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moritz Januar 2008

No. 68

das greifswalder studentenmagazin

Zeit des Lächelns

Kandidatencheck zur Bürgermeisterwahl

Arndt-Debatte | UB-Bücherklau | Böses Focus-Ranking


EDITORIAL

IMPRESSUM Redaktion & Geschäftsführung Wollweberstraße 4, 17489 Greifswald Telefon: 03834/861759 Telefax: 03834/861756 E-Mail: moritz@uni-greifswald.de Internet: moritz-magazin.de Postanschrift::

moritz - Studentische Medien c/o AStA Greifswald Domstraße 12 17487 Greifswald

Geschäftsführung Christin Kieppler, Carsten Mielsch Anzeigen: Carsten Mielsch, Christin Kieppler Chefredaktion Björn Buß (V.i.S.d.P.), Maria Trixa Hochschulpolitik: Feuilleton: Universum: Kurznachrichten:

n.n. Sarah Bechimer Cornelia Bengsch n.n.

Redakteure: Saskia Arnold (sar), Cornelia Bengsch (cb), Björn Buß (bb), Sarah Bechimer (sb), Isabel Bock (ib), Maximilian Fleischmann (mpf) , Christine Fratzke (cf), Katja Graf (kg), Arvid Hansmann (aha), Anke Harnisch (keh), Alina Herbing (lah), Franziska Korn (fk), Stephan Kosa (kos), Uli Kötter (uli), Ina Kubbe (ik), Johannes Kühl(jk), Judith Küther (juk), Martha Kuhnhenn (mk), Grit Preibisch (grip), Robert Tremmel (bert), Maria Trixa (mt), Maria-Silva Villbrandt (msv), Sara Vogel (sv), Benjamin Vorhölter (bv) Freie Mitarbeit: Ester Müller-Reichenwaller, Arik Platzek

Puh. Endlich geschafft! Die Vorlesungszeit mit allen möglichen Ablenkungen von schwafelnden Dozenten über nervige Kommilitonen bis hin zum üblichen Stress in Liebesdingen ist vorbei. Kleine Prüfungen stehen an. Euch sei gesagt: Dies werden nicht die letzten sein. Doch mit Prüfungen wollen wir niemanden nerven. Lieber einen Hinweis auf die Stunde der Erleichterung nach dem Abfragen von Wissen geben. Vielleicht ermöglicht das obligatorische alkoholische Kaltgetränk auch einen Blick in die neueste Ausgabe des moritz-magazins. Mühe gaben wir uns sehr. Der Uni-Namensvetter ist wieder Thema. Auch mit den Kandidaten für der im April stattfindenden Oberbürgermeisterwahl sprachen wir. Dem AStA-Büro musste zwecks anstehender Neubesetzungen ebenfalls ein Besuch abgestattet werden. Dies nimmt viel Platz in Anspruch. Ob unsere Wahl berechtigt war, teilt uns doch bitte mit: moritz@uni-greifswald.de Der übliche Kulturteil darf natürlich nicht fehlen. Neben einem Ausflug auf die Baustelle am Bahnhof, zeigen wir ein Problem in der Fachbibliothek am Schießwall: Irgendwelche Deppen wollen lieber zu Hause lernen und nehmen die Bücher unrechtsmäßig mit. Vielleicht sind diese Missetäter auch nur schwer vom Begriff und können Signaturen nicht lesen?

Gestaltung: Björn Buß, Maria Trixa Titelbild: Robert Tremmel

Zuletzt: moritz braucht Euch. Mitstreiter gehen, doch muss sich die Redaktion wieder erneuern. Von oben, nach unten, nach oben.

Tapir: Kai-Uwe Makowski Herausgeber: Studierendenschaft der Universität Greifswald (vertreten durch das Studierendenparlament, Domstraße 12, 17487 Greifswald) Druck: Druckkaus Panzig, 17489 Greifswald moritz erscheint während des Semesters monatlich in einer Auflage von derzeit 3.000 Exemplaren. Die Redaktion trifft sich während des Semesters donnerstags um 18 Uhr in der Wollweberstraße 4. Redaktionsschluss der nächsten Ausgabe ist der 26. März 2008. Die nächste Ausgabe erscheint am 9. April 2008. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Die Redaktion behält sich vor, eingereichte Texte und Leserbriefe redaktionell zu bearbeiten. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Die in Artikeln und Werbeanzeigen geäußerten Meinungen stimmen nicht in jedem Fall mit der Meinung des Herausgebers überein. Alle Angaben sind ohne Gewähr!

Arndt des Monats Über diese tiefen und verborgenen Dinge ließe sich wohl ein Tiefsinniges sagen und spielen. Es dürfte vielleicht nicht zu kühn sein, anzudeuten, daß eine Zeit kommen könnte, eine Stufe der Bildung und Entwicklung, wo die romanisierten Sprachen und andere ihnen ähnliche in Verzweiflung geraten müßten, für diese Zeit und für ihre Erscheinungen und Bilder die neuen Zeichen zu finden. [...] Wenn eine solche Zeit käme, könnte sich wohl begeben, daß die Germanen, welche ihr Uraltes rein erhalten und bewahrt haben, die Deutschen, Holländer, Schweden, Dänen, Norweger, im geistigen Reigentanz notwendig, die Vortänzer werden müßten. zitiert nach: E.M. Arndt: „Geist der Zeit“, 4. Teil, Leipzig o.Jg., 7. Kapitel, S. 197 Es gibt in jeder Ausgabe des moritz den „Arndt des Monats“, in dem das jeweils angeführte Zitat Ernst Moritz Arndts einen kurzen, aber erschreckenden Einblick in die Gedankenwelt dieses Mannes geben soll.

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INHALT

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Agendasetting? Neues Arndt-Buch

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Lehrer: In Greifswald ausgestorben?

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AStA-La-Vista-Jahrgang 2008

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OB-Stichwahltermin: 27. April

Hochschulpolitik Neue Erkenntnisse zu Ernst Moritz Arndt? Nein! Jede Uni trägt den Namen, den sie verdient – Ein Kommentar Sicher ist die Unsicherheit: Das Lehramtsstudium in Greifswald Der AStA ist schön. Der AStA ist toll. Der AStA ist wichtig. Wirklich? Der Martin, CDU-nah, steht uns Rede und Antwort Montagspostille bewertet Greifswald schlecht. Eine Evaluation der Evaluation

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Universum Die nächsten sieben Jahre regiert ... : Die Oberbürgermeisterwahl im April Es spricht: Olaf Tammert (parteilos) Der Buchhändler Dr. Ulrich Rose (Die Grünen) Dr. Arthur König (CDU): Amtsbonus? War bei Küssner in der Lehre: Rainer Mutke (SPD) Hat die zweitstärkste Fraktion hinter sich: Birgit Socher (Die Linke) Raus aus dem Alltag: Role-Play in Vorpommern StuThe ist nicht das weibliche Pferd. Proberaumprobleme des Theaters Was kostet ein Brief und wieviel verdient der Postbote? Ranking bringt Unibibliothek auf den fünften Platz. Gerechtfertigt? Bald müssen alle Autos durch einen Tunnel: Praktisch für die Verkehrsströme? Geisteswissenschaftler Prof. Bernd Kugelmann im Gespräch zum Mathejahr 08 Keine Privatsphäre mehr: Daten werden jetzt gespeichert

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INHALT

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Welche Farbe hat die Post?

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Greifswalds größtes Bauprojekt

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Delbo – Indierock aus Deutschland

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Paul und Paula in der Hansestadt

Feuilleton CD: Kino: DVD: Buch:

Theater:

RotoR, OneRepublic, Radiohead Superpunk, Helge Schneider, Delbo Klang des Herzens, Keinohrhasen I Am Legend, Elisabeth – Das goldene Königreich Golden Door, Sasori Volumne 1 - 4 Die Reise der Verdammten, A Throw of Dice – Schicksalswürfel Yrsa Sigurdardottir, Stephen und Lucy Hawking Thomas Koeber und Jürgen Felix Victory Malsy und Lars Möller, Bernhard Groß Die Legende vom Glück ohne Ende Der Sturz des Antichrist

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Schluss m. trifft... Jens Finger Der Rätselspaß für langweilige Vorlesungen: Kakuro Ohne Abi geht nichts: Der neue Tapir

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Was in keine andere Rubrik passt Editorial, Impressum Kurznachrichten, AStA

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inhalt

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AStA

Allgemeiner Studierendenausschuss Domstraße 12 Telefon: 03834/861750 oder 561751 Fax: 03834/861752 E-Mail: asta@uni-greifswald.de Internet: asta-greifswald.de Vorsitzender: Thomas Schattschneider vorsitz@asta-greifswald.de Co-Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Lisa Steckel presse@asta-greifswald.de Co-Referent für Internet und Technik: Eric Bernstein internet@asta-greifswald.de Referent für Hochschulpolitik: Konstantin Keune hopo@asta-greifswald.de Co-Referent für hochschulpolitische Bildung Alexander Köcher bildung@asta-greifswald.de Referent für Fachschaften und Gremien: Dirk Stockfisch fachschaften@asta-greifswald.de Referent für Finanzen: Martin Rebling finanzen@asta-greifswald.de Co-Referentin für Finanzen und Nachhaltigkeit: Michaela Bade beschaffung@asta-greifswald.de Referent für Soziales und Wohnen: Zoran Vasic soziales@asta-greifswald.de Co-Referentin für BAföG und Studienfinanzierung: Anissa Pauli bafoeg@asta-greifswald.de Referentin für Studium und Lehre: Kristina Kühn studium@asta-greifswald.de Co-Referentin für Studierendenaustausch und Internationalisierung: Monika Peiz austausch@asta-greifswald.de Co-Referent für Evaluation & Hochschulentwicklung: Christian Müller evaluation@asta-greifswald.de Referent für Kultur, Sport und Erstsemesterwoche: Christian Bäz erstsemester@asta-greifswald.de Autonomer Referent für Queer- und Genderangelegenheiten: David Puchert queer@asta-greifswald.de Autonome Referentin für Studierende mit Behinderungen und chronischen Krankheiten: Catharina Frehoff behinderte@asta-greifswald.de Autonome Referentin für Ausländerfragen: Sabryna Junker auslaenderreferat@asta-greifswald.de

StuPa

Studierendenparlament der ErnstMoritz-Arndt Universität Greifswald Präsident: Frederic Beeskow Stellvertreter: Philipp Kohlbecher, Florin Jonischkies E-Mail: stupa@uni-greifswald.de Internet: stupa.uni-greifswald.de

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KURZNACHRICHTEN Wohnheim ohne Internet

Berndt kommt noch später

Schon seit mehreren Jahren haben Studenten des Wohnheimes in der Geschwister-Scholl-Straße mit 183 Plätzen Probleme mit ihrer Internetverbindung. So ist es meistens nicht einmal möglich auf die Startseite der Uni-Homepage zu gelangen außer morgens um vier Uhr. Besonders ärgerlich ist das Problem vor allem dadurch, dass immer mehr Material für das Studium in das Internet gestellt wird. Zudem zahlen die Bewohner, mehrheitlich ERASMUS-Studenten, mit ihrer Miete für diesen Service. Jetzt haben zwei der Studenten eine Unterschriftensammlung gestartet, da das Studentenwerk nach mehreren erfolglosen Versuchen seitens einzelner Personen nicht auf das Problem reagierte. Dem Studentenwerk sei, zumindest im Januar, zu diesem Problem noch nichts bekannt, so Sachbearbeiterin Edda Nehls. Da es sich um ein technisches Defizit handelt, ist das Rechenzentrum zuständig, dass schon mehrfach informiert wurde, das Problem aber noch nicht gelöst hat. Die beiden Studenten wollen jetzt mit ihren 141 Unterschriften Druck ausüben für eine schnelle Lösung.

Die fehlende Figur am Universitätsdenkmal vor dem Hauptgebäude am Rubenowplatz wird nach Angabe der Kustodin Dr. Birgit Dahlenburg spätestens Ende Juni 2008 aus der Restaurationswerkstatt zurückkehren. Grund seien die im letzten Jahr am so genannten Rubenowdenkmal aufgetretenen Eintrübungen auf der in Stand gesetzten Zinklegierung. Weitere Untersuchung für verbesserten Schutz vor Sonnenlicht sollen an der fehlenden Figur des einstigen Medizinprofessors August Friedrich Berndt erprobt werden. Die ursprüngliche Rückkehr war für den Januar 2007 geplant. Im letzten Jahr wurde dieser Termin auf das Frühjahr 2008 verschoben.

Preis für beste Abschlussarbeit Die Greifswalder Landschaftsökologin Stefanie Deickert hat den Kurt-vonFritz-Preis der besten Nachwuchswissenschaftler gewonnen. Der landesweite Preis wird jährlich von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung für die besten Abschlussarbeiten ausgelobt. Deickerts Arbeit ist eine Konzeption für einen Themenpfad in einem Rügener Wald-Naturschutzgebiet. Die dreiköpfige Jury setzt sich aus je einem Greifswalder, Rostocker und Wismaraner Hochschullehrer zusammen. Je ein dritter Platz gingen an den Greifswalder Politologen Manuel Dethloff (Entwicklung der Hochschulpolitik von M-V) und die Psychologin Anna Träder (Posttraumata deutscher Weltkriegskinder). Kurt von Fritz war im Dezember 1934 Griechischprofessor der Uni Rostock, als er den von Hochschullehrern verlangten Diensteid auf Adolf Hitler verweigerte.

Neue Phil.-Fak.-Struktur gilt Seit dem 1. Januar gilt das veränderte Strukturkonzept für die Philosophische Fakultät. Demnach hören Institute wie zum Beispiel die Anglistik, Politik und Musikwissenschaft auf, eigenständig zu existieren. Stattdessen wurden drei Departments gebildet: Erstens die Philologien mit den beiden Instituten für Germanistik/Deutsch als Fremdsprache und den restlichen Philologien; zweitens Geschichte und Kultur mit den Instituten Kirchenmusik/Musikwissenschaft, Caspar-David-Friedrich, Philosophie und Geschichte; sowie drittens die Sozial- und Verhaltenswissenschaften mit den Instituten Politikwissenschaft/Kommunikationswissenschaft, dem neu begründeten Institut für Bildungswissenschaft und der Psychologie/Erziehungswissenschaft. Zu den ersten Auswirkungen des Fakultätsumbaus gehören gemeinsame Sitzungen des Lehrpersonals, die laut Dekanat bereits stattfinden. Mittelfristig sollen auch Fachbibliotheken zusammengelegt und gemeinsame Gebäude bezogen werden. Zuvor muss allerdings noch eine Einigung zwischen der Psychologie und der Erziehungswissenschaft zustande kommen. Beide hatten noch vor Weihnachten festgestellt, dass die Zusammenlegung ihrer Institute nicht funktionieren wird. Eine Entscheidung dazu soll im Mai getroffen werden.

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KURZNACHRICHTEN Rektor gegen Gebührenverbot

Professorin kommt, Professor geht

Semesterbeitrag

Der Rektor der Universität Greifswald, Professor Rainer Westermann, gab am 11. Januar in einem Ostseezeitungs-Interview zu Protokoll, dass er das Verbot von Studiengebühren in MecklenburgVorpommern für einen Nachteil im bundesweiten Wettbewerb der Hochschulen hält. Westermann verwies auf die Möglichkeit der zusätzlichen Mittel für besser ausgestattete Lehrstätten. Das Landeshochschulgesetz von Mecklenburg-Vorpommern und der Koalitionsvertrag der Schweriner Regierungsparteien schließen Studiengebühren derzeit aus. Sowohl der Greifswalder AStA als auch die studentischen Vertretungen der anderen Landeshochschulen lehnen Gebühren strikt ab. Der Greifswalder AStA und das Studierendenparlament machen sich darüber hinaus in einem Eckwertepapier zur Novellierung des Landeshochschulgesetzes dafür stark, Sprach- und Sportkurse künftig kostenlos für Studierende zu gestalten.

Die W3-Professur Neuere Deutsche Literatur und Literaturtheorie in der Germanistik wurde mit Hania Siebenpfeiffer besetzt. Prof. Reinhard Wolf aus der Politikwissenschaft geht zum Sommersemester an die Uni Frankfurt am Main, nach Verhandlungen mit beiden Unis.

Die Rückmeldung für das Sommersemster ist ab 21. Januar wieder fällig. Der Semesterbeitrag von 50,50 Euro kann dann bis zum 15. Februar überwiesen werden. Der Überweisungsträger wurde jedem Student mit seinem Studentenausweis zu Beginn des Semesters zugesandt. Zahlungen, die nach dem 15. Februar eingehen gelten als verspätet und kosten zusätzlich 10 Euro. Diese gebührenpflichtige Nachfrist gilt bis zum 26. März.

Sommersemester 2008 Die Vorlesungszeit im Sommersemester läuft vom 7. April bis zum 19. Juli. Die Erstiwoche wird dieses Jahr nicht wieder in der Vorlesungszeit stattfinden, sondern in der Woche vom 31. Mai bis zum 6. April. und somit wie im Wintersemester eine Woche vorher. Momentan wird im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) noch über die Länge der traditionellen Begrüßungswoche diskutiert. Da die Zahl der neuen Studenten im Sommer deutlich geringer als im Herbst ist, wird überlegt, die Erstiwoche auf drei Tage zu verkürzen. In der Zeit vom 13. bis zum 17. Mai soll außerdem eine Projektwoche an der Universität stattfinden.

System-Test an Phil.-Fak. Mit dem Beginn des Sommersemesters startet das Universitätsrechenzentrum ein Pilotprojekt, das weite Teile der Studien- und Prüfungsplanung im OnlineVerfahren möglich machen soll. Das softwarebasierte Produkt „Hochschulinformationssystem – LSS“ soll, nach Angaben von Jürgen Formella, Leiter des Greifswalder Universitätsrechenzentrums, zunächst den Bachelor-Studierenden der Musikwissenschaft- und Kirchenmusik und den angehenden Historikern zur Verfügung stehen. Das System erlaubt, online das kommentierte Vorlesungsverzeichnis zu nutzen, Stundenpläne zusammenzustellen und sich zu Prüfungen anzumelden, jeweils konform zu den jeweiligen Studienund Prüfungsordnungen. Stufenweise sollen nach erfolgreichem Verlauf auch die Masterstudiengänge und sämtliche Studienfächer der Philosophischen Fakultät im Wintersemester am HIS beteiligt werden und bis zum Wintersemester 2009/10 die ganze Universität. Die Einführung der Software ist Teil der Zielvereinbarungen 2006 zwischen Greifswald und Schweriner Bildungsministerium. Auch die anderen Landeshochschulen sehen eine Implementierung des HISLSS vor. Die Lizenz- und Supportgebühren an den Software-Hersteller betragen derzeit 2.400 Euro im Jahr und sind abhängig von der Zahl der Studierenden.

Kostenlose Rechtsberatung Zunächst zwei Mal im Monat jeweils von 11 bis 13 Uhr findet eine kostenlose rechtliche Erstberatung im Büro des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) in der Domstraße 12 statt. Zwei Juristen aus der Greifswalder Kanzlei Barenhoff und Dr. Gerhards beraten abwechselnd zu verschiedenen Themenschwerpunkten wie Familienrecht, Mietrecht, BaföG usw. Ausgenommen sind Klagen gegen die Universität, beispielsweise die Prüfungsordnungen betreffend. Hier gibt weiterhin der AStA gesondert Auskünfte und verweist zum Amtsgericht. Der AStA selbst darf keine Rechtsberatungen durchführen. Wer Beratungsbedarf hat, meldet sich bei Zoran Vasic, Referent für Soziales und Wohnen. Schickt eine Mail an soziales@asta-greifswald.de mit Namen, Rechtsgebiet und einer kurzen Schilderung des Sachverhaltes. Alle Angaben werden vertraulich behandelt.Je nach Andrang kann die Rechtsberatung auch ohne Vereinbarung wahrgenommen werden. Die nächsten Termine sind am 23. und 30. Januar, sowie am 6.2., 13.2. und der vorläufig letzte Termin ist der 20.2. Nach Abschluss dieser Testphase wird das weitere Vorgehen verhandelt. ANZEIGE

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UNI-NAME hochschulpolitik

Auf ewig Arndt

Mit großem Trara stellte Germanist Walter Erhart sein jüngstes Arndt-Buch vor – und hat dennoch nichts Neues zu sagen Ernst Moritz Arndt? Wer ist das eigentlich? Dass das eigentlich kaum ein Student weiß, geschweige denn diesem Mann irgendeine Bedeutung zuweist, das förderte eine Umfrage schon vor neun Jahren zutage. Daran hat sich offenbar nicht viel geändert; lediglich ein kleiner, eingeschworener Zirkel beschäftigt sich heute noch mit ihm. Arndt wurde 1769 auf Rügen geboren, studierte in Greifswald und hielt hier später Vorlesungen. 1806 verließ er Greifswald gen Westen – eine Angewohnheit, die sich unter einigen seiner professoralen Nachfolger erhalten hat. Arndt wusste mit seiner Zeit nicht viel anzufangen, Französische Revolution und Aufklärung verwirrten ihn, er begann zu pöbeln und zu poltern, gegen Juden, Franzosen, die Obrigkeit. Arndt war Antisemit und Antijudaist, das ließ er in seine Idee eines deutschen Nationalismus mit einfließen. Schließlich meinte er noch, die Irrungen seiner Zeit in einer apokalyptischen Geschichtskonstruktion aufzulösen. Das sind alles Allgemeinplätze einer ernst zu nehmenden, geisteswissenschaftlich-historischen Wissenschaft, und genau deswegen ist Arndt das, was er heute ist: beinahe bedeutungslos. Beinahe deshalb, weil man an ihm den Beginn des höchst schwierigen deutschen Nationalismus betrachten kann. Aber diese Bedeutungslosigkeit konnte man in Greifswald noch nie gut verkraften: Denn schließlich ist die Uni nach Arndt benannt. Und wenn der bedeutungslos ist, dann ist es am Ende auch die Uni? Nazis und Kommunisten Wie dem auch sei, interessant ist, dass es ausgerechnet 1933 den Nazis nahe stehende Kreise waren, die der Uni nahe legten, sich nach Arndt zu benennen. Die Namensurkunde unterschrieb Hermann Göring höchstpersönlich, damals preußischer Ministerpräsident. Der Name überlebte das Kriegsende recht unbeschadet, jedenfalls wurde er 1954 wieder offiziell eingesetzt, diesmal mit sozialistischer Begründung. Und sei es nicht schon genug, dass der Name zwei Diktaturen überlebt hat, so wurde er 1990, mit Beginn der demokratischen Bundesrepublik, auch nicht abgeschafft.

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Sollte fix gestürzt werden: Arndt

Erst acht Jahre später ging die Diskussion los, da war ein kritischer Artikel in der ZEIT erschienen, der die berechtigte Frage aufwarf, wie eine Uni in einer demokratischen Gesellschaft einen solchen Namen haben könne. Denn dieser Name hat ja eine Bedeutung und sagt etwas über das Selbstverständnis dieser Uni aus. Doch die Diskussion erstarb schnell, erst 2001 konnte man sich durchringen, ein wissenschaftliches Kolloquium zu Arndt zu organisieren. Was dort passierte, kann man im Nachhinein nur noch als Tragödie bezeichnen, wenn es nicht alles so peinlich wäre. Die wenigen Arndt-Skeptiker sahen sich einer Armada aus Arndt-Befürwortern und Arndt-Zerredern gegenüber, die vor Gepöbel und Gepolter bis hin zur anonymen Diffamierung und Morddrohung nicht zurückschreckten. Nischenblätter wie die Pommersche Zeitung oder das Ostpreußenplatt meldeten sich zu Wort, sogar ein Artikel in der Jungen Freiheit, augenscheinlich Sprachrohr der Neuen Rechten, erschien. Ein Streit über Rechts, die Mitte und Links, über Ossis und Wessis entbrannte. Und niemand erkannte, dass hier ein ganz anderes Problem besteht, nämlich dass dieser symbolhafte Name die Demokratiefähigkeit der Uni an sich in Frage stellt und mehr ein politisches Bewusstseinsproblem denn alles andere ist. Jetzt, sechs Jahre nach dieser Farce und an-

derthalb Jahre nach dem Unijubiläum 2006, erscheint also ein neuer Arndt-Sammelband, verfasst vom ehemaligen Greifswalder Germanistik-Professor Walter Erhart. Die Gäste der Buchvorstellung im Antiquariat Rose am 12. Dezember: Ein illustrer Kreis aus älteren Herrschaften, meist gut gekleidet, auch einige bekannte Gesichter aus der Germanistik oder dem Historischen Institut, einige Studenten, auffallend gut gekleidet, vielleicht Burschenschaftler. Vor ihnen am Pult Professor Walter Erhart, ein eher kleiner Mann, glatzköpfig, mit Brille. Er redet im Plauderton, blättert ab und zu in dem grünen Buch, das vor ihm liegt. Erhart erzählt eine Geschichte, wie er ins stockkonservative Kansas in den USA gekommen sei und dort eine Insel der Liberalität entdeckt habe, die Universität von Lawrence, Kansas. Dort habe man großes Interesse am deutschen Nationalismus und vor allem an Arndt gehabt, und man habe es überhaupt nicht nachvollziehen können, warum über den in Deutschland gestritten wird oder er dort gänzlich unbekannt ist. Nun waren aber, das ist der eigentliche Grund für Erharts Besuch in Lawrence, Briefe von Arndt aufgetaucht, und zwar genau 21 Briefe an seinen in die USA ausgewanderten Sohn. Damit war Erharts wissenschaftliche Neugier geweckt, er trommelte ein paar Germanisten und Historiker zusammen, trieb das nötige Geld für eine Tagung auf und hielt selbige in den USA ab. Das Ergebnis ist der vorliegende Sammelband. Vater und Sohn Arndts Sohn, Hartmuth Arndt, ein geplagter Bauer aus Pommern, versuchte seinerzeit sein Glück in der Neuen Welt und ließ sich schließlich in Kansas nieder. Erhart reiste heutzutage durch die Gegend; seine Augen leuchten wie die eines Kindes, als er berichtet, wie er mit einem Kollegen den halbverwitterten Grabstein Hartmuth Arndts irgendwo auf einem Acker in Kansas entdeckte. „Eine wissenschaftliche Sensation!“, strahlt Erhart und setzt seine Brille ab. Zum Schluss der Buchvorstellung liest er noch aus den Briefen Arndts vor. Arndt redete seinen Sohn mit „Lieber Muth!“ an

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und verabschiedete sich mit „Dein ältester Freund“, er hielt ihn zum Bibellesen an und exerzierte ihm Schönschrift vor. Erhart schmunzelt, zupft an seiner Brille. Ach ja, Arndt habe seinem Sohn mal das Geld streichen wollen, das er ihm monatlich zusandte, als der nicht so wollte wie er. „Du bringst mich noch ins Grab!“, schrieb Arndt. Er habe eben mit seinem „ungebildeten Sohn“ kommuniziert, meint Erhart verschmitzt. Das Publikum lacht und grinst in sich hinein. Die Fragerunde beginnt. Uli Rose will wissen, wie die Leseerfahrungen der Arndt-Arbeitsgruppe in Lawrence waren. „Da kam viel Unterschiedliches raus“, meint Erhart, „Arndt hat ja ein so breites Oeuvre.“ Andererseits sei es nicht so hitzig gewesen wie hier und es wäre ja auch sehr schwierig, Arndt als ein einheitliches Bild zu begreifen – die vielen Rollen Arndts. Eine Frau meldet sich. Sie erzählt, sie habe ihr ganzes Leben mit Arndt verbracht – doch wer das nun war, das habe sie nie begriffen. Bis sie neulich eine Biographie gelesen habe. „Tut Arndt in seine Zeit!“, fordert sie in die Runde. Eine zweite Frau meldet sich, redet sich in Rage. Wie man denn so schlecht über Arndt reden könne, der habe schließlich die Leibeigenschaft in Pommern abgeschafft. „Also jeder Student, der den zu kritisieren wagt, der soll erstmal die Lebensleistung von ihm vollbringen!“ Schließlich meldet sich noch Uni-Archivar Dirk Alvermann. Der moritz, poltert er, sei

sehr unredlich, wenn er immer diese ArndtZitate veröffentliche. Und dann versucht Alvermann zu begründen, dass so etwas ja keinen wissenschaftlichen Ansprüchen genüge, und verweist dabei irgendwo auf Scientology. „Aber nicht dass dann im moritz steht, ich sei Scientologe!“, sagt er. Bleibt das Buch. Wer es ausleihen will, muss es erst vorbestellen und darf es dann in der Alten UB einsehen. Es kommt aus dem „Giftschrank“, der extra verschlossen ist; ähnlich wird auch mit Hitlers „Mein Kampf“ verfahren. Kopien sind nicht erwünscht, teilte eine freundlich-energische Bibliothekarin moritz mit, man könne hier ja auch nicht jedes andere Buch kopieren. Und telefonieren müsse sie auch noch mal deswegen, geschlagene zehn Minuten wurden es. Und nein nein, mit Arndt habe das absolut gar nichts zu tun. Naivität und Arroganz? Der Sammelband liefert wenig Neues und kommt fast naiv daher. An dem von Erhart und seinem Mitherausgeber Arne Koch beschworenen Gedächtnisschwund scheint nicht nur die deutsche Gesellschaft sondern auch die Wissenschaft zu leiden. Das Urteil ist hart, aber angesichts des undeutlichen Selbstverständnisses der Autoren angemessen. Was wollen die Autoren eigentlich? Das sagen sie nicht genau und das ist in diesem Fall ein unentschuldbares Versäumnis. Außer dass sie die Debatte durch einen herbei

geredeten „Inter-Nationalismus“ entkrampfen wollen, bleibt nicht viel. Man hat den Eindruck, sie wollen die Arndt-Debatte aus Angst gar nicht eröffnen oder sie einfach weiter in die Länge ziehen. Dazu kommt zum Teil haarsträubendes Unwissen über wissenschaftliche Allgemeinplätze aus der Religionssoziologie und -philosophie sowie der Politischen Wissenschaft. Mit Politik wollen die Autoren nichts zu tun haben. Dennoch beschwören sie ihren multi-disziplinären Ansatz, als wären Germanisten und Historiker ausreichend, um dem Phänomen Arndt gerecht zu werden. Und sie wagen viel, räsonieren in ihren Aufsätzen über Nation und Nationalismus, über Zeitgeist, über „Quellen und Motive“ des Handelns Arndts. Und dass es ja endlich mal Zeit wäre, diesen „wahrlich Epoche machenden Autor“ neu zu entdecken. Was von dem Buch bleibt, ist ein fader Nachgeschmack wissenschaftlicher Selbstüberschätzung, gepaart mit vornehmer Zurückhaltung im Urteil. Insofern mag es ganz gut sein, wenn der Arndt-Sammelband wieder in den Katakomben der Alten UB hinter Schloss und Riegel verschwindet. Da scheint er ganz gut aufgehoben. uli

Das Buch Walter Erhart, Arne Koch (Hrsg.), Ernst Moritz Arndt. Deutscher Nationalismus – Europa – Transatlantische Perspektiven, Tübingen, 2007. Preis: 56 Euro

Schlachthof oder Klapsmühle?

Foto: Archiv

Ernst Moritz Arndt bleibt die Gretchenfrage für die Demokratiefähigkeit der Greifswalder Uni – Ein Kommentar

Sage mir, wie du zu Arndt stehst – und ich sage dir, wie du zur Demokratie stehst! Doch die Greifswalder Frage aller Fragen wird kaum noch gestellt, sie unterliegt fast einem Frageverbot. Und wenn man dann doch mal eine Antwort bekommt, gibt es drei Varianten. Erstens gibt es einige wenige aufrechte Demokraten, die Arndt zu Recht schleunigst aus dem Namen der Uni verbannen wollen. Dann gibt es eine große Mehrheit, die mit Arndt überhaupt nichts anzufangen weiß. Und dann gibt es noch eine kleine, aber unheimlich mächtige Gruppe von Arndt-Befürwortern und historischen Zerredern, wozu sicherlich auch Walter Erhart und der Uni-Archivar Dirk Al-

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vermann zählen. Ihre Penetranz ist unerträglich und sie sprengten das Kolloquium 2001 mit ihrer gebetsmühlenhaften Feststellung, Arndt sei ja innerlich so zerrissen und man könne ihn ja gar nicht wissenschaftlich fassen. Dass ihre Unfähigkeit viel weniger mit Arndt als vielmehr mit ihrer miserablen Wissenschaftlichkeit zu tun hat, das kam bis heute wohl keinem in den Sinn. Selbstreflexion zählt nicht zu den wissenschaftlichen Tugenden, die sie für nötig erachten. Dabei ist das historisch-politische Urteil über Arndt eigentlich klar, jedenfalls in der ernst zu nehmenden Wissenschaft. Er war ein geistig umnachteter Mensch, der seine Zeit nicht richtig zu deuten wusste, aber

trotzdem unbedingt etwas zu sagen haben wollte. Daher sein Antijudaismus und Antisemitismus. Die Arndt-Befürworter müssen sich fragen lassen, wieso sie diese Dinge nicht zur Kenntnis genommen haben. Schon 2001 förderte sie Professor Walter Rothholz zutage, einer der wenigen Geisteswissenschaftler der Greifswalder Uni. Doch um die Politikwissenschaft und auch das Politikverständnis ist es hier äußerst schlecht bestellt. Neuerdings meint der Politikprofessor Hubertus Buchstein gar, sich herausnehmen zu können, Studenten aus Vorlesungen zu schmeißen. Dass die im Saal Zurückgebliebenen darüber johlen und lachen, zeigt wiederum, dass Buchstein die

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Studenten hat, die er verdient. Daneben haben er und seine Kollegen sich durch hochschulpolitisch äußerst geschicktes Taktieren und Ausbooten Anderer das Überleben im Kürzungssturm gesichert. Es wird Zeit, dass mal jemand auf den Tisch haut und fragt, ob und wie solche Leute eigentlich gute Wissenschaft vermitteln wollen. Denn Politik und auch Wissenschaft haben viel weniger mit Systemen, Statistiken oder Zahlen zu tun – sondern mit Menschen. Mit Menschen wie du und ich, die ihre Wünsche und Hoffnungen aber auch ihre Unergründlichkeit, Mißtrauen und Abgunst haben. Letztere beiden sind an der Greifswalder Uni bedingt durch zwei Diktaturen völlig außer Kontrolle geraten, das kann man an allen möglichen Stellen beobachten. Und letztere waren eben auch bei Arndt etwas in Unordnung geraten; das ist, so könnte man sagen, der Vergleichspunkt mit dem Jetzt. In gewissem Sinne trägt die Uni ihren Namen schon zu Recht. Dieser Zustand ist aber unhaltbar und wird großen gesellschaftlichen Schaden verursachen, wenn er nicht schleunigst angepackt wird. Da wäre zum Beispiel der Rektor, ein Psychologie-Professor mit großer Selbstüberzeugung und kleinem Körperbau. Nach welchen Zielen er Politik macht, weiß man nicht so recht. Nur einmal outete er sich, und das zur Landtagswahl 2006. Da bekam er es offenbar so mit der Angst vor der NPD zu tun, dass er seine Uni per Rundmail aufforderte, doch bitte wählen zu gehen. Die Begründung liest sich wie das Wahlprogramm der CDU oder ein Fünfjahresplan der SED: Die „erkämpfte“ Demokratie müsse verteidigt werden, hieß es da, es seien „schöne Landschaften“,„prächtig restaurierte Städte“ und „anerkannte Hochschulen“ entstanden.Und man müsse für Toleranz, Freiheit und Weltoffenheit eintreten. Die Frage ist, ob

der politisch-psychologische Manipulator Westermann überhaupt weiß, wovon er da redet. Seinem und seiner Kompagnons Treiben mehr oder weniger stillschweigend zugeguckt haben AStA und StuPa, wo sich seit langem dieselben Gesichter abwechseln. Viel politisches Vertrauen in der Studierendenschaft haben beide Institutionen nicht mehr. Daran sind die studentischen Politiker aber selbst Schuld, auch wenn sie das immer theatralisch ganz weit von sich weisen. Es wurde haufenweise unser Geld verpulvert, das Parlament und der AStA wurden ohne ernsthafte Begründung erweitert. Beide versinken schon seit längerem in einer überbordenen Bürokratie. Der Selbstdarstellung wird gefrönt, Protokolle und Zahlen sind wichtiger als Menschen. Egoismus pur also. Und da ist es nicht weiter verwunderlich, dass dem Wahlleiter der gerade durchgeführten StuPa-Wahl nichts Besseres einfiel, als Ernst Moritz Arndt auf das Cover des Wahl-moritz zu setzen, wohl aus Unkenntnis. Dabei stünde es AStA und StuPa mehr als gut zu Gesicht, sich mal deutlich von Arndt zu distanzieren. Demokratie hat viel mit der eigenen Persönlichkeit, der Fähigkeit zur Selbstreflexion und echtem Verständnis seiner Mitmenschen zu tun, das muss man vielen hier mal hinter die Ohren schreiben. Sie fällt auch nicht vom Himmel, sondern sie muss jeden Tag neu erkämpft werden. Wohin frönender Egoismus und Ellenbogenmentalität sonst führen, kann man ja seit gut einem Jahr im Schweriner Landtag oder im Greifswalder Umland beobachten. So könnte es unversehens passieren, dass sich die NPD-Landtagsfraktion mal bei Westermann zum Fototermin anmeldet, weil sie Arndt ja so gut fänden und er ja offenbar auch. Wie würde unser aller Rektor wohl reagieren? uli

Ist das edle „steinerne Antlitz“ etwa doch besudelt?

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Alles

Über die Zukunft Zurück in die Schule. Das gilt in der Regel für alle Studenten, die sich für einen Lehramtsabschluss entschieden haben. Deutschlandweit erfreut sich die Ausbildung zum Lehrer wachsender Beliebtheit. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im Wintersemester 2006/07 über 208.000 junge Akademiker in einem Lehramtsstudiengang eingeschrieben. Auch in Greifswald ist das Berufsziel des Paukers für viele sehr attraktiv. „Im Moment gibt es an der Uni Greifswald insgesamt 1698 Studierende, die ein Lehramtsstudium absolvieren“, sagt Bernd Ebert mit Blick auf die aktuellen Zahlen. Der Kommissarische Referatsleiter des Studierendensekretariats weist auf die lange Tradition des Lehramtes in Greifswald hin. „Schon in DDR-Zeiten ist diese Ausbildung in Greifswald angeboten worden.“ Doch wie hoch stehen die Chancen, dass auch in Zukunft Lehrer in Greifswald ausgebildet werden können? „Das ist schwer einzuschätzen“, sagt Dr. Monika Hädelt. Die Dezernatsleiterin für studentische und internationale Angelegenheiten wartet auf die ausstehende Entscheidung. „Wann der endgültige Entschluss getroffen wird, steht noch in den Sternen.“ Unkonkrete Planspiele Die Zielvereinbarungen für die Universitätslandschaft Mecklenburg-Vorpommerns sehen ursprünglich eine grundlegende Umstrukturierung vor. Angedacht war das Staatsexamen durch ein Bachelor/Master-Modell zu ersetzen. „Die Idee ist damals gewesen die Bachelor-Ausbildung in Greifswald und die Möglichkeit der Masterabschlüsse in Rostock zu konzentrieren“, erklärt Thomas Schattschneider. Der AStAVorsitzende spricht über Pläne, die seit langem auf eine Umsetzung warten. „Konkret steht noch nichts fest.“ Inzwischen hat das Land die Weiterführung des Staatsexamens beschlossen. Die Zielvereinbarungen scheinen hinfällig. „Sicher ist in jedem Fall, dass das Land dringend gut ausgebildete Lehrer braucht“, sagt Schattschneider. Bisher schätzt er die Lehrerausbildung in Greifswald als recht gut ein. „Zwar verfügen nicht alle Fächer über Fachdidaktiken, aber insgesamt befindet sich das Lehramtsstudium auf einem hohen Niveau.“ Pläne, der Didak-

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BILDUNGSWISSENSCHAFT

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in der Schwebe

der Lehramtsausbildung in Greifswald „Das wäre Kaffeesatzleserei“

forschung gegründet. Ziel des Bereiches Lehrerbildung ist es zum einen, die Lehramtsausbildung über die Fakultäten hinweg besser zu koordinieren und inhaltlich abzustimmen. Zum anderen sollen innovative Konzepte zu einer besseren Verzahnung von Theorie und Praxis entwickelt und in die Ausbildung eingebracht werden. Im Bereich der Bildungsforschung sollen die in diesem Bereich tätigen Wissenschaftler besser zusammengeführt werden. Unter anderem wird angestrebt, Ergebnisse der Bildungsforschung unmittelbar auch in die Ausbildung der Lehramtsstudierenden einfließen sowie über Fortbildungsveranstaltungen auch aktiven Lehrerinnen und Lehrern zu Gute kommen zu lassen. Ähnliche Ziele wird auch das Institut für Bildungswissenschaften in Greifswald verfolgen. Ein Zeichen, das für die Zukunft der Lehramtsausbildung in der Hansestadt spricht? Ja, nein, vielleicht. grip

Kommentar: Viele Fragen, wenig Antworten tik innerhalb des Lehramtsstudienganges mehr Raum einzuräumen existieren, sind jedoch noch nicht spruchreif. Einem möglichen Wegfall der Greifswalder Lehramtsstudiengänge steht Schattschneider kritisch gegenüber. „Im Falle eines Verlustes der Lehramtsausbildung würden schon allein die Institute der Philosophie und Geschichte mehr als die Hälfte ihrer Studierenden verlieren.“

bleiben der 23-Jährigen nicht verborgen. „An den Instituten sind immer weniger Studenten und Dozenten. Vor allem in der Mathematik kommt hinzu, dass die Dozenten sehr alt sind, teilweise sogar aus dem Ruhestand geholt werden.“ Das Studienangebot ist eingeschränkt. „Danach muss ich mich richten. Manche Seminare werden letztmalig angeboten. Die Regelstudienzeit werde ich aber trotzdem einhalten können“, sagt die Studentin im 7. Semester.

Sicher ist die Unsicherheit

Fotos: photocase.com, Archiv

Unikatfächer in Greifswald Der Leiter des Lehrerprüfungsamtes würde indes eine Weiterführung der Lehramtsausbildung sehr begrüßen. „Über die Zukunft kann ich mich leider nicht äußern. Das wäre Kaffeesatzleserei“, sagt Professor Uwe Feiste. „Ich empfinde es schon als traurig genug, dass die meisten Lehramtsstudiengänge an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät auslaufen.“ Während die Zahlen der Lehramtsprüfungen in Greifswald ansteigen, nehmen die Kombinationsmöglichkeiten der Studienfächer im Rahmen eines Lehramtsstudienganges ab. Die Liste der Fächer, die geschlossen werden, ist lang. Informatik, Mathematik, Physik und Latein können beispielsweise bald schon nicht mehr von zukünftigen Lehrern studiert werden. „Die Situation ist angespannt, aber für mich in Ordnung“, sagt Franziska Weber. Die Lehramtsstudentin ist in den auslaufenden Studiengängen Latein und Mathematik eingeschrieben. Folgen der Schließung

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„Ich würde die Zukunft der Lehramtsausbildung in Greifswald als relativ sicher einschätzen“, sagt Professor Matthias Schneider. Der Dekan der Philosophischen Fakultät begreift vor allem die Unikatfächer als Chance der Greifswalder Universität. „Die Pläne des Landes sahen vor, die Lehramtsausbildung in Rostock zu konzentrieren. Aber Kunst und Slawistik werden bisher nur in Greifswald angeboten“, sagt Schneider. Das soll möglichst auch in naher Zukunft so bleiben. „Die Lehrämter gehören in die Fakultät, wenn auch in kleineren Zahlen.“ Um die Lehrerbildung ins Zentrum zu rücken, wird in den kommenden Monaten ein Institut für Bildungswissenschaften geschaffen. „Es ist ein Versuch, die Lehramtsstudienorganisation zu verbessern“, sagt Schneider. In Rostock wurde unlängst ein Zentrum für Lehrerbildung und Bildungs-

Über die Zukunft der Lehramtsausbildung an der Greifswalder Uni wurde in der Vergangenheit oft und ausgiebig diskutiert. Die Würfel schienen endgültig gefallen. Entscheidung: Standortkonzentration an der Uni Rostock. Doch wie ernst sind diese Zielvereinbarungen noch zu nehmen? Die Pläne sahen eine Bachelorausbildung in Greifswald und eine Masterausbildung in Rostock vor. Inzwischen hat das Land eine Weiterführung des Staatsexamens beschlossen. So schön die Gedankenspiele ehemals waren, so hinfällig sind sie durch diesen Beschluss geworden. Wohin geht der Weg? In den nächsten zehn Jahren wird die Hälfte aller Lehrer pensioniert. Lehrender Nachwuchs wird also zukünftig dringend gebraucht. Doch wer entscheidet sich in dieser angespannten Situation für einen Lehramtsstudiengang in Mecklenburg-Vorpommern? Das Hin und Her verursacht Verunsicherung. Auf allen Seiten. Bei Unimitarbeitern, bei Studierenden und bei jungen Abiturienten, die sich für ein Lehramtsstudium interessieren. Nur eine Entscheidung kann das Hickhack beenden. Eine Entscheidung, die so schnell und vor allem so durchdacht wie möglich sein sollte. Keine Schnellschüsse. Keine Halbwahrheiten. Klarheit und Planungssicherheit. Das ist es, was sich alle wünschen: viele Antworten und wenig Fragen. grip

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SELBSTVERWALTUNG

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Schattschneider‘s Seventeen

Jedes Jahr neu verhandelt – Personalkosten, Struktur, Interna Etwas braut sich zusammen am Horizont. Schattschneiders Seventeen rüsten sich zum Abschied. In lässiger Coolness vereint. Harmonie, die sich durch nichts trüben lässt, so soll es sein. Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) – eine große glückliche und zufriedene Familie! Abgesehen davon, dass hier schon die Außendarstellung nicht perfekt läuft, geschweige denn überhaupt genügend von der immerhin 17-köpfigen Studentenvertretung bis zur untersten Ebene durchdringt, ist der Mythos vom perfekten Team natürlich Quatsch. Und eigentlich vollkommen egal, denn interessant ist nicht, wer mit wem, sondern wer macht was oder auch nicht. Euros klingeln in der Referenten-Kasse Spätestens im Mai läuft die Legislatur des momentanen AStA-Jahrgangs ab. Da wird es Zeit, die Arbeit von Vorsitz, Thomas Schattschneider, und seiner Crew einer vorläufigen Schlussbilanz zu unterziehen. Denn: Wir zahlen jedes Semester acht Euro vom Beitrag zur Rückmeldung in den Haushalt der Studierendenschaft ein, über den das Studierendenparlament (StuPa) verfügen kann. Aus diesem Topf werden großzügig Finanzmittel für die Aufwandsentschädigung von Referenten geschöpft. Die sieben Hauptreferenten bekommen derzeit 240 Euro monatlich, die sieben Co-Referenten noch 180 Euro und die drei autonomen 150 Euro. Klar, ab und an wird ein bisschen gespart, wenn bei-

spielsweise einer schlampig arbeitet oder zwischendurch ein studienbedingtes Praktikum absolviert. (Auch die beiden Chefredakteure von moritz bekommen eine monatliche Aufwandsentschädigung von 180 Euro, ebenso wie die Chefredaktionen von MoritzTV und moritzweb. Je 240 Euro gehen außerdem an die Geschäftsführung der moritz-Medien.) Der Kostenfaktor ist sicherlich ein nicht zu unterschätzender Aspekt für einige Studenten, sich länger als nötig im AStA aufzuhalten. Nicht erwiesen ist, dass Referenten, die ein solches Amt hauptsächlich des Geldes wegen angetreten sind, schlechter arbeiten. Doch Beispiele anderer Unis zeigen auch, dass es billiger geht. An der Freien Universität Berlin wurde die Aufwandsentschädigung 1995 abgeschafft, als Grund wird die Unverhältnismäßigkeit zwischen Personalkosten und den Ausgaben für andere studentische Projekte angegeben. Geld gibt es nur noch für die Zeit, die im Büro verbracht wird. Klein vs. groß An der Greifswalder Uni nehmen die Debatten um die Aufwandsentschädigung und die Struktur des AStAs zu Beginn jeder Legislatur einen immensen Raum während der StuPa-Sitzungen ein. Das führt zu Sondersitzungen, Nachtschichten und oft zur Vernachlässigung anderer wichtiger Themen. Änderungen geschehen dabei nur minimal. Kernproblem der endlosen Diskussionen ist die Anzahl der Referate. So schallt

Spiel und Spaß. Was macht das Arbeitsheer für die Studenten?

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es aus den immer gleichen Ecken mit Komprimierungs- oder Erweiterungsvorschlägen. Besonders beliebt und eigentlich auch besonders aussichtslos für eine Mehrheit ist der Gedanke, das Queer-Referat abzuschaffen. Im vergangenen Jahr wurde dieses schließlich zusätzlich mit dem Aufgabenbereich der Gleichstellung legitimiert. Kandidaten mit unklarem Aufgabenbereich und wenig Außenwirkung gibt es aber. Bisher hat beispielsweise ein Referent im Bereich der Evaluation und Hochschulentwicklung nur sehr begrenzte Befugnisse, somit ist fraglich, ob dafür eine ganze Person eingesetzt werden muss. Krasser Bruch Die Zukunft verspricht interessant zu werden. Von den jetzigen Referenten haben sich bisher nur zwei entschlossen, eine weitere Runde im AStA zu drehen. Vielleicht kommen noch drei hinzu. Aufhören werden aber alle, die schon jetzt mehr als ein Jahr das Amt eines Referenten bekleidet haben. Damit nehmen sie einigen engagierten Hochschulpolitikern, die eben diesen Personen Machtgeilheit und Geldgier vorwerfen, die Diskussionsgrundlage. Denn der verlangte, grundlegende Wechsel wird kommen. Von allein. Das bedeutet zum einen den Verlust von Wissen und zum anderen die Chance auf frischen Wind. Nicht zu vergessen ist, dass viele der alten Hasen in ihre Ämter ohne Gegenkandidaten gewählt wurden. Magisterstudenten gibt es inzwischen immer weniger und den Bachelor- und Masterstudenten wird eingeredet, dass sie für Engagement außerhalb des Fachstudiums keine Zeit haben. Es erfordert viel Motivation, um einen großen AStA voll besetzen zu können. Das ist auch bisher nicht immer gegeben gewesen. Schattschneiders Seventeen vereinten jede Menge altes Fallobst, aber auch einige frische Früchtchen. Ob diese zusammen funktionierten und tatsächlich etwas im Sinne der Studenten bewegten, haben wir ausgewertet. Die Zusammenfassung verschiedener Referenten erfolgte nach den Arbeitsbereichen des AStAs: administrativ, hochschulpolitisch, studienorganisatorisch und sozial. Was wird wohl im nächsten Jahr kommen? Schattschneiders Eighteen? mt,bb

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SELBSTVERWALTUNG

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Märchenstunde

Der AStA-Vorsitzende und seine Helfer in Verwaltungstätigkeiten Jede Geschichte hat ihren Anfang. Unsere Evaluation nimmt ihren vor sechs Jahren. Damals kam ein junger Mann von 20 Jahren aus der bundesdeutschen Hauptstadt in die norddeutsche Provinz, mit der edlen Absicht Gymnasiallehrer zu werden. Doch erstens kommt alles anders und zweitens als sich Studienanfänger dass so denken. Schon bald fand sich der junge Mann im Fachschaftsrat Geschichte wieder und von dort aus landete er geradewegs in die unerbittlichen Klauen einer mysteriösen, studienzeitverschleißenden Organisation, offiziell bekannt unter dem Namen AStA. Dessen Vorsitzender heißt nun zum zweiten Mal Thomas Schattschneider, inzwischen im elften Semester Geschichte und zehnten Semester Latein. Der junge Thomas hat sich gut eingelebt und kommt, wie es scheint, überhaupt nicht mehr heraus aus dem hochschulpolitischen Sumpf. Dabei waren die Chefs aus dem StuPa von seiner ersten Bewerbungsvorstellung nicht sehr angetan. Doch die Erfahrung kam ihm zugute, schnell noch ein paar Passagen ausführlicher formuliert und schon durfte er ein zweites Mal Häuptling werden. Die Zeit nutzte er vernünftig. Schrieb gute Noten in Hausarbeiten oder die Pressemitteilungen, der dafür zuständigen Referentin um. Ansonsten übte er das Stirnrunzeln, wenn ihm seine Schäfchen auf der Nase herumtanzten. Ein Fortbildungsseminar in „Wie-haue-ich-mal-kräftig-auf-den-Tisch“ müsste es geben...

Fotos: Titanic-Magazin.de, Maria Trixa

Nicht richtig gearbeitet Dann würden wir wahrscheinlich auch registrieren, wenn im AStA-Büro jemand hustet. Kaum zu glauben, über welche Kleinigkeiten Pressesprecher so alles informieren! Glücklicherweise sind wir vor solchen Lästigkeiten gefeit. Denn wir haben Lisa Steckel. Die Wahlleiterin der StuPa-Wahlen zur momentanen Episode ist Referentin für Presse und Öffentlichkeitsarbeit. Und mit solch herausragenden Fähigkeiten wie dem Schreiben eigener Geschichten, wollte die 22-jährige Lehramtsstudentin die Außenansicht des AStAs ordentlich aufpolieren. Warum hat ihr denn nur niemand gesagt, dass das Schreiben von Geschichten einfach nichts mit dem Verfassen von Pressemitteilungen zu tun hat? Sie würde

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Presse und PR: Lisa Steckel

Der Vorsitzende und sein Finanzer

ferent nicht für ein Interview zur Verfügung. In seinem zweiten Semester entschied sich das StuPa ihm die Finanzen anzuvertrauen. Dort hat er sich mittlerweile prächtig eingelebt, die Sitzungen verbringt er Seite an Seite mit den immer gleichen StuPisten, ob aus Abneigung gegen das Team AStA oder Zuneigung zur RCDS-Gruppe oder beidem. Jedenfalls lassen seine Äußerungen darauf schließen, dass er sich im Haushalt der Studierendenschaft auskennt und seiner Beratertätigkeit nachkommt. Aufgabe soweit erfüllt. Er überahm kurzfristig die Organisation eines Fußballturniers, hierbei wurden Bälle geklaut und zu viele Würstchen gekauft. (siehe Interview Martin Hackober Seite 17) Viel mehr Arbeitskraft stellte er dem AStA für allgemeine Veranstaltungen nicht zur Verfügung. Kraft möchte er als RCDS-Mitglied aber in der nächsten StuPaLegislatur einbringen. Vielleicht setzt der 21-Jährige auch den Trend fort, sich nach einer möglichen Wahl ins StuPa in den AStA zurückwählen zu lassen. Irgendwie undefinierbar

es wissen, wenn sie es, wie in der Ausschreibung festgesetzt, geschafft hätte, an einem Fortbildungsseminar teilzunehmen. Dieses sollte zeitnah nach der Wahl erfolgen und der jeweilige Referent ist aufgefordert sich selbstständig nach geeigneten Workshops umzuschauen. Ob es dann ausgerechnet eine Fortbildung in PowerPoint sein muss, nun, darüber lässt sich streiten. Aber das Projekt scheiterte sowieso schon an der Anmeldung. Nicht nachvollziehbar ist auch die Tatsache, dass in der vorlesungsfreien Zeit lediglich fünf Pressemitteilungen entstanden sind, während die Rechenschaftsberichte anderer Referenten zu diesem Zeitraum drei bis vier Seiten umfassen. Auch insgesamt ist die Anzahl herausgegangener Mitteilungen dürftig: Die Legislatur begann im Mai und bis Redaktionsschluss hat der AStA anscheinend nicht mehr als zwölf berichtenswerte Veranstaltungen durchgeführt. Schlimm wärs. Ob das in einer angestrebten zweiten Folge besser wird? Eine herausragende hochschulpolitische Karriere scheint Matthias Rebling anzustreben. Er stand dem moritz als einziger Re-

Zusätzlich zum Referat Reblings gibt es eines, das sich neben den Finanzen noch einmal speziell um die Nachhaltigkeit kümmern soll. Darunter fallen Tätigkeiten wie die Beschaffung von möglichst ökologischem Büromaterial. Außerdem organisierte Michaela Bade den Studentenflohmarkt. Für die Nachhaltigkeit sollte die 23-jährigen Jurastudentin auch das Umweltbewusstsein stärken. Egal wie umweltfreundlich das Papier des AStAs auch sein mag, von einer Öko-Welle war nichts zu spüren. Schussligkeit, Tätigkeiten im Rechenschaftsbericht, die gar nicht erledigt wurden und sogar die Aufwandsentschädigung gab es einmal nur in gekürzter Form. Eric Bernstein, Internet und Technikreferent, suchte nicht nach der Arbeit, die Arbeit schien mitunter auf ihn zu warten, eine ganze Weile. Dabei hat der 29-jährige Englisch- und Sportstudent ein wirklich angenehmes Referat erwischt. Denn eigentlich sieht hier sowieso keiner durch und der Bereich ist weder richtig interessant, noch schreit er nach neuen großartig angelegten Projekten. Oder wir irren uns alle und der Nächste greift richtig durch. Hier endet unsere kurze Geschichte erster Teil – ohne Happy End. mt,bb

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Auf vielen Hochzeiten getanzt

Die hochschulpolitisch Engagiertesten mit meisten Nebenjobs Alle für mehr Wahlbeteiligung, mehr Wahlmöglichkeiten für alle! Diesem gleichsam heroischen wie fantastischem Ziel verschrieben sich Konstantin Keune, Alexander Köcher und Dirk Stockfisch bei Einberufung. Um das Ende vorweg zu nehmen: Sie haben es nicht geschafft. So viel dazu. Aber das sollte nicht alles sein, was es in der Hochschulpolitik an Problemen zu lösen gab. Konstantin Keune, Referent für Hochschulpolitik, mit gesundem Misstrauen in die Regierungsparteien, erkannte den Kern allen Übels: Geld. Und bevor das, wie in anderen Teilen des Königreiches schon üblich, beim mittlosen Studenten eingeholt wird, bedankte er sich schnell bei möglichen Befürwortern dafür, dass sie es nicht tun. Die unterschriebenen Postkarten sind inzwischen verschickt. Ob Menschen mit Geldproblemen vor Papier zurückschrecken ist zu bezweifeln, doch die Symbolik zählt! Visionen vom allgemeinen politischen Mandat, dass es der Studentenschaft erlaubt, sich auch zum Kohlekraftwerk Lubmin zu äußern, scheiterten. Ebenso ein Hochschulpolitisches Wochenende. Und dann stand da in der Aufgabenbeschreibung noch irgendwas vom Landeshochschulgesetz, zu dem König StuPa im Sommer Beschlüsse fasste. Ausgeführt und bearbeitet wurden zwölf Änderungsanträge von Keune, der somit doch noch seine eigentliche Aufgabe erfüllte.

Fachschaften: Dirk Stockfisch

Hochschulpolitik: Konstantin Keune

So ganz nebenbei

Schwere Altlasten Zugegeben er hatte es schwer. Schon Torsten Heil und Justus Richter vor ihm scheiterten an dem großen Vorgänger Simon Siewecke. Der Legende nach, war es der große Siewecke, der bei Uni und Professoren die studentische Selbstverwaltung wieder zu einer ernstzunehmenden Angelegenheit erklärte. Außerdem, so sagt man, brachte er die Studenten wieder in den Senat, einen studentischen Prorektor ins Gespräch – und sich selbst – und kannte die gesetzlichen Regelungen zur Hochschulpolitik besser als jeder andere. Diese Verdienste sind schwer zu toppen. Vor allem, wenn es noch Menschen im AStA gibt, die seine Legende hautnah miterlebten. Der 27-jährige Keune wird sich demnächst lieber wieder seinem Bachelorstudium in Wirtschaft und Politik widmen.

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Vollkommen unvorbelastet dagegen, Alexander Köcher. Das Referat für hochschulpolitische Bildung und Nachwuchsgewinnung wurde neu eingerichtet. Der 25jährige Politikwissenschaftsstudent nutzte sein durch zahlreiche Aktivitäten gesponnenes Netz aus Bekanntschaften um etwas für das Politikverständnis unter seinesgleichen zu tun. Doch natürlich können auch Helden nicht alles auf einmal. Die Leitung der Front deutscher Äpfel, die Leitung des Arbeitskreises Südostasien in der Politikwissenschaft und der Vorsitz des Fachschaftsrates (FSR) Politikwissenschaft mussten einfach zurückstehen. Oder man initiiert einfach eine Podiumsdiskussion zum G8-Gipfel oder einen Vortrag zu „Frankreich nach der Wahl“ in Kooperation mit dem FSR. Dann gab es zwei Vorträge zu Gremien und Co., beim ersten Mal mit guter Resonanz. Angespornt fanden sich Keune und Köcher bald darauf in der Mensa wieder. Anwerber für ein neues Dreamteam waren gesucht. Doch irgendwie steht das Referat mit der Nachwuchsgewinnung auf verlorenem Posten.

Bildung: Alexander Köcher

Entspannt in seinem Fachschaften und Gremienreferat ließ es Dirk Stockfisch angehen. Wahlabläufe nach ihrer Ordentlichkeit überprüfen, Kontaktdaten zu den Gremien pflegen und zur besseren Vernetzung Grillund Glühweinfeten organisieren. Auch der 27-Jährige ist ähnlich umtriebig wie Köcher. Wichtige Dinge treiben ihn in seinen Eigenschaften als Vorsitzender der Landesstudierendenkonferenz und Mitglied von ver.di in die unterschiedlichsten Gegenden Deutschlands. Nebenbei läuft das Referat und nach sieben nicht so erfolgreichen Semestern BWL-Studium, der neu begonnene Bachelor of Laws. Das StuPa sah sich in seiner letzten Novembersitzung gar zu einer Rüge gezwungen. Stockfisch solle sich bitte an Termine halten und Anfragen aus ihrem Hoheitsbereich zügiger beantworten. Ach ja, bleibt das gemeinsame Streben nach Wahlbekanntmachung und -beteiligung. Hier wurde am Standardprogramm festgehalten: Flyer, zu klein um groß aufzufallen, Plakate und wozu gibt es eigentlich denWahlleiter? Vielleicht lohnt es sich über die alten Institutionen hinaus nach neuen bahnbrechenden Ideen zu schauen. mt, bb

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Alte Karossen – Alte Gewohnheiten Entfaltungsmöglichkeiten im Bereich der Studienorganisation

Willkommen in der Auto-Sammlung. Seit drei Jahren schaffen es hier immer die selben alten Motoren mit hübsch aufgemotzter Karosserie durch den StuPa-TÜV. Keine Frage, auch Oldtimer fahren lange und gut. Nur macht es erhebliche Umstände, sie mit den modernsten Techniken kompatibel zu machen, sodass auf Dauer nichts Überraschendes mehr herauskommt. Dass Campus Europae ein supertolles Tuning-Programm für jede Uni mit Internationalitätsanspruch ist, hat Monika Peiz auch in ihren vorigen zwei Legislaturen schon deutlich gemacht. Die Neuigkeit: Campus Europae ist immer noch toll und die Uni kümmert sich immer noch zu wenig darum. Aber zu böse Worte sollen nicht geprochen werden, das beeinträchtigt die Harmonie. Doch was ist mit anderen Austauschprogrammen, wie ERASMUS/SOKRATES? Entweder die 24-jährige Magisterstudentin in Klassischer Archäologie, Ur- und Frühgeschichte sowie Alte Geschichte, hat diese missachtet oder eine nähere Beachtung ist schlicht nicht notwendig, da das Akademische Auslandsamt hier ausreichend Wartungsarbeiten leistet. Außerdem ist in der Referatsbeschreibung im Rahmen der Internationalisierung von einer Begleitung des Bologna-Prozess die Rede. Aha? Wie viel Macht versprechen sich die StuPisten denn von einem Referat für Studienaustausch und Internationalisierung? Die Uni zeigt sich jedenfalls unbeeindruckt und bietet Lehrveranstaltungen wie gehabt auf Deutsch an.

Fotos: Maria Trixa (4), asta-greifswald.de

Konzert als Teil der Studienorganisation Ebenfalls ein Klassiker unter den Oldtimern, kulturell, sportlich unterwegs und dabei immer bedächtig auf der Suche nach Erstsemestern, ist der 27-jährige Christian Bäz. Man beachte: Zu Beginn der Legislatur war er immer noch im siebten Fachsemester und damit in der Regelstudienzeit. Fachsemester ist eben glücklicherweise nicht gleich Hochschulsemester. Eine gefühlte Antiquität, die erst mal um die 17 000 Euro von Studentenwerk und StuPa für DAS Geifswalder Erfolgsprojekt „Wissen rockt“ einsetzte. Ein Teil des Geldes kam außerdem aus den verkauften Eintrittskarten. Das von dem Konzert die Masse der Studenten eher angeödet scheint, schreckt einen routinier-

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Evaluation: Christian Müller

Kultur, Sport, Ersties: Christian Bäz

entwicklung und Evaluation ist. Doch allein die Feststellung, wer, wann, wo und wie, das AStA-Büro betritt, hat dem StuPa so grandios gefallen, dass sie mehr wollten – über mehrere Monate hinweg. Und lieber ein sehr gutes Projekt in Angriff nehmen als mehrere mittelmäßige. Und es hat zu einer entscheidenden Änderung geführt: Das AStA-Büro hat nicht mehr ab acht Uhr geöffnet, das lohnt sich echt nicht. Ein Hoch auf das Evaluationsreferat! Was würden wir bloß ohne ihn machen. Kann der zukünftige Lehramtsstudent doch auch das methodisch gewonnene Wissen im Studium einbingen. Und wer sich mit den harten Fakten der Realität auseinandersetzt, der steigt auf in die hohen Sphären der Berufspolitiker! Aber im Ernst: Erst mal die Greifswalder Innenstadt fehlerfrei durchkurven und dann langsam Kurs auf die Landes- und Bundesstraße nehmen. Nachwuchssuche angebracht

ten Hochschulpolitiker nicht. Mit weniger Besuchern wird es schließlich erst kuschlig. Stress gibt es in der Erstsemesterwoche genug. Die drei übrigen Tage bleiben für die Organisation von Konzerten (warum auch immer das Aufgabe des AStAs ist) und der Rettung des Hochschulsports. Damit kann ein Referent doch nicht ausgelastet sein! Hoch hinaus und wenig erreicht Ein neuer schnittiger Flitzer zog im Juni in die Oldie-Garage ein. Marke: Bachelorstudent der Geschichte und Politikwissenschaft, inzwischen im dritten Semester, Modell: Christian Müller. Und wie diese Neuen so sind, stürzen sie sich voller Antriebskraft ins Rennen. Auch wenn die Tragweite so undefinierbar wie der Bereich Hochschul-

Kein Semesterstart, der nicht mit problematischen Lehrveranstaltungen, orientierungslosen Studenten oder Unverständnis von Prüfungs- und Studienordnungen beginnt. Kristina Kühn musste sich nie Sorgen um die 20-stündige wöchentliche Betriebszeit des Referats für Studium und Lehre machen. Die Studenten kommen von selbst, die Lösungen müssen erarbeitet werden. Dazu braucht es viele Ansprechpartner innerhalb der Universität. Nach drei Jahren Laufzeit im selben Amt bestehen die Kontakte. Und in Sachen Prüfungs- und Studienordnung ist es gelungen, ein mit allem Zubehör ausgestattetes Navigerät in dieser Oldtimerkarosse zu installieren. Dass die 24-jährige Biomathematikstudentin auch gern Geschwindigkeitsbeschränkungen übersieht, um ihre Meinung zu vertreten, wird in dem Fall nicht mit sofortigem Führerscheinentzug geahndet. Diese Autos dürfen, nein, müssen den Motor aufheulen lassen, damit sie in der UniPunktekartei wahrgenommen werden. Das kostet Kraftstoff, Batterie und Zeit. In den vergangenen Jahren bekam das StuPa die wichtigsten Plätze in dieser Garage mit ihren Oldtimern fix besetzt. Diese werden im Frühjahr allesamt keine weitere Zulassung beantragen. Nun wird es an der Zeit, in neue Modelle zu investieren. mt, bb

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Umsetzung geklappt

Im sozialen Bereich helfen die meisten Referenten Im Dezemberheft berichtete moritz über Rollstuhlfahrer, die (noch) nicht ohne fremde Hilfe in das Audimax gelangen. Regelmäßig vor Semesterbeginn pilgern ein paar tausend Studenten auf der Suche nach Bett und Dusche durch die Stadt während sich andere nach Ablauf ihrer Regelstudienzeit über Alternativen zum BaföG Gedanken machen müssen. Ausländische Studenten hocken in mehrfach untervermieteten Zimmern aufeinander, Integration fällt schwer. Für alle diese Probleme und mehr gibt es im AStA-Büro fünf Referenten, die sich jeweils mit den einzelnen Fachgebieten im sozialen Gebiet beschäftigen. Man könnte meinen, das reicht aus. Zoran Vasic, 26-jähriger Jurastudent, kurz vor dem Examen, einjährige AStA-Erfahrung und Mitglied im Mieterverein brachte beste Voraussetzungen in das Referat für Soziales und Wohnen mit. Doch gleich zu Beginn lehnte er sich ein bisschen weit aus dem Fenster. Er strebte monatliche Treffen im Rahmen von UniSono an, einem Verband sozialer Vereine Greifswalds. Da fühlten sich welche vor den Kopf gestoßen, befürchteten gar die sozialen Referenten wollen sich ausgrenzen. Wahrscheinlicher: Kommunikationsprobleme. Geworden ist aus der tollen Vernetzung trotzdem nichts. Doch getan hat sich einiges anderes: Kostenfreies Mensaessen für Studenten mit besonders schmalen Budget oder Kindern. Für letztere gibt es nun einen Kooperationsvertrag mit KiTas. Das Couchsurfing gewährt Wohnungssuchenden mietfreien Unterschlupf und seit Jahresbeginn können Studenten eine kostenlose Erstrechtsberatung wahrnehmen. Diese Projekte liefern insgesamt eine gute Bilanz für die Arbeit von Vasic. Gleichstellung vernachlässigt Dem Referat Vasics ist das Referat für BaföG und Studienfinanzierung zugeordnet. Hier gab es einen Besetzungswechsel. Mirko Wahlen trat Ende September, wie bei Amtsantritt angekündigt, zurück. Bis dahin bearbeitete er beispielsweise eine Umfrage zu den Serivceleistungen des BaföG-Amts und wertete diese gemeinsam mit dem Studentenwerk aus. Angedacht war in der Folge eine Veränderung der Öffnungszeiten, doch diese sind noch so miserabel angelegt wie zuvor. Das wäre eine Aufgabe für Nachfol-

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Studienfinanzierung: Anissa Pauli

ferenten zugeordnet. Hierbei könnte von Vernachlässigung gesprochen werden. Aus den Rechenschaftsberichten werden einige Besuche von Seminaren und Gespräche mit Experten zum Thema sexuelle Belästigung ersichtlich. Nach außen getragen wurde zu diesem Punkt nichts. Doch warten wir die nächste Legislatur ab. Schlimmstenfalls mehren sich die Stimmen, die schon im letzten Jahr ein solches Referat für ebenso sinnvoll erklärten wie eines für Vegetarier. In dem Fall könnte der 20-jährige Purchert sich seinem Lehramtsstudium widmen, für das in seinen ersten drei Semestern wenig Zeit übrig geblieben sein dürfte. Später Durchbruch

Queer und Gender: David Purchert

gerin Anissa Pauli. Kenntnis vom Referatsinhalt bezieht sie aus eigenen Erfahrungen, da sich die 33-Jährige selbst finanziert. Seit Anfang November mischt sie im AStA mit und würde gern noch eine Legislatur anhängen. Queer-Referent David Purchert hat dazu noch keine Entscheidung getroffen. Kaum an der Uni angekommen, entschied er im vergangenen Mai, studienexternes Engagement zu zeigen und brachte nach einem erfolglosen Versuch den Beitritt zum Aktionsbündnis gegen Aids durch. Auch sonst zeigte sich der Referent organisatorisch umtriebig auf diversen Veranstaltungen für Schwule, Lesben und Freunde. Die Präsenz war da. Nicht zu vergessen bei all den schönen Hilfestellungen für Akzeptanz und Integration von Homosexuellen, ist die Gleichstellung. Seit dieser Legislatur ist dieses Thema dem Referat für Soziales und Wohnen ausgegliedert und dem Queerre-

Genau das tut Catharina Frehoff inzwischen. Sie trat am achten Januar von ihrem Referat für Studierende mit Behinderung und chronischen Krankheiten zurück und folgte dem Rest des Instiuts für Altertumswissenschaften nach Marburg. Davor hatte sie es mit Vertretern der Uni zwecks Barrierefreiheit zu tun. Da Behinderungen vom Studentensekretäriat nicht erfasst werden dürfen, musste sie auf die Initiative der Studenten setzen. Angenommen wurden Beratungen anscheinend dennoch. Auch wenn die 25Jährige die Existenz ihres Referats durchaus mehr nach außen tragen könnte, wie sie selbst zugibt. Sabryna Junker setzte sich in einer knappen Entscheidung gegen drei Konkurentinnen durch. Zu Recht. Inzwischen studiert die Ausländerreferentin im dritten Semester Biochemie und hat es geschafft, die Beratungen im Studienkolleg unter ausländischen Studenten populär zu machen. Diese sollten zur besseren Kontaktaufnahme dienen und standen beinahe vor dem Aus, weil sie nicht angenommen wurden. Hier zahlte sich Hartnäckigkeit aus. Ihre Aufgabe als Ansprechpartnerin außerhalb von Behörden machte sie mit allen Mitteln bekannt. Schwierige Prozesse, wie die Integrationsproblematik im Ostseeviertel und die Wohnraumverteilung, bieten noch Entfaltungsmöglichkeiten für Nachfolger. Insgesamt lieferte der Service-lastigste Bereich des AStA in dieser Legislatur neue Projekte, umgesetzte Ideen und fähige Referenten. Verbesserungen sind immer möglich. mt, bb

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PARTEIPOLITIK

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„Großer Vorsitzender“

RCDS-Boss zu politischen Zielen und Zerwürfnissen Martin Hackober sitzt seit drei Legislaturen im Studierendenparlament (StuPa). Dort erregte der 25-jährige BWL-Student – nicht unbedingt begeisterte – Aufmerksamkeit als Vorsitzender der Hochschulgruppe Ring-Christlich-Demokratischer-Studenten (RCDS). moritz: Welches sind aus Deiner Sicht die wichtigsten Entscheidungen in der näheren Vergangenheit des StuPa? Martin Hackober: Die Wirkung der Trennung von Amt und Mandat konnte in dieser Legislaturperiode zum ersten Mal deutlich erkennbar werden. Die Konsequenz im StuPa ist sehr vorteilhaft, denn man kann viel freier vom AStA nachdenken und sich ein unabhängigeres Bild vom ihm machen. Auf der anderen Seite ist man isolierter vom AStA, sodass nicht immer alle nötigen Informationen im StuPa vorhanden sind. moritz: Wie nimmst Du die Beteiligung der StuPa-Mitglieder wahr? Hackober: Wir hatten wenige Momente, wo StuPisten, die sich sonst eher selten an der Diskussion beteiligen, etwas gesagt haben. Leider haben wir trotzdem wenige Kandidaten, die sich kaum beteiligen, aber sogar wieder für 2008 kandidiert haben. Ich würde mir daher wünschen, dass sich alle aktiv einbringen, während sich andere hin und wieder in Zurückhaltung üben könnten. moritz: Welche Interessen vertritt der RCDS im Moment in der Hochschulpolitik? Hackober: Unser gemeinsames und auch mein persönliches Interesse ist es, dass sämtliche Handlungen des AStA gründlich überlegt und dem Wohl der Stu-

dierendenschaft dienen. Vor einem Jahr, als der AStA ein Fußballturnier organisiert hatte, wurden drei Bälle geklaut, die im Wert von 240 Euro durch den AStA erstattet werden mussten. Solche Nachlässigkeit einiger Referenten darf es nicht geben. Wenn sich anschließend mit dem Würstchenkauf vollkommen verspekuliert wird, sollten Schlüsse für weitere Großveranstaltungen des AStA gezogen werden. Zudem haben wir versucht, eine Honorrierung der Arbeit im Fachschaftsrat zu bekommen. Diese Idee ist leider im StuPa nicht mehrheitsfähig geworden. moritz: Seid Ihr denn an eine parteipolitische Linie gebunden? Hackober: Nein, und wir sind auch nicht weisungsgebunden. Wir stehen der CDU natürlich nahe, kümmern uns jedoch ausschließlich um hochschulpolitische Belange, denn das macht eine hochschulpolitische Gruppe aus! Es ist aber nicht so, dass wir mit einer Stimme abstimmen müssen, damit keine Meinung bei uns unterdrückt wird. Das ist bis jetzt auch noch nicht vorgekommen, wir waren eigentlich immer durchweg auf einem Kurs. moritz: Aber man erzählt sich doch heute noch die Geschichte, wie Du bei einer Abstimmung Deinem RCDS-Kollegen Ivo Sieders in den Arm gefallen bist, als er anders als geplant abstimmen wollte. Hackober: Es war eine rein menschliche Handlung. Ich würde niemandem aus Fraktionszwang den Arm runterziehen. Aber es gibt immer knappe Entscheidungen, wo man meint, den anderen in letzter Sekunde noch davon abbringen zu können.

Foto: Maria Trixa (4)

Der RCDS gibt sich geschlossen – ab jetzt auch mit Wimpel.

Martin Hackober

moritz:Dir ist aber schon bewusst, dass das nach Außen so wirken kann, als ob Du dem Bild, das Du von Dir selbst und dem RCDS zeichnest, nicht gerecht wirst, oder? Hackober: Es ist nicht so, dass wir uns darüber zerworfen hätten. Wir haben das beide freundschaftlich gesehen und damit nicht mehr darüber diskutieren müssen. Man kann sich vielleicht nicht immer einigen, aber danach doch wieder geschlossen weiterarbeiten. moritz:Aber man kann auch mal eine Stimme an sich ziehen? Hackober: Kann schon einmal vorgekommen sein. moritz:Man munkelt ja, dass Deine Kollegen vom RCDS Dich liebevoll ihren „Großen Vorsitzenden“ nennen. Hackober: Bis jetzt haben mich noch alle mit Martin angesprochen. Wir haben kein Hierarchiesystem in diesem Sinne. „Großer Vorsitzender“ ist sozusagen eine nette Geste. moritz:Kommen wir noch einmal auf die StuPa-Wahlen zu sprechen. Hast du größere Chancen, gewählt zu werden, wenn du als Mitglied einer hochschulpolitischen Gruppe auftrittst? Hackober: Es fällt jedenfalls dem Wähler einfacher, sich für einen Kandiadten zu entscheiden, wenn er ihn politisch einordnen kann. Man kennt nun auch nicht jeden Kandidaten aus jedem Fachbereich persönlich. moritz:Willst du noch mal in den AStA? Hackober: Nein. Ich war zwei Jahre Finanzreferent und wüsste nicht, was ich dort persönlich noch mehr realisieren wollte. Das Gespräch führten Maria Trixa und Stephan Kosa.

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hochschulpolitik

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VERGLEICH

hochschulpolitik

Greifswald kein Studentenparadies

Focus-Ranking macht Unistadt zum Flop – Focus Campus relativiert Die Chefs von Morgen in einer von 110 Greifswalder Kneipen

Das Focus-Städteranking (48/2007) untersuchte die 55 großen Universitätsstädte, an denen mindestens 10 000 Studenten immatrikuliert sind. Gewinner dieses Rankings ist Berlin, Düsseldorf und Hamburg folgen auf dem zweiten und dem dritten Platz. Greifswald landet auf dem letzten Platz. Der Vergleich der Städte bezieht sich nicht auf die Qualität der Lehre an den Universitäten, sondern auf die Faktoren in einer Stadt, die die Lebensqualität von Studenten optimieren. Diese Elemente sind laut Focus Wohnen, Jobben, Feiern und Flirten. Dazu werden zehn Kriterien wie Kneipendichte, Wohnheimplätze und Service der Studentenwerke betrachtet und zusätzlich fließen in die Endnote noch die Ergebnisse einer Focus-Online-Umfrage mit ein. Provinzieller Alptraum? Als Auslöser für das schlechte Ergebnis wird zunächst das geringe Kneipenangebot genannt. Die Hansestadt hat mit 110 Kneipen eine Kneipendichte (Kneipen je 100 Studenten) von 1,0. Fakt ist, dass Greifswald in dieser Kategorie aber nicht am schlechtesten abgeschnitten hat, mit einer Kneipendichte von 0,8 erreichen Göttingen und Jena ein schlechteres Resultat. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass um so höher die Einwohnerzahl einer Stadt ist, desto größer ist auch die Kneipenanzahl. Es ist also kein Wunder, dass es in größeren Städten mehr Lokale gibt, da hier die Nachfrage dementsprechend höher ist.

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Das nächste Defizit soll das Kinoangebot sein, hier hat Greifswald mit einem Kino das geringste Angebot von allen Mitstreitern. Doch laufen auf sechs Leinwänden bis zu 20 Filme, sodass für jeden Geschmack der Kinogänger etwas dabei sein sollte. Der Tatbestand, dass nur ein Kino vorhanden ist, weist darauf hin, dass der Bedarf gedeckt ist, denn die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das heißt, wenn ein Kino für Greifswald tatsächlich nicht ausreichend wäre, dann hätten davon schon einige Kino-Unternehmen durch Marktforschung diese Information erhalten und weitere Kinopaläste auf den Greifswalder Markt gebracht. Eine weitere Schwäche der Stadt am Ryck ist die geringe Anzahl an Wohnheimplätzen, von denen es nur neun Plätze auf 100 Studenten gibt. In der Tat ist es in Greifswald sehr schwierig einen Wohnplatz zu finden, diese Erfahrung müssen wohl viele der jeweiligen Erstsemester, besonders zum Start der Wintersemester, machen. Einige der Erstis müssen dann zunächst pendeln oder bei Freunden und Bekannten schlafen. Der Greifswalder AStA rief am Anfang dieses Wintersemesters 07/08 zum „Couch-Surfen“ auf, bei dieser Aktion nahmen andere Studenten einige wohnungslose Erstis für ein paar Nächte auf, bis diese eine eigene Bleibe gefunden hatten. Der Mangel an Unterkünften ist ein Schwachpunkt Greifswalds, der verbessert werden sollte. Es wäre ein Schritt nach vorn, wenn das Studentenwerk es schaffen könnte, die Wohnheimkapazität zu erwei-

tern. Dennoch hat die Unistadt, trotz ihres schlechten Ergebnisses nach der RankingTabelle, in diesem Kriterium ein größeres Angebot an Wohnheimplätzen als die Hochschulstandorte Saarbrücken oder Kassel. Insgesamt hat Greifswald bei den Kriterien nicht so schlecht abgeschnitten, wie der Focus es darstellt. Deswegen ist es verwunderlich, dass Greifswald auf dem letzten Platz landet. Der direkte Auslöser dafür ist aus dem Ranking nicht ersichtlich, es fehlt die Transparenz der Gesamtbewertung, zum Beispiel der Punktegewichtung. Zudem wirkt es schlecht informiert, wenn das Sportangebot als Serviceangebot der Studentenwerke bewertet wird, aber in Greifswald die Uni selbst den Hochschulsport anbietet – egal mit welcher Zukunft. Es ist somit unberechtigt Greifswald hier einen Punkt abzuziehen. Focus vs. Focus Campus Auf der einen Seite stempelt der Focus Greifswald als Studentenhölle ab, dann wird in der Focus-Campus zur selben Zeit (48/2007) Greifswald wieder in den Himmel gelobt und soll dadurch getröstet werden. Versucht hier die Special-Interest-Zeitschrift alle negativen Aussagen über die Hanse- und Universitätsstadt wieder gut zu machen? Auf einmal tauchen mehrere positive Aspekte Greifswalds in diesem Artikel der Focus-Campus auf, wie zum Beispiel die gute und persönliche Studentenbetreuung oder die Investitionen in Neubauten und Ausstattung der Uni. Sogar ein ausführlicheres Interview mit dem Oberbürgermeister Dr. Arthur König schließt an den Artikel an. Für aktive Focus Campus-Leser befindet sich auch eine vorgedruckte Postkarte zum Ausschneiden mit der Aufschrift „Gruß aus Greifswald. Ich bin hier in der Hölle!“ in der Zeitschrift. Es bleibt die Frage, was diese Wiedergutmachung bringen soll, besonders, da das Magazin viel mehr Leser erreicht, als sie die Focus-Campus hat und so die negative Werbung stärker verbreitet wird als die positive. Tatsächlich spielen so viele Faktoren für die Lebensqualität eine Rolle, dass diese nicht im geringsten von einem Ranking erfasst werden können und sich deshalb jeder selbst die Frage stellen sollte, ob er in der Hölle lebt oder auch nicht! ib

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Vier gegen Einen

Am 13. April wird ein neuer Hausherr für das Rathaus bestimmt

„Traditionelle Wahlmuster sind in Greifswald vorhanden“, erklärt Dr. Susanne Pickel das hiesige Wahlverhalten. Die Greifswalder Politikwissenschaftlerin verweist auf die gutsherrschaftlichen Strukturen in Vorpom-

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universum

Studenten gelten als besonders politisch aktive Bürger. Vor sieben Jahren lag die Wahlbeteiligung bei 42,3 Prozent. In der Stichwahl nur bei 33,9 Prozent. Dabei waren nur knapp über 7 000 Studenten an der hiesigen Uni eingeschrieben. In den letzten Jahren ist deren Zahl stark angestiegen und durch die 150 Euro Umzugsbeihilfe mögen prozentual mehr Studenten auch das aktive Wahlrecht erworben haben. „Studenten wählen eher links“, bestätigt die Politikwissenschaftlerin die pauschale Vermutung über das studentische Wahlverhalten. Doch der Einfluss des Elternhauses spielt eine entscheidende Rolle beim Urnengang. Stammen Studenten aus Vorpommern, wird einer konservative Wahl eher wahrscheinlich. Ein wichtigeres Problem ist aber unabhängig von der Herkunft „Ein politisches Interesse muss vorhanden sein, um überhaupt zur Wahl zu gehen“, meint die Universitätsmitarbeiterin.

Die 11 499 Studenten bilden eine große Gruppe in der Hansestadt. Doch wie viele davon überhaupt wahlberechtigt sind, ist schwer einschätzbar. „Beim Anmelden des Wohnsitzes in der Stadt werden solche Daten nur nach freiwilliger Angabe erhoben“, erläutert Dietger Wille, stellvertretender Wahlleiter. Auch wenn nicht alle Studenten aktiven Einfluss auf die Wahl ha-

Dr. Thomas Meyer

Dietmar Brand

Birgit Socher

Hinirch Kuessmer

Haupt- und Stichwahl 2001

Wie wählen die Studenten?

19,1 %

1,7 % Hinrich Kuessner

15,6 %

27,9 %

Die Stichwahl

48,9 %

Foto: Isabel Bock

Das konservative Vorpommern

Bedeutung für Studenten

51,1 % Dr. Arthur König

Bis zum 25. Februar müssen die Kandidaten ihre Unterlagen beim Wahlleiter abgegeben haben. Um gewählt zu werden, muss das passive Wahlrecht gegeben sein. Bei der letzten OB-Wahl waren noch mindestens 30 Unterstützungsunterschriften notwendig, um antreten zu dürfen. Dies entfällt 2008. Dem Wettbewerb um den Verwaltungsposten könnten somit noch weitere Interessierte beitreten. Mit dem Amtsbonus versehen, tritt der Greifswalder OB König zum zweiten Mal an. 2001 erhielt der Physiker knapp die absolute Mehrheit im zweiten Wahlgang. Sein Kontrahent war der damalige Landtagspräsident, Heinrich Kuessner (SPD). Ob es in diesem Jahr wieder zu einem Kopf-an-KopfRennen kommt, steht in den Sternen. Den rund 46.000 Wahlberechtigten werden sich die vier anderen Kandidaten noch intensiv vorstellen müssen. Denn die Universitätsstadt ist seit der Wiedervereinigung CDU dominiert. Auch stellte die Partei seitdem alle Oberbürgermeister.

ben, ist der Ausgang für die Zukunft ihres Studienortes für alle entscheidend. Ob es die Höhe der Eintrittpreise im Schwimmbad, die Umzugsbeihilfe oder die Qualität der Radwege ist: Kommunalpolitik wird direkt spürbar. Trotzdem rangiert die Wertigkeit einer Kommunalwahl nur noch über der einer Europawahl. Obwohl laut Pickel, vermehrt Entscheidungen auf die unterste Ebene übertragen werden.

Dr. Arthur König

Ein knappes Ergebnis

mern und die durch das ehemalige Preußen beeinflussten traditionelle konnservative Wahlmuster. „Werte wie Familie und die Einstellung zur Kirche überdauerten auch die DDR-Zeit“, ergänzt die gebürtige Frankin. Desto weiter man auf der Landkarte Richtung Westen geht, desto geringer werden diese Sozialisationseinflüsse. Auch nimmt die Arbeitslosigkeit gen Westen ab. Parteien wie die SPD und Die Linke besetzen dort mehr Sitze in der Kommunalparlamenten als im CDU-dominierten Vorpommern.

35,6 %

Ein Hoch auf die direkte Demokratie in Deutschland. Jedenfalls auf kommunaler Ebene. Zum zweiten Mal wählen die Greifswalder am 13. April einen Oberbügermeister (OB). Sieben Jahre dauert die Amtszeit. Fünf Bewerber stellen sich zur Wahl. Der Amtsinhaber Dr. Arthur König für die CDU. Die einzige Frau im Rennen ist die Lehrerin Birgit Socher (Die Linke). Die ebenfalls in der Greifswalder Bürgerschaft vertretenen Parteien SPD und Grüne schicken Rainer Mutke und Dr. Ulrich Rose an den Start. Als parteiloser fünfter ist Olaf Tammert im Rennen für das höchste Amt in der Stadt am Ryck. Nur die FDP stellt keinen Kandidaten und verspricht sich im Laufe des Wahlkampfes mit einer Wahlempfehlung zu äußern. Auch die NPD beteiligt sich nicht mit einem eigenen Kandidaten. Die örtliche Personaldecke ist sehr dünn.

„Sollte ein Kandidat im ersten Wahlgang nicht die absolute Mehrheit erhalten, wird eine Stichwahl zwei Wochen später angesetzt“, sagt der stellvertretende Wahlleiter. Sollte dann die Wahlberechtigungskarte nicht mehr vorhanden sein. Kein Problem. Der Ausweis genügt. Doch darf nicht vergessen werden, in welchem Wahllokal die Stimme abzugeben ist. Wie bei jeder Wahl existiert natürlich die Möglichkeit der Briefwahl. Egal, wie das Rennen um den mit 5931,70 Euro monatlich dotierten Posten ausgeht. Eine hohe Wahlbeteiligung wäre für die Legitimation des ersten Mannes, oder der ersten Frau der Hansestadt wünschenswert. Nicht nur allein als Zeichen für die Direkte Demokratie. bb

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„Stadt wie ein Unternehmen führen“

Ziele: Hochschulsport stärken und mit politischem Gegner arbeiten Olaf Tammert (parteilos)

Olaf Tammert ist gebürtiger Greifswalder. Der 40-Jährige war von 2005 bis 2007 Mitglied der CDU Greifswald, sowie Vorsitzender der Ortsteilvertretung Schönwalde II. Im Juli trat er aus der Partei aus und stellte sich als parteiloser Kandidat zur Wahl. Er ist Inhaber der GreifWeb-Gruppe. moritz: Greifswald ist laut Mietspiegel ein teures Pflaster zum Wohnen. Auch sonst ist die Wohnlandschaft nicht die attraktivste für neu ankommende Studenten. Wie kann man sozial verträglichen Rückbau mit der wachsenden Studentenzahl vereinbaren? Olaf Tammert: Zunächst vermisse ich in dieser Hinsicht die Kommunikation der städtischen Wohnungsgesellschaften mit der Universität. Es ist nicht akzeptabel, dass Studenten in Turnhallen übernachten müssen. Es müssen ausreichend preiswerte Studentenwohnungen zur Verfügung gestellt werden. Diese sind in zukünftiger städtischer Wohnraumentwicklung zu berücksichtigen. moritz: Sie reden von einer Prüfung zur Privatisierung von Wohnungsgesellschaften und Stadtwerken als Mittel zum Schuldenabbau. Was versprechen Sie sich davon? Tammert: Diesbezüglich ist anzumerken, dass zu viele einzelne Verwaltungszweige vorhanden sind. Ich stelle mir zur Optimierung einen Stadtkonzern vor, in dem städtische Unternehmen in einer Verwaltungsholding zusammen geführt werden. So entstehen neue Potenziale und Synergieeffekte. Die so frei gewordenen Kapazitäten

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werden zum Wohle der Einwohner in Form von Bürgerbüros eingesetzt. moritz: Seit der ersten demokratischen OB-Wahl waren alle Oberbürgermeister CDU-Mitglieder, in der jetzigen Bürgerschaft überwiegt die Partei mit 16 von 42 Sitzen ebenfalls. Es folgt die Linkspartei mit neun Sitzen und die SPD mit acht. Die meisten sind schon jahrelang in der Kommunalpolitik tätig, haben somit einen Wissensvorsprung. Wenige kontrollieren Viele. Gibt es in der Hansestadt einen „Schwarzen Sumpf“? Tammert: Die Entscheidung für das Amt des Oberbürgermeisters zu kandidieren, habe ich schon 2004 gefasst und damals auch mit Personen in der CDU gesprochen. Aber Neuerungen scheinen in der Partei nicht möglich. Es gab Unstimmigkeiten und ich bin ausgetreten. Jetzt wird eine Kampagne gegen meine Person geführt. Gerüchte werden verbreitet. Das Verfahren, welches die Staatsanwaltschaft gegen mich eingeleitet hat, wurde am 20. Dezember 2007 widerrufen. Man will verhindern, dass ich die Wahl gewinne. Ich freue mich, wenn die Wähler mir eine Chance geben und sehe auch, dass eine Veränderung gewollt wird. moritz: Lassen sich neue Ideen durchsetzen in einer Bürgerschaft, die zu einem großen Teil aus CDU-Mitgliedern, also ihrer alten Partei besteht? Tammert: Das ist sicherlich die größte, spannendste Herausforderung. Als Parteiloser bin ich keinen politischen Vorgaben verpflichtet, sondern unabhängig und kann dementsprechend unabhängig agieren und Fragen stellen. Ich kann Vorschläge der verschiedenen Parteien aufnehmen und als Beschlussvorlage einbringen, habe außerdem Einfluss auf die Dezernate, wo Ideen geprüft und bearbeitet werden. Ich gehe davon aus, dass auch den Politikern der etablierten Parteien das Wohl der Stadt am Herzen liegt. Darauf basiert meine Einschätzung, dass vernünftige Vorschläge nicht missachtet werden. moritz: Was zählen Sie außerdem zu den Aufgaben des Verwaltungschefs? Tammert: Ich möchte die Stadt wie ein Unternehmen führen. Das bedeutet, dass ich

nicht in allen Themenbereichen Spezialist bin. Ich bin der Manager, ich motiviere und fördere die Stärken der einzelnen Mitarbeiter. So können sie das Beste zum Wohl des Bürgers bewegen. Und wie in einem Unternehmen können auch die Mitarbeiter Verbesserungsvorschläge einbringen, die diskutiert werden. moritz: Sie möchten sich für den Hochschulsport stark machen. Was wollen Sie tun und was können Sie überhaupt tun? Tammert: Die Hochschulsportler haben Schwierigkeiten Flächen und Zeiten für ihr Training zu finden. Das liegt zum einen an einer Regelung der Stadt, die die obersten Prioritäten auf Schul- und Vereinssport setzt. Der Hochschulsport sollte wenigstens mit dem Vereinssport auf eine Stufe gesetzt werden. Dafür möchte ich die Sportstättennutzungsgebühr abschaffen. Dadurch entstandene Fehleinnahmen könnten durch optimale Vermarktung der Sportstätten ausgeglichen werden. moritz: Studenten mit Erstwohnsitz in der Universitätsstadt bekommen zur Begrüßung 150 Euro von der Stadt geschenkt. Gebürtige Greifswalder kommen in diesen Genuss nicht, obwohl sie ihren Erstwohnsitz ebenfalls hier haben. Könnten Sie sich vorstellen stattdessen jedem Studenten jährlich 50 Euro zu schenken? Tammert: Das ist generell eine interessante Überlegung. Aber ob die Idee realisierbar ist, lässt sich auf die Schnelle nicht sagen. Ich habe mir jedoch Gedanken über die sozial bedürftigen Studenten gemacht und halte die Idee, anstatt der 150 Euro Begrüßungsgeld ferner 120 Euro auszuzahlen und die übrigen 30 Euro dem AStA für die Hilfe dieser Studenten zur Verfügung zustellen, als sehr erstrebenswert. moritz: Diskussionen über ein Semesterticket für die Studenten zur Nutzung des Nahverkehrs gibt es schon lange. Inwiefern sehen Sie hier eine Notwendigkeit? Tammert: Ich plädiere klar für ein Semesterticket. Kostenfrei wird ein solches Ticket nicht funktionieren. Gemeinsam mit dem Nahverkehr, der Kommune und der Universität sollte dennoch eine Lösung möglich sein. Das Gespräch führten Björn Buß und Maria Trixa.

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„Greifswald fehlt ein Verkehrskonzept“ OB-Kandidat ist gegen Prestigebauten und für Volluniversität

Dr. Ulrich Rose lebt seit 1994 in der Hansestadt. Der Antiquar und Buchhändler vertrat die Grünen von 1999 bis 2004 in der Bürgerschaft. Grund für das kommunalpolitische Engagement war der Bau der Tiefgarage in der Rakower Straße. Der 49-Jährige ist seit vier Jahren Parteimitglied.

Dr. Ulrich Rose (Die Grünen)

moritz: Welche Ziele möchten Sie als Oberbürgermeister verwirklichen? Dr. Ulrich Rose: In Greifswald fehlt ein Verkehrskonzept. 80 Prozent der Studenten sind mit dem Rad unterwegs. Es gibt keine Stadt, die so schlecht auf Fahrradfahrer eingestellt ist, wie Greifswald. Die Autofahrer fühlen sich als Herren der Straße und verdrängen die Radfahrer, für die es kaum eine legale Möglichkeit gibt, auf Rädern durch die Innenstadt zu kommen. Darunter leiden wiederum Leute, die sich, wie ich, zu Fuß durch die Altstadt bewegen. moritz: Die angespannte Wohnsituation zu Beginn des Semesters war in aller Munde. Was könnten Sie für die Studenten tun? Rose: Die Vermietung entzieht sich der Ordnungsmöglichkeit der städtischen Verwaltung. Ich weiß nicht, wie gut die Angebote seitens der städtischen Wohnungsgesellschaften angenommen werden. Durch den WVG-Verkauf wird die Sache auf jeden Fall schwieriger.

Foto: Robert Tremmel (2)

moritz: Vielleicht durch eine Kooperation mit den Stadtwerken? Rose: Wenn wir alle städtischen Gesellschaften in eine Hand legen, schaffen wir etwas sehr Mächtiges. Gute und schlechte Zusammenarbeit würde von einer Person abhängen, nämlich der, die momentan die Stadtwerke leitet. Es ist gefährlich, neben der Exekutive noch einen mächtigen Stadtkonzern zu schaffen. moritz: Was müsste sich in der Greifswalder Verwaltung ändern? Rose: Die Öffnungszeiten. Die Angestellten arbeiten laut Haustarifvertrag mit reduzierter Stundenzahl. Trotzdem ist ein Überhang vorhanden. Bei anderer Einteilung könnten bürgerfreundlichere Öffnungszeiten realisiert werden. Denn – frei nach dem alten Fritz – „wir sind die ersten Diener unserer Bürger“. Wir sollten uns an die Bürger anpassen und nicht umgekehrt.

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moritz: Die Verwaltung der Hansestadt wird zentralisiert im Gebäude der Post. Für wie sinnvoll halten Sie diesen Prozess? Rose: Ich bin gegen solche Projekte wie dieses technische Rathaus und die Stadthalle. In die Projekte werden Millionen Euro gesteckt und es entstehen Repräsentativbauten. Wir haben schon ein Rathaus. Mit dem Geld könnten viel wichtigere städtische Gebäude – Kindertagesstätten, Schulen, Sporthallen, das Stadtarchiv – saniert werden. Dazu beruht das Projekt auf Absprachen zwischen dem WVG-Vorgänger, dem Architekturbüro PHS und einigen anderen Personen. Sie haben 1998 den Ausschluss Dritter aus dem Planungs- und Bauprozess beschlossen. Das grenzt hart an Korruption. moritz: Aber ist es für die Bürger nicht praktischer, Einwohnermeldeamt und Co. an einem Platz zu finden? Rose: Sicher ist es das. Auch für die Angestellten ist es wesentlich günstiger ihre Kollegen im selben Gebäude zu wissen. Allerdings hat eine Kommission mehrmals die Wirtschaftlichkeit von zentraler oder dezentraler Verwaltung geprüft, die dezentrale Verwaltung kam immer günstiger weg. Als die Idee mit der Post aufkam, wurde besagte Kommission gar nicht erst einberufen. Inzwischen sind die Kosten für das techni-

sche Rathaus von anfangs sechs Millionen Euro auf achteinhalb Millionen innerhalb von drei Monaten angestiegen. Ein Grund für den Anstieg ist, dass das beauftragte Architekturbüro PHS nicht erkannt hat, dass der Keller im Postgebäude feucht ist und zunächst trocken gelegt werden muss. moritz: Inwiefern ist es Sache des ersten Manns in Greifswald, sich mit Themen wie dem geplanten Steinkohlekraftwerk in Lubmin zu beschäftigen? Rose: Eigentlich berührt es meinen Aufgabenbereich nicht, aber ich finde, dass man sich über die Stadtgrenze hinaus äußern kann. Zum Steinkohlekraftwerk werden von den Befürwortern des Kraftwerkes immer nur die 140 Arbeitsplätze plus Steuereinnahmen genannt. Ich bin der Meinung, wir könnten auf dem Gelände Alternativen ansiedeln, die wesentlich mehr Arbeitsplätze schaffen und zudem weder Tourismus noch Umwelt beeinträchtigen, und die mindestens genausoviel Steuern einbringen. Wenn wir hier eine Verzahnung von Wirtschaft und Forschung gepaart mit intelligenter Technik ansiedeln, hätten wir gleichzeitig eine Verknüpfung mit der Universität. moritz: Braucht die Stadt eine Volluniversität für das gute Leben? Rose: Das würde ich sofort unterschreiben. Die wirtschaftliche Bedeutung der Studierenden aus der Philosophischen Fakultät ist eben nicht so offensichtlich wie bei denen aus anderen Fakultäten, wo Wirtschaft und Forschung eindeutig zusammenhängen. Die Kürzungsdebatten in dieser Hinsicht waren nicht in Ordnung. Das Argument, dass die Universität zu groß für die Anzahl der studierenden Landeskinder sei, ist Blödsinn. Je mehr von woanders herkommen, desto besser. Um so höher ist die Zahl derer, die anschließend auch hier bleiben – und wenn nicht: In der Zeit ihres Hierseins geben sie hier Geld aus, welches anderswo erwirtschaftet wurde. moritz: Wie sehen Sie ihre Wahlchancen? Rose: Ich habe die Möglichkeit, Themen in den Blickpunkt zu rücken. Ansonsten bin ich natürlich voll überzeugt, dass ich die Wahl gewinne. Sonst wäre ich nicht angetreten. Das Gespräch führten Björn Buß und Maria Trixa.

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„Neues Rathaus belebt Innenstadt“

Amtsinhaber: Haushalt sichern und Studentenwohnungen bauen Dr. Arthur König (CDU)

Dr. Arthur König studierte ab 1969 an der Universität Greifswald Physik, wo er bis zur Wende arbeitete. Anfang der 90er begann er in der Kommunalpolitik aktiv zu werden. 1994 wurde der 57-Jährige Fraktionsvorsitzender der CDU, 1998 Landtagsmitglied und seit 2001 ist er Oberbürgermeister der Hansestadt. moritz: Sie haben vor sieben Jahren vom Bau der Stadthalle gesprochen. Diese ist bis heute nicht eröffnet worden. Werden in diesem Wahlkampf auch wieder Versprechen gemacht, die nicht eingehalten werden? Dr. Arthur König: Das würde ich so nicht stehen lassen wollen. Die Stadthalle ist ein wichtiges Thema. Sicherlich habe ich damals aufgrund der Gegebenheiten gesagt, dass die Stadthalle vielleicht früher fertig werden würde. Aber sie wurde durch Bürgerschaftsbeschluss auf den Weg gebracht. Ich gehe davon aus, dass wir sie 2009 einweihen. moritz: Im Ranking des Focus 48/2007 landet Greifswald auf dem letzten Platz. Untersucht wurden die Lebensbedingungen. Auf diese hat die Stadt maßgeblichen Einfluss. Wie erklären Sie sich dieses Ergebnis? König: Etwas Positives hat die Studie, denn es wurden alle Städte mit mehr als 10 000 Studenten untersucht, was zeigt, dass Greifswald zu den größeren Universitätsstädten Deutschlands gehört. Ich weiß nicht, ob es so vernünftig ist, die Anzahl von Gaststätten, Kinoleinwänden oder Jobs zu bewerten. Das ist vielleicht nicht unbedingt der Maßstab für die Qualität eines Studienortes und einer Stadt.

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moritz: Was sind Maßstäbe? König: Ich würde doch eher die Effizienz der Lehre, kurze Wege und die gewünschte Fachrichtung als Bewertungskriterium ansehen. Außerdem brauchen wir uns nur die Studierendenzahlen anschauen. Zur Wende gab es knapp 3500 Studenten, inzwischen sind es fast 12 000. Wenn es tatsächlich so schlecht hier wäre und man sich in Greifswald nicht wohl fühlen würde, gäbe es diesen Trend nicht. Ich glaube, man geht an einen Studienort, weil es dort gute Studienbedingungen gibt und weil man dort sein Studium effizient abschließen kann. moritz: Wobei der Focus gerade die Lebensqualität als wichtigstes Auswahlkriterium der potentiellen Studenten anhand einer Umfrage herausgehoben hat. König: Wenn Sie noch mehr Gaststätten haben wollen, dann gehen Sie öfter ein Bier trinken. Ohne genügend Nachfrage brauchen wir nicht mehr Gaststätten in Greifswald. moritz: Sie haben vier Gegenkandidaten. Wie schätzen Sie die Chancen der anderen Kandidaten ein? Wird es eine Stichwahl geben? König: Das kann ich gar nicht einschätzen. Ich beschäftige mich weniger mit den anderen Kandidaten als mit dem was wir in der Verwaltung vorhaben. Wir wollen noch einige Baustellen abarbeiten. Das fängt an beim technischen Rathaus, der Haushaltssicherung und der Haushaltskonsolidierung. Zudem gibt es noch einige Investitionen im Umfeld der Studierenden wie Radwege und Kindergärten. All das sind Vorhaben, die in Zukunft gelöst werden müssen. moritz: Ist es sinnvoll, das technische Rathaus an eine so zentrale Stelle zu setzen? Denken wir an Parkmöglichkeiten in der Innenstadt, die Busse halten nicht mehr am Rathaus. Wird hier nicht viel Geld ausgegeben, welches möglicherweise anderen Projekten nicht zur Verfügung steht? König: Es gibt drei gute Gründe, die für diesen Standort und für das technische Rathaus sprechen: Wenn wir nichts unternehmen, dann haben wir nach dem Auszug der Post eine Bauruine mitten auf dem Markt. Zudem ist die Verwaltung momentan noch auf 14 Standorte verteilt. Zentralisiert kann

sie effizienter arbeiten. Die Wege sind kürzer, die Leute somit besser erreichbar. Alte Leute können beim Einkaufen gleich Amtsgänge erledigen. Außerdem spart die Verwaltung durch den Umzug jährlich 480 000 Euro an Nebenkosten für die alten Gebäude. Der dritte Punkt betrifft die Universität. Mit dem neuen Klinikum am Bertholt-BeitzPlatz werden einige universitäre Einrichtungen aus der Innenstadt herausverlagert. Die Zentralisierung der Verwaltung führt somit auch zu einer Belebung der Innenstadt. moritz: Wann öffnet das technische Rathaus? Wird es bei den 8,5 Millionen Euro bleiben? König: Die sechs Millionen, die wir anfangs anvisiert hatten, haben sich aus einer Schätzung während des Planungsverfahrens ergeben. Es ist durchaus normal, dass der Betrag im Nachhinein ansteigt, wenn mehr Informationen vorliegen. moritz: Liegen die unterschiedlichen Beträge an der Unwissenheit der Beteiligten? König: Das hat nichts mit Unwissenheit zu tun. Wir haben parallel vieles gleichzeitig gemacht. Es galt die Antragsstellung fertig zu machen, eine Finanzplanung zu erstellen und das Eigentum an dem Gebäude zu erwerben. Erst wenn dies geschehen ist, kann man ins Detail gehen und Genaueres festlegen. moritz: Zu Beginn des Semesters gab es unter den neuen Studenten große Probleme mit der Wohnungsfindung. Werden solche Dinge in Zukunft vermeidbar sein? König: Das ehemalige Finanzamt in der Anklamer Straße soll als Studentenwohnbereich umgebaut werden. Aus derzeitiger Sicht gehen wir davon aus, dass am Ende mehr als 300 Studentenwohnungen mit komplettem Umfeld entstehen. Damit wird die Wohnsituation erheblich entspannt. Sicherlich können wir nicht garantieren, dass jeder Student sofort nach seiner Ankunft eine Wohnung erhält, doch die Lage müsste sich schnell sortieren. moritz: Was tun Sie, wenn Sie nicht wiedergewählt werden? König: Diese Frage stellt sich für mich derzeit nicht. Das Gespräch führten Björn Buß und Maria Trixa.

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„Steigenden Mieten entgegensteuern“

SPD-Mann: Wirtschaftsstandort durch Uni und Tourismus stärken Rainer Mutke lebt seit 15 Jahren in der Hansestadt und ist Vizebürgerschaftspräsident sowie Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses. Geboren wurde der 52-Jährige in der Nähe von Koblenz. 1994 trat er der SPD bei und seitdem ist er in der Greifswalder Bürgerschaft. Mutke ist Inhaber des MV-Verlages, außerdem stellvertretender Aufsichtsratvorsitzender der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Service GmbH. moritz: Die SPD hat ihren Kandidaten relativ spät bekannt gegeben. Sind Sie eine Notlösung? Rainer Mutke: Nun, vor sieben Jahren ist der damalige Landtagspräsident Hinrich Kuessner für die SPD angetreten und in der Stichwahl denkbar knapp gescheitert. Ich habe mich für die Kandidatur entschieden und werde mein Bestes geben, diesmal möglicherweise eine Überraschung zu schaffen.

Foto: Robert Tremmel (2)

moritz: Wo sehen Sie Defizite in der Stadt? Mutke: Greifswald hat insgesamt viele Fortschritte gemacht, die ihre Ursachen in der prächtigen Entwicklung der Universität, dem Engagement einiger Unternehmer und dem positiven Gesamttrend haben. Ein Schwerpunkt für mich ist der Tourismus, denn in diesem Bereich ist noch viel mehr möglich. Dazu brauchen wir verbesserte weiche Standortfaktoren – Greifswaldern und Touristen sollte mehr direkter Zugang zum offenen Wasser möglich gemacht werden. Daher spreche ich mich für eine touristische Nutzung des Hafenareals in Ladebow aus. Dieser wird momentan als Umschlagsplatz genutzt. Wir müssen in der Breite mehr Freizeitangebote in der Stadt schaffen. Von maritimen wie Kajakverleih und Wasserski bis zu attraktiven Skater- oder Radstrecken. moritz: Ist so ein Projekt überhaupt finanzierbar? Mutke: Bisher wurden über 16 Millionen Fördergelder größtenteils mit Zweckbindung in den Industriehafen investiert. Ziel war es, damit unter dem Strich wirtschaftlich schwarze Zahlen zu erreichen – dies wurde nicht erzielt. Wenn nun die Fördermittel nicht gänzlich fehlinvestiert wären, sondern in eine touristische Nutzung umgewidmet würden, könnte über Rückzah-

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universum

Rainer Mutke (SPD)

lungsmodalitäten etc. sicherlich seriös diskutiert werden. moritz: Wie wollen Sie mehr mittelständige Unternehmen in den Norden locken? Mutke: Wir müssen Greifswald zu einer Stadt mit Alleinstellungsmerkmalen entwickeln. Dazu muss die Verwaltung/Bürgerschaft Schwerpunkte erarbeiten. Momentan gibt es leider Beschlussrichtungen, die besagen, dass in Ladebow ein Raps-Diesel-Kraftwerk entstehen soll. Dabei ist Raps als Rohstoff heute ökologisch hintere Wahl, zumal er noch aus der Ukraine und anderen entfernten Anbaugebieten angefahren werden muss. Bevor wir gezielt an touristisch orientierte Investoren herantreten können, müssen solche Beschlüsse aufgehoben werden. Ein anderer wichtiger Punkt ist die bereits erwähnte Verbesserung der sogenannten weichen Standortfaktoren wie des kulturellen oder des Einkaufangebots. moritz: Welche Rolle spielt die Universität als Attraktivitätsmerkmal der Stadt? Mutke: Hauptsächlich steht und fällt Greifswalds Außenwirkung und Image mit der Reputation der Universität. Daher muss die Volluniversität unbedingt erhalten bleiben, was wiederum davon abhängt, wie das Land zur Bildung steht. Ich sehe Hochschule, Stadt und Tourismus als Einheit. Professoren bringen meist ihre Familie mit. Diese muss sich hier wohlfühlen. Dazu können Job-, Freizeit- und kulturelle Angebote wesentlich beitragen. Auch könnte die Wirt-

schaft selbst verstärkt nach Absolventen oder Praktikanten anfragen, um Synergien wirksam werden zu lassen. Das bedeutet, dass Universität, Wirtschaft und Stadt verstärkt miteinander kooperieren sollten. Wir brauchen eine Stärken-Analyse, um zu klären, was die Partner jeweils können und besitzen. Beispielsweise können der Kunstbesitz und die Sammlungen der Uni mit angeführt werden, wenn die Stadt Außenmarketing für sich macht. moritz: Kann die Stadt noch mehr Studenten unterbringen? Mutke: Die Entwicklung der Studentenzahlen halte ich für durchgängig positiv. Als Chef der Verwaltung kann ich Rahmenbedingungen schaffen. Es sollte auch möglich sein, jedem Studenten für eine anfängliche Übergangszeit eine Bleibe in den vielen leer stehenden Gebäuden zu überlassen. Der erste Schritt in der Wohnungsproblematik wäre, sich ein Bild über den aktuellen Leerstand zu machen. Wir haben einen Rückbau, aber auch eine partiell steigende Nachfrage. Dadurch steigen die Preise und dem müsste entgegengesteuert werden. Möglicherweise sollte auch erneut über die Schaffung eines effizienten Stadtkonzerns nachgedacht werden. moritz: Sie sind als Inhaber des MV-Verlags selbst Medienmacher. Ihr Verlag produziert Bücher sowie das Vorpommern-Magazin. Wie ausgeprägt ist der Medienpluralismus in der Stadt? Mutke: Eine objektive, ausgewogene Berichterstattung findet kaum statt. Wir haben eine dominierende Tageszeitung, die quasi den alleinigen Marktanteil an dem Produkt Tagesjournalismus abdeckt. Zudem sind einige Mitarbeiter der Lokalredaktion journalistisch nicht wirklich objektiv, eher tendenziell gefärbt, sodass die eigentliche Intention der Faktenberichterstattung durch einen persönlichen Kommentar ersetzt wird. Diese Tendenz wird auch bei der Selektion abgedruckter Leserbriefe sehr deutlich. Ethische Grundzüge des Tagesjournalismus bedürften dort dringend einer Auffrischung. Periodische Magazine etc. können jedoch als Nischenprodukte immerhin einen Anteil zur Meinungsvielfalt leisten. Das Gespräch führten Björn Buß und Maria Trixa.

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„Wo bleibt der Hochschulsport?“ OB-Kandidatin möchte aktiveres Studentenwerk und Gesundheitstourismus

Birgit Socher kam 1971 aus Bützow in Mecklenburg zum Studieren nach Greifswald und unterrichtet am Jahngymnasium Sport, Geographie und Astronomie. Politisch aktiv wurde die 55-Jährige mit der Wende und sitzt seit 1990 für die Linke in der Bürgerschaft, wo sie von Anfang an auch Vizepräsidentin ist. moritz: Warum hat Die Linke ihre Kandidatin als Letzte bekannt gegeben? Wollten Sie niemanden stellen? Birgit Socher: Wir sahen keinen Anlass für eine frühere Bekanntmachung. Fest stand, dass wir einen Kandidaten aufstellen, denn wir sehen uns als Alternative zum relativ großen konservativen Umfeld in Greifswald. Außerdem bin ich als einzige weibliche Kandidatin sozusagen die Quotenfrau. moritz: Sie sind zur letzten Wahl schon einmal als Oberbürgermeisterkandidatin angetreten. Mit welchen Zielen sind Sie vor sieben Jahren angetreten und sind diese Ziele oder Probleme noch immer aktuell? Socher: Ich denke schon. Es geht uns um die kommunale Daseinsvorsorge. Die Stadt hat bestimmte Aufgaben für die Bürger zu erledigen. Dazu gehören unter anderem das Wohnen, die Schulen und die Entsorgungsproblematik. In allen Bereichen gibt es auch heute noch vieles zu tun. moritz: Die Uni hat eine enorme Entwicklung hinsichtlich der Studentenzahlen gemacht. Was wollen Sie im Bereich Wohnen konkret umsetzen?

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Socher: Für mich als Student war die Universität noch wichtiger Ansprechpartner, sie hat mir damals Wohnraum zugesichert. Heute hat das Studentenwerk nicht mehr genügend Kapazitäten. Dazu kommt der freie Wohnungsmarkt und die beiden Wohnungsgesellschaften in der Stadt. Studenten wollen einen kurzen Weg zur Universität und die Räumlichkeiten, die wir eventuell ausreichend zur Verfügung stellen könnten, sind in Schönwalde. In der Innenstadt gibt es viele private Vermieter, zudem sind die Möglichkeiten begrenzt. Das treibt den Mietspiegel in die Höhe. Ich denke, dassStudentenwerk sollte aktiver werden. Es liegt im Bundesdurchschnitt sehr weit unten. Ich kann hier immer nur anregen. moritz: Sollte die Stadt mehr Wohnraum zur Verfügung stellen, beispielsweise über die kommunale Wohnungsgesellschaften, wenn das Studentenwerk dazu nicht in der Lage ist? Socher: Das machen wir schon. Studenten wollen Ein- und Zwei-Raumwohnungen. Aber auch die restliche Bevölkerung fragt verstärkt nach kleinerem Wohnraum. Dieser ist sehr begrenzt. Es muss also dafür gesorgt werden, dass solche Wohnungen in Zukunft entstehen. Ansonsten bleibt die Möglichkeit von WG-Gründungen in großen Wohnungen, die preiswert abgegeben werden sollten. moritz: Eine attraktive Stadt zieht Studenten an, aber auch die Familien des Personals wollen hier eine hohe Lebensqualität finden. Welche Rahmenbedingungen gilt es zu schaffen oder auszubauen? Socher: Kindergärten sind sehr wichtig und eine vielseitige Schullandschaft. Des weiteren sind kulturelle Einrichtungen unverzichtbar und natürlich attraktive Wohnstandorte. Unsere Landschaft ist sowieso einmalig schön. Wir sind insgesamt auf einem guten Weg. moritz: Wie kann die Kommune Investoren anlocken? Socher: Hier kommt noch zu wenig von der Universität. Wir haben schon viel Vorarbeit geleistet. Gemeinsam wurde eine Wirtschaftsfördergesellschaft mit Greifswald, der Sparkasse, Ost- und Nordvorpommern gegründet. Dort wird richtig viel Geld rein-

gesteckt und deren Aufgabe ist es, gezielt Werbung für die Region zu machen und Investoren zu locken. Mit dem Erreichten sind wir noch nicht zufrieden. In der Stadtverwaltung muss die Stelle im Amt für Wirtschaft schnellstens neu besetzt werden. moritz: Welchen Schwerpunkt legen Sie auf den Tourismus? Socher: Wir könnten in Zusammenarbeit mit der Community Medizin einen Markt für Gesundheitstourismus ansiedeln. Die Nachfrage ist da. Doch jede Kommune denkt leider noch für sich. moritz: Ist die Einführung eines Semestertickets für Studenten denkbar? Socher: Ja, allerdings müssten wir zunächst herausfinden, was die Studenten sich eigentlich wünschen. Denn wenn ein solches Ticket eingeführt wird, müssen wir dieses für alle Studenten anbieten, unabhängig davon, ob sie es nutzen oder nicht. moritz: Darf die Philosophische Fakultät vernachlässigt werden? Socher: Das tut mir so weh. Ich komme selbst aus dieser Fakultät und sehe, dass sich in der Sportwissenschaft nichts getan hat. Es ist sowieso ein Frevel diesen Studiengang zu schließen. Und wo bleibt überhaupt der Hochschulsport? Das ist sehr wichtig. Der eine oder andere Student kommt vielleicht extra wegen spezieller Sportangebote wie Segeln, Surfen oder Rudern nach Greifswald. moritz: Die Stadt zentralisiert die Verwaltung im jetzigen Postgebäude am Markt. Ist das eine positive Entwicklung? Socher: Die WVG hat vor Jahren ein Angebot gemacht, welches die drei Kasernengebäude in der Hans-Beimler-Straße betraf. Eines dieser Gebäude sollte saniert werden, die Stadt mietet sich ein und von der Miete saniert die WVG die Stadthalle. Das war ein tolles Modell, welches aber nicht gewollt war. Die Verwaltung sollte in die Innenstadt, denn das sind 300 Mitarbeiter, die Mittag essen und Kaffee trinken gehen. Mit der Zeit erwies sich die Nachnutzung des Postgebäudes auch als eine gute Lösung. Dabei darf man jedoch die Kosten nicht aus dem Auge verlieren. Das Gespräch führten Björn Buß und Maria Trixa.

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Foto: Robert Tremmel (6)

Birgit Socher (Die Linke)


Trainert im Sinus in Übergrößen

Und hier könnte Dein Bild stehen!

Kann ins schwafeln kommen

? Der Weltenbummler

Der Studiosi

Der Papierhändler

Erfahrung aus dem Wahlkampf vor sieben Jahren mögen vorhanden sein. Doch waren für diese Wahl namhafte SPD-Mitglieder für den OB-Posten im Gespräch. Waren diese schlauer als Mutke und wollten sie die Schmach einer Niederlage nicht erleben?

Noch bis zum 25. Februar können sich Kandiaten für die Wahl aufstellen. Ein Anruf beim Wahlleiter genügt und schon erhöht sich der politische Wettbewerb. Warum also nicht als Student für den Oberbürgermeisterposten kandidieren und den Außenseiterbonus absahnen?

Ein Malermeister wollte schon Geld für den Friseur spendieren. Vielleicht keine so schlechte Idee, um nicht als Öko gnadenlos unterzugehen. Ein zweiter Wahlgang wäre für den Grünen ein Sechser im Lotto. Oder ist dies schon der Beginn des Kommunalwahlkampfes 2009?

Kein Hochschulabschluss

Berührungsängste unbekannt

Die anderen sollen es richten

Der Unternehmer

Die Pädagogin

Der Naturwissenschaftler

Bissig ist der Schönwalder Junge. Dazu die richtigen Politikersprüche und schon ist der Weg frei, seinen ehemaligen Parteikollegen zu zeigen, wie der eigene wirtschaftliche Erfolg auf die Stadt übertragen werden kann. Ob er sich nicht zu große Schuhe anzieht?

Mit Sport hat´s die Kandidatin der Linken. Das olympische Motto steht im Vordergund: Dabei sein ist alles. Und bisher läuft ja alles gut in Greifswald. Oder warum schickt ihre Partei eine schon vor sieben Jahren erfolglose Atlethin ins Rennen? bb (alle Texte)

Ob die 2008-Wahl ein Heimspiel wird, ist fraglich. Schon 2001 war es knapp. Zuviele Probleme wurden über die Jahre verschleppt: Ladebow, Stadthalle, Technisches Rathaus. Kann König mehr, als nur wie ein netter, selbstgefälliger Onkel in die Kamera blicken?


FREIZEITBESCHÄFTIGUNG

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Parallelwelten in Greifswald Über studentische Fantasiependler

Weiblich, Mitte 20, Jurastudentin, Mitglied im Unichor. Das ist Inga Stenger in der realen Welt. Einmal pro Woche aber schlüpft sie in eine völlig andere Rolle. Als Elfe, Kämpfer oder Zwerg bestreitet Stenger dann mittelalterliche Abenteuer in der Fantasiewelt von Elrador. „Bei Rollenspielen kann ich meine Fantasie ausleben“, beschreibt die Greifswalder Studentin, was sie an Rollenspielen fasziniert. Zusammen mit sieben Freunden trifft sie sich regelmäßig, um die Welt des Pen & Paper Rollenspiels Elrador zum Leben zu erwecken. Ein Spieleabend kann dabei schon mal neun Stunden dauern. Die Zeit vergeht eben auch im Mittelalter wie im Flug. Das weiß auch Elradorspieler Alexander Rodatos. Als Jugendlicher kam der Physikstudent auf den Geschmack von Rollenspielen: „Im Rollenspiel erfahre ich Abenteuer und kann Sachen verändern, die in der realen Welt nicht möglich sind. Zum Beispiel kann ich einen König stürzen“. Fantasie und Spontaneität sind gefragt „Bei Rollenspielen, wo alle Spieler anwesend sind, lernt man auch etwas über die Privatpersonen. Zum Beispiel, wie gehen verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Situationen um?“, erklärt Stenger. Die gebürtige Sylterin schätzt den sozialen Charakter, insbesondere der Pen & Paper Rollenspiele. Interaktion und Kommunikation, Einfallsreichtum und Spontaneität seien dabei wichtige Elemente. Was bei Pen & Paper Systemen über

Verschiedene Rollenspielvarianten LARP (Live Action Role Playing): Wie der Name sagt, werden Abenteuer sehr realitätsnah nachgespielt. Zum Beispiel draußen im Wald. Mit Verkleidung. Pen & Paper: Gespielt wird mit Stift, Papier, Würfeln und ggf. weiteren Hilfsmitteln. Die Abenteuer werden aber nicht nachgespielt, sondern finden über Imagination und Kommunikation statt. Klassische PC-Rollenspiele: Allein spielbar oder im Verbund. Onlinerollenspiele: Ein Netzwerk aus Spielern, die per Internet verbunden sind und ihre Abenteuer online bestehen.

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Gewappnet mit Stift & Papier: Alexander Rodatos, Elfi Richter und Inga Stenger

die reine Vorstellungskraft stattfindet, wird bei Liverollenspielen (LARP) so real wie möglich nachgespielt. Pen & Paper Spiele finden meist drinnen statt, zum Beispiel mit Tee und Keksen gemütlich bei Freunden. Liverollenspiele werden draußen bestritten oder an verschiedenen Stätten: in antiken Gebäuden, auf Gehöften, im Wald oder am Strand. Bei den Orten gilt, was für Rollenspiele allgemein zutrifft, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Während Stenger der Pen & Paper-Typ ist, favorisiert Sebastian Thielke eindeutig LARP. Neulingen erklärt der Kommunikationswissenschaftsstudent LARP als „mittelalterliches, interaktives Freilichttheater“. Neben der aufregenden und abenteuerlichen Seite von Liverollenspielen, sei auch der positive gesundheitliche Aspekt nicht zu verachten: „Bei diesen Spielen bewegt man sich viel und ist fast die ganze Zeit an der frischen Luft“. Thielke ist Mitbegründer des Greifswalder LARP Knochenerde: „Exakte Zahlen zu nennen ist schwer. Bei Knochenerde sind um die 50 Leute aktiv beteiligt“.

Was Hancke für LARP feststellt, scheint bei PC-Rollenspielen ähnlich zu sein. Die Studie Spielplatz Deutschland – Auftraggeber waren unter anderem Jung von Matt/next und Electronic Arts – kommt ebenfalls zu einem bunten Bild von Gamern: Mehr als 50 Prozent der Freizeitspieler von PC-Rollenspielen sei über 44 Jahre alt, die Hälfte sei weiblich. Vom Klischee des männlichen pubertierenden Spielers also Fehlanzeige. Inga Stenger weiß dennoch einige Tendenzen bei Rollenspielern: „Insgesamt sind Rollenspiele in West- und Süddeutschland weiter verbreitet als in Nord- und Ostdeutschland“. Elrador-Mitbegründer Tobias Raupach pflichtet ihr bei und fügt hinzu: „Unter uns Rollenspielern sind auch viele Schachspieler.“ Der gebürtige Hesse fand selbst den Weg zum Rollenspiel übers Schachspiel. Die Parallele wundert wenig, denn strategisches Denken ist in beiden mk Disziplinen von Vorteil.

In eine andere Welt abtauchen? knochenerde.de – Greifswalder Live Action Role Playing-Spiel

Spieler wie du und ich Und was für Menschen trifft man bei Rollenspielen an?„Du triffst dort Studenten, Anwälte, Polizisten, Mediziner, Arbeiter, alles was du dir vorstellen kannst“, berichtet Julia Hancke, ehemalige Studentin der hiesigen Uni, über ihre Erfahrung bei Liverollenspielen.

elrador.de – Pen & Paper Gruppe in der Hansestadt und dem Bundesland Hessen Jeden Montag ab 20 Uhr findet im Mensaclub (mensaclub.de) der Spieleabend statt. Mit Vorliebe werden Kartenspiele wie Magic gespielt.

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PUBLIKUMSMAGNET

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Studententheater auf neuer Bühne Über das Suchen und Finden geeigneter Proberäume

Der Raum ist dunkel. Nur die Bühne ist in helles Scheinwerferlicht getaucht. Schwarze Vorhänge verkleiden die Wände und Fenster. Viele Zuschauer haben auf den bereit gestellten Stühlen Platz genommen. Stimmengewirr erfüllt das ehemalige Chemielabor in der Soldmannstraße. Das Gemurmel findet ein Ende, als Gunnar Fasold den Theaterabend eröffnet. „Ich begrüße Euch zu unserer öffentlichen Probe“, sagt das Mitglied des Greifswalder Studententheaters lächelnd. Es beginnt ein Abend, der den zahlreichen Zuschauern viel Vergnügen bereiten wird. „Die Physiker“ des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt stehen auf dem Programm. Auf der Bühne wird gemordet und gelogen, geliebt und diskutiert. Das Ensemble des Studententheaters setzt die berühmt-groteske Komödie wirkungsvoll in Szene. Die Zuschauer wissen diesen Einsatz zu schätzen. Am Ende der Vorstellung müssen sich die Nachwuchsschauspieler immer und immer wieder vor dem applaudierenden Publikum verneigen. Der Auftritt ist erfolgreich verlaufen. Der Proberaum hat seine erste Feuertaufe überstanden. Doch wird dieser Raum auch zukünftig nur für Proben genutzt werden können? Wie wird sich die schon in der Vergangenheit oft geführte Diskussion um die Auftritts- und Proberaumsituation des Greifswalder Studententheaters entwickeln?

Foto: Martha Kuhnhenn, Grit Preibisch (3)

Asbest in ehemaligen Laborräumen „Zunächst wurden mir die Räume in der Soldmannstraße für meinen Unterricht zugesprochen“, erklärt Diplomtheaterwissenschaftlerin Hedwig Golpon. Später entstand die Idee, die Räume auch durch das Studententheater nutzen lassen zu können. „Als eine der Vorstandsvorsitzenden des Studententheaters habe ich diese Entscheidung sehr begrüßt“, sagt Golpon. In der Vergangenheit hat das Studententheater schon in vielen Räumen Station gemacht. Erstes Domizil war die Bahnhofstraße. Es folgte die Kiste in der Makarenkostraße und das Haus in der Stralsunder Straße. „Es ist wunderbar, dass man nun wieder einen Ort gefunden hat“, sagt Golpon resümierend. Auch die Mitglieder des Studententheaters waren über diese Lösung erfreut. Entsprechend engagiert gingen die schauspielernden Studenten zu Werke. „Alle Räume haben wir

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Öffentliche Probe des ...

... Studententheaters (StuThe):

Dürenmatts „Die Physiker“

selbst renoviert“, sagt Jörn Sander. Das Mitglied der Improvisationstheatergruppe war einer von vielen Studenten, die den heruntergekommenen Chemielaboren zu neuem Glanz verhalfen. „Wir haben die Räume geputzt und geschrubbt. Eine Wand wurde entfernt und Möbel mussten rausgeräumt werden.“ Bei diesen Renovierungsarbeiten

kam es jedoch zu einem Zwischenfall, der für Missstimmung sorgen sollte. „Die Jungs haben Labortische rausgekloppt und dabei ist Asbest hervorgetreten“, erzählt Hedwig Golpon. Die fachgerechte Entsorgung der giftigen Stoffe hat Kosten in Höhe mehrerer tausend Euro verursacht. Kosten, mit denen die Uni-Leitung nicht gerechnet hat und die zu vermeiden gewesen wären. „In ihrem Aktionsgeist sind die Jungs etwas über das Ziel hinausgeschossen“, sagt Golpon. Es folgte eine Zeit der Funkstille zwischen Uni und Studententheater. „Schade, dass es so gelaufen ist. Schließlich haben es alle Beteiligten nur gut gemeint.“ Proberaum oder Aufführungsort? Noch dürfen die Räume in der Soldmannstraße nur für Probezwecke genutzt werden. „Die Absprachen zwischen Theater und Kanzler sehen das so vor“, sagt AStAReferent Christian Bäz. Die Mitglieder des Studententheaters hoffen jedoch darauf, den Proberaum auch für Auftritte nutzen zu können. „Wir sind froh, dass uns diese Räume für Proben zur Verfügung stehen. Aber ein Aufführungsort, an dem wir die nötige Technik fest installieren könnten, wäre noch besser“, sagt Jakob Weinert. Das Vorstandsmitglied des Studententheaters würde eine feste Spielstätte sehr begrüßen. Professor Matthias Schneider verspricht eine Entscheidung. „Zunächst müssen wir eine Prüfung veranlassen. Feuerpolizeiliche Dinge und sanitäre Anlagen müssen beispielsweise bestimmten Vorschriften entsprechen“, sagt der Dekan der Philosophischen Fakultät. Wann die endgültige Entscheidung fällt, ist noch nicht geklärt. Wie lange die Räume überhaupt noch genutzt werden können, ist auch strittig. Ende des Jahres soll das Haus in der Soldmannstraße verkauft werden. Gespräche mit einem Nachnutzer stehen an. Droht dem Studententheater in einem Jahr ein erneuter Umzug? Das bleibt abzuwarten. Hedwig Golpon wünscht sich indes eine möglichst langfristige Lösung: „Das Studententheater macht im Moment eine sehr gute Arbeit. Über 40 Mitglieder, sechs Theatergruppen und tolle Aufführungen sprechen für sich. Aber wie sollen wir uns weiterentwickeln, wenn wir immer überall rausfliegen?“ grip

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BRIEFDIENST

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Mindestens 9 Euro/h

Lohngerechtigkeit jetzt auch in Greifswald

Der Niedriglohn hat ein Ende. Zumindest für Briefträger. Seit dem 1. Januar ist ein Mindestlohn von neun Euro pro Arbeitstunde für Postboten in den neuen Bundländern allgemeinverbindlich. Vor allem für die Beschäftigten bei den Postdienstleistern außerhalb der Deutschen Post AG heißt es nun: tief durchatmen. Ihre bisherigen Löhne können sich einerseits mit dem ZwangsDeal verdreifachen. Andererseits droht ihnen Arbeitslosigkeit, denn einige Anbieter werden schließen müssen, weil den Besitzern die Gewinne zu knapp werden.

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Für drei Euro und weniger gearbeitet Zwar verliert die gelbe Post gleichzeitig zur Einführung des Mindestlohns ihr bisheriges Briefmonopol, da ihre Austräger jedoch lange vor 2008 Löhne jenseits der 10-Euro-Grenze verdienten, juckt das neue Gesetz die einstige Postbehörde weniger. Im Gegenteil: Es zeichnet sich ab, dass ein Gros der täglich 71 Millionen Briefe weiterhin durch die Deutsche Post AG zu den 43 Millionen Haushalten befördert werden. Konkurrieren können mittelfristig nur die größten alternativen Postdienstleister, wie die PIN-Gruppe des Springer-Konzerns. Deren Strategie der letzten acht Jahre bestand aus Preisunterbietung und Lohndumping bei gleichzeitigem Zukauf regionaler Zu-

stellfirmen, um pünktlich beim gesetzlichen Termin zum Fall des Briefmonopols mit einer deutschlandweiten Postlogistik an den Start gehen zu können. So auch in M-V, wo PIN die Ostsee-Post von der Ostsee-Zeitung übernahm. Investitionen die zu lohnen schienen, denn allein mit Briefen wurden 2005 etwa zehn Milliarden Euro umgesetzt, wovon laut Bundesnetzagentur 94 Prozent auf die Deutsche Post AG entfielen. Der weltgrößte Logistiker macht u.a. damit 3,87 Milliarden Gewinn vor Zinsen und Steuern. Der Mindestlohn versalzt nun das PIN-Rezept mit einem Durchschnittsstudenlohn von 5,85 Euro im Osten. Mario Klepp, verantwortlicher Verdi-Gewerkschaftler im Fachbereich Postdienste des Bezirks Neubrandenburg weist darauf hin, dass ihm sogar ein namentlicher Fall des in Greifswald zustellenden Nordkuriers (Kurierverlag) mit drei Euro namentlich bekannt sei. Geschickt verhandelnden Postboten zahlte man sieben Euro. Wobei auch hier noch nicht der Boden der Brieftasche erreicht sei, so Klepp, denn Feierabend sei nicht nach festgelegten Arbeitsstunden, sondern wenn die Kiste leer sei. Die Mehrarbeit erfolge unendgeldlich – bei der Deutschen Post mit 25 Prozent Zuschlag vergütet. Urlaubs- und Weihnachtsgeld existieren für geringfügig Beschäftigte ebenfalls nicht. So sinke der auf Papier ver-

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KINO

BRIEFDIENST

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einbarte Lohn in Realität dann sogar unter drei Euro. Weil diese Bezahlung niemanden ernährt, muss der Geringbeschäftigte (bis 400 Euro) durch den Steuerzahler mit Hartz-IV unterstützt werden. Die Zahl der PIN-Mitarbeiter in M-V schätzt Verdi auf 100, bei TNT/Ridas arbeiteten mehrere Hundert und beim Nordkurier seien es 1.200 mit 200 sozialversicherungspflichtigen Jobs. Landesvater Harald Ringstorff mahnte in seiner Neujahrsansprache beim DGB: „Wer den ganzen Tag arbeitet, muss damit seinen Lebensunterhalt sicherstellen und auch Vorsorge für das Alter treffen.“ Arbeit müsse sich lohnen und deshalb brauche es den gesetzlichen Mindestlohn in Deutschland. Das klingt nach menschlicher Gerechtigkeit, wenn der Ministerpräsident damit alle diejengigen mitmeint, die arbeiten – wenn auch nur stundenweise. Das beträfe in M-V einen Großteil der Friseure, Brot-Verkäufer und Call-Center-Jobber, die mit unter sieben Euro bezahlt werden. Tief durchatmen heißt es für die Postmitarbeiter. Für einen Mindestlohn muss ihr Job erst erhalten bleiben. Die Deutsche Post genießt trotz hoher Lohnkosten - langjährige Briefträger verdienen bis zu 16 Euro - als einziger Marktbewerber vorläufig noch das Privileg der Mehrwert-

steuerbefreiung, da sie verpflichtet ist, auch in kleinen Dörfern die Post auszutragen, deutschlandweit. Für ein kleines Postunternehmen lohnt dass durch den Mindestlohn nun überhaupt nicht mehr. 90 Prozent aller Briefe sind geschäftlich Nur Logistik-Riesen wie die PIN oder TNT könnten diesem Anspruch gerecht werden und dann entfiele für sie vor Gericht wahrscheinlich auch die Mehrwertsteuer. Wettbewerb, so meint Mario Klepp von Verdi, wäre durch die weiterhin bestehenden Lohnkostenunterschiede zwischen Deutscher Post und ihrer Konkurrenz gegeben. Die Margen, die vor allem bei der geschäftlichen Infopost verdient werden, blieben sicherlich ausreichend. Das Interesse von Investoren an der PINGruppe reichte kürzlich immerhin aus, um den Beschäftigungsabbau zu stoppen. Zu den ins Visier genommenen Großkunden gehört zum Beispiel die Uni Greifswald, die im November tausende Senats-Wahleinladungen mit der „grünen Post“ an die Studierenden verschickte. Die Dumpinglöhne dienten demnach nicht nur den Gewinnen der privaten PIN und Co, - sondern auch den öffentlich-rechtlichen Absendern. bert

Postdientleister in Greifswald: Preisbeispiele und Lohnkosten vor 2008 Briefdienstleister:

Deutsche Post AG

Ostsee-Post PIN Gruppe

Nordkurier Kurierverlag

TNT/Ridas TNT Post

Lohn* vor Mindestlohn

ab 10,24 Euro bis 16 Euro/H

5,86 Euro/h

3-7 Euro/ h

6 Euro/h

Brief bis 20g

0,55 Euro

0,42 Euro

0,42 Euro

Brief bis 50g

0,90 Euro

0,72 Euro

0;86 Euro

kein BriefService für Privatkunden

Päckchen bis 2.000g

3,90 Euro

2,67 Euro

2,67 Euro

Infopost (Brief bis 20g)

0,42 Euro

0,27 Euro

0,24 Euro

0,36 Euro

Zustellgebiet

unbegrenzt

Neue BL ohne Thüringen

Neue BL, HH, Schl.-Holstein

unbegrenzt

Filialen/ Service in Greifswald

Markt 15-19; Elisenpark; Lomonossowallee 58; Wolgaster Str. 85-86

J.-S.-Bachstr. 32 (OZ); Lange Str. 33; V.Bering-Str.19; Wolgaster Landstr. 24

Gützk. Str. 80; Lomonossowallee 57; Warschauer Str. 17; Beimler-Str. 1; Schuhhagen 1

Abholung beim Kunden

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Foto: Robert Tremmel; Info-Kasten (Katja Graf, Robert Tremmel): Angaben ohne Gewähr; * Lohnzahlen von Ver.di Bezirksbüro Neubrandenburg; Stand: 17.01.2008

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BIBLIOTHEKENBEWERTUNG

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Zwischen den Regalen

Fünfter Platz trotz wenig Annahme des elektonisches Angebots Im letzten Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zu den Universitätsbibliotheken für Geisteswissenschaften kam Greifswald auf den fünften Platz. Laut Umfrage sind die Studenten hier besonders zufrieden mit dem Online-Service und den Öffnungszeiten und das, obwohl die Bestände bei der Befragung noch 25 Stunden weniger pro Woche zur Verfügung standen. Trotzdem sind die längeren Öffnungszeiten eine Bereicherung, findet auch die Referentin für Studium und Lehre vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA), Kristina Kühn: „Ich hoffe sehr, dass es sich rechnet und beibehalten wird. Das wertet die Bibliothek enorm auf. Abends ist die UB immer voller als tagsüber.“ Das hat auch Direktor Dr. Peter Wolff festgestellt: „Die Studenten, die am Sonntag oder später am Abend in der Bibliothek sitzen, lesen meist bewusst und kommen nicht nur, um im Internet zu surfen.“ Doch der Service ist noch nicht optimal. Zurzeit werden die zentrale Universitätsbibliothek und die Zweigstelle am Schießwall nach 21 Uhr und sonntags nur von einem Wachdienst beaufsichtigt. Es wird außerdem überlegt, das Ausleihen durch einen Selbstbedienungsterminal über die gesamte Öffnungszeit hinweg möglich zu machen, was den Service von geschultem Personal jedoch nicht ersetzen kann. Die Mitarbeiter der Bibliothek sehen die Neuerungen weitestgehend positiv. „Für uns hat sich nicht viel verändert, aber wir haben montags einen deutlich größeren Arbeitsaufwand. Es müssen einfach viel mehr Bücher weggeräumt werden“, erklärt Direktionsassistentin Birgit Fiedler. Innovationen noch kaum bekannt Auch der Zugang zu elektronischen Zeitschriften wurde von den Studenten im Ranking gut bewertet. Dabei scheint dieses Angebot noch viel zu wenig genutzt zu werden. Die Zahl der elektronisch zugänglichen Medien hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht. Allein die elektronischen Zeitschriften stiegen von 1500 im Jahr 2005 auf 3800 im Jahr 2006. Studenten, die vor ein paar Semestern die Einführung in die Datenbanken wahrgenommen haben, wissen oft schon nicht mehr, welche neuen Möglichkeiten mittlerweile zur Verfügung

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Selbstbedienung anders verstanden

stehen. Zum Beispiel werden seit 2000 Dissertationen der Universität Greifswald elektronisch bereitgestellt. Die Bestände der nichtelektronischen Zeitschriften hat sich jedoch halbiert, da seit der Kürzung der Hochschulbauförderung im Jahr 2004 deutlich weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Eine auch nicht mehr ganz neue, aber wenig bekannte Möglichkeit Bücher zu nutzen, ist der Service von „eBooks on demand“, der vollständige Kopien von alten Büchern (von 1501 bis 1900) zur Verfügung stellt. Dieses Angebot von 13 Bibliotheken aus acht europäischen Ländern ist allerdings kostenpflichtig. Man zahlt eine Grundgebühr von 35 Euro, die 100 Seiten beinhaltet, für jede

weitere Seite kommen noch 15 Cent hinzu. Das kann teuer werden, aber es besteht meist auch die Möglichkeit nach Stichwörtern in den Texten zu suchen. „Das ist eine ganz andere Seite der Bibliothek,“ erklärt Wolff, „heutzutage beschränkt sich Bibliothek nicht mehr auf das Buch. Das hat einen hohen Stellenwert und ist aus bestimmten Gebieten gar nicht wegzudenken, aber bei eBooks und Zeitschriften nimmt das elektronische Angebot doch enorm zu.“ Bücher vorschlagen Die Verfügbarkeit an benötigter Literatur soll aber weiterhin so aktuell wie möglich gehalten werden. Für die Anschaffung von

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BIBLIOTHEKENBEWERTUNG universum

Büchern stehen der UB in Greifswald jedes Jahr circa 1,2 Millionen Euro von der Universität und etwa 104 000 Euro vom Land zur Verfügung. Dazu kommen noch Nationallizenzen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und die Mahngebühren gehen ebenfalls in den Buchetat. Für Bibliotheken gibt es beim Kauf von Literatur fünf Prozent Rabatt. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass Bücher, die von Studenten für die Anschaffung vorgeschlagen werden, auch tatsächlich kurze Zeit später in den Regalen zu finden sind. Für diesen Zweck, und wenn man andere Anregungen hat, liegen an der UB-Servicetheke nicht nur Formulare aus, Feedback ist auch per E-Mail möglich. „Es gibt nur wenige Studenten, die das machen und wir versuchen diese Wünsche dann auch zu berücksichtigen, es könnte aber ruhig mehr genutzt werden.“, sagt Fiedler.

Kommentar: Zivilcourage zeigen Dass der geringe Bestand an Standardliteratur einen Konkurrenzdruck erzeugt, kann unbestritten bleiben. Das Problem des Bücherdiebstahls ist vielleicht auch ein Problem, das von den Betroffenen selbst erzeugt wird. Zivilcourage ist nicht IN – zuviel erinnert immer an den Stereotypen des Blockwarts, der jede verdächtige Handlung zu kritisch in Augenschein nimmt. Wer also nachschaut und nachfragt, macht sich leicht der Zivilcourage verdächtig. Wer Kommilitonen direkt anspricht, ebenso. Denn der Verdacht allein erscheint unerhört. Normalerweise ist das nachvollziehbar, geht man vom Bild des Kommilitonen aus, der die Werte seines humanistischen Abiturs verinnerlicht hat. Die Anzahl der Diebstähle in den Bibliotheken spricht jedoch dagegen. Betrachtet man die Situation in der Fachbibliothek Rechtswissenschaften, ist mehr Aufmerksamkeit kein Zeichen von Spitzeltum, sondern von Verantwortung und Solidarität mit den Studierenden. „Augen auf“ ist also mindestens dort, wenn nicht auch überall, ein Motto, das Beachtung verdient. Natürlich müssen die Bibliotheksangestellten ihren Teil dazu beitragen. Beobachtungen zeigen, dass Taschenkontrollen – wie zum Beispiel in der Bereichsbibliothek am Schießwall – vom angestellten Wachschutzpersonal und auch den studentischen Hilfskräften nicht selten nachlässig und wenig sorgfältig durchgeführt werden. Routine und Gleichgültigkeit der meisten Beteiligten gegenüber den Verhältnissen bewirken mehr als gute Chancen, dass ein Student allen Studenten ein wichtiges Buch durch Diebstahl entzieht. Arik Platzek

Foto: Robert Tremmel

Nur Buchwissenschaftler bewerteten Auch die Fernleihe kann als ein Indikator für die Qualität des Bestandes betrachtet werden. Die Greifswalder UB bekommt deutlich mehr Anfragen, als dass von ihr aus Bücher angefordert werden. Eine Fernleihe mit allen Arbeitsabläufen, die dazu gehören, kostet ungefähr 30 Euro. Der symbolische Preis von 1,50 Euro, den Studenten dafür zahlen, wird zwischen nehmender und gebender Bibliothek aufgeteilt. „Bei Reclam-Ausgaben lohnt sich das zum Beispiel gar nicht. Dann können wir das Buch auch gleich kaufen.“, sagt der Direktor. Bei der Bewertung durch das Hochschulranking darf jedoch nicht vergessen werden, dass nur die Studenten der sogenannte „Buchwissenschaften“ befragt wurden. Dazu gehören die Philologien und Geschichte aber auch Erziehungswissenschaften und Psychologie. Eine umfassende

Beurteilung der gesamten Universitätsbibliothek liegt jedoch keineswegs vor. Studenten nehmen Bücher weg In anderen Fächern scheint man weit weniger zufrieden mit der Ausstattung zu sein. Vor allem in der Bereichsbibliothek am Schießwall kommt es neben dem Herausreißen von Seiten auch immer wieder zu Bücherdiebstahl, meist in der juristischen Abteilung. „Jurastudenten? Die haben vielleicht das falsche Fach gewählt. Das finde ich scheiße und auch, dass manche Studenten die Bücher böswillig an falschen Stellen einsortieren“, meint Lehramtsstudentin Agathe Brenner. Und so ist es schwer festzustellen, ob ein Buch wirklich gestohlen wurde oder nur verstellt ist. „Man kann nicht sagen, wie viele Bücher geklaut werden. Wir können nur Aussagen machen über Bücherreste;

also manchmal findet man herausgerissene Barcodes oder Bücherdeckel.“, berichtet Ellen Ludwig, die verantwortliche Diplombibliothekarin der Bereichsbibliothek am Schießwall. Als mögliche Gründe kann sich Wolff vor allem Konkurrenzdruck vorstellen. Dieser ist bei den Juristen besonders hoch: „So in dem Sinne: Wenn ich das Buch klaue, bekommt es auch kein anderer.“ Letztendlich findet sich beim CHE-Ranking das gleiche Problem, wie bei allen anderen, in denen es um den Vergleich der Hochschulen aus Sicht der Studenten geht. Nur wenige haben schon an mehreren Universitäten studiert. So sind die meisten nicht in der Lage beurteilen zu können, wie gut die Uni oder ihre Bibliothek ist. Damit spiegelt ein Ranking eher die Zufriedenheit der Studierenden wieder, als die tatsächliche Qualität von Ausstattung und Lehre. lah ANZEIGE

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VERKEHRSPROJEKT

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Schrankenlos

Halbzeit beim Bau der Bahnparallele So soll das fertige Bauobjekt aussehen

skrieger. Früher am Rand der Bebauung gelegen, durchqueren die Bahngleise heute das Stadtgebiet, mit der Folge, dass sich an vier Punkten die Gleise auf gleicher Ebene mit dem Straßenverkehr kreuzen. „1998 erfolgte dann der Grundsatzbeschluss der Bürgerschaft für den Bau dieser Bahnparallele“, fügt der Bausenator hinzu. Noch ein Kreisverkehr

Als Marcus Heide vor einem knappen Jahr in die Nähe des Greifswalder Hauptbahnhofes zog, erschien ihm die Baustelle direkt vor seiner Haustür noch als eine Nebensächlichkeit, „doch die Ausmaße der Bauarbeiten waren dann anders als gedacht. Besonders die nächtlichen Rammarbeiten waren sehr belastend“, sagt der Medizinstudent. Christoph Schaller, Erstsemester der Landschaftsökologie, stimmen die Bauarbeiten vor dem Botanischen Institut, hinter dem Bahnhof, auch nicht besonders freundlich: „Täglich muss ich einen nicht geringen Umweg in Kauf nehmen und oft führt mein Weg durch Schlamm und Dreck“. Bei soviel Unmut stellt sich die Frage, was denn am Bahnhof im Zentrum von Greifswald eigentlich vor sich geht. Bau dauert schon drei Jahre an „Es handelt sich um das größte Bauprojekt der Stadtgeschichte“, berichtet der Bausenator Reinhard Arenskrieger. Die Rede ist von der Anlegung einer neuen Hauptverkehrsachse in Greifswald, der sogenannten

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Bahnparallele. Südwestlich und parallel zu den Bahngleisen wird die zweispurige Fahrbahn verlaufen. Im Mai 2005 begannen die Bauarbeiten und seitdem ist viel passiert. Mitte Dezember 2007 konnte der erste Bauabschnitt abgeschlossen werden. Bei einer offiziellen Baubegehung sammelte nicht nur der Oberbürgermeister Dr. Arthur König die ersten Eindrücke von der fertig gestellten Auto- und Fußgängerunterführung am Bahnhof. „An die 50 Bauleute arbeiten hier täglich“, teilt der Bauleiter Nico Eick mit. Im vierten Quartal dieses Jahres soll bereits ein Abschnitt der Bahnparallele für den Stadtverkehr freigegeben werden. Damit wird der Verkehr aus der Grimmer Straße und der Bahnhofstraße abgenommen. Danach stehen die Bauarbeiten an der Scharnhorststraße und Gützkower Straße im Mittelpunkt. Bis zum Jahresende 2009 soll das gesamte Bauvorhaben abgeschlossen sein. Doch welche Intention steckt hinter diesem groß angelegten Bauprojekt der Stadt?„Eine alte Idee wurde einfach wieder aufgegriffen, denn der Ursprungsgedanke stammt bereits aus der Weimarer Zeit“, erklärt Aren-

Die neu angelegte Straße wird eine Verbindung zwischen zwei bedeutenden Haupteinfahrtswegen der Stadt, der Gützkower und Grimmer Straße, herstellen. In Höhe der alten Fußgängerbrücke erfolgt zudem ein Anschluss durch den neuen Autotunnel mit integriertem Geh- und Radweg an die Bahnhofstraße. Die jeweilige Fahrtrichtung wird durch einen Kreisverkehr an der Schnittstelle von Tunnel und Bahnparallele geregelt. Das Ziel dieses neuen Straßennetzes ist die Aufhebung aller höhengleichen Bahnübergänge in der Hansestadt. Das gesamte Bauvorhaben findet seine Realisierung auch gemäß dem im August 1963 festgesetzten Eisenbahnkreuzungsgesetz. Dieses schreibt die generelle Aufhebung höhengleicher Bahnübergänge vor, „soweit es die Sicherheit oder Abwicklung des Verkehres erfordert“. Mehr Verkehr in der Rubenowstraße Ob am Karl-Marx-Platz, auf der Gützkower und Scharnhorststraße oder am Gorzberg, überall mussten täglich Auto- und Radfahrer sowie Fußgänger lange Wartezeiten vor den Schienen in Kauf nehmen. Und längst war nicht mehr eine hinreichende Sicherheit an den Bahnübergängen vor allem für die Radfahrer und Fußgänger gegeben. Durch den Wegfall der beschrankten Bahnübergänge soll der Stadtverkehr daher sicherer und fließender werden. Gleichzeitig wird die Fleischervorstadt von gebietsfremdem Verkehr entlastet und der Einfahrtsweg über den Autobahnzubringer Grimmer Straße wird schneller und attraktiver. Für die ehemals stark befahrene Bahnhofstraße sowie Gützkower Straße soll eine deutliche Lärmminderung eintreten. Jedoch ist fraglich, ob auch alle Anwohner davon profitieren werden. Nach einer Verkehrsstudie von 2003 für das Jahr 2015

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VERKEHRSPROJEKT

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liegt zwar eine Teilentlastung der genannten Straßen vor. Doch ist eine deutlichere Mehrbelastung für die Rubenowstraße zu erkennen, die aufgrund ihrer Campusnähe für den ansteigenden Verkehr gar nicht prädestiniert ist. Zudem bleibt die prognostizierte Verkehrsentlastung für den Abschnitt der Bahnhofstraße zwischen Bahnparallele und Gützkower Kreuzung fraglich. Aufgrund der neuen Straßenverhältnisse könnte hier mit einem bei Weitem größeren Verkehrsaufkommen zu rechnen sein. Dass durch die neue verbesserte Schienenverkehrssituation zukünftig ein ICE durch Greifswald fahren könnte, wurde vom Bahnmanagement Stralsund dementiert: „Ob die Strecke Stralsund – Berlin nach der Fertigstellung der Bahnparallele auch von einem ICE befahren werden kann und dass es dafür Bestrebungen gibt, ist mir nicht bekannt. Auf jeden Fall wird der IC weiterhin fahren“, so Ingo Mau von der Deutschen Bahn.

Foto: Peter Schmidt Büro Form NORD, Corneliai Bengsch

Kostenpunkt: 27 Millionen Euro Neben dem Aus- und Umbau vorhandener Verkehrsanlagen werden neu erbaute Strecken mit einer Gesamtlänge von zwei Kilometern entstehen. Doch ein Projekt diesen Ausmaßes mit einer Gesamtkostenhöhe von 27 Millionen Euro muss auch finanziert werden. Eine entsprechende Regelung für die Finanzierung des Bauvorhabens wird vom Eisenbahnkreuzungsgesetz vorgegeben. Demnach ist zu gleichen Teilen der Betrag von der Deutschen Bahn AG, der Hansestadt Greifswald und dem Bund zu tragen. „Die städtischen Kosten werden zu einem durch einen kommunalen Aufbaufondkredit von der Stadt getragen, zum anderen fördert das Land MecklenburgVorpommern das Vorhaben“, erklärt Bärbel Lenuck, Pressesprecherin der Hansestadt. Marco Heide kommentiert dazu: „Ich hätte das Geld in Greifswald anders investiert zum Beispiel in Bildungszentren und Sportanlagen.“ Nach Aussagen der Pressestelle wurden während der Bauzeit aber keine anderen Investitionen zurückgestellt. „Da es sich um ein langfristiges Projekt handelt, mussten bisher keine anderen Bauvorhaben der Stadt aufgeschoben werden“, so Lenuck.

Geh- und Radtunnel ersetzt. „Die Tunnel finde ich gut, denn so bleiben die gewohnten Wege erhalten“, sagt Germanistik- und Geschichtsstudentin Steffi Schulz. Sie ist selbst Radfahrerin und mit der momentanen Situation unzufrieden. Die derzeitig einzige Möglichkeit, die Gleise zu überqueren, ist die Unterführung am Bahnhof. Ende des Jahres soll ein Tunnel am Karl-Marx-Platz diese Situation verbessern. Die Unterführungen in der Scharnhorststraße und am Gorzberg werden mit der Fertigstellung des gesamten Bauprojektes 2009 zugänglich sein. Im Bereich des Bahnhofes soll es sowohl für Fußgänger als auch für Radfahrer durch zwei neue Geh- und Radwegbrücken ausreichende und leicht zu nutzende Übergänge zwischen Innenstadt und Fleischervorstadt geben.

gehen und habe mich daran gewöhnt“, sagt ein Student, dem sein illegales Verhalten gar nicht bewusst war. Antworten dieser Art müssen sich die Polizisten der Bundespolizei Neubrandenburg oft anhören. „Die Leute wollen sich und den Bahnverkehr nicht bewusst gefährden, aber sie provozieren es mit ihrem Handeln.“ Steffi Schulz wurde Augenzeugin, wie ein Mann kurz vor einem Zug die Gleise überquerte, „Da wurde mir richtig schlecht.“ Sie findet dieses Verhalten leichtsinnig: „Ich weiß nicht, ob man sein Leben für fünf Minuten Zeitersparnis auf Spiel setzen sollte.“ Pressesprecher Perschall appelliert an die Anwohner und Reisenden die Sicherheitsvorschriften der Bahn zu beachten: „Jeder, der sich selbst in Gefahr begibt, ist einer zu viel.“

Gleisüberquerung ist illegal

Ein neues Stadtbild

Da momentan die gewohnten Wege in die Stadt, zur Universität oder zum nächstgelegenen Einkaufsmarkt noch abgesperrt sind, werden täglich entlang der gesamten Baustelle illegal die Bahngleise als Abkürzung überquert. „Es handelt sich bei der Überquerung der Bahngleise um eine Ordnungswidrigkeit und kein Kavaliersdelikt“, äußert der Pressesprecher des Bundespolizeiamtes in Rostock, Stefan Perschall. „Je nach Einstufung der Gefährlichkeit kann die Überquerung mit einem Verwarngeld von 25 bis 75 Euro geahndet werden.“ „Ich benutze die Abkürzung um Einkaufen zu

Wie sich der Bau der Bahnparallele nach der Fertigstellung nun wirklich auf den innenstädtischen Verkehr auswirkt, muss abgewartet werden. Es ist jedoch gewiss, dass sich ein Teil des gewohnten Stadtbildes verändern wird. Ein weiteres Straßennetz existiert neben dem bisherigen. Die alte Fußgängerbrücke über den Bahngleisen ist verschwunden und wird durch zwei neue ersetzt. Und mit einer gleichzeitig einsetzenden Umgestaltung des Bahnhofvorplatzes sollen ausreichend Plätze für Fahrräder, Autos und Taxis geschaffen werden. cb, cf

Der fast fertige Tunnel in der Bahnhostraße

Tunnel für Radfahrer Da Greifswald vorrangig auch Fahrradstadt ist, sind entsprechende Maßnahmen in die Bauplanung eingeflossen. Drei der vier höhengleichen Bahnübergänge werden durch

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WISSENSCHAFT universum

„Im Leben verankert“

Der Mathematik werden 365 Tage gewidmet „Mathematik als Geisteswissenschaft“

nige Vorschläge aber noch keine konkreten Pläne.

2008 ist das Wissenschaftsjahr der Mathematik. Deshalb sprach moritz mit Professor Bernd Kugelmann, Direktor am Institut für Mathematik und Informatik.

moritz:Wofür brauchen wir mathematische Forschung im Alltag? Kugelmann: Die Welt ist eigentlich immer viel komplizierter als die Mathematik. Mit der Steuerung des Chips einer Waschmaschine kann man beschreiben, wie sie weniger Energie verbraucht.Auch die für die Kontobearbeitungssicherheit benötigten Verschlüsselungsalgorithmen zeigen, wie die Zahlentheorie als abstraktes weltfremdes Thema einen handfesten Grund bekommt. Und in der Geldanlage werden mit Modellen der Statistik und Stochastik Risiken und Gewinnchancen berechnet und abgeschätzt.

moritz: Plant das Institut in diesem Jahr Veranstaltungen zu Ehren seiner Disziplin? Prof. Bernd Kugelmann: Es sind einige Aktivitäten geplant, aber noch ist wenig konkret. Fest steht, dass es am 8. Januar im Alfried Krupp Kolleg einen Vortrag der Reihe „Einblicke in die moderne Mathematik“ gibt. Ein weiteres Vorhaben sind Vorträge im Rathaus im Rahmen der Reihe „Universität im Rathaus“. Wir wollen eine länger dauernde Ausstellung für Mathematik und Kunst gestalten. Außerdem ist ein Kollege auf die Idee gekommen einen Kabarettisten und promovierten Mathematiker einzuladen, der die deutsche Wissenschaftskultur auf die Schippe nimmt. Darüber hinaus gibt es noch ei-

moritz: Was tut die Mathematik für andere Wissenschaften? Kugelmann: In der Fakultät zeigen andere Kollegen immer wieder starkes Interesse an einer Zusammenarbeit. Die funktioniert aber nicht immer optimal. Es gibt eine Sprachbarriere, denn dasselbe wird mit anderen Worten gesagt. Die Kollegen sind natürlich vor allem an Anwendungen interessiert, die wir mit unseren mathematischen Methoden leisten können. Auch als Werkzeug zur Überprüfung von Thesen ist Mathematik durchaus geeignet. Mathematische Modelle haben den Vorteil der Allgemeingültigkeit. Dadurch sind sie flexibel und wiederholt anwendbar.

moritz: Was tut die Mathematik für andere Wissenschaften? Kugelmann: In der Fakultät zeigen andere Kollegen immer wieder starkes Interesse an einer Zusammenarbeit. Die funktioniert aber nicht immer optimal. Es gibt eine Sprachbarriere, denn dasselbe wird mit anderen Worten gesagt. Die Kollegen sind natürlich vor allem an Anwendungen interessiert, die wir mit unseren mathematischen Methoden leisten können. Auch als Werkzeug zur Überprüfung von Thesen ist Mathematik durchaus geeignet. Mathematische Modelle haben den Vorteil der Allgemeingültigkeit. Dadurch sind sie flexibel und wiederholt anwendbar. moritz: Was haben Sie vom Jahr der Geisteswissenschaften mitbekommen? Kugelmann: Nicht viel. moritz: Finden Sie es gerechtfertigt, dass die naturwissenschaftlichen Fächer in den Wissenschaftsjahren einzeln fokussiert werden, die Geisteswissenschaften aber gemeinsam thematisiert wurden? Kugelmann: Nein, aber die Mathematik kann auch als Geisteswissenschaft aufgefasst werden. Wenn man zur Schule geht, meint man, Mathematik schreibt die Welt genau ab, aber ihr bleibt immer eine Abstraktion enthalten, die nur im Kopf existiert. Es könnten natürlich auch die geisteswissenschaftlichen Disziplinen einzeln thematisiert werden, aber es sollte sicherlich nicht jedem Institut ein eigenes Jahr gewidmet werden. Das Gespräch führte Sarah Bechimer.

Kommentar: Generalisierung der Geisteswissenschaften Eigentlich ist es zu spät, um sich zu beschweren. 2007 ist vorbei, das Jahr der Geisteswissenschaften abgeschlossen. Die Wissenschaftswelt wendet sich endlich wieder den „richtigen“ Forschungsgebieten zu. Nach den Jahren für Bio, Chemie, Technik, Informatik und zweimal Physik ist das Jahr 2008 der Mathematik gewidmet. Schade, dass das in Greifswald wohl unbemerkt bleiben wird. Das zuständige Institut hat keine konkreten Pläne. Dass die Messlatte durch die Angebotsvielfalt der Geisteswissenschaften im vergangenen Jahr sehr hoch liegt, wird großzügig übersehen. Wie soll mit Planlosigkeit und Ignoranz für die Leistung anderer das Ziel der Verkündigung von der modernen Mathematik erreicht werden? Doch in einem sind sich alle einig: „Nicht jedem Institut der Geisteswissenschaften sollte ein Wissenschaftsjahr gewidmet werden.“ Und ein einzelnes Institut für Mathematik und Informatik verdient im Sinne der Gleichberechtigung aller

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Wissenschaften mindestens zwei Jahre? Selbstverständlich, denn mit dem Wissenschaftsjahr 2007 haben die Entscheidungsträger schließlich bewiesen, wie sehr sie auch die nicht mathematischnaturwissenschaftlichen Disziplinen respektieren. Dass diese damit aus Versehen zu einer Generalwissenschaft zusammengefasst werden, ist doch nebensächlich. Wie kann es passieren, dass ein Bundesministerium für Bildung und Forschung nicht erkennt, dass Anglistik, Geschichtswissenschaft, Psychologie und Theologie mindestens ebenso eigenständige Forschungsgebiete sind wie Physik und Mathematik? Dabei kann sich auch die Mathematik in der institutsübergreifenden Zusammenarbeit ein Beispiel an den Geisteswissenschaften nehmen, die es nicht nur schaffen die Sprachbarriere zu überwinden, sondern sie sogar vielfältig thematisieren und Lösungsvorschläge für Probelme der internen Zusammenarbeit anderer Wissenschaften anbieten könnten. sb

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INTERNET

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Der Überwachungsstaat?

Die Vorratsdatenspeicherung hat in Deutschland begonnen So soll das fertige Bauobjekt aussehen

ren Anbieter einmalig bis zu 180 Millionen Euro und danach jährlich bis zu 25 Millionen Euro zukommen. Eine Entschädigung der Unternehmen für die Vorratsdatenspeicherung ist in Deutschland, im Gegensatz zu anderen EU-Staaten, nicht vorgesehen. Weitere Fragen bleiben offen, beispielsweise inwieweit in Verbindung mit anderen Gesetzen die Freiheit der Forschung und der weltweite wissenschaftliche Austausch zwischen den Hochschulen von der Vorratsdatenspeicherung betroffen ist.

Foto: Sarah Bechimer, photocase.com

Klage erhoben

Zu Beginn des neuen Jahres trat das „Ge- ratsdatenspeicherung bestehe. Dies gelte setz zur Neuregelung der Telekommunika- sowohl für Telefon- als auch Internetdationsüberwachung und anderer verdeckter ten. Mehrkosten dürften somit nicht auf Ermittlungsmaßnahmen sowie zur Umset- die Universität zukommen, dafür aber auf zung der Richtlinie 2006/24/EG“ trotz vehe- den benutzten Telekommunikationsanbiementer öffentlicher Proteste in Kraft. ter, denn alle Daten, sofern es sich nicht Das Gesetz verpflichtet Telekommunikati- um rein interne Verbindungen im Uni-Netz onsanbieter Verbindungsdaten sechs Mo- handelt, werden von ihm gespeichert. Man nate zu speichern und den Behörden im geht davon aus, dass dafür auf jeden größeBedarfsfall zur Verfügung zu stellen. ANZEIGE Konkret sind dies bei Telefongesprächen Datum, Uhrzeit, die Nummern der Beteiligten sowie die Dauer des Gesprächs. Bei Mobilfunkverbindungen kommt zusätzlich noch die Funkzelle, also der Standort zu Beginn des Gesprächs hinzu. Für das Internet bezieht sich die Voratsspeicherung auf die IP-Adresse des Zugangs, die E-Mail Verbindungsdaten und die Internet Telefonie. Was bedeutet die Vorratsdatenspeicherung für unsere Hochschule und insbesondere deren Kommunikationseinrichtungen wie Internet, Telefon und E-Mail? Welche Kosten sind damit verbunden?

Am 31. Dezember letzten Jahres hat der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, gestützt auf rund 30.000 Vollmachten deutscher Bürger, beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eine Verfassungsbeschwerde gegen dieses Gesetz eingereicht, die auch der Greifswalder Verfassungsrichter Helmut Wolf für „sehr aussichtsreich“ hält. Gegen die EU Richtlinie 2006/24/EG, die das deutsche Gesetz übererfüllt, haben Irland und Slowenien vor dem Europäischen Gerichtshof Klage eingelegt. mpf

Die Klagenden vorratsdatenspeicherung.de

Finanzielle Auswirkungen Aus dem Universitätsrechenzentrum war zu erfahren, dass für die Alma Mater keine Pflicht zur Vor-

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CD

feuilleton

Auf‘s Maul Schön öde

Perle

RotoR

OneRepublic

Radiohead

Drei Stoner-Atzen in een Raum, da is’ schlecht Wunde lecken. Stattdessen bluten Gitarren aus allen Humbuckern. Sehr folgerichtig heißt der Opener „Auf’s Maul?“. Ob das eine im Ernst gestellte Frage ist, sagt die restliche Titelei der CD, die selbst staubtrocken „3“ heißt, was immerhin der Anzahl der Bandmitgl... – ach, hatten wir schon. Unbedingt ja! Weitere Antworten zu suchen sind bei Tracknames wie „Umkehrschub“, „Klar Schiff “ oder „Kaltstart“ wenig zielführend. Texte und Gesang sind nämlich in dem 41 Minuten lang wütenden Wüstensturm gar nicht vorgesehen. Gar kein Problem. Die Grooves riechen erdig wie Saddams letzter Tag in Freiheit. Für den Sound stehen Kyuss und QOTSA in der Etappe. Bei den Riffs werden aber keine Gefangenen gemacht: Standard-Stoner-Pattern wechseln mit modernen Psycho-Core-Sequenzen, die durch die Effekthölle gejagt werden. Ab und zu bricht überraschend eine neue Hook-Granate durch den Wall-Of-Sound und räumt ihn ab bis aufs Fundament von Drums und Bass. Wer wissen will, wie weit sich Gitarrensaiten runter stimmen lassen, bevor sie vom Griffholz schlackern, wer nach einer grobkörnigen Abschleifung des Trommelfells lechzt und dabei Verlangen spürt nach männlich-intuitiven Tiefhänge-GitarrenMoves, heißer und stoner als irgend ein berechnender Frauenbeinüberschlag, der muss sich nu... – Richtig! Aber auf Anschlag. Ein kleiner Hörschaden bleibt zu kritteln: Der silbrige Feinstaub eines Rocksounds fehlt leider. Anzunehmen ist, dass die drei Mittzwanziger-Nachwuchs-Banger sämtliche Euros in monströse Marshall-Stacks investierten und danach der Schotter für eine High-End-Abmischung ausging. Hilft nur ditte da: Mehr laut dreh’n, wa’ Keule? bert

Mit “Apologize” schafften es OneRepublic gerade noch rechtzeitig einen der Hits 2007 zu landen. Dass das dazugehörige Album „Dreaming out loud“ auch nur ähnlich erfolgreich wird, ist sehr fraglich. Hier reihen sich mehrheitlich gesichtslose, aber nett arrangierte Pop-Songs aneinander. Es ist ein unspektakulärer Versuch der US-amerikanischen Gruppe mit guten Ideen und zu wenig Innovation, den Status der Provinzband aus Oklahoma zu verlieren. Dabei ist Leadsänger Ryan Tedder eigentlich Songwriter und schrieb schon für einschlägige Rock- und Popgrößen. Vielleicht ist es das Fehlen einer markanten Singstimme oder die stärkere Konkurrenz auf dem mit soften Gitarren-Rock überlaufenen Markt. Fast alle Stücke sind Midtempo Arrangements und verlieren sich daher irgendwo zwischen nicht-wirklich-Ballade aber zu-langsam-zum-Tanzen. Diese unentschlossene Zwischenhaltung durchzieht das ganze Album. Zu positiv, um graue, nasskalte Januarnachmittage zu genießen, aber zu depressiv, um Stimmungstiefs zu überwinden. Mit einigen Melodien, die irgendwo doch schön sind, schließt sich der Kreis. Der Eindruck, dass „Dreaming out loud“ zu durchschnittlich klingt, um trotz Top-Ten-Hit im Schrank zwischen den Lieblingplatten Platz zu finden, bleibt. Der Longplayer der Band bietet ein paar musikalisch wirklich schöne Intros und die nicht von Timbaland gefeaturte und daher noch bessere Version von „Apologize“. Hörenswert ist auch der titelgebende Song „Dreaming out loud“ , er lässt Tedders Kompositionstalent erahnen. Das seit langem erste Album von OneRepublic hinterlässt zu viele nette Eindrücke, um wirklich schlecht zu sein. sb

Aufgemerkt. Es gibt den Band-Besprech, bei dem die Bildung klanglicher Referenzen zu anderen Musikern zwingend überflüssig ist. Stattdessen wird der Vergleich zu diesem und jenem Langspieler aus der schaffenden Existenz derselben Gruppe bemüht. Ansonsten bewährt sich stets das Kreischen einer Metapher, die gleichsam zur Not oder Tugend aus einem vollkommen unmusikalischen Winkel der Welt an den Haaren herangezerrt wird. Wie nun? „In Rainbows“ vereint zehn Songperlen. Jede vollwertig und für sich stehend: geschliffene Komposition, matt poliertes Arrangement, mystischer Spielraum fabulöser Lyrik. Der Schimmer der Oberfläche zieht auf nebulösem Weg vom Grunde der Perle herauf. Das Album klingt unabschätzbar vielschichtig und mirakelt vollendet in der Eleganz seiner Schlichte. Mit Sicherheit über Monate und Jahre unverwüstlich. Unter den vier- bis fünfminütig karfunkelnden Gemmen wäre nur mit Ungerechtigkeit der Waise, sprich: die krönende Hitsingle, auszumachen. Ein Thronberechtigter wäre der fünfte Track „All I Need“. Die fünf Radiokopfbuben drücken da heimlich eine AIR-Reminiszenz, kein Cover, in den Skat. Zunächst beginnt das Schlagwerk mit 4/4, ein Fender-Rhodes-Bass geht mit 5/4 drüber und reizt gar auf 10/4. Der so überlistete Hörer muss passen und bedient den musikalischen Grand ouvert in seinem Fortlauf mit lauschendem Staunen bis er schwarz wird. „In Rainbows“ schwingt mal laut wie „Hail TTT“, manchmal herz-reißend wie „OK Computer“, selten tüftelig-chemisch wie „Kid A“. Thom Yorke singt wie Thom Yorke singt. Eine Kaufplatte, die weder den Schritt vor noch zurück macht, vielmehr hinauf zu den, nun ja, Kaisern of Swing. bert

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CD

feuilleton

Ehrlichkeit

Quatsch

Verwoben

Punk gilt als eine der direktesten und ehrlichsten Musikformen. Mit wenigen Akkorden, einfachen Linien und meist einer klaren, ehrlichen Aussage im textlichen Teil, werden musikalische Kleinode geschaffen. Was bei den Punks mit Lederklamotte und Iro teilweise recht roh daherkommt, schwingt einem bei Superpunk mit Oberhemd leicht ins Ohr. Swingende Gitarren, tänzelndes Klavier und rhythmisches Schlagzeug, das unterscheidet Superpunk wohl noch am ehesten vom Punk in ihrem Namen. Was sie jedoch gemeinsam haben und was vor allem die Musik der fünf Hamburg-Münchener ausmacht, ist die Liebe zur Ehrlichkeit. Die Texte von Sänger Carsten Friedrich auf dieser vierten Superpunkplatte „Why Not?“ sind einmal mehr so persönlich und ehrlich, dass es einem so vor kommt, als säße man zusammen mit ihm am Stammtisch und sinniert gemeinsam über das Leben. So wird Song um Song Leid über eben dieses, die Zwischenmenschlichkeiten und vor allem und überhaupt das Alter geklagt. Drei von den vierzehn Songs handeln von diesem Thema („Baby ich bin zu alt“, „Ich funktioniere nicht mehr“ „Oh, alter Punk“). Nichts Besonderes, aber ungemein menschlich. Vermutlich wegen des Thematisierens so mancher alltäglicher Probleme, könnte die Platte auch als großes Jammerepos missverstanden werden. Aber immerhin sind Superpunk fünf Herren in den besten Jahren und wer will ihnen da absprechen, sich über sich zu beschweren. Zudem es ein Beschweren ohne den doch so geliebten Zeigefinger ist, was man recht selten in der Hamburger Szene erlebt. Denn was bei Tocotronic „Kapitulation“ ist, ist bei Superpunk „Ich finde alles gut“. Erfrischend. Esther Müller-Reichenwallner – radio 98eins

„Akopalüze Nau“, bescheuerter kann ein Album-Titel gar nicht sein. Es gibt nur einen Künstler, der auf solchen herrlichen Quatsch kommt – Helge Schneider. Der Musiker und Komiker aus Mühlheim präsentiert auf seinem neuen Live-Album 13 Perlen aus seinem aktuellen Tourneeprogramm. Der Spaß beginnt mit einem chilligen Blues-Intro. Dabei zeigen auch Helges Bandkollegen, bekannt aus „Jazzclub – der frühe Vogel fängt den Wurm“, Pete York (Schlagzeug), Rudi Obrich (Bass), Sandro Giampietro (Gitarre) und Sergej Gleithmann (Percussion) ihre musikalische Klasse. Mit „Kaktist“ und „Der liebe Gott“ beweist „Helgepopelge“ sein außergewöhnliches Improvisationstalent für haarsträubende anarchisch-komische Geschichten. Die „Trompeten von Mexiko“, die zu Kaffee, Kuchen und glasiertem Meerschwein einladen, passen ebenfalls in die Kategorie Quatsch in höchster Vollendung. Herrlich komisch bei diesem Stück: Helges irrsinniges spanisches Improvisationsbreak. Zum Schluss übertrifft sich der Mühlheimer mit „Udo“ selbst. Das Lied ist ein zweistimmiges Duett, gesungen von Helge und er selbst als Udo Lindenberg. Schade nur, dass man den Mühlheimer in solchen Momenten nicht live erleben kann. Trotzdem kann man bei „Akopalüze Nau“ Tränen lachen, wenn man sich auf Helge Schneiders Humor einlässt. Wem der Klamauk nicht unbedingt zusagt, dem bleiben zumindest chillige Gute-Laune-Stücke wie „C Jam Blues“ und „I don’t mean a thing“, die gespickt sind mit gecoverten Melodien wie Henri Mancinis „Pink Panter Theme“. Fazit: Bei „Akopalüze Nau“ kommt nicht nur der Helge Fan so richtig, richtig popichtig auf seine Kosten. bv

Der Bandname Delbo ist als Wort fast ebenso seltsam und merkwürdig, wie der Name ihrer neuesten Platte. „Grande Finesse“ heißt jenes neue Schmuckstück. Wenn man dem Namen nach gehen würde, könnte man auch eine ganz besonders exquisite Delikatesse dazu sagen. Das mittlerweile fünfte Album der drei Berliner Herren schlägt einen Bogen durch die Menüs der vorherigen Alben und bringt einem Dank erhöhtem Instrumentengewürzeinsatz doch auch wieder etwas Neues zum erschmecken mit. Neben dem üblichen Gitarre-Bass-Schlagzeug-Sound hört man auf diesem Album zusätzlich Streicher, Hörner und Querflöten. Obwohl man sagt, dass viele Köche nicht gut sind, haben sich Delbo für jene Extra-mentierung Mitglieder aus befreundeten Bands, wie zum Beispiel „seidenmatt“ und „jn fischer erf“, ins (Koch)Studio geholt. Herausgekommen ist ein hervorragendes Gericht in neun Hauptgängen, das mit der Zeit nie schlechter wird. Serviert wird dieses geschmackvolle Ensemble mit einem Text angesetzt aus Geschichten, Bildern und Metaphern, abgeschmeckt mit einem Hauch Mysterium. Denn die Texte von Chefkoch Daniel Spindler werden für Viele, ebenso wie Rezepte für meisterhafte Kochkreationen, geheim bleiben. Allerdings macht das die dargebrachten Gerichte nicht weniger interessant, ganz im Gegenteil. Selbst nach mehrfachem Hören, kann es noch passieren, dass man neue Textstellen und Musiklinien für sich entdeckt und das andere Teile der Komposition wieder einen anderen Geschmack entwickeln, als man es zunächst vermutet hatte. „Grande Finesse“ ist ein Album für Genießer, für Entdecker und für Mutige. Esther Müller-Reichenwallner – radio 98eins

Superpunk

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Helge Schneider

Delbo

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KINO feuilleton

Vom Suchen und Finden „Klang der Herzen“ von Kirsten Sheridan

Der Waisenjunge Evan (Freddie Highmore aus “Charlie und die Schokoladenfabrik”) ist anders. Er glaubt, durch einen inneren Klang seine Eltern finden zu können. Eine Nacht über den Dächern New Yorks, elf Jahre zuvor, veränderte das Leben der erfolgreichen Cellistin Lyla (Keri Russel) und des irischen Rocksängers Lois (Jonathan Rhys Meyers). Doch wird ein zweites Treffen der jungen Liebe durch den ehrgeizigen Vater Lylas verhindert. Er ist es auch, der ihr nach einem Unfall die Fehlgeburt vortäuscht und Evan eigenmächtig zur Adoption freigibt. Das Leben der unwissenden Eltern und ihre musikalische Leidenschaft sind seit jener Nacht stehen geblieben. Evan reist nach New York und lernt dort den zwielichtigen Wizard (Robin Williams) kennen. Als Wunderkind macht Evan alias August Rush sehr schnell Karriere, vom gitarrespielenden Straßenmusiker zum klassischen Konzertkomponisten des New Yorker Sinfonieorchesters. Getrieben von

Keri Russell spielt Cello

einer inneren Unruhe kehren Lyla und Lois zu ihrem alten Leben und der Musik zurück. Die Szene als Vater und Sohn ohne voneinander zu wissen auf der Straße miteinander musizieren, symbolisiert mehr als alles andere, die gesamte Problematik des

Films. Den filmischen und musikalischen Höhepunkt des Dramas bildet die Komposition Evans aus Klassik und Rockmusik, die er durch seine Eltern in sich vereint. Ausnahmsweise passt „Klang des Herzens“ besser als der Orginaltitel „August Rush“, der sich auf den Künstlernamen Evans bezieht, da der Zuschauer schneller beurteilen kann, auf was er sich einlässt. Zwar ist der Film durch Robin Williams mit einem brillant skurilen Nebendarsteller besetzt, doch springt die Rahmenhandlung und zerstört damit die Geschichte an einigen Stellen. Teilweise bietet sich dem Zuschauer zu viel Gefühl. Doch die Musik trägt den Film, durch ihre Mischung der verschiedenen Elemente, die sich in dem Jungen widerspiegeln. Der Film schließt mit einem Ende, das zu der sonstigen Gefühlsintensität nicht ganz zu passen scheint und wirkt daher eher unbefriedigend. Letztlich kann das Prädikat nur lauten: Gefühl hoch zehn, wenn nicht manchmal zu viel. sar

Kindergartenliebe „Keinohrhasen“ von Til Schweiger

Sie kennen sich bereits aus ihrer Schulzeit und treffen sich nun in einer Kindertagesstätte wieder. Ludo (Til Schweiger), der rücksichtslose und arrogante Boulevardjournalist muss hier seine Bewährungsauflage von 300 Sozialarbeitsstunden ableisten und gewinnt nach anfänglichen Schwierigkeiten bald Freude an seiner Arbeit mit den Kindern. Die Erziehe-

rin Anna (Nora Tschirner), die als Mädchen oft bei den gemeinen Streichen von Ludo das Nachsehen hatte, entwickelt mit der Zeit Zuneigung für ihren Kontrahenten. Nach einer gemeinsam verbrachten Nacht einigen sie sich auf Freundschaft. Jedoch ist das für beide leichter gesagt als getan. Zum dritten Mal infolge behauptet sich Til Schweiger als Drehbuchautor, Regisseur

Karrieregeiler Journalist trifft schlagfertige Kindergärtnerin

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und Hauptdarsteller in einer Person. Hinter seinem neuen Film mit dem fragwürdigen Titel „Keinohrhasen“ verbirgt sich eine Liebesgeschichte, die zwar den bekannten romantischen Klischees folgt, aber durch eine mit Komik überladene Handlung besticht. Die Kombination von beidem und die sommerlich verklärte Umsetzung verleihen dem Film seinen eigentümlichen Charakter und Charme. Somit kann „Keinohrhasen“ als eine inhaltlich und filmerisch gestaltete Symbiose aus Schweigers ersten barefoot-Filmen „Barfuss“ und „Wo ist Fred?“ gesehen werden. Die bekannte Besetzung der Rollen durch sowohl namhafte als auch frische deutsche Schauspieler ist hervorragend gelungen, da jeder seinen Charakter sehr authentisch darstellt und wiedergibt. Und die Musik zum Film konnte unlängst ihre eigenen Erfolge feiern. Die Auszeichnung als Liebeskomödie des Jahres 2007 trägt der Film „Keinohrhasen“ zurecht und ist, wenn nicht schon geschehen, auf jeden Fall sehenswert. cb

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KINO

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Ohne Smith ein Abklatsch „I Am Legend“ von Francis Lawrence

Stellen Sie sich vor, Arnold Schwarzenegger sollte Ende der 1990er Jahre unter der Regie des Briten Ridley Scott die Hauptrolle in „I Am Legend“ spielen. Der ehemalige Mister Universum hätte nichts anderes vollbracht, als Charlton Heston schlecht abzukupfern. Heston, einmal berühmt für die Darstellungen der Stärke und eines eisernen, einsamen Siegeswillen („Ben-Hur“, „Planet der Affen“), verkörperte 1971 schauspielerisch unspektakulär den Omega-Mann Robert Neville, den Letzten, auf einer durch Menschenhand entvölkerten Erde. Das Filmstudio öffnete aber sein Portmonee für diese Richard Matheson-Verfilmung nicht und der Österreicher wurde „König von Kalifornien“. Glück für Will Smith. Und Glück für das Publikum. An der Handlung hat sich auch im dritten filmischen Aufguss nichts verändert. Die Hauptfigur ist immun gegen ein tödliches Virus, überlebt im täglichen Kampf gegen die transformierten Monster und trifft zum

Überlebender trottet an Werbebanner vorbei: Superman vs. Batman-Film

Ende auf eine junge Frau und ein Kind, und wird seiner Illusion beraubt. Welche Nuancen der Sympath Smith aber in die Figur legt, wäre von Schwarzenegger nicht glaubhaft darstellbar. Ein Robinson Crusoe in der modernen Welt, zwischen verplantem Tagesablauf – die Armbanduhr erinnert an die nächste Aufgabe – und einem immer vorhandenen Kommunkationsdrang. Auch wenn es nur Schaufensterpuppen sind, trägt der „Ali“-Darsteller und ehe-

malige Sitcom-Star den Großteil der Last auf seinen Schultern und menschelt auch allein. Weniger Applaus erhält hingegen Regisseur Francis Lawrence („Constantin“). Allein die Autofahrt zu Filmbeginn erinnert von seinen Kameraeinstellungen zu sehr an Heston in „Der Omega-Mann“ und auch mit dem Ende – natürlich wurden unterschiedliche Ausgänge gedreht – tut der Filmemacher sich keinen Gefallen. Ein Hoch auf Marktforschung. Dieses Mal aber nicht. bb

Schöne Kostüme

Foto: TOBIS Film, Warner Bros. (2), Universal Pictures International

„Elisabeth – Das goldene Königreich“ von Shekhar Kapur Im 16. Jahrhundert lebte in England eine Königin, unter der das verarmte Land wieder erstarkte. Eine Königin, deren Thron und Leben beinahe ständig bedroht war und die doch an die 45 Jahre regierte. Das elisabethanische Zeitalter beruht auf ihrer Persönlichkeit und hat sie zu einer noch heute legendären Frau gemacht. Cate Blanchett verkörpert diese Legende nicht. Ihre Elisabeth streift in ständig wechselnden prächtigen Kleidern und putzigen Perücken ruhelos durch die beeindruckenden Gemäuer ihres Schlosses, in dem sie doch nur verloren wirkt. Das bleich geschminkte Gesicht wirkt weder alt noch jung, keinesfalls aber sind die Falten einer 50-jährigen Frau darauf zu erkennen. Die großen Probleme der protestantischen Cate-Elisabeth drehen sich weniger um die Gefahr von Seiten der Katholiken als um ihren Status als immer noch unverheiratete und jungfräuliche Königin. Clive Owen ist dabei der Mann, den die Frauen wollen. Als treu ergebener Untertan der Königin steht er alias der Entdecker Sir Walter Raleigh

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feuilleton

im Mittelpunkt von Elisabeths Lebenskrise und ist dabei perfekt statt authentisch. Er lässt sie auflaufen, was die verletzte Elisabeth durch hysterisch gebrüllte Befehle auszugleichen versucht. Der Vorgänger „Elisabeth“ aus dem Jahr 1998 bescherte dem indischen Regisseur Shekhar Kapur sieben Oscar-Nominierungen und Cate Blanchett einen Golden Globe. Jetzt versuchte er, sein ursprünglich auf drei Teile angelegtes Elisabeth-Projekt ebenso erfolgreich weiter zu führen. Das goldene Königreich erzählt von den mittleren Regierungsjahren der zweiten englischen Königin, dem Konflikt um die Katholiken: Ihrer Cousine Maria Stuart und dem spanischen König Philipp II, der Elisabeth nach der Enthauptung Marias seine Armada auf den Hals schickt. In den kurzen Momenten der Enthauptung, neben wechseln den Kameraeinstellungen der durchdrehenden Elisabeth, wirkt Samantha Morton, katholische Märtyrerin im blutroten Kleid, würdevoller als die Königin. Cate Blanchett dominiert den gesamten Film. Gegner

werden im Fall Marias frühzeitig enthauptet oder entsprechen dem Klischee-Feindbild von religiösen Fanatikern, die die Welt mit ihrem Glauben überziehen wollen. Sie sind lächerlich. Wenn Jordi Mollá als spanischer König, Elisabeth-Voodo-Puppe und Kreuz bei sich, mit seltsam kurzen Schritten durch seine düstere Kirche tippelt, verliert er jedes Gefahrenpotential. Sein Scheitern, wie das aller anderen Verschwörer, ist von vornherein offensichtlich. mt

Schwache Königin

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DVD

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Langer Weg ins Schlaraffenland „Golden Door“ von Emanuele Crialeses

Der Weg bis hin in das gelobte, „güldene“ Amerika war für die lange nicht versiegenden Einwandererströme oftmals ein beschwerlicher. Nicht zuletzt wegen schier unüberwindlich scheinender Gegensätze: Die Welten, die der aus der sizilianischen Karst stammende Salvatore Mancuso mit seiner Familie durchschreitet, könnten kaum entfernter von einander sein. Von der baumlosen und vorzeitig anmutenden Ödnis, über eine unübersichtlich verranzte mediterrane Küstenstadt, den klaustrophobischen Bauch eines Ozeanriesen bis hin in die Sterilität des amerikanischen Aufnahmelagers auf Ellis Island zieht sich die selbsterwählte Odyssee der sizilianischen Bauern hin. Dem Zuschauer erschließt sich das Aufeinanderprallen dieser widersprüchlichen Eindrücke durch eine Kameraführung, die geschickt weite Räume und Ruhe gegen Enge und Hektik ausspielt. Augenzwinkernd gebrochen werden diese oftmals beklemmenden Bilder durch Salva-

Einreiseschwierigkeiten

tores träumerisch-naive Wunschvorstellungen, in denen er zusammen mit mannsgroßen Karotten in amerikanischen Flüssen aus

Milch schwimmt. Sehr schnell gesellt sich in diese Träume auch die aus höherem Stand stammende Lucy (Charlotte Gainsbourg, „The Science of Sleep“), die durch eine Verkettung unglücklicher Umstände unter die italienischen Auswanderer geraten ist und zwischen dem plumpen und schmutzigen Landvolk wie ein sphärischer Fremdkörper wirkt. Bald entsteht zwischen der unwirklich schönen Britin und den Mancusos auch ein besonderer Bund... Weniger ein moralisierendes Sozialdrama als vielmehr ein bisweilen ätherisches Filmgemälde vermeidet „Golden Door“ allzu plakative Auseinandersetzungen mit dem Unbill der Einwanderer. Nichtsdestotrotz erhascht der Zuschauer aus der begrenzten Perspektive der Mancusos bisweilen einen flüchtigen Blick auf die teilweise menschenunwürdige und sozialdarwinistisch gelenkte Einwanderungsbürokratie der USA während der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. jk

Rosen können Frauen verletzen „Sasori Volumne 1 - 4“ von Shunka Ito und Yasuharu Hasebe

Die Braut trug Gefängniskleidung

Die beiden Unternehmen Toei Company Ltd. und Toho Company Ltd. dürften jedem Filmliebhaber japanischer Werke geläufig sein. Während letztere Unternehmung durch die „Godzilla“-Reihe bekannt wurde, fällt es schwieriger, die als Toei abgekürzte Filmfirma – übersetzt Tokio Film Vertriebs-

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firma – einem bestimmten Künstler oder einer Filmfigur zuzuordenen. Seit 1951 ist Toei am Filmmarkt aktiv und perfektionierte genauso wie deren größter Rivale das japanische Filmgeschäft. Beide waren vertikal integriert. Sie besaßen Anteile an der kompletten Verwertungskette eines Films: von der Massenproduktion, über den Vertrieb, bis hin zu den Kinotheatern. Dies ist ein Grund für deren wirtschaftliche Vorherrschaft. Aber nicht nur dem Wirt muß das Essen schmecken – auch wenn Akira Kurosawa für beide Firmen arbeitete. Nein, dem Gast ebenso, wenn nicht sogar mehr. Mit der „Sasori“-Reihe gelang Toei solch ein Festschmauß. Jedoch werden sich nur Männer an der Geschichte der im ersten Teil zu Unrecht in ein Gefängnis verfrachteten Frau ergötzt haben. Aus Nami Matsushima wird Sasori (übersetzt Skorpion), die sich in jedem Teil der Reihe an Peinigern – vor allem Männer – rächte. Sieben Filme entstanden mit diesem Motiv. Die ersten Vier in nur zwei Jahren und sind jetzt in einer DVD-Box vereint.

Mit welchen sexuellen Fantasien die Zuschauer in die Kinos strömten, lässt sich nur erahnen. Doch eins ist klar: Die emotionslose Hauptfigur Sasori auf einer großen Leinwand zusehen, grenzt an gesellschaftlichen Schamgrenzen, welche in dieser künstlischen Welt bei weitem überschritten werden. Lustig mutet der Einleitungstext vor jedem Streifen an: Das Frauengefängnis existiert so nicht und alle Figuren sind frei erfunden. Scheinbar war dieser Zusatz von Nöten, damit der schöne, weibliche Samurai, nicht in der japanischen Wirklichkeit gesucht wird, um dann wie im Film vom Mann gebrochen zu werden. Sasori (gespielt von „Lady Snowblood“-Darstellerin Meiko Kaji) lässt sich aber nicht brechen. Biologisch eindeutig weiblich und vor allem als soziales Geschöpf ein Publikumsreiz: Unberechenbar, zielstrebig und jede Folter aushaltend. Die eiserne Frau langweilt in keiner der 352 Minuten Laufzeit. Auch darf man den ToeiRechteinhabern danken, dass auf der deutschen DVD-Box neben Trailern auch Interviews Platz fanden. bb

moritz #68


DVD

feuilleton

Fahrt nach Nirgendwo

„Die Reise der Verdammten“ von Stuart Rosenberg Der Film „Schindlers Liste“ ist fast jedem ein Begriff. Die erschreckende Darstellung des Überlebenskampfes im Konzentrationslager Auschwitz ergriff die ganze Welt. Ganz anders geht der Film „Die Reise der Verdammten“ aus dem Jahr 1976 mit dieser Problematik um. Es geht weniger um die physischen Misshandlungen, die die Juden im Nazi-Regime über sich ergehen lassen mussten, als um den psychischen Druck, dem sie ausgeliefert waren. Der auf einer tatsächlichen Begebenheit beruhende Film beginnt am 13. Mai 1939 im Hamburger Hafen. Das Schiff St. Louis soll im Auftrag der Nazis Deutschland verlassen. An Bord sind 937 jüdische Flüchtlinge zusammen mit dem christlichen Personal auf dem Weg nach Kuba. Doch so weit kommen sie gar nicht erst, denn Kuba verweigert ihnen die Einreise. Angesetzt war die Reise von den Nazis nur als Propagandafahrt, um zu zeigen, dass die Juden nicht nur im Deutschen Reich unerwünscht

waren. Während der gesamten „Reise“ sind die Nerven des Zuschauers zum Zerreißen gespannt. Getragen wird diese Stimmung durch die vielen Emotionen der Protagonisten, die durch das All-Star-Cast gut umgesetzt werden. Besonders

An keinem Hafen erwünscht

die männlichen Passagiere dürfen Gefühle zeigen und trotz teilweise mangelhafter Synchronisierung tragen gerade sie zu den eindrucksvollsten Szenen bei. Schauspieler wie Max von Sydow oder der Österreicher Oskar Werner, der hier seine letzte Rolle spielt, waren bei der amerikanisch-britischen Produktion vertreten und Katharine Ross gewann sogar einen Golden Globe als beste Nebendarstellerin Als Pendant für die Gefühlswelt fungieren neben dem Geschehen auf dem Schiff, die vielen diplomatischen Gespräche auf Kuba. Obwohl hier viel Hintergrundwissen über die Politik der damaligen Zeit gefragt ist und die Szenen verglichen mit den Schiffssituationen eher trocken wirken, kommen Geschichtsinteressierte auf ihre Kosten. Das für drei Oscars nominierte Drama zählt trotz der geringen Popularität zu den Meisterwerken von Stuart Rosenberg und tritt wie „Schindlers Liste“ den Kampf gegen das Vergessen an. kg

Foto: Universal Pictures/Prokino, Rapid Eye Movies (2), Cocorde Home Entertainment

Mehr als nur latent unterhaltsam „A Throw of Dice – Schicksalswürfel“ von Franz Osten

Auch wenn „A Throw of Dice – Schicksalswürfel“ aus dem Jahr 1929 stammt, modern darf Franz Ostens Film immer noch genannt werden. Da die Filmkameratechnik auch nach der Einführung der „entfesselten Kamera“ in Friedrich Wilhelm Murnaus „Der letzte Mann“ (1925) noch nicht für die Massenproduktion ausgefeilt war, um mit diesen Kamerafahrten horizontale oder vertikale Schwenks zu machen und auch das Zoomen noch in der Ferne lag, behalfen sich die Filmemacher des indischen Stummfilms mit einem einfachen Mittel: Dass der filmischen Montage. Notwendig waren deshalb sehr viele Aufnahmen von unterschiedlicher Größe – totale bis nahe Einstellungen – und am Schneidetisch wurden diese so aneinander gereiht, dass durch die vielen Sequenzen eine Dynamik entstand, welche das Publikum in seinen Bann zieht. Auch wenn die Handlung einfach ist, die Wirkung der Überfrachtung mit Informationen bei aktuellen Videoclips und Werbespots war für die Zuschauer der goldenen Zeit des Kinos hier identisch.

moritz #68

feuilleton

Hinzu kommen bei diesem Filmdrama die Drehorte. Anstatt in Ateliers zu arbeiten, um den Produktionsprozess besser unter Kontrolle zu haben, drehten die Filmemacher unter dem deutschen Regisseur nur an Originalschauplätzen und geben somit ein realistischeres Bild der indischen Kultur ab, als es jede Studiokulisse je erzeugt hätte. Die Stummfilme waren durch den Austausch der Zwischentitel einfacher in andere Filmmärkte mit eigenen Sprachen zu transportieren. Außerdem mussten Handlung und Gesten der Darsteller verständlich sein, weshalb „Schicksalswürfel“ die simple Geschichte zweier Könige, des guten Ranjit und des schlechten Sohat, erzählt. Aus Neid um des anderen Reich, trickst die dunkle Gestalt seines Gleichen aus. Doch scheitert dieser Betrug. Eingebettet in diesen unterschwelligen Kampf findet eine Liebesgeschichte zwischen dem guten, aber dem Wettspiel verfallenen Ranjit und der wunderschönen Sunita ihren Lauf. Die titelgebenden Würfel tauchen natürlich auf und verändern zweimal den Lauf der Handlung.

Neu bei dieser DVD-Auswertung ist die Filmmusik von Nitin Sawhney, der auch in einem 35-minütigen-Interview Einblicke in die eigene Arbeitsweise und die spezielle Verwendung von unterschiedlichen musikalischen Motiven und Gesang zur Unterstützung der bebilderten, stummen Emotionen der Darsteller gibt. Die 76 Filmminuten sind spannender als alle Shahrukh Khan-Filme zusammen und hinterlassen einen bleibenden Eindruck, der sich im Summen des Scores latent darstellt. bb

Königsstreit

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BUCH

feuilleton

Wenn Geister töten

„Das gefrorene Licht“ von Yrsa Sigurdardóttir Morde im Jahr 2003 in Island: Null. Im Jahr darauf: Drei. Die Insel am äußersten Rand Europas mit ihren etwa 300 000 Einwohnern ist überschaubar und vor allem friedlich. Dagegen könnte Yrsa Sigurdardottirs Krimi als richtig brutal bezeichnet werden. Auf knapp 400 Seiten geschehen drei sehr hässliche Morde, aufgeklärt von einer Reykjaviker Rechtsanwäl-

Land der Geysire als Tatort

tin. Dóra Gudmundsdottir glaubt nicht an übernatürliche Kräfte, ist aber erfolgreich im auswendig Lernen von Paragraphen. Ansonsten hat sie mit den mittelschweren Problemen des Alltags zu kämpfen: Zwei Kinder, der 16-jährige Sohn macht sie zur Oma, der Ex-Mann macht sie dafür verantwortlich und der Freund aus Deutschland macht sich auf, Dóra zu besuchen, ob es ihr nun gefällt oder nicht. Das alles belastet die Protagonistin den ganzen Roman hindurch, hindert sie aber nicht daran, sich rücksichtslos in die Arbeit zu stürzen und ihren unter Verdacht stehenden Mandanten zu entlasten. Dadurch wirkt sie letztendlich so authentisch. Ganz im Gegensatz dazu steht Dóras Mandant. Jónas ist abergläubischer Hotelbesitzer, der sie angeheuert hat, weil sie aufsteigende Venus im Krebs ist. In seinem Hotel sind Mängel aufgetreten und Dóra möchte bitte Schadensersatz zwecks Spuks herausschlagen. Klingt absurd, doch in Island holen sich auch Ingenieure schon mal Geisterbeschwörer ins Haus, um einen dänischen Geist aus einer Kommode zu vertreiben. Das Ganze gerät schnell außer Kon-

trolle, als die Architektin tot, vergewaltigt und mit Stecknadeln an den Fußsohlen aufgefunden wird. Schon in „Das letzte Ritual“, dem ersten Krimi der 44-jährigen Ingenieurin, wandelt Dóra auf den Spuren seltsamer, scheinbar übernatürlicher Morde. Kaum zu glauben, dass die Autorin vorher fünf Kinderbücher geschrieben hat, die in Island zwei Preise einheimsten. Nervig ist der ständige Wechsel der Erzählperspektive, der die Gedanken verschiedener Charaktere offenbart. Dadurch ist der Leser Dóra immer ein Stück voraus. Doch der Mörder offenbart sich, wenn überhaupt, nur ganz knapp bevor die Rechtsanwältin dahinter kommt und ist definitiv eine Überraschung. Überflüssig ist auch die Auflistung der Charaktere am Anfang. Von denen gibt es zwar reichlich viele, fast zu viele, doch Sigurdardottirs Erzählweise ist verständlich. Der Leser glaubt, zuviel zu wissen, doch eigentlich weiß er noch nichts. Untreue, Rache, Erpressung, sogar Verbindungen zum Nationalsozialismus und natürlich das Übernatürliche sind mögliche Tatmotive: Spannend, aber nicht aufregend. mt

Schwieriges einfach gemacht

Als Freddy, das Schwein von George, aus seinem Stall ausbricht und im geheimnisvollen Nachbarhaus verschwindet, ignoriert der ungefähr Zehnjährige die Verbote der Eltern und folgt ihm. Er landet in der Bibliothek und damit in der Welt des chaotischen Astrophysikers Eric und seines Supercomputers namens Cosmos. Da George von seinen alternativen Eltern, die als Umweltaktivisten jegliche Technik als Zerstörung der Erde verdammen, bisher von technisierten Wissenschaften ferngehalten wurde, ziehen ihn die Ausführungen des Astronomen magisch an. Fantastische Ausflüge in den Weltraum geben ihm und dem Leser Einblick in die Gebiete außerhalb der Erdatmosphäre. Doch der Neid um den Reisen zu Jupiter, Saturn und Co ermöglichende Supercomputer wird Eric zum Verhängnis. Verbannt in ein schwarzes Loch müssen sich seine Tochter Annie und George etwas einfallen lassen, um ihn zu retten.

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Die Geschichte des ersten Kinderbuchs des englischen Physikers Stephen Hawking wirkt sehr konstruiert und wird dadurch für Erwachsene leicht durchschaubar. Doch das in Schaukästen und übersichtlichen Stichpunkten vermittelte

Wenn der Vater mit der Tochter

Fachwissen zu Kometen, Planeten und Asteroiden übersteigt die Schulphysik deutlich. Die wissenschaftlich aufbereiteten Fakten durchziehen das ganze Buch. Da sie nicht direkt in die Geschichte um den neugierigen George eingebaut sind, muss der Lesefluss jedoch unterbrochen werden. Dennoch überzeugen gerade die fachlichen Abschnitte des Buches, das Hawking in Zusammenarbeit mit seiner Tochter Lucy schrieb. Seriös präsentiert, wird in verständlicher Sprache überraschend tief in verschiedene Themenkomplexe auch abseits der Astrophysik eingeführt. Viele farbige Abbildungen mit Aufnahmen aus dem Sonnensystem verstärken den eher positiven Gesamteindruck. „Der geheime Schlüssel zum Universum“ von Lucy und Stephen Hawking empfiehlt sich für Interessierte, die mit der Nussschale Probleme haben und sich trotzdem mehr als nur astronomisches Allgemeinwissen aneignen wollen. sb

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Foto: photocase.com, Frank ZAuritz/Random House, TOBIS Film

„Der geheime Schlüssel zum Universum“ von S. und L. Hawking


BUCH feuilleton

Kein Filmkanon, sondern Willkür

„Filmgenres: Melodram und Liebeskomödie“ von Koebner/ Felix Mann liebt Frau, Frau liebt Mann – auch andere Geschlechtskonstellationen sind denkbar – und schon steht der Stoff für zwei nicht nur im Medium Film vorhandene Genres: Dass des Melodrams, in dem Widerstände für eine schwierige Liebe zu überwinden sind und dass der leichten Liebeskomödie, das mit Klamauk oder intellektuellem Witz den Weg zur Zweisamkeit unterhaltsam legt. Die Liebe ist beiden Genres gemein, weshalb Thomas Koeber und Jürgen Felix einen 435 Seiten starken Reclam-Band veröffentlichen, 77 filmische Meisterwerke – laut Verlagsangaben – aus neun Jahrzehnten Filmgeschichte von unterschiedlichen Autoren aufnahmen und nach dem Erscheinungstermin sortierten. Repräsentativität kann dem Werk nicht zugesprochen werden. Weder entstammen die Beispiele aus allen fünf Kontinenten, noch wird der gesamten Filmgeschichte gehuldigt. Außerdem unterscheiden sich die einzelnen Beiträge in ihrer inhaltlichen Qualität sehr. Allein 18 Essays beschäftigen sich mit Streifen des letzten Jahrzehnts. Natürlich ist „Titanic“ dabei, doch warum Tony

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feuilleton

Ang Lee´s „Gefahr und Begierde“

Scotts „True Romance“ unbedingt als melodramatisches Beispiel aufgeführt werden musste, bleibt schleierhaft. Nicht, dass der von Quentin Tarantino geschriebene Film schlecht wäre. Die Aktionen der Figuren aber nur aufgrund ihrer oberflächlichen Emotionaliät zu erklären, vereinfacht die Handlungsmotivation und unterschlägt sowohl ökonomische Interessen der Filmemacher, als auch die erwähnte, aber unterschätzte Referenz auf frühere kulturelle Erscheinungen. Als Filmkanon beider Genres kann das Büchlein ebenfalls nicht gelten. Auch wenn

die anglo-amerikanische Filmwelt seit Jahrzehnten weltweit wirtschaftlich dominiert: Künstlerisch, sowohl von der Erzählstruktur, als auch filmischen Gestaltungsmitteln – wie bespielsweise Schnitt – hätten andere Filme mehr interessiert. Wim Wenders Filmgedicht „Der Himmel über Berlin“ beispielsweise. Auch der australische melodramatische Tanzfilm „Strictly Ballroom“ oder „Y tu mamá también“ vom Mexikaner Alfonso Cuarón sind bedeutsamer als der 80er-Jahre-Erotikfilm „9 1/2 Wochen“. Wenn die Autoren wenigstens einen ähnlichen Aufbau gewählt hätten und nicht die meisten Worte für die Handlung verwendet hätten: Ein Vergleich der einzelnen Filme wäre eher möglich. Denn nicht verständlich ist in einigen Beiträgen der verstärkte Fokus auf die Filmproduktion und die daran Beiteiligten, doch gerade dieser Einfluss auf das spezifische Genreprodukt ist nicht nachvollziehbar. Wünsche für eine Neuauflage sind also verhanden. Einer wäre die Aufnahme von Ang Lee´s „Gefahr und Begierde“. Man könnte ja auf den Text zum Film „Sinn und Sinnlichkeit“ verzichten. bb ANZEIGE

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BUCH

feuilleton

Eine schweizer Erfolgsgeschichte „Helvetica Forever“ von Victor Malsy und Lars Möller

Es war Mitte der Fünfzigerjahre als die Haas‘sche Schriftgiesserei AG den Typografen Max Miedinger damit beauftragte, eine neue Groteskschrift zu entwickeln. Serifenlose Schriften waren damals im kommen und eine solche Neuentwicklung

Zeitlose Schrift

drängte sich geradezu auf, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die „Neue Haas Grotesk“ die Max Miedinger 1957 entwarf, trat wenig später unter dem Namen „Helvetica“ einen weltweiten, bis heute währenden Siegeszug an. Ihren Erfolg verdankt diese zeitlos moderne Schrift dabei nicht zuletzt ihrem neutralen und klaren Auftreten. Die „Helvetica“ lässt sich überall anwenden, ob als Fließtext in einer Publikation oder als typografischer Eyecatcher eines Werbeplakats. Große Unternehmen nutzen sie ebenso wie die Würstchenbude um die Ecke. Heute ist die „Helvetica“ die meistverwendete und, nach einer Umfrage des Berliner Fontshop Archivs, beste Schrift aller Zeiten. In den Sechzigerjahren und darüber hinaus revolutionierte sie mit ihrer absoluten Klarheit die Schriftgestaltung und beeinflusste Grafik und Typografie nachhaltig. Renomierte Schriften wurden überabeitet und „helvetisiert“, Kopien der „Helvetica“

wie die „Arial“ neu entwickelt. Die Revolution in der Drucktechnik, hat die „Helvetica“ ausgehend vom Bleisatz über den Fotosatz bis hin zum Digitalen Druck unbeschadet überstanden. Auch heute gibt sie mit ihrem sachlichen, ausgewogenen Schriftschnitt den Standard vor. Den Herausgebern Victor Malsy und Lars Möller ist mit „Helvetica Forever - Geschichte einer Schrift“ (Lars Möller Publishers) eine hervorragende Hommage an diese Schweizer Schriftikone gelungen. Ihre Entwicklungsgeschichte lässt sich aufgrund der gezeigten Dokumente und Entwürfe genau nachvollziehen und gewährt faszinierende Einblicke. Ein Schriftvergleich der „Helvetica“ mit anderen Grotekschriften sowie die gezeigten Anwendungsbeispiele unterstreichen ihre Bedeutung und bergen viele Anregungen. Die ausgezeichnete Gestaltung des Werks zeigt einmal mehr um was für eine tolle, vielseitige Schrift es sich bei der „Helvetica“ handelt. mpf

Die Posie bleibt auch nach dem Tod „Pier Paolo Pasolini. Figuration des Sprechens“ von Bernhard Groß

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Pasolini´s „Das Matthäus Evangelium“

schaft äußert. Detailiert setzt sich Groß mit einzelnen Gedichten, Romanen und Filmen auseinander. Egal ob das gedruckte Wort oder das Spiel von Menschen auf Zelluoid: Pasolini ist ein Lyriker und unterscheidet sein Schaffen nicht unter wirtschaftlichen Aspekten, wie beispielsweise die Größe einer Zielgruppe. Auch werden Genreun-

terteilung durchbrochen. Wobei dokumentarorisch wirkend und Laiendarsteller in Pasolinis Frühwerken die Akteure sind: Dem italienischen Neorealismus wäre ohne dessen Arbeiten etwas verloren gegangen. Und um sich dem Italiener besser zu nähern, ist das Buch von Bernhard Groß sehr zu empfehlen. bb

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Foto: Kinowelt Home Entertainment, Vincent Leifer/ Theater Vorpommern

Mit „Salo oder Die 120 Tage von Sodom“ endete Pier Paolo Pasolinis Werkgeschichte. Der unangepasste Italiener wurde 1975 ermordet. Der verurteilte Täter zog vor drei Jahren sein Geständnis zurück. Somit liegt über den Tod des Regisseurs und Autoren bis heute ein Schleier der Ungewissheit und wird nie zur Gänze aufgekärt werden. Auch der Werkinterpretation widmen sich regelmäßig die unterschiedlichsten Schreiberlinge. Meist fokusiert auf die Verbindung der Pasolinischen Biografie mit dessen Schaffen, unternimmt der an der Freien Universität Berlin dozierende Autor Bernhard Groß mit seiner Schrift „Figuration des Sprechens“ den Versuch, den Künstler durch Theorien besser darstellen zu können. Die wissenschaftlich anspruchsvolle Arbeit spannt auf 287 Seiten einen Bogen von literarischen Frühwerken Pasolinis bis hin zur Verfilmung des Mathäus Evangeliums und steht unter dem Fokus der Poetik des bekennenden Atheisten. Zielgerichtet wird immer die Frage aufgewurfen, inwieweit sich der Künstler zur Politik und Gesell-


THEATER

feuilleton

Linientreue?

„Die Legende vom Glück ohne Ende“ von Nils Düwell Paul, verheirateter, begabter und angepasster Mitarbeiter im Amt, trifft während einer Lebenskrise auf die lebenslustige Paula, ungelernte Arbeiterin und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Die Liebe zu Paula führt Paul in Konflikte mit seiner Lebensform. Er hat eine angesehene Position im Amt, eine reizend dumme Frau sowie einen kleinen Sohn, der es später unbedingt zu etwas bringen muss. Auf diese Weise verkörpert Paul den Prototyp eines aufstrebenden Proletariers. Ganz klar, dass Paula, diese, seine heile Welt, ins Wanken bringen würde. Als Paulas Sohn an den Folgen eines Unfalles stirbt, der indirekt von Paulas Liebeskummer verursacht wurde, distanziert sie sich vollkommen von Paul. Das ist der Punkt, an dem Paul seine tiefe Liebe zu Paula über sein gradlinig geformtes Leben stellt. Er verliert seine Arbeitsstelle, seine Frau, sein Ansehen, weil er die Tage damit verbringt vor Paulas Wohnungstür zu kampieren um sie zurückzubekommen. Natürlich kriegen sie sich und sind glücklich bis an den Tag, an dem Paula stirbt. Soweit die „Legende von Paul und Paula“, wie sie im DDR-Kultfilm abgehandelt wird. Nachdem der DEFA-Film in der DDR so lange großen Erfolg genoss, bis die Hauptdarsteller in den Westen flohen, erschien 1979 der Roman „Die Legende vom Glück ohne Ende“, in dem Plenzdorf der „Paul-undPaula-Geschichte“ noch eine „Paul-undLaura-Geschichte“ hinzufügte. Daher auch der Name „Die Legende vom Glück ohne Ende“. Nach dem Tod Paulas (gespielt von Eva-Maria Blumtrath) versucht die „Dienststelle“ durch den Einsatz von Laura (ebenfalls gespielt von Eva-Maria Blumthrat), die Paula verblüffend ähnlich sieht, Paul in sein Dienstverhältnis und seine alte Lebensform zurückzuholen. Ein zur Querschnittslähmung führender Unfall Pauls hat letztendlich den völligen Ausbruch aus dem alten Beziehungsgeflecht zur Folge. In der Inszenierung von Nils Düwell für das Theater Vorpommern, spielt der zeitgeschichtliche Hintergrund des Liebesverhältnisses eine tragende Rolle. Da die „Legende von Paul und Paula“ ein Stück

Paul und Paula auf der Suche nach sich selbst

DDR-Geschichte ist, aber die DDR Geschichte ist, wurden dem Stück systemkritische bzw. systemkarikierende Elemente beigemischt. Das ist gleichzeitig ein Problem dieser Inszenierung. Indem eine Retrospektive eröffnet wird, geht der Geschichte nicht nur ihr damaliger, zur Legende gewordener Zeitgeist verloren sondern auch ihre Zeitlosigkeit. Die weitestgehend neutrale und wertfreie Darstellung des DDR-Alltags, wie man sie aus Plenzdorfs DEFA-Verfilmung kennt, wird hier grundlegend verletzt. Statt wie Plenzdorf subtil vorzugehen, zieht Düwells Inszenierung es vor, mit dem Holzhammer zu arbeiten, um das Puplikum mit überspitzen DDR-Darstellungen zum Lachen zu bringen. Der ursprüngliche Charakter dieser netten Liebesgeschichte geht verloren. Diese Inszenierung lebt grundlegend von Klischees, von Typen anstelle von Charakteren und musikalischen Einlagen. Auf diese Art und Weise wird nichts anderes erreicht, als „Die Legende von Paul und Paula“ künstlich in die Linie neuerer, DDR verwurstende Filme wie „Sonnenalle“, „NVA“ und „Good Bye Lenin“ einzureihen. Warum macht man das? Was soll das nützen, ist doch ein alter Schuh mit dreckigen Schnürsenkeln. Na wenigstens sind die 70’er Jahre Kostüme schön. Weiße Lackstiefel, Satinnacht-

hemden und Pettycoats. Wer wird da nicht schwach. Punkten kann die Inszenierung so vor allem durch Sympathie. Von Sabine Kotzur, die dem Zuschauer als mitfühlende Nachbarin die Geschichte erzählt, möchte man gern auch noch hören, was sich sonst so in ihrem Leben zugetragen hat. EvaMaria Blumentrath, die Paula bzw. Laura spielt, schafft es außerdem aus ihrer Rolle auszubrechen, indem sie zwischen Paulas Gefühlswelt und dem Publikum vermittelt. Sie ist außerordendlich drollig und intentional, kaum möglich sie nicht gern zu haben. Aber auch Hans Rittig, der den versteiften Paul spielt, reiht sich in die Typenkomödie perfekt ein. An schauspielerischer Leistung fehlt es demnach nicht. Plenzdorf sagte: „Es ist eine alte Geschichte, die nicht alt werden kann. Mit Themen und Helden die immer wiederkehren. Bei jeder Generation“. Im Kern mag das auch zutreffen, aber hätte man, um Plenzdorf zu bestätigen dem Zuschauer nicht auch eine Identifikationsfigur geben müssen? Die Brücke zwischen Bühne und Zuschauersaal konnte bei der Premiere des Stückes nur für wenige Augenblicke geschlagen werden. In diesen Fällen, waren es auch großartige Szenen, die das zu Wege brachten. Ansonsten, ja... ansonsten setzt man einfach auf Sympathie. sv ANZEIGE

CineExtra im CineStar Greifswald jeden Mittwoch um 17.15 Uhr und 20.15 Uhr für nur 4,50 Euro

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feuilleton

23.01. Auf der anderen Seite 30.01. Geliebte Jane 06.02. Trade 13.02. Gefahr und Begierde 20.02. Jagdhunde

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THEATER

feuilleton

Schwere Kost

„Der Sturz des Antichrist“ von Viktor Ullmann Musikalische Vergangenheitsbewältigung

der Figur des Dichters eine wahrscheinlich einmalige Authentizität. Leider gestaltet sich dieser zweite Akt der Oper sehr zäh. Viel Text wird in zu wenig Melodie gepresst. Zu viele Worte, die literarisch überladen, mit zu wenig musischer Fantasie seitens des Komponisten umgesetzt wurden. Die Inszenierung von Anton Nekovar wirkt dagegen sehr stimmig. Der gebürtige Wiener schafft es dem schlichten Bühnenstil der Greifswalder Spielstätte einen Hauch von Großstadt zu verleihen. Die szenischen Mittel werden voll ausgeschöpft. Gekonnter Umgang mit der Lichttechnik und ein beweglicher Bühnenaufbau runden diesen Eindruck ab. Das zunächst schlichte, später extrem präsente Bühnenbild lässt den Darstellern genug Raum sich zu entfalten. Wahrgewordene Vision

Zwei Männer stehen an den Rändern der Bühne. Sie sind an den Händen gefesselt, haben nur wenig Bewegungsraum. Die Männer warten. Es wird still. Das Spiel hat scheinbar begonnen, doch noch ist der Zuschauerraum erleuchtet. Die Männer warten, regungslos. Langsam wird es dunkler. Die Männer warten, lautlos. Auch das Publikum wartet in gespannter Ruhe. Wehe dem, der in die gezwungene Lautlosigkeit hustet. Die Stille wird immer bedrückender, doch die Männer warten. Ihre Köpfe sind leicht gesenkt. Sie stehen in einem Raum mit hohen schwarzen Wänden. Da ist kein Fenster. Die unangenehme Ruhe wandelt sich, stiller Protest. Doch die Männer warten. Dann endlich die ersten Töne des Orchesters. Die Ouvertüre erlöst, das Geschehen auf der Bühne zwingt zur Aufmerksamkeit. Ein Wärter führt einen dritten Mann in das Gefängnis und fesselt ihn auf dieselbe Weise wie die anderen beiden. Es sind die letzten drei freien Menschen. Frei, denn sie stehen noch nicht unter dem Einfluss des machtvollen Regenten, der als Alleinherrscher die Menschheit unterdrückt. Es sind die Religion, die Wissenschaft und das dichterische Wort, die ihm widerstanden haben. Gefangen sind nur deren letzte Repräsentanten: Ein Priester, ein Techniker und ein Dichter. Musikalische Zusammenarbeit Mit der Premiere der Oper „Der Sturz des

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Antichrist“, am 5. Januar, präsentiert sich das Theater Vorpommern in einer Koproduktion mit dem Theater Hof. Die unmittelbar überzeugenden Hauptdarsteller gehören zum Ensemble der Hofer Gäste, während das Philharmonische Orchester Vorpommern die instrumentale Gestaltung übernimmt. In der düsteren Kälte des Gefängnisses kommt es nicht zur Annäherung. Die erste Arie der Oper schildert den Kampf zwischen Wissenschaft und Geistlichkeit. Schließlich greift der Dichter als Vermittler ein, ermahnt zum Zusammenhalt. Auftritt des despotischen Regenten. Sein Bass klingt nicht harmonisch, aber beherrschend. Er steht im tonalen Kontrast zur deutlich melodischeren Gestaltung der Stimmen des gefangenen Triumvirats. Schließlich überzeugt der Regent (Wolfgang Müller-Lorenz) den Techniker, seine Wissenschaft der neuen Weltordnung zur Verfügung zu stellen. Der Wissenschaftler (Thomas Rettensteiner) wird dem Despoten eine Rakete bauen, die seinen Sieg über die Erde vervollständigt. Auch der Priester (Radoslaw Rydlewski) ist schnell überzeugt, will lieber unterdrückt leiden, als dem Bösen zu widerstehen. Zurück bleibt allein der Dichter (Karsten Jesgarz) und seine Weigerung dem Regenten seine Worte zur Verfügung zu stellen, um ihn zu verherrlichen. Schauspielerisch stark beginnt sein Märtyrertum. Dass der Hauptdarsteller trotz Krankheit auftritt, verleiht

Zum Verständnis der Oper muss auf ihren historischen Entstehungshintergrund hingewiesen werden. Der jüdische Komponist, Viktor Ullmann, vertonte 1935 ein Werk des Dichters Albert Steffen. Der aus der Schweiz stammende Lyriker wollte mit seiner dramatischen Skizze „Der Sturz des Antichrist“ auf die drohende Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland hinweisen. Er verarbeitete vor allem auch anthroposophisches und apokalyptisches Gedankengut, die Handlung sollte am zukünftigen Ende des 20. Jahrhunderts spielen. Tatsächlich fand die Uraufführung seines vertonten Werkes erst 1995 statt. Da sowohl Ullmann selbst als auch ein Großteil seiner Kompositionen

Nur der Dichter protestiert.

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THEATER feuilleton

der Zensur durch das Nationalsozialistische Regime zum Opfer fielen, blieb der Musiker weitgehend unbekannt. Doch auch die inhaltliche Komplexität der Oper erschwert ihre Darstellung. Der große historische Handlungsrahmen ist in Verbindung mit der philosophischen Gedankenstruktur schwer zu fassen. So erlebte „Der Sturz des Antichrist“ mit der Aufführung am Theater Hof 2007 gerade Mal seine zweite Inszenierung. Die Parallele zum Regime der Nationalsozialisten wird theatralisch gut umgesetzt. Aufmerksamkeit zieht besonders das Bühnenbild des dritten Aktes auf sich. Die eindeutigen großen roten Banner mit dem schwarzen Emblem des Regenten auf weißem Hintergrund schmücken die Seiten des Balkons, von dem aus der Regent zu seinem Volk spricht. Diese Kulisse wird sicherlich einen bleibenden Einduck beim Premierenpublikum hinterlassen. Moderne Inszenierung In der Rolle des Volkes hat der Opernchor des Theaters Vorpommern einen sängerisch kleinen, aber dennoch eindrücklichen Auftritt. Wie alle Details der Inszenierung überzeugt das stimmige Gesamtbild. Schwächen zeigt einzig die Komposition.Ullmann

Die Muse fehlt – der Gesang ist top.

gelingt es nicht immer, die Vertonung des umfangreichen Textes ästhetisch ansprechend zu bewältigen. Wenig Abwechslung in der Melodieführung und scheinbar immer gleiche Intervalle klingen auf Dauer anstrengend. Das Spiel wird ohne musisch inspirierte Variation der inhaltlichen Dramatik der Arien nicht gerecht. An den Gesangleistungen der Solisten liegt dies nicht. Ebenso überzeugt das Philharmonische Or-

chester Vorpommern, es bildet einen harmonischen Kontrast zum Gesang. Nicht nur nach der beklemmenden Stille zu Beginn zeigt sich das Publikum verwirrt. Die Aufführung verzichtet auf traditionelle Anfänge, hat immer wieder unschlüssige dramatische Pausen. Die moderne Inszenierung trifft aber nicht auf Unverständnis, sondern wird von den Greifswalder Zuschauern deutlich positiv angenommen. sb ANZEIGE

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feuilleton

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M. TRIFFT... JENS FINGER

schluss

Als Chef einer Buchhandlung liest Jens Finger auch selbst viel.

und steht neuen Dingen offen gegenüber. Es gibt auch viele kulturelle Angebote, das ist sehr reizvoll. Ich wurde in einer ähnlichen Kleinstadt geboren und da war deutlich weniger los. moritz: Sie gehen täglich mittags in die Mensa. Schmeckt Ihnen das Essen dort? Finger: Das Essen könnte besser sein. Ich kenne viele Mensen und da schneidet Greifswald nicht besonders gut ab. Ich gehe der Kontakte wegen dorthin. Unsere Gruppe isst immer zusammen und trifft sich somit einmal am Tag. moritz: Wer ist Ihr Lieblingsautor/ in? Finger: Seit dem ich 16 bin, ist das Stefan Zweig. Sein Buch „Joseph Fouché“ war für mich eine besondere Entdeckung. Thomas Bernhard mag ich auch. moritz: Was bevorzugen Sie – Hörbuch oder Buch? Finger: Ich finde Hörspiele gut und praktisch für Zeiten, in denen man nicht lesen kann, beispielsweise beim Autofahren oder wenn jemand krank im Bett liegt. Ansonsten lese ich viel lieber selber. moritz:Welches Studienfach würden Sie neu erfinden? Finger: Ich wünsche mir kein neues Studienfach, die gibt es zu Genüge. Ich wünsche mir, dass den Studenten mehr Zeit für das Studium gelassen wird. Ich sehe, dass sie durch den Umbau auf Bachelor und Master immer weniger Zeit haben.

Nachdem Jens Finger sein BWL-Studium abgebrochen hatte, begann der heute 41-Jährige 1995 eine Lehre als Buchhändler. An dem Beruf fasziniert ihn die Vielseitigkeit, die Arbeit mit Büchern sowie der Kundenkonakt. Anfang 2000 ist Jens Finger in die Hansestadt gekommen und ist jetzt Chef der Buchhandlung Weiland am Marktplatz. Lieblingsmusik: Klassik, Jazz, Rock Lieblingsfilm: Wonder Boys Lieblingsessen: gestovte Rüben mit Frikadellen moritz: Was hat Sie im Jahr 2000 in die Hansestadt gezogen?

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Jens Finger: Ich wohnte vorher in Kiel. Ich hatte auch ein Stellenangebot in einer anderen Stadt, habe mich aber für Greifswald entschieden. Die Stadt hat mich aufgrund der Universität und ihres Alters mehr interessiert. Ich kannte sie damals nicht und war noch nie hier gewesen, doch ich konnte mir ein Leben hier gut vorstellen. Außerdem überzeugte mich die Lage in Norddeutschland. moritz:Wie würden Sie Greifswald in zwei bis drei Sätzen beschreiben? Finger: Trotz der provinziellen Lage, ist es für mich eine sehr interessante Stadt, denn nicht zuletzt durch die Universität sind viele verschiedene Leute hier. Sie besitzt für ihre kleine Größe ein bisschen Großstadtflair

moritz: Was liegt auf Ihrem Nachttisch? Finger: Auf meinem Nachttisch liegen mehrere Bücher, von denen ich im Moment von Uwe Timm das Buch „Am Beispiel meines Bruders“ intensiv lese . moritz:Wie lautet Ihr Lebensmotto? Finger: Das Leben ist ein verlorenes Gut, wenn man nicht so gelebt hat, wie man hätte gelebt haben wollen. Und: Das Leben ist ein schönes. Das Gespräch führte Cornelia Bengsch.

moritz #68

Foto: Cornelia Bengsch

Biografische Informationen

moritz: Was ist Ihr Lieblingsplatz in Greifswald? Finger: Ich finde die Gegend um den Dom sehr schön, die hat so ein besonderes Flair. Und dazu den Museumshafen. Es ist nett im Sommer in der Nähe des Schiffes Pomeria zu sitzen. Ich kenne etliche Häfen an der Ostsee und der hier in Greifswald ist wirklich sehr schön.


KAKURO schluss

Das Spiel Die Zahlen in der oberen rechten Ecke eines Kästchens zeigen an, welche Summe die Ziffern in der Reihe von freien Stellen rechts davon haben sollen. Die Zahlen in der unteren linken Ecke beschreiben auf dieselbe Art die senkrechten Stellen darunter. Dabei gelten folgende Regeln: Jede Summe darf nur aus den Ziffern von 1 bis 9 bestehen. In jeder Summe darf jede Ziffer nur einmal vorkommen. In jede freie Stelle darf nur eine Ziffer eingetragen werden.

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Das Spiel

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Zu gewinnen gibt es 3x2 Kinokarten für eine Vorführung im CineStar. Sende dazu die mit den Pfeilen gekennzeichnete Spalte, deinen Namen und Studiengang an:

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moritz@uni-greifswald.de Einsendeschluss ist der 19. März. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Gewinner der Dezember-Ausgabe Oliver Sünwoldt (Betriebswirtschaftslehre)

Venduta Lytkova (Deutsch als Fremdsprache)

Olav Hillebrand (Geologie) ANZEIGE

moritz #68

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moritz #68 (Jan' 08)