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Der durch den raschen Wandel im Wirtschaftsleben ausgelöste Anpassungszwang lässt nur allzu oft jene Vorgänge und Personen vergessen, welche die bisherige Entwicklung massgebend geprägt haben. In Anbetracht der umfassenden Überarbeitung des Schweizer Kontenrahmens KMU ist es daher sinnvoll, diese einer vertieften Besprechung unter Berücksichtigung der Entstehung der geltenden Regelung sowie der neueren theoretischen Erkenntnisse und der Praxiserfahrungen zu beurteilen. Primäres Ziel des Rechnungswesens einer Unternehmung ist die Selbstinformation des Unternehmers und damit verbunden die Rechenschaftsablage gegenüber Dritten, weshalb den Kaufleuten nach früheren Vorläufern – wie die Ordonnance de Commerce 1673 – im 19. Jahrhundert gesetzlich die Pflicht zur Führung von Geschäftsbüchern auferlegt worden ist. Konkrete Anforderungen an die Ordnungsmässigkeit der laufenden Buchführung fehlten sowohl auf Gesetzes- wie Verordnungsstufe. Die GeBüV begnügte sich mit dem Verweis auf die «allgemein anerkannten kaufmännischen Grundsätze» und die «allgemein anerkannten Regelwerke und Fachempfehlungen».

Mit dem neuen Rechnungslegungsrecht (nRLR) werden die von der Lehre entwickelten Grundsätze zur ordnungsmässigen Buchführung erstmals zu Rechtsnormen. Die wahrheitsgetreue und systematische Erfassung der Geschäftsvorfälle und Sachverhalte (revOR 957a II, Ziff. 1) erfordert sachlogisch gruppierte Konten mit eindeutiger Bezeichnung des Konteninhaltes und setzt daher – wie auch in der Botschaft 2007 (S. 1698) festgehalten – einen Kontenplan voraus. Ausländische Vorläufer und Vorbilder Bereits 1927 hat Eugen Schmalenbach mit seinem Kontenrahmen ein Grundschema geschaffen, aus dem das einzelne Unternehmen einen auf seine Bedürfnisse ausgerichteten Kontenplan ableiten konnte. Seine auf klaren theoretischen Grundlagen aufbauenden Veröffentli-

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chungen prägten die weitere Entwicklung des Kontenrahmens nachhaltig. Dem amtlichen deutschen Pflicht- oder Erlasskontenrahmen 1936 im Dienst der staatlichen Wirtschaftslenkung folgte 1947 mit empfehlendem Charakter der Gemeinschaftskontenrahmen (GKR) sowie die 1970 und 1986 erlassenen Industriekontenrahmen (IKR). 1987 wurde von der Datenverarbeitungsorganisation der steuerberatenden Berufe (DATEV) ein Standard-Kontenrahmen (SKR) entwickelt, wobei SKR 03 nach dem Prozessgliederungsprinzip, SKR 4 nach dem Abschlussgliederungsprinzip aufgebaut worden sind. Die sehr umfangreichen DATEV-Kontenrahmen werden jährlich angepasst und haben wegen ihrer nach Rechtsform und Wirtschaftszweigen verfügbaren Varianten eine grosse Verbreitung gefunden. In der Schweiz ergab sich – wie üblich mit zeitlicher Verzögerung auf die Entwicklung im Ausland – wegen dem im Gewerbe wachsenden Bedürfnis nach Vereinheitlichung der Kalkulationsverfahren die Notwendigkeit zur Harmonisierung der buchhalterischen Grundlagen. Diesem Ziel diente der von Karl Käfer 1947 im Auftrag des Schweizerischen Gewerbeverbandes ausgearbeitete «Kontenrahmen für Gewerbebetriebe». Die Praxisnähe hat die rasche Verbreitung über die ursprünglichen gewerblichen Anwenderkreise hinaus wesentlich erleichtert. Der «Käfer-Kontenrahmen» fand rund 50 Jahre lang in 10 Auflagen mit nur bescheidenen Änderungen Verwendung. Rechnungslegungsrechtliche Vorgaben In den 1990er Jahren veränderte sich das rechtliche und wirtschaftliche Umfeld der Rechnungslegung markant. Die Rechnungslegungsvorschriften des Aktienrechts 1991 erforderten eine Überarbeitung. Im formellen und inhaltlichen Aufbau waren keine grundlegenden Änderungen erforderlich, zumal in OR 662 ff. wesentliche Elemente des «Käfer-Kontenrahmens» (z.B. betriebswirtschaftliche Terminologie und Erfolgsspaltung) übernommen worden sind. Der Kontenrahmen KMU 1996 zeichnete sich vor allem rechnungswesen & controlling

Rechnungslegung

Der neue Kontenrahmen KMU

Dr. oec. Max Boemle ist em. Professor an der Universität Freiburg und Honorarprofessor an der Ecole des HEC der Universität Lausanne.

durch die Neugestaltung der Erfolgsrechnung zur Verbesserung der Transparenz des Jahresabschlusses aus. Es war bereits in jenen Jahren erkennbar, dass die revidierten Vorschriften über die Jahresrechnung (aOR 662 ff.) sowie auch die damaligen Rechnungslegungsstandards FER nicht mehr dem Stand der Theorie und den Informationsbedürfnissen der Finanzmärkte entsprachen. Ein erster Anlauf, die schweizerische Gesetzgebung zu modernisieren (Entwurf 1998 BG über die Rechnungslegung und Revision) scheiterte wegen der vorgeschlagenen strengen Anforderungen (Fair Presentation als Generalnorm). Das im Vorentwurf (VE) 2005 zur Revision des Obligationenrechts vorgeschlagene Verbot der gewillkürten Reserven sowie die steuerrechtlichen Aspekte von VE OR 960 f. stiessen in der Vernehmlassung auf harte Ablehnung. Das Rechnungslegungsrecht (RLR 2012) orientiert sich deshalb entsprechend den Forderungen der Wirtschaft zum VE 2005 ausgeprägt nach steuerlichen Überlegungen und wurde vom Steuerfachmann (Prof. Waldburger) als Tax Driven Accounting qualifiziert. Das hehre Ziel gemäss revOR 958b, die Bildung eines zuverlässigen Urteils von Dritten, wird in zahlreichen Einzelvorschriften, nicht zuletzt wegen der im Rahmen der parlamentarischen Beratung entstandenen Widersprüche

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Rechnungswesen & Controlling 03/13  

Fachzeitschrift des grössten Schweizer Verbandes in Rechnungslegung und Controlling veb.ch

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