivals erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. T-Shirts, Buttons, Sticker werden in riesigen Mengen produziert und verkauft. Die Organisation EXIT hilft Aussteigern aus der Szene und landete 2012 einen Treffer: EXIT schickte ein Paket mit schwarzen, szenegerechten T-Shirts als anonyme Spende an die Veranstalter – diese verteilten die Shirts kostenlos. Doch nach dem ersten Waschen zeigte sich das „wahre Gesicht“ derTextilien: sichtbar waren nun die Kontaktdaten von EXIT. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, der vielleicht manche zum Umdenken bewogen hat. Antonia Mohr

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Unser MSG | Festival 2012

Überfülltes Megafestival? Nein, danke.

Schon zum achten Mal begrüßte das Musikschutzgebiet-Festival Neulinge, Kenner und Freunde des guten Geschmacks in Frage Musik auf dem Grünhof in der Nähe von Homberg (Efze). Das Konzept des 3-Tage-Festivals strebt danach, Künstler zu unterstützen. Es geht vor allem darum, jung aufstrebende regionale Bands der Welt zu zeigen und sie in einer entspannten Atmosphäre kreativ und künstlerisch frei sein zu lassen. Hier wird familiäre Atmosphäre und non-profit vor kommerzielle Massenüberflutung gestellt. Der Vorverkauf für das MSG 2012 ging durch die Decke. Vier Wochen vor Beginn meldete das Musikschutzgebiet erstmals vorzeitig ausverkauft. Die Organisatoren legten ein grandioses, ebenso vielfältiges Line-up vor mit Bands wie Die Orsons, Cro, I Heart Sharks, Robot Koch, Fuck Art, Let’s Dance, Abby und vielen mehr. Drei Tage voller Bereicherungen, Entdeckungen und Überraschungen lagen vor den 2.200 Besuchern. Der Grünhof glänzt mit nordhessischen, idyllischem Charme. Inmitten von grünen Feldern liegt das Gelände des Festivals. Vom Zeltplatz führt der Weg in Richtung eines alten Guts, in dessen Innenhof sich die Mainstage befindet. Zwei weitere Bühnen sind in den umliegenden Scheunen aufgebaut. 2012 gab es für den Hunger zwischendurch vom morgendlichen Frühstück bis zum veganen Linseneintopf alles, was das Camperherz begehrt: Es ist an jeden gedacht. Auch Kinder sind hier gern gesehen und erwünscht. Die Liebe zum Detail und der Sinn für das Ganze gehen Hand in Hand.

Das Gefühl auf dem Grünhof ist etwas besonderes, hier stehen Bands im Scheinwerferlicht und genießen genauso gern den Blick auf der Bühne. Musikalisch kann sich jeder Besucher an den verschiedensten Stilrichtungen erfreuen. Das Line-up ist wie eine Wundertüte, in er sich kleine Musikschätze befinden. Es wird keine Genreschublade aufgezogen, die eine bestimmte Zielgruppe bedient, sondern die Neugier und Toleranz von allen gegenüber jeder Band wird durch die Vielfalt gefördert. Adé dem Rumgequetsche um die beste Sicht und endlich die Möglichkeit wirklich das gesamte Lineup sehen zu können. Hier gibt es keine Überschneidungen, nur Übergänge. Auch die Auswahl der Bands konnte das Publikum ´2012 mitbestimmen. Nach der Bewerbungsphase wurden durch ein Online-Voting junge Künstler per Klick rangiert. Die Gewinner eröffneten die achte Festivalauflage. Das Musikschutzgebiet bietet den idealen Platz, um mit guten und neuen Freunden ein wunderschönes, entspanntes Wochenende zu erleben und die Liebe zur Musik friedlich zu teilen. Für 2013 ist der 31. Mai bis 2. Juni rot umkreist in jeden Terminplaner eingetragen. Denn auch ohne die Bands vorher zu kennen, ist die Anreise zum Grünhof alle Mühe wert. Ich komme wieder.

Franziska Becker

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international national ab 100km überregional 50 bis 100 km

20,53% lokal bis 15km

20 1 0: 27,55% 2009: 16,66%

∅ 21,58% 2011: 38,88% 2010: 31,12 % 2009: 37,54& 2011: 12,7% 2010: 17,24% 2009: 16,65% 2011: 27,15% 2010: 24,09% 2009: 29,15% 2011: 0,74% 2010: 0% 2009: 0%

∅ 26,80%

SchwalmEder-Kreis

∅ 15,53%

regional bis 50km

∅ 35,85%

MSG

2011

Regionales

Bei mehreren hundert Gästen auf dem Grünhof kann nur gemutmaßt werden woher die Festivalfans anreisen. Anhand der Auswertung aus Onlineticketverkäufen lassen sich aber Besucherstrukturen darstellen. Ohne den Namen des Ticketbesitzers zu kennen, lässt sich auswerten welche Postleitzahl beim Kauf angegeben wurde. Fast dreiviertel der Besucher kommen aus einem Radius bis zu 100 Kilometer, davon wiederum durchschnittlich rund 22 Prozent aus 15 Kilometer und etwa 36 Prozent aus maximal 50 Kilometer Entfernung. Zudem erfasst die Grafik nicht die verkauften „Hardtickets“, die in den vergangenen Jahren beispielsweise im Wild Wood oder bei den Geschäftsstellten der Kreissparkasse Schwalm-Eder verkauft wurden – damit ist sicher: Auf dem Musikschutzgebiet trifft sich die Region.


Unser MSG | Festival 2012

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Hinter einem Festival stecken viele helfende Hände. Wenn man genau hinsieht, sieht man einige am Festivalwochenende wuseln und anpacken. Doch vieles geschieht im Verborgenen. Zur langfristigen Planung für ein Großevent bedarf es viele musikbegeisterte Organisationstalente im Bereich Künstlerbooking und -betreuung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Bühne und Außenbereich, Licht und Technik, Ordnung und Sicherheit sowie der Gastronomie. Damit am Freitagnachmittag auch die Openerband das Festival mit sattem Sound eröffnen kann, haben die Köpfe schon einige Monate Vorarbeit geleistet. Um nicht erst eine Woche vor Festivalbeginn eine Festivalbühne zu suchen, wird im Vorfeld ein grober Fahrplan erstellt, um wichtige Deadlines einzuhalten. Wie so etwas grob gezeichnet aussehen kann, seht Ihr exemplarisch hier:

• Drucktermin für Festivalmagazin • Treffen mit Musikschutzgebiet Verein • Deadline für Fertigstellung der Anzeigen in Festivalmagazin • Festival-Einlassbändchen bestellen

• • • •

Drucktermin für das Promotionmaterial Gewinnspiel Ankündigung Briefing des Streetteams Technische Materialbestellung fürs Festivalgelände • Textierung und Gestaltung des Festivalmagazins

Franziska Becker

• Newsletter mit Bandbewerbungsfrist und Vorverkauf der Tickets

Januar

Feb

r ua r

• Gestaltung des Promotionmaterials (Poster, Flyer, Aufkleber) • Anmeldung für freiwillige Helfer • Beginn des Bandvotings um den letzten Spielplatz im Band Aufgebot • Erste Band Ankündigungen • Angebotsfixierung für sanitäre Anlagen und zahlreiches technisches Gerät • Ende Bandvoting • Ausschreibung Künstler fürs Festival • Sammlung der Künstlerinfos für Webseitentexte und Festivalmagazin

M

z r ä


z

• • • • • • • • •

Ende Anmeldung für freiwillige Helfer Streetteam wirbt mit Festivalmagazin Bestellung des Verbrauchsmaterials der Infrastruktur Versand des letzten Festivalnewsletters Briefing der freiwilligen Helfer Deadline Suche materieller Spenden GEMA anmelden Aufbau des Festivalgeländes an den Wochenenden Bekanntgabe der letzten Band

A

l i pr

Mai

Unser MSG | Zeitplan

• Wechselgeld bestellen • Festivalbeginn • erste Fotos auf der Website veröffentlichen und einen Zwischenbericht an Medien senden • Abbau des Festivalgeländes

Juni

MUSIKSCHUTZGEBIET PLANEN

WIE GEHT DAS? Worterklärungen:

Bandvoting: Platzierung von Bands durch Stimmenvergabe Booking: Buchung von Bands, Künstlern und DJs im Rahmen einer Veranstaltung Briefing: Kurze Einweisung der Helfer über ihren Einsatz Deadline: Abgabeschluss GEMA: Die deutsche, vereinsrechtliche Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte vertritt die Urheberrechte der Musik von Künstlern und Verlegern und zahlt diese aus Newsletter: ein Informationsbrief, der als E-Mail über einen Verteiler regelmäßig an viele Empfänger gesendet wird Promotion: Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, der die Werbung in Radio, Fernsehen und der Presse bezeichnet Streetteam: Freiwillige Helfer machen durch Aufkleber, Flyer und Poster in beheimaten Städten Werbung für eine Veranstaltung

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Unser MSG | Prinzessin des Booking

Die Prinzessin des Booking

Henrietta ist 18 und hat sich in einer rasanten Karriere von der Praktikantin zum festen Mitglied des MSG-Teams entwickelt. Sie gibt Euch einen Einblick in die Bookingabläufe beim Musikschutzgebiet, die Sie in Vorbereitung auf das 2012er Festival vor Ort in Homberg und bei einem Praktikum in Hamburg praxisnah kennenlernte. Klar, ein Festival dreht sich nur um Musik, sonst wäre es kein richtiges Festival, aber wisst Ihr eigentlich, wie die Musik für ein Festival überhaupt zustande kommt? Das Musikschutzgebiet-Festival hat jedes Jahr um die 22 bis 25 Spielplätze mit allerlei unterschiedlichen Musikrichtungen zu bieten, da steckt natürlich auch ein großer Aufwand hinter. Als allererstes muss natürlich klar sein, wieviel Geld wir für das Booking der Künstler ausgeben. Dafür wird Ende Oktober/Anfang November eine Kalkulation erstellt mit der wir planen können, um die ersten Musiker und Bands zu kontaktieren. Es wird eine Art Brainstorming gemacht, in der alle Bands auftauchen, die wir gern buchen würden und die sich andere Vereinsmitglieder wünschen. Natürlich können wir nicht jede Wunschband finanzieren, weshalb wir uns erstmal genauer absprechen, was wirklich in unserem Rahmen liegt und welche Band welchen Slot (Spielzeit auf dem Festival) übernehmen könnte. Wenn die ersten Bands soweit fix sind, dann ist erstmal etwas Entspannung angesagt, denn bis Februar bewerben sich rund weitere 1.000 Bands, die natür-

lich auch sorgfältig ausgewählt werden sollten, damit Ihr ja das bestmöglichste Line-up bekommt! Wenn eine Band gebucht ist, müssen wir uns das Pressematerial (Texte, Fotos, Videolinks) besorgen sowie den Tech- und Hospitalityrider. Mit den Ridern lässt sich die Technik planen (Was wird beispielsweise an Ton- oder Lichtequipment benötigt?) und zudem wissen wir, ob die Musiker lieber vegetarisch essen möchten oder sich eventuell einige Liter Red Bull reingießen wollen. Im Februar gehen die ersten Line-up-Ankündigungen raus und das Bandvoting für Bands von regioactive beginnt. Das heißt genau, dass sich jedes Vereinsmitglied seine Favoriten raussuchen kann und im Endeffekt bekommen dann die Bands mit den meisten Stimmen auch den Platz auf dem Festival. Etwa zwei bis vier Wochen vor dem Festival müssen wir sogenannte Infosheets an die Bands rausschicken, damit diese alle wichtigen Infos auf einem Blatt beisammen haben. Beispielsweise Adresse und Anfahrt zum Festival, Rechnungsadresse, die Kontaktdaten von den Bandbetreuern, Stagemanagern und den Technik-Zuständigen, sorgen dafür, dass auf dem Festival alles reibungslos ablaufen kann. Wichtig sind natürlich auch die Zeiten, wann die Musiker vor Ort sein sollten, wann sie Soundcheck haben und die Zeit ihres Auftrittes. Wenn das alles geregelt ist, kann der Festivalmarathon beginnen – vollgepackt mit ner Menge Spaß, Stress und das Wichtigste: ganz viel Musik! Henrietta Bauer

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Mein

t e s r e s Mit Pasta und Panda -Mann Antonia ist 16 und war zum ersten Mal auf einem Festival. Als Nachwuchsjournalistin f체r das TFKS-Projekt erz채hlt sie von lauten Konzerten auf dem Musikschutzgebiet, langen N채chten und einem Treffen mit Cro.


Unser MSG | Mit Pasta und Panda-Mann

Freitag

10:00

Vollgepackt mit Zelt, Schlafsack und Reisetasche, ist die erste Entdeckung auf meinem Weg zum Zeltplatz weder die schöne Landschaft noch der idyllische Hof – mir fielen die riesigen Mengen an Essen und Getränken auf. Die Besucher schleppten massig Verpflegung in Dosen vom Parkplatz zu den zwei Zeltplätzen. Während ich Zeltplätze für Freunde freihielt, die erst später auf den Grünhof anreisten, entspannte ich mich auf der Isomatte vor meinem Wurfzelt und ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Ein Fehler, ich sollte die nächsten Stunden mit einem knallroten Gesicht rumlaufen: peinlich!

14:00 In der Zeit, in der meine Freunde mit Zelt aufbauen beschäftigt waren, schaute ich mir den Hof an. Klein, überschaubar und superschön, mit Londoner Doppeldecker Bus inklusive integrierter Kaffeebar. Gleich nebenan: ein „Wochenend-Store“ eines Kasseler Skateshops. Im Festivalbüro holte ich mir mein Festivalbändchen und einen „Media Team“ Pass ab, mit dem ich fast überall Zutritt bekam, sodass ich auch mal Backstage-Luft schnuppern konnte.

15:45

Da die ersten Zeltmitbewohner schon über mangelnde Akkukapazitäten jammerten, machten wir einen Stopp beim „Electric Hotel“. An einem umgebauten amerikanischen Wohnwagen konnten wir Handys und Digitalkameras für wenig Geld und ökologisch korrekt aufladen. Oder die Nutzer hauchten den Geräten mit Hilfe von Muskelkraft auf dem Fahrrad persönlich wieder Leben ein. Unser Fazit: Einigermaßen erfolgreich, zumindest ließen sich die Geräte nach fünf Minuten Strampeln wieder anschalten. Die erste Band, Waves of Joy, die im Vorfeld des Festivals das Bandvoting für einen Platz im Musikschutzgebiet Line-up gewonnen haben, fing in der Scheunenbühne an zu spielen – wir waren natürlich dabei und tanzten mit knapp 40 anderen Besuchern.

16:15

Erste Bekanntschaften mit unseren Zeltnachbarn, alle sehr nett und freundlich, aber ich musste weiter, denn es stand auch schon das erste Treffen unserer Projektgruppe auf dem Plan. Im

Technikraum neben dem Festivalbüro fingen wir an, uns für das Interview mit den Orsons vorzubereiten, die am Abend (oder besser: Nacht) spielen sollten. Obwohl ich die Band vorher gar nicht kannte, war ich trotzdem super nervös.

20:15

Emma Heartbeat rockte die Scheune! Zwei Schlagzeuge, eine Sängerin und fette Elektrobeats lassen die Menge tanzen, ausflippen, jubeln. Definitiv ein Highlight!

22:00

Wir waren backstage mit den Orsons verabredet, sie begrüßten uns mit Handschlag und stellten sich wohlerzogen vor. Mit den vier Bandmitgliedern, drei Interviewerinnen plus Kamerateam platzte der „VIP-Wohnwagen“ aus allen Nähten, doch davon ließen wir uns nicht abhalten. Schon bei der Einstiegsfrage „Wie fühlt es sich eigentlich an, ein Orson zu sein?“ (in Bezug auf ein Lied der Orsons, Anm. d. Red.) kam gute Laune auf, nach drei Sekunden Schweigen fingen plötzlich alle an zu lachen. Genau so ging es auch weiter, die vier rissen Witze und warfen mit Anspielungen nur so um sich (siehe www.youtube.com/musikschutzgebiet). Meine Befürchtungen lösten sich in Luft auf, die Jungs sind einfach super sympathisch und gut drauf! Wir unterhielten uns aber auch über ernstere Dinge und sprachen zum Beispiel über die neue Single „Horst & Monika“, mit der die Orsons zusammen mit Cro beim Bundesvision Songcontest für das Saarland antraten. In diesem Lied geht es um die Geschlechtsund politische Sinneswandlung des NPD Mitglieds Horst Strub zur Landtagskandidatin für die Linken, Monika. Mehr dazu lest Ihr auch im Artikel „Horst & Monika“ (siehe Artikel auf Seite 38). Wir sprachen auch über die Tour als Vorband für Herbert Grönemeyer, ob die Orsons sich überhaupt als Spaßvögel der Rapszene fühlen (Was sie übrigens entschieden verneinten) und wie sie Konflikte untereinander lösen . Am Ende stießen wir noch an, auf „den Erfolg und tolle Zeiten“ (Aus der Single „Jetzt“, Anm. d. Red.), die Jungs gaben noch Autogramme, dann war das Interview schon vorbei. Schade!

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23:10 Robot Koch fing an zu spielen, besonders begeisterte mich, neben der Musik, seine Kopfbewegung – die ihn wie eine nickende Schildkröte aussehen ließ – und sein Dauerlächeln auf den Lippen. Kurz nach dem Start fing es an zu regnen, ich flüchtete in mein Zelt. Der Rest der Menge ließ sich davon aber nicht abhalten: Seine Musik gewann haushoch gegen den Regen, während ich halbherzig versuchte zu schlafen, drang der Applaus zu mir rüber.

00:25

Mein Magen regte sich, ich holte mir eine (übrigens mega leckere!) Pizza am Stand und blieb auf dem Rückweg bei Freunden kleben, die tapfer im Regen ausgehalten hatten, um sich die erste Reihe für den Orsons Auftritt zu sichern. Mit einer Verspätung von knapp 20 Minuten ließen sie die Fans warten – enttäuschten aber nicht, denn der Auftritt war bombastisch. Die Jungs und ihre zwei Backgroundsängerinnen heizten der Menge ein und waren auf der Bühne genauso locker wie im Interview. Der Hof ist voll, die Leute tanzten und sprangen wie wild. Teilweise musste ich mich an der Absperrung festhalten, damit ich nicht von der ersten in die letzte Reihe gespült wurde. Doch es ging auch anders; bei ruhigeren Liedern wie „Unperfekt“ oder „Jetzt“ zückte das Publikum Feuerzeuge und schunkelte. Das „Grünhofstadl“ lebt!

02:00 Bei meinem nächsten MSG Besuch versuche ich garantiert nicht, früh ins Bett zu gehen, es ist nämlich hoffnungslos. Ohrenbetäubende, aber verdammt gute Musik spielte bis zum Sonnenaufgang, irgendwann näherte ich mich dem Schlafkoma, den anderen 2.000 Besuchern ging es gut. Unbekannte Leute beschwerten sich lautstark über den Matsch, eine Gruppe grölt lautstark zur Cantina Band („Spielt den selben Song nochmal! Alles klar, den selben Song und los!“).

Samstag

08:00

Ich entschloss mich aufzustehen und tadaaa – plötzlich schlafen alle. Mist. Am Bistro kippte ich mir gefühlt einen Liter Kaffee runter und schaute danach im Büro vorbei, dort war ebenfalls alles ruhig. Ein paar der Mitarbeiter und Helfer, die praktisch im Dauereinsatz sind, schliefen tief und fest auf den Sofas. Ich setzte mich einige Minuten als Vertretung an den Tresen.

10:30

Den Vormittag verbrachte ich mit meinen Freunden gemütlich auf den Sofas im Hof, unterhielt mich auch mit den Schemes, die nach ihrem Auftritt am Freitag noch das restliche Wochenende auf dem Hof blieben – weil ihnen das Festival so gut gefällt. Als frühes Mittagessen gab’s Pasta, die, ganz nebenbei erwähnt, göttlich war. Habe am weiteren Wochenende noch drei Portionen gegessen. Nomnom.

13:00 Während die ausgenüchterten Massen zu Pari Pari strömten, machten Amelie und Ich Interviews mit Besuchern. Alle antworteten uns und betonten besonders die tolle Stimmung und die Location des MSG. Beispielsweise Laura Stöbel, die vor allem wegen den Orsons, Cro und Fuck Art, Let‘s Dance gekommen ist: „Das ganze Drumherum begeistert mich, das MSG ist klein, familiär und super schön gelegen. Es kommt so richtiges Festivalfeeling auf“.

17:00

Unser Team bereitete das mögliche Interview mit dem Panda-Mann Cro vor, der in knapp neun Stunden spielen sollte. Diesmal war ich nicht so aufgeregt wie bei den Orsons, vor allem weil es sehr wahrscheinlich war, dass er absagen würde. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt!

19:35 Auf kuscheligen Sofas im Büro erwischte mich der Schlaf, ich verpasste leider Laut Kinski (ehemals Fat Guy Dancing) und Kitty Solaris, die


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Unser MSG | Mit PastaKategorie und Panda-Mann | Artikel

Sonntag sein sollen. Die Leute wurden wach(er) und tanzten jetzt auch ohne Musik, yeah! Da ich eine ausgeprägte Abneigung gegen Fußballspiele aller Art habe, hielt ich tapfer Stellung vor der Hauptbühne, um In Golden Tears und Adolar zu hören, beide begeisterten mich total!

22:45 Als I Heart Sharks anfingen zu spielen, strömte die Menge vor der Mainstage zusammen. Die Jungs sind richtig gut! Ich verzog mich in den Backstagebereich, um dem Andrang vor der Bühne zu entgehen und mich auf das mögliche Interview vorzubereiten. Schließlich lässt meine Konzentration spürbar nach. Das Interview war dann endgültig abgesagt, also stellte ich mich an den Treppenaufgang zur Bühne und tanzte. Plötzlich stellte sich eine Gruppe von Typen hinter uns, um auch etwas von I Heart Sharks zu sehen. Die Kappe, die langen und dünnen Beine, die Rehaugen – ich hatte Cro vor mir! Ohne Maske sieht er verdammt gut aus. Ich unterhielt mich kurz mit ihm und ließ mir Autogramme geben, dass machte die Absage locker wett.

01:00 Leider war keine Zeit mehr für Fuck Art, Let‘s Dance, die in der Scheunenbühne euphorisch gefeiert wurden. Dank gut geknüpfter Kontakte zu einer wartenden Gruppe konnte ich noch einen super Platz in der zweiten Reihe für das Cro Konzert erwischen. Wir hatten alle totalen Durst, der CroBassist Tim erbarmte sich dann, uns mit ein paar Flaschen Wasser auszuhelfen. Auch Cro gab bei seinem Auftritt nicht nur seine Lieder, sondern auch laufend Getränke für die Menge zum Besten – allerdings kein Wasser. Als er schließlich einen Wettbewerb um ein Paar „Nike Air“ Größe 42 ausrief, kreischte ich einfach laut „hiiieeer!“ (ich habe übrigens wirklich Größe 41/42) und, oh mein Gott ich war so nervös, werde tatsächlich auf die Bühne geholt! Jeder der drei Kandidaten erzählte, wieso er oder sie die Schuhe haben will, das Publikum entschied dann durch Applaus. Ich erzählte irgendeinen Mist, dass meine Schuhe total kaputt sind, Startnummer 2 will Cro hochheben, wenn er gewinnt und Kandidat 3 legte eine total geniale Beatbox Nummer hin – er war ganz klar der Sieger. Als Trostpreis bekam ich ein T-Shirt.

09:30 Schlaf gab es auch diese Nacht nicht viel, egal. Vorm Zelt trank ich meinen Kaffee und sammelte mit einem Helfer Müll auf. Wir spekulierten darüber, wie viel Pfand wohl ein Müllsack mit Getränkedosen einbringen würde. 100 Euro? 200? Wie gestern schon entspannte ich mich auf den Sofas im Hof, wo Kameramann Elias völlig erschöpft schlief. Auch im Büro herrschte Müdigkeit, man bewegte sich in Zeitlupe, kein Wunder nach zwei Nächten mit wenig bis gar keinem Schlaf.

11:30 Die vier verbleibenden Acts waren genau richtig, um das Wochenende gemütlich ausklingen zu lassen. Alle Sofas wurden vor die Bühne geschoben, „entspannt“ ist genau das richtige Wort, um die Stimmung zu beschreiben. Im MSG Shop kaufte ich mir noch einen Jutebeutel von We are Alaska, eine meiner Lieblingsbands auf dem Musikschutzgebiet.

13:10 Mit Verzweiflung versuchte ich, mein Wurfzelt einzupacken. Die Zeit, die man sich beim Aufbauen spart, kriegt man locker beim Abbauen wieder rein! Sechs verschiedene Leute und ein YouTube Video sollten helfen. Am Ende scheiterten wir leider trotzdem. Schlussendlich nahm ich das Zelt so unter den Arm. Ich war nicht die einzige, die anfing Sachen zusammenzusuchen, überall wurde gepackt. Mein Gepäck stellte ich im Büro ab, damit ich noch ungehindert Musik konsumieren konnte. Eigentlich wollte ich gar nicht mehr weg vom MSG.

14:00 Meine Mutter rief an – sie war auf dem Parkplatz angekommen. Ich und eine Freundin kämpften uns mit gefühlten Tonnen von Gepäck den Berg hoch, um nach Hause zu fahren. Im Auto wurde ich ganz melancholisch: Mein erstes Festival ist vorbei und es war eine verdammt gute Zeit. Ich habe viele interessante Menschen getroffen, mit ihnen zusammen Neues erlebt, mit den verschiedenen Bands zusammen gefeiert und nebenbei noch ein bisschen „Starluft“ geschnuppert. Ganz sicher: Nächstes Mal bin ich wieder dabei. Antonia Mohr

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Horst & Monika 2012 polarisierte der Song Horst & Monika innerhalb der deutschen Musikszene und brachte der Band Die Orsons sowohl Lob als auch Kritik ein. Unbestritten sorgte die Diskussion dafür, dass das Thema Transsexualität zu Recht auf die Medienagenda und damit zugleich in die öffentliche Meinungsbildung rückte. Antonia fasst die Story des Songs für euch zusammen. „Da gab’s nen Mann von relativ kräftiger Statur, auf der Bomberjacke ein Wappen der NPD“ Vor 37 Jahren wurde Horst Strub in Baden-Württemberg geboren. Seine Mutter nahm Tabletten, er lebte in Pflegefamilien, bis er wieder nach Hause durfte, wo ihn ein trinkender und prügelnder Stiefvater erwartete. Die NPD war für Horst wie eine Familie, er fühlte sich das vielleicht erste Mal in seinem Leben geborgen, erlebte Gemeinschaft. 2000 trat er in die Partei ein, marschierte bei Demonstrationen, verteilte Flugblätter und nickte zu Hetzreden gegen Juden und Ausländer. Bis zu diesem Punkt ist dies nur die Geschichte eines mehr oder weniger gewöhnlichen Nazi. „Horst fühlte sich nicht mehr wohl in seinem Körper, er hatte genug von seinem Hooooodensack“ Horst, der sich schon als Jugendlicher im Stillen wünschte, seine Barthaare loszuwerden, beschlichen langsam Zweifel an den Inhalten und Auffassungen der NPD. Hier konnte er seine Transsexualität nicht ausleben, hier konnte er sich nicht offen mit Männern treffen. Horst wollte eine Frau sein.

Die Geschichte von Horst zu Monika

„Schneide ich ihn einfach ab, trete aus, werde links und dann nenn ich mich Moooonika“ Eine Frau, die heute Monika heißt und sich 2011 für den baden-württembergischen Landtag aufstellen ließ. Für die LINKE. 2002 trat Monika aus der NPD aus, nicht ohne Probleme, sie bekam Drohungen von NPD Mitgliedern, ihre Haustür wurde beschmiert, Fenster eingeworfen. Doch in der LINKEN fand Sie Ihre neue Familie, war angekommen in Ihrem neuen Leben. Also kandidierte Sie, nicht wirklich erfolgreich, aber das macht ja nichts. Schon der Wandel von einem Mann zu einer Frau erfordert unglaublich viel Mut und vor allem auch Unterstützung und Toleranz. Doch in Kombination dazu auch noch seine Weltanschauung derart radikal zu verändern, erfordert zudem Respekt. Die Orsons haben diese Geschichte in den Song Horst & Monika gepackt, mit dem sie am 28. September 2012 beim Bundesvison Song Contest zusammen mit Cro für das Saarland antrat und den fünften Platz belegten. Wie es dazu kam, erfahrt ihr in unserem Videointerview mit den Orsons. Wir trafen die Band im Backstagebereich des Musikschutzgebiets. zum kompletten Interview...

Antonia Mohr Songzitate im Text: Horst & Monika, Die Orsons featuring Cro, 2012


Musikschutzgebiet-Festival

Unser MSG |Kategorie Horst und |Monika Artikel

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„Gewalt geht nicht!“ „Gewalt geht nicht!“ Das ist eine klare Aussage und ein deutliches Bekenntnis für ein friedliches, tolerantes und demokratisches Miteinander seitens der politisch Verantwortlichen im Schwalm-Eder-Kreis. Das kreiseigene Projekt versteht sich als Plattform für weitere Initiativen und Projekte zur Förderung von Toleranz und Demokratie in unserem Landkreis. Neben der Förderung von Toleranz und Demokratie wird durch das Projekt auch auf die Gefährdung unserer Demokratie hingewiesen, insbesondere durch den aktuellen Rechtsextremismus in unserer Gesellschaft. Was war der Anlass für dieses Bekenntnis und wann war das? Im Jahr 2008 hat die rechtsextreme Gruppierung der sogenannten „Freien-Kräfte-Schwalm-Eder“ mehrere schwerwiegende Straf- und Gewalttaten gegen Andersdenkende, oft ebenso Jugendliche begangen. In einem schweren Fall ist ein dreizehnjähriges Mädchen im Schlaf überfallen und lebensgefährlich verletzt worden. Nach diesem auch bundesweit für Aufsehen erregenden Vorfall haben sich die politisch Verantwortlichen im Schwalm-Eder-Kreis mit dem Problem Rechtsextremismus eingehend beschäftigt und beschlossen ein kreiseigenes Projekt zu initiieren. Im Herbst 2008 ist das Projekt „Gewalt geht nicht! – Wir im Schwalm-Eder-Kreis – Gemeinsam.Tolerant.Aktiv“ gestartet. Was macht das Projekt „Gewalt geht nicht!“? Das Projekt richtet sich ausdrücklich gegen jede Form von Gewalt, egal von wem diese ausgeübt wird. Durch die zahlreichen Vorfälle im Bereich der rechtsextrem motivierten Gewalt ist diese jedoch eindeutiger Schwerpunkt in den nachstehend aufgeführten Angeboten. • • • • •

Informationen zur rechtsextremen Szene sammeln und bewerten Individuell zugeschnittene Fortbildungsangebote für Multiplikatorinnen, Multiplikatoren aus Schule, Jugendarbeit, Vereinen und Verbänden konzipieren, anbieten und durchführen Unterstützung, Intervention und Beratung in aktuellen Krisensituationen bei einer Konfrontation mit dem Rechtsextremismus Inhaltliche Beratung, sowie auch finanzielle Unterstützung bei Präventionsmaßnahmen Lokale Koordinierung des „Lokalen Aktionsplanes“ im Schwalm-Eder-Kreis

Konkrete Hilfsangebote können zeitnah, individuell, verschwiegen und kostenfrei in Anspruch genommen werden. weitere Infos unter:


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„TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN“ Das Bundesprogramm „TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zielt darauf ab, ziviles Engagement, demokratisches Verhalten und den Einsatz für Vielfalt und Toleranz zu fördern. Angesprochen werden sollen besonders Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen, lokal einflussreiche staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren.

Für den Schwalm-Eder-Kreis bedeutet dies: • Vorauss. Förderung mit Bundesmitteln in den Jahren 2011 bis 2013 (evt. noch 2014 bis 2016) • Weitergabe der Bundesmittel an Projektträger für einzelne Projekte (max. 20.000 € für ein Einzelprojekt) • Förderentscheidungen durch einen Begleitausschuss mit zivilgesellschaftlichen Vertretern/innen • Fortschreibung eines „Lokalen Aktionsplanes“ für den Schwalm-Eder-Kreis • Ausbau der Netzwerkarbeit im Landkreis • Einsatz einer Lokalen Koordinierungsstelle zur Abwicklung und Beratung Förderfähig sind alle Vereine, Verbände und Einrichtungen die den Nachweis der Gemeinnützigkeit vorlegen können.

weitere Infos unter:

www.gewalt-geht-nicht.de

www.gewalt-geht-nicht.de


Erweiterung und Pflege des Toleranz Fördern-Netzwerkes im Schwalm-Eder-Kreis Bereits im Jahr zuvor konnte der Projektschwerpunkt „Erweiterung und Pflege des Netzwerkes“ im Bereich der Freiwilligen Feuerwehr als ein Erfolg verzeichnet werden. Nun sollen seit 2012 weitere Zielgruppen an den Projekten mitwirken. Im Mittelpunkt steht das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz in der Freizeitaktivität Sport. Um das Netzwerk nachhaltig zu fördern, ist das Hauptanliegen die Erhaltung, Pflege und der Ausbau der bestehenden Struktur. Interessierte und aktiv mitwirkende Personen werden zu Projektmultiplikatoren fortgebildet und eng an den aktuellen In-

formationsfluss gebunden. Ein Konzept soll sie als „Hingucker“ mit Vorbildfunktion qualifizieren. Zusätzlich muss die Aktualität von Informationen im Netzwerk sichergestellt und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der Kreisausschuss des Schwalm-Eder-Kreises des Jugendbildungswerks nimmt eine beratende Rolle ein und leistet Hilfestellungen bei der Entwicklung und Umsetzung von Projekten. Darunter fällt beispielsweise auch die Erstellung von Projektanträgen. Franziska Becker


TFKS | WIR gewinnt - Erlebniswelt Demokratie

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_out_of_doors_ WIR gewinnt - Erlebniswelt Demokratie

Das Projekt WIR gewinnt – Erlebniswelt Demokratie von anorak 21 befasst sich grundlegend mit der Idee die demokratischen Grundwerte des Zusammenlebens auf einer Ebene von Spaß und Abenteuer zu erleben. Durchgeführt wird das Projekt im Vereinsarbeitszweig „Out Of Doors“. Durch verschiedene erlebnispädagogische Angebote soll das Selbstwertgefühl des Einzelnen, sowie das Miteinander in einer Gruppe gestärkt werden und damit potentiellen (rechts-)extremistischen Tendenzen entgegengewirkt werden. Somit ist das Leitziel des Projekts das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz zu erhöhen. Kinder und Jugendliche sollen ein besseres Gefühl dafür bekommen, was die Werte des Miteinanders überhaupt bedeuten und wie das WIR-Gefühl in einer Gruppe nachhaltig bereichert werden kann.

Das Projekt wird in drei verschiedene Module gegliedert: „Der Wir-kstoff für Wir“, „Wir sind Wir-tuosen“ und „Willkommen in der Wir-klichkeit“. Diese unterscheiden sich im Zeitaufwand von mindestens 1,5 Stunden bis zu drei Tagen sowie in der Form. Damit ist für jede Gruppe etwas passgenaues dabei. Anorak21 betätigt sich als Verein in vielen Bereichen. Die Förderung von Jugendkultur auf dem Land setzen viele Freiwillige mit interessanten Ansätzen um. So bietet beispielsweise das Projekt „Mein Krachgarten“ Raum für Konzerte und das jährliche Minifestival „Krachkirmes“ Auftrittsmöglichkeiten für junge Nachwuchsbands aus dem Schwalm-EderKreis. Henrietta Bauer


Projekttage des Netzwerks für Demokratie und Courage für den Respekt- und Toleranzpass 68 Schulklassen aus dem Schwalm-Eder-Kreis bewarben sich 2012 für die Teilnahme an den „Projekttagen des Netzwerks für Demokratie und Courage für den Respekt- und Toleranzpass“. 30 Klassen wurden ausgewählt und haben im Laufe des Schuljahres gemeinsam mit ihren Lehrern insgesamt fünf verschiedene Module zu den Themen Integration, Gefühlen, Konfliktlösung, Einsatz für andere und Kommunikation behandelt. Die zwischen zehn und zwölf Jahre alten Schüler wurden von besonders geschulten Teamern betreut, welche die Projekttage nach den Konzepten des Netzwerkes für Demokratie und Courage durchführten. Projektträger ist der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Hessen, Ziel ist es, das gesellschaftliche Engagement gegen Fremdenhass, Intoleranz und Rechtsextremismus zu erhöhen und schon in jungen Jahren zu fördern. Nach erfolgreichem Abschluss dieser Module wurden Klassen ihre Urkunden in Form des „Respektund Toleranzpasses“ sowie 100 Euro für die Klassenkasse von Stephan Bürger aus dem Fachbereich Jugend und Familie des Schwalm-Eder-Kreises und Koordinator der TFKS-Projekte sowie des Projektes „Gewalt geht nicht“ übergeben. Die Projekttage sollen auch 2013 wieder angeboten werden. Antonia Mohr

Spielerische Projekttage für Respekt und Toleranz Welche Grundlagen müssen die Schüler innerhalb einer Projektwoche schaffen, damit eine Klasse mit dem Respekt- und Toleranzpass ausgezeichnet wird? Und warum engagiert sich der sich der DGB in nordhessischen Schulen? Die Antworten gibt uns Sandra Sattler von der DGB-Jugend Hessen im Interview. Um beispielsweise einen Reisepass der Bundesrepublik Deutschland zu erhalten, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein und Nachweise erbracht werden. Wie bürokratisch geht es denn beim Respekt- und Toleranzpass zu – stell unseren LeserInnen doch kurz das „Verfahren“ vor?


TFKS | Projekttage des Netzwerks für Demokratie und Courage für den Respekt- und Toleranzpass

Interessierte Klassen hatten im ersten Monat nach Schuljahresbeginn die Möglichkeit, sich für das Projekt „Respekt- und Toleranzpass“ anzumelden. Wir haben insgesamt 29 5. Klassen aus dem gesamten Schwalm-Eder-Kreis zum Projekt zugelassen (es gab Plätze für 30, so dass wir keiner Klasse absagen mussten). Bürokratisch ist der Nachweis der einzelnen Module mit Datum und Unterschrift von KlassenlehrerInnen und KlassensprecherInnen auf einem Bogen, der bis Anfang Juni 2013 dem Kreisjugendbildungswerk zurückgesendet wird. Erst nach Absolvieren aller fünf Module ist die Ausstellung des Respekt- und Toleranzpasses möglich. Eine wichtige Rolle innerhalb des Projekts in den Schulen spielen also die sogenannten Teamer. Wie qualifizieren sich diese? Reicht es aus das Modulhandbuch zu lesen?

Die Teamer des Netzwerks für Demokratie und Courage haben zunächst eine einwöchige Basisschulung in den Inhalten und Methoden unserer drei „Standard“-Projekttage absolviert, die wir ab der 8. Klasse anbieten. Um mit der jüngeren Zielgruppe arbeiten zu können, haben sie einen weiteren viertägigen Workshop besucht. Das Lesen des Modulhandbuchs reicht bei weitem nicht aus. Welche Methodenansätze wählt das Projekt, um der jungen Zielgruppe in den 5. und 6. Klassen gerecht zu werden? Spielerische Methoden,Visualisierungen auf Pinwänden, interaktives kreatives Lernen (beispielsweise kurze Diskussionsrunden, Erfahrungsaustausch im Rahmen einer stummen Diskussion, themenbezogenes Detektivspiel, Weiterzeichnen und -erzählen von Comics), Rollenspiele (zum Erfahrbarmachen

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von Fremdheit und später Einüben von Handlungsoptionen), Vorlesen einer Geschichte. Kümmert sich der DGB nicht vorrangig um die Belange von Arbeitnehmern? Welche Motive stecken dahinter das Projekt eines Respekt- und Toleranzpasses im schulischen Bereich umzusetzen? Der DGB ist unter anderem aufgrund seiner Geschichte (Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933 und Inhaftierung und Verfolgung vieler Gewerkschafter in der NS-Zeit) sehr aktiv in der Anti-Rassismus-Arbeit. Für uns ist es wichtig, Werte wie „Solidarität“ schon möglichst früh zu vermitteln, da wir festgestellt haben, dass zu neonazistischen Einstellungen leider schon in sehr jungen Jahren eine Affinität entsteht. Es ist uns wichtig, frühzeitig Kinder zu sensibilisieren und Empathie für Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, zu fördern. Die Schulen und LehrerInnen wollen sicher nicht nur den Pass ergattern damit 100 Euro in die Klassenkasse fließen. Welche Erwartungen und Feedback konntest du von den verantwortlichen Lehrkräften auf das Projekt im Vor- und Nachgang sammeln? Die Lehrkräfte sind sehr dankbar für das Projekt, da sie auch feststellen, dass menschenverachtende Einstellungen sich schon früh verfestigen, und viele andere Projekte aber erst ab der 8. Klasse ansetzen. Der Respekt- und Toleranzpass schließt eine Lücke für die jüngeren Klassen. Unsere Projekttage werden in der Regel mit Begeisterung angenommen. Allerdings bin ich auch vereinzelt auf überhöhte Erwartungen gestoßen: Mit unserem Projekt können wir keine akuten beziehungsweise schweren Mobbingprobleme in den Klassen lösen. Außerdem erfolgt das Lernen spielerischer und somit impliziter. Wenn auch 2013 der Respekt- und Toleranzpass ausgestellt wird, können sich die SchülerInnen wieder auf Dich als Koordinatorin und Teamerin freuen?

Ja, ich werde das Projekt bis zum Schuljahresende fortführen, also koordinieren und als Teamerin in den Klassen aktiv sein. Auf die Verleihung der Respekt- und Toleranzpässe im Juni freue ich mich ganz besonders.

Sandra vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen – zum Abschluss nehmen wir Dich in das musikalische Kreuzverhör: Musik hörst Du lieber live vor der Bühne oder aufgenommen aus dem Lautsprecher? Lieber live, aber leider viel zu selten Deine Musiksammlung ist überwiegend: Analog oder digital? Immer noch überwiegend analog, habe auch noch viele LPs im Schrank stehen Morgens wachst du auf mit: Radiowecker oder traditionellen Alarmton? Radiowecker Unter der Dusche: Singst Du selber oder hörst Musik? Ich höre Musik UND singe mit Runder Geburtstag: DJ oder eigene Playlist? eigene Playlist Beim Arbeiten: Lenkt Dich Musik ab oder sorgt für Kreativität? Es kommt auf die Aufgabe an ... beim Schreiben lenkt sie mich eher ab; beim Zeichnen oder einfachen Arbeiten sorgt sie für Kreativität und gute Laune.


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Kulturinitiative GroĂ&#x;ropperhausen

und biografische Spielfilmarbeit:

Runder Tisch fĂźr eine starke Dorfgemeinschaft


Projekte | Ein Dorf erzählt

Zusammenfassung „Abgestellt“ – ein Projekt des Jugendbildungswerks des Schwalm-Eder-Kreises und des Fördervereins Freiwillige Feuerwehr Großropperhausen Sechs Jugendliche erzählen in ihrem Film „Abgestellt” von alltäglichen Situationen ihn ihrem Dorf. In nur 21 Minuten thematisieren Leon, Lucas, Elisa, Jonas, Paula und Marius häusliche Gewalt, Isolation, Alkohol bei Jugendlichen, unaufmerksames Autofahren, mangelnde Kommunikation, Mobbing und Geiz. Die Sechs setzen sich auf spielerische Art und Weise damit auseinander und finden zu den verschiedenen Problemsituationen Lösung und

Antwort, was dem Film eine beinahe schon kitschige Happy-End Schlussszene verpasst. Die Botschaften hinter den Aktionen allerdings sind intelligent eingeflochten in Handlung und Problemlösung. Dadurch erhält der Film einen hohen kulturellen Wert und einen sehenswerten Charakter. Doch was bewegt die Gemeinschaft eines so verschlafenen Dörfchens wie Großropperhausen dazu, einen solchen Film zu produzieren? Darüber unterhielten wir uns mit Stefan Braun, den Leiter des Runden Tisch Großropperhausen und Christopher Vogel vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus (MBT). Amelie Wild

Amelie hat für euch den Film „Abgestellt“ zusammengefasst, der sich kontrovers mit Ereignissen in der Vergangenheit des Dorfs auseinandersetzt. Das Filmprojekt ist allerdings nur ein Teilbereich der Initiativen in Großropperhausen. Das vielfältige Angebot können uns nur die Experten vorstellen, wir interviewten daher Stefan Braun, den Leiter des Runden Tisch Großropperhausen und Christopher Vogel vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus (MBT) Die Initiative ist angetreten um Impulse zu schaffen für ein stärkeres, kulturelles Leben im Ort? Wer waren die federführenden Organisatoren der Kulturinitiative Großropperhausen und welche Ideen standen am Anfang des Engagements? Der Runde Tisch ist offen für alle Bürger Großropperhausens. Zurzeit treffen sich dort Vertreter des Ortsbeirates, der evangelische Pfarrer, die Jugendpflege, die Leitung der örtlichen Grundschule und interessierte BürgerInnen. Ausgangspunkt war, dass es eine neue Generation von Jugendlichen gibt, die den örtlichen Jugendraum nutzen. In der älteren Vergangenheit (vor 3 bis 4 Jahren) gab es einzelne Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund – auch im Jugendraum. Das sollte diesmal von vorneherein vermieden werden. Das heißt der Runde Tisch wollte und will auf der einen Seite etwas für Jugendliche

bieten, aber auch für alle Bewohner im Ort. Und das muss auch nichts mit Rechtsextremismus zu tun haben. Es geht eher um die Erweiterung des kulturellen Angebots. Eine aktive Freizeitgestaltung der Jugendlichen trägt zur Prävention gegen antidemokratische Einstellungen bei. Mit welchen Ansätzen bekämpft die Kulturinitiative Langeweile im Ort? Vom runden Tisch geht beispielsweise der sogenannte „Heimatfilmklub“ aus. Es werden Spielfilme an wechselnden Orten (im Schwimmbad, im Kunstund Werkhof) gezeigt. In 2012 waren das: Arschkalt, Helden des Polarkreises und Männer im Wasser. Außerdem wurden 2012 zwei Filmprojekte für Jugendliche zusammen mit der Uni Kassel realisiert. Jugendliche haben selbsterlebte Geschichten aufge-

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schrieben, ein Drehbuch daraus gefertigt und Filme gedreht. Wie ist Eure Einschätzung? Könnte das Konzept der Kulturinitiative auch in anderen Orten oder der Stadt greifen oder fehlen dort Voraussetzungen die in Großropperhausen gegeben waren? Unbedingt. Der Runde Tisch versteht sich als Projekt, das kulturelle Leben im Ort zu bereichern. Natürlich sind die Voraussetzungen hier gut, weil es ein sehr aktives Vereinsleben gibt. Aber inzwischen hat sogar die letzte Kneipe zugemacht, nachdem es schon keinen Lebensmittelmarkt, keinen Bäcker und keine Sparkasse mehr gibt. Es stehen einige Häuser leer und Jugendliche gehen nach der Schulzeit weg. Und damit steht Großropperhausen ja nicht alleine. Aber natürlich profitieren wir von der Unterstützung des Kreises, der Gelder aus einem Bundesprogramm bekommt, das ist andernorts vielleicht nicht so gegeben. Von was handelt der zweite Spielfilm? Wäre als Ausgleich zu „Abgestellt“ nicht ein Imagefilm über Großropperhausen angebracht oder welche Akzente setzt der Streifen? Der Film hat erst Anfang März 2013 Premiere. Insofern sind wir selbst gespannt darauf. In jedem Fall geht es ebenfalls um Schuld und Scham, aber mehr weiß außer den Beteiligten niemand. Und es sind noch zwei weitere Filme geplant: einer von und mit Erwachsenen und einer als Kooperation mit Jugendlichen der muslimischen Gemeinde in Borken. Bessere Werbung für den Ort und seine Menschen kann kein Imagefilm machen. Als Projektziel ist auch die Auseinandersetzung mit jüdischer Kultur und Geschichte in der Region und im Ort angegeben. Leben noch Zeitzeugen des zweiten Weltkriegs im Ort oder halfen externe Personen dabei die Themen an die Ortsbewohner zu vermitteln? Es leben noch wenige Zeitzeugen, aber keine Juden mehr im Ort, die sind 1934/35 alle weggezogen, nachdem es nicht mehr genug Männer gab, um einen Gottesdienst abzuhalten. Wir haben 2012 drei Aktionen zum Thema gemacht: Einen Ausflug zur

Gedenkstätte Trutzhain. Einen Dorfrundgang von der ehemaligen Synagoge zum jüdischen Friedhof mit anschließender Lesung eines Schweizer Schriftstellers. Und eine Veranstaltung mit Gunter Demnig, einem Künstler, der bundesweit sogenannte Stolpersteine verlegt, um an ehemalige jüdische Bewohner der jeweiligen Orte zu erinnern. Zurzeit planen wir eine Kooperation mit der Fachhochschule in Treysa, um die Lebensschicksale der ehemaligen Großropperhäuser Juden zu recherchieren. Das ist gerade sehr vielversprechend.


Projekte | Ein Dorf erz辰hlt

Wie lautet das Fazit 2012? Hat sich die Kulturinitiative im Ort etabliert und sind bereits weitere Projekte geplant? Wir sind selbst 端berrascht davon, was wir 2012 alles auf die Beine gestellt haben. Die Resonanz bei einzelnen Veranstaltungen war enorm. Am Runden Tisch nehmen Leute teil, die auch sonst stark ehrenamtlich engagiert sind und manchmal besteht die Gefahr, dass man sich 端bernimmt. Aber die Resonanz ist wirklich gut. Das ist sehr motivierend und nat端rlich machen wir 2013 weiter.

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e l u h c S g n u z t e n r Ve e l u h c S s u m s i s s a R ohne mit Courage

Seit 2012 dürfen acht Schulen im Schwalm-EderKreis die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus“ tragen. Voraussetzung dafür ist, dass sich mindestens 70 Prozent der Schüler, Lehrer und Mitarbeiter durch ihre persönliche Unterschrift verpflichten, sich künftig gegen jede Form von Diskriminierung an ihrer Schule aktiv einzusetzen, bei Konflikten einzugreifen und regelmäßig Projekttage zum Thema durchzuführen. Insbesondere mit regelmäßigen Aktionen gilt es für die Schulen das Siegel zu bestätigen und

mindestens einmal pro Jahr eine thematisch passende Veranstaltung durchzuführen. Die Aktionen organisieren die Schülergruppen und übernehmen damit Verantwortung für eine gelungene Umsetzung. Teilweise ist die Schülervertretung hauptverantwortlich, in anderen Einrichtungen bilden sich Arbeitsgruppen, die mit und ohne die Unterstützung von LehrerInnen die Aktionen anpacken. Trotzdem ist es sinnvoll auch die LehrerInnen in die Prozesse mit einzubeziehen, denn im Hinblick auf nachfolgenden


Projekte | Schule ohne Rassismus

Schulen im Kreis die Besucher mit dem Hinweis auf die „Schule ohne Rassismus“ empfangen, ist auch Verdienst des Mobilen Beratungsteams Nordhessen (MBT). Der Verein engagiert sich gegen Rassismus und Rechtsextremismus und war 2012 TFKSProjektträger. So informierten Mitarbeiter vor Ort in den Schulen über die aktuellen Strömungen in der Jugendkultur, denn mit immer mehr Internetplattformen der rechten Szene oder über Musik und Zeichen wird versucht jugendlichen Nachwuchs für die radikale Weltanschauung zu gewinnen. Aber die MBT-Veranstaltungen in den Schulen waren ein Teilbereich und bildeten nicht den Fokus des Projekts, vielmehr sollten sich die Einrichtungen untereinander vernetzen und gemeinsame Projekte gegen Rassismus, Ausgrenzung und Extremismus entstehen lassen. Das MBT stellte daher ein Jahresprogramm mit einem zweitägigem Seminar, einer Gedenkstättenfahrt und einem gemeinsamem Treffen für den Nord- und den Südkreis Schwalm-Eder zusammen. Durch eine schulübergreifende Kooperation gelang es nachhaltige, gemeinsame Handlungsperspektiven zu entwickeln und Vernetzungsstrukturen aufzubauen.

Miss Jones / photocase.com

Jahrgängen gilt es die Erfahrungen und das Wissen mitzuteilen und weiterzugeben. Der Aktionsradius ist nicht vorgegeben und so können die SchülerInnen beispielsweise Theaterstücke inszenieren, Konzerte veranstalten oder zu Lesungen einladen – Voraussetzung ist natürlich der passende thematische Bezug. „Schule ohne Rassismus“ startete bereits 1995 in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen und ist mittlerweile das größte Schulnetzwerk mit etwa 1200 Schulen bundesweit. Dass nun auch acht

Über das MBT Das Mobile Beratungsteam gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Hessen wurde im Jahr 2003 in Kassel gegründet. Es orientiert sich an dem großen Erfahrungsschatz der Mobilen Beratungsteams in den neuen Bundesländern und war zugleich das erste in dieser Art arbeitende Projekt in Westdeutschland. Rechtsextreme Stammtischparolen, rassistische Vorfälle, antisemitische Schmierereien, Neonazis im Ort, rechtsextreme Jugendliche im Jugendclub, Prügeleien auf der Kirmes. Bei solchen oder ähnlichen regionalen Konflikten kann die Mobile Beratung von allen Menschen in Anspruch genommen werden, die eine Unterstützung im Bereich regionaler Demokratisierungsprozesse suchen. Dabei können insbesondere lokale Prozesse gegen rechtsextremistische Strömungen initiiert, sowie die Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements begleitet und verankert werden. Auch bei Unsicherheiten in Bezug auf rechtsextremistische Tendenzen in der Region bietet das Mobile Beratungsteam eine umfassende Aufklärung über aktuelle regionale rechtsextreme Erscheinungsformen.

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// Projektübersicht Gewaltpräventionskurs für Schulen der EWTO Akademie My Zivilcourage zeigen ohne sich in Konfliktsituationen selbst zu gefährden stand im Mittelpunkt des Gewaltpräventionskurses an der Anne-Frank-Schule Homberg (Efze). Durch Training der Selbstbehauptung und Selbstverteidigung erlangten die SchülerInnen mehr Sicherheit und Selbstbewusstsein. Bei Bedrohungen oder in Konfliktsituationen sind Kinder und Jugendliche, die gelernt haben für ihre eigene Sicherheit zu sorgen, auch in der Lage, anderen durch couragiertes Eingreifen zu helfen. Statement Stephan Bürger: Wer bedrohliche Situationen einschätzen kann und sich mental und auch körperlich im Griff hat, kann die richtige Reaktion in bedrohlichen Situationen abrufen und damit einer körperlichen Eskalation aus dem Weg gehen. Das scheint zwar im Konfliktverlauf der letzte Ausweg, aber wer mit diesem angewandten Verhaltenstechniken positive Erfahrungen macht, wird in Zukunft auch selbstbewusster auftreten und seltener in solch bedrohliche Situationen kommen. Die LehrerInnen der Anne-Frank-Schule haben dieses Projekt aber sehr bewusst an ihre Schule geholt, worüber ich mich auch sehr freue und dankbar bin, dass die LehrerInnen über ihren Tellerrand geschaut haben.

beiterInnen, Vereins- und Verbandsverant-

perspektive schaffen muss.

wortliche, sowie KommunalpolitikerInnen

Statement Stephan Bürger: Diese Netz-

und Jugendliche befragen werden. Wegen

werkkonferenz ist das Herzstück unseres

sehr hoher administrativer Hürden konn-

Projektes. Dort trifft sich, was über das

te die Schülerbefragung aber noch nicht

Jahr gesehen nebeneinander und mitein-

abgewickelt, soll aber nachgeholt werden.

ander zu den Themen der Toleranz- und

Die Ergebnisse werden gerade ausgewer-

Demokratieförderung, sowie der Gefähr-

tet, sodass wir alle noch etwas Geduld

dung durch Rechtsextremismus arbeitet.

haben müssen.

Es ist ein Vergnügen zu beobachten, wie

Statement Stephan Bürger: Vorweg noch

sich dort Menschen begegnen und ken-

mal zum Begriff „Rechtsaffinität“. Das

nenlernen, dabei verabreden auch mal

bedeutet für uns eine wesensverwand-

was gemeinsam zu machen. Für mich als

te Einstellung im rechtsextremen Sinne

Projektleiter heißt es an diesem Tag die

anzunehmen oder gar zu vertreten. Das

Ohren ganz weit aufzusperren und genau

beinhaltet verschiedene Facetten, wie

hinzuhören was diesen Menschen wichtig

Ausländerfeindlichkeit,

Antisemitismus

ist, was sie benötigen, um ihr Engagement

(Judenhass), Verherrlichung der Zeit des

fortzusetzen. Bisher ist in jeder dieser

Nationalsozialismus, sowie die Befürwor-

Netzwerkkonferenzen mindestens eine

tung einer Diktatur, anstelle einer Demo-

neue Idee entstanden, die dann später

kratie.

auch umgesetzt wurde. Für 2013 wurde

Für unser Projekt „Gewalt geht nicht!“ ist

festgehalten, dass wir nicht nur um die

es wichtig zu wissen, wie viele Jugendli-

Zeit nach der Bundesförderung wappnen

che in diesem Sinn mit rechtsextremen

müssen, sondern, dass wir auch die Ziel-

Einstellungen im Schwalm-Eder-Kreis le-

gruppe der Grundschüler und sogar der

ben. Nur, wenn wir Hinweise haben wie

Kindergarten-Kids einbeziehen wollen.

groß diese Gruppe ist und wie die Betrof-

Schließlich wird Toleranz und Respekt

fenen, also beispielsweise LehrerInnen

bereits im Kindergarten und der Grund-

damit umgehen, können wir die Angebote

schule gelernt. Und wer dort positive Er-

in unserem Projekt auf diesen Bedarf zu-

fahrungen macht, wird weniger anfällig

schneiden. Wenn die Studie ausgewertet

für diskriminierende und ausgrenzende

sein wird, werdet ihr davon hören.

Parolen sein.

3. Netzwerkkonferenz für Toleranz im Schwalm-Eder-Kreis

Gewinnung von Integrationsmittlern für junge, erwachsene Flüchtlinge im SEK

Erfahrungsaustausch und die Kontaktaufnahme zwischen allen Interessierten, ak-

Wie können junge, erwachsene Flücht-

tiven und potentiellen ProjektträgerInnen

linge, die im Schwalm-Eder-Kreis leben,

bei TFKS und „Gewalt geht nicht!“ stand

Integration in die gesellschaftlichen Struk-

Anfang November bei der jährlichen

turen erreichen. Das Projekt wählt den

Netzwerkkonferenz im Mittelpunkt. Wie

Ansatz, gezielt Mittler zu gewinnen und

ist die aktuelle Situation im Landkreis,

diese zur Arbeit mit Flüchtlingen zu er-

welche aktuellen Entwicklungen sollten

mutigen und zu sensibilisieren. In Zusam-

Die Studie erfasst das vorhandenen Wis-

fachlich begleitet und diskutiert werden

menarbeit mit Vereinen, sollen die Organi-

sen über die aktuelle Lage der Rechtsaf-

beziehungsweise welchen Ausblick auf

sationen zur Öffnung bewegt werden und

finität bei Jugendlichen im Landkreis und

die weitere Projektarbeit wagen die Pro-

in die Konzeptionsentwicklung zur Arbeit

dient so als Grundlage für die weitere

jektträger? Bei dieser Netzwerkkonferenz

von ehrenamtlichen Betreuern mit den

Projektarbeit bei „Gewalt geht nicht!“.

entwickelte sich bereits das Bewusstsein,

jungen Flüchtlingen in Workshops geschult

Ursprünglich sollten sowohl Multiplika-

dass die Bundesförderung ausläuft und

werden.

torenInnen, also LehrerInnen, Jugendar-

das Netzwerk zusammen eine Zukunfts-

Statement Stephan Bürger: Das Projekt

Studie zu rechtsaffinen Einstellungen unter Jugendlichen im Schwalm-Eder-Kreis


Projekte | Projektübersicht

hat uns allen geholfen den Blick auf eine

solchen Fällen geht es immer darum, im

der Kompetenzagentur des Landkreises

Gruppe Menschen zu werfen, die es nicht

Netzwerk zu agieren, also Beteiligte mit

interessieren, freut mich. Die Rückmel-

leicht haben hier bei uns anzukommen

in die Verantwortung zu nehmen. In der

dung aus der Fortbildung ist auch sehr

und teilzuhaben an den für uns oft selbst-

Schule besteht dieses Netzwerk meist

positiv. Die einzelnen Teile dieser Metho-

verständlichen Angeboten der Freizeitge-

schon durch LehrerInnen, Schulsozialar-

de werden wohl in den nächsten Jahren

staltung. Die Idee, Vereine und Gruppen

beiterInnen und Eltern und ist ein wichti-

immer wieder angewandt und damit die

dafür zu gewinnen auf Flüchtlinge zuzu-

ger Zugang, um zu intervenieren. Ich freue

Förderung des fairen und toleranten Mit-

gehen und sie einzuladen, beispielsweise

mich auf alle Projekte die durch diese ge-

einanders voran gebracht.

im Sportverein mit zu machen, ist richtig

meinsame Fortbildung für die Zukunft an-

und gut. Funktioniert hat sie aber leider

gestoßen wurden und zum Teil auch schon

nicht so doll. Es hat sich gezeigt, dass eini-

ganz konkret sind.

ge Vereine durchaus was tun wollen, aber oft nicht die „Manpower“ und die notwendigen Gelder dafür haben. Es soll nun ein weiterer Anlauf unternommen werden, um was auf die Beine zu stellen, was dann auch bei den Flüchtlingen ankommt.

Multiplikatorenschulung „Demokratie lernen und leben mit Betzavta“

Positive Erfahrungen sind dann hoffentlich die beste Werbung zur Nachahmung.

Handlungsstrategien zur Förderung von Toleranz und Demokratie in den Jugendfeuerwehren Das Projekt fand in zwei separaten Teilen

Betzavta ist eine Methode, die demokra-

statt. Ein Workshop mit den Vorständen

tische Wege der Entscheidungsfindung mit

der Kreisjugendfeuerwehr ergänzte ein

ihren Chancen und Schwierigkeiten erleb-

Zwei-Tages-Seminar mit den Ortsjugend-

bar macht und die Konfliktfähigkeit der

warten der Jugendfeuerwehren. Etwa 15

Teilnehmer stärkt. Die Teilnehmer lernten

Personen pro Feuerwehrkreis, also insge-

das Programm Betzavta in ausgewählten

samt 45 TeilnehmerInnen wurden zum

Modulen kennen und konnten sich mit

Thema Rechtsextremismus sensibilisiert

In einer Fortbildung erarbeiteten die

der Methode auseinanderzusetzen, um sie

und erarbeiteten Handlungsstrategien zur

SchulsozialarbeiterInnen als eigenständi-

für die Arbeit mit Jugendlichen zu nutzen.

Förderung von Toleranz und Demokratie

ger Arbeitskreis das Thema der Toleranz-

Zudem entwickelten die Multiplikatoren

in den Jugendfeuerwehren. Insbesondere

und Demokratieförderung in Schulen.

gemeinsam ein Projekt, das 2013 mit Ju-

gelang es Ortsjugendwarte zu erreichen,

Wie können Demokratie gefährdende

gendlichen durchgeführt wird.

die bisher an keinen TFKS- oder GGN-

rechtsextreme Einstellungen sowie deren

Statement Stephan Bürger: Betzavta. was

Projekten teilgenommen hatten.

Symbole und Codes, als auch die Hand-

...? Das werden sich bestimmt viele Fra-

Statement Stephan Bürger: Die Jugend-

lungsstrategien

Rechtsextremisten

gen. Deshalb hier eine kurze Beschrei-

feuerwehr ist ein bemerkenswerter Ver-

frühzeitig erkannt werden. Beispielsweise

bung: „Betzavta (hebräisch „Miteinan-

band. Ich habe inzwischen seit drei Jah-

ist die Einführung eines „Klassenrates“

der“) steht für ein in Israel entwickeltes

ren das Vergnügen mit Verantwortlichen

eine geeignete Methode zur Demokratie-

innovatives Konzept zur  Demokratie- und

der Feuerwehr und insbesondere der

schulung, denn die Kinder und Jugendli-

Toleranzerziehung. Aus den Trainings-

Jugendfeuerwehr zusammen zu arbeiten.

chen erlernen so praktisch demokratische

programmen, die auf diesem Konzept

Was dort alles auf die Beine gestellt wird,

Prozesse.

basieren, wurden zwölf Praxisbausteine

um für die Feuerwehreinsatzabteilungen

Statement Stephan Bürger: Ich bin sehr

ausgewählt. Diese machen demokratische

Nachwuchs auszubilden ist schon bemer-

froh, dass wir bei uns im Landkreis die

Prinzipien erlebbar und bieten den Teil-

kenswert. Aber auch die Gemeinschaft

SchulsozialarbeiterInnen

Noch

nehmern Erfahrungsfelder, zur Klärung

spielt eine große Rolle. Ich nehme die Ju-

froher bin ich, dass diese sich auch zu un-

des eigenen Sozialverhaltens und der

gendwarte der Feuerwehren oft als echte

seren Themen der Demokratieförderung

Entwicklung von Toleranz und Respekt.

„Kümmerer“ wahr. Somit nehmen die

und der Gefährdung unserer Demokratie

Es ermöglichen den Teilnehmern, die Vor-

Jugendfeuerwehren für weit über 1.000

durch den vorhandenen aktuellen Rechts-

und Nachteile eines demokratischen Sys-

Jugendliche aus dem Schwalm-Eder-Kreis

extremismus bekennen. Die Schule ist ein

tems und das spannungsvolle Verhältnis

eine wichtige Rolle ein. Da ist es doch

geeigneter Ort diese Themen anzuspre-

zwischen Grundrechten und Eigeninteres-

nur logisch, dass wir uns bemühen mit

chen und zu diskutieren. Unter Beglei-

sen wahr zu nehmen und in der Ausein-

den Jugendfeuerwehren zu kooperieren.

tung von SchulsozialarbeiterInnen und

andersetzung mit den Vor- und Nachteilen

Und das gelingt. Immer mehr Jugendwar-

LehrerInnen können wertvolle Diskus-

von Demokratie ein „qualitatives Demo-

teInnen arbeiten mit uns zusammen und

sionen geführt werden. Aber auch, wenn

kratieverständnis“ aufzubauen.“

greifen unsere Projektthemen im Rahmen

bei einzelnen SchülernInnen zu erkennen

Es geht darum, das gleichberechtigte und

ihrer Feuerwehrgruppenarbeit auf. Das

ist, dass sie sich dem Rechtsextremismus

respektvolle Miteinander zu trainieren

finde ich super!

zuwenden, kann der/die Schulsozialarbei-

und anzuwenden. Das sich hierfür auch

terIn eine sehr wichtige Rolle spielen. In

Anleiter aus der Jugendberufshilfe und

Toleranz- und Demokratieförderung in der Schule

von

haben.

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// Impressum Ausgabe #01 www.gudso.net

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Gud so! - Ausgabe 1 - Schwerpunkt Musik