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Vaterland Florian Albrecht-Schoeck

Mein Vaterland


Vaterland Florian Albrecht-Schoeck


Vorwort Die Idee zum meinem Buch Vaterland entstand im Spätsommer letzten Jahres. Ich stand mit meiner Kamera, umringt von einem Heer von Deutschlandfahnen und bengalischen Feuern nachts auf einer Hauptstraße in Offenbach am Main. Hunderte Menschen brüllten extatisch „Deutschland“ und besangen mit der Hymne der Bundesrepublik Deutschland den Sieg über Griechenland und dem damit verbundenen Einzug in das Halbfinale der Fussball-Europameisterschaft. Die euphorische Stimmung kippte als eine Gruppe von Griechen sich mit Fahnen näherte. Wie aus dem nichts waren zig Polizisten in Kampfausrüstung vor Ort. Die Stimmung wurde spürbar aggressiver. Es kam zu den ersten Provokationen zwischen den Gruppen. Ich sah mich schon häufiger wie in dieser Situationen mit dem Satz konfrontiert „Bist du Deutscher oder nicht?“. Meine schwarzen Haare, dunkeln Augen und mein gesamtes Erscheinungsbild lassen auf eine nicht-deutsche Herkunft deuten, aber dem ist nicht so. Ich sah mich mit meiner Kamera aggressiven Menschen gegenüber, welche überzogen mit schwarz/rot/goldenen Farben dekoriert waren. Ich fing an zu diskutieren, dass es keine Rolle spiele, woher ich wäre, aber dass man doch eine gemeinsame Sprache spricht und alles entspannt wäre. Aber so mehr ich versuchte die Situation zu entspannen, wuchs mir gegenüber sichtlich die Aggression, welche sich verbal in Sätzen wie „Bist du jetzt Deutscher oder nicht?“ oder „Das ist unsere Vaterland“, nicht deines“ konfrontiert sah. Jedes mal in solcher Situation bin ich lieber gegangen, bevor es zu Schlimmerem kam, weil ich spührte, dass jedes noch so einleuchtende und einfache Argument auf taube Ohren stieß. Mich beschäftigt aber seither immer intensiver die Frage, was ist „Vaterland“? Es ist ein Wort, was genauso universell wie individuell zu handhaben ist wie das Wort Heimat. Im Jahre 2008 bis 2011 reiste ich mit meiner Fotokamera durch die verschiedensten Länder und Abschnitte dieser Welt um das für mich künstlerisch mit dem Medium der Fotografie zu klären. Neben meinen Projekten, Ausstellungen und Büchern, sammelte ich

seit dem Jahr 2008 ca. 20.000 schwarz-weiß Negative. Daraus suchte ich in den letzten Monaten die Fotografien für dieses Buches aus, um für mich das Phänomen Vaterland in Bezug auf Deutschland zu klären. Größtenteils stammen die Fotografien dieses Buches aus Polen und Deutschland. Denn im historischen Sinn besitzt das Deutsche Wort „Vaterland“ eine sehr zwiespältige Bedeutung. Mir geht es aber in erster Linie nicht um das „Böse“ und „Schlechte“. Es geht mir auch um Hoffnung und dem, was Menschen aus dem, was sie haben, machen. Nur habe ich bei dem Gedanken der menschlichen Möglichkeiten ein eher ungutes Gefühl, wenn man um sich schaut. Falls man dem britischen Sozial Forscher Colin Crouch glauben schenken darf, befinden sich unsere demokratischen Industriestaaten auf einem absteigenden Ast. Der Trend zu fragwürdigen politischen Positionen wie auch der Entfremdung von demokratischen Gedanken treibt sich unübersehbar selbst voran. Am Ende dieser Kette steht die Barberei. Von dieser sind wir noch weit entfernt. Nur empfinde ich Unbehagen und Unmut, wenn ich vermehrt immer mehr Menschen um mich herum beobachte, welche bei, ich nenne es mal Events wie Fußball, zu einer radikalen und rassistischen Gruppendynamik neigen, ohne zu reflektieren, was dort passiert, und was sie tun. Mir ist aber ganz wichtig, dass ich mit meinen Fotografien, auf Dinge hinweisen möchte, auf schlechte, aber auch gute. Weil in allem Übel steckt auch immer etwas Hoffnung. Und so lange man noch hoffen kann, ist eine positive Zukunft möglich.

April 2013, Florian Albrecht-Schoeck


Impressum

Fotografien Florian Albrecht-Schoeck, geboren am 18. März 1980 in Darmstadt. Studium an der Hochschule für Gestaltung Offenbach im Bereich Visuelle Kommunikation. Auszeichnungen 2011 – Förderpreis des Frankfurter Vereins für Künstlerhilfe e.V. 2011 - HfG und Deutsche Börse Fotoförderpreis Sammlungen Seit 2011 ist meine Arbeit „Im Lager“ in der Sammlung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte in Marburg. Mobil: 0151 5200 68 44 Email: florian@albrecht-schoeck.com www.albrecht-schoeck.com

Vielen Dank an: Anna Pekala, Fabian Reifferscheidt und Clemens Mitscher

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