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Michael Molinero

Das Roadhouse Reisen in Australien 1


INHALT Das Roadhouse 3 Aus dem Alltag eines Australiers 8 Der Papagei 13 Der Urlaub 24 Zillertaler Hausmannskost 31 Der Fischer 34

»Extra« Interview mit dem Berufsleser Freimut Schlotterhose 36

© Christian Müller, 2014 Bild: Darnells General Store, Rosa Brook, Western Australia

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Das Roadhouse Ein junger Mann - das Gesicht braungebrannt, Haare und Augenbrauen von der Sonne gebleicht, auch die Nasenspitze konnte sich deren Kraft nicht widersetzen, sie schindet sich bereits - fährt auf verlassenem Highway in den Abend hinein. Beidseitig ufert die Strasse in ein Kiesbett aus, der Strassenrand folgt, gleich den Gedanken des jungen Burschen, keinem genauen Verlauf. Auch scheint die Strasse zu keinem bestimmten Ziel zu führen, sondern verliert sich in der weitläufigen, kargen Landschaft. Das gleichmässige Motorengeräusch hat den Burschen in eine angenehme Stimmung der Ausgeglichenheit versetzt. Seine Gedanken fliessen wie ein Lavastrom vor sich her – nicht hastig, doch unaufhaltsam. Bald rauscht er an einem grossen, vom Rost zerfressenen Schild vorbei, welches das nächste Roadhouse ankündigt, und zugleich, in kleiner Schrift unten, das übernächste. Da der schräge Strich unten am R fast gänzlich ausgebleicht ist, liest es sich wie Poadhouse. Wenn es in diesem fernen, von weiten Feldern und Wüsten durchzogenen Land etwas gibt, was den bodenständigen Charakter des einfachen, von harter Arbeit geprägten Landlebens in angemessener Weise wiedergibt, so sind es diese alten Roadhouses, denkt unser Fahrender. Er stellt sich vor, immer noch vom monotonen Geräusch des Motors begleitet, wie er seine Fahrt allmählich verlangsamt, um unter dem verlotterten Vordach der Tank3


stelle zum Stillstand zu kommen. Während der junge Mann die Autoscheibe hinunterkurbelt, nähert sich mit selbstsicherem Schritt der Tankwart in verschmutzten Latzhosen, und fragt mit tiefer, undeutlicher Stimme, »Hey, How‘ going? Full?«. Der junge Mann erwidert, seinen Arm lässig aus dem Fenster hängend, »Yeah, please «. Langsam, aber bestimmt, ergreift die ruhige Hand des Tankwarts mit den gelben Fingernägeln die Tankpistole, welche, sich kurz vor dem Hinunterfallen befindend, nur lose in der Säule hängt. Hier gibt es sie noch, diese alten Tanksäulen, die durch ihre gerundete Silhouette, ähnlich einem Torbogen, majestätisch dastehen, ganz im Gegensatz zur trostlosen Erscheinung der eckigen Kästen an modernen Tankstellen. Liter um Liter wechselt das Benzin den Besitzer. Im Besonderen diese Tanksäule strahlt einen gewissen Charme aus. Seit Jahren ungereinigt, ist sie mit einer groben Sandund Dreckschicht überzogen, nur bei der Anzeige für den Benzinpreis wurde eine Stelle freigelegt. »Pretty hot these days«, meint der Tankwart, bevor er die Pistole wieder einhängt. Nur das Wissen, dass diese Tankpistole bereits seit Jahrzehnten dort hängt, bewahrt einem vor dem Eindruck, sie müsse, wegen der ausgeleierten Halterung, jederzeit hinunterfallen. Unser Mann bezahlt den geschuldeten Betrag, indem er die australischen Dollarnoten in die russige Hand des Tankwarts legt. Doch, daran besteht kein Zweifel, scheint dieses moderne, plastifizierte Geld gänzlich ungeeignet für das Bezahlen an einem solchen Roadhouse. Vielmehr würde 4


das Hervorklauben eines Knäuels alter, verknitterter USDollarnoten der Aura eines solchen Ortes entsprechen. Der Bursche – sich zunehmend ob all den Vorgängen wie ein Cowboy fühlend – parkt sein Vehikel neben dem Roadhouse. Kurz bevor der Wagen ganz zum Stillstand kommt, tritt er voll auf die Bremse, so dass die Hinterreifen ein Stück weit über den staubigen Boden rutschen. Er öffnet die Autotür, steigt aus, ein heisser Windzug bläst ihm den soeben aufgewirbelten Staub ins Gesicht. Seine Augen formen sich zu Schlitzen, wie wenn er in der Ferne ein Wesen erspähte, das er in der nächsten Sekunde mit seinem Revolver kaltblütig abzuknallen gedenkt. Mit einer bewussten Lässigkeit, die einen aussenstehenden Beobachter in die Versuchung bringen dürfte, sich zu amüsieren, begibt er sich in die Kneipe. Ein trüber Dunst schwingt ihm entgegen, er tritt in einen düsteren, von einer nackten Glühbirne nur spärlich erhellten Raum. Dunkles Gebälk mit langen Rissen hindert die Decke am Einstürzen. Neben dem Eingang steht ein altertümliches Klavier, auf dem Notenhalter ein vergilbtes Liederheft. Die Wände, um zu kaschieren, dass sie längst gestrichen werden müssten, sind mit unzähligen Emblemen und Nummernschildern aus aller Welt überdeckt. Der Bursche, immer noch in einer Haltung, wie er nächstens den Revolver zücken würde, brummt »Hey!«. Das Ausschankmädchen blickt mit einer schwungvollen Bewegung des Kopfes auf, erwidert mit strahlendem Gesicht und heller Stimme »Hey! How’a ya?«.

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»Fine, a Hamburger with Chips and a Coke, please«, sagt darauf der Bursche mit tiefer, beinahe gleichgültiger Stimme. Die Vokale lässt er bloss hinten im Hals herumschwimmen, um zu verhindern, dass der europäische Akzent allzu stark in den Vordergrund tritt. Das »a« spricht er, wie in dieser Region üblich, als ein scharfes »ey« aus. Daraufhin schreitet er über den archaisch anmutenden Holzboden, leicht beklommen, da er die antike Räumlichkeit nicht von einem erhabenen Klacken, wie üblicherweise von Cowboy-Stiefeln verursacht, erfüllt findet – nur das liederliche, schlurfende Geräusch seiner abgetragenen Sandalen ist hörbar. An einem zerfurchten Tisch nimmt er Platz. Während er sein Becken zwischen Bank und Tisch schiebt, atmet er in einem langen, kaum hörbaren Zug aus. Im Lautsprecher ertönt die melancholische, alles durchdringende Stimme John Mayalls: »There were te-e-e-e-ars in your eyes, when you ca-a-a-a-a-me to me and said, I ju-u-st read the news, Muddy Waters dead, Muddy Waters dead…Oh, no…«. In aller Ruhe zündet sich also unser junger Mann eine Zigarette an. Zug um Zug stösst er den Rauch in den düsteren Raum, im genussvollen Bewusstsein, dass nun auch er dieser wohltuenden, etwas heruntergekommenen Arbeiteratmosphäre Vorschub leistet. Ein Gefühl, endlich einmal von etwas Teil zu sein, was man sonst nur aus Filmen kennt, breitet sich zunehmend in ihm aus. Durch die mit Spinnweben überzogenen Fenster erblickt er den Tankwart, wie er den nächsten Kunden bedient. 6


Unvermittelt stellt das Ausschankmädchen den Hamburger, die Chips und das Coke vor ihm auf den Tisch. Noch bevor er sich richtig sammeln kann, hat sie ihm bereits einen guten Appetit gewünscht und ist wieder in der Küche verschwunden. Hungrig ergreift er den Burger, aus welchem das Fett heraustropft, als er ihn etwas schräghält. In derartiger Weise treiben also die Gedanken des fahrenden Jünglings vor sich hin. Als er, von einem fernen Glitzern überrascht, wieder ganz zu sich kommt, sieht er die verschwommenen Konturen des Roadhouses gerade noch im Rückspiegel verschwinden.

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“I do hereby give notice that if any Person or Persons shall be convicted of behaving in a fraudulent, cruel of felonious Manner towards the Aborigines of the Country, such Person or Persons will be liable to be prosecuted an tried for the Offence as if the same had been committed against any other of His Majesty’s Subjects.” James Stirling, 1829 Gründer der Swan River Colony, heute Perth

Aus dem Alltag eines Australiers Fuck off … jetzt passt diese neue Angelrute nicht in die Halterung … lege ich sie halt hinten auf die Ladefläche … wie, will jetzt etwa die Karre nicht anspringen?! … Fuck! .. erst letztes Jahr gekauft … so, probiere ich es nochmals… Ah, jetzt startet der Motor … zum Glück … scheiss Asiaten-Fahrzeuge, hätte ich doch besser einen australischen Wagen gekauft – Holden oder Ford – aber die Werke schliessen sowieso bald … Hey! … gibt’s denn so was … hat die Alte denn keine Augen im Kopf … fuck, fuck, fuck … fährt voll in den Kreisverkehr, ohne zu schauen … fuck … oh, das Fenster ist gar nicht offen, so hört sie mich ja gar nicht … fuck, jetzt ist meine neue Angelrute, wegen dem starken 8


Bremsen, über die Ladefläche geschlittert … alles verkratzt wird sie haben … verbieten sollte man diesen Leuten das Autofahren … So, nun zum Bottle-Shop, Fischen ohne Bier, fuck, undenkbar, wirklich …fuck, noch geschlossen, wann öffnet der Shop? … ah, erst um acht Uhr … jetzt ist viertel vor acht … fuck, warte ich halt … Diese elenden Abos, wie lange hängen denn die hier schon rum … besoffen sind diese fucking Abos schon morgens in der Früh … fucking shit … kaum zu glauben … vor acht Uhr schon besoffen … oh, jetzt schaut mich der eine ganz verdächtig an … hoffentlich beginnt er mich jetzt nicht vollzulabern … besser, ich mache die Autotür zu ... hier mein Smartphone … ich gebe mich einfach beschäftigt … nur nichts dergleichen tun … Fuck, eine Viertstunden ist ganz schön lang … dann diese Abos … degenerierte Menschen … verfaulte Zähne … fettiges Haar … fuck … hässlich … an allen öffentlichen Plätzen hängen sie rum… dass so etwas erlaubt ist … unsereiner schuftet sich ab, um diesen elenden Abos die Subventionen zu bezahlen … fuck, fuck… … erst letzte Woche wurde bei einem Workmate eingebrochen …. Zwanzigtausend der Schaden … bestimmt waren es diese fucking Abos … da wette ich meine neue Karre drauf … nichts zu tun haben sie, ausser einbrechen und saufen … bestimmt … … da las ich doch gestern in der Zeitung von einem, der sein Kind vergewaltigte … einfach nicht zu glauben … die eigenen Kinder vergewaltigen sie, diese Abos … that’s 9


driving me crazy …. und unsereiner wirft man vor, sie ungerecht zu behandeln … sollen die selber mal recht handeln … fuck …einfach nicht zu glauben … Ah, öffnet jetzt der Shop … nein, noch nicht … einige Vorbereitungen sind im Gang … ah, jetzt endlich kommt der Verkäufer zur Türe … jetzt dreht er den Schlüssel ... endlich … wurde höchste Zeit … Fuck … wollen all die Abos nun tatsächlich den Laden leer kaufen … muss ich warten … nein, halt, ich nehme sofort die Kiste Bier … gehe sofort zur Kasse … dann kann ich wieder abhauen… … fuck ... diese Abos … kaufen die jetzt wirklich den ganzen Laden leer … that‘s fucking killing me … nicht zu glauben … mit dem Wagen fahren sie sogleich in den Drive-In, um den Kofferraum voll zu laden … ah, was sehe ich … einen Holden, noch fast neu ... bestimmt geklaut …sicher … unter zwölf Grant bekommt man den nicht … fuck … diese verdammten Abos machen mich ganz wahnsinnig … ... endlich geht’s weiter zum Beach … wenig Verkehr heute … welch ein Glück … eine verdammte Hitze ist das … ich lasse besser mal die Scheibe runter … fuck … die Ampel ist rot … blöde Fussgängerstreifen … für irgendetwas hat man ja Autos erfunden … … ah, das ist aber eine süsse Maus … so ein wunderbarer Arsch ... und das in aller Frühe ... kaum zu glauben … warte, ich pfeife mal … was … diese Schlampe reagiert nicht einmal … nicht einmal einen kurzen Blick … fucking bitch, fuck you… 10


.. das ist doch der komische Vogel aus der Camel-Bar, der da mit der Fischerrute entlang hastet … von gestern Abend … im letzten Moment eilt er über die Strasse… »Hey mate! Goinh fishing?« … wie, hat der keine Ohren?… grüsst nicht einmal zurück … hat wohl seinen Rausch noch nicht ausgeschlafen … … ah, endlich, grün … fuck, ist das heiss … … da vorne, endlich, die Abzweigung zum Strand … fuck … auch das noch … was soll das … eine Polizeikontrolle, morgens in der Früh?! … fuck …bin sowieso spät dran … diese verdammten Cops … na, wird schon gut gehen … machen wir das Spiel mit … »Good morning, any drinking involved?« »No« … jetzt noch in dieses elende Ding pusten … zum Glück wurde es gestern in der Camel-Bar nicht allzu spät … wird schon wieder auf Null sein … ah, ist alles in Ordnung … hoffentlich kontrollieren die jetzt nicht noch die License-Papers … nein … also, geht’s weiter …diese elenden Schweinehunde … sollen sie mich in Ruhe lassen … bei diesen Abos müsste mal aufgeräumt werden … … hier, endlich bin ich auf dem Parkplatz … wo zur Hölle ist denn meine Angelrute … habe ich die jetzt etwa vergessen … oder verloren … ach nein, die ist ja auf der Ladefläche … ganz verwirrt bin ich wegen dieses Abos und den Cops … … so, nun findet man endlich seine Ruhe ... hier, beim Fischen … aber warte mal … fuck, fuck, fuck … habe 11


ich etwa tatsächlich den Bait vergessen … fuck … was mache ich denn jetzt? … … ah, da kommt auch schon der gute, alte Jeffrey … bestimmt kann er mir einen Bait geben … »Hey, buddy« … zum Glück … er hat eine ganze Kiste mit Baits … so endlich kann‘s losgehen … wenig Wellen … perfekt … was ging denn hier ab … leere Bierflaschen am Strand … bestimmt die Abos …. gestern Abend … fuck … … ah, aber jetzt, hier ist eine geeignete Stelle zum Fischen… endlich … great … ein leichter Wind noch dazu … wunderbar bei dieser Hitze … einfach wunderbar, dieses Fischen … hoffentlich fange ich bis zum Mittag etwas … das wird ein herrlicher Lunch … gegrillter Fisch mit Bier … aaahh, awesome … dann am Nachmittag das Rugby-Spiel, Australien gegen England, ein Klassiker! … was für ein herrlicher Samstag … einfach perfekt … ich kann gar nicht mehr aufhören daran zu denken …

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Der Papagei Ich, Bürger einer Nation, die sich, ähnlich einer Religion, primär durch die Einbildungskraft und Überzeugung ihrer Anhänger definiert, befinde mich nun in einem Land, dessen Konturen eine vom menschlichen Geist unabhängige Realität aufweisen. Es ist ein Kontinent, seit Jahrtausenden in dieser Form existent. Seit Stunden, so berichte ich, sitze ich alleine im Abteil dieses Bahnwagens, schaue mit selbstvergessenem Blick in die monotone, von Hitze und Buschfeuern geprägte Landschaft hinaus, unsicher darüber, ob meine Reise nun als Flucht vor Vergangenem oder als Streben nach Zukünftigem zu deuten ist. Der Fahrtrichtung zugewandt, erkenne ich von allem Kommenden nur dessen unscharfer, flimmernder Umriss. Setze ich mich, um meinen ständig nach vorne gerichteten Blick zu kontrastieren, auf den gegenüberliegenden Sitz, so sehe ich nur, wie sich alles Vergangene nach und nach in der unendlichen Weite verliert. Allein das Gegenwärtige und Nahe schiesst in horrender Geschwindigkeit an mir vorbei, die jegliche präzise Wahrnehmung verunmöglicht. Als Reisender bin ich vom ständigen Bedürfnis getrieben, durch ein temporäres Nomadendasein alle Merkmale, die meine Existenz üblicherweise ummanteln und sie beschweren, abzuwerfen, um zu erfahren, was übrigbleibt, wenn vom Kern alles ihn Schmückende abgefallen ist. Das Selbstverständlichste – Name, Beruf, Nationalität –, 13


es kümmert mich nicht, ich will es abbauen, ich will mich sozusagen demontieren, um die Erfahrung der reinen, von den üblichen Gegebenheiten befreiten Existenz, die Erfahrung des reinen Seins, auszukosten. Endlich will auch ich real werden, wie die atemberaubende Natur, welche ich hier vorfinde, und welche unabhängig von einer ersonnen Metaphysik existiert. Mit zusammengekniffenen Augen versuche ich die Küste zu erspähen, an deren Horizont sich die Sonne langsam senkt. Doch allzu oft wohne ich dem Sonnenuntergang nicht bei. Wer zu lange in die Sonne schaut, wird blind. Geschärft aber wird der Blick desjenigen, der auch im Dunkeln das Wesen der Dinge zu erkennen sucht. Das Brummen der Lokomotive, das Klopfen der Räder, das Knarren der Fenster, welche krampfhaft versuchen, den heftigen Böen standzuhalten, das alles addiert sich zu einem konstanten Dröhnen. Aber ich behaupte, dieses Dröhnen, es ist demjenigen ständig präsent, der nicht nur Reisender, sondern auch Denkender und Schaffender ist. Der denkende Reisende, es brummt ständig in ihm. Der Trieb, alle Dinge dieser Welt zu erkunden, sie zu studieren, sie zu erfahren, dröhnt unerbittlich. Ein Dröhnen, das nur durch ein Schaffen, durch ein Streben, zu besänftigen ist. Ein Schaffen, welches alles Erlebte und Erfahrene in deutlichen und prägnanten Worten und Bildern wiedergibt. Ein Streben nach einem Destillat, das die Essenz aller Erfahrungen in sich vereint, dessen Reinheit 14


und Transparenz meinen Blick vordringen lässt, bis zum Grund, auf dem die Erkenntnis liegt. Als der Zug nach kurzem Halt in verlassenem Bahnhof einen erneuten Anlauf nimmt, sich in Bewegung zu setzen, flattert ein Papagei mit kräftigem Flügelschlag zum offenen Fenster, krallt sich mit seinen drahtigen Füssen am Rand fest, und schaut mich mit nüchternem Blicke an. Verschwinde!, zische ich ihn an, mit schwenkenden Händen und Armen versuche ich ihn zu vertreiben. Du versperrst mir Sicht und Ausblick auf das mir unbekannte Land. Bin ich denn um des blossen Anblicks eines stumpfsinnigen Federtiers, wie es in jedem zoologischen Garten zu sichten ist, um die halbe Welt gereist?! Der Papagei aber, er schaut unbekümmert zur Seite, seiner edlen Federpracht entlang, in einer Haltung, wie sie sonst nur Menschen annehmen, um den Blickkontakt mit Niedriggestellten zu vermeiden. Da, nach dieser Pause des Denkens, eröffnet er das Wort: Du, Irrender, wer hat dir die Prämissen deines Denkens und Handelns eingehaucht? Wer hat die Kühnheit gehabt, so sanft und unmerklich zu hauchen, dass selbst du, der du dich als halber Philosoph glaubst, es verpasst hast, die Gläser deiner Brille, durch die du dein Weltbild betrachtest, von eben diesem Hauch zu reinigen? Oder ist deine Brille gar von deinem eigenen Hauch beschlagen?

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Irrender hat mich dieses törichte Viech genannt!, ärgere ich mich lauthals. Mit Schwung versuche ich, das Fenster hochzuschieben, der Papagei aber, er stemmt sich, wie eine Figur aus Stahl, zwischen Rahmen und Fenster, um seine Rede fortzusetzen: Gar oft sprichst du mir vom Vergangenen und Zukünftigen, von Flucht und Streben, so dass das Gegenwärtige und Nahe zwischen die beiden Zeitdimensionen fällt wie in eine tiefe Schlucht. Ist dir etwa das Sein eine Schlucht, der du entkommen willst? Eben!, selbst du bedienst dich zur Veranschaulichung des Seins dem Bild der Schlucht, brause ich jäh auf. Gerade weil es mir verwehrt ist, wie ein Papagei über Berge, Seen und Schluchten zu kreisen, suche ich den Weitblick, den du mir hartnäckig versperrst, in die sich ins Unendliche erstreckende Landschaft, durch welche ich seit Stunden mit der Bahn rausche. Du meinst, presst der Papagei hervor – seinen Schnabel kann er kaum noch öffnen, so ist er im Fenster eingeklemmt -, wer in die Ferne blickt, kann auch Fernes erahnen. Du denkst, nur das Suchen führt zum Finden. Erliegst du etwa dem Irrtum, alles verweile in Ruhe, und nur du bewegest dich fort? Ich berichte dir aber, Stillstand gibt es nicht. Welche Gründe haben sich dir offenbart, um anzunehmen, alles sei durch ein Streben, durch ein Reisen, zu erreichen? Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute vielleicht so nah liegt? 16


Deine Worte, sind sie nicht längst schon abgegriffen und tausendfach in den vielfältigsten Metaphern verkündet worden?, fauche ich den Papagei an. Der Schweiss beginnt aus meinen Poren zu quellen. Will ich etwa auf den alten Weisheiten ausruhen? Nein, ich will Neues entdecken! Was, wenn nicht das Reisen, soll die Gedanken in Fahrt bringen? Wer folgt mehr deiner Rede von nicht vorhandenem Stillstand, als derjenige, welcher, wie ich, alles auf der Welt zu erkunden sucht? Wie soll sich ein Sesselwärmer der Erkenntnis nähern? Welch Unwissender habe ich hier vorgefunden, verkündet das leichte Kopfschütteln des Papageis. Aufs Neue erhebt er sein Wort: Sind deine Anstrengungen des Reisens etwa dahingehend zu deuten, dass du Erkenntnis als einen wohldefinierten Zustand dir vorstellst, zu dem ein schmaler, steiniger Pfad führt, dessen Begehung nur Auserwählten möglich ist?! Selten brachte mich ein menschliches Wesen in solche Verwunderung, bemerkt der Papagei mit einer nach und nach leiser werdenden Stimme. Erkenntnis aber, führt der Papagei seine Rede mit erholter Stimmeskraft fort, sie könnte vielleicht auch Raum sein, ohne Grenzen, ohne Anfang und Ende. Hat nicht gerade der Strebsame, welcher sich gradlinig auf ein vermeintliches Ziel zubewegt, am wenigsten von diesem Raum erfahren, während der Neugierige, aber oft Unsichere, welcher in

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unförmigen Linien kreuz und quer im Raum umherschwirrt, am meisten Düfte aus diesem geatmet? Wohl sprichst du weiseklingende Worte, denen ich hier nicht mit ähnlicher Rede zustimmen muss, weil bereits mein ganzer Wandel, der Wandel des Reisens, dies tut, erwidere ich dem Papagei, nun wieder in beruhigter Tonlage. Nenne mir auch nur einen Menschen, der, mehr noch als ich, in wirren Bahnen durch das gewandelt ist, was du so lächerlich simpel als Raum bezeichnest? Viele, viele mehr als du dir vorzustellen im Stande bist, fällt mir der Papagei ins Wort. Die enorme Menge macht sogar den Ansatz einer Aufzählung sinnlos. Nicht nur vom Reisen als ein sich von-Ort-zu-Ort-begeben handelt meine Rede, sondern auch vom Denken und Phantasieren, mein Begriff des Reisens umfasst auch die Erkundung des eigenen Subjekts. Du also hältst mich für einen abgestumpften, einen gedanklich-verarmten Reisenden, der nur erkennt, was sich überdeutlich, und für jeden anderen Tor auch sichtbar, vor seinem Auge abzeichnet?, rufe ich nun in erneut bebender Stimme aus. Hat dich etwa der Trugschluss umnachtet, meine Vorstellung vom Reisen habe keine Tiefe? Erbost umfasse ich die Fenstergriffe, um es vollends zu schliessen. Mit ganzer Kraft stemme ich mich von unten her an das Fenster. Nach quietschendem Schub bleibt ein letzter Spalt geöffnet, nur noch die Spitzen des Papageis 18


Krallen schauen über die Fensterkante, nur noch sein Kopf befindet sich im Inneren des Bahnwagens, der eingeklemmte Hals pulsiert heftig, weil sich das Blut auf dem Weg in sein Gehirn mit grossem Widerstand konfrontiert sieht. Körper und Federn flattern wie ein zerfetzter Windsack im reissenden Fahrtwind. Mit letzter Kraft setzt der Papagei seine Rede mit heiserer Stimme fort: Hast du denn nicht schon selbst von dem geredet, was du soeben als lächerlich bezeichnet hast, vom Raum, als du vom Dunkeln sprachst, in dem es das Wesen der Dinge zu erkennen gilt? Du reist um die Welt, um alles zu sehen, was dein Herz begehrt. Ich aber hege die Vermutung, du seiest über zweierlei Gattungen von Menschen in Konfusion geraten: Dem reisenden Denker und dem denkenden Reisenden. Ersterer, er kann dutzendfach um die Welt reisen, sein äusserer Wandel ist ein blosser Sonntagsspaziergang im Vergleich zu den Reisen, die sein Geist tätigt. Der Reisende aber, der sich mit dem Prädikat des Denkens nur nebenbei in Form des Adjektivs schmückt, ihm keuchen die Gedanken wie müde Hunde dem sich fortbewegenden Leib hinterher, weil sie mit der Verarbeitung dessen, was die Sinne an Neuem aufnehmen, überlastet sind. Wieder ist es meine Faust, die das Fenster noch weiter nach oben drückt, und den Papagei verstummen lässt. Hochrot, da blutdurchströmt, ist mein Angesicht, auch

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meine Stimme ist nun heiser. So schreie ich den Papagei an: Verschätzt hast du dich! Weder gehe ich deiner verdrehten Wortspielerei auf den Leim, noch lasse ich meine Brille vom Hauch deines Unfuges beschlagen. Was bist du für einer, der die Menschen in Verwirrung zu bringen sucht, um sich dann aus luftiger Höhe über ihren Irrgang zu amüsieren? Was soll es mir denn nützen, mich in den eigenen vier Wänden zu verkriechen, hinter gefüllte Bücherregale, vor leeren Blättern sitzend, die sich mangels Reiseerfahrung und Inspiration nicht füllen wollen? Was nützt denn der beste Denkapparat, wenn nicht mit einer Fülle von sinnlichen Erfahrungen gespeist? Wie soll derjenige eine Ahnung vom atemberaubenden Blick über den von der Abendsonne rot gefärbten Ozean erhalten, der nicht selbst auf den gewaltigen Felsen der zerfurchten Küste stand? Wie soll derjenige den bäuerlichen Geist vom verlassenen Landleben spüren, der nicht selbst auf wilden Farmen ackerte? So beantworte diese letzten Fragen! Du Schwätzer! Nun wählt der Papagei, im Wissen um sein baldiges Ende, seine Worte wie folgt – ich muss mein Ohr ganz dicht an seinen Schnabel halten, so leise treten die Worte aus dem sterbenden Leib: Du irrst!, so flüstert er. Der Schaffende, seine Phantasie ist unermesslich! Alle Dinge, welche in deiner Rede soeben Erwähnung fanden, auch wenn er sie nie selbst 20


gesehen oder erlebt, und nur ungenaue Berichte derselben sein Ohr erreichten, er kann jedes von diesen Dingen, sei es in Schrift, Bild, Musik, Tanz oder Skulptur, in hundert, gar tausendfach mitreissenderer Weise zum Ausdruck bringen als dazu je ein Nicht-Schaffender in der Lage wäre. Doch hab Acht! Das Schaffen, es wird keinem wie ein Erbgut in die Wiege gelegt. Jeder kann Schaffender werden. Gar mancher wurde es, ohne dass sein Bewusstsein davon Wind bekam. Andere hingegen, sie treten in die Falle der eigenen Einbildungskraft, führen sich als Schaffende auf, während sie längst zu Arbeitenden geworden sind. Erneut wispert der Papagei: Du irrst, du irrst, du irrst! Zu Beginn deiner Reise verkündetest du, diese fusse auf der Motivation, der Einbildungskraft Entsprungenes zu verlassen, um Reales, um vom menschlichen Geist Unabhängiges zu erkunden! Gar selbst willst du real werden, durch ein Abbauen, durch ein Demontieren! Welch ein Irrsinn! Welch ein Narrenspiel! Du Abbauender, Du! Mit Hohn beladen, verlässt der Begriff des Schaffens deinen Mund! Das Werk des Schaffenden, hältst du es tatsächlich für ein blosses Destillat des wahrhaftig Erlebten? Ich aber frage dich, was macht der Schaffende, ausser gigantische Gebilde der Phantasie aufbauen? Nichts! Nichts! Nichts! Ist es deswegen unwahr, unreal, reiner Schwachfug? Nein! Nein! Nein!

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Selbst das reale Objekt, welches Gegenstand künstlerischen Schaffens wird, erblasst im Lichte, welches das Werk des Schaffenden ausstrahlt. Nun aber, horche meiner letzten Frage, und auch wenn du sie nicht für eine Beantwortung würdig hältst, so wird sie wie ein unscheinbarer Geist in deinem Unterbewusstsein herumschleichen. So denke nach, ob sich Verwirrung und Zorn tatsächlich kraft meiner Rede deiner bemächtigt haben, oder ob nicht am Ende deine Reiserei, dein eigener Wandel, den Bildern deiner Erfahrung und Gedanken die Schärfe nahm. Ausgerechnet du willst deutlich schreiben! Eindeutigen Worten und Bildern bedient sich nur, wer seine eigene Zerstreutheit verbergen will. Wer aber in sein eigenes Bewusstsein hinabblickt, wie in einen tiefen, klaren Bergsee, erkennt das Rätsel als die ehrlichste und expressivste aller Ausdrucksformen. Nicht nur dein Schnabel ist krumm, auch gibt er, wie mir scheint, krumme Reden von sich, brülle ich dem moribunden Tier entgegen. Erneut schnellt mit aller Kraft meine vor Wut zitternde Faust hoch, an den Fenstergriff. Die Oberkante des Fensters trennt den Kopf endgültig vom Leibe des Papageis ab, wie ein aufgeblähter Plastiksack weht letzterer, vom Fahrtwind getragen, durch die Landschaft. Sein Kopf fällt vor meinen Füssen zu Boden und kommt nach zwei Umdrehungen zum Stillstand. Seine leeren Augen stieren nun gleichgültig unter den Sitz.

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Wieder hingesetzt, schaue ich in die unendlichen Weiten dieses ausgetrockneten Kontinents. Eine Ruhe breitet sich aus, nur der Fahrtwind rauscht in gleichm채ssigem Ton am Wagen entlang.

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Der Urlaub »Du, Schatz, der Heinz hat mir heute Nachmittag berichtet, die Stellplätze auf der anderen Seite des Campings hätten besseren Handyempfang«, meint Connie während des Abendessens, mehr so nebenbei. Lukas, der gerade seine zweite Portion Nudeln schöpft, führt diese Bewegung nun ganz gemächlich aus, um für eine angemessene Reaktion Zeit zu gewinnen. Wohl hat er die Aufforderung, welche dieser Bemerkung innewohnt - namentlich, dass der Campervan möglichst bald dorthin zu verschieben sei -, sofort registriert. Andererseits ist der jetzige Platz optimal vor Wind und Sonne geschützt, befindet sich unweit der Toiletten, aber doch wiederum nicht zu nahe, als dass man von den nächtlichen Toilettenbesucher gestört würde – kurzum: ein idealer Stellplatz. Connie legt neuerdings ihr Messer ab, hält die Gabel locker in der rechten Hand, um mit der linken Hand erneut ihr Smartphone zu ergreifen. Der kurze, enttäuschte Blick verrät, dass der Empfang für eine brauchbare Datenverbindung immer noch zu schwach ist. Sie schiebt das Gerät zur Seite, um das nächste Stück vom Pouletschenkel abzuschneiden. Lukas überlegt also – er schöpft nun mehrere kleine Portionen anstelle einer grossen -, ob er auf Connies Wunsch eingehen, oder doch seinen Standpunkt vertreten soll. Immerhin haben sie einigen Aufwand betrieben, um den Campervan auf diesem Stellplatz optimal zu positionieren. 24


Er startet einen Versuch: »Hier stehen wir morgens am Schatten, und können besser ausschlafen. Auf der anderen Seite des Campings sind wir voll der Sonne ausgesetzt. «, wendet er ein. Die Unsicherheit sin seiner Stimme enthüllt sogleich seine unterbewusste Akzeptanz von Connies Bedürfnis, und lässt den Einwand als reine Formsache erscheinen. Er schaut Connie nicht einmal richtig an, während er das sagt. »Ja, sicher, aber hier ist wirklich nichts zu machen, die Datenverbindung bricht regelmässig ab…«, protestiert Connie. Damit ist das weitere Vorgehen besiegelt. Nachdem das Geschirr unter allgemeinem Schweigen gewaschen und verstaut wurde, setzt sich Lukas ans Steuer, um den Wagen, welchen sie vor zwei Stunden auf dem unebenen Boden mühsam parkten, an den von Connie gewünschten Platz zu verschieben. Dorthin, wo mangels Bäumen kaum Schatten herrscht – eben heute Morgen hat er im Radio gehört, die Temperaturen sollen in den nächsten Tagen gegen die vierzig Grad ansteigen. Sein Unverständnis über den Platzwechsel äussert er unter anderem in einer ruppigen Fahrweise. Als er einen Randstein touchiert, schwappen ein paar Tropfen aus Connies Fantadose auf ihr frisches, weisses Shirt, was der momentanen Stimmung nicht sehr zuträglich ist. Connie sagt nichts. Am neuen Platz angekommen, steigt Connie aus, schlägt unsanft die Autotür zu, um sich sogleich durch die seitli25


che Türe in den Wohnbereich des Fahrzeuges zu begeben. Lukas schlendert den Fussweg entlang, zum Meer, und zündet sich im Windschatten eines Baumes eine Zigarette an. Er weiss, dass Connie es nicht mag, wenn er in Nähe des Autos raucht. Seit Connie begonnen hat, sich vermehrt über den abgestandenen Zigarettenrauch in seiner Kleidung zu beschweren, ist sein Rauchen von einem Mittel des Genusses zu einem des Protests geworden. Mit jedem Zug an der Zigarette senkt sich die Sonne zunehmend am Horizont, und als die Zigarette gänzlich verglüht, verschwindet auch die Sonne am Horizont. Lukas begibt sich unverzüglich zurück zum Campingbus. Er will verhindern, dass Connie sein Fernbleiben als Resultat einer nachhaltigen Verstimmung wegen dem soeben stattgefundenen Umzug wertet. Er setzt sich schräg gegenüber Connie, ergreift seine Kamera, welche auf der Küchenablage liegt, und zum Glück, trotz des unsanften Fahrstils, nicht herunterfiel. Während nun Lukas die Bilder des heutigen Tages auf dem viel zu kleinen Display durchschaut – unbrauchbare Bilder, also die meisten, löscht er sogleich -, wischt Connie eifrig auf ihrem neuen iPad herum. »Kaum zu glauben, Nicole und ihr neuer Freund haben gestern eine Geburtstagsparty geschmissen, ohne mir eine Einladung zu senden! «, ruft Connie unvermittelt aus. Nach einer kurzen Pause meint Lukas nüchtern, sie seien

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ja auch im Urlaub und hätten ohnehin nicht teilnehmen können. »Das schon«, gibt Connie zu, »trotzdem hätte sie eine Einladung senden können, als Zeichen, dass sie mich dabei haben möchte. «. Bewusst etwas provokativ, mit einem leichten Augenzwinkern, fragt Lukas: »Was gibt dir die Sicherheit, dass Nicole dich wirklich dabei haben will? «. »Aber hallo, es ist Nicole! «, stellt Connie in vorwurfsvollen Ton fest, dem eine Verwunderung über Lukases Kühnheit, eine von ihr als selbstverständlich empfundene Tatsache so direkt in Frage zu stellen, beigemischt ist. Neuerdings legt Lukas, zufrieden über die Wirkungskraft seiner spitzbübischen Bemerkung, die Kamera zur Seite, und ergreift die Tageszeitung, welche er heute, unter Connies leicht verächtlichem Blick, gekauft hat. Schliesslich gibt es Smartphones und iPads, hat sie sich wohl gedacht. Seine Aufmerksamkeit wendet sich einem Artikel über das Phänomen FOMO zu, ein ihm unbekannter Ausdruck, obschon es sich – laut dem Artikel – um einen offiziellen englischen Begriff handelt. FOMO – fear of missing out – findet er bald heraus, bezeichnet die Angst, etwas zu verpassen. Im Artikel kommen junge Erwachsene – durchaus keine Teenager; alle sind bereits in den späten Zwanzigern – zu Wort. Sie berichten also von der FOMO. Da ist zum Beispiel Tim, der meint, jeder Partybesuch werde vom Gedanken dominiert, mit welchen Bildern und Worten die Party am besten in den sozialen 27


Medien zu dokumentieren sei. Ferner ergänzt Paul, ein Freund Tims, eigentlich sei es kaum mehr möglich, eine Party wirklich zu geniessen, da man ständig Meldungen von anderen, dem Anschein nach noch viel tolleren Partys erhalte. Eine Frage, mit der sich Julia, 26, oft konfrontiert sieht, ist die nach der Finanzierung der ganzen Aktivitäten, welche auf Facebook laufend gepostet werden. Ich meine, wie können sich das all die Leute leisten?, fragt sie, fast schon der Verzweiflung nahe. Besonders frustrierend ist das Ganze für einen gewissen Mercer, der sich seit drei Jahren auf Job-Suche befindet, und dem wöchentlich über soeben abgeschlossene, lukrative Arbeitsverträge berichtet wird. Belustigt, mit einem leichten Kopfschütteln, legt Lukas die Zeitung beiseite, um sich wieder mit der Kamera zu beschäftigen. Nun regt sich Connie plötzlich über die unsinnigen Mitteilungen auf Twitter auf. »Jeder Scheiss wird da gepostet! «, meint sie aufbrausend. »Meine Arbeitskollegin war soeben auf ihrer Hochzeitsreise in der Karibik in einem bekannten Fischrestaurant essen. So aussergewöhnlich ist das jetzt auch wieder nicht… « Lukas geht nicht weiter darauf ein, sondern ergreift sein Laptop, um die Bilder von der Kamera auf die Festplatte zu übertragen. Zudem lassen sich am Laptop die Bilder wesentlich besser aussortieren. Falls ihn die Müdigkeit nicht zu heftig überkommt, wird er wohl heute noch ein paar Bilder auf Facebook posten. 28


Schliesslich haben einige seiner Freunde vor der Abreise ihre Erwartung danach bekundet. Ein nicht aktualisiertes Profil ist ohnedies wertlos. Nun sitzt er am Laptop, klickt ein Bild nach dem anderen durch, um zu entscheiden, welche Aufnahmen das Erscheinungsbild seines Facebook-Profils optimal ergänzen könnten. Inzwischen ist es dunkel. Der Gärtner des Campingplatzes, welcher jeden Abend den Stellplätzen entlang geht, um die Blumen zu giessen – am Tag würde das Wasser unter der enormen Hitze sofort wieder verdampfen -, erblickt die beiden Urlauber, Connie und Lukas, wie sie sich stumm gegenübersitzen, jeder in sein Gerät vertieft. Er beobachtet sie für einen kurzen Moment. Da sie die Vorhänge nicht gezogen haben, sind sie, dank der hellen Lampe im Innenraum, durch die Fensterscheibe des Campingbuses deutlich sichtbar. Der Gärtner schreitet gemächlich weiter, zum nächsten Blumenbeet. Während er die Giesskanne leicht schräghält, damit das Wasser ausfliessen kann, blickt er nachdenklich in den Sternenhimmel. Direkt über ihm befindet sich der Orion, drei hellleuchtende, auf einer Linie angeordnete Sterne. Die letzten Vogelschreie hallen von den Baumkronen her über den Campingplatz. Leichte Windböen rauschen sanft über die Blätter. Ansonsten herrscht eine wunderbare Stille. Bevor der Gärtner zu seinem Werkschopf zurückschlendert, schaut er ganz kurz zum Campingbus hin29


체ber, wendet sich aber sogleich wieder ab. W채hrend er bed채chtig, aber bestimmt, seinen Gang wieder aufnimmt, ist zu erkennen, wie er ganz leicht den Kopf hin und her bewegt. Die Giesskanne h채ngt, wie ein loses Pendel, an seinem gestreckten Arm.

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Zillertaler Hausmannskost »Bereits gestern gab es Nudeln. «, bemerkt Hans. »Heute mache ich auch Nudeln, aber gestern habe ich Reis gekocht. «, erwidert Heinz. »Reis, das wäre eine Abwechslung. Immer nur Nudeln mit Käse wird mit der Zeit langweilig. Aber den Reis muss man immer so lange kochen. «, klagt Hans. »Ja, aber den Reis kann ich in der kleinen Pfanne kochen. Das ist praktischer. « meint nun Heinz. »Spielt für mich eigentlich keine Rolle. Ich habe nur eine Pfanne. « stellt Hans fest. »Aber der Hannes, der macht verrückte Sachen. Vorgestern gab‘s bei dem Zerckel, eine zillertaler Hausmannskost! «, berichtet Heinz neuerdings. »Was soll denn das sein? «, fragt nun Hans. »Da werden gekochte Kartoffeln mit Gorgonzola und anderem Käse zu einem Art Teig zermalmt, dann zu kleinen Plätzchen geformt und angebraten. «, antwortet Heinz. »Ah, so «, staunt Hans. »Ja, aber man muss festkochende Kartoffeln verwenden, meinte er, keine mehligen, das sei wichtig. « ergänzt Heinz. »Ah, festkochend, das hat er tatsächlich gesagt? «, forscht Hans nach. »Ja, festkochend, sonst sei es keine echte zillertaler Hausmannskost. «, bestätigt Heinz. 31


»Der Hannes, das ist einer! Macht Zerckel, hier in Australien! «, anerkennt nun Hans. »Ja, aber eigentlich kommt in die Zerckel noch der scharfe Ziegenkäse. Von dem braucht es aber nur ganz wenig, weil er so scharf ist, hat mir Hannes erklärt. «, sagt Heinz. »Ah, aber vorgestern hatte er denn keinen solchen Ziegenkäse? «, fragt nun Hans. »Nein, vorgestern eben nicht. Auch die Kartoffeln waren mehlig, nicht festkochend. «, gibt Heinz zu. »Dann war es aber gar keine echte zillertaler Hausmannskost, ohne Ziegenkäse, und mehligen Kartoffeln noch dazu! «, stellt nun Hans fest. »Nein, eigentlich nicht. «, pflichtet Heinz bei. »Ach so «, sagt Hans. »Es war einfach zillertaler Hausmannskost, aber keine echte. «, bestätigt Heinz. »Ja, der Hannes, das ist einer! Macht zillertaler Hausmannskost, aber keine echte. «, fügt Hans hinzu. »Der Hannes hat gesagt, der Hannes frisst keine Scheisse. «, unterbricht nun Heinz die Stille. »Wirklich, das hat er gesagt? «, fragt Hans ungläubig. »Ja, genau das hat er so gesagt. « bestätigt Heinz. »Was soll denn das heissen? «, wundert sich Hans. »Ja, halt kein Zeugs aus Dosen und so. «, vermutet Heinz. »Ja, der Hannes, das ist einer! Der kocht immer ordentlich. «, sagt Hans. 32


»Du, Heinz, essen wir Scheisse? «, fragt Hans »Wie meinst du? «, erwidert Heinz. »Ich meine Nudeln mit blossem Parmesan und so. «, präzisiert Hans. »Nein, das glaube ich nicht. «, meint Heinz. »Nudeln und Reis sind also keine Scheisse? «, fragt Hans nach. »Nein, nein, zillertaler Hausmannskost ist es zwar nicht, aber es ist bestimmt keine Scheisse. «, besänftigt ihn Heinz. »Ah, dann bin ich beruhigt. «, sagt Hans.

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Der Fischer Gerade als ich den obersten Abschnitt der Anhöhe erklimme, leuchtet die Sonne mit ihren letzten Strahlen vom Horizont her. Es ist ein durchzogener Abend, die Wolken erstrecken sich in langen, rot leuchtenden Fetzen am Himmel. Auch gefühlsmässig zeichnet sich kein scharfes Bild ab. Soeben schlenderte ich den Strand entlang, immer auf dem von den Wellen durchnässten Teil des Sandes, wie es die Hinweistafel mir bedeutete, um nicht auf die Eier einer seltenen Vogelart zu treten. Auf einem entfernten Felsen erblickte ich einen Fischer, der geduldig seine Angelrute hielt, immer wieder zog er den Köder zum Strand zurück, um ihn dann von neuem auszuwerfen. Hat man jemals einen geduldigeren Menschen gesehen als einen Fischer, fragte ich mich. Nie fluchen sie ob einem missglückten Versuch, sondern befestigen mit ruhiger Hand einen neuen Köder. Gemächlich näherte ich mich diesem Fischer, setzte behutsam einen Fuss vor den anderen, um nicht in zu starken Kontrast zu seiner Gemütsruhe zu treten. Auch das vom sanften Wind verursachte Flattern seines Hemdes und Hutes erweckte keineswegs den Eindruck von Nervosität, im Gegenteil, es betonte die Gelassenheit des Fischers Statur. Nur einen Moment lang blieb ich stehen, schaute ihm zu. Die Besorgnis, ihn zu stören, hielt mich auf Distanz. 34


An einer Stelle, deren Entfernung zum Fischer einerseits ein Gespräch verunmöglichte, deren Nähe zu ihm andererseits ein regungsloses Vorbeigehen als Unfreundlichkeit erscheinen liess, nickte ich dem Fischer schweigsam zu. Mit tiefer, besonnener Stimme sagte er, Hey! How‘ going?, und noch während er den Gruss äusserte, wandte er seinen Blick wieder dem Ozean zu. In der Knappheit seiner Wortwahl und Gestik kam mehr ein Feingefühl für Prägnanz zum Ausdruck als eine taktlose Reserviertheit. Ich antwortete mit einem ebenso bescheidenen Hi!. Bestimmt, und doch mit einem gewissen Zögern, wandte auch ich mich wieder ab, um an den Ausgangspunkt meines Spazierganges zurückzukehren. Nun passiere ich die Böschung, welche den Strand vom dahinterliegenden Wald abtrennt. Meine Füsse sinken bei jedem Schritt in den warmen Sand ein. Mein Blick richtet sich ein letztes Mal zum Horizont – die Sonne ist untergegangen, nur noch die rot schimmernden Wolken umfassen die mir dargebotene Aussicht wie ein loses Gewölbe. Der Wald wirft keinen Schatten mehr. Alles erscheint in einem gleichmässigen, trüben Licht; es ist diese Ausgeglichenheit, die sich nun unmittelbar auf mich überträgt. Später, in der Dunkelheit, als ich an die Begegnung mit dem Fischer denke, merke ich, wie mir oft ein knapper, aber ganz bewusst ausgeführter Gruss mehr bedeutet als ein langes, mit vielen Floskeln beschwertes Gespräch.

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Interview mit einem Berufsleser In dieser Ausgabe unserer Zeitschrift Der Leser dürfen wir erneut einen interessanten Interviewpartner begrüssen: Freimut Schlotterhose. Ich heisse Sie, Herr Schlotterhose, in dem Sinne herzlich willkommen zu unserem Gespräch. Sie sind professioneller Leser, das heisst, Leser von Beruf. Der Leser: Beginnen wir also rundheraus. Wie kam es dazu?

Schlotterhose: Ganz einfach, ich lese für mein Leben gerne! Es ist sozusagen meine Leidenschaft. Ferner bin ich ein begeisterter Nutzer von sozialen Medien. Daher war es naheliegend, diese beiden Aktivitäten zu verbinden. Der Leser: Sie arbeiten freiberuflich, wenn ich richtig informiert bin. Wie funktioniert Ihr Geschäftskonzept?

Schlotterhose: Ich habe auf Basis der sozialen Medien – in erster Linie Facebook, Twitter YouTube und Blogs – einen personal brand, wie man heute sagt, aufgebaut. Ich vermarkte sozusagen meine persönliche Meinung zu einem Buch. Der Leser: Tönt spannend. Nun gibt es bereits Literaturkritiker und -experten wie Sand am Meer. Wodurch zeichnen Sie sich aus, was ist Ihre Unique Selling Proposition?

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Schlotterhose: Eine sehr wichtige Frage! Ich bin ja kein Literaturkritiker, sondern ein professioneller Leser. Der Unterschied besteht nach meiner Meinung darin, dass der Literaturkritiker einen Text auf sachliche Art und Weise analysiert und nach den in der Literaturszene anerkannten Massstäben bewertet. Meine Berichterstattung über ein Buch ist rein subjektiv und bewegt sich auf der emotionalen Ebene. Der Leser: Und mit diesem Konzept haben Sie Zugang zu einem Publikum gefunden?

Schlotterhose: Ja, sicher, es gibt viele Menschen, die mehr an einem emotional geprägten Bericht über ein Buch interessiert sind, als an den nüchternen, manchmal etwas herablassenden Kommentaren der üblichen Kritiker. Der Leser: Begeben wir uns sogleich auf die emotionale Ebene. Können Sie ein Beispiel für ein solches emotionales Indiz nennen?

Schlotterhose: Ich selbst erkenne die Wirkungskraft eines Buches an der Art und Weise wie ich es nach vollendeter Lektüre zuklappe. Ein mich bewegendes Buch, das mich in den Zustand des Nachdenkens, des Gleichmuts oder der Unsicherheit versetzt, schliesse ich behutsam, unter Vermeidung jeglichen Geräusches. Vorsichtig wende ich es selbstvergessen in meinen 37


Händen hin und her, um es dann sorgfältig an seinen bestimmten Platz im Bücherregal zu stellen. Anders verhält sich der Sachverhalt bei einem mir gleichgültigen Buch, das mich als Leser nicht in seine Aura miteinzuschliessen vermag. Ich klappe das Buch unachtsam zu, lege es sogleich weg, und beide Male entsteht ein leiser, dumpfer Schlag, der das Gelesene mit einer Endgültigkeit besiegelt, die jegliches weitere Nachsinnen unterbindet. Der Leser: Ein durchaus vielversprechender Ansatz. Wie machen Sie nun diese subtilen Stimmungslagen Ihrem Publikum zugänglich?

Schlotterhose: Von der Entwicklung eines Schlotterhosschen Buchzuklappwirkungskoeffizienten sah ich, nach ersten misslungenen Versuchen, ab, da dies den Kerngedanken meiner Geschäftsidee verfehlen würde. Mehr sollen die von Ihnen durchaus passend bezeichneten »subtilen Stimmungslagen« anhand von sogenannten affektiven Statements fassbar werden. Der Leser: Werden wir nun also konkret. Können Sie Beispiele für solche »affektive Statements« geben?

Schlotterhose: Um eines der meistgelesenen Bücher zu nennen: Nachdem ich den Fänger im Roggen gelesen hatte, habe eine echte Lust verspürt, die kleine Phoebe kennenzulernen. Ich hatte das Gefühl, dieses Mädchen 38


müsse tatsächlich existieren. Oder bei Kafkas Roman Das Schloss, da wurde beim Gespräch zwischen Landvermesser und Gemeindevorsteher meine Gemütslandschaft bis in ihre innersten Gefilde dermassen von einem unerbittlichen Lachen erschüttert, dass ich mich gezwungen sah, die Lektüre für eine halbe Stunde zu unterbrechen. Sie werden es nicht glauben, aber die Leute sind ganz verrückt nach solchen Statements. Der Leser: Interessant, und was war da so lustig?

Schlotterhose: Ja, ich meine, da ist der Landvermesser in der Wohnung des Gemeindevorstehers. Überall sind Aktenschränke, die vor lauter Überfluss an Dokumenten und Briefen beinahe aus den Scharnieren gesprengt werden. Und das alles - jahrelange Korrespondenz und meterhohe Papierstapel - nur wegen der Frage, ob es nun einen Landvermesser braucht, oder nicht! Der Leser: Das würde man in dem Fall wohl kafkaesk nennen. Vielleicht sollte ich den Roman auch mal lesen…

Schlotterhose: Da sehen Sie, wie mein Geschäftskonzept funktioniert! Ich konnte Ihr Interesse wecken… Der Leser: In der Tat, beeindruckend. Aber kommen wir wieder auf ein etwas nüchterneres Thema zurück. Ein Geschäftsmodell muss ja auch Ertrag einbringen…

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Schlotterhose: Anfangs betrieb ich das Vorhaben natürlich nebenbei, mehr als Hobby. Mittlerweile sind jedoch meine Besucherzahlen so hoch, dass ich von Werbeeinahmen, den sogenannten Ads, leben kann, wenn auch bescheiden. Dazu kommen Gagen für meine öffentlichen Auftritte und Publikationen in klassischen Printmedien. Der Leser: Auf Ihrem Facebook-Auftritt entdeckte ich ein weiteres Thema, mit dem Sie sich beschäftigen. Die sogenannten Lese-Irrtümer. Was hat es damit auf sich?

Schlotterhose: Da sprechen Sie erneut ein überaus spannendes Thema an! Regelmässig wird der lesende Volksgeist von Lese-Irrtümern eingenebelt. Freilich gilt es, diesen Nebel durch gezielte Aufklärungsarbeit zu lichten. Der Leser: Ich bin gespannt. Berichten Sie mir von einem dieser Irrtümer!

Schlotterhose: Ein Irrtum besteht darin, aufgrund einer anfänglichen Animosität ein literarisches Werk als gänzlich ungeeignet für eine Lektüre zu beurteilen. Dabei ist manchmal das Gegenteil der Fall. Auch die bittere Medizin entfaltete ihre Wirkung, wenn erst einmal verinnerlicht. Und auch beim Lesen gilt das Motto: Jedem Höhenflug gehen zahleiche Fehlversuche zuvor.

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Der Leser: Liefen Sie einst selbst Gefahr, in die Falle eines solchen Trugschlusses zu treten?

Schlotterhose: Selbstverständlich, schliesslich basieren meine Statements auf persönlichen Erfahrungen. Um die beiden Beispiele wieder aufzugreifen: Lange dachte ich, bereits über 50 Millionen Menschen haben den Fänger im Roggen gelesen, mich braucht es nicht auch noch, bevor ich die authentische Schilderung des Teenagers nachfühlte. Selbst den Kafka, Sie werden es kaum glauben, brach ich, von der Groteskheit der Schilderung befremdet, mehrmals ab. Schliesslich lag der Zauberberg während Jahren wie ein unbezwingbarer Gigant vor mir, bevor ich mich von Manns trockener Ironie »verzaubern« liess. Der Leser: Einleuchtend. Aber wie kann eine »anfängliche Animosität«, wie Sie es nennen, überwunden werden?

Schlotterhose: Nun gelangen wir in ein Fahrwasser, das nicht mehr kontinuierlich fliesst, sondern den Leser durch seine verworrenen Strudel zu derangieren droht. Oder lassen Sie mich eine noch sophistiziertere Metapher ins Feld führen: Oft ist durch die Lektüre zahlreicher Bücher, sowie durch ein Diskutieren und Sinnieren ein gedankliches Gebäude zu errichten, an dessen Wänden sich die Worte und Sätze eines Buches kondensieren können, um nicht klang und sanglos in ein Nichts zu verdampfen. 41


Der Leser: Jetzt werden wir dank Ihrer bildnishaften Sprache tatsächlich literarisch. Das heisst, je vollständiger das Gebäude, desto weniger Gehalt eines Buches entweicht unkondensiert. Doch zuerst muss es zum Dampfen gebracht werden?

Schlotterhose: Das Dampfen veranschaulicht ja lediglich den Akt des Lesens… Aber Sie haben den Sachverhalt in der Tat korrekt erfasst. In dieser Metapher gibt es einen funktionalen Zusammenhang zwischen Vollständigkeit des gedanklichen Gebäudes und der Menge des kondensierten Gehalts. Der Leser: Können Sie, um nun nicht zu stark ins Abstrakte abzudriften, ein Beispiel nennen, wie Sie durch die Konstruktion eines Gebäudes den Kondensationsgrad erhöhen konnten?

Schlotterhose: Also, zum Beispiel Nietzsches Zarathustra verdampfte bei mir zu Beginn komplett. Ich verstand nur Bahnhof. Erst dutzende Bücher und Monate später, beim zweiten Versuch, brachte mich ein umfassender Zuwachs an Erkenntnis in die Versuchung, mir einzubilden, dieses gewaltige poetische Werk ansatzweise zu verstehen.

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Der Leser: Ja, der gute Nietzsche ist natürlich ein Extrembeispiel für eine ausserordentlich hohe Gefahr der Verdampfung, leicht kann man sich sogar dabei verbrühen. Können Sie erläutern, welche Art von Architektur des gedanklichen Gebäudes sich für literarische Werke besonders empfänglich erweist?

Schlotterhose: Nun, ich glaube, dieser Diskurs würde den Rahmen des Interviews sprengen. Aber ein Aspekt scheint mir doch der Erwähnung wert. Wie Ihnen nicht entgangen sein dürfte, habe ich mich einer weiteren Redewendung bedient: Bahnhof verstehen. Und so kann einem leicht das Malheur unterlaufen, sich ein Bahnhofsgebäude zu konstruieren. Dies hat zur Folge, dass zwar ein Destillationsprozess stattfindet, dieser jedoch komplett aus dem Ruder läuft, und infolgedessen der Gehalt des Kondensates nichts mehr dem Gehalt des zugrundeliegenden Werkes zu tun hat. Kurzum: Man findet sich in einem Labyrinth von Fehlinterpretationen und Missverständnissen wieder, im schlimmsten Fall, ohne es zu merken. Der Leser: Na, Sie sind mir ein eigentümlicher Konfusionsrat, Herr Schlotterhose! Mir scheint, wir haben uns von der emotionalen auf die intellektuelle Ebene verschoben, denn Ihre Ausführungen sind wohl kaum mehr unter einem »affektiven Statement« abzubuchen.

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Schlotterhose: Da haben Sie allerdings Recht. In dem Fall sollten wir dringend zurückkehren… Der Leser: Sie sagen es. Leider ist der für das Interview zur Verfügung stehende Rahmen bereits ausgefüllt. Es bleibt mir nur noch, Ihnen herzlich zu danken und Ihnen für Ihre weitere berufliche Laufbahn nur das Beste zu wünschen.

Schlotterhose: Besten Dank. Das Vergnügen war ganz meinerseits.

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Das Roadhouse