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moritz dezember 2005

nr. 53

das greifswalder studentenmagazin 06 ‘ en uar l ah an -W . J a P 20 u St bis . 6 1 m vo

Polen Beziehungsprobleme zwischen Deutschen und Polen? Reportage: Ein Tag in Szczecin Die Uni versus Edmund von Pechmann


editorial

Euphemismus Liebe Leser, lasst uns doch einfach mal euphemistisch sein. Meiner Rechnung vom letzten moritz zufolge hat Greifswald exakt 1.524.721 Einwohner. Rechenfehler? Fehlanzeige. Optimismus! Oder mathematisch gesehen: aufgerundet. Die Abwanderungsquote und die geringe Geburtenrate übersehen wir mal ganz einfach. Polens Hauptstadt hat circa 1,6 Millionen Einwohner. Na siehste! Und da man Greifswald ja fast schon zu Polen zählen kann, fällt Greifswald als Millionenstadt doch gar nicht mehr auf. Man muss schließlich auch mal in großen Dimensionen denken. Bald steht Weihnachten vor der Tür. Das bedeutet dieses Jahr, dass man sich die Familie am Besten gleich nach Greifswald holt, erst am 23. Dezember sind die meisten ja offiziell entlassen. Und wer es bis Weihnachten kaum noch aushält, der lässt sich von poppigen Weihnachtsliedern von Sarah Conner and Friends auf dem Weihnachtsmarkt berieseln. Apropos berieseln: Wie es scheint, gibt es zu Weihnachten Schnee. Na, das wär doch mal was! Ich finde, zu Weihnachten sollten wir alle euphemistisch sein. Fakultätenschließung. Nein! Konzentration von Fachbereichen. Schon besser! Entlassung von Lehrenden? Nicht doch! Aufgabenreduzierung für die Lehrenden. So muss es heißen! Ab nächstes Jahr wird alles besser. Prost! moritz wünscht allen Lesern ein entspanntes, besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

editorial

Katharina Sass

Foto: tja

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leserbriefe leserbriefe Zu: Editorial (moritz 52) Hallo liebe moritze, ein paar kurze Anmerkungen: Wenn circa 11.000 Studis je zwei Bücher ausleihen, sind das 22.000 Bücher. Die UB hat aber nach euren Angaben 3.049.442 Bände. Das heißt, jeder Student müßte 277 Bücher ausleihen, damit die UB leer ist. Vielleicht sollte die Autorin mal in ein Buch schauen (mein Vorschlag: 350/DT 2000 M817 oder 703/SA 1062-2,1). Der viel sträflichere Fehler ist jedoch, dass ihr in aller der Bäckerflut den wahrscheinlich Besten vergessen habt: Bäckerei Grätsch in der Wolgasterstraße. Seit Jahren der Geheimtipp der Greifswalder Brötchenszene, ein Bäcker, der noch selbst backt und die Brötchen nicht angeliefert bekommt. Einfach der beste und leckerste. (Ob ich jetzt ‘nen Jahrebedarf kostenlos bekomme?) Beste Grüße, Christopher Kaan Zu: Brötchencontest – Wer hat die besten Brötchen? (moritz 52) Liebe Redaktion, wir haben uns sehr gefreut, daß Ihr uns im Brötchentest berücksichtigt habt. Folgendes möchten wir allerdings richtig stellen: Wir haben über die Woche verteilt 15 Brötchen-Sorten im Sortiment. Das Schwergewicht im Sortiment liegt bei reinen Dinkel- und Roggen-Brötchen, was auch wichtig ist, da die bei uns intensiv einkaufenden Weizen-Allergiker solche nicht beim normalen Bäcker bekommen. Daß Ihr Samstag nur Weizenbrötchen gesehen habt, muß Zufall gewesen sein. Der Preis unser Brötchen liegt zwischen 40 und 55 Cent – Saaten sind teuer! Wir sind stolz darauf, daß unsere Brötchen „klein“ sind. Dies liegt daran, daß sie traditionell gebacken werden, also nur mit Getreide Sauerteig/Hefe, Wasser, eventuell Fett und Meersalz. Also keine Mittelchen, um das Brötchen auszublasen und mehr zu erscheinen, als darin ist. Naturkost Vorpommern GmbH Zu: Kommentar – Gruppentherapie vonnöten (moritz 52)

leserbriefe

Fakt ist: Bei der Debatte, um die Nebentätigkeiten ging es heiß her. Fakt ist auch, dass die Debatte in persönlichen Anschuldigen endete und manche Beteiligte emotional und

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Sprechzeiten der moritz-Chefredakteure Ulrich Kötter und Katarina Sass

verbal überreagierten. Zugegeben war ich auch entsetzt über die Niveaulosigkeit zum Ende der Debatte. Das StuPa ist kein Kaffekränzchen. Hier wird heiß diskutiert. Und das ist auch gut so. Es gibt 21 verschiedene Individuen. Zusätzlich auch AStA-Mitglieder und studentische Senatoren, die alle ihren Senf dazu geben. Ich möchte hiermit klarstellen, dass in dem Kommentar eine induktive Schlussfolgerung über die generelle Arbeit des StuPas gezogen wurde und festhalten, dass das Schmierentheater keineswegs unser Beruf ist. Christian Bülow, Mitglied des StuPa zu: Kinderleicht? – Kita-Umfrage des Studentenwerks ausgewertet (moritz 52) Na, da hat das Studentenwerk ja ganze Arbeit geleistet mit seiner Umfrage zum Kita-Bedarf. Die Repräsentativität (328 Teilnehmer) muss aber als problematisch gelten, vor allem wenn man anschließend Prozentzahlen ermittelt und den Eindruck erweckt, die erhobenen Daten bildeten die gesamte Studierendenschaft ab. Die Umfrage hält dann auch so einige überraschende Ergebnisse bereit. Zunächst einmal haben also 54,9 Prozent der Teilnehmer Kinder. Könnte die Prozentzahl so hoch sein, weil an der Umfrage vor allem Mütter und Väter teilgenommen haben? Zweite Überraschung: 87,7 Prozent der Teilnehmer haben Kinder, die nicht älter als sechs Jahre sind. Da staunt der Laie, war ja auch nicht im mindesten zu erwarten, da es sich in der Mehrzahl doch wohl noch um Twenties handelt bei den Eltern. Die Umfrage geht über das allgemein Bekannte und Vermutbare leider nicht hinaus und doch wird da viel Arbeit drin stecken. Ob sich das gelohnt hat? Aber damit nicht genug: „Die Studienzeit ist günstig, um Kinder zu bekommen,“ so Frau Klasen. Da fragt man sich doch, warum die lieben Kommilitones dann insgesamt so zurückhaltend sind in Sachen gesellschaftlicher Reproduktion. Könnte es daran liegen, dass „die Grundsicherung“ und ähnliche Staatsbonbons nicht die Super-Anreize sind? Gehört nicht ein bißchen mehr (finanziell wie ideell) dazu, sich während des Studiums für Kinder zu entscheiden, ja entscheiden zu können! Nicht umsonst wird auf konstengünstige Betreuung ja so eminent Wert gelegt! Bleibt zu hoffen, dass die Umfrage im Studentenwerk dazu beiträgt, an diesem wichtigen Thema dranzubleiben, es aber als ein Feld zu begreifen, auf dem umfangreiche, kompetente und differenzierte Beratungsarbeit geleistet werden muss! Felix M. Prokoph, Student, kinderlos Die Redaktion behält sich vor, eingereichte Leserbriefe redaktionell zu bearbeiten.

Dienstag 10-11 Uhr (AStA-Büro, Audimax) Freitag 14-15 Uhr (moritz-Büro, Wollweberstr. 4)


inhalt t i t e l t he m a

Brückenbauer

12 Polen und Deutsche werkeln an priveligierter Nachbarschaft und guter Freundschaft. Bis es soweit ist, wird aber noch viel Wasser die Oder herunterfließen.

t i t e l t he m a Reisereportage: Szczecin Volksküchen-Polonaise Weihnachtsbräuche Bigos – das polnische Nationalgericht Polen-Politik Polnische Auto-Legende: der Polski-Fiat Eine polnische Studentin in Greifswald Über Brücken und Gräben Auslandssemester in Polen Resumeé polenMaRKT

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ho c h sc hu l p o li t i k ho c h sc hu l p o li t i k

Ent- aber nicht verlassen

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Nach 11 Jahren trennte sich die Universität mit einem Paukenschlag von ihrem Pressesprecher. Von den einen für Ausnahmejournalismus bejubelt, schmollte die andere Hälfte der Uni über Insider-Geschreibsel. Im Februar zogen Rektor Westermann und Kanzler Behrens die Konsequenz, jetzt hat das Gericht entschieden.

AStA, Kurzmitteilungen Zur Wahl:Verwaltungsrat Stud-Werk Bambule im Rektorat,Vollversammlung Kommentar: Bildung ist keine Ware Politikmuffel versus Engagierte Hochschulpolitischer Jahresrückblick Interviews: Was halten Landespolitiker von der LHG-Novelle? Pech oder Glück für von Pechmann? Interview: Professor Roland Rollberg zum Pechmann-Rauswurf Lehrerstudenten sollen hüpfen Uni schlägt Rugia Tür vor der Nase zu

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u ni ve r su m ho c h sc hu l p o li t i k

Ausgesperrt

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Die Universität tut sich schwer mit rechten Rednern. Statt Argumente zu widerlegen, wird die Tür zugemacht.

UNICEF-Hochschulgruppe Reportage: Mahlzeit in der Mensa Mit Campus Europae on tour (Teil II): Aveiro, Trento, Novi Sad GrIStuF plant „U-Rope ‘06“

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ku l t ur

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Mit Campus Europae von Aveiro in Portugal über Trento in Italien nach Novi Sad in Serbien.

Alle Jahre wieder

ku l t ur

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Glühwein, Bratwurst und die wahrscheinlich längste Praline der Welt. moritz sah sich zur Eröffnung des alljährlichen Spektakels um und entdeckte ein Kleinod vor dem Pommerschen Landesmuseum. Und eines ist anders auf dem diesjährigen Greifswalder Weihnachtsmarkt: Die Geisterbahn fehlt. Fotos: bert, Archiv, privat, tja (v.o.)

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inhalt

Die Reise geht weiter

u ni ve r su m

Jahrmarkt der Leidenschaftslosigkeiten Glosse: Weihnachtseinkäufe Nachwuchsfilmer in München 4 – Schmunzeln und Schlucken Kino-Extratest: Harry Potter News von radio 98eins Kinomeilenstein „King Kong“ DVDs: I Heart Huckabees, Krieg der Welten, Entfesselt Bücher: Asterix, Wächter der Nacht CDs: Jan Vogler spielt Dvorák Theater: Olsen-Bande, Nussknacker Medea, Tucholsky

s pie l u nd s p a ß Bartholomä: Das Parlament der Stühle kreuzmoritzel m. trifft Anton Nekovar (Intendant) Arvids Kolumne

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landesvater reisereportage

Tür nach Polen

titelthema

moritz-Redakteure Kosa und Tremmel waren ein Wochenende in der Nachbarmetropole Szczecin (Stettin) zum Sightseeing, Shopping und Clubbing

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Magnet der Großstadt. Bedingungslos wirkt diese Kraft auf Menschen in Orten ohne Straßenbahn, gleich einem Naturgesetz: „Willste wat erleben, muss’de inne große Stadt.“ Stichworte: Sightseeing, Shopping, Clubbing. Uns Greifswalder würde es demzufolge ins nahe Stettin ziehen, oder? Die polnische Grenzmetropole ist mit 420.000 Einwohnern etwas größer als Rostock. Die Trams der Stettiner Verkehrsbetriebe transportieren jedoch selten einen Greifswalder in Großstadtlaune. Es scheint, der deutsche Teil der Provinzbevölkerung meidet sein natürliches Oberzentrum.

die Ecke wartet die nächste Ladenmeile. Die Sehenswürdigkeiten, das Schloss der Pommernherzöge, der gotische Dom, die Oderterrassen, sie alle liegen weit auseinander. Die im Krieg völlig zerstörte Altstadt ist in weiten Teilen eine Baustelle. Dazwischen Wohngebiete, Autotrassen, unaufregende Ladenzeilen. Stettin kommt nicht auf den Punkt. Wir grübeln jetzt ernsthaft, wie man die Stadt noch als Reiseziel verkaufen kann. Bingo: „Bigos!“ Stettin ist doch das Tor zu Polen. Beschreiben wir, was polnisch ist. Fremdheitswahrnehmungen.

Wir machen uns auf den Weg, um zu schauen, was die ehemalige Pommernhauptstadt ihren Umlandbewohnern bieten kann. Das Mecklenburg-Vorpommern-Ticket soll uns nach Szczecin Glowny bringen. Bevor wir jedoch im Stettiner Hauptbahnhof einrollen, müssen wir auf die DB-Bummelbahn dorthin warten. Nicht irgendwo. In Pasewalk. Neunzig Minuten lang. Eine Zeitspanne, die das Wort „umsteigen“ in seiner Bedeutung arg strapaziert. Die Fahrt Greifswald – Stettin dauert etwas mehr als drei Stunden. Wir machen unseren Stadtrundgang. Suchen die Innenstadt und finden sie nicht. Lange Einkaufsboulevards mit Patisserien, Friseuren und Modeboutiquen lassen uns stets vergeblich hoffen, dass der Stadtkern um die Ecke ist. Doch um

Zuerst: Kioske. Das sind kleine Hütten aus Holz oder Metall. Manchmal sind sie begehbar, meistens aber hockt ein Mütterchen hinter einem klappbaren Glasfensterchen. Hier bekommst du alles, was du schnell brauchst. Äpfel und Apfelplundertaschen, Rasierklingen und Nelken, Gazeta Wyborcza, Telefonkarten und Zigaretten. Die Kioske stehen an jeder Straßenecke. Noch in der weit entlegensten Plattenbausiedlung stehen gleich mehrere nebeneinander. Ein Metzger, ein Schreibwarenhändler, ein Friseur und ein stinknormaler Zeitungskiosk. Dieser Budenzauber wird durch rudimentären Straßenverkauf ergänzt: Bauern veräußern Zwiebeln und Kartoffeln aus der Pappkiste.Vor den großen Supermärkten stehen junge Verkäufer an einem Thekenwägelchen mit Sonnenschirm und bauen

Eine Stadt bekommt Farbe

dir einen Hot Dog zusammen: Brötchen, Wurst, Weißkraut, Paprikaschnitzel und Senf. Stettiner Fassaden. Der Zahn der Zeit nagt am Putz der Gründerzeithäuser. Aus den bröckligen Simsritzen wachsen Pappel- und Akazientriebe über die gusseisernen Balkone. Ihr Grün konkurriert mit dem Grau der Kabelbäume von Radio- und TV-Antennen. Vor 15 Jahren kamen kontinuierlich schwarze, weiße und graue Satellitenschüsseln dazu. An den Hausaufgängen pappen Werbeschilder für Tanz-, Fahr- und Sprachschulen. Mit der Reklame kam die bunte Farbe zurück. Sollten wir ausschließlich die Farbe der Stadtgebäude bestimmen, müsste ein passender Farbname erst erfunden werden. Nein, grau ist es nicht. Keine Plattenbauwüsten. Die Szenerie der Bürgerhäuser hat ihren eigenen Charme und eine Farbe, die entstünde, wenn Steine rosten könnten. Verwittertes Fassaden-Rot, -Gelb und -Weiß; im Schulmalkasten hieße eine solche Farbe vielleicht „Kombinat“. Menschen zwischen Eleganz und Protz Die Menschen. Farbe auch hier. Frauen schminken sich akzentuierter als bei uns daheim. Der Kleidungsstil ist wohltuend anders: adrette Kostüme, Röcke bis kurz über die Knie, Stiefel bis kurz darunter. Damit wir uns nicht falsch verstehen: das Outfit der Damen ist elegant und geschmackvoll. Dann gibt es Damen um


reisereportage

Bigos, Bordell und Benzin Deutsche Menschen treffen wir auch. Stets an exponiertem Ort fallen sie uns ins Ohr. Zum Beispiel im „Best Restaurant“ Colorado, einem Panoramacaférestaurant, dass gleich einem hölzernen Krähennest an der Oderterrasse über den Anlegestellen für Kreuzfahrtdampfer hängt. Hier sitzen die deutsche Bigosund die Bordellfraktion an getrennten Tischen. Rentnerpärchen auf Polen- oder Heimatentdeckungstour. Männerkegelvereine auf Erlebnisfahrt. Wir haben keine Chance, unser Küchenpolnisch zu testen. Die Bedienung spricht fließend Deutsch, die Speisekarte ist dreisprachig ausgewiesen. Gleiches Bild im Cafe 22, einem Panoramacafe auf der 22. Etage. In den unteren Etagen dieses „Wolkenkratzers“ wütet der Einkaufstrubel. Shopping in Stettin hat hier sein Zentrum, im Galaxy. Die riesige Mall bietet alles: Boutiquen, Hypermarkt, Eiscafés und sogar eine 15 Meter hohe Kletterwand für Alpinisten. Der riesige Supermarkt einer französischen Kette steht seinen Filialbauten im Mutterland in nichts nach. Es sei hier nur die riesige Frischfischtheke auf Eis erwähnt. Das Angebot ist erschlagend. An den endlosen Regalen für Bier und Wodka treffen wir wieder auf Deutsche. Quasi die dritte Kohorte, die Benzin- und Butterfraktion. Der Service ist beeindruckend. Jede Abteilung hat zwei junge Menschen, die Probierhäppchen parat halten und die Kundschaft beraten. Es kann in Stettin für junge Leute nicht sehr schwer sein, einen Nebenjob zu finden. Shopping in Stettin bietet ein Kontrastprogramm. Einerseits das bonusmeilenverdächtige Herumschieben des Einkaufswagens durch die Hallen der Einkaufstempel, andererseits die anheimelnde Atmosphäre über den Ladentheken der kleinen Geschäfte und Kioske. Am Abend treffen wir uns mit polnischen Freunden zum Programmpunkt Clubbing. Wir haben uns einen ungünstigen Tag ausgesucht. Es ist Samstag vor

dem ersten Advent. Clubs sind zahlreich, aber heute besonders überfüllt. In den beliebtesten Gewölbekellerdiskos sind alle Tische reserviert. Das junge Polen trifft sich heute offiziell ein letztes Mal zum Trinken und Tanzen, denn es gehört zum guten Ton in der Adventszeit, die Füße still zu halten. Jedenfalls offiziell und mit Augenzwinkern. Wir schaffen es, im Patio einen Tisch zu ergattern. Zwar hätten wir lieber das Rocker oder Pinokio unsicher gemacht, aber noch um zwei Uhr warten dort Menschentrauben auf Einlass. Die unerhörten Eintrittspreise können nicht schrecken. Etwa 10 Euro verlangt an diesem Karnevalssamstag das Rocker. Im Patio zahlen wir nur ein Viertel und steigen in den Keller hinab. Das gemütliche Ambiente, so erfahren wir, ist recht typisch. Es gibt mehrere Mauersteinkavernen, die miteinander verbunden sind. Ein Tresenraum, Räume mit langen Tafeln und Sitzbänken und schließlich das Tanzgewölbe. Gut, dass man nicht Tanzen muss, denn House Musik gehört zu unseren off-limits. Im Übrigen die beliebteste und häufigste Stilrichtung in Stettiner Clubs. Das nächste Mal, beschwören uns die Freunde, gehen wir ins Rocker. Das nächste Mal wird alles besser Jetzt sollen wir von Stettin erzählen, ob es uns gefallen hat. Unsere Höflichkeit hat Grenzen. Trotzdem bleibt die Gastfreundschaft der Freunde herzlich: „Kommt im Januar wieder, wenn Schnee liegt.“ Ein Skihang mit Schlepplift und Schneekanonen liegt am Stadtrand. „Und im Sommer müsst ihr auch kommen. Dann sind die Bäume grün und wir gehen in die Biergärten. Oder wir fahren mit dem Segelboot auf den Dabie-See hinaus, gleich hinter der Stadt, und campen wild auf einer der Inseln. Lagerfeuer und polnische Gitarrenmusik inklusive.“ Wenn das so ist, sagen wir am nächsten Morgen, wollen wir gern wiederkommen. Doch zunächst müssen wir in unsere Provinz zurück. Diesmal mit dem Wochenendticket in drei Stunden über Angermünde. bert

Nützliche Internetadressen zu Stettin Stadtinfos: www.szczecin.pl www.ostsee-urlaub-polen.de

Mitte: Rekonstruiertes Altstadthaus Unten: Denkmal für polnische Matrosen Fotos: bert

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die 40. Ab diesem Alter scheinen sich Pelzmäntel gesteigerter Beliebtheit zu erfreuen. Zwischen Eleganz und Protz schleicht feminine Neutralität: Nonnen, junge und alte, in schwarzer, grauer und weißer Ordenstracht unter schlichtem Kopftuch. Bei den Jungs sind Kurzhaarschnitte bis hin zur Glatze recht en vogue. Ansonsten bleibt ihr Äußeres eher unauffällig. Wir sehen viele alte Leute, deren Kleiderordnung sich seit 25 Jahren wenig geändert zu haben scheint. Das schaut in etwa so aus wie beim jährlichen RosaLuxemburg-Gedenkmarsch in Berlin, Reihe eins.

Sehenswerte Internet-Fotogalarie: www.niezwykly.szczecin.pl Freunde und Gastgeber finden: www.hospitalityclub.org

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esskultur

Landeskunde auf Kulinarisch Die Bar mleczny bietet preiswerte polnische Küche in nahezu jeder größeren Stadt. Sie ist der ideale Ort, um die polnische Rezeptvielfalt schätzen zu lernen. Fotos: bert

titelthema

Ein schönes Land will gern auch mit dem Gaumen erkundet sein. Manchmal ist es aber nicht leicht, einen Koch aufzutreiben. In vielen osteuropäischen Länder haben Restaurants entlang der Touristenroute auf Schnitzel, Pommes und Pizza umgestellt. Legendär ist das große Knödelsterben auf tschechischem Staatsgebiet Mitte der 90er Jahre. (Inzwischen wurden Knödel neben Kartoffeln und Kroketten rehabilitiert.) In West- und Südeuropa können horrende Preise den Appetit verderben. Selbst Franzosen fahren mitunter zum Speisen lieber zu den „Boschs“, wenn die Grenze nah ist. Glücklicherweise besitzen die polnischen Nachbarn eine landesweite Institution, wo traditionell und preiswert verköstigt wird. Die Bar Mleczny (sprich: Bar Mletschnie) hat sich auf gleicher Augenhöhe mit Döner- und Pizzabuden etabliert. Zumindest in den größeren Städten. Die privatwirtschaftlich betriebenen Volkskantinen sind den Polen bei Magenknurren eine verlässliche Adresse und zugleich nostalgisches Relikt aus kommunistischer Zeit. Ins Deutsche

Bar Mleczny in Szczecin: Straße Obronców Stalingradu 6a.

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übersetzt bedeuten die zwei Wörter gend davon abgeraten, den weltof– ziemlich irreführend – Milchbar. Hier fenen Studiosus-Touristen zu mimen. schäumen weder Shakes im Becher, Einmal an der Reihe und dann der noch quietscht Soft-Eis aus der Düse. Suppenkellenmatrone gegenüber, ist es Gemeint ist der hohe Milchanteil der für eine Erörterung der Speisereihenfolge Speisen – dem Polen keine Suppe ohne - womöglich noch auf Englisch – zu spät. Sahne. Küchenfrauen sind ungern Reiseleiter. Das sozialistische Prinzip „Warme Das Wort Schnellrestaurant lebt nunKüche für jedermann“ erhielt sich nach mal von der Betonung auf Silbe eins. der 89er-Wende. Die Staatszuschüsse Vorzugsweise lieber gleich mit einheifür die Garküchen sind seither erheblich mischen Freunden in die Bar Mleczny gesunken. Trotzdem dampft es auf den einkehren oder flux noch (Küchen-) bert Tellern unverändert polnisch-rustikal, Polnisch lernen. bei erschwinglichen Preisen. Ein Menu mit Suppe, Hauptgericht, Salat, Kompott und Getränk lässt Zupy – Suppen sich schon für etwa 10 -12 Zloty Barszcz czerwony – klare Rote-Bete-Suppe (circa vier Euro) zusammenstelKapusniak – Weißkohl-/ Sauerkrautsuppe len. Barszcz biale – weiße Boschtsuppe An der Essensausgabe versuZurek – Saure Roggenmehlsuppe chen dichtgedrängt Studenten, Flaki – Kuttelsuppe Mütterchen und Manager die Kantinenordnung durch nichts Przytawki – Vorspeisen aus der Routine zu werfen. Das Sledzie w smietanie – Hering in Sahne eingeübte Verfahren: Tablett Golonka w galarecie – Eisbein in Aspik nehmen. Die Schlange an der Theke geduldig abwarten. Eine Pierogie – Maultaschen möglichst präzise und kurzatmiPierogie z miesem - mit Fleischfüllung ge Bestellung für die Kittelfrau Pierogie z serem – mit Käsefüllung mit der Suppenkelle aufsagen. Zuletzt an die Kasse vorrüDanie glowny - Hauptgerichte cken und anstandslos bezahlen. Bigos – (siehe Nebenseite) Drei Minuten später wird das Kolduny – Fleischklöße Essen durch die Küchenluke Zrazy – Fleischroulade mit Buchweizengrütze ausgerufen und dem Gast nach Kiszka – Blutwurst mit Sauerkraut Gesichtskontrolle rübergeschoGolabki – Kohlroulade ben. In manchen Bars gibt es Kotlet schabowy – Schweineschnitzel zwischen den eng geferchten Szszlyk – Fleischspieß Sprelakat-Tischen auch einen schnörkellosen Sevierservice an Rybi – Fisch den Platz. Die bunte Anordnung Karp – Karpfen von Gästen und Gerichten in Pstrag – Forelle den Milchbars macht den Touri nicht nur satt, sie lässt ihn auch Desery – Desert und Kuchen tief in den Topf des polnischen Nalešniki - Pfannkuchen gefüllt Alltags schauen. Landeskunde auf Makowiec – Mohnkuchen Kulinarisch. Sernik – Käsekuchen Noch einen Tipp für den nächsSzarlotka – Apfelkuchen ten Hunger in Polen: Es sei drin-


kulinarisch-festliches

Bigos Zutaten 1kg Sauerkraut 1⁄2 Weißkohl 1kg Fleisch: 150g Kabanossi, 150g Knacker, 700g Rind- oder Schweinefleisch 500g Champignons (aus der Dose) 3 Zwiebeln 2 saure Äpfel 1 Glas Rotwein oder Bier 4 EL Tomatenmark Gewürze Majoran, Piment, PfefferMix, Lorbeerblätter Und so wird‘s gekocht Weißkohl in dünne Scheiben schneiden und mit dem Sauerkraut in etwa 1 Liter Wasser köcheln lassen bis alles weich gekocht ist. Dann die überschüssige Flüssigkeit abgießen. Währenddessen das Fleisch und die Champignons in mundgerechte Stücke, die Zwiebeln und die Äpfel in kleine Würfel schneiden. Zuerst das Rind- oder Schweinefleisch in der Pfanne gut durchbraten. Nach und nach das restliche Fleisch, die Zwiebeln, die Champignons und die Äpfel hinzugeben. Alles mit Pfeffer und Majoran gut würzen. Alle Zutaten zusammen in einem Topf vermengen, Wein (bzw. Bier), Tomatenmark, Piment und Lorbeerblätter dazugeben. Nochmals mit Pfeffer und Majoran würzen und die Masse weiter köcheln lassen. Die Garzeit richtet sich nach dem persönlichen Geschmack. Traditionellerweise wird Bigos mit einer dicken Scheibe Weißbrot gegessen, Kartoffeln sind allerdings auch in Ordnung. Als Getränk passt am besten Bier.

Wesolych Swiat! Weihnachtsbräuche in Polen Das Weihnachtsfest wird neben Ostern in Polen wohl am feierlichsten begangen. Die zentrale Rolle spielt hier das Essen, das zum heiligen Abend gehört wie der Adler ins Staatswappen. Bereits Tage vorher wird gekocht, gebacken und vorbereitet, damit die Familie am 24. Dezember nicht Hunger leiden muss. Tagsüber wird gefastet, doch mit Einbruch der Dunkelheit geht es dann los. Sobald der erste Stern aufleuchtet, lässt sich die Familie am Esstisch nieder. Der Festschmaus besteht in Polen traditionell aus zwölf Gängen, die an die zwölf Apostel erinnern sollen. Häufig gibt es Fisch in verschiedenen Variationen. Bevor es jedoch ans Schlemmen geht, teilt die Familie die Weihnachtsoblaten untereinander und verzeiht sich alle Kränkungen und Verfehlungen des Jahres. Außerdem ist die Oblate ein Zeichen dafür, dass alle in der Familie ihr Leben miteinander teilen möchten. Viele Bräuche in Polen haben ihren Ursprung im slawischen Brauchtum. Dies ist zu Weihnachten nicht anders. Besonders beliebt ist die Tradition, ein Geldstück beim weihnachtlichen Festschmaus unter einem Teller zu verstecken. Wer es findet, dem ist für das kommende Jahr Glück garantiert. In manchen Orten hat auch die Tradition überdauert, den Haustieren nach dem Festmahl Oblatenstückchen zu geben, damit sie gesund bleiben und sich gut vermehren. Schließlich sind in Polen auch die oft sehr altenWeihnachtslieder untrennbar mit dem Fest verbunden. Die Texte sind humoristisch, satirisch oder sogar gesellschaftskritisch. Für viele Polen, die fern der Heimat leben, sind die Weihnachtslieder der Inbegriff alles Polnischen. Doch nicht nur im Kreis der Familie wird gesungen. Bereits im 17. Jahrhundert zogen Sänger in der Vorweihnachtszeit von Haus zu Haus und trugen an einer Stange einen großen, bunten, von innen erleuchteten Stern. Auch wenn in Polen inzwischen in großem Maße eine Verwestlichung stattgefunden hat, konnten viele dieser Traditionen glücklicherweise überleben. Natürlich schreiben sich die Polen auch Weihnachtskarten und darauf steht dann „Wesolych Swiat!“ ring

titelthema

Liebe geht durch den Magen. In kaum einem anderen Land der Welt dürfte dieser Spruch wahrer sein, als in Polen. Die polnische Küche ist weit über ihre Grenzen hinaus bekannt und enthält kulinarische Elemente der Juden, Ukrainer, Weißrussen und Litauer. Auch deutsche und russische Einflüsse sind unverkennbar. Spricht man über die polnische Küche, kommt man an einem Essen nicht vorbei: Bigos. Das Nationalgericht der Polen ist eine Mischung aus Sauerkraut und Weißkohl, gedünstet mit mehreren Fleischarten, Wurststücken und Pilzen. Natürlich gibt es unendlich viele Abwandlungen. Um Polen auch kulinarisch kennen zu lernen, haben wir hier ein Grundrezept abgedruckt, das nach eigenem Geschmack variierte werden kann.

Tipp Am besten schmeckt der Bigos, wenn er zwei bis drei Tage ruht und jeden Tag kurz aufgewärmt wird. Viel Spaß beim Kochen und Smacznego! Dank an unsere hervorragenden Köchinnen – vegetarische Revance folgt!

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männersachen

Motorisierter Wahnsinn In Polen nennen sie ihn „Maluch“,Winzling. In sozialistischen Zeiten gehörte er wie der Trabant in der DDR zur Familie. Von 1972 bis 2000 rollten in Polen 3,5 Millionen Fiat Polski 126 p vom Band. Es kam nicht häufig vor, dass ein Trabant auf DDR-Autobahnen einen PKW anderen Fabrikats aus eigener Kraft überholte. So freute man sich damals mit dem naiven Stolz eines Kindes, wenn am Horizont ein Polski-Fiat auftauchte. Der Überholvorgang ereignete sich zu einem Kräftemessen der Zweizylinder. Im Windschatten der frontgetriebene Trabant, 26 PS, 594,5 Kubizentimeter Hubraum und 109 km/h Spitze, davor der röhrende Polski mit zur besseren Luftkühlung geöffneter Motorheckklappe, 23 PS , 594 Kubikzentimeter Hub und 105 km/h Höchstgeschwindigkeit. Trotz der winzigsten Ausmaße der fahrenden Hutschachtel (drei Meter Länge und jeweils 1,3 Meter Breite und Höhe) flößte die Konstruktion Respekt ein. Immerhin ein Auto aus Metall. Außerdem stand FIAT drauf und das Design wirkte irgendwie modern. In der Tat war das polnische Volksauto italienischer Abstammung. Der Fiat 126, in Polen 126 p bezeichnet, wurde zeitgleich im Jahr 1972 beim Turiner Automobilsalon und der Warschauer Plac Defilade der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Jahr 1975 begann der Import des italienischen Klein-

wagens aus polnischer Produktion auch in die DDR. Aus diesem Anlass berichtete die DDR-Fachzeitschrift Kraftfahrzeugtechnik (KFT) über eine Testfahrt mit dem Fiat 126 p. Die Redakteure bestiegen das Fahrzeug mit Vorbehalten: „Immerhin beschäftigten wir uns 15 Jahre mit dem Trabant. Dessen Konzeption hat sich bewährt. Der Polski Fiat stellt in mancher Beziehung fast das Gegenteil dar.“ Doch die Redakteure sind am Ende der Testfahrt überrascht: „In der Summe aller Einzelheiten entstand ein besonders winziges und teilweise auch einfach gebautes Fahrzeug, das aber einen durchaus „erwachsenen“ Fahreindruck verschafft. Im Innenraum des 126 p geht es zwar aufgrund des luftgekühlten Zweizylindermotors durchaus nicht leise zu, störende Nebengeräusche aber – wie mitschwingende Instrumententafel oder klapperndes Gaspedal gab es überhaupt nicht. Diese Arbeit im Detail ist auch ein Ausdruck für die konstruktive Reife des Produktes.“ Die Redakteure machten sich mit listiger Begründung für einen Import stark. Erstens um „das Angebot in der so gefrag-

ten Trabant-Kategorie endlich zu erweitern“ und zweitens, um „unseren Trabant von einigen Bindungen zu lösen und eine technisch anspruchsvollere Weiterentwicklung zu begünstigen.“ Zwar wurde dann der Fiat aus Polen importiert, zu einer wesentlichen, technischen Weiterentwicklung des Trabant sollte es aber nicht mehr kommen. Während die Papp-Fabrikate des VEB Sachsenring heute weitgehend von deutschen Straßen verschwunden sind, sieht man den Winzling in Polen noch relativ häufig im von Westautos dominierten Straßenverkehr. Inzwischen werden in Polen Fiat-Kleinstmodelle jüngeren Konstruktionsdatums gebaut. Das italienische Engagement in der polnischen Automobilindustrie geht bis in die 30er Jahre zurück und beschränkte sich nicht nur auf die Produktion des 126 p. Viele andere und vor allem größere Fiat-Modelle wurden in Lizenz nachgebaut. Kultstatus in Polen erreicht aber nur der „Winzling“. Das Computerspiel „Maluch-Racer“ geht in Polen bereits in die zweite Auflage. Demnächst soll es angeblich sogar eine deutsche Version geben. bert

titelthema

Auf nach München zur Fußball-WM

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Die erfolgreichen Zeiten der „Weißen Adler“, der polnischen Nationalmannschaft, liegen über ein Vierteljahrhundert zurück. Beim Championat 1974 in München wäre man sogar fast Weltmeister geworden, schied jedoch in der „Wasserschlacht von München“ gegen den späteren Weltmeister BRD mit 2:3 aus. Zwei Jahre zuvor holte die Mannschaft an gleichem Ort Olympisches Gold. Die Bayernmetropole könnte demnach eine Wunschstation für die polnische Endrundenteilnahme im nächsten Juni sein. Vielleicht sogar mit Deutschland in einer Vorgruppe. Man könnte sich

zwischen Szczecin und Warschau sogar berechtigte Hoffnungen auf das Achtelfinale machen, betrachtet man die letzten Leistungen der Klinsmann-Elf. Doch in punkto Zuversicht sind die Fans der Reprezentacja Polski zurückhaltend geworden. Feierte man bei der letzten WM in Fernost anfangs noch das beeindruckende Qualifikationsergebnis, folgte die Blamage auf den Fuß: 0:2 gegen Südkorea, 0:4 gegen Portugal. Das Rückflugticket war gebucht, ehe man sich versah. Nach der erneuten Qualifikation will jenseits von Oder und Neiße niemand mehr das Wort „Geheimfavorit“ in den

Mund nehmen. Zu Recht, denn bei der Gruppenausscheidung um das WMTicket war England der einzige Rivale, gegen den dann auch Hin- und Rückspiel verloren gingen. Aserbaidschan, Nordirland, Wales und Österreich reichten als Punktelieferanten für einen zweiten Gruppenplatz und somit für den Flug nach Deutschland. Vielleicht fiebert Fußball-Polen aber auch für die deutsche Elf. Die Tore schießen dort bekanntlich zwei, die sich Lukas Podolski und Miroslav Klose nennen. bert


polen-politik / austauschstudentin in hgw

Das Nachbarland Polen war in letzter Zeit häufiger im Gespräch. Hierzulande regte man sich über die Polen auf, die Lech Kaczynski von der rechtspopulistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) zum Sieg in der Präsidentenwahl geholfen haben. Kaczynski gewann gegen Donald Tusk von der rechtsliberalen Bürgerplattform (PO). Die Wa h l b e t e i l i gung betrug 51 Prozent. Kaczynski. Kaczyniski will das polnische Strafrecht verschärfen sowie Polizei und Gerichte mit mehr Befugnissen versehen. Mittlerweile wurden die durch die Präsidentenwahl unterbrochenen Koalitionsverhandlungen fortgesetzt, ausgesetzt und wieder angesetzt. Man konnte sich nicht einigen, profilierte sich doch Präsident Kaczynski immer mal wieder als „Euroskeptiker“ (Kwasniewski) und Rechtsaußen. Doch mit der Aussprache des Vertrauens durch die Mehrheit des Parlamentes kann Kazimierz Marcinkiewicz von der PiS nun in einer Minderheitsregierung im Amt des Ministerpräsidenten schalten und walten. In Polen erhitzten sich die Gemüter über die Gaspipeline, die durch die Ostsee anstatt durch die zwischen Russland und Deutschland liegenden Staaten verlegt werden soll. Die Pipeline, die vom russischen Wyborg bis nach Greifswald verlaufen soll, wird der erste direkte Anschluss EONs an das russische Gasnetz sein. Dass man sich in Polen über den „Schröder-Putin-Pakt“ aufregt, ist verständlich. Polen ist in hohem Maße abhängig von russischen Öl- und Gaslieferungen. Neben höheren ökologischen Risiken, die beim Verlegen der Pipeline unter der Ostsee drohen, gehen den Staaten, durch die sie hätte verlegt werden können, auch Einnahmen verloren. Pikant wirkt da besonders der Satz, den Bundespräsident Horst Köhler kürzlich noch zum Festakt der Solidarnosc in Danzig sprach: „Nichts über uns ohne uns – diesen Anspruch hat Polen, und wir Deutsche wollen gerne dabei helfen, dass er als selbstverständlich akzeptiert wird.“ kos

„Czesc!“ Als polnische Studentin in Greifswald Magda und ich treffen uns an einem schon gefunden. Sie arbeitet für ein deutMontag zum Kaffee. Ihre markante sches Bauunternehmen als Übersetzerin Stimme und ihr Lachen fallen sofort auf. von Dokumenten und Katalogen. In Die junge Studentin kommt aus Polen, Deutschland verdient sie das Sechsfache genauer Szczecin, nur zwei bis drei von dem, was sie in Polen verdienen Stunden mit dem Auto. Magda Plesner würde. Dennoch lebt Magda sparsam. ist 20 Jahre alt und studiert seit dem Manchmal fragt sie sich, was einige mit Wintersemester ‘04/‘05 in Greifswald. dem vielen Geld anstellen, das ihnen im Sie ist eine von insgesamt 116 polni- Monat zur Verfügung steht. Magda hausschen Studenten, die derzeit ihr Studium haltet mit etwa 300 Euro in einem Monat, in Deutschland absolvieren. Davon sind mit allem drum und dran. Sie kann sich immerhin 83 Frauen. Die Mehrzahl der kaum vorstellen, dass in Deutschland jungen Polen in Greifswald studieren einige Studenten monatlich mindestens BWL, Germanistik und Anglistik, dicht 600 Euro ausgeben. „Von diesem Geld gefolgt von Jura kann in Polen eine und Medizin. vierköpfige Familie Magda, die sich Ausländische Studierende leben.“ selbst als FremdDie junge Polin in Greifswald sprachen-Freak beschreibt deutbezeichnet, stusche Studenten als diert im dritten Nicht nur, dass es Greifswalder Stu- pünktlich, zuverläsSemester Anglistik/ denten in die große weite Welt zieht, sig, ordentlich und Amerikanistik als immer mehr ausländische Studenten sauber, aber vor Hauptfach und kommen auch nach Greifswald. 717 allem als temperaPolonistik und Studierende aus 76 Ländern sind in mentvoll, impulsiv diesem Semester hergekommen, um und: „Laut! Wenn Kommunikationswissenschaft in für einige Zeit hier zu leben und zu sich die Deutschen den Nebenfächern. studieren. Die meisten absolvieren ein unterhalten, spreSprachen haben Direktstudium. Promotionsstudenten chen sie nicht, sondie quirlige Magda kommen überwiegend aus Vietnam dern sie schreien. “ schon immer fas- (53), Indien (19) und Polen (16) in die Nach ihrem StuHansestadt. lil dium ziniert. möchte Und wirklich:Magda Magda sehr gerne plappert munter in Deutschland drauf los, nimmt kein Blatt vor dem bleiben und hier arbeiten. Sie hofft, dass Mund. Sie erzählt von ihrem Vater, der die polnische Sprache ihr bei der Suche in Greifswald regelmäßig als Journalist nach Arbeit helfen wird. für das deutsche Radio arbeitet und Momentan freut sich die Studentin sie in ihrer Idee, in Greifswald zu stu- wieder auf die Weihnachtszeit. Die dieren, unterstützte. Nach anfänglichen Weihnachtsmärkte haben es ihr besonSchwierigkeiten mit polnischen und deut- ders angetan, obwohl sie anfangs die schen Behörden kam sie im September vielen Lichterketten, Tannenzweige 2004 nach Greifswald und fand schnell und Weihnachtskugeln als kitschig ein Zimmer in der Makarenkostraße. und übertrieben empfand. „Letztes Dort wohnt die Polin mit einer deut- Jahr war ich schockiert von dem vieschen Studentin zusammen, mit der sie len Lichterschmuck, mit dem meine sich gut versteht. Mitbewohnerin unsere Wohnung ausBeeindruckt war Magda damals staffiert hatte. Es war so hell, dass meine vor allem von der Hilfsbereitschaft Augen geschmerzt haben.“ Sie grinst. des AStA, der ihr kostenlos Möbel zu Wir trinken unseren Kaffee weiter Verfügung stellte und ihr viele wichtige und unterhalten uns über Polen. Magda Fragen beantwortete. „Jeder hat mich bedauert es, dass Deutschland oft ein in dem kleinen, gemütlichen Greifswald falsches Bild von ihrem Heimatland präfreundlich empfangen und mich unter- sentiert wird. „In Polen wird nicht nur stützt. Manchmal habe ich sogar das geklaut. Polen hat viele schöne Ecken, Gefühl, im Studium gegenüber deut- die man erkunden kann: Schöne Strände, schen Kommilitonen bevorzugt zu wer- historische Städte wie Warschau, Krakau, den. Ich habe hier noch nie schlechte Breslau und Pozen. Dennoch muss bei Erfahrungen gemacht.“ uns noch viel gemacht werden.“ Einen kleinen Nebenjob hat Magda auch ik

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Polternde Politiker und eine Ostseepipeline

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grenz(be)ziehungen

Mangelnde Akzeptanz Johannes Paul II: „Polen und Deutsche sind sich als Nachbarn von Gott gegeben.“

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Über das Verhältnis von Polen und Deutschen, Freundschaft und gute Nachbarschaft

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Ende August speiste Horst Köhler, Bundespräsident, an der Tafel von Aleksander Kwasniewski, damaliges polnisches Staatsoberhaupt. Doch bevor sich die beiden über Kalbslenden in Sahnesauce hermachten, hielt der Deutsche noch eine Tischrede, weil das so üblich ist. Von Kollege zu Kollege sprach er: „Die Menschen diesseits und jenseits der Oder und Neiße lernen sich immer besser kennen und schätzen. Das ist Voraussetzung dafür, dass wir zu guten Nachbarn werden und Freundschaft zwischen den Menschen entstehen kann. Das ist unser Ziel.“ Und am Ende der Rede stand er mit erhobenen Kelch und toastete Kwasniewski zu: „Es war Johannes Paul II., der sagte, dass sich Polen und Deutsche als Nachbarn von Gott gegeben sind. Darin liegt ein Auftrag. Lassen Sie uns diesen Auftrag annehmen.“ Für ein Staatsbankett erstaunlich, raspelte unser Mann kein Süßholz und sondierte klar die Auftragslage der beiden Völker. Nix mit Freundschaft, nix mit privilegierter Nachbarschaft, sondern: hier hat sich ein Auftrag gestellt, der beiden Seiten harte Arbeit abverlangt. Packen wir’s an. Wenn Politiker von „Aufträgen“ und „Zielen“ sprechen, dann kann es sich bei dem, was sie zu erreichen wünschen, nur um Aufgaben handeln, deren Lösung noch in weiter Ferne liegen. Man sollte Horst Köhler für diese Worte des Abends dankbar sein, denn er hat mit der Beurteilung sehr recht. Schauen wir uns die Baustelle an. Das Gebäude steht schief, jedenfalls was die öffentliche Wahrnehmung der bilateralen Beziehungen auf außerpolitischer Ebene betrifft. Während nach landläufiger Meinung die Polen zum Spargelstechen im Bus über die Grenze kommen,

Fotos: bert

lassen sich deutsche Manager bei ihren östlichen Firmenuntergebenen einfliegen. Wo jenseits der Oder Loreley und Zugspitze als akzeptiertes Reiseziel gelten, müssen sich diesseits die Masurenurlauber nach ihrer Rückkehr zuerst einmal fragen lassen, ob sie noch im Besitz ihres Autos seien. Wenn ganze Domains wie polenwitze.de das Nachbarland der Lächerlichkeit Preis geben, sind dort Späße über Deutsche Mangelware. Das jeweilige Fremdsprachenangebots in den Schulen ist nicht in Relation zu setzen. Deutsch ist nach Englisch bei den Nachbarn sehr gefragt. Die Schülerzahl für Polnischunterricht an deutschen Schulen liegt noch weit unter Alt-Griechisch und Schwedisch. Es fehlt an gleichwertigem Respekt. Deutschland, das große und starke WiWa-Wunderland, Polen der rückständige Nachbar zwischen Kartoffeläckern, Korruption und Alt-Kommunisten. Die Beziehung läuft nicht auf gleicher Augenhöhe und führt zu komplementären Rollen. Der Deutsche fühlt sich zum Nachhilfelehrer in Sachen Marktwirtschaft, Demokratie und Ordnung berufen. Aber unter den Polen ist Deutschland nicht gerade der Lieblingslehrer. Es gibt andere Favoriten. Der Deustche weiß das noch nicht. Oft genug aber nimmt man den Schülergestus in Polen auch an und glaubt was wunder über deutsche Pünktlichkeit und Präzision, Ordnung und Sauberkeit, Steifheit und Humordefizit. Abbau von Vorurteilen ist eine förderliche Maßnahme. Doch bis alle Deutschen in Polen gewesen sind und andersherum, wird Horst Köhler schon lang nicht mehr Bundespräsident sein. Immer wieder wird die Rolle der Jugend hervorgehoben. Bei ihr verspricht man

sich die größten Fortschritte am Projekt für gute Nachbarschaft und Freundschaft. Brückenbauer in Greifswald In Greifswald feiern sie offiziell schon Richtfest. An der Uni lernen derzeit 49 polnische Austauschstudenten, an der Mensatheke gibt es polnische Kalbslenden in Sahnesauce, das Kulturfestival PolenmARkT ist gerade erfolgreich über die Bühne gelaufen. Wir besuchen das Wohnheim in der Geschwister-Scholl-Straße. In dem Block leben 28 polnische Studenten. Haben sie schon Freundschaft mit Deutschen geschlossen? Mitunter gebe es Kontakte. Es sei nicht so schwierig, mit Deutschen ins Gespräch zu kommen. Aber danach werde es schwierig, eine persönliche Ebene zu erreichen. Woran das liege, wollen wir wissen. Zwei Gründe. Die polnische Mentalität sei expressiver. So teile man sich untereinander direkter mit, woran das Herz jubele oder leide. Die Deutschen ließen sich nicht so leicht in die Karten schauen und machten oft ein unergründlich frohes Gesicht. Natürlich gäbe es auch einen pragmatischen Hintergrund: Freundschaft und Seelenbeichte seien keine Geschäfte, die sich in kürzester Zeit entwickeln könnten. Weder diesseits, noch jenseits von Oder und Neiße. Und weil die Austauschstudenten oft nur wenige Monate zu Gast sind, stellt sich die Einsicht in die Notwendigkeit von selbst: Sie seien hier vorrangig um Deutsch zu lernen, nicht um neue Freundschaften aufzubauen. Wie sind die Rahmenbedingungen im Gastort, fragen wir weiter. Ehrliches und großes Lob gibt es für das Akade-


grenz(be)ziehungen PolenmARkTes, finanziell und logistisch vom Auslandsamt unterstützt. Es wurde tagelang vorgekocht und Süßes gebacken, deutschsprachiges Theater einstudiert und am Ende drehte eine Kapelle aus der Nähe Stettins die Gitarrenverstärker auf, zur völligen Begeisterung des polnisch-deutschen Tanzpublikums. Für die hier vorgenommene Sezierung des bilateralen Verhältnisses konnte neben all den Vergnügungen des Abends auch eine interessante Beobachtung gemacht werden: Die Polen kippten in einem be-

Deutschland, keine Heimat Zuletzt fragen wir, was die Polen mit ihrer Erfahrung aus Greifswald zukünftig anfangen werden? Würden Sie nach dem Studium versuchen, in Deutschland zu arbeiten? Fast alle zieht es zurück in die Heimat. Allein der Freunde und Verwandten wegen, aber auch die fremde Sprache bildet oft eine Barriere in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Gerne wollten sie beruflich an polnischdeutschen Unternehmungen teilhaben, die beide Nationen verbinden. Die Studenten denken darüber nach, bestimmte Vorzüge des deutschen Alltags nach Polen zu importieren, beispielsweise die offene und gelassene Atmosphäre zwischen Privatpersonen und administrativen Personal. Die deutsche Universitätslehre wolle man wiederum hinter der Grenze zurücklassen. In der Heimat lerne man systembedingt effektiver und tiefgründiger. Das Bildungsniveau der deutschen Studenten lasse zu wünschen übrig. Mit einer Mischung aus Skepsis und Neid werden hiesige Studiendauer und Prüfungsmodalitäten beäugt. Diese selbstbewusste Einstellung erzeugt Respekt bei uns, wenngleich man diese Sichtweise nicht uneingeschränkt teilen muss. Oder wie es Horst Köhler an der Warschauer Tafel sagte: „Man braucht auch die Kraft dafür, mit Offenheit und ohne Verkrampfungen zu reagieren, wenn es einmal unterschiedliche Meinungen gibt. All das können wir uns heute zutrauen.“ Freundschaft bedeutet darüber hinaus, sich gegenseitige Herzlichkeit zu erweisen. Darin sind unter anderen die Polen Weltmeister. Eine Kostprobe gaben die polnischen Studenten im Rahmen des

Oben: Austauschstudenten im Wohnheim: Deutschlernen kommt vor Freundschaft. Unten: Rückfall ins alte Rollenbild: Wodka und Mangelwirtschaft auf dem polnischen Kulturabend Ende November 2005.

deutenden Punkt in ihre Rolle als belächelte Hinterwäldler zurück. Wie hieß das Motto des Abends noch gleich? Polen zu Zeiten der sozialistischen Volksrepublik. Man kleidete sich zur Erheiterung aller Beteiligten in Kittelschürze und Kopftuch und zelebrierte die polnische Mangelwirtschaft der 80er Jahre. In gewisser Weise eilten die Organisatoren so dem tief verankerten Polenbild der Deutschen willfährig voraus. Ihre eigene Sicht der Dinge versteckten sie, sicher unbewusst, am Rande des Programms in einer kaum beachteten Diashow mit Fakten aus dem heutigen Polen. Unter den gezeigten Bildern moderner polnischer Geschäftszentren- und Innenstädte war in der kommentierenden Untertitelung von „polnischer Boomwirtschaft“ und der „polnischen Vorreiterrolle im Transformationsprozess der osteuropäischen Staaten“ zu lesen. Schade das man es nur lesen konnte, denn in diesem Bewusstsein steckt der eigentliche Schlüssel zum Erfolg von Horst Köhlers Auftrag. Erst wenn man in Deutschland die Polen als europäischen Partner auf gleicher Augenhöhe wahrnimmt und akzeptiert, wird es auch auf kultureller und zwischenmenschlicher Ebene eine breite Verständigung geben können. Polnisch als zweite Fremdsprache würde an deutschen Schulen an Attraktivität stark gewinnen. Touristen würden bedenkenlos mit dem Auto über die Grenze fahren. Deutscher Spargel müsste dann doch noch von Deutschen gestochen werden und mittelständische Handwerksbetriebe aus den neuen Bundesländern bemühten sich jenseits der Oder um alltägliche Aufträge. Geschichte ad acta Bis zu diesem Zeitpunkt wird noch viel Wasser die Oder hinunterfließen. Unsere Gespräche mit polnischen Studenten zu beiden Seiten des Grenzflusses zeigten jedoch in einem Aspekt eine für die Zukunft günstige Konstellation. Die deutsch-polnische Geschichte im zweiten Weltkrieg hat im Umgang von Student zu Student kein Gewicht. Man will der deutschen Enkelgeneration nichts nachtragen, wenngleich die historischen Tatsachen im Hinterkopf bleiben. Natürlich auch im Bewusstsein der Deutschen, bei denen sich dadurch jeder Nationalstolz in Eigenregie kaltstellt. Dies erweist dem polnisch-deutschen Umgang eine Wohltat. Eitle Ereiferungen über ethnische und kulturelle Vorzüge der Völker wird es so bald nicht wieder geben. Eine wesentliche Chance für das junge Polen, den nötigen Respekt aus Deutschland zu erlangen und zurückzugeben. bert

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mische Auslandsamt, die Sprachlehrer und Universitätsdozenten. Sie alle gäben ihr Möglichstes, um ihnen einen erfolgreichen Studienaufenthalt zu verschaffen. Überrascht sei man von der Lockerheit der Angestellten und Dozenten. Polnische Bürokraten und Universitätslehrer könnten sich eine Scheibe abschneiden. Eher unglücklich sind die Studenten mit der Art ihrer Unterbringung im Wohnheim. In der Regel wohnen Polen mit Polen auf den Doppelzimmern. Allein schon der Sprache wegen würde man lieber mit deutschen Kommilitonen, wenigstens aber mit Gaststudenten anderer Nationen das Zimmer teilen wollen. Enttäuscht sei man auch von der Situation, dass polnische Studenten die größte ausländische Delegation in Greifswald bilden. Man hätte sich eine größere, internationale Durchmischung erhofft, um mehr Zeit im Dialog der Kulturen zu verbringen.

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auslandsaufenthalte

Für ein Semester in Polen moritz traf zwei Austauschstudenten aus Greifswald.... Georg Laaß studiert Französisch, Englisch und Polnisch; ist zurzeit in Torun für sein (obligatorisches) Auslandssemester Was unterscheidet polnische von deutschen Studenten? Der polnische Student ist dem deutschen überwiegend ähnlich. Es gibt dennoch Unterschiede: Er hat in der Regel bedeutend weniger Geld zur Verfügung. Nichtsdestotrotz geht der polnische Student leidenschaftlich gerne aus. Studenten in Polen sind sehr westeuropäisch orientiert und haben im Allgemeinen gute Fremdsprachenkenntnisse. In Polen lebt man als Student in der Regel zu zweit, zu dritt oder gar zu viert in einem Zimmer und bezahlt im Schnitt etwa 200-300 Zloty (50-80 Euro) pro Monat.

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Was unterscheidet Studieren in Polen von Studieren in Deutschland? Ein wichtiger Unterschied zum Studium in Deutschland ist die jahresbezogene Strukturierung des Studiums. Der Eindruck, dass das Studium “verschulter“ ist, ergibt sich aus der Tatsache, dass in den Veranstaltungen Anwesenheitspflicht herrscht und dass in den Seminaren eine permanente mündliche Leistung gefordert wird – Schlafen selten möglich. Zur Beantwortung der im Unterricht gestellten Fragen ruft der Dozent oft rigoros aus der Liste der Teilnehmer auf. Die Studienbedingungen sind gut, man kann sogar sonntags in der Unibibliothek arbeiten, in den Fachbibliotheken auch samstags.

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Wie klappt der „interkulturelle Austausch“? In der Regel gut. Jeder der Erasmusstudenten hat eine/n Mentor/in zur Lebensbewältigung im neuen Umfeld zur Seite. Man ist in Polen offen und herzlich, freundet sich schneller an als in Deutschland. Ein Nachteil ist die quasi-separate Unterkunft der Erasmusstudenten. Es gibt das Bewusstsein für eine europäische Identität und das Wissen über den westlichen Nachbarn ist in der Regel größer als unser Wissen über Polen. aha, uli

Zum Studium nach Polen?

Thomas Maier

Warum beim Auslandsaufenthalt nicht gen Osten statt gen Westen? Inzwischen ist Studieren in Polen nicht mehr nur für Slawistik-Studenten attraktiv. Tendenziell kann man dort jedes Fach studieren, ein Platz in einem Austauschprogramm sogar kurzfristig bekommen. Nichstdestoweniger ist gute Planung vonnöten: Auf jeden Fall empfehlen sich Polnisch-Kenntnisse, die vorab in einem Sprachintensivkurs erworben werden sollten. Teilweise werden Sprachkurse von den Austauschprogrammen oder den polnischen Universitäten angeboten. Andererseits gibt es Studiengänge auf Englisch, vereinzelte Seminare und Vorlesungen bisweilen auch auf Deutsch. Erste Anlaufstelle für Studenten, die ins östliche Nachbarland wollen, ist das Akademische Auslandsamt (AAA) in der Domstraße 8. Dort wird eine ausführlicher Beratung anboten und es liegen Infoblätter und Broschüren aus. Das Studiensystem in Polen ist dem deutschen sehr ähnlich. An den meisten Hochschulen gibt es aber keine Semester sondern das akademische Jahr. Die Lebenskosten sind in Polen gering. Hat man ein Stipendium, entfallen die Studiengebühren an der jeweiligen Hochschule. Auslands-BAföG ist möglich. Das SOCRATES/ERASMUS-Programm erlässt nicht nur die Studiengebühren, sondern zahlt zusätzlich ein monatliches Stipendium von rund 75 Euro. Sprachkurse vor und während des Aufenthalts werden angeboten, ein Lernvertrag zwischen den beteiligten Hochschulen soll das nahtlose Weiterstudieren nach der Rückkehr ermöglichen. Anmeldeschluß für das nächste Wintersemester beziehungsweise das Sommersemester 2007 ist Ende Februar 2006. Auch der Deutsche Akademische Auslandsdienst (DAAD) vergibt Stipendien, allerdings stärker leistungsbezogen. Daneben bietet er jeden Sommer Polnisch-Sprachkurse an, die in diesem Jahr so wenig ausgelastet waren, dass sich der Anmeldeschluß auf den 15. Dezember verschiebt. Die Teilnahme ist immer ein gutes Argument für eine spätere Bewerbung um ein DAAD-Stipendium. uli

ist inzwischen wieder in Greifswald; studierte im Sommersemester 2005 Polonistik in Krakau

Über welches Austauschprogramm bist du nach Polen gekommen? Ich war über das Erasmus-Programm in Krakau. Im November des Vorjahres ging ich zum Akademischen Auslandsamt, das mich gleich weiter zu meinem Polonistik-Prof schickte. Er hat dann alles in die Wege geleitet. Nach Krakau zu gehen war überhaupt kein Problem. Ich bekam dort sogar einen Platz im Studentenwohnheim, habe dann aber doch privat gewohnt. Was unterscheidet polnische von deutschen Studenten? Auf jeden Fall feiern sie beide gleich viel! Und polnische Studenten sind ungeheuer kreativ und improvisationsfähig:Wenn einen der Prof in Krakau dazu verdonnert, ein Buch zu lesen, das es nur in der Bibliothek von Danzig gibt, dann wird irgendwie eine Kopie organisiert. Was ist unterscheidet Studieren in Polen von Studieren in Deutschland? Die polnischen Studenten müssen fleißiger sein. Das liegt sicherlich auch an dem deutlich hierarchischeren System an den polnischen Unis. Es gibt zwar genauso wie bei uns die Humboldtsche Einheit von Forschung und Lehre, aber die Distanz zwischen Studenten und Lehrenden ist größer. Wie schätzt du die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland allgemein ein? Nach dem aktuellen Regierungswechsel gibt es die Ankündigung, kompromissloser mit Deutschland und der EU zu sein. Andererseits wachsen beide Länder auf der menschlichen Ebene stark zusammen. Die größte Gruppe der ErasmusStudenten in Polen sind Deutsche. Man wird in Polen eigentlich immer mit offenen Ohren und warm empfangen - besonders dann, wenn man ein wenig Polnisch kann! uli


polenmarkt

„Das Land Polen unseren Mitmenschen näher bringen“ Ein Resümée des PolenmARkT ‘05 mit Professor Christian Lübcke, Vorsitzender des Greifswalder Kulturfestivals

Wie war die Resonanz auf die diesjährigen Veranstaltungen? In diesem Jahr konnten wir 1.200 Besucher zählen, im Vergleich zum Vorjahr waren das 200 Interessierte mehr. Die Tendenz ist steigend? Im Prinzip ja. Allerdings geht es uns nicht darum, eine breite Masse anzusprechen. Dies würde uns mit der Organisation zum Beispiel von polnischen Rockkonzerten sicher gelingen. Uns geht es aber darum, die Randbereiche der Kultur, wie etwa Kammerkonzerte, zu fördern. Wann fing die Initiative „PolenmARkT“ an? In den 97/98-ern habe sich einige Slawistikstudenten zusammengetan, die ihren Schwerpunkt auf das Land Polen gesetzt hatten und dieses ihren Mitmenschen näher bringen wollten. Wer und wie viele organisieren heute die Veranstaltungen? Machen auch Polen mit? Zu 90 Prozent sind wir Deutsche. Der harte Kern besteht aus ca. 20 Organisatoren. Allerdings sind eine Menge zusätzlicher Helfer bei einzelnen Programmpunkten zur Stelle. Woher kommen die benötigten Gelder? Hauptgeldgeber ist zunächst einmal die Sparkasse. Die Universität hilft uns, indemVerwaltung und Organisationskosten in das Uni-Geschäft integriert sind. Zusätzlich haben wir uns in diesem Jahr an die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gewendet. Zuguterletzt haben wir auch einige freie Förderer, die uns zur Seite stehen. Interview: ilia

Professor Lübcke (r.) bei der Verleihung des Förderpreises für Verdienste im Rahmen der deutsch-polnischen Zusammenarbeit an die Studentin Joanna Grzyna. Foto: ring

Unbekanntes Polen? Frédéric Chopin und Krzysztof Penderecki sind wichtig. Keine Frage. Die in Chicago lehrende und für ihren Verdienst an die polnische Kultur gewürdigte Marta Ptaszynska ist dem Greifswalder Publikum allerdings durch das Ensemble controverse keine Unbekannte mehr. Erstmalig erklang ihr Liederzyklus “Songs of Despair and Loneliness” und das durch Gemälde des französischen Symbolisten Odilon Redon angeregte Fantasiestück “Moon Flowers” im November 2003 während der Lesung von Günter Grass und Peter Rühmkorf. Während des diesjährigen PolenmARkTs führte Marta Ptaszynska als Gast des Greifswalder Kulturfestivals im Pommerschen Landesmuseum selbst in das Ensemble-Stück “Liquid Light” ein. Ein gutes Zeichen innerhalb des DeutschPolnischen Kulturjahres 2005/06, auch wenn der PolenmARkT sie in diesem Jahr leider nicht als Festivalschwerpunkt thematisierte. Anders sind in dieser Hinsicht die Bemühungen der Hochschule für Musik und Theater (HMT) in Rostock. Hier heißt es: “Grajmy razem – Spielen wir zusammen“. Mit der Konzertreihe sollen mit Wort- und Musikbeiträgen deutsche Zuhörer mit der polnischen Kunst vertraut gemacht werden und die Bekanntheit jungen Künstler auf dem deutschen Markt erhöhen. Das packende Meisterkonzert des Warschauer Cellisten Andrzej Bauer und des HMT-Professors Matthias Kirschnereit am 21. August ist nur ein gutes Beispiel innerhalb noch folgender Veranstaltungen. ur

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moritz: Was ist das Ziel des PolenmARkTs? Uns liegt daran, den Greifswaldern die polnische Kultur näher zu bringen. Aus diesem Grunde bieten wir sie auch pur, dass heißt ohne deutsche Komponenten an. Wenn ich von Kultur spreche, umfasst das alle Gebiete: vom Leben über die Musik, Literatur, Wissenschaft und so weiter. So haben beispielsweise Mensa und s*bar während der Veranstaltungstage polnische Gerichte angeboten.

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asta / stupa / kurznachrichten kurznachrichten Fahrradfahrer zur Kasse gebeten Mehr als 7.500 Euro hat das Land Mecklenburg-Vorpommern seit dem 27. Oktober dieses Jahres eingenommen - durch Fahrradkontrollen in der Greifswalder Innenstadt. Wie die Greifswalder Polizei mitteilte, wurden bis Ende November rund 1.100 Fahrräder kontrolliert, in 750 Fällen stellten die Beamten eine kostenpflichtige Verwarnung aus. Also aufgepasst: Bei wem Vorderund Rücklichter fehlen und auch die Bremsen abgenutzt sind, dessen Fahrrad droht vorübergehende Stillegung. uli Poststelle ist Fundbüro Die Poststelle in der Domstraße 58 erfüllt ebenfalls die Aufgabe eines Fundbüros an der Uni. Der AStA hat bisher Dinge, die im Audimax gefunden wurden, angenommen, ist aber nicht offiziell dafür zuständig und kann sich nicht um die Vermittlung kümmern. Finder und Sucher wenden sich bitte an die Poststelle. Thomas Maier

Peter Martens präsentiert Skurrilitäten im Umsonstladen.

Foto: sv

hochschulpolitik

Geschenkte Geschenke verschenken Der Umsonstladen in der Wolgaster Straße 2 feierte vor kurzem sein einjähriges Bestehen. Neben Alltagsgegenständen und Büchern finden sich in den Ladenräumen auch allerhand Skurrilitäten. Zwei Mal wöchentlich, dienstags von 12 bis 15 Uhr und freitags von 15 bis 20 Uhr, stehen die ehrenamtlichen Helfer der Initiative hinter der Ladentheke. Über mangelnden Zuspruch konnten sich die Ladenhüter rückblickend kaum beklagen. „Oft bilden sich lange Schlangen vor der Tür und hier ist es proppenvoll“, erzählt Brigitte Rabel stolz. sv Internetrechner des AStA soll Klarheit bringen Auf der Internetseite des AStA befindet sich seit neuestem ein Nebenkostenrechner, um Klarheit in die jährliche Abrechnung der Stromlieferanten zu bringen. „Viele Studenten scheinen sich jedes Jahr in diesem Punkt zu verplanen und werden dann mit hohen Nachforderungen konfrontiert“, meint Thomas Maier, AStA-Co-Referent für Ökologie. Dabei können nicht nur Studenten dies sehr leicht umgehen, denn wer seine Kosten regelmäßig kontrolliert, kann den monatlichen Abschlag an seinen realen Verbrauch anpassen. Die ExcelDatei mit dem Rechner und eine genaue Beschreibung sind auf www.asta-greifswald.de zu finden. Anja Goritzka

StuPa

Studierendenparlament der EMAU Präsident: Simon Sieweke Stellvertreter: Kathrin Berger, Kai Doering

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E-Mail: stupa@uni-greifswald.de

AStA

Allgemeiner Studierendenausschuss Ihr findet den AStA im Audimax in der Rubenowstraße 1. Telefon: 03834/861750 oder 561751 • Fax: 03834/861752 E-Mail: asta@uni-greifswald.de Internet: www.asta-greifswald.de Vorsitz: Thomas Schattschneider vorsitz@asta-greifswald.de Uni-Jubiläum und Alumni-Arbeit: Stefanie Hennig jubilaeum@asta-greifswald.de Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Anja Goritzka presse@asta-greifswald.de Internet und Technik: David Schlegel internet@asta-greifswald.de Soziales und Wohnen: Stephanie Dahn soziales@asta-greifswald.de BAföG und Studienfinanzierung: Katharina Markus bafoeg@asta-greifswald.de Kultur: Kathleen Bendick kultur@asta-greifswald.de Ökologiefragen und nachhaltige Entwicklung: Thomas Maier, umwelt@asta-greifswald.de Hochschulpolitik: Torsten Heil hopo@asta-greifswald.de Außenbeziehungen und Partnerkontakte Natasja Ernst, partner@asta-greifswald.de Fachschaftsangelegenheiten und Gremienarbeit: Alexander Gerberding fachschaft@asta-greifswald.de Politische Bildung und Nachwuchs: Nico Lamprecht bildung@asta-greifswald.de Studium und Lehre: Kristina Kühn studium@asta-greifswald.de Lehrevaluation und -entwicklung: André Kaminski evaluation@asta-greifswald.de Studierendenaustausch und Internationalisierung: Monika Peiz, austausch@asta-greifswald.de Finanzen: Martin Hackober finanzen@asta-greifswald.de Buchung und Beschaffung: René Friedland beschaffung@asta-greifswald.de Ausländer:Zoran Vasic auslaenderreferat@asta-greifswald.de Behinderte: Alexander Schulz-Klingauf behinderte@asta-greifswald.de Gleichstellung: Patrick Leithold gleichstellung@asta-greifswald.de Schwule und Lesben: Sandra Günther slreferat@asta-greifswald.de


kurznachrichten / studentenwerk kurznachrichten Verhandlungskompromiss erreicht Unter Androhung einer erneuten Klage hat der AStA erreicht, dass sich weitere 25 Studenten in den zum Wintersemester geschlossenen Bachelor-Studiengang Erziehungswissenschaft einschreiben können. Die erste Klage war im September zu Gunsten einer inzwischen eingeschriebenen Ewi-Studentin ausgegangen. Vom AStA bejubelt, entpuppte sich deren Klage im Nachhinein aber als Einzelfallentscheidung. Rektorat und Studentensekretariat lehnten weitere Einschreibungen ab; am Institut gebe es für noch mehr Studenten zu wenig Personal. „Das stimmte aber gar nicht“, so Kristina Kühn, AStA-Referentin für Studium und Lehre. Die angedrohte Klage stand weiter im Raum, dann half das Glück nach. Just vor einer neuen Gesprächsrunde im Rektorat hatte Prorektor Claus Dieter Classen in Schwerin Geld für weiteres Personal zugesichert bekommen und sicherte dem AStA daraufhin 25 weitere Einschreibemöglichkeiten zu. Noch kann man sich im Studentensekretariat umschreiben, ein formeller Antrag ist nicht nötig. uli

Studierendenparlament fordert Gleichberechtigung Das StuPa hat auf seiner letzten Sitzung den akademischen Senat aufgefordert, die Studierendenschaft als gleichberechtigte Teilkörperschaft anzuerkennen. „Zurzeit sind wir in der Grundordnung der Universität schlechter gestellt als die anderen Gruppen“, sagt Simon Sieweke, Präsident des Studierendenparlaments. Nach der derzeitigen Regelung kann etwa bei der Besetzung des Rektorats ein Dekan auf Beschluss seines Fakultätsrats einen Kandidaten vorschlagen. Studierendenvertretern ist dies nicht erlaubt. ring StuPa mit neuer Internetseite Die Internetseite des StuPa hat seit dem 28. November ein neues Gesicht. „Bessere Übersichtlichkeit und mehr Transparenz“, verspricht die stellvertretende Präsidentin des Gremiums, Kathrin Berger. So kann die jeweils aktuelle Tagesordnung nebst Anträgen heruntergeladen werden. Das Präsidium, die Vorsitzenden der AGs sowie der Haushaltausschuss sind zukünftig besser zu erreichen. Die Internetseite ist unter asta.uni-greifswald.de/stupa/ zu erreichen. ring

Sozialpolitik mitgestalten Verwaltungsratsmitglieder des Studentenwerks werden neu gewählt

Eric Kibler, Mitglied seit Juni 2002 Was hat sich in den letzten zwei Jahren durch die Arbeit des Verwaltungsrates für die Studenten verbessert? Genau gesagt: keine Ahnung. Wir haben Kriterien für die Wohnheimplatzvergabe verabschiedet. Außerdem wurde die Fotos: Archiv Transparenz in der Mittelverwendung für soziale und kulturelle Projekte erhöht. Welche Themen muss der Verwaltungsrat in Zukunft dringend anpacken? Die Wohnsituation in den Wohnheimen muss verbessert werden und die geringe Versorgungsquote erhöht werden. Ein ganz aktuelles ist die Kita für Studierende. Außerdem wird gerade ein Leitbild des Studentenwerks entworfen. Auch steht derzeit der Weiterbetrieb der Cafeteria im Klinikum in Frage. Warum sollte sich jemand in den Verwaltungsrat wählen lassen? Auf jeden Fall nicht, um die Pommes-Sorte zu ändern! Wer sich sozial engagieren und Erfahrungen in Gremien sammeln möchte, ist hier goldrichtig.

Tobias Linke, Mitglied seit eineinhalb Jahren Was hat sich in den letzten zwei Jahren durch die Arbeit des Ver-waltungsrates für die Studenten verbessert? Ich bin mit den Ergebnissen der Arbeit selbst eher unzufrieden. Die Entscheidung über die Sanierung und den Ausbau der Beimlerstraße, welche sich ja positiv auf den gesamten Wohnungsmarkt auswirkt, war richtig. Auch wenn dafür die Mieten zum ersten Mal seit vielen Jahren um 15 Euro erhöht werden mussten. Was war dein spezielles Thema, für das du dich eingesetzt hast? Das sind die drei wesentlichen Themen: Wohnen, Essen und Kinderbetreuung. Bei der Kinderbetreuung und beim Wohnen sind wir auf dem richtigen Weg. Beim Thema Essen war mir persönlich wichtig, dass wir eine höhere Kostendeckung erreichen und dass der Verkauf an Nicht-Studierende nicht durch unsere Semesterbeiträge subventioniert wird. Welche Themen muss der Verwaltungsrat in Zukunft dringend anpacken? Die Kinderbetreuung ist für die Attraktivität Greifswalds als Hochschulstandort aber auch für die Gleichberechtigung extrem relevant. Wir werden entscheiden müssen, ob und wie stark wir diesen Bereich auch finanziell unterstützen. uli

hochschulpolitik

Im Januar 2006 wählt das Studierendenparlament die sechs studentischen Vertreter für den Verwaltungsrat des Studentenwerks. moritz sprach mit zwei Mitgliedern der zuende gehenden Legislatur.

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proteste

Bambule im Rektorat Die Greifswalder Protestgruppe wird aktiv Am 16. November ging es in Greifswald das erste Mal seit langem wieder heiß her. Schon die Senatssitzung im Krupp-Kolleg hatte es in sich gehabt. Der angereiste Rektor der Uni Rostock, Hans Jürgen Wendel, versicherte in seiner eröffnenden Ansprache Einigkeit mit Greifswald in der Ablehnung einer „Abschaffung der Bildungspolitik“ durch Schwerin. Rektor Wendel warf Bildungsminister Metelmann vor, eine rigorose Kürzungspolitik unter dem Deckmantel der Reformation der Hochschullandschaft durchzuführen. Die einzig mögliche Reaktion darauf sei das Schmieden von Allianzen im Bereich des Möglichen. Genau das scheint aber jenen nicht zu reichen, die wenig später für Unmutsäußerungen im Senat sorgen sollten. Zuerst sollte im Senat aber noch einiges diskutiert werden. Es wurde darüber gesprochen, dass Prognosen über die Entwicklung der Studentenzahlen von der Landesregierung anscheinend völlig ignoriert werden. Darüber, dass überhaupt nicht ersichtlich sei, wer

in Schwerin nun wirklich Macht in der Bildungspolitik ausübe. Dass gar eine Vermischung von Exekutiv- und Legislativorganen zu erkennen sei. Und die Planungen zu Schließungen und Zusammenlegungen von Instituten in Rostock und Greifswald wurden einhellig und gereizt verdammt. Die Probleme sind also auch dem Senat bekannt. Aber was für Lösungsansätze sieht dieser dafür? Viel kam da nicht zu Tage, nur die schon genannten Allianzen im Bereich des Möglichen und ein Grundtenor der vagen Hoffnung auf anders denkende Entscheidungsträger im Laufe der Zeit. Zeit wird der Kürzungsprozess wohl noch reichlich in Anspruch nehmen. Aber ist die Hoffnung auf andersdenkende Politiker berechtigt? Vor allem: Darf es uns reichen, uns in dieser Hoffnung mehr oder weniger mit der Situation abzufinden? Protestgruppe besetzt Rektorat Ein lautes „Nein!“ schienen 20 Stu-

Kommentar

hochschulpolitik

Bildung ist keine Ware

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Bildung ist keine Ware. Angesichts von Kürzungsbebatten droht nun die Wirtschaftlichkeit das einzige Ent-scheidungskriterium für die Weiterführung und Schließung von Studiengängen zu werden. Wer nicht genug Profit bringt oder wo der wirtschaftliche Nutzen nicht eindeutig ist, wird geschlossen. Denn er hat wohl keinen „Wert“ für die Gesellschaft. Nur können wir es uns leisten, Bildung vom wirtschaftlichen Nutzen abhängig zu machen? Können wir es uns leisten, Bildung zu einer Ware verkommen zu lassen? In einer Zeit großer ethischer Fragen, wie zum Beispiel im Bereich der Gentechnik oder der Kriegsführung, ist es überlebenswichtig, ethische Werte zu haben und solche, die diese hochhalten. In einer Zeit, in der die Gewinne von Großkonzernen in gleichem Maße zunehmen wie die Menschlichkeit abnimmt, ist es essentiell, moralische Werte zu haben. Diese Institutionen sind nicht nach wirtschaftlichen Maßstäben zu bemessen, da sie erstens keine direkten „Gewinne“ einfahren und zweitens ihr Wert ungleich höher liegt. Die Bildung darf keine Ware werden, mit der wie auf einem türkischen Basar gehandelt wird. Die Bildung ist eines der höchsten Güter der Menschheit und wir sollten sie mit Sorgfalt behandeln. Christopher Trippe, Mitglied der Protestgruppe Die Protestgruppe trifft sich jeden Donnerstag um 20.30 Uhr im Hörsaal 1, Audimax.

Foto: bert

denten in den Saal transportieren zu wollen, als sie um 15.30 Uhr das Rektorat Rainer Westermanns besetzten. Die Reaktionen auf diese Meldung im Senat ließen vermuten, dass man sich emotional schon von den direkten Anliegen der Studenten abgegrenzt hat: Abstempelndes Kopfschütteln, mitleidiges Lächeln, spröde Entrüstung. Jedenfalls verließen die Prorektoren Classen und Festge alsdann den Saal, um mit den Besetzern zu verhandeln. Die rege Telefoniererei, die daraufhin vor den Türen des Saales einsetzte, ließ den Rest der Sitzung zum Begleitprogramm verkommen. Rektor Westermann meinte gegenüber dem moritz auf dem Flur des Krupp Kollegs, er halte die Aktion „der Sache der Besetzer nicht dienlich“. Diese waren da natürlich anderer Ansicht. Im organisierten Chaos, das das Rektorat beherrschte, bezeichnete Torsten Heil, eigentlich hochschulpolitischer Referent des AStA, die Motivation der Besetzer so: „Vielleicht müssen wir etwas rebellischer werden, um in der Hochschuldiskussion überhaupt noch wahrgenommen zu werden.“ Teile des AStA sympathisieren offen mit den Besetzern. Den letzten Anstoß zur Rektoratsbesetzung hatten die Position und die Politik Rektor Westermanns gegeben. Nach Meinung der Besetzer, unter denen auch einige StuPa-Mitglieder waren, vertrete dieser schon lange nicht mehr die Position der Studierendenschaft und mehrer Fakultäten. Dann habe er auch noch Beschlüsse über den Senat hinweg durchgesetzt und im Vorfeld der Besetzung diverse Male ausdrücklich jeden Dialog mit Protestgruppe und AStA abgelehnt. Die Protestgruppe erreichte durch gute Organisation der Besetzung jedoch alle ihre Ziele. Das Sit-in konnte die Nacht über fortgesetzt werden, was dem Symbolwert zugute kam. Offiziell ist die Besetzung nur ausgesetzt, soll also als Druckmittel drohend im Hintergrund


proteste

Vollversammlung nicht beschlussfähig Auf der abendlichen Vollversammlung fanden sich rund 510 Studenten ein. Man war deshalb zwar nicht beschlussfähig, hat aber trotzdem abgestimmt. Die Stimmung war, wie von den wenigen interessierten Studenten zu erwarten, begründet antischwerinerisch. Dass aber der größte Feind, wenn man ihn

denn so nennen will, nicht im Rektorat sitzt, musste Simon Sieweke erst noch einmal anmahnen. Sonst wäre es wohl keinem wirklich aufgefallen, geschweige denn aufgestoßen, dass der entsprechende Antrag der Rektoratsbesetzer sich zuerst einzig gegen den Rektor wendete. Anschließend zog man vor die Fenster des Rektorats, um sich an der Situation zu erfreuen und alsbald wieder nach Hause zu gehen. Am ersten Verhandlungsfreitag der Nachgespräche kam es zu einem regen Gedankenaustausch, der bald die Notwendigkeit weiterer Diskussionen deutlich werden ließ. Der zweite Freitag, an dem verhandelt wurde, brachte auch nicht viel Neues. Rektor Westermann hatte nur eine Stunde lang Zeit und man vertagte sich. Doch scheinen die interessanten Teile der Debatten noch anzustehen. Rektor Westermann muss sich laut Benjamin Schöler, Mitglied der Protestgruppe, in Zukunft auf gezielte Rückfragen ein-

Politikmuffel vs. engagierter Reformator? Ein Lagebericht Mit dem Wort „Hochschulpolitik“ löst man an dieser Universität meist eine von zwei möglichen Reaktionen aus. Zum einen gibt es da die hochschulpolitisch Interessierten. Meist handelt es sich bei dieser Spezies um die engagierten Gremienmitglieder selbst, die sich freiwillig der Aufgabe stellen, mit den Verantwortlichen zu debattieren. Zum anderen gibt es da die Muffelfraktion, die Hochschulpolitik, Proteste und Demos vermeintlich überhaupt nichts angeht. Sie vertreten die Mach-ich-nich-mitbringt-ja-eh-nix-Mentalität. Wahlquoten unter 10 Prozent und An-wesenheitszahlen bei Vollversammlungen, die keine Beschlussfähigkeit zulassen, beweisen, dass die zweite Gruppe augenscheinlich die absolute Mehrheit an der Greifswalder Universität hat. Doch sind nicht im April diesen Jahres so einige hundert Studierende mit zur Großdemonstration nach Schwerin gekommen? Das können doch nicht alles Kunstgeschichtsstudierende gewesen sein, die sich das Schweriner Schloss anschauen wollten? Wohl eher nicht: Alle freuten sich, einen Tag unifrei zu haben. Oder political correct: Das brisante Thema der Hochschulreform im Land geht schließlich jeden von uns an. Im Frühjahr gab es kaum ein wichtigeres Thema. Vorlesungen wurden mit der aktuellen Situation eingeleitet und wo man hinsah, waren Protestlisten ausgehängt und Spruchbänder angebracht

nach dem Motto „Stirbt die Uni, stirbt das Land“. Kritiker könnten jetzt fragen, was das alles gebracht hat. Denn die Diskussion hat sich dahingehend verlagert, dass nur noch verhandelt wird, welche Studiengänge als nächstes geschlossen werden. Ein weiteres Problem ist, dass die Diskussion im Sande verlief. Aber ist sie das wirklich? Keiner weiß so recht, welche Entscheidungen als nächstes anstehen. Aber würde eine gründliche Aufklärung der Studierenden überhaupt etwas bringen? Ist es nicht eher so, dass sich wieder nur die Beteiligten mit sich selbst beschäftigen würden? Und schließlich kann sich doch jeder selbst informieren. Politische Transparenz ist zumindest zu einem großen Teil gegeben. Die Sitzungen der Ausschüsse sind offen, doch leider ist der Einblick in die aktuelle hochschulpolitische Lage mit einem erheblichen Aufwand verbunden. An dieser Stelle kann schnell alle Motivation schwinden. Trotz aller Diskussionen um die Hochschulpolitik, Einigkeit besteht zumindest darin, dass eine Vertretung der Studierenden wichtig und unerlässlich ist. Selbst kandieren wollen trotzdem die wenigsten. Das Wort „Hochschulpolitik“ bürgt ein riesiges Konfliktpotenzial – Desinteresse vorwerfen lassen will sich schließlich auch keiner. cole

stellen. Das wird ihn wahrscheinlich aus der Reserve locken, hat er doch in den letzten Debatten schon arg emotional reagiert. So soll er den GeographieProfessore Helmut Klüter wegen seiner aktiven Beteiligung an der öffentlich Debatte als den „größten Scharlatan unter der Sonne“ bezeichnet haben. Den Umbau der Universität hätte der Plan des Rektors laut Benjamin Schöler sowieso vorgesehen – auch ohne Kürzungsdruck aus Schwerin. Mittelfristig verspricht sich die Protestgruppe von den Gesprächen nicht nur einen konstruktiven und grundsätzlichen Dialog. Im Idealfall sollen sich auch eine oder mehrere große öffentliche Podiumsdiskussionen ergeben. kos Mehr Infos: www.gewissenlos.info

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en h c ! u a r lfe i b H r Wi eine en n D In r e lf ht! e hlh suc a W ge Die nächste Wahl des Studierendenparlaments (StuPa) steht vor der Tür und es werden noch Wahl-helferInnen gesucht. Mitte Januar soll die Wahl vonstatten gehen und neben den WählerInnen und den KandidatInnen, sind die WahlhelferInnen der wichtigste Part der Wahl. Sie sind es, die an den Wahlurnen sitzen und dazu beitragen das die Wahl ordnungsgemäß abläuft. Einzige Bedingung ist, dass Du nicht für das StuPa kandidierst. Damit die Wahl auch möglich ist und die studentische Selbstverwaltung weiterhin aktionsfähig ist, brauchen wir Dich.

hochschulpolitik

bestehen bleiben. DasWichtigste jedoch ist das entstandene Nachspiel. Rektor Westermann erklärte sich dazu bereit, mit der Protestgruppe umfangreiche Gespräche zu führen, was auch durch die Angst vor einer erneuten Besetzung begünstigt worden sein mag. In diesen soll es nicht um die Verschiebung von Stellenstreichungen innerhalb der Universität gehen.Vielmehr wollen die Verhandelnden einen Diskurs über die grundsätzliche Ausrichtung der Universität führen. Ergebnisse gab es noch keine.

Wenn Du Lust und Interesse hast, dann melde dich beim Wahlleiter Nico Lamprecht unter folgender E-Mail: wahlen@asta-greifswald.de oder einfach im AStA-Büro in der Rubenowstraße1.

Vielen Dank für Dein Engagement.

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besinnliches

Das Jahr der Visionen

hochschulpolitik

Ein hochschulpolitischer Jahresrückblick

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Als ein an Lehre und Forschung interessierter Mensch in M-V hatte man es im Jahr 2005 nicht leicht. Denn scheinbar innovative Visionen wurden in diesem Jahr vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, genauer gesagt von Minister Hans-Robert Metelmann, beschlossen. Der Höhepunkt des regen Treibens war bis jetzt der 29. November. An diesem Tag trug der Bildungsminister sein endgültiges Hochschulkonzept im Landeskabinett vor. Dieses stimmte dem Papier zu, das nach Beschneidung der Hochschulautonomie die Neuordnung der Hochschullandschaft organisieren soll. Der Inhalt muss alle von den Kürzungen betroffenen Lehramtsstudenten sowie angehende Altertumswissenschaftler, Theologen, Anglisten/Amerikanisten und Erziehungswissenschaftler, aber auch alle anderen Studierenden und Mitarbeiter der Greifswalder Universität aufrütteln, denn kein Fachbereich wird aller Voraussicht nach ab 2006 an den Kürzungen vorbei kommen. Doch Metelmann begann bereits am 14. Januar 2005 seine Vision einer qualitativ hochwertigen und international konkurrenzfähigen Hochschullandschaft in M-V zu verkünden. Zwei Wochen später teilte er mit, dass seine „gute“ Vision mit der weniger visionären Kürzung von 652 Stellen an den Hochschulen einhergehen wird. Im Schloss Hasenwinkel bei Schwerin veröffentlichte er dann, dass 199 Stellen allein an der Universität Greifswald gekürzt werden sollen. Das zähe Ringen um Hochschulautonomie begann. So wurde durch die Universitätsrektoren Wendel und Westermann Mitte Februar auf den visionären Kürzungsplan der Landesregierung geantwortet. Beide folgten den deutlichen Appellen aus dem Bildungsministerium und legten eine weitreichende Liste von Kürzungen und Zusammenführungen von Instituten und Fakultäten vor. An sich keine Besonderheit, wenn man die Kompetenzen der Hochschulsenate außen vorlässt. Der Greifswalder Senat lehnte die westermann-wendelschen

Visionen nach heftigen Protesten im März ab. Der Rostocker Rektor zog die plötzlich nicht mehr visionäre Vision wieder zurück. Als Nebenkriegsschauplatz trat sich im März dieses Jahres die Änderung des Landeshochschulgesetztes (LHG) hervor. Das Bildungsministerium arbeitete hinter verschlossenen Türen an einer Modifizierung des LHG mit dem Ziel, gemeinsame Fachbereiche zwischen Hochschulen einzurichten, Studierende von einem Hochschulstandort zum anderen verschicken zu können und selbst als Ministerium Studiengänge eröffnen und schließen zu können. Währenddessen lud Bildungsminister Metelmann Mitte März die Hochschulrektoren auf das idyllische Schloss Hasenwinkel. Grund war eine schriftliche Vision: Eine Liste von Kompetenzfeldern sollte den Hochschulen eröffnen, was das Land in den nächsten Jahren für sinnvolle Arbeitsschwerpunkte der Hochschulen wünscht. Das Kompetenzfelderpapier löste Proteste aus, so dass am 20. April 2005 ein bis dato einmaliger studentischer Staffellauf durch das gesamte Bundesland, der alle Hochschulstandorte verband, stattfand. Er fand am 21. April 2005 sein Ziel vor dem Schweriner Landtag, wo eine Großdemonstration aller Hochschulen mit über 4.500 Teilnehmern durchgeführt wurde. Exakt eine Woche später präsentierte ein sichtbar unberührter und von Visionen – pardon: Halluzinationen – getriebener Hans-Robert Metelmann im Schloss Hasenwinkel ein weiteres Kompetenzfeldpapier, dass konkret für jede Hochschule bestimmte, was dort noch als Studiengang oder Servicefunktion vorhanden bleiben soll. Als Reaktion darauf befasste sich der Greifswalder Senat mit der künftigen Universitätsstruktur. Minister Metelmann hatte bereits auf der vergangenen Sitzung als Gast versprochen, dass die Hochschule, sollte sie ein sinnvolles Gesamtkonzept zur Hochschulentwicklung vorlegen, weniger Stellen kürzen müsste.

Dies nahm der Senat zur Grundlage und beschloss ein Konzept, das bei 150 wegfallenden Stellen, wenige Fachbereiche schließen und sinnvolle Synergien freigeben würde. Im Juni wurden mit teils knappen Mehrheiten 32 Studiengänge eingestellt und sich an die Umsetzung des Konzeptes gemacht. Am 29. Juni wurde dann erneut in Hasenwinkel über die Vorschläge der Hochschulen nachgedacht und das Bil-dungsministerium legte „überraschend“ eine fertige Gesetzesänderung des Landeshochschulgesetzes vor, dass die Hochschulautonomie beschneiden und Hochschulstrukturveränderungen auch dem Bildungsministerium ermöglichen soll. Damit brach der öffentliche Dialog zwischen Bildungsministerium und Rektoren ab und es folgten zähe Einzelverhandlungen. Anfang Oktober muss Metelmann wieder einer politischen Vision erlegen sein. Denn er verkündete, dass Greifswald nunmehr statt 199 Stellen 213 Personalstellen streichen soll. Damit führte er sein Versprechen einer verringerten Stellenkürzung in Greifswald und damit das Senatskonzept ad absurdum. Und wo bleiben nun Forschung und Lehre an der Greifswalder Universität? Fakt ist, dass durch die Schließung von 32 Studiengänge im Juni diesen Jahres das Studium in Greifswald extrem eingeschränkt wurde und so mancher potentielle Student sich für einen anderen Studienort entschied. Fakt ist auch, dass viele Studiengänge jetzt schon überlaufen sind und dass Sitzen auf den Stufen eines überfüllten Hörsaales für viele Studierenden zum Alltag gehört. Fakt ist, dass sich durch die Streichung von 213 Personalstellen an der Universität bis 2017 diese Lehrsituation weiter verschlechtern wird und viele zukünftige Studierende davon abgeschreckt werden hier zu studieren. Ein Teufelskreis also. Doch nun entstehen noch diabolischere Visionen ganz anderer Art. Der Greifswalder Senatsvorsitzende Wolfgang Joecks denkt laut über die Einführung von Studiengebühren nach, um die bei der Stellenstreichung ausfallenden Gelder abzufangen. Das Land Mecklenburg-Vorpommern geht jetzt schon finanziell und demographisch am Krückstock. Doch wie soll man dies ändern, wenn man einer Region einen wirtschaftlich wichtigen Motor, die Universität, nimmt? Das Jahr 2006 wird neben dem Jubiläumsjahr wohl ein weiteres Jahr der grauenhaften Visionen werden. Bleibt nur noch die Frage: Was denken Sie sich bei Ihren Visionen, Herr Minister Metelmann? Thomas Schattschneider, AStA-Vorsitzender


nachgefragt

Landtagsexperten zum LHG 1

Wie steht Ihre Fraktion zum Gesetzesentwurf zur Novellierung des Landeshochschulgesetzes des Bildungsministeriums?

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Ist diese Position einheitlich oder gibt es auch Gegenstimmen innerhalb der Fraktion?

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Wie steht es um Ihre persönliche Meinung zu diesem Vorhaben?

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Sind Landespolitiker im Bildungsministerium das qualifizierteste Personal, um Entscheidungen über die universitäre Verwaltung zu fällen?

Andreas Bluhm, hochschulpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion der Linkspartei.PDS

Lochner-Borst, Ilka bildungspolitische Sprecherin der CDULandtagsfraktion

Mathias Brodkorb, hochschulpolitischer Sprecher der SPDLandtagsfraktion

Die Fraktion stimmte der Überweisung des Gesetzentwurfes in die Ausschüsse in 1. Lesung mehrheitlich zu. Die Endabstimmung kann jedoch erst nach der Behandlung im Bildungsausschuss auf der Grundlage einer Beschlussempfehlung des Ausschusses und einer 2. Lesung im Landtag – voraussichtlich im Januar 2006 – erfolgen. Somit sind noch Änderungen oder Ergänzungen des vorliegenden Gesetzentwurfs möglich.

Die CDU-Landtagsfraktion lehnt diesen Gesetzentwurf ab. Er stellt eine Einschränkung der Hochschulautonomie dar, die 2001/2002 in einem mühsamen Gesetzgebungsverfahren durch die Hochschulen auf eine konstruktive Art und Weise erstritten wurde. Nach Ansicht der CDU-Fraktion geht im gegenwärtig gültigen LHG die Hochschulautonomie nicht weit genug. Die Haushaltspolitik der Landesregierung greift durch ständige Einsparungen, Kürzungs- und Schließungspläne massiv in die ohnehin beschränkte Autonomie der Hochschulen ein.

Die SPD-Fraktion hat bisher noch nicht über die LHG-Änderung beraten.

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2

Es gab bei der Abstimmung auch Gegenstimmen und Stimmenthaltungen in der Fraktion der Linkspartei.PDS. Ich sehe die Notwendigkeit des Gesetzentwurfes, um vor dem Hintergrund der vielschichtigen und komplizierten Rahmenbedingungen eine zukunfts-, leistungs- und konHochschullandschaft kurrenzfähige unter der Prämisse der Erhaltung aller Hochschulen zu sichern. Dabei gehe ich immer noch davon aus, dass es gelingt, einen Konsens zwischen allen Beteiligten zu erreichen und damit die geplanten Eingriffsmöglichkeiten des Gesetzentwurfs nicht anwenden zu müssen. 3

Nach dem LHG hat das zuständi4 ge Ministerium einen gesetzlichen Auftrag zur Gestaltung und Mitwirkung im Hochschulbereich, der Gesetzeskraft hat. Da sich die Frage auf die universitäre Verwaltung bezieht, ist von qualifizierten Entscheidungen auszugehen. Die Eingriffsmöglichkeiten in die Prozesse der Lehre und Forschung sind nach dem Grundgesetz, der Landesverfassung und dem LHG des Landes der Autonomie wegen berechtigterweise sehr beschränkt.

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Diese Position ist einheitlich, weil die CDU die Hochschulen in Mecklenburg-Vorpommern als einen der nachhaltigsten Entwicklungsfaktoren des Landes betrachtet. 2

1

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Siehe Antwort zu Frage 1.

Eine abschließende Meinung zur Änderung des LHG werde ich mir erst nach der geplanten Anhörung bilden. 3

Soweit ich weiß, wurde in der nicht Hochschulreformdebatte über „universitäre Verwaltung“ beraten. Auch arbeiten aus Gründen der Gewaltenteilung keine Abgeordneten in Ministerien mit. Abstimmungsprozesse in besonders wichtigen politischen Fragen zwischen Regierung und Fraktionen sind kos jedoch nicht ungewöhnlich. 4

Die Antwort auf Frage 1 stellt meine persönliche und meine parteipolitische Meinung dar. Als Mitglied der CDU und als hochschulpolitische Sprecherin werbe ich dafür, dass meine persönliche Meinung auch Meinung meiner Fraktion und Partei wird.

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3

Die Frage stellt sich mir anders: Wie versetzen wir als Politiker die Univerwaltungen in die Lage, Hochschulautonomie im Interesse der Hochschule und des Landes mit Leben zu erfüllen? Ich will, dass sich Hochschulen auch dem Interesse des Landes verpflichtet fühlen. Daher ist das angestrebte Prozedere beim Abschluss von Zielvereinbarungen im gültigen LHG der richtige Weg. Ich sehe es kritisch, dass Bildungsbürokraten für sich in Anspruch nehmen, die Breite und Tiefe von Hochschulstrukturen treffsicher zu beurteilen. 4

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hochschulpolitik

Die Novellierung des Landeshochschulgesetzes (LHG) wird die bestehende Hochschulautonomie stark beschränken, so sie in der zweiten Lesung im Schweriner Landtag angenommen wird. Anlässlich der Aktualität dieser Novellierung fragte moritz bei den Landtagsfraktionen SPD (Regierung), Linkspartei.PDS (Regierung) und CDU (Opposition) nach den individuellen Standpunkten zu der Diskussion.

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uni-personalia

Bis in die Spitzen Warum der Pressesprecher der Universität seit Februar arbeitslos ist – und bleibt Wenn eine Universität ihren „Pressesprecher“ entläßt, dann muss sie ihn gleich gründlich rausschmeißen. Um 12.10 Uhr am 16. Februar dieses Jahres erfuhr Edmund von Pechmann, dass sein Arbeitsverhältnis mit der Ernst Moritz Arndt-Universität beendet sei. Schon am selben Tag war das Telefon in seinem Büro in der Baderstraße tot, sein Uni-E-Mail-Account gesperrt. Auf der nachmittäglichen Senatssitzung hieß es dann, von Pechmann sei „verhaltensbedingt“ gekündigt worden. Rektor Rainer Westermann wünschte

der Uni über Sprachphantasie, Stil und mutigen Journalismus jubelte, moserte die andere Hälfte über falsch verstandene Öffentlichkeitsarbeit und InsiderGeschreibsel. 2001 rutschte von Pechmann bei der Beschreibung der abgerissenen Duschbaracken im Studentenwohnheim Fleischerwiese das Wort „auschwitzartig“ heraus. Die Uni-Öffentlichkeit erbebte, es gab persönliche Angriffe und Morddrohungen. Der damalige

sel.

-Geschreib sie versus Insider

hochschulpolitik

rachphanta „Uni-Journal“: Sp es ch ns an m ch Von Pe

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dem Entlassenen noch zum Abschied, er möge mit der schwierigen Situation gut umgehen. Vier Er- und Abmahnungen, 61 „Uni-Journale“ und vier „Universitätszeitungen“, unzählige Pressemitteilungen sowie einige Skandälchen und Skandale früher kam von Pechmann 1994 nach Greifswald. „In ein Provinznest am Rande Deutschlands“, wie er heute sagt, „das nicht mal telefonisch vernünftig erreichbar war.“ Das einzige, was die deutschlandweite Öffentlichkeit aus Greifswald vernahm, war der gute Ruf der Medizin. Das sollte sich ändern. Von Pechmann übernahm die Pressestelle und fing an zu schreiben, mit spitzer Feder und feiner Beobachtungsgabe. In den Uni-Journalen und diversen Pressemitteilungen lief er zu Hochform auf. Die „Zeit“ titulierte den Sprachkünstler 1996 als „Vater der frechsten Unizeitung Deutschlands“. Sein feinsinniger, bisweilen auch ironischer Stil lese sich „wie Simplicissimus, FAZ und Titanic zugleich“. Von Pechmann hatte, was er für die Uni Greifswald wollte: deutschlandweite Aufmerksamkeit. Auch in der Universität war ihm Aufmerksamkeit gewiss. „Man hat viel hineingedeutet in meine Texte“, wundert er sich bis heute.Wer wollte, der konnte immer so einiges aus ihnen herauslesen. Uni-interne Intrigen und Herabsetzungen tolerierte von Pechmann nicht und streute die eine oder andere Andeutung in seine Texte. Während die eine Hälfte

Rektor Hans-Robert Metelmann stellte sich hinter ihn, nachdem er ihm bis zur Aufklärung kurzzeitig sein Amtes entzogen hatte. Nicht so Rainer Westermann, damals Dekan der Philosophischen Fakultät. Mit der Investitur Westermanns zum Rektor im Winter 2003 wurde das Eis dünn für von Pechmann. Als Ende 2003 der langjährige Kanzler Carl Heinz Jacob in Pension ging, tauchte die erste Abmahnung aus der Schublade auf. Gleichzeitig wurde die Personalchefin Christiane Müller versetzt. Sie entging der Entscheidung mehr oder weniger, indem sie in Speyer zur Kanzlerin ernannt wurde. Von Pechmann berichtete sowohl über Müllers Ab- und dann Weggang als auch über Jacobs Verabschiedung – und handelte sich prompt eine Abmahnung von Rektor Westermann ein. Im Christiane-Müller-Artikel verwies von Pechmann auf deren hervorragende Zeugnisse und Beurteilungen, von denen Müller ihm selbst berichtet hatte. Westermann monierte, von Pechmann habe Dienstgeheimnisse ausgeplaudert. Im Carl-Heinz-Jacob-Artikel konnte sich von Pechmann eine kleine Charakteristik der Redner nicht verkneifen. Westermann beschwerte sich, von Pechmann habe „ihn in seinem Bemühen, eine würdige Veranstaltung hinzubekommen, desavouiert“, zu deutsch: bloßgestellt. Das mehrere Tausend Euro teure UniHomepage-Projekt, das Mitte 2004 in

der Kommunikationsunfähigkeit zwischen Rektorat und von Pechmann als Verantwortlichen versandete und schließlich eingestampft wurde, ließ das Eis nochmals dünner werden. „Ich war gegenüber Rektor Westermann immer gesprächsbereit“, beteuert von Pechmann heute, „aber bei ihm war von Anfang an kaum guter Wille da.“ Westermann selber wollte sich gegenüber dem moritz dazu nicht äußern. Überhaupt gibt sich der Rektor wortkarg. Was denn der Kernvorwurf gegen von Pechmann sei, wollte moritz von ihm wissen. Kein Kommentar, solange die Urteilsbegründung der jüngsten Gerichtsentscheidung noch nicht vorliege. Gesprächsbereiter gab sich Uni-Kanzler Thomas Behrens, der von Pechmann illoyales Verhalten gegenüber dem Rektorat vorwirft. Als von Pechmann Ende 2004 auch noch dazu verdonnert wurde, das Uni-Journal fortan selber zu layouten, fing das Eis an zu brechen. Mitte Februar 2005 hatte er dann gleich zwei Kündigungen auf dem Tisch liegen: Eine fristgemäße und eine fristlose, letztere auf den insgesamt vier vorangegangenen Er- und Abmahnungen

Seit dem 8. November arbeitslos: Edmund von Pechmann. Foto: Archiv beruhend. Er zog vor das Arbeitsgericht Stralsund, das am 8. November urteilte und erst die Abmahnungen als nicht justiziabel verwarf und dann die Kündigungen abschmetterte. Die fristgemäße Kündigung war wohl zu keinem Zeitpunkt rechtmäßig. Laut dem Tarifvertrag zur sozialen Sicherung, den die Gewerkschaft im Zuge der Kürzungswellen mit dem Land aushan-


uni-personalia delte, dürfen nichtwissenschaftliche Uni-Mitarbeiter nicht betriebsbedingt gekündigt werden. Die Uni hatte aber schon während des Verfahrens deutlich gemacht, dass eine Wiedereinstellung von Pechmanns den Uni-Oberen nicht zuzumuten sei, und stellte einen Auflösungsantrag nach §9 Kündigungsschutzgesetz. Diesem gab das Gericht statt, löste das Arbeitsverhältnis zum 30. September auf, legte eine Abfindung in Höhe von knapp 30.000 Euro fest und entließ von Pechmann mit 55 Jahren in die Arbeitslosigkeit. Altrektor Jürgen Kohler blickt kritisch auf die getroffene Entscheidung. „Ich habe zwar als Außenstehender, der nicht alle Hintergründe kennen kann, eine einseitige Sicht auf die Dinge, aber die Gründe für den Rausschmiß scheinen mir fadenscheinig“, so der Professor für Zivilrecht. „Außerdem: Wenn man einen Kündigungsprozeß verliert, dann sollte man nicht durch die Hintertür doch noch den Rausschmiß vollziehen.“ Überhaupt sei das Kündigungsschutzgesetz generell bedenklich, weil auf solch eine Weise jedermann im Ergebnis doch gekündigt werden könne, obwohl Kündigungsgründe fehlten. „Ein gewähltes Organ sollte eine so

weitreichende Entscheidung wie den Rausschmiß von Pechmanns nicht aus persönlichen Gründen treffen“, kritisiert auch Altkanzler Carl Heinz Jacob das Zumutbarkeitsargument. Objektive Gründe hätten schließlich nicht vorgelegen, das habe die Gerichtsverhandlung gezeigt. Von Pechmanns Zukunft sieht zur Zeit schlecht aus. Nicht nur die miserable Lage der deutschen Zeitungsverleger spricht gegen eine Neueinstellung, sondern auch eine miserable Beurteilung über von Pechmann aus dem Jahre 2004. Gegen die geht er inzwischen gerichtlich vor. „Dass man ihn in die Arbeitslosigkeit entläßt, hätte nicht sein müssen“, meint Altrektor Kohler, „stattdessen hätte man sich im Rektorat zusammenraufen und auf eine gemeinsame Arbeitsebene verständigen können.“ Ob das Gerichtsverfahren in die zweite Instanz geht, ist genauso offen wie die Frage, ob es jemals mit dem Uni-Journal weitergeht. Während Uni-Leitung und von Pechmann auf die schriftliche Urteilsbegründung lauern, mag sich zur Zukunft des Journals keiner äußern. Man munkelt, eine neue Uni-Zeitung sei geplant. Eine erste Solidaritäts-E-Mail begeis-

terter Uni-Journal-Leser kursierte gleich nach der Entlassung im März auf Uni-Verteilern. Letzter Coup der von-Pechmann-Sympathisanten Ende Oktober 2005: Ein Protestblatt im Uni-Journal-Layout mit über 60 Unterzeichnern, die sich für die „ungehinderte Weiterbeschäftigung Herrn von Pechmanns als Pressestellenleiter“ stark machen. „Das ist nicht nur herzanregend, das ist wirklich toll“, gibt sich von Pechmann über die Sympathiebekundungen gerührt, „selbst nach so langer Zeit gibt es noch Menschen mit Rückgrat, bei denen die Karriere nicht an erster Stelle steht.“ Was von Pechmann nur ahnt, stimmt tatsächlich: Nach der ersten Rundmail im März zitierte ein Dekan einen Mitarbeiter zu sich, was er sich denn beim Unterzeichnen gedacht habe, wie moritz aus Uni-Kreisen erfuhr. Sehr selbstbewußt äußerte sich dagegen einer der aktuellen Unterzeichner. Er sei sich dieser Tragweite nicht bewußt und wolle es auch nicht sein. Er habe schon gar nicht an seine Karriere gedacht. „Wenn Entscheidungsträger aufgrund einer solchen Unterschrift eine Karriere verbauen, dann tut es mir auch Leid“, so der von-Pechmann-Sympathisant. uli

„Von Pechmann ist moralisch uneingeschränkt rehabilitiert!“ moritz: Was hat Sie und Ihre Mitautoren bewogen, jetzt ein solches Journal herauszugeben? In Ermangelung des Original-Journals haben wir uns erlaubt, ein Jahr nach der letzten offiziellen Ausgabe unsere eigene satirische Version zu produzieren: zum einen, um an den schmerzlichen Verlust unserer vorzüglichen Universitätszeitung zu erinnern, zum anderen, damit von Pechmanns Schicksal nicht hinter verschlossenen Türen besiegelt wird. Immerhin haben wir so in der Ostsee-Zeitung vom 9. November 2005 einen sehr aussagekräftigen Bericht über die öffentliche Verhandlung vor dem Arbeitsgericht Stralsund provozieren können. Darin war unmißverständlich zu lesen, daß Richter Rückert im Namen des Volkes keinen Zweifel daran ließ, „daß die von Pechmann vorgeworfenen Pflichtverletzungen nicht ausreichen, um eine Kündigung zu rechtfertigen“. Insofern ist von Pechmann moralisch uneingeschränkt rehabilitiert!

Wie schätzen Sie den Prozess gegen Edmund von Pechmann ein: Hätte er als Leiter der Pressestelle weiter beschäftigt werden können? Da die Kündigungen laut Urteilsspruch nicht gerechtfertigt sind und da es sich bei den Rektoratsämtern um vergängliche Wahlämter handelt, hätte man meines laienhaften Erachtens nach nicht dem Auflösungsantrag des Landes stattgeben sollen. Anstatt Herrn von Pechmann seine existenzsichernde Stelle aus „Zumutbarkeitserwägungen“ heraus zu nehmen, hätte ich es sinnvoller gefunden, für ihn eine Übergangslösung bis zur nächsten Magnifizenz zu schaffen, die wahrscheinlich wieder gern mit Herrn von Pechmann zusammengearbeitet hätte – schließlich zählen die Altrektoren Kohler und Ohlemacher ja auch zu den Unterzeichnern der Protestaktionen vom März und Oktober. Was fehlt an der Universität Greifswald ohne das Uni-Journal? Eine höchst informative Universitätszeitung in feuilletonistisch-geistreichem Gewand, die in besonderem Maße auch der überregionalen Wahrnehmung der Ernst-Moritz-ArndtUniversität zu Greifswald gedient hat.

Haben Sie und Ihre Mitautoren um die akademische Karriere zu fürchten, nachdem Sie ein solches Schriftstück herausgegeben haben? Zum Glück nicht! Auch unter dem herrschenFoto: E. von Pechmann den Zeitgeist der „political correctness“ sind wir noch nicht wieder so weit, daß man als Roland Rollberg. Wird es eine Nr. 2 des Protestblatbeamteter Wissenschaftler um seine berufliche tes geben? Zukunft bangen muß, wenn man sich in seiner Freizeit journa- Wenn Herr von Pechmann auch beruflich wieder uneingelistisch betätigt und sein verfassungsgemäßes Recht auf freie schränkt rehabilitiert wird, sehe ich da keine Notwendigkeit! Meinungsäußerung wahrnimmt. Interview: Ulrich Kötter

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Interview mit Professor Roland Rollberg, Mitherausgeber des Protestblattes Nr.1

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lehrerausbildung

Das Uni-Hopping kann beginnen Die Lehrerbildung in Greifswald steht auf der Kippe 80 Kilometer sind politisch gesehen gar nichts. Mal eben zwischen den Unis Greifswald und Rostock hin und herpendeln sollen die Studenten, wenn sie sich zukünftig zum Lehrer ausbilden lassen wollen. Was ist dran an dieser „Horrorvision“, die der Greifswalder AStA-Vorsitzende Thomas Schattschneider genüßlich in jeder Pressemitteilung anklagt? Nachdem Bildungsminister Hans-Robert Metelmann kürzlich vom Kabinett seine Vorschläge zur Hochschulstruktur im Land abgenickt bekam und damit Mitte Dezember in den Landtag geht, wird es eng für die Greifswalder Lehrerstudenten. Erziehungswissenschaft soll nach Metelmann in Greifswald entfallen, die Lehrerbildung in Abstimmung mit Rostock laufen.

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Grundsätzliches an der PhilFak

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Dass dann gleich auch noch die Anglistik/ Amerikanistik, Altertumswissenschaften und Romanistik sowie der komplette Master of Education wegfallen, wollte Rektor Rainer Westermann in einer ersten Reaktion nicht so stehen lassen. Zumindest die drei Institute werden ihm und PhilFak-Dekan Manfred Bornewasser vermutlich dennoch alsbald wieder ins Auge fallen – stehen doch einige der angestellten Professoren kurz vor ihrem Ruhestand. Zur Theologie schwieg Metelmann vorerst. Zurzeit verhandelt das Land mit den Kirchen, um die Fakultäten unter dem Dach einer gemeinsamen Fakultät zusammenzuführen. Der Lehrbetrieb soll an beiden Standorten weitergehen. Nicht nur an der Theologischen Fakultät sind ein Großteil der Studenten angehende Lehrer, auch an der Philosophischen Fakultät sind es rund 40 Prozent. Dort führt die Lehrerdebatte zu grundsätzlichen Diskussionen darüber, wo es mit der Fakultät hingehen soll. Kritiker wie die Anglistik/AmerikanistikProfessoren Hartmut Lutz und Jürgen Klein beurteilten schon die Bachelorund Masterstudiengänge kritisch und sehen jetzt ein drohendes Ende der Geisteswissenschaften. Dekan Manfred Bornewasser pocht dagegen unermüdlich auf in der Wirtschaft anerkannte Studiengänge und -fächer und zieht Konzeptpapiere mit englischen Vokabeln aus der Schublade. Mit der Lehrerbildung

ist in seinen Augen in Greifswald kein Staat mehr zu machen, zuviel Personal sei dafür vonnöten. Außerdem sieht es für das Lehrerbildungsprestigeprojekt der Fakultät schlecht aus: Das Greifswalder YModell mit dem Master of Education dümpelt seit mehreren Jahren in der Probephase vor sich hin, mit bisher null eingeschriebenen Studenten. Und dann scheiterte neulich auch noch das Akkreditierungsverfahren im ersten Anlauf. In Bildungsminister Metelmanns Augen Grund genug, den Master of Education nach Rostock abzuschieben. Lästige Personaldebatte Über das Personalargument kann sich der AStA-Vorsitzende Thomas Schattschneider nur wundern. „Seit Jahren hat die Lehrerdebatte in Greifswald diese leidige Personaldiskussion am Hals“, stöhnt er, „dabei weiß eigentlich niemand, ob die Lehrerbildung tatsächlich so viele Stellen braucht, wie von Dekanen und Rektor immer wieder behauptet wird.“ Eventuell müsste lediglich Personal umgeschichtet werden. Schuld an der allgemeinen Konfusion ist die deutschlandweite Unklarheit, wie es mit der Lehrerbildung weitergehen soll. Irgendwann in den nächsten fünf bis zehn Jahren werden die herkömmlichen Lehramtsstudiengänge auslaufen. Alles hängt an den Lippen der Kultusministerkonferenz, die neulich schon mal durchblicken ließ, dass das Staatsexamen als Abschlussprüfung zu überdenken sei. Wann das von Metelmann skizzierte Szenario, man beginne sein BachelorStudium in Greifswald und könne dann noch in Rostock den Master of Education dranhängen, Wirklichkeit wird, weiß Metelmann vermutlich nicht einmal selber. In Greifswald würden auch schnelle Entscheidungen zu Gunsten der Lehrerbildung nicht mehr viel bewirken. Der Studiengang Erziehungswissenschaft ist geschlossen, die Mitarbeiter und Professoren werden sich bald nur noch mit der Lehre zukünftig Lehrender und einem Bruchteil Forschung beschäftigen können. Dann wurden schon im Juli 2005 etliche beliebte Kombinationsfächer aus der Lehrerbildung gestrichen, darunter Physik, Mathematik, Biologie und

Französisch. Nichtsdestotrotz schrieben sich etliche Erstsemester in einen Lehramtsstudium ein. Qualitätsverlust und Abwicklung sind zwar noch nicht überall zu spüren, werden aber Einzug halten. Fehlende Pflichtseminare und lange Wartelisten werden kommen, Prüfungen müssen die Institute teuer durch Personal von außerhalb abnehmen lassen, Wiederho lungsmöglichkeiten bei Klausuren entfallen. „Das ganze ist ein langfristiger Prozess“, meint Torsten Heil, hochschulpolitischer Referent des AStA, „richtig eng wird es vermutlich mit den letzten Jahrgängen werden.“ Institute wissen sich zu helfen Benjamin Mumm, Lehramtsstudent im dritten Semester, rennen jetzt schon die Professoren davon. „Einige Professoren wollen so schnell wie möglich ihre Lehramtsveranstaltungen loswerden“, beobachtet er, „andere gehen in den Ruhestand oder an andere Standorte.“ Das sei aber nur an einigen Instituten so, zum Beispiel nicht in der Physik. „Dort hat man uns die Möglichkeit zugesichert, in Regelstudienzeit abzuschließen oder sogar noch ein bis zwei Semester darüber“, freut er sich über das Engagement. Über großen Einsatz freut sich auch der Fachschaftsrat Romanistik. „Es sieht zwar nicht gut aus an unserem Institut“, bedauert der FSR-Vorsitzende Steffen Saldsieder, „aber wir geben uns die beste Mühe.“ So würden trotz einer unbesetzten Professorenstelle alle nötigen Kurse angeboten und es sei auf jeden Fall möglich, bis zu Ende zu studieren. Darauf vertrauen kann man aber nicht, auch wenn in letzter Zeit viel von Vertrauensschutz geredet wird. Noch muss die Universität jedem eingeschriebenen Studenten in Regelstudienzeit plus zwei Semester ein ordnungsgemäßes Studium ermöglichen. Das steht im Landeshochschulgesetz. Sollte aber Metelmanns LHG-Novelle durch den Landtag kommen, kann für Anglisten und Altertumswissenschaftler das Uni-Hopping beginnen. Auch wenn es sich um den Ausnahmefall einer vom Minister verordneten Schließung handelt, muss das Land dann lediglich gewährleisten, dass die Ausbildung im Land abgeschlossen werden kann. uli


uni-kontroversen

Diskussionsbedarf Die Universität begnügt sich mit Verboten von Vorträgen rechter Theoretiker Markomannia, seinen Vortrag in Universitätsräumen halten konnte. Damals war der Uni entgangen, dass der dafür vorgesehene Raum schon an die Organisatoren des Students Festivals vergeben war. Die Veranstaltung wurde daraufhin, wie kürzlich auch bei der Rugia, ins eigene Burschenschaftshaus verlegt. Über Gerd Schultze-Rhonhof ist seit der Veröffentlichung seines Buches „1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“ im Jahre 2003 öfter diskutiert worden.

Aushang der Rugia am Audimax, Rugia-Haus in der Robert-Blum-Straße. Geschichtsinterpretator in eigener Sache feiert, sieht ihn die Mehrzahl seiner Kritiker als Revisionisten, teilweise auch als Rechtsaußen. Für die Rugia sollte er an dem Donnerstag zum Thema „Der Krieg, der viele Väter hatte“ referieren. Nachdem Unikanzler Thomas Behrens die Veranstaltung mit Verweis auf die Meinungsfreiheit genehmigt hatte, intervenierte Rektor Westermann kurzfristig und sprach ein Verbot der Veranstaltung aus. Er hatte von dieser erst erfahren, als er von der Rektorenkonferenz am gleichen Tage zurück kam. Kanzler Behrens‘ Standpunkt zu der Sache: „Ob der Redner einen rechtsradikalen Hintergrund hat, kann ich nach Aktenlage nicht beurteilen.“ Das Problem mangelnder Abstimmung innerhalb der Verwaltung gebe allerdings Anlass zu einer Reform der Vergabepraxis bei Vorträgen und anderen Veranstaltungen in universitären Räumlichkeiten. Die Universität hatte diesen Sommer schon einmal im letzten Moment verhindert, dass ein rechter Redner, damals eingeladen von der Burschenschaft

Foto: kos

Er setzt sich darin mit der gängigen Geschichtsschreibung in einer Weise auseinander, die an Revisionismus denken lässt. Die FAZ schrieb dazu: „Im Grunde sind Interpretationen wie diese nicht neu. Sie folgen alten Spuren, die weniger im Bereich der Forschung als in dem von Ideologie und Propaganda angesiedelt sind. Neu ist dagegen, dass sie von einem ehemals führenden Offizier der Bundeswehr öffentlich vertreten werden.“ Schultze-Rhonhof musste die Bundeswehr verlassen, nachdem er öffentlich die Verkürzung der Wehrzeit kritisiert hatte und sich gegen das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ausgesprochen hatte, nach dem man Soldaten straflos „Mörder“ nennen darf. Hier beißt sich dann auch die Katze mit den zwei rechten Pfoten in den Schwanz. Einerseits vertritt man in der Szene Standpunkte wie den, dass eine Meinungsäußerung wie die besagte über Soldaten ja wohl nicht angehen könne. Andererseits regt man sich dann – auf einmal sehr auf die Achtung der

Grundrechte bedacht – darüber auf, dass der betriebene Revisionismus unter dem Deckmantel einer so genannten geschichtlichen Auseinandersetzung unbedingt durch das Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt sein müsste. Dass die Universität ein eigenes Interesse daran hat, nicht rückhaltlos alles in den eigenen Räumen passieren zu lassen, steht nicht zur Diskussion. Eine andere Frage ist die nach dem Sinn eines solchen Verbots. Man schüttet damit rechten Theoretikern noch mehr Pulver in ihre Kanonen, die in letzter Zeit häufig dadurch auffallen, ihre Propaganda phantasievoller verschießen zu wollen. Sie stilisieren sich zur unterdrückten Meinungsminderheit hoch, deren Anliegen hier im Staate totgeschwiegen wird. Wirklich begegnen kann man solchen Methoden mit Verboten nicht. Tabuisierungen machen die Dinge interessanter. Hätte die Universitätsleitung ein wirkliches Interesse daran, das Problem anzugehen, würde es vielleicht auch hin und wieder Vorträge von Leuten geben, die sich nicht damit zufrieden geben, sich einfach oder auch kompliziert gegen menschenfeindliche Ideologien auszusprechen. Die würden sich dann nicht scheuen, geladenen Gästen der extremen Rechten – gerade auch hier aus der Region – in Diskussionen entgegenzutreten, intellektuell anspruchsvoll und gnadenlos demontierend. Wenn man der Universität ein weltoffenes Bild verpassen will, sollte man zeigen, dass man sich auch mit Meinungen, die man nicht schätzt, auseinander zu setzen vermag. kos

meldung StuPa-Beschluss gegen Rechtsextremismus Das Studierendenparlament (StuPa) hat sich während seiner Sitzung am 29. November 2005 klar gegen rechte Tendenzen positioniert. Es verabschiedete einstimmig einen Beschluss, in dem es Maßnahmen der Universität unterstützt, die es „Personen und Vereinigungen mit offenkundig rechtsradikalem beziehungsweise verfassungsfeindlichem Hintergrund untersagen, universitäre Ressourcen und Räumlichkeiten für ihre Zwecke zu nutzen.“ ring

hochschulpolitik

Am Abend des 24. Novembers räumten Verwaltungsmitarbeiter das Hörsaalgebäude in der Rubenowstraße. Ab 19 Uhr kam niemand mehr in das Haus hinein.Anlass der Schließung war ein von der Burschenschaft Rugia geplanter Vortrag, zu dem der streitbare Generalmajor a. D. Gerd Schultze-Rhonhof eingeladen war. In letzter Minute wurde die Veranstaltung von Rektor Rainer Westermann verboten. Schultze-Rhonhof ist umstritten. Während die rechte Szene ihn als

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hochschulgruppen

Für die Kinder der Welt Hier könnt auch ihr helfen

universum

„Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Es gibt wohl kaum jemanden, dem diese Zeilen nicht bekannt sind. Doch leider ist es so, dass die Rechte vieler Kinder auf unserer Erde mit Füßen getreten werden. So werden weltweit nach Schätzungen von UNICEF Tag fürr Tag etwa 3000 Mädchen dchen und Jungen von Menschenhändlern ndlern verkauft und ein Großteil dieser Opfer kommt aus Osteuropa. Nahrungsmittelkrisen lassen jährlich Tausende von Kindern besonders in der Sahelzone verhungern und noch immer gibt es 27 Millionen Kinder ohne Impfschutz. In circa 160 Staaten macht sich das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen fürr die Katastrophenhilfe und die medizinische Versorgung in den Regionen der Erde stark, wo Kinder leiden müssen. ssen. Neben der Förderung von Bildung, Ernährung, Gesundheit und dem Schutz der Kinder vor Ausbeutung, Missbrauch und Gewalt, widmet sich UNICEF vor

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allem in den nächsten Monaten dem Kampf gegen AIDS. Es ist erschreckend, wenn man sich folgende Zahlen vor Augen hält: Jede Minute stirbt ein Kind an den Folgen der Immunschwäche, 500.000 jedes Jahr. Und bereits 15 Millionen Mädchen und Jungen wurden

d u r c h diese Epidemie zu Waisen gemacht, das sind so viele Kinder, wie in Deutschland leben! Deswegen

steht auch bei der seit 1999 bestehenden Greifswalder UNICEF-Arbeitsgruppe das Programm „Kids AIDS – DU und ICH gegen AIDS“ in den nächsten Monaten im Mittelpunkt. Neben dem Sammeln von Spenden haben wir besonders das Sammeln von Unterschriften für diese Kampagne zum Ziel. Unterschriften, die sich durch UNICEF getragen an die Pharmazieunternehmen und an die Bundesregierung wenden, damit bessere Medikamente für Kinder entwickelt und die Preise gesenkt werden, sowie die Aufklärungsarbeit stärker unterstützt wird. Wir sind eine kleine, aufgeschlossene Gruppe von 12 Mitgliedern und veranstalten neben dem Einsammeln von Spenden auch Aktionen für Kinder. Außerdem könnt ihr uns in den nächsten Wochen in der Dompassage antreffen, wo wir Grußkarten verkaufen (natürlich geht der Erlös als Spende an UNICEF). Es gab bereits Ausstellungen an Schulen, Krankenhäusern, in der Stadtbibliothek oder auch in der Mensa. Wenn ihr Interesse habt, mal vorbei zu schauen oder euch zu informieren, dann geht auf www.greifswald.unicef.de, dort könnt ihr uns kontaktieren. Wir freuen uns auf jeden, der bei uns mitmachen will – für viele Kinder der Welt könntet ihr eine große Hilfe sein! Luise Baumann


in die töpfe geschaut

Ein Besuch in der größten Küche Greifswalds Zischend winden sich die gehackten Zwiebeln in der riesigen Pfanne und ihr Duft füllt den Raum. René Otto wischt sich die tränenden Augen. An manche Dinge wird man sich auch als Azubi in der Mensa-Küche nicht gewöhnen. Seit einer halben Stunde sind er und seine fünf Kollegen dabei, das Essen für die hungrigen Studenten vorzubereiten. Es ist sieben Uhr. Seine Chefin Evelin Sieg wirft ihm einen prüfenden Blick über die Schulter. Als Bereichsleiterin der Mensen und Cafeterien in Greifswald trägt sie die Verantwortung, dass Tag für Tag 2.500 Essen gekocht werden. „Ich plane immer ein wenig mehr ein“, verrät sie ihr Geheimnis, damit kein Gast hungrig in die Vorlesung gehen muss. Heute steht unter anderem Seelachs auf der Speisekarte. Wolfgang Weber schneidet die Säcke auf, in denen die bereits geschälten Kartoffeln angeliefert wurden. „80 Kilo werden erstmal reichen“, meint er mit einem erfahrenen Blick und schiebt die Kartoffeln in den „Combi Dämpfer“, einen Schrank, in dem das Essen bei hoher Temperatur gegart wird. An diesem Tag werden noch 120 weitere Kilo folgen. Um acht Uhr ist Frühstückspause. Evelin Sieg, Wolfgang Weber und René Otto sitzen gemeinsam mit den beiden Köchinnen und dem Koch sowie einem Praktikanten zusammen. Sie essen ihr Brötchen und erzählen über das Wochenende. Eine Kerze verbreitet ein wenig Adventsstimmung. Als sie eine halbe Stunde später in die Küche zurückkommen, ist es dort schon voll. Die Küchenfrauen sind gekommen und man begrüßt sich herzlich, ehe jeder

wieder an seine Arbeit geht. Während Brigitte Kurth und Brunhilde Thoms im Nebenraum den Salat vorbereiten, steht Evelin Sieg am Kochtopf und schmeckt ab. „Für mich muss alles so sein als würde ich es für mich selbst kochen“, sagt sie. Auf dem Weg in ihr kleines Büro, wo die Bestellungen für den nächsten Tag auf sie warten, dreht sie im Vorbeigehen noch einen Wasserhahn zu. Beinahe wäre der Topf übergelaufen. Inzwischen liegt der Duft von gebratenem Fleisch in der Luft. Es ist halb zehn und die Auslagen müssen vorbereitet werden. Brigitte Kurth gießt heißes Wasser in die Halterungen, in denen später die Essenswannen Platz finden werden. „Meine Studenten sollen schließlich kein kaltes Essen kriegen“, lacht sie. Der erste Flyer-Verteiler ist da und legt seine Zettel auf den Mensatischen aus. Sie werben für eine Party im TV-Club. Nun wird es auch höchste Zeit, die Desserts in die Kühlschränke zu stellen. Verschiedene Quarkspeisen in rot, gelb und weiß, verziert mit einem Sahnehäubchen, füllen die kleinen Schälchen. „Immer mit den Augen des Gastes sehen!“ steht mahnend auf einem Zettel. Die Mitarbeiter halten sich daran. Eine Stunde bevor sich die Türen der Mensa öffnen, ist es ruhig geworden in

universum

À la minute

der Küche. Das meiste ist vorbereitet und jeder kann erstmal durchatmen. In der großen Pfanne brutzeln Bratwürste, die stets ganz frisch gebraten werden. „À la minute“, sagt Evelin Sieg dazu. Bevor es richtig losgeht, können nun die Köche selbst erst einmal zugreifen. Zwischen elf und zwei wird es zum Mittagessen zu stressig werden. Die ersten Gäste kommen schon um dreiviertel elf. Mit hungrigem Blick ziehen sie an den leeren Auslagen vorbei und setzen sich an einen Tisch im großen Saal. Fünf Minuten später sind Brigitte Kurth und ihre Kolleginnen von der Ausgabe umgezogen und stehen mit blauer Schirmmütze und „Studentenwerk“T-Shirt hinter dem Tresen. Wolfgang Weber schleppt eine Wanne Pommes Frites heran. Er versenkt sie direkt neben dem Gyros. Die hungrige Meute auf der anderen Seite ist inzwischen auf ein gutes Dutzend angewachsen, doch noch sind fünf Minuten Zeit. Mit einem Thermometer misst Brigitte Kurth die Temperatur des Essens. Zwei Stunden später wird sie dies ein weiteres Mal tun. Alles wird in einer Liste vermerkt. Evelin Sieg schaut sich die Ausgaben ein letztes Mal an und um Punkt elf Uhr fällt der Startschuss. „Mahlzeit! Möchten Sie Pommes zum Gyros?“ Der Gast möchte und zieht mit zufriedenem Gesicht zur Kasse. Während er sein Essen genießt, steht Brunhilde Thoms schon an der Spülmaschine und wartet auf das schmutzige Geschirr. Ein Magnet zieht das Besteck nach oben, der Teller fährt in die Maschine und taucht wenig später sauber wieder auf. Er wird diese Reise heute noch mehrere Male machen, ehe dann um zwei Uhr wieder Ruhe einkehrt und er auf seinen nächsten Einsatztag wartet. Für das Küchenpersonal wird es schon früher wieder losgehen. Morgen müssen sie ab halb sieben Tortellini und Gulasch kochen. ring

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campus europae

Quer durch Europa Teil II Die Tour d´Europe in Aveiro,Trento und Novi Sad

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Auf dem Campus der „Universidade de Aveiro“ in Portugal.

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Um Mitternacht endlich in Aveiro angekommen, das ca. 100 km nördlich von Lissabon und direkt am Atlantik liegt. Der nächste Tag beschert uns warmes Wetter und Sonnenschein – Schadenfreude versüßt mir den frühen Morgen bei dem Gedanken an das Herbstwetter in Deutschland. Der Zeitpunkt ist genau richtig, als wir die „Universidade de Aveiro“ mit ihren Departements besuchen. Denn es ist die erste Woche der „Freshmen“. Das entspricht ungefähr unserer Erstsemesterwoche, mit dem Unterschied, dass die Erstis einen ganzen Monat lang von älteren Semestern getriezt und schikaniert und damit in das Studentenleben eingeführt werden. „Das sei Tradition“, lasse ich mir sagen und beobachte gerade, wie die Erstis mit roten Zahlen auf der Stirn gemeinsam im Chor brüllen müssen. Max aus Frankreich erzählt mir, dass solche Traditionen an seiner Uni verboten seien, seit der Aktion, eine Frau mit gelber Farbe und ein Mann mit blauer Farbe anzustreichen, beide in einen Raum zu sperren und sie erst dann wieder heraus zu lassen, wenn beide grün sind. Farbenlehre einmal anders, denke ich. Nach dem Frühstück in der Caféteria, hören wir uns den Vortrag von Tiago aus Portugal an, der Campus Europae den „Freshmen“ vorstellt. Anschließend postieren wir uns an den Ständen und präsentieren unsere Uni, wobei unser dürftiges Infomaterial Asbach uralt ist. Der Campus entspricht übrigens allen Klischees. Palmen, wo man hinsieht, braungebrannte, stoppelbärtige Männer, Steppenlandschaft und selbst das Essen in der Mensa. Zu Parolen der „Freshmen“ im Hintergrund, essen wir Garnelen, Fisch (Haifisch?) und Muscheln mit

Reis. Was sonst? Anschließend machen wir eine Fahrradtour quer durch Aveiro. 26 Fahrräder auf einem Haufen, das sieht stark nach Klassenfahrt aus und fühlt sich auch genauso an. Nach dem Empfang im Rathaus und dem Lunch in der Mensa, gehen wir abends in einen Club – nur aus Recherchegründen, versteht sich. Die Luft ist mild, die Leute gut gelaunt und überhaupt scheint in dieser Nacht ganz Aveiro auf den Beinen zu sein. An diesem Abend ruft Zach zum ersten Mal das legendäre „Kissingtime“ und meint damit, dass jeder jeden auf die Wange küssen muss. Das erfordert Überwindung, den Rest erledigt der Gruppenzwang. Ich glaube, damit können so einige ihren Drang nach Intimität ausleben. Kurze Zeit später haben wir auch schon das erste Liebespaar. Die Reise geht weiter

Foto: privat

Das frustriert und wir bemerken zum ersten Mal, wie problemlos das Reisen für EU- Bürger ist. London Stanstead ist nicht der einzige Flughafen, an dem die beiden Natasas aus Serbien und Alina und Katya aus Weißrussland Einreiseprobleme haben. Trotzdem geht alles gut und wir landen in Venedig Treviso in Italien und fahren nach einem kurzen Aufenthalt bei MC Donald´s mit dem Zug weiter nach Trento. Wir beziehen unser Lager diesmal in einem Hotel direkt am Marktplatz, von wo aus man nur einige 100 Meter entfernt die letzten Ausläufer der Alpen sehen kann. Einfach nur fantastisch. Und endlich hat das Reisen an diesem Tag ein Ende und wir fallen totmüde in die Betten. Sonne, blauer Himmel, Temperaturen über 20 Grad - was will man mehr? So beginnt der siebte Tag der Tour. Nach italienischer Mentalität schlendern wir ganz entspannt zur Philosophischen Fakultät und werden dann im „Rettorato“

Nach drei bis vier Stunden Schlaf, müssen wir uns von Aveiro verabschieden. Das bedeutet eigentlich nur, dass eine Gruppe von Zombies sehnsüchtig aus dem Fenster guckt, als wir zum Flughafen nach Porto fahren. Der Flug geht bis nach London, wo wir umsteigen müssen, was mit einigen Komplikationen verbunden ist. Die freundlichen Beamten bei der Passkontrolle, zögern bei den Visa der Leute, die nicht aus der EU kommen. Im Rektorat der Universität Trento.

Foto: privat


campus europae der „Universita degli studie di Trento“ empfangen. Danach haben wir bis zum Dinner Zeit für die angenehmen Dinge des Lebens. Sprich Shoppen, italienischen Macchiato trinken und sich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen. Max aus Frankreich erzählt mir von einem deutschen Punksong aus seiner Schulzeit, der mit den Worten beginnt: „Mein Name ist Günther, ich liebe meine Mutter. Der Käse ist zu stinken, ich will eine Dusche nehmen, ich bin neidisch auf den Käse, weil ich in einem Kühlschrank woh- Die Philosophische Fakultät der Uni in Trento. nen möchte.“ 20 Minuten später ist auch mein Lachkrampf vorbei. es tatsächlich geschafft und wir quartieNachts gehen nur die Hartgesottenen ren uns im „Domestere“ in Novi Sad ein in die „beer factory“, doch selbst unser und die Gruppe ist wieder ein Stückchen irischer Bierliebhaber Paul (“Kiss me I’m mehr zusammengewachsen. Irish“) geht früh schlafen. Mit 17 Stunden Zugfahrt durch Sloweni- Trinkkultur in Novi Sad en, Kroatien und Bosnien- Herzegowina nach Novi Sad in Serbien-Montenegro Nach einer eiskalten Nacht auf harten und nur einer Mahlzeit soll der nächste Betten, besichtigen wir zwei „MonasTag nämlich der abenteuerlichste wer- tries“. Das Wetter lässt uns leider im den. Die Passkontrollen in Kroatien wer- Stich und so haben wir nur halb soviel den fast zur Schikane, als die Pässe und Spaß. Um uns wenigstens innerlich aufVisa von den beiden Natasas zehnmal hin zuwärmen, fahren wir zu einer Weinverund her gewendet, die Fotos verglichen köstigung nach Svenski Karlovci mitten und Funkgespräche geführt werden. Wir auf dem Lande. Fotoapparate werden getrösten uns mit „Kissingtime“. Unsere zückt bei dem Anblick vorbeifahrender multikulturelle Gruppe wird zur Attrak- Ladas, Moskwitsche und Wartburgs. Für tion für die Kontrolleure, von denen ei- mich als Kind der DDR kein besonderer nige klischeeentsprechend Alkohol intus Anblick. Die Vororte von Novi Sad verhaben. Kurz vor Mitternacht haben wir mitteln das Gleiche wie die alten Autos.

Hier hat sich seit 30 Jahren nichts geändert. Die Weinverköstigung auf dem Hinterhof eines unscheinbaren Einfamilienhauses beglückt uns umso mehr. Und wir stoßen so lange mit „Bermet“ und „Gourmet“ an, bis wir keinen Trinkspruch mehr kennen. Leicht angetrunken laufen wir zum Restaurant, wo es als Vorspeise „Fischkopf in Suppe“ gibt. An die Fischaugen traut sich dann doch niemand ran... Anschließend führen uns die beiden Natasas durch das Foto: privat multikulturelle und moderne Novi Sad. Müde kommen wir im „Domestere“ wieder an und gönnen uns ein Nickerchen für 45 Minuten. Danach geht‘s weiter in die „beerfactory“. Helle Halogenlichter, verspiegelte Wände und verchromte Industrieprodukte stehen im Kontrast zu dem Bauernbetrieb der Weinproduktion. Dafür sponsert uns die Firma hinterher ein Abendessen mit Freibier. Der Tag ist hart, aber noch lange nicht zu Ende. kats

Wie man in Novi Sad feiert, warum die Angst im Zug nach Budapest mit uns fährt und wie nun eine Saunaparty in Riga aussieht, das erfahrt ihr im nächsten moritz.

Die Festzelte sind noch gar nicht richtig abgebaut und die Luftmatratzen für die Besucher noch nicht fertig eingerollt, da sind die Mitglieder des GrIStuF e.V. auch schon wieder fleißig am Arbeiten. Nach dem Erfolg des Students Festivals 2005 findet auch im nächsten Jahr, dann bereits zum dritten Mal, wieder ein Festival statt. Nur diesmal wird nicht die ganze Welt, sondern Europa im Mittelpunkt stehen. Rund 200 Teilnehmer aus ganz Europa sind eingeladen, sich vom 27. Mai bis zum 4. Juni 2006 miteinander über Europa und dessen Zukunft auszutauschen und zu diskutieren. Gemäß des Festivalmottos: „Project Europe: utopia or reality?“ werden die Teilnehmer wichtige Aspekte des Zusammenlebens und -arbeitens in Europa betrachten und konstruktive Beiträge erarbeiten. Zum Einen halten hierfür Experten aus verschiedenen Tätigkeitsbereichen öffentliche Vorträ-

ge und führen Debatten mit anderen Referenten. Zum anderen können die Teilnehmer dann in Workshops zu den Themenbereichen „Informieren“, „Darstellen“, „Lernen“ und „Verbinden“ die Erkenntnisse aus den jeweiligen Veranstaltungen vertiefen und den eigenen Meinungen Ausdruck verleihen. Und auch die Kultur soll in dieser Woche nicht zu kurz kommen. Neben Bühnenveranstaltungen, einem Kleinkunstmarkt und einer großen „U-Rope“Abschlussparty findet traditionsgemäß auch wieder ein „Running Dinner“ statt. Es gibt also noch eine Menge zu organisieren und es sind nicht einmal mehr 180 Tage bis zum großen Ereignis. Aus diesem Grund arbeitet das GrIStuF-Team auch eifrig daran, Anträge von Workshopbewerbern zu bearbeiten,

Referenten einzuladen und Sponsoren zu finden. Helfende Hände können dabei immer gut gebraucht werden.Wer gerne einmal hinter die Kulissen des Students Festivals schauen und selber mitwirken möchte, ist beim GrIStuF immer willkommen. Weitere Infos über den GrIStuF e.V., das Students Festival oder die Möglichkeiten einer Mitarbeit erhaltet ihr unter www.gristuf.org. susa

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Europe goes Greifswald

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das fest der liebe

Weihnachtsmarkt, die Zweite Neuauflage eines fröhlich-kritischen Besuchs

kultur

Jahr Eins nach dem großartigsten Weihnachtsmarkt meines Lebens. Nach dessen neugieriger Erforschung und Verewigung in Schrift und Bild letzten Winter muss anno 2005 natürlich eine weitere Expedition in die geheimnisvollen, magischen, vorweihnachtlichen Mirabilia auf dem Greifswalder Marktplatz unternommen werden. Schon seit geraumer Zeit freute ich mich dermaßen darauf, dass ich die schlaksige Tanne, die bereits am Mittwoch vor der feierlichen Eröffnung des Spektakels durch den Weihnachtsmann aufgestellt worden war, ganze zwei Tage lang übersah. Vielleicht, weil man vor lauter Platz den Baum nicht sah? Oder doch wegen des frühwinterlich trüben Wetters?

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Einmal Fahren für drei Mandeltüten.

Dieses ist jedenfalls am ersten Adventssamstag wieder versöhnt und zeigt sich von seiner schönsten Seite: Ein blauer Himmel mit einer strahlenden, im Untergehen begriffenen Sonne spannt sich über Menschenmassen, die mit Fotoapparaten, Einkäufen und Kindern in zu kurzen Schneeanzügen zum Ort des Geschehens strömen. Die Uhr zeigt 15.20, also noch 10 Minuten bis zur offiziellen Eröffnung durch den leibhaftigen Weihnachtsmann. Ich versuche, mich in Position zu begeben, die geliehene Kamera im Anschlag bahne ich mir den Weg durch Massen gedichtaufsagwilliger Kinder. Um 15.25 Uhr kann ich endlich eine rote Gestalt wahrnehmen, sie schneidet feierlich den sechs Meter langen Stollen an und durch. Zu spät für historische Pixelaufnahmen. Für den Weihnachtsmann ist Zeit eben eine belanglose Dimension. Macht nichts. Es gibt ja noch so viele andere Dinge, die man ansehen kann. Die Glühweinbuden scheinen in gehabter Zahl wieder angetreten, in bunter Reihe mit den bekannten kulinarischen Angeboten, im Volksmund leicht abwertend „Fressbuden“ genannt. Die zeitliche Nähe des ersten Advents gestattet das beherzte Zugreifen, und man befindet sich noch dazu in liebreizender Gesellschaft diverser Mitmenschen, die Glühwein auf Bistrotischen ver- beziehungsweise in ihre Luftröhre hineingießen. Auf den folgenden kräftezehrenFoto: ring den Hustenanfall muss man

Foto: ring

dann erstmal etwas essen. Da bieten sich wie eh‘ und je Schwenkgegrilltes, Fernöstliches, Crêpes, Mutzen und Süßigkeiten. Jahrmarktssüßigkeiten! Ein Traum aus Kindheitstagen, den wohl kaum einer abgelegt hat. Doch ein bisschen anders kann einem schon werden, wenn man die diesjährigen Preise betrachtet. Es scheint sich ein Kartell aus Mandel- und

Der Chef von‘s Janze im Getümmel.

Foto: tja

Lebkuchenherzverkäufern gebildet zu haben. Das ist vermutlich nichts Untypisches für Märkte wie diesen, aber 2,50 Euro für 100 Gramm gebrannte Mandeln ist bei aller vorweihnachtlicher Sanftmut ein dreister Nepp, und eine Preissteigerung um gefühlte 25 Prozent noch dazu. Ein Gutes haben die Preise allerdings – Fahrten in den Fahrgeschäften können neuerdings in Mandeltüten ausgedrückt werden. Dadurch werden Budgetkalkulationen erheblich leichter. Beispiel: „Ich habe heute eigentlich nicht vor, mehr als drei Mandeltüten auszugeben. Soll ich sie aufessen oder doch


das fest der liebe statt überteuerten Imitaten feilgeboten, es gibt sogar einen Stand mit Fair-TradeProdukten aus dem Weltladen. Balsam auf konsumgeschundene Akademikerseelen war am Eröffnungswochenende zudem der niedliche Weihnachtsmarkt vor dem Landesmuseum, wo es stilvolle Kunst und Löbliche Ausnahme für zwei Tage: Der kleine Weihnachtsmarkt vor Foto: tja leckere Nahrungs- dem Pommerschen Landesmuseum. mittel zu kaufen gab, die vor allem aus Greifswalder auch das wäre nicht schlimm. Schließlich Bildungseinrichtungen und der Region können wir dann bei Altvertrautem bleistammten. Hier flanierte es sich frei und ben. In dem Sinne werden meine einzigen Souvenirs auch 2005 wieder eine ungestört. Diesen Niveauausgleich konnte man halblegal angeeignete Glühweintasse allerdings nur am ersten Advents- sein und die Faszination, wie innerhalb wochenende erfahren. Das Erlebnis der eines Monats aus Sommernostalgie mit Volksbespaßung auf dem Markt wird Cafétischen überall auf dem Markt der ihn also verschütten, wenn man nicht alljährliche Weihnachtswahnsinn werden tja bewusst und verbissen davon zehrt.Aber konnte.

weihnachtsglosse

Shop till you drop Jedes, aber auch jedes Jahr nehme ich es mir von Neuem vor: Dieses Mal werde ich alle, wirklich alle Geschenke bis spätestens Ende Oktober gekauft und verpackt haben, sodass ich allem Stress entkomme und die Vorweihnachtszeit so richtig genießen kann. Aber erstens kommt alles anders, und zweitens anders als man denkt. Soll heißen, ab Mitte November beginnt die große Panik: Oh Gott, es ist praktisch schon Weihnachten und ich habe noch keine Geschenke und auch keine Ahnung, was sich wer wünscht. Also wird der übliche Weihnachtsschlachtplan in Gang gesetzt. Phase 1: Hektisches, stundenlanges Herumtelefonieren nach Weihnachtswünschen von Groß und Klein, wonach man nicht wirklich schlauer ist. Standardantwort: „Ach, ich weiß nicht, dir fällt schon was ein.“ Zumindest der Telekom hat man schon mal ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk zukommen lassen. Dem folgt der Übergang zu Phase 2: Shopping extrem: man stürzt sich, idealerweise Samstag vormittags, in der stilvoll mit Kunsttannenzweigen und Lichterkettchen dekorierten Innenstadt in den Weihnachtseinkaufstrubel, auch Schlachtfeld genannt. Hier darf man sich dann mit Hunderten anderer Leute unter „Last Christmas“–Dauerbeschallung in

CineExtra im CineStar Greifswald jeden Mittwoch um 17.15 Uhr und 20.15 Uhr für nur 4,50 Euro

Weihnachtskaufstimmung versetzen lassen. Das ganze Spektakel ist definitiv nichts für Leute mit Platzangst und spätestens nach dem zweiten Laden bekommt Internetshopping einen ganz neuen Reiz. Einige Auseinandersetzungen mit freundlichem Verkaufspersonal später spaziere ich um viele Nerven und einiges Geld ärmer – hat schon mal jemand über die Einführung eines Weihnachtsgeldes für Studenten nachgedacht? – dann doch mit den ersten Einkäufen aus dem letzten Laden, nur um mich direkt in das nächste Chaos zu stürzen. Phase 3: Geschenke verpacken und verschicken. Da bei vielen der kleinen Menschen, die ich zu Weihnachten zu beschenken habe, die Ausrede „Der Weihnachtsmann hat das Geschenk für dich bei mir abgeben, deshalb bekommst du es etwas später“ nicht zählt, mache ich auch der Post zu Weihnachten eine Freude, indem ich, nach stundenlangem Schlangestehen, exorbitante Beträge dafür hinblättere, Kinderschokolade nach Übersee und Barbieklamotten nach Belgien zu verschiffen. Habe ich den ganzen Stress hinter mir und tatsächlich alle Geschenke beisammen, beginne ich regelmäßig ernsthaft darüber nachzudenken, den Glauben zu wechseln, um im nächsten Jahr dem Chaos zu entkommen. Aber, so verrät mir ein kurzer Blick ins Lexikon, auch andere Religionen haben Feste, zu denen man sich Dinge schenken muss. Also tröste ich mich damit, dass Weihnachten ja nur ein Mal im Jahr ist und dass ich nächstes Jahr ganz bestimmt früher mit dem Geschenkekaufen anfangen werde. sari

kultur

lieber verfahren?“ Entscheidet man sich für Letzteres, muss man entsetzt feststellen, dass eine der beliebtesten Attraktionen des letzten Jahres, die alles überstrahlende Geisterbahn, dieses Jahr leider fehlt. Bleibt also nur die Wahl zwischen Breakdancer, Autoscooter und Kinderkarussells. Diejenigen unter uns, die mit einer etwas zarteren Konstitution bedacht sind, können ihr Geld natürlich auch wieder in nicht-verderblichen Gütern anlegen. Handwerksstände und solche mit praktischen wochenmarktähnlichen Waren stehen dafür zur Auswahl. Eine klare Einordnung ist jedoch nicht überall möglich, da einige Händler in ihrer Auslage einen etwas eigenwilligen Übergang von Kochgeschirr über pseudonützliche Kunst aus Holz zu orientalischen Dessous vollziehen, die mir aus dem letzten Jahr verdächtig bekannt erscheinen. Bei den Handwerksbüdchen muss man hingegen einen deutlichen Niveauzuwachs verzeichnen, den ich hier vollkommen unironisch anerkennen möchte. Nicht nur wird diesmal echte Erzgebirgskunst

21.12. Die Frau des Leuchtturmwärters 28.12. Die weisse Massai - 4.1. Broken Flowers 11.1. Insellichter Usedom - 18.1. Wie im Himmel

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filmfestival

Die Filmemacher von morgen Vom 19. bis 26. November fand in München das 25. Internationale Festival der Filmhochschulen statt. Rund 100 junge Filmemacher aus 24 Ländern zeigten im Münchner Filmmuseum vor einer hochkarätigen Jury und einem interessierten Publikum ihre Werke, wobei die Vorstellungen meistens ausverkauft waren. Und das zu recht, denn in allen Filmblöcken fanden sich unter den Beiträgen aus den verschiedensten Ländern viele neue Inspirationen, interessante Sichtweisen und fesselnde Geschichten. Darüber hinaus wurde natürlich auch das 25-jährige Jubiläum angemessen gefeiert. 1981 erstmals veranstaltet, entwickelte sich das Filmhochschulfestival, das eng mit der Gründung des Filmfests München zusammenhängt, bald von einem rein europäischen Wettbewerb zu einem „der besten, wichtigsten und produktivsten Studentenfilmfestivals der Welt“, so Henry Verhasselt, Executive Secretary des CILECT, dem Zusammenschluss der bedeutendsten Film- und Fernsehhochschulen der Welt. International bekannte Regisseure wie Lars von Trier, Thomas Vinterberg, Caroline Link, Rainer Kaufmann, Sönke Wortmann oder Florian Gallenberger stellten sich hier als Filmstudenten – teilweise erstmals – einem größeren Publikum. Beim Festival

1990 zeigte der Trickfilmer Nick Park seinen ersten „Wallace & Gromit“-Film. Aber auch die Liste der Jurypräsidenten der Letzten 25 Jahre unterstreicht die Qualität des Münchner Festivals, darunter Wim Wenders, Alan Parker, Volker Schlöndorff, Bernd Eichinger, Roland Emmerich oder Fridrik Thor Fridriksson. Immer wieder gaben sich im Laufe der Jahre weitere illustre Persönlichkeiten wie etwa Julius Epstein, der Drehbuchautor von „Casablanca“, Arthur Hiller als damaliger Präsident der „Academy of Motion Arts and Science“ oder die Filmemacher Sam Fuller und Francesco Rosi ihr Stelldichein beim Münchner Filmhochschulfestival und hielten eine Masterclass für die Teilnehmer. Man darf also gespannt sein welche weiteren Impulse vom internationalen Festival der Filmhochschulen in den nächsten Jahren ausgehen. Eines ist jedenfalls schon heute sicher: Auch nächstes Jahr wird es wieder viele zukunftsweisende Filme, interessante Gespräche und Kontakte zwischen alten Hasen, aufstrebenden Talenten und gut informierten Besuchern geben. Das alles in einer Offenheit, für die München bekannt ist. Maximilian Fleischmann

Subtiler Humor und archaische Bilder

kultur

„4“ – Ein Nachtrag zum 23. Filmfest München

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Der Film „4“, dessen Buch der er sei Regierungsbeamter und für das Filmemacher Ilya Khrzhanovsky zusam- Trinkwasser des Präsidenten zuständig, men mit dem bekannten russischen denn dieser trinke nur Wasser von Autor Vladimir Sorokin verfasste, ent- der Quelle der Wolga. Volodya gibt vor, führt den Zuschauer in zwei Welten, die Biochemiker zu sein und in einem Klonunterschiedlicher nicht sein könnten. Projet zu arbeiten – ja, menschliche Der erste Teil spielt in der Großstadt. Klone gebe es schon lange, seit dem Es ist Winter und spät Nachts tref- zweiten Weltkrieg, man könne auch gar fen zufällig vier nicht mehr sagen Menschen in einer wie viele geklonte Bar aufeinander. Im Menschen tagtäglich wirklichen Leben ist herumlaufen. Der Oleg Kaufmann und Bartender ist und handelt mit Fleisch, bleibt der Bartender. indem er die alten Während die erste Tiefkühlbestände aus Hälfte von Ilya Sowjet-Zeiten auflöst. Khrzhanovskys Film Volodya verdient seidurch ihren subtilen nen Lebensunterhalt Humor besticht und als Klavierstimmer der Zuschauer, der ja und Marina arbeitet die wahre Identität als Prostituierte. der Protagonisten Den vierten im kennt, schmunzeln Bunde bildet der Die Kamera hautnah. muß, überwältigt die Bartender hinter seizweite Hälfte durch nem Tresen. Irgendwann entspinnt sich die archaische Wucht ihrer Bilder. Die das Gespräch darüber, was man denn Verbindung zwischen beiden Teilen ist beruflich mache. Marina arbeitet auf Marina, die zum Begräbnis einer ihrer einmal im Vertrieb von Klimaanlagen. drei Schwestern reist. Oleg behauptet, er habe sein Büro in Ihr Heimatdorf inmitten der russischen der Lubjanka – nein, nicht beim KGB, Provinz erwartet sie als Ort, in dem die

Zeit stehen geblieben ist. Verblichene Holzhütten, eine Industrieruine, streunende Hunde, sonst nur Leere. Die Zurückgebliebenen im Dorf: alte Mütterchen, Marina, ihre beiden verbleibenden Schwestern, der Freund der Toten. Die Verstorbene sicherte den Unterhalt des Dorfes, schuf Puppen aus Brotteig, den die alten Frauen für sie kauten. Der Ort steht vor der Katastrophe. Das Totenmahl wird zum Betrinken, zur Orgie, zum Rausch – die Handkamera wie mit einem Teleobjektiv hautnah dabei. Eine Montage voller Energie und Dynamik und radikale Bilder voller Kraft und Direktheit schaffen im zweiten Teil ein Werk, wie man es nur selten zu Gesicht bekommt. Dem unter anderem in Rotterdam preisgekrönten Film ist zu wünschen, daß er bald in den Kinos seiner Heimat gezeigt werden kann. In Russland wartet das hochpolitische Werk Khrzhanovskys noch auf die Freigabe durch die Zensur. Für den Rest der Welt ist zu hoffen, dass sich genug mutige Kinobetreiber und Filmverleiher finden, die den Film ob seiner Radikalität und Progressivität nicht einem größeren Publikum vorenthalten. Maximilian Fleischmann


kino / radio

Harry Potter und der Feuerkelch Es ist schon traurig mit anzusehen, wie eine bis dahin gute Trilogie ihren zuvor erarbeiteten Glanz verliert. Vollkommen abgehetzt wird von Szene zu Szene gerannt, wobei nicht nur der Genuss, sondern auch jegliches märchenhaft romantische Flair auf der Strecke bleibt. Für rund 200 Millionen Dollar kann man doch erwarten, dass man sich eine halbe Stunde mehr Zeit nimmt, um den Zuschauer in die Handlung einzuführen und ihn nicht einfach mit lauter Versatzstücken verwirrt zurücklässt. Spannung und Action müssen nicht zu Hetze führen und schon gar nicht zu Detailverlust. Letztlich werden die Charaktere zur Nebensache einer für diese Filmdauer zu komplexen Handlung. Harry Potter erlag wohl dem Problem vieler moderner Produktionen, dass man alles Vorangegangene meint übertreffen zu müssen, indem Bombast und Spannung die kleinen Dinge ablösen. jmk Mittlerweile zum vierten Mal zeigt sich Harry Potter nun auf Zelluloid und wie die Darsteller ist auch der Film erwachsen geworden. Leider. Anders als noch bei den Vorgängern stehen mehr die Spezialeffekte und die Actionszenen im Vordergrund. Es gelingt Regisseur Mike Newell zwar, die Geschichte des 4. Teiles der mittlerweile sechsteiligen Reihe über den jungen Zauberer nahezu vollständig umzusetzen, aber den Charakteren um Harry wird kaum Platz für Emotionen gelassen. Gerade das wäre aber wünschenswert gewesen, um die Stimmung der Vorgänger zu schaffen. Letztendlich ist „Harry Potter und der Feuerkelch“ gute Abendunterhaltung, aber lange kein Märchen mehr für Kinder. michi Das Time Magazine hat vor kurzem geschrieben, dass die Kinder, die mit Harry Potter aufgewachsen sind, die sind, die mit der ständigen Bedrohung des Terrorismus aufwachsen. Der neue Film schafft es, das Lebensgefühl dieser Kinder einzufangen. Die unbeschwerte Kindheit der letzten Filme ist von der ersten Minute an vorbei. Der Film lässt einen nicht los, die heile Welt der Kinder zerfällt, ständig schweben sie in einer Gefahr, die sie nicht recht fassen können. Am Ende steht kein Happy End, sondern die Gefahr eines neuen Krieges. Schluss ist mit diffusen Gegnern, jetzt ist Voldemort selbst an der Reihe, genial gespielt von Ralph Fiennes, der der Figur genau das Quäntchen Menschlichkeit lässt, das sie braucht, um sie zu einem der bedrohlichsten Bösewichte seit langem zu machen. Ja,Voldemort ist böse, aber er ist auch ein Mensch. Der Film ist anders, aber besser als seine Vorgänger. sari

Was war Am Anfang war das Wort. Nun findet ihr unter www.98eins. de auch sichtbar unsere Studio-Webcam – allerdings mit VEffekt versehen. Das Jahr 2005 war auch schon – darum gibt es Anfang 2006 den radio 98einsJahresbericht zum Nachlesen der Programm-Highlights, der Veranstaltungen und der Arbeit im Sender. Was bleibt radio 98eins bietet weiterhin die Möglichkeit zum praktischen Journalismus an.Wir suchen weiterhin Redakteure für die Bereiche „Nachrichten“, „Wissenschaft“ beziehungsweise „Politik“, suchen Techniker für „Audiotechnik“ und „Open Source-Software“ und suchen Verstärkung für die Öffentlichkeitsarbeit (Werbung, PR). Wir bieten ein freundliches Team, professionelles Arbeiten und Selbstverwirklichung in den Grenzen des Anstands. Was wird Alles wird gut. Dazu kommt demnächst der massiv geforderte Internet-Stream zum Programmlauschen im Netz. Und: Wir feiern am 7. Januar 2006 den ersten Geburtstag – ein Jahr radio 98eins OnAir! Die „Wir sagen Danke!“Party findet traditionell im IKUWO statt – mit dem größten Luftgitarren-Battle in der Geschichte Greifswalds.Anmelden könnt ihr euren Auftritt unter musik@98eins.de (Nennt uns euren Titel!). Garantiert keine Luftnummer, verspricht radio 98eins. info@98eins.de

kultur

kino-extratest

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kino-historie

Ein weltbekannter Frauenversteher mit Biss (2005).

Das achte Wunder der Welt Peter Jackson wagt Neuverfilmung eines Klassikers wird dabei in einige Abenteuer auf der Insel verwickelt. Ohne den geplanten Film endet die Reise. Dafür kann Denham aber der Weltöffentlichkeit den bisher unbekannten Riesenaffen als „King Kong“ präsentieren. Welch ein Fehler: Als das Leben der von Kong geliebten Darrow bedroht scheint, befreit er sich und versetzt New York in Angst und Schrecken. Natürlich ist der Ausgang des Kampfes Natur gegen Mensch von vornherein klar: Kong stirbt. Aber nicht durch technische Errungenschaften oder menschliche Intelligenz, sondern durch das Gefühl der Liebe. Der 1933 erschienene Kinofilm „King Kong und die weiße Frau“ nutzt die Möglichkeiten des Tonfilms konsequenter aus. Die Geräusche des Riesenaffen, vor allem aber die Schreie der jungen Schauspielerin Fay Wray untermalen die von Spezialeffekten strotzende Geschichte von der Schönen und dem Biest. Wie eine Bild gewordene Kritik am Kapitalismus marschiert ein DreißigMeter-Affe durch Amerikas Sinnbild des Aufschwungs – eine Dämonisierung des außer Kontrolle geratenen Schwarzen. Ist unsere zivilisierte west-

kultur

Drehbuchautor Merian C. Cooper hatte einen bizarren Traum: Ein Riesenaffe zerstört New York. Aus dieser Idee entwickelte er zusammen mit dem Autoren Edgar Wallace die Geschichte von King Kong. Der Protagonist des in schwarz-weiß gedrehten Kinowerkes ist der für seine Abenteuerfilme bekannte Regisseur Carl Denham. Durch merkwürdige Umstände erfährt er von dem auf einer einsamen Insel lebenden Riesenaffen und plant daraufhin seinen neuesten Film. Außer Denham ist sich kein Besatzungsmitglied der bevorstehenden Gefahren bewußt. Gleich nach der Ankunft auf der Insel trifft die Expedition auf die dort lebenden Eingeborenen und stört bei einer Opferzeremonie für Kong. Natürlich bestehen die Einwohner der Insel auf einem neuen Opfer und machen es in der blonden Ann Darrow aus. Der übermächtige Kong tritt auf und nimmt sich des Opfers an. Was erst wie das natürliche Verhalten eines Raubtieres scheint, entwickelt sich zu einem Liebesverhältnis zwischen Affe und Mensch. Verständlicherweise unternimmt die Schiffscrew einen Rettungsversuch und

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Fay Wray (1933) und Naomi Watts (2005) im Angesicht ihres großen Verehrers.

liche Welt wirklich so zivilisiert, wie wir immer glauben? Immerhin schafft sie sich ihre sozialen Konfliktherde selbst, indem sie schwarze Bevölkerungsteile finanziell ausbeutet, politisch und sozial aber nicht integriert. Es mag jeder seine eigene Botschaft in „King Kong“ finden, doch eines scheint ziemlich deutlich: Der Sprung sozialer Konflikte von subtil zu subversiv ist nur ein kleiner. Das Publikum belohnte dies mit einem für die 1930er Jahre unvorstellbaren Kassenerfolg und sicherte somit auch das Überleben des am Rande des Ruins stehenden Filmstudios RKO Pictures. Innerhalb kürzester Zeit wurde deshalb auch die Fortsetzung „Son of Kong“ in die Kinotheater gebracht, ohne aber den immensen Erfolg zu wiederholen. Der Meilenstein der Filmgeschichte erzählt einen rein fürs Kino entwickelten Stoff. Auf literarischem Vorbild basierende Kinowerke müssen sich immer von diesem emanzipieren; dieses Problem hat die Figur des King Kong nicht. Deshalb konnten in den folgenden Jahr-

Der King downtown in New York (1933). zehnten die unterschiedlichsten Interpretationen entstehen. Auch Peter Jackson versuchte sich als Neunjähriger an einer solchen. Sein Vorhaben war aber aufgrund der beschränkten technischen Mittel zum Scheitern verurteilt.Vor einem Jahrzehnt versuchte sich der Neuseeländer erneut an seinem Lieblingsprojekt, wurde aber von Universal aufgrund der anstehenden Konkurrenz durch „Godzilla“ (1998/Regie: Roland Emmerich) zurückgepfiffen. Nachdem aber die drei „Herr der Ringe“-Filme (2001-2003) kommerzielle und künstlerische Erfolge wurden, erhielt Jackson vollkommen freie Hand. Seine Neuverfilmung des Stoffes läuft ab dem 14. Dezember in den Kinos. Ob der nachwirkende Effekt des ersten „King Kong“-Films wiederholt werden kann, wird sich zeigen. Vor allem die mehr als doppelt so lange Laufzeit des Remakes ist trotz der wahrscheinlich gleichen Handlung überraschend. bb, jmk


dvd

„I heart Huckabees“-DVD; Dustin Hoffman, das Gespenst, und Jason Schwartzman, der Lebensphilosoph.

Der Konflikt: Die Freiflächenkoalition gegen den übermächtigen Konzern Huckabees. Abhängigkeit oder Unabhängigkeit. Die Akteure: Der auf der Suche nach dem Sinn des Lebens befindliche Albert Markowski (Jason Schwartzman) möchte das Wirrwarr seines Lebens ordnen und Antworten auf die elementaren Fragen des Lebens erhalten. Den Feuerwehrmann Tommy Corn bewegen ähnliche Themen. Beide haben deshalb die existentiellen Detektive Bernard und Vivian Jaffe (Mr. Dustin Hofmann mit einer tollen Frisur und Lily Tomlin) beauftragt, Antworten zu liefern. Für Bernard und Vivian ist alles miteinander verknüpft. Zwischen

dir, mir, einem Hamburger, der Stadt Paris und einem Organismus besteht eine nicht trennbare Verbindung. Dies sieht die französische Philosophin Caterine Vauban ganz anders: Keine Handlung, kein Gegenstand hat mit etwas anderem zu tun. Die Welt besteht nicht aus wechselseitigen Abhängigkeiten. Jude Law schlüpfte in die Rolle des karrieregeilen, aber oberflächlichen Huckabees-Managers Brad Stan. Verheiratet ist er mit dem Werbegesicht des Konzerns, Dawn Campell, gespielt von der neuen King Kong-Freundin Naomi Watts. Ihre Beziehung besteht aus oberflächlichem, konsumorientierten Verhalten mit siebenminütigen Sexunterbrechungen.

Atemberaubend

Der neue Mensch

Krieg der Welten (2-Disc-Special-Edition) Für die einen ist „Krieg der Welten“ wohl ein verdammt spannender Thriller, der einem mit guten Schauspielern und hervorragenden Special-Effects pausenlos das Adrenalin durch die Adern jagt. Andere mögen ihn eher als eine hochtrabende, von logischen Fehlern durchfressene Hommage an das USMilitär empfinden. Letzten Endes sind beide Positionen richtig. Auch wenn man den Militärgegnern erwidern muss, dass die Botschaft eine gegenteilige ist, sind besonders die logischen Fehler unangenehm. Dies ist aber auch der einzig denkbare Vorwurf. Die Spezialeffekte und besonders die Drehtechniken sind mitunter atemberaubend. Es gibt bis dato kaum einen Film, der es vermag, so konstant Spannung und Bedrängnis zu vermitteln. Im Angesicht des Todes wird der Film zu einer Sozialstudie mit schockierender Bildersprache, wenngleich ihr Ende sehr abrupt ist. Die Soundoptionen der DVD setzen das Klangspektrum ideal um und die zahlreichen Featuretten ermöglichen detaillierte Einblicke in die Produktion. jmk

Entfesselt

Musik vermag einen Menschen zu retten. Luc Bessons Film „Danny The Dog“ zeigt den Reifeprozess des für seinen kriminellen Onkel Bart (Bob Hoskins) in den Straßen kämpfenden Dannys (Jet Li), der dank des blinden Klavierstimmers Sam (Morgan Freeman) ein neues Leben beginnen möchte. Der deutsche Titel „Entfesselt“ emotionalisiert und verwischt die Brisanz des cineastischen Gedanke-

Die chaotisch-anarchische US-Komödie besticht durch wunderbare Darsteller, einen intelligenten Plot und amüsante Dialoge. Regisseur David O. Russel ist eine Farce der Gesellschaft der noch einzig bestehenden Weltmacht gelungen. Der Film erfordert die ganze Aufmerksamkeit des Zuschauers, um die kleinen und großen Momente dieses intellektuellen Trips ins Nirwana zu begreifen. Glücklicherweise entspricht die Ausstattung der deutschen DVD dem Ideal dieses Mediums: Alternative und verlängerte Szenen, ein informatives Making-of, sechs lustige Werbefilme für den Erhalt von Freiflächen und ein Special über die Entstehung der Filmmusik von Jon Brion sowie das kurzweilige Musikvideo des Titelliedes sind zu bestaunen. bb nexperiments. Denn Dannys Erziehung diente der Bildung eines Kampfhundes, nicht eines Individuums. Anders als im für das deutsche Publikum bestimmten Kinotrailer spielen die actiongeladenen Szenen mit ihrer Gewaltdarstellung in dem Streifen selber eine marginale Rolle. Sympathisch sind die Stimmen der wunderbaren Schauspieler im Original, ärgerlich das Abschieben der wichtigsten Sequenz in die Rubrik „Entfallene Szenen“ und anregend das in Bildern brillierende Opus. ur

kultur

Lasst uns mal über Erdöl reden

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bücher / cds der cd-klassiker

bücher

Geschmack in Gefahr „Ganz Gallien ist von den Römern besetzt... Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“ Wer diese Sätze liest, weiß, dass Asterix-Zeit ist. Seit über 30 Jahren erfreut der schlaue Gallier gemeinsam mit seinem Freund Obelix Generationen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Im Oktober ist nun der mittlerweile 33. Band erschienen: „Gallien in Gefahr.“ Die Handlung ist schnell erzählt: Zwei rivalisierende AlienVölker versuchen den Zaubertrank in ihre Gewalt zu bekommen, um endlich die Herrschaft im Universum an sich zu reißen. Logisch, dass Asterix und seine Freunde alles daran setzen, dies zu verhindern. Einen Asterix-Band zu bewerten, ist schwierig, denn die Abenteuer der Gallier sind einfach Kult. Doch der neueste Band treibt selbst dem eingefleischtesten Fan die Tränen in die Augen. Dass Albert Uderzo nach dem Tod seines kongenialen Partners René Goscinny neben den Zeichnungen nun auch die Texte schreibt, ist leider nicht zu ändern. Bisher war es ja auch immer noch relativ gut gegangen, doch „Gallien in Gefahr“ kann man nur als Beleidigung des Lesers bezeichnen. Die Dialoge sind schlecht, die Handlung noch viel schlimmer und selbst die obligatorischen Prügelszenen mit den Römern machen keinen Spaß. Außerirdische in die vorchristliche Welt einzubauen, ist eine ziemlich schlechte Idee und ohne Uderzo etwas unterstellen zu wollen, macht dies den Eindruck, dass es ihm einfach an Einfällen gemangelt hat. Selbst der lateinische Wortschatz wird nur sehr spärlich bemüht, was bisher immer ein großes Plus der Comic-Reihe gewesen war. Dass am Ende die Gallier gewinnen und die Römer doch noch mal ordentlich eins auf die Mütze kriegen, ist schön, entschädigt aber nicht für 40 Seiten Folter. Da wünscht man sich doch, dass der kleine Außerirdische auch bei einem selbst vorbeikommt und jegliche Erinnerung an die Geschichte auslöscht, wie er es auch bei den Galliern macht. Zumindest würde man so Asterix in guter Erinnerung behalten. ring Der Comicband „Gallien in Gefahr“ von Réne Goscinny und Albert Uderzo ist im Egmont Verlag erschienen und kostet 10 Euro.

kultur

Wächter der Nacht

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In Russland ist Sergej Lukianenko als Schriftsteller von Fantasy und Science-Fiction kein Unbekannter mehr. Im Gegenteil. Für seine Romane und Erzählungen ist der Gegenwartsautor mit Preisen bedacht worden. Hierzulande erstreckt sich sein Bekanntheitsgrad vorerst auf „Nochnoi Dozor“. In Greifswald fesselte der auf dem gleichnamigen Buch basierende Film „Wächter der Nacht“ in der Spätvorstellung. Der Roman ist Auftakt einer Fantasy-Triologie, in der nach einem lange zurückliegenden Waffenstillstand Gut und Böse auf das empfindliche Kräftegleichgewicht achten. Der Kampf um den Sieg steht solange aus, bis eine der beiden Seiten einen entscheidenden Vorteil errungen hat.

Jan Vogler: Antonín Dvorák,Violoncellokonzert Sony BMG

Neben den Slawischen Tänzen, der achten und der neunten Sinfonie („Aus der neuen Welt“) sowie der späten Oper „Rusalka“ zählt das Violoncellokonzert zu den wichtigsten Kompositionen des Tschechen Antonín Dvorák (1841–1904). Obwohl der Brahmsfreund das Cello aufgrund seiner klanglichen Qualitäten in der hohen wie tiefen Lage nicht überschwänglich schätzt, geriet das Werk zu seinem besten Instrumentalkonzert. Der Solist Jan Vogler reiste für die Einspielung des Stücks mit David Robertson und dem New York Philharmonic Orchestra eigens nach New York – dem Ort, wo Dvorák 1894, kurz vor Abreise nach seinem dreijährigen, erfolgreichen USAAufenthalt, die Arbeit daran begann. Damit endet innerhalb des Gesamtoeuvres die „amerikanische“ Phase, in der Dvorák indirekt die Diskussion um die musikalische Identität des Landes anregend begleitet. Doch anstelle eines Hinweises auf jenen historischen Hintergrund betonen Jan Vogler als Solist und der Musikwissenschaftler Michael Beckermann die geheimnisvolle, wenn auch persönlich-tragische, Seite des Cellokonzerts. Was sich interpretatorisch als beflügelnd herausstellt, lässt wissenschaftlich Fragen offen. Dem Hörer kommt bei dieser Aufnahme das pädagogisch wertvolle Konzept zugute. Anstelle von Taktzahlen in einer Partitur führen die angegebenen Spielzeiten durch das Werk und ermöglichen einen klareren Überblick über dessen dramatische Konzeption. Mit wunderbarem Strich gleitet Jan Vogler nach einem bedrückt grüblerischen Orchesterauftakt in das Werk und präsentiert eine insgesamt recht aufgewühlte Interpretation, die für sich selbst stehen kann. Hingewiesen sei abschließend auf die Einspielungen von Pablo Casals und Mstilav Rostropovitsch. Letzterem gelingt unter dem Dirigat Herbert von Karajans eine anfangs bescheidene, in der Expressivität keinesfalls nachstehende Deutung, bei der Orchester und Solist wunderbar verschmelzen. Die Schaffung eines prahlerischen Virtuosenstücks lag Dvorák mit Konzert für Violoncello und Orchester fern. ur Die deutsche Erstausgabe des Buches lässt rasch nach der literarischen Qualität Lukianenkos fragen. Fade Dialoge, fleischlose Figuren und ein recht konturloses Moskau sorgen nicht für die nötige Spannung auf 525 Seiten, wovon allein nur das erste Kapitel als Drehbuchgrundlage diente. Zwar ist Quentin Tarantino im Klappentext außerordentlich über den Film erfreut, dennoch erklärt sich die Schwäche des Buches daraus nicht. Vielleicht bringen Teil zwei und drei mehr Licht ins Dunkel. ur Das Buch „Wächter der Nacht“ von Sergej Lukianenko ist im Heyne-Verlag als Taschbuch erschienen und kostet 13 Euro.


Mythos einer Mörderin

Zeitlos scharfsinnig

Wie wird aus Liebe Hass und aus Zuneigung Verachtung? Warum wird eine Frau zur Mörderin ihres Bruders und ihres eigenen Sohnes? Seit Jahrhunderten lebt der Mythos der Kindsmörderin Medea. Zahlreiche Autoren wie Euripides oder auch Christa Wolff ließen sich von dieser leidenschaftlichen Frauengestalt zu unterschiedlichsten Ausarbeitungen inspirieren, als Opern- und Filmstoff ist das Schicksal der Medea aufgegriffen worden. Im Theater Vorpommern ist nun ein modernes Ballett von Ralf Dörnen zu erleben, in dem Medea ihren Weg durch die Irrungen des Lebens sucht. Für ihren Geliebten Jason wendet sie sich gegen ihre eigene Familie, wird kriminell und verlässt fluchtartig ihre Heimat. Fortan führt sie ein Leben, das von Verzweiflung und Entwurzelung geprägt ist. Das Glück mit Jason und dem gemeinsamen Sohn währt nicht lange, denn Jason verlässt sie, um für sich den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Hasserfüllt entwickelt Medea einen grausamen Racheplan, der alle Beteiligten in tiefe Verzweiflung stürzt. Zur Musik von Stephan Marc Schneider lassen die Mitglieder des Ballettensembles diese Geschichte mit tragischem Ausgang zum Leben erwachen. Dynamische Bewegungen sowie moderne Sprung- und Tanzkombinationen werden genutzt, um dem Zuschauer die Handlungen und Emotionen der Protagonisten zu erklären. Nicht immer will dies gelingen. Theaterbesucher, die die Geschichte der Medea nicht kennen, haben sicherlich Mühe, der Handlung zu folgen. Begrenzt sind auch die Möglichkeiten eines Balletts, die vielschichtigen Motive und Gefühle der Handelnden, vor allem der Medea, ausschließlich durch Bewegung und Mimik auszudrücken. Beeindruckend ist die Aufführung jedoch allemal, denn der Inhalt, die tänzerische Leistung, die musikalische Begleitung sowie die Kostüm- und Bühnengestaltung wissen in ihrer Gesamtheit zu überzeugen. grip

Kurt Tucholsky liebt Deutschland, Kurt Tucholsky hasst „Deutschland“. Kontrastreich war auch das Programm „Kurt Tucholsky: Drei Minuten Gehör“, das an einem Donnerstagabend im Theater auf der Probebühne dargeboten wurde. Begleitet vom Pianisten und Antagonisten Thomas Bloch–Bonhoff, gab Sabine Kotzur mit Texten, Gedichten und Chansons die satirisch-humoristische, aber auch die vaterlandsmüde Seite Tucholskys wieder. Mit Chansons á la „Zieh Dich aus Petronella“ oder „Immer angelehnt“ beherrschte sie die Kunst des Flirtens und Kokettierens mit den anwesenden Männern im Publikum voll und ganz. Mit fabelhaft sonorer Stimme und Berliner Schnauze trug sie Texte gegen die eitle Männlichkeit, gegen den Militarismus, gegen das Beamtentum und natürlich für die Liebe vor. Mal schlüpfte sie in die Rolle der Tochter, die einem Geliebten beichtet, mal in die Rolle des Arbeitsvermittlers, der dem Sohn eine Beamtenlaufbahn empfiehlt und dann nahm sie wieder die Rolle des selbstverliebten Mannes ein, der vor dem Spiegel posiert, um einer Zimmerpalme zu imponieren. Auch Szenen einer Ehe durften natürlich nicht fehlen. Wer „Rheinsberg“ kennt, weiß, wie gnadenlos Tucholsky Stärken und Schwächen einer Beziehung seziert. Auch als überzeugter Pazifist war Tucholsky bekannt und prägte den berühmt gewordenen Satz „Soldaten sind Mörder“. Wie kein anderer kritisierte der bedeutendste Satiriker der Weimarer Republik die Missstände seiner Zeit. An diesem Abend fand auch dieser Aspekt Berücksichtigung im abwechslungsreichen Repertoire. Die Auswahl von Tucholskys Texten spiegelte die zwiespältige Seele des Dichters gelungen wider. An seiner Hassliebe zu Deutschland ging er letztendlich zu Grunde: 1935 starb Tucholsky im schwedischen Exil nahe Gripsholm durch eigene Hand. kats

kultur

theater

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theater

Aus Alt mach Neu

Tierisches Vergnügen

Schwere Jungs, leichte Mädchen und vertrottelte Kommissare im Theater Vorpommern.

Fotos: Theater Vorpommern

Olsenbande macht Greifswald unsicher Sie sind Kult und jeder kennt sie: Der ewig-planende Egon, Benny, Kjeld und Nervensäge Yvonne, gejagt von Kommissar Hansen und seinem Assistenten. Nun bevölkern sie die Bühne im Theater Vorpommern in der Komödie von Peter Dehler „Die Olsenbande dreht durch“. Groß war die Wiedersehensfreude, als der bekannte Chef der Bande aus dem obligatorischen Gefängnistor auf die Bühne trat. Das Haus war voll besetzt, dementsprechend laut der Jubel. Die Begeisterung sollte auch die folgenden zwei Stunden anhalten, denn Jung und Alt ließen sich von der witzigen Ge-

schichte mitreißen. Wieder einmal ging es um einen genialen Coup. Das Publikum wurde Zeuge, wie die dreiköpfige Bande mit Witz und Geschick die Polizei an der Nase herumführte und dem Geschäftsmann Bang Johansen wichtige Dokumente stahl, um diese zu Geld zu machen. Nicht alle der spektakulären Pläne Egons wollten auf Anhieb gelingen, dennoch konnten sich die drei inklusive Yvonne schließlich über sieben Koffer Geld und auf eine bevorstehende Weltreise freuen. Nicht nur das originelle Medley aus allen 13 Olsenbande-Filmen, sondern auch die

kultur

Die Puppen tanzen

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Pünktlich zum ersten Advent präsentierte das Theater Vorpommern dieses Jahr sein Weihnachtsballett, den „Nussknacker“. Das von Tschaikowsky vertonte Märchen E. T. A. Hoffmanns gehört zu den meistaufgeführten Repertoirestücken der Welt. Vielleicht auch ein Grund, warum das Stück in der Inszenierung und Choreographie von Ralf Dörnen nach dreijähriger Pause wieder aufgenommen wurde. Die Zuschauer konnten in einem nahezu ausverkauften Haus verfolgen, wie die kranke Klara an einem turbulenten Weihnachtsabend von ihrem Arzt, Dr. Drosselmeier, einen Nussknacker geschenkt bekommt. In den Träumen des Mädchens erwacht das Spielzeug zum Leben, rettet es vor dem garstigen Mäusekönig und seinem Gefolge und lässt für es seine Puppen zum Leben erwachen. Mit diesen feiern die beiden einen nächtlichen Ball. Am nächsten Morgen erwacht Klara mit dem hölzernen Nussknacker in ihren Armen und erinnert sich zufrieden an ein wunderbares Abenteuer im Reich der Spielzeuge. Obwohl es sich um die zweite Wiederaufnahme des Balletts handelt, stehen nur zwei Tänzerinnen der alten Besetzung dieses Jahr mit auf der Bühne. Die übrigen zwölf Mitglieder der

originalgetreue und liebevolle Ausstaffierung der Figuren erfreute den Kenner. Eng an die Filmvorlagen angelehnt, ließen sich viele Details wiedererkennen, vom tippelnden Gang Bennys bis zur ewig nörgelnden Yvonne. Es folgte Witz auf Witz, zur Freude der anwesenden Kinder manchmal etwas zu überdreht, doch auch das erwachsene Kind hatte seinen Spaß. In jedem Fall passt das harmlos lustige Stück wunderbar in die Vorweihnachtszeit und ist besonders für Studenten zu empfehlen, da zwei ihrer Kommilitonen die Aufführung bereichern. ilia, grip

neuen, jungen und sehr internationalen Company wirken zum ersten Mal an der Greifswalder Inszenierung mit. Das Publikum zeigte sich begeistert von der Leistung dieses Ensembles und sah ihm kleinere Schwächen wohlwollend nach, so zum Beispiel, dass einige Passagen nicht vollkommen synchron getanzt wurden oder dass die Leichtigkeit mit der Zeit etwas nachließ und erahnbar wurde, dass hinter der Anmut des klassischen Balletts kräftezehrende Arbeit steckt. Für eine so junge Company, die erst seit kurzer Zeit in dieser Formation zusammenarbeitet und in den letzen Wochen viele verschiedene Choreographien getanzt hat, war es auf jeden Fall eine sehr beeindruckende Leistung. Die Solisten Nao Omi (Klara) und Ion Beitia (Dr. Drosselmeier/Nussknacker) fielen mit ihrem Können besonders beim Höhepunkt des Stücks, dem technisch anspruchsvollen „Grand Pas de Deux“, auf. Der wiederholte Szenenapplaus war Beweis genug dafür, dass die Tänzer die Zuschauer für sich gewonnen hatten. Ebenfalls mit viel Beifall bedacht wurden das philharmonische Orchester Vorpommern und sein Dirigent Koji Kawamoto, die mit einer guten Darbietung durch das Stück begleitet hatten. Alles in allem ist der Greifswalder „Nussknacker“ eine rundum gelungene Inszenierung, die hervorragend in die Vorweihnachtszeit passt und an langen Abenden eine lohnende Alternative zum Glühweintrinken bietet. sari, tja


kreuzmoritzel

Bella ciao, bella ciao Tja, nicht nur mit der Uni geht‘s wohl bald bergab, sondern auch das Jahr ist bald zu Ende. Kommt aber bitte nicht auf die Idee, aus lauter Protest dem nachzueifern, was das Lösungswort ergibt! Sorry, dass letztes Mal nicht dabei stand, wohin ihr die Lösung schicken könnt – natürlich wie gehabt per E-Mail an moritz@uni-greifswald.de, Name und Studienfach nicht vergessen. Für all‘ diejenigen, die es nach dem letzten moritzel trotzdem gewagt haben, uns das Lösungswort „FLAUBERT“ per Mail zu schicken, gibt‘s weihnachtlich viele Gewinne (s.u.)! RÜBER 1. englischer Mediziner (Nobelpreis) 4. Laubbaum - 8. Körperfunktionsteil - 9. europäisches Hochgebirge - 10. Schneemensch - 13. Gleichklang 14. Masseneinheit -15. Aufgeld - 17. Futterpflanze - 22. Fracht, Ladung - 23. Reittier - 24. weibliche Anrede - 25. Bezeichnung RUNTER 2. Furcht - 3. Ziffer - 4. Staat im Westen der USA - 5. Tasche für Aufzeichnungen - 6. Kleinpferd - 7. kleiner Erdgeist - 11. Internationale Handelsorganisation - 12. deutscher Geheimdienst (Abkürzung) - 13. lateinisch: Ding, Sache - 15.Vorfahre des Menschen - 16. medizinisch: Wundjauche - 18. rauchende Schwefelsäure - 19. Immunerkrankung - 20. Buckelrind - 21. Hobelabfall Zu gewinnen gibt es zweimal zwei Kinofreikarten für‘s CineStar. Viel Spaß!

Die Gewinner ermittelte unsere moritz-Glücksfee: Natalie Schneider gewinnt zwei Freikarten für‘s CineStar. Sebastian Brandt, Jan Lichte und Marcus Vollmer gewinnen je zweimal „EinTicket“ für den InterConnex. Ihr könnt Euch Eure Gewinne zu den Sprechzeiten der moritzChefredakteure abholen (Di 10-11 Uhr AStA-Büro, Fr 14-15 Uhr moritz-Büro).

spielundspaß

moritz – Studentische Medien Greifswald

Redaktion Wollweberstraße 4, 17489 Greifswald Tel: 03834/861759, Fax: 03834/861756 E-Mail: moritz@uni-greifswald.de

Gestaltung: Ulrich Kötter, Robert Tremmel, Katarina Sass, Melanie Wilkens, Kai Doering

Titelbild: Melanie Wilkens, David Albrecht (Zeichnung)

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Zeichnungen: Franziska Salopiata, Juliane Hesse

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IMPRESSUM Geschäftsführer: Bernhard Schrieber Stellvertreter: Carsten Mielsch

Herausgeber: Studierendenschaft der Universität Greifswald (vertreten durch den AStA, Rubenowstraße 1, 17487 Greifswald)

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moritz erscheint während des Semesters monatlich in einer Auflage von derzeit 3.000 Exemplaren. Redaktionsschluß der nächsten Ausgabe ist der 9. Januar 2006. Die nächste Ausgabe erscheint am 23. Januar 2006.

V.i.S.d.P.: Ulrich Kötter

freie Mitarbeit: Enno Franzius, Luise Baumann, Thomas Schattschneider, Maximilian Fleischmann

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kulturköpfe

m.trifft... Anton Nekovar, Intendant des Theater Vorpommern

Foto: Enno Franzius

Sternzeichen: Stier. Berufsbezeichnung: Trouble-shooter, Intendant, Geschäftsführer, Regisseur, Schauspieler. Lieblingsessen: In netter Gesellschaft fast alles. Nie auf den Tisch kämen Innereien. Lieblingsmusik: Jeweils die Oper, die ich gerade inszeniere. Morgenmuffel oder Frühaufsteher? Wäre gern ersteres, muss aber leider zweiteres sein. Welchen Menschen unserer Zeit oder der Geschichte bewundern Sie? Von vielen jeweils einiges, doch in der Gesamtheit... Halt, doch einen Menschen – meine Frau, die schon seit 16 Jahren zu mir steht. Welches Fach würden Sie in Greifswald studieren? Vergleichende Sprachwissenschaft.

Mit welcher Märchengestalt würden Sie sich identifizieren? Diese Frage ist gefährlich – zu leicht öffnet sich die Büchse der Pandora. Kultur ist... ...ein elementares Grundbedürfnis der Menschheit, leider oft mit Füßen getreten, jedoch immer wieder als Phönix erscheinend. Was kann und muss Theater heute leisten? Alles, was heute Familie, Schule, Religion und TV nicht mehr leisten können – und muss dabei auch noch „leistbar“ sein. Worauf sollte man heutzutage mehr Wert legen? Auf das Theater. Begründung siehe oben. Was ist ein gutes Publikum? Ein Publikum, das in Massen strömt, Beifall zügellos spendet, Missfallen mit Zügeln kundtut und vor allem seinem Theater in guten und schlechten Zeiten die Treue hält und durch viele Spenden eine neue Theaterbestuhlung ermöglicht. Wie lautet Ihr Credo als Intendant? Eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, Freude an der Arbeit

zu ermöglichen, denn diese Freude springt aufs Publikum über. Welche Fähigkeit würden Sie gern beherrschen? Enttäuschungen leichter verkraften zu können. Welchen Traumberuf hatten Sie als Kind? Schauspieler. Wie sieht Ihr typischer Tag aus? Mit dem Plan ins Theater kommen, langfristig hohe Ziele setzen, tagsüber mittelfristig sich anbahnende Katastrophen verhindern, kurzfristig Brandherde löschen, am Abend in Proben oder Vorstellungen von der Poesie unserer Darsteller verzaubert werden, in der Nacht wieder langfristig hohe Ziele planen. Kochen Sie gern? Ja, jedoch nie für mich alleine. Haben Sie in Greifswald einen Lieblingsplatz? Marktplatz vor dem Rathaus, Eldena und das mit neuen bordeauxroten Stühlen versehene Oval.

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Alter: 55 Jahre.

Ihr Lebensmotto? Langfristig hohe Ziele setzen. Interview: Uwe Roßner

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arvids kolumne

„Das Volk, das im Finstern wandelt“

spielundspaß

Von Arvid Hansmann

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„Last Christmas I gave you my heart ...“ Hafen von Wismar vom Kapitän in die lich objektiven Ergebnisse der Forschung – „Ich kann es nicht mehr hören! Dieser Speisekammer mitgenommen wurde, kommunizierbar zu machen, brauchen Weihnachtsmarkt macht einen noch fer- um sich etwas für den weiteren Weg wir eine menschliche Sprache und eine tig! Was soll dieser ganze Rummel über- mitzunehmen. Ich kann nicht wissen, ob Sprache ist immer durch Abstraktionen haupt? Weihnachten ist doch das Fest es wirklich ein Stück Butter war, das sie und Allegorien gekennzeichnet, die jeder in ihrer Bescheidenheit auswählte, aber durchaus subjektiv interpretiert. Ob nun der Liebe und der Besinnlichkeit...“ der mathematische Begriff der Ellipse Ja, genau! Das ist es, worauf es beim ich glaube es. Weihnachtsfest ankommt. Dafür kann Nun mag diese platte Differenzierung mit einem „Eirund“ identisch ist, liegt im man doch locker auf den ganzen Ramsch von Glauben und Wissen nicht dem Ermessen des Betrachters. und Kommerz verzichten. Und eigent- Mysterium der „Fleischwerdung Gottes Es liegt also an uns allen, sich in diesen Talich auch auf die Geschichte, angefangen in Jesu Christi“ gerecht werden. Wenn gen wieder einmal klar zu machen, dass beim Weihnachtsmann. Der ist doch zum einen der Zweifel am Wahrheitsge- es Dinge gibt, die sich der Vorstellung eh‘ nur ein PR-Produkt von CocaCola. halt der Wissenschaft zunimmt und zum eines rationalen Wissenschaftsbegriffs Letztendlich auch die Sache mit dem anderen der Lebensbezug mythischer entziehen und zugleich weit mehr als Christkind. Das ist eigentlich nur ein My- Stoffe zu elitär-allegorischen Schatten ein „mythisches Hirngespinst“ sind. Und thos, der durch die Kirche immer weiter verkommt, ist die Sinnkrise perfekt. um diese Dinge lebendig zu halten ist die tradiert worden ist. Ob nun die Maria Wird der partielle Waffenstillstand von Ruhe und Besinnlichkeit der Weihnachtseine Jungfrau war oder ob zeit ein Gut, das es zu wahren Ochs und Esel im Stall gegilt. Vielleicht sind Schneechastanden haben, das ist doch os und Stromausfall zu den für das Fest an sich nicht einzigen ultimativen Mitteln von Belang. Moment! Die geworden, die freundschaftWeihnachtsgeschichte – liche oder familiäre Gemeinein Mythos? Nichts weiter schaft zu provozieren. als ein Konstrukt – ohne Wenn man dann den väterliAnspruch auf Echtheit? chen Erzählungen lauscht, ist Wieso Echtheit? Was unes nebensächlich, ob damals im terscheidet die phantasWinter ’78/’79 der NVA-Matische Welt von „Narnia“, jor wirklich in überheblicher die sich hinter einem alten Feldherrnmanier in dem Dorf englischen Wandschrank Alt Käbelich (zwischen Neuauftut, von den aramäibrandenburg und Woldegk) schen Dialogen im Melankam, um nur wenig später Gibson-Film „Die Passion ebenso in den Schneemassen Christi“? Es ist der Glauzu scheitern, wie es die zuvor be! Der Glaube an eine taten, die seinem Genius aus Wissenschaft: die der Gedem Weg zu gehen hatten. schichte. Dass ein sowjetischer Panzer Wir haben uns ein Rezep- Das Jesuskind auf dem blanken Erboden – nur eine Fiktion der Brigitta noch bis zum Frühjahr in eitionsverhalten angewöhnt, von Schweden? nem heute so unscheinbaren das zwischen Termini wie festgesessen Hugo van der Goes: „Portinari-Altar“, Mitteltafel (um 1476), Uffizien, Florenz Straßengraben „Fantasy“ oder „Historihaben soll, ist letztendlich nur endrama“ differenziert. Auch wenn man 1914, wie er im Film „Merry Christmas“ Beiwerk, wenn man erfährt, dass sich sich bewusst ist, dass ein Kinofilm im- thematisiert wird, bald von einigen Krei- unter diesen Umständen meine Eltern mer einen Großteil an Fiktion, also an sen als „europäisches Gedankenspiel“ kennen lernten. menschlicher Phantasie enthält, wird angesehen und wird es bald Leute geben, So wird man vielleicht einer zukünftidennoch das, was „historische“ Quel- deren Oma ihnen felsenfest versichert, gen Filialgeneration von dem lauten und len aufzeigen, mit anderen Augen gese- dass sie im Jahre 1932 „King Kong“ hat bunten Rummel sowie dem Duft von hen. Es ist der Glaube an eine objektive wirklich am Empire State Building hoch- Schmalzkuchen und gebrannten ManWahrheit, die sich auf eine der Vernunft klettern sehen? deln erzählen können, den es „damals“ entspringende Wissenschaft stützt. Wer dies nun als Gedankenspielerei der auf dem Weihnachtsmarkt gab. Und der Man mag den Interpretationsgehalt anti- Geisteswissenschaft abtut, die er von Aussage, dass Gott in Jesus Christus ker oder mittelalterlicher Überlieferun- der Naturwissenschaft zu unterscheiden Mensch geworden ist, tut auch der Gegen noch akzeptieren, doch dem, „was weiß, dem sei beispielsweise bewusst ge- danke nicht Abbruch, dass die Geburt die Leute noch selbst erlebt haben“, macht, dass sich deren Ergebnisse zwar in Bethlehem nur zur Erfüllung alttesglaubt man. Ich glaube meiner Oma, dass in der universellen Sprache der Zahlen tamentlicher Prophetie gedacht ist und sie 1945, als sie auf einem überfüllten dä- fassen lassen, aber der Mensch sich noch dass die „drei Weisen aus dem Morgennischen Transportschiff aus Hinterpom- vom Computer unterscheidet, indem er land“ ihre Geschenke zunächst einem mern floh, nach der tagelangen Reise im nicht in Zahlen spricht. Um die vermeint- gewissen Brian überbrachten.



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