Issuu on Google+

Der

Landhund Magazin f端r Belesene Frauchen und Herrchen


Inhalt

2

3

PROLOG Der Feind im Wald

4

EIN MANN FÜR ALLE FELLE Martin Rütter – Der hundeflüsterer

12

HÜNDCHENSCHEMA

18

AUFSteiger & Absteiger Was die aktuellen Hunde­moden über unsere Gesellschaft ­verraten

22

Zahlen, Daten, Fakten rund um den hund

22

Mein Hundeleben

24

Liebe Lutzie…


PROLOG

Der Feind im Wald Einmal in der Woche mindestens, besser wäre natürlich zweimal. T-Shirt, kurze Hose, Joggingschuhe an und ab in den Wald. Heute wird der innere Schweinehund überwunden. Damit hier keine Missverständnisse aufkommen, ich habe überhaupt nichts gegen Hunde. Ganz im Gegenteil, ich mag Hunde, sehr sogar. Bis auf ein paar Ausnahmen jedenfalls. Die Rasse spielt dabei keine Rolle. Und wenn so ein kleiner Racker gleich mehrere in sich trägt, um so besser. Multi-Kulti ist doch in. Die Größe ist auch völlig egal, Dackel oder Dogge, alles kein Problem. Der alles entscheidende Punkt – ist mir der Vierbeiner sympathisch oder nicht – ist sein Name. Ob nun Heintje, Horst, Dagmar oder d‘Artagnan – wie eine Schweizer Internetseite für Hundenamen vorschlägt – schöne Namen für einen Vierbeiner sind, sei mal dahingestellt. Als Jogger mag ich Heintje, Horst, Dagmar oder d‘Artagnan. Die tollen wild herum, spielen mit Stöckchen oder pinkeln gegen Bäume. Meine Feinde im Wald machen das nicht. Die stehen immer mitten im Weg, als hätten sie die ganze Woche auf mich gewartet: die Ohren gespitzt, die Lefzen leicht nach oben gezogen, die Zähne dezent in

Position gerückt. Und dann kommt‘s, Herrchen ruft den Namen: „Der-tut-nix“. Super. Ich mag aber „Der-tut-nix“ nicht. Ich hab sogar richtig Schiss vor „Der-tut-nix“. Weil: „Der-tut-nix“ nämlich gar nicht so aussieht, wie er aussehen sollte, wenn er „Der-tutnix“ heißt. Entweder drehe ich dann direkt um, entscheide mich kurzfristig für eine andere Route oder warte solange, bis bei Herrchen dann doch die Zweifel über den Namen gesiegt haben und „Der-tut-nix“ an der Leine festgemacht ist. Für all das ist es meistens schon zu spät, wenn ich auf einen entfernten Namens-Verwandten von „Der-tut-nix“ treffe. Dann hat er mich schon, der Teufel, der auf den Namen „Der-will-nur-spielen“ hört – respektive nicht hört. Mag ja sein, dass „Derwill-nur-spielen“ tatsächlich nur spielen will. Aber warum ausgerechnet hier und heute, warum mit mir, warum mit seiner kalten Schnauze in meiner Kniekehle? Und dann dieses amüsierte Lächeln im Gesicht von Herrchen. Der hat Spaß. Klar, der muss ja auch nicht mitspielen. Heil zuhause angekommen, muss ich dann immer an die Geschichte denken, die mir ein Freund einmal erzählt hat. Dem hat beim Joggen im Wald mal so ein kleiner Kläffer in die Wade gebissen. Und jetzt raten Sie mal, wie der hieß? „Das-hat-ernoch-nie-getan“.

3


Ein Mann für alle Martin Rütter – der Hundeflüsterer

4


n

r warf sein Studium hin und verschrieb sich einer Sache: Wie lernt ein Mensch, richtig mit seinem Hund umzugehen? Das ist ein weites und ertragreiches Feld, denn unzählige Herrchen und Frauchen in Deutschland sind damit überfordert. Es war schon dunkel, und als ich den Ball sah, war es zu spät. Oskar hatte ihn im Maul. Leider gehörte der Ball nicht Oskar, sondern einem altersschwachen Labrador, der ihn gern wiederhaben wollte. Vielmehr sein Herrchen. Ich sagte: „Aus, mein Freund!“ Oskar blieb unbeeindruckt. 15 Minuten lang. Oskar ist ein Airedale Terrier. Experten sagen, Airedale Terrier hätten ein ausgeprägtes Beutefang­verhalten. Ich sage, Menschen haben ein ausgeprägtes Bedürfnis, ohne größere Komplikationen mit ihrem Hund spazieren zu gehen. Ich will die Verhältnisse umstürzen. Nicht

immer nur reagieren, wenn Oskar agiert. Nicht immer den Nacken kraulen, nur weil er mich mit seinen Knopfaugen minutenlang von unten anstarrt oder mit der Schnauze anstupst. Nicht immer Slalom laufen, nur weil der Kater von nebenan plötzlich auftaucht. Wer erzieht hier schließlich wen? Ich Oskar oder Oskar mich? Der Mensch den Hund oder der Hund den Mensch? An einem Montagmorgen stehe ich neben einem Mann in Jeans und Poloshirt im Nieselregen auf einem Hundeplatz am Rand von Bonn. „Was ist Oskars Problem, Herr Rütter?“ „Oskars Problem? Der hat kein Problem. Das Problem liegt meist am anderen Ende der Leine“, sagt Martin Rütter. „Beim Menschen. Menschen vermenschlichen Hunde, sind ihren Hunden gegenüber toleranter als ihrem Ehepartner, sie lassen Hunde nicht einfach Hunde sein. Dein Fall ist der Klassiker: Dein Hund ist ein Beutejunkie, und du bist nicht konse-

Felle 5


quent genug, er denkt, er ist der Chef.“ Ich sage nichts, das sitzt. Martin Rütter rät, ich solle mit Oskar erst im Wohnzimmer trainieren, später mit Schleppleine, immer konsequent bleiben, ihm so zeigen, dass ich in Ballfragen die oberste Instanz bin. Das klingt alles gut, und ich werde es versuchen. Aber ich bin skeptisch. Oskar ist ein Terrier, und ich bin auch nur ein Mensch. Martin Rütter ist der prominenteste Hundetrainer Deutschlands, sein Geist weht über den Hundefreilauf­ flächen, Rütters Ratschläge sind Gegenstand leidenschaftlicher Diskussionen in den Wartezimmern der Tierarztpraxen. Denn längst tobt auch in der Hundeer-

Rütter füllt auf Tourneen selbst die größten Hallen. ziehung ein Glaubenskrieg wie in der Kindererziehung. Rütters Kritiker sagen, er halte den Menschen nur den Spiegel vor, gebe ihnen keine wirklichen Anweisungen und sei zu einem Comedian mutiert, dem es nicht mehr um nachhaltige Erziehung gehe, sondern um schnelle Erfolge vor der Kamera. Rütter selbst sagt, die Kritik lasse ihn unberührt, er sei eben erfolgreich. Und es gebe nun einmal ein ausgeprägtes Territorialverhalten unter Hundetrainern. Kaum ein Beziehungsgeflecht hat in den vergangenen Jahren so an Bedeutung gewonnen wie das zwischen Mensch und Hund. Mit der Bedeutung wuchsen die Probleme. Rütter lebt davon. Millionen schauen ihm zu, wenn er in seiner Sendung „Der Hundeprofi“ und der Prominentenversion „Der VIP-Hundeprofi“ auf Vox Hunde und vor allem ihre Halter coacht. Dabei hat die Hälfte seiner Zuschauer keinen Hund. Rütter füllt auf Tourneen selbst die größten Hallen. Seine vorherige Comedy-Bühnenshow „Hund-Deutsch/ Deutsch-Hund“ sahen mehr als 600 000 Menschen. Dort erzählt er von Leuten, die höhenverstellbare Fressnäpfe anschaffen. Die sich mit gigantischen Körbchen das Wohnzimmer verschandeln. Die nicht ins Kino gehen, weil sie dem Tier das Abendmahl zur gewohnten Zeit servieren wollen. Der Hund, sagt Rütter dann, stamme vom Wolf ab. „Der kann sich auch nicht darauf verlassen, dass Punkt 18 Uhr ein Kaninchen um die Ecke gehoppelt kommt. Und dass ein Hund sich gleich nach der Jagd den 6

passenden Baumstamm als Tisch sucht, weil sonst beim Fressen der Nacken schmerzt.“ Hundebesitzer erkennen sich wieder, wenn Martin Rütter von dieser wundersamen Welt erzählt, in der die Grenzen zwischen Mensch und Tier so sehr verschwimmen, dass man sich fragt, ob es überhaupt noch welche gibt. Einer Welt, in der Menschen mehrmals wöchentlich andere Menschen treffen, deren Namen sie nicht kennen, dafür aber genau wissen: „Das ist das Frauchen von Luna.“ Am Ende seiner Shows wird Martin Rütter regelmäßig mit Plüschhunden beschenkt und schreibt Autogramme, auch schon mal auf Frauenarme. Eine Verehrerin hat sich aus seinem Autogramm ein Tattoo stechen lassen, dazu eine Hundetatze. Heute aber steht Rütter im Nieselregen auf der Bonner Hundewiese. Nur noch selten trainiert der Hundeflüsterer persönlich, aber manchmal nimmt er sich die Zeit, die interessantesten Problemfälle aus seinem bundesweiten Netzwerk von 50 Hundeschulen anzusehen. Nicole Freitag, die Leiterin der Bonner Hundeschule, präsentiert ihm den Fall: Linus, neun Monate, Kooikerhund. Aggressiv gegen Männer, sagt die Besitzerin. Die hatte mehrmals angerufen, sie brauche einen Termin, dringend. Ein Fall nach Rütters Geschmack. Er steht hinter dem Zaun des Hundeplatzes und schaut sich von dort Hund und Halterin an. ,Was ist los mit der kleinen Bestie?“, fragt Rütter. „Linus hat meinen Hundetrainer gebissen“, sagt die Frau, während der Hund nervös um sie herumläuft. „Der Trainer saß auf der Terrasse, Linus hat gebellt und randaliert. Da meinte der Trainer, ich sollte den Hund rauslassen, der solle sehen, wer in seinem Garten sitzt. Linus ist sofort auf den Trainer los und hat ihm in den Arm gebissen.“ Rütter lässt einen Mitarbeiter vor dem Zaun auf und ab joggen, der Hund verfolgt ihn, kläfft und springt. Wenn Rütter problematische Mensch-Hund-Konstellationen betrachtet, versinkt er in seinem Problemfall, die Hand am Kinn. In diesen Momenten gibt es für ihn nur noch Hund und Halter, er versucht, die Nuancen in der Körpersprache auszumachen, stellt Fragen wie ein Therapeut, kurz und präzise. Mehr als 5500 Hunde hat Rütter schon erzogen, und oft hat er nach einigen Augenblicken auch eine Ahnung, was schiefläuft, er sagt: „Das ist ein unsicherer Hund, der findet die Menschen tendenziell bedrohlich. Er hat gelernt, dass Angriff die beste Verteidigung ist, wenn er unsicher ist.“ Dann bittet er eine Mitarbeiterin zu joggen, der Hund springt und bellt nur noch halbherzig. „Hat er schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht?“, fragt Rütter. „Ich weiß nicht. Der Nachbar hat ihn mit einem ,Buh‘ er-


schreckt, als wir ihn gerade einen Tag zu Hause hatten“, sagt die Besitzerin. Rütter nickt. Er schickt sie weg, der Hund soll sie nicht sehen. Wieder lässt er joggen, das Tier wirkt ruhiger. Die Besitzerin ist kaum zurück, da springt der Hund sie an und rammelt an ihrem Bein. „Der bestraft Sie dafür, dass Sie weg waren“, sagt Rütter. „Das ist die blödeste Kombination: ein unsicherer Hund, der die Welt bedrohlich findet, sich aber in sozialer Verantwortung seinem Frauchen gegenüber findet. Man muss dem Hund klarmachen: Du bist nicht für mich verantwortlich, ich stehe über dir und nicht mehr unter dir. Der Hund muss Alternativhandlungen lernen: Wenn du vom Zaun wegkommst, bekommst du eine besondere Belohnung. Meine Prognose: Das wird in den nächsten zehn Jahren kein Hund, der Menschen liebt, aber der wird handlebar.“ Die Frau wirkt erleichtert. Das ist Martin Rütters Erfolgsgeheimnis: Er personifiziert das Versprechen, jedes Problem sei lösbar. Ein Mann für alle Felle. Und ein Mann mit wachsendem Aufgabengebiet. Rund zwei Millionen Säuglinge und Kleinkinder leben in deutschen Haushalten, aber über fünf Millionen Hunde. Sie sind zum sabbernden Signum des demografischen Wandels geworden, treue Begleiter der Altersund Singlegesellschaft. Sie sollen es gut bei uns haben. Geschätzte 1,8 Milliarden Euro geben die Deutschen für die Hundeernährung aus, 159 Millionen Euro für Fressnäpfe, Körbchen und Spielzeug, 700 Millionen Euro für Tierärzte und 38 Millionen Euro für Hundeschulen oder Hundetrainer wie Martin Rütter. „Längst investieren wir Zeit, Geld und Mühe in einen Hund, nicht weil wir uns wie früher einen Nutzen versprechen, sondern weil wir emotional profitieren möchten. Hunde geben unserem Leben eine wohltuende Struktur, bringen ein Stück Wildlife in unser Wohnzimmer und vermitteln das Gefühl, nicht allein auf der Welt zu sein“, sagt Thomas Niederste-Werbeck, Chefredakteur des Hundemagazins „Dogs“. Hunde sollen heute Psychotherapeuten sein, lebende Alarmanlagen, Spielgefährten für die Kinder oder gar Kindersatz. Sie hören auf Namen, die früher nur für menschliche Familienmitglieder reserviert waren; auf den Hundewiesen toben nicht mehr nur Rex oder Asta, sondern auch Marcel oder Sandra. Silke Wechsung, Psychologin und Leiterin des Forschungsprojekts Mensch und Hund an der Uni Bonn, fand in einer Studie heraus, dass fast jeder vierte Hundebesitzer dazu neigt, den Hund zu vermenschlichen, und jeder dritte ihn sogar für wichtiger als menschliche Bezugspartner hält. Hunde reagieren auf diese uneinlösbaren Ansprüche wie der moderne Mensch: Sie sind mit dem rasanten Wandel überfordert. Wann ist der Hund noch ein Hund?

Rütters Lebensthema. Nach der Trainingseinheit fährt er in ein Kölner Fernsehstudio. Das erste Mal produziert er eine eigene Show. Sie heißt „Die tierischen 10“, es geht um Tiere, Menschen, Missverständnisse. Es sieht so aus, als hätte der Hundeprofi im Fernsehen endgültig seinen festen Platz gefunden. Man merkt ihm an, dass er stolz darauf ist, er redet viel, er redet schnell, das Blumige seiner Sprache macht es unterhaltsam, ihm zuzuhören. „Eine Sache erlebe ich immer wieder: Ein tiefer Seufzer des Hundes – und die ganze Familie läuft los. Der Vater kommt nach Hause – kaum eine Reaktion.“ Einmal besuchte er ein Ehepaar. Die Frau hatte ihn gerufen, weil der Riesenschnauzer ihren Mann anknurrte. „Da komme ich da hin, die erzählen mir, der Hund schläft im Ehebett, der Mann schläft wegen des

Rütter musste mit ansehen, wie die Bulldogge die Wohnung verwüstete. Hundes in einem anderen Raum, und ich erfahre dann auch noch, das geht schon seit sieben Jahren so“, erzählt Rütter. Hinter einer kriselnden Mensch-Hund-Beziehung steckt manchmal auch eine kriselnde Paarbeziehung, sagt er. In seiner Sendung „Der Hundeprofi“ geht es deshalb nur vordergründig um Hundeerziehung, sie zeigt das ganze Spannungsfeld tierischmenschlicher Beziehungen und ein manchmal befremdliches Sittengemälde der Gesellschaft. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm Kurt. Rütter musste mit ansehen, wie die Bulldogge die Wohnung verwüstete, Frauchen danebensaß und sagte: „Kurt ist eben authentisch.“ 2000 Leute bewerben sich pro „Hundeprofi“-Staffel, die Teilnehmer bekommen in drei bis sechs Monaten bis zu 50 Trainingseinheiten von Rütters Team, zehn von ihm persönlich. Erfolgreich auch seine Therapien für Prominente und ihre Hunde. Er brachte Nina Ruge dazu, damit aufzuhören, ihren Sennenhund zweisprachig zu erziehen, nur weil sie einige Monate im Jahr in Italien lebt. Er überzeugte Elke Heidenreich, mit ihrem Mops Vito doch ein wenig 7


zu trainieren, obwohl sie anfangs noch jede ­Erziehung ablehnte. „Die allermeisten Hundehalter gehen gut mit ihrem Hund um. Sie haben nur kleine Probleme: einen Hund, der andauernd an Leuten hochspringt, oder einen, der nicht immer kommt, wenn man ihn ruft“, sagt Rütter. „Aber im Moment geht mir in Sachen Hundeerziehung alles zu sehr in Richtung Esoterik, Bachblüten in die Ohren schütten, Hund auspendeln, und: ,Ja, Philipp, jetzt hast du den Postboten gebissen, da reden wir morgen noch mal drüber.‘“ Man könne einen Hund nicht antiautoritär erziehen, sagt Rütter, er brauche klare Verhältnisse, könne nun einmal nicht ein gleichwertiger Partner des Menschen sein, sosehr der sich das auch wünsche. 15000 Jahre – vielleicht auch deutlich länger – lebt der Mensch nun schon mit dem Hund zusammen, so lange wie mit keinem anderen Haustier, und noch immer ist nicht ganz geklärt, wie diese außergewöhnliche Beziehung entstand. Wie kam es zur Domestizierung des Hundes, zum komplexesten und extensivsten genetischen Experiment der Menschheitsgeschichte? Einer 8

der frühesten überzeugenden Beweise für eine Bindung zwischen Mensch und Hund ist 12 000 Jahre alt, ein in Israel ausgegrabenes Skelett einer älteren Frau, die offenbar mit einem jungen Hund in den Armen begraben wurde. Lange vermuteten Wissenschaftler, dass es der Mensch war, der den Wolf zum Hund machte, weil er ihn als Jagdbegleiter brauchte. Doch Wölfe teilen die Beute nicht freiwillig. Wahrscheinlich zähmte der Wolf sich selbst. Man vermutet, dass einige Wölfe die Angst vor Menschen über­wanden und sich über den Abfall in den Siedlungen hermachten. Vielleicht duldeten Menschen die zahmeren von ihnen, einige Welpen könnten sogar von Frauen gestillt worden sein. Diese weniger scheuen Wölfe konnten sich im Umfeld der Menschen besser ernähren als ihre Artgenossen und bekamen deshalb mehr Nachkommen – die ebenfalls die genetische Disposition hatten, den Menschen weniger zu fürchten. Sie passten sich über Generationen an das Leben in der Nähe des Menschen an. Diese Selbstdomestizierung setzte Auslese­prozesse in Gang, die dem Hund das Verbellen von Fremden und das gemeinsame Jagen mit dem Menschen beibrachten. Eine neue Studie, veröffentlicht im „American Scientist“, stellt die These auf,


dass sich der Homo sapiens dank der Hunde gegen den Neandertaler durchgesetzt hat: Mit ihnen als Gefährten war er bei der Jagd erfolgreicher. Für den Hund hat sich die jahrtausendelange Bindung an den Menschen ausgezahlt, er hat sich erfolgreicher als fast alle anderen Säugetiere vermehrt. Heute laufen auf dem Planeten schätzungsweise 500 Millionen Hunde herum, aber nur ein paar Hunderttausend Wölfe. Biologen streiten darüber, ob der Hund mit dem Menschen in einer Symbiose lebt oder sich eher wie ein Parasit verhält, der seinen Wirt ausnutzt. Der den Menschen dazu bringt, seinen Napf zu füllen, sich um ihn statt um eigenen Nachwuchs zu kümmern, und dabei keine Gegenleistung bringt. Juliane Bräuer sagt, sie gehe von einer Symbiose aus, und nimmt ihre Mischlingshündin von der Leine. Kein Wunder, dass Bräuer so denkt, alle Hundebesitzer denken so. Doch ­Bräuer ist Wissenschaftlerin, Verhaltens­ biologin am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, und als solche liegt ihr emotionale Verklärung fern. Tatsächlich, sagt sie, streicheln wir den Hund wie unsere Kinder, und es gibt auch Leute, die mit ihm in Babysprache reden. Man vermutet, dass

Menschen im Laufe der Domestikation die Hunde besonders gefördert haben, die sich wie Kinder verhielten. Sind Hunde also Parasiten? Ist der Blick aus Hundeaugen nichts weiter als Manipulation, die uns dazu bringt, sehr viel Zeit und Mühe aufzuwenden, nur um ihre Probleme zu lösen? Nein, sagt Bräuer, Hunde würden uns nutzen. Studien würden belegen, dass Hundebesitzer gesünder lebten. Dass sie weniger anfällig für Stress und bestimmte Herzkrankheiten seien. Und dass Streicheln blutdrucksenkend wirken könne. Hunde sind auch ein soziales Schmiermittel. Französische Wissenschaftler ließen einen jungen Mann in Fußgängerzonen 240 junge Frauen ansprechen. Bei der Hälfte dieser Kontakte war er allein; bei der anderen wurde er von einem hübschen Hund begleitet. Wenn er allein war, gaben ihm zehn Prozent der Frauen die Telefonnummer, wenn ihn der Hund begleitete, waren es 30 Prozent. Aber nicht nur junge Frauen reagierten auf Hunde, die Forscher stellten auch fest, dass Männer und Frauen einem Fremden mit einer dreimal höheren Wahrscheinlichkeit Geld geben, wenn er einen Hund dabei hat. Dieses Tier muss etwas Faszinierendes haben. Auch für die Wissenschaft. In den vergangenen Jahren entdeckte sie den Hund neu, lange schien er nur 9


ein dummer, verkrüppelter Wolf, degeneriert durch Menschen. Inzwischen gilt es als extrem spannend, mit ihm zu forschen, gerade weil seine natürliche Umwelt die Menschen sind. An Menschen ist er angepasst und darauf ausgerichtet, an ihrer Seite zu bestehen wie kein anderes Tier. Juliane Bräuer öffnet die Tür zum Hundebungalow des Max-Planck-Instituts, mehrere Hundert Hunde hat sie hier in den vergangenen zehn Jahren getestet. In einem Raum stehen Barrieren, sie überprüfen hier gerade, ob Hunde fähig sind, einzuschätzen, was Menschen sehen können. Zusammen mit ihrer Kollegin Juliane Kaminski fand Bräuer heraus, dass Hunde außergewöhnlich begabt darin sind, menschliche Gesten zu deuten, und sehr sensibel auf das Verhalten ihrer Besitzer achten.

„Mein Hund versteht meine Gesten.“

Ihre spannenden Studien haben sie in ihrem Buch ­ „So klug ist Ihr Hund“ veröffentlicht. Eigentlich forschen sie am Max-­Planck-Institut vor allem mit Menschen­a ffen. Auf den Hund kamen die Wissenschaftler, als sie merkten, dass selbst Schimpansen, die nächsten, intelligentesten und sozial begabtesten Verwandten des Menschen, menschliche Fingerzeige nicht interpretieren konnten. Man sollte erwarten, das Haushunde sich dümmer anstellen als Schimpansen, weil ihr Gehirn viel kleiner ist. Ein Doktorand aber sagte: „Mein Hund versteht meine Gesten.“ Juliane Bräuer und ihre Kollegin Juliane Kaminski begannen mit einer Studie: Sie setzten Hunden zwei Becher vor. Deutete der Mensch mit dem Zeigefinger auf einen der Becher, suchte der Hund in 90 Prozent der Fälle zuerst in diesem nach Futter. Für einige Forscher ist der Hund in der kognitiven Ethologie fast schon der neue Schimpanse geworden. Bräuer und Kaminskis Forschungen lieferten erstaunliche Ergebnisse über die Leistungsfähigkeit des hündischen Verstandes: Rico, ein Border Collie, kannte mehr als 200 Wörter und lernte den Namen eines neuen Gegenstandes schon beim ersten Versuch. Die beiden Wissenschaftlerinnen fanden auch heraus, dass Hunde ganz genau einschätzen können, wann ein Mensch sie sehen kann und wann er die Augen geschlossen hat oder nicht hinsieht. Und dass sie ganz genau überblicken, ob sie in solchen Situationen unbemerkt den Keks vom Tisch klauen können. „Hunde registrieren wie zweijährige Kinder, wie aufmerksam jemand ist“ , sagt Juliane Bräuer. Vor allem aber schauen Hunde den Menschen an, das ist ihr 10

Geheimnis, das macht sie zu begnadeten Menschenflüsterern, wie ungarische Verhaltensforscher herausfanden. Sie legten ein Stück Fleisch in einen Gitterkäfig. Junge Wölfe bearbeiteten den Käfig hartnäckig mit Zähnen und Klauen. Anders die Hundewelpen: Sie versuchten kurz, den Käfig aufzubekommen, drehten sich dann aber um und schauten dem Menschen in die Augen. Hunde suchen sozialen Kontakt zuerst beim Menschen und nicht bei Artgenossen – und: Sie nutzen den Hundeblick. Vielleicht neigen Menschen deshalb so sehr dazu, im Hund den besseren Menschen zu sehen. Werden selbst kluge, nüchterne Leute wunderlich, wenn es um ihren Hund geht, kaufen Fachbücher wie „Stricken für Hunde“, „ ... darf ich bitten? - Mein Hund als Tanzpartner“ oder ,,wellness für Hunde“. Schwärmen wie Friedrich der Große: „Hunde haben alle guten Eigenschaften des Menschen, ohne gleichzeitig ihre Fehler zu besitzen.“ Werden rührselig wie Arthur Schopenhauer: „Wer nie einen Hund gehabt hat, weiß nicht, was lieben und geliebt werden heißt.“ Martin Rütter kann mit dieser Hundepoesie wenig anfangen. Das Material, sagt Rütter, geht nicht aus, solange es sich Hunde. auf unseren Sofas bequem machen, er produziert gerade aber auch einen „Pferdeprofi“ mit Pferdetrainern. 25 Menschen arbeiten fest für seine drei Firmen, die er alle nach seiner Golden-Retriever-Hündin Mina benannt hat. Mina Trading ist das Netzwerk von 50 Hundeschulen, in denen über 100 Trainer nach seinen Lehren wirken. Mina Entertainment produziert seine Bühnentour, Mina TV seine Sendungen. Mina findet man überall, in den Büros, auf den Covern seiner Fachbücher, seines Romans, im Vorspann zum „Hundeprofi“ . Mina war bisher Rütters einziger Hund. Er suchte ihn unter 400 Welpen aus, er sollte ihn bei der Arbeit begleiten, mit anderen Hunden auskommen. Er suchte einen eher dummen Hund, dem es nichts ausmachen würde, ständig unterwegs zu sein. Oder wie Rütter es ausdrückt: „Mina lag im unteren Drittel der kognitiven Intelligenz.“ Vielleicht ist Martin­­Rütters Begeisterung für den Hund deshalb so ausgeprägt, weil er lange keinen haben durfte. „Meine Eltern finden Tiere, die man nicht grillen und essen kann, schwachsinnig“, erzählt er. „Schuld an allem ist Tante Thea.“ Die hatte eine Pflegestelle für Hunde – und eine außergewöhnliche Begabung: Wenn sie einen liebenswerten Hund bekam, wurde er innerhalb von sechs Wochen zu einem Berserker. Es gibt ein Foto aus dieser Zeit, es zeigt Rütters Schwester auf Stelzen und Theas Pudel Arko, der sich an einer Stelze festgebissen hat. „Ich habe mich gefragt: Was läuft bei Thea schief? Warum macht sie die Tiere wahnsinnig?“


Er las alles, was die Stadtbücherei zum Thema Hund hergab. Später führte er Nachbarhunde Gassi, ging mit ihnen in Hundeschulen und nervte, weil er alles hinterfragte. Während des Studiums an der Kölner Sporthochschule führte er im Stadtteil Junkersdorf Hunde aus; seine Kommilitonen kellnerten. Im dritten Semester schmiss er das Studium, belegte Kurse in Tierpsychologie und eröffnete eine Hundeschule in Köln. Er wurde damals angefeindet von etablierten Trainern und Züchtern, die meinten, man müsse mit dem Stachelhalsband die Hunde drillen. „Es hat sich damals kaum jemand die Frage gestellt: Was denkt oder fühlt der Hund dabei“, sagt Rütter. Er zog bald über die Lande, seinen ersten Vortrag hielt er in einer Eifeler Kneipe, sieben Anmeldungen, elf Hirschgeweihe an der Wand. Nach der Pause kamen nur drei Zuhörer wieder. Doch Rütter blieb hartnäckig. Predigte, dass man auf die Persönlichkeit des Hundes eingehen müsse und sie nicht brechen dürfe. Forderte, partnerschaftlich mit dem Hund umzugehen, ohne ihn zu vermenschlichen. 16 Jahre begleitete ihn die eigene Hündin, dann starb sie im vergangenen Sommer. „Ich muss mich noch heute zusammenreißen, wenn ich über den Köter spreche, sonst heule ich“, sagt Rütter, und es wirkt für einen Moment wirklich so, als füllten sich seine Augen mit Tränen. Der Hund begleitete ihn überallhin, schlief sogar in seinem Bett, bis Rütter mit seiner Frau Bianca zusammenkam, die mit Hunden nicht so viel anfangen kann wie er. Nur wenn er auf Tournee war und in Hotels übernachtete, hatte Mina von da an noch einen Platz am Fußende. Nach Minas Tod nahm sich Rütter vier Tage frei, sagte alle Auftritte ab, starrte auf Minas Napf. Einen neuen Hund hat er sich bis heute nicht angeschafft. Aus Minas Asche ließ er einen Diamanten pressen.

Martin Rütter mit Fanpost in unserer Redaktion

11


H端ndchenschem 12


ma

Hunde interessieren Sie einen Dreck? Das ging dem Autor auch so. Dann trat W ­ inston in sein Leben. Seither grübelt er – weniger über die Tiere als über Menschen

ines Abends war der Hund plötzlich da. Der Hund war nicht geplant, er war kein Wunsch­hund, und in meinem Leben hatte es zuvor nie einen Hund gegeben. Ich habe Hunde nicht gestreichelt, ich habe sie auch nicht gefürchtet, ich habe sie einfach nicht beachtet. Hunde haben mich sowenig interessiert wie Kolkraben oder die Romane von Uwe Johnson. Mich haben nicht einmal die Hundehaufen im Grünstreifen gestört. Es war fast so, als hätte ich eine Art Hundeblindheit gehabt, so wie andere Leute bestimmte Farben nicht erkennen oder kein Ohr für einzelne Tonhöhen besitzen. Hunderassen waren mir kaum geläufig und mit Menschen, die einen Hund an der Leine führen, habe ich selten ein Wort gesprochen, jedenfalls nicht über Hunde. Dort, wo andere Leute einen Hund haben, war bei mir ein weißer Fleck, eine Leerstelle. War – denn heute ist das alles ganz anders. Ich kann jetzt aus dem Stand erklären, was Agility bedeutet, weiß, wie Clickertraining funktioniert und vermag die Vorzüge des Dogdancing zu referieren, ohne verschämt zur Seite zu blicken. Ich trage stets kleine schwarze Plastikbeutel mit der Aufschrift „bellOO“ bei mir und ziehe den Hut vor der Frische und Originalität, welche das „Forum Mensch und Hund“ in seinen Werbeslogan „Guter Wille versetzt Häufchen“ gelegt hat. In meinen Hosentaschen befinden sich stets kleine bunte Knochen aus Biskuit und wenn ich einkaufe, bringe ich hässliche Gummihühner mit, Beißringe

und kleine Schuhe aus gegerbter Rindshaut. Das ist alles für den Hund, denn ich zähle zur großen fünfeinhalb Millionen starken Gemeinde deutscher Hundebesitzer. Ich zahle 75 Euro Hundesteuer im Jahr und habe meine Haftpflichtversicherung um den Passus „Haustier Hund“ ergänzen lassen. Von einem Tag auf den anderen bin ich Teil einer wahnwitzigen Welt geworden, in welcher Platz machen nicht mehr bedeutet, dass man etwas wegräumt; in der die Grenzen zwischen Mensch und Tier in einer Weise verschwimmen, die daran zweifeln lässt, dass es überhaupt Unterschiede zwischen Tieren und Menschen gibt. In eine Welt also, die man nur durch den Tod verlässt, durch den Tod des Hundes natürlich. Am Abend des 8. Januar fand meine Frau den Hund im westlichen Eingangsbereich eines alten Parks in Mün-chen. Er war mit einer kurzen Leine an einen Baum gebunden und winselte, weil er seinen engen Kreis auf einer Decke aus hart gefrorenem Schnee ziehen musste. Das Tier, ein acht Wochen alter Welpe, wie sich bald herausstellte, hatte Frostbeulen an den Pfoten, Rotz lief ihm aus der Nase. Jemand hatte diesen Hund ausgesetzt, so wie es jedes Jahr nach den Weihnachtstagen passiert. An das rote Halsband hatten die früheren und vom Hund zurückgetretenen Eigner eine kleine weiße Plastiktüte befestigt, in welcher sich die Grundausstattung des Tiers befand, eine Sammlung von Dingen, die kleine sarkastische Symbole meines 13


künftigen Lebens als Herrchen waren: ein Fressnapf, eine Tüte Eukanuba Trockenfutter, und ein Impfpass. Der Impfpass war in der Tschechischen Republik abgestempelt und wies den Hund als gesundheitlich einwandfreies Tier aus: Tollwut-prophylaxe, Staupevorbeugung, das ganze Programm. Die entscheidende Information aus dem Dokument war aber der Name des Hundes: Winston. Mit dem Kappen der kurzen Leine band ich Winston für immer an mich.

Herrchen und Frauchen bilden oft schützende Halb­kreise um ihre tobenden Hunde Als der Hund zum ersten Mal auf dem Parkettboden unseres Wohnzimmers Platz nahm, genauer: Platz machte, war Gelegenheit, das Erscheinungsbild von Winston zu studieren und zu bewerten. Es handelt sich bei Winston um einen dreifarbigen Hund mit gedrungenem, dabei katzenartigem Körper, von dem die Läufe wie kleine feste Säbel abbiegen und in halbrunde, tennissockenweiße Pfoten münden. Die Schnauze des Tiers verläuft in einem so kurzen wie eleganten Bogen und weist kurz vor dem Nasenknopf eine flüchtige weiße Kolorierung auf, eine Schneeverwehung, eine Laune der Natur. Die Ohren sind groß, enden spitz und geben dem Hund etwas Fledermausartiges. Seine Augen und bei ihnen beginnt ja jener empfindliche Bereich, in welchem Rührung, Kindchenschema und gefühlige Projektionen zu Hause sind, die Augen sind dreiecksförmig und dunkelbraun. Der Hund schwieg, wedelte aber bestätigend mit dem Schwanz, wenn man ihn mit Winston ansprach. Es folgten auf diesen 8. Januar drei Monate, in welchen der Hund seine Spuren hinterließ. Er zerkaute Stuhlbeine, Brillen und Schuhe und pinkelte, wo es ihm sinnvoll erschien, also überall. Im Frühjahr betrat Winston zum ersten Mal die Hundewiese und damit jene große grüne Bühne, auf welcher Mensch und Hund sich auf derart abenteuerliche Weise ihrer gegenseitigen Nähe und Verwandtschaft versichern, dass die Fremdheit zwischen ihnen umso deutlicher und bizarrer hervorsticht. Winston wurde sofort wedelnd in verschiedenen Rudeln vorstellig, grüßte, wurde von anderen Hunden gegrüßt, praktizierte ohne vorangegangene Anweisung die Ano-Genital-Kontrolle, die im Gegenzug auch an ihm vollzogen wurde. Nach und nach kamen die Herrchen und Frauchen dazu und öffneten immer mehr Fenster zu ihrer seltsam sicheren Welt, in der jeder Hundeblick für etwas Bestimmtes steht, jedes Bellen einem menschlichen Gedanken entspricht, kurz, in der Hunde herumwedeln, denen offenbar nichts Menschliches fremd ist. Die meisten Hunde waren schon dermaßen gut integriert, dass sie den Rang vollwertiger Familienmitglieder bekleiden konnten. Wenn das Windspiel sich ruckartig vom Ball abwandte, hieß es: „Wir gehen ja schon gleich nach Hause.“ Dabei hatte das Tier nichts dergleichen gesagt. Der Besitzer einer Mischlingshündin, ein vernünftiger Mann mit Modeglatze und kultivierter Unrasiertheit, erzählte von den Reisen 14

mit seiner Hündin an den Gardasee, wo es dem Tier „sehr gut gefallen habe“. Das Überraschende war, dass diese Hündin offenbar einen Grad an Sozialisation erreicht hatte, der es ihr gestattete, die Kulturlandschaften Italiens in ihrer ganzen Pracht bewerten und schätzen und womöglich anderen Urlaubszielen vorziehen zu können. Wie blöd erschien dagegen Winston, der auf einem toten Maulwurf rumkaute. Einmal trat Winston in ein Maulwurfsloch und begann zu hinken. Ich hob den Hund auf und trug ihn wie einen gefallenen Krieger über die Wiese in Richtung Auto. Eine ältere Dame schrie von weitem mit angstgeweiteten Augen: „Was hat denn das Baby?“ Ich sah mich um; aber auf der Wiese waren nur ich und Winston, von dessen ausschließlichem Hundsein ich bis dahin eigentlich überzeugt war. Wenn Wastl kommt, ein gleichgültig freundlicher Cockerspaniel, begrüßt Wastls Herrchen ausschließlich Winston. Vermutlich wird keinem Beziehungsgeflecht, ausgenommen das zwischen Mann und Frau, so viel Bedeutung zugemessen wie dem Verhältnis von Mensch und Hund. Es gibt tonnenweise Bücher dazu, sie heißen: „Mit Hunden sprechen“, „Für Hunde stricken“, „Beschwichtigungssignale der Hunde“ und „Darf


Bullmastiffs prüften meine Schuhbänder, und ein Rottweiler übernahm vorübergehend die Aufsicht über meinen eigenen Hund. Die Besitzer dieser Tiere waren fast alle kluge, in Beruf und Leben schrittsichere Leute. Aber sobald es um das Schicksal ihrer Hunde ging, wurden sie kompromisslos und stornierten lang geplante Urlaube, weil ihnen die Hundepension nicht vertrauenerweckend genug war oder ein bestimmtes Reiseland für hundepolitisch fragwürdig galt. Fast jeder Hundeeigner besaß zudem eine absolut unumstößliche Sicherheit, was den Charakter seines Tiers betraf. Amie zum Beispiel knurrt alle jüngeren Hunde an, demnach ist sie in den Augen ihres Frauchens eine ältere Dame, die gerne ihre Ruhe hat und nicht von Kindern gestört werden möchte. Ein Boxer heißt seit Geburt „Opa“ und wird entsprechend geschont. Herrchen und Frauchen bilden oft schützende Halbkreise um ihre tobenden Hunde, und manchmal entscheiden sie an Hundes statt, wer in das Rudel darf. Ein bestimmter junger Schäferhund wird immer wieder fortgeschickt, weil er sich irgendwie nicht richtig benimmt. Dabei ist das Tier im Verhalten und Spieltrieb von den anderen durch nichts zu unterscheiden, für mich jedenfalls. Aber er scheint geeignet, den Charakter von gut erzogenen Mischlingen nachhaltig zu verderben, möglicherweise aber hat er einfach das falsche Image. Eine große und kämpferische Gruppe bilden jene Hundeeigner, die mit ihrem eigenen Leben grundsätzlich unzufrieden sind und sich deshalb mit Vorliebe für kreuzunglückliche Hunde interessieren. Auf dem Heldenplatz in Wien führte an einem Oktobertag vergangenen Jahres eine ältere Russin ein Pärchen

Natürlich haben Hunde ihre Schicksale, und die sind (…) beklagenswert

ich bitten…mein Hund als Tanzpartner“. Die Sterne- und Hundekundlerin Jeanne Philippi hat das astrologische Vademecum „Mein Hund und seine Sterne“ vorgelegt, und die amerikanische Zoologin Elizabeth Marshall Thomas glaubt allen Ernstes, dass Hunde sich ihrerseits insoweit vermenschlichten, dass sie unser Lächeln nachahmten: „In Gegenwart von Menschen ziehen diese Hunde die Lippen grotesk weit zurück, um die Zähne zu blecken, so dass sie das gleiche Gesicht machen wie wir“, schreibt sie in ihrem Buch „Das geheime Leben der Hunde.“ Man kann auf seltsame Gedanken kommen, wenn man stundenlang vor einem Hund sitzt und schaut, was er so macht. Ich habe im Lauf eines Jahres viele Hundebesitzer kennengelernt. Rentnerinnen, die sich von torpedohaften Jack-­Russell-Terriern durch die Welt jagen ließen, Kinder, die von Golden Retrievern ausgeführt wurden und alte Männer, die ängstlich ihren Pudel auf den Arm nahmen, wenn ein größerer Hund vorbeikam. Neben mir standen plötzlich deutsche Doggen mit hängenden Lefzen, chinesische Faltenhunde präsentierten mir ihre verstörende Exotik,

Minibullterrier spazieren. Sie schilderte in gebrochenem Deutsch ihr intensives Zusammenleben mit diesen angeblich vor der Euthanasie geretteten Hunden, die in ihrem Bett schlafen durften, und die sie ohne zusammenzuzucken als ihre Kinder bezeichnete. Winston als meinen Sohn zu qualifizieren, hieße für mich, einen augenscheinlichen und schwer wiegenden genetischen Defekt einzugestehen. Die Russin redete dauernd von Hunden, die in Not geraten sind, wehklagte über Mischlinge, die in spanischen Tierheimen zu Tode gespritzt würden und zeichnete ein solschenyzinhaftes Panorama des massenhaften Hundesterbens direkt vor unserer Haustür. Es wäre nutzlos gewesen, das Schicksal Hunderter albanischer Flüchtlinge vor der italienischen Küste dagegenzustellen, von Kriegsopfern im Irak zu reden oder an den Hunger der Kinder in Burundi zu erinnern. Warum auch? Natürlich haben Hunde ihre Schicksale, und die sind manchmal weiß Gott beklagenswert, besonders, wenn in ihrem tierischen Leid das eigene menschliche Elend ein bisschen kleiner wird. Mit Schicksalswesen muss man reden und Supervisionen machen. Während ich versuche, Winston vom Verzehr des 15


Schafkots abzubringen, erklärt die Besitzerin einer französischen Bulldogge, dass sie mit diesem Hund „arbeite“, so wie man in therapeutischen Konstellationen an sich und am anderen arbeitet. Patricia B. Mc Donnell, eine amerikanische Zoologin, hat ein erstaunlich weises Buch über Hunde geschrieben. Es heißt „Das andere Ende der Leine“, und der folgende kluge Satz steht darin: „Wir können nicht mit Tieren zusammenleben, die das Äquivalent von Teppichmessern im Maul haben, ohne gelegentlich Probleme zu bekommen.“ Zum Beispiel dann, wenn der Hund auf einen Spaziergänger zuläuft, der kein entspanntes Verhältnis zu Caniden unterhält, und dem der Schrecken ins Gesicht geschrieben steht angesichts eines hasenartig auf ihn zu galoppierenden Bullterriers. Was soll man dem Mann sagen? Der Satz „Der tut nichts, der will nur spielen“ ist zu oft parodiert worden, als dass ein intelligenter Mensch ihn noch über die Lippen brächte. Dabei ist er im Allgemeinen so wahrheitsgetreu wie alternativlos. Soll man denn jedes Mal rufen: „Fürchten Sie nichts, der Hund wird Sie in den kommenden Minuten mit seinem dreistufigen Unterhaltungsprogramm überraschen; er wird seine Vorderläufe in ihrer Lendengegend ablegen, Ihnen mit nasser schwerer Zunge die Hände lecken und im Anschluss Ihre Jackentaschen nach Nahrung abscannen?“Einmal hat Winston in Tirol einen Nordic Walker angebellt. Der Mann war wütend und beklagte sich, dass er bereits von Hunden gebissen worden sei. Vor den Augen des Mannes bestrafte ich Winston. Als der Mann weg war, gab ich dem Hund einen Biskuitknochen, weil wir in unserer Abneigung gegen Nordic Walker eine erste wirkliche Gemeinsamkeit gefunden hatten. Erstaunlicherweise glauben sich Hundebesitzer überall von Hundefeinden umstellt. Immer wieder beklagen sie eine allgemeine Intoleranz gegenüber den Tieren, aber wo soll die, bitteschön, sein? Wenn ich mit Winston einen Biergarten betrete, bekommt er sein Getränk früher als ich und erhält beifällige Anerken-nung für seine auf grenzenloser Fressgier beruhenden Schnüffelarbeit, die ihm als juvenile Neugier ausgelegt wird. In der N ­ achbarschaft wird sein gelegentliches peitschenknallartiges Bellen als Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigt, schließlich müsse man ja auch das Geschrei von Kindern ertragen, heißt es. Dem Hund, so fremd er eigentlich ist, werden überall Brücken in

die menschliche Gemeinschaft gebaut. Es gibt Autoein-steighilfen für Hunde, Fleecebetten, Kuschelhöhlen und Gehhilfen für rheumatische Tiere. Dem Hundeelend wird mit der Bachblütentherapie begegnet, Hundepsychologen bringen die Tiere wieder in das ihnen zustehende Gleichgewicht, und die Fernsehkanäle sind voll mit Sendungen über Hundetraining, Hundeerziehung und Hundekliniken. Deutschlands „Top Dog“ wurde auch schon gekürt. Es handelt sich um den zweijährigen Mops Kalle aus Meckenheim bei Bonn. Deutschland ist ein hundefreundliches, ja, hundeverrücktes Land, aber die Hundebesitzer misstrauen der Freundlichkeit wie einem tollwütigen Pitbull. Sie verstehen es nicht, dass nicht alle Menschen vor Freude in die Knie gehen, wenn ein riesenhafter Cane Corso auf ihrer Handfläche sein olfaktorisches Forschungsprogramm betreibt. Natürlich gibt es auch hysterische Hundehasser, aber welche Spezies hat keine Gegner? Im Gegensatz zu den therapierenden, arbeitenden und agilitierenden Herrchen und Frauchen weiß Winston nicht, dass er mal sterben wird. Er wird metaphysisch unbelastet durch die fünfzehn Jahre kommen, die ihm statistisch zur Verfügung stehen. Er wird schnüffelnd, schwanzwedelnd und fressend durch die Welt laufen, und es werden ihn die Schönheiten der Toskana, der Abruzzen und des Gardasees einen Dreck interessieren, welchem letzteren Winston sowieso grundsätzlich jeder Kulturlandschaft den Vorzug gibt. Hin und wieder hält er die Schnauze in den Wind wie ein konservativer Wanderer, der zeigt, dass er noch weiß, wie die Luft schmeckt. Hin und wieder schluchzt er nachts leise auf. Manchmal starrt er mich minutenlang an, als sei er ganz kurz davor, herauszubekommen, was ihn und mich verbindet oder trennt. Und ich? Ich werde einen Großteil dieser 15 Jahre am anderen Ende der Leine verbringen – und nie erfahren, ob all das, was wir für Winston getan haben, den Ansprüchen dieses Hundes auch nur annähernd gerecht geworden ist.

Winston und seine menschliche Familie

16


17


18


Aufsteiger

und Absteiger Was die aktuellen Hundemoden über unsere Gesellschaft verraten

as Straßenbild hat sich massiv verändert. Sie sind fast verschwunden, die Schäferhunde, Rauhaardackel, Spaniel und Pudel, verdrängt von den neuen Modehunden, den Möpsen, Bulldoggen und Jack Russells. Und so wie der Geländewagen schon interpretiert worden ist als Spiegel einer verunsicherten Mittelschicht, so sagen auch die neuen Lieblingshunde so einiges aus über Wertewandel und soziale Bedürfnisse.

Lifestyle „Der Mischling an Position eins – das ist ganz klar ein Resultat der gesellschaftlichen Individualisierung“, sagt Ulrich Reinhardt, Professor am Hamburger Institut für Zukunftsfragen. Früher war das anders. „Da hatte man halt einen Dackel, Schäferhund oder Yorkshire Terrier, das war einfach so.“ Doch statt mit einem Rassehund im Mainstream zu schwimmen, ist der moderne Mensch nun stolz darauf, sich von seinem Nachbarn abzuheben. Dazu passt, dass das Angebot an Rassen in den vergangenen Jahren insgesamt stark zugenommen hat. Seine Individualität so demonstrativ zur Schau zu tragen, ist allerdings vor allem Sache der Normalos, ergänzt Volker Alqus. Er lehrt an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Nicht selten seien es heute die Punks, die umgekehrt mit gepflegten Rassehund aufwarten. Im Idealfall sei dem „Gesinnungshund“, wie Albus das nennt, die Lebenseinstellung seines Halter direkt an Form und Fellkleid abzulesen. Wie Markenprodukte werden Hunde heute nämlich auch bewusst dazu eingesetzt, Einstellungen und Selbstbilder zu reflektieren. So wie der Mischling für Toleranz und Weltoffenheit stünde, war der klassische Jagdhund – getragen zu Barbourjacke, Pullunder und Segelschuhen – ein Hinweis auf Klassenbewusstsein und Konservativismus. Zugleich spiegelt sich im neuen Hunderanking das wachsende Bedürfnis der Menschen nach Mobiltät und Flexibilität wieder. Daher sind vor allem die kleinen Hunde nach vorne gerückt. Promis haben die kläffenden Handta-

schen vom Omi-Image befreit und salonfähig gemacht. Und wie sich Taschenhersteller auf die Maximalgrößen der Fluglinien fürs Handgepäck eingerichtet haben, sind heute die Hunde klar im Vorteil, die bei der Lufthansa auf Herrchens oder Frauchens Schoß mitreisen dürfen.

Familienleben Zum einen sind Hunde beliebt, die sich nahtlos in die Familie integrieren lassen. Die gutmütigen Tiere wedeln selbst dann noch begeistert mit dem Schwanz, wenn sie von ihren menschlichen Geschwistern gequetscht oder in Puppenkostüme verpackt werden. Über den drittplatzierten Labrador sagt man zum Beispiel, er verhalte sich selbst im fortgeschrittenen Alter noch wie ein Welpe. Und weil die Herrchen es lieben, ihrem Hund bei jeder Witterung Stöckchen in den See zu werfen, um sich auf diese Weise der Natur näher zu fühlen, hat der Labrador sogar Schwimmhäute zwischen seinen Zehen ausgebildet und sein Fell einem Neoprenanzug anverwandelt. Parallel dazu machen sich in Deutschland zwei Trends bemerkbar, die auch die Hundezucht nicht unberührt lassen konnten: Überalterung und Vereinzelung der Gesellschaft. Die Zahl der Kinderlosen und Single-Haushalte steigt, und in diese Lücke muss nun das Tier springen. Früher half der Hund bei Jagd und Schafszucht, heute spielt er Kind- und Partnerersatz. Das hat sich auf seine Gesichtszüge ausgewirkt: In den Top Ten gibt es auffällig viele Hunde mit großen, hervorstehenden Augen, runden Schädeln und kleinen Stupsnasen. Das entspricht dem klassischen Kindchenschema. Die langen, haarigen Schnauzen von Dackel, Pudel oder Boxer sind out. „Mit einem Schäferhund, der draußen in der Hütte wacht, können Sie nicht schmusen“, sagt Freizeitforscher Reinhardt. Der Mops hingegen bekommt gleich das entsprechende Deckchen und Mützchen verpasst und fühlt sich auch im Bett – nun ja – pudelwohl. Albus weist darauf hin, wie sehr sich auch die Namen der Hunde geändert hätten. „Luise!“ und „Georg!“ statt „Bello!“ und „Wotan!“. 19


Wer heute durch den Park spaziert, hört eher Kinder- als Tiernamen über die Hundewiese schallen. Ob am Arbeitsplatz, beim Behörden-gang oder auf dem Heiratsmarkt, die Welt da draußen steckt voller Demütigungen. Ein anhängliches Hündchen kann da wie Balsam auf die verletzte Herrchenseele wirken. Die modernen Hundecharaktere sind darauf getrimmt, den Menschen in seiner herausgehobenen Position zu bestätigen: bedingungslos liebend, anhänglich, dankbar; so wünschte man sich Partner, Kinder, Mitarbeiter. „Wie andere Liebesobjekte müssen auch Hunde dabei zwei entgegengesetzte Funktionen erfüllen“, glaubt der Wiener Philosoph Robert Pfaller. Entweder sie besäßen eine ideale Eigenschaft, die ihre Besitzer selbst gerne hätten. „Zum Beispiel Schönheit, Drolligkeit, Schnelligkeit, Gefährlichkeit oder Würde.“ Oder sie müssten umgekehrt verkörpern, was ihre Besitzer eigentlich loswerden wollten. „Aggressivität, Bissigsein, Doofsein, Hektik.“

Design Die meisten Hundebesitzer, das fand die Bonner Sozialpsychologin Silke Wechsung heraus, wählen ihren Hund immer noch nach dem Aussehen. Medienberichte, Filme und Promis beeinflussen den Geschmack und kreieren neue Moden. Für die aktuelle Mode gilt: Schlicht ist Trumpf. Schnörkelige Locken wie beim Cocker Spaniel oder dicke Pelzbatzen, die noch Tage später durch die Wohnung wehen, beleidigen das moderne Schönheits- und Hygieneempfinden. Bauhaus, Braun und iPhone geben auch hier den Style vor. Die Linienführung geht weg vom Rechteck – besonders extrem: der Dackel – hin zum Quadrat: siehe Mops. Der kompakte Körper ruht auf kräftigen Beinchen, die zum Schlafen und Hinlegen rasch eingefaltet werden können. „Das Fell ist kurz und glatt. So wie das Handy nur noch wenig nach Telefonhörer aussieht, werde auch der Hund immer unhündischer”, glaubt Designexperte Albus. Auch der Philosoph Pfaller begreift die modernen Hunde vielmehr als „interpassive Medien“. Sie müssten die Laster und heimlichen Genüsse übernehmen, die sich ihre Besitzer selbst nicht mehr gönnten. „Eine Zeit, in der allen Genüssen der Zahn gezogen ist und in der wir Bier ohne Alkohol, Schlagsahne ohne Fett und Sex ohne Körper konsumieren, bringt als entsprechendes Gegenüber, Hunde ohne Würde hervor – und zwar entweder, weil die Besitzer darin ein Ideal erblicken, oder weil sie genau diesen Makel auf diese Weise loswerden wollen.“ Die Wahl nach äußerlichen Kriterien führt mitunter zu bösen Überraschungen, sagt die Psychologin Wechsung. Plötzlich stellt sich das coole Design doch als eigenwilliger Charakter heraus. Den Australian Shepherd etwa, den größten Aufsteiger der vergangenen Jahre, finden viele Menschen witzig, weil er so schön bunt ausschaut. Zudem hat er oft verschiedenfarbige Augen. Doch eigentlich ist er ein Hütehund und lechzt nach einer Aufgabe. „So ein Hund fristet sein Dasein nur ungern als Schoßhund und immobiles Statussymbol.“ Mögliche Folge: der „Problemhund“. Der gehört wohl eigentlich auch in die Top Ten.

20

Wohnen Zuerst ist der gezähmte Wolf, das Arbeitstier, der wachsame Aufpasser, vom Land in die randstädtischen Gärten eingewandert. Dann ist er von der Hütte vorm Haus in die Wohnräume und letztendlich in die Betten von Herrchen und Frauchen geschlüpft. Das heißt zunächst: Die neuen Hunde dürfen weniger bellen, laufen, schmutzen. „So wie heute jeder öffentliche Platz hinsichtlich seiner Materialien und Raumaufteilung wie ein Wohnzimmer gestaltet wird, werden auch Hunde mittlerweile eher als Innenraumwesen wahrgenommen“, sagt der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ulrich. Die modernen Hunde sähen aus wie aus dem Ikea-Katalog. „Kurze Haare, und in einem Beige gehalten, das gut zum Sofa passt.“ Der Trend, zum Cocooning hält an, und der Hund muss mitmachen, „obwohl er Frauchen und Herrchen doch lange Zeit das Hauptargument dafür lieferte, wenigstens ab und zu die Bude zu verlassen und ins Freie zu gehen.“ Der Anteil der Halter, die sich vor allem aus Naturverbundenheit für einen Hund entscheiden, könnte in Zukunft weiter abnehmen, vermutet auch Heimtierexpertin Wechsung. Sie unterscheidet diesen Typus (derzeit: 43 Prozent) vom prestigeorientierten, vermenschlichenden Tierfreund (22 Prozent) und den auf den Hund fixierten, emotional gebundenen Hundebesitzer (35 Prozent).

Zukunft Für die nächsten zehn Jahre ist an deutschen Hundeleinen mit zwei widersprüchlichen Szenarien zu rechnen. Zum einen: weitere Ausdifferenzierung und Individualisierung. Neue, ausgefallene Züchtungen werden das Angebot erweitern. Wollen sie zum Massenerfolg werden, sollten sie möglichst viele der gewünschten Kriterien in sich vereinen. Reinhardt schlägt daher einen etwa schienbeinhohen, charakterlich wie äußerlich pflegeleichten Labrador mit wechselnder Augenfarbe vor, haptisch von einem Kopfkissen kaum zu unterscheiden, bei gleichbleibend hohem Freizeitwert. Als große Herausforderung sieht Ullrich das Problem der Hinterlassenschaften. Dass man in der Stadt ständig mit einem Beutel Hundekot in der Hand herumlaufen müsse, sei seiner Meinung nach das größte Hindernis für eine Anschaffung. Die Zukunft: „Ein Hund, der weniger oder zumindest geruchsarm und trocken verdaut.“ Albus setzt auf das i­ Mops-Design. Er fürchtet jedoch, dem Hund könne hier bald Konkurrenz durch vollelektronische Varianten erwachsen. Reinhardt weist noch darauf hin, dass sein Mini-Labrador eine maximale Lebenserwartung von sieben bis acht Jahren aufweisen sollte. Das klingt makaber. Aber so ein bis zu 15-jähriges Hundeleben passe einfach nicht mehr in die Lebensplanung des modernen Menschen. Und das zweite Szenario? Es kommt – wie in Popmusik und Mode üblich – zu einem Revival. Plötzlich erinnert sich die ausgewachsene Generation wehmütig an die Straßenzüge ihrer Kindheit. Und die „Generation Cocker Spaniel“ besinnt sich der guten, alten Rassen.


21


Zahlen, Date

22

Jack Russell

Mischling

Labrador

Herkunft: Großbritannien 18. Jahrhundert Gewicht: 5 bis 6 kg Charakter: energiegeladen, nicht so gut mit Kindern Unveränderliche Eigenschaften: mandelförmige Augen, struppig Bekannte Halter: Sarah Jessica Parker, Prinz Charles Besonderheiten: können bis zu 20 Jahre alt werden

Herkunft: Zufallsprodukt Gewicht: individuell Charakter: eher ausgeglichen Unveränderliche Eigenschaften: keine Bekannte Halter: Guido Westerwelle, Berti Vogts Besonderheiten: als Welpe ein Überraschungsei, ausgewachsen ein Individualist

Herkunft: Kanada, 19. Jahrhundert Gewicht: 35 bis 38 kg Charakter: kinderlieb, welpenhaft, loyal, gutmütig Unveränderliche Eigenschaften: Otterrute, Schwimmhäute Bekannte Halter: Bill Clinton, Wladimir Putin Besonderheiten: gilt als extrem verfressen

Cocker Spaniel

Pudel

Herkunft: Großbritannien Ende 19. Jahrhundert Gewicht: 12 bis 16 kg Charakter: fröhlich, agil, familien­ freundlich, harmoniebedürftig Unveränderliche Eigenschaften: lange Ohren, trauriger Blick Bekannte Halter: Kate und Prinz William, Paulo Rink Besonderheiten: der „Stöberhund“ im Zweiten Weltkrieg

Herkunft: Frankreich, Ungarn 19. Jahrhundert Gewicht: 3 bis 32 kg Charakter: stolz, sensibel, sehr gelehrig Unveränderliche Eigenschaften: wolliges Fell, aber keine Unterwolle Bekannte Halter: Thomas Mann, Winston Churchill Besonderheiten: haaren nicht, müssen aber zum Friseur und brauchen einen Haartrockner

Bulldogge, französisch Herkunft: Frankreich 19. Jahrhundert Gewicht: 9 bis 13 kg Charakter: ruhig, anpassungsfähig, sehr anhänglich Unveränderliche Eigenschaften: Fledermausohren, Stupsnase Bekannte Halter: Toulouse-Lautrec, König Edward VII., Bärbel Schäfer Besonderheiten: Lieblingshund französischer Edelprostituierter


en, Fakten

rund um den Hund

Die beliebtesten Rassen in Deutschland im Jahre 2010 nach Anzahl der gezüchteten Welpen: Deutscher Schäferhund 14.500 Dackel 6.440 Deutscher Drahthaar 3.100 Labrador Retriever 2.740 Golden Retriever 2.420 Pudel 2.420 Deutscher Boxer 1.780 Rottweiler 1.590 Deutsche Dogge 1.500

Golden Retriever

Mops

Herkunft: Großbritannien, 19. Jahrhundert Gewicht: 25 bis 30 kg Charakter: fröhlich, charmant, ordnet sich unter Unveränderliche Eigenschaften: gelbfarbenes, schmutzabweisendes Fell Bekannte Halter: Oprah Winfrey, Pamela Anderson Besonderheiten: wäre selbst zu Einbrechern freundlich

Herkunft: Großbritannien, China Gewicht: 6 bis 9 kg Charakter: sehr anhänglich Unveränderliche Eigenschaften: Knopfohr, leichter Vorbiss Bekannte Halter: chinesische Chang-­ Dynastie, Marie Antoinette Besonderheiten: populär u.a. durch „Men in Black“

Deutsche Dogge

Chihuahua

Schäferhund

Herkunft: Deutschland Gewicht: 45 bis 60 kg Charakter: Familienhund, pflegeleicht, treu, ein großes Herz Unveränderliche Eigenschaften: einer der größten Hunde überhaupt Bekannte Halter: Otto von Bismarck, Esther Schweins Besonderheiten: nach 1878 auch „Reichshunde“ genannt

Herkunft: Mexico, 19. Jahrhundert Gewicht: 1 bis 3 kg Charakter: eigensinnig, eifersüchtig, bellfreudig Unveränderliche Eigenschaften: Apfelkopf, riesige Augen Bekannte Halter: Paris Hilton, Mickey Rourke Besonderheiten: greifen auch mal doppelt so große Hunde an

Herkunft: Deutschland, 1899 Gewicht: 25 bis 40 kg Charakter: wachsam, selbstsicher, ausgeglichen Unveränderliche Eigenschaften: noch gewisse Wolfsähnlichkeit Bekannte Halter: der deutsche Wach- und Grenzschutz Besonderheiten: immer noch der Klassiker unter den Spür- und Schutzhunden 23


24


Mein Hundeleben Was die aktuellen Hundemoden über unsere Gesellschaft verraten

um mich, und man ließ mir einiges durchgehen. Sobald ich aus dem Haus durfte, ging ich stiften und kam erst wieder, wenn es mir passte. So verging das erste Jahr. Der Alte ließ mich weitgehend in Ruhe, weil man ihm gesagt hatte, meine »Flegelphase« würde sich nicht allzu lange hinziehen. Ich genoss diese Zeit als Wesen, das Die Schlenzens, zwei Erwachsene, zwei Kinder, überim Rousseauschen Sinne unverbildet zufrieden vor sich schlugen sich fast vor Entsetzen. „Das arme Tier, gleich hinlebte. Das ging so, am ersten Tag überfalbis ich die alte Dame len. Wenn das man kein vom Fahrrad holte. Angstbeißer wird“, rief Zum Glück hatte sie sich Natürlich hatte man Kester, der Alte. Mir nichts getan, doch es gab ein mir des öfteren gesagt, war gleich klar, dass großes Geschrei. dass ich niemanden zur dieser Mann ein ganz Begrüßung anspringen schiefer Reifen war. soll. Aber wer hört Einer von der Sorte, die schon auf das Gesabbel seiner Menschen, wenn er jung Hunden nie über den Weg trauen und ständig an »das ist? Ich fegte die Rentnerin also sauber vom Hollandrad, Raubtier in uns« denken. Gesa, die Frau, war dagegen und sie schlug lang hin. Zum Glück hatte sie sich nichts recht ausgeglichen. Sie gab mir nach einiger Zeit sogar getan, doch es gab ein großes Geschrei. Man band mich Pansen zu fressen. Superleckeres Zeug, vor dem sich einen Tag fest, und ich sah dem Alten an, dass nun eine der Alte aus unerfindlichen Gründen ungeheuer ekelte. Wende bevorstand. „Ich werde diesen Hund erziehen“, Nach einer Woche warf mich Hannes, das kleinste presste er heraus. Er las irgendein faschistoides Buch menschliche Jungtier, aus dem Küchenfenster. Angebund faselte fortan nur Zeugs wie „kompromisslose lich, weil er gehört hatte, dass Hunde immer auf den Härte“, „den Willen brechen“ oder „zeigen, wo ihr Platz Füßen landen. Ich hab mir nicht groß weh getan, aber im Rudel ist“. Es drohte echter Streit. Muff Potter, ein trotzdem höllisch rumgejammert. Herrlich, wie man flotter Rüde von nebenan, riet mir, mich frühzeitig zu sich anschließend überschlug vor Mitleid. Und der fügen. All das Rumgeschreie, Leinengezerre und Gekleine Arsch Hannes bekam sogar einen Klaps auf denwürge mit dem Halsband sei nur lästig, und man könne selben. Danach ging es erst mal. Man streichelte mich ja doch nichts machen. Also unterwarf ich mich. Aber ausgiebig, und ich bekam genug Bewegung. Eine gewisdas eine sage ich Ihnen. Wenn Sie mich irgenwo „Sitz“, se Verstimmung war allerdings immer bei den beiden „Platz“ oder „Hol das Stöckchen“ machen sehe und ich Alten feststellbar, wenn ich mich erleichterte. Dann dabei auch noch freundlich mit dem Schwanz wedele schrien sie „Pfui“ und drohten mir mit einer zusam– dann lassen Sie sich nicht täuschen. Ich tue das nur, mengerollten Zeitung. Irgendwann tat ich ihnen den Gefallen und entleerte mich im Freien. Herrje, was kön- damit der alte Idiot mich in Ruhe lässt und glaubt, dass er die volle Autorität hat. Aber noch ist das letzte Wort nen einem Menschen für Kleinigkeiten dankbar sein. nicht gesprochen. Es lebe die Revolution! Henri, das größere Jungtier, kümmerte sich rührend Es ging nicht gut los. Schon an meinem ersten Tag bei Familie Schlenz wurde ich von Wespen gestochen. Niemand hatte mir gesagt, dass Erdlöcher, in denen es brummt, besser in Ruhe gelassen werden sollten.

25


Liebe Luzie, lieber Paul… Können Hunde lieben? Lachen? Glücklich sein? Schreiben jedenfalls können sie 18.April

1. Mai

Sehr verehrte Luzie, seit mir meine Frau Deinen Artikel vorgelesen hat, will ich Dir schreiben. Schreiben kann ich nämlich, das habe ich von meiner Frau abgeguckt, die oft an der Maschine sitzt und sehr langsam schreibt, so dass man mitkommt. Nur lesen kann ich leider nicht. Ich werde im Juni sieben Jahre alt. Mein Name ist Paul. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Hund, mein Vater war ein Mittelschnauzer, meine Mutter teils Spaniel teils Dackel, meine Großmutter war ein Jagdhundmischling, meine Urgroßmutter ein schwarzer Zottelhund. Mein Vater gehörte dem Gastwirt im Ort, und er hat alle Gäste gebissen, eigentlich eher nur gezwickt. Ich zwicke auch fast alle Leute, am liebsten den Briefträger und den Mann von der Paketpost. Der bringt mir jetzt immer einen Keks mit, aber käuflich bin ich nicht. Ich zwicke ihn erst und fresse den Keks dann. Dies alles schreibe ich Dir, damit Du weißt, wer ich bin. Ich glaube, ich bin verliebt in Dich. Vielleicht, weil ich alle Hundedamen liebe, die Luzie heißen. Eine wohnt schräg vis-à-vis, sie hat ganz zarte Pfoten. Sie kann auch gut küssen. Aber sie ist sehr schmallippig, ich mag eigentlich lieber volle Lippen. Ich habe etwas kurze Beine, aber ich bin sehr schnell. Am liebsten gehe ich auf die Jagd nach Wühlmäusen, aber dann werde ich immer ausgeschimpft. Nicht wegen der Mäuse, sondern weil man sich beim Graben natürlich ein bisschen schmutzig macht.

Lieber Paul, der Alte hat mir Deinen Brief vorgelesen. Ich war hin und weg. Ich will Dich auch kennenlernen. Unbedingt! Hier auf dem Land ist nämlich nix los. Muff Potter ist seit seiner Kastration ein eher schlapper Gesell geworden. Die Katzen vom Bauern in der Straße kriege ich nicht. Und die Jungs vom Alten überschlagen sich auch nicht gerade, wenn es darum geht, mit mir Tolles zu unternehmen. Ich meine, Wühlmäuse ausgraben (ich darf das!!!) und totbeißen, schlammbaden und solche Sachen. Deine Abneigung gegen die mit der keifenden Stimme kann ich verstehen. Ich bin ja selbst eine Hündin, aber ich mag eigentlich kaum eine. Besonders nicht diese aufgerüschten Reinrassigen mit rosa Hintern und Föhnwelle. Bäh! Ich mag‘s natürlich und ein bisschen schmuddelig. Und, Paul ich ahne, dass Du auch auf schmutzige Sachen stehst, wenn Du verstehst, was ich meine...

Ich finde, dass viel zu viel Rücksicht auf Menschen genommen wird und viel zuwenig auf Hunde. Deshalb hat mich Dein Bericht auch so begeistert. Du bist eine unabhängige Frau mit eigenen Interessen, habe ich daraus entnommen. Leider wohnst Du sehr weit weg, aber vielleicht kannst Du mir mal schreiben? Ich habe Dir ja gesagt, dass ich kastriert bin. Seither darf ich viele Freundinnen haben. Aber hier in meiner Gegend wohnen gar nicht so viele, und schließlich passt man ja auch nicht zu jeder. Ich kenne zum Beispiel eine Hündin, die ich hasse. Sie hat eine furchtbar hohe, keifende Stimme, dass einem die Ohren weh tun. Meine liebe Luzie, falls Du nicht schreiben kannst, hast Du wenigstens ein Handy? Ich möchte gern mit Dir in näheren Kontakt treten. Dies wünscht sich Dein Paul

26

Sag Deiner Frau, dass sie sich mal um eine Begegnung kümmern möge. Das wär doch was – wir beide allein auf einer großen Wiese im Spätsommer. Ein bisschen Aas zum Wälzen, ‘ne Runde Pansen... Deine Luzie

13. Mai Liebe Luzie, Dein Brief hat mich sehr erfreut. Und Dein Foto habe ich übrigens über meinem Futternapf an die Wand genagelt. Ich finde Dich hübsch, und mehr als das, ich finde, Du siehst klug aus. Ich lege Dir auch ein Foto bei, aber ich bin darauf nicht sehr rasant getroffen. Mein Profil kommt nicht zur Geltung. Du bist ein Labrador, oder? Ich bin ein 0-Mei. Als meine Frau meine erste Besitzerin, die mich im Isar-Loisach-Boten am Telefon fragte, um welche Rasse es sich bei mir handle, sagte die:“O mei, da ist alles drin.“ Schreib mir wieder! Dein Paul


2. Juli

4. August

Liebe Luzie, ich habe es mir gleich gedacht, dass Du nicht mehr schreibst, wenn Du mein Foto gesehen hast. Ich bin eben kein Rassehund, aber die Weiber wollen Verehrer mit edler Abstammung. So einen wie der in meiner Straße, das ist ein Saluki, ein Ägyptischer Windhund. So edel, dass man nicht mit ihm spielen darf, weil vielleicht seine langen dünnen Beine abbrechen. Einmal in der Woche geht sein Herr mit ihm zur Hunderennbahn, dort muss er dann eine Stunde rennen, damit er nicht zu dick wird. Er kann von 0 auf 70 in zweieinhalb Minuten beschleunigen, sagt sein Herr. Es nutzt ihm nur nichts, weil so viel Platz gibt es bei uns nicht. Wenn er auf 70 ist, hängt er im nächsten Gartenzaun. Ich glaube, wenn die edlen Hunde allein auf der Welt stünden, weil ihre Familie vielleicht ausstirbt, dann wären sie stark unterlegen. Wir Prolos brächten uns schon durch, notfalls schmeißen wir halt die Mülltonnen um. Dazu sind die Reinrassigen zu vornehm. Liebe Luzie, vielleicht denkst Du wenigstens mal an mich. So ein Briefwechsel bedeutet mir echt viel, weil ich da mal was loswerden kann. Und es gibt intelligenzmäßig nicht viele Partner, die sich zum Ansprechen eignen. Es grüßt Dich Dein Paul

Liebe Luzie, heute muss ich Dir auch mal mein Herz ausschütten. Stell Dir vor, mittags habe ich ein Fressen bekommen, das nicht schlecht geschmeckt hat. Aber es war ein Seniorentopf für Hunde über sieben Jahre, wie mir meine Frau erklärte. Ich bin in Sekunden um Jahre gealtert. Kannst Du das verstehen? Seniorentöpfchen! Ein Wort, das einen fertig machen kann.

15. Juli

Mein Paul, mach Dir keine Sorgen wegen des Seniorentellers. Klar hat Dich das getroffen. Aber hör mir zu, kleiner Freund. Du bist keinesfalls seniorenmäßig drauf. Das weiss ich doch. Du musst lernen, Dir nicht immer alles zu Herzen zu nehmen. Allein Dein ewiger Mischlingskomplex. Hey, Mann – wir leben in einer bunten Welt. Guck Dir doch das Showbusiness an – alles voller toller hübscher Mischlinge. Und, Paul, dass Du klein bist, ist doch kein Thema. Size doesn‘t matter! Noch eines, mein kleiner Freund. Ich war enttäuscht, dass Du gar nicht auf mein traumatisches Erlebnis mit der Katze eingegangen bist. Willst Du mich so nicht sehen? Angsterfüllt? Mit Schwächen? Paul – sag die Wahrheit!!!!

Oh, Paul, mein Paul, verzeih mir. Ich habe mich so geschämt, nachdem ich Deinen Brief gelesen habe. Es ist unverzeihlich, dass ich nicht längst geschrieben habe. Aber bei uns hier war der Teufel los. Der Alte hat einen Teich gebaut und das halbe Grundstück verwüstet. Wie kannst Du nur denken, ich würde mir nach dem Foto keinen Kontakt mehr wünschen? Allein Deine Augen - diese unergründlichen Knöpfchen von der Farbe dunkler kanadischer Bergseen. Auch Deine Schnauze gefällt mir. Bestimmt hast Du immer ein extra feuchtes Näschen. Und dann der kleine Stoffhase neben dir... Nein Paul, ich möchte weiter mit Dir korrespondieren. Vielleicht wird ja auch mal mehr draus. Aber ich mag diese langsame Annäherung mit Briefen. Und dass Du kein Rassehund bist, weiss ich doch. Du kleiner, kompakter Kerl. Aber jetzt muss ich Dir noch was erzählen, was mich sehr beschäftigt. Neulich war ich mit meiner Familie auf einem Sportfest. Ja, und am Rande einer Wiese hockte der wohl größte Kater, den ich in meinem Leben gesehen habe. Ich bin sofort hingerannt, um ihn zu erschrecken. Und Paul, weißt Du, was passiert ist? Das Vieh stellt alle Haare hoch, fährt diese fiesen Krallen aus und geht ohne Zögern auf mich los. Und – zack – hab ich einen auf die Schnauze gekriegt. Ich hab mich tierisch erschrocken. Du weißt ja, wie weh es an der Nase tut. Ich saß da und dachte: „Hey, Luzie, alte Hütte, hier läuft irgendetwas total falsch!“ Ich habe dann den strategischen Rückzug angetreten. Und stell Dir vor, der Kater verfolgt mich! Ich, Luzie, Herrin über meine Straße und der Schrecken aller Katzen, musste stiften gehen, weil mich ein Kater-Mutant verfolgte. Das Schlimmste war, dass die Menschen gelacht haben, Paul. Seit dieser Sache fühle ich mich ein wenig komisch. Ich schlafe schlecht und bin manchmal grundlos traurig. Und, Paul, wenn ich Katzen sehe, fange ich an zu zittern. Was ist bloß los mit mir? Hast Du einen Rat für Deine Freundin? Schreib mir, kleiner Freund, Deine Luzie

Ach, Luzie. Vielleicht ginge es mir momentan besser, wenn nicht auch noch gerade so ein langweiliger Sonntag wäre. Hier passiert rein gar nichts. Ich wäre froh, wenn meine Frau auch mal den Garten umgraben würde für einen Teich. Darfst Du in Eurem Teich schwimmen? Und Goldfische fangen? Ach, Luzie, warum nur bist Du so weit weg. Immer diese platonischen Briefe. Ich denke oft an Dich und wünsche Dir, dass es Dir besser geht. Dein Dich liebender Freund Paul

8. August

Ein Kuss und ein kleiner zärtlicher Biss von Deiner Luzie

13. August Liebe Luzie, ich habe eine Idee: Nimm doch einfach das Halsband mit der Hundemarke und der Telefonnummer ab und mach Dich auf den Weg zu mir! Nahrungsquellen findest Du unterwegs bestimmt, Du musst nur aufpassen, dass Du nicht im Dreck wälzt und ungepflegt aussiehst. Sonst fangen sie Dich und stecken Dich in eine Tierversuchsanstalt. Meine Frau sagt, dass dort viele streunende Hunde verschwinden. Aber Du streunst ja nicht, Du bist ja auf den Weg zu mir. Nur Mut! Dein Paul

27


2014 Marius M端ller www.mllr.org


Der Landhund