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ROT 9 Marcus Simaitis


Die Kinder vom Friedensdorf Oberhausen

ROT 9 Marcus Simaitis

Vorwort von Jens Wege


Albina blickt teilnahmslos zur Decke des kleinen Behandlungszimmers im Sankt Marien-Hospital. Chefarzt Dr. Ruhnau umfasst ihr Bein mit einer Hand und untersucht eine offene Stelle. Der schmale Streifen wirkt wie eine etwas eitrige Schürfwunde. Nichts Schlimmes - auf den ersten Blick. Doch die kleine Macke ist das Symptom eines Entzündungsherdes, der sich am Kopf des Schienbeinknochens eingenistet hat: Osteomyelitis – Knochenentzündung. In einer mehrstündigen Operation in den nächsten Tagen soll der Knochen von den Bakterien gereinigt und Antibiotikaketten gelegt werden, die ein erneutes Aufflammen der Entzündung verhindern sollen, wie Dr. Ruhnau im ruhigen Tonfall erklärt. „Das kriegen wir schon wieder hin“, sagt der Arzt und drückt dem Mädchen die Hand. Fasziniert mustert Albina den hochgewachsenen Mann im strahlend weißen Kittel, obwohl sie seine Worte nicht versteht. Sie weiß, dass diese fremden Menschen ihr helfen werden. Die Neunjährige stammt aus Angola und mit dieser Diagnose würde ihr dort Amputation oder Tod drohen. Sie hat einen langen Weg hinter sich.

„Wir wissen nicht, was den Kindern passiert ist, wichtig ist nur, dass wir ihnen helfen“ Eine Woche Früher: Feiner Nieselregen weht über das Flugfeld des Düsseldorfer Frachtflughafens. Eine Kolonne von 33 Rettungswagen, zwei Gelenkbussen und zahlreichen blinkenden Autos der Flugsicherung rollt auf die Betonbahn und gruppiert sich um die gerade gelandete Maschine. Die Luke der McDonnell Douglas öffnet sich und kalte Luft strömt in das stickige Innere der zweistrahligen Maschine. Routiniert

und zügig holen die Sanitäter die kleinen Patienten ans diesige Tageslicht. „Leverkusen 801“, ruft ein Hüne in roter Kluft, in dessen Armen ein Deckenbündel ruht. Ein nacktes Bein baumelt heraus. Schnell wird der stöhnende Junge im entsprechenden Krankenwagen verstaut. Die akuten Fälle zuerst ist die Reihenfolge an diesem grauen Maimorgen. 33 Mal erscheint ein Helfer des Roten Kreuzes in der Kabinentür, ein kleines Bündel Mensch in den Händen. 33 Kinder im Alter von acht Monaten bis zwölf Jahren mit Verbrennungen, Wunden und lebensbedrohlichen Krankheiten, die sofort auf Krankenhäuser im gesamten Bundesgebiet verteilt werden. „Ein Großteil unserer Arbeit macht das Akquirieren von Krankenhausbetten und den entsprechenden Behandlungen aus“, erklärt Friedensdorf Pressesprecherin Heike Bruckmann. Sie ist bei jeder Landung vor Ort, packt mit an, koordiniert. Die Schlange ist noch nicht zu Ende. Welsa, Pedro, Rosalina, Miguel steht auf den Plastikschildern, mit denen die Kinder ins Freie treten. Die Mädche tragen aufwendig geflochtene Frisuren mit bunten Klammern und farbenfrohe Kleider. „Die Eltern machen die Kinder so gut zurecht, wie sie können“, weiß Heike Bruckmann aus Erfahrung, „das ist ihnen sehr wichtig“. Mittlerweile haben die Helfer die Neuankömmlinge in die bereitstehenden Busse gesetzt, die sonst Passagiere im Nahverkehr befördern. Die Oberhausener Stadtwerke haben die gelben Gefährte samt Fahrer bereitgestellt. Freiwillige Helferinnen begleiten die Fahrt. Zuvor haben sie die Sitze mit aufgeschnittenen Mülltüten beklebt. Die Erfahrungswerte aus zahlreichen Transporten: Nässende Verbände, Erbrechen, Durchfall – alles keine Seltenheit auf den Transfers zwischen Flughafen und Friedensdorf. „Manchmal urinieren die Kleinen aus Angst vor dem Ungewissen“, erzählt eine blond gelockte Helferin in einer blauen Friedensdorfjacke. Im Bus ist es ruhig. Viel zu ruhig, für eine Gruppe Kinder. Erschöpft blicken die Jungen und Mädchen ins Leere.


Albina lehnt sich zurück und schließt die Augen. Ihre geflochtenen Zöpfe mit den pinken Klammern wippen leicht. Vor den nassen Busscheiben zieht eine fremde Landschaft vorbei - Heimat für die nächsten Monate oder Jahre. Die schlichten zweigeschossigen Häuser muten an wie eine Wagenburg – gegen Krieg, gegen Armut, gegen Hass. Gegen die Gründe, weswegen die Kinder hier sind. Alle Neuankömmlinge findet man im Dorf auf „Rot 9“. Die Isolierstation. In den ersten Minuten nach der Ankunft bestimmen Geschrei und Gestank die Szenerie. Kinder, die nach ihrer Mutter rufen. Kinder, die auf den Betten ins leere Starren. Kinder, die in die Hose machen. Mit unerschütterlicher Ruhe bringen die Schwestern Ordnung in die Aufregung. Pflegerin Yvonne, die hier ihr Anerkennungsjahr macht, nimmt Nelson aus dem Laufstall, der sich in Ekstase geschrien hat, in der universellen Sprache: „Mama“. Vorsichtshalber überprüft sie noch einmal, ob der Name auf seinem Schild, mit der weißen Schrift auf dem Arm übereinstimmt. „Das muss sein“, sagt die junge Frau, „auch, wenn es nicht gerade schön aussieht“. Eine Verwechslung wäre fatal. Nelson ist der heimliche Star der Station. Der Zweijährige trägt einen Nadelstreifen Anzug mit Hemd, Fliege und passenden Lederschuhen. „Wir haben den Eltern gesagt, dass sie ihn gut vorbereiten sollen“, erzählt Tobias Bexten, „Sie haben da wohl etwas falsch verstanden“, schmunzelt er. Der junge Chirurg hat den Flug begleitet. Nun weißt er die Schwestern der Station auf Besonderheiten seiner Schützlinge hin, auf Krankheiten, Verletzungen und die entsprechenden Medikamente dafür. Tobias Bexten sieht müde aus. „Ich habe nicht viel geschlafen“, erzählt er. Seine Miene wird ernst, als er von Angola erzählt: „In Luanda leben die Menschen buchstäblich im Dreck, das kann man sich nicht vorstellen“. Nach einer Stunde sind alle neuen Bewohner geduscht und mit frischen Verbänden versorgt. Auch neue Anziehsachen aus der Kleiderkammer

gibt es für jeden. Die kleinen Patienten widmen sich den Spielsachen. Einige Mädchen sind in ein Würfelpuzzle vertieft, mit einer schwarzhaarigen Prinzessin darauf, die von sieben merkwürdigen Kleinwüchsigen umgeben ist. Die Jungen albern auf ihrer Station schon lautstark herum. Nur der sechsjährige Pedro hat Heimweh und kauert weinend auf dem Boden vor der Eingangstür. Die Biene auf seinem T-Shirt lächelt fröhlich. Knapp zwei Wochen müssen die neuen Bewohner auf Rot 9 verbringen. Zu den anderen Kindern, die auf dem runden Platz vor dem Haus spielen, dürfen sie noch nicht. Neben Brandwunden, Knochenentzündungen und anderen Verletzungen, bringen die Jungen und Mädchen auch Infektionen und Parasiten mit: Würmer, Läuse, Pilzerkrankungen. Auch Krankheiten, wie Tuberkulose, Malaria, HIV und Hepatitis sind in den Krisenregionen verbreitet. Eins der unangenehmen Begrüßungsrituale auf Rot 9 – einen Pikser in den Arm. Wenn in anderthalb Wochen die Laborbefunde der Blutproben vorliegen, dürfen die meisten Kinder die Isolierstation verlassen und werden auf die anderen Häuser verteilt. Diejenigen mit schwerwiegenden Infektionen oder Krankheiten kommen umgehend in Behandlung, meist in eines der umliegenden Krankenhäuser.

„Zwei Finger kann ich retten“ Dr. Mohammed Ali Hariri ist da, um die Neuankömmlinge zu sichten. Im Bereitschaftsraum der Jungenetage hat er seine improvisierte Praxis aufgemacht. Der vierjährige Benjamin hat schwere Verbrennungen am ganzen Körper, die linke Hand ist zu einem Klumpen geschmolzen: „Zwei Finger kann ich retten“, sagt der Chirurg mit den schlohweißen Haaren, der trotz des Elends immer ein zuversichtliches Lächeln auf den Lippen


trägt. Seit er im Ruhestand ist, kümmert er sich zweimal die Woche um die Friedensdorfbewohner. „Ich wollte mein Wissen nicht ungenutzt lassen“, sagt der Chirurg, der seinen Teil zur Mission „Not-auf-derWelt-verringern“ beiträgt. Die Hilfseinrichtung betreut insgesamt etwa 1000 Kinder pro Jahr. Neben den Hilfsflügen wird auch die Unterbringung und Versorgung in den Kliniken organisiert. Dr. Hariri ist einer von vielen Freiwilligen, die sich im Friedensdorf um die Kleinen vor und nach ihrer Behandlung kümmern. „Ko-Pi“, diktiert Hariri seiner Assistentin noch – Kopfpilz. Fast alle Jungen dieses Hilfsfluges haben die grünlich hellen Stellen auf den meist kahlrasierten Schädeln. Doch zum Glück gibt es die ehrenamtlich helfenden Hände des 69 jährigen und die der zahlreichen anderen Mitarbeiter. „Wir wissen nicht, was den Kindern passiert ist“, sagt Hariri, „wichtig ist nur, dass wir ihnen helfen“. Einen Monat später. Die Anästhesieschwester schiebt Albina zur OP-Schleuse. Die Neunjährige ist kein Bisschen nervös, wirkt sogar entspannt. Das liegt an Elisabeth Maria Silva. Die Unternehmerin mit portugiesischen Wurzeln kümmert sich um die Kinder aus Angola, die im Sankt-Marien-Hospital behandelt werden. Frau Silva übersetzt die Diagnosen der Ärzte und die Fragen der kleinen Patienten. „Es tut den Kleinen gut, wenn sie sich mit jemandem in ihrer Landessprache unterhalten können. Wenn sie wissen, was mit ihnen passiert, haben sie auch keine Angst“. Auch mit Albina hat sie lange geredet, sodass sich das Mädchen ganz ruhig in den weiß gefliesten Raum schieben lässt. Ausnahmsweise darf ihr Teddy mit in den Operationssaal – als Unterstützung. Seit ihrer Ankunft im SanktMarien-Hospital hat Albina das Geschenk der Schwestern nicht aus der Hand gelegt. Auch während die Chirurgen ihr Bein behandeln und das Mädchen in tiefer Narkose schlummert, liegt er an ihrer Seite und lächelt. Wie Albina. Bald. Trotz erfolgreich verlaufender Operation haben fast alle

betreuten Kinder noch einen langen Weg vor sich. Die Rehabilitation. Meist treffen sie dabei auf eine nette blonde Frau namens Claudia. Das Friedensdorf beherbergt auch eine Reha-Abteilung. Hier arbeitet die Physiotherapeutin, die erst kürzlich ihre Praxis geschlossen hat. „Ich habe für meinen Ruhestand eine Aufgabe gesucht, da haben die mich gleich hierbehalten“, erklärt die Ehrenamtliche und beugt dabei langsam das Bein von Aimal. Der afghanische Junge ist seit Februar im Dorf. „Das Knie ist noch etwas schwach“, diagnostiziert Claudia – „das kriegen wir schon wieder hin“.

„Viele Kinder müssen durch eine langwierige Rehabilitation“ Wie immer nach dem Frühstück herrscht in der Reha reger Betrieb. Alle Liegen sind belegt, bunte Krücken lehnen an der Wand. Neben der Physiotherapie stehen für die Kinder auch das Wechseln der Verbände und die Versorgung der Wunden auf dem Plan. Dabei lernen sie schrittweise und unter Aufsicht der Fachkräfte, den Umgang mit ihren Verletzungen. Trotz der oft mühsamen und schmerzhaften Prozeduren ist die Dankbarkeit der Friedensdorfbewohner unübersehbar. Unzählige bunte Bilder zieren die Wände in den Behandlungsräumen. „Von Benvinda für in Reha“ steht auf einer Buntstiftzeichnung mit Sternen und Weihnachtsbaum. Auch in dem Gebäude, wo die Mädchen untergebracht sind, hängen viele dieser bemalten Blätter. Hier hat Airi Saito die zweieinhalbjährige Nasira auf dem Arm. Die Japanerin leistet ihr freiwilliges soziales Jahr ab. „Das Friedensdorf ist in Japan sehr bekannt durch viele Fernsehsendungen“, erklärt die Studentin aus Tokio. „Es ist schon heftig, was man hier erlebt“, fügt Saito in fehlerfreiem Deutsch hinzu, „aber


ich wollte unbedingt hier mithelfen“. Sie ist eine von vier Helferinnen aus Fernost, die derzeit hier Dienst tun. Eine von vielen, die es seit zehn Jahren von Japan nach Oberhausen zieht. Der Grund dafür heißt Chizuru Azuma. Seit 1999 hat die bekannte Schauspielerin und Moderatorin in mehreren Reportagen über die Einrichtung berichtet und ihr zu großer Popularität verholfen. Ein angenehmer Effekt der Bekanntheit sind die zahlreichen Spenden, die aus Japan eintreffen. Viele junge Menschen wollen helfen, nachdem sie eine Sendung gesehen haben. So sind die asiatischen Gesichter ein gewohntes Bild auf dem Gelände in Oberhausen Sterkrade. Airi Saito bekommt während ihrer Schicht auch tatkräftige Unterstützung: „Die älteren Kinder helfen mit“, erklärt sie. Wie Shosanne. Die Elfjährige schwingt routiniert den Besen auf der Station. Das zierliche Mädchen mit der Brille lebt schon seit über einem Jahr im Friedensdorf. „Manchmal ist mir schon langweilig“, erzählt sie. Weswegen sie hier ist? Wortlos schiebt sie den Ärmel ihres pinkfarbenen Pullis hoch und zeigt einen von Narbengewebe entstellten Unterarm – Knochenentzündung. „Ich will wieder zurück nach Usbekistan“, sagt sie noch, bevor sie weiter für Ordnung in einem Zimmer sorgt.

„Für 69 Kinder gibt es wieder Hoffnung“ Langsam rollt die Linienmaschine der Afghanistan Air auf ihre zugewiesene Position auf der Rollbahn des Frankfurter Flughafens. In einem Hangar wartet die Kolonne aus RTW und Bussen, bis die regulären Passagiere die Maschine verlassen haben und im Shuttle Richtung Flughafengebäude sitzen. Dann gruppieren sich die Fahrzeuge der Helfer um den Jet. Bevor die Kolonne auf das Gelände rollen durfte, wurden

alle Personen und Wagen akribisch von der Bundespolizei durchsucht. „Das ist schon etwas anderes hier“, sagt Christina Genschow über die Besonderheit des Einsatzes, „in Düsseldorf kennt man uns, da ist es einfacher“, fügt die Helferin hinzu, die für das Friedensdorf die Behandlung der Kinder organisiert. 69 von ihnen sind mit diesem Flug gekommen. Afghanistan Air ist die einzige Fluggesellschaft des kriegsgebeutelten Landes mit einer Landeerlaubnis für Deutschland. „Manchmal ist es günstiger die Kinder mit einem Linienflug kommen zu lassen, als ein Flugzeug zu chartern“, erklärt Christina Genschow. Dann geht es los. Wieder und wieder erscheinen die Sanitäter an der Ausstiegsluke, in den Armen ein Bündel - weinend, wimmernd oder stumm. Die Schreie von Nasibullah durchschneiden die kalte Morgenluft, als zwei Männer des Roten Kreuzes ihn in einer Decke über das Rollfeld tragen. Der Neunjährige hat komplizierte Brüche an den Beinen und windet sich unter Schmerzen. Die Schreie haben Malika während des langen Fluges zermürbt. Unsicher blickt sich die Elfjährige um und nimmt die fremde Umgebung in sich auf. Sanitäterin Andrea Brinschwitz führt sie in einen der bereitstehenden Busse. Dann setzt sich die Kolonne wieder in Bewegung. Außerhalb des Flugfeldes jagen die Krankenwagen mit Blaulicht zu den Kliniken. Die Gelenkbusse der Oberhausener Stadtwerke biegen langsam auf die Autobahn ein, ihrem Ziel entgegen – dem Friedensdorf. Für 69 Kinder gibt es wieder Hoffnung. Luanda, Angola, 2. November – das Ende dieses Kreislaufs. Die Hitze lässt die Luft im Innenhof des Josena Machel Krankenhauses vibrieren. Im Schutze eines kleinen Pavillons hat sich eine Menschenmenge niedergelassen. Ein hochgewachsener Mann im abgewetzten Nadelstreifenanzug nimmt seine Tochter auf den Arm. Tränen laufen über sein Gesicht. Ein halbes Jahr waren Dikila und ihr Vater getrennt. Die schweren Verbrennungen, mit denen die Einjährige nach Deutschland gekommen ist, sind ver-


heilt. Narben ziehen sich von ihrer rechten Wange bis weit über die Stirn hinaus. Ihre dunklen Härchen kräuseln sich nur am Hinterkopf. Trotzdem ist das kleine Energiebündel kaum wiederzuerkennen. Sie ist groß, kräftig, lebhaft und blickt sich mit großen Augen um und das, obwohl sie in ihrem ersten Monat im Friedensdorf mit einer Sonde ernährt werden musste. Auch Albina ist endlich wieder in ihrer Heimat, aber noch nicht zu Hause. Zehn Jahre alt ist sie während ihres Aufenthaltes in Deutschland geworden. Sie ist gewachsen und sieht gesund aus. Kein Vergleich mehr mit dem von der Krankheit geschwächten und unterernährten Mädchen, das im Mai aus dem Hilfsflieger humpelte. Die Operation hat Spuren auf ihrer Haut hinterlassen, doch darunter befinden sich nun keine Entzündungsherde mehr. Albina lächelt mit ihrem Teddy im Arm. Den Transport zu ihrem Hunderte Kilometer entfernten Heimatdorf übernimmt eine Hilfsorganisation, die direkt vor Ort tätig ist. Tobias Bexten ist erneut einer der begleitenden Ärzte. Neben der Betreuung der Kinder während des Fluges informiert er Helfer und Eltern über die Nachsorge. Der Chirurg lehrt den korrekten Umgang mit den notwendigen Medikamenten und zeigt, wie man das teils großflächige Narbengewebe richtig versorgt und pflegt. Als alle Kinder ihren Eltern oder den Helfern übergeben worden sind,können die Friedensdorfmitarbeiter etwas verschnaufen: „Morgen kommen die neuen Fälle“, sagt Tobias Bexten. Luanda ist eine Stadt der Gegensätze. Hier werden die Bodenschätze gehandelt, die das Land zu bieten hat. Hochmoderne Wolkenkratzer aus Stahl und Glas stechen im Stadtzentrum in den Himmel. Ein paar Hundert Meter weiter lebt die Mittelschicht in baufälligen Mietskasernen, die man hierzulande als Ruinen bezeichnen würde. Wasser und Strom gibt es nicht. Ein beißender Gestank liegt in der Luft – Öl, dass die Bewohner in ihren Öfen verbrennen, für ein bisschen Wärme in den bitterkalten

Nächten. Eine Müllabfuhr gibt es nicht. Der Unrat türmt sich am Straßenrand und in Hinterhöfen - meterhoch. Ein idealer Nährboden für Krankheiten. Die Leidtragenden sind vor allem die Kinder. 54 von ihnen versammeln sich am nächsten Tag im Innenhof des Josena Machel Krankenhauses, um den langen Weg zu ihrer Genesung anzutreten. Kinderlachen schallt über den Spielplatz des Friedensdorfs. Sarah, Huria und Noria haben das Klettergerüst in Beschlag genommen. Welsa und Rosalia schauen zu und flechten sich traditionelle afrikanische Frisuren. Seilspringen und Gummitwist stehen bei den Mädchen ebenfalls hoch im Kurs. Einige Meter weiter, hinter dem Haus, in dem der Kindergarten untergebracht ist, sind die Jungen in jeder freien Minute zu finden. „Jetzt geh´ ich Fußball“, sagt Eksondon und stürmt auf den Bolzplatz des Friedensdorfes. Unter den Jungen ist Fußball der Zeitvertreib Nummer eins. Wie überall. Sobald es die Genesung zulässt, geht es zum Spielen auf das eingezäunte Feld. Manchmal auch mit Krücken. In bunt zusammengewürfelten Mannschaften treten die Kinder gegeneinander an. Nationalität? Hautfarbe? Spielt keine Rolle. Hier zählen nur Tore. Narben? Verstümmelungen? Egal. Hier hat jeder seine Leidensgeschichte. Sowie Pedro. Verbrennungen haben die Haut an seinem Hals zusammengeschmolzen und seine Unterlippe nach unten gezogen. Der Zehnjährige sitzt auf der Bank vor dem Fußballfeld und versucht Seifenblasen zu pusten – vergeblich. Schließlich schleudert er den kleinen Zylinder mit der Flüssigkeit weg: „Akebou!“ – Ende, ruft er frustriert. Er hat noch einen langen Weg vor sich. Jens Wege


„Was ein Mensch an Gutem in die Welt hinausgibt, geht nicht verloren“ Albert Schweitzer


Huria aus Afghanistan spielt im Kindergarten des Friedensdorf mit einer Puppe.

Nasibullah aus Afghanistan reinigt seinen verletzten Fuß in einem Eimer mit Desinfektionslösung.

Warten auf die Nachbehandlung in der Reha des Friedensdorfes.

Neben der Versorgung der Wunden werden die Kinder auch unterrichtet.

Den Kindern wird auch beigebracht Ordnung zu halten.

In der Reha des Friedensdorf werden einige mitgebrachten Prothesen aus den Heimatländern ausgestellt.

Khawar aus Afghanistan wird auf dem Frankfurter Flughafen in Empfang genommen.

Lutfullah hat gebrochene Beine. Während er vom Flugzeug zum Rettungswagen transportiert wird schreit er vor Schmerzen.

Malika auf dem Weg vom Frankfurter Flughafen zum Friedensdorf. Vorsorglich wurden die Sitze des Busses mit Tüten abgedeckt.

Auf der Isolierstation „Rot 9“ sind die Kinder in den ersten zwei Wochen nach ihrer Ankunft untergebracht.

Ein schlichter Edding sichert in den ersten Tagen nach der Ankunft die Identität der Kinder.

Albina aus Angola muss in den ersten Tagen nach der Ankunft auf der Isolierstation „Rot 9“ bleiben.


Domingos aus Angola inspiziert sein Zimmer für die nächsten zwei Wochen auf der Isolierstation „Rot 9“.

Blick auf einige Wohnhäuser des Friedensdorf in Oberhausen.

Fußball ist die beliebteste Freizeitbeschäftigung der Jungen.

Pedro aus Angola sitzt auf dem Dorfplatz des Friedensdorf und malt mit Kreide auf den Asphalt.

Um die Pflegekräfte zu unterstützen, helfen die älteren Kinder in der Rehastation des Friedensdorf ihren Leidensgenossen.

Albina aus Angola auf dem Weg in den OP des St.-Marien-Hospital wo sie wegen ihrer Knochenentzündung operiert wird.

Albina aus Angola während ihrer Operation im St.-Marien-Hospital in Gelsenkirchen.

Albina aus Angola im Aufwachraum nach ihrer Operation.

Freiwilliges Jahr in Deutschland. Die Japanerin Asako kümmert sich um Dikila aus Angola, die schwere Brandverletzungen hat.

Die tägliche Kontrolle der Verletzungen gehört zum Alltag der Kinder.

Der sechsjährige Pedro aus Angola sitzt weinend an einem Türrahmen auf der Isolierstation „Rot 9“.

Schreckliche Verletzungen sind Normalität im Friedensdorf. Hier reinigt ein Junge aus Afghanistan seinen Fixateur.


Huria, Sarah und Noria aus Afghanistan auf dem Spielplatz des Friedensdorf.

Albina, neun Jahre aus Angola.

Asako, eine freiwillige Helferin aus Japan, spielt mit einigen Kindern.

Muhibillo aus Afghanistan und Pedro aus Angola albern herum.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in der Angolanischen Hauptstadt Luanda offensichtlich.

Filipa liegt traurig auf einem Stück Karton nachdem sich ihre Eltern von ihr verabschiedet haben.

Eine Ärztin aus Angola erklärt, bei der Übergabe, dem Vater von Dikila die weitere Vorgehensweise.

Auf dem Weg zum Bus der sie zum Flughafen von Luanda bringt. Von dort aus geht es zur Behandlung nach Deutschland.

Ilja aus Afghanistan sitzt auf einer Matraze im Kindergarten des Friedensdorf.


Fotografie / Layout © 2010 Marcus Simaitis Windmühlenweg 34 44141 Dortmund kontakt@marcus-simaitis.de www.marcus-simaitis.de

Text © 2010 Jens Wege Altenrathstraße 10 44379 Dortmund jotwg@web.de

Dank an Friedensdorf International www.friedensdorf.de Dirk Gebhardt und Prof. Susanne Brügger

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