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Ausgabe 30, Februar 2013

Neues aus Berlin Mitte

lights on! deutsch + English

Interview mit Jeanette Hain Web-serienwas guckst du? IMproTheater fĂźr sozialphobiker Mittes Monatsheft!


New

mongrels

Arriva

spring / summer 2013

shop I tieckstraĂ&#x;e 29 I 10115 berlin I mongrelsincommon.com I

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Editorial  3

Mitte ins herz Manche werden davon angezogen wie die Motten vom Licht, andere meiden es wie der Teufel das Weihwasser: Die Rede ist vom Rampenlicht, das in diesem Monat bei der 63. Berlinale wieder besonders hell erstrahlt. Was es bedeutet unter medialer Dauerbeleuchtung zu stehen, erfahrt ihr in unserem Interview mit der Schauspielerin Jeanette Hain. Sozialphobiker hingegen gehören zur Gruppe von Menschen, die man wohl kaum im Rampenlicht vermuten würde. Dass aber gerade dieser Widerspruch zu interessanten Ergebnissen führen kann, weiß Harald Polzin, der die Theatergruppe Mutartlabor leitet. Wenn Drehorte im Rampenlicht stehen, können auch kleinste Details die Stimmung eines Films beeinflussen. Worauf man bei der Wahl des richtigen Schauplatzes achten muss, erfahrt ihr beim Glückstag mit dem Production Designer Sebastian Soukup. Mit ihm haben wir einige Klassiker unter den Berliner Filmschauplätzen besucht. In unserer Reihe Berliner Gesichter stellen wir diesmal André C. Hercher vor, einen Promifotografen, der überhaupt nicht gerne fotografiert wird. Schließlich erklärt euch die Mitte-Mutti, was man am besten mit Kindern anstellt, die bereits im frühen Alter eine Vorliebe fürs Rampenlicht entwickeln. Viel Spaß beim Lesen! Eure MITTESCHÖN-Redaktion

Thorsten Karras Als Urberliner fühlt sich Thorsten manchmal schon fast wie eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Daher ist er immer auf der Suche nach wahren Unikaten und findet bei dieser Odyssee auch den einen oder anderen interessanten Partner für eine Anzeige. Schließlich sollen die Leser auch weiterhin die schönsten Flecke aus Berlin Mitte und Umgebung hier entdecken können.

Christoph C. Petersen Christoph C. Petersen lebt seit 15 Jahren in Berlin und schreibt am liebsten über Kunst, Musik, Design und Lifestyle. Und den dicken Hintern seiner Freundin.

Oliver Janik Oliver Janik macht eigentlich Reklame. Und „so dies und das“ – beides in Mitte ist ja nicht gerade ein Alleinstellungsmerkmal. Seit Dezember 2010 schreibt er für MITTESCHÖN und okkupiert seither mit seiner Kolumne Hinweise auf Missstände und andere Belanglosigkeiten regelmäßig die letzte Seite. Nicht mehr wegzudenken sind seitdem seine Texte – ob über die Gewaltbereitschaft kommender Prenzl’berg-Che-Guevaras, Touristen-Tourette, Weltraumbahnhöfe, den Unterschied zwischen Kotau und Pan Tau, das Urkilo oder Concept Stores in der Wurstwarenindustrie, jeden Monat liefert Oliver ein buntes Panoptikum voll unnützer Gedanken. www.oliverjanik.wordpress.com


4   Impressum

Mitteschön no    30

Herausgeber

Toni Kappesz Veröffentlichung

Vollstrudel GmbH Schröderstr. 12 10115 Berlin, Germany Projekt Manager

Anne Kammerzelt (anne@mitteschoen.com) ARTDIREction

Dörte Lange (doerte@mitteschoen.com) Grafikdesign

Lianna Dora (lianna@mitteschoen.com) Presse

Pelén Boramir (pelen@mitteschoen.com) Redaktion

Anne Kammerzelt (anne@mitteschoen.com) Redakteure

Paul Schlosser, Bettina Schuler, Björn Lüdtke, Sebastian Braschl, Christoph C. Petersen, Pelén Boramir, Melissa Frost, Sophia Hoffmann, Silvio Neubauer, Oliver Janik Fotografen

Tina Linster, Sebastian Braschl, Stini Mimissonsdottir, Lennard Rühle, Aner Gelem ÜBersetzung

Nicholas Tedeschi (nicted@web.de), Robert Schlicht Lektorat

Katharina Geißler Anzeigenvermarktung

Thorsten Karras (thorsten@mitteschoen.com) Bianca Welsch (bianca@mitteschoen.com) WEBSeITE:

www.mitteschoen.com

Projekt Manager online

André Uhl (andre@mitteschoen.com) Druck

hofmann infocom Nürnberg Coverfoto:

Jeanette Hain, fotografiert von Lennard Rühle


Inhaltsverzeichnis  5

INHALT / Content Wegweiser 6

Momentmal: Brust raus

8

Veranstaltungstipps Events

10

Mitteschön Lieblingsstücke

32

HAPPA HAPPA: Suppe Rot-WeiSS

41

Englische Übersetzungen English Translations

45

Mitteschön Verlosung: Mit strahlender Haut im Rampenlicht

47

Stadtplan City Map

kieztalk 12

Glückstag MIT Sebastian Soukup

17

FUNDBÜRO: Generation 13

18

ImproTheater für sozialphobiker Improv theater for people with social phobia

21

AUGENSCHMAUS: Spencer Chalk-Levy

26

INTERVIEW MIT Jeanette Hain Interview: Jeanette Hain

33

wir mitte-muttis: kinder und Die Medien We Mitte Mums: Children and the Media

38

Berliner Gesichter: André C. Hercher, Fotograf

46

Kolumne: Über Verwechslungen

Kulturgut 23

illustrator des Monats: Eugenia Alejos Garrido

30

UND WIder das Vergessen: Claude Lanzmann Lest We Forget – Documentary filmmaker Claude Lanzmann

34

Kunsttipps von EyeOut EYEOUT Art Events

35

filmtipps DER filmgalerie 451

36

Web-Serien — Was guckst du?


BRUST RAUS. Haltung ist, wie im echten Leben, ganz be-

sonders auf der Bühne von großer Bedeutung. Zu den Tanztagen

in den Sophiensaelen zeigte Anna Posch kürzlich ihre performative Skulptur: Kasten. Ein weißer Kubus mitten im Raum. Vorne


Tina Linster fängt für MitteSchön Berlin-Momente ein.

und hinten je zwei Löcher, durch die sich Brust und Hinterteil Freiheit verschaffen können. Was also macht der Theaterfreund,

der sich unverhofft in einer absurd fragmentarischen Peepshow wiederfindet? Er glotzt. Und glotzt.


8   Veranstaltungstipps von Sebastian Braschl, Translation P. 41

BAR & GRILL: ROCCO & SANNY Längst ist es an der Zeit auf das Ende September eröffnete Rocco & Sanny hinzuweisen, da es bereits in diesem Jahr seine Türen schon wieder schließen wird. In der Pop-up-Location mit abgefackelter Blümchentapete wird von den namensgebenden Köchen Rocco und Sanny Urban Italien Food sowie spontane Eigenkreationen serviert. Nach Küchen-

RESTAURANT: MUTTI

schluss führt der Weg in die dazugehörige Bar. Di bis Sa: 19 bis 5 Uhr Friedrichstraße 113, www.roccoandsanny.de

Bereits zum 10. Mal öffnen das HAU und die Sophiensæle im Rahmen des 100° Berlin Festivals ihre Bühnen und

Dass Mutti am besten kocht, ist eh klar. Wer in Berlin

Räume für einen viertägigen Theatermarathon mit

nach täglich frisch zubereiteter Hausmannskost sucht,

Schauspiel, Perfomances, Musiktheater sowie Tanz-

dem sei das Mutti in Kreuzberg ans Herz gelegt. Der

projekten im Stundentakt. Das Jubiläum der freien

Raum mit Blick auf den Herd bietet gerade mal 16 Per-

Theaterszene wird selbstverständlich allabendlich von

sonen Platz, so dass der Eindruck entsteht, tatsächlich

rauschenden Partys bis Tagesanbruch begleitet. Die Ta-

in der heimischen Küche zu sitzen. Neben zwei jeweils

gestickets gelten jeweils für alle Veranstaltungen eines

wechselnden Tagesgerichten gibt es schwäbische Klas-

Tages an beiden Veranstaltungsorten. Zwischen den

siker wie Käsespätzle oder Maultaschen. Verdienter-

Theatern verkehrt ein Shuttle-Service.

maßen gebührt dem Mutti der Stempel Hausmanns-

HEBBEL AM UFER & SOPHIENSÆLE,

kost de luxe. Wenn da mal Mutti nicht neidisch wird.

21. BIS 24. FEB 2013

Di bis Fr, 12 bis 22 Uhr, Sa & So, ab 17 Uhr, Großbeerenstraße 36, www.mutti-kreuzberg.de

THEATER: 100° BERLIN

Festivalpass: 48,40 Euro, Tageskarte: 17,60 Euro, Stresemann-

MUSIKFESTIVAL: BERLIN IN BERLIN

straße 29, Hallesches Ufer 32, Tempelhofer Ufer 10, Sophienstraße 18, www.hebbel-am-ufer.de, www.sophiensaele.com

George Gershwin bezeichnete ihn als den „größten Songwriter, der jemals gelebt hat“: Der amerikanische Komponist Irving Berlin hat sich mit zahllosen Hits im kulturellen Gedächtnis der Generationen verankert. An fünf Abenden führt das Ensemble Cool seine Werke sowohl in klassischer Jazz-Tradition als auch in neuer Interpretation auf. Im Konzertsaal wird durch die kulinarische Verköstigung und die Gesprächsatmosphäre die Aufführungspraxis der New Yorker Clubs der 40er

MUSIKTHEATER: OH,

und 50er Jahre nachempfunden.

WIE SCHÖN IST PANAMA

EHEMALIGES HAUS UNGARN & GOLDNEUN,

Alles beginnt mit einer nach Bananen riechenden

Beginn: jeweils 20 Uhr, Eintritt: 12 Euro / erm. 8 Euro,

Holzkiste, die der Bär aus dem Fluss fischt. Deren

Karl-Liebknecht-Straße 9,

Aufschrift „Panama“ weckt in ihm und dem Tiger die

www.irvingberlin.de, www.goldneun.de

1. BIS 5. MÄRZ 2013

KONZERT: CTM.13 – SUNN O))) Das CTM Festival hat sich 2013 unter dem Titel The Gol-

Sehnsucht nach der Ferne. Auf ihrer Suche nach dem

den Age mit der gegenwärtigen Vielfalt und Überfülle

Land ihrer Träume – Panama – entdecken sie die Welt,

von Musik befasst, aus der Chancen und Herausfor-

sich selbst wie auch den Ort, an dem es am schönsten

derungen für den Einzelnen wie für die Ästhetik oder

ist und der vielleicht gar nicht so weit entfernt liegt.

Politik entstehen. Das Abschlusskonzert mit SUNN O)))

Janosch’ Kinderbuchklassiker wurde von der chinesi-

wird als krönendes Highlight des CTM.13 gehandelt,

schen Komponistin Lin Wang als spielerisches Musik-

denn der monolithische Gitarren-Drone-Sound von

theater für Kinder umgesetzt.

Stephen O’Malley und Greg Andersson ist einer der ra-

DEUTSCHE OPER BERLIN, 2., 7. & 8. FEB 2013

dikalsten Soundentwürfe des letzten Jahrzehnts.

Beginn: 2. Feb, 15 Uhr, 7. & 8. Feb, jeweils 11 Uhr,

ASTRA KULTURHAUS, 3. FEB 2013

Eintritt: 16 Euro / ermäßigt 8 Euro

Eintritt: 25 Euro / VVK: 22 Euro, Beginn: 20 Uhr,

Bismarckstraße 35, www.deutscheoperberlin.de

Revaler Straße 99, www.ctm-festival.de

Foto-Credits: Dorothea Tuch (Oh, wie schön ist Panama), Teresa Iten (Sven-Åke Johanssons Ensemble Cool), Marc Doradzillo (100° Berlin), Andrew Beardsworth (CTM.13 – SUNN O))))


Veranstaltungstipps von Sebastian Braschl, Translation P. 41  9

KONZERT:

AUSSTELLUNG:

ANGUS STONE

MARTIN SCORSESE

Man kennt ihn als den männlichen Part des Bruder-

Er ist einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Filme-

Schwester-Duos Angus and Julia Stone, das mit seiner

macher der Gegenwart, der durch seinen erzählerischen

EP Chocolate and Cigarettes populär wurde und die

Stil das moderne amerikanische Kino nachhaltig geprägt

Indi-Folk-Welt seit Jahren bereichert. Seit geraumer Zeit

hat. Vergangenen November feierte Martin Scorsese

ist der Australier mit seinen zarten Folk-Hymnen auf

seinen 70. Geburtstag und öffnete sein privates Archiv

Solopfaden unterwegs. Seine musikalischen Vorbilder

in New York, das er nun für die weltweit erste Scorsese-

sind Werke von Bob Dylan oder Neil Young. Das schöp-

Ausstellung nach Berlin bringen ließ. Die sehr persönli-

ferische Spektrum des begnadeten Singer-Songwriters umfasst jedoch bei weitem mehr, wie sein aktuelles Album Broken Brights beweist. ASTRA KULTURHAUS, 8. FEB 2013

Beginn: 21 Uhr, Eintritt: 23 Euro, Revaler Straße 99 www.astra-berlin.de, www.angusstone.com

FILM: BERLINALE GOES KIEZ Berlinale-Karten bekommt man nur schwer und der Weg zu den entsprechenden Kinos ist immer so weit?

che Exposition bringt jedem Film-Fan sowohl Inspirationsquellen als auch Arbeitsweisen des Regisseurs näher. DEUTSCHE KINEMATHEK, 10. JAN BIS 12. MAI 2013

Eintritt: 7 Euro / ermäßigt 4,50 Euro Potsdamer Straße 2, www.deutsche-kinemathek.de

Nicht mehr! Seit 2010 muss keiner mehr zwangsweise zum Festival, denn das Festival kommt in den Kiez um die Ecke. Für jeweils einen Abend macht der fliegende Rote Teppich der Berlinale in sieben Kiez-Kinos halt und präsentiert ausgewählte Filme aus dem BerlinaleProgramm. Die Filmteams stellen ihre Werke persönlich vor und ein prominenter Kinopate begrüßt das Publikum auf dem kleinen Roten Teppich. 9. BIS 15. FEB 2013

Bundesplatz-Kino (Wilmersdorf), fsk Kino (Kreuzberg), Neues Off (Neukölln), Odeon (Schöneberg), Tilsiter Lichtspiele (Friedrichshain), Kino Toni & Tonino (Weißensee), Thalia

KONZERT: YOKO ONO

Programm Kinos (Potsdam-Babelsberg), www.berlinale.de

AUSSTELLUNG: TOMMY DOLLAR

PLASTIC ONO BAND

Der Schwede Thomas Dellert arbeitete und feierte mit

Es war im März des Jahres 1969, als Yoko Ono und John

Größen wie den Sex Pistols, Hendrix oder Warhol, der

Lennon heirateten und gleichzeitig die experimentelle

ihm den Spitznamen Tommy Dollar verlieh. In London

Plastic Ono Band gründeten. Durch ihre gemeinsame

traf er auf die junge Punk-Bewegung und deren Prota-

Zusammenarbeit wurde Ono zu einer Ikone der Pop-

gonisten wie Malcom McLaren und Vivienne Westwood.

geschichte: 44 Jahre später nun steht sie einen Tag vor

Alle Erfahrungen wurden zum Inhalt seiner in der

ihrem Geburtstag mit dem gemeinsamen Sohn Sean

Pop-Art verwurzelten, multimedialen Arbeiten. Dellert

Ono Lennon und der Plastic Ono Band auf der Berliner

erfindet sich stetig neu – die jüngste Erfindung ist jetzt

Volksbühne. Die US-Japanerin ist unermüdlich und das

in Berlin in der Ausstellung The mirror has two sides –

mit fast 80 Jahren! Happy Birthday, Yoko Ono! VOLKSBÜHNE, 17. FEB 2013

Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 32 Euro /ermäßigt 26 Euro, Linienstraße 227, www.volksbuehne-berlin.de

From Monroe to Warhol and back again – zu sehen.

PARTY: FESTIWELT BERLINALE PARTY

STUDIO CHECKPOINT CHARLIE, 31. JAN BIS 23. FEB 2013

täglich 12 bis 20 Uhr, Mauerstraße 81 – 82

Berlin darf sich mit seinen jährlich über 50 stattfindenden Filmfestivals definitiv als Filmmetropole bezeichnen. Festiwelt bietet diesen seit 2009 ein Netzwerk und eine Plattform für den interkulturellen Austausch. Zum dritten Mal wird gemeinsam mit über 20 Berliner Filmfestivals, der Berliner Filmszene und dem Berlinale-Publikum eine Nacht lang auf zwei Etagen mit drei Floors die Vielfalt der Festivallandschaft Berlins gefeiert. NAHERHOLUNG STERNCHEN, 13. FEB 2013

Beginn: 21 Uhr, Berolinastraße 7, www.festiwelt-berlin.de, www.naherholung-sternchen.de Foto-Credits: Berlinale (Berlinale goes Kiez), Harry Ransom Center (Martin Scorsese), Greg Kadel (Yoko Ono Plastic Ono Band)


10   Mitte Streets

Mitteschön Lieblingsstücke Texte Paul Schlosser

Es gibt Fisch! Ist: ein echter Hingucker Kann: etwas, was andere Kannen nicht können Kostet: 49 Euro Der glucksende Wasserkrug ist mir das erste Mal im Studio der Mongrels ins Auge gestochen, die ich vergangenen Monat im Rahmen unserer Stil-Rubrik Augenschmaus in ihrem Studio besucht habe. Gleich beim ersten Glucks der Karaffe erinnerte ich mich, dass man mir das Gefäß schon vor einiger Zeit mit einer Pressemitteilung schmackhaft machen wollte. Was ich beim Lesen damals noch als Schnapsidee abtat, entpuppte sich live und in Farbe jedoch als äußerst charmant! Durch seine besondere Fischform gibt der im britischen Dartmouth handgefertigte Krug beim Eingießen tatsächlich ungewöhnlich glucksende Geräusche von sich, die selbst dem hartgesottensten Kerl ein Lächeln ins Gesicht zaubern dürften. Gesehen bei: www.gluckigluck.de

Bag it up! Ist: ein Rucksack, der frei nach Schnauze zusammengesteckt werden kann Kann: modulartig verschoben und umfunktioniert werden Kostet: 235 Euro Nachdem es für ihre letzte Kollaboration in die Wüste ging, haben sich unser dänisches Lieblingslabel Wood Wood und das in den Neunzigern obligatorisch gewesene Taschenlabel Eastpak für die zweite Zusammenarbeit von Hightech inspirieren lassen. Anders als noch zu Schulzeiten, würde man sich den neuen Eastpak-Rucksack wohl eher nicht mehr mit Sprüchen, Cartoons oder der Signatur seiner Klassenkameraden verzieren lassen. Bis zu 300 Euro kostet so ein Ranzen nämlich schon mal. Die Modelle der Modulation-Kollektion sehen aber nicht nur sehr funktional aus, sondern können mit Hilfe ihres modularen Taschensystems je nach Wunsch individuell zusammengesteckt werden. Gesehen bei: www.oki-ni.com


Mitte Streets  11

Erwecke den Tiger in dir! Ist: ein Sweater zum Wohlfühlen Kann: sich ab sofort gekrallt werden Kostet: 98 Euro Meow! Lala Berlin fährt die Krallen aus und überrascht uns im Frühjahr mit einem Sweater, der für das Berliner Label ungewöhnlich laute Töne einschlägt. Das Printmotiv des rechtzeitig zur Berlin Fashion Week in limitierter Stückzahl produzierten Pullovers vereint gleich zwei ganz große Modetrends dieser Saison: Raubtier- und Science Fiction-Print. Während Balenciaga jedoch auf Neopren und skulpturale Ärmel setzte, zählt bei Lala Berlin vor allem der Wohlfühlcharakter. Bei Designerin Layla Piedayesh prangt Space-Kitty nämlich vom gemütlichen Baumwollsweater, der sicher so einige Saisons überdauern dürfte. Gesehen bei: www.lalaberlin-onlineshop.de

Totgesagte leben länger Ist: bestens für den Großstadtdschungel geeignet Kann: schon bald dir gehören Kostet: 99 Euro Auch wenn 2013 das Jahr der Schlange ist, so bietet KangaROOS den besten Beweis, dass auch andere Tierprints überzeugen können. Ähnlich wie Eastpak, feiert auch diese amerikanische Kultmarke im neuen Jahr ihr großes Revival. In den neunziger Jahren machte das Lifestylelabel schon einmal vor so gar nichts halt. Ich erinnere mich noch gut daran ausschließlich mit KangoROOS-Schiebermütze aus dem Haus gegangen zu sein, und auch meine liebsten Turnschuhe (ja, so nannte man das damals noch) zierte ein springendes Känguruh. Das bald erhältliche Rage Animal Pack beinhaltet die beiden Sneakers Rage Animal Leopard und Rage Animal Zebra – Sportschuhe in NylonVelourleder-Mix mit auffallenden Tiermustern. Gesehen bei: www.kangaroos.de

Papa don’t preach Ist: schön schlicht Kann: in Blau oder Weiß erstanden werden Kostet: 285 Euro Ihre Uroma gründete Fendi. Ihre Mutter arbeitet neben Karl Lagerfeld als Designerin im Traditionshaus. Mit dem eigenen Label möchte Delfina Delettrez Fendi aber vor allem unabhängig sein. Dafür verzichtet sie sogar auf den berühmten Nachnamen. Bei der italienischen Schmuckdesignerin trifft schrill auf klassisch und morbide auf royal. Die Erbin mischt alles, was eigentlich gar nicht zusammen passt. Ihre Kollektionen wirken wie eine Gemeinschaftsarbeit unterschiedlicher Designer, so vielfältig sind die Kreationen und Motive. Manchmal entstehen jedoch auch verwunderlich schlichte Modelle, wie das minimalistische Reflection-Armband, bestehend aus einem Gummiring und zwei quadratischen Verschlüssen aus Silber. Gesehen bei: www.luisaviaroma.com


Sebastian Soukup in der Karl-Marx-Allee


Glückstag  13

Bau dir deine Welt...

Text Sophia Hoffmann  Fotos Tina Linster

Das Thema dieser Ausgabe lautet Rampenlicht. Wir dachten, es wäre schön jemanden zu treffen, der nicht direkt im Lichtkegel steht, aber trotzdem einen erheblichen Einfluss auf das hat, was wir später im Kino zu sehen bekommen. Sebastian Soukup ist Production Designer, er hat mit Regisseuren wie Wim Wenders, David Cronenberg und Detlef Buck gearbeitet. Für MITTESCHÖN haben wir mit ihm einige Berliner Filmschauplätze besucht, gar nicht so einfach eine Auswahl zu treffen in einer Stadt, in der ständig an jeder zweiten Ecke gedreht wird...


14   Glückstag

Kino International

Ein verschneiter Wintertag in Prenzlauer Berg. Auf dem Weg zu unserem Treffpunkt kehre ich noch schnell in einen Euroshop ein und besorge mir vorsorglich ein Paar dicke Wollsocken, denn einige der geplanten Locations sind draußen. Gewappnet betrete ich das Café Slörm, wo ich mit Sebastian Soukup verabredet bin. Der gemütlichen Laden, der im Séparée von zwei Graupapageien bewohnt wird, spielt eine kleine Gastrolle im Kinofilm Oh Boy mit Tom Schilling. Der Protagonist Niko möchte eine Tasse Kaffee bestellen, wird aber mit einer tüdeligen Sortenvielfalt konfrontiert, die ihn komplett überfordert, wie so einiges andere auch im Leben. Dementsprechend sind wir froh, als wir ohne Umschweife einen leckeren, cremigen Cappuccino erhalten. Sebastian erzählt mir, wie er dazu kam, vor etwa zehn Jahren Kulissen für Kinofilme zu entwerfen. Er hat Architektur studiert, sich aber schon immer fürs Theater interessiert. Nach seinem Abschluss versuchte er sich in beiden Bereichen gleichzeitig zu etablieren, was aber schwierig erschien, und so fand er schließlich zum Film. Die Arbeit am Set sieht er als goldenen Mittelweg, um seine Leidenschaft für beide Bereiche auszuleben. Die Fähigkeit des Bühnenbildners mit einfachen Mitteln Illusionen zu schaffen, sei genauso gefragt wie die des Architekten, Städte und ihre Gebäude „lesen“ zu können. Nur wenigen Kinobesuchern ist bewusst, wie wichtig der Job des Production Designers für die Optik eines Filmes sei, selbst die kleinsten Details erfordern große Aufmerksamkeit. „Eine Kaffeetasse kann eine ganze Geschichte erzählen“, unterstreicht Soukup. „Wenige wissen, dass es

Café Slörm

diesen Beruf überhaupt gibt“, fügt er hinzu, „dabei bin ich für alles verantwortlich, was im Bild ist“. Zwar entwirft er nicht die Kostüme, aber auch diese müssen auf die Kulisse abgestimmt werden. Anhand eines Beispiels verdeutlicht er, dass man manchmal auch für die Zuschauer mitdenken muss, um die Glaubwürdigkeit eines Filmes zu bewahren. Im Zuge der Vorbereitung der Dreharbeiten zu David Cronenbergs Film A Dangerous Method (deutsch: Eine dunkle Begierde) recherchierte Sebastian, dass es 1911 bereits Asphalt gegeben hatte, entschied sich aber dann doch ein gepflastertes Straßenbild zu zeigen, weil davon auszugehen war, dass die Zuschauer jenen für einen historischen Fehler halten würden. Es gibt genug Filmfans, die sich beflissentlich mit solchen möglichen Pannen beschäftigen und Herzklopfen bekommen, wenn sie einen Anschlussfehler finden. Wir treten auf die eisige Danziger Straße und machen uns auf den Weg zum UBahnhof Eberswalder Straße, dort wurde 1957 der DEFA-Film Berlin – Ecke Schönhauser… gedreht, eine Art ostdeutsche Antwort auf Die Halbstarken aus dem Jahr 1956. Der Film ist ein sehenswertes Zeitdokument, das die Geschichte einer Clique halbkrimineller, orientierungsloser Jugendlicher in der kargen Nachkriegszeit erzählt. Konnopke’s Imbiß gab es damals schon und die Schlange derer, die auch bei Schneegestöber auf ihre Currywurst warten, scheint nie zu enden. Selbst in einer schnelllebigen Metropole wie Berlin gibt es Plätze, die heute noch (fast) genauso aussehen wie in den Wirtschaftswunderjahren.

Herr von Eden

Nächste Station ist der Herr von Eden Laden in der Alten Schönhauser Straße. Für die deutsche Komödie Rubbeldiekatz verwandelte Sebastian ihn mit seinem Team über Nacht in ein Geschäft für Damenbekleidung. Schnelles, effektives Vorgehen gehört zum Handwerk, musste der Laden doch innerhalb kürzester Zeit wieder in seinem Ausgangszustand glänzen. Zwischen dem schweren Duft von Lilien, die in einer prunkvollen Bodenvasen den Eingangsbereich schmücken und einem grauen Samtsofa hält unser GlückstagsGast einen kurzen Plausch mit einem der Mitarbeiter, wirft einen Blick auf den knallroten Frack, der von der Stange lacht und wir verabschieden uns mit elegantem Kopfnicken. Die Umgebung scheint sofort abzufärben... Weiter geht’s Richtung Karl-Marx-Allee. Der sozialistische Klassizismus des Straßenzugs wurde schon oft für Dreharbeiten als russische Kulisse verwendet. Ein paar sowjetische Oldtimer, passende Straßenschilder, etwas Kunstschnee, und die Moskau-Kulisse für den amerikanischen Blockbuster ist perfekt. Sebastian verwandelte für einen Werbespot eine Straße in Mitte in den Big Apple. Täuschung gehört zum Geschäft und es macht natürlich auch Spaß die Illusion zu perfektionieren. „Das Aufregendste an meinem Beruf ist neue Welten zu erschaffen, solche, von denen man als Kind schon geträumt hat“, schwärmt er. Den Zuschauer seinen Alltag für eine Weile vergessen zu lassen. Passend zum Thema betreten wir das Kino International, wo an diesem Samstag Nachmittag rege Betriebsamkeit herrscht. Der Ostal-


Glückstag  15

Kaffeehaus Grosz

Café Moskau

Herr von Eden Kino International

Café Slörm

Kino International


16   Glückstag

Kaffeehaus Grosz

gie-Charme des Foyers mit seiner opulenten Deckenbeleuchtung und die original Sitzgruppen in dunklem Rot wirken wie aus einer anderen Zeit, die Gäste unterhalten sich respektvoll flüsternd, die Atmosphäre wirkt gemütlich einschläfernd, sofort möchte man sich in einen gut gepolsterten Kinosessel plumpsen lassen und für zwei Stunden der Wirklichkeit entfliehen. Um nach Drehschluss nicht in das berühmtberüchtigte Loch zu fallen und stattdessen sich mit neuen Eindrücken zu versorgen, verreist Sebastian gerne, und während er von seiner China-Reise erzählt, von der er kürzlich zurückgekehrt ist, machen wir uns mit dem Auto auf den Weg zum Potsdamer Platz. Versteckt unter den gigantomanischen Schwingen der Dachkonstruktion des Sony-Centers schlittern wir zu den Überbleibseln des Hotels Esplanade. Das, was vom einstigen Grand Hotel, in dem sich Stars wie Charlie Chaplin und Greta Garbo die Klinke in die Hand gaben, übrig geblieben ist, wird heute als Miet-Location für Veranstaltungen genutzt. Komisch konserviert wirken die Reste der prunkvollen Stuckfassaden hinter den dicken Glasscheiben, wie in einer überdimensionalen Museumsvitrine.

Kannopke’s Imbiß

feehaus Grosz im altehrwürdigen Haus Cumberland am Kurfürstendamm. Welten entfernt von dem kleinen Prenzlberg-Café, in dem wir uns heute Mittag getroffen hatten.

Café Slörm Danziger Straße 53 www.sloerm.net Konnopke’s Imbiß

Das von den Borchardt-Machern gerade eröffnete Etablissement atmet den Charme vergangener Zeiten und ist gleichzeitig ein angesagter Ort zum Sehen und Gesehen werden. Stilecht mit Silberkanne, in der heiße Milch für die heiße Schokolade serviert wird. Sebastian unterhält uns mit Anekdoten aus seinem Arbeitsalltag und erzählt, dass das Haus Cumberland bis zu seiner Sanierung in den letzten Jahren stets ein begehrter Drehort war. Tom Tykwer nutzte es für The International und auch schon für seinen Durchbruch Lola rennt, Szenen von Der Baader Meinhof Komplex sowie der Bourne-Filme wurden hier ebenfalls realisiert.

Schönhauser Allee 44b www.konnopke-imbiss.de Herr von Eden Alte Schönhauser Straße 14 www.herrvoneden.com Kino International Karl-Marx-Allee 33 www.yorck.de/kinos/detail/ 100004/International Relikte des Hotels Esplanade Potsdamer Platz, im Innenhof des Sony Center

Sebastian lächelt: „Das ist die beste heiße Schokolade, die ich in Berlin getrunken habe, heute ist wirklich mein Glückstag!“

Kaffeehaus Grosz Kurfürstendamm 193/194 www.grosz-berlin.de

Mehr Infos zu Sebastian Soukups Arbeit: www.sebastiansoukup.net

Ursprünglich sollte das seit dem zweiten Weltkrieg nunmehr als Ruine existierende Hotel in Zuge der Neugestaltung des Platzes in den neunziger Jahren abgerissen werden, aber da es unter Denkmalschutz stand, wurde es aufwendig transloziert, also versetzt. Vor der Verglasung diente es als Kulissen für Filmklassiker wie Cabaret, Die bleierne Zeit und Der Himmel über Berlin. Es ist kalt und zugig auf dem Potsdamer Platz und wir fahren zu der letzten Station, dem Kaf-

Karl-Marx-Allee


Fundbüro  17

GENERATION 13 Text und Fotos Sebastian Braschl

„Es gibt ein Lego-Museum, eines über die Currywurst, obwohl ich dort nicht mal eine bekomme, also warum dann nicht auch eines über urbane Popkultur“, sagt Schauspieler Oliver Korittke und eröffnete eines: Generation 13 ist eine Retrospektive über das Kulturgut der vergangenen 40 Jahre – ein Actionfigureneldorado, ein Sneakerparadies oder auch die Erinnerung an längst vergangene Kindheitstage. Hey ihr Sneakerfreaks, Sympathisanten von ComicKultur und Actionfigur, ihr Nostalgiker eurer Jugendtage: Unweit des Hackeschen Markts hat Oliver Korittke mit einem Freund im Gewölbekeller des Hamburger Hofes eine Zeitreise in die urbane Popkultur der letzten vier Dekaden angetreten. Was haben also Gummihopse und Godzilla gemeinsam? Ist doch eh alles Turnschuh! Dass in ein paar Jahren nicht mehr nur Büsten von Beethoven oder Mozart bei Sotheby’s versteigert werden, ist sich Oliver sicher. „Was früher die Figur oder die Platte war, ist heute in den Schuh übergegangen, und zu jedem Schuh gibt es im Umkehrschluss auch wieder eine Actionfigur“ – Eine imposante Erkenntnis der modernen Popkultur, oder wie der Kurator selbst so gern sagt: „‘n Knaller!“ Im Prinzip beschreibt Generation 13 die 13. Generation von Amerikanern nach Gründung der Staaten, die – genauso wie die Museumsgründer – zwischen den frühen sechziger und achtziger Jahren geboren wurde und deren sorgenfreier Lifestyle in den darauffolgenden Jahrzehnten von allerlei Hypes innerhalb der funkelnden Konsumgesellschaft geprägt wurde. Die über zwanzig Jahre zusammengetragene Sammlung

umfasst rund 2.500 Sneakers sowie 5.000 Toys und Actionfiguren, die einen Gesamtwert von rund zwei Millionen Euro umfassen. Die Ausstellung soll halbjährlich wechseln – derzeit liegt der Fokus noch auf den achtziger Jahren. „Würden wir alles auf einmal ausstellen wollen, müssten wir die Museumsinsel mieten“, grinst Korittke.

Generation 13 Große Hamburger Str. 17 10115 Berlin Öffnungszeiten: Urban Art Museum / Shop im Museum / Café täglich von 10 bis 18 Uhr

Summa summarum ist es Herzblut, das durch das Museum fließt. „In der Kindheit ging es schon los mit den Spielsachen. Ich habe mein Spielzeug immer gut behandelt und es abends immer wieder eingepackt. Und im Endeffekt hat doch heute kaum noch jemand diese Sachen!“ Lieblingsstücke hat er natürlich auch: alle, die das Museum füllen. Besonders stolz ist Korittke dann aber doch auf das Evil Knevil-Spieleset. Namensvetter und Mitbegründer Oli Kircher bespielt das dazugehörige Café kulinarisch und im integrierten Museumsshop sind ausgewählte Sneakers zu erwerben. Regelmäßige Events komplettieren das Gesamtkonzept schließlich, denn gefeiert wird immerhin der kulturelle Ausschnitt jener Zeit, in der es zu jedem Topf noch einen Deckel gab, oder: zu jedem Turnschuh eine Actionfigur.

info@generation13.com


18   Kulturgut

ImproTheater

für Sozialphobiker Text Björn Lüdtke  Illustration: Lianna Dora  Translation P. 42

Harald Polzin leitet eine Theatergruppe, die sich Mutartlabor nennt. Ihre Mitglieder sind ausschließlich Menschen, die an sozialen Phobien leiden. Moment mal, sind das nicht Menschen, die eigentlich so gar nicht gerne im Mittelpunkt stehen? Doch. Und das passt wie die Faust aufs Auge zu unserem Februar-Thema Lampenfieber.


Kulturgut  19

Im Mutartlabor wird Improvisationstheater trainiert. Nicht geprobt, denn das kann man gar nicht, es kommt ja auf den überraschenden Verlauf des Spiels an. Nichts ist inszeniert, oft wird der weitere Verlauf des Spiels vom Publikum durch Zurufen von Themen oder Stichwörtern vorgegeben. Wie kommt man also als Sozialphobiker auf die Idee, ausgerechnet beim Improtheater mitzumachen? Polzin, der selbst Schauspieler und Regisseur ist, erklärt: „Theater hilft, sich einer Sache bewusst und sie anschaulich zu machen. So entwickelt jeder Kompetenzen, die man dann auch im normalen Leben nutzen kann. Man lernt Interaktionsmöglichkeiten.“ Einer, der genau auf diesen Effekt hoffte, kam aus einer Selbsthilfegruppe, die sich immer im gleichen Gebäude getroffen hatte wie Polzin mit seiner Live Game Company. Polzin erinnert sich: „Ich hatte dort mit meiner Company geprobt. Einmal saßen drei Leute vor dem Proberaum. Einer von denen ist wiedergekommen, die anderen beiden nicht. Der, der blieb, ist einer meiner besten Schauspieler geworden. In der Selbsthilfegruppe werden die Betroffenen dazu angehalten, sich solchen Situationen auszusetzen: Man soll zum Beispiel fremde Leute ansprechen. Ich wusste zuerst nicht, dass er Sozialphobiker ist. Aber daraus hat sich dann die Gruppe entwickelt.“ Für Polzins Arbeit ist es schlussendlich egal, ob jemand Phobiker ist oder nicht. Jeder kann in Rollen schlüpfen und Dinge ausprobieren, die man sonst nicht ausprobieren könnte. Eine seiner Teilnehmerinnen berichtet:

Schauspielübungen geben mir in einer sozialen Situation die Sicherheit, dass eine Konversation immer weitergehen kann. Schweigemomente werden nicht mehr als unerträglich empfunden, da ich aus dem Schauspieltraining weiß, aus einem Moment der Stille entsteht immer etwas Neues, ich brauche nur auf meine Körperimpulse zu achten. Diesen nachzugehen und sie nicht zu unterdrücken, lernen wir durch Körperimpulsübungen. Mir hilft das Training sehr im Alltag besser zurechtzukommen, mit meinen Gedanken bei mir zu bleiben und meine Interessen zu verfolgen und oft auch an eine Emotion heranzukommen. Die Schauspieltechniken geben eine sehr große Sicherheit dem eigenen Körper zu vertrauen, also sich selbst. Es stärkt das Bewusstsein über sich selbst und die Selbstsicherheit. Eine Erkenntnis hat mir besonders geholfen: In einer sozialen Interaktion wollen die anderen mit einem interagieren. Davon kann man grundsätzlich ausgehen. Es gibt nur wenige, die einem das „Spiel” vermiesen wollen.


20   Kulturgut

Die Mitglieder von Mutartlabor wollen weder genannt noch irgendwo abgebildet werden. Sie haben Angst vor Stigmatisierung, keiner will als schwach gelten. Und somit weiß auch das Publikum gar nicht, dass es sich um Sozialphobiker handelt. „Und das ist auch gut, sonst hast du gleich diesen Bonus. Das weiß keiner im Publikum. Wir werden einfach als Schauspieler gebucht“, sagt Polzin. Im Improtheater trainiert man das Zusammenspiel. Es geht ja nicht so sehr darum, was man sagt, sondern wie man miteinander agiert. Man muss sich erst selber klar kriegen: Wo stehe ich, wie ist die Situation und wer ist mein Gegenüber? Wer das beherrscht, kann im Prinzip jede Situation meistern. Davon erzählt auch ein weiterer Teilnehmer: „Der Improtheater-Workshop war für mich sehr wertvoll. Dort wurde ich immer wieder dazu aufgefordert und ermutigt, mich meinen Ängsten zu stellen und vor anderen auf der Bühne aus mir herauszugehen. So konnte ich im geschützten Rahmen spielerisch und kreativ Dinge ausprobieren, die ich mich sonst nicht trauen würde, z.B. extreme Emotionen wie Wutausbrüche zeigen, Schreien, lautes Singen und exzentrisches oder forderndes Verhalten. Weil ich glaube, dass mir solche neuen Erfahrungen auf Dauer auch im Alltag mehr Selbstbewusstsein und Sicherheit im Umgang mit meinen sozialen Ängsten geben können, würde ich sehr gerne regelmäßig mit dieser oder einer ähnlichen Form von angeleiteter Theaterarbeit weitermachen.“

Auf die Frage, ob es schon mal jemanden gab, der zwar mit trainiert hat, aber dann nicht mit auf die Bühne gegangen ist, antwortet Polzin:

Ja, durchaus. Sogar jemand, der auch schon auf der Bühne war. Eine Frau, die durch das Training ungeheuer gewonnen hatte. Wir hatten auf einer Weihnachtsfeier gespielt. Alles war super gelaufen, aber nachher stand sie mit dem Rücken zur Wand. Ich sagte: ‚Komm, hol dir den Beifall ab‘, aber sie wollte nicht. Beim Improtheater mitzumachen, kann natürlich weder eine Therapie noch die Selbsthilfegruppe ersetzen. Aber es ist wenigstens ein spielerischer Weg seine sozialen Ängste zu überwinden. Polzin: „Ich kann da intervenieren, auch mit meiner Ausbildung als Coach. Ich bin wie ein Trainer für eine Fußballmannschaft. Man trainiert die Leute an ihren Stärken. Die Schwächen trainieren wir weg.“

Harald Polzin wird ab Mitte Februar neue Kurse unter dem Titel Lampenfieber adé anbieten. Wer mitmachen will, meldet sich bitte unter 030 49 50 08 56 oder Harald. polzin@gmx.de.


Augenschmauß  21

Ein Bart ist ein Bart ist ein Bart Text Paul Schlosser  Fotos Stini Mimissonsdottir

Rocker, Althippies, Bergbauern – bisher trugen vor allem diese Gruppen dichten Vollbart. Doch inzwischen ist die Gesichtswolle auch jenseits von Alpenhütten und Motorradkneipen zum modischen Trend geworden. Dass der Bart nicht nur in der großstädtischen Bärenschickeria um sich wuchert, kommt dem Testosteronspiegel vieler zugute. Dass die Bartflut noch lange nicht abgeebbt ist, stellt das Malbuch Boys with Beards des Künstlers Spencer Chalk-Levy eindrucksvoll unter Beweis. Falls

dir der nötige Bartwuchs fehlt oder du schon immer mal die Gesichtsbehaarung deines Freundes umfrisieren wolltest, es aber nie durftest – mit diesem Buch hast du die Gelegenheit dazu. Bei einem Besuch in Spencers Atelier in Kreuzberg gewährt uns der junge Wahlberliner einen Einblick in seinen bartphilosophischen Kosmos und zeigt uns, womit er den eigenen Drei-Tage-Bart am liebsten kombiniert.

Die beiden Figuren stellen einen grünen Soldaten und eine rote Krankenschwester

Das Prada-Telefon habe

dar. Ich habe sie irgendwann

ich Second Hand gekauft.

auf eBay gefunden. Sie müss-

Normalerweise trage ich es

ten aus einer Prada-Kollektion

zu Schwarz oder in der Mitte

von 2005 stammen. In dieser

meines Kragens anstelle

Saison gab es insgesamt vier

einer Krawatte.

unterschiedliche Pins. Ich hoffe irgendwann auch den schwarzen Soldaten und die weiße Krankenschwester zu besitzen.

Die Schwalbe besitze ich, seitdem ich damals anfing für Miu Miu zu arbeiten. Der Anstecker ist komplett aus Leder und in ganz New York

Der Kragen mit den nackten Grazien stammt wie auch die Schwalbenbrosche aus der

gab es gerade mal vier Stück davon. Das Lustige ist, dass ich gerade mal zwei oder drei

Miu-Miu-Sommerkollektion

Paar Schuhe habe, aber eine

2010. Zum Glück habe ich

riesige Kollektion Designer-

einen extrem schmalen Hals.

Broschen.

Viele meiner Freunde wollten den Kragen schon anziehen und sind kläglich daran gescheitert.

Die runden Buttons sind auch von Miu Miu. Ein Freund schenkte sie mir mal. Vorher hätte ich nie

Das Ralph-Lauren-Hemd habe ich von meinem Großvater. Als ich im Oktober

gedacht, dass Modedesigner auch Anstecker designen würden. Nach meinem

in New York war, habe ich

Vorstellungsgespräch bei

es das erste Mal innerhalb

Miu Miu schenkte mir

von zwei Jahren aus meinem Depot abgeholt, wo sicher noch 200 andere Klamotten, 25 Gemälde und antike Möbel meiner Großmutter

die Dame, bei der ich das Gespräch hatte, vier weitere dieser Buttons und ich wusste, ich hatte den Job bekommen.

auf mich warten.

Boys with Beards ist im Motto, Doyoureadme?, Westberlin, Voo oder direkt unter boyswithbeards.bigcartel.com erhältlich. | www.spencerchalklevy.com


shoppr.de


Kulturgut  23

Illustrator des monats: Eugenia Alejos Garrido

Ein Freund von mir war 2010 an einer Ausstellung vom Scartissue Magazine in der .HBC Gallery beteiligt, zu der er mich eingeladen hatte. Seitdem kenne ich von Berlin vor allem verschiedene Klamottenläden und Flohmärkte. Ein beeindruckender Ort war für mich der Teufelsberg: Ursprünglich von den US- Amerikanern während des Kalten Krieges errichtet, wollte David Lynch ein Heim der transzendentalen Meditation auf dem Berg errichten. Mit anderen Worten, ich habe Berlin als eine fantastische Stadt mit einer faszinierenden UndergroundBewegung kennengelernt. Vor zwei Jahren begann ich ein Projekt zu entwickeln, mit dem ich mich wirklich verbunden fühle und identifiziere kann. Zu der Zeit fühlte ich mich einsam und hatte Heimweh, was mich dazu brachte, mein eigenes 2D-Universum zu entwickeln. Meistens denke ich mir so eine Art Illustration in Gedanken aus, die ich dann innerhalb weniger Minuten umsetze. Jede Collage besteht aus zwei Dingen: Balance und visuellem Anspruch. Ich will nicht, dass meine Kunst schwer zu verstehen ist, sondern dass Leute sie betrachten und sich denken: „Oh wie schön – das ist hübsch“. Mich interessiert es bestimmte Emotionen umzuwandeln, in Bewegung zu setzen und den Zuschauern ein positives Gefühl zu geben. Ich liebe Abstraktes, weil niemand die eigentliche Bedeutung kennt, aber jeder was Eigenes interpretieren kann. Es kreiert eine Situation, in der man die Grenze zwischen dem Realen und dem Imaginärem neu definieren muss. Meine Kunst hat mich mit Menschen und Orten zusammengebracht, von denen ich nie hätte träumen können, und ich bin überglücklich mit allem, was ich bis jetzt erreicht habe. Für mich ist mein Werk erfolgreich, wenn viele Leute es erkennen, aber alle etwas komplett anderes sehen. www.eugenialejos.com

Du bist Illustrator und möchtest mit deinem Artwork das nächste heraustrennbare MITTESCHÖN-Poster zieren? Dann schick uns deine Bilder und Entwürfe an: info@mitteschoen.com.


Kieztalk  27

Die Kunst der absoluten Gegenwärtigkeit Interview mit Jeanette Hain Text Bettina Schuler  Fotos Lennard Rühle  Make up Verena Sauer  Translation P. 43

Warum man

wird

man

besonders

Schauspielerin?

gerne

im

Weil

Rampenlicht

steht? Oder weil man, wie der österreichische

Theatermacher

Max

Reinhardt

es formuliert hat, sich durch die ständige Verwandlung schlussendlich selbst entdeckt? Darüber haben wir mit der 43-jährigen

Schauspielerin

Jeanette

Hain

ge-

sprochen, die wir als Society-Lady Gloria Glanz aus Dieter Wedels Zweiteiler „Gier“ oder als Brechts letzte Geliebte aus dem Film „Abschied. Brechts letzter Sommer“ kennen und die demnächst als Hexe in dem deutschen 3D-Mystery-Thriller „The Forbidden Girl“ ihr Unwesen treiben wird.


28   Kieztalk

Wolltest du schon immer Schauspielerin werden?

„Mein Sohn Jonas hat sich währenddessen aber vor allem für mich geschämt. Weshalb er sich auch geweigert hat meine Darstellung der Salome anzuschauen, ich hätte ja auf der Bühne lasziv tanzen können.“

So kitschig es klingt, ja, ich habe schon als Kind von diesem Beruf geträumt. Doch trotzdem hast du zunächst Regie an der Filmhochschule in München studiert? Nachdem mich der Walfisch Schule ausgespuckt hat, gab es sehr viele Sachen, die mich interessiert haben. Schlussendlich habe ich mich dann aber zunächst für die Regie entschieden. Vor allem, weil man in diesem Studienfach sehr viele Teile in die Hand gedrückt bekommt, die es braucht, um das Puzzle Film komplett zusammensetzen zu können. Aber bereits während meines Studiums habe ich gespürt, dass mich die Schauspielerei nicht los lässt. Wie es der Zufall so will, bin ich dann nach kurzer Zeit von der Regisseurin Sherry Hormann entdeckt worden. Trotzdem hat mich das Interesse an der Regie nie verlassen und ich möchte auch noch immer selbst einen Film inszenieren. Ein Wunsch, an dem ich stetig arbeite und der auch in immer greifbarere Zukunft rückt. (lacht) Ist es eigentlich Leid oder Freude dieses Berufes, auf der Straße erkannt zu werden? Immerhin ist es ja auch schön zu wissen, dass die Menschen die Filme kennen, in denen man mitspielt... Ich werde ehrlich gesagt sehr selten auf der Straße angesprochen. Wahrscheinlich auch, weil ich in jeder Rolle ganz anders aussehe. Wenn ich jedoch zum Beispiel wie neulich eine Hauptrolle in einem Tatort

übernehme, merke ich nach der Ausstrahlung schon, dass ich häufiger als zuvor erkannt werde. Aber die Berliner sind ja sowieso sehr zurückhaltend, was das angeht. Wohingegen damals, als ich in Bochum die Serie Bis in die Spitzen gedreht habe... Eine großartige Serie. Sorry, dass ich dich unterbrochen habe, aber ich musste das an dieser Stelle jetzt einfach mal sagen. Also, alle bitte anschauen! Schade, dass sie so schnell abgesetzt wurde... Ja, das stimmt... In jedem Fall wurde ich dort, im Ruhrgebiet, viel häufiger erkannt und auf meine Rolle angesprochen. Was ohne Frage auch daran gelegen hat, dass dort wesentlich seltener gedreht wird als in Berlin, ganz bestimmt aber auch mit deren offeneren Art zusammenhängt. So konnte es einem dort durchaus passieren, das man mitten auf der Toilette gefragt wird, warum die Nicki, meine Rolle, denn jetzt ihren Mann verlassen hat, das sei doch so ein netter Kerl. Und überhaupt, ja klar, sei mein Ex, der Ralph Herforth, sexy, aber deshalb gleich alles andere sausen lassen, nein, das könnten sie nicht verstehen. So etwas würde einem Schauspieler doch in Berlin nie passieren. Dafür sind die Berliner viel zu reserviert. Deine beiden Kinder haben auch schon einige Schauspielerfahrungen gesammelt. So hat deine sechsjährige Tochter in einem Teil des dreiteiligen Episodenfilms Dreileben dein Kind gespielt... Was sich zufällig ergeben hat und nicht von mir forciert wurde, da ich weiß, wie unger-


Kieztalk  29

ne es Regisseure haben, wenn Schauspieler und ihre Kinder gemeinsam drehen. Aber meine Tochter Malou hat schon vorher den Wunsch geäußert einmal selbst vor der Kamera zu stehen. Wahrscheinlich auch, weil ich sie von klein auf zu Dreharbeiten mitgenommen habe und sie die Schauspielerei quasi schon mit der Muttermilch aufgesogen hat. Weshalb ich dem Regisseur Dominik Graf dann auch auf ihr Begehren hin vorgeschlagen habe, es doch mal mit ihr zu probieren. Viel schöner, als dass sie die Rolle dann bekommen hat, fand ich aber zuzusehen, mit welcher Leichtigkeit sie sich in diese Rolle hineinfallen lassen konnte. Diese Hingabe an die Gegenwärtigkeit, die Kinder sowieso ungemein gut beherrschen, das ist für mich immer der schönste Moment, wenn ich drehe. Viele Kinder verlieren diese Unbefangenheit ja leider mit dem Einsetzen der Pubertät... Mein Sohn Jonas hat sich währenddessen aber vor allem für mich geschämt. Weshalb er sich auch geweigert hat meine Darstellung der Salome anzuschauen, ich hätte ja auf der Bühne lasziv tanzen können. Und noch heute, wenn ich Jonas, der mittlerweile 21 Jahre alt ist und selbst als Schauspieler und DJ arbeitet, frage, wo er heute auflegt, entgegnet er mir nur: No way, du kommst auf gar keinen Fall dahin. Aber immerhin hat er mir nach seiner Abiturfeier das Berghain gezeigt. Das macht auch nicht jedes Kind... Was mich total überrascht hat war, dass er am Ende der Schulzeit begonnen hat sich

für die Schauspielerei zu interessieren. Das hätte ich bei Jonas nie gedacht. Und nachdem er Fotos verschickt und sich bei einigen Castern vorgestellt hatte, bekam er sogar gleich eine Rolle in der Fernsehserie Der Kriminalist.

The Forbidden Girl, Mystery-Thriller, Deutschland 2013 Regie: Till Hastreiter Kamera: Tamás Kernényffy Schnitt: Florian Drechsler, Thomas Krause u.a. mit Jeanette Hain, Peter Gadiot, Klaus Tange, Jytte-Merle Böhrnsen

Mittlerweile habt ihr sogar schon gemeinsam vor der Kamera gestanden...

www.europeanmotionpictures.eu Bis in die Spitzen,

Ja, in einer Folge von Soko Köln. Eine wirklich schöne Erfahrung für uns beide.

TV-Serie, Deutschland 2005 Regie: Thomas Berger, Michael Rowitz Kamera: Anton Klima

Ich habe in einem Interview gelesen, dass du dir keine Horrorfilme anschaust. Jetzt bist du selbst in einem deutschen 3D-Horrofilm zu sehen... Ich würde The Forbidden Girl nicht als Horrorfilm, sondern als Mystery-Thriller bezeichnen. Allein schon wegen des märchenhaften Charakters der Geschichte, in der sich alles um ein junges Liebespaar dreht, das in die Fänge der ältesten Hexe der Welt und ihres Geliebten gerät. Ein ungewöhnliches Genre für einen Kinofilm made in Germany, wo es doch ansonsten nur deutsche Kinderfilme oder Komödien zu sehen gibt... Und noch dazu in 3D! Was mich persönlich jedoch noch mehr begeistert hat, als der Mut der Filmemacher einen deutschen Genre-Film zu drehen, war die Kreativität und Leidenschaft, mit der sie aus einfachen und wenigen Mitteln etwas so Eigenes geschaffen haben. Das war wirklich etwas ganz Besonderes.

Schnitt: Ute A. Rall u.a. mit Jeanette Hain, Ralph Herforth, Muriel Baumeister


30   Kulturgut

Wider das Vergessen Der Dokumentarfilmer Claude Lanzmann Text Bettina Schuler  Foto Aner Gelem  Translation P. 43


Kulturgut  31

Elf Jahre. So lange hat der heute 87-jährige Journalist und Filmemacher Claude Lanzmann an seiner Dokumentation Shoah (1985) gearbeitet und dafür in vierzehn Ländern Opfer und Täter des Holocaust befragt. Herausgekommen ist dabei eine zweiteilige, über neunstündige Dokumentation über die Grausamkeit der Nationalsozialisten, die eindringlicher nicht sein könnte und die besser als alle Dokumentarfilme davor und danach zeigt, mit welcher bestialischen Genauigkeit im Dritten Reich der Massenmord geplant und durchgeführt wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen verzichtet er dabei komplett auf Musik, Kommentare oder Archivmaterial und versucht stattdessen anhand von Interviews mit Zeitzeugen und aktuellen Bildern der Verbrechensschauplätze dem Zuschauer ein Bild vom Holocaust zu vermitteln.

Dabei geht der Film bewusst nicht chronologisch vor, sondern versucht durch eine bruchstückhafte Aneinanderreihung der Interviews die Unbegreiflichkeit des Geschehens in der Montage des Filmes wiederaufzunehmen. Besonders erschreckend an Lanzmanns Film ist allerdings neben der Freimütigkeit, mit der manche Täter von ihren Verbrechen erzählen, die Leichtigkeit, mit der sich die ehemals überzeugten Nationalsozialisten aus der Verantwortung stehlen, in dem sie sich als kleines machtloses Rädchen im großen Getriebe darstellen. Und man fragt sich in manchen Momenten, wie es Lanzmann angesichts dieser Schamlosigkeit gelingt weiter ruhig seine Fragen zu stellen, wenn man als Zuschauer bereits angesichts der Unverfrorenheit, mit welcher die Täter versuchen ihrem amoralischen Verhalten noch irgendeine Menschlichkeit anzudichten, schon aus der Haut fährt. Noch dazu, wo er doch selbst ein Sohn jüdischer Eltern ist und während des Zweiten Weltkrieges in der französischen Résistance gekämpft hat. Ein besonders krasses Beispiel dafür ist das Interview mit dem SS–Unterscharführer Franz Suchomel, in dem er Lanzmann berichtet, dass man im Vernichtungslager Treblinka nur die Männer und nicht die Frauen mit der Peitsche in die Gaskammern getrieben habe. Als ob diese Tatsache die Grausamkeit der Ereignisse auch nur einen Deut besser machen könnte. Nicht weniger sehenswert sind Lanzmanns spätere Dokumentarfilme Sobibor, 14. Oktober 1943 und Ein Lebender geht vorbei, die erst Jahre spä-

ter aus nicht veröffentlichten Interviews zu Shoah entstanden sind. In diesen Interviews spricht Lanzmann mit zwei Zeugen dieser Zeit, die eine unterschiedlichere Einstellung zum Thema persönlicher Verantwortung nicht haben könnten: Der eine, Yehuda Lerner, trug damals im Jahre 1943 beim Häftlingsaufstand von Sobibor mit seinem entschiedenen Handeln dazu bei, dass über dreihundert Insassen aus dem Lager fliehen konnten. Wohingegen der andere, der Schweizer Offizier Maurice Rossel, der als Beauftragter des Internationalen Roten Kreuzes Theresienstadt besuchte, blind der Propaganda aufsaß, welche die Nazis ihm über das Ghetto vorsetzten, und durch das Schreiben eines beschönigten Berichtes versäumte, die Barbarei der Nationalsozialisten öffentlich anzuprangern.

Filmographie: Der Karski-Bericht Frankreich 2010, 49 Minuten, Englische Originalfassung, mit deutschen Untertiteln Warum Israel? Frankreich 1973, 2 DVDs, 195 Minuten plus 43 Minuten Podiumsgespräch, Mehrsprachige Originalfassungen plus Deutsch eingesprochene Fassung. Untertitel in Deutsch, Englisch, Französisch Shoah (Studienausgabe) Frankreich 1985, 4 DVDs, 566 Minuten, mehrsprachige Originalfassungen,

Auf der diesjährigen Berlinale haben nun alle, die Claude Lanzmanns Werk noch nicht kennen sollten, die Gelegenheit seine Filme im Kino zu sehen. Denn das Festival wird dem Dokumentarfilmer nicht nur den Goldenen Ehrenbären verleihen, sondern ihm auch eine eigene Filmreihe widmen, in der unter anderem auch zum ersten Mal die restaurierte und digitalisierte Fassung von Shoah zu sehen sein wird.

Untertitel in Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch Sobibor, 14. Oktober 1943. Ein Lebender geht vorbei Frankreich 2001 / Frankreich 1997, 95 Minuten plus 65 Minuten, Originalfassungen mit deutschen Untertiteln Tsahal 2 DVDs, 290 und 40 Minuten, Frankreich/Deutschland 1991 – 1994, mehrsprachige Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Alle Filme sind bei absolut MEDIEN erhältlich. www.absolutmedien.de


32   Augen zu und Mund auf

happa happa! Suppe Rot-Weiß: Steckrübensuppe mit Rote-Bete-Brot Text Sophia Hoffmann  Bilder Tina Linster, Sebastian Braschl

Brotteig:

Suppe:

500g Vollkornmehl (Roggen, Dinkel, Weizen)

1 Steckrübe

150g Körner/Nüsse (Walnüsse, Haselnüsse,

1 große braune Zwiebel

Sesam, Leinsamen, Mohn, Kürbiskerne etc.)

4 EL Crème fraîche

½ Liter Rote-Bete-Saft

½ Liter Gemüsebrühe

1 Würfel frische Hefe

(evtl. etwas Fencheltee)

3 EL Salz

etwas Pflanzenöl, Salz, Pfeffer, Muskatnuss

2 EL Obstessig (z.B. Apfelessig)

2 EL Zuckerrübensirup

Vor vier Jahren zog ich von Wien nach Berlin. Und neben vokabularischen Veränderungen (Ja, Österreichisch ist eine andere Sprache!) machten sich auch bald die kulinarischen bemerkbar. Auf dem Wochenmarkt entdeckte ich allerhand Rübengemüse, das ich noch nie gesehen hatte. Teltower Rübchen, Mairübchen und Steckrüben. Neugierig wie immer, erwarb ich sie, wusste aber nicht so recht was damit anzufangen. Bei meinen Versuchs-

reihen ist mir die Steckrübe am meisten ans Herz gewachsen. Ein gut lagerbares Wintergemüse, vitamin- und eiweißhaltig, dabei äußerst kalorienarm und vielseitig einsetzbar. Ob als Püree, Eintopf, Gratin oder wie heute als Suppe – der charakteristisch süßliche Geschmack passt zu fast allem, auch zum körnigen RoteBete-Brot! Oder soll ich besser sagen: Rahner, Rauna, Rana, Rahne, Rohne, Rone, Ronen, Randig...,wie man sie in manchen Regionen Österreichs nennt.

Zubereitung:

Die Zutaten für den Brotteig in der genannten Reihenfolge mischen und mit Küchenmaschine oder mit den Knethaken am Rührgerät zu einem Teig verarbeiten. Gegebenenfalls noch etwas mit den Händen nachkneten – macht Muckis! Auf einem mit Backpapier ausgelegten Backblech zwei längliche Laibe formen und bei 200° C Unter-/Oberhitze 40 Minuten backen. Die Steckrübe und die Zwiebel mit einem scharfen Messer grob würfeln und in einem großen Topf in etwas Öl anschwitzen. Mit der Gemüsebrühe aufgießen und köcheln lassen, bis die Rübenwürfel sehr

weich sind. Bei Bedarf noch etwas Flüssigkeit nachfüllen, gerne etwas Fencheltee (wenn man sich gerade ein Kännchen gemacht hat), der wirkt geschmacksverstärkend. Dann mit einem Pürierstab fein zerkleinern, die Crème fraîche dazu geben und noch mal kurz erhitzen. In der Zwischenzeit sollte auch das Brot lecker gebacken sein, kurz abkühlen lassen, dann in Scheiben schneiden und mit der Suppe servieren. Mit dem auf eine Gabel aufgewickelten Zuckerrübensirup schick dekorieren! Guten Appetit!


Mitte für Kids  33

Wir mitte-MuttiS Kinder und die Medien Text Bettina Schuler  Illustration Lianna Dora  Translation P. 44

Meine Tochter hat ein neues Hobby: Fotografieren. Und das natürlich nicht mit ihrer kleinen rosa Mini-Kamera, die wir ihr zu diesem Zweck extra gekauft haben, nein, das wäre auch zu schön. Sie knipst natürlich am liebsten mit dem iPhone meines Mannes. Und zwar immer dann, wenn die Gefahr, dass es kaputt geht, besonders hoch ist. Weshalb er ihr sein Telefon natürlich nur äußerst ungern und meistens erst nach lauten Schrei- und Beleidigungsattacken gibt. Ja, ich weiß, als pädagogische Eltern müssten wir das alles über uns ergehen lassen und standhaft bei unserer Meinung bleiben. Aber ganz ehrlich: Wer bitteschön schafft es nach fünf Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeiten und drei Stunden Genöle noch Jesper Juuls gute Ratschläge anzuwenden? Und viel wichtiger ist doch sowieso die Frage, wie wir das iPhone meines Mannes retten? Am besten, in dem wir unsere Tochter demnächst in dem Jugendmedienklub Experimentalbox anmelden, wo Kinder zwischen elf und 20 Jahren nicht nur alles über Fotografieren, Radio und Film lernen können, sondern auch für die Tücken und Tricks der Medienwelt sensibilisiert werden. Was gerade in Zeiten von Facebook und studiVZ sicher nicht gerade das Schlechteste ist. Falls euer Kind jedoch ebenso gerne wie das meinige selbst choreografierte Tanzeinlagen zum Besten gibt, dann solltet ihr den nächsten Kindergeburtstag unbedingt mit dem Team von Kinderfilm Berlin feiern. Denn die lassen euer Kind für einen Tag zum Star seines eigenen Filmes werden. In einem dreistündigen Workshop wird dem Geburtstagskind ge-

meinsam mit seinen Gästen ein Einblick in die Welt des Filmemachens gewährt, um danach selbst eine kleine Geschichte vor der Kamera zu inszenieren, die es später als DVD-Aufzeichnung mit nach Hause nehmen kann. Cooler geht es wohl kaum für kommende Filmnerds.

Experimentalbox –

Ein weiteres, ebenfalls sehr spannendes Angebot ist der Trickfilm-Workshop, den Kinderfilm Berlin anbietet und in dem Kinder ab acht Jahren dabei zusehen können, wie ihr Lieblings-Playmobil-Pirat zusammen mit seinen Kumpanen ein Schiff entert. Alle Eltern, die ihrem Kind lieber das Theater nahebringen möchten, da es dank KIKA und Super RTL schon fasziniert genug von der Welt der Medien ist, denen kann ich nur das Programm des Vereins Theater im Urlaub empfehlen. Auch in diesen Sommerferien bietet dieser wieder Workshops an, in denen er mit Kindern ab sieben Jahren gemeinsam ein Theaterstück erarbeitet.

KINDERFILM Berlin e.V.

Jugendmedienclub Hosemannstraße 14 10409 Berlin Tel 030 44 595 66 www.so69-jugend.de


www.kinderfilm-berlin.de Junges DT Schumannstraße 13a 10117 Berlin Tel 030 28 44 12 20 info@jungesdz.de www.jungesdt.de Theater im Urlaub Postfach 28814 10131 Berlin Tel 030 69 20 629 70

Für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 25 Jahren ist das Deutsche Theater wiederum die richtige Anlaufstelle. Denn dort können sie für 40 Euro im Monat an diversen offenen Workshops des Jungen DT teilnehmen. Zudem gibt es günstigere Karten für die Vorstellungen. Perfekt also für alle theaterinteressierte Teenies. Bis ich meine Tochter dazu bekomme ins Deutsche Theater zu gehen, werden allerdings sicher noch Jahre vergehen, denn bisher reicht ihr schon der Anblick der bösen Fee aus Dornrösschen als Anlass, um sich unter dem Theaterstuhl zu verkriechen. Dafür hat sie mir heute erklärt, wozu das iPhone meines Mannes eigentlich alles fähig ist. Womit ich ab heute offiziell zum alten Eisen gehöre.

www.theater-im-urlaub.de


34   Kunsttipps von EYEOUT

Kunst tipps

von

EyeOut

Text Melissa Frost  Translation Robert Schlicht, P. 44

In dieser Kolumne stellen wir euch jeden Monat eine kleine Auswahl der interessantesten Ausstellungen in Mitte vor. Weitere spannende Tipps findet ihr in der iPhone App EYEOUT Berlin (www.eyeout.com).

Frank Nitsche – PROFESSIONAL SMILE 12. Januar – 16. Februar 2013 Galerie Max Hetzler, Oudenarder Straße 16–20 (Osramhöfe), U9 Nauener Platz, Di bis Sa 11–18 h +49-30-45 97 74 20, info@maxhetzler.com, www.maxhetzler.com

Frank Nitsche – PROFESSIONAL SMILE (Ausstellungsansicht) Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin Foto: def image

Frank Nitsches geometrische Leinwände weisen einen bestechenden Widerspruch auf: Während sie an dreidimensionale Zeichnungen hochmoderner Architektur denken lassen, steht die Materialität des vom Künstler gewählten Mediums – Ölfarbe – der glatten Massenproduktion der Formen entgegen, die sie darzustellen scheinen. In der Ausstellung PROFESSIONAL SMILE wendet Nitsche diese Analyse von Widerspruch und Produktion nun auf seine eigene Praxis an. Der Künstler, der dafür bekannt ist, immer wieder über seine eigenen Arbeiten zu zeichnen, präsentiert eine überarbeitete Reihe von Gemälden, die 2010 für den Brandenburgischen Kunstverein Potsdam entstanden, hier nun aber völlig anders aussehen. Er zeigt diese Arbeiten zusammen mit einer Fotowand mit Medienbildern, auf denen Unfälle und zoologische Kuriositäten zu sehen sind, und wirft damit die höchst interessante Frage auf, wodurch künstlerische Produkte sich von anderen beliebig umformbaren medialen Produkten unterscheiden lassen. Für Nitsche lautet die Antwort: ständige Selbstreflexion und Revision.

Christoph Girardet – The Prints 12. Januar – 23. Februar 2013 Campagne Première, Chauseestraße 116, U6 Naturkundemuseum, Di bis Sa 11–18 h +49-30 40 05 43 00, mail@campagne-premiere.com, www.campagne-premiere.com

Foto: Christoph Girardet – The Prints (Ausstellungsansicht) Courtesy Campagne Première Berlin Foto: Henning Moser

Der vor allem durch seine Film- und Videoinstallationen bekannte Künstler Christoph Girardet zeigt in The Prints eine Auswahl seiner nicht-zeitbasierten Arbeiten. Doch auch wenn Girardet sich damit von seinem gewohnten Medium entfernt, gibt er seine kinematografischen Interessen keineswegs auf; vielmehr lotet er die filmische Bedeutung mittels ihrer Strukturen und Verfahren genauer aus. Der Künstler zeigt zwei Reihen kleinformatiger Filmstills, für die er vor allem Found Footage aus den 50er und 60er Jahren verwendet hat, um wiederkehrende Motive zu untersuchen – seien es die künstlichen Blitze in Seven Strokes (2008) oder die Meereshorizonte in der Reihe Seascapes. In der enigmatischen LED-Installation Talking to Delilah (1998), die auf dem Film Samson und Delilah von 1949 basiert, werden diese vertrauten Bilder aus dem Zentrum gerückt, womit sich der Dialog der Ausstellung letztendlich von einer eher simplen Dekonstruktion kinematografischer Methoden hin zu einer komplexeren Würdigung der mysteriösen Faszination des Films verschiebt.

Very New Works – Markus Amm, Sebastian Black, Paul Cowan 19. Januar – 2. März 2013 DUVE Berlin, Gitschiner Straße 94/94a (Eingang D), U8 Prinzenstraße, Di bis Fr 11–18 h, Sa 12–16 h +49-30-77 90 23 02, mail@duveberlin.com, www.duveberlin.com

Very New Works (Ausstellungsansicht) Courtesy DUVE Berlin

Duve beginnt das Jahr 2013 mit Very New Works, einer Gruppenausstellung, die, bildlich gesprochen, noch nicht ganz getrocknet ist. Sie vereint neueste – und allesamt eigens für diese Ausstellung produzierte – Arbeiten von Markus Amm, Sebastian Black und Paul Cowan, ohne sich dabei auf das Wechselspiel zwischen den einzelnen Arbeiten zu konzentrieren. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt vielmehr auf dem Begriff der Unmittelbarkeit, womit sie den flüchtigen Moment zwischen der Vollendung eines Werks und dessen Rezeption würdigt. Amm, Black und Cowan vermögen sich auf diesem Begriffsfeld perfekt zu bewegen, da sie alle über einen selbstreflexiven Sinn für Humor verfügen. Dieser äußert sich in Amms spielerischem Umgang mit Farben, Blacks bedachtsam ausbalancierten visuellen Späßen sowie Cowans eigenwilliger Materialwahl. Mit dem Humor als Bindeglied gelingt Very New Works die schwierige und verblüffende Balance zwischen Arbeiten, die bereits an der Galeriewand hängen, und echter Neuheit.


Filmtipps von der Filmgalerie 451  35

FILM- UND KINO-DOKUS:

Filmgalerie 451 Torstraße 231

EIN FESTIVAL

10115 Berlin www.filmgalerie-berlin.de

Film-Tipps der Filmgalerie 451 Text Silvio Neubauer 

The Story of Film: An Odyssey von Mark Cousins ist in einem früheren Filmtipp bereits ausführlich vorgestellt worden. Appetit aufs Kino, auf Filme der unterschiedlichsten Art machen aber noch eine ganze Reihe anderer eindrucksvoller Dokumentationen und Biografien der letzten Jahre. Sie laden ein, an der Leidenschaft für das Kino teilzuhaben, einzutauchen in eine ganz eigene Welt hinter der Kamera und so einen neuen Blick vielleicht auch für bisher unbeachtete cineastische (oder andere) Welten der Vergangenheit und Gegenwart zu gewinnen: Im inspiriert montierten Everything or Nothing: The Untold Story of 007 (2012) werden uns die Produzenten Albert R. Broccoli und Harry Saltzman, die Gründungsväter der James-Bond-Kinoserie und deren inzwischen über 50-jährige wechselvolle Geschichte nahegebracht. Eine weitere lebende Kino-Legende erlaubt in Woody Allen: A Documentary (2012) erstmals ein ausführliches Interview und einen ebensolchen Blick hinter die Kulissen seiner Arbeit. Ein noch produktiverer Kino-Macher und legendärer Talent-Förderer kommt in Corman’s World: Exploits of a Hollywood Rebel (2011) zu verdienten Ehren: Roger Corman (geb. 1926). In Godard trifft Truffaut (2010) erleben wir, wie die Liebe zum Kino die beiden so unterschiedlichen Meister der Nouvelle Vague zusammen- aber auch auseinanderbrachte. Auf die bewegte Geschichte eines heimischen Kino-Ortes, eines Kreuzberger Filmtheaters, in dem auch Tom Tykwer in den Neunzigern Programm machte, blickt Auf der anderen Seite der Leinwand – 100 Jahre Moviemento (2009) zurück. Dort zu sehen waren sicherlich auch Filme der Gallionsfigur für das unabhängige Schwule Kino, des 1994 gestorbenen britischen Regisseurs „Derek“ Jarman (2008). Viel zu früh musste die Filmgemeinde auch von einem der profiliertesten deutschen Filmjournalisten Abschied nehmen: Michael Althen (1962 – 2011). In Auge in Auge – Eine deutsche Filmge-

schichte (2008) ist es seine Stimme, die uns durch eine grandiose assoziative Entdeckungsreise durch den deutschen Film-Kosmos des 20. Jahrhunderts führt. Einen unverwechselbaren Part dort spielte auch der Schauspieler und Regisseur Bernhard Wicki (1919 – 2000), dem in der persönlichen Dokumentation Verstörung und eine Art von Poesie (2007) ein angemessenes Denkmal gesetzt wird.Die siebziger Jahre in Deutschland spielen auf sehr unterschiedliche Weise eine zentrale Rolle in Von einem der auszog – Wim Wenders’ frühe Jahre (2007) und Von Sex bis Simmel (2005), in dem sich unter anderem auch Filmgrößen des Neuen Deutschen Films mit einem gerne verdrängtem Kapitel der deutschen Filmgeschichte, dem Wirtschaftsfaktor Bahnhofskino, konfrontiert sehen. Die siebziger Jahre in den USA schließlich werden lebendig in den sich gut ergänzenden, prallen Essays über das Phänomen New Hollywood: A Decade under the Influence und Easy Riders, Raging Bulls (2003). Mark Cousins wiederum schuf 2009 The First Movie, eine Dokumentation, in der Kinder in einem kleinen kurdisch-irakischen Dorf – sonst nur Nachrichtenstoff im Zusammenhang mit Krieg und Gewalt – ihre ganz eigenen kleinen Filme drehen: Ein magisch anmutender Film über Wunder und die Kraft der Imagination.


36   Brave New World

Web-Serien — Was guckst du? Text  Christoph C. Petersen  Illustration Lianna Dora

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich empfinde immer doppelte Freude, wenn ich online etwas Tolles finde. Da ist zum einen die freudige Erregung über die erfolgreiche „Jagd“ nach etwas, das man noch nicht kannte. Und zum anderen die eigentliche Freude über den guten Inhalt oder die gute Unterhaltung. Natürlich muss man nicht „jagen“, um im Web irgendetwas zum Anschauen zu finden. Viele Fernsehsender stellen mittlerweile ihr Programm in Mediatheken zu Verfügung. Aber wie heißt es so richtig: Kleine Fische fängt man im flachen Wasser, große im tiefen Ozean. Denn das Web ist nicht entstanden, damit man den letzten RegionalTatort auf einen Computerbildschirm streamt, sondern, um der Welt beim „Schlauerwerden“

zusehen

zu

können.

Oder,

um

bestenfalls

selbst

dabei

mitzuhelfen. Hier sind die Fundsachen, die mich in letzter Zeit sehr gut unterhalten, gebildet und lange danach noch beschäftigt haben.

A Show with Ze Frank Legendär schräg im Auftritt, inhaltlich immer wieder ergreifend, tief und philosophisch ist A Show with Hosea Jan „Ze“ Frank. Die Vielfalt der Themen, derer sich Ze annimmt, und der stets greifbare persönliche Hintergrund dieses Mannes ist ein Garant für exzellente Unterhaltung. Schaut aber nicht zu lange auf seine Augenbrauen! www.youtube.com/user/zefrank1

Petrolicious Auto-Enthusiasten sollten diese Serie unbedingt bookmarken, denn hier entstehen regelmäßig topschicke Features über die coolsten Classic Cars und ihre Besitzer. vimeo.com/petroli

High Maintenance. Ben Sinclair versorgt als radelnder Dealer die New Yorker mit Gras. Es gibt erst eine Handvoll Episoden, aber jede wirft ein sehr genaues Licht auf einen Typ Großstadtmenschen, den jeder schon getroffen hat. Und der Dealer kennt sie alle. Mehr als Comedy. Jede Episode ist ein kleiner Diamant. Riesenpotenzial! vimeo.com/highmaintenance/videos


Brave New World  37

Kenny vs. Spenny Zwei Freunde fordern sich heraus. Wer macht eine beliebige Sache besser? Ruhm und Ehre für den Gewinner, Demütigung für den Verlierer. Wörtlich. In 20-minütigen, Jackassesken Episoden messen sich Kenny Hot und Spencer Rice in Themenfeldern, von denen sie meistens keine Ahnung haben. Das gleichen sie aber locker mit ihrem kindlichen Drive und einer Hassliebe für ihr Gegenüber wieder aus. über www.youtube.com

Vimeo Staff Picks Eine unstillbare Quelle für frischen Content jeder Art. Ein täglicher Besuch wird dringend empfohlen. www.vimeo.com/channels/staffpicks

RSA Animate (Royal Society of Arts) Ich kenne keine bessere und unterhaltsamere Art, um komplexe Themen in meinen Kopf zu bekommen. RSA Animate sind die Pixar der TED-Talks. über www.youtube.com

PBS Idea Channel Here’s an idea! Der Name ist Programm – Ideen und die Denke dahinter. Thematisch zwischen Kunst, Popkultur und Technologie unterwegs und allen Fragen, die das Spannungsfeld dieser drei Disziplinen aufwirft. Gut für den Kopf. www.youtube.com/user/pbsideachannel Wissens-Freaks schauen auch: Smarter Everyday www.youtube.com/user/destinws2

Above Average Network Gleich eine ganze Reihe kreativer Formate kommt von diesem Schreiber-Konglomerat ebenfalls aus der SNL/30Rock Ecke. Unbedingt anschauen: Kung Fu Mom von Sugar Boy. Einem aufgedrehten Jungen, der sich abgedrehte Stories ausdenkt. Die Art von Geschichten, die sich nur Kinder aus ihren wunderbar kreativen Köpfen melken können. Auch gut: 7-Minutes in Heaven und Front Desk über www.youtube.com

Portlandia/Thunder Ant Thuner Ant war eine legendäre US-Web-Series von Fred Armisen (SNL). Portlandia ist ihre Weiterentwicklung für das 2.0-Fernsehen. Für Nerds, Hipster, digital Natives und andere Großstadtneurotiker ein analytischer Blick in den Spiegel, über den man auch sehr lachen kann. über www.youtube.com Auch lustig: Hello Giggles, Zooey Deschanels Comedy-Channel Wer es sweet and quirky mag. Oder Zooey Deschanel. ebenfalls über www.youtube.com


Berliner Gesichter  39

BERLINER GESICHTER Text Bettina Schuler  Foto Tina Linster

André C. Hercher, Fotograf, uralt

Die Fotografie war bei mir zunächst nur ein Hobby. Von Hause aus bin ich studierter Physiker. Doch irgendwann, als es mit meiner Dissertation nicht mehr weiterging, und das Stipendium ausgelaufen war, habe ich die Naturwissenschaft beiseitegelegt und mich komplett auf das Fotografieren konzentriert. Als es bei mir Mitte der Neunziger mit dem Fotografieren los ging, war ich vor allem auf Undergroundpartys und in Clubs unterwegs. Wohingegen ich heute vor allem auf Filmpremieren und andere Glamour-Veranstaltungen gehe. Was mitunter auch alles andere als befriedigend ist, da es nicht nur wesentlich mehr Veranstaltungen, sondern auch wesentlich mehr Fotografen als früher gibt. Wodurch es für den Einzelnen natürlich schwieriger wird, seine Fotos später verkauft zu bekommen. Manchmal wünsche ich mir, dass es wieder solche wilden Partys wie in den Neunzigern gibt, damit man auch endlich mal wieder etwas Anderes, Neues erlebt. Natürlich gehe ich gerne auf Partys, zumindest, wenn sie gut sind. Ich kann jedoch meistens nicht lange bleiben, weil es immer noch eine Veranstaltung gibt, zu der ich gehen muss. Es ist eben doch Arbeit und nicht nur Vergnügen. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, weshalb ich dort nie etwas trinke. Nicht jeder Prominente wird gerne fotografiert. Die Reaktion ist immer ganz unterschiedlich. Für viele weniger bekannte Schauspieler sind solche Fotos aber natürlich auch eine gute Gelegenheit, um bekannter zu werden. Dementsprechend sind sie daran interessiert von mir fotografiert zu werden. Denn immerhin haben sie dadurch die Chance mit Foto und Namensnennung in einer Zeitung oder Zeitschrift zu erscheinen.

Es gibt Menschen, die wirken im ersten Augenblick wahnsinnig charismatisch. Doch wenn man später ein Foto von ihnen betrachtet, ist von dieser Ausstrahlung nichts mehr übrig, da sie durch diese eingefrorene Momentaufnahme ihrer Dynamik beraubt wurden, aus der sich ihr Charisma einzig und allein ableitet. Für mich ist das natürlich immer sehr ärgerlich, da solche Fotos für mich wertlos sind. Aber vorher sehen kann man das leider nicht. Ich selbst werde nicht gerne fotografiert und mache auch keine Fotos von mir. Höchstens zufällig durch eine Spiegelung im Bild. Es gibt so viele wunderbare Momente in meinem Beruf, die man jedoch leider ebenso schnell vergisst, wie sie gekommen sind. Aber ein sehr positives Erlebnis war das Zusammentreffen mit Dustin Hoffmann Anfang der Nullerjahre im 90 Grad. Denn er war viel freundlicher und offener, als ich erwartet hatte. Ein Foto, das ich gerne noch schießen würde? Ein Bild, in dem Stalin, Hitler, Humphrey Bogart mit Lauren Becall im Arm und Albert Schweizer plus Werner Heisenberg versammelt sind. Und hinter ihnen steht der sie alles überragende Bigfoot. Groß und haarig, wie man sich ihn eben vorstellt. Das würde mir schon sehr gut gefallen.


ONCE you go black, you never go back.

C HEC k it out

WWW.HARLEMBLACKCOFFEE.DE


English Translations  41

Events (p. 8)

ASTRA KULTURHAUS, Revaler Straße 99

Searching for the land of their dreams, Panama, they

www.astra-berlin.de, www.angusstone.com

discover the world, themselves, and the place where

MUTTI Restaurant

it’s the nicest and perhaps not so far away. Janosch’s

YOKO ONO PLASTIC

classic children’s book has been adapted by the Chine-

ONO BAND

se composer Lin Wang as a playful musical theater for children.

Tuesday to Friday, noon to 10 pm, Sat & Sun, from 5 pm

Concert

DEUTSCHE OPER BERLIN,Bismarck Straße 35,

17 February 2013

www.deutscheoperberlin.de

Show begins: 8 pm, Tickets: 32

BERLIN FILM FESTIVAL

euros /concs 26 euros

COMES TO YOUR NEIGH-

That mom’s cooking is the best is obvious. If you en-

BORHOOD

joy freshly prepared homemade cooking, then take

It was in March of 1969 when John Lennon and Yoko

Mutti (“Mommy” in German) in Kreuzberg to heart.

Ono were married that the experimental Plastic Ono

The dining room only seats 16 people, and overlooks

Band was founded. Ono became an icon of pop history

Film

the stove so it really does seem like you’re actually

from their work together: 44 years later, one day before

9 to 15 February 2013

sitting in someone’s kitchen. In addition to two daily

her 80th birthday, she’ll be standing on the Berliner

specials, there are classics like Swabian cheese noodles

Volksbühne stage with her son Sean Ono Lennon and

or dumplings. This Mutti deserves a “deluxe” stamp.

the Plastic Ono Band. The US-Japanese woman is tire-

It’s always difficult to get tickets for the Berlin Film Fes-

Hope it doesn’t make Mom envious!

less at nearly 80! Happy Birthday, Yoko Ono!

tival, and the cinemas are always far away? No more!

Grossbeeren Straße 36, www.mutti-kreuzberg.de

VOLKSBÜHNE, Linien Straße 227

Since 2010 you no longer have to go to the festival be-

www.volksbuehne-berlin.de

cause the festival now comes to you. For one evening,

ROCCO & SANNY

the Berlinale’s Flying Red Carpet makes seven stops in

100° BERLIN Bar and Grill Tues to Sat: 7 pm to 5 am

neighborhood cinemas to present selected films from the Berlinale program. Film teams will present their

Theater

work in person, and a prominent patron is on hand to

21 to 24 February 2013

greet the audience on the red carpet.

Festival Pass: 48.40 euros,

Participating Cinemas: Bundesplatz-Kino (Wilmers-

day ticket: 17.60 euros

dorf), fsk Kino am Oranienplatz (Kreuzberg), Neues Off (Neukölln), Odeon (Schöneberg), Tilsiter Lichtspiele

We’re long over-due in telling you that Rocco & San-

(Friedrichshain), Kino Toni & Tonino (Weißensee), Tha-

ny, which opened end of September, will be closing its

The theaters HAU and Sophiensæle will be opening

lia Programm Kinos (Potsdam-Babelsberg)

doors this year. Urban Italian Food and spontaneous

their doors for the tenth time to host the 100° Berlin

www.berlinale.de

creations are served by the eponymous chefs Rocco and

Festival for a four-day marathon of plays, performan-

Sanny in this pop-up location with peeling, flowered

ces, music theater and dance projects. The indepen-

FESTIWELT BERLINALE

wallpaper. After the kitchen closes, it’s off to their bar.

dent theater scene’s celebration is of course accompa-

PARTY

Friedrich Straße 113, www.roccoandsanny.de

nied by lavish parties every night that go until dawn. Day tickets are valid at both venues. Shuttle service

ANGUS STONE

Party

between the two locations will be provided.

13 February 2013

HEBBEL AM UFER & SOPHIENSÆLE,

Doors open: 9 pm

Concert

Stresemann Straße 29, Hallesches Ufer 32,

8 February 2013

Tempelhofer Ufer 10, Sophienstraße 18

Show begins: 9 pm,

www.hebbel-am-ufer.de, www.sophiensaele.com

Tickets: 23 euros

Berlin can justifiably call itself a film capital with over 50 film festivals held annually. Festiwelt has provided

OH, WIE SCHÖN IST

the festivals with a network and a platform for inter-

PANAMA

cultural exchange since 2009. For the third time now,

You know him as the male counterpart of the brother-

more than 20 Berlin film festivals, the Berlin film

sister act Angus and Julia Stone. They rose to fame with

Music Theater for Children

scene and the Berlinale are getting together to celebra-

their EP Chocolate and Cigarettes, and have enriched

2, 7 & 8 February 2013

te all night on two floors with three floors the variety

the indie-folk world for years. This Australian has gone

Show begins: 2 Feb at 3 pm,

of festivals in Berlin.

solo for some time now with his own delicate folk

7 & 8 Feb at 11 am, tickets: 16

NAHERHOLUNG STERNCHEN,

hymns. Bob Dylan and Neil Young are his musical in-

euros / concs 8 euros

Berolina Straße 7, www.festiwelt-berlin.de,

fluences. The creative spectrum of this gifted singer /

It all starts with a banana-scented wooden box that

songwriter, however, includes much more, which his

Bear fishes out of the river. The inscription Panama

latest album Broken Brights proves.

arouses in him and Tiger a longing for faraway places.

www.naherholung-sternchen.de


42   English Translations

BERLIN IN BERLIN

The intimacy of the exhibition provides movie fans

that held its meetings in the same building as Polzin

with both inspiration and insight into how the direc-

did with his Live Game Company. Polzin recalls: “I

Music Festival

tor works.

was there rehearsing with my company. At one point

1 to 5 March 2013

GERMAN KINEMATHEK –

three people were sitting in the rehearsal room. One

Show begins: 8 pm,

MUSEUM FOR FILM AND TELEVISION,

of them came back, the other two did not. The one who

Tickets: 12 euros /

Potsdamer Straße 2, www.deutsche-kinemathek.de

remained became one of my best actors. The members of the support group are urged to expose themselves

consc 8 euros (per night)

TOMMY DOLLAR

to situations like these: You should make contact with strangers. I didn’t know at first that he had social pho-

George Gershwin called him “the greatest songwriter who ever lived”: the American composer Irving Berlin

31 January to 23 February 2013

immortalized himself with countless hits that are an-

daily from 12 to 8 pm

bia. But that’s how the group developed.”

chored in the cultural memory of many generations.

For Polzin’s work, it ultimately doesn’t matter whether

On five evenings, the ensemble Cool will be presenting

someone has a phobia or not. Anyone can slip into

his works in both classical and jazz traditions with a

roles and try out things that you couldn’t otherwise

modern twist. The atmosphere of the New York club

try. One of his participants reports:

scene of the 40s and 50s will be recreated with cuisine

The Swede Thomas Dellert worked and celebrated with

and discussion in the concert hall.

greats like the Sex Pistols, Hendrix or Warhol who gave

“Acting exercises give me the security that a conver-

FORMER HAUS UNGARN & GOLDNEUN,

him the nickname Tommy Dollar. In London he got in-

sation in a social situation can always continue. Mo-

Karl-Liebknecht-Straße 9

volved in the punk movement and with figures such as

ments of silence no longer feel unbearable. I know

www.irvingberlin.de www.goldneun.de,

Malcolm McLaren and Vivienne Westwood. His expe-

from acting training that something new is always cre-

riences became the basis of his work, which is rooted

ated out of a moment of silence. I only need to listen to

in pop art and multimedia. Dellert constantly invents

my body impulses. We learn from exercises to go with

anew – the latest is now on display in Berlin: the exhi-

body impulses, and not to suppress them. The training

Concert

bition THE MIRROR HAS TWO SIDES - From Monroe to

helps me cope with everyday life, to stay with my own

3 February 2013

Warhol and back again.

thoughts, to pursue my interests and often to get hold

Admission: 25 euros /

STUDIO CHECKPOINT CHARLIE, Mauer Straße 81-82

of an emotion. Acting techniques give me the security

CTM.13 – SUNN O)))

of trusting my own body, in other words, myself. They

presale: 22 euros, Show beings: 8 pm

Improv theater

also improve your attitude to yourself and give you

for people with

confidence. One insight that particularly helped me

With the motto The Golden Age, the CTM Festival will be

social phobia

was realizing that in social interactions others want to

looking at the diversity and profusion of contemporary

(p.18)

interact. You can basically assume it. There are only a few who want to spoil one the “game”.

music, and at challenges and opportunities created for the individual as well as aesthetics or politics. The final

Harald Polzin runs a theater

concert with SUNN O))) will be the crowning highlight

group that thinks of itself

The members of the ‘courage lab’ don't want to be

of the CTM.13 because the monolithic drone sound of

as a ‘lab for courage’. Only

named or have their pictures taken. They are afraid of

Stephen O’Malley and Greg Andersson’s guitars is one

people who suffer from social phobic disorders can be

being stigmatized; no one wants to be seen as weak.

of the most radical sound designs of the last decade.

members. Wait a minute, you mean people who actu-

And that’s why the audience doesn’t realize that they

ASTRA KULTURHAUS, Revaler Strasse 99

ally don’t like to be in the limelight? Right. And that’s a

are people with social phobias. “That’s good,” says

www.astra-berlin.de, www.ctm-festival.de

perfect fit for our February issue on stage fright.

Polzin. “Otherwise you have an advantage. The audience doesn’t know. We’re simply booked as actors.”

MARTIN SCORSESE

In the lab they practice improvisational theater without rehearsing because it’s not possible; instead, the

Interaction is trained in improv theater. It’s not so

Exhibition

concentration is on the twists and turns of acting.

much what you say, but how you act together. You have

10 January TO 12 May 2013

Nothing is staged. The course of the play is dictated by

to be clear yourself first: Where am I, what is the situa-

Tuesday to Sunday, 10 - 18

the audience shouting topics or keywords. How does

tion and who is my opponent? If you understand that,

clock, Thu, 10 - 20 clock,

someone with social phobia get the idea to join an im-

you can basically handle any situation.

Admission: 7 euros /

prov theater? Another participant explains: “The improv theater

reduced 4,50 euros He is one of today’s most important and successful

Polzin, who himself is an actor and director, explains:

workshop was very valuable for me. I was constantly

filmmakers; one who has sustainably shaped the mo-

“Theater helps people to be aware of something, to

challenged and encouraged to face my fears, to get out

dern American cinema with his narrative style. Martin

be able to look at something. In this way people de-

of my comfort zone by getting out on stage in front of

Scorsese celebrated his 70th birthday last November,

velop skills that they can then use in everyday life.

others. In this way I was able to try out playful and cre-

and opened his private archives in New York, which are

They learn how to interact.” Someone who was hop-

ative things in a protected environment; things that I

now on display in Berlin in their first world exhibition.

ing for exactly this effect came from a self-help group

would have normally not done. Like express extreme


English Translations  43

emotions such as temper tantrums, screaming, loud

Mostly because you get to do so many different things

ask Jonas, who is now 21-years-old and has even worked

singing and eccentric or obnoxious behavior. I believe

that are needed in putting together the puzzle of a

as an actor and DJ, where his gig is, he says to me: no

that constant exposure to these new experiences in

film. But even while I was still studying I realized that

way, you’re definitely not going to be there. But at least

everyday life will give me more confidence and se-

I wanted to act, and as luck would have it, I was discov-

he took me to Berghain after his graduation.

curity in dealing with my social anxiety. I'd love to

ered by the director Sherry Hormann. In any case, I’m

continue on a regular basis with this or with a similar

still interested in directing, and would like to direct my

Not every son would do that...

form of instructor-led, theater work.”

own film one day. It’s a goal that I constantly work on,

It totally surprised me when he took an interest in act-

and I think it’s just around the corner. (Laughs)

ing at the end of school. I would have never thought Jo-

When asked if they ever had someone who trained

nas might be interested. And after he sent photos and

with them but then didn't go out on stage Polzin re-

It is a pain or a thrill to be recognized on the street?

introduced himself to some casting agents, he even got

sponds: “Yes, absolutely. Even someone who’d already

After all, it’s nice to know that people know the movies

a role in the television series Der Kriminalist.

been on the stage. A woman who’d benefited tremen-

you’ve been in.

dously from training. We played at a Christmas party.

Meanwhile, you’ve also acted together...

Everything was going well great, but afterwards she

Quite honestly people very rarely approach me in the

Yes, in an episode of Soko Köln. It was a great experi-

stood with her back to the wall. I said, “Come on, get

street. Probably because I look completely different in

ence for both of us.

your applause,” but she refused.

every role. However, a lot more people recognize me after I play a lead role in a Tatort. But Berliners are very

I read in an interview that you don’t watch horror mov-

Participating in improv theater, of course cannot re-

reserved when it comes to this. Whereas when I did the

ies. Now you’re featured in a German 3D horror film...

place therapy or a self-help group. But at least it’s a

series Bis in die Spitzen in Bochum—

I wouldn’t call The Forbidden Girl a horror film, but a

playful way to overcome one’s social anxiety. Polzin:

mystery thriller instead. Also because of the fairy tale

“I can not intervene even with my training as a coach.

It was such a great show! Sorry I interrupted, I had to

story which revolves around a young couple who are at

I am like a coach for a football team. You train people’s

say it! Too bad it was cancelled so quickly.

the clutches of an old witch and her lover.

strengths, and train away the weaknesses.”

Yes, that’s right... In any case, when I was there in the Ruhr region, I was recognized a lot and people often

An unusual genre for a movie made in Germany where

Harald Polzin will offer a new course called Goodbye

came up to me to talk to me about my character. Ob-

you usually only see children’s films or comedies...

stage fright. Anyone wishing to participate,

viously because not much is filmed there, and also

And in 3D! What impressed me more than the film-

please call 030 49 50 08 56

because the people there are very open. I was even on

maker’s courage to shoot a German genre film was

or contact him at Harald.polzin@gmx.de

the toilet once and got asked why Nicki, my character,

creating something unique with such creativity and

left her husband even though he was such a nice guy;

passion, and with so few resources. That’s really some-

The art of

and, yeah, my ex, Ralph Herforth was sexy, but to give

thing special.

the moment

everything up for him? No, this woman couldn’t un-

(p. 26)

derstand it. Something like that would never happen

The Forbidden Girl, Mystery Thriller, Germany 2013

to an actor in Berlin. Berliners are too reserved.

Director: Till Hastreiter DOP: Tamás Kernényffy

Why do people become actors? Because they really like

Your two children have already done some acting. Your

Editor: Florian Drechsler, Thomas Krause

to be in the limelight? Or be-

six-year-old daughter played your child...

starring Jeanette Hain, Peter Gadiot, Klaus Tange, Jytte-

cause, as the Austrian theat-

Which came about by chance. I didn’t force it before I

Merle Böhrnsen. www.europeanmotionpictures.eu

er director Max Reinhardt put it, you ultimately dis-

know how directors don’t like actors and their children

Bis in die Spitzen, TV series, Germany 2005

cover yourself through the constant transformation?

working on the same set together. But my daughter

Directors: Thomas Berger, Michael Rowitz

We discussed this with 43-year-old actress Jeanette

Malou had already expressed the desire to act. Proba-

DOP: Anton Klima

Hain whom we know as the society lady Gloria Glanz

bly because I’d taken her to so many sets from an early

Editor: Ute A. Rall

from Dieter Wedel’s two-part Greed, and as Brecht’s

age, and she had absorbed acting while breast-feeding.

Starring Jeanette Hain, Ralph Herforth, Muriel Bau-

last lover in the movie Farewell. Brecht’s Last Summer,

Which is why I decided to go for it when director Do-

meister.

and soon will know as a havoc-wreaking witch in the

minik Graf proposed it. And what was much nicer than

German 3D mystery thriller The Forbidden Girl.

her getting the role was watching how easily she got

Lest We Forget

into the role. The most beautiful moments for me

Documenta-

Did you always want be an actress?

when I’m acting are giving in to the present moment.

ry filmmaker

As kitschy as it sounds, yes, I used to dream about it

Children are usually always very good at this.

Claude Lanzmann

as a child. Many children lose this innocence, unfortunately, with

(p. 30)

Yet you first studied directing at the Film Academy in

the onset of the puberty...

Munich?

My son Jonas was ashamed of me at the time. He re-

Eleven years. That’s how long

After kind of getting spit out of school, many things

fused to watch me perform in Salome, because I could

87-year-old journalist and filmmaker Claude Lanzmann

that interested me. I finally decided to study directing.

have danced lasciviously on stage. And today when I

worked on his documentary Shoah (1985), interviewing


44   English Translations

victims and perpetrators of the Holocaust in 14 coun-

Filmography:

The Kinderfilm Berlin’s cartoon workshop is another

tries. The result is a two-part, nine-hour documentary

Le rapport Karski, France 2010, 49 minutes, Israel, Why

very exciting offer for children 8 years and older. They

about the cruelty of the Nazis that couldn’t be more

France, 1973, 2 DVDs, 195 Min. + 43 minutes, podium

have the opportunity to see how their favorite Playmo-

powerful. It depicts better than all the documentaries

discussion, in several languages. Subtitles in German,

bil pirate and his cronies board a ship.

before and after the bestial accuracy with which the

English and French.

Third Reich planned and carried out mass murder. In

And for all parents who would rather introduce their

contrast to many other films, Lanzmann dispenses with

Shoah, France, 1985, 4 DVDs, 566 minutes, in several

media-saturated children to theater, I whole-heartedly

music, narration and archival material; instead, he cre-

languages, subtitles in English, German, French and

recommend the club “Theater im Urlaub”. Their pro-

ates a picture of the Holocaust based on interviews with

Spanish.

gram includes a summer vacation workshop in which

witnesses and images of the crime scenes as they are to-

children from age 7 work on a play together.

day. The film deliberately doesn’t proceed chronologi-

Sobibor, 14 octobre 1943, 16 heures/ Un vivant qui

cally, but attempts by way of fragmented juxtaposition

passe, France 2001/ France 1997, 95 min + 65 min.,

Deutsche Theatre is the right place for adolescents

of interviews to recount the incomprehensibility of the

original version with subtitles.

and young adults between 12 and 25. There they can

events. What’s especially alarming about Lanzmann’s film,

participate in various open workshops for 40 euros a Tsahal, 2 DVDs, 290 and 40 minutes, France/Germany

month. In addition, they get discounted tickets for per-

1991-1994, original in several languages with subtitles.

formances. Absolutely perfect for all teens interested

however, how audaciously some of the perpetrators

in theater.

talk about their crimes; the ease with which these for-

All films are available from MEDIEN.

merly staunch Nazis shirk responsibility, presenting

www.absolutmedien.de

Many years will pass before I get my daughter to go

themselves as small, powerless cogs in a big machine.

Deutsche Theater. Just the sight of the evil fairy from

You wonder sometimes how Lanzmann managed to

We Mitte Mums

Sleeping Beauty is enough for her to scamper under

calmly ask his questions in the face of such shameless-

(p.33)

the theater chair, and this from someone who explains

ness. As a viewer you want to scream at how brazenly

the entire functionality of the iPhone. I’m now offi-

the perpetrators try to impute their amoral behavior

My daughter has a new hob-

with some kind of humanity. Especially as he is the son

by: photography. And of

of Jewish parents, and fought with the French Resist-

course she doesn’t use the

Experimentalbox - Youth Media Club

ance during the Second World War. A particularly crass

little, pink mini-camera we

www.so69-jugend.de

example of this is the interview with the SS-Sergeant

especially bought her for this

Franz Suchomel in which he tells Lanzmann that he

purpose, no, that would have been too easy. Naturally,

KINDERFILM Berlin e.V.

only whipped the men and not the women into the gas

she prefers using my husband’s iPhone, and especially

www.kinderfilm-berlin.de

chambers of Treblinka. As if that fact might just make a

whenever the risk that it will break is highest, which is

bit less cruel.

why he only reluctantly hands over the phone after a

Junges DT

barrage of loud screaming and insulting. Yes, I know, as

www.jungesdt.de

cially a dinosaur.

No less interesting are later Lanzmann’s documenta-

educating parents, we should be tolerant and unwaver-

ries Sobibor, 14 octobre 1943, 16 heueres and Un vivant

ing in our opinion. But honestly: I ask you, who man-

Theater im Urlaub

qui passe, which are based on interviews not used for

ages to apply Dr. Spock’s child-rearing advice after just

www.theater-in-urlaub.de

Shoah, and in which Lanzmann speaks with two wit-

five hours of sleep, eight hours of work and three

nesses from this time who couldn’t have a more differ-

hours of nagging? And even more important begs the

ent attitude to personal responsibility: Yehuda Lerner

question: how can we rescue my husband's iPhone?

EYEOUT Art Events (p. 34) Frank Nitsche –

played a considerable role in helping over three hundred inmates escaped during a uprising in Sobibor in

The best thing is signing her up in the youth media club

PROFESSIONAL

1943.

Experimental box where children from 11 to 20 years not

SMILE

only learn about photography, radio and film, but also Whereas, the other, the Swiss officer Maurice Rossel,

about the pitfalls and tricks of the media world. And in

12. January – 16. February 2013

an International Red Cross representative who visited

these times of Facebook and studiVZ, it’s not the worst

Tuesday to Saturday 11–18 h

Theresienstadt, was blinded by Nazis propaganda. He

thing you could do. If your child is just as happy as mine

wrote a sugarcoated report about the ghetto, missing

is to choreograph her own dance routines then you

Frank Nitsche’s geometrical

an opportunity to denounce the barbarity of the Nazis

might perhaps consider celebrating their next birthday

canvases offer a captivating contradiction; while evoking

publicly. All those who do not know Claude Lanzmann’s

with the team at Kinderfilm Berlin. They’ll make your

three-dimensional drawings of very modern architec-

work will have the opportunity to see his films at the

child a star of their own film. The birthday child and

ture, the material quality of the artist’s chosen medium

Berlin Film Festival this year. The documentarian will

guests get a glimpse into the world of filmmaking in a

– oil paint – belies the slick mass production of the shapes

not only be given the Golden Bear award, but an entire

three-hour workshop. They make their own short film

they seem to represent. Professional Smile at Galerie Max

film series will be devoted to him, which includes for the

that they get to take home as a DVD. Nothing could be

Hetzler sees Nitsche turn this analysis of contradiction

first time, the restored and digitalized version of Shoah.

cooler if you happen to be raising a future film nerd.

and production onto his own practice. Known for cons-


English Translations  45

tantly drawing on his own works – Nitsche does not be-

from his usual medium, Girardet does not leave cine-

Duve starts 2013 with Very New Works, a group show

lieve in art as a finished product – he presents a reworked

matic concerns behind; he is working to further plumb

that is metaphorically still damp. Bringing together

series of paintings produced for Brandenburgischer

filmic meaning through its structures and mecha-

the newest works by Markus Amm, Sebastian Black,

Kunstverein Potsdam in 2010, but now changed comple-

nisms. Using primarily found footage from the fifties

and Paul Cowan – all made especially for this show –

tely from their original incarnation. Hung in conjunction

and sixties, the artist presents two series of small-for-

the exhibition eschews concentrating on interactions

with a photo wall of media images (collected by Nitsche

mat film stills to examine recurring motifs – whether

between specific pieces. The focus is instead on the

since his student years) depicting accidents and zoolo-

the artificial lightning of Seven Strokes (2008) or the

notion of immediacy, paying homage to an ephemeral

gical curiosities, the artist poses an intriguing question:

maritime horizons of his work in progress, Seascapes.

moment between a work’s creation and its reception.

how can we differentiate artistic products from any other

The enigmatic Talking to Delilah (1998), an LED ins-

Amm, Black, and Cowen flawlessly navigate this con-

reconstructed media product? For Nitsche, the answer is

tallation based on the 1949 film Samson and Delilah,

ceptual territory together through a shared self-aware

perpetual self-reflection and revision.

offsets these familiar images, ultimately shifting the

sense of humor. This is accomplished through Amm’s

Galerie Max Hetzler, Oudenarder Straße 16–20,

exhibition’s dialogue from a more simple deconstruc-

playful processes with paint, Black’s carefully balanced

www.maxhetzler.com

tion of cinematic methods to a rather complex celeb-

visual jokes, and Cowen’s material idiosyncrasy. Kee-

ration of film’s mysterious allure.

ping humor as its binding foundation, Very New Works

Christoph

Campagne Première, Chauseestraße 116,

achieves a difficult and striking balance between work

Girardet –

www.campagne-premiere.com

that is already on the gallery wall and true newness.

The Prints

DUVE Berlin, Gitschiner Straße 94/94a, Very

www.duveberlin.com

12. January – 23. February 2013

New Works –

Tuesday to Saturday 11–18 h

Markus Amm, Sebastian Black,

Christoph Girardet, largely

Paul Cowan

known for films and video installations, presents a selection of his non-time-based works with The Prints

19. January – 2. March 2013

at Campagne Première. But even when stepping away

Tuesday to Saturday 11 – 18 h

Mitteschön Verlosung Mit strahlender Haut im Rampenlicht Wer im Rampenlicht steht – egal ob auf der Bühne, dem roten Teppich oder beim ersten Date – möchte natürlich eine strahlend schöne Haut haben. Dafür sorgen wir mit dem Set von MYE Kosmetik: Die Tagescreme MYE Beautiful Day, die Nachtcreme MYE Relaxing Night und die Augencreme MYE Brilliant Eyes wurden gezielt für die verschiedenen und komplexen Bedürfnisse der Haut entwickelt. Die Wirkstoffe in MYE Kosmetik schützen nicht nur vor UVbedingtem Kollagen-, Energie- und Hyaluronsäureabbau durch Sauerstoffradikale, sondern wirken auch effektiv gegen Falten. Die Neubildung von stützenden Strukturen wird durch MYE Kosmetik aktiv gefördert und die oberflächlichen Muskelzellen rund um die Augen werden entspannt. Überzeuge dich selbst! Ab dem 1. Februar verlosen wir ein komplettes MYE Pflegeset im Wert von über 200 Euro auf www.mitteschoen.com


46   Kolumne

Über Verwechslungen Text Oliver Janik  Illustration Lianna Dora

Jacuzzis!?

„Was ich noch sagen wollte…“ – Hinweise auf Missstände und andere Belanglosigkeiten.

Neulich sagte jemand, so ganz nebenbei sagte er das, also eher beiläufig, doch mit umso größerer Selbstsicherheit, feist zurückgelehnt in den Fauteuil eines Berliner Memberclubs, das leere Glas Sauvignon Blanc selbstvergessen in den Händen balancierend, zufrieden mit sich und der Welt und erst recht mit seiner CMO-Funktion in dem neuen super-heißen E-Commerce-Ding, wofür er und seine Guys (wie er sie nennt) „mal so richtig VC eingesammelt haben, Alter“, ja, sagte er, dass das ja ein „Riesenproblem“ sei mit der organisierten Kriminalität, das gebe es ja überall, „in China sind’s die Triaden und in Japan heißen die ja Jacuzzis“. Er meinte natürlich Yakuza. Und das klingt natürlich ähnlich, zugegeben, ist aber dann doch etwas anderes, Selbstsicherheit hin oder her. Ein paar Buchstaben nur und schon wird im Handumdrehen aus ostasiatischen Halsabschneidern ein Whirlpool. Buchstaben, mannomann, möchte mal wissen, wer sich diese Sauerei ausgedacht hat. Kleine (und auch große) Scheusale sind das, die mit hinterlistigen Manövern wie zum Beispiel dem lästigen „ti“ in Authentizität orthographische (und verbale) Defizite subtil, aber schonungslos bloßlegen. Ja, und Wichtigtuer können die sein, wie das „e“ in Spontaneität oder das „t“ in Zeitläufte, das ist ja wirklich schon peinlich, wie die sich in den Vordergrund spielen. Und kaum ist man mal einen Sekundenbruchteil unachtsam bei der Reihenfolge entstehen zwangsläufig Verwechslungen – so wie bei den Whirlpools. Ja, das ist schon so eine Sache mit den Verwechslungen, ist ja schnell passiert. Gerade neulich erst stolperte eine Dame aus Sachsen ebenfalls über Buchstaben bzw. über deren, in ihrem Falle leicht dialektal gefärbte Artikulation – und schon landete sie anstelle in Porto in Bordeaux, weil die Reiseverkehrskauffrau im Reisebüro das eben ein bisschen

falsch verstanden hat. Ich finde, man sollte ihr nicht böse sein und außerdem ist ja Bordeaux auch ganz schön, man denke nur an die Kathedrale oder den Place de la Bourse. Verwechslungen, immer wieder ein Riesenthema. Deshalb hat ihnen Hollywood auch völlig zurecht ein filmisches Denkmal gesetzt mit Manche mögen’s heiß und dazu zig Screwball Comedies, meist mit Cary Grant und Katherine Hepburn. Natürlich sind Letztere nur so semi-witzig, aber vielleicht muss man das eben „im geschichtlichen bzw. zeitlichen Kontext sehen“, was nebenbei bemerkt die Generalamnestie und Postrationalisierung jedweder Unwitzigkeit ist. In Europa haben wir dann in Sachen Verwechslungskomödien – wenn auch leicht zeitversetzt – nachgezogen mit den unvergessenen Arthouse-Perlen Didi – Der Doppelgänger („Pösel, ich brauche mehr Details!“), oder dem Bud SpencerKlassiker Vier Fäuste gegen Rio. Und Berlin? Auch hier kommt es ja ständig und immer zu Verwechslungen. Beispiele gibt es viele, sei es, wenn schlichte und anstandsbefreite Rotzigkeit als Berliner Schnauze verklärt wird, Radfahrer auf der Schönhauser Allee Courage mit Todessehnsucht durcheinanderbringen oder Pub Crawls den Prenzlauer Berg mit der Playa Bossa oder der Düsseldorfer Altstadt verwechseln. Sogar das Wetter hat sich von der grassierenden Zerstreuung anstecken lassen und bekommt das mit der Reihenfolge der Jahreszeiten nicht mehr ganz in den Griff. Konfusion also allenthalben, da gehört mal wieder Ordnung rein, eine klare Linie. Vielleicht können das ja Wowi und Platzeck machen, egal, wer als Stellvertreter von wem, da hätte ich jetzt ein gutes Gefühl.


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Legende Kultur/Freizeit/Shopping

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07. Campagne Première, Chauseestraße 116

Out of Mitte

08. DUVE Berlin, Gitschiner Straße

13. Deutsche Oper Berlin, Bismarckstraße 35

09. Filmgalerie 451, Torstraße 231

14. Hebbel am Ufer, Stresemannstraße 29,

03. Deutsche Kinemathek, Potsdamer Straße 2

Restaurants/Cafés/Bars/Clubs

15. Galerie Max Hetzler, Oudenarder Straße 16–20

04. Studio Checkpoint Charlie, Mauerstraße 81–82

10. Mutti, Großbeerenstraße 36

16. Astra Kulturhaus, Revaler Straße 99

05. Volksbühne, Linienstraße 227

11. Rocco & Sanny, Friedrichstraße 113

06. Generation 13, Große Hamburger Straße 17

12. Naherholung Sternchen, Berolinastraße 7

01. Ehemaliges Haus Ungarn & Goldneun, Karl-Liebknecht-Straße 9 02. Sophiensaele, Sophienstraße 18

Tempelhofer Ufer 10 und Hallesches Ufer 32

8 10

Illustration: Lianna Dora

3


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Mitteschön Magazin - Ausgabe 30  

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