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Kulturgut  19

Damals, vor zehn Jahren, auf dem sonntäglichen Flohmarkt am Boxhagener Platz in Friedrichshain, fing alles an. Dort hat er das erste Tagebuch gekauft, geschrieben in Berlin Grunewald, 1940. „Beim ersten Durchblätterten konnte ich es zunächst kaum lesen. Dann lag es erst mal ein halbes Jahr im Schrank. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, warum ich es plötzlich wieder herausgeholt habe. Ich begann, es abzuschreiben und immer, wenn ich eine interessante Stelle gefunden hatte, las ich es Freunden vor oder erzählte ihnen davon. Das Interesse, was mir dann entgegenschlug, hat mich motiviert, weiter zu machen. Ich hab aber gar keine Gedanken daran verschwendet, was daraus werden könnte.“ Allmählich verwandelte diese Leidenschaft das Zimmer des 31-Jährigen in ein Antiquariat. Am Anfang war es noch nicht so einfach, die alten deutschen Schriften, wie Sütterlin oder die deutsche Kurrentschrift, zu entziffern. Doch wo ein Wille ist... „Während meines Germanistik- und Geschichtsstudiums habe ich Übungsseminare belegt, um diese Schriften zu lernen. Angefangen mit mittelalterlicher Schrift bis zur relativ neuen Schrift aus dem 19. Jahrhundert. Dann habe ich halt viel geübt, mich dahinter geklemmt und stundenlang abgeschrieben.“

mer den schüchternen Versuch nicht hinzusehen, wenn ich kam; aber bei meiner überströmenden Freundlichkeit war das gar nicht möglich. Zwischenstarts von anderen Boys scheiterten einfach an meiner Routine, trotzdem ich ja immer bestellt hatte. So hatte ich wieder mal – seit langer Zeit – einen 100 % Abend verbracht, als ich sie mit ihrer Cousine, an die sich ein anderer Landser angeschlossen hatte, ganz ritterlich – ich möchte das betont wissen – nach Treptow nach Hause brachte.

„Nach ein oder zwei Tänzen, bei denen ich mit alten Bekannten Erinnerungen austauschte, startete ich auf ein direkt an der Tür sitzendes Mädchen – mit Tiefstart versteht sich.“

Eines seiner Lieblingstagebücher ist das von Bruno W. Der Schüler war in den 1930er Jahren in der Berliner Swing-Kid-Szene unterwegs, eine bunte kulturelle Enklave im schwärzesten Kapitel Deutscher Geschichte. Zwischen 1937 und 39 wurde das Tagebuch geschrieben, dennoch kommt das politische Dritte Reich in den Mitschriften so gut wie gar nicht vor. Die Swing-Kids tanzten durch die Nächte von Kreuzberg und Neukölln, kleideten sich stilecht und waren Meister der Verführungskünste. Dabei benutzten Bruno und seine Clique, der Schotten-Club, eine ganz eigene Jugendsprache:

Die besten Geschichten sind die ausführlich geschriebenen, die Einblicke in das alltägliche Leben vergangener Zeiten geben. So beschreibt ein Soldat aus dem Jahre 1850 auf einer ganzen Seite nichts als seine Wachstube. Stück für Stück, ganz detailliert. Dadurch bekommt die Erzählung Farbe, die Geschichte wird erlebbar. Auch für erotische Mitschriften hat Theo eine Schwäche: „Wenn so etwas mal vorkommt, dann ist es poetischer geschrieben, als es heute der Fall wäre. Was sicher auch daran liegt, dass die Sprache damals generell poetischer war – oder für uns zumindest so wirkt.“ Wie etwa das Tagebuch des Studenten aus Leipzig, der bei seiner Hauswirtin lebt und ein Verhältnis mit ihrer Tochter anfängt. Diese gestattet es ihm allerdings nicht, sie von Kopf bis Fuß nackt zu sehen. Sein Coup: Er bohrt ein Loch in die Badezimmertür, der Verbindungstür zu seinem Zimmer, und beobachtet sie aus dem Verborgenen:

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einen neuen Stern habe ich am 1. Weihnachtsfeiertag im Rheingau kennengelernt. Der Laden war gerade so voll. Mit kundigem Auge peilte ich die Sachlage an und konstatierte, dass das meiste Volk am Eingang saß. Nach ein oder zwei Tänzen, bei denen ich mit alten Bekannten Erinnerungen austauschte, startete ich auf ein direkt an der Tür sitzendes Mädchen – mit Tiefstart versteht sich. Mit gekonnter Routine verwickelte ich das kleine, junge Mädchen sofort in ein mehr oder minder (wie’s eben so bei einem Tanzgespräch ist!) interessantes Gespräch über Schule usw., usw. Jedenfalls vermied ich es ängstlich über Wetter, Kapelle, Parkett oder Beleuchtung zu sprechen, was mir auch glänzend gelang, denn sie ging sofort auf meinen Kukilores ein und ulkte mit. Nach alter Erfahrung bestellte ich gleich nach dem ersten Tanz und landete dann auch wieder mit einem prachtvoll gelungenen Tiefstart bei ihr, worüber sich ihre Cousine prächtig freute. Sie machte im-

ndlich, wo ich dachte, das Essen käme, sagte Lisbeth sie wollte sie noch waschen und da machte ich das Loch wieder auf. Mit Kitt hatte ich es nicht wieder verschmiert gehabt, ich hatte das Seidenpapier nur angenäßt sodann glatt gedrückt und dann mit Insektenpulver bestäubt. [...] Während ich so lauerte, drückte ich auch ein Stückchen Kitt, das inmitten des Ganges, der in der Mitte in Folge einer Fuge in die Tiefe sich senkte, sich befand, in diese hinab, weil sie mir zuviel von der vollen Aussicht raubte. Das war z. T. ein gefährliches Werk, weil das geringste Geräusch dabei mich verraten hätte. Endlich, endlich kam sie ganz nackt. Der Gedanke daran, an diesen ersten Anblick, regt mich noch jetzt auf, wo ich dies schreibe. Das Gesichtsfeld war wirklich ein ziemlich bedeutendes. Ich sah den ganzen Rücken und den Arsch und den Anfang der Beine. Es war ein fast blendender, berückender, zündender und doch auch wie-

Mitteschön Magazin - Ausgabe 18  

Neues aus Berlin Mitte

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