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DER PLASTISCHE ENTWURF Patrick Gartmann


Die idee

«Ein Haus aus einer Schicht, gegossen aus Beton, frei formbar, massiv und homogen...»

POTENZIAL

«Die gesamte Gebäudehülle kann aus einer Schicht hergestellt werden...»

PILOTPROJEKT

«Die Theorie am Objekt. Haus Gartmann als eins zu eins Experiment...»

DAS MATERIAL

BIOGRAFIE

«Die Idee, Kies Patrick durch Blähton und Gartmann Sand durch Blähglas zu ersetzen...»


«Ein Haus aus einer Schicht, gegossen aus Beton, frei formbar, massiv und homogen...»

Das Bestreben, die Bildhaftigkeit der mehrschichtig, monolithisch erscheinenden Betonbauten zu verlassen. Aus dieser Wunschvorstellung, das Resultat einer jahrelangen, theoretisch-geistigen Auseinandersetzung mit einschichtiger Konstruktion, entstand die Idee, einen Wärmedämm-Beton zu entwickeln. Damit entsteht das Dach wie auch die Wände aus demselben Material, das trägt, klimaregulierend wirkt und wärmedämmt. Diese homogene, leichte und poröse Materialmatrix lässt sich in sämtliche Formen giessen und ermöglicht Durchdringungen, Verschränkungen sowie Faltungen ohne seinen plastischen Charakter zu verlieren. Dadurch entsteht ein Dialog zwischen ruhender Masse und umspülendem Raum. Die Grösse und Lage der Öffnungen bestimmt, ob ein Körper als Ganzes wahrnehmbar bleibt oder in Einzelteile zerfällt. Grobe Formungen oder präzise Schnittsetzungen variieren die Plastizität und präzisieren den körperhaften Ausdruck. Plastische Architektur wird trotz Wärmedämmvorschriften wieder möglich.


«Die gesamte Gebäudehülle kann aus einer Schicht hergestellt werden..»

Hinter dieser Aussage verbirgt sich ein enormes architektonisches und bautechnisches Potential. Die heute übliche Wandkonstruktion ist ein komplexes hochentwickeltes mehrschichtiges Gefüge, dessen Aufbau von spezialisierten Fachplanern festgelegt wird. Ein herkömmliches 2-Schalen-Mauerwerk besteht aus 12 dünnen, aneinadergesetzten, monofunktionalen Schichten, die von vier verschiedenen Berufsgattungen ausgeführt werden. Dies verlängert die Bauzeit und kann sich in den Baukosten niederschlagen. Bei Betonbauten führt die Mehrschichtigkeit zu komplizierten Details und bauphysikalischen Einschränkungen, um die Sichtbarmachung der Konstruktion zu ermöglichen. Dämmbeton macht das Anliegen nach sichtbaren Materialoberflächen und Konstruktionen, sowie einem plastischen Erscheinungsbild wieder sinnfällig. Bauen mit diesem Material heisst Bauen mit einer homogenen, dicken Schicht. Die Dicke wird in Abhängigkeit an die gestalterischen, statischen und bauphysikalischen Anforderungen bestimmt. Die technische Planung wird vereinfacht, da bereits nach dem Ausschalen des Rohbaus das ausbaufähige Gebäude steht.


«Die Theorie am Objekt. Haus Gartmann als eins zu eins Experiment...»

Das Haus Gartmann steht am Fusse des Montalins, an der Peripherie oberhalb von Chur. Ein Experiment, das mit dem Grundsatz der Einschichtigkeit erbaut wurde und hinsichtlich der gewählten Baustoffe neue Wege beschreitet. Sämtliche Materialien sind massiv und aus einer Schicht, wie die gesamte Gebäudehülle aus Dämmbeton, sämtliche Schreinerarbeiten aus massivem Nussbaumholz und alle Fensterrahmen aus massivem Lärchenholz.


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Der Quartierplan

Im Jahre 2001 erstellten die Architekten Bearth+Deplazes im Auftrag der Stadt Chur den ersten Teil für den Quartierplan «Unteres Böschengut». Der Quartierplan umfasst eine anrechenbare Landfläche von 4‘965 m2 mit einer Ausnützungsziffer von 0.4, die auf sieben Parzellen mit einer Bruttogeschossfläche von 229-318m2 aufgeteilt wurde. Innerhalb des Quartierplans sind die Gestaltung, die Materialwahl und die Farbgebung der Neubauten aufeinander abzustimmen. Die Bauten sind

mural und in heller Farbe auszuführen. Der Gestaltungsplan legt Baufenster der Hauptgebäude und Nebenbauten fest. Es sind nur Flachdächer zulässig.


Bewegung

Wer sich dem Haus von der erschliessenden Böschenstrasse her nähert, nimmt dieses zunächst als einstöckigen Bau wahr. Von der Strasse über den Hof her kommend, ermöglichen zwei grosse Fenster auf jeder Seite des Baukörpers den Blick quer durch das Obergeschoss auf die Silhouette der Churer Neustadt, die beim Gang zur Haustüre wie ein Film vorbeizieht. Erst beim Passieren der Haustüre realisiert man, dass das Haus drei Geschosse aufweist. Im Eingangsgeschoss sind ein grosser Wohnraum mit einer wandfüllenden Fensterfront sowie das

Schlaf- und Badezimmer untergebracht. Beim Gang vom Wohn- ins Schlafzimmer ändert sich dabei die Aussicht. Lenkt die abgewinkelte Wand den Blick im Wohnraum in die Weite des Bündner-Oberlandes, so sind durch das Schlafzimmerfenster nur die Berge zu sehen. Das Spiel mit der Bewegung und den Aussichten setzt sich auch im Zwischengeschoss und Gartengeschoss fort, wo sich die Stadt ausblendet, wenn man sich an den Tisch setzt. Dafür öffnet sich der Blick auf einen grosszügigen Garten, der terassenartig genau

über der Achse des Churer Rheintals thront. Keine Bauten und keine Zeichen der Zivilisation sind sichtbar. Einerseits die Urbanität, andererseits die Natur pur.


BEWEGUNG

das experiment


Licht und Schatten

Die ständig wechselnden Licht und Wetterverhältnisse verändern permanent die Wahrnehmung des ­Gebäudes. Nur durch das einfallende Licht wird die geschalte Betonoberfläche, innen und aussen dieselbe, manipuliert und lässt den Betrachter die Homogenität des Materials erkennen. Grenzen zwischen innen und aussen werden aufgehoben, Reflektionen und Spiegelungen bespielen die Räume mal in warmen Tönen, gleissendem Sonnenlicht oder diversen Grauschattierungen. Die rohe Oberfläche lebt, wirkt

einerseits bei Streiflicht weich und textil, anderseits bei direktem Licht karg und abstrakt.


«Die Idee, Kies durch Blähton und Sand durch Blähglas zu ersetzen...»

Die Idee, Kies durch Blähton und Sand durch Blähglas zu ersetzen stiess bei der Firma Liapor auf Interesse. Gemeinsam wurde der Beton entwickelt, der die klimaregulierenden Eigenschaften des Blähton nutzt, trägt und wärmedämmt. Es entsteht ein zementgebundenes, kristallines Ton-Glasgemisch, welches sich als homogene, leichte und poröse Masse zeigt. Versuche und Muster zeigen, dass auch eingefärbte Dämmbetonmischungen hergestellt werden können, ohne die Eigenschaften zu beeinträchtigen.


Technische Angaben zum Material

Der Energienachweis wurde über die gesamte Gebäudehülle (gutes Verhältnis Volumen zu Oberfläche) erreicht. Die Trägheit der Masse (alles Beton) zur Wärmespeicherung wurde vernachlässigt. Abmessungen Aussenwände Wärmedämmbeton 45cm Innenwände Beton 20cm Zwischendecken Beton 22cm/30cm Dach Wärmedämmbeton 60-65 cm k-Werte Aussenwand 45cm einschichtig ca. 0.53 Dach 60-65 cm einschichtig ca. 0.36

W/m2K W/m2K

Vorteile Blähtonbeton Die Zuschlagstoffe werden nicht mechanisch in Kornkomponenten zerbrochen / Alle Zuschlagstoffe sind rund und nicht gebrochen (bessere Fliesseigenschaften und Verarbeitung) / Liaver-Korn maximal Durchmesser 2mm (weniger Probleme mit Alkali-Silikat-Reaktion)

Liapor-Betonmischung: Zuschlag Liaver 1 – 2 mm (Blähglas, kleine Durchmesser reduzieren die Gefahr der Alkali-Silikat-Reaktion) Zuschlag Liapor 4 – 8 mm (Blähton, besitzt positive klimaregulierende Eigenschaften) CEM I 42.5 Bindemittel Flugasche, Zusatzmittel (für eine gleichmässige Materialmatrix und gute Verarbeitungseigenschaften) Gefügedichter Leichtbeton Rohdichte 28 Tage 1‘050 – 1‘110 Druckfestigkeit 28 Tage 10.5 – 12.3 E-Modul 5.0 Lamda– Wert 0.3 ± 0.02 Frostverhalten 28 Tage (EMPA) [N50] ≥120 –> Unterstützung Betonrezeptur Herr Meyer, Firma Liapor, Olten Herr Capatt, Calanda Beton AG, Chur

kg/m3 N/mm2 kN/mm2 W/mK hoch


Patrick Gartmann

1968 1994 1998 1998 1998 2001 2002

geboren in Chur Bauingenieur-Diplom Architektur-Diplom Assistent bei Valerio Olgiati, ETH Zürich gemeinsames Ingenieurbüro mit Jürg Conzett und Gianfranco Bronzini Dozent für Informatik, HTW Chur Dozent für Grundlagen der Konstruktion, HTW Chur

1995 1996 1997 1998 1999 1999 2000 2001 2002 2003 2004

Wichtigste Bauten und Projekte Tribüne Sportzentrum Davos mit Gigon&Guyer Überführung Glätti Sufers, Länge 44 m Haus Frommelt Triesen mit Bearth&Deplazes Stellwerk Vorbahnhof Zürich mit Gigon&Guyer Klangkörper Schweiz mit Peter Zumthor Das gelbe Haus Flims mit Valerio Olgiati Hohe Brücke Vals Forum Agricole Expo 02 mit Graber&Pulver Bahnhofshalle Worb mit Smarch Haus Krippl&Nigg Wollerau mit Valerio Olgiati Passerelle Bahnhof Bern mit Smarch


IDEE/REALISATION Patrick Gartmann Bauherr, Ingenieur, Architekt

DOKUMENTATION Zusammenarbeit Patrick Gartmann und Muriel Stillhard

BILDER

Tamara Defilla, 1972 Fotografin lebt in Chur

BuchGESTALTUNG Muriel Stillhard, 1979 eigenes B端ro f端r visuelle Gestaltung miux.ch lebt in Chur

BUCHBINDEREI

Werner Surbeck Buchbinderei, Chur


Der plastische Entwurf