Page 1

lifeline

christian gogolin


lifeline

christian gogolin


lifeline

christian gogolin fotografien und text


lifeline (life-saving rope): lifeline to throw so a lifeline

lifeline (essential thing): lifeline

lifeline (in palmistry):

lifeline

Rettungsleine f jdm eine Rettungsleine zuwerfen jdm einen Rettungsanker zuwerfen fig

(lebenswichtige) Verbindung Nabelschnur f fig Lebensader f fig Lebenslinie f


08


011


12


14


16


18


20


22


24


27


28


30


32


34


36


38


40


42


46


49


50


52


54


56


„All die Armen und Hilflosen im Lande, die Waisen, die Witwer und die kinderlosen Männer, Verstümmelte und Krüppel sowie alle Kranken gehen zu diesen Häusern. Sie werden nach bester Möglichkeit versorgt. Ärzte behandeln ihre Leiden. Sie erhalten Nahrung und Medizin, die sie benötigen. Sie sollen sich wohl fühlen und machen sich wieder auf den Weg, sobald es ihnen besser geht.“

A record of buddhistic kingdoms: being an account by the Chinese monk Fa-hsien, 5th century AD, chapter XXVII, James Legge, Project Gutenberg 2006, aus dem Englischen von Michael Janssen


der lifeline express Der Lifeline Express ist der erste mobile Krankenhaus-Zug der Welt. Er wird seit 1991 von der NGO Impact India projektbezogen eingesetzt, um der armen Bevölkerung in abgelegenen Regionen Indiens medizinische Behandlungen und Operationen zu ermöglichen. Die Projekte werden an unterschiedlichen Orten über einen Zeitraum von etwa einem Monat durch private Träger finanziert. Diese entscheiden über den Einsatzort des Zuges, der flexibel im ganzen Land eingesetzt werden kann. Der Zug besteht aus mehreren Waggons, von denen zwei mit sterilen und klimatisierten Operationssälen ausgestattet sind. Ehrenamtlich arbeiten für das Projekt Ärzte, Chirurgen und Anästhesisten aus staatlichen und privaten Kliniken Indiens. Administrativ und medizinisch unterstützen zusätzlich freiwillige Helfer aus dem Ausland die NGO. Bis heute wurde in 120 Projekten des Lifeline Express´ mehr als 600.000 Indern die Möglichkeit einer kostenfreien Behandlung zugesagt, zu der die Patienten von weit her anreisen. Es werden einige Formen von Blind- und Taubheit sowie Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates und

60

Entstellungen im Gesicht behandelt. Trotz der Bemühungen hat der Lifeline Express bis heute nur etwa 10% der einer medizinischen Behandlung bedürftigen Bevölkerung Indiens erreicht. In der Verfassung des Landes ist das Recht auf gesundheitliche Versorgung festgelegt – theoretisch. Praktisch gesehen besteht jedoch ein starkes Gefälle zwischen der Versorgung in der Stadt und auf dem Land. Ärzte oder öffentliche Krankenhäuser sind daher für viele arme Menschen auf dem Land unerreichbar. Es gibt kein allgemein zugängliches Gesundheitssystem und auch nicht genug Behandlungsplätze. Viele Ärzte verkürzen ihre Arbeitszeiten in öffentlichen Krankenhäusern vorsätzlich, um mit der Behandlung von privaten Patienten ihr Gehalt aufzubessern. Der Leidtragende ist in diesem Fall, wie so oft, der Kranke. Die Gesundheitsausgaben des indischen Staates zählen zu den geringsten auf der ganzen Welt. Studienplätze in medizinischen Fächern sind rar und hart umkämpft. Eine medizinische Versorgung ist keine Selbstverständlichkeit.


ein magischer zug ? Mumbai, 15. August 2010 Ankunft in Mumbai. 14 Stunden Flug. Menschen liegen am Straßenrand, Familien hausen unter provisorischen Zeltplanen auf dem Bürgersteig. Es ist laut und dreckig. Kinder pinkeln auf die Straße. Ein Betelverkäufer spuckt mich an. Es ist Nationalfeiertag. Mumbai, 16. August 2010 Der Himmel ist grau, die Luft ist stickig. Es ist Regenzeit und unglaublich schwül. Das schrille Rufen der Krähen bringt mich noch zum Wahnsinn.

fiel vor ihm auf den Boden, küsste ihm die Füße und bat den Dr., ihn nach Hause zu begleiten. Er nahm die Bitte an. In einer kleinen Nische eines Zimmers war ein Altar aufgebaut. Auf diesem Altar lag ein ausgeschnittener Zeitungsartikel, auf dem Dr. Jain abgebildet war. Der Mann zeigte ihm den Artikel und sagte: „Damals robbte ich zu diesem Zug, ich konnte nicht gehen. Sie haben mich operiert. Nun habe ich eine Familie, Kinder und einen kleinen Laden. Sie haben mir zu einem neuen Leben verholfen.“ Strahlend verkündet sie: „Das ist die Geschichte des Lifeline Express.“

Mumbai, 17. August 2010 Im klimatisierten Büro der NGO. Die überzeugte Zelma Lazarus, CEO von Impact India, erzählt mir die Geschichte von Dr. Jain:

Ghazipur, 22. August 2010 Der Fremde kommt. Augen starren. Menschen betteln. Hindi-Worte, Rickschas, Kühe und Hunde. Ich schwitze wie verrückt. Herzlich Willkommen.

„Ein Mann kaufte in einem kleinen Geschäft ein wenig Proviant für seine Reise. Plötzlich wurde er angesprochen. „Sie sind doch Dr. Jain?“ „Ja“, erwiderte dieser. Der Mann

Ghazipur, 25. August 2010 Ein Zug steht auf dem Abstellgleis. Menschen über Menschen. Sie kommen, warten und gehen. Operationen laufen

61


1 In der Verfassung Indiens ist das Recht auf medizinische Versorgung festgelegt. 2 Beten kann ich für meinen Sohn? Was soll ich also hier?

wie am Fließband. Routine stellt sich ein. Der Regen schenkt und schluckt das Leben. Die Straßen überfluten. Ghazipur, 27. August 2010 Der Tag startet um 5 Uhr morgens. Heute stehen sechzig Augenoperationen auf dem Plan. In der dunklen Barracke surren die Ventilatoren um die Wette. Zittrige alte Männerhände falten sich wartend in einem Schoß. Ghazipur, 04. September 2010 Diagnose: infantile Zelebralparese. Was das bedeutet, bleibt

62

für immer offen. Ein Mann und ein Kind. Vater und Sohn. Shravan Kumar Kushwaha und Pramod. Seit dreizehn Jahren trägt er die Krankheit seines Sohnes mit. Jetzt trägt er ihn den ganzen Weg vom Dorf zum Zug. Sie warten lange. Eine Behandlung findet nicht statt. Der Vater erzählt mir, er erwarte keine Magie, doch wolle er endlich wissen, wie er seinem kranken Sohn helfen kann. Dreißig Sekunden später: „Nur Beten kann ich für meinen Sohn? Was soll ich also hier? Ich gehe wieder.“ Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Tränen füllen meine Augen. Spätestens hier endet die Erfolgsgeschichte des Zuges für mich.


1 Nur 10% der behandlungsbedürftigen Inder werden versorgt. 2 Wohin geht die Reise?

Sahjadpur, 09. September 2010 Ich bin einfach ausgelaugt. Es geht es in Pramods´ Dorf. Was kann ich nur machen? Ghazipur, 13. September 2010 Endlich wissen es Alle. Sonia Ghandi hat ihre Unterstützung für das nächste Lifeline-Projekt spontan gestrichen. Keiner macht Stimmung zum Protest! Ich kann es nicht fassen. Die Lebensader versiegt, die Verbindung endet, die Rettungsleine reißt, die Nabelschnur bricht.

Mumbai, 22. September 2010 Der letzte Tag. Zurück in Mumbai. Wie aufgeräumt es mir hier doch plötzlich vorkommt. Die Geschichte von Dr. Jain kommt mir wieder in den Sinn. Und die von Pramod. Und meine eigene. Lebenslinien fernab vom magischen Zug. Was wird am Ende bleiben?

63


impressum Fotografien und Text Christian Gogolin Buchgestaltung Christian Gogolin Druck Staudt Lithographie, Bochum Dieses Buch ist im Rahmen meiner Diplomarbeit im Fach Fotodesign an der Fachhochschule Dortmund im Wintersemester 2010/2011 entstanden. Mein größter Dank gilt dem Cusanuswerk für seine finanzielle Unterstützung, ohne die dieses Projekt nicht möglich gewesen wäre. Danken möchte ich weiterhin der Impact India Foundation für ihre Kooperation, den Lehrenden Prof. Dr. Ralf Bohn und Ute Noll für Ihre Hilfe in der Auseinandersetzung mit meiner Arbeit sowie Jennifer Schulz, die mich durch Ihre stetige Ermutigung und konstruktive Kritik besonders herausgefordert und unterstützt hat. Auch danke ich Andreas Teichmann für die treue Begleitung auf meinem bisherigen Fotografen-Weg. Nicht zuletzt möchte ich allen Menschen danken, die mir mit ihrer Meinung einen Schritt weitergeholfen haben sowie natürlich all denjenigen, die ich für diese Arbeit fotografieren durfte. Christian Gogolin im Februar 2011


Christian Gogolin »Lifeline«  

Christian Gogolin »Lifeline«

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you