Page 1


Ich komm’ zu dir, Bavaria. Eine Reise durch den Freistaat Bayern. Artur Krutsch


Prolog

ch war noch nie auf einem Oktoberfest, ich trinke kein Weißbier, Weißwürste kenne ich nur vom Hörensagen, ich fahre lieber ans Meer als in die Berge, ich mag den Schnee nicht und ich war noch nie in Bayern. Aber dennoch kann auch ein Westfale mit Migrationshintergrund, wohnhaft in Dortmund seine Augen nicht verschließen vor diesem, dem größten aller Bundesländer: Zig Oktoberfeste im Ruhrgebiet, eine Trachtenabteilung im Dortmunder Karstadt, die CSU auf allen Kanälen und dann auch noch der außereuropäische Tourist, der zunächst (oft sogar ausschließlich) nach Bayern fährt, wenn er German Gemütlichkeit erleben will. Wie sieht es aus, dieses Bundesland, das sich Freistaat nennt? Ich werde hinfahren und es fotografieren! Eine Reise durch Bayern soll es werden. Aber Obacht! Ich muss mich vorbereiten: Also fix die Süddeutsche abonniert, das Bayerische Fernsehen auf Eins gespeichert (BR alpha, samt Harald Lesch kommt auf Zwei), an meiner ersten Weißwurst aus dem Lidl geknabbert und gegoogelt, wo man denn in München so feiern kann. Sodenn: Ich komm’ zu dir, Bavaria!

2


wischen Herbst und Winter also, zwischen

Oktoberfest

und

Après-Ski, fahre ich nun zum ersten Mal nach Bayern, in dieses kauzige Bundesland. (Einmal bin ich drüber geflogen, glaube ich, aber es war bewölkt.) »Schauen Sie, wir sind gleich da! Die nächste Haltestelle ist die erste in Bayern«, erklärt mir mein Sitznachbar, als Kahl am Main aus dem Lautsprecher angekündigt wird. Ein hesselnder Familienvater in schwarzem Anzug, der in Frankfurt arbeitet, aber in Bayern lebt und von dem Gymnasium schwärmt, in das er seine zwei Kinder schickt. Jaja, in Bayern sei er auch viel rumgekommen, geschäftlich versteht sich. Aber zum Skifahren fahre er lieber nach Österreich. Ich solle doch unbedingt dieses und jenes fotografieren, empfiehlt er mir. Auf jeden Fall, sage ich und vergesse es sofort. »Viel Spaß bei der Reise!« »Ja, danke.« »Und Gut Licht! — Das sagt man doch so.« Er grinst stolz. »Jap.« Ein schwuler Bordservicemitarbeiter in schicker roter Weste bietet mir frische Butterbrezen, Piccolo und Bier an: 7


»Was wünsch’n, der Herr?« Ich nehme eine pummelige braune Flasche, ein Mönch schaut verwirrt vom Etikett. »Soll ich’s gleich öffn’n, der Herr?« »Ja, bitte.« Ein paar Hügel bespickt mit nackten Weinstöcken huschen an mir vorbei, dazu: Burgen, Schlösser, Flüsse, Häuschen. Hach wie herrlich muss es hier im Sommer sein! Langsam wird es dunkel in Bayern und mein Bier ist auch bald leer. Ich beschließe auszusteigen: Würzburg.

8


s schneit. Den ersten Schnee dieses Jahres erlebe ich irgendwo zwischen Würzburg und Bamberg. »Du willst Bayern fotografieren?«, fragten sie mich. »Was machst du dann in Würzburg?« Ich lernte: Im Freistaat Bayern gibt es drei Stämme: die Altbayern, die Franken und die Schwaben; und Würzburg gehört den Franken. Außer dass die Franken ihr Kreuzchen neben der CSU machen, haben sie nicht viel gemein mit dem, was wir unter Bayern verstehen. Aber wenn ich schon mal da war ... Johanna, die hübsche Psychologiestudentin, bei der ich übernachten durfte, führte mich in eine lausige Kellerkneipe voller Amerikaner und Latinos — ein Überbleibsel der amerikanischen Streitkräfte, die einstmals ganz Bayern bevölkerten und denen wir die erste McDonalds-Filiale (München, 1971) verdanken. Wir tanzten und tranken. Und nun habe ich einen Kater vom Tequila und vom Wein und freue mich über das Stück Schweinespeck, das mir mit einem Stück Brot von einer Zigeunerfamilie angeboten wird, die den ganzen Wagon besetzt. Ich bedanke mich wortlos und kaue lange auf dem zähen Stück Fleisch. Ich blättere in der halben Frankenpost (Die andere Hälfte wird zum Einpacken des 21


Fleisches verwendet.) und lese: Dem Dirigenten Enoch zu Guttenberg geht der Medienrummel um seinen Sohn, Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), mittlerweile auf die Nerven. »Ich bin jetzt Medien-müde [sic]«, sagte der Intendant der Internationalen Herrenchiemsee-Festspiele. »Seit Karl-Theodor zum Minister berufen wurde, sind bei uns in Guttenberg sicher 30 Filmteams gewesen, hinter jedem Baum steckte ein Journalist.« Das klingt doch gut — auf nach Guttenberg.

22


ie dürfen das Gelände nicht betreten und fotografieren dürfen Sie hier erst recht nicht.« — Okay, okay. Ich geh ja schon. Nur ein paar Minuten bin ich durch den Schnee ums Schloss Guttenberg gestapft, drückte circa zwei mal den Auslöser, da hielt auch schon ein großer, schwarzer Geländewagen mit Münchner Kennzeichen neben mir, ein Schnauzbärtiger öffnete die Autoscheibe und schimpfte wüst. Was hätte ich denn mit dem angebrochenen Tag sonst anfangen sollen, außer in die einzige Kneipe im Dorf zu gehen? Interessantes gab es sonst nicht zu sehen, auf den Straßen war kein Mensch, von Journalisten keine Spur, die Busse fuhren nicht mehr und nasse Füße hatte ich auch. Also verbrachte ich den Rest des Tages im Gasthaus Zur Post, bei dem Berliner Gastwirt, dessen Namen ich vergessen habe, trank Bier und versuchte die Gestalten zu verstehen, die ein- und ausgingen und mir mit dunkelstem fränkischen Dialekt von KaTe (wie sie unseren Verteidigungsminister freundschaftlich nannten) erzählten: Gestern sei er erst im Dorf gewesen, wie schade, dass Sie ihn verpasst haben; er baue ein neues Schwimmbad oben im Schloss, usw. Sie nickten und betonten, dass sie alle schon mal dort oben waren 31


und dass sie dem Baron samt Gattin durchaus bekannt seien. »Noch ein Bier für den Fotografen.« Eins noch, zwei, drei, vier und ich stolpere nach oben, wo der Berliner ein paar Gästezimmer für 10 Euro die Nacht vermietet (Hauptgäste zur Zeit: Schwimmbadbauarbeiter) und falle betrunken ins Bett. Am nächsten Morgen: Der Schnee liegt kniehoch und es wird weiterschneien, den ganzen Tag. Züge fallen aus, Busse bleiben stecken, Schulfrei, gestrichene Flüge, Unfälle, Tote, ich solle doch besser noch bleiben — aber nein, ich muss weiter, trotzdem danke. Ich hab jetzt einen Zug nach Bayreuth erwischt, mal schauen wie weit ich komme.

32


35


36


37


40


41


42


43


44


45


46


49


ch fuhr umher mit um Stunden verspäteten Bussen und Zügen, schlief in Herbergen und auf Sitzbänken. Von Irgendetwas an der Donau gings nach Irgendetwas am Inn. Alles war leer, die Menschen ließen sich einschneien und dösten in ihren Häuschen, in denen runde Birnen mit Glühdrähten rot leuchteten. Ich verlor die Orientierung, kannte die Ortsnamen nicht mehr, war ich überhaupt noch in Deutschland? Bayern hat dich verschluckt, Fremder! Bäume und Hügel und überall Schnee. Und eines schönen Morgens, als der Schnee aufhörte zu fallen und es heller wurde, ja fast sonnig, entdeckte ich ein Schild am Straßenrand: Ein herzliches Grüß Gott in Marktl, dem Geburtsort unseres Papstes Benedikt XVI. — Wie Schön.

50


uf der Vorderseite des Hauses Marktplatz 11, 84533 Marktl sind jeweils links und rechts zwei steinerne Tafeln angebracht. Rechts weist die Tafel darauf hin, dass der Ratzinger Josef hier geboren wurde. Auf der anderen Seite der Tür wurde jedoch eine zweites Schild angebracht. Genauso groß, wenngleich doch älter. Denn in diesem Haus wurde am 31. März 1779 Georg Lankensperger, Wagenbauer und Erfinder der Achsschenkellenkung geboren. Lankensperger war Hofwagner in München. Er erfand diese neue und innovative Art der Lenkung, die noch heute in Autos benutzt wird, im Jahre 1816 und erhielt am 25. Mai 1816 ein bayerisches Privileg: »dem Hofwagner Lankensberger dahier wegen Erfindung eines neuen Riebes des Vorderwagens, der keines sogenannten Scheibengestelles bedarf, und ohne Raumverlust die Wagen sehr verkürzt.« Um die Erfindung wirksamer zu schützen als es mit dem bayerischen Patent möglich war, tat sich Lankensperger mit Rudolph Ackermann zusammen. Ackermann erhielt das britische Patent Nr. 4212 im Jahr 1818 für »Improvements on axletrees applicable to four-wheeled carriages, communicated to me by George Lenkensperger of Munich, in the Kingdom of Bavaria.« 55


Dieses Patent war so bedeutend, dass es im englischsprachigen Raum auch jetzt noch im Fahrzeugbau die Begriffe »Ackermann-, A-Steering«

und

»Ackermann

steering

angle« gibt. Was sagst du nun, Papst? Meine nächste Station (apropos): Munich, in the Kingdom of Bavaria.

56


ch Bavaria, meine alte Dame, endlich bin ich bei dir, schick schauste aus, Busserl! Viel los in München. So viele Menschen auf einmal war ich nicht mehr gewohnt. Aber es ist furchtbar kalt. Durch die Pullis und Jacken wirken sogar die Mädchen vorm P1 pummelig. Ja, ich hab mich angestellt, aber bin natürlich nicht reingekommen. Und Fotos durfte ich von den Herren Türstehern auch nicht machen und wo sie im Urlaub waren, wollten sie mir auch nicht verraten. (»Wegen Ihrer gesunden Bräune mitten im Dezember, Sie wissen schon, gut erholt?«) Ich schleppte meine Füße, diese steifen Eisklumpen durch die Großstadt und trank Weißbier und Glühwein abwechselnd und endete in einem Dönerladen, in dem ich mich ein wenig aufwärmen konnte und der mich an Zuhause erinnerte. Dort saß ich unter weißen, brummenden Neonröhren und beobachtete mit halbgeschlossenen Augen und einem Knoblauchgeschmack auf der Zunge das mir fremde Schauspiel auf der dunklen Straße: So viel Wangenküsse habe ich in so kurzer Zeit noch nie gesehen. However, darling. Ein bisschen weiter gen Süden kann ich noch. 65


66


75


ir hatten das gleiche Ziel, er und ich, mein Bettnachbar aus Japan mit dem langen Namen. Vor einer Woche ist er alleine losgeflogen, war in Berlin, Köln, München und ist nun, genau wie ich, am Ende seiner Reise angelangt: Das Schloss Noishuvanshutain. Was? Achso, Neuschwanstein. Er möchte ein Foto machen vom Schloss, nein er muss ein Foto machen! Wie stolz er war, als er meine CanonKamera entdeckte — Made in Japan — und seine zwei Finger, geformt zu einem Victoryzeichen waren schon oben und er blickte erwartungsvoll. Natürlich machte auch er ein Foto von mir — mit seiner Canon. Und wie gefällt dir Bayern, Yoshi? (So nannte ich ihn der Einfachheit halber.) »Good. Nice people. Nice sausages. Nice beer.« Ah ja. Ich ging mit ihm zum Schloss, er sagte Konnichiwa alle paar Meter, zeigte mir wer Japaner war, wer Chinese und wer Koreaner und musste mir helfen ein Taschentuch zu organisieren, da ihn hier mehr Leute verstanden als mich. (Erkältung bahnt sich an!) Und wie sie alle staunten, als sie das Schloss erblickten. Mit offenen Mündern fotografierten sie es, fassten die Wände an, 76


filmten, stellten sich stundenlang in Schlangen an ... Doch Yoshi reichte das nicht. Er wollte das eine Foto machen, das von den Puzzles, Tassen, Mauspads, Postkarten, T-Shirts, etc. Er müsse auf die Marienbrücke, erklärte ihm ein Landsmann, 30 Minuten zu Fuß, ob ich mitkommen wolle? Nein, nein. Ich bleibe lieber noch ein bisschen hier. (Ich entdeckte eine Reisegruppe hübscher japanischer Mädchen.) Auf dem Rückweg ins Tal traf ich Yoshi wieder, er wirkte tief enttäuscht, versuchte dennoch zu lächeln und erklärte mir: Wegen dem Schnee war die Marienbrücke abgesperrt. Lebensgefahr! Alle seine Freunde waren da und haben dieses Foto gemacht und er war immer so neidisch. Warum musste er denn auch im Winter fliegen! Ohne diesen Ausblick, ohne diese Foto habe er Bayern gar nicht richtig gesehen. — Ich doch auch nicht, Yoshi, ich doch auch nicht.

77


Ich komm’ zu dir, Bavaria. Fotografie, Text und Gestaltung: Artur Krutsch Betreuung: Prof. Cindy Gates © 2011, Dortmund


Artur Krutsch »Ich komm zu dir Bavaria«  

Artur Krutsch »Ich komm zu dir Bavaria«

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you