Page 1


Jonas Holthaus


Mit einem Essay von Katharina Busch


All the world‘s a stage William Shakespeare


9


10


11


12


13


14


15


16


17


18


19


20


21


22


23


24


25


26


27


28


29


30


31


32


33


34


35


36


37


38


44


45


46


47


48


49


50


51


52


53


54


55


56


57


58


59


60


61


62


63


64


65


66


67


68


69


70


71


72


73


74


Eine Erz채hlung 체ber den fotografischen Blick Von Katharina Busch

75


Welcome to NEUE WELT Das 2011 entstandene Fotobuch „Welcome to NEUE WELT“ von Jonas Holthaus stellt eine Auswahl unterschiedlicher Sujets zu verschiedenen Themenblöcken zusammen. Auf Straßen- und Stadtfotografien folgen in der ersten Hälften des Buches Glamour- und Fashion-Aufnahmen. Die zweite Hälfte wird durch Landschaftsaufnahmen bestritten, die hier und dort von Aufnahmen nächtlicher Gestalten unterbrochen werden. Die Gestaltung und Anlage des Buches sieht unterschiedliche Bildformate und uneinheitliche Abfolgen von Schwarzweiß- und Farbfotografien vor. Es erinnert auf den ersten Blick an eine aus dem alltäglichen Gebrauch von Fotografien sehr vertrauten Gattung: die des Fotoalbums. Wenn der Betrachter „Welcome to NEUE WELT“ aufschlägt, so tut er dies vielleicht in ganz gewohnter Erwartungshaltung, in der er auf die ihm hinlänglich bekannten Rezeptionsmuster solcher Fotoalben zurückgreift, die sich meist darin erschöpfen, die eingefangenen Orte oder Ereignisse zu identifizieren. Er schlägt die ersten Seiten auf und folgt den engen Straßenschluchten zu Beginn des Albums. Er durchstreift die dunklen, verregneten Stadträume mit den zerschlagenen Schaufenstern und betritt die Kulissenarchitekturen leerer Plätze. Weiter folgend, gelangt er durch einen Vorhang in die, vom Scheinwerferlicht hell erleuchteten Innenräume der Mode- Kitsch- und Glamourwelt, wird Teil aufwändig hergerichteter Auslagen und trifft auf allerlei fremdartige Gestalten, von denen die Fotografien der seltsam Maskierten wohl den stärksten Eindruck hinterlassen. Im zweiten Teil des Buches sieht er sich schließlich surreal anmutenden Landschaftsräumen ausgesetzt, in denen jegliche Verortungsmuster außer Kraft gesetzt werden. Und spätestens hier stellt sich die Frage: Wo findet man eigentlich Szenerien solch eindrucksvoller Fremdheit? Welche Orte wurden hier fotografisch eingefangen? Was wurde hier dokumentiert? Es drängt sich der Eindruck auf, dass die gewohnten Betrachtungsweisen von Fotografien, auf die man sich zunächst eingestellt hat, in „Welcome to NEUE WELT“ nicht länger greifen. Denn die Aufnahmen versperren sich nicht nur einer eindeutigen geographischen Zuordnung, sondern verlangen darüber hinaus auch eine andere Form der Rezeption. Statt den Besuch realer Orte zu bezeugen, die Fotografie als Dokumentationsmedium zu nutzen, erschaffen die Fotografien in diesem Band vielmehr fiktionale Orte, die mittels Fotografie nicht bezeugt, sondern mittels fotographischem Blick erzeugt werden. Den Betrachter dieses Fotobuchs erwartet eine Fülle verschiedenartiger Rezeptionserlebnisse, die schließlich zu einer Erzählung über die eigene Wahrnehmung von Fotografien verschmelzen. Einer Erzählung über den fotografischen Blick.

76


Irritationsmoment Spiegelung Folgen wir zunächst der älteren Dame durch die entvölkerte Stadtpassage und lassen uns von ihr mitnehmen auf einen Spaziergang durch das Buch. Zu beiden Seiten türmen sich hohe Häuserfronten auf. Ein Sturm ist aufgezogen. Es ist kalt. Die ältere Dame zieht sich den schicken Mantel fröstelnd enger um ihren Körper und setzt, unbeirrt von den Widrigkeiten des Wetters, einen elegant beschuhten Fuß vor den anderen. Eine Windböe erfasst ihr Haar. Eine der getönten Hausfassaden zu ihrer Rechten gibt die Reflexion der Person wieder. Angesichts dieser Spiegelung, diesem kleinen Detail der Flaneurie-Szene im Modus der Street-Photography, gerät der Betrachter ins Stutzen. Von ihrer filigranen Silhouette bleibt in der Spiegelung nichts übrig. Zu sehen ist lediglich der gebeugte und klobig wirkende Oberkörper einer alten Frau mit zerzausten, strähnigen Haaren. Statt einer einfachen 1:1-Wiedergabe im Spiegel, wie man sie erwarten würde, und wie sie der Bildlogik der Fotografie entspricht, zeigt sich ein eigentümlicher Gegensatz zwischen der eleganten Dame und ihrer klobigen Spiegelgestalt, der einen Vorgeschmack auf die Fotografien von „Welcome to NEUE WELT“ liefert. Wir werden noch auf einige Irritationsmomente treffen, die die abgelichteten Orte auf seltsame Art und Weise fiktionalisieren und den gewohnten Umgang mit dem Medium Fotografie durchbrechen.

Die Suche nach dem Riss in der Fassade Der Streifzug führt uns zu Beginn durch enge Straßenschluchten, verschlafene Ecken und menschenleere Plätze. Es sind ungewöhnliche Einblicke in alltägliche Orte. Ein Wohnhaus mit der Hausnummer 13. Die Fenster sind erleuchtet und geben durch zugezogene Vorhänge einen schwachen Lichtschein auf den Innenhof. Doch leicht versetzt aus der Bildachse zeigt sich eine weitere, rätselhafte Lichtquelle. Ein Riss in der Fassade. Und plötzlich kippt die Bildsituation: Aus dem unscheinbaren Hinterhof-Szenario wird mit einem Mal eine von hinten angestrahlte Kulissenfront. Der Betrachter findet sich schlagartig auf eine Bühne versetzt. Auf eine leere Bühne, die nicht bespielt wird und den Betrachter allein mit sich und seinen Eindrücken lässt. Doch die leere Bühne bleibt nicht lange leer: Auf den nachfolgenden Bildern bevölkern sich unterschiedlichste Bühnenwelten nach und nach. Zahlreiche Show-Gestalten halten Einzug in die Bildwelten. Ein Mann mit einer Wrestling-Maske, Gestalten, die der Mode und Glamourwelt entlaufen sind, exponieren sich gekonnt im Scheinwerferlicht. Minutiös hergerichtete Vorhang-Draperien oder die kitschigen Büsten und der goldene Nippes einer Erotikmesse zeigen Räume, die eigens dafür ausgerichtet sind, eine bestimmte Stimmung heraufzubeschwören. Die Erotik-Branche als Inszenierung von Gefühlswelten ist nur eines von vielen Motiven, die von Maskierung und Maskerade, von der Welt als Bühne, von inszenierten Showeffekten handeln und diesen schönen Schein forcieren. Doch obwohl wir es in diesen Fotografien mit höchst inszenierten Szenerien zu tun haben, greifen die gängigen Inszenierungsmuster nicht. Immer gibt es irgendeinen störenden Moment, der sich nicht so recht integrieren lässt. Vor allem bei einer Fotografie wird dies deutlich: Vor einem Vorhang

77


posiert ein It-Girl in Standart-Posen: Die Hände in die Hüften gestemmt, und das 2-Stunden-Makeup-Gesicht samt gewinnendem Lächeln der Kamera zugewandt. Die routinierte Show wird allerdings gestört. Ein junger Mann mit Brille lüftet den schwarzen Vorhang und platzt unbeabsichtigt ins Bild. Dabei erfasste er einige Strähnen der Posierenden und zieht sie unvorteilhaft zu sich heran. Er selbst hat sein Fotografiergesicht noch nicht aufsetzen können, wirkt unbeholfen bis tollpatschig, wie er durch die Kulissen tapert und im völlig falschen Moment die ganze Hochglanz-Inszenierung über den Haufen wirft. Wie der Betrachter dieses Fotobuchs ist er ebenfalls zwischen die Kulissen geraten. Durch diese irritierenden Gesten geraten die Mechanismen und Räume der inszenierten Fotografie ins Bild. Sie werden offen gelegt und damit sichtbar, die Strukturen und Funktionen dieser Gattung durchschaubar gemacht. Die Aufmerksamkeit wird von dem „Was“ des Dargestellten, von dem Show-Effekt, auf das „Wie“ der Darstellungsweise gelenkt. Ohne einen entlarvenden Moment allerdings, der einer solchen Bildabsicht stets unterstellt werden könnte. Hier soll nicht Authentizität gegen Schein ausgespielt werden, sondern vielmehr die Welt als Bühne zelebriert werden.

Transparenz des Mediums versus Medialität Doch dies ist nicht die einzige Strategie, die medialen Mechanismen von Fotografien präsent zu machen. Besonders deutlich werden die Anforderungen an die Rezeption bei einer der Landschaftsfotografien: Das horizontal in zwei Bildfelder unterteilte Landschaftspanorama zeigt eine typisch deutsche Kleinstadt-Idylle bei Nacht. Zumindest auf den ersten, flüchtigen Blick. Denn wie kein anderes Medium, ausgenommen vielleicht der bewegten Bilder, benutzen wir die Fotografie als Gebrauchsmedium und sind gewohnt, durch Fotografien wie durch Fenster zu blicken und uns auf die Identifizierung der abgelichteten Motive zu konzentrieren. Dies wäre hier das Landschaftspanorama. Doch schnell wird deutlich, dass hier eine andere Lesart geboten ist. Denn in der oberen Bildhälfte ragen lange Laternen in den Nachthimmel, die, wollte man sie nicht als Ufos deuten, sich wohl kaum mit der ersten Lesart des Bildes als Landschaft in Übereinstimmung bringen lassen. Die Wahrnehmung des Landschaftspanoramas kippt: Statt wie durch ein Fenster einen Ausblick auf eine Landschaft zu liefern, wird das Sujet zur Fläche, zu einer Plakatwand, zu einem Bild. Und damit zu dem, was Fotografie eigentlich ist: Eine Anordnung von Farb- bzw. Grauwerten auf einer ebenen Fläche. Die Transparenz des Mediums ist aufgehoben, das Fenster wird zur opaken Fläche, das Medium zum Bild. Von diesem Moment an ist es unmöglich, den unteren Teil, die Landschaft, länger als Erstreckung in einen Tiefenraum zu sehen. Im Auge des Betrachters vollzieht sich ein ständiges Hin- und Herspringen zwischen Tiefe und Flächigkeit, zwischen Illusionsraum und Medialität.

78


Landschaft als Diorama Diese Erfahrung einmal gemacht, überträgt sich auch auf die übrigen Bilder von „Welcome to NEUE WELT“. Diesen wird nun seitens des Betrachters eine vorsichtige Skepsis entgegen gebracht, die sich überwiegend als berechtigt herausstellt. Sind die wüstenartigen Landschaftsfotografien so fragt man sich - tatsächlich Ablichtungen von natürlich bestehenden Landschaften? Handelt es sich um „naturbelassene“ Felsformationen? Um die Ablichtung einer Wüstenlandschaft? Oder sind die Steine das Ergebnis sorgsam aus Pappmaché zusammengebastelter Kulissen eines Naturkundemuseums? Natur oder Diorama? Der weiße Torbau vor einer Parklandschaft: ein Eingangsgebäude zu einem Park? Oder ein Miniaturmodell? Und was hat es mit den scheinbar dokumentarischen Straßensujets am Anfang des Albums auf sich? Hatte man es von Anfang an mit Kulissen zu tun? Unwillkürlich blättert man zurück, um die Sujets der ersten Seiten erneut zu befragen. Doch an den Fotografien selbst, durch reine Betrachtung, lässt sich der Zweifel weder bestätigen noch ausräumen. Die Fotografien selbst geben keinerlei brauchbare Hinweise. Ist die Wahrnehmung einmal irritiert, stellt man fest, dass sich weder Größenverhältnisse, noch Materialien auf Fotografien, noch der jeweilige Realitätsgrad unzweifelhaft zuordnen lassen. Der Riss in den Fassaden ist zu einem Riss jeglicher fotografierter Oberflächen geworden. Dafür zu sensibilisieren, ist eine der Leistungen von Jonas Holthaus, die sich vor allem durch die Auswahl und Zusammenstellung der einzelnen Bilder einstellt.

Versteinern und Verlebendigen? Noch diffiziler stellt sich die Betrachtersituation bei lebendigen Objekten dar. Und wieder hängt dies stark mit Funktion und Rezeptionsweise des Mediums Fotografie zusammen. Denn eine der vielbeschriebensten Eigenschaften der Fotografie ist es, lebendige Bewegungsmomente anzuhalten, aus zeitlichen Abfolgen bewegungslose Augenblicke zu machen. Der Blick der Fotografie, so zumindest ein breiter Diskurs der Fototheorie, ist gekennzeichnet durch seine Eigenschaft zu „töten“ oder, etwas abgeschwächter formuliert, zu versteinern. In dieser Hinsicht wurde immer wieder auf die mythologische Figur der Medusa zurückgegriffen. Jene schlangenhaarige Figur, deren Blick die Kraft besaß, jeden lebendigen Körper, der diesem ausgesetzt war, augenblicklich zu Stein zu verwandeln. Anhand einiger Bilder lässt sich nun allerdings eine gegenteilige Tendenz erkennen, und folgende Fragen werden aufgeworfen: Was passiert eigentlich mit abgelichteten Sujets, die schon vorher eingefroren und unbeweglich waren? Wie etwa der Bär in einem stillgelegten Steinbruch oder die Löwen im Park? Wie soll man anhand einer Fotografie erkennen, ob Bewegung zum Stillstand gebracht wurde, oder ob ein bereits bewegungsloser, lebloser Körper abgelichtet wurde? Besonders deutlich wird diese Problematik an einer Skulptur in einem Park: Ein kleiner Junge hat sich vor einer steinernen Statue positioniert und blickt zu ihr hinauf. Sie trägt eine Sonnenbrille und scheint in einer Denkerpose auf den Jungen herabzublicken. Betrachtet man nur den oberen Teil der Skulptur, dann entsteht der Eindruck, man habe es hier mit einer pantomimischen Darbietung

79


zu tun, wie man sie von Jahrmärkten und öffentlichen Plätzen kennt: Ein Mensch steht solange unbeweglich da, bis alle ihn für eine Statue halten. Dann bewegt er sich zum Schrecken der Umstehenden urplötzlich. Wartet der Junge auf solch eine Bewegung? Kann er Anzeichen für Leben hinter der als Steinfassade erachteten Skulptur erkennen? Oder steht er tatsächlich vor einer steinernen Statue? An der Fotografie selbst lässt sich dies nur schwerlich ausmachen. Offensichtlich wird hier genau diese Eigenschaft der Fotografie, nämlich erstarren zu lassen, zu versteinern, in ihr Gegenteil gekehrt: Steinernen, leblosen Gegenständen haucht sie den Anschein von Leben ein. Statt zu „töten“ verlebendigt sie. Das Einfrieren von Leben als Mechanismus der Fotografie wird damit vorgeführt und in sein Gegenteil verkehrt.

Der Blick des Betrachters Noch einmal zurück zu unserer ersten Passantin, der älteren Dame, und deren Spiegelung in der Fensterscheibe. Diese zeigte alles andere als eine bloße 1:1 Wiedergabe der flanierenden Dame. Hier erhielten wir bereits einen Vorgeschmack auf das Album, der sich im Laufe der Betrachtung immer wieder erhärtet hat. Denn durch die eigentümliche Verwischung der Grenzen zwischen fotografiertem Objekt und Spiegelbild zeigte sich, dass hier die Spiegelung ein Eigenleben entfaltet, das analog zu den Fotografien dieses Albums gesetzt werden kann. Denn diese sind alles andere als reine Abschilderungen interessanter Sujets, die quasi wie ein eingefrorenes Spiegelbild eine möglichst naturgetreue Darstellungsweise umsetzen. Man betrachte nur die, im übrigen höchst surreale, Jokergestalt, die ebenfalls von einer verspiegelten Wand reflektiert wird. Sie steht da, in ihr eigenes Spiegelbild vertieft. Während die Gestalt sich den Anzug richtet, die zwei oberen Knöpfe schließt und gerade dabei ist, ihr äußeres Erscheinungsbild zu korrigieren, blickt dessen Spiegelung nicht auf ihr zu spiegelndes Gegenüber, sondern aus dem Spiegel heraus. Ihr Blick richtet sich auf den Betrachter. Auch scheint die Spiegelung ihren Kopf hin und her zu bewegen, so als wollte sie ihren Besitzer, die Figur vor dem Spiegel, ärgern. Die Umrisse der Spiegelung beschränken sich dabei nicht auf die vorgesehene Spiegelfläche, sondern sind in den Realraum eingedrungen und werden fast so materiell wie die Figur des Joker selbst. Handelt es sich hier nicht um eine Spiegelung, sondern um eine Projektion, ein Hologramm? Und welchen Realitätsgrad ist der Figur des Joker zuzuschreiben? Handelt es sich um den Schauspieler Heath Ledger, der auf einer Premierenfeier oder während der Dreharbeiten in die Rolle des Joker geschlüpft ist? Oder haben wir es hier gar mit einem Pappaufsteller zu tun, wie man sie in Videotheken oder Kinos zur Ankündigung eines Filmstarts antrifft? Eine Antwort lässt sich am Bild selbst nicht festmachen. Festzuhalten bleibt, dass irgendetwas „nicht stimmt“, die sich spiegelnde Person und ihr Spiegelbild nicht zur Deckung gebracht werden können. Doch was würde passieren, wenn diese Figur sich umdreht? Wie würde sie uns anblicken und welche Wirkung hätte das auf uns? Was passiert überhaupt, wenn eine Fotografie „zurückblickt“?

80


An zwei Bildern kann man einen solchen Effekt und seine Wirkung auf den Betrachter nachvollziehen: Es sind die Bilder eines kleinen Jungen, der sich auf einer Rolltreppe dicht an den Rücken eines Erwachsenen drängt. Vielleicht seine Mutter? Auf dem unmittelbar folgenden Foto dreht sich der Junge plötzlich um und blickt den Betrachter unvermittelt an. Doch sein Gesicht ist nicht so, wie man es erwartet hätte: Es ist unvollständig; nur zur Hälfte vorhanden und ein kurzer Schockmoment setzt ein. Nicht darüber, dass dieses Gesicht beschnitten ist, sondern vielmehr darüber, dass wir als Betrachter plötzlich auf unsere eigene Rezeption zurückgeworfen werden. Der Junge scheint zu sagen: Siehst du, ich bin nicht so, wie du es aus dem Bild geschlossen hättest. Und somit wird der Betrachter und seine Wahrnehmung ein weiteres mal selbst Thema dieses Buches. Für gewöhnlich vergessen wir in der Rezeption, dass wir uns Bilder ansehen und dabei gerade jemand anderen anblicken. Der Blick des fotografierten Objekts aus dem Bild macht uns genau dies allerdings deutlich und lässt uns, wie im Mythos der Medusa, für einen kurzen Moment erstarren. Die Fotografie wirft damit genau diejenige Art von Blick zurück, der sie selbst auszeichnet. Denn es ist diejenige Art von Blick, die dem eigenen Blick begegnet und diesen für einen kurzen Moment sichtbar macht. In „Welcome to NEUE WELT“ gelingt es Jonas Holthaus, eine Wirkung zu entfalten, die sich mit dem Blick des Jungen vergleichen lässt. Denn das Fotobuch enthält eine Vielzahl von Brüchen und spannenden Rezeptionserlebnissen, die durch die Anlage und Auswahl der Einzelbilder ein geistreiches Spiel untereinander und mit dem Betrachter entfalten und schließlich aus dem zusammengetragenen Material eine Gesamterzählung generieren. Wie der plötzliche Blick des Jungen, der „Blick zurück“, wirft es den Betrachter immer wieder auf sich und seinen eigenen Blick und auf die Fotografie zurück. „Welcome to NEUE WELT“ führt damit die Mechanismen, medialen Bedingungen und Rezeptionsweisen der Fotografie vor Augen und lässt sich insgesamt verstehen als intelligente und vielschichtige Erzählung über den fotografischen Blick.

81


Impressum

Prototype Edition 2011

Fotografien & Layout © Jonas Holthaus

Projektbetreuung Prof. Susanne Brügger Barbara Burg

Essay © Katharina Busch

Druck Schaare & Schaare, Berlin

BuchBindung Buchbinderei Klünder, Berlin

Mein Dank geht an Antonia, Jana, Olga, meine Eltern, Susanne, Barbara, Katharina, Christine, Stefan, Michael, Nikolas.


Jonas Holthaus »Neue Welt«  

Jonas Holthaus »Neue Welt«

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you