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Ein Kuss System Familie

Eine fotografische Arbeit von Olga Kessler


Fa·mi·lie, Substantiv ƒ lat. familia [Hausgemeinschaft]

Wir kennen Familienportraits. In den meisten Wohn­ zimmern sind sie zuverlässig zu finden, sie werden gerahmt, betrachtet, geschätzt und bewundert. Wir hinterfragen an ihnen Ähnlichkeiten, Eigenschaf­ ten und genetische Prägung. Sie werden in Ehren gehalten, da sie in einer Welt aus sozialer Differenz und zerstäubter Erfahrung ein Zeichen von Zusam­ menhalt und Zugehörigkeit sind. Oft markieren diese Portraits das Vergehen von Zeit, den Versuch, sich selbstvergewissernd zu erinnern. Diese Erinnerungs­ arbeit und die Bilder, die sie katalysieren, schaffen Geschehnisse, die sich in der Erinnerung gegenseitig überblenden, als seien sie ein einziges ereignisloses Ereignis, eine einzige, gesichtslose Familie. Das Familienportrait zieht diese Grenze zwischen Öffent­ lichem und Privatem. Es ist aus dem Wunsch heraus entstanden, ein Bild von sich als Familie zu entwerfen, ein Bild, das auch gezeigt werden will, das Reprä­ sentation reflektiert und Stolz. Ohne sie als Referenz auszublenden, hat sich Olga Kessler diesen Bildern entgegengestellt. Ihre sozio­ logische Familienfotografie verkneift sich das obliga­ torische Lächeln, die gut geputzten Schuhe und die repräsentativen Räumlichkeiten. Sie zeigt Konstella­ tionen, fast klinisch wirkende Anordnungen, die die Portraitierten eher aus-, als darstellen. Zwei Personen? Drei? Bei der Zählung beginnt das Problem: Wie viele Personen sind Familie, gibt es eine hinreichende Bedingung, ein Ausschlussverfahren? Vater Mutter Kind war früher, damals, als man wegen der Kinder entweder zusammenkam oder -blieb, heute ist die Zählung flexibler, weniger normiert, sie wird von einem Versicherungsunternehmen anders berechnet als vom Recht oder der Soziologie. Die Foto­ grafien Olga Kesslers bilden dieses Panorama ab,


von zwei bis sechs reicht ihr figuratives Inventar. Fenster und Esstische fungieren dabei als funktionale Klammern, die auf die Innen/Außen-Funktion von Familie rekurrieren, auf den außerhalb arbeitenden Vater, die heimhütende Mutter, operatorische Bin­ nendifferenzen, die den Rahmen dessen bildet, was Familie als Institution kolportiert. Denn Familien sind lebenslange Referenzen. Systeme, die beheimaten und verorten, abgrenzen und isolie­ ren. Ihre Unhintergehbarkeit als soziale Ordnung hat in den Komponenten Zeit und Raum zwei unbe­ stechliche Sekundanten, die dauerhaft jede Form von Beziehung prädeterminieren, jede Form von Identität. Beide anthropologische Konstanten werden in und mit Familienmitgliedern erprobt, gesucht und verworfen, sie fungiert als Petrischale experimen­ teller Verortungs- und Verweisungsversuche. So ist die Familie ein universelles Lebensmodell, egal ob man sie rhetorisch zur gesellschaftlichen Keimzelle aufbläst oder auf ihre pragmatische Zweckmäßigkeit der Abhängigkeit zum gegenseitigen Nutzen reduziert: Familie ist unhintergehbar. Unhintergehbar in der eigenen, kindlichen Erfahrung und unhintergehbar als strukturelle, gesellschaftliche Entität, deren ubiquitäre Pfeilermetaphorik ihr einen Platz im archi­ tektonischen Gefüge unserer Lebenswelt zuweist. Diese Versuchsanordnung, zu der die Evolution bislang keine Alternative fand, ist so universell, so global praktizierbar, dass es kein Außen gibt. Wird man nicht familiär gebunden oder lehnt man diese Struktur ab und entfernt sich aus ihr, sucht man sie dennoch. Sozialisation, so individuell sie auch ver­ laufen mag, verläuft außerhalb familiärer Strukturen anders als innerhalb; die Frage, die Olga Kessler in und an ihren Familien erprobt, ist das wie und wann

personaler und lokaler Bindung. Dabei steht die Familie keiner außerfamilären Gesellschaft gegenüber, sie ist dessen Vollzug. In Familien wird Gesellschaft nicht nur vollzogen, sie wird – nicht nur bei Adelsgeschlech­ tern, Erbsünden oder der Mafia – strukturell immer wieder von Neuem restauriert. Im Themenfeld Familie wird der eigene fotografische Ansatz notwendigerweise biographisch und Olga Kessler will diese persönliche Verflechtung auch weder abstreiten noch auflösen, sie bildet sie ab: Aus der Wirklichkeit geschnittene Augenblicke, die vorher konstruiert werden, begegnen einem Aufnahme­ verfahren, das die Ambivalenzen der personalen Konstellation abermals betont: Sowohl die durch­ gängig verwendetet Weitwinkeloptik als auch der konsequent erhöhte Standpunkt der Fotografin geben dem heimischen Interieur keinen Rahmen mehr, die beschützende Geschlossenheit alltäglicher Räume wird aufgelöst, die Fotografien scheinen auszulaufen, die Linien stürzen. Diese Perspektive, kombiniert mit den verlassenen Esstischen, diesen Genre­ bildern zum Thema Glück, betont den Ort, an dem Familie passiert. Es ist ein Ort, der durchs gemeinsame Essen an oftmals runden Tischen extrem ritualisiert ist, der durch seine Alltäglichkeit und ubiquitäre Verfügbarkeit fast schon ein Nicht-Ort ist: zu bekannt, um wahrgenom­ men zu werden, zu vertraut, um aufzufallen. Rituale müssen von diesem Nimbus des Unveränderlichen umgeben sein, von der Gewissheit, dass allen klar ist, was dazu gehört, was aufgebaut werden muss, was als Erstes kommt und was folgen soll. So bilden der Esstisch wie auch dessen Teilnehmer Orte, die ihre visuelle Hermetik ebenfalls dadurch


nähren, dass die Fotografin ihre Tische wie ihre Familien fast ausschließlich vor Wände positioniert hat. Die Wandfläche ist im Vergleich zu dem davor stehenden Personal immer annähernd gleichberechtigt, nicht nur ein dahinter oder darüber, sondern ein weiteres Glied in der familiären Konstellation. Damit bildet die Wand einen Rahmen, der in seiner dop­ pelten Semantik sowohl ein- als auch ausschließt, der die Familie als durch Heirat, Blut oder Gesetz zusammen geschweißte Konstellation bezeichnet und sie gleichzeitig gegenüber einer außerfamiliä­ ren Realität abgrenzt. Durch die stürzenden Linien schwindet diese rahmende Funktion im unteren Bildteil, was in den Fotografien dadurch beantwortet wird, dass die auslaufenden Elemente oftmals Gesten sind, die sich unserer direkten Kontrolle entziehen: Wir sind gewohnt, unseren Ausdruck zu prüfen und kontrolliert einzusetzen, das Gesicht oder die Mimik sind gewöhnliche Operateure selbstinzinatorischer Absichten. Anders ist es mit dem Arm, dem Bein, der Positionierung der Füße zueinander. Als soziales Ornament changieren die vielfigurigen Anordnungen in Betten und Sofas zwischen der Eleganz eines Monogramms und der erschöpften Erstarrtheit auf dem Floß der Medusa. Die nüchterne Draufsicht betont diese Lücken der Selbstkontrolle, stellt sie aus und schreibt damit eine Beziehungsgeschichte der Willkür. Hier wird das Verhältnis zwischen Vater und Tochter, zwischen Mutter und Kind und der Geschwister untereinander über Entfernungen erzählt, über mögliche, doch nicht vollzogene Berührungen, über die Positionierung eines Knies, die leichte Drehung des Oberkörpers. Als systemisch getrennte Einheiten des Systems Familie sind Eltern und Kinder funktional in ihren

Erwartungen, Forderungen und Ansprüchen klar ausdifferenziert. Eltern sind Ernährer, emotional und ökonomische Versorger des Kindes, das an den Eltern wächst und lernt, charakterlich aus- und sozial angebunden wird. Diese statische, festigende Rolle der Eltern wird bei Kessler aufgeweicht, oft werden diese von ihren Kindern hinterfangen, oder das gehaltene Kind rutscht imaginiert aus dem Bild, die funktional ausdifferenzierte Hierarchie zwischen Eltern und Kinder beginnt zu kippeln. Der Vorgang, der das Verhältnis, die Hierarchie zwi­ schen Eltern und Kindern am ehesten prägt, scheint sich der fotografischen Festschreibung weitestgehend zu entziehen: die Kommunikation. Luhmann schrieb, dass fast jegliches Verhalten inner­ halb der Familie zu Kommunikation wird, dass selbst die Weise, wie man sich auf dem Flur bewegt, innerfamiliär gedeutet und damit als Kommunika­ tion begriffen werden kann: Ist sie/er nun sauer oder wütend oder müde oder froh? Jegliche Geste, jede Bewegung wird personalisiert. Denkt man diese Beo­bachtung weiter, so kann man auch die interper­ sonalen Beziehungen auf den Portraits Kesslers als Kommunikation beschreiben. Die Art, wie ein Kind seine Hand auf den Arm der Mutter legt, ist in dieser Fotoserie kein lebensnahes Detail, kein geglückter Schnappschuss: Olga Kesslers Belichtungszeiten sind lang, jede von ihrer Großbildkamera festgehal­ tene Bewegung intendiert: Ambivalenzen, die sich in Positionierungen und Haltungen der Figuren unter­ einander ausdrücken, dürfen nicht mit Flüchtigkeit in Eins gesetzt werden. Hier wird nicht „das Leben bei sich selbst“ überrascht, wie Henri Cartier-Bresson es einst formulierte, die Situationen sind im besten Sinne gewollt: Gewollt in der mehrdeutigen Bezie­


„Wenn ein Mitglied der Familie sich die Haare färben lässt, mag das in der Familie Aufsehen erregen. Aber es wäre doch unrealistisch, anzunehmen, daß die Familienmitglieder dies deshalb beachten, weil die Familie gefärbt worden ist.“ Niklas Luhmann, Sozialsystem Familie.

hung, die diese Kinder exemplarisch an ihren Eltern vollziehen, gewollt in dem alltäglichen emotionalen Wechselbad, das der Kamera nur einen Moment zur Fixierung leiht. Es gibt kaum Standbilder in Kesslers Familien, Füße, sofern sie sichtbar werden, stehen nicht auf gefestigtem Grund, sie liegen, lehnen oder sitzen. Damit sind die Beine bildarchitektonisch kei­ ne Stützen der kompositionellen Ordnung, sondern – durch die Optik oft extrem überlängt – Unsicherheiten, visuelle Querschläger, deren mehrfiguriges Stakkato die einsturzgefährdete Raumsituation zusätzlich lähmt. Olga Kessler hat die Frage, warum auf ihren Fotos immer nur ein Elternteil anwesend ist, mit dem Hinweis beantwortet, dass das Verhältnis Mutter/Kind ein anderes ist als das Vater/Kind-Verhältnis. Sie wollte keine Überschneidung dieser Sphären, keine Vermischung in den ohnehin schon ambivalenten Signalen untereinander. Das Sichtbarmachen von Strukturen, von personalen Konstellationen, das oft an psychologische Familienaufstellungen erinnert, ist in seinen besten Momenten bei Kessler ein Still­ leben. Ein Stillleben, dessen eingefrorene Statik uns sofort ein Davor und Danach imaginieren lässt, einen durchaus exemplarischen Blick auf Beziehungen, der uns nicht nur mit fremden Alltagen konfrontiert, sondern mit uns selbst. Kessler platziert die Betrach­ ter nicht vor, sondern neben ihre Fotografien und stellt ihnen die Frage, wie man sich selbst in ihnen positionieren würde. Anja Schürmann, M.A. Wissenschaftliche Mitarbeiterin Institut für Kunstgeschichte Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf anja.schuermann@uni-duesseldorf.de


Impressum Fotografie: Olga Kessler Betreuung: Prof. Susanne Brügger, Barbara Burg Text: Anja Schürmann Gestaltung: Olga Kessler, Matthis Eilers Produktion: DruckVerlag Kettler GmbH Für die Unterstützung danke ich, meiner Familie und allen Portraitierten, meinem Seminar und Jonas Holthaus, Susanne Brügger und Barbara Burg, Matthis Eilers und Maurice Kohl, Christine Steiner und Stefan Becker, Frauke Schumann und Patrick Hamilton. © 2011


Olga Kessler »Ein Kuss – System Familie«  

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