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NO DIRECTION HOME Anja Kรถhler


VORWORT

Die USA – das Land der Superlativen und unbegrenzten Möglichkeiten. Es ist das Land des Glaubens an die Chancengleichheit, an die Kraft und Freiheit des Einzelnen, sich »vom Tellerwäscher zum Millionär« hocharbeiten zu können.    Und dennoch: Derzeit leben ca. 50 Millionen Amerikaner unterhalb der Armutsgrenze. Seit dem Beginn der Finanzkrise 2007 und der dadurch seit 2008 anhaltenden Wirtschaftskrise steigt auch die Zahl der obdachlosen Menschen in den Vereinigten Staaten. Die Arbeitslosenrate liegt bei etwa 10% und betrifft dabei vor allem die unteren und mittleren Schichten der Bevölkerung. Zunächst traf die Krise solche, die bereits vorher an der unteren Existenzgrenze lebten. Mittlerweile sind aber auch die Bürger der Mittelschicht und ganze Familien mit Kindern nicht mehr vor dem »finanziellen Absturz« sicher. Für viele von ihnen ist der Weg vorgezeichnet: Der Jobverlust

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führt zum Hausverlust, was meist in Verbindung mit privaten Problemen ein Leben auf der Straße nach sich zieht. Die Obdachlosenunterkünfte können die ansteigenden Zahlen der Betroffenen schon längst nicht mehr tragen. Aus dieser Not heraus bildeten sich in den letzten Jahren vermehrt so genannte Tent Cities – Zeltstädte, die sich mittlerweile durch viele Bundesstaaten der USA ziehen, von Washington im Nordwesten über Kalifornien bis nach Florida.    Die Geschichte wiederholt sich: Zeltstädte als Notunterkünfte für obdachlose Menschen gab es bereits vor 80 Jahren zur Zeit der großen Depression im Gefolge der Weltwirtschaftskrise von 1929. Mit Bezug auf den damaligen Präsidenten Herbert C. Hoover wurden sie als Hoovervilles bezeichnet. Sie entstanden in Eigenregie der Betroffenen, die sich in schon existierenden Elendsvierteln Blech- und Holzhütten bauten. Die wohl bekannteste Zeltstadt siedelte sich von 1931-33 im New Yorker Central Park an.   Die sich jetzt wieder zeigende neue Armut ist ein unbequemes Thema für die amerikanische Öffentlichkeit, denn es passt nicht in das Bild vom »American Dream«. So besteht immer wieder der Versuch der Ausgrenzung und Zerstörung der Zeltstädte, sowie die Gefahr von deren Ghettoisierung.    Am Beispiel von Seattle im Bundesstaat Washington, wo bereits drei solcher temporären Camps existieren, soll etwas genauer auf die jüngere Entwicklung eingegangen werden. Nachdem bereits in den 1990er Jahren erste Zeltstädte und Notunterkünfte entstanden sind, wurde im Jahr 2005 ein Zehnjahresplan zur Beendigung der Obdachlosigkeit in Seattle entwickelt. Trotzdem hat sich die Lage seither weiterhin verschlechtert. Zurzeit leben im Großraum Seattle etwa 8300 Menschen auf der Straße. In den Notunterkünften finden nur etwa 5000 von ihnen einen Platz für die Nacht, welchen sie jeden Morgen mit ihrem gesamten Hab und Gut wieder verlassen müssen.    Im September 2008 wurde Nickelsville gegründet, die jüngste der drei Zeltstädte Seattles. Der Name ist eine ironische Anspielung auf den damaligen Bür-

germeister der Stadt, Gregory J. Nickels, welcher in groß angelegten Razzien versuchte, die Straßen von den Obdachlosen zu befreien. Dennoch konnte sich Nickelsville bis heute gegen den Willen der Stadt als eigenständig organisiertes Camp behaupten und wird dabei von kirchlichen und privaten Trägern unterstützt. Es bietet Platz für etwa 100 Menschen, die hier Zuflucht, Gemeinschaft, Hilfe und neuen Mut finden können. Dafür müssen sich die Bewohner an strenge Regeln halten, um so den stereotypen Vorstellungen der Bürger Seattles entgegenzuwirken und die Akzeptanz zu fördern. Drogen, Alkohol, Gewalt, Fluchen, Betteln in der Nachbarschaft – all‘ das ist streng verboten und ein Verstoß wird mit dem Rauswurf aus dem Camp bestraft.    Teil des Lebens in der Zeltstadt ist der Zwang des ständigen Standortwechsels. Zumeist bieten Kirchengemeinden den Platz für ein temporäres Lager, doch spätestens alle 90 Tage müssen die Zelte wieder abgebaut und eine neue Gemeinde gefunden werden. Seit der Gründung ist Nickelsville bereits 15 Mal umgezogen. Nun kämpfen die Bewohner für einen dauerhaften Standort - ein freies, bebaubares Stück Land mit genügend Platz für bis zu 1000 Betroffene, auf dem sie sich die nächsten fünf bis zehn Jahre niederlassen und die Krisensituation überbrücken können. Mit der Wahl des neuen Bürgermeisters Michael McGinn im Jahr 2010 ist dieses Ziel in greifbare Nähe gerückt. Im November 2010 wurde Nickelsville ein Winterquartier in einer ausrangierten Feuerwache übergeben, mit der Aussicht auf ein eigenes Stück Land ab dem Frühjahr 2011 - ein großer Schritt, denn damit hat sich das erste Mal ein Bürgermeister zu der Problematik bekannt und eine Lösung angestrebt. Für die Arbeit »No Direction Home« hat die Fotografin die Bewohner von Nickelsville fünf Wochen lang begleitet. Sie zeichnet damit ein Portrait der Menschen vor Ort und ihres täglichen Lebens.


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F ĂœR DIE BEWOHNER VON NICKELSVILLE William, Anthony, James H., Michael M., Chris, Robert B., Misty, Illya, Lisa, Tiffany, Robbie, Will, Sabina, Falcon, Debra, Harold, Kim, Travis, Julie, Jesse, Richard, Steven, Timothy, Donald, Robert H., Revelation, Teanna, Vashawn, Tim, Kim, Ricardo, Erin, Nate, AK, TJ, Gypsy, Daniel, Carolyn, Gilberto, Paul, Ion, Jeremy, Andrea, Michael P., James St., Shellie, Greg, Lisa K., Wes, Jake, Roger, Pam, James, Ken, Jimbo, Mike, Barbara, Justin, Kitty, Cat, Peggy, Tom, Taco, Israel

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DANKSAGUNG Besonderer Dank geht an: die Bewohner von Nickelsville, Kayleigh, Dung, Mary, Carolyn, Joachim, Nedene, Christine und Jürgen Köhler, Prof. Roman Bezjak, Prof. Axel Grünewald, Dirk Sonnenberg, Julia Steinbrecht, Robin Strothmann, Sarah Berger, Barbara Ködel, Mira Unkelbach, Daniel Schlindwein und Bianca van Hall


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KO N TA K T Anja Köhler k o e h l e ra n j a @ h o t m a i l . c o m

ERSCHEINUNGSORT Fa c h h o c h s c h u l e B i e l e fe l d Fa c h b e r e i c h G e s t a l t u n g L a m p i n g s t r. 3 3 3 6 1 5 B i e l e fe l d w w w. f h - b i e l e fe l d . d e

BETREUENDE PROFESSOREN P r o f. R o m a n B e z j a k P r o f. A x e l G r ü n e w a l d

L AY O U T + G E S TA LT U N G Dirk Sonnenberg s o n n e n b e r g @ a r b e i t s ra u m 7 . d e

DRUCK scanlitho .teams FullService GmbH Eggeweg 26 3 3 6 1 7 B i e l e fe l d

PA P I E R Phönix Motion Xenon

BUCHBINDUNG Buchbinderei Sundermann Eickelnbreede 24 3 3 7 3 9 B i e l e fe l d

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