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Roland Regner

Russalka


Unbemerkt und von stillem Glanze rotierte das Dasein ins Unendliche...


Russalka


Die Einsamkeit mit ihren unz채hligen, unbekannten Ger채uschen war wie eine schwarze Mauer. Die Welt da oben. Vielmehr als nur der Rand des Seeufers und dem dahinterliegenden Wald. Sie sehnte sich nach Begegnung.


Befestigte Mauern stürzten in den Fluss. Bis auf den Grund schraubten sie sich herunter, wie langsam fallende Schneeflocken, die aus den Wolken geschüttelt wurden. Immer tiefer und weiter verschwanden sie in der Dichte des Wassers. Nur sie und die Fische konnten den dumpfen Aufschlag auf dem Grund vernehmen. Oben wurde es still.

Es gibt Quellen tief unten im Tal. Im Dickicht hört man es plätschern. Dicker, immer dicker zum Flusse werdend, schlängelt sich das Wasser durchs Grün, wie eine alte Schlange auf dem langen Weg nach Hause. Der glitzernde Panzer durchdrang das schwarze Nass.

Sequenzen von scheinbarer Größe tummelten sich am Rande des Sees. Drangen in sie ein. Durch jede Pore ihres Körpers.

Sie berührte mit Ihren Fingern das Nass an den Halmen. Schwerelos und sanftmütig, wie ein kurzer Besuch eines Schmetterlings auf einer Blume, tastete sie mit Ihren Fingerspitzen an den kleinen Wasserkugeln entlang, ohne dass diese zerplatzten oder sich gar bewegten.


„Wir haben keine unsterbliche Seele. Wir sind wie Bäume. Wir reifen von Jahrhundert zu Jahrhundert. Manchmal ist es so, als stehe die Zeit still auf dem Grund des Sees. Kein Geräusch. Kein Nichts. Aber auch mir ist die Endlichkeit meines Daseins bewusst.“


Ihre Stimme ging unter in einem schmerzhaften Tr채nenfluss.


© Roland Regner für Bild und Texte 2010


Roland Regner »Russalka«  

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