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meineSTERNE


Sie steht am Strand. Es ist dunkel. Die MilchstraĂ&#x;e scheint hell. Viele Sterne blinken am Himmel. Und wie immer wenn sie Sterne sieht muss sie an ihn denken.


Ein langer weißer Gang mit bunten Streifen auf dem Boden. Jeder weist den Weg zu einem anderen Ziel. Der Gelbe biegt nach rechts ab. Kein Hinweis darauf wo er hinführt. Nur ganz viele olivgrüne Türen in diesem Gang. Wie in allen. Alles sieht so gleich aus. So trist. So gewollt langweilig. So beruhigend. Wahnsinnig beruhigend.


Eine Frau und ein Mädchen gehen schnell durch die Gänge. Der Geruch nach Desinfektionsmittel und Blut liegt in der Luft. Das Mädchen hat den Mund geöffnet, vermeidet es durch die Nase zu atmen. Ihre Nasenflügel sind dennoch leicht gekräuselt. Die Frau vor ihr bleibt abrupt stehen, dreht sich nach rechts und öffnet die Tür. Das Mädchen stockt und blickt ihr nach. Betritt langsam das Zimmer, während die Frau bereits mit dem alten Mann im Bett spricht.


Sie hat ihm einiges mitgebracht um das er gebeten hatte. Bedanken wird es sich nicht. Hat er noch nie. Außer im Poesiealbum des kleinen Mädchens. Da steht es geschrieben. Was ich schon immer sagen wollte: Danke. Was ich so oft vergessen habe: Danke. Was mir zu sagen oft schwer fällt: Danke.


Die Frau zieht die grün weiß gestreiften Vorhänge beiseite und heiße Sonnenstrahlen fallen in den Raum. Sie öffnet die Fenster. Ein kleiner Luftzug versucht den Geruch des Zimmers zu verbessern. Doch muss sich zu schnell geschlagen geben. Mittlerweile sitzt das Mädchen auf dem einzigen Stuhl im Zimmer. Er steht zwischen diesem kleinen Tischchen das es neben jedem Krankenhausbett gibt und der kühlen, weißen Badezimmerwand. Sie setzt ihre Kopfhörer auf und ihr Blick schweift durch das kahle Zimmer. Den alten Mann im Bett kann sie nicht sehen. Er sie auch nicht. Blumen stehen auf dem Tischchen und verdecken sie vor ihm.


Die Unterhaltung des Liegenden und der Frau die auf dem Bettrand sitzt wird heftiger. Er beschwert sich. Das Essen. Die Hitze. Das Bett. Die Ärzte. Sie schüttelt nur den Kopf. Kennt ihren Vater zu gut um ihm zu widersprechen oder beizupflichten. Einige Minuten vergehen mit Beschweren und Austausch über die neusten Diagnosen. Wenn er das Rauchen aufhört wird die offene Wunde an seinem Bein heilen. Sagen die Ärzte. Sagt seine Tochter. Unsinn. Alles Quacksalberei. Die wissen ja doch nicht was ihm fehlt und nun soll er Schuld haben. Er wird es ihnen allen beweisen. Sagt, er hört ab sofort auf zu rauchen. Das Bein wird nicht heilen. Den Triumph, dass er damit Recht behalten soll wird er nicht lange auskosten können.


Von dem ganzen Gespräch bekommt das Mädchen nichts mit. Ihre Augen sind geschlossen. Die Kopfhörer liegen fest auf ihren Ohren. Ihre Beine sind überschlagen. Der rechte Fuß wippt fröhlich in der Luft. Das Klopfen unterbricht die Unterhaltung. Der grauhaarige Mann tritt ein. Begrüßt seine Frau mit einem Kuss auf die Stirn. Ein Händedruck für den alten Mann. Ihr ganzer Körper zuckt als er ihr durch die Haare wuschelt. Sie nimmt die Kopfhörer ab und umarmt ihren Vater. Ohne große Worte verlassen die beiden den Raum. Beim Hinausgehen bemerkt der alte Mann im Bett zum ersten Mal an diesem Tag das kleine Mädchen.


Nachdem sie fast zwei Stunden in der Mensa des Krankenhauses gesessen, gegessen und sich unterhalten haben kehren das Mädchen und ihr Vater zurück in des Krankenzimmer. Die Frau hat rote Augen. Im Mülleimer ein Haufen Taschentücher. Ihr Mann drückt kurz ihre Hand und nickt ihr zu. Der alte Mann liegt mit geschlossenen Augen im Bett und atmet hörbar. Gerade als die drei Besucher sich der Tür zuwenden und gehen wollen wacht er auf. Das kleine Mädchen sieht ihrem Opa seit langer Zeit zum ersten Mal wieder in die Augen. Müde, trockene, braune Augen.


Er hebt seine rechte Hand und streckt sie ihr entgegen. Als sie seine Hand mit ihren beiden Kleinen umschließt tippelt sie von einem auf den anderen Fuß. Seine Worte klingen durch den Raum. Prallen gegen die Wände und fliegen aus den geöffneten Fenstern. Sie blickt sich um. Ihre Eltern stehen hinter ihr. Beide wissen es genau. Sagen nichts. Ihre Blicke sagen alles. Doch das kleine Mädchen hebt ihre Augenbrauen. Versteht nichts. Wird sich bald schon nicht mehr an seine Worte erinnern. Blickt wieder zu ihrem Opa, dessen Augen feucht sind. Seine Hand versucht ihre Beiden ein letztes Mal feste zu drücken. Sie erwidert den Druck. Verabschiedet sich. Er schließt seine Augen und seine Familie verlässt den Raum.


Als wenige Tage sp채ter fr체h morgens der Anruf kommt, liegt das M채dchen im Bett. Ertappt sich bei dem Gedanken gl체cklich zu sein, dass alles vorbei ist. Der einzige Gedanke den sie ihr Leben lang bereuen wird.


Sie blickt auf zu den Sternen und erinnert sich an die vielen schรถnen Momente mit ihm. Sagt leise Danke. Und schwรถrt sich erneut jeden Tag mindestens einmal an ihn zu denken.


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miri

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man

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Meine Sterne  
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