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eu Jagd & Wild Vo r g e s te llt DIE WUR ZELN DES ANDREAS KIELING

Von Freiheit und

Autor: Hildruth Sommer

w Ein Videointerview mit Andreas Kieling unter der Quickfinder-Nr. V131495 auf www.jagderleben.de 30

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er achtjährige Junge mit kurzem dunkelblonden Haar sitzt auf dem Fahrrad und tritt kräftig in die Pedale. Fast 20 Kilometer muss er bewältigen, dann ist er an seinem Lieblingsort. Seine Beine werden schon müde, als er endlich die vertrauten Felsen erblickt. Geschafft, er ist im Tabarzer Lauchagrund. Ab jetzt wird das Radeln mit dem alten Drahtesel zum reinen Vergnügen. Hinter einer Weggabelung springt er ab, versteckt sein Rad im Gebüsch und pirscht vorsichtig die ihm schon vertrauten Pfade entlang. Ob er wieder auf Sauen stößt wie vor einigen Wochen …?

Kinderabenteuer Bereits in früher Kindheit hatte Andreas Kieling begonnen, eine außergewöhnliche Leidenschaft zur Natur zu entwickeln. Geboren wurde er am 4. November 1959 in Gotha, der zu dieser Zeit nahezu bieder und verschlafen wirkenden Kreisstadt im Bezirk Erfurt. Sein Elternhaus, ein altes Mehrfamilienhaus aus der Vorkriegszeit, stand in der Uelleber Straße. Von der Stadt bis zu den nördlichen Hängen des Thüringer Waldes waren es nur gut 20 Kilometer. Gleich „vor der Haustür“ gab es den Krahnberg und nur unsere Jagd Dezember 2010


unsere Jagd berichtet der leidenschaftliche Fotograf,

Bauchgefühl, sicherem Instinkt, hohem Wissen und einer Menge an Erfahrung Inhalt seines Lebens ist, war somit vieles in einem und komplex. „Den Dingen auf den Grund zu gehen, sei das Entscheidende gewesen“, äußert Andreas Kieling rückblickend. Es ist noch heute der Antrieb, auch schwierigste Bedingungen auf Expeditionen in Kauf zu nehmen und durchzustehen. Er vergleicht seine eigene Motivation mit jener des Bergsteigers bei Erstbesteigungen oder des Entdeckers ferner Länder in früheren Zeiten.

Filmproduzent, Autor und Jäger erstmalig über seine

Misshandelter Junge

Kindheit und Jugend in Thüringen – den Anfängen seiner

In die Wiege gelegt wurde ihm dies allerdings nicht. Sein Vater war Lehrer für Sport, Geschichte und Mathematik an einer Gothaer Grundschule. Er mochte zwar Tiere, war ihnen freundlich gesonnen, aber auch nicht mehr. Die Mutter arbeitete als Vermessungsingenieurin und war, wie der Vater, alles andere als liebevoll zu ihrem Kind. Zwischen dem Sohn und ihr bestand stets große innere Distanz und ein angespanntes Verhältnis. Der Vater hatte ihn „mit aller Strenge“ erzogen und verstand beim Sohn unter Pädagogik in erster Linie körperliche Züchtigung. Als Andreas sieben Jahre alt war, trennte sich der Vater von der Familie. Die Mutter entdeckte zunächst ihre „weibliche Attraktivität“, wie es Andreas Kieling salopp definiert, hatte also bis zu seinem elften Lebensjahr „häufig wechselnde Beziehungen“, wie man es amtlich bezeichnen würde. Als er knapp zwölf Jahre war, heiratete die Mutter ein zweites Mal. Der Stiefvater erwies sich allerdings für den Jungen als wahres Martyrium. Ablehnung, Zwang und Misshandlungen gehörten zur Tagesordnung. Die emotionale Unterstützung oder gar Liebe seitens der Mutter fehlte. Für das Kind Andreas war Familie in vielen Fällen reiner Überlebenskampf.

Neugier getrieben Andreas Kieling ist derzeit Deutschlands bekanntester Tierfilmer. Er wurde 2008 mit dem „Wildscreen Panda Award“ ausgezeichnet – dem Oskar der Tierfilmer. Für

Foto: Andreas Kieling

abenteuerlichen Wege rund um den Globus.

Andreas Kieling geht bei seinen Expeditionen gerne an die Grenzen.

Lehrer als Förderer

Foto: Andreas Kieling

wenige Kilometer weiter warteten die Hörselberge auf den jungen Andreas, um von ihm „entdeckt zu werden“. Diese ihn immer wieder aufs Neue antreibende Naturbegeisterung und Entdeckerlust hatte er schon immer verspürt. Es war eine brennende Neugier auf das, was die Tier- und Pflanzenwelt an Geheimnissen in sich trägt, gepaart mit dem Ausloten eigener Grenzen. Geweckt haben diesen Wissensdurst im Kind Andreas sowohl Menschen als auch Bücher und kleine, wie zufällig gestreute Ereignisse. Seine Motivation, das zu tun, was noch heute mit Perfektion, gutem unsere Jagd Dezember 2010

Auch seitens der Großeltern gab es weder Anleitung noch Förderung für seine Begabung und Leidenschaft für die Natur. In der Familie gab es somit in Richtung Natur und Wissen über diese weder Neigungen noch Hilfe oder Ansprechpartner. Seine Naturbegeisterung als erster erkannt und gefördert hat sein Klassenleiter und Biologielehrer Friedrich Metze auf der Myconius-Schule in Gotha. Er unterstützte und bestärkte seine Interessen und Begabungen. Später kamen Menschen hinzu wie einer der Direktoren des Gothaer Naturkundemuseums, welches bei zu schlechtem Wetter 31

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Foto: Andreas Kieling

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Bären gehören zu den „Lieblingsmodellen“ des Tierfilmers.

zum beliebtesten Aufenthaltsort des jungen Andreas geworden war. Dort erlernte er die lateinischen Namen von Tieren und Pflanzen. Wissen über deren Lebensräume vermittelten ihm plastische Schaubilder. „Diesem Museum habe ich sehr viel zu verdanken“, sagt Andreas Kieling und äußert sein tiefes Bedauern darüber, dass das Museum der Natur aus dem bisherigen Gebäude an der Parkallee verschwinden wird. Er bezweifelt, dass die neuen Räumlichkeiten im Schloss Friedenstein der Aufgabe, die das Naturkundemuseum bisher innehatte, gerecht werden kann. Generell meint Kieling, es würde kaum einen besseren Ort geben, um Kinder und Jugendliche an die Natur heranzuführen.

Neugier. Er ließ den Jugendlichen die erdrückende Enge spüren, die sowohl in der Familie als auch in der DDR vorhanden war. Seine Reiseziele Alaska oder der Himalaja wurden zur schieren Unmöglichkeit. Es gab ja damals nicht viele Wege, um reisen zu können. Einer wäre der Spitzensport gewesen. Andreas Kieling war ein guter Sportler, Bezirksmeister im Radrennsport, auch Leichtathlet. Obgleich nicht besonders groß gewachsen, war er dafür der Stärkste seiner Klasse. Er hatte ja auch zu Hause schwerste körperliche Arbeiten verrichten müssen. Derartige Entdeckerträume blieben also zunächst auf seine nahe Heimat begrenzt. Er angelte gerne, unternahm schon als Achtjähriger regelmäßig weite Radausflüge an die Ohra-Talsperre oder war am Großen Inselsberg, unterwegs. Auf der Hörsel diente ein ausrangierter aufgesägter Dieseltank eines russischen Lkws als Boot. Damit schipperte er über den Fluss und bewältigte sogar die dortigen Wehre in geschickter Weise. Zumeist unternahm er solche Ausflüge allein. Er war für die anderen ein Sonderling, ein Einzelgänger, wie er es bezeichnete. Ein Junge mit ganz anderen Neigungen als die meisten Gleichaltrigen. Vor allem seine Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit waren für dieses Alter ungewöhnlich. Das Zimmer daheim zierten Terrarien mit Bergmolchen, Feuersalamandern, Zauneidechsen, Haselmäusen, Maulwürfen und weiteren Tieren.

Erdrückende Enge

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Frühe Tierliebe: Diese Foto wurde während eines Besuches im Berliner Zoo aufgenommen. Andreas Kieling ist damals vier bis fünf Jahre alt.

Foto: Andreas Kieling

Wälder, Wiesen, Seen und Flüsse waren somit ein Refugium für den in der Familie geplagten Jungen. Draußen kannte er sich bestens aus, dort empfand er die notwendige Sicherheit, und zudem gab es unendlich viel zu entdecken. Kaum ein Bussardhorst, der nicht erspäht wurde, und auch die Ringelnatter musste ihre Verstecke preisgeben. Ein weiteres Refugium waren Bücher und Zeitschriften. Jene wie „Robinson Crusoe“ oder „Das Waldgespenst“ von Ulrich Komm. Auch Wolfgang Zeiskes „Esox, der Räuber vom Waldsee“, „Käuzchenkuhle“ von Horst Beseler und Bücher von Robert Louis Stevenson gehörten dazu. Ihn begeisterten Schriftsteller wie Mark Twain, Ernest Hemingway, Jules Verne und immer wieder Jack London. Letzterer bewirkte allerdings noch weitaus mehr als pure Abenteuerlust und wachsende

Erste Beute Während dieser Zeit träumte Andreas Kieling oft vom Beruf des Försters und vom Jagen. Seine erste „echte Beute“ war im übunsere Jagd Dezember 2010


Angeschossen auf der Flucht In der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) lernte er Fallschirmspingen, den Um-

Foto: Andreas Kieling

rigen ein Eichelhäher gewesen, erlegt mit seinem Luftgewehr. Die Feder-Trophäen verwahrte er sicher und einige davon wurden sogar stolz mit Kameraden geteilt. Schmunzelnd erzählt er die Geschichte von der Abwurfstange eines Kronenzehners, die er mit etwa neun Jahren in den Wäldern am Fuße des Großen Inselberges gefunden hat. Die Mäuse hatten der Stange bereits arg zugesetzt, aber es war eben irgendwie „eine Trophäe“. Stolz trug er sie auf dem Heimweg bei sich und lief prompt dem Tabarzer Förster über den Weg. Es folgte dessen Belehrung, dass der Junge sie freilich abgeben müsse und keinesfalls behalten dürfe. Doch der Neunjährige diskutierte begeistert und verblüffte den Förster mit großen Kenntnissen. So vergaß dieser seine eingehende Belehrungen, und die Trophäe blieb bei Andreas. Den Förster hatte er auch später noch häufig getroffen. Nach dem Umzug der Familie nach Jena, kurz vor seinem zwölften Lebensjahr, begann seine Zeit als Jagdhelfer in der Jagdgesellschaft Jena-Nord. Ein Lebensabschnitt, an den er sich sehr gerne erinnert. Die Jagdzeitschrift unsere Jagd war schon immer eine wichtige Lektüre gewesen, über die er sein Naturwissen vertiefen konnte und eine Vielzahl jagdlicher Informationen erhielt. Als er dann selbst „zu den Jägern gehört“, erhielt unsere Jagd noch mehr Bedeutung. Sie war zu einem festen Bestandteil seiner Kindheit und Jugend geworden.

Auge in Auge mit einem der gefährlichsten Raubtiere der Welt in Alaska. Andreas Kieling warnt: „Bären haben keine Mimik.“

Dort wo Wildtiere keine Menschen kennen, kommt der Tierfilmer ihnen sehr nahe. Hier bei seiner Expedition auf dem Yukon River.

gang mit Waffen und Nahkampftechniken. Etliches davon stellte sich bei seiner dramatischen Flucht 1976, über die damalige Tschechoslowakei durch die Donau nach Österreich, als äußerst hilfreich heraus. Die Vorbereitung der Flucht hatte er schon als Fünfzehnjähriger akribisch und nahezu generalstabsmäßig begonnen zu planen. Er bezeichnet diese Zeit als eine seiner spannendsten überhaupt. Und so machte er sich drei Wochen vor seinem 17. Geburtstag über Prag und Bratislava in sein bis dahin größtes Abenteuer auf. Es endete zunächst, schwerverletzt durch einen Steckschuss im Rücken, in einem Krankenbett in Niederösterreich. Die tschechischen Scharfschützen hatten ihre Kugeln nach der Entdeckung des Flüchtigen in der Donau, die er teils schwimmend, teils tauchend während der Nacht überquerte, ziellos abgefeuert. Die Einschläge konnte er um sich herum im Wasser und auf dem österreichischen Ufer vernehmen. Als ihn diese eine Kugel dicht neben der Wirbelsäule im unteren Rückenbereich traf, musste seine Entfernung zu den Schützen schon groß gewesen sein. Allerdings konnte Andreas Kieling durch diesen Treffer seine Beine nicht mehr bewegen. Er musste die letzten Meter bis zum Ufer nur mit Armbewegungen schwimmend und später auf dem Ufer bis in den Ort kriechend bewältigen.

Foto: Andreas Kieling

Arm aber frei Andreas Kielings einzige Habe bestand aus seinem DDR-Personalausweis, 200 „Mark der DDR“, tschechischen Kronen sowie speziellen Briefmarkensätzen. Sie waren als unsere Jagd Dezember 2010

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In diesem Jahr war Kieling wieder in seiner Heimat. Der Erlegerbruch zeugt von erfolgreicher Rothirschjagd.

Andreas Kieling: „Jagen – das steckt tief in jedem Menschen.“

„Startguthaben“ gedacht, hatten aber, trotz Plastikschutz, durch das Donauwasser gelitten. Im Krankenhaus versuchte ein freundlicher österreichischer Polizist sie fein säuberlich zu trocknen, um sie für den Jugendlichen zu retten. Von ihm wurde er auch mit den Worten „Junge, Junge, du machst Sachen...“ und „... hier bist frei“ im neuen Leben „auf der anderen Seite“ begrüßt. Er war in Wolfsthal in Österreich – ein noch Sechzehnjähriger war an einer weiteren Station seiner langen Odyssee angekommen. Bevor er zum bekannten Tierfilmer wurde, machte er eine Ausbildung zum Berufsjäger im Lehrrevier der Zeitschrift Wild und Hund. Dafür legte er auch 1978 die Jagdscheinprüfung ab. 1982 bestand er die Revierjägerprüfung und 1985 die Revierjägermeisterprüfung. Erst später begannen seine weltweiten Reisen und er wurde mit seinen Filmen (siehe Kasten) berühmt. Es zieht ihn heute nicht nur zu weiteren Abenteuern, sondern mehr denn je auch wieder zurück in seine Heimat, meistens zur Jagd. Diese Heimatverbundenheit sei bei ihm in der letzten Zeit sogar gewachsen, sagt Andreas Kieling. Im September erhielt er Gelegenheit, in der Region der Ohra-Talsperre des Forstamts Finsterbergen erfolgreich auf Rotwild zu jagen. Nach der Jagd wurde in trauter Jägerrunde allerdings nicht nur gefachsimpelt oder den spannenden Berichten des „Bärenmannes“ gelauscht, sondern

Foto: Andreas Kieling

Foto: Hildruth Sommer

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manche Kindheitserinnerung zum Leben erweckt. Verwurzeltes Naturverständnis Jagen – das steckt tief in jedem Menschen, betont Andreas Kieling. Seiner Ansicht nach ist auch das Treffen der Beute im Menschen angelegt. Selbst bei Nichtjägern ist große Freude zu beobachten, wenn sie auf Jahrmärkten Büchsenpyramiden abräumen oder beim Kegeln ins Ziel treffen. Treffen an sich erzeugt demnach unübersehbar Glücksgefühle. „Die Menschen waren so viele Jahrtausende lang Jäger und Sammler, und erst seit etwa 2000 Jahren hat sich dieses mit der Sesshaftigkeit verändert“, fügt er hinzu und meint weiter, dass die Jäger, die ihm begegnen, ein auffal-

Foto: Andreas Kieling

Mit Aufnahmen wie dieser vom Berggorilla in Zentralafrika erfreut Kieling seit Jahren die Menschen in Deutschland.

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Namibia: Manchmal ist Flucht die beste Verteidigung. Andreas Kieling führt seine Erfolge als Tierfilmer auch darauf zurück, dass er Jäger ist.

lend tief verwurzeltes Naturverständnis besitzen. Sie wissen um die ökologischen Zusammenhänge. Und eine Trophäe an sich, egal wie stark, kann eben etwas über Fähigkeiten aussagen, über die ein Jäger im weitesten Sinne verfügt – erinnert sie doch an erfolgreiche Pirsch. Der in der Stadt lebende Mensch liebt zwar die Tiere, die Natur an sich, romantisiert sie jedoch. Die Natur, wie sie ist, mit ihrer Realität, dem Kampf ums Überleben nach ganz bestimmten Gesetzen, ist leider vielen fremd geworden. „Ruhe und eine hohe Sensibilität in der Natur sind Voraussetzungen, um dort erfolgreich sein zu können“, fügt er hinzu. Ganz sicher etwas, was auch der gute Tierfotograf braucht. Denn nach Andreas Kieling zu urteilen, ist auch dies eine Form von Jagen und Treffen. Er kann sehr gut verstehen, dass manche langjährigen Jäger später die Waffe mit der Kamera tauschen oder sich aufs reine Beobachten beschränken. eu

Werke von Andreas Kieling FILMOGRAFIE 2010: Mitten in Südafrika 2009: Mitten im wilden Deutschland 2008: Expeditionen zu den Letzten ihrer Art 2007: Im Visier der Grizzly Giganten 2004–2006: Abenteuer „Yukon River“ 2003–2004: „Der Bärenmann“ – Vater und Sohn unter Grizzlys in Alaska 1999–2004: Nomaden des Nordens 1998–1999: In der Tiefe des Waldes 1994: Eisbären – Herrscher der Arktis 1993: Die Waljäger von Point Hope 1992: 2000 Meilen Freiheit

unsere Jagd Dezember 2010

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Von Freiheit und Neugier getrieben  

Kindheit und Jugend des Tierfilmers Andreas Kieling

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