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DEAR DESIGN — ARCHITEKTUR — MAGAZIN

Interview: Bompas&Parr Mia Hägg New Tendency Chris Dercon über das letzte Museum seiner Art Fair Enough: Salone del Mobile, ISH & Euroshop 2017 Das Ferienhaus von Ché Guevara + Wohnungen & Häuser von Schweden bis Japan Dossier: Verkaufen

Antonino Cardillo

Architektur & Wahrheit


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IMPRESSUM


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JUNG.DE 12


EDITORIAL

Lieber Leser, genauso frisch wie das neue Jahr ist die Vorschau auf unser neues Magazin Dear, die Sie in den Händen halten. Dear wird das erste wirklich crossmediale Design- und Architektur-Fachmagazin auf dem deutschsprachigen Markt. Denn was Sie hier nicht sehen, sind die zehn Jahre, die wir bereits mit unserem Online-Medium Designlines.de erfolgreich sind. Zukünftig werden Dear und Designlines eine Einheit bilden, in der beide Medien ihre jeweiligen Stärken ausspielen können. Das Tempo, die Variabilität und die Reichweite von Designlines.de werden mit der Großzügigkeit und der haptischen Qualität des hochwertigen Magazins Dear kombiniert. Das Online-Medium liefert täglich aktuelle Inhalte. Print bietet zunächst 4 x jährlich ein „Best-Of Online“ sowie einen hohen Anteil originär erstellter, exklusiver Inhalte mit Begehrlichkeitsfaktor. So werden wir beispielsweise stets eine herausragende Persönlichkeit aus Design und Architektur auf unserem Cover vorstellen. Print und Online werden sich vom knappen Produkt-Text bis zur umfangreichen Architektur-Reportage ergänzen. Alle Angebote für unsere Partner können künftig crossmedial gekoppelt werden. Die stabile Reichweite von Designlines.de ist dabei der Motor. Die gedruckte Auflage von Dear wird 20.000 Exemplare betragen und auf unterschiedlichen Vertriebswegen ihren Weg zu der Zielgruppe aus Architekten, Designern und Designinteressierten finden. Einen kleinen Vorgeschmack darauf, wie das Ergebnis aussehen könnte, bekommen Sie auf den folgenden Seiten. Einen Überblick über alles, was wir bereits online für unsere Partner und Leser leisten, finden Sie täglich neu bei Designlines. de. Und wie beides zusammen spielt, haben wir für Sie auf Seite 42 zusammengefasst. Wir freuen uns auf ein spannendes erstes Jahr mit Dear und Ihnen. Für eine detaillierte Projektvorstellung stehen wir und das Team der Heinze GmbH Ihnen gerne zur Verfügung. Mit herzlichen Grüßen, Stephan Burkoff


INHALT

DESIGN Impressum Editorial Contributers

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DOSSIER

Produkte

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Interview Werner Aisslinger und die strickenden Roboter

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Best-of Eine Airbnb-Höhle aus Beton, ein Anbau in Melbourne und ein Mini-Fertighaus in Estland

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Newcomer Care Collection: Das niederländische Studio Super Lokal hat sich der Lösung von Problemen an fernen Orten verschrieben. Ihr jüngstes Projekt brachte das Designduo in malawische Krankenhäuser.

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Fair Enough imm cologne, Domotex & Bau: Nachberichte aus München, Köln und Hannover

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Hotel Extrem Kolumne von Max Scharnigg

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Das Büro von morgen Welche Antworten hat die Büroeinrichtungsbranche auf die Fragen der Zukunft?

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Advertorial

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Sitzen ist das neue Rauchen Hört Musik oder tut auch mal nichts: Konstantin Grcic im Gespräch über Werkzeuge, Bürokultur und wie man wirklich richtig gut sitzt.

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Best-of: Monochromie gegen 114 Workspace-4.0-Burn-Outs Eine unaufgeregte Vorstellung zeitgemäßer Büroeinrichtung Summit

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ARCHITEKTUR

MAGAZIN

Reportage Klingt gut: Was taugt die Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron?

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Interview Nadja Swarovski über Zaha Hadid, John Pawson und die Demokratisierung des Designs

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Interview Arno Brandlhubers Ideen für eine bessere Zukunft der Baubranche

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New Tendency of Seating Eine Fotostrecke

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Hands-On

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Kolumne 143 Nichts als Ruhm und Ehre: Falk Jaeger hat vielleicht eine Lösung, wie man die absurden Prozesse bei Architekturwettbewerben wieder in die richtige Bahn bringen könnte. Bitte setzen! Die Stuhlfamilien von horgenglarus

Kalender Bücher News & People Gala Und morgen?

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174 Reportage Ein Besuch in der Firma abc aus Essen Produkte für unterwegs

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Autopilot Kolumne von Niklas Maak Auto sucht Traumhaus: Was uns die Häuser in der Autowerbung über unsere Zeit verraten.

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148 190 Back Flash: Marianne Panton Das Lebensgefühl der sechziger Jahre hat kaum ein Designer so präzise eingefangen wie Verner Panton. Immer mit dabei: seine Frau. Norman Kietzmann hat Marianne Panton, die als Managerin und Beraterin entscheidend zum Erfolg des Panton-Designs beitrug, in Mailand getroffen.

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CONTRIBUTORS

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INHALT

Alle machen Ferien. Ché Guevara zum Beispiel hat sich hinter bürgerlichen Mauern gesonnt. Eine Woche Urlaub im Ferienhaus für Revolutionäre.

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DESIGN

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Mama Marva

ZU BESUCH BEI MARVA GRIFFIN IN MAILAND INTERVIEW: STEPHAN BURKOFF FOTO: PIERO MARTINELLO

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DESIGN

Marva Griffin ist die Grand Dame des Designs. Ihre 20 Jahre alte Idee der Nachwuchsplattform des Salone del Mobile ist eine Hit-Fabrik Karriere mit Marva begonnen. Ein Gespräch über den Mini-Salone,

Sind Sie stolz auf das, was Sie erreicht haben? Nun ja, Stolz... (denkt nach). Stolz ist ein großes Wort. Ja, ich bin stolz und ich bin dankbar, dass ich das alles erleben darf. Es ist natürlich ein Job, aber er macht mich glücklich. Die Arbeit mit den jungen Menschen und zu sehen, wie sich die Talente, die ich hier auf dem Salone Satellite kennen gelernt habe, entwickelt haben. Als wir anfingen, hätte sich das niemand vorstellen können! Sie sind in den Siebzigern nach Italien gekommen. Können Sie uns etwas über diese Zeit erzählen? Zuerst kam ich nach Perugia, um hier Italienisch zu lernen, dann bin ich nach Mailand gegangen und habe begonnen für c&b Italia zu arbeiten, die zu der Zeit zu den international führenden Möbelherstellern gehörten. Das war eine großartige Erfahrung. Viel besser als irgendeine Design-Schule zu besuchen! Die Zusammenarbeit mit Fratelli Businelli und Cesare Cassina, den Gründern der Firma war einfach unglaublich. In der Triennale zeigen Sie gerade eine große Ausstellung zu Mario Bellini. Viele der gezeigten Stücke, die Sofas Bambole und Amanta all diese unglaublichen Stücke, trage ich seit dieser Zeit in meinem Herzen. Wenn Besuch kam, musste ich sogar für Italiener übersetzen – Businellis Dialekt war außergewöhnlich... Sie gelten als Erfinderin des Salone Satellite, wie hat alles angefangen? Das war vor genau 20 Jahren. Ich arbeitete zu dieser Zeit für Conde Nast und war tief mit der Mailänder Designszene verhaftet. Damals wuchs der Fuorisalone und eine Reihe junger Designer hat sich Flächen außerhalb der Messe in der Stadt gemietet, um ihre Prototypen zu zeigen. Eigentlich waren sie hinter den Herstellern her – aber die kamen nicht zu den Events außerhalb des Messegeländes. Viele der aufstrebenden Designer, die mich kannten, kamen also auf mich zu – ich arbeitete damals bereits als Beraterin

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für die Messe – weil sie auf dem Salone ausstellen wollten. Aber wer konnte sich das schon leisten? Das habe ich damals dem Geschäftsführer erzählt, der zeigte sich zunächst wenig begeistert. Aber nach langem Hin und Her wurde mir eine Fläche auf dem Salone del Mobile angeboten, um den jungen Designern einen Raum zu geben. So hat alles begonnen. Oki Sato beschreibt Sie als seine Mutter beschrieben, Sie bezeichnen Sebastian Herkner als Ihr Baby. Wie erklären Sie ihre besondere Bindung zu den Jungen der Szene? Wissen Sie, ich bin Mutter eines erwachsenen Sohnes und ich habe 18 Nichten und Neffen. Wir sind ein Familienclan, ich bin immer von jungen Menschen umgeben. Und auch der Salone Satellite hat etwas von einer Familie. Viele der jungen Talente halten Kontakt mit mir und erzählen, was bei Ihnen gerade passiert. Ich habe früh angefangen mit den Hochschulen zusammenzuarbeiten, damit sie uns ihre Talente schicken. Viele kamen zum Salone del Mobile um sich umzusehen und die Branche zu verstehen. Manche kamen nach ihrem Abschluss wieder und haben auf dem Salone Satellite ihre Arbeiten gezeigt. Daraus ist vieles entstanden. Unter anderem eine Ehe, sogar ein Kind: der kleine Satellito! (lacht laut) Es waren junge Leute aus über 40 Ländern da. Natürlich gibt es einige, bei denen eine persönliche Bindung entstanden ist. Es macht mir Freude Ihre Karriere zu verfolgen. Entscheidend für Ihren Erfolg ist aber die italienische Möbelindustrie! Welche Entwicklungen beobachten Sie bei Ihrer Arbeit mit den jungen Designern? Es hat eine Evolution stattgefunden _ allein technologisch. Gleichzeitig, gibt es gerade ein großes Umdenken. Wissen Sie, woran ich persönlich glaube? An das Handwerk. Natürlich sehe ich auch junge Designer, die nach dem Salone Satellite eigene Firmen gründen und dann auf dem Salone del Mobile ausstellen. Ich sehe aber ebenso De-


INTERVIEW — MAMA MARVA

des Salone Satellite wurde oft kopiert, doch niemals erreicht. Aus geworden. Viele der heute marktprägenden Designer haben ihre seine Kinder, die Jugend von heute und den lieben Gott.

signer, die ihre Stücke in kleinen Stückzahlen in Selbstproduktion herstellen, weil sie ein sehr genaues Bild von haben, was ihr Produkt sein soll. Wenn sich mich nach Tendenzen fragen, kann es nur verschiedene Antwort geben. Die Möglichkeiten sind vielfältiger geworden.

gibt auch welche, die ohne große Kommunikation erfolgreich sind. Aber gute Eigen-PR kann helfen. Glauben Sie an Zufälle, Glück oder Vorhersehung? Ich glaube an Zufälle und an Glück. Aber vor allem daran: Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.

Wie vertragen sich das italienische und südamerikanische Temperament? Wir sind alle Lateiner! Ich bin sehr dankbar für alles was ich hier erleben und erreichen konnte und es ist für mich wahnsinnig inspirierend in diesen beiden Welten, Europa und Lateinamerika, leben und arbeiten zu können. Wenn ich in Mailand bin, fühle ich mich wohl. Wenn ich nach Hause fahre nach Venezuela ist es ebenso. Wofür steht der Salone Satellite in seinem 20. Jubiläumsjahr? Für unser 20. Jahr haben wir 45 Designer eingeladen, die einmal auf dem Salone Satellite ausgestellt haben und jetzt groß geworden sind, jeweils ein Stück zu entwerfen. Darunter sind Stefan Diez, Sebastian Herkner, Konstantin Grcic, etc... Die Entwürfe werden natürlich auch bei den Herstellern gezeigt, aber wir stellen sie alle zusammen innerhalb des Salone Satellite aus. Vielleicht wird es sogar eine Wanderausstellung. Wir nennen das Ergebnis, die Salone Satellite 20. jährige Kollektion. Die Idee ist ganz einfach und sehr italienisch: il buon figlio torna a casa – der gute Sohn kommt nach Hause zurück. Das wird unser Fest. Wie jedes Jahr wird auch ein Teil der Installationen und Entwürfe in der Hauptausstellung einem Thema folgen, das vorher definiert ist. Dieses Jahr lautet es „Design is...". Wir werden sehen, was den rund 650 Talenten dazu einfällt! Was braucht ein Designer heute, um erfolgreich zu sein? Er muss sehr mutig sein (lacht). Sehr mutig! Er muss offen sein, sich umsehen, neugierig sein. Natürlich sind alle Menschen unterschiedlich und es gilt nicht für jeden das gleiche. Es

Ihr Name ist eng mit dem alljährlichen Salone Satellite verbunden, diesen April feiert die internationale Ausstellung für Nachwuchsdesigner ihr 20-jähriges Bestehen. Kein Wunder also, dass die Gründerin Marva Griffin Wilshire 2014 mit dem Compasso d‘Oro für ihr Lebenswerk geehrt wurde: dem Oskar des Designs. In Venezuela geboren, lebt Marva Griffin seit den Siebziger Jahren in Mailand. etc... Offenbar ist die zwanzigste Ausgabe des Salone Satellite die letzte, die unter dem Regiment Marvas entsteht. Wie es 2018 weiter geht? Darüber möchte Sie nicht sprechen, was sie mit einer glockenklaren Gesangseinlage aus dem ABBA-Hit „the Winner Takes it all“ untermalt. „I don´t want to talk...“ Vielen Dank für das Gespräch!

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DESIGN

MAILÄNDER MÖBELWOCHE 4. BIS 9. APRIL 2017

EDITOR‘S PICK

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SALONE DEL MOBILE 2017

CAPITALISM IS OVER

LOEWE

TOM DIXON

Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis)

Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis)

Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis)

SWAROVSKI HOME COLLECTION Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis)

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DESIGN

EIN&ZWANZIG

MOROSO

COS

Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis)

Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis)

Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis)

SAM BARON / FABRICCA Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis)

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SALONE DEL MOBILE 2017

VITRA Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis) Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palla-

dium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis) Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis) Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garde-

robe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis)

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DESIGN

SALONE DEL MOBILE 2017

HERMÈS MAISON

EVERYTHING IS CONNECTED

Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis) Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis)

Handgenähtes Leder, Edelhölzer und feinste Mechanik: Bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection, 2017 zeigt Hermès Maison seine neue Kollektion im La Pelota (Via Palermo 10) , u.a. die Garderobe von Guillaume Delvigne und Damian O’Sullivan aus Zaumzeug-Leder und Palladium beschichteten Messing. (Foto: Maud Rémy-Lonvis)

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DESIGN

Das Zalando-Imperium steht wie kaum ein anderes f체r den weltweiten Startup-Boom und die wirtschaftlichen Chancen, die sich hinter diesem Industriezweig verbergen.

GETEILTER Dabei verlangen das Wachstum des digitalen ModeVersandh채ndlers nach immer neuen und flexiblen B체roarchitekturen, die am Ende erstaunlich real und bodenst채ndig sind.

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PROJEKTE

STYLE

TEXT: TIM BERGE FOTOS: JENS BÖDENBERG

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DESIGN

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PROJEKTE — GETEILTER STYLE

Noch sind die Mitarbeiter des Berliner Moderiesen auf drei Standorte verteilt, die jeweils einem Bereich zugeordnet sind. Im Kreativzentrum von Zalando, einer ehemaligen Betriebsstätte der Knorr Bremse AG, errichteten Bruzkus Batek Architekten nun einen Fashion Hub.

SPIELWIESEN IM LOFT Das äußere Erscheinungsbild des denkmalgeschützten Gewerbebaus im Berliner Bezirk Friedrichshain wirkt introvertiert und schwer – die Gründerzeiarchitektur mit ihrer dunklen Ziegelfassade will auf den ersten Blick so gar nicht in das Bild eines modernen Modehauses passen. Doch sobald man den Eingang des Hauses passiert hat, wendet sich das Blatt um 180 Grad: Junge, hübsch anzusehende und modisch gekleidete Menschen wandeln durch die offene Raumlandschaft der Kreativzentrale Zalandos und verleihen ihr ein jugendliches und internationales Flair. Dieser Kontrast ist nicht nur für den temporären Gast, sondern auch für die fast 2.000 Mitarbeiter des Versandhändlers, die hier arbeiten, reizvoll. Sie dürfen sich auf den loftartigen Etagen wie auf Spielwiesen austoben.

KANTINE MIT GARTEN Das weitläufige Erdgeschoss mit einem großen Hof dient der Repräsentation, gemeinschaftlichen Anlässen und Aktivitäten sowie temporären Installationen. Hier konzipierte das Berliner Architekturbüro Bruzkus Batek einen vielseitig nutzbaren Hub mit Kantine und einer angegliederten Terrasse im Außenbereich. Das Restaurant dient, wie jedes andere Café dieser Stadt auch, zu einer Hälfte dem Genuss von Essen und Kaffee, und zur anderen Hälfte der Arbeit: kurzen Besprechungen und Meetings. Entsprechend gestalteten die Architekten eine feste, raumgreifende Holzrahmenkonstruktion mit Bänken aus OSB-Platten, die sie mit losen Tischen und Stühlen des dänischen Herstellers Hay kombinierten. Durch die flexible und moderne Möblierung entsteht ein spannendes Zusammenspiel mit der historischen Industriearchitektur. Neben der offenen Raumgestaltung schufen Ester Bruzkus und Patrick Batek auch einige Sitznischen, die sie mit dunkelblauen Fliesen auskleideten – ebenfalls ein spannender

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DESIGN

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PROJEKTE — GETEILTER STYLE

Kontrast, diesmal als Gegenspieler zum hellen Kantinenmobiliar. Auf der Terrasse im Innenhof wartet ein weiteres gestalterisches Motiv: Hier schieben sich die geschwärzten Holzgerippe zweier Giebelhäuser ineinander und bilden zusammen mit einem kleinen, leuchtend gelb gestrichenen Gartenhäuschen den Außenbereich des Firmenrestaurants. Auf einem leicht angehobenen Podest ruhend, ergibt die Konstellation eine bühnenartige Situation, die sich bestens für Sommerpartys und Veranstaltungen eignet.

KANON DER KONTRASTE Auch der Fashion Hub im Gebäudeinneren wurde als flexibles Raumgebilde entworfen. Die 650 Quadratmeter große Fläche bietet ausreichend Platz für Präsentationen, Workshops und Veranstaltungen. Den Rahmen bilden Tribünen, ebenfalls aus OSB-Platten gebaut, die von den Architekten in die Nischen zwischen den Stützen platziert wurden. Als Kontrast zu dem rau und billig wirkenden Material stehen mehrere Show-Boxen frei im Raum, die jeweils in einen hochwertigen Werkstoff gekleidet sind und in ihrer Ausführung äußerst präzise wirken. Die Unterschiedlichkeit der Oberflächen, die von Aluminium und Kupfer über Fliesen bis hin zu transluzenten Doppelstegplatten reichen, eignet sich ideal für die individuelle Präsentation von Modekollektionen. Damit runden Bruzkus Batek ihren schlüssigen Gestaltungskanon ab, der auf Kontrast und Harmonie gleichermaßen setzt. In sich sind die Bereiche perfekt aufeinander abgestimmt, während sie untereinander ein abwechslungsreiches Spiel der Gegensätze liefern.

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DESIGN

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PROJEKTE

Anlässlich des hundertsten Jahrestages der staatlichen Unabhängigkeit verwandelt sich das Pariser Kulturinstitut der finnischen Republik in ein Bed & Breakfast: Hundert Nächte lang bietet die Ruheoase Einblicke in die nordische Lebenskultur. Ein Besuch zur Housewarming-Party.

Finnische Pyjamaparty in Paris

TEXT: JANA HERRMANN FOTOS: JAMES HART

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DESIGN

Im finnischen Kulturinstitut mitten im eleganten Stadtteil Saint-Germain-desPrès herrscht dichtes Gedränge. Auslöser ist die Initiative Mobile Home 2017 des finnischen Kulturministeriums. Sie beschäftigt sich im Rahmen der Veranstaltungen zum Unabhängigkeitsjubiläum des Landes mit der Frage, welche Rolle Heim und Heimat heute und in der Zukunft in Zeiten globaler und verschränkter Mobilität spielen werden. In der französischen Hauptstadt konnte Institutsleiterin Meena Kaunisto zahlreiche Künstler, Designer und Handwerker für dieses Projekt mit dem Namen Koti (dem finnischen Wort für Zuhause) gewinnen. Bei der Gestaltung der Holzhütten ließ sich die finnische Designerin Linda Bergroth von den sogenannten Aittas inspirieren: den ursprünglichen Getreidespeichern, in denen früher oft auch die Bediensteten eines Landwirtschaftsbetriebes beherbergt wurden und die heutzutage vielen Finnen als unkompliziertes Wochen-

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endhaus dienen. „Natürlich ist auch in Finnland die Heimat dort, wo das

Insgesamt zwei Jahre lang plante Institutsleiterin Meena Kaunisto dieses am-

Herz ist“, sagt Bergroth. Ihr gefällt die Idee, in die Natur und in eine einfache Hütte, oft ohne Strom oder fließendes Wasser, zurückzukehren. „Ich denke, dass wir uns dadurch wieder mehr auf so wesentliche Dinge wie Familie und Freunde konzentrieren und leichter vom Druck und der Verantwortung des Alltags erholen können.“ Während die winzigen Häuschen aus massivem Kiefernholz gemäß diesem Leitmotiv nur mit dem Notwendigsten eingerichtet sind und die Gemeinschaftsduschen und -toiletten sowie der langgestreckte Frühstückstisch fast ein bisschen Camping-Charakter haben, sind die wenigen vorhandenen Dinge von der finnischen Designelite umso luxuriöser gestaltet: Bettbezüge, Handtücher, Bademäntel und Hausschuhe werden von dem exklusiven Traditionsunternehmen Lapuan Kankurit zur Verfügung gestellt.

bitionierte Gesamtpaket. „Natürlich ist die Hauptidee eines solchen Projektes, unser Land und unsere Lebenskultur zu promoten“, gibt sie offen zu.

„Mir gefällt die Idee, eine Begegnungs- und Austauschstätte zwischen Generationen und Kulturen zu schaffen.“


PROJEKTE

Klein, fein, überraschend: Das Architekturbüro Tiago do Vale hat im portugiesischen Caminha ein renovierungsbedürftiges Apartment aus den Achtzigern in eine luftige Ferienwohnung verwandelt. Im Mittelpunkt des kontemporären Interiors: eine knallblaue Box.

40m Meer 2

TEXT: CLAUDIA SIMONE HOFF FOTOS: JOÃO MORGADO

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DESIGN Caminha ist eine Kleinstadt mit pittoreskem Altstadtkern und vorgelagerter Festung im Norden Portugals. Hier hat das in Braga ansässige Architekturbüro Tiago do Vale ein Apartment aus den Achtzigerjahren in ein helles, einladendes Domizil umgebaut. Der Zustand vor der Renovierung: dunkel, verwohnt, ungemütlich. Dass die Wohnung heute völlig verändert wirkt, liegt vor allem an einem gestalterischen Kniff: Tiago do Vale hat Bad und Küche zusammengefasst – in Form einer blauen, in den Raum eingeschobenen Box. Sie birgt das Badezimmer mit ebenerdiger Regendusche, eine Garderobe und die Küche. Da die Wand bis zum Entree verlängert wurde und dadurch auch die Wohnungstür umfasst, ergibt sich – auch durch die kräftige Farbgebung – ein einheitliches Bild. Das knallige Blau bringt ein Überraschungsmoment ins Interior, der spielerisch wirkt. Schön sind die dazu kombinierten, unruhig gemusterten Fliesen im Farbklang Schwarz-WeißGrau im Küchenbereich, die bis zur Mitte der Wand hochgezogen sind. Hier ist Platz für einen kleinen Esstisch mit zwei Stühlen, parallel dazu befindet sich die in den Block eingebaute Küchenzeile. Der Arbeitsbereich mit integrierter Beleuchtung, Spüle und Kochfeld ist ganz in Weiß gehalten und von praktischen Einbauschränken gerahmt. Ergänzt wird das Küchenensemble von integrierten Elektrogeräten wie Backofen und Spülmaschine.

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Dass Tiago do Vale geschickt mit der begrenzten Fläche umgeht, zeigt auch das Schlafzimmer. Es befindet sich an derselben Stelle wie vor dem Umbau, doch ersetzt eine weiße Schiebetür die ursprünglich kleine dunkle Holztür. Doppelbett und grifflose Einbauschränke sind in Weiß gehalten. Die insgesamt reduzierte Möblierung – mit weißen Regalen, Sideboard, Ledersessel und hellem runden Teppich – lässt den lediglich 40 Quadratmeter großen Raum als Open Space erscheinen.

Das Ergebnis der Komplettsanierung ist ein stringent gestaltetes Interior, das hell, einladend und behaglich wirkt – und beinahe Loft-Charakter hat.


PROJEKTE — 40Q 2 MEER

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DESIGN

2 DESIGN PROJEKTE 40Q 2 MEER PROJEKTE — 40Q— MEER

Die gestalterische Lösung von Tiago do Vale ist so einfach wie effektvoll: Er kombiniert eine blaue Funktionsbox mit portugiesischen Fliesen, weißen Wänden und Decken, hellem Holzfußboden und setzt auf eine sparsame Möblierung.

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DESIGN

PRODUKTE — WOHNEN

TAKAHASHI Auf Müller, Fischer, Schulz und Yilmaz folgt nun mit Takahashi das 15. Produkt von dem jungen Berliner Label Objekte unserer Tage. Benannt nach dem dritthäufigsten Familiennamen in Japan entpuppt sich der markante Sessel als eine Skulptur mit schräger Geometrie. Erinnern die trapezförmigen Seitenflügel an ein gefaltetes Origami-Objekt, so verweisen die keilförmigen Hinterbeine auf die japanischen Holzsandalen mit ihren dicken Sohlen. Keine Frage, Anton Rahlwes hat mit Takahashi ein anspruchsvolles Möbel entworfen: einen bequemen Thron, der viel Platz braucht. Mehr als einen guten Quadratmeter nimmt der Lounge-Sessel aus Esche nämlich ein, der in drei Farbausführungen (Schwarz, Sand und Santorinblau) sowie zusätzlich auch mit Polster (braucht man nicht zwingend) und Fußhocker erhältlich ist. jk www.dear-magazin.de/_01461

PARAVENT JOSEF Als Mikroarchitekturen setzen Paravents Akzente. Ein zeitreisendes Exemplar hat der junge französische Designer Antoine Simonin für Wittmann entworfen. Josef kombiniert vier Elemente von jeweils 50 Zentimetern Breite und 140 Zentimetern Höhe. Die Wahl des Streifenmusters ist eine unverkennbare Reminiszenz an einen Vordenker der Wiener Moderne, der zugleich zum Namensgeber dieses Möbels wurde: Josef Hoffmann. nk www.dear-magazin.de/_01462

BIG SUR Der Beistelltisch verändert seine Rolle, wie die Stockholmer Designer Simon Klenell and Kristoffer Sundin mit Big Sur für Fogia unter Beweis stellen. „Der Tisch funktioniert sowohl in großen Apartments mit großzügigen Sitzecken als auch in ganz kleinen Wohnungen, wo er ebenso zum Essen oder Arbeiten genutzt werden kann“, erklärt Simon Klenell. Um diese Mehrfachnutzung zu erleichtern, haben die Designer den Tisch auf eine klassische Sitzhöhe von 45 Zentimetern angehoben. Als Ablagen dienen zwei Glasflächen, die sich in transparenter, dunkelblauer, grauer, brauner und grüner Ausführung überlagern. Atmosphärische Einblicke sind damit vorprogrammiert. nk www.dear-magazin.de/_01463 46


PRODUKTE — KÜCHE

RADIANT & RARE

NORDIC KITCHEN Der dänische Hersteller Eva Solo hat mit Nordic Kitchen eine Kollektion lanciert, die Schwarz mit Holz kombiniert und Behaglichkeit in die Küche bringt. Töpfe, Pfannen, Schneidbretter, Messerhalter und Rührschüsseln wurden von Tools Design entworfen. Wenn Pfannen und Kasserollen aussehen wie aus Gusseisen gemacht, bestehen sie aus Aluminium mit einer Antihaft-Beschichtung und sind damit wesentlich leichter zu handhaben als ihre stilistischen Vorbilder. Das Rührschüssel-Set besticht durch seine besondere Haptik: Die matte Außenseite sorgt für Griffigkeit, während das glänzende Innere schnell zu reinigen ist. csh

Eine Karaffe und zwei Gläser. Was klingt wie ein klassisches Barset, kann auch extravagant sein. Das zeigt Lara van der Lugt, die für das niederländische Label Puik Art Glasobjekte entworfen hat, die mit ihrer Form buchstäblich anecken. Während die Karaffe Rare 1,2 Liter Flüssigkeit fasst und mit ihren diamantähnlichen Facetten unterschiedlich auf dem Tisch positioniert werden kann, verwandeln sich die Gläser Radiant in eine Blumenvase. Sämtliche der grafisch anmutenden Objekte sind aus Kristallglas gefertigt und mundgeblasen. csh www.dear-magazin.de/_01471

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GIRO Ben van Berkel zeigt mit seinem Besteck-Set für Alessi, dass der probate Twist seiner Arbeiten auch am Esstisch etwas in sich hat. mh — www.dear-magazin.de/_01473

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Farbe im Block

Als Karbonisieren wird die Oberflächenbehandlung von Metallen bezeichnet, bei der eine Rußschicht eingebrannt wird. Das sonst flächig angewandte Bekohlen haben die beiden Absolventen des Royal College of Arts, Fabio Hendry und Martijn Rigters abgewandelt und mit Haar angewendet. Was sonst beim Frisör in die Ecken gefegt und entsorgt wird, betrachten sie als stille Materialressource. Bei einer Temperatur von 250 Grad wird das Haar in die Oberfläche gebrannt. Dazu wird das Metall sanft aufgeheizt und das Haar aufgestreut. Hier verkohlt es sofort und hinterlässt schwarze Spuren als dauerhafter Schatten seiner Existenz.

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NEWCOMER

Moon

Bei der handwerklichen Produktion hohler Glasobjekte wird eine Holzform der am Ende des Blasrohres entstehenden Kugel entgegengesetzt. Das Resultat ist – anders als bei der industriellen Herstellung – immer individuell und abhängig von den Fertigkeiten des Glasbläsermeisters. Jedes Objekt wird ein wenig anders als Vorgänger und Nachfolger, auch wenn Form und führende Hand gleich bleiben. Die besonderen ästhetischen Qualitäten handwerklicher Fertigung hat der in Frankfurt arbeitende Gestalter Jonathan Radetz in seiner Serie Moon inszeniert. Dabei macht er das Vorgehen bei der Herstellung und ihren Unikatcharakter sichtbar.

Bier mit Bauch

Dass Getränke sich weder im Tetrapack noch in Plastik oder Glas umweltfreundlich verpacken lassen, regt Konsumenten und Gestalter zu anderen Lösungen an. Von Pfandsystem bis Zweitverwertung wird versucht, der Hülle ein sinnvolles Zweitleben zu geben. Die Designerin Laura Jungmann setzte sich 2013 in ihrer Diplomarbeit mit Glasflaschen auseinander, nutzte sie als Halbzeug für einen zweiten Fertigungsprozess und ließ sie von Glasbläsern umformen. Dabei bleibt ein Teil des Charakters der vertrauten und ikonischen Flaschen erhalten, gleichzeitig werden sie in Funktion und Einsatzgebiet modifiziert.


FAIR ENOUGH

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GESTALTUNG HÖRT NICHT BEIM PRODUKT AUF

INTERVIEW: JEANETTE KUNSMANN FOTO (PORTRAIT): JONAS LINDSTROEM

Kottbusser Tor, mehr Kreuzberg geht nicht. New Tendency. Der Name des Möbellabels ist Programm. Das Trio, bestehend aus Sebastian Schönheit und den Brüdern Christoph und Manuel Goller, arbeitet auf Hochtouren. Trotzdem haben sie Zeit für ein Gespräch über gute Gestaltung und die Möbelindustrie.


INTERVIEW — NEW TENDENCY Wie viel Humanismus steckt in New Tendency? CG: Wir sind kein konzeptuelles, vom Reißbrett geplantes Unternehmen, wir kommen aus der Ästhetik und der Funktion. Es steckt auf jeden Fall eine Portion Humanismus drin. Vielleicht muss diese Frage eher unsere Kritiker oder Journalisten beantworten, die uns von außen beurteilen können. MG: Gegenfrage: Auf was zielt die Frage ab? Nun: Welche Rolle spielt der Mensch in eurer Gestaltung? MG: Wir stützten unsere Gestaltung nicht auf Marktforschung und analysieren menschliche Bedürfnisse, um nach diesen Erkenntnissen unsere Produkte zu gestalten. Aber ich denke schon, dass unsere Produkte kulturelle und ästhetische Bedürfnisse des Menschen befriedigen. Uns ist wichtig, Dinge zu gestalten, die das Lebensgefühl verbessern, und an denen man sich erfreuen kann. Es sind die Kleinigkeiten im Alltag – wir versuchen Produkte zu entwickeln, die eine Geschichte erzählen und einen Charakter haben. Unsere Kunden schätzen die Details und die den Produkten zu Grunde liegenden Geschichten. Insofern sind unsere Produkte schon humanistisch. Wenn auch auf subtile Art und Weise. Die nächste Frage muss kommen: Wie viel Bauhaus steckt in eurem Unternehmen? (alle lachen) MG: Sebastian und ich haben an der Bauhaus-Universität in Weimar studiert, insofern sind wir natürlich davon geprägt und inspiriert. Wir mögen die Grundidee des kollaborativen, gemeinschaftlichen Arbeitens, das im Gegensatz zum klassischen Autorendesign steht. Im Zusammenschluss und auf Augenhöhe miteinander zu arbeiten, ist eine unheimliche Inspiration und einer der tragenden Grundgedanken des Bauhauses. Auch, was die Gestaltungsfragen betrifft, gibt es einen starken Bauhaus-Bezug. Wobei wir diese Fragen auf zeitgenössische Themen anwenden. Also kein Dogma. MG: Nein! Überhaupt nicht! Wie würdet ihr eure Zielgruppe definieren? MG: Querbeet: vom Studenten, der zwei Jahre lang spart, um sich ein Objekt zu kaufen, bis hin zur Vorsitzenden eines milliardenschweren DAX-Unternehmens. Eure Erwartung an gutes Design? MG: Neben funktionalen und ästhetischen Aspekten muss ein Produkt eine Persönlichkeit haben und seinen eigenen Charakter entwickeln. Deshalb veröffentlichen wir auch nicht 50 neue Produkte im Jahr, sondern nur Produkte, von denen wir wirklich überzeugt sind. Wir sind sehr kritisch mit uns selbst. Der Markt ist riesig. Ein Produkt braucht das gewisse Extra. Christoph Goller: Diese Unabhängigkeit haben wir uns erarbeitet: Wir

können selbst entscheiden können, welches Produkt uns überzeugt und welches nicht – was kommerziell gut passt oder eine Marktlücke füllt, ist zweitrangig. Gibt es einen New-Tendency-Bestseller? MG: Glücklicherweise hält sich das die Waage. Im letzten Jahr waren wir sehr erfolgreich mit unseren MASA-Tischen. Da kann man schon fast von einem Bestseller sprechen, weil wir damit nicht nur Privatleute, sondern auch viele Firmenkunden erreichen. Hinzu kommt, dass es den Tisch nicht nur in einer Größe gibt, Architekten können mit einer Matrix aus vielen verschiedene Größen planen. Der Tisch ist aktuell in vielen Projekten im In- und Ausland eingeplant. U.a. im neuen Büro von Artsy [https://www.artsy.net/] in Berlin. Ein anderes Thema, über das man eigentlich nicht spricht, sind die Honorare. Als Produktdesigner kann man von seinen Entwürfen kaum leben, die Royalty Fees orientieren sich noch an einem System aus den Fünfzigerjahren. Ihr habt euch ein eigenes Business-Modell aufgebaut. Erklärt mal! MG: Ja, haben wir, aber aus einem anderen Grund: Weil wir finden, dass die Gestaltung nicht beim Produkt aufhört. Mit dem fertigen Entwurf verabschiedet man sich als Designer von seinem Produkt, auch wenn man noch in den Produktionsprozess eingebunden ist. Unsere Strategie ist ganzheitlicher: Wir denken ein Produkt vom Entwurf bis zur Kommunikation und Vertrieb, arbeiten mit tollen Fotografen wie Jonas Lindstroem zusammen der sonst für Calvin Klein, Kenzo oder Fendi, fotografiert. CG: Es hört eben nicht mit dem Entwurf auf, damit fängt es erst an! 2009 gegründet, nennt ihr euch seit fünf Jahren New Tendency. Denkt ihr manchmal noch an die Zeiten, als es hieß „My Bauhaus is better than yours“? Hat sich euer Studio durch den Namen verändert – seid ihr „erwachsen“ geworden? MG: Total! Der Name stammt ursprünglich von Daniel Burchard, einem Freund und Kommilitonen – „My Bauhaus is better than yours“ war unsere gemeinsame Diplomarbeit. Nach der Abmahnung vom Bauhaus Baumarkt ist er ausgestiegen um sich seiner Familie zu widmen: Er ist Vater geworden und hat zunächst für Mykita gearbeitet und jetzt für Nomos. „My Bauhaus is better than yours“ war, was es eben war: ein Diplomprojekt von Studenten. Die Ernsthaftigkeit von unserem Handeln haben wir erst mit der Abmahnung begriffen. Und auch die Reichweite: Offenbar waren wir Herr Baus und seinen Anwälten ein Dorn im Auge. CG: Vorher war alles wesentlich verspielter. Und die Umbenennung in New Tendency war ein Schritt zum Erwach-

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DESIGN senwerden. Wir standen vor der Entscheidung, ob wir das Projekt entweder beenden oder richtig loslegen. Manuel Goller: New Tendency war eine Entscheidung. Der Name hat Energie und ist Programm. Wundert ihr euch manchmal über eure Popularität? MG: Um ehrlich zu sein: Wir bekommen das nicht so mit hier in unserem Studio in Kreuzberg. Wertschätzung ist natürlich schön, und wir freuen uns sehr, wenn zu unseren Ausstellungen viele Leute kommen oder über tolle Artikel in anerkannten Zeitungen und Magazinen – aber am liebsten konzentrieren wir uns auf unsere Arbeit. Ihr seid zu bescheiden! MG: Die kleinen Momente sind das Schönste: Wenn man viel Arbeit in eine Ausstellung investiert hat, und dann sieht, dass es den Leuten gefällt, sie inspiriert. Das genießen wir intensiv, aber freuen uns dann schon wieder auf die Arbeit am nächsten Projekt oder der nächsten Ausstellung. Habt ihr ein Vision für New Tendency, oder lebt ihr im Moment? MG: Wir sind sehr viel im Jetzt, aber für uns ist es schon ein Ziel, ein größeres Unternehmen zu werden – nur nicht auf Teufel komm raus. Gerne würden wir unsere Produkte breiter aufstellen. Mykita – die direkt um die Ecke sitzen – sind ein wahnsinnig gutes Vorbild, wie es ihnen gelungen ist, sich international aufzustellen und trotzdem Standort und Produktion in Berlin bei zu behalten. Ob wir es auf so eine Größe schaffen, weiß ich nicht, aber es ist eine tolle Motivation. CG: Mykita hat ein breites Produktspektrum, aber immer noch mit einer klaren Linie. Das Unternehmen kann also relativ zugespitzt bleiben, aber trotzdem einen breiteren Markt erreichen. Das bleibt immer ein Spagat. MG: Genau das interessiert uns. Es ist immer noch ein Nischenprodukt, aber trotzdem tragen stilbewusste Hollywood-Stars auf der Fashion-Week eine Mykita-Brille. Wir wollen nicht Mainstream werden.

Unser Ziel ist, die Nische, die wir gerade ansprechen, global zu erreichen.


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WERKSBESUCH — WWW.BLUM.COM

MÖBEL Die Besteckschublade liegt mit durchschnittlich bis zu zehn Mal pro Tag weit vorn, mehr als das Dreifache aber wird der Mülleimer gebraucht: Über 30 Mal täglich öffnen und schließen wir die Tür oder Schublade zum Hausmüll.

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ADVERTORIAL

BEWEGUNG WERKSBESUCH IN DER BESCHLÄGEFABRIK BLUM AM BODENSEE

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Dass diese nicht klemmt und knirscht, verantworten die eingesetzten Beschläge – ein auf den ersten Blick einfaches und verstecktes Bauteil. Ein Besuch in der Beschlägefabrik Blum am Bodensee verrät, wie hochkomplex Scharnier-, Klappen- und Auszugsysteme eigentlich sind und wie die heutige Küche so leise wurde. Wie öffnen und schließen sich grifflose Möbel? In der Beschlägefabrik Blum strebt man dafür optimale Lösungen an: auf der Suche nach der „perfekten Bewegung“. Synchroni-

Modit asped mi, te aspic tem volorat mo ex et aborporpos doloreh enditatquas ent hil et alis dit liquam qui.

sierter Schwebelauf, Vollauszug bei Schubkästen, verdeckte Führungssysteme, elektrische oder mechanische Öffnungsunterstützung heißen nur einige Funktionen für Klappen, Türen und Auszüge. Dahinter verbergen sich hoch entwickelte Beschlagelemente aus Zink, Stahl und Kunststoff aus der eigenen Produktion. Über 1.000 Tonnen werden bei Blum davon pro Woche produziert. Damit gehört das Vorarlberger Unternehmen zu den internationalen Marktführern der Möbelbeschlagsbranche: Mehr als 120 Märkte beliefert das Unternehmen weltweit. 1952 von Julius Blum in der Bodenseegemeinde Höchst gegründet, beginnt die eigentliche Geschichte erst sechs Jahre später. Mit der Anuba-Band-Fertigung tritt Blum 1958 in die Beschlagsbranche ein, für Julius Blum ein „Meilenstein in der Firmengeschichte“. Denn was er zuvor als Ein-Mann-Betrieb, auf die Herstellung von Hufstollen mit einem besseren Halt für Pferde spezialisiert, begonnen hatte, sollte von da an zu einem Unternehmen wachsen, das heute mit über 5.300 Mitarbeitern zu den Hauptarbeitgebern der Region zählt.

BLUM BEWEGT Schon Mitte der Fünfzigerjahre war mit dem Einzug der Traktoren in die Vorarlberger Bauernhöfe das Ende der Hufstollen absehbar. Als Julius Blum hörte, dass in der Schweiz neuartige Fenster-, Tür- und Schrankbeschläge hergestellt würden, reiste er kurzerhand nach Zürich. Seine Firma hatte für die

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WERKSBESUCH — WWW.BLUM.COM

Produktion nämlich die richtigen Maschinen, nicht aber die notwendigen Lizenzen. Wie er es geschafft hat, den Patentinhaber persönlich zu überzeugen, ist nicht überliefert, die frohe Nachricht allerdings schon: Julius Blum erhält 1958 das Patent für die Fertigung der Anuba-Bänder. Wie die Geschichte in Zahlen weitergeht, ist schnell erzählt: Heute gehören Blum 2.600 Patente weltweit, darunter 449 Patentfamilien. Insgesamt arbeiten 6.900 Mitarbeiter weltweit in der Unternehmensgruppe, davon drei Viertel in den sieben Vorarlberger Werken. Weitere Produktionsstandorte finden sich in Polen, USA und Brasilien, wo hauptsächlich für den jeweiligen Markt benötigte Produkte hergestellt werden. Dass Blum Vorarlberg als strategische Basis behalten hat, erklärt Andreas Lubetz (Marketing Kommunikation) damit, dass sich am Hauptstandort „Know-How und Produktion bündeln“. Erst ein Besuch in Werk 2 am Standort Höchst offenbart, was dahintersteckt –  und wie bei Blum die Prozesse Produktion, Forschung und Produktentwicklung ineinandergreifen. Wie bei fast jedem anderen Unternehmen finden sich neben Produktionshallen, Versandabteilung und

Verwaltungsbüros auch repräsentative Schauflächen – womit man bei einem Beschlägehersteller weniger rechnet, sind Orte wie die Laborküche und die

zu neuen Erkenntnissen führen. Diese Forschungen dienen Blum als Basis für jegliche Produktentwicklung: Nur bedürfnisorientiert ausgearbeitete Produkte schaffen es in die Herstellung.

SCHÖNHEIT KOMMT VON INNEN

Testräume. Genau an dieser Stelle wird es spannend. Hier geht es nicht nur um das einzelne Element, das sich hinter der Schublade oder der Schranktür versteckt, hier blickt man bei Blum auf das große Ganze: Die Küche als Organismus. Eine Küche muss sich im Alltag bewähren. Genau darum spielt die eigene Abteilung „Bedürfnisforschung“ für das Vorarlberger Unternehmen eine so wichtige Rolle. In der Laborküche werden die Produkte in realem Umfeld getestet, Küchenbeobachtungen per Video in Privathaushalten oder Endkonsumenten-Workshops zu beschlagsspezifischen Themen zählen u.a. zu weiteren Tätigkeiten, welche immer wieder

Bei einer guten Küche zählen die inneren Werte: Ebenso, wie man ein Gebäude von innen nach außen entwirft, funktioniert auch die Küchenplanung. Eine Küche soll schließlich nicht nur schön, sondern sie muss vor allem praktisch sein: „Das ist ihre wahre Schönheit“, so Lubetz. So kommt es, dass die Experten in der Beschlägefabrik Blum nicht nur Architekten, Innenarchitekten und Tischlern ihre Produkte vorstellen, sondern diese gleich von vornherein mit in den Entwicklungsprozess integrieren. Spezialisiert auf Klappen-, Scharnier- und Auszugsysteme testet Blum alle seine Beschlaglösungen immer wieder aufs Neue auf ihre jeweilige Praktikabilität, ihren Nutzen und ihren Komfort. Die Grundfunktion eines Produkts allein ist oft nicht ausreichend, um sich im Alltag zu bewähren. Deshalb braucht es die eine oder andere Zusatzfunktion: Wenn eine grifflose Schublade sich durch ein sanf-

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tes Antippen wie von Zauberhand öffnet und schließt, braucht man zudem auch einen Anlehnschutz. Welchen Mechanismus gibt es, dass der Hund nicht mit Pfote oder Schnauze die Tür zu seinen Futtervorräten, oder gar die Tür zum Mülleimer, öffnen kann? Für Küchen mit der elektrischen Öffnungsunterstützung Servo-Drive braucht es in erdbebengefährdeten Ländern wie beispielsweise Japan einen extra Erdbebenschutz, den Blum über das Grundprodukt hinaus als ergänzende Zusatzfunktion speziell für diesen Markt entwickelt hat. Als wirklich zauberhaft und faszinierend erweist sich eine weitere Lösung, die Blum speziell für Einbaukühlschränke in grifflosen Küchen entwickelt hat: Wer hier an die Front tippt, hinter der sich der Kühlschrank befindet, kann nicht nur beobachten, wie sich die Tür einen Spalt öffnet, sondern zwei Sekunden später auch von selbst wieder schließt. Adieu offener Kühlschrank – ein Abschied, der nicht nur die Dame des Hauses freuen dürfte. Vor der Auswahl der Beschläge steht bei Blum stets die Frage nach den individuellen Bedürfnissen des Küchennutzers.: Wieviel Platz benötigt die Aufbewahrung von Geschirr, Töpfen oder Lebensmitteln? Wo sollen die Staugüter entsprechend der Nutzerbedürfnisse untergebracht werden und mit welchen Beschlaglösungen ist dies am besten möglich? Dabei helfen die Erkenntnisse aus der hauseigenen Bedürfnisfor-

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schung und ein eigens für den Küchenkäufer entwickeltes Tool, der Zonenplaner (www.blum.com/zonenplaner): Insgesamt werden die Schubkästen, Auszüge, Türen und Klappen einer Küche mehr als 80 Mal pro Tag geöffnet und geschlossen, 250 Kilogramm Staugüter sind in einer durchschnittlichen Küche untergebracht. Um die dafür nötige Qualität gewährleisten zu können, öffnen und schließen die Roboter in den Blum Testlaboren Türen beispielsweise 200.000 mal – das liegt weit über dem Standard, darauf legt man am Bodensee großen Wert. Des Weiteren legt jeder Küchennutzer in einem Zeitraum von 20 Jahren durchschnittlich mehr als 1.500 Kilometer zurück, in einer unpraktischen Küche können es sogar doppelt so viele sein. Solche Erkenntnisse, gepaart mit den Ergebnissen aus der Marktforschung und dem Feedback verschiedener Fokusgruppen, haben zu vielen Entwicklungen geführt, die den Nutzer in seiner täglichen Arbeit in der Küche unterstützen sollen. So auch die neueste Bewegungstechnologie Tip-On-Blumotion. Hierbei wird angenehm einfaches Öffnen durch Antippen mit sanft leisem Schließen bei grifflosen Möbeln kombiniert. Diese beiden gegensätzlichen Bewegungen funktionieren dabei komplett mechanisch, was allein schon genug Herausforderung für die Ingenieure war. Hinzu kam nämlich noch die Sicherstellung, dass auch eine falsche Handhabung dem Beschlag

nicht schadet. Sollte zum Öffnen einmal am Auszug gezogen werden oder das Schließen durch manuelles Zudrücken erfolgen, bleibt der Beschlag Tip-On-Blumotion dennoch jederzeit voll funktionsfähig – „ein Möbelleben lang“, wie es bei Blum heißt.

INNOVATIONEN FÜR DIE ZUKUNFT Für den heutigen Geschäftsführer Gerhard E. Blum stellen Innovationen die Garantie für die Zukunft dar. Nach dem ersten Möbelbeschlag Anuba führte Blum 1966 Rollschubführungen für Schubladen in das Produktionsprogramm ein. 1977 folgte das erste verdeckte Führungssystem für Schubladen aus Holz, 1985 entwickelte Blum das erste Scharnier, das werkzeuglos montiert werden kann. Lautes Klappen und knallende Türen sind ebenfalls längst in der Schublade verschwunden: So wie die Küche unserer Eltern klingt heute keine neue Küche mehr, dafür sorgen speziell von Blum entwickelte Dämpfsysteme, die mittlerweile für alle Produktfamilien verfügbar sind – für den Oberschrankbereich gibt es seit 2005 verschiedene Klappenbeschläge. Die neueste Scharniergeneration mit integrierter Dämpfung im Scharniertopf ist seit 2009 verfügbar. Seit 2011 steht das Schubladensystem Legrabox zur Verfügung, welches sich durch sein schlichtes Design mit geraden Seitenwänden und höchstem Bewegungs-


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komfort auszeichnet. So viele Innovationen wirken sich auch auf die Küchengestaltung aus. Seit 2005 bietet Blum mittlerweile ein breites Spektrum an Lösungen an, mit welchem dem Gestaltungsspielraum für grifflose Möbel nahezu keine Grenzen gesetzt sind. Elektrisch angetriebene Klappensysteme ermöglichen besonders breite Schränke mit bis zu zwei Metern – und das ohne Einschränkungen in der Funktion: Einfach antippen und die Front öffnet komplett selbstständig. Ein geringer Frontspalt von 2,5 Millimetern sorgt für ein einheitliches Gesamtbild der Küchenelemente. Keine Überraschung also, dass Blum 2013 mit dem European Inventor Award des Europäischen Patentamtes ausgezeichnet wurde. Darüber hinaus wurden viele Produkte des Beschlägeherstellers mit dem Red Dot Design Award, dem German Design Award und dem iF Product Design Award geadelt. „Seit mehr als zwölf Jahren forschen wir in der Laborküche und beschäftigen uns intensiv mit den Bedürfnissen und Anforderungen der Möbelnutzer“, sagt Markus Blaser, Blum-Verkaufsleiter für Deutschland. Nicht vergessen werden bei Blum aber auch die Standards, die sich in der Durchschnittsküche etabliert haben, hinzukommen die jeweiligen kulturellen Besonderheiten. In russischen Haushalten befindet sich über der Spüle der Abtropfschrank, in Frankreich haben viele Küchen einen eigenen Baguette-Auszug und in der asiatischen Küche ergibt sich auf Grund der Körpergröße eine deutlich niedrigere Höhe der Arbeitsplatte „und somit auch weniger Stauraum für die Schubladen in den darunter platzierten Elementen“, erklärt Andreas Lubetz. Apropos Höhe: Auch in Europa haben die Küchennutzer unterschiedliche Körpergrößen und Bewegungsmöglichkeiten, dabei blickt man bei Blum unter anderem vermehrt auf die Kunden im höheren Alter. Mit dem Age Explorer, einem Anzug, der die unterschiedlichen Bewegungseinschränkungen simuliert, werden bei Blum nach allen anderen Tests die Produkte noch einmal geprüft und optimiert. So entstand zum Beispiel die Hochfaltklappe Aventos mit einem integrierten

Mechanismus, der verhindert, dass die Klappe des Oberschranks zu weit nach oben öffnet und der Nutzer diese nicht mehr ohne Hilfe schließen kann. Denkbar ist immer auch eine Kombination verschiedener Systeme, die sich nach dem täglichen Gebrauch sowie der Last in den Schubkästen und ihrer jeweiligen Auslastung im Gebrauch richten. Möbelhersteller, Beschlagfachhändler und Möbelverkäufer, aber auch der Möbelkäufer, wissen als Partner von Blum all diese Qualitäten zu schätzen – Architekten und Innenarchitekten, Tischler und Schreiner aus aller Welt stehen stets im Austausch mit den Experten der Beschlägefabrik am Bodensee. Am Ende zählt nämlich nicht nur die „perfekte Bewegung“, sondern der unvoreingenommene Dialog mit den Menschen.

Servo-Drive ist die elektrische Bewegungsunterstützung von Blum, um das Öffnen von grifflosen Möbeln zu vereinfachen: Leichtes Antippen genügt und schon öffnen Klappen und Auszüge sich wie von selbst. Für sanftes und leises Schließen unabhängig von Schwung und Gewicht der Klappe, Tür oder des Auszugs sorgt Blumotion. Mit Tip-On-Blumotion lassen sich beide Bewegungen kombinieren: Es vereint die Vorteile der mechanischen Öffnungsunterstützung Tip-On mit der Blumotion-Dämpfung. Schwungvolles Schließen aktiviert die Tip-On-Funktion, anschließend sorgt Blumotion für sanft leises Schließen: Der Bewegungsablauf wird rein mechanisch unterstützt. Mehr über die Produkte von Blum erfahren Sie auf der nächsten Interzum in Köln vom 16. bis zum 19. Mai 2017 / www.interzum.de

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DOSSIER VERKAUFEN

„MACHEN SIE EINEN HERVORRAGENDEN EINDRUCK UND SIE ERREICHEN, WAS SIE WOLLEN.“

Quelle: Glückskeks 67


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Antonino Cardillo Architektur und Wahrheit

Antonino Cardillo ist ein Einzelkämpfer – wobei das Wort Kampf auf eine falsche Fährte führt. Seine Waffen erweisen sich Spiel aus Illusion und Wirklichkeit, aus Form und Phantasma. Im Mittelpunkt steht für den jungen italienischen Planer nur eins: die Architektur.

TEXT: JEANETTE KUNSMANN MIT STEPHAN BURKOFF FOTOS: CYRILL MATTER

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— Wo ist dein Büro? Warum sollte ich ein Büro haben?

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ANTONINO CARDILLO — ARCHITEKTUR UND WAHRHEIT Der Erfolg eines Architekten lässt sich nicht leicht bemessen – noch weniger lässt er sich vergleichen. Legt man die Menge der realisierten Projekte und die Größe des Mitarbeiterstabs zugrunde? Oder doch die Summe der gewonnenen Wettbewerbe und Preise? Die Anzahl der Publikationen? Darüber, wie angesehen, aufstrebend oder erfolgreich ein Büro ist, wird es wahrscheinlich immer mehr als eine Meinung geben. Im Fall des italienischen Architekten Antonino Cardillo sind sich alle in einem Punkt einig: er sei ein Betrüger. Cardillo hat weder eine feste Büroadresse noch ein Büro im klassischen Sinne. Auch hat er keine Mitarbeiter: Der Sizilianer entwirft und plant all seine Projekte allein. Ebenso ignoriert der junge Architekt jede Form von Wettbewerben

– er akquiriert seine Auftraggeber und Bauherren selbst, zum Teil aus dem Bekannten- und Freundeskreis. Seine realisierten Projekte lassen sich an einer Hand abzählen, wobei sich der Hauptteil dieser auf Innenraumgestaltungen im Bestand konzentriert: Als Ganzes gebaut hat Antonino Cardillo bisher nur das Nomura House im japanischen Takarazuka – diesen Sommer folgt ein zweites Wohnhaus am Gardasee. Man könnte also sagen, Cardillo zählt eher zur Gruppe der kleinen Unbekannten. Stimmt aber nicht. Nur wenige Architekten abseits der drei großen Stars aus der Baubranche (Libeskind, Hadid und Koolhaas) haben bisher so viel Aufmerksamkeit in der internationalen Presse und in Fachmagazinen erhalten wie Antonio Cardillo. Auch dafür gibt es mehr als eine Erklärung – allen voran steht aber der Medienskandal um seine imaginären Häuser: Seven Houses for No One.

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I

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Prelude

There are no dreams without reality.

Flug von Mailand nach Palermo, Sizilien: Heimat Antonino Cardillos. Sein Name ist bekannt. Jedenfalls war er es mal. Manche haben ihn vielleicht schon wieder vergessen. Immerhin sind fünf Jahre vergangen, seit die Journalistin Susanne Beyer den jungen italienischen Architekten im Nachrichtenmagazin Der Spiegel polemisch als Hochstapler enttarnte (Römische Ruinen, Ausgabe 27/2012) und damit den Höhepunkt einer Geschichte um Wahrheit, Täuschung und Ehrgeiz setzte. Mit kunstvoll gerenderten Photoshop-Bildern hatte Cardillo internationale Kritiker und ihre Leser mit seinen imaginären Architekturen verzaubert. Seine sieben Imagined Houses (begonnen mit dem Ellipse 1501 House in Rom im März 2007, Vaulted House in Parma, House of Convexities in Barcelona und Max’s House im französichen Nîmes 2008, Concrete Moon House und dem House of Twelves in Melbourne 2009 sowie dem Purple House in Wales vom Oktober 2011), die von vornherein als Serie angelegt waren, überzeugten nicht bloß durch perfekte Illusionen. Ihre außergewöhnliche Architektur, die Farbgebung und die Details sind so gefällig, dass die Frage nach ihrer „Echtheit“ vielleicht gar nicht gestellt werden wollte. Ihre Existenz bezieht sich auf ihren Entwurf. Und sie haben genau das bedient, was alle wollen. Dass internationale Medien nicht bereit sind, auch Entwürfe und Visualisierungen guter Entwürfe zu zeigen, sondern stets nur gebaute Realität, das wollte Antonino Cardillo nicht akzeptieren und spannt mit seinem Werk einen Bogen zwischen Realität und Traum, Wahrheit und Fiktion. Um also das Schaffen des 42-jährigen Architekten zu verstehen, seine Gedanken, seine Herkunft, sind wir auf dem Weg nach Sizilien, landen in Palermo und fahren mit dem Auto weiter nach Trapani – ohne eine Ahnung, was uns dort erwarten wird. Warum ist er 2014 von Rom zurück nach Trapani gezogen? Auch bleiben leise Zweifel, ob das Quartett seiner „Four Grottos“ Wirklichkeit existiert – oder ob es sich auch bei diesen Projekten einfach nur um hyperrealistische Computerbilder handelt. Verfolgt der Architekt eine Strategie, um im Gespräch zu bleiben? Wer ist dieser Antonino Cardillo, den das Wallpaper Magazin 2009 zu einem der 30 weltweit wichtigsten Architekten kürte. Und wie kam es dazu?

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Eine Wand, zwei Türen: links oder rechts – für welche Tür entscheidest du dich? Antonino Cardillo grinst und zeigt auf die rechte. Dahinter verbirgt sich ein kleiner, niedriger Raum, die Deckenhöhe: etwa zwei Meter. Treffpunkt ist die Cattedrale di San Lorenzo in Trapani. Da steht er wirklich, freut sich, uns zu sehen. Und ja, keine fünf Schritte um die Ecke öffnet er in einer schmalen Gasse eine kleine, grüne Tür – die Tür zu seinem letzten Projekt: Specus Coralli. Willkommen in der Wirklichkeit von Cardillo! Die Korallenhöhle Specus Coralli – die vierte Grotte in der Serie des Architekten und ein Rückzugsort, abgekapselt von Welt und Wirklichkeit – verkörpert die gebaute Idee einer geheimnisvollen Architektur. Trotzdem oder gerade deshalb spielen die Räume, die Cardillo schafft, mit bekannten und vertrauten Parametern. Die kleinen Türen, die vom Flur in den Raum führen, sieht der Architekt als eine Referenz an die Welt aus Alice im Wunderland. Verstärkt wird dieses Bild durch den mit einer Höhe von nur 80 Zentimetern niedrig positionierten Türknauf aus rosa Murano-Glas (es sind nur zwei von insgesamt zwölf Griffen, die Cardillo auf einem Antikmarkt erworben hat –  er selbst findet sie kitschig und genau deshalb passend). Die vier Türen sind an zwei Wänden positioniert und so steht man besonders an der schmalen Seite vor der Entscheidung, welche Tür man öffnen soll. Für dieses behutsam entwickelte Projekt kam Antonino Cardillo vor zwei Jahren von London zurück nach Trapani, seine Heimatstadt – parallel arbeitete er noch ein paar Monate an einer Ladengestaltung in der Londoner Georgian Street für das britische Label Illuminum Fragrance, deren bekannteste Kundin Kate Middleton ist. Den Raum der Kathedrale in Trapani kannte der Architekt noch aus Kindertagen vom weihnachtlichen Krippenspiel. „Aber der Ort war sehr heruntergekommen und stand jahrelang leer“, erinnert sich Cardillo. „Als ich hörte, dass die Kirche den Raum sanieren wollte, aber keine Idee hatte, entwarf ich Specus Coralli und bot den Entwurf pro bono an.“ Am Anfang stand ein Bild, ein Rendering, mit dem er den Bauherren, den leitenden Priester der Cattedrale di San Lorenzo, überzeugen konnte. „Er gefiel ihnen und sie haben mich beauftragt.“ Entstanden ist ein Low-Budget-Projekt, das nicht nach Low-Budget aussieht.


ANTONINO CARDILLO — ARCHITEKTUR UND WAHRHEIT

Basis dafür ist Cardillos akribische Planung genauso wie die eingesetzten Materialien: Die Steinplatten stammen aus Trapani, ebenso der Sandstein im unteren Wandbereich, während der Putz darüber, wie auch die drei vorigen Grotten in Rom und London, aus Asche des Vesuvs besteht. Weil Pozzolana (auf Deutsch: Puzzolane) so leicht ist, hält der Grobputz auch an der Decke. Erst durch seinen Gehalt an Kieselsäure und Kalkhydrat in Verbindung mit Wasser wird das natürliche Gestein bindefähig – Puzzolane wurden bereits im Altertum für römischen Beton verwendet. Cardillo färbt seinen Pozzolana-Putz nachträglich, so dass eine neue Raumwirkung entsteht. Und weil das Material relativ günstig ist (4 Tonnen kosten nicht einmal 800 Euro), lohnte es sich auch, die puzzolanische Vulkanasche des Vesuvs 2015 von Neapel nach London zu verschiffen. Antonino Cardillo wählt dieses besondere Baumaterial aber nicht nur wegen seiner Leichtigkeit oder aus Kostengründen. Es handelt sich hierbei um ein Material mit einer Struktur, die sich nicht rendern lässt. Doch dazu später mehr. Mit den zwei Türen spielt der Architekt übrigens subtil auf das System der Kirche an – in diesem Projekt der Bauherr. Es ist die Entscheidung zwischen rechts oder links, gut oder böse: Gott oder Teufel. Und auch der Boden teilt sich in zwei Hälften, eine unsichtbare Mittelachse spiegelt das Muster der Steinplatten. Symmetrie, archetypische Formen und Bögen sind Elemente, die sich in Cardillos Architektur immer wieder finden.

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ANTONINO CARDILLO — ARCHITEKTUR UND WAHRHEIT

III

Reality doesn’t exist.

Antonino Cardillo arbeitet in Serien. Er dekliniert dabei einen bestimmten Aspekt Schritt für Schritt durch und baut eine Art Manifest – wenngleich nicht immer aus Stein. Bei den Imagined Houses geht es vordergründig um die Geometrie und Komposition eines Gebäudes, inspiriert von römischen Ruinen oder den Kurven der Historie. Dass seine Architektur eine über die äußere Realität hinausgehende Dimension hat, arbeitete er in seiner ersten Reihe bereits deutlich heraus – nur fehlte vielleicht die Angabe, ob es sich bei den Bildern um Fotos oder um Visualisierungen des Architekten handelte. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und virtuellen Räumen verschwimmen bei jedem Haus, die Bauplätze verortete Cardillo jedoch, auch wenn die Ortsangaben auf seiner Webseite etwas Anderes behaupten, in sieben Gegenden rund um Trapani. Es seien historische Schauplätze der Odyssee, die Theorien des britischen Gelehrten Samuel Butler (1835–1902) zufolge nicht in Griechenland, sondern rund um Trapani (lat. Drepanum) liegen. Selbst das Ithaka Homers, Heimat des Odysseus, das gewöhnlich mit der heutigen Insel Ithaka oder einer der benachbarten Ionischen Inseln gleichgesetzt wird, wurde in der Region von Trapani angenommen, weiß Wikipedia. Für Cardillo sind solche Mythen und Fakten ein Beweis, dass auch die Geschichte nicht mehr als ein Rendering ist. Zu viele Geschehnisse wurden aus den Büchern radiert: Realität exisitiert nicht. Und so lebt und arbeitet der Architekt in seiner eigenen Wirklichkeit. Die möglichen Bilder dazu baut er selbst. Schon bevor er Mitte der Neunziger in Palermo studierte, programmierte Antonino Cardillo Computerspiele und entdeckte die Architektur als eine konstruierte Realität. Später in Rom fertigte er dann Visualisierungen für weniger versierte Architekten an und verdiente damit sein Geld (er schrieb keine Doktorarbeiten, wie u.a. im Spiegel-Artikel behauptet wird). Wenn Antonino Cardillo sich an diese Zeit erinnert, ziehen dunkle Schatten über sein Gesicht. Er war zu dieser Zeit einer der wenigen, die so gute Darstellungen anfertigen konnten, aber er habe es nicht gemocht, die Entwürfe von anderen zu visualisieren. „Ich wollte mich auf meine Architektur konzentrieren“, erzählt er. — Und die Computerspiele? Ja, als ich jung war, habe ich viel und intensiv gespielt. Damals waren die Grafiken noch von geringer Qualität, die Geschichten der Spiele aber umso stärker. Heute ist es genau anders herum: Je realistischer die Spielegrafiken geworden sind, desto mehr haben die Geschichten verloren. Das interessiert mich nicht mehr. Cardillo ist ein Perfektionist. „Ein Rendering sieht nicht aus wie ein Foto: Es bleibt immer offensichtlich ein Rendering“, sagt er. „Ich habe meine Bilder immer als Rendering gesehen“. Der erste Kontakt zur Presse kam über World Architectural News. Das war 2007. Fünf Jahre später schrieb Susanne Beyer den viel zitierten Ar-

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tikel im Spiegel, im Juli 2012. Dieser basierte auf einem anderen Artikel, den der Architekturkritiker Peter Reischer zuvor im österreichischen Falter publiziert hatte („Schöner klonen“, Falter, 9. Mai 2012) : „Der Architekt Antonino Cardillo baut nur im Internet. Mit seinen Häuserfakes narrt er die internationale Presse“, beginnt Reischer seine Abrechnung, die ohne Autorisierung des Architekten erfolgte. „Peter Reischer ist immer noch so wütend auf mich“, lacht Caridillo, der sich keiner Schuld bewusst ist. Ehrlich, ich erinnere mich nicht mehr so gut, es ist alles lang her. Und für mich spielt es auch keine Rolle. — Wo wurden die imaginären Häuser denn zuerst publiziert? The Cool Hunter veröffentlichte einen Artikel über das Ellipse House, der den Eindruck erzeugte, als wäre es gebaut. Das war 2007. — Aber man kann doch eigentlich sehr gut erkennen, dass es sich um Visualisierungen handelt, nicht um Fotos. Damals waren die Monitore noch schlechter, vielleicht sahen die Renderings vor zehn Jahren schon aus wie Fotos? Das Fatale war: Viele andere Magazine haben von dem ersten Artikel einfach abgeschrieben. Als Wallpaper mich kontaktierte, weil sie das Ellipse House für eine Publikation fotografieren lassen wollten, habe ich aufgeklärt, dass es das Gebäude nicht gibt. Also haben sie es nicht publiziert. — Was passierte dann? Ab einem gewissen Punkt habe ich mich über den Verlauf dieser Geschichte nur noch amüsiert: Es blieb mir auch nichts Anderes übrig! Das hat viele wütend gemacht, Peter Reischer zum Beispiel. Unglaublich! Ich hatte ab einem gewissen Punkt entschieden, niemandem mehr zu antworten und mich komplett rauszuziehen. Es war für mich nicht möglich in dieser Geschichte noch zu agieren. Es gab so viele verschiedene Ebenen der Manipulation! — Immerhin fand das alles hauptsächlich in deutschsprachigen Medien statt...

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Ehrlich gesagt, war die Debatte in Italien noch viel schlimmer als in Deutschland – La Stampa schrieb über mich eine ganze Seite. Weil die italienischen Journalisten aber die deutschen Artikel übersetzt und damit gearbeitet haben, sind eine Menge neuer Missverständnisse und Lügen entstanden. Er war eine Verwirrung von Verwirrungen. Viele Artikel sind für Cardillo manipuliert, weil die meisten aus dem Falter oder aus dem Spiegel abgeschrieben haben. „Die Wirklichkeit ist sehr komplex, es ist schwer, alles zusammenzubringen und zu verstehen. Heute ignorieren viele Magazine meine Arbeit, vor allem Wallpaper.“ Was ist real, was ist fake? Eine philosophische Frage. Illusionen sind je nach Wunsch und Vorstellungskraft stärker als die Wirklichkeit. Architektur manipuliert den Menschen. Manipulation ist menschlich. Und nicht nur Architekten, auch Medien müssen sich verkaufen. Wenn Cardillo heute über seine imaginären Häuser spricht, wird er nachdenklich, überlegt seine Worte genau – er ist auf der Hut. Dass ihm heute viele nicht mehr glauben, den Sizilianer einen Lügner und Betrüger nennen, trifft ihn. Auch die italienische Presse und viele Architekten aus Palermo oder Rom empörten sich über Cardillo und seine sieben Häuser: Häuser, die so viele begeistert haben, dabei waren sie nicht gebaut. „Meine Wahrheit ist nicht die Wahrheit: Das ist das Problem“, sagt Antonino Cardillo. „Es hat mich frustriert, dass ich meine Architektur nicht kommunizieren konnte, wenn sie nicht tatsächlich gebaut war.“ Um Bauherren zu erreichen, fehlten dem jungen Architekten die nötigen Referenzen –  eine Frage der Akquise. „Ich hatte keine andere Möglichkeit“, sagt er. Auch Mies van der Rohe und Le Corbusier haben hauptsächlich geschrieben und weniger gebaut. Es gibt keine Realität. Auch sei die griechische Kultur laut Cardillo ein Verbrechen. — Warum? Antonino Cardillo: Die Klassik ist nicht griechisch! Und die Skulpturen der Klassik waren auch nicht weiß! Im Frühen 19. Jahrhundert entdeckte man, dass die Elemente und der Stuck


ANTONINO CARDILLO — ARCHITEKTUR UND WAHRHEIT

der originalen griechischen Tempel farbig gewesen sein müssen. Der Klassizismus war also nicht weiß – im Gegenteil, er war bunt bemalt. In einer befremdlichen Art und Weise war er vielleicht sogar zu bunt.“ — Welche Rolle spielt das? Wenn man bedenkt, dass Bewegungen der Moderne, wie das Bauhaus, diese Idee der puren Klassik aufgegriffen haben, sogar Le Corbusier, erkennt man, dass diese Interpretation der reinweißen Klassik, eine singuläre Projektion der Vergangenheit ist. Für mich hat dieser Aspekt eine große Bedeutung, denn tatsächlich ist diese Attitüde der Reinheit nicht eindeutig. Es ist schon seltsam, dass auch heute noch der Minimalismus und andere Vertreter existieren, die diese Idee der reinen Architektur unterstützen.

der Moderne: Liebe ist eine irrationale Kraft. Der White Cube ist eine Konsequenz von Macht. — Und was ist mit der Macht der Liebe? Das ist nur ein Lied! (lacht) Wer Macht hat, kann andere Menschen beeinflussen. Wer liebt, zerstört sich selbst. Aus psychologischer Sicht ist die Liebe eine sehr gefährliche Krankheit. Liebe ist nur eine Illusion. Ebenso wie die Architektur: Nur eine Illusion! Aber gleichzeitig ist die Liebe realer als die Wirklichkeit.

— Aber das Bauhaus und Le Corbusier waren auch bunt – vielleicht sogar farbiger als heute. Ja, vielleicht. Aber es geht mehr um ein Statement. Was Corbusier in seinen Schriften gesagt hat, unterscheidet sich enorm von seinen gebauten Projekten. Er zelebrierte die Idee von Weiß als etwas Neuem, auf eine positive Art. Was seltsam ist: Das Maison la Roche war nicht weiß, sondern beige. Aber als die Fondation Le Corbusier das Gebäude in den Siebzigerjahren sanierte, haben sie die Fassade weiß gestrichen. Weil Le Corbusier in seinen Büchern Weiß zelebrierte! — Wenn es keine Realität gibt, an was glaubst du? Ich glaube daran, dass wir Menschen nichts kontrollieren können. Es ist eine Illusion, wir zerstören alles durch die Annahme, wir könnten es kontrollieren und beeinflussen. Das Scheitern der Moderne basiert also auf der Arroganz, der Mensch könne diese irrationalen Kräfte beseitigen. Aber das ist nicht möglich! — Welche irrationalen Kräfte meinst du? Ich glaube an die Akzeptanz irrationaler Kräfte, dazu zählt auch die Liebe. Liebe ist sehr komplex. Deswegen interessiert mich das Werk von Richard Wagner: aufgrund des Paradigmas von Macht und Liebe. Die Liebe scheitert, weil man sich für die Macht entscheidet. Dieses Paradigma ist auch das Paradigma

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DOSSIER


ANTONINO CARDILLO — ARCHITEKTUR UND WAHRHEIT

IV

Manipulation is human.

Der Architekt, der von den Medien als Betrüger verurteilt wurde, arbeitet heute dort, wo andere Urlaub machen. Wenn die Touristen den Sommer über am Strand von Trapani die sizilianische Sonne genießen, denkt und zeichnet Antonio Cardillo seine Gebäude –wichtige Entscheidungen trifft er in seinem Büro. Büro – hatte er nicht gesagt, er hat gar kein Büro? Er grinst: „Ich kann euch mein Büro gern zeigen, wir müssen aber mit dem Auto fahren.“ Zehn Minuten später parken wir etwas außerhalb von Trapanis Altstadt direkt am Meer, laufen den Strand entlang, ein einsamer Hotelturm blickt verlassen auf den Horizont und verfällt. Auf der kleinen Landzunge dahinter stehen ein paar Mauern und Rundbögen: die Ruine einer ehemaligen Thunfischfabrik aus dem 18. Jahrhundert. In einem der beiden Türme, von denen heute nicht mehr als kniehohe Mauerreste stehen, hat Cardillo sein Büro. Tatsächlich kommt er jeden Nachmittag für eine Weile hier her, steht im Wind und konzentriert sich auf seine Gedanken. Manchmal entscheidet er sich dann für eine bestimmte Farbe – ein anderes Mal denkt er über eine Projektanfrage für die Gestaltung eines Shops nach. Er sagt ab. Flug von Palermo nach Rom: Eine Stadt, die irgendwie am Ende ist und auf einen Neuanfang wartet. Zu viele Monumente, zu viel Historie, zu viele Touristen. Massimiliano Beffa, Auftraggeber und Eigentümer des Apartments mit dem poetischen Namen House of Dust (Haus aus Staub) hat uns in seine Wohnung eingeladen, damit wir uns von der Existenz dieses Cardillos-Projekts mit eigenen Augen überzeugen können. Der Hausherr selbst bleibt unsichtbar (er arbeitet als Notar und hat wenig Zeit), uns öffnet die keiner Fremdsprache mächtige, aber umso fröhlichere Portierdame die Wohnungstür im fünften Geschoss in der Via Piemonte. Wir betreten ein Bild, das Realität wird; die oberen Wandabschnitte und die Decken sind mit graurosafarbenem Pozzolana bedeckt. Pinke Neonröhren leuchten in den dafür vorgesehenen Aussparungen der Dielen. Eine dicke Wand entpuppt sich als Küchentür, die sich durch einen leichten Druck in der Mitte dreht und den Durchgang zur versteckten Küche öffnet. Alles in allem fühlt es sich hier an, als stünde man in der römischen Stadtresidenz von James Bond. Antonino Cardillo wollte nach dem großen Skandal von 2012 etwas schaffen, das sehr taktil, sehr physisch ist. „Ich wollte kein Rendering bauen –  eine Visualisierung ist für mich nicht mehr als ein Medium“, erinnert sich der Architekt, als wir am Vorabend in einer Trattoria am Strand von Trapani sitzen. „Ich wollte eine Architektur entwickeln, die an die Vergangenheit anknüpft und diese weiterdenkt. Aber sie sollte auch provozieren. Die Idee des Staubs ist komplett konträr zur Idee eines Renderings. Das Schwierigste ist ja, eine Textur in hoher Qualität abzubilden.“ Das ist also die Geschichte hinter dem House of Dust: ein Projekt, das man nicht rendern kann. Und von dem auch nie Visualisierungen publiziert wurden, auch wenn viele genau das dachten. Die Realität ist paradox. Dichtung und Wahrheit werden manchmal vertauscht.


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Cardillo ging in diesem ersten Projekt seiner zweiten Serie intensiv der Frage nach, ob sich das Obskure in der Architektur visualisieren lässt und hat so das gebaute Gegenteil zum Rendering geschaffen. „Insofern ist es wirklich traurig, dass dies kaum ein Journalist verstanden hat“, sagt er rückblickend. „Irgendwie hat keiner das Projekt mit der Spiegel-Debatte in Verbindung gebracht, außer Tim Berge – vielleicht, weil er selbst auch Architekt ist.“ In der Vergangenheit sei alles viel komplexer gewesen, meint Antonino Cardillo. Umso intensiver sind die Geschichten, die seine Visualisierungen und die Fotos seiner tatsächlich gebauten Projekte erzählen. Der Architekt spinnt mit seinen Projekten (ob real oder Fiktion) Geschichten, die aufeinander aufbauen. Er ist kein Planer, sondern vielmehr ein Wanderer, den seine bisherige Reise von Palermo nach Mailand, weiter nach Rom, nach London und zurück nach Sizilien in seine Heimatstadt Trapani geführt hat. Neben diesen physischen Orten, die Cardillo sicher auch beeinflusst haben, spielt die Vergangenheit, die Kultur- und Menschheitsgeschichte der letzten 3.000 Jahre, eine deutlich entscheidendere Rolle. — Warum hat die Vergangenheit für dich eine so enorme Bedeutung? Was ist mit der Gegenwart? Die Untersuchung der Vergangenheit ist eine Untersuchung des Lebens. Außer Frage steht, dass jemand wie Antonio Cardillo Architektur überhaupt nicht als Business versteht, Bauen ist für ihn eine Suche. Aber nach was sucht er? „Ich denke, Antonino ist ein Entwerfer, der versucht, seine eigenen Sprache zu finden und der sich weigert, der Art und Weise zu folgen, wie andere Architekten und Designer heute arbeiten“, schreibt uns Ana Araujo, Dozentin an der AA London und eine Freundin Cardillos. Von ihr stammt der Name „House of Dust“, sie ist Expertin auf dem Gebiet der Wahrnehmung von Bildern. „Ich denke, er verlässt sich auf eine Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Architekt in der Vergangenheit zu sein, um seine berufliche Haltung zu gestalten. Die Häuser für niemanden existieren in diesem Zusammenhang, glaube ich, als Versuch, die Vision einer Architektur auszudrücken, die zu einem gewissen Grad autonom ist. Und das ist der Versuch, einen Standard zu setzen, anstatt einem Standard zu folgen.“ Cardillo hat ein Labyrinth aus Wahrheiten und Illusionen geschaffen. Es ist eine Novelle mit vielen Ebenen. Das Haus in Japan bleibt dabei eine skurrile Geschichte – ob sie stimmt? Was sich hinter den zwei Fotos verbirgt, wir werden es nie erfahren. Es gibt keine eine Wahrheit – die Realität: Sie existiert nicht. Antonino Cardillo hat sie gebaut.

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ANTONINO CARDILLO — ARCHITEKTUR UND WAHRHEIT

Architecture is manipulation. Manipulation is human. Thats it.

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Keine Krise in der Konsumgesellschaft Regalzonen, Schwellenpreise und raffinierte Sonderangebote: Die Psychologie des Kaufens ist bis ins Detail erforscht. Schon die Marktschreier im Mittelalter machten sich perfide Mechanismen zu Nutze, um die Menschen zu verführen. Wir kaufen nämlich gar nicht nach rationalen Entscheidungen, sondern instinktiv. Noch finden wir die stärksten Reize in der realen Shopping-Welt. Trotzdem wird das Online-Shopping alles verändern.

Die perfekte Shopping-Temperatur liegt bei 19 Grad, Regale sortieren sich in Reck-, Sicht-, Greif- und Bückzone, während die Aufstellung der Regale dafür sorgt, dass die Kunden länger bleiben. Bewegen sie sich dabei auch noch gegen den Uhrzeigersinn, geben sie mehr Geld aus als geplant. Wer verkaufen will, sollte diese Regeln kennen. Und ordnet seine Waren nach den Abteilungen Pflicht, Kür und Belohnung an. Denn Kaufen ist eine Frage von Bequemlichkeit, Komfort und Gewohnheit. Es geht dabei um Emotionen und Verführung, Erlebnis und Befriedigung. Das Hormon Dopamin sorgt dafür, dass wir uns nach dem Einkauf glücklich fühlen. Und 70 Prozent ihrer Kaufentscheidungen treffen Kunden nicht rational, sondern emotional. Es geht also um Gefühle. Die Architektur des Verkaufens dient dabei als Bühne, manchmal auch als Kathedrale – denkt man an die heiligen Hallen der Apple-Stores – als eine Welt voller Versprechen. Wenn alles nach Plan läuft, verliert der eine oder andere Kunde zwischen den Regalen die Orientierung und erlebt einen Rausch – je nach dem, um welchen Typus es sich handelt. Dazu hat die Hamburger ECE Projektmanagement GmbH – ein Unternehmen der Otto-Gesellschaft, das in Deutschland knapp 200 Einkaufscenter verwaltet – im März 2017 eine neue Studie veröffentlicht, die acht verschiedene Shopping-Typen vorstellt. Dieses gliedern sich in die Kategorien Status (die Marken-Liebhaber), Experience (die Erlebnis-Orientierten), Feel-Good (die Auszeit-Nehmer), Fun (die Gruppe-Dynamischen), Golden (die Beratungs-Suchende), Pragmatic (die Routine-Meister), Light (die Verhalten-Agierenden) und Mobile (die 86


BESTSELLER

Effiziens-Experten): So vielfältig die Motivation der einzelnen Shopper-Typen sind, so universell muss auch das Angebot in der dementsprechenden Ladengestaltung agieren. Dabei zählt nicht zuletzt auch Individualität: eine paradoxe Aufgabe. Dabei ist die Ära der Einkaufspassagen und Shopping-Center vielleicht längst vorbei: „Kein Einzelhandelsgeschäft in der City, kein Kaufhaus macht pro Quadratmeter Verkaufsfläche so viel Umsatz wie die Flughafen-Läden“, schrieb Rem Koolhaas schon vor über 16 Jahren in seinem 800-Seiten-schweren Harvard Guide to Shopping. Shopping erweist sich nämlich als ideale Beschäftigung in Wartezeiten, erfolgreich sind ebenso Konzepte, in denen Einkaufen mit anderen Aktivitäten verbunden wird. Bedeutete Kaufen früher Handel, Austausch von Gütern und Kommunikation hat sich die Notwendigkeit des Einkaufens zunehmend zu einer Freizeitgestaltung entwickelt. Da achtet man eben mehr auf Bequemlichkeit. Online bieten sich dafür wunderbare Möglichkeiten zum Preisvergleich: Nach aktuellen Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) recherchieren 41 Prozent der Konsumenten zunächst im Internet über Produkte, die sie anschließend „offline“ im Geschäft kaufen. Darüberhinaus suchen drei von vier Deutschen regelmäßig online nach Informationen zu Geschäften und Dienstleistern in ihrer Stadt. Dazu passen auch die aktuellen Angaben des Handelsverbandes Deutschland und der GfK: Mit einem Jahresumsatz von rund 39 Milliarden Euro konnte der Online-Handel in Deutschland 2014 rund zehn Prozent des Gesamteinzelhandelsumsatz erzielen. 2020 soll der Online-Umsatzanteil am Einzelhandel nach einer Prognose des Kölner Instituts für Handelsforschung bei bis zu 22 Prozent liegen. „Heutzutage liegt es näher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus“, steht in großen Lettern auf dem aktuellen Buch „Notre ennemi, le capital“ des französischen Philosophen Jean-Claude Michéa. Und solange Shoppen Frust abbaut und die Sitzung beim Psychiater ersetzt, bleibt die Krise der Konsumgesellschaft in weiter Ferne. jk 87


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KUNST DES KAUFENS

TEXT: TIM BERGE

König Ludwig beschmiert mit Graffiti! So sah die Anzeigenkampagne zur Neueröffnung von The Storey im bekannten Münchner Kaufhaus Oberpollinger aus – und passender hätte die Motivwahl wohl nicht ausfallen können. Schließlich hatte sich ein hauptstädtisches Architekturbüro an einem bayrischen ShoppingHeiligtum vergangen – und mit den Berliner Gestaltern hielt auch die Welt der zeitgenössischen Kunst Einzug in das edle Modegeschäft. 89


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Mode und Kunst Für den Masterplan der Erneuerung des Oberpollinger konnte der britische Architekt John Pawson gewonnen werden, einem Meister für die Inszenierung des Schönen. Den Teilbereich The Storey, eine 3.600 Quadratmeter große Fläche im

und –stützen blieben unverputzt, die Leitungen und Lüftungsschächte hängen sichtbar und nur in ein dezentes, mattes Grau getaucht unter der Decke. Als Gegenstück dazu schufen Gonzalez Haase bunt glänzende und spiegelnde Objekte, die für den „Berliner Bruch“ sorgen. Ihre teils kristalline oder auf

Untergeschoss, gestaltete das Berliner Duo Gonzalez Haase AAS. Sie hatten mit der Gestaltung eines ähnlichen Shopkonzepts für die Concept Stores von Andreas Murkudis bereits bewiesen, dass sie der Welt der Mode einen innovativen, räumlichen Rahmen schaffen können, der unaufgesetzt wirkt und einem zeitgemäßen, urbanen Lebensgefühl entspricht. Ihre gestalterische Mischung aus rauen und edlen sowie einfachen und teuren Oberflächen fand zu Beginn ihrer Karriere vor allem bei Künstlern und Galeristen Anklang – und wurde später dann von der Mode- und Retailbranche als besonders berlinesk eingestuft und auf Shoppingkonzepte übertragen: Mit Erfolg!

geometrischen Strukturen beruhende Formensprache lässt die Elemente wie Kunstwerke erscheinen, die eine perfekte Symbiose mit den hochpreisigen Kleidungsstücken eingehen und ihnen eine ideale Plattform bieten. Skulpturale Objekte, wie verspiegelte Paravents und Schirme, überdimensional große Schrauben und marmorne Kuben, lassen den Raum wie eine Bühne wirken, während Käufer und Verkäufer als Darsteller fungieren. Gut ausgeleuchtet und auf einem Boden aus anthrazit- und rosafarbenen Fliesen, die als Matrix den Grundriss definieren. „Die Materialästhetik, das Verhältnis der Objekte zum Raum, die Lichtwirkung und die streng reduzierte Ordnung sind bis heute die Basis unserer Entwürfe,“ erklären dann auch Pierre Jorge Gonzalez und Judith Haase ihre Vision. In der neuen Raumcollage, die sie für das Oberpollinger geschaffen haben, ist sie mal wieder aufgegangen!

Pink und anthrazit Im Oberpollinger, wo Pierre Jorge Gonzalez und Judith Haase für die Gestaltung der Bereiche Kids Wear und Urban Wear verantwortlich waren, treiben die Architekten das Spiel mit den Gegensätzen auf die Spitze: Die Grundstruktur beließen die Planer in einem rohen Zustand, die Betondecken

WWW.DEAR.DE/001151


SHOP PROJEKTE — KUNST DES KAUFENS

Das Oberpollinger gehört zu den exklusivsten und renommiertesten Modeläden Deutschlands – doch der Einzelhandel und seine Verkaufsstätten stehen in Zeiten des Onlineshoppings im Umbruch und müssen sich neu erfinden.

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KEIL KEGEL

&

MARMORSTAUB


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SHOP PROJEKTE — KUNST DES KAUFENS

Raue Oberflächen und schwarze Objekte für fein detaillierte Kleider: Der Conceptstore HEIKE im chinesischen Hangzhou zelebriert die Kollektion des Modelabels Laohei in einer Kulisse aus überdimensionalen, geometrischen Formen und industriellen Materialien, deren gemeinsamer Nenner ihr dunkel düsteres Erscheinungsbild ist. Dabei kann die Mode auch schon mal in den Hintergrund geraten.

TEXT: TIM BERGE

Der 200 Quadratmeter große Laden ist das Werk der zwei Designer Shanwei Weng und Jiadie Yuan und ihres Studios AN Interior Design. Ihr experimenteller Gestaltungsansatz für den Black Cant System Fashion Store beginnt schon bei der Inszenierung des Zugangs. Vollständiger Rückbau Es ist das perfekte Setting für ein exklusives Modegeschäft: Etwas versteckt und im Obergeschoss eines Möbelladens gelegen, gelangen die Kunden nur über eine steile und enge Treppe auf die Etage des Conceptstores. Das Entree bildet ein schwarzer Kubus, aus dem man wie aus einer Höhle auf die in rohem Beton gehaltene Ebene tritt. Die erste Intervention der Gestalter war ein vollständiger Rückbau der Etage bis auf ihr konstruktives Skelett: Der perfekte Rahmen für die folgenden Eingriffe von Weng und Yuan, die für die Designer nicht weniger als ein räumliches Experiment sind, das die Kunden in die Gedankenwelt des Modelabels entführen und ein innovatives Beispiel für die Möglichkeiten von Innenraumgestaltung sein soll. Schwarze Totems Der neu geschaffene Innenraum, ummantelt von einem Band aus raumhohen Fenstern, wird von einem überdimensionalen Keil geprägt, der auf einem länglichen Quader balanciert. Um die Objekte, die wie eine Ansammlung von Totems im Zentrum der Etage ruhen, dreht sich alles – sie scheinen den Raum in Bewegung zu setzen und bieten den Kunden einen sich stetig wandelnden Anblick. Ergänzt wird das Ensem-

ble durch eine Reihe kegelförmiger Elemente, die wie alle anderen Einbauten in mattem Schwarz gehalten sind. Mal durchbrechen sie den Keil und lassen ihn auf sich ruhen – mal dienen sie in kleinerer Form als pointierte Ausstellungsfläche für die Schmuckkollektion des Modelabels. Das samtene Erscheinungsbild der Objekte wird durch die besondere Oberflächenbeschaffenheit verstärkt: Keil und Kegel wurden mit schwarzem Marmorstaub beschichtet. Dieser schluckt einen Großteil des Lichts und verleiht den geometrischen Formen ihre Patina. Kontraste als Konzept Die matte Ästhetik der Objekte wird von AN Interior Design immer wieder mit glänzenden Oberflächen kombiniert. Der Bestand beginnt dieses Spiel der Gegensätze: dem polierten Estrichboden stehen die raue Betondecke und die ebenfalls unbehandelten Stützen gegenüber. Bei den Einbauten verschärfen die Gestalter die Kontraste. Ein in dem Keil verborgener Raum ist mit polierten, in unterschiedliche Richtungen gekippten Blechen ausgekleidet, die das Licht brechen und das Totem von innen nach außen scheinen lassen. Und auch den Kleidern wird ein Gegenpol zur Seite gestellt: Die gezeigten Kollektionen hängen vor Aluminiumflächen, die der matten Stofflichkeit als spannender Gegenspieler dienen. Mode, Architektur und Mensch funktionieren bei diesem Raumexperiment nur gemeinsam – ohne einander wären sie wahrscheinlich wirkungslos. WWW.DEAR.DE/001151

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STATEROOM – Auf den Spuren vergangener Zeiten das Heute treffen


Fliesenkollektion: STATEROOM

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EUROSHOP 2017

ERLEBNIS PRO 2 M TEXT: TIM BERGE

Die Euphorie ist verpufft. Während bei der letzten Euroshop vor drei Jahren viele Unternehmen den Blick voller Optimismus in die digitale Zukunft richteten, ist beim Einzelhandel nun merklich Realismus eingekehrt. Die richtige Balance aus On- und Offline ist noch nicht gefunden. Dabei gibt es sie, die Innovationen, die Antworten auf den Wandel unserer Einkaufswelt bieten. Diese kann man nicht nur sehen, man kann sie auch fühlen, hören und riechen. Das Erlebnis als Hoffnungsschimmer des Einzelhandels. 98

Die weltweit größte Messe für den Handel, die Euroshop in Düsseldorf, feierte dieses Jahr ihren 50. Geburtstag. Neben vielerlei Trends und Neuheiten bietet die Veranstaltung mit rund 2.500 Ausstellern einen idealen Einblick in das Seelenleben des Einzelhandels.

RADIKALER WANDEL Die Digitalisierung schreitet weiter voran und sorgt für einen radikalen Wandel in der physischen Einkaufswelt – dem Point of Sale. Da Einkäufe zunehmend online getätigt werden, müssen Geschäfte und Shoppingzentren neue Reize bieten, um kaufwillige Menschen überhaupt erstmal aus ihren heimischen vier Wänden zu locken. Für Nicole Srock-Stanley, CEO beim Architekturbüro Dan Pearlman, ist der Retail-Bereich längst in der Freizeitindustrie angekommen, nur, dass das noch niemand so richtig begriffen


MESSEBERICHT

hat. "Shoppen ist wie eine Auszeit vom Alltag, eine Belohnung. Und da gelten andere Regeln: nicht mehr Umsatz pro Quadratmeter, sondern Erlebnis pro Quadratmeter." Aus ihrer Sicht muss ein Umdenken erfolgen: "Der Handel muss die Funktion einer Freizeitdestination übernehmen." Diese Einschätzung wird von vielen Experten geteilt – doch die Händler zeigen sich von der Offline-Online-Thematik irritiert und zögern noch mit dem Umbruch.

LICHT, ÜBERALL LICHT

EIN DORF IM WIDERSTAND

Auch das Thema Licht wird immer zentraler bei der atmosphärischen Inszenierung des Einkaufserlebnisses: Aus kaum einem anderen Bereich kamen so viele Aussteller auf die Euroshop und in kaum einem anderen Bereich boten sich den Besuchern so viele Innovationen und Produktneuheiten. Von einem Schwergewicht wie Jung, das sein breites Produktportfolio und seine Kompetenz in der Ladenbaubeleuchtung of-

Den Höhepunkt der Euroshop 2017 bot The Village, eine Gemeinschaftsausstellung von Ansorg, Vitra und Vizona, die in Zusammenarbeit mit der finnischen Innenarchitektin Joanna Laajisto entwickelt wurde. Die kleine Stadt in der Stadt bot den Besuchern fünf eigens für die Messe entwickelte Shops, für die jeweils eine eigene Marke kreiert wurde, mit Produkten und einer Geschichte – eine gestalterische und konzeptionelle Meisterleistung, die aufzeigte, wie das Einkaufen der Gegenwart aussehen könnte. Um eine Plaza gruppierten sich in heller und offener Archi-

PERFEKTER SOUNDTRACK Antworten auf die Frage, wie so ein Einkaufserlebnis auszusehen hat, liefert die Euroshop im Kleinen wie im Großen. Dabei ist der mit der Digitalisierung einhergehende Trend zum intelligenten Produkt, das flexibel ist und sich anpassen lässt, unverkennbar. Kühltruhen, die gleichzeitig Display sind, auf Alter, Geschlecht und Gewohnheiten der vorbeigehenden Kunden eingehen und ihnen Produkte zum Kauf vorschlagen, sind keine Ausnahme mehr – sie gehören bald zur Regel. Aber nicht nur die sichtbaren Objekte des Einzelhandels werden immer smarter – auch bisher unsichtbare Komponenten wie Licht und Akustik integrieren sich mittlerweile perfekt in ein ganzheitliches, multisensorisches Einkaufserlebnis. So forscht die in Berlin und Stuttgart ansässige Agentur HearDis! seit einem Jahr im Auftrag der EU und in Zusammenarbeit mit sechs anderen Partnern im Bereich individuell anpassbarer Instore-Musik. Schon jetzt lassen sich Wetter, Tageszeit und Stimmung in live hergestellten Soundtracks widerspiegeln.

fenbarte, bis hin zu etwas exklusiveren Unternehmen wie Flos, Molto Luce oder Tobias Grau: Sie alle zeigten, dass es bei den heutigen Anforderungen auf ein Gesamtpaket aus Ästhetik, Funktionalität und individueller Vielfalt ankommt – und auf ein großes Wissen über die Wirkungsweise der faszinierenden Materie Licht an sich. Genau wie bei der Akustik wird in dem Bereich Beleuchtung viel über die technischen und atmosphärischen Möglichkeiten und den Einfluss auf die menschliche Psyche geforscht. Die Ergebnisse sind erstaunlich und führen zu einer völlig neuen und intelligenten Lichtinszenierung im Einzelhandel.

tektur ein Fashionstore, ein Kosmetikladen, ein Shop für Consumer Electronics, ein Automobil-Showroom und ein Lebensmittelgeschäft. In jedem der Geschäfte spielte ein neues Produkt aus dem Hause Vitra die Hauptrolle, während Ansorg unterschiedliche, auf die Läden perfekt zugeschnittene Lichtkonzepte entwarf. Dabei stand neben der Qualität und Ästhetik vor allem die Flexibilität der Ladeneinrichtung im Vordergrund: Kaum ein Element ließ sich nicht anpassen. So bot die Umkleidekabine des Modegeschäfts verschiedene Lichtsituationen, die auf die unterschiedlichen Produkte eingehen kann: Die ideale Beleuchtung eines Abendkleides ist nun mal eine andere als die von Sportoder Arbeitskleidung. The Village bot den Besuchern der Euroshop einen spannenden Einblick in die technischen und konzeptionellen Möglichkeiten des Ladenbaus – und lieferte damit eine gebündelte und kluge Antwort auf die Frage nach der Zukunft des Einzelhandels. So könnte sie aussehen!

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HEINZE


RETAIL- UND HOTEL-SUMMIT IN MUMBAI

ADVERTORIAL

WIE SCHLÄFT UND SHOPPT DIE ZUKUNFT?

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Die Zukunft wird auch in Schwellenländern entschieden. Für Hotellerie und Handel ergeben sich daraus völlig neue Herausforderungen, die zum Teil auf sich ändernden kulturellen Umfeldern, aber auch aus der generellen Digitalisierung ergeben. Noch sind internationale Hotelketten vor allem an einem westlichen Bild von Luxus orientiert, noch ist der stationäre Einzelhandel in vielen Branchen unumgänglich. Wie das Hotel von Morgen und die Perspektiven im Retail-Bereich aussehen werden, sind Fragen, die Heinze mit dem Summit in Mumbai ausloten wollte.

Elf deutsche Architekten geben Antworten.

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RETAIL- UND HOTEL-SUMMIT IN MUMBAI

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1 — PETER IPPOLITO: DAS ERLEBNIS ALS BILD Je mehr Geschichten wir konsumieren, desto weniger gelingt der Entwurf einer eigenen Geschichte. Es entsteht eine tiefe Sehnsucht nach immer neuen Geschichten und Bildern die, analog zum digitalen Erleben, stets perfekt und verfügbar als Folie der Selbstinszenierung dienen. Die zunehmende Entkörperlichung unseres Erlebens führt zu einem Hunger nach Erfahrungen um sich zu spüren und sich seiner selbst durch Eigeninszenierung zu vergewissern. Der inszenierte Raum wird zum Surrogat für Geschichte. Wobei es immer weniger um den Ort oder um das Erlebnis selbst geht, sondern um das Bild des Erlebnisses. Der Ort wird zur Kulisse der Selbstinszenierung. Gegenwart wird zur vorweggenommenen Erinnerung. Gleichzeitig spielt Konsum heute eine viel größere Rolle ins unserem Leben als früher. Was wir über uns aussagen wollen, tun wir heute in erster Linie über die Produkte, die wir konsumieren. In Folge werden sich unsere Antworten als Gestalter verändern. Neben klassischen Antworten der möglichst durchgängigen Erzählung wird die Gestaltung des Prozesses, der Handlung ebenso wichtig als die Gestaltung von Objekten. Die Setzung einer Haltung im Spannungsverhältnis von Agilität, Identität und Wertedefinition ist eine der wichtigen Herausforderungen unserer Gestaltungswelt.

2 — BEA MITTENDORFER: DIE MACHT DER ERINNERUNG Die Welt ist durch die Bilder im Internet transparenter geworden. Das geht auch an der Ferienhotellerie nicht spurlos vorüber. Neben den Fotos, die Hotels auf ihren Homepages und verschiedenen weiteren Plattformen präsentieren, gibt es eine Vielfalt von Nutzerbildern und -kommentaren, die potentielle Kunden in Netz finden können. So reisen die Gäste vielfältig informiert mit großer Erwartungshaltung an das sorgfältig ausgewählte Hotel an und wie bei zwischenmenschlichen Be-

gegnungen besteht die kurze Chance, sich im Bruchteil einer Sekunde beim Betreten des Hotels zu verlieben. Die Grundlage, die diesen Zauber des Augenblicks ermöglicht, liegt in den Hän3 den des Interior Designers. Dass die Software eines Hotels mindestens der Hardware entspricht, damit der Kunde in den Genuss eines unvergleichlichen Urlaubs kommt, ist bekannt. Und so landen immer wieder Mails von begeisterten Gästen im Postfach, die sich gern ein Stück Hotel mit nach Hause nehmen möchten. Anscheinend genügt der tägliche Anblick eines Bodens, eines Sessels aus dem Hotel um Wohlgefühl aus dem Urlaub zuhause noch lange nachwirken zu lassen.

3 — ROLF ROMANI: WOHIN MUSS DIE REISE GEHEN? Als Gestalter leben wir im Spagat der Verantwortung: Fairtrade, Sourcing, Recycling und Reagieren auf Strömungen, die nicht von uns verursacht wurden. Architekten sind keine Weltverbesserer, können aber veränderndes Bewusstsein bei Kunden bestätigen. Sowohl im Retail als auch im Hotelgewerbe, müssen Planungen oft sehr schnell entstehen – auch ein Gesellschaftsproblem: diese Ungeduld lässt weniger Zeit zum Forschen. Ich sehe die Verantwortung, sich mit innovativen Materialien zu beschäftigen, Messen, dem DGNB, etc. Hier ist das Resultat entscheidend, wenn es zu Verbesserungen beiträgt. Wohin muss die Reise gehen? Schwierig, die Welt ist komplexer geworden, voller Gegensätze, wie wir sie in Mumbai selbst erlebt haben: 5 Sterne Hotel und Wohnverhältnisse, die man zuhause keinem Hund zumuten würde. Die Demographie, neue Völkerwanderungen, Umweltschutz, und der Mangel an Ressourcen, zwingen zum Neudenken. Weitere Elemente, wie gesellschaftliche Ängste, Terror, Anonymität, soziale Netzwerke; z.B. jederzeit erreichbar sein zu müssen und damit verbundene veränderte Arbeitswelten und -zeiten, erzeugen ein gesteigertes Bedürfnis nach mehr Wohnlichkeit. Im Retail sehen wir dies schon länger und nun auch bei Hotels und Büros. Als Gestalter fragt man sich immer, in welchem Umfeld fühlen sich die Nutzer wohl und können ihre Aufgaben und Funktionen bestmöglich durchführen? Das zu Reflektieren ist wichtig.

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4 — HEINER PROBST: INNOVATE OR DIE

was bedeutet eigentlich Digitalisierung der Stores? Ist durch

Chancen und Risiken der Globalisierung werden an einem Ort wie Mumbai in kontrastierenden Bildern vergegenwärtigt: Hier leben Armut und Reichtum in ihrer jeweils extremsten Ausprägung Tür an Tür. Müll, Abwasser und Smog dominieren die Straßen, daneben stehen Wolkenkratzer und Fünfsterne-Hotels mit maximalem Komfort. Und fröhliche Kindergesichter lächeln in den Slums, wo unter widrigsten Bedingungen Plastikmüll von Hand recycled wird. Es gäbe viele Gründe zu resignieren, zu verzweifeln und die Orientierung zu verlieren. Und es fällt schwer, sich vor diesem Hintergrund Gedanken zur Zukunft von Hotels und dem Retailgeschäft zu machen. Aber es gibt keine Alternative dazu, die Herausforderung anzunehmen und die Flucht nach vorn zu ergreifen: Global denken und handeln, Wohlstandsgefälle abbauen, Bildung fördern, nachhaltige Prozesse und Ressourcen sparende Kreisläufe einführen... Die Technik zur Gewinnung von erneuerbaren Energien und eine über das Internet global vernetzte und informierte Welt bieten erstmals die Chancen und technischen Voraussetzungen dazu. Die Bereiche Retail und Hotel können ihren Beitrag leisten, indem sie durch ihre starken und vom Marketing untermauerten Vorbildfunktionen nachhaltige und Ressourcen sparende Innovationen in die westlich orientierten Konsumgesellschaften tragen, und Impulse für den Wandel geben.

die Installation eines LCD Screens die Digitalisierung am Point of Sale bereits abgeschlossen? Wohl kaum! In naher Zukunft, wird das Onlinegeschäft den Hauptanteil der Umsätze vieler Unternehmen ausmachen. Virtuell Reality Shopping, Smartphone Apps werden sich weiterentwickeln und zum festen Bestandteil unserer Shopping Experience werden, andere unbekannte Verfahren werden mit Sicherheit nachrücken. Die Einzelhändler die heute schon die Zeichen der Zeit erkennen, werden unter Umständen überleben und sich durchsetzen. Future Stores werden nicht mehr so sehr davon getrieben sein, Kapazitäten für Waren zur Verfügung zu stellen, sondern vielmehr zu Showroom Plattform, die Waren inszenieren. Die Lieferung der Einkäufe wird innerhalb weniger Stunden zum Kunden nach Hause gewährleistet, durch ein noch weiter perfektioniertes Logistiksystem, in dem Drohnen die Auslieferung übernehmen. Riesen Screens werden die typischen Wandabwicklungen in den Stores ersetzen. Auf Knopfdruck wird auf den Screens eine neue Story erzählt werden. Retail-Konzepte werden sich im großen Umfang nur noch in digitaler Form abbilden und sich den Kollektionen anpassen. Die Geschwindigkeit, in der die Mode heute bereits in den Stores rotiert, hielten wir vor 20 Jahren noch für unmöglich, heute ist sie Alltag. Das sich dieses Prinzip auf die Shop-Konzepte der Zukunft fortwirkt, wird nicht aufzuhalten sein. Unternehmen wie PVH (Tomy Hillfiger/Calvin Klein) machen es bereits vor. Komplett Digitalisierte Showrooms und Orderrunden sind bereits Realität. Der nächste Schritt wird der komplett digitalisierte Store.

5 — HAKAN AYDIN: ERLEBNISSHOPPING & STORYTELLING Der gesamte Markt befindet sich im Umbruch und einige Einzelhändler sind bereits vom Markt verschwunden. Die Veränderung des Konsumverhaltens zwingt die Retailer zum Umdenken. Das neue Credo lautet „Erlebnisshopping und Storytelling“. Die Digitalisierung der Stores wird zunehmend zu einem der wichtigsten Leitthemen für Unternehmen. Nur

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6 — RALF PETER KNOBLOCH: DIE ZUKUNFT SPRICHT ALLE SINNE AN Das Store-Design der Zukunft ist crossmedial, holistisch und spricht alle Sinne an. Lokale Bezüge werden in die Projekte


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integriert werden. Wesentliche Aspekte zukünftiger Stores

dergrund rücken. Die Gestaltung dieser Event Spaces erfor-

sind neben dem Design ein starkes Employer-Branding, die enge Verknüpfung von mobilen Medien mit virtuellen und realen Stores sowie spezielle Services zur Kundenbindung: zum Beispiel durch Angebote, die der Kunde nur in den Stores findet. Künftige Shops sind nicht starr, sie überraschen die Kunden und werden flexibel: Sie leben, sie atmen und lassen sich schnell in eine Event Location verwandeln. Mit Pop-UpStores lassen sich Orte bespielen, die neue Akzente setzen. Bei den zukünftigen Stores wird hoher Wert auf das Mitarbeiter-Branding gelegt, das auf die Zielgruppen zugeschnitten wird. Marketingkonzepte werden verstärkt crossmedial und beziehen Sozialmedia-Tools mit ein. So bekommt die Kundenbindung zusätzliche Dimensionen, um das Identifikationspotential und die Markenbindung zu stärken.

dert bei den Gestaltern ein radikales Umdenken, weg von mit jeder Kollektion wechselnder Gestaltung der Ladenflächen, hin zu zeitlosen offenen Konzepten, die die neuen Funktionen geschickt miteinander verknüpfen, ohne die Markenidentität zu vernachlässigen. Dieser Wandel ist eine Chance die Ausstrahlung einer Marke auf längere Zeit hin zu prägen und erfordert bei den Gestaltern zukünftig mehr als reine Innenarchitektur.

7 — JOHANNES HANF: EVENT SPACES ERFORDERN EIN RADIKALES UMDENKEN Der rasant wachsende Onlinehandel via Amazon und Co. verändert zunehmend das Kaufverhalten der Gesellschaft. Dadurch wird ein Umdenken in der Ausrichtung der Vertriebsmodelle großer Marken erzwungen. Das klassische Ladengeschäft verliert dabei zunehmend seine Rolle als Point of Sale. Die Funktion des Internet wandelt sich rasant vom reinen Markenauftritt hin zum primären Ort des Verkaufs. Das bedeutet jedoch nicht das Ende der Geschäfte in unseren Innenstädten. Es verändert sich allerdings zunehmend die Rolle und damit verbunden die Gestaltung der Retail Spaces. Ähnlich wie in der Hotellerie wird eine Markenbindung der Kunden durch bewusste Schaffung von Emotionen und Erlebnissen immer wichtiger als die schlichte Wiederholung des Firmen CIs. Die Virtualität des Internet fordert um so mehr eine physische Erfahrbarkeit der Produkte. So entstehen in Europa multifunktionale Showrooms, die die Geschichte, die Herstellung und den Umgang mit den Produkten in den Vor-

8 — RUTH BERKTOLD: GREEN CITY – CLEAN CITY Der neue Trend beim Shoppingverhalten wird durch verschiedene Faktoren geprägt. Einmal der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit der Waren, der Wunsch nach traditionellen und heimatverbundenen Produkten. Dann das aktuelle Einkaufverhalten und der Shift zu Online-Shopping mit einfachen Umtauschtransaktionen, und bald auch die Heimlieferung per Drohne. Der Trend zum Customizing ist auch deutlich erkennbar: personalisierte Turnschuhe, handgeknuddeltes Rindfleisch, Eier von freilaufenden Hühnern, Fairtrade-Kleidung, Biomärkte, lokale Produktion, ja sogar ein biologisch-nachhaltiges Oktoberfest setzt sich langsam aber sicher Schritt für Schritt durch. In der Hotelszene zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab. Nachhaltige Bio-Hotels mit lokalen Produkten, tätowierten, heimgekehrten Weltköchen und Knuddelzoo, sowie grüne Bauweise mit Möbeln und Holz aus der Umgebung: Der CO2-Footprint der Materialien soll kurz gehalten werden. Was wäre wenn wir ein bewusstes Crossprogramming zwischen Retail und Hotellerie schaffen würden? Viele der Hotels gleichen im Erdgeschoss mit Schaufenstern und Shops sowieso schon teuren Malls. Als nächsten Schritt wünscht man sich online konfigurierbare Zimmer, mit individuell bestellbarer Merchandise und der Diät angepassten Mahlzeiten.

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9 — JOCHEN MESSERSCHMID: RETAILDESIGN IN DER ZUKUNFT Werden Läden warenlos sein? Wird es Showrooms geben, in denen der Kunde den Kontakt mit der Ware rein virtuell hat? Mit einer Anprobe via Großbildschirm? Mit sameday-delivery der ausgesuchten Ware mit der Drohne nach Hause? Oder sind Läden nur erfolgreich, wenn sie Geschichten erzählen? Sind Läden erfolgreich, die Produkte möglichst billig anbieten, auch wenn sie dafür stark nach Chemie duften? Geht es womöglich gar nicht um das Produkt, sondern um die Befriedigung des Shopping-Triebes? Es wird um alles gehen, um alles ein bisschen, um manches mehr, um anderes weniger. Die Kunst ist, für die jeweilige Situation die richtige Lösung zu finden. Was bedeutet das für den Store? Der Kunde ist seit Jahren immer besser informiert, das Geschäft dient nicht in erster Linie der Informationsbefriedigung. Stores werden noch mehr Aufenthaltsqualität bieten, noch mehr oder auf jeden Fall bessere zusätzliche Angebote. Je nach Standort können die Händler nicht davon ausgehen, dass ihre Stadt das bietet, was Stadt ausmacht oder ausmachen sollte. Eben ein vielfältiges Angebot an Dienstleistungen, Gastronomie, etc. Diese Vielfältigkeit ergibt aber Aufenthaltsqualität und hohe Verweildauern. Letztendlich führt sie dazu, dass Kunden sich wohlfühlen und konsumieren. Für das Store-Design bedeutet das, dass einerseits größere Flexibilität möglich sein muss, um Veränderungen oder Anpassungen einfacher vornehmen zu können. Andererseits darf das nicht zu einer Kulissenarchitektur führen. Der Kunde will sich ernst genommen fühlen. Konzepte können dann verstärkt so sein, dass der Besucher sich wie zu Hause fühlt, dass er sich über und mit klarer Markenkommunikation identifiziert oder, dass er ganz einfach unterhalten wird und er dort soziale Kontakte erleben kann. Entsprechend der Individualität der Menschen gibt es hierfür individuelle Lösungen, die

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es zu entwickeln gilt. Das Gleiche gilt für die Hotellerie. Individuelle Konzepte, die unvergleichbar sind, werden erfolgreich sein. Auf der anderen Seite natürlich auch weiterhin die standardisierten Formate, bei denen der Gast weiß, was ihn erwartet. Enttäuscht kann man sein, wenn man standardisierte Hotel-Innenarchitektur in einem spektakulären (soeben fertiggestellten) Gebäude erlebt, wie z. B. aktuell in einer norddeutschen Großstadt möglich. Überraschungen machen das Leben spannend. Das gilt auch für Retail und Hotels. Nur sollten die Überraschungen eben positiver Natur sein.

10 — CLAUDIA BREIL: SHOPPEN, EINE ERSATZRELIGION? Der Konsument ist übersättigt. Wonach wird er in der Zukunft suchen? Nach einer Identität. Diese findet er heute in Ersatzreligionen wie Ernährungsphilosophien, politischen Gruppierungen oder im Markenfetischismus. Es geht immer darum, sich mit etwas zu identifizieren: sich auszudrücken. Die Entwicklung der DNA, der Story ist heute das Wesentliche. Hat ein Unternehmen sie noch nicht gefunden, so muss sie schleunigst erfunden werden, denn der Consumer sucht permanent neue Identifikationsmerkmale. Der moderne Märchenerzähler ist der „Story Teller“: der Architekt, der Interior Designer. Er schafft das holistische Umfeld und wir Gestalter werden so zum Soziologen, zum Coach, zum Visionär oder Personaltrainer eines Unternehmens. Das Storedesign wird sekundär in der komplexen Aufgabenstellung. Der eigentliche USP eines Unternehmens ist das Personal. Hier liegt der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg. Trägt der Mitarbeiter die DNA des Unternehmens und identifiziert er sich mit den Werten, so wird er sein Wissen über den Consumer für das Unternehmen gewinnbringend einsetzen. Das gilt für das Verkaufspersonal genauso wie für Servicekräfte im Hotel. Welche Einflüsse haben diese Entwicklungen auf das Kauf-


RETAIL- UND HOTEL-SUMMIT IN MUMBAI

Der Retail- und Hotel-Summit in Mumbai wurde ermöglicht durch: C+P Möbelsysteme „Erst kommen die Menschen, dann die Produkte“: Das Unternehmen C+P Möbelsysteme „Möbel für Menschen“ aus Breidenbach gehört zu den marktführenden Einrichtungsherstellern in Europa und setzt seinen Fokus auf Büro, Objekt und Archivierung, Lager und Werkstatt, Umkleide und Garderobe, Labor und Medizin sowie Trennwandsysteme. Die Einrichtungsobjekte von C+P zeichnen sich durch Ergonomie und Haltbarkeit aus. / www.cp.de

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verhalten? Ich glaube hier splittet sich die Gesellschaft. Der gutsituierte Bildungsbürger sucht nach Inhalten und Werten. Auf der anderen Seite steht der sozial schwache und weniger Gebildete: Er wird auf günstigen Massenkonsum setzen. Zwei starke Strömungen in der Gesellschaft, die sich intensivieren werden. Mumbai vermittelt diesen Kontrast eindrucksvoll.

11 — CLAUDIA BLUM: MÖCHTEN SIE ZU HAUSE WIE IN IHREM LIEBLINGSHOTEL WOHNEN? Wow, ich fühle mich wohl hier. Irgendwie aufgehoben, dazugehörig, so als wäre das hier „mein Platz”. Dabei habe ich das Hotel gerade erst betreten und sitze nun der Lobby, gleich treffe ich meine Kollegen. Die Sessel sind toll. Wenn ich zurück nach Hause komme, rufe ich vielleicht den Innenarchitekten an und bestelle für uns den gleichen Sessel. Gestalter kreieren Räume, die wie eine Custom-Made-Hülle den Bewohner umschmeicheln – im besten Fall eine Erweiterung des Ichs darstellen. Darin sind wir Fachleute, das haben wir studiert und jahrelange Erfahrung gesammelt. Eine gelungene Inszenierung setzt sich aus vielfältigen, fein abgestimmten Komponenten zusammen: Materialität, Formensprache, Proportion und nicht zuletzt eine ausgearbeitete Lichtinszenierung. Der Betrachter nimmt diese Einzelkomponenten nicht selektiv wahr, sondern fühlt die stimmige Gesamtatmosphäre. Um zu Hause so zu leben, wie in solch einer inszenierten Hotelwelt, recht es also nicht aus, einen Sessel oder eine Stehleuchte entsprechend des Vorbildes zu ordern. Gleich eines Musikstückes braucht es neben der Leitmelodie zahllose Klangelemente, Instrumente, Tonalitäten. Räume sollten sich nicht als Collagen verstehen, gleich einer Pinterest-Wand, sondern vielmehr als Klaviatur der eigenen Melodie.

BYOK Kai Byok entwickelt und produziert mit seinem Team ausdrucksvolle Leuchten für den Wohn- und Objektbereich. Sein Wissen um den technischen und konstruktiven Produktionsprozess führt seitdem zu Ergebnissen von zeitloser Eleganz und perfektioniertem Handwerk. Produkte, die mit jedem Interieur harmonieren, ohne ihren Charakter zu verlieren, kennzeichnen die Handschrift von BYOK. / byok.lighting Dormakaba Mit seinen Produkten, Lösungen und Services bietet Dormakaba (der Zusammenschluß aus den Marken Dorma und Kaba) sicheren Zutritt zu Gebäuden und Räumen aus einer Hand. Mit mehr als 150 Jahren Erfahrung steht das Schweizer Unternehmen für Sicherheit, Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit. Dormakaba begleitet Gebäudeprojekte in jeder Entwicklungsphase, um die beste Lösung für alle Bedürfnisse zu ermöglichen. / www.dormakaba.com Pfleiderer Die Pfleiderer Gruppe ist ein führender Holzwerkstoffhersteller in Europa und ist Partner von Industrie, Handel, Handwerk, Planern und Architekten: Dabei bietet sie ein komplettes Angebot von Produkten und Serviceleistungen mit dem Fokus auf Möbelbau, Holzfachhandel, Innenausbau und konstruktivem Holzbau. Unter der Dachmarke Pfleiderer bündelt die Gruppe darüberhinaus die Produktsortimente von Duropal und Thermopal. / www.pfleiderer.com V & B Fliesen Die V&B Fliesen GmbH fertigt Fliesen der 1748 gegründeten Marke Villeroy & Boch. Das Unternehmen ist heute in über 80 Ländern tätig und gehört zu den führenden Keramikherstellern der Welt. Aus hochwertigen Materialien entstehen Premium-Sortimente für Bad, Küche, Wohn- und Außenbereiche. Die aktuelle Kollektion „Creating Spaces“ ermöglicht mit ihren Serien in einer großen Auswahl an Farben, Formaten und Dekorationen individuelle Gestaltungen ganz unterschiedlicher Raumsituationen und Einrichtungswelten. / www.villeroy-boch.de

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DOSSIER

Sam Bompas und Harry Parr haben formidable Ideen, die sie in Ăźberraschende Projekte umsetzen. Ihre Happenings changieren zwischen Kunst, Architektur und Kitsch. Foto: Nathan Pask 108


Sam Bompas und Harry Parr sind begnadete Geschichtenerzähler. Das Ergebnis ihrer überbordenden Fantasie: sensorische Happenings, die zwischen Kunst und Kitsch changieren. Wir sind eingetaucht in die fabelhafte Welt der beiden exzentrischen Briten – mit dabei: Götterspeisen, Alkoholschwaden und Bananenkonfetti.

British Wow! TEXT: CLAUDIA SIMONE HOFF

Alles fing damit an, dass Harry Parr Prinz William in Eton einen Toast mit Bohnen servierte. So jedenfalls erzählt man es sich. Im englischen Nobelinternat war es auch, wo er Sam Bompas traf. Beide hegten schon als Schüler eine geradezu fanatische Begeisterung für Nahrungsmittel und gaben viel Geld für Restaurantbesuche aus. Was damals noch niemand ahnen konnte: Hier wurde der Grundstein für ihren späteren Erfolg gelegt. Heute mischen Architekt Harry Parr und Sam Bompas, der Geografie studiert und im Marketing gearbeitet hat, die Kunst- und Kulturszene auf.

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Verführer

Bompas & Parr sind genau so, wie man sich Engländer ge-

Wonders. In den Verkaufsvitrinen standen aufgereiht: kunter-

meinhin vorstellt: extravagant, geistreich, humorvoll, so wie auch ihre Happenings, die irgendwo zwischen Hoch- und Alltagskultur angesiedelt sind. Alle Projekte sind Unikate – entwickelt für einen bestimmten Ort, für einen bestimmten Anlass, für eine bestimmte Marke. Unter ihren Auftraggebern finden sich kulturelle Institutionen wie die Serpentine Gallery, das Victoria & Albert Museum oder das Whitney Museum of American Art, aber auch Unternehmen wie Louis Vuitton, Unilever, Johnnie Walker und Mercedes-Benz. Wenn das Duo für Marken arbeitet, sollen ihre Arbeiten immer auch etwas verkaufen, meist ein Produkt oder ein Image. Sam Bompas glaubt zwar nicht, dass allein durch ihre konzeptionellen Happenings der Verkauf angekurbelt wird, aber „unsere speziellen Architektur- und Designtechniken verleihen den Produkten ein Narrativ, das neugierig macht.“ Es geht bei ihren Markeninszenierungen also vor allem um die Kontextualisierung eines Produkts, um die Schaffung eines bestimmten Bildes. „Eine Götterspeise in Form der St. Paul’s Cathedral zieht uns einfach mehr in den Bann als ein Dessert, das in einer einfachen Schale serviert wird“, erklärt Bompas.

bunte Wackelpuddings in so extravaganten Geschmacksnoten wie Johnnie Walker Gold Reserve Whisky mit Himbeeren, abgefüllt in 3D-gescannten Backformen aus einem englischen Schloss des 19. Jahrhunderts. „Wackelpudding ist extrem vielseitig, man kann ihn in eigentlich jede erdenkliche Form bringen“, begründet Harry Parry seine Vorliebe.

Götterspeisenverwandler Womit wir bei einem Lieblingsthema von Bompas & Parr wären, dem Wackelpudding, im Englischen Jelly genannt. Vor mehr als zehn Jahren hätte der Wackelpudding die Karriere der beiden allerdings beinahe beendet, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Denn niemand interessierte sich für ihre Götterspeisen, wie sich Bompas schmunzelnd erinnert. Abgehalten von ihrem Tun hat das die beiden glücklicherweise nicht, im Gegenteil: Wackelpudding ist zu einem Synonym für ihre Arbeiten geworden. Das exzentrische Duo weiß inzwischen sehr genau, wie Verführung geht. Im letzten Jahr beispielsweise eroberten sie die heiligen Hallen der Food Hall im Londoner Kaufhaus Harrods mit dem Jelly Parlour of

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Disziplinenhacker Ihren Projekten voraus geht immer eine fundierte Recherche, erzählt Sam Bompas bei einem Treffen in Taipeh. Bompas & Parr hatten anlässlich des World-Design-Capital-Jahres das Projekt Sausage Social entwickelt. Es zeigt geradezu exemplarisch, wie sie vorgehen: als Disziplinenhacker. Denn fast alle Projekte sind interdisziplinär angelegt, bewegen sich spielend zwischen Kunst, Architektur, Experience und Food Design. Das ist extrem aufwändig und arbeitsintensiv, weswegen im Londoner Studio ein Team von Designern, Architekten, Technikern, Köchen und Musikern arbeitet. Und natürlich gibt es dort ein große Versuchsküche, wo auch mit den geschmacksintensiven Snacks für die Installation in Taiwan experimentiert wurde. In Taipeh erwiesen sich Bompas & Parr erneut als Meister der Inszenierung, es ging buchstäblich um die Wurst: als verbindendes Element zwischen Taiwan, England und dem europäischen Kontinent, um die Wurst als Kultur und soziale Aktion und um das, was man mit der Wurst alles machen kann. An temporären „Marktständen“ eines imaginären Nachtmarktes konnte man Streetfood der etwas anderen Art probieren: Bubble Sausage Tea, Eiskugeln mit Wurstgeschmack, einen Reiswein-Shot, der in „Gläsern“ aus Schinkenscheiben serviert wurde. Von den improvisierten Buden hingen mit dem Label Bompas & Parr gebrandete Würstchen herab und eine leuchtende Erdkugel spielte die Sausage Symphony des Komponisten Dom James.


BRITISH WOW!

Bild 1: Den traditionellen Nachtmacht neu interpretiert haben Bompas & Parr mit Sausage Social. Während Taipeh 2016 World Design Capital war, wurde die Wurst zum kultur- und disziplinenübergreifenden Objekt – samt Wurst-Symphonie, Wurst-Eis und Wurst-Cocktails. Foto: Alice Wang Design Bild 2: Im Londoner Nobelkaufhaus Harrod’s präsentierte Bompas & Parr eine Sammlung von Götterspeisen in erstaunlichen Geschmacksrichtungen wie Champagner mit Sommerfrüchten – Jelly Parlour of Wonders genannt. Die 3D-gescannten Formen sind Replikate aus der Sammlung des Landschlosses Castle Drago. Foto: Ann Charlott Ommedal Bild 3: Crazy Golf: Auf dem Dach des Londoner Kaufhauses Selfridges bauten Bompas & Parr einen Neun-Loch-Minigolfplatz auf. Mit dabei: die sieben architektonischen Wunder Londons in Kuchenform, darunter die Tower Bridge und das ikonische, im Volksmund als Gurke bezeichnete Hochhaus von Sir Norman Foster. Foto: Ann Charlott Ommedal Bild 4: Die Zukunft der Medizin? Pharmacafé nannte sich ein temporärer Ort, mit dem Bompas & Parr ihre Gäste in Dubai überraschten. Serviert wurden111 Kräuterdrinks, umhüllt von Pfefferminz- und Ingwernebel. Jedem Cocktail wurden „Tabletten“ beigemischt, die das angeblich heilende Geschmackserlebnis verfielfachten. Foto: Iska Lupton


BRITISH WOW!

DOSSIER Wie technisch ausgefeilt, wissenschaftlich fundiert und immer auch sinnlich ihre Ideen umgesetzt werden, zeigt Alcoholic Architecture – eine begehbare Alkohol-Aerosol-Wolke. Dafür verwandelten Bompas & Parr die Kellerräume des berühmten Londoner Borough Market in eine Pop-up-Bar. Eine gute Stunde verweilten die in Plastikcapes gewandeten Besucher in der Wolke, inhalierten den Alkohol und hatten vielleicht noch das ein oder andere zusätzliche Glas in der Hand. Ähnlich sinnlich und geschmacksintensiv, jedoch weit spektakulärer war das erste multisensorische Feuerwerk der

Forschungsreisende

Welt, das Bompas & Parr am Ufer der Themse in der Silvesternacht vor vier Jahren inszenierten. Zur Freude der Besucher fielen vom Londoner Nachthimmel: mit Apfel- und Kirschgeschmack getränkte Nebelwolken, Pfirsichschnee, Feuerwerkskörper mit Erdbeeraroma und essbares Bananenkonfetti. Die Geschmacksrichtungen waren übrigens kulturübergreifend konzipiert, koscher und halal, so dass jeder sie verstehen, schmecken und sich mit ihnen identifizieren konnte.

Fantasiebesessene Künstler, Food Designer, Provokateure, Wissenschaftler oder clevere Brand Manager – Parr und Bompas lassen sich nicht festlegen. Kunst und Marketing sind für sie kein Widerspruch. Ein frischer und kluger Blick auf schon immer Dagewesenes, das Ausloten kreativer Grenzen, das überraschende Zusammenbringen verschiedener Kontexte ist die Essenz ihrer Arbeit. Wer aufgrund der Vielzahl von Projekten und illustren Auftraggebernamen allerdings glaubt, Sam Bompas und Harry Parr hätten in ihrem jungen (Arbeits-)Leben schon alles gesehen und gemacht, der irrt. Beide sprühen nur so vor Ideen, lieben es, durch die Welt zu reisen, Menschen und Dinge zu entdecken, Aufgestöbertes in neue Projekte umzusetzen. Dabei haben sie sich eine geradezu kindliche Begeisterung und Neugierde bewahrt. Auf die Frage, welche Fantasien ihm gerade im Kopf herumschwirren, antwortet Sam Bompas: „Ich bin geradezu besessen von der Idee, die Beisetzungsfeier der Queen zu kuratieren. Der Tod fasziniert mich, seine Gestaltung, die Merchandising-Möglichkeiten.“ Well, Bompas & Parr haben sich noch nie von ihren großen Plänen abhalten lassen.

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1 „Ich bin geradezu besessen von der Idee, die Beisetzungsfeier der Queen zu kuratieren. Der Tod fasziniert mich, seine Gestaltung, die MerchandisingMöglichkeiten.“

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Referenz: Cheval Three Quays, London

DIE NEUE FARBE "KOSMOS SCHWARZ"

www.karcher-design.de

EDLES AUS STAHL

BLACK EDITION


ARCHITEKTUR

TEXT: JANA HERRMANN FOTO: MARCO AGORRI


Architektur ist die Optimierung des Wesentlichen

Eine Verabredung mit der schwedischen Architektin Mia Hägg ist ein schwieriges Unterfangen. Den ursprünglich vereinbarten Interviewtermin in Paris muss sie mehrmals verschieben, am Ende treffen wir sie in Mailand. Hier erzählt sie uns von dem Kulturschock, den ihr Umzug aus dem sanften Schweden in das brutale Paris auslöste, welchen Einfluss Stararchitekt Jean Nouvel auf ihre berufliche Entwicklung genommen hat und warum sie eine komfortable Position bei Herzog & de Meuron aufgab, um sich dem sozialen Wohnungsbau zu widmen.


ARCHITEKTUR Strohblonde Haare, grosse blaue Augen und ein herzerwärmendes Lächeln sind definitiv die drei auffälligsten Attribute, die bei der 1970 geborenen Schwedin ins Auge fallen. Wer Mia Hägg nicht kennt und ihr ein Klischée aufdrücken möchte, würde ihr mit grosser Wahrscheinlichkeit die Rolle des unbeschwerten Liebchens zuteilen. Der Inhalt ihrer Aussagen gibt allerdings schnell zu verstehen, dass sie selbst über positive Begebenheiten viel reflektiert und erst recht dann weitermacht, wenn es unbequem wird oder gar nicht läuft. Vor allem jedoch hat Mia Hägg als Mitarbeiterin bei Herzog & de Meuron und Jean Nouvel einige der innovativsten Gebäude des 21. Jahrhunderts mitgestaltet und Projekte in Europa, Asien, Russland und Amerika betreut, bevor sie sich auf dem vorläufigen Zenith ihrer Karriere mit einer völlig anders gearteten architektonischen Idee selbständig machte. Doch fangen wir besser ganz von vorne an:

werfen. Denn in Schweden wäre das nie so passiert. Dort wird immer etwas gefunden, was auch dem objektiv größten Mist einen angeblichen Sinn oder eine interessante Note verleiht. Allerdings hat diese niederschmetternde Erfahrung auch etwas Positives in mir ausgelöst: Ich habe eingesehen, dass mein Entwurf tatsächlich in die falsche Richtung ging und wollte es meinem Professor nun erst recht zeigen. Und vor allem habe ich kapiert, wie die Heile-Welt-Attitüde die Realität verzerren kann und im Leben nicht unbedingt weiterbringt.

Ihr Weg führte von der Technischen Hochschule in Göteborg an die renommierte ENSAP (École Nationale Superieure d’Architecture de Paris-Belleville). Warum haben Sie sich gerade diese Schule ausgesucht? Meine Wahl war von keinerlei beruflichen Ambitionen, sondern vielmehr von der Faszination der Stadt Paris und ihrem unglaublich großen Kulturangebot geprägt, das ich auch intensiv ausgekostet und genossen habe. Der Rest war allerdings eine ziemliche Katastrophe.

Für Sie ging es jedenfalls sehr erfreulich weiter. Sie wurden 1998 in den Ateliers Jean Nouvel (AJN) angestellt und arbeiteten drei Jahre lang an großen Projekten wie beispielsweise dem Dentsu Tower in Tokio mit. Inwieweit hat Jean Nouvel Ihren Stil geprägt? Sehr stark. Ich hatte wirklich großes Glück und bin sehr froh, dass ich bei ihm lernen durfte. Er ist wahnsinnig schnell in der Konzeption und agiert erst, wenn er zu Ende gedacht hat. Es gibt ja auch viele, die machen sofort fünfzehn Entwürfe und stellen dann erst fest, dass kein einziger funktioniert. Das gibt es bei Jean Nouvel nicht. Mich hat auch von Anfang an beeindruckt, dass er für jede Konstruktion zunächst ihr Umfeld analysiert und dadurch beispielsweise ganz tolle Stimmungen erzeugen kann. Darüber hinaus hat er eine außergewöhnliche Persönlichkeit und ich bewundere seinen Mut, dass er sich nie verstellt, auch wenn er weiß, dass seine Ideen oder Aussagen nicht gut ankommen oder er provoziert. Außerdem hat er mir auch auf andere Weise viel Selbstvertrauen gegeben: Als ich bei ihm anfing, fiel mir sofort auf, dass die Projektleiter-Positionen oft von Frauen bekleidet waren. Dabei dachte ich bis dahin, dass weibliche Architekten hauptsächlich nur für die netten und niedlichen Gebiete dieses Berufszweiges zuständig wären, die verantwortungsvollen Positionen aber den Männern vorbehalten bleiben. So wurde uns das im angeblich so gleichberechtigten Schweden vermittelt. Zum Glück habe ich so auch diesen Irrglauben über Bord werfen können.

Wie das? Ich sprach kein Französisch und konnte mich kaum verständigen. Das war belastend für mich, weil ich in Schweden eher auf der intellektuellen Schiene unterwegs war und immer alles ausdiskutieren wollte. Nun ging es auf einmal nur mit Händen und Füßen –manchmal auch gar nicht. Auch der Umgangston an der Universität war viel rauer, als ich es gewohnt war. Dort hat man mir das erste Mal in meinem Leben ganz direkt gesagt, dass ich versagt habe. Ich werde diese Worte von meinem damaligen Professor nie vergessen: ,,Mademoiselle, Ihr Entwurf zeigt, dass Sie wirklich gar nichts verstanden haben’’. Diese Unverfrorenheit hat mich zutiefst verletzt und ich war kurz davor, alles hin zu

2002 wechselten Sie dann zu Herzog & de Meuron in Basel und wurden als Projektleiterin für den Bau des Nationalstadiums der Olympischen Spiele 2008 in Peking ernannt. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen? Ich habe dort definitiv gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Besonders lehrreich war natürlich die Zeit in China. Ich wusste zwar schon aus Japan, dass die starren Hierarchien in den asiatischen Ländern vieles erschweren können, aber die Arbeitsbedingungen in China waren wirklich tough. Besonders beeindruckt hat mich die enorme Diskrepanz zwischen den Vorstellungen des Staates und den jungen, vom Kapitalismus getriebenen Unternehmen. Und es gab natürlich

Sie wuchsen in einer Kleinstadt nicht weit vom Polarkreis auf. Was hat sie dazu bewegt, Architektin zu werden? Dafür gab es keinen konkreten Grund. Weder in unserem Familien- noch Bekanntenkreis gab es Architekten, und genaue Vorstellungen von diesem Beruf hatte ich auch nicht. Fasziniert hat mich aber von Anfang an, dass er so viele unterschiedliche Aspekte umfasst und sich mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft beschäftigt. Und ich wollte unbedingt nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit meinen Händen arbeiten.


INTERVIEW — MIA HÄGG oft ein Sprachproblem – Gott sei Dank hatte ich ja ein paar Jahre zuvor in Frankreich gelernt, wie man sich in Zeichensprache verständigt (lacht). Generell finde ich die Arbeit an internationalen Projekten immer hochinteressant. Ich mag es, fremde Kulturkreise oder gegensätzliche Vorstellungen zu analysieren, mich dann anzupassen oder zumindest einen Kompromiss vorzuschlagen. Und als Ausländerin hat man es meines Erachtens sowieso einfacher, kulturelle Konflikt zu schlichten. Insofern ist es wunderbar, dass ich selbst in meinem Heimatland Schweden, das ich mit 20 Jahren verlassen habe, mittlerweile ein bisschen Ausländerin bin. (lacht) Bei Herzog & de Meuron wurden Sie nach dem Peking-Projekt zum Associate befördert, verließen aber keine zwei Jahre später das Büro, um sich selbständig zu machen – warum? Natürlich ist es ein riesiger Vorteil in einer großen Struktur wie bei Herzog & de Meuron, dass man sich ganz und gar auf seine Arbeit als Architekt konzentrieren kann, weil einem andere Leute das notwendige und teilweise auch lästige Drumherum abnehmen. Aber genau darauf hatte ich Lust: Ich wollte mein eigenes Ding machen und fühlte mich bereit, Projekte von A bis Z zu begleiten. Haben Sie diese Entscheidung denn nie bereut? Nein, ganz bestimmt nicht. Wenn man mit seinen eigenen Flügeln fliegen möchte, muss man den Absprung eben irgendwann wagen. Und ich bin mit meinen derzeitigen Leben wirklich sehr zufrieden. Außerdem stehen wir ja weiterhin in gutem Kontakt: Herzog & de Meuron haben mich zuletzt nach Hamburg eingeladen, um an der Generalprobe des Eröffnungskonzerts teilzunehmen. Die Elbphilharmonie ist wirklich eine sagenhafte, imposante Konstruktion mit einer einzigartigen Akustik, die ich als Liebhaberin klassischer Musik sehr genossen habe. Statt auf imposante Konstruktionen mit hohem Glamour-Faktor haben Sie sich mit Ihrem eigenen Büro dagegen auf den sozialen Wohnungsbau spezialisiert. Was reizt Sie an dieser Architektur? Die immer wieder kehrende Herausforderung. Die Konstruktion von Sozialbauten ist ein extrem komplexes und schwieriges Terrain. Mir persönlich geht es darum, die herkömmlichen Standards des sozialen Wohnungsbaus zu überdenken und neue, andere Lösungen zu finden. Grenzen werden natürlich durch die immer sehr knapp bemessenen Budgets gesetzt – oft ist schon im Vorfeld jeder Quadratzentimeter durch Regelungen oder gesetzliche Zwänge verplant. Das wiederum führt dann zu teilweise abstrusen Fehlkonstruktionen, und die Arbeit des zuständigen Architekten beschränkt sich im Prinzip nur noch auf den Entwurf der Fassade. Ich möchte durch alternative Vor-

schläge mehr Wohnqualität schaffen, in dem ich mich nicht an den vorgegebenen Standards, sondern der vorhandenen Typologie des Gebäudes orientiere und danach die Ausrichtung, die Materialien und den idealen Lichteinfall der jeweiligen Wohnungen bestimme. Dann ist der Name Ihres Büros Habiter Autrement also Programm… Genau, „Habiter Autrement“ bedeutet „’Anders wohnen“. Ich wollte dem Büro auf keinen Fall meinen Namen geben, weil Architektur für mich immer ein Gemeinschaftsprojekt ist. Deshalb habe ich auch weder in meinem Büro in Paris, noch in dem in Locarno ein festes Team, sondern stelle es für jedes Projekt ganz individuell und mit Menschen aus den unterschiedlichsten Berufszweigen zusammen. Woran arbeiten Sie gerade? Ich unterrichte derzeit Studenten einer belgischen Universität in Louvain und arbeite an einem Projekt in Stockholm, das 2018 fertiggestellt werden soll. Es wurde von der schwedischen Regierung in Auftrag gegeben und wir integrieren in ein ehemaliges Fabrikgebäude einen öffentlichen Ort zum Co-Working. Es wird im Inneren keinerlei feste Raumzonen geben und äußerlich sollen die neu erbauten, modernen Gebäudeelemente mit der traditionellen, industriell geprägten Fabrikfassade harmonisieren. Und ich möchte unbedingt einen weiteren Objektgegenstand entwerfen, wie den Fahrradständer aus Marmor, den ich für die Biennale 2016 in Venedig herstellen ließ. Das war ein megatolles Gefühl, mit dem Entwurf in eine Fabrik zu gehen und nur kurze Zeit später das fertige Produkt in den Händen zu halten – normalerweise muss ich ja immer eine gefühlte Ewigkeit auf das Endergebnis warten (lacht).

www.habiterautrement.net


Ein Sohn baut für seine Mutter ein Haus. Was nach einer Geschichte aus dem Bilderbuch klingt, ist im südschwedischen Linköping das echte Leben. Der junge Architekt Björn Förstberg beweist mit diesem sehr persönlichen Bauprojekt nicht nur sein Können, sondern auch Mut und Konsequenz. Und zeigt, dass sich eine radikale Materialwahl und Gemütlichkeit nicht ausschließen.

TEXT: JEANETTE KUNSMANN FOTOS: MARKUS LINDEROTH

EIN ERSTES HAUS


ARCHITEKTUR

Einen Arzt, Anwalt oder Architekten in der Familie zu haben, kann durchaus von Vorteil sein. Während man die beiden ersteren Professionen aber nur unter Zwang oder andere Umstände – also am besten niemals – aufsucht, benötigt man die Hilfe eines Architekten in eigener Mission: dem Bau eines Zuhauses. Für Björn Förstberg stand seinem ersten Projekt also ein Auftraggeber und Bauherr an seiner Seite, den er so gut und so lange kennt wie nur wenige andere: die eigene Mutter. Das bedeutet, der junge Architekt wusste genau, worauf er sich einlässt. Sein Auftrag war kein Ferien- oder Wochenendhaus, hier sollte gewohnt und auch gearbeitet werden. Maria Grahn, die Mutter von Björn Förstberg, besitzt nämlich unter anderem viele Bücher, was als Bibliothekarin wenig wundert. Außerdem ist sie eine „enthusiastische Weberin“, wie ihr Sohn erzählt. Für ein minimales Wohnhaus eist dies eine Herausforderung, auch 130 Quadratmeter müssen platzsparend geplant werden. Seine Mutter habe so viele Dinge, die verstaut werden müssen, so viele Bücher, dass Förstberg deswegen alle Regale und Schränke mit eingebaut hat. Von innen nach außen gemeinsam von Mutter und Sohn entworfen, steht mitten im Viertel Vallastaden der Kleinstadt Linköping keine Skulptur, kein Haus für den Architekten, sondern das „House for Mother“: ein minimaler, aber deskriptiver Titel – drei Worte, die alles sagen.


PROJEKTE - MEIN ERSTES HAUS

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ARCHITEKTUR Satteldach-Ensemble Dabei sind es eigentlich zwei, sogar drei Häuser: Um die beiden Nutzungen Wohnen und Atelier zu trennen, hat Förstberg die jeweiligen Volumen im Grundriss leicht zueinander verschoben, so dass die zwei Giebeldächer ebenfalls versetzt stehen. Gebaut wurden zwei Etagen, wobei die obere Ebene nur 30 Quadratmeter misst: genügend Platz für die zwei Gästezimmer. Darunter liegen Studio und Schlafzimmer der Mutter. Unter dem zweiten Giebel befinden sich Küche, Ess- und Wohnzimmer mit einer Raumhöhe von sechs Metern, daran angeschlossen ein drittes Haus mit WC und Bad. Beton, Sperrholz und Aluminium Die offenliegende Holzkonstruktion und die Sperrholzplatten, die mal naturbehandelt, mal weiß gestrichen sind, kontrastiert der geschliffene Betonboden mit darunterliegender Fußbodenheizung. Diese Einfachheit und Rohheit der Materialien treibt Förstberg mit der Aluminiumfassade auf die Spitze, die ebenfalls so gut wie unverarbeitet blieb. Es ist ein mutiges Haus – dem Architekten gefällt besonders die Reflektion der geriffelten Aluminiumflächen und das Spiel aus Schatten und Licht. Vallastaden 2017 Nur steht ein Gebäude selten für sich allein, Architektur immer im Dialog mit ihrem Umfeld. Und so befindet sich auch dieses Haus nicht allein auf der schwedischen Wiese, sondern ist ein Beitrag für die Wohnbau-Ausstellung Vallastaden / Linköpingsbo 2017, einem Neubaugebiet mit nachhaltigem, sozialem und partizipativem Anspruch. Rund um das Haus von Maria Förstberg wird also immer noch gebaut – Anfang September muss alles fertiggestellt sein. Dann kann sich Förstbergs Mutter hoffentlich nicht nur über die mit Geduld ersehnte Ruhe in ihrem neuen Zuhause freuen, sondern auch über nette Nachbarn.


PROJEKTE - MEIN ERSTES HAUS

Studio Förstberg Ling So wie das Haus heute aussieht, hatte es Björn Förstberg übrigens schon 2013 gezeichnet und visualisiert; im Februar 2015 begannen die Bauarbeiten. Für die Ausführung kam Förstbergs früherer Studienkollege Mikael Ling hinzu: der Startschuss für das gemeinsame Architektur- und Designbüro Förstberg Ling mit Fokus auf Interieur- und Produktgestaltung. In ihrem Büro in Malmö arbeitet das Duo gerade an weiteren Wohnhäusern. Zum Jahresanfang wurde ihr Showroom für den Hersteller hem in Stockholm eröffnet und ihr Messestand zum 75. Jubiläum von Kinnarps wurde im Februar auf der Stockholm Design Week mit dem „Editors Choice Award“ geehrt. Wie es aussieht, muss man sich um den Nachwuchs in Schweden keine Sorgen machen.

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ARCHITEKTUR

VIEL LOOS IN

Dass die Form der Funktion folgt, hört sich gut an – spielt als Leitbild aber heute keine große Rolle mehr. Längst folgt die Form einem Effizienz- oder Marketinggedanken. Dieses Wohnhaus in Schweden probt die Revolution und greift dabei auf eine hundert Jahre alte Planungsidee von Adolf Loos zurück. 124


PROJEKTE

SUNDSVALL

TEXT: TIM BERGE FOTOS: MIKAEL OLSSON

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ARCHITEKTUR

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PROJEKTE — VIEL LOOS IN SUNDSVALL

Dass die Form der Funktion folgt, hört sich gut an – spielt als Leitbild aber heute keine große Rolle mehr. Längst folgt die Form einem Effizienz- oder Marketinggedanken. Ein Wohnhaus im schwedischen Sundsvall probt nun die stille Revolution und greift dabei auf dänischen Klinker und eine hundert Jahre alte Planungsidee von Adolf Loos zurück.

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ARCHITEKTUR

1888 löschte ein Brand die vor allem aus Holzhäusern bestehende schwedische Kleinstadt Sundsvall nahezu vollständig aus: Seitdem werden in dem Ort fast ausschließlich Steinhäuser gebaut – ein weiteres fügte das Stockholmer Architekturbüro Hermansson Hiller Lundberg jetzt dem Stadtbild hinzu.

UNSCHEINBAR VON AUSSEN Die an der Straßenseite gelegene Front wirkt auf den ersten Blick unspektakulär: Ein dunkles Garagentor drängt sich in den Vordergrund, von einer Eingangstür ist nichts zu sehen. Erst ein Blick um die Ecke des vollständig in dunkle Ziegel gehüllten Hauses macht neugierig auf mehr: Von hier aus fällt das Gelände leicht ab und das Gebäude weitet sich zur Seite und nach unten in Richtung eines Gartens auf. An dieser Stelle finden sich auch das Entree und der einzige Fassadenbereich, der in Holz gekleidet ist. Betritt man das Haus, eröffnet sich unmittelbar die komplexe innere Struktur des Neubaus. Von einer Diele aus führen Treppen auf zwei unterschiedliche Ebenen, die jeweils ein Halbgeschoss unter-, beziehungsweise oberhalb des Eingangsniveaus liegen.

KOMPLEX VON INNEN Das Gebäude teilten die Architekten Andreas Hermansson, Andreas Hiller und Samuel Lundberg in zwei Volumen mit unterschiedlichen Proportionen, die sich im Inneren über die Raumor-

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PROJEKTE — VIEL LOOS IN SUNDSVALL

ganisation miteinander verschränken. Das Spiel mit höhenversetzten Ebenen, die wie ein Schneckenhaus horizontale und vertikale Ebenen miteinander verschmelzen lassen, folgt dem leichten Anstieg des Geländes und der Nutzungsstrategie der Planer, die den Wohnbereich auf Gartenniveau und das Schlafzimmer der Bauherren als oberstes Geschoss platzierten. Jeder Raum hat seine eigenen Abmessungen und wurde in einem individuell zugeordneten Farbton gestrichen. Eine weiße Wandverkleidung rahmt die kolorierten Flächen und betont die unterschiedliche Proportionierung der Zimmer.

Hermansson Hiller Lundberg haben in Sundsvall eine spannende Hommage an die Loos’sche Idee geschaffen, die deren eigentliche Aktualität unter Beweis stellt. Auch die zurückhaltende, im Detail perfekt geplante Fassade aus dänischen Ziegeln mit ihrer reduziert-klassischen Wirkung unterstreicht die außergewöhnliche Herangehensweise der Architekten, die Form nicht über die Funktion stellen zu wollen.

LOOS ÜBER ALLEM Die Organisation des Hauses ist eine Referenz der schwedischen Planer an die Raumplan-Lehre des österreichischen Architekten Adolf Loos, der mit seinen komplexen, dreidimensionalen Raumstrukturen vor hundert Jahren die Grundrissplanung nachhaltig veränderte. Seine Bauten entwickelte er von innen nach außen – die Form folgte tatsächlich der Funktion und damit dem Nutzerverhalten.

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ARCHITEKTUR

J A P A N I S C H E DIESES HAUS IST WIE EINE VERABREDUNG. MAN MUSS SICH ERST NÄHER KENNENLERNEN, UM MEHR ZU ERFAHREN. DAS SUPPOSE DESIGN OFFICE HAT IN DER JAPANISCHEN STADT TOYOTA EINEN WOHNPAVILLON MIT HÖLZERNEM HORIZONT GEBAUT.

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PROJEKTE

W O H N G A R A G E TEXT:

FOTOS:

JEANETTE

TOSHIYUKI

KUNSMANN

YANO

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Die Ausstellung „Jaguars and Electric Eels“ ist noch bis zum 26. November 2017, Do–So von 14–20 Uhr, in der Julia Stoschek Collection, Leipziger Straße 60, 10117 Berlin, zu sehen. / www.jsc.berlin

„Make large space with small spaces“, lautet die Gleichung der Architekten vom Suppose Design Office für ihr neuestes Wohnhaus in Japan, Toyota. Dahinter steht der Widerspruch zwischen großen Räumen und dem Bedürfnis nach Komfort und Gemütlichkeit – für Bürogründer Makoto Tanijiri einer der größten Gegensätze, mit dem sich Architekten immer wieder aufs Neue auseinandersetzen müssen. Weitere Voraussetzungen wie ein knappes Budget oder ein schwieriges Grundstück (in diesem Fall wird es gleich von drei Straßen umschlossen) können erschwerend hinzukommen. Manchmal braucht es aber ebensolche limitierende Komponenten, um einem Projekt seine Idee, seine Geschichte zu verleihen: Low Budget, High Design. Was in einem Wohngebiet in Toyota von außen zunächst wie eine gewöhnliche, wenn auch großzügige Garage aussieht, entpuppt sich in seinem Inneren als pures Raumerlebnis – eine versteckte Schönheit mit ausreichend Platz fürs Private.

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Sechs Oberlichter sorgen in dem introvertierten Gebäude für fantastisches Licht. Der Grundriss folgt einer klaren Struktur und gliedert sich in sechs Wohnräume, die ineinander übergehen. Durch einen Innenhof werden sie mit dem Außenraum verbunden. Die drei Badezimmer hat Makoto Tanijiri platzsparend dimensioniert und an der Nordfassade platziert; die Küche dient gleichzeitig als Durchgang, öffnet sich dabei zum Hof. Flankiert wird die Wohngarage von einer weiteren Terrasse, die eine Mauer vom Nachbargrundstück und der Straße trennt. Dieser umlaufende Sichtschutz lässt den Außenraum zu einem erweiterten Wohnzimmer werden. In Japan ist es Brauch, die Grenzen zwischen Innen und Außen zu hinterfragen. Zimmerpflanzen verstärken dabei die Auflösung von Innen- und Außenraum. Die pur und minimalistisch gestalteten Wohnräume inszeniert das Team von Suppose Design Office durch die Materialität, vor allem aber durch ihre Belichtung: Die Oberlichter


PROJEKTE — JAPANISCHE WOHNGARAGE

wirken dabei wie Spots, die Akzente in dem eingeschossigen Wohnhaus setzen. Eine garagengroße Schiebetür lässt eine Eingangsfassade fast zur Hälfte öffnen. Wird die Holztür zugezogen, schließt sie wie ein Puzzlestück die umlaufende Wandverkleidung im Inneren: OSB-Platten bedecken den gesamten unteren Teil, während sich der darüber liegende, weiße Bereich zum Himmel öffnet. Man muss als Architekt immer wieder konsequent sein. Günstige Baumaterialien aus Industriegebäuden wie Grobspanplatten lassen sich trotz ihrer offenen Struktur auch in einem Wohnhaus einsetzen, vorausgesetzt man verfügt über ein gewisse Offenheit in seinen Ideen. Tanijiri war 42 Jahre alt, als er mit Suppose Design Office sein eigenes Büro gründete – das ist schon eine Weile her. Heute greift der Architekt auf 17 Jahre Erfahrung zurück und gilt als Experte für die japanische Wohnungsfrage. Doch noch einmal zurück zu dem umlaufenden Horizont und der eingangs genannten Gleichung, die dieser Wohnarchitek-

tur zugrunde liegt. Die mannshohe Holzverkleidung gibt der offenen Raumstruktur einen Maßstab und erzeugt eine Klammer voller Gemütlichkeit. Durch eingezogene Wände an der oberen Raumkante erhält das offene Haus die nötige Struktur, und es ergeben sich Raumsequenzen. Dass die Architekten in dieser zeitgenössischen Wohngarage komplett auf Tatami verzichten, und den Boden anstelle des traditionellen Belags mit einem grauglattem Estrich versehen, verstärkt das Bild des hölzernen Horizonts. Tatamimatten wären in diesem Haus auch einfach zu viel gewesen.

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PROJEKTE — JAPANISCHE WOHNGARAGE

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PRODUKTE — LICHT

KIËN LICHT 1 Das Berliner Start-up-Label Kiën hat die Neonröhre in eine neue Ära übertragen. Ausgestattet mit besonderen Features, erzeugt das Produkt nicht nur eine Lichtstimmung, sondern etliche. Das Leuchtmittel der Pendelleuchte Licht 1 besteht aus farbigen LEDs, die den Tageslichtrhythmus automatisch nachempfinden. Mithilfe eines Smart-Home-Controllers oder entsprechenden Smartphone-Apps können Helligkeit und Farbtemperatur auch individuell reguliert werden. Neben einer pulverbeschichteten Aluminiumvariante in Weiß, Schwarz, Rot oder Blau gibt es zwei Holzausführungen in Eiche und Walnuss sowie einen Mantel aus Beton. mh www.dear-magazin.de/011361

GIRA KNX Ja ja ja oder Blau gibt es zwei Holzausführungen in Eiche und Walnuss sowie einen Mantel aus Beton. mh www.dear-magazin.de/011362

GIRA KNX Ja ja ja oder Blau gibt es zwei Holzausführungen in Eiche und Walnuss sowie einen Mantel aus Beton. mh www.dear-magazin.de/011362

GIRA KNX Ja ja ja oder Blau gibt es zwei Holzausführungen in Eiche und Walnuss sowie einen Mantel aus Beton. mh www.dear-magazin.de/011362

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PRODUKTE — BÜRO

SOFA ATELIER Ob ein Entwurf das Potenzial hat, zum Klassiker zu werden, lässt sich zu seiner Geburtsstunde schwer ausmachen. Dass er tatsächlich ein Erfolg ist, erkennt man spätestens dann, wenn ihm selbst nach einigen Jahren noch regelmäßig Weiterentwicklungen zur Seite gestellt werden – wie bei der Bürostuhlfamilie Catifa vom italienischen Hersteller Arper. Vor mittlerweile zwölf Jahren entstand das Ursprungskonzept aus der Feder des Designstudios Lievore Altherr Molina: Catifa 53 und dessen kleine Schwester Catifa 46. www.dear-magazin.de/011371

WILKHAHN METRIK Dass die Gestalter des Studios whiteID, die für Wilkhahns Neuen verantwortlich zeichnen, aus dem Industriedesign kommen und einen Schwerpunkt im Automobildesign haben, kann man aus den dynamischen Linien des Metrik lesen. Auch die inneren Werte profitieren vom Background des Studios. Der Freischwinger besteht lediglich aus drei Bauteilen und ist mit modernsten Fertigungsverfahren produziert. Das sorgt auch für ein attraktives Preis-Leistungsverhältnis. Textilbezug und Gestell können voneinander abgesetzt oder monochrom gewählt werden. tp www.dear-magazin.de/011372

CUBE Eigentlich ist Messing das Material seiner Wahl. Doch nun hat sich der britische Designer Tom Dixon den etwas rötlicher schimmernden Werkstoff Kupfer vorgenommen, den er als edlen Überzug für seine minimalistische Büroaccessoires-Kollektion Cube verwendete. Die Formensprache ist reduziert auf das Wesentliche: Die Cube-Utensilien kommen mit einer klaren Linienführung und einer kubischen Note daher, die auch als Namensgeber der Produktreihe fungiert. Die vier Vorzeigeobjekte sind einzeln oder zusammen erhältlich. www.dear-magazin.de/011373

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HANDS ON — WWW.TOPGRES.DE

ADVERTORIAL

EINE FLIESE IST EINE FLIESE IST KEINE FLIESE

Wer an einem neuen Produkt arbeitet, braucht Feedback aus seiner Zielgruppe. TopGres aus Minden und Classen Holz Kontor GmbH aus Kaisersesch lancieren eine neuartige Kunststofffliese, die ihrer Schwester aus Keramik in nichts nachsteht – ganz im Gegenteil. Der Verbundstoff Ceramin Vario ist leichter zu verarbeiten; er ist robust, wasserfest, PVC-frei und hat ein geringeres Volumen: Das spart Lagerfläche. Wir haben drei Berliner Architekten gefragt, was Ceramin kann.


ARCHITEKTUR

Charlottenburg Kurfürstendamm 67: Wer das Büro von CollignonArchitektur im Dorette-Haus (1954–56 von Heinrich Sobotka und Gustav Müller erbaut) betritt, wird er-

– also ein thermoplastischer Kunststoff, der aber nichts mehr mit PVC zu tun hat. Der Verbundstoff wird in Deutschland produziert, per Digitaldruck kann das Dekor für die Oberfläche gestaltet werden: Alles ist also möglich, wenn es das Budget hergibt, kann Ceramin Vario Marmor, Beton, Holz oder Linoleumflächen imitieren. „Also geht es bei dem Produkt eigentlich um das Material, und nicht darum, dass es so aussieht wie eine Fliese“, meint der Architekt und zeigt auf den Bodenbelag in seinem Büro aus warmgrauem, sanftglänzendem Linoleum – ob so etwas auch denkbar sei?

leuchtet: Ein ausgetüfteltes Lichtsystem bestimmt die innere Uhr der Mitarbeiter – es ist in Zusammenarbeit mit Licht Kunst Licht und dem Somnologen Dieter Kunz, Forscher für Schlaf- und Chronomedizin, entwickelt worden. Weil es überall hell und schneeweiß strahlt, fühlt man sich eher wie in einem Labor als in einem Architekturbüro. „Alles ist schwarz oder weiß – die Farbe kommt durch unsere Arbeit“, erklärt der Hausherr. Umso interessanter wird so Collignons Meinung zu dem Verbundstoff Ceramin. Hierbei handelt es sich um Polypropylen mit einem mineralischen Füller

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„Wir leben in einer Zeit, in der Holz aussieht wie Plastik – und Plastik sieht aus wie Holz“, sagt Collignon lächelnd – aber nicht ohne diesen durchdringenden Architekten-Blick, der über 20 Jahre Berufserfahrung für sich sprechen lässt. Der Einzelhandel sieht Ceramin als „spannende Alternative zur Fliese“, weil sich das Produkt relativ leicht auf vorhandene Fliesen kleben lässt. Ceramin ist kratzfester als Laminatboden, aber ebenso fußbodengeeignet –  besonders in Bereichen, die eine hohe Frequenz an Mieterwechseln vorweisen. Die Optik ist variabel, Haptik und Glanzgrad der Oberfläche aktuell noch nicht veränderbar. Daran arbeite man

aber. Für Architekten hingegen scheint ein ganz anderer Parameter wichtig zu sein: die Plattengröße. Drei Meter in der Länge müssen sein und nicht nur 2,50 Meter, diese Deckenhöhe, an der sich auch viele Fensterhersteller orientieren, ist Oliver Collignon eindeutig zu niedrig. Nicht nur im Berliner Altbau, auch im Neubau seien viele andere Produkte auf 2.50 abgestimmt, berichtet er: „Viel zu wenig!“ Im Wohnungsbau seien 2.60 Meter ein Minimum – „2.70 Meter sind besser, drei Meter optimal“, denn da habe man auch noch ein wenig Luft. Am Ende dieses Gesprächs steht also eine — weiterarbeiten. Mitte Jean-Monnet-Straße 2: Das Team von Eike Becker arbeitet hoch über Berlin. Die Architekten sind nach den langen Jahren in der 16. Etage des GSW-Hochhauses 2015 in den 15. Stock des Tour Total gezogen – also quasi aus einem „Sauerbruch Hutton“ in einen „Barkow Leibinger“. Von hier blicken Eike Becker_Architekten auf den BND, den Hamburger Bahnhof und das 50 Hertz, über den Hauptbahnhof zum Regierungsviertel bis zum Potsdamer Platz und die wachsende Europacity rund um das Gebiet Heidestraße. Im Büro freut man sich bei Ceramin vor allem über die minimale Wandstärke der Verbundfliese, die sich übrigens komplett recyceln lässt – dafür wurde das Produkt mit dem Blauen Engel ausgezeichnet. Der Innenarchitektin Gesa Miltner geht es bei eingesetzten Materialien aber auch stets um ihre


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„Wahrhaftigkeit“. Damit gemeint ist die Materialgerechtigkeit, die aufgrund der Hochwertigkeit und Strapazierfähigkeit eines Produkts immer eine entscheidende Rolle spielt. So würde sie den Verbundstoff Ceramin eher für den Ausbau von Hotelzimmern einsetzen, nicht aber in der Lobby. „Wir arbeiten oft mit großen Hotelbetreibern wie Holiday Inn oder anderen“, sagt Eun Ji Cho, Wettbewerbsarchitektin im Team von Eike Becker. „Und die haben eigentlich schon alle Materialien ausgesucht. Wir als Architekten dürfen dann auch nur diese einsetzen – da gibt es ein festes Portfolio.“ Bei privaten Bauherren sei das natürlich anders. „Aktuell haben wir ein Projekt für studentisches Wohnen, bei dem gerade die Bemusterung stattfindet“, berichtet die Innenarchitektin Gesa Miltner. „Angesichts der hohen Frequenz von Ein- und Auszug sehe ich in diesem Fall solche Materialien klar im Vorteil.“ „So oder so“, meint Cho.

„Für uns ist es gut zu wissen, dass es Materialien gibt, die so einen minimalen Aufbau erlauben. Architekten müssen knapp planen.“ Kreuzberg Rudi-Dutschke-Straße 26: Kinzo wächst und wächst, die Architekten brauchten neue Räume: Ihr aktuelles Zuhause haben die drei eng befreundeten Partner Karim El-Ishmawi, Martin Jacobs und Chris Middleton zum Jahreswechsel in einer Galerie in der einstigen Kochstraße 60 gefunden – jene Straße, die 2008 zu Ehren Rudi Dutschkes umbenannt wurde. Schon im Schaufenster zu sehen: die Kinzo-Materialbibliothek mit tausenden Mustern und Materialproben, mittendrin ein Konferenztisch, am hinteren Rand ein großer Screen. Die Werkstatt für Stahl- und Holzbearbeitung im Keller ergänzt die langgezogene Bürofläche im Erdgeschoss. Nebenan kocht Tim Raue. Mit einem klaren Fokus auf das Interieur eines Gebäudes interessiert man sich bei Kinzo neben der geringen Aufbauhöhe und der Elastizität von Ceramin auch als erstes das Gesamtbild: Wie sieht es aus, wenn man das Material unifarben in einem Raum verlegt? Und gerade wo bei Fliesen stets die Fuge auch eine große Rolle spielt: Wie sähe das Fugenbild aus? Die Fuge wäre hier ja bereits extrem reduziert. „Unser Büro ist eine Versuchswelt, ein Testlabor“, sagt Chris Middleton. „Wir bauen

hier verschiedene Materialien und Produkte ein, um sie auszuprobieren: zum Beispiel die Akustikpaneele.“

„Ein neu entwickeltes Material muss mehr können, als ein anderes zu imitieren“,

weiß Chris Middleton. Man sollte ein Material suchen, das an der Grenze ist. Wenn man eben nicht versucht, dass die Fliese wie eine Holzplanke aussieht, sondern die Fliese weiterentwickelt und gemütlicher werden lässt: Mit einer textilen Oberfläche wird aus einer kalten eine flauschige Fliese. Grenzprodukte sind immer sehr interessant. „Die sprechen für sich“, sagt der Architekt. „Ceramin ist für mich auch eher so ein Grenzprodukt: Zwischen einer Keramik und Laminat. Es lässt sich schwer zuordnen. Man muss testen, wie man es ästhetisch und atmosphärisch einsetzen kann.“

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WWW.COLLIGNONARCHITEKTUR.COM

HANDS ON — ARCHITEKTEN

COLLIGNON ARCHITEKTUR Mit Projekten wie dem City Light House (2005) an der Kantstraße oder dem Boutiquehotel H’Otello (2011) in der Knesebeckstraße haben sich CollignonArchitektur in das Berliner Stadtbild eingeschrieben – diesen Sommer wird der Neubau für den Hybrid Hampton by Hilton am Berliner Alexanderplatz fertiggestellt: ein „sehr interessantes Gebäude mit einer frechen Fassade“, meint Collignon. Die Bauarbeiten für die neue U-Bahnstation am Roten Rathaus sind im vollen Gange: Sie soll 2020 in Betrieb genommen werden.

WWW.KINZO-BERLIN.DE

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KINZO Was 1999 einmal mit einer Bar unter Freunden begonnen hatte, ist 18 Jahre später zu einem Unternehmen geworden. Chris Middleton, Martin Jacobs und Karim El-Ishmawi haben sich direkt nach dem Architekturstudium selbstständig gemacht und seitdem vorrangig auf den Innenausbau fokussiert – ganzheitlich bis ins Detail, wie die Architekten gerne betonen. 40 Mitarbeiter zählt Kinzo heute, unter den Bauherren finden sich Namen wie Adidas, SoundCloud oder Axel Springer. Kinzos Spezialität ist die Planung und Gestaltung von Büros; aktuell realisiert das Büro eine Reihe von Mikro-Apartments in Berlin, Wien, Köln und Hamburg für die Kette SMARTments. Das Hotel aus gestapelten Überseecontainern in Warnemünde, das Kinzo zusammen mit Holzer Kobler Architekten plant, wird im April eröffnet.

WWW.EIKEBECKERARCHITEKTEN.COM

EIKE BECKER ARCHITEKTEN Das Büro, das 1999 gemeinsam von Eike Becker und Helge Schmidt gegründet wurde, hat sich im Berliner Stadtbild verewigt: Zum Hotelneubau Arcotel Velvet (2004) an der Oranienburger Straße gesellte sich gut zehn Jahre später das Wohn- und Bürohaus Am Zirkus (2015), gerade planen Eike Becker_Architekten ein neues Bürohochhaus Am Postbahnhof sowie die Umnutzung des Postbank-Turms aus den Siebzigerjahren in einen Wohnturm. Der Bestand am Halleschen Ufer in Berlin-Kreuzberg soll Mittelpunkt eines neuen Stadtquartiers am U-Bahnhof Möckernbrücke werden.


ARCHITEKTUR

DAS LETZTE MUSEUM SEINER ART CHRIS DERCON In den Wochen und Monaten, die auf die Eröffnung der neuen Tate Modern der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron folgten, sprachen die Mitarbeiter der Tate öffentlich darüber, dass sie das Gebäude noch „optimieren“ müssten. Das gilt wohl für jedes neue Gebäude. Kluge Architekten wie auch gute Bauherren sollten sich in jedem Fall diesem Gedanken verpflichten. Aber eine „Optimierung“ eines neuen Museumsgebäudes – und besonders einer Erweiterung – hat immer etwas Besonderes: Sind die neuen Flächen für Kunst geeignet? Wie interagiert das Publikum mit den neuen und den bereits existierenden Räumlichkeiten? Und vor allem, gibt es ein Budget für Anpassungen oder Korrekturen? Im Falle der Tate Modern kommen noch andere, neuere und unerwartete Themen hinzu. Man denke nur an die Beschwerden einiger Nachbarn der Tate Modern, die detailliert in der britischen Presse breitgetreten wurden. Offensichtlich fühlen sich die Bewohner der neuen Luxuswohnbauten in der Umgebung unwohl beim Gedanken, dass Museumsbesucher sie von der Aussichtsterrasse beobachten können.

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THE LAST MUSEUM OF ITS KIND Bei allem Mitgefühl, das ich für diese menschlichen Wesen empfinde: in vielen dieser Luxus-Apartments wohnt überhaupt niemand. Doch sie sind nicht etwa leer, sondern mit hochpreisigen Designer-Möbeln und extragroßen Coffee-Table-Büchern voll eingerichtet. Die Besucher der Tate Modern können so trefflich über „Kunst und Design“ reflektieren: was macht einen guten Stuhl aus? Ein Stuhl ist keine Skulptur! Welche Funktion hat der dicke Buchrücken bei Coffee-Table-Büchern? Sogar Gedanken über Ungleichheit melden sich möglicherweise. Und wer sind die jungen Leute, die man regelmäßig beim Putzen sieht oder wie sie diese oder jene Ausstattungsgegenstände hin und her bewegen? Wie dem auch sei: Es ist eine bezaubernde unfreiwillige Kunstinstallation, die von der neuen Tate ebenso unfreiwillig geboten wird. Und das sagt einiges über die vielen Fehler in der Londoner Stadtplanung wie auch die mangelhaften so-

tur, wurde aus Kostengründen die Gestaltung der Flächen sowohl nördlich wie auch südlich des Museums gegenüber der ursprünglichen Planung zurückgeschraubt. Ganz gewiss, die neue Tate Modern muss noch lernen, mit den stark gestiegenen Besucherzahlen umzugehen und sie zu choreografieren. Diese Themen zeigen, dass die Tate Modern es schaffen will, ein sehr andersartiges Museum für eine ganz neue Museumsära zu sein, in der die Bedürfnisse der Besucher noch mehr als bisher zählen. Ähnlich äußert sich in meinem Interview mit ihm Gunther Vogt, der Landschaftsarchitekt der Tate Modern (erschienen in Tate Modern: Building of a Museum for the 21st Century), wenn er sagt, dass es gut sein kann, dass die Tate Modern eines der letzten Museen seiner Generation sein könnte: „Ich glaube, es ist das letzte Museum seiner Art, seiner ganzen Generation. Es wird keine weiteren Möglichkeiten mehr geben, so etwas zu machen, da die ganze Philosophie

zio-ökonomischen Bedingungen und die daraus resultierenden Konsequenzen aus. Ein überraschender Nebeneffekt des Ganzen: einige der Luxus-Apartments, die der Aussichtsterrasse genau gegenüberliegen, scheinen seit der Eröffnung der neuen Tate Modern plötzlich günstig auf den Markt zu kommen: Gentrifizierung in umgekehrter Richtung? Zugleich muss man zugeben, dass unter Architekturtheoretikern wie auch -praktikern zum Teil die Meinung herrscht, das neue Switch House sei allzu sehr als eine „Beobachtungsmaschine“ angelegt, sogar wenn man in Betracht zieht, dass ein Museum grundsätzlich einer jener seltenen Plätze ist, an denen Besucher geradezu ermuntert werden, andere Besucher zu beobachten. Oder es gäbe ganz allgemein „zu viel Architektur“ in der neuen Tate, was in mancher Hinsicht einen neutralisierenden Effekt hat, besonders auf die Wahrnehmung mancher Werke. Aber zuallererst: gibt es genügend Mittel, um die vergrößerte Fläche, zum Beispiel auch die öffentlicheren Räume, mit Künstlern und Kunst zu beleben? Und auch wesentlich profanere Themen müssen bedacht werden: Die meisten Besucher der neuen Tate Modern irren als erstes durch die Stockwerke ganz nach oben, um auf die Aussichtsterrasse zu gelangen. Dadurch wird die Reihenfolge der Ausstellungsstücke wenig beachtet, und die Aufzüge anders belastet als geplant. Ist die Konversion hoch genug? Mit Konversion meine ich: die Umwandlung von Ausstellungsbesuchern in zahlende Kunden, die für Essen, Trinken und andere Dinge Geld hierlassen. Bedenkt man die hohe – zu hohe? – Anzahl von Cafés, Restaurants und Shops im Museum? Sind die wunderschönen, bunten Textilbezüge von Jasper Morrisons Möbeln im Restaurant der intensiven Nutzung durch die Besucherhorden gewachsen? Und sollte man den Außenanlagen des Museums nicht mehr Aufmerksamkeit und Pflege zukommen lassen als bisher, damit die Tate zu einem wahrhaft öffentlichen Raum wird? Wie so oft in der Landschaftsarchitek-

von öffentlicher Mittelbeschaffung, öffentlichem Raum und Öffentlichkeit per se gerade den Bach runtergeht.“ Die wichtigste Anmerkung kam jedoch vermutlich von der Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina, in ihrem Essay im selben Buch: „Auf welche Weise könnte man die Tate Modern noch mehr erweitern? Welche Hindernisse gibt es? Was könnte noch mit aufgenommen werden, bevor das Museum explodiert?“ Sogar wenn Colomina Recht haben dürfte mit ihrer Sorge um die Zukunft der Museen, bin ich überzeugt davon, dass der Tate eine Architektur des „Andersseins“ gelungen ist, die eine ganz neue Ära von „andersartigen“ Museen anstoßen könnte. Und ganz generell, sollte die Erweiterung nicht das letzte Mittel zur Veränderung eines Museums sein und daher nur unternommen werden, wenn wirklich jede andere Option betrachtet und vollständig durchdacht worden ist? Der Architekturhistoriker Mark Wigley hatte vermutlich recht, als er während einer Unterhaltung auf der letzten Architektur-Biennale in Venedig sagte: „Architekten reden gern darüber, dass Dinge sich nicht verändern – aber ihre Vorstellung davon, was sich nicht verändert, verändert sich die ganze Zeit. Das ist ziemlich toll.“ Museumsarchitekten, die offen dafür sind, das zu verändern, was sich angeblich nicht ändern lässt, werden diejenigen sein, die die kulturelle Debatte anführen, diejenigen, die nicht schlicht und einfach abgehängt werden. Wir sind gespannt wie die oben geschilderten Themen sich auf die Gestaltung des neuen Museums am Kulturforum in Berlin (auch von Herzog & de Meuron) auswirken werden. Hier scheint ein „ländlicher Futurismus“ im Koolhaasschen Sinne mitten ins Zentrum Berlins gebracht zu werden, so als würde sich die alte Ost-West-Achse Berlins plötzlich nach Norden und Süden öffnen und damit dem lange vernachlässigten Umland.

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TEXT: NORMAN KIETZMANN FOTOS: DER EIGENTÜMER

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BACKFLASH

FERIENHAUS FÜR REVOLUTIONÄRE

In einem Vorort von Havanna steht ein Beton-Haus des kubanischen Stadion-Architekten Emilio Castro. Interessant sind an der Casa Flamboyanes nicht nur die raffinierten, gestalterischen Details und dass es heute als Ferienunterkunft gemietet werden kann. Es ist vor allem der Name eines prominenten Vormieters: Che Guevara höchstpersönlich. 147


MAGAZIN

Alle reden plötzlich über Kuba – und das nicht ohne Grund: 2016 war das Jahr der Inselnation. Barack Obama kam zum Staatsbesuch. Die Rolling Stones gaben ihr erstes Konzert. Madonna feierte ihren Geburtstag und Karl Lagerfeld inszenierte die erste Chanel-Modenschau auf Havannas Prachtpromenade Paseo del Prado. Spätestens seit im Dezember Fidel Castro beerdigt wurde und parallel gleich dutzende neue Flugverbindungen aus und in die USA hinzukamen, steht fest, dass sich in der Stadt am Malecón in Zukunft einiges ändern wird.  Schon heute wird an jeder Ecke in Havannas Altstadt gewerkelt. Große Bauplanen verkünden neue Hotels. Dazwischen werden alte Villen und Paläste wieder in Schuss gesetzt, um den bevorstehenden Besuchermassen Herr zu werden. Dabei muss es nicht immer nur ein Gästehaus im Kolonialstil sein – oder in dem was sich die Innenausstatter der großen Übernachtungs-Ketten darunter vorstellen. Im Umland von Havanna lassen sich auch Perlen brutalistischer Revolutionsarchitektur buchen wie die  Casa Flamboyanes  in Cojímar – der erst kürzlich freigeschalteten Internetseite einer amerikanischen Vermietungsplattform sei dank.  Einen Namen hat sich Cojímar vor allem durch die Literatur gemacht. 1952 schrieb Ernest Hemingway dort seine Novelle „Der Alte Mann und das Meer“, die ihm zwei Jahre später den Nobelpreis einbringen sollte. Noch immer erinnert das Restaurant  La Terraza  mit unzähligen Fotografien an den prominenten Gast, der jeden Tag mit seinem Motorboot Pilar am Pier des Gasthauses anlegte und an der Bar nach hochprozentiger Stärkung verlangte. Hemingway ließ sich auch häufig mit Fidel Castro ablichten. Die beiden Männer schätzen sich. Dass viele dieser Treffen in Cojímar stattfanden, war kein Zufall. Der beschauliche Fischerort – rund zehn Kilometer östlich von Havanna gelegen – entwickelte sich in den Fünfzigerund Sechzigerjahren zum Feriendomizil der kubanischen

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Elite, die dort zum Teil beeindruckende Beispiele moderner Architektur hinterließ. Nicht nur Fidel Castro verbrachte seine Wochenenden dort. Auch ein kaum weniger prominenter Mitstreiter suchte in einem 1960 erbauten Betonhaus Erholung: Ernesto „Che“ Guevara. Wie lange er genau in der Casa Flamboyanes lebte, ist ebenso wenig überliefert wie das, was sich hinter den von Palmen umringten Grundstücksmauern zugetragen hat. In Kuba gibt man sich reichlich Mühe, nicht allzu viel Privates über die Helden der Revolution preiszugeben. Doch trotz dieser Absenz an offiziellen Fakten: Die Einwohner von Cojímar bestätigen den prominenten Nachbarn, der sein Feriendomizil übrigens gemietet und nicht gekauft hat. Schließlich gingen alle Gebäude nach der Revolution in Staatseigentum über. Neubauten wie die Casa Flamboyanes wurden fortan nicht mehr von Privatleuten, sondern von den Behörden in Auftrag gegeben und bezahlt. Was dieses Ferienhauses besonders macht, ist jedoch weit mehr als seine Vorgeschichte. Es ist vor allem die Handschrift des Architekten Emilio Castro, der hier ein kleines Meisterwerk geschaffen hat. Der von Fidel Castro bewunderte aber nicht mit ihm verwandte Baumeister hat sich seit den Sechzigerjahren vor allem mit zahlreichen Stadionbauten auf Kuba einen Namen gemacht. Alles war politisch in der Umbruchphase nach der Revolution. Und was eignete sich besser, die Zöpfe der kolonialen Vergangenheit abzuschneiden als mit skulpturalen Bauten aus Beton? Die Einflüsse internationaler Größen wie Le Corbusier, Eero Saarinen oder Félix Candela sind spürbar im Werk des umtriebigen Architekten, der mit der Casa Flamboyanes eines seiner wenigen Wohnhäuser realisiert hat.  Flamboyanes  werden im Spanischen Flammenbäume genannt, die im Frühjahr und Sommer feuerrot blühen. Genau diese Bäume säumen die breite Allee, an der das Ferienhaus mit seinen rotbraunen, rosafarbenen und türkisen Dächern


BACKFLASH

von weitem ins Auge fällt. Schon nach dem Öffnen der Grundstückstür fühlt man sich zuhause. Eine Veranda heißt Gäste im Halbprivaten willkommen. Das auskragende Dach wird in den Abendstunden von zahlreichen Geckos bevölkert, die im Schein einer Aussenleuchte auf Mückenjagd gehen.  Die einladende Geste wird im Inneren des Hauses verstärkt. Nach  Betreten der Haustür findet man sich direkt in einem kleinen Salon mit einer Sitzgruppe wieder statt in einem neutralen Korridor. Emilio Castro hat damit  ein  typisches Element traditioneller, kubanischer Häuser aufgegriffen. Für Atmosphäre sorgen senfgelb-türkis verputze Wände mit dekorativen Kreiselementen, die die Unbeschwertheit der Fünfzigerjahre lebendig machen. Die Gäste werden in diesem Raum mit einem Cocktail begrüsst, der von einer Dame zubereitet wird, die am Morgen auch das Frühstück auf der Terrasse serviert.   Die  Casa Flamboyanes  verfügt über  zwei Schlafzimmer. Der Master Bedroom liegt im Erdgeschoss. Das geringfügig kleinere Schlafzimmer befindet sich im Obergeschoss mit direktem Zugang zur Dachterrasse. Ein ungewöhnliches Detail offenbart sich an den Fenstern, die von metallenen Gittern vor unerwarteten Besuchern geschützt werden. Anstelle konventioneller, durchgehender Glasfronten hat Emilio Castro rund zehn Zentimeter breite Glaslameellen verwendet. Durch die Variation ihres Neigungswinkels kann die Luftzirkulation im Haus auf natürliche Weise gesteuert werden. Der Nebeneffekt: In der Nacht dringen die Geräusche quakender Frösche und unzähliger anderer Tiere in ungefilterter Lautstärke herein. Man bekommt das Gefühl, inmitten des Dschungels zu schlafen. Trotzdem fühlt man sich an diesem Ort gut aufgehoben, der drinnen und zugleich draußen ist. Dass sich die  Casa Flamboyanes  als perfekt durchkomponiertes Ensemble der Jahrhundertmitte präsentiert und vor knapp einem Jahr grundlegend renoviert wurde, ist den neuen Eigentümern zu verdanken: den Gründern der Ga-

lerie Factoría Habana, eine wichtige Adresse für zeitgenössische Kunst in Havanna. Nicht ohne Grund wählte Karl Lagerfeld genau diesen Ort, um seine Chanel-Modenschau mit einer Fotoausstellung und anschließendem Fest abzurunden. Und so geben sich das neue und alte Kuba die Hand: verbunden durch die Räume einer tropischen Betonarchitektur, der selbst die Anführer der Revolution nicht zu widerstehen vermochten.

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Niminte vellic totaquasinum et pedia quameturest optae consecae explibus, velit, odi odit et omnistios mod ex eum qui tem.

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BACKFLASH

Em. Ihit ex expeliberia premodicia conectis eicatur sit ea voluptati incit aut et qui aceress inver.

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ZUHAUSE IN DER KUNST: JULIA STOSCHEK

INTERVIEW: JEANETTE KUNSMANN FOTO: JONAS LINDSTROEM

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INTERVIEW JULIA STOSCHEK

Wer Medienkunst als ungeliebtes Stiefkind der Kunstgeschichte empfindet, könnte in dieser Frau so etwas wie eine eng verbundene Tante sehen. Julia Stoschek will die Zeit anhalten, indem sich alles um sie herum weiterdreht.

Jumpsuit, hautfarbene High Heels und perfektes Make-up: Julia Stoschek wandelt durch ihre Sammlung, als würde sie hier wohnen – sie fühlt sich in den neuen Berliner Räumen sichtlich zuhause. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, lautet auch die Botschaft zur Eröffnung der zweiten Ausstellung „Jaguars & Electric Eels“. Neu ist, dass die Hauptstadt-Dependance der Stoschek Collection tiefer geht: nämlich in den Keller mit Doug Aitken und Aaaron Young. Sie gelten als Pionierin für die Medienkunst, 2017 wird die Julia Stoschek Collection zehn Jahre alt. Allein 2016 zählte ihre Sammlung rund zehntausend Besucher – wie fühlt sich das an? Es macht mich natürlich unheimlich glücklich – Medienkunst war bis vor zehn Jahren immer noch ein Stiefkind der Kunstwelt. Dass wir die Entwicklungsgeschichte dieses Genres mit vorangetrieben habe, das denke ich schon. Allerdings möchte ich ergänzen, dass auch das MoMA in New York eine wichtige Vorreiterrolle eingenommen hat und bereits vor zehn Jahren ein eigenes Department für Media und Performance gegründet hat. Künstler haben als Seismografen in allen Epochen der Kunstgeschichte stets Entwicklungen vorweggenommen und kommentiert, so eben auch in der Medienkunst. Für mich war diese Entwicklung absehbar: Wir sind ja tagtäglich von Bewegtbild umgeben! 1975 geboren, zählen Sie sich selbst zur Generation MTV – was ist der prägende Unterschied zur YouTube-Generation? Was fasziniert Sie an Medienkunst? Ich interessiere mich vor allem für Medienkunst, weil sie so ein enormer Impulsgeber ist und wie kein anderes Medium aktuelle Tendenzen abbildet. In unserer ersten Berliner Ausstellung „Welt am Draht“ hatten wir viele Post-Internet-Artists, die alle erst nach 1982/83 geboren sind. Sie haben sicherlich ein anderes Verständnis von Kunst, als die Vorgängergeneration und konnten auf diese Weise eine völlig neue Formenspra-

che entwickeln: Social Media und das Thema des Sharings ist etwas, womit diese Generation aufwächst und ihr Denken intensiv beeinflusst. Das bleibt natürlich nicht folgenlos – sowohl in der Kunst als auch in ihrem Lebensverständnis. Für mich ist es extrem spannend zu beobachten, wie diese junge Generation arbeitet. Wie verändert sich das Thema der Urheberschaft in diesem Zusammenhang? Wird ihre Bedeutung von jungen Leuten überhaupt noch wahrgenommen? Eine Künstlerin wie Elaine Sturtevant, mit deren Werken wir unsere aktuelle Ausstellung beginnen, wurde bereits in den Sechzigern für ihre „1:1 Wiederholungen“ enorm angefeindet. Anders als Andy Warhol, der Sturtevant für ihre Arbeiten sogar seine Siebdrucke zur Verfügung gestellt hatte, hat sie ihre Werke überhaupt nicht mehr signiert. Heute haben wir mit den Post-Internet-Artists eine Generation, die das Sharing lebt und ihre Arbeiten im Netz frei zugänglich macht. Sie verfolgen den Anspruch, den die Medienkunst schon in den Sechzigerjahren hatte. Damals ist die Medienkunst sehr demokratisch aufgefasst worden, sie sollte allgemein zugänglich zu sein. Es gab keine Limitierungen, keine Editionen – die Limitierung ist erst durch den Kunstmarkt entstanden! Sie zeigen Videokunst in den Räumen des ehemaligen tschechischen Kulturzentrums – passt Medienkunst heute nicht längst auch in die Tasche: zum Beispiel auf dem Smartphone? Hier muss man sehr genau unterscheiden: Das, was Sie meinen ist die netzbasierte Kunst oder auch Net Art, eine Richtung, die ich schätze, aber ganz bewusst nicht sammle. Es ist sehr entscheidend, ob man die Arbeiten nur am Computer erfährt oder sie installiert betrachtet. Unsere Arbeiten stehen dadurch in einem anderen Kontext und wirken deshalb auch anders. Ein gutes Beispiel ist der CREMASTER 3 von Matthew Barneys, der auch als Kaufvideo erhältlich

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MAGAZIN ist – kein Vergleich zur Gesamtinstallation, die wirklich bahnbrechend im Guggenheim oder im Museum Ludwig installiert war. Die Erfahrbarkeit im Raum ist das wichtigste Merkmal dieser Kunstgattung. Was zu der Frage führt, was Medienkunst von der Architektur und den Räumen fordert, in denen sie ausgestellt wird? Wir versuchen natürlich die Räume an die Medienkunst anzupassen. Gemeinsam mit den Künstlern konzipieren wir die Ausstellungsräume und überlegen, wo ihre Arbeiten am besten wirken können. Cyprien Gaillard zum Beispiel braucht eine bestimmte Dimension – die Vorgabe kommt durch das Werk. Ich könnte Cyprien Gaillards „KOE“ niemals in dem kleinen Raum zeigen, in dem Bill Violas „Reflecting Pool“ zu sehen ist – diese Arbeit ist nur denkbar im Kinosaal. Wie sind Sie auf das ehemalige Kulturzentrum in der Leipziger Straße gekommen, und was gefällt Ihnen daran? Das Tschechische Kulturzentrum hatte mir Tim Renner empfohlen – er wusste, dass ich mich nach geeigneten Räumlichkeiten umschaue. Es gab hier schon vorher Ausstellungen, wobei das Gebäude zuletzt als Club genutzt wurde. Als ich die Räume zum ersten Mal sah, dachte ich: Wow! Es herrschte ein ziemliches Chaos  – auf drei Etagen! Ich beauftragte die Architektin Johanna Meyer-Grohbrügge, die den Charakter der Räume einerseits erhalten und dennoch ein neues Erscheinungsbild erschaffen hat. Jetzt haben wir diese eleganten Vorhänge und ich finde es immer noch eine geniale Idee, sie sowohl innen als auch außen zu installieren. Außen dient der Vorhang als Werbefläche und zur Verdunklung, innen schafft er den Charakter einer Privat sammlung. Ansonsten hat der Bestand vieles vorgegeben: Wir haben hier wunderbare Kassettendecken, Marmorböden und diesen wahnsinnig schönen Kinosaal. Wie viel Zeit verbringen Sie eigentlich mit Ihrer Sammlung? Sind Sie oft hier? Immer! Immer und gar nicht... nein, natürlich permanent, aber anders als in Düsseldorf, wo ich zeitweise mit der Sammlung unter einem Dach gelebt habe. Sammeln ist für mich kein Beruf, daher habe ich auch keine Arbeitszeiten. Die Sammlung ist mit mir so eng verbunden und ich mit der Sammlung, dass ich schon sagen würde, dass ich mit ihr lebe – auch, wenn ich jetzt räumlich getrennt bin – es hört nie auf. Was für eine Rolle spielen für Sie die Dematerialität und Flüchtigkeit von Medienkunst eine Rolle? Eine große! Zeit und Bewegung beschäftigen mich schon mein ganzes Leben. Erstere ist stets mit Flüchtigkeit verbunden, deswegen fasziniert mich auch die Arbeit von Bill Viola: dieses Einfrieren

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und Ausdehnen von Zeit. Diese immaterielle Komponente ist etwas, was mich persönlich sehr beschäftigt, manchmal verängstigt und auch frustriert, weil natürlich niemand die Zeit anhalten kann. Das ist sicher auch ein Grund, warum ich so eine große Leidenschaft diesem Medium gegenüber habe – es hängt alles zusammen. Was war das erste Werk, das Sie gekauft haben? „High Performance“ von Aaron Young – die Arbeit ist natürlich immer noch im Sammlungsbestand. In dem Video sieht man einen Motorradfahrer, der in einem kleinen Raum mit seinem Motorrad einen 360 Grad-Rubber-Burnout vollzieht. Durch den Abrieb entstehen so viele weiße Nebelschwaden, dass man den Motorradfahrer am Ende nicht mehr sehen kann. Diese Arbeit hat einen multiplen Charakter und ist sowohl Malerei, Skulptur als auch Performance. Ist denn Performance auch ein Thema für Sie? Ja, natürlich. 2009 haben wir uns das gesamte Jahr ausschließlich darauf konzentriert. Mit insgesamt 28 Live-Performances war das ein immenser Aufwand und wahrscheinlich die bisher teuerste Ausstellung, die ich je gemacht habe – und vor allem ist nichts Materielles übrig geblieben. Was aber bleibt ist die persönliche Erinnerung, und das ist nicht hoch genug einzuschätzen. Wer damals dabei war, war eben dabei. Da sind wir wieder beim Ephemeren – wahrscheinlich erlebt auch deshalb Performance gerade ein großes Revival. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Performance, als Yvonne Rainer im Guggenheim das Triple A getanzt hat... ich denke, dass die Sehnsucht, live dabei zu sein, gerade in der jetzigen Zeit so gewachsen ist, weil ein einmaliges Erlebnis so intensiv berührt. Das geht sicher nicht nur mir so, sondern vielen: Zum Glück! Noch mal zurück zum Video: Haben Sie eigentlich einen Fernseher zuhause? Ich bin ein großer Fernsehfan! Das liegt in der Familie: Meine Eltern haben mir neulich erzählt, dass Elfriede Brose, die Frau meines Urgroßvaters, Anfang der 50er Jahre das erste Fernsehgerät überhaupt in Coburg hatte. Eine wahre Geschichte!

Die Ausstellung „Jaguars and Electric Eels“ ist noch bis zum 26. November 2017, Do–So von 14–20 Uhr, in der Julia Stoschek Collection, Leipziger Straße 60, 10117 Berlin, zu sehen. / www.jsc.berlin


INTERVIEW JULIA STOSCHEK

Installationsansicht von Doug Aitken BLOW DEBRIS, 2000; Video, 20’27”, Farbe, Ton

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SEEKING COMFORT

CREATIVE DIRECTION & PHOTOGRAPHY: ALEXX AND ANTON

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SITZEN,

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KOLUMNE

SECHS! Dann schreibt es doch einer: „Kleiner Nachteil: Als Sitzmöbel ist er auf Dauer doch etwas unbequem.“ Siehste! Nichts gegen Ron Arad, ein fantastischer Designer, aber sein Ripple Chair sah schon immer so aus, als würde man freiwillig lieber auf einer Kiste voll Ananas Platz nehmen. Probesitzen war noch ok, aber niemand sitzt natürlich zwei Stunden im Moroso-Schaufenster zur Probe. Also murmelte man nach einer Minute Probesitzen eher etwas wie: „Tja, fast schon skulpturales Design,“ und ging mal lieber woanders hin. Skulpturales Design bedeutet bei einem Stuhl nämlich übersetzt: Hintern weg, wer kein Museum auszustatten hat. Nun hat das Web aber zum Glück allen eine Stimme gegeben und so liest man nach ein paar Mausklicks in der obigen Deutlichkeit, was vom Ripple Chair in der harten Praxis zu halten ist. Als Käuferkommentar, bei einem der vielen Designshops, die ihre Produkte rezensieren lassen, weil ja alles heute rezensiert wird, sogar ehemalige Grundschullehrer. Für einen Möbelfan ist das natürlich eine haarsträubende Lektüre. Von wunderbaren italienischen Leuchten erfährt man da, dass sie offenbar nur eine sehr diffuse Auffassung von ihrem Aufgabe haben. Oder von Espresso- und Wasserkochern, die zwar von Großmeistern gezeichnet, aber offenbar niemals jenseits von Messe-

VON MAX SCHARNIGG

ständen benutzt wurden, sonst wären diverse Tropf- und Schmierprobleme bestimmt aufgefallen. Gerade auf der Messe vergisst man ja leicht mal, dass all die schönen Sachen doch irgendwie für die Leben von Menschen erdacht wurden und nicht nur für die Fotoproduktionen von Magazinen. Nein, das Zeug wird irgendwann unter Bügelwäsche oder neben vollen Einkaufstüten herumstehen oder eben, herrje, mit völlig undesignten Menschen beladen. Wie sich die Entwürfe dann schlagen, dass kann kein Designkritiker und kein Style-Editor vorhersagen, das muss der geplagte Käufer melden und deswegen sind solche ehrlichen Echtwelt-Abgleiche längst überfällig. Auch auf die Gefahr hin, dass dann eben Heinz W. aus Offenburg einen Designklassiker nachhaltig diskreditiert oder Hausmaus54 den ikonischen Thermoskannen aus Dänemark eine vier Minus erteilt. Wenn Design auf jahrelange Lebenspraxis trifft, fallen nun mal Späne. Das galt übrigens auch schon für die heiligen Entwürfe von Dieter Rams und Co. Das Problem beim Endverbraucher ist: Wenn er die saftige Rezension schreibt, hat er das Ding ja schon gekauft. Man

muss deshalb früher ansetzen und vor dem Kauf Zeit mit den anvisierten Stücken verbringen, zum Beispiel in Hotels oder Ferienhäusern. Die Seite holidayarchitecture leistet da unschätzbare Dienste, sie listet stilistisch gehaltvolle Häuser in ganz Europa auf, die wochenweise zu mieten sind – perfekt, um das ein oder andere Sofa oder diese sakrale Leuchteninstallation zum Mitbewohner auf Zeit zu machen. Wenn man sich nach dem Urlaub auf sein altes Sofa freut, hat sich der Urlaub doppelt gelohnt. Also, gleich mal schauen, wo so ein Ripple Chair steht.

Kleiner Nachteil: Als Sitzmöbel ist er auf Dauer doch etwas unbequem.

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ROBIN RHODE

SKATEROOM

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Der Street-Art-Künstler Robin Rhode hat für das britische Kunstlabel The Skateroom fünf Skateboard-Decks entworfen. Dazu gesellt sich ein sechstes Deck, das speziell für die Hilfsorganisation Skateistan kreiert wurde, die Skateschulen für Jugendliche in Krisenregionen betreibt. Wir haben Robin Rhode in seinem Berliner Studio getroffen und über seine Kindheit in Johannesburg, Skateboarden als radikale Geste und Decks, die aussehen wie Süßigkeiten, gesprochen.

TEXT: TIM BERGE


INTERVIEW ROBIN RHODE Was ist deine Beziehung zum Skateboarden? Die reicht lange, lange zurück, bis in die Zeit meiner Kindheit in Johannesburg. Ich habe es als Aktivität nie zu ernst genommen, aber es war auf jeden Fall ein wichtiger Teil meiner Jugend. Heute ist Skateboarden eine Erweiterung meiner Interessen als Künstler und meiner Verflechtung mit der Subkultur. Gleichzeitig gibt es aber auch einen konzeptionellen Ansatz: Ich habe Skateboarden immer als Möglichkeit der Neudefinition von Architektur empfunden. Wie nehmen wir Raum wahr? Und wie können wir ihn steuern? Skateboardest du heute noch? Nur in meinem Studio (lacht)! Ich rolle von einem Kunstwerk zum nächsten, von einer Seite zur anderen. So kann ich schneller arbeiten (lacht lauter). Was für ein Skateboard hattest du in Johannesburg? Erst hatten wir welche aus Kunststoff, später kamen die aus Holz dazu, die wir nach unseren Vorstellungen umgestalteten und umbauten. Ich sehe mich als Teil einer Post-Apartheit-Generation, die sehr offen war für neue kulturelle Strömungen von außerhalb. Wir schauten sehr genau, was die Jugendkulturen in den USA und Europa hervorbrachten und absorbierten das in unseren eigenen Kosmos und soziale Codes: Es gab, wie wahrscheinlich überall auf der Welt, Gruppen in Johannesburg, an deren Skateboards man ihre Herkunft erkennen konnte. Gibt es heutzutage noch Unterschiede zwischen den Skateboard-Kulturen in Johannesburg und Berlin – oder sind die auch mittlerweile globalisiert? Sie sind definitiv globalisiert! Aber es gibt Unterschiede: Die Gesellschaft in Südafrika ist immer noch durch massive Konflikte geprägt, es gibt immer noch viel zu viele soziale Brennpunkte, die das Land plagen. Es gibt eine hohe Arbeitslosigkeit und eine hohe Kriminalitätsrate. Viele Menschen wissen nicht, wie sie ihr Leben finanzieren können. Und in Südafrika gibt es kein soziales Netz wie hier in Deutschland! In so einer Situation auf einem Skateboard durch Johannesburg zu fahren, ist eine radikale Geste, die sich gegen das System richtet. Jetzt hast du für das Kunstlabel The Skateroom fünf Decks entworfen, die als limitierte Edition in den Verkauf kommen und höchstwahrscheinlich von Menschen erworben werden, die sich am oberen Ende des Systems befinden und die sich die Skateboards wahrscheinlich eher an die Wand hängen werden. Wie kannst du das mit deiner eigenen Geschichte unter einen Hut bringen? Ich finde es großartig, denn mit jedem Kauf wird das Projekt unterstützt. Die Motive, die sich auf den Decks befinden, wurden auf den Straßen von Johannesburg produziert. Und sie kommen aus eben jenen

Gegenden, in denen die sozialen Konflikte am größten sind. Wer also eines der Decks kauft, holt sich ein Motiv eines sehr konkreten Ortes und sozialen Kontexts ins Haus. Damit muss er sich auseinandersetzen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass meine Zusammenarbeit mit The Skateroom weit über die Produktion dieser Edition hinausgeht. Ich habe ein weiteres Deck nur für die Skateschulen von Skateistan entworfen, das den Schülern in Afghanistan, Kambodscha und Südafrika kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Und durch mein Engagement für The Skateroom kann ich Menschen auf Skateistan – und insbesondere auf die Schule in Johannesburg – aufmerksam machen. Was war denn dein erster Ansatz, als du gefragt wurdest Decks zu gestalten? Ich wusste von Anfang an, dass ich fünf Decks machen würde und dass sie monochromatisch sein müssten: Sie sollten wie eine schwarz-weiße Süßigkeit wirken! Nur das Deck für die Skateschulen fällt aus dem Gestaltungskanon heraus: Es ist bunt. Wird der Nutzer, sollte er das Deck tatsächlich zum Skateboarden benutzen, Teil einer globalen Robin-Rhode-Performance? (Lacht) Ja, ich hoffe das sehr! Und ich hoffe, dass die Käufer einen Bezug zu den Charakteren aufnehmen, die auf der Unterseite der Decks zu sehen sind. Durch die Menschen, die dort zu sehen sind, kann vielleicht eine stärkere Verbindung zu dem Objekt entstehen, als wenn nur eine Grafik zu sehen sein würde. Wirst du die Käufer bitten, dir Fotos und Filme zu schicken, wie sie die Decks benutzen? Wenn das möglich ist, wäre das großartig. Ich hoffe auch, dass Kinder den Zugang zu den Decks bekommen. Es wäre schade, wenn die Objekte nur als Kunstwerke an den Wänden hängen würden. Aber diese Edition bietet auch die Möglichkeit, meine Kunst zugänglicher für Menschen zu machen, die sich meine Arbeiten sonst nicht leisten könnten.

Skateistan ist eine 2007 gegründete Nichtregierungsorganisation, die in Afghanistan, Kambodscha und Südafrika Skateschulen für Kinder und Jugendliche betreibt. Das Projekt will Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft über das Skateboarden zusammenbringen – außerdem verfolgt die Organisation das Ziel, die Jugendlichen wieder zum Schulbesuch zu bewegen und ihre Ausbildung durch eigene Bildungsangebote zu unterstützen. Über 40 Prozent der teilnehmenden Kinder sind Mädchen!

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AUTOPILOT

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DER BAUMFLÜSTERER

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AUF DER SUCHE NACH DEN BESTEN EICHEN EUROPAS

TEXT: MARKUS HIEKE FOTOS: ANIKKA BAUER

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Wenn man den Wein probiert, der in einer Gegend angebaut wird, weiß man, ob dort auch Bäume von guter Qualität stehen“, tönt der Baumflüsterer Jakob Röthlisberger. Wir haben den Schweizer Holzeinkäufer nach Kroatien und Österreich begleitet, auf der Spur der besten Hölzer. Holzhändler Gernot Stefl. Zwischen

Ein Keilschnitt in Fallrichtung, zwei geübte Schnitte an jeder Seite, bevor die Kettensäge den Stamm von der Rückseite her trennt und die Eiche zu Fall bringt. Als der Baum zu kippen beginnt, wird es plötzlich ruhig. Einen Moment lang scheint die Welt stillzustehen. Dann ein lautes Krachen. Äste zerbersten. Splitter segeln durch die Luft. Und das Getöse legt sich wieder. Keine fünf Minuten hat es gedauert, und es liegen knapp 120 Jahre Baumgeschichte am Waldboden. Forstvisite mit dem Baumspezialisten Jakob Röthlisberger. Sein Job als Chefeinkäufer eines renommierten Möbelherstellers ist es, erstklassige Hölzer aufzuspüren. Kaum jemand kennt sich aus wie er, der Schweizer mit der kräftigen Statur, den man auch den Baumflüsterer nennt. Ihm geht es um erlesenes Material aus verschiedenen Provenienzen wie Frankreich, Deutschland, Österreich und Kroatien: für die Möbelproduktion, für Sondermaße und Spezialanfertigungen. Zusammen treffen wir den Forstingenieur Ante Orlović in einem Wald in der kroatischen Region Slawonien. Mit uns der österreichische

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Ungarn und Bosnien und Herzegowina liegt Slawonien im Osten des Landes, wo es an der Donau, der Grenze zu Serbien, endet. Der Privatwald, den Orlović und zwei weitere Kollegen hier forstwirtschaftlich verantworten, erstreckt sich über 12.000 Hektar. Am Vortag sitzt Röthlisberger seit dem Morgen am Steuer seines CitroënKombi. Vom Flughafen Zagreb, unserem Treffpunkt, nach Breznica Našička sind es noch 200 Kilometer. Als wir die Autobahn verlassen, wirken die Orte an der Strecke im Dunkeln fast wie ausgestorben. In dieser ländlichen Gegend stehen etliche alte Bauernhöfe, kleine Häuser und immer wieder Neubauten mit unverputzten Fassaden. Röthlisberger kennt die Gegend und nimmt solche Details kaum mehr wahr, denn nach Slawonien kommt er seit Jahren um Eichen zu kaufen. Auf dem Weg über die Berge gleitet sein weich gefederter Wagen routiniert durch die Kurven. Als wir unsere Unterkunft erreichen, ist es bereits tiefe Nacht. „Die Musik wird im Winter gespielt“, erklärt er. Baumfällen zur kühlen Jahreszeit hat viele Vorteile: Zum einen tragen die Bäume kein Laub und lassen sich deshalb leichter handhaben. Zum anderen ruhen sie zu dieser Zeit. Ihre Stämme halten weniger Wasser, was sie schneller trocknen lässt. Auch sind die

Schnittstellen weniger anfällig für Pilzbefall und es gibt weniger Insekten, die das Holz befallen könnten. Schließlich verhindert der gefrorene Waldboden, dass die schweren Maschinen im Morast versinken. Denn noch immer ist das Gelände weich. Einst ließ Kaiserin Maria Theresia von Österreich, die seinerzeit über die kroatischen Gebiete regierte, die Wälder Slawoniens zur Trockenlegung des Sumpflandes anlegen. Röthlisberger freut sich über unser Timing: „Wir haben abnehmenden Mond, das ist der beste Zeitpunkt.“ Kurz vor Neumond halten die Bäume wenig Saft. Es heißt, das sogenannte Mondholz sei besonders stabil, haltbar und resistent gegen Schädlinge. Früher wurde ausschließlich unter Berücksichtigung der Mondphasen geschlagen. Am Morgen holt uns Ante Orlović in seinem Geländewagen ab. Es ist ein milder Wintertag im Februar, das Thermometer steigt auf 8 Grad. Den ersten Halt machen wir an einem 25 Hektar großen Waldstück, in dem für die nächsten 20 Jahre nicht gefällt werden soll. „Die Bäume, die hier stehen, liefern uns die Phänotypen unserer Eichelzucht“, erklärt Orlović. Dafür kämen nur die geradesten Bäume in


REPORTAGE Frage. Die besten Bäume sind mit einem neonfarbenen Punkt markiert, die allerbesten mit einem Doppelring. Diese sogenannten Mutterbäume sind die heiligsten Pflanzen des Waldes. Sie sichern das Saatgut, das sich als robustestes durchsetzt. Bis eine Eiche brauchbare Früchte abwirft, vergehen 70 Jahre. Die Zeit davor nutzt der Baum seine Energie fürs Wachstum. Nach 140 Jahren aber sinkt die Qualität der Samen. Gedacht sind die Eicheln nur zum Verkauf, wie der Forstingenieur betont. Der eigene Wald versorge sich selbst mit Sprösslingen. Dabei sei eine gesunde Mischung der Schlüssel zum Erfolg. Diversität macht den Wald re-

Anfragen – soweit Jakob Röthlisberger in seinem tiefsten Schweizer Dialekt zu verstehen ist. Einen Großteil seines Geschäftes erledigt der Holzspezialist genau so, während der Fahrt. Dabei muss er sich viele Dinge einfach merken, no-

sistenter, Pilze haben größere Auswirkungen in Monokulturen. Neben Stiel- und Traubeneichen wachsen in diesem Wald vor allem Hainbuchen und Ulmen, aber auch Eschen und Linden. „Aufgabe der Buchen ist es, die Eichen immerzu mit ihrem dichten Blattwerk zu bedrängen“, erklärt Jakob Röthlisberger, „sodass denen kein anderer Ausweg bleibt, als sich zu strecken und in die Höhe zu wachsen.“ Auf unserem Weg passieren wir die verschiedenen Altersstufen des Waldes. Im Abstand von zwanzig Jahren werden die Abschnitte in sieben Klassen eingeteilt. Orlovićs Verantwortung ist es, jede Altersklasse stets in gleicher Menge erhalten, um über Generationen hinweg die Verfügbarkeit des Holzes zu garantieren. Auf unserer letzten Station mit Orlović erleben wir ein Waldstück bei seinem finalen Schnitt. Dabei weichen die letzten hinterbliebenen Eichen einer Generation: die Mutterbäume, deren Nachkommen nun bereits zwei bis drei Jahre alt sind. Diese Jungbäume sollen nun genügend Licht abbekommen. Schon von Weitem hören wir das Knattern der Kettensäge. Der junge Waldarbeiter Josip geht in Position. Aus sicherer Entfernung beobachten wir, wie routiniert er eine Eiche zu Fall bringt. Möglichst

tieren geht ja schlecht. Zum wichtigsten Begleiter wird das iPhone. Als wir am Abend unser Tagesziel erreicht haben, erklärt Jakob Röthlisberger sein Notensystem, nach dem er jeden einzelnen Stamm beurteilt. Benotet werden Stammform, also Größe, Krümmung und Wuchsbild, die Holzstruktur, damit sind Astigkeit und Jahrringbau des Baumes gemeint, sowie die Holzfarbe, bei der das Farbenspiel und der farbliche Ausdruck zusammenspielen. Von 1 bis 6 steht die höchste Zahl für die Bestnote. Es kommt vor, erzählt Röthlisberger, dass er dreifach die 6 vergibt. Dafür, dass er diese Bäume bekommt, hat er lange gearbeitet. Mittlerweile wird er häufig als erster gefragt, wenn irgendwo Holz dieser Qualität angeboten wird. Unter Holzhändlern setzt das hohes Vertrauen voraus. Genau wie es in allen Holz verarbeitenden Schritten viel Vertrauen und Sorgfalt braucht. „Die Natur hat es geschafft, ein perfektes Produkt bereitzustellen“, sagt Röthlisberger. „Nun beginnt für uns die Verantwortung, diesen edlen Wert zu erhalten.“ Bei Bernhard Leobacher im Salzburger Sägewerk liegen am nächsten Vormittag schon ein paar dicke Eichenstämme bereit. Noch mit Rinde, da Röthlisber-

ohne dabei einen anderen Baum zu beschädigen, am besten senkrecht zum Waldweg. Am Tag schafft ein Waldarbeiter etwa 30 Bäume. Es duftet nach frischen Sägespänen, der Stumpf ist regelrecht nass. Ein Blick auf den Schnitt verrät, was Josip vielleicht hätte besser machen können. Durch den Stammansatz geht ein Riss, der durch zu hohe Spannung beim Abknicken entstanden ist. Hätte er ihn seitlich etwas mehr eingeschnitten, hätte sich dieser eventuell vermeiden lassen. Jakob Röthlisberger ist dennoch zufrieden mit der Eiche. Ein weiterer Forstmitarbeiter nimmt Maß und beurteilt den Baum, damit nachher klar ist, welcher Preis ausgehandelt werden kann. Schweres Gerät schafft die Bäume heraus. Sind die Stämme gestapelt und der Kauf erledigt, liegt der Abtransport in der Verantwortung der Händler. Ihr Ziel: das Sägewerk. Über Zagreb und Ljubljana in Slowenien geht es für uns nun nach Österreich. Immer wieder klingelt das Telefon. Es geht um Lagerbestände, um

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REPORTAGE

ger sie so besser beurteilen kann. Vor dem Schälen wird je nach Krümmung, Astverteilung und möglichen Rissen über die Schnittrichtung und -stärke entschieden. Jakob Röthlisberger markiert die Stämme dafür mit einer Sprühdose. Mit dem anschließenden Entrinden weht ein modriger Mulchgeruch über den Hof. Nun können die Stämme in Längsrichtung gesägt werden, einer nach dem anderen. Jedes Brett wird gleichzeitig noch einmal mittig geteilt. Das verhindert, dass beim Trocknen Spannungsrisse entstehen. Für den Holzprofi ist dies jetzt der Zeitpunkt, seine Ware zu bewerten. Ist er selbst nicht vor Ort, übernimmt die Beurteilung ein Mitarbeiter vom Holzhändler. An diesem Tag vergibt Röthlisberger viele mittlere Werte, aber auch ein paar Mal die Bestnoten 5 und 6. Einer der Stämme hat einen Schaden, den Röthlisberger von außen nicht sehen konnte, mit dem Rest aber ist er heute zufrieden. Seit bald 18 Jahren kauft Jakob Röthlisberger Holz ein: seit über acht Jahren für das Schweizer Möbelunternehmen Girsberger, das sein Holz auch an andere Hersteller verkauft; davor bei einem großen Schweizer Holzhändler. Eine Ausbildung für seinen heutigen Beruf gibt es nicht. Genauso wenig gibt es entsprechende Literatur, die ihm bei seiner Tätigkeit geholfen hätte. Einzig seine Neugierde und seine Liebe zum Material konnten den gelernten Zimmerer dahin bringen, wo er heute ist. Für unsere letzte Etappe, ein Holztrocknungslager, reisen wir am nächsten

Tag noch einmal zurück ins Kärntener Maltatal. Täglich wird hier frisch geschnittenes Holz aus den Sägewerken angeliefert. Das meiste davon gehört dem Holzhändler Stefl. Der Betrieb dieses Lagers erfordert hohes logistisches Geschick: Kein Stamm, kein Brett darf vertauscht werden. Die Werte, die diese Hölzer darstellen, sind mitunter enorm. Bernhard Genser, Geschäftsführer der Firma, erzählt, dass es hier 25 verschiedene europäische Holzarten gibt. Jede davon erfordere eine andere Behandlung, je nachdem auch, wie der Kunde sein Holz wünscht. Genser erläutert die Schritte, die die Ware hier durchläuft: Nach der Anlieferung werden die meisten Holzarten bei 90 bis 95 Grad gedämpft, dabei werden die Fasern geöffnet, sodass das Holz letztlich schneller trocknet. Zudem beeinflusst das Dämpfen die Farbe. Im Anschluss trocknet das Holz im Freien unter großen Dächern, bevor es nach einem bis eineinhalb Jahren in Trockenkammern auf 8 Prozent Materialfeuchtigkeit gebracht wird. Bis zum Abtransport lagert das Holz zuletzt in klimatisierten Hallen. Wie bei Lebensmitteln darf auch hier die Kühlkette nicht unterbrochen werden, erklärt Gensers Bruder Andreas. So wird die Qualität garantiert, für die das familiengeführte Unternehmen steht. Getrocknet wird im Maltatal seit 1989, als der Vater die Firma gegründet hat. Schon der Großvater war im Holzgewerbe. Mit einer Reisesäge zog der in die Berge, um vor Ort Baumstämme zum Bau von Almhütten zu verarbeiten. Auf dem Hof entdeckt Jakob Röthlisberger nun seinen Stapel Schwarznuss wieder, der hier zwei Wochen zuvor angeliefert wurde. Mittlerweile ist das Holz gedämpft. Röthlisberger ist neugierig. Er holt sein Spezialwerkzeug hervor, ein umgeformtes Klappmesser, mit dem er die obere Schicht des Holzes abschabt. So erkennt er die tatsächliche Struktur und den Farbton besser. Wie

für die Schwarznuss üblich, hat sich der Splint, also die äußeren, jungen Schichten des Stammes, beim Dämpfen farblich an dem Kern angepasst. Röthlisberger ist begeistert. Dann überprüft er noch seine Eichen, die traditionell nicht gedämpft werden, dafür aber länger lagern: je nach Stärke bis zu drei Jahre. „Eichen geben ihr Wasser nicht gern her“, sagt er. Erneut setzt er seinen Schaber an. Wer Jakob Röthlisberger so sieht, versteht wie außergewöhnlich seine Profession ist. Wie viele Kollegen es auf seinem Niveau gibt? „Europaweit vielleicht acht“, rechnet er. Spricht er über Bäume, hört man Sätze wie: „Ich schaue gern ins Herz. Was sich dort abzeichnet, trägt sich nach außen hin fort.“ Damit meint er die Äste, die bestenfalls sauber geschnitten wurden. Er meint auch die Strapazen, die ein Baum im Laufe seines Lebens durchgemacht hat. Dass er nicht bei jedem Stamm ins Innerste blicken kann, versteht sich von selbst. Immerhin verantwortet er den Einkauf von derzeit jährlich 5.000 Bäumen. Ohne Hingabe zum Holz kann man diesen Beruf nicht machen. Jede Woche aufs Neue rund 2.500 Kilometer reisen. Für den Baumflüsterer geht es nur übers Wochenende nach Hause ins Berner Oberland. Bevor er sich erneut aufmacht, um die schönsten Eichen in Frankreich zu finden.

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t i e k g i t h c i e L e i D DES WOHNENS

Als sich der Bauingenieur an die Planung seines Wohnhauses in Leonding, OÖ machte, schwebte ihm ein Bau von heller Luftigkeit und außergewöhnlicher Atmosphäre vor. Das Haus, das er heute bewohnt, hat alle seine Erwartungen übertroffen. TEXT: NIKOLAUS PROKOP FOTOS: ARCHITEKTUR, ANDREAS HOFER PEOPLE, GERHARD WASSERBAUER

A

ls Mann vom Fach weiß der Bauherr, worauf‘s beim Bauen ankommt: Doch macht dieses umfassende Fachwissen das Leben auch dann leichter, wenn es um den Bau des eigenen Hauses geht? „Ja und Nein“, lacht der Bauherr, „natürlich hat man den Ehrgeiz, alles selbst zu machen, wenn man mit der Materie sozusagen mit Leib und Seele verheiratet ist wie ich. So, wie das Haus heute dasteht und in Hinblick darauf, welches Wohnge-

fühl es uns bietet, war es den Schritt absolut wert, bei der Planung mit einem Architekten alles komplett von vorne aufzurollen.“ Ein Maximum an Großzügigkeit und Offenheit beim Raumgefühl war bei der Planung des zweigeschossigen, in puristisch modernem Stil konzipierten Hauses von Anfang an ein besonderes Herzensanliegen. Dieser Wunsch nach Licht und Luftigkeit bedeutete vor allem auch: möglichst großzügig dimensionierten Glasflächen.


Die Luftigkeit des Raumgefühls war eines der Herzensanliegen des Bauherrn. Der großzügig dimensionierte Wohn-/Küchenbereich unterstreicht dies eindrucksvoll.

Die vielfältigen Möglichkeiten des Josko Ganzglas-Systems Platin Blue mit seinem betont modernen, extrem schlanken Rahmendesign kamen diesem Wunsch optimal entgegen, vor allem auch durch ihre harmonische Kombinierbarkeit mit den puristischen, bündigen Holz/Alu-Fenstern Platin 82 von Josko. Für die gewünschte schlichte Einheitlichkeit der Gesamtoptik bewährte sich zusätzlich das Josko Smart Mix-

Konzept mit harmonisch aufeinander abgestimmten Materialien und Oberflächen. Details, wie die bündigen MET Innentüren, bei denen die Zarge unsichtbar im Mauerwerk verschwindet und das Türblatt mauerbündig einschlägt, betonen die Durchdachtheit des architektonischen Gesamtkonzepts. Weitere Informationen unter: www.josko.de

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Design 11. November 2016 bis 17. September 2017 Werner Aisslinger: House of Wonders Pinakothek der Moderne München www.pinakothek.de

17. März bis 18. Juni 2017 Monobloc: Ein Stuhl für die Welt Schaudepot, Vitra Design Museum www.design-museum.de

3. Dezember 2016 bis 21. Mai 2017 100 Jahre De Stijl Stedelijk Museum Amsterdam www.stedelijk.nl

17. März bis 22. Oktober 2017 Linking Leather – Die Vielfalt der Leders 100 Jahre Deutsches Ledermuseum Offenbach/ Main www.ledermuseum.de

17. Januar bis 11. Juni 2017 Full House: Design by Stefan Diez Museum für Angewandte Kunst Köln www.museenkoeln.de/museum-fuer-angewandte-kunst 10. Februar bis 26. Juni 2017 gern modern? Wohnkonzepte für Berlin nach 1945 Museum der Dinge, Werkbundarchiv Berlin www.museumderdinge.de 11. Februar bis 14. Mai 2017 Hello Robot. Vitra Design Museum, Weil am Rhein www.design-museum.de 21. Februar bis 29. April 2017 Textile Matters MaximiliansForum München www.maximiliansforum.de

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22. März bis 18. September 2017 Jasper Morrison. Thingness Bauhaus-Archiv Berlin www.bauhaus.de

Full House: Design by Stefan Diez Mit einfachen Lösungen gibt sich ein Stefan Diez nicht zufrieden. Immer auf der Suche nach neuen Wegen, geht sein Blick über konventionelle Ansätze hinaus. In einer Einzelschau widmet sich das Kölner MAK dem Schaffen des Münchner Designers und zeigt zahlreiche, zum Teil unveröffentlichte Produkte und Projekte der letzten 15 Jahre: Ein absolutes Muss! Museum für Angewandte Kunst Köln, 17. Januar bis 11. Juni 2017

4. bis 9. April 2017 Salone del Mobile Fiera Rho, Mailand www.salonemilano.it 13. April 2017 bis 7. Januar 2018 Handwerk wird modern. Vom Herstellen am Bauhaus Bauhaus Dessau Auftaktausstellung der Stiftung Bauhaus Dessau zum 100-jährigen Bauhaus-Gründungsjubiläums www.bauhaus-dessau.de Mies van der Rohe, Convention Hall. Chicago, Illinois, 1952-54. Copyright 2016. MoMA, New York, Scala, Florence


MUST SEE QUARTERLY

QUARTERLY Tina Roeder, White Billion Chairs, 2002/2009, Foto: Christoph Sagel

Architektur Monobloc: Ein Stuhl für die Welt Er ist das meistverbreitete Möbel weltweit und der Inbegriff der Massenware. Was seine Relevanz für die Entwicklung des Designs betrifft, bleibt der „billige weiße Plastikstuhl“ jedoch bis heute weitgehend unberücksichtigt. Der „Monobloc“ – so genannt weil er kostengünstig und schnell aus einem einzigen Stück Kunststoff gepresst wird – wird in einer Ausstellung im Schaudepot in den Mittelpunkt gestellt und seine Entwicklungsgeschichte aus einer neuen Perspektive betrachtet. Hier geht es nicht nur um den allgegenwärtigen Baumarktstuhl, der seinen Ursprung im Jahr 1972 mit dem so genannten Fauteuil 300 des französischen Unternehmers Henry Massonnet hat. Ausgestellt werden auch zeitgenössische Auseinandersetzungen von Designern und Künstlern mit diesem unscheinbaren Klassiker, wie etwa Projekte von Martí Guixé, Maarten Baas und Tina Roeder. Bauhaus-Archiv Berlin, 22. März bis 18. September 2017

Jasper Morrison. Thingness Mit „Jasper Morrison. Thingness“ präsentiert das Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung, Berlin gerade die erste deutsche Retrospektive über Jasper Morrison. Der britische Designer gestaltete in den vergangenen 35 Jahren unterschiedlichste Alltagsgegenstände: Möbel, Küchenutensilien, Geschirrserien und Leuchten, aber auch Schuhe, Uhren, Handys sowie eine Straßenbahn für die Stadt Hannover. Im Laufe seiner Karriere arbeitete Morrison für zahlreiche bekannte Firmen wie etwa Alessi, Cappellini, Camper, Muji, Samsung oder Vitra. Für einige seiner Entwürfe erhielt er Auszeichnungen wie den IF Transportation Design Prize oder den Ecology Award. Bauhaus-Archiv Berlin, 22. März bis 18. September 2017

Jasper Morrison, Low Pad, 1999 Produziert von Cappellini, Foto: Walter Gumiero © Jasper Morrison Ltd

26. Februar bis 28. Mai 2017 Mies van der Rohe: Collagen aus dem MoMA Museum Georg Schäfer in Schweinfurt www.museumgeorgschaefer.de 4. März bis 10. September 2017 MAKING HEIMAT – Germany, Arrival Country Deutsches Architekturmuseum Frankfurt am Main www.dam-online.de 11. März bis 11. Juni 2017 Friedrich Kiesler: Architekt, Künstler, Visionär Martin Gropius Bau, Berlin www.berlinerfestspiele.de 18. März bis 14. Mai 2017 Bühnen, Banken, Flugzeughallen. Frankfurter Projekte von Otto Apel\ABB Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main www.dam-online.de 8. April bis 17. September 2017 Rudolf Belling. Skulpturen und Architekturen Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/hamburger-bahnhof 187


Links: Tolle Ausstellung von Caruso St John Architects — hin gehen! Unten: Mies van der Rohe, Convention Hall. Chicago, Illinois, 1952-54. Copyright 2016. MoMA, New York, Scala, Florence

12. Mai bis 24. Juni 2017 Caruso St John Architects Architektur Galerie Berlin www.architekturgalerieberlin.de 25. Mai bis 9. Juli 2017 Eröffnung am Mittwoch, 24. Mai 2017 kuehn malvezzi und transsolar: Architektur als Aufführung und echte Kooperationen architekturgalerie am weißenhof, Stuttgart www.weissenhofgalerie.de Bundesweit am 24. und 25. Juni 2017 Tag der Architektur 2017: Architektur schafft Lebensqualität www.tag-der-architektur.de

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Caruso St John Architects Acht Jahre nach ihrer Ausstellung für den Fotografen Thomas Demand in der Neuen Nationalgalerie kehren Adam Caruso und Peter St John zurück nach Berlin – diesmal in den Osten der Hauptstadt: Eingeladen von Ulrich Müller hat das Studio mit Sitz in London und Zürich jetzt eine Ausstellung für den Raum der Architektur Galerie Berlin entwickelt – wieder in enger Zusammenarbeit mit Thomas Demand: Vorhang auf! Architektur Galerie Berlin, 12. Mai bis 24. Juni 2017

Mies van der Rohe: Collagen aus dem MoMA Wer es nach Aachen nicht geschafft, wo die Ausstellung im Museum Ludwig zum ersten Mal gezeigt wurde, bekommt nun eine zweite Chance in Schweinfurt: Das Besonderes an dieser Station: Zwei der Collagen gehören zu den Entwürfen von Mies van der Rohe für ein Museum in Schweinfurt, denn bereits Ende der Fünfzigerjahre bestand der Wunsch des Sammlers Georg Schäfer (1896–1975), seine Kunst in einem eigenen Museum zeigen zu können. Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, 26. Februar bis 28. Mai 2017


2017

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Elmgreen & Dragset, Irina, 2007, Installationsansicht, Die Zugezogenen, Museum Haus Lange, Kunstmuseen Krefeld, 2017, Sammlung Emmanuel Perrotin, Paris, Foto: Volker Döhne, ©Elmgreen & Dragset und VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Kunst 14. Dezember 2016 bis 23. April 2017 Franz West: Artistclub 21er Haus Wien www.21erhaus.at

19. Februar bis 27. August 2017 Elmgreen & Dragest: Die Zugezogenen Museum Haus Lange Krefeld www.kunstmuseenkrefeld.de

16. Dezember 2016 bis 14. Mai 2017 Manifesto. Julian Rosefeldt Staatsgalerie Stuttgart www.staatsgalerie.de

7. April bis 30. Juli 2017 Gerhard Richter Folkwang Museum, Essen www.museum-folkwang.de

16. Februar bis 21. Mai 2017 Manifesto. Julian Rosefeldt Villa Stuck in München www.villastuck.de

28. bis 30. April 2017 Gallery Weekend Berlin www.gallery-weekend-berlin.de

3. Februar bis 14. Mai 2017 Ed Atkins MMK Frankfurt www.mmk-frankfurt.de 4. Februar bis 26. November 2017 Jaguars and Electric Eels Julia Stoschek Collection Berlin www.julia-stoschek-collection.net 9. Februar bis 14. Mai 2017 Ausstellung Slight Agitation 2/4: Pamela Rosenkranz Fondazione Prada Mailand www.fondazioneprada.org

28. bis 30. April 2017 Kunstbiennale in Venedig www.labiennale.org

Elmgreen & Dragest: Die Zugezogenen Lorem ipsum dolor sit amet, consectetuer adipiscing elit. Aenean commodo ligula eget dolor. Aenean massa. Cum sociis natoque penatibus et magnis dis parturient montes, nascetur ridiculus mus. Donec quam felis, ultricies nec, pellentesque eu, pretium quis, sem. Nulla consequat massa quis enim. Museum Haus Lange Krefeld, 19. Februar bis 27. August 2017

28. bis 30. April 2017 Documenta in Athen und in Kassel www.documenta14.de

15. bis 18. Juni 2017 Art Basel & Design Miami Beach www.artbasel.com

Ab dem 4. Mai Sammlung Boros www.sammlung-boros.de

10. Juni bis 1. Oktober 2017 Skulpturenprojekte Münster www.skulptur-projekte.de

13. Mai bis 26. November 2017 The Boat is Leaking. The Captain Lied. Fondazione Prada Venedig www.fondazioneprada.org

15. und 16. Juli 2017 20 Jahre Kunsthaus Bregenz Kunsthaus Bregenz www.kunsthaus-bregenz.at

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MUST SEE QUARTERLY

Fotografie & Mode 19. Februar bis 23. Juli 2017 Pieter Hugo: Between the Devil and the deep blue Sea Kunstmuseum Wolfsburg www.kunstmuseum-wolfsburg.de 15. Februar bis 11. Juni 2017 Wolfgang Tillmans: 2017 Tate Modern London www.tate.org.uk 13. April bis 27. August 2017 Peter Lindbergh: From Fashion to Reality Kunsthalle MĂźnchen www.kunsthalle-muc.de 20. April bis 3. Juli 2017 JĂźrgen Teller Martin-Gropius-Bau Berlin www.berlinerfestspiele.de 27. Mai bis 18. Februar 2018 Balenciaga: Shaping Fashion Victoria & Albert Museum London www.vam.ac.uk

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FOLGE 1 — DIE SCHAMKAPSEL

Mode von Gestern VON ANNE WAAK

Einer der größten viralen Youtube-Hits der letzten Zeit ist David LaChapelles Video für den Song Take Me To Church von Hozier. Mehr als 18,5 Millionen Mal wurde der Clip seit Februar 2015 aufgerufen. Darin tanzt der 27-jährige ukrainische Balletttänzer Das Suspensorium, wie es auch Eiskunstläufer und Spieler

man herausragend”, so Vinken. Auf einem Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren sieht König Heinrich VIII. im rot-goldenen Prunkgewand stolz auf den Betrachter hinab. Er trägt weiße, sich unter den Knien stauende Strümpfe, aus dem Vorderschlitz seines oberschenkellangen Rockes schaut keck die Schamkapsel hervor.

einiger Mannschaftssport-Arten zum Schutz ihrer empfindlichsten Körperteile tragen, wird gern als der „BH des Mannes” bezeichnet. Es soll eine einheitliche Silhouette schaffen und somit gewährleisten, dass nichts den Blick ablenkt, wie der BH ja auch verhindern soll, dass die Brustwarzen in Erscheinung treten. Gleichzeitig betont das Suspensorium (englisch: dance belt) genau das, was es schützen soll. Oder wie ein angeblicher Kollege Polunins in einem Kommentar zum Video erklärt: „It‘s kind of like the men‘s version of a padded push-up bra. I know guys that will double up and wear two dance belts to get even more bulking.” Der Push-up-BH für den Mann hat einen historischen Vorläufer: die Schamkapsel. Sie war fast ein Jahrhundert lang fester Bestandteil der Männermode. Wie die Modetheoretikerin Barbara Vinken zeigt, blieb die flamboyante Mode bis zur Französischen Revolution allein Männersache. Bevor der Anzug die Uniform der Bürger wurde, durften die Männer das schöne, geschmückte Geschlecht sein. Sie waren diejenigen, die sich körperbetont und sexy kleideten. Besonders das lange Bein wurde in der Renaissance akzentuiert, in farbigen oder weiß schimmernden Strümpfen, nach unten durch die Schuhe verlängert und bis nach oben hin sichtbar. „Für die vorrevolutionären Männer waren nicht nur die Beine Vorzeigeobjekte, auch das nützlichste Glied der menschlichen Gesellschaft inszenierte

In der Armee erfüllte die Schamkapsel auch eine praktische Funktion: Lange war der Genitalbereich in Ritterrüstungen aus Gründen der Bewegungsfreiheit nur durch das Kettenhemd geschützt. Doch weil die Pikeniere bevorzugt in die Weichteile der Gegner stachen, erfand man um 1520 den metallenen, zum Pinkeln und Reiten abnehmbaren Gliedschirm. Auch für den galt: Je größer, desto besser. Daher die Bezeichnung „Renommier-Suspensorium”. Aber schon um 1600 war die Schamkapsel verschwunden, und zwar, wie es Moden zu tun pflegen: scheinbar von selbst. Das Suspensorium im Ballett, dessen Existenz wir übrigens Strumpfhosen-Fan Louis XIV. zu verdanken haben, ist eine Erinnerung an sie. An nordamerikanischen Highschools wurde vom Namen des Tiefschutzes der Baseballoder Hockeyspieler – dem Jockstrap – die Bezeichnung für die athletischen jungen Männer, die diesen Sportarten nachgehen, abgeleitet: Jocks. Längst hat sich eine neue, den Hintern betonende Form des Männerslips entwickelt, die dem Jockstrap nachgebildet ist. Und als Symbol sportlich-jugendlicher Virilität stand selbiger neulich im Mittelpunkt einer Strecke in einem britischen Männermode-Magazin. Auf dem Umweg über den Sport hat die Schamkapsel wieder Eingang in die Mode gefunden. Sergej Polunin gilt jedenfalls seit seinem leichtbekleideten Tanz als the hottest guy around.


BÜCHER Ruinen sprechen nicht die toten, alten Sprachen. Sie sprechen unsere Sprache“, macht Alessandro Biamonti deutlich. Sein Buch ist kein Coffee-Table-Band zum Blättern, sondern ein mit Anekdoten gesprickter Reiseführer an vergessene, verlassene oder längst verschwundene Orte, der sich ganz bewusst nicht nur an Architekten richtet. Norman Kietzmann (Alessandro Biamonti: Archiflop. Gescheiterte Visionen. DVA, 29,95 Euro)

ARCHIFLOP Die Kraft des Scheiterns: Im 19. Jahrhundert hat sich unter britischen Architekten eine seltsame Mode eingeschlichen: Sie griffen zu Farbe und Leinwand und malten ihre eigenen Gebäude als Ruinen. Der Zerfall sollte die Fantasie beflügeln und die Bauwerke vor dem geistigen Auge des Betrachters zu neuem Leben erwecken. „Ruinen haben diese seltsame physische Intensität, die manchmal stärker sein kann als bei einem fertigen Gebäude“, ist selbst ein David Chipperfield überzeugt. Welche Kraft in den Ruinen des 20. Jahrhunderts steckt, zeigt der Mailänder Autor Alessandro Biamonti. Sein Buch Archiflop ist nun in deutscher Übersetzung im DVA Verlag erschienen und führt zu eindrucksvollen, gescheiterten Architekturprojekten rund um den Globus: Von der geheimnisvollen japanischen Kohleminen-Insel Hashima (1959), die im Bond-Film Skyfall als Kulisse diente, über den Ufo-förmigen Palast der Kommunistischen Partei (1974) im bulgarischen Busludscha oder die von der Natur überwucherten Fahrgeschäfte im Berliner Spreepark (1969) bis hin zur Unwirtlichkeit der chinesischen Geisterstadt Ordos (2004). Vieles, was einst mit hochfliegenden Plänen in Beton gegossen wurde, wurde bereits nach wenigen Jahren obsolet. Vergessen ist es deswegen noch lange nicht. „Diese

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KAPELLE SALGENREUTE Jedes Gebäude hat seine Geschichte – schreibt man sie nicht auf, gerät sie vielleicht in Vergessenheit. Bernardo Bader hat die Chronik seiner Kapelle in Krumbach, einem kleinen Gemeinschaftsbau aus lokalem Handwerk und ehrenamtlichen Helfern der Gemeinde, nun zu Papier gebracht – dabei erfüllt das Kleinod mit seiner spitzen Kapuze nicht mal einen Zweck, wie der Architekt selbst meint. Mit Sockel, Wand und dem „abgedrehten“ Dach stehe der Solitär dort wie ein Männlein im Walde: allein, still und stumm, schreibt Bader. Auf 80 Seiten erklärt er Hintergrund, Ort, den Bezug zur Vorgängerkapelle, Konstruktion, Details und das spitze Dach. Die eigentliche Geschichte steht wie so oft natürlich zwischen den Zeilen – es ist eine Ode

an die Heimat: Bernardo Baders Vorarlberg. jk (Verlag Walther König, 24,80 Euro)

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57. KUNSTBIENNALE VENEDIG — INTERVIEW PAOLO BARATTA

VIVA ARTE VIVA: ES GEHT UMS ÜBERLEBEN ER IST DER KÖNIG ALLER VENEDIG-BIENNALEN. FÜNF ANTWORTEN VON PAOLO BARATTA INTERVIEW: STEPHAN BURKOFF

Sie sagen, die Biennale sei ein widersprüchliches Wesen, das unvorhersehbar bleiben muss. Wie bleibt man unvorhersehbar? Ein guter Dirigent muss das richtige Tempo treffen, ein guter Komponist das richtige Tempo vorgeben. Die Biennale ist ein Ort an dem sich die Welt trifft. In diesem Jahr ist das Thema die Kunst. Man kann nicht über Kunst sprechen, ohne die Welt um uns herum zu berücksichtigen. Wir leben nicht mit der Kunst, um dem Leben zu entkommen, sondern um es zu genießen. Wenn wir uns für einen Kurator entscheiden, entscheiden wir uns nicht für ein Thema, sondern für einen Kurator. Natürlich versuche ich zu verstehen, wie die unterschiedlichen Charaktere denken. Aber die Welt ist unvorhersehbar, das Leben ist unvorhersehbar und genauso ist es die Biennale. Nur, dass ich versuche, die Unvorhersehbarkeit vorherzusehen. Was bedeutet das für die kommende Kunst-Biennale? Ich habe mich 2015 für Okwui Enwezor entschieden, weil damals schon absehbar war, dass die Welt in Unordnung geraten wird. Enwezor war genau der Richtige, um diese Themen und ihre Auswirkung auf die Kunst zu verarbeiten. Jetzt muss es weitergehen. Christine Macel spricht mit ihrer Biennale darüber, was der Welt heute fehlt: der Humanismus. Es geht um Begegnungen, Dialoge, Liberalität und Widerstand. Damit wird die scheinbar unpolitischste Biennale zu einer hoch politischen. „Viva Arte Viva“ ist ein Aufschrei: Wir wollen nicht aufgeben, was wir uns erarbeitet haben – unsere Freiheit. Es geht ums Überleben. Sie sind seit 1998 mit Unterbrechungen Präsident der Venedig Biennale. Was war Ihr bisher größter Erfolg? Dass wir uns die Unabhängigkeit von der Wirtschaft, der Politik, den Kritikern und vom Tourismus erhalten konnten – auch Künstler können Syndikate bilden (lacht). All diese Welten

zu verbinden, ist sicher auch ein Grund, wieso ich so viel Zeit meines Lebens für die Biennale investiert habe. Mein größter Erfolg ist, meine Freiheit behalten zu haben. Ihr Engagement als Präsident der Biennale ist bis 2020 verlängert worden. Dürfen oder können Sie nicht aufhören? 2020 muss ich aufhören – alles andere wäre lächerlich. Ich hoffe, dass es mir gelingt, die Biennale-Maschine so zu hinterlassen, dass alle Interessen, die der Biennale gegenüber stehen, und aber auch die Biennale selbst, mit dem gleichen Respekt behandeln werden wie bisher. Um stark zu sein, muss man bereit sein, zu gehen. Wie entspannt Paolo Barata? Wissen Sie, ich bin für die Kunst-, die Architektur-, die Tanz-, Theater-Biennale und die Filmfestspiele verantwortlich. Da bleibt eigentlich nicht viel Zeit dazwischen. Nach der Eröffnung, fängt für mich jeweils eine kurze Entspannungsphase an. Kürzlich habe ich in ein kleines Weingut investiert. Das ist ein wirklich schöner Garten unter all meinen Gärten. Ansonsten schreibe ich, ich lese viel, ich beschäftige mich mit der Geschichte – auch weil ich glaube, dass uns die Vergangenheit viel über die Zukunft lehren kann, wenn man denn lernen möchte. Wenn einer nicht lernen will, ist sowieso alles sinnlos. Skateistan ist eine 2007 gegründete Nichtregierungsorganisation, die in Afghanistan, Kambodscha und Südafrika Skateschulen für Kinder und Jugendliche betreibt. Das Projekt will Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft über das Skateboarden zusammenbringen – außerdem verfolgt die Organisation das Ziel, die Jugendlichen wieder zum Schulbesuch zu bewegen und ihre Ausbildung durch eigene Bildungsangebote zu unterstützen. Über 40 Prozent der teilnehmenden Kinder sind Mädchen!

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UND MORGEN?

Kürzlich war BMW auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas vertreten. Ein Autohersteller auf einer Elektronik-Messe? Wir haben mit Holger Hampf, Leiter User Experience Design bei der BMW Group, über die fünf Stufen des autonomen Fahrens gesprochen, über Autos ohne Lenkrad und einen Knopf, der Reisen plant. INTERVIEW: STEPHAN BURKOFF

nach wie vor Fahrzeuginnenräume, in denen das Fahren wichtig ist und zelebriert wird. Aber wir halten auch die anderen Plätze im Auto für extrem wichtig und möchten jedem Insassen eine gute Zeit während der Fahrt bieten. Die Studie „BMW i Inside Future“ sieht in vielerlei Hinsicht futuristisch aus, der Fond allerdings ist mit einem Bücherregal ausgestattet. Wie erklären Sie diesen Anachronismus? Wir haben das auf der CES als eine positive Provokation dargestellt, und zwar insofern, dass es natürlich ein Anachronismus ist – aber auch ein Zeichen für eine menschliche Qualität, die wir bei BMW für sehr wichtig ansehen. Es muss Touch Points, also Elemente im Auto geben, die mir als Mensch nahe sind. Vielleicht ist es dann im Endeffekt kein Bücherregal – aber es provoziert diesen Punkt, dass ein Auto immer noch haptische Erlebnisse bieten muss: über das Material, die Geometrie und die Ergonomie. Die Sharing-Economy steht für weniger Eigentum. Wie verändert sich damit Ihr Unternehmen? Wir haben uns bereits verändert. Interessanterweise findet jedoch die öffentliche Debatte bei Mobility-as-a-Service-Szenarien weitestgehend in einer kommenden Zukunft statt. Tatsächlich finden aber viele dieser multimodalen Aktionen schon heute statt – wie beispielsweise mit unserem Carsharing Service DriveNow. Ich z.B. bewege mich in München auch heute schon sehr multimodal, also nicht nur mit meinem eigenen Auto. Und da bin ich in einem urbanen Kontext sicherlich nicht der einzige. Diese Modelle zu verstehen, und zu antizipieren, wie sie sich in der Zukunft weiter entwickeln werden, ist extrem wichtig für uns als Unternehmen. Das heißt aber auch, dass Sie im Grunde davon ausgehen, dass Sharing und Besitz sich nicht ausschließen? Nein, das schließt sich nicht aus.

Stichwort autonomes Fahren: Wie ist der Status Quo, wann geben wir das Lenkrad ab? Holger Hampf: Wir sehen das Ganze als eine progressive Kurve, die uns durch fünf Level des autonomen Fahrens führt. Wobei Level 1 das ist, was wir heute schon erleben - assistiertes Fahren durch unterstützende Systeme, bis zum Level 5, wo das Auto möglicherweise kein Lenkrad mehr haben wird. Diese fünf Stufen werden wir in den nächsten 10 bis 15 Jahren durchlaufen. Freude am Fahren und Automation – ist das nicht ein Widerspruch? Für uns überhaupt nicht! Wir haben zwar bisher noch keine Autovisionen ohne Lenkrad gezeigt, sondern

Ihr Szenario der Mobilität in 20 Jahren? Szenarien? Ein Beispiel, das ich Ihnen nennen kann, ist das Reisen. Reisen ist heute noch ein extrem intensiver Planungsvorgang, bei dem ich wochenlang vorher am Computer sitze, Hotels und die Anreise recherchiere: Das Gegenteil von Spontanität. Der MINI VISION NEXT 100, den wir anlässlich unseres 100-jährigen Jubiläums 2016 präsentiert haben, hatte einen Inspire-me-Button, der im Grunde genommen mit dieser Planungsphase spielt und Vorschläge generiert. Das Auto schlägt dem Nutzer eine Reise vor. Das heißt: Ich gebe ein Zeitfenster vor und den Rest erledigt das Auto für mich. Und das wäre dann im Prinzip der Fahrspaß von morgen? Könnte gut sein, absolut!


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DEAR 01 | 2018 | Antonino Carrillo  

DEAR 01 | 2018 | Antonino Carrillo  

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