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Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Nr. 37/25. August 2009

Arbeitskosten international

Deutschland bleibt teuer Die industriellen Arbeitskosten je Stunde haben sich in Westdeutschland von 2000 bis 2008 im Jahresschnitt moderat um 2,3 Prozent erhöht, im Osten um 2,4 Prozent – international war der Zuwachs nur in Japan und der Schweiz geringer. In Frankreich dagegen mussten die Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes in den vergangenen acht Jahren ein jährliches Kostenplus von 3,4 Prozent verkraften. In den USA belief sich das Plus auf 3,7 Prozent und in Großbritannien sogar auf 4,4 Prozent. Allerdings hat Deutschland mit seinem Tritt auf die Kostenbremse bestenfalls die Sünden der Vergangenheit wettgemacht. Im Jahr 2008 lagen die Arbeitskosten in der westdeutschen Industrie immer noch um 31 Prozent über dem durchschnittlichen Niveau der fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Mit 35,22 Euro je Arbeitnehmerstunde schulterten die westdeutschen Industriefirmen im internationalen Vergleich die dritthöchsten Arbeitskos­ ten. Ostdeutschland produzierte zwar mit 20,75 Euro deutlich günstiger, dennoch fielen in Deutschland insgesamt 33,58 Euro je Stunde an. Das bedeutete weltweit die sechsthöchste Arbeitskostenbelastung – nur in Norwegen, Belgien, der Schweiz, Schweden und Dänemark mussten die Unternehmen mehr Geld für Löhne und Lohnnebenkosten aufbringen. Christoph Schröder: Industrielle Arbeitskosten im internationalen Vergleich, in: IW-Trends 3/2009 Gesprächspartner im IW: Christoph Schröder, Telefon: 0221 4981-773

Herausgegeber: Institut der deutschen Wirtschaft Köln · Chefredakteur: Axel Rhein · Verantwortlich für den Inhalt: Alexander Weber, Köln · Telefon 0221 4981-519 · weber@iwkoeln.de · www.iwkoeln.de · Verlag: Institut der deutschen Wirtschaft Köln Medien GmbH, Postfach 10 18 63, 50458 Köln, Konrad-Adenauer-Ufer 21, 50668 Köln · Druck: Hundt Druck GmbH, Köln


Anlage zu Pressemitteilung Nr. 37/2009 des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln

Arbeitskosten international

So oder so ein kostspieliger Standort Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie hat sich in den vergangenen Jahren merklich verbessert. Zu verdanken war dies vor allem dem nur moderaten Anstieg der Arbeitskosten – einzig Japan und die Schweiz haben seit dem Jahr 2000 eine noch größere Kosten­ disziplin an den Tag gelegt als Deutschland. Dennoch tragen die hiesigen Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes verglichen mit der aus­ ländischen Konkurrenz nach wie vor ein beträchtliches Handicap. Westdeutschland hatte 2008 mit Arbeitskosten von 35,22 Euro je Stun­ de die dritthöchste Belastung aller Industrieländer.*)

© 2009 IW Medien · iwd 35

wicklung und damit letztlich auch für die Konjunktur. Zudem würden die deut­ schen Unternehmen durch üppige Lohn­ zuwächse einen Teil jener Wettbewerbs­ stärke verspielen, den sie in der Zeit seit der Jahrtausendwende durch eine hohe Kostendisziplin wiedererlangt hatten (Grafik Seite 5): Die industriellen Arbeitskosten je Stunde stiegen in Westdeutschland von 2000 bis 2008 im Jahresschnitt lediglich Auch wenn erste Meldungen ein Ende monat lediglich um 3 Prozent gesunken um 2,3 Prozent, im Osten um 2,4 Pro­ der Talfahrt in Aussicht stellen, macht – verglichen mit dem durchschnittlichen zent. International war der Zuwachs die weltweite Krise der deutschen Wirt­ Umsatzeinbruch von mehr als einem nur in Japan und der Schweiz geringer. schaft immer noch schwer zu schaffen. Fünftel haben die Firmen damit bislang In Frankreich z.B. mussten die Unter­ Vielen Prognosen zufolge steht dem nur recht wenige Stellen abgebaut. nehmen des Verarbeitenden Gewerbes in Arbeitsmarkt der eigentliche Abschwung Diese Strategie können die Betriebe den vergangenen acht Jahren ein jähr­ sogar erst bevor. Umso bemerkenswerter aber nur so lange fahren, wie sie noch liches Kostenplus von 3,4 Prozent ver­ ist, dass viele Unternehmen versuchen, Gewinne erwirtschaften. Daher verwun­ kraften. In den USA belief sich der An­ ihre Belegschaften trotz unausgelasteter dert der immer wieder zu hörende Vor­ stieg auf 3,7 Prozent und in Großbritan­ Kapazitäten zu halten. schlag, die Löhne gerade jetzt kräftig nien sogar auf 4,4 Prozent. So haben die Betriebe unter anderem anzuheben und so dem Konsum mehr Allerdings hat Deutschland mit sei­ die Kurzarbeit kräftig ausgeweitet. Auch Schwung zu verleihen. Tatsächlich wäre nem Tritt auf die Kostenbremse besten­ deshalb ist die Zahl der Erwerbstätigen jede übermäßige Steigerung der Arbeits­ falls die Sünden der Vergangenheit wett­ im Juni 2009 gegenüber dem Vorjahres­ kosten Gift für die Beschäftigungsent­ gemacht. Denn in der ersten Hälfte der 1990er Jahre waren die Arbeits­ kosten hierzulande noch um Arbeitskosten international jährlich 6 Prozent in die Höhe je Arbeitnehmerstunde im Verarbeitenden unter Berücksichtigung geklettert – und das nicht nur Gewerbe im Jahr 2008 in Euro des Vorleistungsverbunds aufgrund der schnellen Lohnan­ passung in den damals neuen 40,30 D CY 13,44 N B 35,66 20,75 Ost Bundesländern. Auch in West­ SLO 13,20 B 36,60 E 20,62 DK 34,42 deutschland stiegen die Arbeits­ D J 19,80 S 34,41 P 10,14 West 35,22 kosten zwischen 1991 und 1995 CH 34,78 GR 15,93 F 32,95 M 9,83 pro Jahr um fast 5 Prozent. CZ 9,08 S 34,66 CY 12,97 D 32,44 Die Folgen lassen sich glei­ H 7,73 DK 34,09 SLO 12,55 NL 31,82 chermaßen an der Entwicklung D M 9,65 A 30,71 EST 7,59 33,58 des deutschen Kostenhandicaps 33,23 9,38 F P FIN 30,69 SK 7,33 ablesen (Grafik Seite 5): 30,61 L PL 7,25 32,20 8,81 NL CZ Im Jahr 1991 lagen die L 31,61 IRL 27,57 LT 5,84 H 7,52 deutschen Arbeitskosten im A 31,40 EST 7,27 I 25,38 LV 5,39 westdeutschen Verarbeiten­ den Gewerbe um 23 Prozent RO 3,67 FIN 31,16 SK 7,25 UK 24,38 über dem durchschnittlichen BG 2,23 IRL 27,64 PL 7,02 E 20,27 Niveau der Industrieländer – I 25,45 GR 16,29 LT 5,62 im Jahr 2008 betrug der Kos­ UK 24,60 LV 5,22 Zahlen zum Teil vorläufig; Umrechnung anhand der jahresdurchschnittlichen amtlichen Devisenkurse; Westdeutschland: einschließlich Berlins; Ostdeutschland: ohne Berlin; tennachteil sogar 31 Prozent. CDN 22,50 RO 3,52 Vorleistungsverbund: die inländischen Vorleistungsbezüge der Industrie und damit die Dass die moderate Arbeitskos­ unterschiedlichen Arbeitskosten in den zuliefernden Branchen werden eingerechnet; USA 21,69 BG 2,18 Norwegen, Westdeutschland, Schweiz, Kanada, USA, Ostdeutschland, Japan: Ausweis tenentwicklung seit dem Jahr der Arbeitskosten unter Berücksichtigung des Vorleistungsverbunds nicht möglich Ursprungsdaten: Eurostat, Deutsche Bundesbank, nationale Quellen, Statistisches Bundesamt, U.S. Department of Labor

*) Vgl. Christoph Schröder: Industrielle Arbeitskos­ ten im internationalen Vergleich, in: IW-Trends 3/2009

Aus iwd Nr. 35 vom 27. August 2009; die abgebildeten Grafiken können zur Verfügung gestellt werden, Anfragen bitte per E-Mail: grafik@iwkoeln.de


Anlage zu Pressemitteilung Nr. 37/2009 des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln lands sei gar nicht so tragisch, denn produzieren als ihre hiesigen andere Branchen hierzulande würden Konkurrenten. Die USA haben dafür viel günstiger produzieren als die gegenüber Deutschland einen ausländische Konkurrenz. Diese Be­ Vorteil von gut 35 Prozent, Ja­ Um so viel Prozent waren die westdeutschen Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe hauptung mag teilweise zutreffen, ist pan kommt sogar auf mehr als auf Euro-Basis höher als im Durchschnitt der ... aber empirisch kaum relevant. Schließ­ 40 Prozent. Industrieländer EU-15 ohne Deutschland lich steht das Verarbeitende Gewerbe im Noch deutlich niedriger ist 43,3 40,8 Mittelpunkt des internationalen Wettbe­ das Kostenniveau in den neuen 31,2 werbs – im Jahr 2008 entfielen 86 Pro­ EU-Mitgliedsländern des frü­ 26,9 26,3 23,3 20,2 19,7 19,2 18,8 zent der deutschen Exporte auf Indus­ heren Ostblocks. Selbst Tsche­ triewaren. Zwar erbringen Dienstleis­ chien als teuerstes Land dieser tungsbereiche wie die Logistik, die Gruppe produziert nicht einmal 2000 2005 2008 1991 1995 Unternehmensberatung oder der Handel halb so teuer wie die Industrie Industrieländer: EU-15 ohne Deutschland, USA, Japan, Kanada, Norwegen, Schweiz; gewichtet mit den Anteilen der jeweiligen Länder am Weltexport im wichtige Vorleistungen für die Industrie­ in Ostdeutschland. In Bulgarien, Zeitraum 2006 bis 2008; Ursprungsdaten: Eurostat, Deutsche Bundesbank, nationale Quellen, firmen. Dennoch kaufen diese nur ein das am Ende der Rangliste steht, Statistisches Bundesamt, U.S. Department of Labor Fünftel der für die Produktion insgesamt schlägt eine Arbeitnehmerstun­ benötigten Arbeitszeit zu. de sogar nur mit 2,18 Euro zu Buche – 2000 die Differenz nicht verringern Daher sind die Arbeitskosten der gerade einmal ein Zehntel des ostdeut­ konnte, lag zuletzt am erstarkten Euro. deutschen Industrie unter Berücksich­ schen Betrags. Dies wird deutlich, wenn die deutsche tigung der günstigen Zulieferer mit Zwar sind die Arbeitskosten längst Kostenposition mit der der übrigen EU32,44 Euro je Stunde nur um rund 3,4 nicht der einzige Maßstab für die Wett­ 15-Staaten verglichen wird, die zum Prozent niedriger als im eng defi­ bewerbsfähigkeit. Doch das Argument, großen Teil den Euro eingeführt hanierten Verarbeitenden Gewerbe. Löhne, Sozialabgaben etc. würden keine ben. Gegenüber dieser Ländergruppe Dieser Unterschied ist zu gering, um Rolle spielen, wenn nur die Produktivität schrumpfte der Kostennachteil seit dem Deutschland im Arbeitskosten-Ranking mithalten könnte, überzeugt nicht ganz. Jahr 2000 durchaus beträchtlich – von 27 auf knapp 19 Prozent. Allerdings hatte sich der Abstand zwischen 1991 und Arbeitskosten: Deutschland zeigt Disziplin 1995 mehr als verdoppelt, sodass die 0,7 3,5 5,1 westdeutsche Industrie heute verglichen M J Jahresdurchschnittlicher IRL Anstieg der Arbeitsmit der Zeit nach der Wiedervereinigung 3,6 6,1 CH 2,0 S PO kosten je Stunde im immer noch nicht viel besser dasteht. Verarbeitenden Gewerbe 3,6 7,0 2,3 West DK D CZ von 2000 bis 2008 Dies zeigt auch das Ranking der Ar­ 3,7 7,6 in Prozent 2,4 Ost USA D SLO beitskostenniveaus (Grafik Seite 4): 3,8 2,7 7,8 NL A BG Das deutsche Verarbeitende Gewer­ 4,1 8,2 2,9 FIN SK CDN be schultert im internationalen Ver­ 4,4 9,2 2,9 UK H B gleich mit 33,58 Euro die sechshöchs­ ten Arbeitskosten je Stunde – nur in 4,7 9,4 3,1 E LT L Norwegen, Belgien, der Schweiz, 4,8 12,6 3,2 N EST P Schweden und Dänemark ist die In­ 4,8 14,9 3,4 CY LV F dustrie stärker mit Lohn- und Lohn­ 5,1 21,7 3,5 GR RO I zusatzkosten belastet. Arbeitskosten: in nationaler Währung Westdeutschland belegt mit 35,22 Ursprungsdaten: Eurostat, nationale Quellen, U.S. Department of Labor Euro je industrielle Arbeitnehmerstunde auf eine deutlich günstigere Position zu Gerade wenn es darum geht, in welchem sogar einen unrühmlichen Treppchen­ hieven – zumal auch in den anderen eher Land ein Konzern eine neue Niederlas­ platz, während eine solche Arbeitsstunde teuren Ländern die Vorleister etwas güns­ sung baut, ist die Höhe der Arbeitskosten in Ostdeutschland nur mit 20,75 Euro zu tiger arbeiten als der industrielle Kern­ oft ausschlaggebend. Denn große Unter­ Buche schlägt – für die Betriebe zwi­ bereich. Deshalb kann die Bundesrepu­ nehmen bringen ihr Know-how sowie schen Rostock und Riesa ein unverändert blik im „erweiterten“ Kostenvergleich ihre Fertigungstechnik meist an den neu­ wichtiger Standortvorteil. gerade mal Frankreich an sich vorbeizie­ en Standort mit. Sie können so mögliche Die Bundesrepublik insgesamt kann hen lassen. Insgesamt ist es jedoch na­ dortige Produktivitätsnachteile ausglei­ in Sachen Arbeitskosten hingegen mit hezu unerheblich, ob man die Industrie chen und von einem niedrigen Kostenle­ vielen anderen großen Industrieländern mit oder ohne Vorleistungsverbund be­ vel nahezu uneingeschränkt profitieren. kaum konkurrieren. Frankreich spielt in trachtet – Deutschland bleibt in jedem Häufig ist ein weiterer Einwand gegen etwa derselben Kostenliga, während die Fall in der Gruppe der kostspieligsten die industrielle Arbeitskosten-„Hitliste“ italienischen und britischen IndustrieStandorte. zu hören: Die Spitzenposition Deutsch­ firmen um rund ein Viertel günstiger © 2009 IW Medien · iwd 35

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Arbeitskosten: Deutsches Handicap wieder größer


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