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Volksstimme

Wochenend-Magazin

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Sonnabend, 22. Februar 2014

Eine Toilette verändert die Welt Die Magdeburgerin Mona Mijthab entwickelte eine Sanitärlösung für Slums. Von Manuela Bock Die Idee einer Magdeburgerin könnte die Welt verändern. Die freischaffende Designerin Mona Mijthab hat eine mobile Toilette gestaltet, die leicht und klein ist, ohne Strom und Wasser auskommt und es ermöglicht, Fäkalien hygienisch zu recyceln. Die Lebensbedingungen in dicht besiedelten städtischen Armutsvierteln vieler Entwicklungsländer könnten damit erheblich verbessert werden. Sie sieht unscheinbar aus und hat doch revolutionäres Potenzial: die kleine, einfache Sitztoilette. Die Idee für „mobile Sanitation“ (MoSan) kam der damaligen Studentin Mona Mijthab während eines fünfmonatigen Auslands-Praktikums in Bangladesch bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die setzt sich dafür ein, die katastrophale sanitäre Situation in dicht besiedelten Armutsvierteln zu verbessern. „Hygienische Toiletten sind in solchen Siedlungen selten“, sagt Mona Mijthab. „Die Notdurft wird ohne jegliche Privatsphäre verrichtet.“ „Open Defection“ heißt das in der Fachsprache. Praktisch bedeutet dies, dass die Notdurft auf freien Flächen verrichtet wird. Schmutz und Fäkalien fließen so mit dem Regen in die Gewässer, die als öffentliche Wasserquelle dienen. Insbesondere nach Monsunregen und Überschwemmungen ist die Umgebung verseucht und das Risiko für Erkrankungen extrem groß. Durch das Wasser übertragene Krankheiten gelten in diesen Ländern als die Mona Mijthab im Gespräch mit einem Einheimischen in Kenia. Die Designerin, deren Vater aus dem Irak kommt, wurde in Berlin geboren und lebt seit dem GrundFotos (2): Hana Lokey häufigste Todesursache für Kinder schulalter in Magdeburg. unter fünf Jahren. Die Toilette der Designerin, die an werden, leicht und transportabel aus Kunststoff im Tiefziehverfahren der Hochschule Magdeburg-Stendal sein. Außerdem sollte sie leicht zu hergestellt. Mit einem mehrsprachigen Team studiert hat, besteht aus drei Bautei- reinigen, zu erhalten und kostender GIZ und mit Unterstützung der len, die einfach zusammengesteckt günstig sein. Damit die Toilette Professoren und Dozenten der Hochwerden. Das System kommt ohne später auch vor Ort herzustellen ist, Schrauben und High-Tech-Teile aus musste auf eine einfache Produktion schule in Magdeburg forschte die – denn die könnten verlorengehen gesetzt werden. damalige Studentin nach umweltEtwa anderthalb Jahre brauchte freundlichen und natürlich praktioder müssten aufwändig gewartet kablen Lösungen. Im vorigen August werden. Auf den Hauptkorpus wird die Magdeburgerin von der Idee bis zur Fertigung wurde die Trenntoilette mehrere der Sitz aufgebracht, ein DeWochen in Kenia getestet. Wichtig funktionaler ckel schließt Prototypen. Sie war nicht nur die Funktionalität bewegte sich und Akzeptanz des Produktes, sondas System, in „Wir müssen testen, dafür zwischen dern des gesamten Services. zwei Behältern den Welten, verDie Fäkalien wurden von einem werden die ob das Produkt funkbrachte viel Zeit geschulten Bewohner des Slums einFäkalien ge- tioniert und wirklich trennt. Aus den mit den Mengesammelt, der die Eimer mit seinem Motorrad transportiert hat. Das gesammelten angenommen wird.“ schen in den waren die ersten Schritte, das ProExkrementen Slums, betrieb jekt auf die nächste Ebene zu heben. sollen in einem Feldforschung. zweiten Schritt Rohstoffe wie Bio- Ihre vielen Skizzen füllen Bücher. Denn: Die Form der Toilette zu kengas, oder Kompostdünger gewonnen Mona Mijthab holte Genehmigungen nen, ist das eine. Das Sanitär-Problem ist damit jedoch noch nicht gelöst. werden. Derzeit existieren zehn Pro- ein und recherchierte, welches Material sich am besten eignet. „Wir müssen testen, ob das Produkt totypen. Die Testphase läuft. Die Magdeburger Firma Modellfunktioniert und im kulturellen KonDamit ihre Sanitärlösung auch vor Ort funktioniert und von den und Formenbau Sachsen-Anhalt text wirklich angenommen wird“, Bewohnern angenommen wird, fertigte die ersten Gussformen, die Ab Dezember 2012 wurden zehn Prototypen aus PE-Kunsterklärt die Designerin. Als große stoff im Tiefziehverfahren gebaut. Fünf wurden nach KeHerausforderung bezeichnet sie die musste Mona Mijthab viele Voraus- nach Bangladesch exportiert wurnia geschickt und dort für vier Wochen mit der Bevölkerung Logistik. „Sind der Sanitärkreislauf, setzungen beachten. „MoSan“ sollte den. Die neuesten Prototypen wurgetestet. Fäkalien wurden durch Solarbehandlung keimfrei also der Sammeldienst, der Transport im privaten Haushalt verwendbar, den aus Kostengründen und dank als Gebrauchsgegenstand akzeptiert einer unkomplizierten Produktion gemacht und zu Energie-Briketts recycelt. und die Verwertung realistisch?“

Eine Antwort könnte Mona Mijthab erhalten, wenn aus den wenigen Prototypen mehr werden. Im Gespräch ist die Kooperation mit einer britischen Organisation. „Kooperationen sind für den Erfolg des Konzeptes sehr wichtig“, so Mona Mijthab. Das amerikanische TechnologieStart-up Sanivation hat etwas entwickelt, was „MoSan“ sehr gut ergänzt: eine Solartechnologie. Damit werden gefährliche Keime in den Fäkalien zügig durch UV- und Hitzeeinwirkungen zerstört. „Es gibt noch viel Potenzial für Weiterentwicklungen“, sagt Mona Mijthab. Aber sie ist zuversichtlich, dass „MoSan“ irgendwann in Serie hergestellt wird. Viele Gründe, an ihre Idee zu glauben, hat sie auch. Beim Landeswettbewerb „Bestform 2013“ überzeugte die Magdeburgerin die

„Wer etwas verändern will, muss sich auf Augenhöhe begeben.“

Juroren. Die kleine Toilette mit dem großen Hintergrund erhielt den ersten Preis in der Kategorie „Produkt“. Gewürdigt wurden das schlichte, aber funktionale Design und die Herangehensweise. Im Gespräch mit den Menschen vor Ort wurden Lösungen entwickelt, und das mit Voraussetzungen, die wirklich vorhanden sind – und nicht am Rechner im stillen Kämmerlein Forschung betrieben, begründete die Jury und hob damit heraus, was der 26-Jährigen selbst am Herzen liegt. „Wer wirklich etwas verändern will, muss sich auf Augenhöhe derer begeben, für die das Produkt bestimmt ist“, sagt sie. „Und dann so einfach wie möglich denken.“ Auch, wenn genau das oft so schwer ist. Derzeit arbeitet die Magdeburgerin in Zürich an ihrem Mastertitel – und forscht an der Logistik für den „MoSan“-Sanitär-Kreislauf. Inzwischen gibt es einige Anfragen für diese Toilette. Die Suche nach Investoren wird zur wichtigen Aufgabe. Mit der Finanzierung einer größeren Produktion könnte „bald etwas ins Rollen kommen“, sagt Mijthab. Mit finanzieller Unterstützung wäre es möglich, die ersten Tests mit wenigen Menschen auf 50 Familien auszuweiten. Das wäre eine repräsentative Größe und könnte Aufschlüsse über die Effizienz des ökologischen Kreislaufes geben. Mona Mijthab ist zuversichtlich, dass die kleine Super-Toilette „in absehbarer Zeit“ zur Ausstattung in Ländern wie Bangladesch, Kenia oder Uganda gehört. Dann rettet die Magdeburgerin vielleicht nicht die Welt, aber sie verbessert sie für tausende Menschen.


"Eine Toilette verändert die Welt" - Volksstimme 2014.02.22