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Impressum Herausgegeben für die GLS Treuhand e. V. von Dr. Antje Tönnis Dr. Annette Massmann Julian Mertens Michael Lieberoth-Leden GLS Treuhand e. V. Christstraße 9 44789 Bochum Telefon: 0234 5797-120 Telefax: 0234 5797-188 E-Mail: treuhand@gls.de www.gls-treuhand.de Konzept & Gestaltung wppt:kommunikation GmbH, Wuppertal Rob Fährmann, Beatrix Göge, www.wppt.de Illustrationen/Holzschnitte Juliane Steinbach Lektorat Lingo, Dortmund; Helene Shangama, GLS Treuhand Druck OFFSET COMPANY Druckereigesellschaft mbH Wuppertal www.offset-company.de Gefördert von IONA Stichting, Amsterdam/Niederlande Stiftung Evidenz, Arlesheim/Schweiz Verlag und Vertrieb für den Buchhandel Info3-Verlag, Frankfurt am Main www.info3.de ISBN 978-3-924391-58-4 1. Auflage, Bochum/Frankfurt 2011

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Da hilft nur Schenken Mit Schenken und Stiften die Gesellschaft gestalten


Inhalt 6

Michael Lieberoth-Leden und Annette Massmann // Schenken und Stiften im 21. Jahrhundert Von der Knappheit zur Fülle

12

Genevieve Vaughan // Plädoyer für eine Ökonomie des Schenkens nach dem Modell der Mütterlichkeit

20

Veronika Bennholdt-Thomsen // „Money makes the world go round” – stimmt das? Kritik der Entwicklungshilfe, des Geldes und der Tauschökonomie

26

Margret Kennedy // Überlegungen und Erfahrungen zur Ökonomie des Schenkens

32

Marianne Gronemeyer // Von der Gegenseitigkeit

38

Shelley Sacks // Geben und ökologische Bürgerschaft. Aus innerer Bewegung zur passenden Form Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

44

Christoph Strawe und Harald Spehl // Die Bedeutung von Schenkgeld in Wirtschaft und Gesellschaft

50

Udo Herrmannstorfer // Schenken – mehr als eine großmütige Geste?


56

Axel Janitzki und Ingo Krampen // Verantwortung und Vertrauen. Schenken, stiften und vererben als juristisches Neuland

62

Paul Mackay // Geldfunktionen und Fähigkeitsentwicklung

66

Siegfried Finser // Der unermessliche Wert des Schenkens Religion, Gabehandeln und Schenken

70

Fritz Rüdiger Volz // „Zedaka“– der Geist und die Praxis der Gabe im Ethos des Judentums

76

Dieter Weber // Unser Vermögen zu geben ist eine Gabe Gottes. Gabe in christlicher Perspektive

82

Ahmed Elhassab // Zakãt und „schmutziges Geld“. Sudanesische islamische Banken und soziale Gerechtigkeit Die Praxis des Schenkens und Stiftens

86

Annette Massmann // Aus der Fülle des Lebens handeln. GLS Treuhand – ein halbes Jahrhundert des Schenkens

92

Porträts von SchenkerInnen

96

Glossar


Vorwort

Autor // Michael Lieberoth-Leden Michael Lieberoth-Leden, geb. 1952, verheiratet, lebt in Wuppertal. Ausbildung zum Bankkaufmann und Bankfachwirt, 20 Jahre Tätigkeit in einer deutschen Großbank. Von 1991 bis 2001 Leiter der Kreditabteilung in der GLS Gemeinschaftsbank. Von 2001 bis 2010 Gesellschafter der Kompass GmbH. Seit 1. Juli 2010 Vorstandsmitglied in der GLS Treuhand.

Schenken und Stiften im 21. Jahrhundert Wenn wir im 21. Jahrhundert über den zeitgemäßen Charakter sowie die Bedeutung des Schenkens und Stiftens sprechen, sprechen wir nicht mehr vorrangig über Begriffe wie Mild­ tätigkeit, Großzügigkeit und Altruismus. Denn zunehmend zeigen sich in der heutigen Zeit Schenken und Stiften als verantwortungsvolle Formen ökonomischen Handelns. Einzelne Men­ schen und Gruppen stoßen national und international zukunftsweisende gesellschaftliche Aktivitäten, Initiativen und Kooperationen an und erzielen damit beachtliche Wirkung. Viele Schenkende sind sich sowohl der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wirkung ihrer Entscheidung als auch der besonderen Gestaltungs- und Freiheitskräfte von Schenkungsund Stiftungsgeld bewusst. Sie haben vielfach fundierte Kenntnisse (welt-)gesellschaftlicher Verhältnisse, wissen Bescheid über Defizite und Notwendigkeiten und haben den Wunsch, diese im positiven Sinne zu beeinflussen. Sie entschei­ den sich für die Übernahme von Verantwortung und für sehr persönliches Engagement. Sie initiieren, kräftigen und sichern soziale, kulturelle und ökologische Vorhaben unter Einsatz von eigenem Vermögen. So wirken sie entschei­ 6

dend an der Schaffung einer lebenswerten Zukunft für alle mit. Immer mehr Menschen ergreifen selbstbe­ stimmt Aufgaben, um (allein oder zusammen mit anderen) mit ihrem Geld, ihrem Engagement, ihren Fähigkeiten und vor allem mit ihrer Kraft und Begeisterung Gestaltungs- und Hand­lungs­räume zu erhalten oder ganz neu zu schaffen. Dabei kommt es häufig zu einer im besten Sinne demokratischen Zusammenarbeit zwischen sehr unterschiedlichen Menschen. Materielle, fachliche, zeitliche Fähigkeiten und Möglichkeiten finden sich im Sinne eines gemeinsamen Projektes, um gleichberechtigt an dessen Verwirklichung zu arbeiten. Zu Schenkungshierarchien, wie beispielsweise Geld vor Fähigkeit, kommt es dabei zumeist nicht. Die täglich deutlicher werdenden Grenzen staat­ lichen Leistungswillens sowie die erkennbarere Hilflosigkeit politischer Verantwortungsträger führen bei solch aktiven Menschen nicht zu Resignation, sondern inspirieren erstaunliche Ideen und Kräfte, die die frei werdenden


Michael Lieberoth-Leden und Annette Massmann

Autorin // Annette Massmann Dr. phil. Annette Massmann, Publizistin, Kommunikationswissenschaftlerin, Studium Wirtschaft und lateinamerikanische Geschichte, Santiago de Chile. Tätigkeit u. a. für Entwicklungshilfeorganisationen in Lateinamerika und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität Bochum. In der GLS Treuhand e. V. seit 2006 Geschäftsführung Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe, seit 2008 Mitglied im Vorstand.

Räume engagiert besetzen, um sie mit geschenk­ ten Ressourcen zu erhalten oder neu und oft sogar qualitativ besser zu gestalten. Es ist nicht die Ökonomie, die in der Krise ist – die heutige Ökonomie ist die Krise // Im derzeit dominierenden System ist wirt­schaft­ liches Handeln zuvorderst auf kontinuierliches Wachstum und beständig steigenden Profit ausgerichtet. Dadurch erscheinen Perspektiven, die einem Großteil der Menschheit eine lebens­ werte Zukunft ermöglichen und unsere Umwelt vor einer beständig fortschreitenden Ausplünderung und Zerstörung schützen, oft kaum mehr realisierbar. Das Dramatische dieser Situation, die sich immer weiter zuspitzt, ist die Tatsache, dass sie nicht durch die Benennung einer einzigen Krise zu definieren ist, sondern in ihr, einem Kaleidoskop ähnlich, eine Vielzahl unterschiedlicher, aber jeweils existenzieller und miteinander verbundener Krisen aufscheinen. Neben der Klima­ katastrophe, dem Ausverkauf ganzer Länder, der Versteppung fruchtbarer Ackerflächen bei fortschreitender Wüstenbildung, der zunehmen­ den Zahl hungernder Menschen stehen Finanzkrise und viele weitere Krisen. Die oft als Menetekel an die Wand gemalte zivilisatorische Katastrophe droht nicht irgendwann, wenn wir so weitermachen wie bisher. In höchster Komplexität ist sie bereits seit Längerem da. Und dies nicht trotz, sondern wegen unserer bisherigen Art zu wirtschaften und zu leben. Deshalb sehen wir es als notwendig an, heute Projekten und Initiativen Freiräume zu ermöglichen, die konkrete Alternativen des

Wirtschaftens, des Miteinanderlebens und des Schutzes von Umwelt und Natur aufbauen. Schenken, stiften und vererben // Wir sind uns bewusst, dass das Schenken allein nicht ausreichen wird, um Schlimmeres zu verhin­ dern, allerdings kann seine Bedeutung als erster wesentlicher Schritt nicht hoch genug eingeschätzt werden. In seiner selbstlosen Zielset-

Der Käufer macht dem Verkäufer ein Angebot, der Schenkende der Welt zung kann es uns den Weg weisen zu einer anderen, neuen und vielleicht sogar revolutio­ nären Art, mit Einkommen, Vermögen und Fähigkeiten umzugehen. Der praktische und theoretische Umgang mit Schenken, Stiften und auch Vererben kann uns entscheidend dabei helfen, eine andere, mensch­ lichere Ökonomie zu entwickeln, bei der der Schwerpunkt nicht (wie bisher) auf der vorrangigen Befriedigung individueller Bedürfnisse liegt, sondern auf der Verwirklichung gemein­ samer Anliegen, unabhängig von Wachstum und Profit. GLS Treuhand // In der GLS Treuhand erleben wir seit 50 Jahren die beeindruckenden Wirkungen des Schenkens. Durch den Mut, den Fleiß, die ausgezeichneten Fachkenntnisse und die Kreativität der Gründerinnen und Gründer entstand eine Forschungs-, Entwicklungs- und Realisierungsplattform, auf der sich von Beginn 7


Vorwort

an engagierte Menschen und zukunftswei­sende Ideen begegnen und verbinden konnten. Mit der Zielsetzung, für die individuellen Anliegen der Menschen im Bereich des Schenkens, Stiftens und Vererbens für ihre jeweilige biografische Situation die geeignete Form zu finden oder zu entwickeln, gelang im Laufe der Jahre die dauerhafte, sehr erfolgreiche Zusammenarbeit mit einer großen Zahl hoch motivier­ ter SchenkerInnen und StifterInnen. Zum Netzwerk der GLS Treuhand gehören Geld schenkende Menschen, das Engagement Tau­ sen­der Spenderinnen und Spender und der beständig durch die GLS Treuhand gepflegte weltweite Kontakt zu zukunftsweisenden gemein­nützigen Projekten. Alle zusammen ermöglichten und ermöglichen die kontinuier­ liche, wirkungsvolle Unterstützung und den Aufbau vieler beispielhafter Vorhaben. Das geschieht auch in den für unsere Zukunft zentra­ len Bereichen: Ökologie, biologische Landwirt­ schaft, Bildung, Kultur, soziales Leben, Gesundheit und Entwicklungszusammenarbeit. Wir schätzen uns in der GLS Treuhand glücklich, dass wir täglich Menschen begegnen, die in unterschiedlichster Weise lebenswerte Zukunft planen, ermöglichen und gestalten. Dieses Pri­ vileg ist für uns zum einen beständige Motivation, zum anderen ermöglicht es die enge und zeitnahe Wahrnehmung der zunehmenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung des Schenkens, Stiftens und Vererbens. Gleichzeitig steht die GLS Treuhand in enger Kooperation mit der GLS Bank, über die die Geldanlage von Stiftungsgeldern in ethischer, ökologischer und sozialer Weise erfolgt, um den anderen Umgang mit Geld auch im Bereich der Finanzdienstleistung zu fördern. Zukunftsaufgaben // In den nächsten Jahren sehen wir es als Aufgabe der GLS Treuhand an, die Bedeutung des Schenkens noch viel stärker gedanklich zu durchdringen, öffentlich bekannt zu machen und ihr in unserer Arbeit gerecht zu werden. 8

Dazu hoffen wir auf ein weiter wachsendes Netz von schenkenden, stiftenden und vererbenden Menschen. Menschen, die Freude und Begeisterung verspüren, wenn sie mit anderen Projekte verwirklichen können, die das Attribut zukunftsweisend verdienen. Menschen, die sich als Pioniere einer neuen Ökonomie verstehen: einer lebenswerten, den Menschen und der Umwelt dienenden Ökonomie, die es in weiten Teilen noch zu erforschen, zu entwickeln und zu realisieren gilt. Menschen, die bereit sind, neue Entwürfe sozialen und demokratischen Miteinanders zu gestalten. Um einer solchen Ökonomie, einem solchen gemeinschaftlichen Miteinander von Tag zu Tag ein wenig mehr auf die Spur zu kommen, brauchen wir den Mut, auf Menschen und ihre Anliegen zu vertrauen. Gleichzeitig benötigen wir auch die Unterstützung möglichst vieler, die sich mit Gegenwarts- und Zukunftsfragen kritisch auseinandersetzen und bereit sind, ihre Ideen, Konzepte und Anliegen zur Diskussion zu stellen. Gerne sind wir bereit, für diese Diskussionen und Gespräche geeignete Plattformen zu bieten. Wenn es uns gemeinsam gelingt, die mit einem verantwortlichen Schenken, Stiften und Vererben verbundenen ökonomischen und gesellschaftlichen Gestaltungschancen herauszuarbeiten, zu erproben und immer wieder gezielt mit ihren beeindruckenden Erfolgen darzustellen, schaffen wir eine wichtige Voraussetzung dafür, dass immer mehr Menschen den Mut fassen, den wir alle zur Gestaltung unserer Zukunft dringend benötigen. In diesem Sinne versammeln wir in diesem Jubiläumsband Autorinnen und Autoren, Schenker­ Innen und StifterInnen, die die verschiedenen Aspekte des Schenkens, des Stiftens und des Geldes beleuchten. Es sind höchst unterschied­ liche Texte aus verschiedensten Perspektiven und sie stellen nicht eine Zusammenschau von Ansätzen der GLS Treuhand dar. Sie sollen vielmehr offen zum Austausch, zur Anregung, aber auch zum Widerspruch einladen. Wir run-


Michael Lieberoth-Leden und Annette Massmann

den das Buch mit einem Überblick über die Geschichte und Ansätze der 50-jährigen Gestal­ tungsarbeit der GLS Treuhand und Einblicken in die Motivation von StifterInnen und SchenkerInnen ab. Von der Knappheit zur Fülle // Am Anfang des Sammelbandes entwirft Genevieve Vaughan eine andere Wirtschaft, die Ökonomie des Schenkens. Sie zeigt auf, dass Verhaltensmuster, die für dieses Wirtschaften nötig sind, auf Beziehungen der Gegenseitigkeit und des Vertrauens und eben nicht auf einer Logik des Tausches beruhen. Ihr Konzept der Ökonomie des Schenkens begründet nicht nur eine neue Art des Wirtschaftens, sondern auch neues Recht und neu bestimmte, gerechtere Geschlechter­ verhältnisse.

im Gegensatz zum Tausch keine Gegenleistung und begründet darüber das Verhältnis der Gegenseitigkeit, das die Ebenbürtigkeit der PartnerInnen gewährleistet. Durch die Artikel all dieser Autorinnen zieht sich die Idee des Handelns aus der Fülle im Gegensatz zum heute vorherrschenden Ansatz des Wirtschaftens, der auf dem Moment der Knappheit basiert.

Eine Brücke zwischen Kunst, Schenken und öko­ logisch verantwortlichem, bürgerschaftlichem Engagement schlägt Shelley Sacks in ihrem Beitrag. Die Verbundenheit mit der Welt sowie die Überwindung von Ängsten betrachtet sie als Voraussetzung für das Geben. Sie betrachtet in ihrer Auseinandersetzung mit dem Schenken sowohl Zusammenhänge mit Beuys‘ „erweiterVeronika Bennholdt-Thomson analysiert im tem Kunstbegriff“ als auch Bezüge zu Goethes Anschluss die Fixierung auf das Medium Geld „zarter Empirie“. zur Lösung aller Probleme anhand ihrer Auseinandersetzung mit dem Themen- und Arbeits- Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenk­ bereich Entwicklungshilfe. Sie setzt dem Waren­ geld // Die folgenden Autoren setzen sich mit charakter des Geldes ihr Verständnis von Geld dem Schenken und Stiften vor dem Hintergrund als einem Mittel zum Handel, gebunden an des Konzeptes gesellschaftlicher Dreigliederung realwirtschaftliche Vorgänge, entgegen. Mit auseinander. ihrer Idee des Wirtschaftens plädiert sie für eine notwendige Wende „vom Eigennutz hin zum Christoph Strawe und Harald Spehl beleuchten Gemeinnutz; weg vom Wachstum, hin zum die qualitative und quantitative Bedeutung von Bewahren“ und die Erarbeitung eines neuen Schenkgeld für Wirtschaft und Gesellschaft. Wertesystems, das die Abkehr von der Kultur Schenkungen und Zwangsschenkung wie Steu­ des Gelddenkens, d. h. des Denkens in Rech- ern werden auf ihr unterschiedliches Potenzial, kreative Freiheit zu ermöglichen, untersucht. nungseinheiten, vorsieht. Die Autoren heben die zentrale Bedeutung von Vom Gesellschaftlichen hin zum Individuellen: Schenkgeld für Bildung, Wissenschaft und Kunst Margret Kennedy betrachtet das Schenken auf hervor. Sie stellen dar, wie eine neue gesellpersönlicher Ebene. Anhand ihres individuellen schaftliche Rahmensetzung aussehen könnte, Erlebens sowie einiger statistisch untermau- die langfristig freie Vereinbarungen zwischen erter Fakten erörtert sie den Zusammenhang Wirtschafts-, Rechts- und Geistes­leben an die von Geldbesitz und Zufrieden- bzw. Unzufrie- Stelle staatlicher Regelungen setzen könnte. denheit. Sie plädiert dafür, das Schenken als substanziellen Teil des Lebens in eine solidarische Udo Hermannstorfer unterzieht das gängige Verständnis von Geld einer kritischen Beurtei­ Gemeinschaft aller Menschen zu integrieren. lung. Besondere Wichtigkeit misst er dem Schen­ Marianne Gronemeyer beschäftigt sich mit dem kungsgeld bei, dessen positive Wirkung auf die Akt des Schenkens als einem offenen, auf das Gesellschaft sich seiner Meinung nach gerade Miteinander ausgerichteten Vorgang. Er fordert durch eine Transformation von Denk- und Ver9


Vorwort

haltensweisen sowie Reformen des Bodenund Eigentumsrechtes und des Finanzsystems entfalten könnte. Axel Janitzki und Ingo Krampen nähern sich dem Schenken und Stiften aus rechtlicher Perspektive. Sie bezeichnen Schenken als juristisches Neuland. Sie stellen dar, dass deutsches Recht bislang davon ausgeht, dass Schenken ein Vertrag auf Gegenseitigkeit ist. Sie hingegen plädieren für eine rechtliche Fassung des Schenkens, die auf Vertrauen und Verantwortung basiert. Vor diesem Hintergrund erläutern sie Stiftungsformen, deren lang- oder kurzfristige Anlage, Ziele und Sozialgestalt. Als Fähigkeitenwirtschaft beschreibt Paul Mackay die heutige Ökonomie, die erst aufgrund mensch­ licher Fähigkeiten entstehe. Mackay unterschei­ det verschiedene Entwicklungsschritte dieser Fähigkeitenwirtschaft: das Wecken von Fähigkeiten und ihre Ausbildung, ihre Übung und schließlich die hieraus resultierenden ökonomischen Leistungen. Jedem Entwicklungsschritt ordnet Mackay die entsprechende Finanzierung anhand der von Rudolf Steiner entwickelten drei Geldqualitäten zu. Schenkgeld, so Mackay, spielt in diesem System bei der ersten Stufe, der Ausbildung von Fähigkeiten, die zentrale Rolle. Er führt aus, wieso nur mit Schenkgeld Entwick­ lung und Erneuerung frei entstehen können. Er fordert, um Kapitalblasen zu vermeiden und Innovation zu fördern, Leihgeld nach einer gewissen Zeit in Schenkgeld umzuwandeln. Auf eine andere Qualität des Schenkgeldes weist Siegfried Finser hin, wobei er dies vor dem Hinter­ grund US-amerikanischer Philantrophy-Ansätze formuliert. Er unterstreicht die nicht nur zeitlich unbegrenzte Wirkung von Geschenken und betont, dass der Akt des Gebens wichtiger sei als die Gabe selbst. Der Artikel mündet in seiner Idee vom Schenken als einem Opfer, das auf der Grund­lage der Liebe gemacht werde und schließ­ lich jeden Menschen auf der Erde beeinflusse. Religion, Gabehandeln und Schenken // Die drei anschließenden Artikel des Buches 10

beleuchten religiöse Gebote in den drei Welt­ religionen, die sich auf das Schenken beziehen. Sie verdeutlichen, dass das Schenken ein Grund­ muster dieser Religionen ist – doch jeweils eine sehr unterschiedliche Ausgestaltung annehmen kann. Den Anfang macht Fritz Rüdiger Volz mit seiner Beschreibung des Schenkens im Judentum. Das Schenken versteht er als Medium der vielfältigen Bindungen zwischen den Menschen. Es ist allerdings im Judentum ohne Gott, der das Leben schenkt, nicht denkbar. Aus den einander bedingenden Beziehungen zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst folgt das Gebot der Nächstenliebe, an das sich in der Thora kon­krete Vorschriften der Armenhilfe knüpfen. Volz führt aus, wie sich die Armenhilfe im Laufe der Geschichte abhängig von der Gesellschaftsform und den Lebensbedingungen der Juden veränderte. Neben dieser vielfältigen Praxis des Schenkens verweist er auf den Gelehrten Maimonides, der eine beispielhafte Lehre des Schenkens entwickelte. Dieter Weber stellt die Gabe und das Geben aus christlicher Perspektive dar. Unsere Fähigkeit zu schenken und die Möglichkeit, beschenkt zu werden, verdanken wir in diesem Kontext den unverfügbaren Lebensgaben Gottes. Diese Gaben können wir nicht einfordern, sondern nur empfangen, wir können nicht über sie verfügen. Weber erläutert die daraus entspringende Schuld, die Menschen sich selbst, anderen oder Gott zuweisen, und diskutiert die Bedingungen für Vergebung und Versöhnung. Er zeigt auf, inwiefern Geben und Empfangen sowohl zwischen Gott und den Menschen als auch den Menschen untereinander in enger Beziehung stehen und sich gegenseitig bedingen. Identitäts- und Gemeinschaftsbildung entstehen im unaufhörlichen Prozess des wechsel­ seitigen Schenkens und bezeugen die Präsenz Christi in uns selbst. Schenken stellt einen wesentlichen Bestandteil des Islam dar und ist ein integrierter Bestandteil im islamischen Bankwesen, so Ahmed Elhassab,


Michael Lieberoth-Leden und Annette Massmann

der auf das Geldwesen und Schenken am Beispiel des sudanesischen Bankwesens ein­geht. Die islamische Scharia legt fest, dass z. B. Armen und Bedürftigen Geld zur Verfügung gestellt werden muss. In jeder islamischen Bank sorgt ein Sharia Board als eine Art Aufsichtskomitee dafür, dass diese Regeln eingehalten und alle Geschäfte im Einklang mit islamischen Prinzipien getätigt werden. Im Wesentlichen stehen für die Verteilung des Geldes an Bedürf­ tige zwei Instrumente zur Verfügung: Zakãt, eine Spendensumme, die prozentual je nach Geschäftsfeld festgelegt ist, und Gewinne, die als „schmutziges Geld“ angesehen werden. Letzteres ist Geld, das aus Bankgeschäften gewonnen wurde, die sich im Nachhinein als nicht mit den islamischen Grundsätzen vereinbar herausstellen. Die gesamte Summe muss dann verschenkt werden.

Die MitarbeiterInnen der GLS Treuhand blicken auf 50 Jahre der praktischen Arbeit, vertiefen­ der Diskussionen und Gespräche zurück. Ein großer Fundus, aus dem wir schöpfen können, um heute drängende Fragen anzugehen. Wir gehen davon aus, dass das Schenken ein Schlüssel zur Gestaltung der Zukunft ist, und laden Sie ein, mit uns zu gestalten. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine ange­ regte Lektüre.

Die Praxis des Schenkens und Stiftens // StifterInnen und SchenkerInnen stellen im Anschluss ihre Motivation und Herangehensweise an das Thema dar. Das Buch schließt mit einem Artikel von Annette Massmann zur historischen und aktuellen Arbeit der GLS Treuhand, ihren Ansätzen, Leitlinien, Projekten und Ideen.

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Von der Knappheit zur Fülle

Autorin // Genevieve Vaughan Genevieve Vaughan, geb. 1939 in Texas, USA, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Ideen einer Schenk­ökonomie. Sie gründete eine internationale Stiftung für sozialen Wandel ausschließlich für weibliche Aktivistinnen (1987–2005) und rief 2001 das Netzwerk „Internationale Femi­nistinnen für eine Schenkökonomie“ ins Leben. Ihre Bücher und Artikel sind kostenfrei auf ihrer Internetseite www.gift-economy.com erhältlich. Sie hat drei Töchter und lebt in Italien.

Plädoyer für eine Ökonomie des Schenkens nach dem Modell der Mütterlichkeit Die jüngste Wirtschaftskrise hat gezeigt, wie todkrank das System ist, von dem wir ein Teil sind. Alle bisher ergriffenen Maßnahmen sind lediglich oberflächliche Schönheitsreparaturen, für die aber Unsummen von Geld ausgegeben wurden. Eine radikal andere Analyse gibt es nicht. Ich glaube, dass die Antwort auf die Frage, warum Frauen seit Jahrhunderten unterdrückt werden, auch die Frage beantwortet, was falsch ist am jetzigen Wirtschaftssystem und welches Wirtschaftssystem wir schaffen sollten. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die vielen Punkte eines Suchbildes auf völlig neue Weise zu einem sinnvollen Ganzen verbinden. Wie das gehen könnte, möchte ich im Folgenden skizzieren. Wir können diese Skizze beginnen, indem wir uns die unmittelbare Verteilung von lebensnotwendigen Gütern und Diensten als alternative Ökonomie vorstellen, als Ökonomie des Schenkens, deren Vorbild die mütterliche Sorge ist. Mütterliche Ökonomie stellt eine besondere Art der Verteilung dar: Sie ist ein unmittelbares Geben, das meist unsicht12

bar bleibt und in unserer Gesellschaft neben der allzu sichtbaren Ökonomie des Austausches existiert, welche gibt, um etwas Gleichwertiges zu bekommen. Diese zwei Arten der Ökonomie unterscheiden sich in unserem Alltag grundsätz­ lich voneinander und sie haben weitreichende Konsequenzen und Wechselwirkungen, sowohl psychologisch als auch zwischenmenschlich. Die Logik unmittelbaren Gebens steht in vielerlei Hinsicht im Widerspruch zur Logik des Tau­ schens. Sie ist transitiv und überbrückt die Kluft zwischen dem Selbst und dem anderen, indem sie positive Beziehungen schafft. Tausch dagegen entwertet das Geschenk, weil er immer nach einem Äquivalent verlangt; er ist auf das Ego ausgerichtet, selbstbezogen und er führt zu Konkurrenz. Die Ökonomie des Schenkens verlangt einen kreativen Empfänger, der das Geschenk oder den Dienst nutzt, während die Tauschökonomie die Aufmerksamkeit vom Emp­ fänger weg und auf das Objekt richtet; sie behandelt den anderen als ein Mittel, um es zu bekommen. Schenken und Empfangen richten sich an den anderen, erkennen den Wert des


Genevieve Vaughan

anderen an; Tauschen ist selbstbezogen und erkennt nur den eigenen Wert. Schenken und Empfangen sind in der Regel qualitativ, Tauschen ist gewöhnlich quantitativ. Schenken und Empfangen begründen Beziehungen der Gegenseitigkeit und des Vertrauens, Tausch führt zu Absonderung, Unabhängigkeit und Feindseligkeit. Die Ökonomie des Schenkens, der unmittelbaren Versorgung ist unabdingbar für das Neugeborene, das hilflos zur Welt kommt und noch nicht tauschen kann. Kleine Kinder können im Austausch für das, was sie bekommen, nichts Äquivalentes geben. Durch die Fürsorge und Aufmerksamkeit, die sie geschenkt bekommen, erhalten Kinder mehr als nur Nahrung. Wir wissen, dass für die frühkindliche neuronale Entwicklung eine liebevolle Umgebung förderlich ist. Obwohl die Marktwirtschaft, in der wir leben, auf Tausch beruht, durchdringt das Schenken unsere Gesellschaft auf allen Ebenen, auch wenn es oft als solches nicht zu erkennen ist. Umso wichtiger ist es, dass wir es als Alternative ernst nehmen und es ans Tageslicht befördern, als Einzelne und gemeinsam. Freundlich sein, jedes liebe Wort erhält die Logik der Mütterlichkeit. Ohne diese wäre das Leben kaum lebenswert. Und doch halten wir an Tausch, Eigeninteresse und Kosten-Nutzen-Analysen fest. Die zwei Arten der Logik beeinflussen uns, ohne dass wir davon wissen, und sie ziehen auf vielen Ebenen ihre Kreise. Beispielsweise ist die Wahrheit zu sagen ein Geschenk an die andere Person, ein Lüge dagegen ist, genau wie der Tausch, selbstbezogen und verschafft der Person, die sie erzählt, einen Vorteil. Eine Justiz der Strafe ist ein Konzept, das auf Tauschlogik beruht, während eine Justiz der Wiedergut­ machung auf der Logik des Schenkens beruht. Um die Frage zu beantworten, warum es Frauen­ unterdrückung gibt, müssen wir tief schürfen. Schenken, die Ökonomie der Versorgung, die es überall da gibt, wo Mütter für ihre Kinder sorgen, ist die humane Art, die Dinge zu regeln. Aber sie wurde umgeleitet und ist in der Öko-

nomie der Erwachsenen und in einer auf Tausch beruhenden Kultur der Ausbeutung zu einer Pro­ fitquelle geworden. Die Tauschökonomie suggeriert die Gleichwertigkeit der ausgetauschten Waren, in Wirklichkeit beruht sie auf allen Ebenen auf der Aneignung der Geschenke anderer. Tatsächlich sind es diese Geschenke, die den Profit ausmachen, ob sie sich nun zusammensetzen aus der unbezahlten, unsichtbaren Hausarbeit der Frauen und Mütter (für die USA beträgt der Wert dieser Arbeit 40 % des Bruttoinlandsprodukts), den frei verfügbaren Ressourcen von Mutter Natur (geschätzter Wert: 33 Billionen Dollar1), dem Gewinn der Kapitalbesitzer durch den „Mehrwert“ der Arbeit oder dem Gefälle des Lebensstandards zwischen den unter- und den überentwickelten Ländern. Weil das Neugeborene ohne die volle mütter­ liche Aufmerksamkeit und Versorgung nicht überleben würde, hat jeder Mensch einmal die Erfahrung gemacht, Empfänger dieses einseitigen Gebens zu sein. Und das ist so, unabhängig davon, wer diese mütterliche Versorgung leistet – Frauen oder Männer, leibliche Mütter, Tanten, Großmütter, das ganze Dorf, sogar angestellte Kräfte (von denen das Kind nicht weiß, dass sie bezahlt werden). Die Gesellschaft überträgt die Reproduktionsarbeit normalerweise der leiblichen Mutter und Geschlechterrollen (Gender) basieren auf dieser Arbeitsteilung. Diese Konstruktion von Geschlechterrollen führt (zumindest in den Kulturen des Westens) dazu, dass von Jungen von klein auf nicht erwar­ tet wird, dass sie diese Art des mütterlichen Schenkens, dem sie ihr Überleben verdanken, praktizieren, sich an ihm beteiligen. In einem Stadium, in dem sie am verletzlichsten sind, werden ihnen mütterliche Instinkte abtrainiert und sie werden ermutigt, ihre Geschlechtsidentität nach einem erwachsenen Modell der Autonomie, der Machtausübung und der oftmals gewalttätigen Ich-Bezogenheit auszurichten. Geben verwandelt sich in körperliche Gewalt, die die andere Person berührt, indem sie sie schlägt, ihr Schaden zufügt, indem sie statt Beziehungen der Gegenseitigkeit Beziehungen der Dominanz schafft. Weitergehende struktu13

1. Zur Berechnung des Wertes von Ökosystemen siehe: http://earthtrends. wri.org/features/view_feature.php? fid= 15&theme=5


Von der Knappheit zur F端lle

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Genevieve Vaughan

relle Gewalt wird durch körperliche Gewalt eingeschränkt. Eine Wirtschaftsweise, die auf dem scheinbaren gleichwertigen Austausch beruht, entwertet das Schenken und etabliert an seiner Stelle ein System des Sich-nicht-Kümmerns, mit dem eine Geschlechtsidentität eingeübt wird, die auf der Verweigerung mütterlicher Fürsorge beruht. Obwohl sie sich den Anschein der „Neutralität“ gibt, ist die Marktwirtschaft „männlich“, weil sie die Ökonomie der mütterlichen Sorge aufhebt, abwertet und verbirgt, während sie gleich­ zeitig Geschenke (kostenlose Ressourcen) jeder Art ausbeutet. Paradoxerweise nutzt das System die Geschenke der Männer, um den Kapitalisten das Geschenk des Profits zu sichern sowie um ihnen die Mittel zu geben, um ihren Ehefrauen Geschenke zu machen. Noch paradoxer ist die Tatsache, dass viele Frauen sich an diesem antimütterlichen System beteiligen, um zu erwer­ ben, was sie für ihr mütterliches Schenken brauchen. Dass Frauen in dieser Ökonomie bis in höchste Führungspositionen aufsteigen können, beweist, dass ihr Geschlechtscharakter nicht biologisch, sondern sozial und strukturell bedingt ist und verändert werden kann. Viele Frauen fühlen sich unwohl mit den Anforderungen und Werten ihrer Stellung im Kapitalismus, weil sie die Werte einer bedürfnisorientierten mütterlichen Ökonomie nicht aufgegeben haben. Die Frauen, die ihre Stellung im System nicht aufgeben wollen oder können, haben die Möglichkeit, Werte und Handlungsweisen von innen heraus zu verändern. Die Frauen, die aus dem System ausgeschlossen sind, können die Bedeutung ihres eigenen Schenkens ebenso verstehen lernen wie Männer, die aufgrund ihres Charakters oder ihrer persön­ lichen Geschichte die Werte der mütterlichen Ökonomie nicht aufgegeben haben. Für das System des Tauschs ist, auch wenn es nicht so scheinen mag, die Alternative einer Ökonomie des Schenkens eine ständige Bedrohung. In einer Gesellschaft des Überflusses wäre das Schenken in der Tat einfach und eine

Freude. Die Menschen wären nicht gezwungen, in hierarchischen Machtstrukturen zu arbeiten, sie könnten einfach füreinander sorgen nach einem an der mütterlichen Fürsorge orientierten, auf Erwachsene zugeschnittenen Modell. Genau das gab es in vielen indigenen Kulturen, und das war einer der Gründe, warum das kapitalistische Europa diese Kulturen zerstört oder kolonisiert hat. Das Konzept der „Nachfrage“ – welches die Bedürfnisse derjenigen befriedigt, die das Geld haben, um Waren zu kaufen –, lenkt die Aufmerksamkeit ab von den Menschen, die das, was sie brauchen, nicht bezahlen können, deren Bedürfnisse aber in einer Ökonomie des Schenkens im Vordergrund stehen würden. Nachfrage schafft ständig neue Konsumbedürfnisse und Gier, weil sie für ein System nötig ist, das für die meisten Menschen Mangel erzeugt. Die Herrschaft des Marktes verspricht Reichtum und Fortschritt, während sie in Wirklichkeit die unsichtbaren Gaben der vielen an die wenigen weiterleitet und so ein System der Armut für viele schafft, das nötig ist, um Einfluss und Kontrolle zu behalten. Wenn das System zu viel Reichtum akkumuliert, sickert dieser nicht nach unten durch, sondern wird in Kriegen und symbolischen Exzessen verschwendet. Das führt nur dazu, dass die Mächtigen an der Spitze der Pyramide noch reicher werden. Eine Weltsicht, die die menschliche Natur als gierig, aggressiv und kriegerisch begreift, wirkt wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die dazu dient, den Markt, die exzessive Ansammlung von Kapital und die sinnlose Verschwendung von Ressourcen und Menschenleben aufrechtzuerhalten. Anhänger der Ökonomie des Schenkens werden als kindisch verunglimpft (in Erinnerung an das in der Kindheit erlebte Geschenk der Fürsorge, das Erwachsene angeblich nicht brauchen), als primitiv, rückständig im Vergleich zu den fortschrittlicheren Marktteilnehmern. Aber der Markt hat unermessliches Leid verursacht, indem er die ganze Gesellschaft dazu gebracht hat, Gaben in kurzfristigen Gewinn zu verwandeln, zum Nachteil von Müttern, Kindern und allen 15


Von der Knappheit zur Fülle

anderen Gebenden, zum Nachteil der Natur und zukünftiger Generationen.

durch die Arbeit von Generationen (und von Mutter Natur) geschaffen wurde, nach dem mütterlichen Vorbild der gleichen, gerechten Versorgung aller zu teilen.

Die Anthropologie hat Ökonomien des Schenkens als Austausch von Gaben interpretiert, aber auch in diesen Kulturen sind die Gaben, Im Zuge der Globalisierung wurden viele Gaben die Mütter ihren Kindern zukommen lassen, vom Süden in den Norden transferiert. Sobald einseitig. Selbst in westlichen Kulturen gibt es Überproduktion das System bedroht, wird Maneine Vielzahl sozialer Institutionen wie Wohl- gel erzeugt, indem der Reichtum durch das fahrtsvereine, Mildtätigkeit oder die Initiativen Führen von Kriegen vernichtet wird. Die Kriege für ein bedingungsloses Grundeinkommen, die, im Irak und in Afghanistan haben mehr als eine wenn auch meist von Männern geführt, von Billion Dollar verschlungen. Auch die letzten der einseitigen Ökonomie des mütterlichen Finanzblasen, ob beabsichtigt oder nicht, hatSchenkens beeinflusst sind, ohne dass es ihnen ten diese Funktion. Eine verarmte Bevölkerung bewusst wäre. Indigene, „vorkapitalistische“ ist leichter mit Gewalt zu kontrollieren als eine Gesellschaften entwickelten ihre Wirtschafts- wohlhabende. Ein Denken, das die Welt als weisen anders als wir, sie bewahrten mehr „wir gegen die“ begreift, erzeugt die Art gesellmütterliche Elemente. Kapitalismus ist kein schaftlicher Angst, die dazu führt, dass MenFortschritt, keine Weiterentwicklung dieser schen sich gegen einen Feind zusammenschlieGesellschaften. Kapitalismus ist die Umkehrung, ßen. Diese Gruppenbildung aus Furcht tritt an das anti-mütterliche Gegenstück zum ewig die Stelle der positiven Verbindung durch eingleichen mütterlichen Schenken. Vorkapitalisti- seitiges Schenken. Es ist nicht unmöglich, funksche Gesellschaften sind keine Frühform des tionierende Methoden des Schenkens zu finKapitalismus, sondern Kulturen mütterlicher den. Herauszufinden, wie wir mit Respekt für Ökonomie, die sich anders entwickelt haben, alle Beteiligten geben können, würde nur einen Bruchteil dessen kosten, was für die Rechtfertiund einige tun das auch heute noch. gung von Krieg ausgegeben wird. Wie gut Eine neue Strategie des Systems besteht in der auch immer die internationale Hilfe gemeint Kommerzialisierung von Ressourcen, die vormals gewesen sein mag, so hat die Eskalation der frei verfügbar waren: Wasser, Saatgut, das haitianischen Tragödie vom Erdbeben bis zur überlieferte Wissen indigener Kulturen, sogar Cholera-Epidemie doch gezeigt, wie dringend die Reinheit der Luft (in Form von Klimazertifi- nötig es ist, Wege des effektiven Schenkens zu katen). Der Zugang zu Naturschätzen wird ver- finden, und dass Spenden, die auf Austausch weigert und die Menschen müssen Konzerne und Kontrolle beruhen, nicht die Lösung sind. für etwas bezahlen, das diese gar nicht produ- Angesichts dieses weitgehenden Versagens von ziert haben, wie z. B. Wasser (sie besitzen es Mitgefühl fragt man sich, ob nicht verborgene lediglich), oder für Produkte wie gentechnisch politische oder ökonomische Interessen dahinverändertes Saatgut, das nicht mehr vermehrt terstecken. werden kann. Währenddessen sind einige wenige im Süden und einige wenige im Norden Die Erzeugung von Mangel muss nicht einmal reicher geworden, andere wurden vom Markt Absicht sein. Sie ist systemimmanent. Selbst die durch gut gemeinte, aber kontraproduktive Ini- Erderwärmung kann dazu dienen, das System tiativen wie Mikrokredite in die Marktwirtschaft aufrechtzuerhalten. Die Zerstörung unserer Natur, hineingezogen. Wie gesagt: Die Lösung liegt unserer ökologischen Nische, beraubt uns der nicht darin, noch mehr Menschen in die anti- Gaben von Mutter Natur, sie behindert die mütterliche, nicht schenkende Marktwirtschaft Ökonomie des Schenkens und lässt die Erde hineinzuziehen, sondern diese auf friedliche selbst rachsüchtig erscheinen, als ob sie uns für Weise zu zerstören und den Reichtum, der unsere Fehler zahlen ließe. Schuldgefühle und 16


Genevieve Vaughan

Schuldzuweisungen sind die psychologischen Auswirkungen des Tausches, sie ziehen uns in die Marktmentalität hinein, selbst wenn wir versuchen, ihr zu entkommen. Wir interpretieren die „Absichten“ der Erde – mit Begriffen unserer eigenen Krankheit! Wie gesagt sind Lügen eine systemkonforme Komponente der Tauschlogik und das System nutzt sie auf vielen Ebenen und manipuliert so das ursprüngliche Wissen der vielen durch Werbung und Propaganda. Lügen haben sogar die Definition dessen, was wir als menschlich begrei­ fen, verändert, um es für die Marktwirtschaft, der es unterworfen ist, anzupassen. Der Mensch wird als Homo oeconomicus gedacht, hinterlistig, gierig und gewalttätig, mühsam in Schach gehalten durch die Macht des Gesetzes. Wirtschaftswachstum funktioniert durch diese nega­ tiven Werte; eine mütterliche Ökonomie würde uns nicht nur den Homo sapiens schenken, sondern auch den Homo donans. Wir könnten uns neu begreifen: als gebende und empfangende mütterliche Wesen und gemäß dieser sich selbst erfüllenden Prophezeiung handeln. Wir können den Kapitalismus als „ökonomisches Patriarchat“ bezeichnen, weil die Wertvorstellungen des Patriarchats und des Kapitalismus dieselben sind – Autonomie, Macht­ausübung, Dominanzstreben. Das ökonomische Patriarchat kann sich nur erhalten, weil es sich alle Gaben aneignet. Es bezieht seine Macht aus dem Zugriff auf die mütterlichen Gaben der vielen und aus seiner Fähigkeit, diese umzuleiten. Feministinnen sollten deshalb den Kapitalismus – das ökonomische Patriarchat – bekämpfen. Im Augenblick scheint es, als sei das Problem der Armut zu lösen, indem immer mehr Menschen in den Markt absorbiert werden. Das wird nicht funktionieren. Der Markt muss sich immer wieder von irgendwoher Gaben besorgen. Die bessere Lösung besteht darin, den Markt gewaltlos aufzulösen und die Schenkenden zu befreien. Ich betone gewaltlos, denn mit patriarchalen Mitteln im Sinne von Machtausübung ist das Problem nicht zu lösen, es würde nur weiter

aufrechterhalten. Auch sind sich die meisten Menschen nicht bewusst, dass sie Teil dieses zer­ störerischen Systems sind. Würden wir begreifen, dass es das Ziel sein muss, dieses System in Richtung einer mütterlichen Ökonomie zu verändern, so könnte allein das zu einem positiven Wandel in Mentalität und Verhalten führen.

Mütterliche Ökonomie stellt eine besondere Art der Verteilung dar: Sie ist ein unmittelbares Geben, das meist unsichtbar bleibt Schon jetzt durchfließt mütterliche Ökonomie, wenn auch unsichtbar, alle Lebensbereiche. Sie geschieht jedes Mal, wenn ein Bedürfnis befriedigt wird. Ich glaube auch, dass sie die Quelle unseres Spracherwerbs, unserer Fähigkeit zur Kommunikation ist, aber das auszuführen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Es gibt Werte, ja eine ganze Kultur, die auf dieser mütterlichen Ökonomie beruht, Werte, an denen wir festhalten, die uns aber verborgen erscheinen oder sekundär, unrealistisch, sogar unmöglich (Derrida 1992). Es kann sein, dass wir sie als moralisch begreifen, aber in Wirklichkeit sind sie die Grundlage, auf der die mütterliche Ökonomie basiert. Indem wir diese Werte nutzen und uns zu ihnen bekennen, können wir uns vom patriarchalen Kapitalismus abwenden, ihn letztendlich demontieren und unserer ganzen Kultur eine andere (neue alte) Richtung geben. Diejeni­ gen, die nicht gezwungen waren, das mütter­ liche Modell abzulehnen, die Frauen also, bilden die logische Avantgarde dieser notwendigen System­veränderung. Sie sollten sich über alle Geschlechter-, Rassen-, Klassen oder Nationalitätsunterschiede hinweg mit allen verbünden, die bewusst oder unbewusst die mütterliche Ökonomie annehmen, um Patriarchat und Kapita­ lismus von innen wie von außen zum Wohle aller zu verändern. Möglicherweise gibt es auch ein psychologisches Problem; ich denke hier an den Ödipuskomplex, 17


Von der Knappheit zur Fülle

der tief in das problematische ökonomische System hineinwirkt und in der die Konstruktion des Männlichen als nicht mütterlich begründet ist. Dieses Problem würde wahrscheinlich in einer Gesellschaft, in welcher der Bruder der Mutter die wichtigste männliche Rolle spielt oder durch andere Strukturen wie die der Besuchsehe bei den matriarchalen Mosuo in China nicht auftreten. Die nigerianische Autorin Ifi Amadiume2 berichtet, dass es in afrikanischen Gesellschaften, in denen die Kinder bis zum sechsten Lebensjahr bei der Mutter bleiben, keinen Ödipuskomplex gibt. In diesen Gesellschaften wird das mütterliche Vorbild generalisiert und überall da, wo die Kolonisation ihren Tribut noch nicht gefordert hat, wird weiterhin eine Ökonomie des Schenkens praktiziert. Jüngste Versuche mit einer Ökonomie des Schenkens wurden durch die Vielfalt des Internets ermöglicht. Wie so viele sozialistische Experimente der Vergangenheit bleiben auch viele dieser Versuche zumindest bis zu einem gewissen Grad patriarchal, weil ihre tiefere Verbindung zur Mütterlichkeit nicht erkannt wird (Beispiele siehe Seite 19). Außerdem gibt es einige Forschungen zu uneigennützigem Handeln und Großzügigkeit: www.generosityresearch.nd.edu Das Zentrum für die Entwicklung einer Kultur der Empathie: www.progressivespirit.com/empathy Eine Konferenz zum Thema Empathie, University of Chicago 2009: http://news.uchicago.edu/ article/2009/09/24/first-academic-conferenceempathy-will-examine-its-advantages-disadvantages Ich glaube, dass auch das Lösen von Problemen eine Art des Schenkens ist, das Stillen eines Bedürfnisses. Dazu zähle ich all die unzähligen sozialen Initiativen, die Menschen als Homo donans gründen, um die Probleme zu lösen, die das patriarchale kapitalistische System geschaffen hat.

2. Amadiume, 1997

Nur wenn wir begreifen, dass ökonomische Systeme nicht geschlechtslos sind und dass 18

Geschlecht ökonomisch ist, können wir Verteilung und Produktion zum Wohle aller organisieren. Interdisziplinäre Forschung, die das Bild auf diese Weise neu zusammensetzt und Ökonomie nicht von Versorgung trennt, kann uns den Weg weisen, den wir beschreiten müssen, und dieser Weg kann nicht der Weg der Herrschaft der patriarchalen Ökonomie sein, auf dem wir uns zurzeit befinden. Amadiume, Ifi: Reinventing Africa, Matriarchy, Religion and Culture, London 1997; Derrida, Jacques: Given Time. 1. Counterfeit Money, übersetzt von Peggy Kamuf. Chicago 1992. Aus dem Englischen von Gitta Büchner


Genevieve Vaughan

Beispiele für eine Ökonomie des Schenkens • Wikipedia • Frei verfügbare Software, Copyleft, www.gnu.org • Schenkkreise und Tauschzirkel: www.freecycle.org • Frei verfügbare Computernetzwerke: www.p2pfoundation.net • Netzwerke, die Urheberrechte frei verfügbar machen: www.creativecommons.org • Blutbanken und Organspenden • Kollektive, die nach dem Prinzip der Konsensentscheidung organisiert sind: www.ic.org • Gemeinschaftsgärten • Restaurants, in denen man nicht bezahlen muss: www.karmakitchen.org • Trampen • Nichtkommerzielle Mitfahrzentralen • Kostenloser Fahrradverleih • Couchsurfing (kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten): www.couchsurfing.com • Die Anonymen Alkoholiker • Burning Man Gatherings: www.burningman.com • Rainbow Gatherings: www.welcomehome.org/rainbow/index.html • Versuche mit lokalen Währungen: www.timebanks.org • Ehrenamtliches Engagement • Freiwillige Arbeit und Arbeit, die nicht auf Profit ausgerichtet ist • Die Überweisungen von Migranten an ihre Heimatländer im Süden • Eine interessante Initiative wie Charity Focus: www.charityfocus.org • Wohltätigkeit, neu gedacht wie z. B.: www.thresholdfoundation.org und www.womendonors.org

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Von der Knappheit zur Fülle

Autorin // Veronika Bennholdt-Thomsen Veronika Bennholdt-Thomsen, Hochschullehrerin (Bielefeld, ISS Den Haag, HUB Berlin, Oaxaca/Mexiko, BoKu Wien), Ethnologin (Mexiko) und Soziologin (Agrar- und Frauenfragen). Theorieansatz: Die Subsistenzperspektive (Feministische Ökonomie).

„Money makes the world go round” – stimmt das?

Kritik der Entwicklungshilfe, des Geldes und der Tauschökonomie

Die Frage, ob die Welt überhaupt Geld, und zwar mehr Geld, braucht, um gut zu funktionieren, klingt in Zeiten der weltweiten Finanzmarktkrise entweder ketzerisch oder aber traumtänze­risch naiv. Haben nicht genau jene Staaten, deren Regierungen ohne Zögern Bankzusammenbrüche mit Milliarden und Abermilliarden verhindert haben, die Krise am erfolgreichsten gemeistert? Geht es in Deutschland seitdem mit der Wirtschaft etwa nicht aufwärts, und das erstaunlich schnell? Stimmt es etwa nicht, dass, wenn es der Wirtschaft gut geht, es uns allen gut geht? Zwar lassen die Einsparungen bei den Sozialleistungen und die Sparmaßnahmen bei den kommunalen Diensten sowie zunehmende Leiharbeit und Minijobs bei manchen Zweifel an dieser Binsenweisheit aufkommen. Aber auch da scheint auf der Hand zu liegen, dass mehr Geld die Probleme aus der Welt schaffen würde. Entsprechend streitet man über die gerechtere oder ungerechte Verteilung des Geldes. Genau das aber verhindert ein grundlegenderes Nachdenken. Geld ist nicht die Lösung, sondern das Problem. 20

Die Fixierung auf das Geld zur Lösung gesellschaftlicher, ja eigentlich aller Probleme verbrei­ tete und verfestigte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts im Zuge der Entwicklungspolitik und des entsprechenden Diskurses. Es sind die Erfah­ rungen mit dem internationalen Entwicklungs­ prozess, die bei mir zu einer fundamentalen Kritik des Geldes geführt haben. Die Entwicklungshilfe und das Geld // Von den 1960er-Jahren an habe ich die Ent­wick­ lungs­hilfe aus der Nähe erlebt, vor allem durch verschiedene Forschungen auf dem Land in Mexiko, einem Pilotland für Entwicklungsprojekte. Manchmal halte ich die Entwicklungs­ politik/Entwicklungshilfe sogar für den schlimm­ sten Irrtum des 20. Jahrhunderts, weil sie der Menschheit viel Schaden zugefügt hat. Dabei ist unbestreitbar, dass in diesem Rahmen Ein­ zelne nur Gutes gewollt und auch Positives bewirkt haben. Ebenfalls gibt es zahlreiche Projekte, ohne die die Welt viel schlimmer da­stün­de. Dennoch ist der Grundtenor der Entwicklungs­ ideologie und ihrer Praxis falsch, weil menschen- und lebensfeindlich.


Veronika Bennholdt-Thomsen

In der Entwicklungshilfepolitik geht es stets ums wurde damit über die Jahrzehnte hinweg ein Geld, um die Produktionssteigerung und das Prozess vorangetrieben, den Rainer Hörig für Gewinnwachstum, aber nicht zuerst um die das heutige Indien folgendermaßen beschreibt: Menschen. Daran ändern auch neuere Bemüh- „Den Schaden, den die Industrialisierung und ungen wie die europäische Initiative „Beyond Globalisierung in traditionellen Gemeinschaften GDP“ (Jenseits des Bruttosozialprodukts, BSP) angerichtet haben und weiterhin anrichten, wenig, die den Auftrag erteilt hat, „Aspekte können alle Wohlfahrtsprogramme zusammen der Lebensqualität und des Wohlbefindens zu nicht wettmachen. Vielerorts verarmen ganze ermitteln, die in die traditionellen ökonomi­schen Bevölkerungs- und Berufsgruppen, etwa wenn Bilanzen eingehen sollten“. Joseph Stiglitz, Mit- Bergbaukonzerne Dutzende von Adivasi-Dörfer glied der beauftragten Kommission, fasst dies zerstören oder Töpfer, Weber, Schmiede durch so: „Es geht um nichts Geringeres als darum, billige Importwaren vom Markt verdrängt das grundlegende globale Fortschrittsparadig­ma werden.“4 für Völker und Staaten zu verändern, weg von der Produktion und hin zu einem auf gerechter Im 1970er-Jahrzehnt wurde die Grüne RevoluVerteilung und Nachhaltigkeit beruhenden tion ersonnen und durchgeführt, die den BauWohlergehen.“1 (Hervorhebung der Autorin) ern die Hochertragssorten der Pharmakonzerne Mit ähnlicher Ausrichtung gibt es zwar seit bescherte, verbunden mit der Verschuldung für 1990 den UNDP-Report2 – neben dem BSP Agrarbankkredite, damit sie das neue Saatgut werden auch die Lebenserwartung (Gesund- zusammen mit den dafür notwendigen Düngeheitsfürsorge), der Bildungsgrad und die Teil- mitteln und Pestiziden auch kaufen könnten, habe am öffentlichen Leben als Indikatoren für den Lebensstandard in einem Land erhoben (Human Development Index) –, aber Stiglitz’ In der Entwicklungshilfepolitik Aussage macht deutlich, wie die offizielle Entwicklungspolitik tatsächlich aussieht. Mindes­ geht es stets ums Geld, tens bis ins Jahr 20093 spielten die gerechte Verteilung, die Respektierung der Natur und aber nicht zuerst um die Menschen das Wohlergehen der Menschen keine oder nur eine nachgeordnete Rolle. um – wie die Weltbank offen sagte – die BauDas Postulat hinter der Entwicklungsideologie ern weg von der Subsistenz hin zur kommer­ lautete und lautet nach wie vor, dass es den ziellen Landwirtschaft zu bringen. Das ist weltMenschen besser gehen würde, wenn in einer weit gelungen, indem einige wenige, immer Region oder einem Land mehr Geld fließt, d. h. größere und inzwischen immer noch wenigere Investitionen getätigt und Gewinne erzielt und noch größere Agrarbetriebe mit der Hoch­ würden. Das trifft in der Wirklichkeit aber nicht ertragslandwirtschaft Erfolg haben und die zu. Zwar „tröpfelte“ es von den Unternehmen, kleinen Subsistenzbauern vertreiben, die zu die die Produktion steigern und Gewinne Tage­löhnern der Großen werden oder gleich in machen konnten, auf die Mehrheit herunter, so die Slums der Städte abwandern. Dass das Land wie insbesondere in den ersten beiden Entwick­ damit kommerzialisiert wird, wie von der Weltlungsdekaden 1960 bis 1980 als „trickle down bank beabsichtigt, ist unbestreitbar. Nicht nur 1. Le Monde diplomatique, Juli 2010 2. Bericht des United Nations Deeffect“ propagiert. Aber was da tröpfelte, führ­te das Saatgut, sondern auch der Boden, das velopment Programme Stiglitz, Joseph/Sen, Armatya/ nicht zum Wohlstand aller und auch nicht zum Wasser und vor allem die Arbeitskraft der 3. Fitoussi, Paul : Rapport de la comWohlstand der Mehrheit. Richtig ist, dass Geld Bäuerinnen und Bauern werden zur Ware und mission sur le mesure des performances économiques et du prog„tröpfelte“, so etwa für Tagelöhne. Aber auch die lokalen Märkte mit ihren bislang eigenen, rès sociale, Paris 2009, www. dieses Geld zerstörte insgesamt mehr, als es kulturell spezifischen Regeln werden an den Welt­ stiglitz-sen-fitoussi.fr/fr/index.htm 4. Le Monde diplomatique, März aufbaute oder eben „entwickelte“. Vielmehr markt mit seinen Dollar-Regeln angeschlossen. 2010 21


Von der Knappheit zur Fülle

Dieser Fortschritt schreitet umso schneller voran, je mehr Entwicklungsgeld in die entsprechenden Weltregionen investiert wird. Die üblichen Gesamtzahlen über die Wirtschaft in einem Land sagen nichts darüber aus, wie es der Mehrheit der Menschen dort tatsächlich geht. Das erfahren wir gerade in Deutschland.

Geld ist inzwischen als die regulierende Kraft des Wirtschaftens schlechthin weltweit durchgesetzt worden In der dritten Entwicklungsdekade zwischen 1980 und 1990 zeigt sich dann auch auf volks­ wirtschaftlicher, staatlicher Ebene, wie leicht das Geld zur Falle werden kann. Ein Land nach dem anderen kann die internationalen Kredit­ dienste nicht mehr bedienen und muss sich den Diktaten des Internationalen Währungsfonds (IWF) beugen. Der IWF war nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit der Weltbank (International Bank for Reconstruction and Development) als internationale Entwicklungsorganisation geschaffen worden und agiert in eben diesem Sinne. Um Umschuldungskredite erhal­ ten zu können, müssen die entsprechenden Länder wirtschafts- und sozialpolitische Auflagen erfüllen, die schlicht Strukturanpassungsmaßnahmen (SAP) genannt werden. Sie betreffen vor allem Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand (Ausgaben für Bildung, für Ernährung, für einheimische Unternehmen) und den Abbau von Importhemmnissen für internationale Waren und Kapital. Ziel soll die Entwicklung der nationalen Ökonomie sein, indem sie auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig werden sollte. Folge waren zuerst und vor allem massive Verarmungs­ prozesse der sowieso schon ärmeren Bevölke­ rungsschichten und der Zusammenbruch der nationalen kleinen und mittleren Unter­nehmen. Die Globalisierung des Systems der Geld­ maximierung // Damit sind wir in der Entwicklungsepoche der Globalisierung der Märkte 22

und dem Siegeszug der neoliberalen Wirt­schafts­ theorie angelangt. Sie besagt, dass der Markt sich selbst reguliert, also durch Angebot und Nachfrage sowie durch Wettbewerb die Preise und die Warenströme, sprich die Verteilung und die Versorgung der Menschen regulieren würde. Das heißt nichts anderes, als dass das Geld inzwischen als die regulierende Kraft des Wirtschaftens schlechthin weltweit durchgesetzt worden ist. Auf dem Weg hierhin ist 1995 die Welthandelsorganisation (WTO) geschaffen worden, die die neoliberale Ideologie in international rechtlich verbindliche Verträge gießt. Damit verbunden sind zwei einschneidende Neuerungen. Der Agrarhandel wird in den inter­ nationalen Freihandel integriert; damit werden der Landwirtschaftssektor und seine Waren, die Lebensmittel, behandelt wie alle anderen (industriellen) Wirtschaftssektoren. Zweitens werden die internationalen Finanzmärkte deregu­ liert, also der Handel mit Währungen, Aktien und Kreditschuldscheinen wird national wie international (Bretton-Woods-System) immer weniger kontrolliert. Die Finanzprodukte können frei auf dem Weltmarkt gehandelt werden. Kurz, Geld wird weltweit endgültig von einem Mittel zum Handel mit Waren selbst zu einer Ware wie jede andere. Es wird von seiner Bindung an die Realwirtschaft „befreit“. Letzteres geht allerdings nicht wirklich. Spekuliert wird letzten Endes doch immer noch mit etwas, mit realen Gütern. Der deregulierte Agrarsektor bietet sich an, denn nichts ist realer und für alle Menschen notwendiger als die Nahrung. So führt die Spekulation mit Agrarprodukten in unserem Jahrzehnt zu enormen Preissteigerungen gerade auch bei Grundnahrungsmitteln. Für die Menschen, die im Zuge des Entwicklungs­ prozesses von Land und Boden getrennt wurden, ist dies fatal. Seit 2008 kommt es zu Hungeraufständen, angefangen mit Mexiko wegen der Verteuerung und Verknappung des Grundnahrungsmittels Mais, u. a. wegen der finanziell lukrativen Verwendung von Mais als Biotreib­ stoff – „nachhaltig“, versteht sich. Im Spätsommer des Jahres 2010 wurde die beängstigende Spekulation mit Weizen zum Thema der Tages-


Veronika Bennholdt-Thomsen

presse.5 Im Jahr 2009 hatte die Spekulation mit Reis die Versorgungslage für viele Afrikaner­ Innen bedrohlich werden lassen. Der gesamte Ansatz des entwicklungspoliti­ schen Denkens ist falsch: die Weltanschauung, die Werte und die entsprechende Moral. Paradoxerweise, oder eben gerade nicht paradoxerweise, wird just an dem Millenniumsziel Nr. 1, dass bis zum Jahr 2015 die Zahl der hungernden Menschen auf der Welt halbiert werden soll, deutlich, was falsch läuft. Wie kann es angehen, dass die VertreterInnen im höchsten, moralisch nobelsten Gremium der heutigen Menschheit, der Vollversammlung der Vereinten Nationen, es hinnehmen, ja sogar als positives Ziel ausgeben, dass bis 2015 und danach immer noch Millionen Menschen Hunger leiden? Warum wallt bei ihnen nicht bei jedem Bild eines Hungernden das Gefühl hoch, niemand solle hungern und jeder Mensch, der hungert, sei einer zu viel? Wie kann man sich als MenschheitsvertreterIn vor den Karren der absurden Logik der Zahlen spannen lassen? Einer Logik, die allein durch die Nennung exakter Ziffern – 2000, 2015, ½ oder 50 % – Realitätssinn vorspiegelt. Einer Logik, die aufgrund eben dieser Vorspiege­ lung daran hindert oder vielleicht auch davor bewahren soll, unablässig die Antwort auf die Frage zu suchen, warum in dieser Welt überhaupt ein einziger Mensch hungern muss. Geld kann man nicht essen! // Im Laufe des Entwicklungsprozesses ist uns kulturell die Wahr­ nehmungsfähigkeit der konkreten, stofflichen, nährenden, wärmenden, schützenden Dinge abhanden gekommen. Es fehlt am spontanen Verständnis des Unmittelbaren, das allein die Nähe zur Natur und die Nähe zwischen den Menschen mit sich bringen. Zwischen uns und unserer Erfahrung der Welt ist das Geld getreten. Das rechnerische Kalkül, das mit dem Gelddenken einhergeht, trennt die Menschen von­ein­ ander und von der Umwelt. Gefühle stumpfen ab. Die wirtschaftlichen Beziehungen werden immer unpersönlicher und anonymer. Zwar hat der Prozess der Entfremdung oder besser der Entwurzelung bereits längere Zeit vor der eigent­

lichen Entwicklungsepoche begonnen, aber in diesen sechs Jahrzehnten ist er politisch macht­ voll überall durchgesetzt worden. Ein früherer Einschnitt ist die Industrialisierung. Die Arbeit selbst wird zur Ware. Das Lohngeld wird zur Existenzvoraussetzung. Dieses Modell wurde von Europa aus in den Rest der Welt getragen, die damit kolonisiert und entwicklungsideologisch missioniert wurde. Man kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, heißt es ganz richtig. Aber man kann, sobald das Problem erkannt ist, im Rahmen des Gegebenen anders handeln und eine andere Richtung einschlagen. Oberstes Kriterium unseres Handelns muss die Verringerung der Anonymität in den wirtschaftlichen Beziehungen sein. Damit meine ich nicht in erster Linie die Ebene der staatlich oder durch Supermarkt­ unternehmen organisierten Wirtschaftsbeziehungen, die bereits viel Anonymität bergen, sondern das alltägliche Versorgungshandeln jeder Person. Uns von dem zu ernähren und zu versorgen, was unser ökologischer Nahraum ermöglicht, muss zur moralischen Maxime werden. Damit dienen wir zum einen der Umwelt und zum anderen dem Wohlergehen der Menschen auf anderen Kontinenten mehr, als wenn wir deren Land für unseren Konsum an Kolonialwaren (!) in Anspruch nehmen. Zu glauben, dieser „Raub“ wäre durch die Bezahlung abgegolten, ist ein Trugschluss. Jenseits des Geldes // „Aber es geht nicht ohne Geld!“ So oder so ähnlich lauten meist die Reaktionen auf die grundlegende Kritik am Geld. Die Erwiderungen klingen plausibel und realistisch, dennoch sind sie falsch. Wir müssen uns von den alten ökonomischen Denkmustern verabschieden. Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Die Auflösung der Gemeinschaft­ lichkeit und die Vernutzung von Natur stoßen an ihre Grenzen und die Wirtschaftsweise, die die Entsolidarisierung zwischen den Menschen sowie die Plünderung der Erde organisiert, wird als das sichtbar, was sie ist: eine Katastrophe. Wir müssen Wirtschaft neu denken, und zwar alle, nicht nur die BankerInnen und Politiker­ 23

5. Auf Kosten der Armen, Der Spiegel, Nr. 34, August 2010. In dem Interview spricht der Bonner Agrar­ ökonom Joachim von Braun über die Gefahr von Finanzinvestoren, globale Hungerproteste und die Idee einer weltweiten Getreide­reserve.


Von der Knappheit zur Fülle

Innen. Das System des egoistischen Eigennutzes, der in der Summe, wie von unsichtbarer Hand, vorgeblich zum Wohlstand aller führen würde (Adam Smith), ist nicht reformierbar und kann auch nicht von einigen wenigen stellvertretenden RepräsentantInnen erneuert werden.

Wir brauchen ein anderes Ziel, weg vom Eigennutz, hin zum Gemeinnutz; weg vom Wachstum, hin zum Bewahren Selbstverständlich ist es sinnvoll und in der globa­ lisierten Welt sogar notwendig, das internationale Währungssystem neu zu gestalten. So wäre es angebracht, eine internationale Währungsoder Rechnungseinheit zu schaffen, die nicht zugleich eine nationale Währung ist wie jetzt der Dollar. Schon allein damit könnten die internationalen Finanzspekulationen leicht kontrol­ liert und schnell unterbunden werden. Denn die darf es nicht mehr geben. Schließlich bedeuten sie, dass damit Menschen ihr Essen, ihre Kleidung, ihr Dach über dem Kopf und ihr Erwerbs­ arbeitsplatz weggenommen werden können. Selbstverständlich gehört zu den notwendigen Maßnahmen gegen die Krise ferner, die Verwandlung von Gemeingütern wie Wasser, Luft (Emissionswertehandel) oder wie Post und Eisen­ bahn in private Kapitalgüter zu stoppen und zu revidieren. Usw., usw., usw. Aber alle Regulierungsmaßnahmen werden nur dann ein Schritt auf dem Weg heraus aus der Zivilisationskrise sein, wenn sie als Beitrag zu einer grundlegend veränderten wirtschaftlichen Verhaltensweise der Menschen verstanden werden. Denn die Wirtschaft, das sind wir alle. Wirt­ schaften ist ein gesellschaftlicher Vorgang. Dafür brauchen wir ein anderes Ziel, weg vom Eigennutz, hin zum Gemeinnutz; weg vom Wachstum, hin zum Bewahren. Kurzum, wir brauchen ein ganz anderes als das herrschende Wertesystem. Wir benötigen nicht nur ein anderes Geldsystem, sondern auch die Abkehr von der Kultur 24

des Gelddenkens, d. h. des Denkens in Rechnungseinheiten. Und zwar so, dass es uns die Schamröte ins Gesicht treibt statt jene karitative Herzenswärme hervorzurufen, die die Vereinten Nationen mit ihrem Aufruf für das UNMillenniumsziel bezwecken. Was ist los mit unserer Moral? Wir wissen, dass die Gewinne der einen die Not der anderen zur Folge haben, und zwar nicht nur aufgrund von Spekulationen, sondern aufgrund von ganz „normalen“ Geschäften. Kern unser aller Mittäterschaft ist das Gelddenken. Nicht das Geld an und für sich ist das Problem, sondern das Denken in Termini des Geldes, dass wir entlang von Kriterien urteilen, die das Geld als Tausch­ mittel vorgeblich diktiert. Das Geld selbst ist nur der geronnene, vergegenständlichte Ausdruck eines Denk- und Handlungsmusters: dem des Tausches. Das Tauschprinzip lautet: Do ut des, ich gebe dir, damit du mir gibst, und nicht etwa, ich gebe dir, weil du Hunger hast, weil du frierst, weil du unglücklich bist. Ganz im Gegensatz zum Mythos verbindet der Tausch die Menschen nicht, sondern trennt sie voneinander. Eine Gesellschaft, die entlang dieses eigennützigen, habsüchtigen Prinzips organisiert ist, muss früher oder später in der Katastrophe enden. Jedoch in der von der ökonomischen Rationalität geprägten Kultur glauben wir, allen­ falls auf der individuellen Ebene der persönlichen Beziehungen auf das kalkulierende Gegenseitigkeitsprinzip des „do ut des“ verzichten zu können. In Wirklichkeit aber sind Gesellschaften jahr­tau­ sendelang dem Prinzip des Gebens und nicht des Nehmens gefolgt: Es prägt die Wirtschaftsweise matriarchaler Gesellschaften. Was in der patriarchalen Gesellschaft auf die kleinste soziale Einheit, die Mutter-Kind-Beziehung, reduziert ist oder auf die Beziehung der mütterlich sorgenden Person, etwa auch des Vaters zum Kind, ist in anderen Gesellschaften das allgemeingültige Handlungsmuster. Tröstlicherweise haben wir in unserer Zeit aber zumindest alle die Erfahrung gemacht, bedingungslos umsorgt zu werden. An diese Erfahrung können


Veronika Bennholdt-Thomsen

wir auf dem Weg zu einer anderen Form der Vergesellschaftung anknüpfen. Wir alle wurden von einer Mutter geboren und von mütterlich sorgenden Menschen großgezogen. Ohne deren Bedingungslosigkeit im Geben gäbe es uns nicht, gäbe es keine menschliche Gesellschaft. Vielleicht läutet unsere Zeit des Umbruchs auch das Ende des Patriarchats ein? Das Paradigma des Gebens (oder der Gabe), jenes Gegenteil des Paradigmas des Tausches, ist nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich wirksam. Wenn ich etwas im Tausch gebe, um dafür etwas zu bekommen, dann ist die Handlung selbstbezogen, geht es nur um mich anstatt um den anderen/die andere. Das Tauschverhalten ist egozentriert. Wenn ich dahin­ gegen gebe, weil der/die andere es braucht, ist das Verhalten bereits in der Tendenz gemeinschaftsorientiert. Denn die anderen ihrerseits werden geben bzw. weitergeben, sodass ein Kreis entsteht oder, wie beim Stein, der ins Wasser fällt, viele kreisförmige Wellen. Das Para­ digma des Gebens als gesellschaftliches Muster geht Hand in Hand mit einem Verständnis von Natur, das in ihr eine mütterliche Ordnung am Werk sieht. Die Natur wird als Gebende begrif­ fen, als Mutter Erde. Die Fülle ihrer Gaben wird dankbar als Leben spendend angenommen.

Wohingegen das Tauschmuster zu einem Natur­ verhältnis führt, das von der Knappheit der Naturgegebenheiten ausgeht. Deshalb sehen die einzelnen Menschen sich vorgeblich gezwun­ gen, möglichst viel und in Konkurrenz zu anderen für sich herauszuholen. Insofern ist die Kultur, die den Denk- und Handlungsmustern des Tausches und des Geldes folgt, die eigent­ liche Ursache der ökologischen, sozialen und ökonomischen Krise. Die entscheidende Aufgabe unserer Zeit ist die Überwindung der Ökonomie des Nehmens und die Stärkung der Kultur des Gebens.

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Von der Knappheit zur Fülle

Autorin // Margrit Kennedy Prof. Dr. Margrit Kennedy, Architektin, Stadt- und Regionalplanerin, dann Geldexpertin, entdeckte 1982 einen grundsätzlichen Fehler im herrschenden Geldsystem, aber auch Alternativen dazu. Heute plädiert sie dafür, Geld für bestimmte Ziele zu entwerfen und vermittelt in Vorträgen und Workshops, wie der „ökonomische Analphabetismus“ überwunden und das Geldsystem zum dienenden statt zum beherrschenden Instrument umgewandelt werden kann.

Überlegungen und Erfahrungen zur Ökonomie des Schenkens Schenken und beschenkt werden ist für alle Menschen das Natürlichste auf der Welt. Wir alle bekommen das größte Geschenk – nämlich unser Leben – mit unserem Erscheinen auf diesem Planeten, mit dem ersten Atemzug und der Trennung der Nabelschnur von unserer Mutter. Für die meisten in unserem Lande und auf unserem Kontinent gilt auch, dass sie ihr Überleben – bis sie für sich selbst sorgen können – geschenkt bekommen. Oft erleben wir, wie kleine Kinder alles verschenken, dessen sie habhaft werden können, nur um zu erleben, wie alle sich freudig bedanken. Wir möchten, dass andere glücklich sind, und dazu beizutragen macht auch uns glücklich. Ich kenne keine Eltern, die das, was sie in ihre Kinder investiert haben, zurückfordern. Allgemein gilt hier ein Generationenvertrag. Das was sie in ihre Kinder investiert haben, werden diese weitergeben, indem sie ihren Kindern das Leben schenken und sie aufziehen. In Deutschland beträgt die unbezahlte Arbeit, die Mütter und manchmal auch Väter leisten, die ihre Kinder erziehen, genauso viel wie unser gesam­ tes Bruttosozialprodukt ohne den Bausektor. Das hat man anhand von Zahlen berechnet, die Versicherungen benutzen, um den Wert der 26

mütterlichen Arbeit zu beziffern, wenn eine Mutter zum Beispiel bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt und die Versicherung für diese Arbeit aufkommen muss. Dies ist also eine gewaltige Menge an Geschenk­ tem. Aber dann gibt es da so etwas wie eine Grenze für das Schenken. Wenn jemand mit – sagen wir einmal 30 Jahren – immer noch den Eltern „auf der Tasche liegt“, wird das als nicht mehr normal betrachtet. Sobald die Ausbildung beendet ist – mal früher, mal später – gilt: Ab jetzt muss man sein Geld selbst verdienen. Das heißt, seine Fähigkeiten auf dem Markt anbieten und dafür bezahlt werden. Geschenkt wird einem nun nichts mehr. Im Gegenteil. Es setzt ein Wettkampf um die prestigeträchtigs­ten und bestbezahlten Arbeitsplätze ein. Ein Ana­ chronismus. Denn diese Arbeits­plätze werden immer seltener, und schon heute könnten wir – rein von der Menge des Geldes und den uns zur Verfügung stehenden Technologien her gesehen – alle Menschen auf diesem Planeten ernähren, kleiden, behausen und mit Bildung versorgen. Was ist also unser Problem? Warum können wir eigentlich nicht weiterhin das bekommen, was


Margrit Kennedy

wir zum Leben brauchen, und der Gesellschaft, in der wir leben, das geben, was wir am besten können? Machen Sie bitte diese kurze Übung, bevor sie weiterlesen: Schließen Sie die Augen und benennen Sie sich die fünf wichtigsten Dinge, die ihr Leben lebenswert machen. Und nun beantworten Sie die Frage: Gibt es unter den Dingen, die ihr Leben lebenswert machen, etwas, was Sie kaufen könnten? Wahr­ scheinlich nicht, denn Liebe, Freundschaft, Zufrie­ denheit z. B. sind nicht mit Geld zu erwerben.

Australien und Neuseeland stehen zusammen an erster Stelle auf dem Index. Malta ist das Land, in dem die größte Anzahl von Menschen Geld geben (83 %), die Menschen in Turkmenis­ tan schenken die meiste Zeit (61 %) für ehren­ amtliche Tätigkeiten, während Liberia die Liste in Bezug auf Hilfe für Fremde anführt (76 %). Frauen geben nur marginal mehr als Männer. Aber in Ländern, in denen Frauen mehr Geld spenden als Männer, liegen die Spendensummen insgesamt höher. „Da haben wir ihn, den Hebel für die spendende Frau“, sagt Ise Bosch, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt, und rät: „Besser zu spenden heißt: Macht eure Spen­ denplanung.“3

Warum also sollten wir immer mehr Geld verdie­ nen, wenn es uns sowieso nicht glücklich macht? Dass nach der Befriedigung der grund- Statistiken sind zwar mit Vorsicht zu genießen, sätzlichen Bedürfnisse das Glücksempfinden aber dass die Korrelation zwischen „glückliches nicht mehr ansteigt, beweisen alle Studien, die Land“ und „Geben“ höher ist als die zwischen das zum Gegenstand ihrer Untersuchung „reiches Land“ und „Geben“ erstaunt sicher die wenigsten. In reichen Ländern wird – davon gemacht haben.1 kann man ausgehen – mehr im Sinne von „Was Worin jedoch „Schenken“ besteht, das wird in rechnet sich und was nicht?“ gedacht. Diese verschiedenen Ländern und Kulturkreisen sehr Berechnung, die für die für das Budget Verantunterschiedlich verstanden. Manche zählen die wortlichen in jedem größeren Betrieb Pflicht ist, Gabe für eine Bettlerin dazu, andere nur eine bevor eine Investition getätigt wird, und die im Spende an eine registrierte gemeinnützige Orga­ professionellen Jargon „Kapitalwertmethode“ nisation. Für den diesjährigen „World Giving heißt, färbt natürlich auch auf das Privatleben Index“ erfasste die Charities Aid Foundation und das private Verhalten der Bevölkerung mithilfe der Wirtschaftsberatung Gallup das eines Landes ab. Und „Schenken“ rechnet sich Thema mit drei Fragen: danach – zumindest rein mathematisch – in   den wenigsten Fällen. Haben Sie im letzten Monat Geld gegeben? Haben Sie sich im letzten Monat ehrenamtlich Eine interessante Geschichte, die mir die Absurengagiert? dität dieser Art von Berechnung klar vor Augen Haben Sie im letzten Monat einem oder einer geführt hat, habe ich vor Kurzem selbst erlebt. Fremden geholfen? Um den zentralen Punkt deutlich herausarbei­   ten zu können, muss ich etwas ausholen. Besonders die letzte Frage brachte einige interessante Ergebnisse: Hilfe für Fremde ist welt- Ich lebe seit 25 Jahren in Niedersachsen, zwi­ weit die gebräuchlichste Form des Gebens. Hier schen Hannover und Bremen, in einer Gemeinschnei­den viele Länder des Südens sehr gut ab, schaft, dem „Lebensgarten Steyerberg“ mit weit vor beispielsweise den Angelsachsen, die etwa 100 Erwachsenen und 40 Kindern. Der üblicher­weise die Spendenindizes anführen. Im Lebensgarten lebt – neben den verhältnismäßig Gesamtranking kommen wir Deutschen so erst geringen monatlichen Beiträgen zum Verein – hinter Ländern wie Laos, Sierra Leone oder ausschließlich von Geschenken seiner Mitglieder Turkmenistan.2 und Freunde. „Communare“, der lateinische 27

1. www.mathias-binswanger.ch 2. w w w.cafonline.org /default. aspx?page=19428 3. Tipp des Monats Oktober 2010 von Ise Bosch im Pecunia Newsletter


Von der Knappheit zur Fülle

Ursprung der englischen Bezeichnung „Community“, heißt ja „schenken“, und genau das macht einen der wesentlichen Unterschiede aus zwischen „Gemeinden“, deren Funktionieren auf Steuern basiert, und „Gemeinschaften“, deren Funktionieren auf Geschenken basiert. Doch auch schenken will gelernt sein. Alle Lebens­ gärtnerInnen kamen noch aus den alten sozia­ len Strukturen, in denen das Geben unter Erwachsenen überwiegend auf Geburtstagsund Weihnachtsgeschenke beschränkt ist oder ein Zurückgeben voraussetzt. Und alle haben – jede und jeder individuell – im Lauf der Zeit ähnliche Erfahrungen gemacht: Wir mussten lernen zu geben, ohne etwas zurückzuerwar­ten, denn Letzteres klappte fast nie. Ein befreunde-

Wie sollte ich das Glück bewerten, an einem Sommermorgen auf dem Dorfplatz mit einer Gruppe von Menschen tanzen zu können? tes Ehepaar, welches Interesse daran hatte, in die Gemeinschaft zu ziehen, fragte mich einmal im Verlauf ihrer Erkundungen, wie ich denn das Verhältnis einschätzen würde – zwischen dem, was ich dem Lebensgarten im Lauf der Zeit gegeben, und dem, was ich zurückbekommen habe? Das war eine Frage, die ich mir so noch nie gestellt hatte, aber ich sagte spontan und ohne lange zu überlegen: „Ich würde schätzen eins zu hundert.“ Ich hatte das Gefühl, für einen Teil, den ich gegeben hatte, etwa 100-mal so viel zurückbekommen zu haben. Ich war selbst überrascht, denn ich hatte natürlich nicht nachgerechnet, sondern nachgefühlt. Ich sah aber zugleich, dass es eine völlig absurde Frage war. Denn wie sollte ich das Glück bewerten, an einem Sommermorgen in der Sonne auf dem Dorfplatz mit einer Gruppe von Menschen tanzen zu können? Bei einem 28

Spaziergang abends um 22 Uhr noch zu einem spontanen Geburtstagsfest eingeladen zu wer­ den? In unserem kleinen Laden die herrlichen biologischen Früchte und Gemüse vom eigenen Feld oder von unserem Großhändler kaufen zu können und gleichzeitig ein gutes Rezept mit den Nachbarn auszutauschen? Es kamen mir so unendlich viele Beispiele in den Sinn, die überhaupt nichts mit Geld, sondern mit Glück oder Lebensqualität zu tun hatten, dass ich nur lachend aufgeben konnte, die Frage ernsthaft zu beantworten. Sie blieb jedoch in meinem Kopf und im Verlauf der nächsten Wochen fand ich immer mehr interessante Beiträge zu einer neuen Sicht des Phänomens Schenken oder Geben und zu der Verbindung zu einer neuen Wirtschaftstheorie, die im Moment deutschlandweit diskutiert wird und für die Niko Paech den Begriff „Postwachstumsökonomie“ geprägt hat. Diese ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass quantitatives Wachstum mit seinem „sich rechnenden“, aber Ressourcen verschleißenden Wachstum durch qualitatives Wachstum oder mehr Lebens­ qualität und weniger Ressourcenverbrauch ersetzt wird. Erstaunt stellte ich fest, dass wir mit dem Lebens­ garten in den letzten 25 Jahren so etwas wie eine Postwachstumsökonomie geschaffen hatten, für die es noch relativ wenige praktische Beispiele gibt. Und ich begann darüber nachzudenken, wie gut die Vertreter eines bedingungslosen Grundeinkommens hier erforschen könnten, was denn eigentlich passieren würde, wenn alle genügend Geld hätten, um genau das zu tun, was sie möchten. Denn das haben wir hier zum überwiegenden Teil umgesetzt. Fast jede oder jeder tut das, was er am besten kann oder am liebsten tun würde, und fast immer wird das auch zu einem wirtschaftlichen Erfolg oder ermöglicht zumindest das Überleben. Für alle, die heute erschrocken sind über die zunehmende Gewalt auf dieser Welt in den Kriegen wie im Iran und in Afghanistan oder den Naturkatastrophen wie in Haiti und Chile,


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hier eine ermutigende Nachricht: Auch Freund­ lichkeit, Großzügigkeit und Kooperation stecken an und verbreiten sich genauso leicht wie Feind­ seligkeit, Geiz und gnadenloser Wettbewerb. Eine Studie, die im März 2010 veröffentlicht wurde und die Ergebnisse mehrerer Forschungs­ projekte in den USA vergleicht,4 kommt zu dem Ergebnis, dass auch positives Verhalten in seiner Auswirkung auf andere einem exponentiellen Wachstum folgt. Von einer Person, die großzügig handelte oder spendete, wurden drei weitere, fremde Personen „angesteckt“, diese steckten wiederum jeweils drei, also insgesamt neun, Personen an und so ging die Welle weiter. Diese spontanen Netzwerke, beobachteten die Forscher, funktionieren ähnlich wie Zuschüsse, die zum Beispiel dann gegeben werden, wenn man eine Grundfinanzie­ rung hat.

Der patriarchale Kapitalismus bezieht seine Berechtigung – so sieht es Genevieve Vaughan in ihrem Artikel „Discovering the Gift Paradigm“ (Die Entdeckung des Geschenkparadigmas) – aus einer Weltsicht, die sich „Tauschparadigma“ nennt. Er sieht alles unter der „Austauschlogik“, vom Heiratsmarkt bis zum Schlagabtausch im Diskurs oder im Krieg. Geschenke wie z. B. die Erziehung von Kindern werden nicht als solche gesehen, weil das nicht in das Tauschparadigma passt. Am dramatischsten aber ist die völlige Blindheit des Tauschparadigmas gegen­ über all den zahllosen Geschenken, die wir aus der Natur oder auch von unserer Kultur erhalten. Die Natur wird so betrachtet, als sei es selbstverständlich, dass wir sie uns aneignen und aus­ beuten. Indem durch diese Ausbeutung „Gewinne“ ausgewiesen werden, bilden die Geschenke die Grundlage für das ganze System.

Da wir normalerweise nur die Reaktion der ersten Person sehen, die wir beschenken, aber selten die der Menschen, an welche eine groß­ zügige Geste oder Finanzhilfe weitergereicht wird, haben wir keine Ahnung von dem Kaska­ deneffekt auf Dutzende, vielleicht Hunderte von Menschen, den wir damit vielleicht auslösen. In der Studie wurden Leute beobachtet, die sich nicht kannten und die sich auch nie wieder trafen. Außerdem waren sie so ausgesucht worden, dass sie keinen gemeinsamen gesellschaftlichen oder beruflichen Hintergrund hatten, um Effekte, die auf derartige Einflussfaktoren zurückgehen, auszuschließen.

Obwohl der Kapitalismus zurzeit heftig kritisiert wird, gibt es bisher keine radikale – an die Wurzeln gehende – Alternative, die kollektiv akzeptiert wird, weil die Logik des Austauschs selbst nicht als Problem gesehen wird. Obwohl „Fair Trade“, also fairer Handel, besser ist als unfairer Handel, wird die Tatsache, dass Handel selbst möglicherweise das Problem ist, in den Hintergrund gedrängt. Die Logik und die Chance des einseitigen Geschenks, wie wir es in der Studie weiter oben kennengelernt haben und wie wir es zum Beispiel im Lebensgarten praktizieren, werden erst gar nicht wahrgenommen. Im Gegenteil: Sie werden abgewertet und manch­ mal sogar geschmäht.

Aus einer wissenschaftlichen Perspektive könnten diese Ergebnisse darauf hinweisen, dass der „Ansteckungseffekt“ auch zur Evolution von kooperierenden Gruppen beigetragen hat, die eher menschenfreundlich waren, im Gegensatz zu Gruppen, in denen egoistische Verhaltensweisen dominierten. Die Studie schließt mit der Erkenntnis, dass Menschen soziale Netzwerke bilden, weil die Vorteile die Kosten bei Weitem überwiegen. Genau das kann ich nach 25 Jahren in der Gemeinschaft Lebensgarten Steyer­berg nur aus eigener Erfahrung bestätigen.

Ich glaube, nur wenn wir das Schenken wieder als integralen Bestandteil unseres Verhaltens in einer solidarischen Gemeinschaft mit allen Menschen akzeptieren und den „Pecunismus“, die Geldgier, genauso ächten wie den Rassismus und Sexismus, lassen sich die Spaltung der Welt und der Gesellschaft überwinden. Um das zu erreichen, sehe ich es als unbedingt notwendig an, dass wir die Wirkungsweise des herkömm­ lichen Geldsystems verstehen und verändern. Wie das geschieht und welches die Hauptfaktoren sind, habe ich an anderer Stelle ausführ­ 29

4. ht t p: // tiny url.com / y h5 q 8 6 4 (Aufruf-Datum 14.12.10)


Von der Knappheit zur Fülle

lich beschrieben.5 Hier nur so viel: Ohne den Ersatz des Zinseszinsmechanismus sind die meisten ökologischen Projekte und eine nachhaltige Wirtschaft nicht zu realisieren, und das wiederum sehe ich als eine der Voraussetzungen dafür an, um eines Tages eine Geschenk­ ökonomie, in der wir geben, was wir können, und bekommen, was wir brauchen, realisieren zu können. Das ist – wie ich versucht habe aufzuzeigen – ein durchaus erfüllbarer Mensch­ heitstraum.

5. www.margritkennedy.de 30


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Von der Knappheit zur Fülle

Autorin // Marianne Gronemeyer Prof. Dr. rer. soc. Marianne Gronemeyer, geb. 1941, M. G., Lehrerin, Zweitstudium der Sozialwissenschaften, Habilitation zum Thema „Die Macht der Bedürfnisse“. Bis 2006 Professorin für Erziehungs- und Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Wiesbaden. Kritische Veröffentlichungen zum Beispiel zu Beschleunigung, Konsumwahn sowie Innovationsfieber und Wiederholungswahn.

Von der Gegenseitigkeit Gegenseitigkeit bestimmt ein Verhältnis, das wir uns im menschlichen Miteinander zu allererst als „do ut des“, ich gebe dir, damit du mir gibst, vorstellen. Sprichwörtlich findet sich das Prinzip der Gegenseitigkeit in der Handlungsmaxime „Wie du mir, so ich dir“ oder „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu“. Aber dies sind alles schon buchhalterische Erwägungen, in denen die Vernunft des Tauschprinzips regiert. Eigentlich geht es dabei nicht um Gegenseitigkeit, sondern um Einsei­tig­ keit. Ich bin im „Wie du mir, so ich dir“ gar nicht an deinem Wohlergehen interessiert, sondern an meinem Vorteil. Vernünftigerweise muss ich allerdings davon ausgehen, dass du meinen Vorteil nur dann mehren wirst, wenn dabei dein Vorteil nicht zu kurz kommt. Und da wir im Resul­ tat beide einen Vorteil nach Hause tragen, glauben wir, einander nicht geschadet zu haben. Tat­säch­ lich haben wir uns gegenseitig unseres EigenSinns beraubt und uns wechsel­seitig zum Mittel unseres Vorteilsstrebens gemacht, ohne aller­ dings offene Gewalt anzuwenden. Es ist die List der Tauschvernunft, dass sie scheinbar ohne Gewaltanwendung nichts als Vorteil verschafft. Und das ist, wie Eugen Rosenstock-Huessy sagt, auch die List der Teu­fels. Der Teufel tue so, als sei nichts, in Wirklichkeit vernichtet er. Wenn aber dieses Wechselverhältnis von geben und nehmen, das doch der Inbegriff der Rezi­ 32

pro­zität zu sein scheint, diesen Namen nicht verdient, was macht dann das Wesen der Gegenseitigkeit aus? Stellen wir uns die Gestik des Gebens und des Nehmens in diesem Tausch­ akt bildlich vor Augen: Der Gebende hält das, was er auszuhändigen sich anschickt, mit der einen Hand eisern fest, während die andere schon nach dem greift, worauf er es abgesehen hat. Greifen und festhalten: Beides bringt nicht die Gebärde der offenen, sondern der besitz­ ergreifend verkrallten, der grapschenden Hände hervor. Und die Augen? Wohin ist der Blick der Akteure gerichtet, während sie – gleichzeitig – geben und nehmen? Ich denke, sie schauen auf das Gut, das den Besitzer wechselt, sie schauen einander nicht in die Augen, denn die könnten verraten, dass der Blick scheel und lauernd ist, dass jeder doch des andern Übervorteilung oder Betrug im Sinn hat und den vertrauensvollen Umgang nur täuschend ähnlich imitiert. Ganz anders das Wechselspiel von geben und empfangen. In ihm teilt der Gebende mit offenen Händen aus, während der Empfangende die Hand zu einer Schale öffnet, in die etwas hinein­ gelegt werden kann. Die Gaben, die ausgeteilt oder empfangen werden, sind keine Besitztümer, sondern Geschenke. Und der Blick hat nichts zu verbergen, jeder kann dem andern das offene und unverstellte Antlitz zuwenden. Es ist offensichtlich, dass das Geschenk keine


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Gegenleistung erfordert wie der Tausch – gerade dies macht ja sein Wesen als Geschenk aus – und doch ist nur im Schenken wirkliche Gegenseitigkeit möglich. Wie das? Die hervorstechende Eigenart des Geschenks ist die, dass es vollkommen wertlos ist. Es hat keinen Preis, es lässt sich nicht nach einem Geldwert bemessen. Ein Geschenk ist ein Geschenk, es ist nicht bewertbar, weil es unvergleichlich ist. Damit ist es so zerbrechlich wie Glas, denn sobald es verglichen oder bewertet wird, verliert es seinen Glanz, sein Wesen und seine Zauberkraft. Es wird fahl, unscheinbar, ein Tauschobjekt wie jedes andere. Friedrich Nietzsche sagt den alten Griechen nach, sie hätten ihre Götter angefleht, ihnen dreimal im Leben das Schöne begegnen zu lassen. Er nannte das ein maßloses Begehren, weil es in höchstem Maße unwahrscheinlich sei, dass die Bereitschaft der Seele, sich dem Schönen zu öffnen, und die Bereitschaft des Schönen, sich dem Betrachter zu offenbaren, in einem Augenblick zusammenträfen, so unwahrscheinlich, dass es einem besonders begünstigten Menschen höchstens einmal im Leben widerfahren könne. Im Blick auf das Schenken müssten wir vielleicht ähnlich bescheiden sein. Wir sollten nicht glauben, dass das eine leichte Übung ist, und dass die Bereitschaft zu schenken und die, sich beschenken zu lassen, so mir nichts, dir nichts zusammenkommen können. Wir machen es uns allzu leicht, wenn wir denken, dass im Akt des Schenkens, die ganze Aktivität auf der einen Seite, der Seite des Gebenden, ist und die ganze Passivität auf der Seite des Empfangenden. Dann hätte ja der Gebende die Regie inne und könnte nach eigener Willkür generös oder knauserig sein, wann und wie es ihm beliebt. Tatsächlich ist er aber angewiesen auf die Einladung des Empfangenden. Empfangen ist so aktiv wie geben. Und geben, das ja ein Lassen, ein Loslassen ist, ist so passiv wie empfangen, wenn auch von anderer Art. Alles Wirken ist ja nur möglich, wenn ihm ein Geschehenlassen auf der Seite des Gegenübers entspricht. Die Aktivität des

Empfangens besteht darin, empfänglich zu sein. Musik, die nicht auf empfängliche Ohren trifft, verhallt. Schönheit, die nicht auf empfängliche Augen trifft, hat nichts zu geben. Wir haben nicht einmal mehr einen erfahrungs­ gesättigten Begriff des Schenkens, geschweige denn eine gekonnte Praxis: „Die Menschen verlernen das Schenken. Der Verletzung des Tausch­ prinzips haftet etwas Widersinniges und Unglaub­ würdiges an; da und dort mustern selbst Kinder misstrauisch den Geber, als wäre das Geschenk ein Trick (was es in der Regel auch ist, Anmer­ kung der Verfasserin). Das private Schenken ist auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt.“1 Das „Schenken“, so wie wir es gewöhnlich praktizieren, folgt ganz dem Prinzip des „Wie du mir, so ich dir“. Fraglich, ob das, was einmal Ware war, je zum Geschenk geadelt werden kann. Fraglich also, ob Konsumenten überhaupt schenken können. Oder ob der Geldwert, der für die zum Geschenk ausersehene Ware entrichtet werden musste, selbst wenn das Preisschild nachträglich mit pein­ licher Sorgfalt entfernt wurde, den Produkten so unauslöschlich anhaftet, dass er die Beziehung zwischen Schenkendem und Beschenktem unvermeidlich mit der Käuflichkeit infiziert. Vielleicht taugen in der Warenwelt nur noch Gesten als Geschenk, ein Lächeln, zum Beispiel. Aber selbst das Lächeln wird ja in den branchen­ spezifischen Freundlichkeitsschulungen schon zur Strategie, um Kunden zu ködern. Wann habe ich je ohne Spekulation auf eigenen Gewinn geschenkt, ein Geschenk ganz und gar hingegeben, den Beschenkten zu nichts verpflich­ tet, keinesfalls dazu, sich zu revanchieren, auch nicht zum Dank, ja nicht einmal zur Freude? Was habe ich im Sinn, wenn ich das tue, was man gemeinhin „schenken“ nennt? Ich will mir den andern gewogen machen, ich will ihn mir verpflichten, ich will mich ihm annehmlich 33

1. Adorno, Theodor W.: Minima moralia, Frankfurt a. M. 1985, S. 46


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machen, ich glaube ihm etwas schuldig zu sein, ich will ihm imponieren durch die Größe oder Originalität des Geschenks, ich will ihn bestechen, ich will ihm vielleicht sogar eine Freude machen, als deren Veranlasser ich mich dann fühlen kann, ich will mich in meiner Großzügigkeit sonnen, mein Gewissen erleichtern. Die Liste der Selbstbedienungsmotive des Schenkens lässt sich beliebig verlängern. Die Werbebranche trium­ phiert über die Zuneigung. Ich beschenke dich nicht, weil du mir lieb und wert bist, ich bemesse das Geschenk danach, wie viel du mir wert bist. All diese Motive setzen ein Kalkül in Gang: Was springt für mich dabei heraus? Sie erfordern, dass ich dich taxiere: Wie viel Gewicht hast du in die Waagschale zu legen? Es ist der Geber, der vom Geschenk profitieren will, folg­ lich: keine Gegenseitigkeit.

ten in einen Schenkenden, wie elend oder prekär auch seine Lage sein mag. Ihm fällt der Segen des Geschenks zu, nun ist er gesegnet und kann, als Gesegneter, augenblicklich Segen verströmen. Anders, wenn das Geschenk durch Berechnung verunstaltet wird. Dann kehrt, was an ihm Segen werden sollte, als Profit zum Geber zurück und der Nehmende geht leer aus, mag er auch die Gabe in Händen halten. Er wird durch sie entweder zum Mittel im Vorteilskalkül des Gebers erniedrigt oder zum Bettler gemacht, beschämt, verkleinert, falls er nicht in gleicher Münze heimzahlen kann. Der Segen bleibt für beide aus, für den Spender der Gabe und für den, dem sie zuteilwurde.2 Und das, was sie als Geschenk miteinander in einem Verhältnis der Gegenseitigkeit hätte verbinden können, wird zum Tauschobjekt, das sie voneinander isoliert und einander fremd macht.

Empfangen ist so aktiv wie geben.

Ivan Illich erzählt eine kleine Begebenheit, die trotz ihrer Unscheinbarkeit das ganze Gewicht des Schenkens vermittelt: „Es war an meinem ersten Morgen in Senegal, im Marktviertel von Dakar. Mit einem Freund verließ ich das Haus, in dem ich die Nacht verbracht hatte, und wir gingen an der Mauer einer Sufi-Moschee entlang. Dort standen Bettler mit ausgestreckter Hand. Mit christlicher Selbstverständlichkeit stöberte ich nach einem Zehnfrankenstück in meiner Tasche und legte es so beiläufig wie möglich in eine dieser Hände. Ich hatte den Mann nicht einmal angesehen. Mein Freund blieb stehen und forderte mich auf, dem Bettler in die Augen zu sehen und mich vor ihm zu verbeugen. Ich hatte ihm eine Spende gereicht und jetzt war es an ihm, mich mit einem Koran­ spruch zu segnen. Was da vor sich ging, war genau das Gegenteil eines Gabentausches. Es war eine Feier der Unvergleichbarkeit von zehn Franken und Allahs Segen. Und gerade deshalb konnten wir einander in die Augen sehen als Du und Du. Die Unvergleichbarkeit der Spende hatte unsere Ebenbürtigkeit bezeugt.“3

Die Aktivität des Empfangens besteht darin, empfänglich zu sein

2. Über die Bedeutung des Segens in der jüdischen Tradition schreibt Sergio Quinzio: „Segen als Geste oder Wort, das Kraft verleiht ... Der Segen wird vor allem als heilende Kraft empfunden, die ein erfülltes Leben hervorbringt, also eine Über­ tragung von Lebenskraft ... der wirkt, wo er entgegengenommen wird, doch dort, wo er keine Aufnahme findet, zu dem zurückkehrt, der ihn ausgesprochen hat ... Der Segen ist mit der Greifbarkeit der Gaben verbunden und in diesen erkennbar.“ S. Quinzio, a. a. O., S. 34 f. 3. Illich, Ivan: Von der Verkehrung der Gastfreundschaft durch das Christentum, in: Festschrift Ludwig Kaufmann, Zürich 1988/89, S. 202

Dieser kleine Durchgang durch die Beweggründe des Schenkens mag genügen, um ein­ zusehen, dass das Schenken eine geradezu unlösbare Aufgabe ist. Wenn nämlich das Schenken entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch gelingt, habe ich es mir nicht selbst zu verdanken, sondern dir, dem Beschenkten. Sobald ich auf das Gelingen wie auf meine Leistung schaue, habe ich dich, den Empfänger der Gabe, um das Geschenk betrogen. Was heißt das? Der einzigartige Augenblick des echten Schenkens ist eigentlich nur wie ein Märchen erzählbar. Sobald die Sprache des Begriffs darauf ange­ wendet wird, versteinert er. Ich habe von der Zerbrechlichkeit des Geschenks gesprochen und von der Flüchtigkeit seiner Zauberkraft. Nun, dem wirklichen Geschenk wohnt tatsächlich etwas von Zauber inne. Es besitzt die Kraft zu verwandeln. Es kann im Frosch den Prinzen offenbaren. In dem Augenblick, in dem es empfangen wird, verwandelt es den Beschenk34

Hier entsteht ein Verhältnis der Gegenseitigkeit, jeder nimmt im Akt des Schenkens die Geste des andern an. Keiner bleibt bei seinem Leisten.


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Der Geber wird zum Empfänger und der Empfänger zum Gebenden. Beide sind zu allem fähig, zum Geben und zum Empfangen. So verrückt es klingen mag: Es ist dem Zustande­ ­kommen eines solchen erfüllten Augenblicks vielleicht sogar dienlich, dass die Spende acht­ los, geradezu routiniert dargereicht und die Aufmerksamkeit erst nachträglich und auf eine Aufforderung hin darauf gerichtet wurde. Die absichtsvolle, ihrer selbstbewusste Spendabili­ tät entgeht kaum dem Schicksal der Berech­ nung und der Tauschgesinnung. Mit größtmöglicher Beiläufigkeit überreichte Illich dem Bettler das Geldstück. Das zeigt, wie selbstverständlich uns das Schenken als eine Verrichtung von oben nach unten vorkommt, bei der, wer es gut meint, dem Beschenkten durch unauf­ fälliges Gebaren die Scham ersparen möchte. Es ist die Aufforderung des Freundes, die den Geber davor bewahrt, sich als Geber aufzuführen, und das Geschenk davor, ein demütigendes Almosen zu sein. Vielleicht wird beim Lesen dieser kleinen Begeben­ heit auch unser Gerechtigkeitsgefühl dadurch verletzt, dass geradezu willkürlich eine von den vielen ausgestreckten Händen gefüllt wird, wäh­ rend die andern leer bleiben und der Spender sich daraus offenbar kein Gewissen macht. Aber das Geschenk ist eben keine organisierte Hilfe­ leistung, auf die alle gleichermaßen Anspruch erheben können, es ist eine einzigartige Hinund Herbewegung zwischen zweien. Und als Empfänger sind die Bettler auch tatsächlich keine Rivalen, was sie bei einer gerechten Zuteilung als Nehmende unvermeidlich wären. Ich will der von Illich berichteten Episode eine von mir erlebte hinzufügen, um – erzählend – dieser einzigartigen Gegenseitigkeit, die sich im Schenken vollzieht und die in der Tauschgesellschaft aus dem Umgang fast gänzlich verschwunden ist, auf die Spur zu kommen, aber auch um einen Bettler zu ehren, dem ich ein außerordentliches Erlebnis verdanke. Ich traf ihn am Heiligenabend auf dem Hamburger Jung­ fernstieg, wo ich hastig und entnervt mit der

Liste der zu Beschenkenden im Kopf letzte Einkäufe tätigte, um mich meiner weihnacht­ lichen Pflicht mit Anstand zu entledigen. Durch die von Illich berichtete Szene gewarnt und gewitzt, wandte ich ihm meine ganze Auf­merk­ samkeit in einer kleinen Ansprache zu, aber dann brachte mich der Blick ins Portemonnaie in einige Verlegenheit. Die Kleingeldtasche ent­ hielt nur noch ein paar lumpige Pfennige, also musste ich, ohne allzu lange zu zögern, einen Geldschein ausgeben, der das „ausgesetzte Budget“ entschieden überstieg. Der Bettler nahm den Schein entgegen, entzündete mit einem Streichholz eine Kerze, die neben ihm stand, und sagte: „Na, dann kann ich die Kerze ja wieder anzünden. Grad hab ich sie ausgepustet. Die Leute, die hier vorbeirennen, haben sie nicht verdient.“ Mir ersparte er mit seinem Witz die Scham über die eigene Kleinlichkeit und die Gönnerhaftigkeit der weihnachtlichen Spendier­ laune. Wir konnten uns augenzwinkernd über die Ignoranz der Vorbeihastenden verständigen, die noch nicht einmal gemerkt hatten, wie hart er sie bestrafte, als er ihnen das Licht ausblies. Ein bemerkenswerter Mann mit lässigem, mit Witz gesalzenem Selbstbewusstsein. Nichts von dem trotzigen Stolz, mit dem bestenfalls der Habenichts sich Selbstachtung erkauft, die ihm gesellschaftlich verweigert wird. Ich jedenfalls ging gesegnet, nämlich heiter, von dannen, beschenkt mit einem Licht, das ich nicht verdient hatte und mir nicht verdienen musste. Das Prinzip der Gegenseitigkeit erinnert uns daran, dass alle unsere Unternehmungen nicht aus eigener Machtvollkommenheit entspringen, sondern eines Anstoßes bedürfen, der uns von außen zuwächst. Bevor wir etwas schaffen kön­ nen, müssen wir aus vielen Quellen geschöpft haben. Immer ist der Initiator reich beschenkt, bevor er selbst zum Geber werden kann. Vergisst er das, dann ist er außerstande, seinerseits zu geben, er kann dann nur machen. Seine an das Gegenüber gewendete Tätigkeit mag ihm als eine weltverbessernde Wohltat vorkommen, aber sie hat mit einer Gabe tatsächlich nichts gemein, sie ist eine Überwältigung, eine Übermächtigung eines wehrlosen, seiner Duhaftigkeit 35


Von der Knappheit zur Fülle

beraubten Gegenübers. Es macht den ganzen Unterschied, ob mir mein Gegenüber als ein Du begegnet oder als ein „Der-da“, „Die-da“, „Dasda“, das ich auf seine Verwertbarkeit oder Nütz­ lichkeit oder Eignung für meine Pläne mustere.

tivobjekt verwandeln, in ein Objekt also, das unter Anklage steht (accusare = anklagen), unter der Anklage, dass es nicht ist, wie es sein soll, dass es zu dem, was es sein soll, erst gemacht werden muss.

Mit einem Du muss ich mich ins Benehmen set- Mit gänzlich anderen Verhältnissen haben wir zen, ich kann darüber nicht verfügen oder Kon- es zu tun, wenn wir die oben beispielhaft auftrolle ausüben. Ein „Der-da“, „Die-da“, „Das-da“, geführten Tätigkeiten in solche übersetzen, die wird zu einem Objekt, in einer Subjekt-Objekt- ein Dativobjekt mit sich führen. Der Dativ ist der Beziehung, in der das Subjekt Verursacher ist „zum Geben gehörige Fall“ (dare = geben). Welch ein Unterschied, ob ich dich berate oder und das Objekt Wirkung zeigen muss. dir rate, ob ich dich betreue oder dir treu zur Aber ist denn die Skepsis, dass wir modernen Seite stehe, dich verplane oder dir etwas vor­ Menschen im Geben so gänzlich ungeübt sind, schlage, dich bewerte oder dir Wertschätzung berechtigt? In vielen Berufen, den lehrenden, bekunde, dich erziehe oder dir etwas mitteile, heilenden, helfenden, beratenden, ist doch dich behandle oder dir meine Hand leihe, dich genau diese Zuwendung zum andern tägliche belehre oder dir eine Lehre zuteilwerden lasse, Praxis. Hier geht es doch gerade darum, anderen dich prüfe oder dir zuhöre, dich bearbeite oder dir Mühe und Arbeit widme. Wo der Dativ regiert, nützlich, dienlich und hilfreich zu sein. ist die Ebenbürtigkeit der Partner gewährleistet. Vielleicht sind es gerade diese Professionen, in Er lässt dem Gegenüber die Freiheit, die Gabe denen das, was der Religionsphilosoph Emma­ anzunehmen oder von ihr keinen Gebrauch zu nuel Lévinas mit aufrüttelnder Deutlichkeit die machen. Wer mich berät, hat etwas mit mir vor; „Verselbigung des andern“ nennt, besonders er weiß, worauf es mit mir hinauslaufen soll. invasiv praktiziert wird. Er spricht sogar davon, Wer mir rät, ist auf mein Vertrauen angewiesen dass wir den anderen zu unserer Beute machen. wie ich auf seines und er legt mich nicht fest. Vielleicht nehmen wir uns gerade in diesen Ich kann den Rat annehmen, ohne ihn befolgen noblen Berufen die Freiheit heraus, dem andern zu müssen und ohne unser Verhältnis zu trüben, seine Andersheit zu bestreiten. Vielleicht finden wenn ich ihn mir nicht zu eigen mache. Jede diegerade dort wahre Verstehensfeldzüge statt, in ser vom Dativ begleiteten Handlungen erweist denen die Fremdheit des Fremden niederge- sich bei genauerer Betrachtung als ein Respons schliffen wird zur Angleichung an die eigenen auf etwas Vorangegangenes, auf etwas, das Gütemaßstäbe. Verstehen kann durchaus ver- von „dir“ ausging und das mir überhaupt erst nichtend sein. Es lässt an andern nur das gelten, möglich machte, mich „dir“ zuzuwenden. was sich meinem Verständnis, meinem Dafür­ halten und meinen Richtigkeitsgewissheiten Das Wesen dieser Zuwendung besteht nicht darin, dass ich den Fremden zum Bekannten nicht widersetzt. umkrempele, sondern darin, dass ich ihm in Wie steht es also um die Tätigkeiten, mit denen seiner Fremdheit und Unverstandenheit traue. wir uns als Ärzte, Lehrer, Therapeuten, Sozial- Und das erfordert wirklichen Mut. helfer, Erwachsenenbildner, Berater usw. anderen dienstbar machen? Wenn wir beraten, erziehen, belehren, verstehen und behandeln oder betreu­en, dann vergehen wir uns doch nicht am Prinzip der Gegenseitigkeit. Vorsicht: All diesen Zuwendungen ist gemein, dass sie das Gegenüber, auf das sie zielen, in ein Akkusa36


Marianne Gronemeyer

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Von der Knappheit zur Fülle

Autorin // Shelley Sacks Shelley Sacks, geb. in Südafrika, wohnhaft in Oxford, erforschte als Schülerin und später Mitarbeiterin von Joseph Beuys seine Ideen der sozialen Skulptur und die Beziehung von Imagination und transformativen Prozessen. Sie arbeitet seit über 30 Jahren in verschiedenen Kontexten an praktischer sozialer Entwicklung und zivilgesellschaft­lichen Prozessen. Sie ist überzeugt, dass es möglich und notwendig ist, ein wirklich inter­dis­zi­ plinäres Verständnis zu erlangen, und dass moralische Intuition dafür am wichtigsten ist.

Geben und ökologische Bürgerschaft Aus innerer Bewegung zur passenden Form

Es gibt Dinge, die uns gegeben sind. Wir sind mit ihnen konfrontiert. Sie fordern uns, wir müssen uns ihnen stellen, mit ihnen umgehen. Zum Gegebenen, zu unseren Gaben gehören unser genetisches Erbe, unsere persönliche Veranlagung, die Kultur und das Klima, in dem wir geboren sind, die Umwelt, in der wir leben. Auch unsere Sinne und die Art, wie wir durch sie die Welt wahrnehmen, zählen zu diesen Gaben, zum Gegebenen. Diese Gaben mögen unveränderlich scheinen, doch gründen unsere Flexibilität, Kreativität und unsere Selbstbestimmung – wie Carl Jung bemerkte – darin, was wir daraus machen und wie wir mit dem „Gegebenen“ umgehen.

1. Ein interessanter Text zu diesem Aspekt von Beuys’ „Manresa“ (1965) ist hier zu finden: www.sw.fh-jena. de/fbsw/profs/michael.opielka/ downloads/doc/2000/Kunst_Denken_Vortrag_1999_Novalis.pdf

So gesehen ist in der Tat alles, dem wir ausgesetzt sind, ein Geschenk, das uns die Möglichkeit zur Freiheit eröffnet. Dann gibt es noch die im Verborgenen schlummernden Gegebenheiten oder Gaben. Dazu gehören die Fähigkeiten, die Menschen entwickeln können: Mitgefühl, die Fähigkeit Ver­bin­dungen zu erkennen, das Verständnis dessen, was zu tun ist, die Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken, intuitiv das Richtige zu erfassen und das Geeignete zu tun. 38

Joseph Beuys prägte den Ausdruck „soziale Plastik“, um das kreative Potenzial hervorzuheben, das wir alle haben, das Potenzial, zu erkennen, was getan werden muss, und unsere Lebensweise und sozialen Systeme entsprechend zu verändern. Im Mittelpunkt der Beuys’schen Auffassung, dass alles plastisch, im Fluss, wandelbar ist, steht seine „Theorie der Skulptur“. Dabei handelt es sich um einen Prozess, bei dem „Bewegung“ die wichtige dritte Kraft zwischen den Gegensätzen „Chaos“ und „kris­ talliner Form“ bildet. Bei „Manresa“,1 einer seiner frühen Aktionen, spielt die Frage „Wo ist Element drei?“ eine zentrale Rolle. Für Beuys ist „Element drei“ der freie Mensch, die Fähigkeit eines jeden Menschen, „Künstler“ zu sein, Leben und Gesellschaft zu gestalten. Die Suche nach „Element drei“ ist die Suche nach dem, der verwandelt, nach dem, der etwas/sich bewegt. Sie richtet den Blick auf Möglichkeiten, dieses wahrneh­ mende, sich entfaltende Wesen in uns zu verstehen und zu entwickeln, diesen „sozialen Skulpteur“. Sie ist auch, wie Beuys es beschrieb, der Versuch eines „erweiterten Kunst­begriffs“.


Shelley Sacks

Ein entscheidender Aspekt dieses erweiterten Kunstbegriffs ist unsere Vorstellungskraft2. Mit ihr können wir das Gegebene durchdringen, wir können erkennen, was getan werden muss, und wir können neue Formen entwickeln. Diese innere Aktivität befähigt uns, Formen zu schaf­ fen, die im Einklang mit unserem Wesen als „Künst­ler“ und mit dem Geflecht miteinander ver­ bundener Lebensformen steht. Mithilfe unserer Vorstellungskraft können wir einander wahr­neh­ men und achten, wir können uns eine Gemeinschaft ausmalen, die die Welt, die uns trägt, wachsen lässt und sie gleichzeitig bewahrt. Das Gegebene durchdringen und ihm eine geeig­ nete Form geben ist also ein Prozess des verbundenen Gestaltens, des Schaffens einer sozialen Plastik. Beuys’ berühmte „Fettecke“ verkörpert seine Theorie der Skulptur in provokativer, beispielhafter Form. In ihr vereinigen sich die drei Zustände des Seins, „Chaos-Bewegung-Form“, mit ihrem alchemistischen Pendant in Gestalt von „Schwefel-Quecksilber-Salz“. Die mensch­ lichen Entsprechungen dieser Zustände – unbegrenzte Formbarkeit (Chaos/Schwefel) am einen Ende des Spektrums und die geformten, oft auch verhärteten Haltungen, Gewohnheiten, Ansichten, Systeme (Form/Salz) am anderen – werden durch die dritte verändernde Kraft (Bewegung/Quecksilber) in eine dynamische Beziehung gebracht. Dieser quecksilbrige (mer­ kurische) Anteil in uns, seine Verbundenheit und seine anteilnehmende Empfänglichkeit, fühlt, sieht, hört und erkennt, was getan werden muss, im eigenen Leben und in der Welt. Diese dritte, merkurische Kraft wird ange­ trieben vom „Denken mit dem Herzen“3 – es ist ein Wissen, das nicht aus der Vernunft entsteht, sondern aus der Erfahrung des Notwendigen, des Unvollkommenen, des Schmerzes – diese Kraft rührt auf und um. Getragen vom Willen, der aus gelebter Erfahrung erwächst, bringt diese verbindende Kraft Bewegung in die Welt der Gegensätze: Sie erwärmt unangemessen verhärtete Formen und löst sie auf; sie bringt eine neue Dynamik in die Welt der festen Meinungen, Ansichten und Konzepte.

Aber was hat das alles mit geben zu tun? Für gewöhnlich, wenn wir ans Geben denken, stellen wir uns etwas Wechselseitiges vor. Geben und Nehmen: eine Form des fairen und respektvollen Austausches. Aber es gibt auch andere Formen des Gebens. Anstelle eines Austausches könnten wir uns Geben als einen Akt vollkommener Großzügigkeit denken, bei dem wir nichts gewinnen: eine Möglichkeit loszulassen. Nachgeben. Oder auch geben als Akt der Wohltätigkeit. Wenn wir jedoch genauer hinsehen, erkennen wir, dass diese Art zu geben tatsächlich ein Nehmen ist. Eher ein eigennütziger Akt. Man möchte sich gut fühlen, weniger eingeengt durch Dinge oder Schuldgefühle, man möchte sich von unverhältnismäßigem Reichtum oder Einkommen befreien oder einfach gemocht werden. Es gibt viele Arten des Gebets, viele Rituale, um den hungrigen Göttern zu opfern, unsichtbare Mächte zu beschwichtigen. Der Zehnte an die Kirche, Brandopfer, Spenden an Bedürftige. Wird Gott mich mehr lieben, mich mit Wohlwollen betrachten? Wird Gott mein Opfer, meine Gaben annehmen? Oder muss ich noch mehr geben?4 Wenn ich gebe, um mich zu entlasten, mich weniger schuldig zu fühlen an Ungleichheit, kann es sein, dass ich mich mit „erkaufter“ Güte und Freundlichkeit belaste. Chögyam Trungpa sagt, wir müssen „spirituellen Materialismus“ genau­so überwinden wie jede andere Form des materiellen Denkens. Sonst sammeln wir nur Güter auf einer anderen Ebene an: spirituellen Besitz, der viel schwerer wieder loszuwerden ist.5 Trotzdem müssen wir, um überhaupt geben zu können, unsere eigenen Bedürfnisse überwinden, wenigstens für den Moment. Aber es wäre ein weiterer Fehler, dies als Verzicht zu verstehen. Geben ist etwas Überschwängliches, es hat nichts Unterdrücktes; es verdrängt nichts, hält nichts zurück: Verzicht ist eher eine Art, sich selbst zu schaden. In welcher Weise können wir also von geben sprechen? Wie kann ich die Bedürfnisse einer anderen Person, die Erforder­ 39

2. Siehe hierzu Arthur Zajonc: Cog­ nitive-Affective Connections in Tea­ ching and Learning: The Relationship between Love and Knowledge, www.arthurzajonc.org/uploads/ JCAL Love and Knowledge paper. pdf. Der Artikel gibt eine kurze, aber relativ umfassende Erläuterung dieses Vorgangs. 3. James Hillmans Buch „Thought of the Heart“ (Dallas 1998) beschreibt verschiedene Arten des Wissens. So auch Henri Bortoft in „The Wholeness of Nature”, das Goethes Ansatz von den verschiedenen Arten des Bewusstseins erklärt. 4. Viele dieser Arten des Gebens setzen Besitz voraus, obwohl wir in Wahrheit nichts besitzen, das wir geben können. Man kann nur erkennen, wo etwas fehlt und es weitergeben. Oder wir können danken, nicht durch Gebete, sondern indem wir Dankbarkeit zeigen; richtig verstanden ist „Dankbarkeit eine würdevolle Haltung“ (Satish Kumar in seiner Vorlesung „On Being an Earth Pilgrim“, St. Mary’s Church, Oxford, November 2010) 5. Chögyam Trungpa: Cutting through Spiritual Materialism, Boston 1973


Von der Knappheit zur Fülle

nisse einer Situation erkennen und darauf rea­ gieren, ohne selbstsüchtig zu agieren oder mir selbst zu schaden? Die deutsche Sprache hat dafür einen Begriff: Aufmerksamkeit schenken. Aufmerksamkeit schenken ist ein unverzichtbarer Teil des gemeinsamen Schaffens der „sozialen Plastik“. Diese Art zu geben beruht auf lebhafter Beteiligung von Seele und Geist, die sich in Beziehung setzt zu allem, was ich sehe, erkenne und wahrnehme. So verstanden ist geben etwas, das aus einer inneren Bewegung entsteht – indem man aus der eigenen leben­ digen inneren Bewegtheit auf den anderen zugeht.

6. Johann Wolfgang von Goethe: Maximen und Reflexionen, Leipzig 1941, S. 97

Indem wir Aufmerksamkeit schenken, und dazu gehört „genaues Beobachten“ oder, wie Goethe es nannte, „zarte Empirie“,6 folgen wir Goethe in das Reich der lebendigen inneren Bewegtheit. Diese intensive und teilnehmende Art des Beobachtens gewährt mir sowohl den Zugang zur „Grundidee“, zur Ur-Form, als auch zu meinen eigenen Überzeugungen und meiner Art der Wahrnehmung. Durch dieses verbundene Sich–in-etwas-Hineinleben erlebe ich in mir selbst, wo etwas fehlt, was fehlt und wo ein Mangel besteht. Jedes Ding, das wir wirklich sehen, entwickelt nicht nur ein neues Wahr­ nehmungsorgan in uns, es lässt uns seinen Ruf hören. Könnten wir uns mit unserer lebendigen Vorstellungskraft, in unserem Denken, den Flüssen unserer Erde nähern, wir würden sie als das erkennen, was sie wirklich sind: die Adern eines gigantischen Körpers. Wenn wir das, was wir erleben, durch kontemplatives Beobachten mit Information verbinden – was uns hilft, jene Aspekte zu erspüren, die wir nicht beobachten können –, wir würden um den Schmerz dieser gepeinigten Ströme wissen. Sich jedoch aus der Ferne einer Sache anzunehmen, ist eine weit schwierigere Dimension der moralischen Imagination, als sich um Dinge zu kümmern, die in unserem Blickfeld liegen. Das ist eines der Hindernisse, die wir überwinden, eine der Fähigkeiten, die wir entwickeln müssen. Die 40

Fähigkeit, sich das vorzustellen, was nicht in unmittelbarer Reichweite liegt. Furcht ist ein anderes Hindernis für das Schenken von Aufmerksamkeit. Furcht hindert uns zu erleben, beeinträchtigt das genaue Beobachten und betäubt unsere Fähigkeit der lebendigen, teilnehmenden Wahrnehmung. Statt uns auszudehnen, die Begegnung zu suchen, uns zu beteiligen, zu umarmen, erstarren wir, ziehen uns zurück und vergraben uns in unserer eigenen Welt. Diese Welt ist eine in sich geschlossene. Es ist eine Welt, die verhärtet, eine Welt, die dem anderen nicht begegnen kann, die allem Unbekannten misstraut. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit unse­ ren Ängsten das erste Geschenk an uns selbst und an die Welt. Unsere Angst kontrollieren. Das erfordert Mut, weil ich mich mit bestimm­ ten Dingen konfrontieren, andere aufgeben muss, und das ist nicht so einfach. Warum reagiere ich manchmal wie eine Schnecke, die ihre Fühler bei der leisesten Berührung einzieht? Wie schaffe ich es, trotz meiner Angst in die Welt zurückzukehren, was bedeutet, mich als verbunden zu erleben, im Gegensatz zu distanzierter Isolation. Ich muss meine Aufmerksamkeit auf die „Wunde“ richten, auf das, was mich dazu bringt, meine inneren Fühler einzu­ ziehen, auf das, was mich hemmt. Ich muss überwinden, was mich davon abhält, aus mir herauszugehen, was es mir unmöglich macht, im anderen bei mir und in der Welt zu sein. Auch wenn es so scheint, als sei es selbstbezogen, den eigenen Ängsten Aufmerksamkeit zu schenken, so ist es in Wirklichkeit Teil der Vorbereitung auf das Sakrament des Gebens. Den Willen aufzubringen, sich dieser inneren Welt der Ängste und der Gewohnheiten, die mich von anderen isolieren, zu stellen, trägt dazu bei, den Willen zur Präsenz zu entwickeln, den Willen, dem unbekannten anderen mit Fantasie zu begegnen. Dieser Wille ist eine Wärmequelle. Und so wie Wärme Fett weich macht, die feste Erscheinung von Fett zum Fließen bringt – wie in Beuys’ „Fettecke“ impli-


Shelley Sacks

ziert – bewirkt die Kraft des Willens, der Wärme, angetrieben von meiner inneren teilnehmenden Fantasie, dass ich in dem, was fest und (vor) gegeben erscheint, das veränderliche Potenzial erkenne. Ich fange an, in und durch die Vorstellungskraft zu leben, was nichts mit der Scheinwelt der Ausgeschlossenheit zu tun hat. Einzig mithilfe der Imagination können wir uns mit der Welt auf eine Weise befassen, die Subjekt und Objekt vereint. Je mehr Aufmerksamkeit ich dem mir Unbekannten, dem Unbeachteten schenke – in mir wie auch „da draußen“ – desto mehr erschließt sich die Welt in mir. Und sobald ich ihre Stimme verstehe, ihr Leben, ihre Bedürfnisse, habe ich mehr Möglichkeiten, neue, brauchbare Formen zu schaffen. In mir gibt es einen Bereich, in dem diese Art der Erkenntnis geschehen kann. Ich muss ihn nur entdecken und betreten. Aber diese konzentrierte Aufmerksamkeit ist anstrengend. Sie erfordert Willensstärke. Darum ist es außerordentlich wichtig, die Bedeutung des Wollens für den Bereich der menschlichen Transformation zu beachten. Anders als Materialien wie Fett oder Wasser, die ihre Beschaffenheit durch äußere Einflüsse wie Temperatur verändern, erfordert das bewusste Handeln des Menschen den Akt des Wollens. Diese bewegte dritte Kraft, die in Verbindung treten will, indem sie sich der Sprache der Dinge nähert, der „Liebe zur Sache“, indem sie der Welt Beachtung schenkt, auf sie eingeht, bildet die Sphäre der Arbeit mit dem Willen, mit Wärme.7 Die Sphäre des „Sichvergegenwärtigens“8, der Enthüllungen und des unmittelbaren Verstehens kann die moralische Intuition in Gang setzen. In dieser Sphäre sind Liebe und Wissen9 verbunden. Es ist auch eine Sphäre des teilnehmenden Wissens, die Grundlage der zuneigenden Fürsorglichkeit! Und diese ist die Verbindung zwischen der Sphäre der WärmeArbeit bzw. des verbindenden Denkens und bürgerschaftlichem Engagement. Historisch und philosophisch wurde bürgerschaft­ liches Engagement im Wesentlichen unter zwei Gesichtspunkten betrachtet. Die eine Auffas-

sung sieht privat und öffentlich als voneinander getrennte Bereiche an, sie versteht bürgerschaft­ liches Engagement und Politik als Teile eines unpersönlichen, öffentlichen Bereichs, der sich in gewisser Weise von dem Bereich des Individuellen unterscheidet. Die andere Betrachtungs­ weise bürgerschaftlichen Engagements trifft diese Unterscheidung nicht. Nach dieser Betrach­ tungsweise bewegen Personen sich immer in einem Umfeld, das sie und andere einschließt. Die frühe feministische These „Das Private ist politisch“ hat diese Sichtweise zum Ausdruck gebracht. Jede/jeder war dafür verantwortlich, das Patriarchat, das alle Lebensbereiche durchdrang, infrage zu stellen und zu verändern. Und dadurch fingen wir an zu begreifen, dass wir alle dazu beitragen, bestimmte Denkweisen aufrecht­ zuerhalten. Ökologische Bürgerschaft erweitert unser Bewusstsein und den Bereich der morali­ schen Intuition um die Verbundenheit mit allen Formen des Lebens und eröffnet so unweigerlich eine weit nachhaltigere Perspektive. Als ökologisch Handelnde müssen wir uns, um Interaktion und Verbundenheit zu leben, um moralische Intuition zu entwickeln, mit Grundfragen auseinandersetzen: Was tue ich in der Welt?10 Das bedeutet nicht, logische, kausale Antworten zu suchen und zu formulieren. Allein dadurch, dass ich mit dieser Frage lebe, trete ich in eine andere, aktivere Beziehung zur Welt. Ich erlebe ihre Mysterien. Ich arbeite in ihr und mit ihr. Wenn ich das Territorium dieser Frage aktiviere, wird meine Wahrnehmung angeregt und neue Erkenntnisse kommen zum Vorschein. Ein Teil meiner Arbeit an Transformation, die aus dieser Art, Aufmerksamkeit zu schenken, entsteht, besteht darin, diese Wahr­ nehmungen aufkommen zu lassen.11 Und so kann moralische Intuition aufscheinen und mich zum Handeln motivieren. Als ökologisch Handelnde brauche ich auch ein Bild des Menschen, das ihn als Werdenden begreift. Nur dann kann ich die Wahrnehmungen in Bewegung setzen, mit deren Hilfe ich neue Arten des Lebens und des Interagierens mit anderen Lebensformen entdecke und ent41

7. „Liebe zur Sache“ nennt Joseph Beuys einen zentralen Aspekt des Schaffens der sozialen Skulptur, in dem es darum geht, den Willen zu wecken und zu stärken und mit der Welt aus Liebe zur Sache in Beziehung zu treten. Auf die Frage nach dem Zeichnen der inneren und äußeren Welt antwortete Beuys, er zeichne nur, wenn etwas ihn „rufe“. Er sagte, dass die Dinge uns rufen, wenn wir sie annehmen, lieben und dass wir nur aus Liebe zur Sache arbeiten und nicht durch äußeren Druck handeln oder tätig werden können (zitiert nach eigenen Aufzeichnungen, Hamburg 1974). Für eine ausgezeichnete Auseinandersetzung mit dem Begriff der Wärme-Arbeit siehe: Wolfgang Zum­ dick: Gong:h = der Mensch in PAN XXX ttt: Joseph Beuys als Denker, Stuttgart/Berlin 2002 8. C. Otto Scharmer prägte diesen Begriff, um den Prozess der aktiven Kontemplation zu beschreiben. Siehe hierzu: www.presencing.com/docs/ publications/execsums/Theory_U_ Exec_Summary.pdf 9. Arthur Zajonc beschreibt den Prozess der kontemplativen Untersuchung und die Bedeutung der Liebe für die Entwicklung eines wachen, teilnehmenden Bewusstseins in: Love and Knowledge: Recovering the Heart of Learning Through Contemplation, Teachers College Record, Bd. 108, Nr. 9, September 2006, S. 1742–1759. Als Nachdruck erschienen in: The Journal of Cognitive Affective Learning unter dem Titel: Cognitive-Affective Connections in Teaching and Learning: The Relationship bet­ ween Love and Knowledge, www. arthurzajonc.org/uploads/JCAL Love and Knowledge paper.pdf 10. Die Frage ist ein zentraler Aspekt des bürgerschaftlichen Projekts (im Sinne der Beuys’schen sozialen Plastik) „Ort des Treffens“, Hannover, Deutschland, 2009, mitt­ lerweile als Bürgerinitiative weitergeführt. Siehe: www.ortdestreffens.de 11. „University of the Trees“ ist eine soziale Plastik, welche mittels kontemplativer Teilnahme im Sinne Goethes moralische Intuition ermög­ lichen und „Wahrnehmung auf­ kommen lassen“ möchte.


Von der Knappheit zur Fülle

12. „Man kann den Schmerz der Bäume hören. Aber wir müssen neue Wahrnehmungsorgane entwickeln, damit wir diese Äußerungen der Welt hören können, damit wir ihre Bedeutung verstehen und neue Formen schaffen, die der Natur nicht noch mehr dieses immensen Leids zufügen.“ (Aufzeichnungen einer Diskussion mit Beuys in Düsseldorf 1980. Siehe auch: w w w.universityofthetrees.org/ about/instruments-of-consciousness.html). Ähnlich äußert sich Beuys in einem Gespräch mit F. Mennekes in: Beuys on Christ, Stuttgart 1996. 13. „[Egoismus] ist oft ein Konglomerat von außen gesteuerter Wünsche, die sich als Eigeninitiative tarnen, im Gegensatz dazu ist mora­lische Intuition ein selbstbestimmter Akt, der aus Liebe zur Bedeutung einer Tat entsteht. … Der Initiant oder Initiator, der sich um ein spirituelles Handeln aus dem Geist bemüht, muss lernen, seine Aufmerksamkeit von der sozialen Situation und der Notwendigkeit zu handeln abzulenken und sie auf den subtilen Bereich des Nichthandelns zu richten. Dieser Wechsel der Aufmerksamkeit wird verstärkt, wenn er aus einem kontemplativen Bewusstseinszustand erfolgt. Mit dem Bereich des Nicht­handelns ist ein Bereich des Sich-Öffnens, des Kommenlassens gemeint. Dieser innere Raum beherbergt die Möglichkeit, Handlungsfähigkeit spirituell zu erfahren. In diesem inneren Raum wird es möglich, vom Geist der Initiative beschenkt zu werden.“ Otto Scharmer (www.presencing.org) bezeichnet diesen Moment als presencing. Was in diesem Augenblick aufscheint, ist kein Ergebnis festgelegten Planens, sondern das Ergebnis moralischer Intuition.

wickle. Ohne dieses aus dem Inneren aktivierte Bewusstsein werde ich in relativer Passivität verharren. Ich verbleibe im Privaten, da ich glaube, wenig verändern zu können. Obwohl innerlich aktiv zu werden also ein langsamer Prozess mit ungewissem Ausgang ist, steht er doch am Beginn der Transformation. Sobald ich anfange, ein Bild vom Menschen im Stadium des Werdens zu entwickeln, werde ich die Erfahrung machen, dass „eine andere Welt möglich ist“, und es fällt schwerer, passiv zu bleiben. Aufmerksamkeit zu schenken hat also tatsächlich eine mobilisierende Wirkung und verbindet die Grundform des Gebens mit ökolo­ gischem bürgerschaftlichem Handeln.

Ästhetik, die uns mit der Welt verbindet, steht in engem Zusammenhang mit der Fähigkeit zu antworten und zu fühlen. Verantwortung ist dann keine uns von außen auferlegte Pflicht, kein moralischer Imperativ, sondern eine orga­ nische Aufnahmebereitschaft, die etwas mit teilnehmender Imagination und Verbundenheit zu tun hat. Sie ist das kostbare Ergebnis des Schenkens von Aufmerksamkeit. Abgesehen vom Geschenk des Lebens selbst, das herzuschenken uns nicht zusteht, geht diese Form des Gebens allen anderen voraus. Sie ist das Geschenk, das uns andere Geschenke und Formen entdecken lässt, die wir brauchen, um eine lebensfähige Welt zu schaffen.

Eine der größeren Fragen dreht sich um Arbeit, Kreativität, darum, was wir mit unserer Zeit anfangen. Und folglich auch um die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, das die zerstörerischen, systematischen Verzerrungen überwinden könnte. Das bedingungslose Grund­ einkommen ist eine Form des Gebens, die nichts mit Wohltätigkeit oder Güte zu tun hat. Es ist eine Form der Verbundenheit, die das Inder-Welt-Sein als ein Feld anerkennt, in dem es jedem menschlichen Wesen möglich sein sollte, sein kreatives Potenzial zu entwickeln.

Wir finden uns umgeben von vielfältigen Formen eines zerstörerischen, destruktiven, ausbeuterischen und abtrennenden Handelns, das sich oft der Wahrnehmung entzieht, und brauchen deshalb neue Wahrnehmungsorgane, um den ganzen, so komplexen Horror zu erkennen.12 Das werden wir nur tun können, wenn wir uns mit offenen Augen und offenem Herzen in die Welt begeben, gewillt, sie zu uns sprechen zu lassen. Wir müssen ihren Schmerz teilen, müssen die Absurditäten der Erziehung, der Landwirtschaft, der Ökonomie in uns aufnehmen, damit wir das unermessliche Leid der Natur erkennen und ihr größte kreative Auf­ merksamkeit schenken. Der Stimme der Dinge zu lauschen, genau hinzuhören ist ein zentrales ethisches Prinzip moralischer Intuition. Diese Form des Präsent-Seins hilft uns, moralische Fantasie zu entwickeln, und wir erkennen die moralisch angemessene Handlung.13

Ein anderer großer Bereich der Wechselbeziehungen betrifft unsere Haltung zur Erde, die davon abhängt, wie wir die Natur und den Sinn des menschlichen Lebens verstehen. Ist die Erde ein Planet, den wir in erster Linie um unserer selbst willen erhalten müssen, oder können wir unsere Kreativität dazu nutzen, schonende Wege des Fortschritts zu entwickeln, Wege, die alle Lebensformen achten und respektieren? 1998 wurde ich eingeladen, auf einer Konfe­ renz der UNESCO zu Kultur und Entwicklung einen Vortrag zum Thema soziale Skulptur zu halten. Ich schlug vor, Ästhetik neu zu definieren, und zwar als lebendig gemachtes Sein im Gegensatz zur Anästhesie oder Betäubung. So betrachtet wird alles, was unsere Beziehung zur Welt belebt, als ästhetisch verstanden. Eine 42

Aus dem Englischen von Gitta Büchner


Shelley Sacks

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Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

Autor // Harald Spehl Prof. Dr. Harald Spehl (Mainz), geb. 1940, Studium der Volkswirtschaftslehre. Forschungsund Lehrassistent an den Universitäten Münster und Köln, 1973 bis 1975 Professor für Volkswirtschaftslehre in der Abteilung Raumplanung der Universität Dortmund, von 1975 bis zur Emeritierung 2007 Professor für VWL in Trier. Schwerpunkte: Regionalentwicklung und -politik, Ökologie, Ökonomie und Sozialentwicklung. Seit 1990 Neuorientierung auf der Grundlage der Dreigliederung des sozialen Organismus.

Die Bedeutung von Schenkgeld in Wirtschaft und Gesellschaft Den Begriff des Schenkens verbindet man normalerweise mit dem Bereich des Privaten. Man gibt Almosen, man schenkt zu Geburts- und Festtagen, man beschenkt Kinder mit größeren Geldbeträgen, man schenkt sogar ein Auto oder ein Haus. Man kann das als Schenkung zu Lebzeiten bezeichnen. Konkrete Zahlen über den Umfang solcher Schenkungen sind nicht bekannt. Eine andere Qualität hat die Schenkung von Todes wegen, das Vererben von Geld- und Sach­ vermögen beim Tod eines Menschen. Diese Schenkungen sind gesetzlich geregelt, aller­dings vom Erblasser durch ein gültiges Testament gestaltbar. Auf den ersten Blick handelt es sich beim Erbe auch um eine persönliche, private Schenkung, aber angesichts der Größenordnung gehen von diesen Schenkungen erheb­ liche wirtschaftliche und gesellschaftliche Wirkungen aus. Nach Schätzungen werden in Deutschland jährlich etwa 200 Mrd. Euro vererbt.1 1. Spiegel Online 2008 2. Deutsche Welle 2010 3. Bundesverband Deutscher Stiftungen 2010 a 4. Bundesverband Deutscher Stiftungen 2010 b 5. Social Times 2008

Ein weiterer Bereich sind Spenden an kirchliche oder karitative Organisationen, gemeinnützige Institutionen und auch an politische Parteien. Das Spendenaufkommen ist in Deutschland im 44

Jahr 2009 zwar um 3 % gegenüber dem Vorjahr gesunken, betrug aber immer noch über 2 Mrd. Euro.2 Stiftungen haben in den vergangenen Jahren in Deutschland eine immer größere Bedeutung erlangt. Einzelpersonen, Personengruppen oder Unternehmen statten eine juristische Person – eben eine Stiftung – mit Geld- oder Vermögenswerten aus und legen über die Zweckbestimmung die Verwendung der künftigen Erträge fest. Im Jahr 2009 gab es in Deutschland 17.372 Stiftungen,3 die überwiegend gemeinnützige und soziale Zwecke verfolgen, aber auch auf den Feldern von Wissenschaft und Forschung, Bildung und Erziehung, Kunst und Kultur sowie Umweltschutz tätig sind.4 Die Gesellschaft hat dazu festgelegt, welche Stiftungszwecke zu steuerlichen Vorteilen führen. Alle Stiftungen zusammen verwalteten im Jahr 2008 ein Vermögen von 100 Mrd. Euro, die Erträge, die für die Stiftungszwecke zur Verfügung standen, betrugen in den Jahren 2008/09 durchschnittlich 4,4 %, also 4,4 Mrd. Euro.5 Aus dieser Darstellung von Schenkungen in Deutschland wird deutlich, dass Schenkungen, die wirtschaftlich relevant sind bzw. bestimmte


Harald Spehl und Christoph Strawe

Autor // Christoph Strawe Prof. Dr. Christoph Strawe (Stuttgart), geb. 1948, Studium der Philosophie und Sozialwissenschaft, Waldorfpädagogik. Politisches Engagement in der Studentenbewegung. Tätigkeit als Referent bei einem NS-Verfolgten-Verband und als Verlagslektor. Vortragsund Seminartätigkeit u. a. an der Freien Hochschule Stuttgart. Buchveröffentlichungen, u. a. „Marxismus und Anthroposophie“. Geschäftsführer des Instituts für soziale Gegenwartsfragen Stuttgart, Redakteur der Zeitschrift „Sozialimpulse“.

Größenordnungen überschreiten, keine Privat­ angelegenheit mehr sind, sondern eng mit Wirtschaft und Politik verflochten sind. Auf der einen Seite ist die Beteiligung der Gesellschaft an Schenkungen durch Besteuerung geregelt, auf der andern Seite werden Schenkungen steuer­ lich bevorzugt, wenn sie bestimmte gesellschaftlich festgelegte Zielsetzungen verfolgen. Der eigentliche Wirtschaftsbereich der Gesellschaft wird aber kaum mit dem Begriff des Schenkens in Verbindung gebracht. Hier soll gezeigt werden, dass dies zu Unrecht so ist, dass das Schenken als Institution in Wirtschaft und Gesellschaft eine sehr große Bedeutung hat, die aber in der Regel nicht genügend beachtet wird. Dies betrifft den gesamten Bereich der öffentlichen bzw. staatlichen Aktivi­ täten in der Gesellschaft. Die gesamtwirtschaftliche Leistung in Deutschland wird in der volkswirtschaftlichen Gesamt­ rechnung erfasst.6 Das Bruttoinlandsprodukt, die Summe aller Ausgaben für Konsum, Bruttoinvestitionen und Exporte minus Importe, belief sich im Jahr 2009 auf einen Wert von 2.407,2 Mrd. Euro.7 Angesichts dieser Größenordnung erscheinen die eingangs genannten Schenkungsbereiche nur von untergeordneter Bedeutung. Diese Sichtweise wird auch durch die allgemein übliche Behandlung des Geldes bestärkt. Geld wird verwendet für den Kauf von Konsumgütern (Kaufgeld) und Investitionsgütern (Leihgeld), die Kategorie des Schenkgeldes spielt keine Rolle. Der Kauf von Konsumgütern dient der Lebensgrundlage und der Bedürfnisbefriedigung der

Menschen. Die Sachinvestitionen erfolgen zur Erhaltung, Verbesserung und Erweiterung der Produktionsmöglichkeiten, sie sind mit Risiken verbunden. Es scheint so, als hätten auch in diesem Zusammenhang Schenkungen keinen Stellenwert. Betrachtet man aber die Aufteilung der gesamten Wirtschaftsleistung auf den privaten und den staatlichen Sektor, ergibt sich ein anderes Bild. Die Ausgaben des Staates betrugen im Jahr 2009 1.145,27 Mrd. Euro,8 bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt ergibt das einen Anteil von 47,6 % der wirtschaftlichen Leistung, der vom Staat beeinflusst wurde. Neben den Ausgaben für die Kernbereiche der staatlichen Aufgaben wie Politik und öffentliche Verwaltung, innere und äußere Sicherheit finden sich hier die Personal- und Sachausgaben für die soziale Sicherung, für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Die Einnahmerechnung zeigt, dass diese Aufgaben und Ausgaben zum größten Teil durch Sozialbeiträge und Steuern finanziert werden. In § 3 der Abgabenordnung wird der Begriff Steuern folgendermaßen definiert: „Steuern sind Geldleistungen, die nicht eine Gegenleistung für eine besondere Leistung darstellen und von einem öffentlich-rechtlichen Gemeinwesen zur Erzielung von Einnahmen allen auferlegt werden, bei denen der Tatbestand zutrifft, an den das Gesetz die Leistungspflicht knüpft; die Erzielung von Einnahmen kann Nebenzweck sein.“9 Die Sozialversicherung stellt in Deutschland die wichtigste Institution der sozialen Sicherung dar. Es handelt sich um eine staatlich geregelte Vorsorge für wichtige Risiken des Daseins wie 45

6. Statistisches Bundesamt 2010 7. Statistisches Bundesamt 2010: 629 8. Statistisches Bundesamt 2010: 651 9. Bundesministerium der Finanzen 2010


Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

Krankheit, Unfall, Alter und Pflegebedürftigkeit, die von selbstverwalteten Versicherungs­ trägern organisiert wird. Zur Sicherung des Beitragsaufkommens besteht für einen großen Teil der Personen und Organisationen eine Bei­ tragspflicht. Die Ausgaben für die Leistungen eines Jahres werden überwiegend aus dem Beitragsaufkommen des gleichen Jahres bestrit­ ten. Die Leistungen werden vorwiegend als für alle Versicherten gleiche Sachleistungen oder als beitragsabhängige Geldleistungen (z. B. Renten, Krankengeld) erbracht.10 Ohne an dieser Stelle auf die Unterschiede zwischen Steuern und Beiträgen zur Sozialver­ sicherung einzugehen, soll festgehalten werden, dass es sich um politisch legitimierte Zahlungen handelt, denen keine direkte Gegenleistung entspricht. Man kann diese Zahlungsvorgänge daher als gesellschaftlich vereinbarte Schenkungen oder auch „Zwangsschenkungen“ verstehen. Durch die Einrichtung eines Steuersystems und eines Systems der öffentlichen sozia­len Sicherung hat die Gesellschaft einen Prozess organisiert, der sicherstellt, dass ausreichend Schenkgeld für die Erfüllung der öffentlichen Aufgaben zur Verfügung steht. Die eingangs ange­führten Bereiche freiwilliger Spenden beziehen sich daher auf Teilbereiche dieser öffent­ lichen Aufgaben.

10. Wikipedia 2010 11. Steiner 1919/1961, Spehl 2004

Der heutige Zwangsschenkungsmechanismus führt nur zu oft zu einer inhaltlichen Bestimmung des Staates über die finanzierten Gebiete – z. B. das Schul- und das Gesundheitswesen – und damit zur Beschneidung kreativer Freiheit, wo es sich eigentlich nur um eine die Freiheit schützende Rechtsaufsicht handeln dürfte. Auch fördert er oft ein falsches soziales Empfinden: Wir erleben nicht die Geste des Ermöglichens durch Schenkung, sondern eine Beschneidung unseres Einkommens. Das heißt, wir vergessen, dass es sich letztlich um einen gesellschaftlichen Konsens über die Aufteilung der Wertschöpfung handelt. Je bewusster die Verständigung darüber ist, was es an Schenkgeld in der Gesellschaft braucht, je mehr Freiwilligkeit im Schenken erlebt wird, desto stärker wird der ganze 46

Vorgang vom Empfinden der Menschen getragen werden. Man kann sich daher vorstellen, dass im Zuge der weiteren gesellschaftlichen Ent­ wicklung ein zunehmender Teil der „Zwangs­ schenkungen“ durch freiwillige Schenkungen ersetzt werden kann, wenn sich das entsprechende Bewusstsein für die Notwendigkeit der Finanzierung dieser öffentlichen Aufgaben entwickelt und entsprechende Institutionen geschaffen werden. Eine notwendige Voraussetzung dafür ist, die Zweiteilung von privat und Staat bzw. auch von Markt und Staat zu überwinden und die Gesellschaft als dreigliederigen Organismus zu verstehen: Damit mündige Menschen ihre sozialen Verhältnisse selbst gestalten können, müssen die Subsysteme von Kultur, Ökonomie und Staat sich selbstständig entwickeln und ohne Dominanz eines Systems über die anderen zusammenarbeiten können. Axiales Gestaltungsprinzip der Kultursphäre ist dabei der Grundwert der Freiheit, das des Staates die demokratische Gleichheit und das der Ökonomie die Solidarität.11 In der Wirtschaft werden Waren für die Bedürf­ nisse der Menschen produziert, im staatlichen Bereich im engeren Sinn werden die rechtlichen Grundlagen für das Zusammenleben geschaffen und gesichert, als drittes Gebiet kommen Bildung, Wissenschaft, Kunst usw. hinzu. Ohne die finanzielle und damit wirtschaftliche Sicherung dieses dritten Bereiches kann keine Gesellschaft existieren. Es ist von zentraler Bedeutung zu verstehen, dass dieser dritte Bereich freibleibend mit Schenk­ geld finanziert werden muss. Es geht eben nicht um den Kauf von Erziehungs-, Bildungs-, Pflege-, Wissenschafts- und Kulturleistungen durch den Staat, es geht hier auch nicht um renditeorientierte Investitionen. Wenn Geld für Investitionen bereitgestellt wird, erwarten die Geldgeber, dass der Investor damit die Entwicklung von neuen oder verbesserten Produkten oder Verfahren oder die Errichtung


Harald Spehl und Christoph Strawe

von Produktionsanlagen finanziert, die das Leis­ tungsangebot erweitern oder verbessern. Solche Investitionen sind mit dem Risiko des Scheiterns und damit des Verlustes des bereitgestellten Kapitals verbunden. Bei erfolgreichen Investitio­ nen stehen dem Geldgeber die Rückzahlung der eingebrachten Mittel und je nachdem, ob es sich um eine Kapitalbeteiligung oder eine Kreditvergabe handelt, ein Anteil am Ertrag oder eine Zinszahlung zu. Je näher die so finanzierten Investitionen dem direkten Erzeugungs- und Verteilungsprozess in der Wirtschaft stehen, umso eindeutiger und klarer kann der Verwendungszweck im Investitionsbereich festgelegt werden. Je weiter sich die Investitionen auf den Forschungsbereich in den Unternehmen beziehen, umso unsicherer und risikoreicher werden sie. Je weiter die Mittel­ verwendung in die Grundlagenforschung geht, umso mehr wird das Geld, statt Leihgeld oder Risikokapital zu sein, faktisch zu Schenk­geld. Es ist daher nachvollziehbar, dass der größte Teil der Grundlagenforschung nicht in Wirtschafts­ unternehmen, sondern in öffent­lichen Forsch­ ungs­einrichtungen erfolgt, die mit Steuermitteln, also Schenkgeld, finanziert werden. Dieses Geld wird überwiegend vom Staat bereit­gestellt ohne die Erwartung von Rückzahlungen oder direkten Renditen. Dadurch werden aber Freiräume geschaffen, in denen ganz neue Erkenntnisse oder Entwicklungen geschehen können, die dann die Grundlage für eine hohe gesamtgesell­ schaftliche Rendite bilden. Ent­spre­chendes gilt für den Bildungs- und Kultur­sektor. Es ist daher schon vom Begriff her falsch und irreführend, von Investitionen in Bildung, Forschung und Kultur zu sprechen. Gerade durch die Krisen der letzten Jahre ist deut­ lich geworden, dass sich auch mit dem Begriff „Finanzinvestition“ eine falsche und gefährliche Verwendung des Investitionsbe­griffs eingebür­ gert hat. Durch den Fluss des Geldes in diese Verwendungen löst sich das Geld zunehmend von der wirtschaftlichen Realität ab, es bilden sich spekulative „Blasen“. Wesent­licher ist aber, dass es in der Sphäre des Schenkgeldes fehlt.12

Der Staat hat die Aufgabe, die notwendige Finanzierung der genannten Gesellschaftsbereiche sicherzustellen, nicht aber deren Inhalte festzulegen. Der Beschluss von Bund und Ländern beim Dresdner Bildungsgipfel 2009, bis zum Jahr 2015 die Ausgaben für Bildung und Forschung auf 10 % des Bruttoinlandsproduktes zu erhöhen, kann durchaus als ein Schritt in dieser Richtung gesehen werden.13 Es kann auch nicht darum gehen, den staatlichen Einfluss durch eine inhaltliche Bestimmung dieser Bereiche durch die Wirtschaft zu ersetzen. Die Wirkung des Schenkgeldes in den genannten Bereichen ist umso größer, je freier die dort Täti­

Je bewusster die Verständigung darüber ist, was es an Schenkgeld in der Gesellschaft braucht, desto stärker wird der ganze Vorgang vom Empfinden der Menschen getragen werden gen in der inhaltlichen Bestimmung ihrer jeweiligen Tätigkeiten sind. Das erfordert allerdings auch eine Entwicklung zu mehr Selbstverwaltung, Transparenz und gesellschaftlichem Dialog in diesem dritten Bereich der Gesellschaft.14 Das Verständnis der großen Bedeutung des Schenkens und des Schenkgeldes für die Gesellschaft ist die Voraussetzung dafür, den richtigen Umfang und die Verteilung der Wertschöpfung eines Landes zwischen den Institutionen der Wirtschaft, des Staates und des kulturellen Sektors im hier weit verstandenen Sinne auszuhandeln und zu vereinbaren.15 Der Übergang von der heute überwiegenden Sicherung und Bereitstellung des Schenkgeldes durch den Staat zu Vereinbarungen der genann­ ten Sektoren mit der Gesellschaft kann sicher nur in Schritten erfolgen. Es kann nicht dem Urteil von Einzelpersonen oder Unternehmen über47

12. Spehl/Strawe 2009 13. Frankfurter Rundschau 2009; Jaich 2009 14. Strawe 2003 15. Steiner 1919/1961


Geldqualit채ten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

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Harald Spehl und Christoph Strawe

lassen bleiben, wie viel Geld für die einzelnen Bereiche von Bildung, Forschung, Gesundheitswesen usw. oder gar für einzelne Institutionen bereitgestellt wird. Es bedarf also einer gesellschaftlichen Rahmensetzung, innerhalb derer durchaus eine schrittweise Ersetzung der heutigen Form der staatlichen Finanzierung erfolgen kann. Ansätze dazu kann man in den eingangs geschilderten Regelungen für private Schenkungen und für Stiftungen sehen. Auch ist ein Steuersystem denkbar, das die Leistungsentnahme und nicht die Leistung besteuert und damit zugleich Schenkungen für die Schenkenden gänzlich steuerfrei stellt.16 Weitergehende Überlegungen beziehen sich auf eine Änderung des Geldsystems im Sinne einer „orga­nischen Geldordnung“, in der sich Geld nie stauen und Blasen werfen kann, sondern zuletzt immer Schenkgeld werden muss.17 Eine bereits heute viel diskutierte Möglichkeit, die mit der staatlichen Finanzierung verbundene inhaltliche Bestimmung im geistig-kulturellen Leben abzubauen, ist der Übergang von der bis heute vorherrschenden direkten staatlichen Finanzierung kultureller Einrichtungen zur Ausstattung der „Kulturempfangenden“ mit entsprechenden zweckgebundenen Einkommens­ anteilen durch den Staat, der dadurch nur mehr Treuhänder der Finanzmittel wäre. Die Grund­ finanzierung der Einrichtungen des Gesundheits-, Bildungs- und Kulturwesens muss durch die Gesellschaft gesichert werden und kann nicht dem Einzelnen überlassen werden, insofern haben diese Einrichtungen Infrastrukturcharakter. Die Wahlfreiheit der Nutzer solcher Einrichtungen und auch ihr Einfluss auf deren innere Gestaltung und Entwicklung kann nun dadurch gestärkt werden, dass der Staat den Individuen das Schenkgeld in Form von Gutscheinen oder Guthaben für bestimmte Verwendungen zur Verfügung stellt. So würden etwa Eltern einen Bildungsgutschein für ihre Kinder erhalten, den die Schulen beim Staat einlösen könnten. Für die Ausgestaltung wird wesentlich sein, dass deutlich wird, dass es dabei nicht um Kaufgeld

geht, mit dem die Individuen Leistungen der Einrichtungen kaufen, sondern dass sie mit ihrem Gutschein die Voraussetzung für die Entwicklung dieser Einrichtungen schaffen. Bundesministerium der Finanzen: Steuern, 2010, www.zoll.de/b0_ zoll_und_steuern/a0_steuerrecht/a0_grundl_begriffe/f0_steuern/ index.html (24.11.2010) Bundesverband Deutscher Stiftungen (2010 a): Stiftungen in Zahlen 2009, www.stiftungen.org/uploads/tx_templavoila/Stiftungszahlen_2009_BVDS_01.jpg (23.11.2010) Bundesverband Deutscher Stiftungen (2010 b): Verteilung der Stiftungszwecke, www.stiftungen.org/uploads/tx_templavoila/statistik_ ost_west_gross.jpg (23.11.2010) Deutsche Welle: Deutsche spenden weniger – ein bisschen, 8.4.2010, www.dw-world.de/dw/article/0,,5444119,00.html (23.11.2010) Frankfurter Rundschau: Dresdner Bildungsgipfel, Wichtige Ziele bleiben unerreicht, 31.3.2009, www.fr-online.de/wissenschaft/wichtige-ziele-bleiben-unerreicht-/-/1472788/3216340/-/index.html (24.11.2010) Herrmannstorfer, Udo: Zur sozialorganischen Bewältigung des Geldwesens, in: ders., Scheinmarktwirtschaft. Arbeit, Boden, Kapital und die Globalisierung der Wirtschaft, Stuttgart 1997 Jaich, Roman: Reicht das Zehn-Prozent-Ziel des Dresdener Bildungsgipfels für eine nachhaltige Reform des Bildungssystems? HansBöckler-Stiftung, 2009 Social Times: Stiftungsreport 2008. Stiftungen sollen Vermögen besser mehren, 2008, http://reset.to/blog/stiftungsreport-2008-stiftungen-sollen-vermoegen-besser-mehren Spehl, Harald: Ökonomie aus anthroposophischer Sicht, in: Jochimsen, Maren A./ Kersting, Stefan/ Knobloch, Ulrike (Hrsg.): Lebensweltökonomie, Bielefeld 2004, S. 83–99 Spehl, Harald/ Strawe, Christoph: Wirtschafts- und Finanzkrise – und kein Ende? Wie kommt Vernunft in die wirtschaftlichen und sozialen Prozesse?, in: Sozialimpulse, Heft 3, 2009 Spiegel Online: Erben in Deutschland, 2008, www.spiegel.de/sptv/ special/0,1518,druck-540166,00.html (23.11.2010) Statistisches Bundesamt: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Statistisches Jahrbuch 2010, S. 623–659, www.destatis.de/jetspeed/ portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Navigation/Publikationen/Fachveroeffentlichungen/VGR,templateId=renderPrint.psml__nnn=true (24.11.2010) Steiner, Rudolf: Die Kernpunkte der sozialen Frage, Dornach 1919/1961 Steiner, Rudolf: Nationalökonomischer Kurs, Dornach 1922/2002 Strawe, Christoph: Freiheit. Gestaltungsprinzip des geistig-kulturellen Lebens. Teil II: Freiheit und Selbstverwaltung, in: Rundbrief Dreigliederung des sozialen Organismus, Nr. 4. 2003 Strawe, Christoph: Steuerreform, in: Sozialimpulse, Heft 3, 2010 Wikipedia. Sozialversicherung (Deutschland), http://de.wikipedia. org/wiki/Sozialversicherung_(Deutschland)#Rechtsform (24.11.2010)

16. Strawe 2010 17. Steiner 1922, Herrmannstorfer 1997 49


Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

Autor // Udo Herrmannstorfer Udo Herrmannstorfer, Dornach/Schweiz. Wirtschaftsausbildung und -praxis, Berater, Mitbegründer assoziativer Zusammenarbeitsformen. Leiter des Instituts für zeitgemäße Wirtschafts- und Sozialgestaltung in Dornach. Sozialwissenschaftliche Studien und Publikationen, z. B. „Scheinmarktwirtschaft: Die Unverkäuflichkeit von Arbeit, Boden und Kapital“; internationale Vortrags- und Seminartätigkeit.

Schenken – mehr als eine großmütige Geste?

1. Die dem Aufsatz zugrunde liegende Unterscheidung der Geldprozesse in die drei Qualitäten „Kaufgeld“, „Leihgeld“ und „Schen­ kungsgeld“ wurde von Rudolf Steiner skizziert und z. B. im „Nationa­l­ ökonomischen Kurs“ (GA 323) dargestellt.

Geld erhält seine Bedeutung und Bestimmung von den sozialen Prozessen, in denen es Verwendung findet. Ändert sich deren Qualität, so muss auch das Geld eine andere Funktion übernehmen. Unterschiedliche soziale Beziehung­s­ qualitäten führen zu der Gelddifferenzierung von Kauf-, Kredit- und Schenkungsgeld.1 Dabei konzentriert sich das gegenwärtige Geldverständnis vor allem auf Kauf- und Kreditgeld, während die Rolle des Schenkungsgeldes in ihrer Bedeutung noch kaum gewürdigt wird. Wird diese Unterscheidung nicht geleistet (Geld ist Geld!), beginnen die Verwirrungen beim Ver­ stehen und als Folge dessen auch beim Handeln. Nur so ist zu erklären, dass der Entschluss einer Gruppe von Milliardären, testamentarisch einen maßgeblichen Teil ihres Vermögens in gemeinnützige Stiftungen zu verwandeln, von vie­len als Prototyp einer philanthropischen Lösung sozialer Probleme gelobt wird. Andere dagegen sehen die Lösung darin, Spekulations­ werte, wie sie in der Finanzkrise offenbar gewor­ den sind, durch staatliche Dekrete für andere, „sozialere“ Zwecke umzunutzen. Spekulieren ja, aber sinnvoll verwenden! Der Beispiele sind viele. Die äußere Bewältigung der Krise, in der sich das gesamte Geld- und Finanzwesen gegenwärtig befindet, ist noch immer mehr mit sozialen 50

Umbuchungen beschäftigt als mit wirklichen Lösungen. Wie kann man die scheinbar unüberschaubaren Geld- und Kapitalprozesse so ordnen, dass es möglich wird, gesundend einzugreifen? Jeder Lösung muss eine innere Klärung vorausgehen. Dazu gehört das um die Schenkung erweiterte Verständnis der Geldprozesse, zu dem dieser Aufsatz beitragen will und in dem sich die Phänomene ordnende Kraft des Begriffsbildes Rudolf Steiners vom dreistufigen Geldprozess in ihrer Bedeutung und Praxisrelevanz zeigen wird. Kaufgeld: der organisierte Wertetausch // Unser ganzes Leben beruht auf Tauschvorgängen. Wir haben gelernt, wechselseitig für die Bedürf­ nisse anderer zu arbeiten, sind aber dadurch auf den Leistungsaustausch untereinander angewie­ sen. Diese umfassende Wertezirkulation kann nur mithilfe des Geldes bewältigt werden. Geld erlaubt, ursprünglich in sich abgeschlossene Tauschvorgänge (Produkt gegen Produkt) räum­ lich und zeitlich in die beiden Hälften Verkauf (Produkt gegen Geld) und Einkauf (Geld gegen Produkt) zu trennen. Aufgrund des in Geld ausgedrückten Preises kann sich alles mit allem auf direktem Wege tauschen. Zwischenschritte sind nicht mehr notwendig. Diese geniale Verein­ fachung hat erst die globale Ausweitung der


Udo Herrmannstorfer

realen Arbeitsteilung ermöglicht. Das an den „Kreditgeld“ spricht. Beim Kredit kommt es nicht Leistungsaustausch gebundene und ihm mehr in erster Linie darauf an, was man dafür dienende Geld kann man „Kaufgeld“ nennen. kaufen kann, sondern was daraus gemacht Sein Wert ist die Kaufkraft und nicht sein Stoff. wird. Während gespartes Kaufgeld immer priva­ tes Guthaben ist, sind die daraus geformten Die Vorteile der Geldtauschwirtschaft sind beein­ Kredite keine Privatschulden der Unternehmer, druckend, werfen aber eine neue soziale Frage da die durch sie ermöglichten Leistungen auf: In welchem Verhältnis sollen die getausch­ immer zugunsten anderer hergestellt werden. ten Werte und damit auch die beteiligten Men- Investitionskapital ist seinem Charakter nach schen stehen? Denn Preise sind Verhältnis­ Sozialkapital. zahlen. Wann aber ist das Austauschverhältnis sozial „richtig“, wann wird es beiden Seiten Produktionskredite führen in der Regel gegen­ „gerecht“? Man hat lange Zeit die Beantwor- über dem vorherigen Zustand zu einem Mehr­ tung dieser Frage den Marktkräften überlassen wert, den man monetär als Verzinsung des ein­ge­ und bemerkt nun, dass wir z. B. durch unser setzten Kapitals bezeichnen kann. Davon erhält Kaufverhalten die Preisverhältnisse und damit der Geldgeber einen vereinbarten Anteil. So pro­ die Lebens- und Arbeitsbedingungen anderer blematisch der Zins im Kaufgeldbereich wirkt, da Menschen mit verursachen und beeinflussen. er beim Kreditnehmer zu einem Weniger in der Wir können nicht länger in der Zuschauerrolle Zukunft führt – im Kreditgeldbereich bedeutet bleiben, sondern beginnen uns zu fragen, auf Zinszahlung, dass der Kreditnehmer einen welche Weise wir die auftretenden Ungleich­ Anteil eines erarbeiteten Mehrwertes erhält. Ist gewichte und Ungerechtigkeiten ausgleichen kein Mehrwert da, entfallen auch die Zins­zah­ können. Die gegenwärtige Weltlage ist durch- lun­gen. Diese auf Wertschöpfung gestütz­te hallt von dem Ruf nach sozialer Gerechtigkeit, Verzinsung wird Rendite genannt und ist z. B. fairen Preisen usw. auch islamischen Banken erlaubt, die ansons­ ten dem Zinsverbot unterliegen. Die moderne Kreditgeld: Eingangstor wirtschaftlicher Zinsfrage hat auf richtige Weise ihre Ursprünge Impulse // Geldvermittelter Leistungstausch im Kreditgeld und nicht im Kaufgeld. setzt Produktion und Bedürfnisse als vorhanden voraus. Neue Produktionsimpulse dagegen Das Prinzip der Mehrwertteilung wird bei uns benötigen meist große Summen von Kaufgeld nur im Falle von haftendem Kapital, dem Eigenals Investitionskapital, bevor auch nur ein ein­ kapital, angewendet, während alle anderen ziges Produkt hergestellt werden kann. Damit Kredite fest verzinst werden. Feste Verzinsung, wird die wichtigste Tauschregel außer Kraft die unabhängig von der wirtschaftlichen Lage gesetzt, die besagt, dass die Leistung, die eines Unternehmens gezahlt werden muss, getauscht werden soll, bereits vorhanden ist. macht aus einem Produktionskredit einen KonIm Moment des Kapitalbedarfs sind aber nur sumkredit und bedeutet somit einen sozialen ein ideeller Plan vorhanden und der Glaube, Rückfall.2 dass er realisierbar ist (daher das Wort „Kredit“). Für das Investitionskapital müssen deshalb die Im Unterschied zum Kaufgeld müssen Kredite Sparleistungen vieler gesammelt und zu Kre­di­ auch zurückgezahlt werden. Diese Rückzahlung ten umgeformt werden. Banken haben die Auf- muss der Kreditnehmer nicht persönlich leisten, gabe, den Sparanteil aus den Geldbewegungen sondern sie erfolgt durch einen entsprechenherausfiltern und zu Investitionskapital zu ver- den Preisanteil (Abschreibung). Nicht jede Prognose erfüllt sich. Es ist ein zentrales Thema der dichten. Kreditgeldsphäre, wie mit dem Risiko umgegan­ Für Kredite gelten im Vergleich zum Kaufgeld gen wird, dass ein Kredit oder ein Teil davon andere soziale Regeln, sodass man besser von nicht das leistet, was erwartet wurde. 51

2. Hier soll stellvertretend für andere Überlegungen darauf hingewiesen werden, dass es selbstverständlich entsprechender Einrichtungen zu ihrer Realisierung bedarf. Andererseits ist die Bereitschaft notwendig, als falsch erkannte Regelungen zu verändern, auch wenn man von ihnen begünstigt wurde. So muss man Sparern verdeutlichen, dass Spargeld nicht sicherer sein kann als die Verhältnisse, in denen es eingesetzt wird.


Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

Die Entwicklung des Kreditwesens konfrontiert uns mit der Verantwortung dafür, welche Impulse aus welchen Motiven auf dem Kreditwege in die Sozialität hereingerufen werden. Vor allem besteht die Gefahr, dass die Erzielung einer Rendite selbst zum bestimmenden Motiv der Kreditgewährung wird und die eigentlichen Leistungsziele verdrängt. Der Charakter des Kredites als Sozialkapital ginge verloren. Schenkungsgeld: die Frage nach dem anderen Menschen // Geld, das nicht für Konsumzwecke ausgegeben wird, ist Investition, so der Ökonom Keynes. Eine dritte Verwendungsart ist bei ihm per Definition nicht möglich. Beobachtet man dagegen die sozialen Beziehungen zwischen den Menschen, dann bemerkt man Geldbewegungen, die weder dem Muster des Tauschens noch demjenigen des Kredites entsprechen, aber dennoch Züge von beidem an sich tragen. Kindererziehung z. B. verursacht ohne Zweifel einen Mehraufwand bei den Lebenshaltungskosten einer Familie und muss deshalb beim notwendigen Einkommen auf der Kaufgeldebene berücksichtigt werden. Das Erziehungsgeld betrifft aber nicht die arbei­ tenden Erwachsenen, sondern ist den Kindern gewidmet. Diese sind während ihrer gesamten Schul- und Erziehungszeit von jeder wirtschaft­ lichen Betätigung freigestellt. Sie erhalten zwar Kaufgeld, aber ohne die sonst notwendige Gegen­leistung. Es läge auch nahe, von einer „Investition in Bildung“ zu sprechen unter dem Hinweis, dass sich Bildung als Grundlage eige­ner Berufsausübung erst in der Zukunft auszahlt. Aber auch diese Interpretation hinkt, denn im Gegensatz zum Kredit muss das Kind später weder das Erziehungsgeld zurückbezahlen noch verzinsen. Das Kind muss auch keinen vorab definierten Geschäftsplan für sein späteres Leben vorlegen. Deshalb ist der Ausdruck Bildungsinvestition nicht sonderlich hilfreich, son­ dern ruft eher die Kräfte herbei, die gerne bestimmen möchten, dass in der Zukunft ihr Wille geschieht. „Wer zahlt, befiehlt!“ – Erziehungseinkommen als Schenkung dagegen schafft Verhältnisse, in denen sich das Kind später belastungsfrei den dann angesagten Aufgaben 52

und Impulsen zuwenden kann. Geld, das ohne Vorleistung und ohne Rückzahlungspflicht über­ tragen wird, kann man „Schenkungsgeld“ nennen. Es erhält seinen Wert durch die Bestimmung, die ihm sein Empfänger in der Zukunft selbst verleiht. Schenkungsgeld unterscheidet sich gerade dadurch von den beiden anderen Geldarten, dass wesentliche Gesetzmäßigkeiten des Kauf- und Kreditgeldes außer Kraft gesetzt werden. Der Schritt zum Schenkungsgeld beruht auf der Anerkennung der Tatsache, dass es neben dem engeren Wirtschaftsleben, das der Produktion und Verteilung von Produkten dient, noch viele andere Lebensbereiche gibt, die auf die ökonomi­ sche Güterversorgung angewiesen sind, sich aber selbst nach anderen als ökonomischen Zwecken und Zielen richten. Während zur Sphäre der Produktion und Verteilung nur die darin Tätigen gehören, umschließt der Konsum als dritter Bestandteil ökonomischer Betätigung die Gesamt­ heit der gesellschaftlich verbundenen Menschen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Einrichtungen zu bilden und Regelungen zu finden, durch die Schenkungsgeld sich aus den beiden Sphären des Kaufgeldes und Kreditgeldes heraus­ bildet, um die nichtökonomischen Bereiche zu ermöglichen. Die auf die Qualität des Schenkungsgeldes ange­ wiesenen Lebensbereiche sind ausgedehnter, als zunächst angenommen. Dazu gehören viele heute beim Staat angesiedelte Aufgaben wie Sozialeinkommen, Erziehungs- und Bildungsaus­ gaben und Kultureinrichtungen. Die meisten Schenkungsvorgänge werden allerdings nicht als solche bezeichnet, sondern tragen zweck­ spezifische, manchmal aber auch verzerrende oder durch Vorurteile belastete Namen, z. B. Steuern, Sozialabgaben, Kindergeld, Sozialhilfe usw. Schenkungsprozesse im Kaufgeldbereich // Würde man die sozialen Verhältnisse allein auf die Gesetzmäßigkeiten des Kaufgeldes gründen wollen, so müsste jeder Mensch auf beiden Seiten, leistend und konsumierend, am Tausch­


Udo Herrmannstorfer

prozess beteiligt sein. Vollbeschäftigung ist deshalb die Lösung aus der Sicht des Kaufgeldes. Die Erfüllung der Forderung nach gerechten und auskömmlichen Teilungsverhältnissen wird dagegen von den meisten Ökonomen noch abgelehnt mit dem Hinweis auf die außerhalb menschlicher Verantwortung liegenden Marktkräfte. Die entwürdigende Diskussion um Mindestlöhne, Ein-Euro-Jobs, „working poor“ usw. zeigt, dass diese Aufgabe der Kaufgeld­ ebene noch nicht in ausreichendem Umfang ergriffen wurde.

in den beiden anderen Geldsphären gesucht wer­ den. Im einen Fall wird der Sonderabschrei­bungs­ bedarf über Haftungsansprüche an den Kreditnehmer in eine Privatschuld verwandelt und damit in die Kaufgeldebene verlagert; dort aber wirkt er wie ein überdimensionierter Konsumkredit und ruiniert die Betroffenen. Der Lösungs­ versuch auf der Kreditebene besteht zum einen darin, für die jedem Kredit innewohnende Unsich­erheit vom Kreditnehmer „Sicherheiten“ in Form von vorhandenen Vermögenswerten

Nun gibt es aber eine Fülle von Tatbeständen, bei denen auch die erste der Bedingungen nicht erfüllt ist oder nicht erfüllt werden kann. Bei Krankheit, Arbeitsunfähigkeit, Invalidität, Pensionierung, Kindererziehung oder Arbeits­ losigkeit besteht ein existenzieller Bedarf an Geldeinkommen, ohne dass in diesem Moment eine ökonomische Gegenleistung oder eine spätere Rückzahlung möglich wäre. Das jedoch zeichnet das Schenkungsgeld aus, für das nur menschliche, nicht aber betriebswirtschaftliche Gründe zählen. Zwar sind für die meisten dieser Situationen spezifische Lösungen entwickelt worden; man merkt ihnen aber an, dass sie jeden Anschein von Schenkung vermeiden wollen. Die Folge davon ist, dass man mit diesen Zuständen nicht ihrer Eigenheit gemäß umgeht, sondern sie aus der Sicht von Kauf- und Kreditgeld wie unerwünschte und zu beseitigende Störfälle empfindet. Durch die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen ist die dringend notwendige Klärung des Verhältnisses von Kaufgeld und Schenkungsgeld auf der gesellschaftlichen Agenda angekommen.

Die meisten Schenkungsvorgänge werden

Schenkungsprozesse im Kreditbereich // Auch im Kreditgeldbereich entsteht ergänzender Bedarf nach Schenkungsvorgängen. Eine erste Notwendigkeit ergibt sich bereits aus dem Kredi­ tierungsvorgang selbst: Es handelt sich um den Abschreibungsbedarf, der sich daraus ergibt, dass nicht alle kreditierten Initiativen das gesteckte Ziel erreichen. Der unerfüllte Teil der Kredite müsste eigentlich bewusst in eine Schenkung aufgelöst werden. Geschieht dies nicht, so muss die Lösung

nicht als solche bezeichnet, sondern tragen zweck­spezifische Namen oder -ansprüchen des Kreditnehmers zu fordern. Ihre Verwertung soll die Sicherheitslücke schlie­ ßen. Damit wird der Kerngedanke des modernen Kreditwesens, sozialen Impulsen den Weg in die Sozialität zu öffnen, ohne Rücksicht auf die Vermögensvergangenheit des Initianten schwer beschädigt. Kredit erhält nur, wer schon vermögend ist! Zum anderen werden überhöhte Verzinsungen und Renditen gefordert, durch die das Risiko bereits vorbeugend kompensiert oder zeitlich verkürzt werden soll. Damit schieben sich unnatürlich hohe Renditeziele über die ursprünglichen sozialen Leistungsmotive. Beide Wege wirken zerstörerisch auf die sozialen Verhältnisse, weil sie dem Schritt zur Schenkung ausweichen wollen. Bewusstseinswandel tut not // Schenkungs­ prozesse durchziehen das ganze soziale Leben. Wo sie fehlen und durch Kauf- bzw. Kreditvorgänge ersetzt werden, wird der soziale Orga­ nismus krank. Dagegen steht die vehemente Ablehnung der meisten Ökonomen, das Schenkungsgeld als eigenständige Qualität anzuer­ kennen. Der Hauptgrund liegt darin, dass im Schenkungsbereich die „unerbittlich“ regulie­ renden Marktgesetzmäßigkeiten (Leistung nur gegen Leistung; Vorleistungen müssen verzinst 53


Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

zurückgezahlt werden) außer Kraft gesetzt werden. Schenken vollzieht sich eben nicht auto­ matisch, sondern fordert menschliche Anteilnahme. Ihr steht der Egoismus entgegen, der im marktwirtschaftlichen Modell zum zentralen und alleinigen Antrieb für alle wirtschaftlichen Aktivitäten erhoben wurde. Welches Motiv aber kann das Streben nach dem eigenen Vorteil ersetzen? Die immer lauter tönende Frage „Soll ich der Hüter meines Bruders sein?“ wird in dem Maße bejaht und praktisch beantwortet werden können, wie das ökonomische Denken das Motivbild des Homo oeconomicus überwindet. Den Raum dafür zu schaffen, ist die Funktion des Schenkungsgeldes. Dominoeffekte // Wo Denk-, Empfindungsund Verhaltensänderungen beginnen, da sto­ ßen sie auf Strukturen, die aus den Denk- und Empfindungsweisen der Vergangenheit stammen und nun zu Hindernissen geworden sind, die es umzuarbeiten gilt. Einige der wesentlichs­ ten Arbeitsfelder sollen hier noch erwähnt werden:3

3. Die folgenden Andeutungen sind in dieser Form größten Missverständnissen ausgesetzt, andererseits aber unverzichtbar, wenn nicht nur Symptombehandlung angestrebt wird. Wesentlich tiefere Begründungen finden sich in Hermannstofer, Udo: Schein-Marktwirtschaft, Arbeit, Boden, Kapital und die Globalisierung der Wirtschaft, Stuttgart 1997. 4. Silvio Gesell geht mit der Forderung nach jährlicher Abzinsung vom Kaufgeld aus und will damit in erster Linie den Geldumlauf sichern.

Das Bodenrecht // Im Gegensatz zu produktionsorientierten Krediten entspringt der Kaufpreis des Bodens keiner realen Vorleistung des Eigentümers, sondern einer Nichtnutzung eines Rechtes. Rechte müssen ausgeübt oder weiter­ gegeben werden, dürfen aber nicht verkauft werden. Durch die monetäre Bewertung im Kaufakt entsteht keine Rendite, sondern eine unbefristete Rente. Als gegenleistungsloses Einkommen sieht sie aus wie eine Schenkung, wirkt aber umgekehrt als zusätzliche Belastung der Zukunft und verteuert damit alle sozialen Aktivitäten in unerhörtem, aber kaum bewusst gemachtem Ausmaß. Eine erneuerte Boden­ rechtsordnung wird die Aufgabe haben, die Bodenrente in wirkliche Schenkungen zu verwan­ deln (was sie ihrem Charakter nach eigentlich ist) und damit zu sozialisieren. Von da aus würde auch der Weg zur einer neuen Behandlung der globalen Bodenschätze führen, von deren gerechter Verfügbarkeit ungeheuer viel für die weitere Entwicklung der verschiedenen Weltregionen abhängt. 54

Verkäuflichkeit und Handelbarkeit von Eigentumsrechten an den Börsen // Dass man auch Eigentumsrechte als Unternehmens­ anteile wie Waren handeln kann, führt dazu, fiktive spekulative Erwartungswerte wie Rea­ lien zu behandeln. Die durch den Kauf vollzogene „Geldwäsche“ führt zur Unterscheidungs­ losigkeit zwischen realen und irrealen Werten und schafft jene Diskrepanzen, die jede gesunde soziale Empfindung kränken, wie die gegenwärtige Diskussion um Boni, Manager­ gehälter und gigantische Vermögenswerte zeigt. Stand am Anfang noch die Idee, den Unter­ nehmen dasjenige Kapital zuzuführen, das sie für ihren Leistungsprozess benötigen, so kon­zen­ trieren sich heute alle Anstrengungen auf die Kursentwicklung und die Verzinsung des Kapitals. Damit wird der Mehrwert der Kreditgeldsphäre, der als Schenkung in den sozialen Umkreis fließen könnte, renditebildend an die Bewertung des Eigentums der Unternehmungen gebunden und damit sozial zurückgehalten. Der dadurch eintretende Stau bildet mangels realer Investition parasitäre Scheinwerte, „WerteBlasen“, deren Platzen so gefürchtet wird. An diese Stelle würde auch die Diskussion darüber gehören, ob die Teilung in haftendes und nicht­ haftendes Kapital überhaupt Sinn macht oder diese Teilung nur dem Erhalt der geschilderten Zustände dient. Die Behandlung von Geld als Ware // Um das Geldwesen auf richtige Weise mit den sozialen Prozessen zu verbinden, bedürfte es jedoch auch mancher Korrekturen im Geldbereich selbst. Eine wichtige Korrektur besteht in der Aufhebung der Gleichbehandlung von Geldbewegungen, die der Vermittlung oder Ermöglichung von sozialen Aktivitäten dienen, und solchen, deren Wert sich aus der Geldbewegung selbst erzeugt. Die Diskussion der sogenannten TobinTax ist ein erster Schritt in eine überfällige Neubewertung. Geldabzinsung – das Problem des Zinses­ zinses // Die weitere Korrektur ist zwar einfach ein­zusehen, aber nicht immer leicht nachzu­ empfinden. Würde der in der Kreditgeldsphäre


Udo Herrmannstorfer

entstehende Mehrwert immer wieder reinves­ tiert, dann würde das ständige Wachstum mit der Zeit die sozialen Grundlagen selbst zerstören. Diese Wirkung zeigt sich am Zinseszins. Da man diesen aber nicht grundsätzlich verbie­ ten kann, weil er sich immer wieder herstellt, muss diesem Wachstumsprozess ein entsprechender Abbauprozess entsprechen. Es ist nun gerade die Qualität der Schenkung, die im Verhältnis zur produzierenden Wirtschaft wie ein Abbauprozess wirkt. Es gibt verschiedene Gründe, warum diese Schenkung sinnvollerweise über eine stetige Abzinsung der sich im Kreditbereich sammelnden Gelder geleistet werden sollte. Die Wirkungen wären so, dass nicht benutztes Kaufgeld einer jährlichen Abwer­ tung unterläge, die durch die Verzinsung aus der Anlage des Kapitals wieder ausgeglichen würde.4 Erst mit dem Auftreten des Schenkungsgeldes und der damit möglichen dreistufigen Neuordnung des Geldwesens wird es möglich, Ordnungskräfte in das Chaos der gegenwärtigen sozialen Turbulenzen zu tragen.

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Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

Autor // Axel Janitzki Axel Janitzki, geb. 1951, Rechtsanwalt und Notar, Fachanwalt für Erbrecht, seit 1980 in der Kanzlei Rechtsanwälte Barkhoff und Partner in Bochum tätig. Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der GLS Gemeinschaftsbank eG. Gründungsvorstandsmitglied im Verein Fundare e. V. , Mitveranstalter des jährlichen Stiftungsrechtstages an der Ruhr-Universität Bochum und Mitherausgeber der Jahreshefte zum Stiftungswesen.

Verantwortung und Vertrauen Schenken, stiften und vererben als juristisches Neuland

1. Das Schenken // Eine Schenkung ist die frei­ willige Übertragung des Eigentums an einer Sache oder einem Recht an einen anderen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen oder zu erwarten.1 Rechtlich gesehen ist eine Schenkung ein zwei­sei­ tiger Vertrag. Das deutsche Privatrecht bestimmt in § 516 BGB, dass eine Schenkung immer der Annahme bedarf. Ein Schenkungsvertrag besteht somit aus zwei Willenserklärungen, die als Ange­ bot des Geschenks und als Annahme desselben übereinstimmen müssen. Dabei kann gerade die Kernfrage eines Schenkungsvertrages, nämlich ob eine Übertragung unentgeltlich sein sollte oder ob doch eine Gegenleistung gewollt war, streitig sein. Dass jemand etwas unentgeltlich abgeben will, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten, ist für JuristInnen auch heute noch ungewöhnlich. Deswegen ist es durchaus konse­ quent, dass eine Schenkung rechtlich nur dann wirksam ist, wenn sie entweder sofort vollzogen wird (Handschenkung) oder wenn sie notariell beurkundet wird (§ 518 BGB).

1. http://de.m.wikipedia.org/wiki/ geschenk

Aber: Eine Schenkung ist kein gegenseitiger Vertrag. Sie unterliegt somit nicht dem alten römischen Rechtsgedanken des „do ut des“. Das ist die Verabredung, dass beide Vertragspflichten voneinander abhängen und dass jeder Vertragspartner seine Pflicht nur dann erfüllen muss, 56

wenn der andere seine Pflicht auch erfüllt. Der Käufer oder die Käuferin muss Möbel nur bezahlen, wenn er oder sie die Lieferung auch bekommt. Aber der Schenker oder die Schenkerin schenkt – wenn er oder sie sich denn rechtlich wirksam dazu verpflichtet hat –, auch wenn der oder die Beschenkte nicht das tut, was er oder sie erwartet hat. Dieser Unterschied ist juristisch sehr bedeutsam: Es gibt nämlich konse­ quenterweise für den Schenker oder die Schenkerin deswegen auch kaum Möglichkeiten, eine Schenkung rückgängig zu machen. Das Gesetz sieht – neben der Möglichkeit der Rückforderung wegen Verarmung – nur den Widerruf der Schenkung wegen groben Undanks vor (§ 530 BGB), der aber in der Praxis äußerst selten erfolg­ reich ist. Im Volksmund heißt das: Geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen. Der gegenseitige Vertrag ist eine juristische Meisterleistung des römischen Rechts: Anspruch und Schuld bedingen sich gegenseitig. Aber er basiert auf einem Bewusstsein, das der grie­chischrömischen Kulturepoche entspricht, nämlich dem Grundsatz des „do ut des“. Dieser Rechtsgedanke förderte die Individualisierung und Unabhängigkeit des Menschen: Gegensei­tige Verträge machen – rein äußerlich – frei. Sie suggerieren uns aber eine Freiheit, die es einerseits faktisch


Axel Janitzki und Ingo Krampen

Autor // Ingo Krampen Ingo Krampen, geboren 1950, war langjährig Vorstandsmitglied der GLS Treuhand und ist derzeit stellvertretender Sprecher des Aufsichtsrats. Als Rechtsanwalt und Notar berät er schwerpunktmäßig gemeinnützige Einrichtungen, insbesondere Schulen in freier Trägerschaft, und ist mit dem Ziel der nachhaltigen Lösung von Konflikten bundesweit als Mediator tätig.

gar nicht mehr gibt, weil heute jeder Mensch hinsichtlich der Erfüllung seines Lebensbedarfs von vielen anderen Menschen abhängig ist, und die andererseits die Mentali­tät fördert, dass jeder sich in erster Linie um sich selbst kümmern müsse, statt andere Menschen zu fördern. Dabei gibt es große Bereiche des Lebens, wo es selbstverständlich ist (oder zumindest sein sollte), dass wir Aufmerksamkeit, Vertrauen, Liebe und Zuwendung „verschenken“: die Erzieh­ ung von Kindern, die Pflege von Angehörigen, die gegenseitige Unterstützung in Ehe, Partnerschaft und Freundschaft. Was wir da unbewusst machen, geschieht bei einer Schenkung bewusst und gewollt. Deswegen ist der Vorgang der Schenkung eigentlich juristisches Neuland. Denn was das Bürgerliche Gesetzbuch dazu zu bieten hat, sind eigentlich nur Hilfskonstruktionen: die Voraussetzung einer notariellen Beurkundung als bewusstseinsbildende Maßnahme, der Widerruf wegen groben Undanks als „Notbremse“ etc. Tatsächlich müsste für die moderne, bewusst vollzogene Schenkung ein neues Recht entwickelt werden, eines, das auf Vertrauen und Verantwortung basiert statt auf Anspruch und Schuld. Das ist ein großer Unterschied: Ein Schuldner hat den Anspruch zu erfüllen. Tut er das nicht, kann der Gläubiger ihn gerichtlich durchsetzen und sogar mittels der Staatsgewalt vollstrecken. Vertrauen kann nicht erzwungen werden; es wird „geschenkt“. Vertrauen in Menschen entsteht langsam und kann schnell wieder vergehen. Vertrauen, das eine tragfähige Grundlage für ein modernes Rechtsverhältnis abgibt, erfordert einen mehrstufigen Aufbau. Ausgehend von

einem zunächst allgemeinen Gefühl des Vertrauens in einen Menschen bedarf es zweitens der Wahrnehmung, dass dieses Gefühl auch durch dessen Verhalten gerechtfertigt ist. Erst daraus entsteht dann drittens positives Zutrauen, welches dann wiederum den anderen in seiner Verantwortung bestärkt. Gefühl, Wahrnehmung und Zutrauen sind die drei Schritte, die tragfähiges Vertrauen entstehen lassen. Damit korrespondiert die Verantwortung des anderen, aus rechtlicher Freiheit zu handeln, nicht aus rechtlicher Verpflichtung. Von allen heute üblichen Rechtsverhältnissen ist das Schenken das geeignetste, um Verantwortung und Vertrauen als neue Instrumente modernen Rechts zu üben. Denn schenken muss niemand, Schenkungen annehmen auch nicht. Wer schenkt, kann das daher in voller Freiheit und eigener bewusster Verantwortung tun, weil er dem oder der Beschenkten vertraut. Gleiches gilt für denjenigen, der eine Schenkung annimmt. In diesem Sinne ist die GLS Treuhand auch rechts­ schöpferisch tätig. Sie hat eine Rechtskultur entwickelt, die dem Einzelnen die Verantwortung für sein Geld nicht abnimmt, sondern sie hilft ihm dabei, genau die Rechtsform zu finden, die dem Maß der von ihm tatsächlich gewollten Freiheit und des bereits aufgebauten Vertrau­ ens entspricht. Daraus ergaben und ergeben sich Schenkungen mit Bedingungen, Auflagen, Widerrufsvorbehalten, Fonds und auch selbstständige oder unselbstständige Stiftungen. 2. Das Stiften // Eine Stiftung wollte die GLS Treuhand im Grunde nie sein: Kapital auf Dauer 57


Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

2. Steiner, Rudolf: Nationalökonomischer Kurs, Dornach 1965 (Biblio­ graphie Nr. 340), S. 68 3. Steiner, Rudolf: a. a. O., S. 129 4. Der englische Begriff „gift“ für den Vorgang „schenken“ zeigt diese Ambivalenz in der deutschen Wort­ bedeutung „Gift“. Manche Schenkung ist ein verkappter Kauf oder trägt zur Verhinderung an sich erforderlicher grundlegender persönlicher und betrieblicher Neuorganisationen bei. 5. Lintner, Martin: Eine Ethik des Schenkens, Berlin 2008, S. 21 6. Diesbezügliche Informationen liefern u. a. der Bundesverband Deutscher Stiftungen (www.stiftungen.org) und der Spendenrat (www.spendenrat.de). 7. Besondere Beachtung findet das Werk des amerikanischen Philosophen Marcel Hénaff: Der Preis der Wahrheit – Gabe, Geld und Philosophie, Frankfurt/Main 2009 („Man darf sich fragen, ob die riesige Bewegung der modernen Wirt­ schaft – die ganze inzwischen weltweite Produktionsmaschine – am Ende nicht das letzte und radikalste Mittel ist, Schluss zu machen mit den Göttern, Schluss zu machen mit der Gabe, Schluss zu machen mit der Schuld“, S. 39/40); repräsentativ für die französische Soziologie der Gabe ist Alain Caillé: Anthropologie der Gabe, Frankfurt/Main 2008 („Der historische Misserfolg der klassischen Soziologie ist – trotz der großartigen Versprechen, die sie enthielt – dadurch zu erklären, dass sie nicht in der Lage war, ihren ursprünglich kritischen oder negativen Anti-Utilitarismus in einen klar formulierten positiven Anti-Utilitarismus zu verwandeln“, S. 54); für die Moraltheo­ logie: Martin Lintner: a. a. O. 8. Mauss, Marcel: Die Gabe, Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt/Main, 1990

festzulegen und nur die Erträge des Kapitals für eine aktive, eben auch ihr Vermögen als Sozial­ die satzungsgemäßen Ziele einzusetzen, erschien kapital einsetzende Bürgergesellschaft unerläss­ als wenig unternehmerische Perspektive. Die lich. Das gesetzlich vorgesehene Wesensmerkmal Gründer der Treuhand haben sich mit dem „Dauer“ (§ 80 Abs. 2 S. 1 BGB: „Das Stiftungs­ „Nationalökonomischen Kurs“ Rudolf Steiners geschäft ist als rechtsfähig anzuerkennen, auseinandergesetzt. Danach befindet sich Kapi­ wenn ... die dauerhafte und nachhaltige Erfültal in einem Kreislauf mit Natur und Arbeit. Das lung des Stiftungszwecks gesichert erscheint“) Kapital wird „vom Geiste verwertet“, soll nicht ist von vielen StifterInnen erwünscht. Sie wolgestaut werden, sondern muss „wiederum in len den Erhalt des Stiftungsvermögens und der Natur verschwinden“.2 Die Bedeutung des gerade nicht das vorschnelle Verschwinden des Schenkungsgeldes in diesem Zusammenhang Kapitals in einem betrieblichen Zusammenhang „als das Fruchtbarste innerhalb des volk- oder wirtschaftlichen Kreislauf. swirtschaftlichen Prozesses“ erkannt zu haben ist ein – noch zu wenig beachtetes – Verdienst Gleichwohl bewegen sich Stiftungen nach wie Rudolf Steiners. Steiner dachte an „Kapi­ta­lien, vor auf einem schmalen Grat zwischen Ver­gan­ die in Stiftungen, in Stipendien, in sons­tige Kul- gen­heitsbezogenheit, der „Herrschaft der Toten turgüter (hineingehen), die dann wiederum über die Lebenden“, und Zukunftsorien­tiertheit, befruchtend wirken auf das ganze Unternehm- zwischen Machtausübung und dem Anspruch, ertum“. Dieser Vorgang gelingt, wenn „erstens „etwas Neues in die Welt zu bringen“. die Möglichkeit da ist, dass Leute zum Schenken etwas haben, und zweitens den guten Willen Der ambivalente Charakter einer Stiftung, wie haben, dieses zu Schenkende auch in vernünf­ auch jeder Schenkung überhaupt,4 stellt an Stifterinnen und Stifter hohe Anforderungen. tiger Weise zu schenken“.3 Sie werden stets dafür ein Bewusstsein entwi­ Die GLS Treuhand verstand sich von Gründung ck­eln, dass „Schenkungen in der Tat ein schwie­ an als „stiftungsähnliche Einrichtung“. Ihr war ri­ger Balanceakt zwischen erlittener Abhängigund ist es ein Anliegen, den einzelnen Menschen keit auf der einen und mehr oder weniger sub­­tiler selbst bewegliche Instrumente in die Hand zu Machtausübung auf der anderen Seite“5 sind. geben, um ihre Intentionen maßgeb­lich selbst und gemeinsam mit anderen zu erfüllen. Solche Es kann folglich nicht nur darauf ankommen, Instrumente sind die von Beginn an praktizier­ den jährlichen Zuwachs an Stiftungen, ihre ten Schenkungen mit Auflage sowie rechtlich Gesamtzahl und Leistungen zu ermitteln.6 Es unselbstständige Fonds. Letztere sind nunmehr stellt sich vielmehr die Frage, welche Stiftungs­ innerhalb der Dachstiftung für individuelles qualität anzustreben ist. Schenken, die sich wiederum innerhalb der Trägerschaft der GLS Treuhand e. V. befindet, Marcel Mauss, dessen „Gabetheorie“ heute gemeinsam organisiert. Die rechtlich unselbst- weltweit wieder in die Diskussion gekommen ständigen Fonds sind ebenso erfolgreich tätig ist,7 hat in den frühen 20er-Jahren des letzten wie die rechtlich unselbstständigen Zukunftss- Jahrhunderts in seiner bahnbrechenden Studie über zeremonielle Schenkungen archaischer tiftungen der Treuhand. Gesellschaften8 darauf aufmerksam gemacht, Es gibt aber, 50 Jahre nach Gründung der Treu- dass allen Schenkungen die drei Gesten „Geben, hand, Anlass, die Rechtsform der selbstständi- Annehmen, Erwidern (Weitergabe)“ zugrunde gen Stiftung weniger skeptisch zu beurteilen. liegen. Die Schenkung ist demnach primär kein Viele Menschen verstehen heute Stiftungen in sachenrechtlicher Vorgang, sondern ist und bleibt Zeiten nachlassender staatlicher Förderungen mit den Personen „Schenker“ und „Empfänger“ und in die Krise geratener Wirtschaftssysteme verbunden. „Was liegt in der gegebenen Sache als zukunftssichernde Instrumente. Sie sind für für eine Kraft, die bewirkt, dass der Empfänger 58


Axel Janitzki und Ingo Krampen

sie erwidert?“, fragt Mauss, um in seiner Studie anhand von ihm beschriebener Bräuche archa­ ischer Gesellschaften darzulegen, dass diese Kraft in der freilassenden Gesinnung des Schenkers liegt.9 Die freilassende Geste des Schenkens ermöglicht dem Empfänger, sich auf den in der Schenkung enthaltenen Initiativimpuls einzulassen: „Von jemand annehmen heißt, etwas von seinem geistigen Wesen annehmen ... es aufzubewahren wäre gefährlich und tödlich“, formuliert Mauss.10 Auf Verwandlung (Weitergabe) kommt es somit an, die wiederum voraussetzt, dass mit einer Stiftung von Beginn an ein geistiger Impuls verbunden ist.

prinzip verlassen. So sollten nicht bei der Stiftungsgründung die Mitglieder der Gremien ein­ gesetzt werden und diese sich im Verlauf der Stiftungstätigkeit lediglich selbst ergänzen bzw. ihre Nachfolger bestimmen. So manche Stiftung scheint zu sklerotisieren, weil es nicht gelingt, weitere (jüngere) und sachverständige Menschen für die Stiftungsziele zu gewinnen und in die Stiftungstätigkeit einzubeziehen. Die Stiftungs­ arbeit und die Stiftungsprojekte verlieren so ihren inspirierenden Charakter. Zeitliche Rhythmen für Amtsperioden, Vorschlagsrechte anderer Gremien oder außenstehender Dritter für die Besetzung der Gremien, Beschreibung von Quali­ fikationsmerkmalen für zu übernehmende Stiftungsämter, Öffnung der Gremien z. B. mittels Veranstaltung von Kolloquien, Vernetzungen u. a. m. können dazu beitragen, dass „die richti­ gen Menschen, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort das Richtige tun“.

Für die Stiftungsgestaltung lassen sich aus diesen Überlegungen drei Anforderungen ableiten: Es empfiehlt sich, die Stiftungsziele in einer Weise zu beschreiben, dass die mit einer Stiftung verbundenen geistigen Impulse, die Imagination der Stifterin und des Stifters, auch für Nachfolger erkennbar sind und bleiben. Eine Die mit einer Stiftungstätigkeit und jedem Schen­ Stiftung kann sich lebendiger entwickeln, wenn kungsvorgang verbundene Verwandlungsaufihre Ziele bildhaft, als Erkenntnisaufgaben oder gabe erfordert einen kritischen Umgang mit der vielleicht sogar als Fragestellungen formuliert Frage, ob und auf welche Dauer das Stiftungssind. Rein funktionale Zweckbeschreibungen vermögen selbst erhalten werden soll. Die Musund/oder die schlichte Übernahme der Defini- tersatzung für Stiftungen, so wie sie beispielstionen der Abgabenordnung haben diese – an weise bei den zuständigen Ministerien der dem geistigen Wesen (Mauss) der Stifterin oder Bundesländer oder den Stiftungsverbänden im des Stifters orientierte – Entwicklungsoffenheit Internet abgerufen werden können, sehen stereo­ nicht. Dem Medium „Sprache“ kommt so neben typ die Formulierung vor: „Das Stiftungsvermöden weiteren Medien des Sozialen „Recht“ gen ist stets ungeschmälert zu erhalten.“ Die und „Geld“ eine gleichgewichtige Bedeutung unbedingte Vermögenserhaltungspflicht wird zu. Die entwicklungsoffene und individuali­ so zum unabänderlichen Dogma erhoben.11 Die sierende Beschreibung der Stiftungsziele, die Stimmen, die auch den Verbrauch des Stiftungs­ zuweilen gegen eine auf standardisierte For- vermögens rechtlich zulassen wollen, nehmen mulierungen drängende Finanzverwaltung und zu12 und dürften bereits überwiegen. Das Lan­ Stiftungsaufsicht durchzusetzen ist, hat den des­stiftungsgesetz NRW13 und auch andere Vorteil späterer Weiterentwicklung. Ansonsten Landes­stiftungsgesetze erlauben den Vermösind Stiftungszwecke nur abänderbar, wenn gensverbrauch ausdrücklich, wenn er in der ihre Erfüllung unmöglich geworden ist (§ 87 BGB) Stif­tungs­satzung als Möglichkeit vorgegeben oder wesentliche Veränderungen der tatsäch­ ist. Es kann zu respektierender Stifterwille sein, lichen Verhältnisse eingetreten sind (vgl. etwa das Stiftungsvermögen stets ungeschmälert zu § 5 Abs. 2 1. StiftG NRW). Über das Vorliegen erhalten; es kann aber auch gute (möglichersolcher Voraussetzungen lässt sich trefflich streiten. weise bessere) Gründe geben, dass auch das Stiftungsvermögen für Projekte der Stiftung ein­ Die Sozialgestalt einer Stiftung sollte elastisch gesetzt werden kann. Es gehört zu der guten sein. Sie sollte sich nicht allein auf das Kooptations­ Beratungspraxis der Treuhand, die Stifterin und 59

9. Mauss: a. a. O., S. 18 10. Mauss: a. a. O., S. 35 11. Klaus Neuhoff formuliert im Jahresheft für das Stiftungswesen, 2. Jahrgang 2008, S. 18: „Insofern wäre angesichts der vorgegebenen rechtlichen Traditionen und heutigen Rechtsvorschriften eine gesetz­ lich definierte oder unterhalb der normierten Ebene auch nur für zulässig erachtete Endlichkeit einer Stiftung (beispielsweise als Stiftung auf Zeit oder Verbrauchsstiftung) ... von vornherein ein Bruch im Dogma dieser juristischen Person, auch wenn das in der Satzung oder im Stiftungsgeschäft nieder­ge­ legter Stifterwille ist, den die Rechts­ ordnung zurückzuweisen hätte (als nicht anerkennungsfähig).“ 12. vgl. hierzu zwei Aufsätze im Jahresheft für das Stiftungswesen, 4. Jahrgang, 2010 13. § 4 Abs. 2 StiftG NRW


Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

den Stifter selbst zu befragen, ob sie eine Endlichkeit der Stiftung als sinnvoll ansehen und eine entsprechende Satzungsgestaltung wünschen oder aber eben nicht. 3. Das Vererben // Man kann dem Vererben eine geringere Bedeutung zumessen im Vergleich zum Schenken und Stiften,14 zumal doch das Vererben aus Anlass des Todes geschieht, „in welchem mein Eigentum ohnehin aufhört, meins zu sein“.15 Man kann – wie der weit überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung – die Vererbung ihrem Lauf überlassen und es auf die gesetzliche Erbfolge ankommen lassen. 160 Mrd. Euro werden so in Deutschland jährlich – überwie­ gend nicht bewusst gestaltet – vererbt. Dabei liegt dem bewussten Vererben und dem Schenken zu Lebzeiten im Wege vorweg­genom­ mener Erbfolge ein faszinierender Gedanke zugrunde, den Wilhelm Ernst Barkhoff, wesent­ licher Mitinitiator der GLS Treuhand, einmal so formuliert hat: „Man kann sich während seines Lebens ein Bild davon machen, welchen Teil seines Vermögens man wirklich zum Leben und zur Verwirklichung seiner Ziele braucht und welchen Teil man als Ballast mit sich herumträgt. Wenn man den überflüssigen Teil mit Bewusstsein verschenkt, hat man ein Naturgesetz überwunden und hat sich einen Bereich voller Freiheit verschafft.“16

14. Vgl. Muscheler, Karlheinz: Erbrecht, Band I, Tübingen 2010, Randnr. 25 („Zwischen Schenken, Vererben und Stiften, besteht eine aufsteigende Stufenleiter, was die Einflussmöglichkeiten und fort­wir­ kende Macht des Gebenden angeht.“) 15. Hegel, Georg Friedrich Wilhelm: Grundlinien der Philosophie des Rechtes, § 179 16. Barkhoff, W. E.: Gemeinnützigkeit und Bankwesen, in: die drei 6/73, S. 278 60

In den kommenden Jahren wird es eine wichtige Aufgabe der GLS Treuhand sein, Ratgeber und Betreuer derjenigen Menschen zu sein, die im Vererben nicht nur die Übertragung materieller Werte sehen, sondern auch die Fortführung der von ihnen entwickelten ideellen Werte und die Möglichkeit, über den eigenen Tod hinaus Impulse zu geben. Die Instrumente des Schenkungs- und Erbrechts sind dabei nur Hilfsmittel. Ihre Ausgestaltung sollte in jedem Einzelfall neu erfunden werden.


Axel Janitzki und Ingo Krampen

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Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

Autor // Paul Mackay Paul Mackay, geb. 1946 in Hongkong, Wirtschaftswissenschaftler. Tätigkeit im internatio­ nalen Bankwesen, Begegnung mit der Anthroposophie und deren Studium in England und Deutschland (1974 – 1977). Von 1977 bis 2002 Tätigkeit im anthroposophischen Bankwesen, Mitbegründer und Direktor der Triodos Bank, Niederlande, und Vorstand der GLS Gemeinschaftsbank, wo er seit 2007 Vorsitzender des Aufsichtsrats ist. Seit 1996 im Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.

Geldfunktionen und Fähigkeitsentwicklung Die GLS Treuhand ist im Jahr 1961 aus dem Bedürfnis heraus entstanden, die gewonnenen Erfahrungen bei der Gründung der Waldorfschule Bochum-Langendreer im Jahr 1958 für verwandte Initiativen zur Verfügung zu stellen. Sie wurde als Instrument zur Finanzierung von Initiativen im Bereich Bildung, Kultur und Gemein­wesen ins Leben gerufen, ein Bereich, der – oberflächlich betrachtet – nichts mit der heutigen Wirtschaft zu tun hat. Die heutige moderne Wirtschaft basiert aber auf Arbeitstei­ lung und Kapitalbildung. Diese entstehen erst aufgrund von menschlichen Fähigkeiten. Die moderne Wirtschaft kann daher auch als Fähigkeitenwirtschaft charakterisiert werden. Arbeitsteilung und Kapitalbildung sind Folgen der Ausübung von menschlichen Fähigkeiten. Insofern ist Kapital als realisierte menschliche Fähigkeit zu betrachten. Deswegen ist es wichtig, sich mit den menschlichen Fähigkeiten zu befassen. Was ist das Besondere an den mensch­ lichen Fähigkeiten? Deutlich ist hier, dass wir als Mensch eine besondere Spezies sind im Vergleich zu den anderen Lebewesen. Wenn der Mensch geboren wird, ist er nicht fertig und auch nicht von vornherein in seiner Entwicklungsrichtung festgelegt, wie das z. B. bei den Tieren 62

der Fall ist. Der Mensch ist ein Fähigkeitswesen. Diese Fähigkeiten sind als Potenzial vorhanden, müssen aber ausgebildet werden. Von der Wirt­ schaft her besteht die Gefahr, die Fähigkeitsbildung den vorhandenen Bedürfnissen zu sehr anzu­passen. Es genügt aber nicht, nur die Bedürf­ nisse von heute im Auge zu haben. Dann wären Entwicklung und Erneuerung nicht möglich. Die Gesellschaft braucht Entwicklung und Erneu­ erung, vor allem in Anbetracht der Zeitfragen, die sich heute stellen. Dies gilt ebenso für die Wirtschaft, wenn sie sich nicht so sehr auf Wachs­tum, sondern vielmehr auf Nachhaltigkeit, d. h. auf Erneuerung und Wandel richten will. Dies vor allem im Hinblick auf einen nachhaltigen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen. Bei den menschlichen Fähigkeiten können wir drei Entwicklungsschritte unterscheiden. Zuerst gilt es, die potenziellen Fähigkeiten zu wecken und auszubilden. Der nächste Schritt ist dann, diese in der Lebenspraxis auszuüben. Findet dies seine Realisierung, dann entstehen daraus Leistungen in Form von Waren- und Dienstleistungen. Diese drei Entwicklungsschritte brauchen ihre jeweils entsprechende Finanzierung.


Paul Mackay

• Wenn Leistungen erbracht werden, dann sollten sie entsprechend bewertet und durch Kauf entgegengenommen werden können. Die ganze Wirtschaft funktioniert nach dem Prinzip von Leistung und Gegenleistung, d. h., dass die Leis­tung, die erbracht wird, in sachgemäßer Weise der Gegenleistung entspricht. Dadurch entsteht ein Wertmaßstab, der in den Preisen der Waren- und Dienstleistungen zum Ausdruck kommt. Der gerechte Preis ist dann gegeben, wenn derjenige, der eine Leistung vollbringt, so viel als Gegenwert bekommt, dass er seine Bedürfnisse befriedigen kann, bis er wiederum eine gleiche Leistung vollbringt. • Damit Fähigkeiten zur Ausübung gelangen können, sollten sie entsprechend versehen werden mit Produktionsmitteln. Die Finanzierung sollte der Abnutzungszeit der Produk­ tionsmittel entsprechen und für diese Zeit zur Verfügung gestellt werden. Hier gilt nicht so sehr das Prinzip der Leistung und Gegenleistung, sondern vielmehr die Beurteilung, ob jemand oder eine Gruppe von Menschen die potenziellen Fähigkeiten hat, eine angestrebte Leistung zu erbringen und dafür entsprechen­ de Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Die Leistung ist ins Auge gefasst, aber noch nicht vollbracht. • Wenn Fähigkeiten ausgebildet werden, dann sollte die Finanzierung so gestaltet sein, dass nicht von vornherein bestimmt ist, in welche Richtung die Ausbildung zu gehen hat. Um dies in bester Weise zu ermöglichen, ist eine Finanzierung durch Schenkung eine sachgerechte. Dadurch können Entwicklung und Erneuerung auf freie Weise zustande kommen. Am reinsten ist dieses Prinzip in der Erziehung der eigenen Kinder enthalten, wenn die Eltern die Kosten für die Erziehung ihrer Kinder über­ nehmen. Auch bei der Vergabe von Stipendien ist dies der Fall. So entstehen drei Funktionen des Geldes, die geeignet sind, die Fähigkeitsentwicklung, die der arbeitsteiligen Wirtschaft zugrunde liegt, auf

entsprechende Weise zu finanzieren. Bei den Waren- und Dienstleistungen ist nicht nur von konsumfähigen Waren- und Dienstleistungen auszugehen, sondern auch von Leistungen, die einen investiven Charakter haben. Warenleistungen sind nicht nur Konsumgüter, sondern auch Kapitalgüter in Form von Produktionsmitteln. Dienstleistungen sind nicht nur konsum­ fähige Dienstleistungen, sondern auch Dienstleistungen, die zur Bildung von Fähigkeiten (Lehre) und zur Erneuerung (Forschung) beitragen. Die drei entsprechenden Geldfunktionen des Kaufens, Leihens und Schenkens können wir in der heutigen Gesellschaft wiederfinden. Beim Kaufen im Zahlungsverkehr, beim Leihen im Kreditwesen und Beteiligungs-/Börsenwesen, beim Schenken im Stiftungs- und Steuerwesen.

Arbeitsteilung und Kapitalbildung sind Fol­­gen der Ausübung von menschlichen Fähigkeiten. Insofern ist Kapital als realisierte menschliche Fähigkeit zu betrachten Durch das Kaufen entsteht eine globalisierte Welt­wirtschaft, indem die ganze Welt zum Wirt­ schaftsraum wird. Bei einer Kauftransaktion hat man es immer mit einem raumüberbrücken­ den Austausch von Leistungen zu tun. Durch das Leihen und insbesondere das Kreditwesen haben wir es mit einer Zeitdimension zu tun, wobei es wichtig ist, dass die Laufzeit der Kredite abgestimmt wird auf die Abnutzungszeit der Produk­ tionsmittel. Bei der Kreditvergabe haben wir es mit einer zeitüberbrückenden Beziehung zwischen Geldgeber und -nehmer zu tun. Beim Beteiligungswesen, das risikotragendes Geld beinhaltet, geht es um eine Initiative des Menschen oder der Menschengruppe, die ihre Fähig­ keiten ausüben will. Beim Schenken geht es um die Erneuerung, also um die Bildung von neuen Fähigkeiten, die es ermöglichen, die gewordene Welt neu zu greifen. 63


Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

Das Ganze kann in einem Bild zusammengefasst werden (siehe Darstellung unten). Vor dem Hintergrund der Gliederung der Geldfunktion ist es möglich, auf die Finanzkrise zu schauen. Deutlich wird dabei, dass eine Art Stau entstanden ist im Bereich des Leihens. Das Geld, das nicht mehr für den Konsum ausgegeben wird, wird jetzt im Investivbereich angelegt und sucht seine Anlage. Wenn die Anlagemöglichkeiten aber beschränkt sind, dann steigen die Vermögenswerte – die nicht nur im Geld, sondern auch in geldähnlichen Verbriefungen (wie Aktien, Gutscheine usw.) ihren Ausdruck finden – unverhältnismäßig im Vergleich zu den realen Werten, auf die sie sich beziehen. Es entsteht eine Inflation der Vermögenswerte, so wie früher eine Inflation der Konsumwerte entstand. Dies geht so lange gut, bis ein Teil der Anleger sich zurückzieht und das Ganze in sich zusammenfällt. Kapital wird vernichtet, was soziale Folgen mit sich bringt. Gleichzeitig ist deutlich, dass die Bildung und das kulturelle Leben im weitesten Sinne an Unterfinanzierung zu leiden haben. Es wird deutlich, dass an der einen Stelle zu viel und an anderer Stelle zu wenig Geld vorhanden ist. Das Geld vermag sich nicht von der einen Funktion in die andere zu transformieren. Dadurch fängt es an, kontraproduktiv zu wirken.

GELDFUNKTIONEN

Die Finanzkrise ist dadurch entstanden, dass zu viel Geld im Investivbereich vorhanden war und benutzt wurde für die Finanzierung von Immobilien, die nicht so sehr einen Produktivwert, sondern vielmehr einen Konsumwert hatten. Es entstand keine neue Produktivität. Die Grundlage der Kreditgewährung und damit der Geldschöpfung sollte aber die Produktivität der Wirtschaft sein. Wenn zu viel Kreditgewährung in Richtung von Konsumkrediten geht, dann ent­ steht über kurz oder lang eine Krise! Es ist also zu unterscheiden zwischen Kreditgewährung im produktiven und im konsumtiven Bereich. Geldschöpfung durch Kreditgewährung ist nur zu verantworten, wenn sie im Zusammenhang steht mit der Produktivität der Wirtschaft. Dieses Verhältnis ist von eminenter Bedeutung. Weiterhin ist von Bedeutung, dass das Geld im Anlagenbereich nach einer gewissen Geltungsdauer (beispielsweise die Lebensdauer einer Generation, also etwa 30 bis 40 Jahre) eine andere Funktion bekommt. Es kann nicht sein, dass das Leihen zeitlich unbeschränkt ist. Dies ist ja auch bei der Anlage, in die das Geld investiert wird, nicht der Fall. Leihgeld sollte nach einer gewissen Zeit in Schenkungsgeld umgewandelt werden, damit neue Fähigkeiten und eine Erneuerung von Kultur und Gesellschaft

FÄHIGKEITSENTWICKLUNG

Schenken

Stiftungs- und Erneuerung Steuerwesen

Ausbildung

Leihen

Beteiligungs- und Börsenwesen

Ausübung Kapitalgut Produktionsmittel

Kreditwesen Zeit

Initiative

Kaufen Zahlungsverkehr Raum

Lehre Forschung

Dienstleistung Auswirkung Warenleistung Konsum

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Paul Mackay

möglich wird. Die nahezu einzige Möglichkeit, die wir zurzeit dafür haben, ist das Steuerwesen. Es sollte neu gestaltet und den Menschen durch entsprechende Finanzierungsangebote mehr zugänglich gemacht werden. Dadurch würde eine Unterscheidung zwischen der Finanzierung von Privatgütern und Gemeingütern ermög­ licht werden. Welchen Objekten kann mehr Privat­gut-, welchen mehr Gemeingutcharakter zugesprochen werden? Es scheint mir, dass z. B. die klassischen Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer (das heißt: Energie) typische Elemente sind, die Gemeingutcharakter haben. Sie sind zunächst naturgegeben und nicht von Menschen hervorgebracht. Als Investition sollte nur die Anlage finanziert werden, damit jegliche Spekulation im Bereich des Gemeingutes ausgeschlossen wird. Das Gemeingut als solches sollte auch nicht ver­käuflich sein. Außerdem sollte bei Produktionen, die auf Kosten dieser vier Elemente gehen, eine Kompensation durch Anhebung der Preise der damit zusammen­ hängenden Konsumgüter enthalten sein, damit der Aufwand für eine nachhal­tige Pflege der Gemeingüter ausreichend finanziert werden kann.

Wenn sich das Finanzsystem in diese Richtung wandelt und gehandhabt wird, dann können die menschlichen Fähigkeiten sich entsprechend entwickeln und es entsteht eine ganz neue Schöpfungskraft in der Wirtschaft. Die Wirtschaft ist nicht mehr gezwungen, sich auf Wachstum auszurichten, sondern kann sich auf eine nachhaltige Weise an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Diese sind nicht nur von materieller Art, sondern auch – und immer stärker – immateriell. In diesem Bereich bedeutet Wachstum nicht Vergrößerung, sondern Ver­ edelung und Bildung. Möge die GLS Treuhand in diesem Bereich weiter­ hin ihren wichtigen Beitrag leisten!

Vor diesem Hintergrund ist es deutlich, dass die Besteuerung, d. h. die Umsetzung von Geld in die Schenkungsfunktion, einerseits da ansetzen soll, wo Ausgaben für die Konsumtion getätigt werden (in Form einer Ausgabensteuer für die Erwerbung von Konsumgütern), und andererseits da, wo Vermögenswerte über längere Zeiträume „abgeschrieben“ werden sollten, d. h. umgewandelt werden in Abgaben. Die Beträge, die dadurch freikommen, sollten meines Erachtens nur zum Teil dem Staat zugutekommen. Vielmehr sollte Menschen die Gelegenheit gegeben werden, selber bestimmen zu können, in welche Richtung sie diese Gelder im Bereich des Gemeinwesens lenken wollen. In Europa entsteht immer mehr das Bedürfnis nach einer direkten Demokratie – sie sollte ergänzt sein durch eine direktere Beteiligung am Gemeinwesen durch ein entsprechendes Finanzgebaren. 65


Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

Autor // Siegfried Finser Siegfried E. Finser, M. A., Erziehungspsychologe und Studium am Goetheanum. Tätigkeiten u. a. als Manager in der Organisations- und Mitarbeiterentwicklung eines Weltkonzerns. Sieben Jahre Lehrer an der Rudolph Steiner Schule in New York City, Schatzmeister der Anthroposophischen Gesellschaft der USA. Gründer und bis 1994 Präsident der RSF Social Finance in San Francisco, die z. B. Waldorfschulen, Camphill-Einrichtungen oder biodynamische Höfe finanziert. Workshops zur spirituellen Bedeutung des Geldes.

Der unermessliche Wert des Schenkens Schenken ist die einzige finanzielle Transaktion, die mit dem Geschenk Werte vermittelt. Schenken verändert die Welt von innen heraus, es zieht Geistwesen in die menschliche Sphäre, weil es, unabhängig vom Umfang des Geschenks, immer ein Opfer ist. Der Akt des Schenkens ist bedeutsamer und größer als das Geschenk selbst.

ganze Kultur nicht, sie würde ohne Spenden nicht bestehen. Allein im letzten Jahr, unter schwie­rigen finanziellen Bedingungen, betrug das Spendenaufkommen 300 Milliarden Dollar, der weitaus größte Teil stammte von Personen, deren Motive über den Eigennutz hinausgehen. Großzügigkeit lebt und gedeiht in den Seelen und Herzen der meisten Menschen.

In der gesamten Geschichte der Menschheit und in allen Kulturen wurde das Opfer als etwas betrachtet, das die Götter erfreut, und die Menschen verließen sich auf ihre Gottheiten, sie gaben ihnen Rat, Unterstützung und Inspira­ tion. Wir mögen jemandem ohne innere Betei­ ligung einen Dollar in die Hand drücken, aber jedes Geschenk, das ein Opfer ist, spricht die höchste Gefühlsebene in uns an. Alle Schenken­ den greifen nach dem Element des Idealen in ihrer Seele, sobald sie das Schenken in Betracht ziehen und ein Geschenk machen. Dieses innere Erleben liegt in der Natur der Transaktion.

Es lohnt sich, diese allzu oft unterschätzte Trans­ aktion unserer Weltwirtschaft einmal näher zu betrachten. Schenken unterscheidet sich wesent­ lich von den anderen zwei Arten finanzieller Transaktionen: kaufen/verkaufen und leihen/ verleihen.

Nehmen wir einmal an, Sie schätzen die Schule, in der Ihre Kinder auf das Leben vorbereitet werden. Die Schule braucht einen Raum, in dem sie die Arbeiten der Kinder ausstellen kann und wo sich engagierte Eltern und andere Interes­ sierte treffen können. Sie entscheiden sich, 1000 Dollar für das Finanzierungskonzept zu In den USA werden Schenkungen durch das spenden. Viele andere beteiligen sich und die Steuerrecht gefördert und unterstützt. Ohne Aula wird gebaut. Sie ist schön und nützlich Spen­den könnte keine Universität, kein Orches- obendrein. Sie sehen Ihr Kind in seiner ersten ter, keine Tanz- oder Theatergruppe, kein Rolle in einem Stück von Shakespeare. Es spricht Museum überleben; tatsächlich gäbe es unsere so gut. Sie bewundern seine Haltung, seinen

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Siegfried Finser

Sinn für Dramatik. Schon haben Sie das Gefühl, Sie hätten kein schöneres Opfer bringen können, als diese 1000 Dollar. Aber – und das ist das Wunderbare des Schenkens – diese 1000 Dollar wirken weiter. Weitere Stücke werden aufgeführt. Andere Kinder lernen, wachsen auf in diesem Raum. Ihr Kind hat seinen Abschluss gemacht, andere profitieren von dem Geschenk. Wenn die Aula 100 Jahre besteht und genutzt wird, so sind um die 5000 Kinder darin aufgewachsen. Mehrere Hundert LehrerInnen konnten sie erziehen, unterrichten und ihre Entwicklung fördern. Die AbsolventInnen der Schule heiraten und bekommen Kinder. Sie arbeiten in den verschiedensten Berufen. Sie arbeiten für die Regierung, als Musiker, Unternehmerin, Künst­ lerin, Anwalt, sie werden Tischler, Sänger, Finanz­ expertin oder Lehrer. Die Liste nimmt kein Ende. Das Geschenk, das nun in den Menschen weiterlebt, entfaltet seine Wirkung in allen Berufen. Die AbsolventInnen reisen, sie besuchen jedes Land der Welt und sie üben jede Religion und jede Form der spirituellen Suche aus. 5000 AbsolventInnen mögen bis zu einer Milliarde Menschen auf der ganzen Welt beeinflussen und das Geschenk wirkt immer weiter. Das ist das wahre Wesen des Geschenks. Es ist ein Opfer auf der Basis von Liebe und es wirkt bis ans Ende aller Zeiten und erreicht schließlich jedes menschliche Wesen auf der Erde und in der Zukunft. Als Sie die 1000 Dollar spendeten, waren die meisten der Kinder, die davon profitieren sollten, noch nicht auf der Welt. Sie kamen und gingen und alle zogen Nutzen aus Ihren 1000 Dollar. Wenn wir diese Erde verlassen und selbst die Erinnerung an uns zu verblassen beginnt, wird unser Geschenk uns überdauern. Es hat eine Art von Unsterblichkeit, die uns nicht gegeben ist. Jedes Geschenk, groß oder klein, trägt in sich die Eigenschaft, bis ans Ende der Zeit und zum Wohl der ganzen Menschheit zu wirken. Nun frage ich: „Wer sind die eigentlichen Empfän-

ger des Geschenks?“ Sind es diejenigen, die es annehmen? Wer es annimmt, verpflichtet sich zu tun, was er oder sie versprochen hat, um das Geschenk zu bekommen. Vielleicht gibt der oder die Beschenkte das Geschenk aber auch einfach nur weiter, indem er oder sie dafür sorgt, dass es allen nützt. Vielleicht ist die ganze Mensch­ heit eigentlich Empfängerin des Geschenks. Zu schenken weckt in uns die Sehnsucht, die Welt von Grund auf zu verändern, sie auf die eine oder andere Weise zu verbessern. Schenken rührt an die geistige Kraft, welche die Mensch­ heit in ihrer Entwicklung voranbringt. Lange bevor die Aula gebaut ist, haben die ArchitektInnen versucht, in Zeichnungen und Bildern einzufangen, was in der Vorstellung der

Schenken verändert die Welt von innen heraus, es zieht Geistwesen in die mensch­liche Sphäre Gemeinschaft existiert. Jede/jeder hat ein eige­ nes Bild davon, wie sie aussehen könnte. Es ist geprägt von der übergreifenden Vorstellung von den Eigenschaften und Möglichkeiten, die verwirklicht werden sollen. Anfangs ist das, was in der Vorstellung existiert, noch nicht physisch vorhanden. Es ist noch spiri­ tuell, wir können es nicht mit den Augen sehen, aber wir haben eine Vision von dem, was wir realisieren wollen. Unsere Gefühle verbinden sich mit dieser Vision und lassen den Wunsch auf­ kommen, sie zu verwirklichen. Dann schenken wir. Und so materialisiert sich die Aula nach und nach als Resultat unseres Schenkens. Nun können alle vor sich sehen, was anfangs nur wir sehen konnten. Geist hat sich in Materie verwandelt und erfreut nun unsere Sinne. Bill Gates und Warren Buffet haben viel von sich selbst gegeben. Vor Kurzem forderten sie 67


Geldqualitäten: Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld

Amerikas reichste Einzelpersonen und Familien dazu auf, den größten Teil ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu verwenden. Sie verfechten die Sache des Schenkens nicht für ein bestimmtes Projekt, es geht ihnen um das Schenken an sich. Mit ihrer Aktion drücken sie aus, dass der Akt des Schenkens an sich gut ist, unabhängig davon, wie groß das Geschenk ist.

Zu schenken und beschenkt zu werden verbindet die Kraft, die in uns allen lebt, mit der Kraft des Universums. Es belebt Materie spirituell und es ist ein Ausgangspunkt, von dem aus wir handeln und etwas erreichen können. Die beste Art, den Akt des Schenkens zu begehen, ist, das Opfer des Geschenks zu bringen. Aus dem Englischen von Gitta Büchner

Wer weiß schon, was wirklich in den Herzen, in den Köpfen dieser beiden vorgeht. Vielleicht haben sie unwissentlich das Potenzial erfasst, das jedem Geschenk innewohnt. Vielleicht haben sie, ohne es sich bewusst einzugestehen, Teil an der allmählichen Transformation unserer jetzigen Wirtschaftsweise in eine Ökonomie des Schenkens. Im kalifornischen Berkeley können Sie sonntags in der Karma Kitchen speisen, wenn Sie kühn genug sind, um es mit der Meute aufzunehmen, die dort isst. Nach einem köstlichen Essen erwarten Sie normalerweise eine Rechnung. Aber nun erklärt Ihnen der Besitzer oder einer/ eine der vielen freiwilligen HelferInnen, dass ein anderer Kunde schon für Sie bezahlt hat. Wenn Sie wollen – und Sie werden dazu ermuntert – können Sie nun etwas spenden, damit ein Gast, der nach Ihnen ins Restaurant kommt, eine freie Mahlzeit genießen kann. Und Sie fragen: „Warum regeln Sie das auf diese Weise?“ Man wird Ihnen antworten: „Wir möchten dazu beitragen, dass die Leute nicht mehr nur für sich selbst sorgen, sondern dass sie anfangen, sich um andere zu kümmern.“ Die Ökonomie des Schenkens wird nur funktionieren, wenn die Menschen sich als Gemeinschaft begreifen.

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Dieser Artikel erschien bereits in der Winterausgabe 2011 von RSF Quarterly, der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift der Rudolf Steiner Foundation/San Francisco (USA)


Siegfried Finser

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Religion, Gabehandeln und Schenken

Autor // Fritz Rüdiger Volz Prof. Dr. phil. Fritz Rüdiger Volz, geb. 1946, lehrte von 1982 bis 2011 Soziologie und Sozialphilosophie/Ethik an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-WestfalenLippe in Bochum. Arbeitsschwerpunkte: Sozial- und Kulturgeschichte der Wohltätigkeit sowie sozialanthropologische und ethische Grundlagen des Gabehandelns. Seit 2000 Mitglied der wissenschaftlichen Kommission „Geben, Schenken, Stiften“ und seit 2001 Mitglied der Prüfungskommission der Fundraising Akademie Frankfurt am Main.

„Zedaka“– der Geist und die Praxis der Gabe im Ethos des Judentums Das Thema des Gabehandelns ist das „Zwischen“. Gabehandeln ist Beziehungshandeln. Es dient dem Aufbau und der Pflege zwischenmensch­ licher Beziehungen. Gabehandeln als eine grund­ legend zur menschlichen Gattung gehörende Praxis ist der immer schon in Gang befindliche, stets fortzusetzende Kreislauf von Dingen und Symbolen, den jede Kommunikation, Kooperation und Konvivialität stets schon voraussetzen muss. Im Gabehandeln wird die umfassende wechselseitige Angewiesenheit aller Mitglieder einer menschlichen Gemeinschaft als gemein­ same Aufgabe angenommen, gestaltet und weiter­gegeben. Es verbindet Menschen miteinander, es bindet Menschen aneinander und daraus erwachsen wechselseitige Verbindlichkeiten. Gaben – Güter und Symbole – sind die Mittel und die Medien dieser vielfältigen Bin­ dungen. Im Horizont der beiden biblischen Religionen, des Judentums und des Christentums, sind all diese Beziehungen „zwischen“ den Menschen und ihren Gemeinschaften, „zwischen“ Perso­ nen, Dingen und Deutungen im strengen Sinne 70

weder denkbar noch lebbar außerhalb des bedeutungs- und sinnstiftenden Horizontes der Beziehung, aller Beziehungen auf Gott. In diesem Horizont wird das menschliche Leben, ja die Wirklichkeit überhaupt, zum Geschenk. Gott ist der erste Geber: Er ist Schöpfer, er stiftet den Bund und macht so die Menschen zu Bundesgenossen mit sich und miteinander; er schenkt seine Thora, seine Weisungen und seine Gebote und er schenkt so seinem Volk die das Leben ermöglichende und förderliche religiöse, spirituelle und normative Orientierung. Von diesem vorgängigen Schenken und Geben Gottes her kann und muss man dann in den vielen Institutionen und Praktiken, die das Volk Israel zum Kultus, d. h. zur „Pflege“ seiner Beziehung zu Gott, entwickelt hat, die Grundmuster des Annehmens und des Erwiderns der Gaben Gottes in Lob und Dank, in Opfergaben und Gebeten wiedererkennen. Wenn man religionsgeschichtlich die für unsere Kultur so außerordentlich folgenreiche Geschichte der – oft tödlichen – Dramatik der religiösen


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Konflikte zwischen Judentum und Christentum Weitergeben: als Teilen der Güter mit all jenen, verstehen will, ist es sinnvoll, die Gründe dafür die in ihrer Lebensführung auf diese Teilhabe gerade in den Ähnlichkeiten und Analogien, im an den (landwirtschaftlich erzeugten) LebensSelbstverständnis als Gottesvolk und in den mitteln angewiesen sind. Das betrifft zunächst daraus abgeleiteten gemeinschaftlichen Lebens­ all jene, die ihr Leben dem Dienst am Tempel ordnungen und individuellen Lebensvollzügen geweiht haben – Priester, Leviten und andere zu suchen. Die Ansprüche der christlichen Kirche, Kultbedienstete. Das betrifft sodann all jene – das neue und das wahre Volk Gottes zu sein, das und das ist die größere und bedeutsamere sich dem Neuen Bund verdankt, hat aus dem Gruppe –, die als Witwen, Waisen und Fremde Judentum nicht nur eine religiöse Konkurrenz zu den Armen und Bedürftigen und zu den in des Christentums gemacht, sondern – viel grund­ ihren Rechten Gefährdeten zählen. Für das sätzlicher noch – eine kategorische Gefähr- Selbstverständnis, für die Lebensvollzüge und dung und Bedrohung für die christliche Iden- für die Wirkungsgeschichte des Judentums ist tität, Ordnung und Legitimität. Das sollte im es nun von kaum zu überschätzender BedeuHintergrund bewusst bleiben beim Blick auf die tung, dass der Gott Israels sich als der zu erkenÄhnlichkeiten und Analogien im Verständnis der nen gibt, für den die Art und das Ausmaß des Geschenke Gottes und der Gegengaben der Teilens mit den Armen, des Weitergebens an Menschen. „Witwen und Waisen“ als praktische Bewährung der Bundestreue der Israeliten und ihrer Recht­ Am Beispiel des jüdischen „Wochenfestes“ schaffenheit im Verhältnis zu den Mitmenschen (Schawuot) lassen sich diese Zusammenhänge gilt. für das jüdische Selbstverständnis veranschau­ lichen. Das Wochenfest ist das Fest, an dem des Geschenkes der Thora, des göttlichen Gesetzes Im Gabehandeln wird die wechselseitige und seiner Weisungen, gedacht wird. Zugleich ist es das „Fest der Erstlingsfrüchte“, zu bibli­ Angewiesenheit aller Mitglieder als gemein­ schen Zeiten ein Wallfahrtsfest, an dem im Frühjahr die ersten Früchte des Feldes Gott im same Aufgabe angenommen Tempel zu Jerusalem dargebracht wurden. In der Liturgie dieses Festes wird – religions- und kulturgeschichtlich folgenreich – ein Bewusstsein In diesem Bruderschaftsethos als einem dem von den grundlegenden Strukturen des Gabe- Bunde Gottes entsprechenden Ethos verschafft geschehens zur Darstellung gebracht. Geben, sich in besonderer Weise die eigene Erfahrung Annehmen, Erwidern und Weitergeben gehen sowohl von Unterdrückung und Not („in Ägypeine in sich hochkomplexe, vielfältige Verbin­ ten“) als auch von Gottes Befreiungshandeln dung miteinander ein. Gott stiftet den Bund mit im Exodusgeschehen Geltung. Dieses Bruderseinem Volk und schenkt ihm seine Thora, in der schaftsethos findet seine verdichtetste Formu­ sein Volk die Quelle seines spirituellen Lebens lierung im Gebot „Liebe deinen Nächsten, denn findet. Sein Volk (zu biblischen Zeiten eine er ist wie du“ (Leviticus/3. Buch Mose 19,18). agrarische Gesellschaft) erkennt in seinem Gott Das Verhältnis zu Gott, zum Nächsten und zu zugleich den Schöpfer der Erde, in deren Bear- sich selbst kann nur in der Einheit dieser wechbeitung es materiell sein Leben sichert, und selseitigen Verwiesenheit gelingen. Die Vereinerkennt ihn als diesen an. Die ersten Früchte der seitigung eines dieser drei Elemente gefährdet ersten Ernte im Jahr werden diesem Gott als oder zerstört das ganze Beziehungsgeflecht. Opfer, d. h. als Gegengaben, in Anerkennung und Erwiderung seiner Schöpfungs- und Bun­ Als Auslegung des Gebotes der Nächstenliebe desgaben, dargebracht. Die Erwiderung und finden sich in der Thora eine ganze Reihe von der Dank an Gott vollziehen sich zugleich als Geboten (Mitzwot), die mit ihren konkreten 71


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Vorschriften dazu dienten, das Existenzminimum der Armen zu gewährleisten. So gilt das Gebot, die Ecken eines Feldes nicht abzuernten und überhaupt den Acker nicht vollständig abzuernten, sondern eine angemessene Menge von Ähren für die „Nachlese“ durch die Armen liegenzulassen. Diese und eine Reihe weiterer Vor­schriften waren freilich eng an eine agra­ri­ sche Produktionsweise gebunden und konnten im nachbiblischen, talmudischen Judentum nur eine sinngemäße Gestalt der Fürsorge für die Bedürftigen annehmen. Da viele der Armen durch­aus Kleinbauern mit eigenem Grundbesitz waren, war in Krisensituationen, z. B. nach Miss­ ernten, das Darlehen (als Saatgut oder als Geld) eine wichtige Form der Unterstützung. Darlehen waren in den wirtschaftlichen und sozialen Ordnungen des Alten Orients, d. h. in der sozia­ len und kulturellen Umwelt des Alten Testaments, eine gängige und als selbstverständlich etablierte Praxis. Sie wurden gegen Zinsen, teilweise zu enorm hohen Zinssätzen gewährt. Üblich war durchaus ein Zinssatz von ca. 20 %. Zu den vordringlichen ökonomischen und sozia­ len Problemen gehörten folglich die Fragen von Zins und Wucher, von Pfändung und Schuld­ knechtschaft. Es unterscheidet nun das biblische Judentum in seinem Ethos radikal von seinen Nachbarn, dass es ein grundsätzliches Verbot des Zinsnehmens kennt (das in vielen Fällen auch für Fremde galt). Für die Ausgestaltung der Schuldknechtschaft von Angehörigen des eigenen Volkes galten besondere Schutzregeln; für Kredite aller Art und auch für die Schuldknechtschaft galten Erlassfristen, meistens in einem Sieben-JahresZyklus. Diese Gebote standen in einem engen Zusammenhang mit der Institution des Sabbat, der ja für alle Vollzüge des Alltags und der Arbeit wesentlich mit der Idee der Unterbrechung, des Ablassens und des Erlasses verknüpft ist. Aller­ dings muss man insbesondere im Blick auf das sogenannte Erlassjahr (Jobeljahr) – Erlass aller Schulden und Rückgabe allen im Zusammenhang mit Darlehen und Schulden erworbenen Landes an die ursprünglichen Besitzer – davon ausgehen, dass solche Gebote nur eine einge72

schränkte Befolgung fanden. Die Gebote sind Elemente von Programmatiken religiös motivier­ ter Sozialreformen, wie sie in der Geschichte des Alten Israels immer wieder notwendig wurden. Es ist diese Idee von bruderschaftlichem Ethos, von Solidargemeinschaft und von der Bun­des­ treue gegenüber Gott und allen Mitmenschen, die für das nachbiblische talmudi­sche Judentum bis heute und darüber hinaus für die euro­päi­sche Sozialgeschichte insgesamt bedeutsam geworden ist. In der Geschichte des talmudischen, nachbibli­ schen Judentums unter den Bedingungen der Diaspora, im Status als gefährdete Minderheit in christlicher und auch muslimischer Umgebung, wird unter dem Druck dieser Verhältnisse die Binnenzentrierung des Bruderschaftsethos und seiner Hilfepraxis noch verstärkt. An die Stelle der bedeutungslos gewordenen Regelungen einer agrarischen Gesellschaft treten neue Formen, in denen das Geld einerseits und der konkrete, persönliche tätige Ansatz anderer­ seits an Bedeutung gewinnen. Die Pflichten zur Unterstützung von Bedürftigen werden im Gebot der „Zedaka“, der Gerechtigkeit oder Wohltätigkeit, verdichtet. Jedes Gemeindeglied spendet anonym an damit von der Gemeinde Beauftragte, die den Spendenfonds treuhänderisch verwalten und an Bedürftige verteilen. Freiwilliges und großzügiges Geben wird erwar­ tet. Zugleich aber sollte niemand so viel geben, spenden oder verschenken, dass er sein und seiner Familie Auskommen nicht mehr gewähr­ leisten könnte und selbst bedürftig würde. Darüber hinaus wird unter den Bedingungen des Zusammenlebens auf engem Raum die Pflicht zur „Gemilut chassadim“ (tätige Barmherzigkeit) im Sinne einer personalen Zuwendung zum bedürftigen anderen in Krisen- und Mangelsituationen der persönlichen Lebensführung geordnet (dazu gehören die Fürsorge bei Krank­ heit und Tod, der Freikauf von in Sklaverei gera­ tenen Gemeindegliedern und die Ausstattung von armen Bräuten mit einer Mindestmitgift sowie der Beistand bei Tod und Bestattung). Insbesondere für die Zedaka gilt, dass sie eine durch Gottes Gebote geforderte Pflicht ist, die


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von allen Gemeindegliedern, auch von den Armen, erwartet wird. In Art und Ausmaß der Gemilut chassadim, der personal praktizierten Hilfestellung beim Bewältigen schwieriger Lebens­situationen, besteht ein größerer Ent­ scheidungs- und Gestaltungsspielraum für den Einzelnen.

jüdischen Familien- und Gemeindeleben vielfach präsenten Sammelbüchse durchaus als Almo­sen verstanden werden. Von den Wohlhabenden insbesondere wird erwartet, dass sie – mindestens am SabbatAbend – Reisende und Talmudstudenten zum gemeinsamen Mahl einladen. Auch Bettler und „Schnorrer“ werden mit Spenden und Geschenken bedacht; Einrichtungen der Gemeinde, theo­ logische Schulen und andere Einrichtungen rund um die Synagoge werden durch Spenden und Stiftungen gefördert. Aus alle dem entwi­ ckelte sich die jüdische Philanthropie, zu deren Aufgaben mit Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr Aufgaben hinzukamen, die über die Hilfeleistung an Bedürftige hinausgriffen und auch die Förderung von Kunst, Wissenschaft und Einrichtungen des Gesundheitswesens umfassten. Dabei wurden auch zuneh­mend nichtjüdische Empfänger und Einrichtungen bedacht.

Nicht unmittelbar von Geboten und Vor­ schriften des Talmuds detailliert vorgeschrieben, wohl aber aus dem stets erneuerten Geist des Bruderschaftsethos und des dem Bund entsprechenden Handelns getragen, bilden sich im Laufe der Geschichte des Judentums eine Fülle von wirtschaftlichen und sozialen solidarischen Hilfeformen heraus. In diesem Prozess überlappen sich die Pflichten, Leistungen und Formen von Zedaka/Gerechtigkeit und von Gemilut chassadim/tätige Barmherzigkeit zunehmend. Durch stärkere Arbeitsteilung und Ausdifferenzierungen innerhalb der jüdischen Gemeinde werden auch die Aufgaben und Funktionen beider Gestalten der Solidarität im Sinn des biblischen Bruderschaftsethos zahlreicher, diffe­ Es ist durchgängig eine Besonderheit jüdischer renzierter und vor allem anonymer. Der Bedeu- Spende- und Hilfepraxis, vor allem mit Blick auf tungsschirm von Zedaka erweitert sich beträcht­ wirtschaftliche Not, dass dem zinsfreien Darlich, aber zugleich verschiebt sich die Bedeutung lehen eine besondere Bedeutung zukommt, dass des Wortes insgesamt von „Gerechtigkeit“ es sogar eine ethische Auszeichnung erfährt. Auch dieses ist nur verständlich vor dem Hinterstärker zu „Wohltätigkeit“. grund eines Bruderschaftsethos, das jeden In all diesen Entwicklungen und Prozessen kommt Einzelnen in seiner Gottesebenbildlichkeit und dem Geld eine zunehmend große Bedeutung folglich in seiner Würde respektiert. Gerade zu: Es ist die Form, die die Gabe wie auch die auch Bedürftige durch das Geben und Schendurch sie ermöglichte Unterstützung vorwiegend ken nicht zu beschämen, ist ein zentrales Motiv annehmen. Die beiden wechselseitig sich ver- jüdischer Ethik. „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist keine stärkenden Dynamiken von Institutionalisierung sozialpolitische Forderung der Moderne, son­ und Monetarisierung durchziehen und bestim- dern von Anfang an Ziel einer von diesem Geist men schon seit dem ausgehenden Mittelalter getragenen Unterstützungspraxis. die Formen der sozialen Hilfe lange vor den modernen Wohlfahrtssystemen. Unter deren Einen Gipfelpunkt der theologischen und eth­ Rahmenbedingungen ist neuerdings das Almo­ ischen Klärung der Gaben- und Spendenpflicht sen in Verruf geraten. Es gehört aber über lange der Zedaka findet sich im Werk des jüdischen Zeit (zumindest im deutschsprachigen Raum) Gelehrten Maimonides (auch Rambam genannt). zu dem Vokabular, mit dem die freiwillige und Seine Lehre von den „Acht Stufen“ des Gebens freigiebige Gabe für andere, das „öffentliche und Schenkens ist bis heute beispielhaft und Schenken“, als ein wichtiges Element der För- maßgeblich. Die unterste Stufe im Modell des derung des Gemeinwohls bezeichnet wird. So Maimonides ist das widerwillige Spenden im kann auch die Aufschrift „Zedaka“ auf der im Angesicht des Empfängers, die höchste Stufe 73


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ist die der großzügigen anonymen Gabe, die den Empfänger in die Lage versetzt, mit dieser Unterstützung selbstbestimmt und eigenverantwortlich seine Notlage zu bewältigen. Die Abfolge der Stufen insgesamt lässt sich anhand der Darlegungen des Maimonides in seinem Werk „Mischne Thora“ (um 1180) folgendermaßen charakterisieren: • Unwillig und zögerlich geben • Aus freien Stücken geben, aber zu wenig • Angemessen geben, nachdem man dazu aufgefordert wurde • Angemessen geben, ohne vorherige Aufforderung • Öffentlich geben, für einen anonymen Empfänger • Anonym geben, an einen Empfänger, den man kennt • Anonym geben, an einen anonymen Empfänger • Vorsorglich geben: so geben, dass der Empfänger in die Lage versetzt wird, aus eigener Kraft seine Notlage zu bewältigen. Das kann so geschehen, dass man ihm Arbeit gibt oder ihn an einem Geschäft beteiligt oder ihm ein zinsloses Darlehen gewährt. Diese Form der „Hilfe zur Selbsthilfe“ beschämt den Empfänger nicht und achtet ihn in seiner Würde. Wir sehen, wie einer der größten Lehrer des Judentums in diesem Werk, einer systemati­schen Neuformulierung der Gesetze und Gebote Gottes und der ihnen entsprechenden Pflichten der Menschen, genau dem Thema der Zedaka eine außergewöhnliche Bedeutung beimisst. Dies zeigt und unterstreicht noch einmal die grundlegende Bedeutung der Geschenke Gottes für das Verständnis von Leben, Lebensordnung und Lebensführung im Judentum. Es wird zugleich unübersehbar deutlich, wie in diesem Horizont jede Handlung des Gebens, Schenkens und Spendens verstanden und vollzogen werden muss als Erwiderung und Dank.

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Bernheim, Gilles: Le souci des autres au fondement de la loi juive, Calman-Lévy, Paris 2002 Dorff, Elliot N., Newman, Louis E.: Jewish Choices, Jewish Voices, Bd. 3: MONEY, Philadelphia 2008 Goodman, Paul: Die Liebestätigkeit im Judentum, in: Volksschriften über die jüdische Religion, 1. Jg., 4. Heft, Frankfurt/Main 1913 Kitzur Schulchan Aruch: Abrégé du Choul’hane Aroukh, T. I, XXXIV, Règles de la charité, Paris 1966 Salomon, Julie: Rambam’s Ladder, New York 2003 Sherwin, Byron L.: Jewish Ethics for the Twenty-First Century – Living in the Image of God, Syracuse, New York 2000 Verband der Deutschen Juden (Hg.): Die Lehren des Judentums nach den Quellen. Dritter Teil: Die sittlichen Pflichten der Gemeinschaft, Berlin 1923 Volz, Fritz Rüdiger: Sozialanthropologische und ethische Grundlagen des Gabehandelns, in: Fundraising Handbuch, hg. von der Fundraising Akademie, 3. Aufl., Wiesbaden 2006


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Autor // Dieter Weber Prof. Dr. Dieter Weber, Biologe und Theologe. Seit 2000 Professor für Theologie und Sozialethik an der Fachhochschule Hannover. Arbeitsschwerpunkte: die Bedeutung von Leiblichkeit und Affektivität für das moralische Urteilsvermögen, Soziale Arbeit als Praxis der Anerkennung, Dialog Theologie und Naturwissenschaften.

Unser Vermögen zu geben ist eine Gabe Gottes 1

Gabe in christlicher Perspektive

1. Die folgende Darstellung ist aus christlicher Perspektive geschrieben. Das „Ich“ und „Wir“ setzt immer diese christliche Perspektive voraus. 2. In Anspielung auf die Briefzeile des Paulus an die Korinther („Was hast du, was du nicht empfangen hast?“, 1. Korinther 4,7) formuliert Oswald Bayer die „kategorische Gabe“ in Gestalt der Frage: „Was bist du, das dir nicht gegeben wäre?“. Sie steht für Bayer am Anfang einer christlichen Ethik und im Kontrast zum kategorischen Imperativ und der kantischen Frage, „Was soll ich tun?“ (vgl. Bayer 1995). 3. Vgl. Hartmann / Offe 2001; Hart­ mann i. Dr. 4. Vgl. Simmel 1907, 593-598.

Die Unverfügbarkeit der Gabe Gottes // „Was bist du, das dir nicht gegeben wäre?“2 Dass es uns gibt, verdanken wir nicht uns selbst. Dass es andere Menschen gibt, mit denen wir unser Leben teilen können, liegt nicht in unserer Hand. Sich dagegenzustellen, dass wir sterben müssen, ist vergeblich. Wir können unser Leben nicht behalten. Wir können es nicht für uns behalten. Wir müssen es hingeben, was auch immer wir zu unserer Lebensaufgabe machen. Dass uns andere ihre Zuneigung und Liebe schenken und wir anderen Liebe geben können, dass wir zur Liebe begabt sind, auch dies können wir uns nicht selbst geben. Dass wir anderen Vertrauen3 schenken können, ist ein Geschenk. Dass wir dankbar4 sein können für das, was uns im Leben geschenkt wird, ist eine Begabung, die nicht jedem gegeben ist und die wir uns nicht selbst geben können. Wir kom­ men nur als soziale Wesen auf die Welt.5 Es gibt uns nur als soziales Wesen. All diese Gaben, Begabungen und Gegebenheiten sind für den Menschen unverfügbar. Sie sind nicht immer so gegeben, wie wir es uns wünschen. Und nicht immer sind wir und andere für sie empfänglich. Aber wie wollten wir unser Leben selbst erzeu76

gen, den Tod verhindern, unsere Gaben als Besitz für uns behalten, ohne Gemeinschaft leben, Liebe und Vertrauen, Verstehen und Dankbarkeit erzwingen? Wollen wir dennoch über sie verfügen – etwa weil wir nicht genug davon bekommen haben – spüren wir ihren Verlust, erfahren wir die Vergeblichkeit unseres Tuns, vielleicht sogar eine Schuld.6 Die schreiben wir nicht nur anderen zu,7 sondern oft uns selbst. Oder wir schreiben sie Gott zu. In christlicher Perspektive verweisen diese zen­ tralen existenziellen und lebensbedeut­samen Erfahrungen auf die unverfügbaren Gaben Gottes. Sie beinhalten die Lebensgabe (Genesis 3,19). In der Gottebenbildlichkeit ist die Gabe der Rationalität (Genesis 1,26f., Psalm 8) wie auch die Aufgabe, dieser Gabe zu entsprechen, enthalten. Auch die Gabe der zehn Gebote stellt Begabung und Aufgabe zugleich dar.8 Durch sie ist soziales Leben möglich. Sie erinnern uns daran, was wir Gott und den Menschen schulden. Sie lehren uns den anderen zu achten und ihm zu geben, was auch wir von ihm an Gütern empfangen wollen. Sie sind die Vorausset­zung, dass es eine Gemeinschaft gibt, in der wir leben


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können (vgl. Psalm 1,3 und 119). Un­verfügbar ist die Gabe des Geistes (Apostelgeschichte 2). Gottes Geist macht nicht nur unseren Le­bens­ odem aus (Genesis 3,19; Psalm 104,30). Er lehrt uns auch zu verstehen, uns sozial zueinander zu verhalten und unsere Gaben und Güter mit anderen zu teilen. Er stiftet unsere individu­ellen Geistesgaben (1. Korinther 12), an denen wir einander erkennen, für die wir einan­der wert­ zuschätzen lernen. Die Schuld, das Bedingungslose und Unver­ fügbare zu unserer Schuld zu machen // Was auch immer wir von anderen bekommen, es wird nie genug sein. Unser Hunger nach Leben, nach bedingungsloser Liebe, nach Aner­ kennung wird dadurch nie befriedigt werden können. Der andere muss uns mindestens genau das „schuldig“ bleiben und wir ihm, was nicht verfügbar ist. Die Schuld besteht nicht primär in einem moralischen Fehlverhalten. Sie liegt auch nicht direkt in einem Unvermögen. Sie liegt vielmehr darin, dass wir uns und dem anderen gegenüber dieses Unvermögen leug­ nen, indem wir verfügen und erzwingen wollen durch alle möglichen Tricks und Manöver, mitunter auch durch moralisches Fehlverhalten verfügen und erzwingen wollen, was sich doch nicht zwingen lässt. Es ist uns eine zu bittere Gabe anzunehmen, dass wir im Blick auf die elementaren Le­bensgaben alle nur Empfangende sein können. Und es ist uns ein zu bitterer Kelch, loslassen und unser eigenes Leben hingeben zu „müssen“. Dieses „Müssen“ ist ein passives Müssen. Bei diesem Sein-eigenes-Leben-aus-derHand-geben-müssen, handelt es sich gerade nicht um das über lange Zeit gepredigte diako­ nische Ethos. Sein Leben in fast autoaggressiv zu nen­nender Selbst­ver­gessen­heit und Selbstverleugnung im Dienst an dem anderen hin­zu­ geben – pikanterweise eine Forderung, die sich meistens an Frauen richtete – wurde von Luther als Werkgerechtigkeit namhaft gemacht. Viel­ mehr verkörpert dieses von uns selbst oder von an­deren geforderte Ethos eine ganz besonders raffinierte Weise, auf die wir über das Un­ver­ fügbare selbst verfügen wollen. Es ist geradezu paradox, die bedingungs­lose Liebe und Dank-

barkeit, das grenzenlose Verstehen und Vertrauen zu fordern. Dies ist gerade nicht un­sere Schuld. Die Schuld besteht viel­mehr darin, dass wir diese bedingungslose Gabe zu unse­rer Schuld machen. Nur in diesen unverfüg­baren Gaben wird Leben gezeugt und gestiftet. Nur sie versöhnen uns damit, dass wir unser Leben restlos hingeben müssen ohne Rück­­gabe­­garan­ tie. Wenn wir hier einander etwas „schuldig“ geblieben sind oder aus unserer Sicht das Leben uns etwas schuldig bleibt, können wir es durch keine Gabe von uns wiedergut­machen. Auch ist die Bitte um Vergebung hier vergeblich und die Vergebung, die wir anneh­men sol­len, unannehmbar, wenn die Schuld gerade daraus erwächst, dass wir das Unverfügbare, weil Bedin­gungslose, zu unserer oder zur Schuld des anderen machen. Wo dieses Unverfügbare verfügt werden soll, das Bedingungslose zur Bedin­gung gemacht wird, ist der andere „für uns gestorben“ und wir für den anderen. – Es kann sogar bedeuten, dass Gott für uns gestorben ist („für uns“ ist allerdings nicht im stellvertretenden Sinne zu verstehen wie Christus für uns gestorben ist). Denn weder können wir, noch kann der andere uns diese Schuld beglei­chen, noch können wir sie einan­der vergeben, noch können wir Gott für seine eigene Bedin­gungs­ losigkeit und Unverfügbar­keit die Schuld geben, auch wenn er es sich gefallen lässt, dass wir uns bei ihm dafür beklagen oder mit ihm streiten. Wo wir das Unverfügbare erzwin­gen wollen, tritt an die Stelle von Liebe Hass, an die von Dankbar­keit Bitterkeit. Nicht Ver­stehen und Vertrauen, sondern Starrsinn und Misstrauen steuern dann unser Empfinden und Reden, Denken und Handeln. Selbst bei der „alltäglichen“ Schuld, wo wir uns im Bereich „menschlicher Möglich­kei­ten“ bewe­ gen, ist es vergeblich, um Vergebung zu bitten und sie von einem anderen an­nehmen zu wollen, oder wenn wir einem anderen vergeben sollen ohne zu trauern. Ohne diese Trauer bleibt die Bitte um Vergebung wie die ausgesprochene Vergebung eine Lüge. Und dass ein anderer uns vergibt, ist ohne zu trauern für uns unannehmbar. 77

5. Dies ist auf eine Kurzformel gebracht das Ergebnis der modernen Säuglingsforschung (vgl. Dornes 2006, Rochat 2009). 6. Nicht erst durch unsere Sterblichkeit wird uns die Vergeblichkeit, das Unverfügbare zu verfügen, bewusst. Es ist bereits die Einsicht, dass die Gabe des Lebens keine Art von Besitz ist, die wir be­ halten können. Sie wirft bei uns die Frage auf, ob uns das Leben nicht etwas schuldet, wenn wir es doch nicht behalten können. 7. Die Erfahrung der Schuld aufgrund der Erfahrung des Nicht­ verfügen-Könnens unverfügbarer Gaben, Begabun­gen und Gegebenheiten ist zu unterscheiden von der Schuld, die sich durch ein Fehlverhalten ergibt und/oder daraus, dass der andere mir so lange etwas schuldet, bis er/sie meine Dienstleistung für ihn/sie erwidert hat. Mit den Worten Gouldners: dass einfach „der Schatten des Verschul­ detseins“ in den „Zeitraum zwischen Egos Dienstleistung und Alters Zurückerstattung“ fällt (Gould­ner 1960, 105). 8. Er gibt sie nicht nur auf steinernen Tafeln, sondern er verspricht: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben“ (Jeremias 31,34; vgl. Hebräer 10, 16-17).


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9. Vgl. Wenzel 2009. 10. Die Trauer geht nicht in einem Müssen, dem Loslassenmüssen, auf. Sie beinhaltet auch ein Loslassenkönnen, -dürfen und am Ende auch -wollen. Als Müssen erscheint sie nur aus der Unfähigkeit, loslassen zu können. 11. Oswald Bayer spricht davon, dass der Sünder ein Kostverächter ist. „In der Überwindung seiner Kostverach­tung erneuert sich das Urwort der Gabe im Gabewort des Herrenmahls »Nehmet hin und esset. Das ist mein Leib, für euch gegeben!« Matthäus 26,26; 1. Ko­ rinther 11,24)“ (Bayer 2009, 107). 12. Es verfügen zu wollen, ist gerade der Misstrauensantrag gegenüber der Liebe. 13. Die stellvertretende Selbst­ hingabe, das Trauern an unserer Stelle, indem er unsere Trauer zum Ausdruck bringt, ist (gerade) kein Opfer in dem Sinne, dass die in der Trauer enthaltene Selbsthingabe und Selbstpreisgabe (gerade) keine reine Vernichtung bedeutet, son­ dern sich durch sie eine Verwandlung und ein neues, befreites Le­ ben eröffnet. Es wird hier streng genommen auch durch die stellvertretende Selbsthingabe Jesu keine Schuld abgetragen oder getilgt. Vielmehr werden wir aus der schuld­ haften Verstrickung, das Unverfügbare glauben verfügen zu müs­sen, herausgelöst. Mit der Selbsthin­ gabe geht die Freigabe aus einer destruktiven Beziehung und Ab­ hän­gigkeit einher – die destruktive Beziehung, die, anders als die geschöpflich-empfangende Beziehung zu Gott, von sich und anderen fordert, was doch nur geschenkt werden kann. 14. In jedem psychotherapeu­­ tischen oder seelsorgerlichen Gespräch, wo ein anderer unsere Emotionen mitfühlt – unsere Freude wie unsere Trauer – und uns spiegelt, spüren wir nicht nur, dass er an unsere Stelle getreten ist, sondern wir können so auch uns in dem anderen wieder selbst erkennen und annehmen (vgl. Altmeyer 2005). 15. „Wie soll ich Dich empfangen und wie begegn´ ich Dir“, dichtete Paul Gerhardt in der 1. Strophe des Weih­nachtsliedes im Evangeli­ schen Gesangbuch, Liednummer 11.

Zur Vergebung muss die Trauer9, das Loslassen, hinzukommen. In der Trauer müssen und können10 wir etwas von uns jemandem gegenüber preisgeben. Wir müssen unsere Autono­mie auf­ geben. Wir geben uns in die Hand eines anderen. Am Ende der Trauer gestehen wir die Vergeb­ lichkeit des eigenen Tuns, unsere Ohnmacht ein. Das gilt sowohl für den, der sich überwinden muss, um um Vergebung bitten zu können und dann auch die Vergebung anneh­men kann, wie für den, der einem anderen vergeben soll. Wir können diese Ohnmacht aber nur eingestehen, sofern wir uns von anderswo her beschenkt wissen, ein anderer uns etwas gegeben hat. Was aber muss uns wer auf welche Weise gegeben haben, damit die Trauer, das Loslas­sen und Sich-einem-anderen-Preisgeben möglich werden, durch die erst Vergebung und Versöhnung möglich sind?

unsere Hände gibt und preisgibt, kann er an unsere Stelle treten. Und wir können ihn an unsere Stelle treten lassen, weil seine Trauer nicht nur unsere Trauer ist, sondern weil er sie zum Ausdruck bringt, was für uns noch zu schwer gewesen ist, und sie darum auch bei uns möglich macht.13 Durch seine liebende Selbsthingabe tritt er an unsere Stelle. Seine Liebe tritt an die Stelle unserer Furcht nicht geliebt zu werden und unserer Sehnsucht, über das Bedingungslose verfügen zu können. Er gibt sich preis, entblößt, verletzbar, schreiend und flehend um Verschonung. So erkennen wir uns in ihm. So erkennen wir, dass er sich für uns als Mensch hingibt, wir aber auch in ihm sind, uns in seiner Trauer und Verletzbarkeit wider­ spie­geln (vgl. die Formulierung des „In-Seins“ in den Abschiedsreden des Johannesevangeli­ ums, Kapitel 14–17, z. B. 14,20 usw.).

Die Vergebung durch die leibhaftige Selbst­ hingabe Gottes // Die Vermutung liegt nahe: Vergeben (insbesondere der Schuld, das Bedingungslose nicht annehmen zu können11, son­ dern verfügen zu wollen) kann nur Gott, der Geber der bedingungslosen Gaben selbst. Ver­ gebung kann in ihm liegen, weil er allein als Geber der bedingungslosen Gaben die Schuld für das Bedingungslose zuerst übernehmen kann. Die Schuld aber kann er übernehmen, weil er sich uns preisgeben kann, ohne sich zu verlieren, d. h. modern gesprochen, weil er trauern kann. Trauern, loslassen kann er, weil er die Liebe selbst ist. Die Liebe ist die unverfügbare Gabe und Begabung sich hinzugeben, ganz bei einem an­deren zu sein und genau darin sich wiederzuerkennen, zu empfangen und sein Glück zu fin­den wie die Mutter, die ihr Kind herzt und sich im Glück, im Lachen des Kindes wiederfindet. Damit er, der Geber der bedingungslosen Gaben, uns vergeben, unsere Schuld teilen kann, muss er mit uns das teilen, was für uns so schwer anzunehmen ist: dass wir uns unser Leben nur geschenkt sein lassen und es nicht verfügen können12, dass unser Leben vergänglich ist und wir es nur empfangen können, indem wir es hingeben. Indem er selbst mit uns die Ver­gänglichkeit teilt und sich in

Wo Menschen aber zugleich darin erkannt haben, dass Gott selbst sein Leben so hin­gibt („Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen“, Markus 15,39), um es durch uns wiederzuempfangen, kann Gott für uns sich hingegeben haben und an unsere Stelle getreten sein. Das erkennen wir, wenn wir uns in ihm erkennen.14 Es ist unsere Schuld, es ist unsere Ohnmacht, es ist unsere Trauer um das, was sich nicht verfügen lässt, die er erleidet. Er, der be­dingungslos Gebende, erleidet selbst die Ohnmacht und die Trauer darum, dass dieses Bedin­gungslose sich nicht verfügen lässt. Wir erinnern, dass er sich mit den Geringsten, den Ohnmächtigen identifiziert. „Was ihr den Geringsten angetan habt, das habt ihr mir angetan“ (Matthäus 25,40). Jetzt erst können wir ihn, können wir die Gabe seiner Liebe richtig empfangen.15 Jetzt erst werden wir uns die Bega­bung durch ihn gefallen lassen können. Denn wir wissen, dass diese Gabe und Bega­ bung durch die Liebe stärker ist als der Tod (als Inbegriff der Vergeblichkeit das Unverfügbare zu verfügen), nicht weil sie an ihm vorbeiführt, sondern durch ihn hindurch. Indem ich ihn, den Gekreuzigten, für mich sein Leben hingeben lasse, kann ich auch von ihm mein Leben emp­ fangen. Denn durch seine Hingabe komme ich

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gewissermaßen auf den Geschmack, dass das geben, was ich bekommen habe19, was mir Leben als unverfügbares Geschenk empfangen gegeben ist. Der Dativ (abgeleitet von dem lat. sein will. Dies kann ich nur empfangen, wenn Verb dare = geben) des „mir“, der Fall in dem ich es selbst hingebe, wie Christus, der sich für das Per­sonalpronomen hier steht, drückt das mich hingegeben hat. An die Stelle der Bitter­ „Gegeben-Sein für jemanden“ (Personalprono­ keit tritt ein Geschmack und Sinn dafür, sein men) aus. Was mir gegeben ist, damit bin ich Leben dadurch zu empfangen, dass wir es her­ begabt. Womit ich begabt bin, damit identifige­ben und mit anderen teilen.16 Jetzt schenke ziere ich mich. Diese Begabung mit etwas, dass ich dem, der sein Leben für mich gegeben hat, mir etwas gegeben ist, womit ich mich identifiGlauben, vertraue ihm, vertraue mich ihm an, ziere, durch das ich erfahre, wer ich bin, erfahre gebe mich in seine Hände, weil ich mich in ihm ich nur, wenn ich meine Begabung mit einem wiedergefunden, wiederempfangen habe.17 anderen teile, wenn ich mich in dem, was ich Nehmen wir die Selbsthingabe Christi an, voll­ gebe, mich selbst gebe, wenn ich mich darin zieht sich ein Identitätswechsel, sodass Paulus selbst ein­bringen kann. Ich muss die Erfahrung an die Galater schreiben kann: „Ich lebe aber; machen, dass ein anderer meine Gabe, das, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. womit ich begabt bin, dankbar annehmen Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich kann.20 Und in der Dankbarkeit, in der es der in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich andere annimmt, erwidert der andere meine geliebt hat und sich selbst für mich dargege­ Gabe, gibt sie mir, in gewandelter Form zurück.21 Erst jetzt weiß ich mich begabt. Insofern muss ben“ (Galater 2,20). ich hingeben, womit ich begabt bin, muss ich Im Empfang seiner Liebe, wo nicht wir leben, mich hingeben, um zu bekommen, um zu empsondern er, seine Liebe in uns, kann nicht nur er fangen, was mir gegeben ist, schließlich um an unsere Stelle treten, sondern auch der andere, mich selbst zu empfangen. Es ist also nicht nur der Nächste. Denn die Liebe ist die Begabung, für den anderen in Not ein Bedürfnis, dass wir den anderen annehmen zu können, weil man ihm geben, womit wir begabt sind, sondern sich im anderen selbst wieder erkennen und unser eigenes.22 Immerhin ist darin die Sehnsucht annehmen kann. Dann können auch wir fürein- nach dem ewigen Leben, dass es mich geben ander eintreten („einer trage des anderen wird, trotz meiner Selbsthingabe, enthalten. Die Last“; Galater 6,2). Diese solidarische Verbin­ schwer zu verkraftende Antwort ist, dass es mich dung kann aus der Erfahrung entstehen, dass geben wird, gerade weil ich mich hingebe und einerseits keiner seine Begabung und seinen nur so. Wo wir aufgeben, uns hinzugeben, gibt Reichtum für sich hat und dass andererseits es uns nicht mehr. Dann sind wir für den keiner angesichts des Todes darum herumkommt, anderen ge­storben, weil es uns für ihn nicht sein Leben hingeben zu müssen. Wir alle teilen mehr gibt. Dann sind wir selbst gestorben. Denn die Sehnsucht, so viel zu bekommen, dass der unser Le­ben können wir nur von einem anderen Verlust des Lebens im Tod uns nicht schrecken her empfangen. Da die Dankbarkeit des anderen kann, dass nichts Hohes oder Tiefes uns (durch die meine Gabe / Selbsthingabe erst scheiden kann von der Liebe Gottes (vgl. Römer erwidert wird und ich meine Begabung, mich 8,39). Diese Liebe Gottes liegt in Jesus Christus, selbst, was mir gegeben ist, empfange), unveralso in dem, dem Gott uns menschlich und leib- fügbar ist, bleibt auch das, was mir eigen ist, haftig begegnet und der sein Leben für uns unverfügbar. Es ist kein Besitz, über den ich verfügen, den ich behalten könnte. – Die Bega­ hingegeben hat. bung, für mich zu behalten oder den anderen Gott sei Dank für seine unaussprechliche zur Dankbarkeit zu zwin­gen, kommt dem VerGabe // Dem Geben geht in christlicher Pers- lust meiner Begabung gleich. – Ich muss es her­ pektive, wie wir gesehen haben, ein Empfan- geben und darin mich selbst hin- und preisgegen, ein Bekommen voraus.18 Ich kann nur ben, es mit anderen teilen, um es wieder zu 79

16. Dies ist wohl der Sinn und Geschmack für das Unendliche, von dem der Theologe Friedrich Schleiermacher in der Erläuterung des Be­ griffes Religion sprach. Die durch Christus ermöglichte Trauer macht uns wieder liebes­fähig. Das Besondere an der Liebe ist aber, dass sie mehr wird, wenn wir sie mit anderen teilen. Wer die Liebe genießt, bekommt einen Geschmack für das Unendliche. Im Augenblick der Liebe und getragen von ihr ist der Liebende bereit, der Geliebten ewige Liebe zu versprechen. 17. Nach der Deutung des Paulus wird in der Taufe diese Verbindung zwischen dem Gekreuzigten und Auferstande­nen und dem Getauften symbolisch vollzogen. Denn in der Taufe stirbt der im Namen Christi Ge­taufte und wird auferstehen zu einem neuen Leben, sodass auch der Tod ihn nicht trennen kann von der Liebe Gottes (vgl. Römer 6; oder auch Römer 13,1114). Genau genommen stirbt der Getaufte der Sünde. Die Sünde be­ zeichnet die Getrenntheit von Gott. Die Trennung resultiert gerade daraus, dass wir uns das Leben, die Liebe und das Vertrauen nicht schenken lassen, sondern bei uns und dem anderen verfügen wollen. Sterben wir der Sünde, lassen wir die Sehnsucht los, das Unverfügbare zu verfügen. In moderner Spra­ che gefasst: Wir trauern. Genau dies aber eröffnet die Möglichkeit, das Leben neu zu empfangen, über­ haupt empfänglich zu werden für neues Leben. Der Misstrauensantrag gegenüber der unverfügbaren Liebe ist aufgehoben und wir können sie genießen und von ihr getragen uns hingeben und im anderen, dem wir unsere Liebe schenken, empfangen. Genau diese wiedergewonnene Liebesfähigkeit ist die Auferstehung von der Tolstoi in sei­nem Roman „Auferstehung“ schreibt. 18. Dalferth 2007; vgl. auch Bayer 1995. 19. Diese Einsicht dürfte auch Matthias Claudius als Dichter des Liedes „Wir pflügen, und wir streuen“ zu dem Refrain: „Alle gute Gabe, kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!“ inspiriert haben. Indem ich im Bild gesprochen „pflüge und streue“, gebe ich das Wenige aus der Hand, was ich habe, um später umso mehr dankbar zu empfangen. 20. Wie verzweifelt ist ein Mensch, der nie sein Leben mit einem anderen teilen kann – eine Krankheit zum Tode. 21. „Es ist der Blick des Anderen, der mir Hilfe zutraut, der meine Handlungsfähigkeit begründet. Dieser Blick kommt zuerst“ (Morgenthaler 2005, 39). 22. Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37)


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empfangen, um zu erfah­ren, dass ich mit ihm begabt bin, dass es mich als so Begabten gibt.23 Insofern hat der andere an meiner Begabung und somit an mir immer Anteil. Er muss (im dank­ baren Empfangen) Anteil an meiner Begabung bekommen, damit ich die Erfahrung machen kann, dass es mir gegeben ist. Denn im dankbaren Empfang meiner Gabe durch den an-

Dass wir dankbar sein können für das, was uns im Leben geschenkt wird, ist eine Begabung, die nicht jedem gegeben ist und die wir uns nicht selbst geben können

23. Im Kontext der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie habe ich versucht diesen Aspekt des Gebens im Kern der eigenen Subjektkonstitution zu verankern (vgl. Weber 2005). „Ich gebe (mich einem anderen hin), also gibt es mich“ korrespondiert mit dem Gedanken von Dalferth, „weil ich (von einem anderen) bekommen habe, ist mir gegeben, und kann ich geben“ (vgl. Dalferth 2007). Beide Momente sind unauflöslich miteinander ver­schränkt. 24. Vgl. Stöllger 2009.

deren, erfahre ich meine Gabe als Ausdruck meiner Begabung. Hierin drückt sich der Pro­ zesscharakter der Gabe als unaufhörlicher Prozess von Empfangen / Bekommen-Ha­ben, Geben, dankbares Erwidern der Gabe, Wiederempfangen ..., aus. Man kann auch sagen, dass sich darin der symbolische Charakter der Gabe ausdrückt. In ihr fügen sich prozesshaft meine Begabung, was mir gegeben ist, meine Selbst­ hingabe und das Empfangen und Erwidern allein schon durch das dankbare Empfangen durch den anderen fortwährend zusammen (sym-ballein, griechisch = zusammenwerfen, zusammenfügen). Im Prozess des Gebens, in dem die Ver­bundenheit zwischen mir als Gebenden und dem anderen als dankbar Empfangenden enthalten ist, meiner Begabung, die in meinem Geben, meiner Selbsthin- und Preisgabe und dem dankbaren Empfang und der Erwiderung durch einen anderen in dem Gegebenen und Empfangenen leibhaftig Gestalt annimmt, ist das „Zwischen“ im Sinne des jüdischen Pädagogen und Religionsphilo­sophen Martin Buber beschrieben. Im Abendmahl sind wir noch einmal auf andere Weise leibhaftig verbunden.24 Hier teilt sich der aus, der sein Leben für uns (d. h. „für uns“ meint stellvertretend für uns) 80

hingegeben hat. Hier empfangen wir unsere Empfänglichkeit für den anderen und uns selbst. Hier wird der symbolisch-leibhaftige Charakter der Gabe, die Leben und Beziehung ermöglicht, gestiftet. Im dankbaren Empfang kann etwas von ihm an unsere Stelle treten und sich mit uns verbinden. „Nun lebe ich, aber nicht ich, sondern Christus (die personifizierte Liebe) in mir.“ Wo aus christlicher Sicht der dankbare Empfang von dem, der für uns sein Leben hin­ gegeben hat, unsere neue Identität ausmacht, was und wie wir uns gegeben sind (als von der personifizierten Liebe erfüllte), haben wir genug. Denn was wir hiermit empfangen haben, ist die Empfänglichkeit selbst für den anderen, für uns und für die Liebe, das Sich-Geben, Empfangen und Erwidern zwischen uns. Wer von dieser Quelle zehrt, ist wie ein Baum, „der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen“ (Psalm 1,3). Sein neues, altes Gebot ist die Liebe. Wie das Vertrauen und die Dankbarkeit wird sie nicht weniger, wenn wir sie mit anderen teilen, sondern mehr. „Gott sei Dank für seine unaus­ sprechliche Gabe!“ (2. Kor 9,15). Altmeyer, Martin: Innen, Außen, Zwischen – Paradoxien des Selbst bei Donald Winnicott, in: Forum der Psychoanalyse 21 (2005), S. 43–57 Bayer, Oswald: „Gabe“, in: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG), 4. Aufl., Bd. 3, Sp. 445/446, Tübingen 2000 Bayer, Oswald: Kategorischer Imperativ oder kategorische Gabe, in: ders.: Freiheit als Antwort. Zur theologischen Ethik. Tübingen 1995, S. 13–19 Dalferth, Ingolf: Alles Umsonst – zur Kunst des Schenkens und der Grenzen der Gabe. in: Von der Ursprünglichkeit der Gabe. Jean-Luc Marions Phänomenologie in der Diskussion, hg. von Michael Gabel/ Hans Joas, Freiburg i. Br. 2007, S. 159–191 Gouldner, A. W.: The Norm of Reciprocity, in: American Sociological Review 25/2 (1960), S. 161–178. Hartmann, Martin: Die Praxis des Vertrauen. Frankfurt/Main (in Druck) Hartmann, Martin; Offe, Claus (Hg.): Vertrauen: Die Grundlage des sozialen Zusammenhalts. Frankfurt/Main 2001 Morgenthaler, Christoph: Der Blick des Anderen. Die Ethik des Helfens im Christentum, in: Ethik und Praxis des Helfens in verschiedenen Religionen. Anregungen zum interreligiösen Gespräch in Seelsorge und Beratung, hg. von Helmut Weiß u. a. (Gg.),. Neu­ kirchen/ Vluyn 2005, S. 35–51 Rochat, Philippe: Others in Mind. Social Origins of Self-Consciousness, Cambridge, Massachusetts 2009 Simmel, Georg: Exkurs über Treue und Dankbarkeit, in: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin 1908, 1. Aufl., S. 438–447; im Internet unter http://socio.ch/sim/ unt8g.htm Weber, Dieter: Ich gebe, also gibt es mich: Eine Rekonstruktion des Phänomens „Geben” aus der psychoanalytischen Theorie der Intersubjektivität, in: Geben, Schenken, Stiften – theologische und philosophische Perspektiven, hg. von Claudia Andrews, Paul Dalby, Thomas Kreuzer, Münster 2005, S. 79–126 Wenzel, Knut: Vergebung: Von der Gabe zur Anerkennung, in: Die Gabe. Ein „Urwort“ der Theologie?, hg. von Veronika Hoffmann, Frankfurt/Main 2009, S. 125–144.


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Autor // Ahmed Elhassab Ahmed Elhassab aus dem Sudan ist Doktorand an der Bayreuth International Graduate School of African Studies (BIGSAS) der Universität Bayreuth. Sein Spezialgebiet ist das islamische Bankwesen, insbesondere die Praxis der islamischen Banken im Sudan.

Zakãt und „schmutziges Geld“ Sudanesische islamische Banken und soziale Gerechtigkeit

Dieser kurze Artikel möchte zeigen, in welcher Weise Schenkungen und Stiftungen wesentliche Bestandteile des islamischen Bankwesens sind. Die sudanesischen islamischen Banken versuchen seit 21 Jahren, ausgehend von den Prinzipien des islamischen Bankwesens, ihrer sozialen Verpflichtung gerecht zu werden. Zakãt-Fonds und Erträge aus schmutzigem Geld sind dabei zwei der wichtigsten Instrumente der Banken, um ihrer sozialen Verantwortung nachzukommen. Die sudanesischen islamischen Banken // 1975 gründete sich die erste islamische Bank Sudans, die Faisal Islamic Bank. Bald darauf folg­ ten andere und gegen Ende des Jahres 1983 gab es bereits zehn weitere Banken. Als die Islamische Nationale Front 1989 an die Macht kam, wurden alle Banken aufgefordert, ihre Geschäfte gemäß den Regeln des islami­schen Bankwesens zu führen und sich unter die Aufsicht der Sudanesischen Zentralbank (Central Bank of Sudan: CBOS) zu stellen. Zurzeit gibt es 26 Banken mit 517 Filialen im Land. Die sudanesischen islami­ schen Banken (SIBs) greifen in ihrer Geschäfts­ politik auf zwei Mittel zurück: Preisaufschläge und das Teilen von Gewinn und Verlust. Die sudanesischen islamischen Banken arbeiten nicht nach eigenem Gutdünken; sie stehen 82

unter der Aufsicht der sogenannten Sharia Supervisory Boards (SSBs). Die SSBs sind in den Banken durch interne religiöse Berater vertreten, die die Arbeit der Banken überwachen und sicherstellen, dass alle Geschäfte der Bank im Einklang mit islamischen Prinzipien getätigt werden. Die Aufsicht durch die SSBs ist verpflich­ tend für alle Banken. Der Vertreter der SSBs gibt jährlich einen Bericht heraus, in dem er der Bank bescheinigt, dass sie nach islamischen Prinzipien geführt wird. Bei jeder Art von Verstoß gegen diese Prinzipien wird die entsprechende Transaktion samt der daraus entstandenen Gewinne für nichtig erklärt und die gesamte Summe, Kapital und Gewinn, werden zu schmut­ zigem Geld, das in soziale Projekte fließt. Im Folgenden werde ich näher ausführen, wie die islamischen Banken im Sudan Zakãt und schmut­ ziges Geld zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse einsetzen. Wie arbeiten die sudanesischen islamischen Banken? // Neben der Finanzierung von Geschäf­ ten mittels Preisaufschlag (auf verkaufte Waren) arbeiten die islamischen Banken nach dem Grundsatz des Teilens von Gewinn und Verlust, anstatt Gewinne aus Zinsen zu erzielen. Das Prinzip des Teilens von Gewinn und Verlust beruht auf dem Gedanken, Risiko und Profit


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gleichmäßig auf die Beteiligten einer finanziellen Transaktion zu verteilen. Islamische Banken haben dieses Mittel entwickelt, weil Gewinne nicht aus Zinsen erzielt werden dürfen. Das Teilen von Gewinn und Verlust etabliert eine Partnerschaft, in der die eine Seite das Kapital bereitstellt, während von der anderen Seite erwartet wird, dass sie die Geschäfte führt. Gewinne werden nach einer festgelegten Quote geteilt, idealerweise geht ein Drittel des Gewinns an den Investor, zwei Drittel erhält der Unternehmer. Entsteht ein Verlust, so verliert die investierende Partei ihr Kapital, die unter­neh­ merische ihren Arbeitseinsatz, vorausgesetzt, der Verlust war nicht das Resultat von Nachlässigkeit aufseiten Letzterer. Sollten beide Parteien Kapital beigesteuert haben, sei es in Form von Geld oder Waren, so werden Gewinn oder Verlust, soweit nicht anders vereinbart, auf beide gleich verteilt. Banken, die nicht nach islamischen Prinzipien arbeiten, gehen von drei Parteien aus: die unter­ nehmerische Seite oder auch KreditnehmerIn, die Bank selbst als Verwalterin und Vermittlerin von Kapital und die EinlegeInnen, die der Bank ihre Ersparnisse oder andere Geldmittel zur Verfügung stellen. Die islamischen Banken des Sudans kennen zwei Arten der oben erwähnten Partnerschaft: Die Partnerschaft zwischen den Einlegern und der Bank und die Partnerschaft zwischen dem Unternehmer (dem Kreditnehmer) und der Bank. Dementsprechend sind sie gehalten, anstatt festgelegte Zinsen für Kredite zu verlangen, Gewinn oder Verlust mit dem Unternehmer, dem sie das Geld geliehen haben, zu teilen. Ebenso teilen diejenigen, die ihr Geld in die Bank eingezahlt haben, Gewinn und Verlust mit den Banken. Darüber hinaus untersagen die Bestimmungen der Sudanesischen Zentralbank Investitionen in Geschäfte, die der Scharia widersprechen, die als ungesetzlich (haram) angesehen werden und Einzelnen oder der Gesellschaft Schaden zufügen könnten. Dazu gehören die Herstellung und der Verkauf von Alkohol, der Handel mit oder die Verarbeitung

von Schweinefleisch, das Betreiben von Tanzclubs, aber auch risikoreiche Geschäfte mit ungewissem Ausgang (gharar), worunter Lotte­ rien, Tauschgeschäfte, Glücksspiel (mysir) und jede Form der Geldwette zu verstehen sind. Zudem sind die sudanesischen islamischen Banken gesetzlich verpflichtet, jeweils am Jahres­ ende zum Wohle der Allgemeinheit die Zakãt zu leisten. Was ist die Zakãt? // Die Zakãt ist die Pflicht, Almosen zu geben; bei erworbenem Vermögen und geschäftlichem Kapital beläuft sich der zu spendende Anteil auf 2,5 %. 5 oder 10 % aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse müssen gespen­ det werden; 10 % der Ernte, wenn der Bauer keine zusätzlichen Kosten oder Investitionen

Das Prinzip des Teilens von Gewinn und Verlust beruht auf dem Gedanken, Risiko und Profit gleichmäSSig auf die Beteiligten zu verteilen für Bewässerung hatte, andernfalls beträgt die Abgabe nur 5 %. Ebenso müssen 20 % all dessen, was unter der Erde gefunden wird, als Zakãt abgeführt werden. Auch auf Viehherden entfällt ein festgelegter Satz der Zakãt. Idealerweise sollte die Zakãt staatlicherseits, etwa durch ein Finanzamt, eingezogen werden. Ansonsten ist der Einzelne selbst für die Verteilung verantwortlich. Der sudanesische Staat erhebt und verteilt die Zakãt über eine Institution: die Zakãt Fund Chamber. Der Spendenanteil der sudanesischen Banken wird jeweils zum Ende des Geschäftsjahrs unter Aufsicht des SSB anhand des Bruttogewinns vor Steuern errechnet und der Zakãt Fund Chamber übergeben. Zu beachten ist, dass nur Privatbanken verpflichtet sind, die Zakãt zu entrichten, staatlich geführte Banken sind ausge­nom­ men, denn nach islamischem Rechtsverständnis 83


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dienen staatliche Institutionen der Allgemeinheit und nicht den Interessen Einzelner. Die Zakãt wird an acht vom Koran festgelegte Personengruppen bzw. Kategorien verteilt: 1. Die Armen (diejenigen, die weniger als eine Tagesration als Vorrat haben) 2. Die Bedürftigen (diejenigen, die weniger als eine Jahresration als Vorrat haben) 3. Die Angestellten der Zakãt Fund Chamber, die für Erhebung und Verteilung der Gelder zuständig sind 4. Konvertiten aus anderen Religionen zum Islam 5. Die Geknechteten (zur Befreiung aus der Sklaverei) (Da Sklaverei im Sudan nicht mehr existiert, wurde Kategorie Nummer 5 von der Verteilungsliste gestrichen.) 6. Für die Sache Gottes (ein weiter Bereich sozialer Aufgaben) 7. Reisende (die, die fern der Heimat sind) 8. Verwaltungskosten Die soziale Verantwortung der islamischen Banken im Sudan // Wie andere islamische Finanzinstitute spielen die islamischen Banken eine wichtige Rolle bei der Verteilung des Reichtums, um den Vorschriften des Islam entsprech­ end soziale Gerechtigkeit herzustellen. Eins der wichtigsten Instrumente für die Umverteilung des Reichtums von Reich zu Arm ist die Zakãt. Aber neben der Zakãt verfügen die sudanesi­ schen islamischen Banken über ein weiteres Instrument: Gewinne aus schmutzigem Geld. Schmutziges Geld: Bedeutung, Erhebung und Verteilung durch die SIBs // Als schmutzig gilt alles Geld, das aus mit Zinsen belasteten Transaktionen oder anderen, möglicherweise illegalen Aktivitäten erwirtschaftet wurde. Zu Ersteren gehören jede Art der Zinswirtschaft, Geschäfte, die im Verdacht stehen, mit Zinsen zu arbeiten sowie Insolvenzgebühren, während die zweite Gruppe alle Investitionen umfasst, die im Widerspruch zu Grundsätzen des Islam stehen. Es kann vorkommen, dass Banken Geschäfte tätigen, die im Nachhinein durch den SSB für unrechtmäßig und nichtig erklärt 84

werden. So ist beispielsweise jede Art von Profit aus auf Zinsen beruhendem Handel mit internationalen Institutionen unrechtmäßig, eben­­so jede Transaktion, die unter dem Deckmantel des Islam getätigt wurde, ohne wirklich den Regeln des Islam zu entsprechen. Folglich werden diese Gewinne gänzlich eingezogen und auf ein spezielles Konto eingezahlt: das „Schmutziges-Geld-Konto“. Schmutziges Geld ist jede Summe, die aus unrechtmäßigem Handel erworben wurde, ein recht weites Feld von Geschäften. Zinsgewinne sind die eindeutigste Variante von schmutzigem Geld. Zu den anderen Arten zählen alle Gewinne aus Verzugszinsen, ungültige Vereinbarungen über islamische Finanzierungsinstrumente und betrügerische Praktiken. Weil schmutziges Geld kein Gewinn ist, taucht es auch nicht in der Bilanz der betroffenen Bank auf. Einer der Leitsätze des Islam sagt hierzu: „Was auf unrech­ tem Handeln beruht, bleibt in sich Unrecht.“ Die Sudanesische Zentralbank hat verfügt, dass dieses Geld nicht für die Verbesserung der sozia­ len Verhältnisse verwendet werden darf. Anders als die Zakãt wird schmutziges Geld von einem Komitee verwaltet und ausgegeben, in dem außer dem Vertreter des SSB auch der Geschäftsführer der Bank vertreten ist. Die Empfänger von schmut­ zigem Geld sind Alphabeti­sierungsinitiativen, Stipendienfonds, Waisen­häuser und Besserungs­ anstalten. Manchmal gehen die Gelder auch direkt an dringend Bedürftige oder an Perso­nen in akuten Notsituationen. Interessanterweise wird schmutziges Geld monatlich errechnet und ausgegeben. 80 % der 40 Mio. Sudanesen gelten als arm. Die Armutsbekämpfung ist formell kein Bestandteil des Regierungsprogramms. Zakãt, schmutziges Geld und unveräußerliches Stiftungsvermögen (waqf) sind einige der Instrumente, auf die die sudanesische Regierung zurückgreift, um ihrer diesbezüglichen Verantwortung gerecht zu wer­ den. Nach der Scharia ist der Herrscher verpflich­ tet, den Reichen zu nehmen, um den Armen zu geben. Das Geld geht entweder direkt an die


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Bedürftigen oder an wohltätige Organisatio­nen, die sich um benachteiligte Gruppen kümmern. Tatsächlich bleibt weitgehend nebu­lös, wie viel schmutziges Geld zur Verfügung steht und wie es verteilt wird. Weder die Banken noch die SSBs sind bereit, sich dazu zu äußern. Für das Jahr 2008 wird die Summe der Zakãt-Gelder, erzielt aus landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Viehbestand, Handel, Bareinnahmen, Spenden von Auslandssudanesen, Einkommenszuwächsen und Arbeitseinkünften, auf 128 Mio. Britische Pfund geschätzt. An sich sollte jede der oben erwähnten acht vom Koran festgelegten Begünstigtengruppen 12,5 % (ein Achtel) der Gesamtsumme bekommen. Da aber die Anzahl der Armen stark zugenommen hat, wurde der Verteilungsschlüssel geändert: 61 % für die Armen und Bedürftigen, 6 % für die Verschuldeten, 0,5 % für die Reisenden, 2 % für die Konvertiten, 8,5 % für die Sache Gottes, 14,5 % für diejenigen, die die Zakãt einsammeln und 7,5 % für Verwaltungskosten. Aus dem Englischen von Gitta Büchner

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Die Praxis des Schenkens und Stiftens

Autorin // Annette Massmann Dr. phil. Annette Massmann, Publizistin, Kommunikationswissenschaftlerin, Studium Wirtschaft und lateinamerikanische Geschichte, Santiago de Chile. Tätigkeit u. a. für Entwicklungshilfeorganisationen in Lateinamerika und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität Bochum. In der GLS Treuhand e. V. seit 2006 Geschäftsführung Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe, seit 2008 Mitglied im Vorstand.

Aus der Fülle des Lebens handeln GLS Treuhand – ein halbes Jahrhundert des Schenkens

Ursprungsidee und Anfänge // „Wir waren nach den Ereignissen des 20. Jahrhunderts erfahrene Verlierer. Wir haben uns aus dem Nichts heraus erst alle selber bemerkt: Wir hatten nichts außer uns selber. Die Menschen, die ver­standen hatten, dass es auf sie selber ankommt, wenn es weitergehen soll, die fanden sich zusammen. Die Anregungen aus der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners waren Orientierung“, so Gisela Reuther, Mitbegründerin und über dreißig Jahre lang Vorstand der Gemeinnüt­ zigen Treuhandstelle, in einem Interview 1999. Dieses Zitat bringt die Impulse, die in die Gründung der Gemeinnützigen Treuhandstelle, heute GLS Treuhand, mündeten, auf den Punkt: Ein Schuss gesunder Pragmatismus, der Wunsch nach Aufbau und gesellschaftlicher Neugestaltung,

„Die Gemeinnützige Treuhandstelle hat sich keine Eigenziele gesetzt. Ihre Aufgabe besteht darin, im Gedankenaustausch von Mensch zu Mensch einzelnen Personen und gemeinnützigen Vereinen bei der Verwirk­ lichung ihrer Aufgaben zu helfen. So galt es vor allem, gut zuzuhören, um die Gedankengänge der anderen zu klären, sie mit Erfahrungen und praktikablen Ideen zu inspirieren und vorwärts zu bringen.“ (G. Reuther, Mitbegründerin der Gemeinnützigen Treuhandstelle, heute GLS Treuhand, 1999)

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direktem Engagement, dem Zusammenbringen von Menschen unterschiedlichster Kompetenzen und der intensiven, häufig auch nächtlichen Diskussion der Ideen Rudolf Steiners. Aus diesen Impulsen entstanden zunächst eine Waldorfschule (Bochum-Langendreer), ein Kindergarten und eine heilpädagogische Einrichtung. Viele Menschen waren beteiligt. Sie können an dieser Stelle nicht alle genannt werden. Doch das Wissen um ihre Beteiligung führt zu einem weiteren, bis heute relevanten Baustein der Arbeit: Neue Initiativen entstehen durch Begegnung, Zuhören, Austausch, Beratung und Begleitung. Sie entstehen mithin aus der Energie und dem Geschenk Vieler an eine Idee, die schließlich ihren Kristallisationspunkt in einigen tragenden Persönlichkeiten findet. Diese Persönlichkeiten wirken als soziale UnternehmerInnen, sie sind gemeinnützig unternehmerisch tätig zum Wohle und im Dienste einer vielfach selbstgewählten, auf die Förderung des Allgemeinwohls ausgerichteten Gemeinschaft. Im Falle der GLS Treuhand waren diese Anfangsjahre ganz wesentlich von den sozialen UnternehmerInnen Dr. Gisela Reuther (Wirtschaftswissenschaftlerin und Steuerberaterin) und Wilhelm Ernst Barkhoff (Landwirtschaftslehre,


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Rechtsanwalt und Notar) geprägt. Sie schufen 1961 den Verein, der satzungsgemäß: „… die Arbeit seiner Mitglieder in der Öffentlichkeit im In- und Ausland werbend unterstützen sowie Spenden sammeln, verwalten und den Zwecken der Mitglieder endgültig zuführen“ sollte. Gleichzeitig sollten „Einrichtungen geschaffen werden, an die sich die Mitglieder bei der Durchführung ihrer Vorhaben um Rat und Unterstützung auf wirtschaftlichem und finanziellem Gebiet wenden können.“ (Satzung GLS Treuhand) Damit sind Grundmuster der Arbeit, die bereits in der Gründung festgelegt wurden, genannt: So die satzungsgemäß gefasste Dienstleistungs­ tätigkeit der GLS Treuhand für ihre Mitglieder – sie selbst verfolgt für sich keinen bestimmten Zweck. Das hob die GLS Treuhand von Anfang an von üblichen Vereinen und auch vom Charakter einer Stiftung ab, die festgelegte Zwecke verfolgen. In ihre Verfassung ist eine strukturelle Selbstlosigkeit eingeschrieben. Dazu zählt auch die Verwandlung von freiem Kapital und Vermögen in vielfältige Schenkungs­ formen im Interesse dieser gemeinnützigen Projekte und Initiativen – damit ein Aspekt des verantwortungsvollen, alternativen Umgangs mit Geld. Die frühen Jahre waren davon geprägt, im Barkhoff’schen Rechtsanwaltsbüro individuelle Wege für Menschen zu entwickeln, Geld zu verschenken. Das konnten Sofortschenkungen sein oder auch Schenkungen, die erst mit dem Tode des Schenkenden realisiert wurden, unwiderrufliche Schenkungen oder mit einem Widerrufsrecht verbundene, Schenkungen mit einem Nießbrauch oder mit verschiedensten Auflagen u. v. m. Von Anfang an ging es darum, mit diesen Menschen, die von sich aus zur Treuhand kamen, in intensive und sehr persönliche Gespräche einzutreten, in denen ihnen bewusst wurde, was sie angesichts ihrer persönlichen Lage und ihrer Möglichkeiten selbst tun wollten. Die Geisteshaltung, die diese Gespräche prägte,

war neben dem Zuhören und Begleiten die Grund­ f­ rage, wie Arbeitsformen und soziale Struk­ turen veranlagt werden können, um getrennte und auseinandergefallene Lebens- und Arbeitsfelder der Gesellschaft, zum Beispiel gemeinnützige und gewerbliche Tätigkeit, Industrie und ökologischen Landbau, durch initiative Menschen und Gemeinschaften in einer heil­ samen Weise wieder miteinander zu verbinden. Der andere Umgang mit Geld: Von Bürgen-, Leih-, Schenkgemeinschaften und gemein­ nützigen Eigentumsformen // Die ersten Projekte, die von Wilhelm Ernst Barkhoff und Gisela Reuther zusammen mit Rolf Kerler, dem ersten Angestellten der GLS Treuhand, begleitet wurden, fanden ihre Finanzierung durch BürgenGemeinschaften oder Leih- und Schenkgemein­ schaften. Beispielsweise wurde die Finanzierung der Rudolf Steiner Schule erst dadurch ermöglicht, dass die Eltern der zukünftigen Schule als private Bürgen für einen Kredit der Commerzbank Bochum eintraten. Über diese privaten Einzelbürgschaften wurde die Kreditvergabe erst ermöglicht, denn sonstige Sicherheiten existierten nicht. Viele kleine Beiträge trugen so zur Verwirklichung des Vorhabens bei. Gleichzeitig führte der Schul­ bau zur Übernahme sozialer, pädagogischer, baulicher, finanzieller Mitverantwortung von Eltern und Lehrer/innen. Über die Gespräche mit Wilhelm Ernst Barkhoff und Gisela Reuther entstanden damit kreative, soziale Prozesse, die in tragfähige Gemeinschaften mündeten. Das gemeinschaftliche Engagement fand seinen Aus­ druck auch in neuen Finanzierungsinstrumenten oder juristischen Lösungen für neue Einrichtungen. Inspiriert von der Idee, gesellschaftliche Gesundungsprozesse radikal – also „von der Wurzel her“ anzugehen, engagierten sich Wilhelm Ernst Barkhoff, Gisela Reuther, Rolf Kerler und Albert Fink (späterer Treuhand- und Bankvorstand) früh und intensiv für das Thema Landwirtschaft in Verbindung mit gemeinnützigen Eigentumsformen und Finanzierungsmodellen. 87


Die Praxis des Schenkens und Stiftens

Eine Anregung Rudolf Steiners aufgreifend, war ein zentraler Gedanke die Neugestaltung von Eigentumsformen in Bezug auf Grund und Boden: Grund und Boden sollten kein Gegenstand des Wirtschaftens, keine Ware sein, denn er kann nicht aufgegessen oder sonst wie verbraucht werden und ist nicht beliebig vermehrbar. Grund und Boden sollte deshalb nicht verkäuflich sein und aus dem Erbstrom genommen werden. Diese Ideen wurden in den 70er-Jahren virulent, da bei vielen Höfen Generationswechsel und Finanzierungsnotstände auftraten, für die um Lösungsansätze gerungen wurde. Eine Antwort wurde in der Übertragung von Höfen in gemeinnützige Trägerschaft gefunden. Ziel war die Entwicklung dieser Höfe zum biodynamischen Anbau bei direkter Einbindung von Städtern, die sich finanziell, tatkräftig und ideell in die Höfe einbringen wollten – ganz im Sinne der Idee „neue Städter braucht das Land“. Als Form wurden Betriebsgemeinschaften als Betreiber der Höfe gebildet. Ihnen zur Seite standen sogenannte Landwirtschaftsgemeinschaften als „Mitbetreiber“ sowie eine möglichst große Anzahl Vereinsmitglieder als ideelle Begleiter. Dazu schreibt Rolf Kerler in einem Rückblick: „Über jeden einzelnen Hof wäre jeweils eine ganz eigene individuelle Geschichte zu schreiben“. Er erwähnt einige Höfe aus der langen Reihe derjenigen, die von der Beratung und finanziellen Förderung der GLS Treuhand profitierten, wie Wald am Inn (Chiemgau), Bollingstedt (Callsen-Bracker), Hasenmoor (Ehlers) bei Kaltenkirchen, Sophienlust bei Kiel, Dannwisch (Scharmer), Schepershof bei Wuppertal. Auch in diesem zentralen Arbeitsbereich der GLS Treuhand waren damit Finanz- und Sozialimpuls eng miteinander verknüpft. Gleichzeitig sei – so Albert Fink – die Landwirtschaft als ein Gegenpol zur Industrialisierung verstanden worden: „Wenn wir alles unter industriellen Gesichtspunkten einrichten, entfesseln wir ein gewaltiges Zerstörungspotenzial. Wir brauchen die biodynamische Landwirtschaft als Wertebildungs-Gegenpol zur Industrie.“ 88

Der andere Umgang mit Geld: Pionier und Unternehmer Alfred Rexroth // Die Übertragung landwirtschaftlicher Höfe in gemeinnützige Trägerschaft und deren biodynamische Umstellung wäre ohne die Begegnung zwischen Wilhelm Ernst Barkhoff und dem Unternehmer Alfred Rexroth nicht möglich gewesen. Auch lässt sich die heutige Gestalt der GLS Treuhand ohne Alfred Rexroth nicht verstehen. Der 1899 geborene Alfred Rexroth lernte Anfang der 20er-Jahre Rudolf Steiner kennen und setzte sich Zeit seines Lebens mit dessen Ideen ausein­ ander. Ab 1923 führte er gemeinsam mit seinem Bruder den väterlichen Betrieb. Alfred Rexroth war Guss-Ingenieur und entwickelte ein Gussverfahren, das zu einem besonders homogenen Gusseisen führte. Er legte damit die Grundlage für ein Weltunternehmen auf dem Hydrauliksektor. Anfang der 60er-Jahre stieß Alfred Rexroth durch die Vermittlung von Helmut Bleks, dem Vertreter der Firma Rexroth in Nordrhein-Westfalen, zu Wilhelm Ernst Barkhoff, Gisela Reuther und Albert Fink. Gemeinsam versuchten sie, Finanzierungswege, Rechtsformen und Wirtschaftsweisen aus anthroposophischen Leitbildern zu entwickeln. Sie wollten vor allem Menschen, die in Institutionen und Unternehmen des Kultur- und Geisteslebens tätig waren, mit Menschen verbinden, die in Wirtschaftsunternehmen wirkten. Eine Idee, bei deren praktischer Umsetzung Alfred Rexroth zum Pionier wurde: In einem ersten, versuchsweisen Schritt schenkte er der GLS Treuhand einen Betrag mit der Auflage, sich an dem Unternehmen Schweißtechnik Bochum still zu beteiligen. Albert Fink übernahm als Vollhafter die Geschäftsführung des heruntergewirtschafteten Betriebes und baute ihn zu einem international erfolgreich tätigen Unternehmen aus. Aus dieser Schenkung flossen der GLS Treuhand in den Folgejahren erste Gewinne aus Industriebeteiligungen zu. Nicht zuletzt dadurch, so Albert Fink, sei Alfred Rexroth zu weiteren Schenkungen ermuntert worden.


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Alfred Rexroth übertrug seine Industriebetei­ ligungen an einigen Unternehmen auf eine Kapital-Verwaltungsgesellschaft, die Neuguss Verwaltungsgesellschaft mbH, die von den Geschäftsführern seiner Beteiligungsunternehmen geleitet wurde. Die Kapital-Verwaltungsgesellschaft sollte auch nach dem Tode von Alfred Rexroth dafür sorgen, dass die private Verfügung über das Unternehmerkapital sowohl für die beteiligten Unternehmer als auch für deren Nachfolger ausgeschlossen wurde. Einen weiteren Schenkungsschritt unternahm Rexroth, als Kommanditanteile eines anderen Unternehmens zusammen mit Minderheitsanteilen von Familienmitgliedern entgeltlich auf die Firma Mannesmann übertragen wurden. Alfred Rexroth übertrug dann gemeinsam mit seiner Frau Friederike Rexroth den Verkaufserlös (in Form von Mannesmann-Aktien) aus dieser Transaktion gegen Zahlung einer Leibrente auf die GLS Treuhand. Zeitzeugen unterstreichen dabei, dass Friederike Rexroth ihren Mann zu diesen Entscheidungen drängte und dass ohne ihr kraftvolles und entschiedenes Mitwirken Alfred Rexroth sich nur schwer zu diesen Vermögensübertragungen hätte durchringen können. Durch Verfügungen in Testamenten und Verträgen wurde veranlagt, dass auch nach dem Tode von Alfred Rexroth bis heute aus der Kapital-Verwaltungsgesellschaft der GLS Treuhand Gewinne aus industrieller Tätigkeit zufließen. Alfred Rexroth verstarb nach Friederike Rexroth im Jahre 1978. Mit diesen Maßnahmen hatte Alfred Rexroth sein gesamtes Industrievermögen übertragen. Daraus wurden hunderte Initiativen in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, im pädagogischen, im heilpädagogischen, im Ausbildungs- und Forschungsbereich finanziert. Bis heute bilden die Anlageerlöse aus dem Vermögen der Familie Rexroth für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der GLS Treuhand die finanzielle Grundlage für eine freilassende

Beratung und Begleitung von Stifterinnen und Stiftern und gemeinnützigen Initiativen. Der andere Umgang mit Geld: Bankähn­ liche Einrichtungen // Aus den zahl­reichen und viel­­gestaltigen Beratungen und Dienstleistungen für KapitalgeberInnen und -neh­mer­ Innen, ErblasserInnen, gemeinnützigen Mitgliedern und Projekten entstand Anfang der 70er-Jahre die Notwendigkeit, bankähnliche Dienstleistungen für Mitglieder zu entwickeln und bereitzustellen. Bis dato konnte die GLS Treuhand nur in kleinerem Rahmen Darlehen entgegennehmen und als Kredit weiterleiten. Nach dem Kreditwesengesetz waren (und sind) diesen Tätigkeiten enge Grenzen gesetzt (damals ca. 25 Einzeldarlehen und 10 Einzelkredite). Will man diese Grenzen überschreiten, braucht man eine Banklizenz. Dies mündete – über den Zwischen­schritt einer Kreditgarantiegenossenschaft – in die Gründung der GLS Gemeinschaftsbank e. G. GLS sollte dabei, so Rolf Kerler in einer Festansprache zum 40. Jahrestag der Gründung der GLS Treuhand, für „Gemeinschaft für Leihen und Schenken“ stehen. Albert Fink, Mitbegründer der GLS Gemeinschaftsbank, langjähriger Vorstand und Aufsichtsrat, beschreibt die Initia­tionsideen zur Bankgründung wie folgt: „Unser Bild einer neuen Bank war, dass sie die Aufgabe hat, eine Brücke zwischen Einleger und Kreditnehmer zu bilden, damit bewusste Beziehungen und bewusste Verantwortung für den Einsatz des eigenen Geldes entstehen können. (…) Selbstverständlich sollte es keine übliche Bank werden. Die übliche Bank baut allein auf den Kräften des Egoismus auf und nährt nur die egoistische Seele in den Menschen. Wir wollten eine gemeinnützige Bank. Eine Bank aus anthroposophischen Impulsen, aber nicht nur für Anthroposophen, sondern für alle, die neue Wege gehen wollen.“ Bei der Bankgründung ging es damit ganz besonders um die Ermöglichung direkter sozialer und finanzieller Verantwortungsübernahme und die Herstellung direkter Beziehungen über Geldflüsse in Form zum Beispiel von Direktkre89


Die Praxis des Schenkens und Stiftens

diten, durchlaufenden Krediten, Bürgengemein­ schaften, Leih- und Schenkgemeinschaften. Bis 1995 wurden GLS Treuhand und GLS Bank trotz wirtschaftlicher und rechtlicher Eigenständigkeit mit fast identischer Vorstandsbesetzung geführt. Das rasante Wachstum der Bank sowie die notwendige Eigenständigkeit gemein­ nütziger Förderung führten 1995 zu einer personellen Vorstands- und Aufsichtsratstrennung zwischen GLS Bank und GLS Treuhand. Bis heute kooperieren beide Einrichtungen unter den gemeinsamen Initialen GLS – Gemeinschaft für Leihen und Schenken. Durch GLS Treuhand und GLS Bank konnte wiederum die Gründung weiterer Bankinitiativen gleicher Ausrichtung im europäischen Ausland gefördert werden, so unter anderem in Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, Schweden und der Schweiz. Der andere Umgang mit Geld: Selbstver­ suche neuer Arbeits-, Lebens- und Gemein­ schaftsformen // Neben der Ver­mittlung von Schenkungen an Dritte ist die Geschichte der GLS Treuhand gerade in den 80er- und 90erJahren auch eine des Selbstversuchs. In diesen Jahren wurden im Umkreis der GLS Bank und GLS Treuhand verschiedene Wirtschaftsformen im Sinne des sozialen Haupt­gesetzes von Rudolf Steiner (Trennung von Arbeit und Einkommen) in Wirtschaftsgemeinschaften, Arbeits- und Land­ wirtschaftsgemeinschaften entwickelt und zum Teil langfristig betrieben. In diesem Zusammenhang ist insbesondere Ingeborg Diederich zu nennen, die ihr gesamtes Vermögen aus einer Kapitalbeteiligung an einem Unternehmen der GLS Treuhand übertrug, um derartige Wirtschaftsformen zu fördern. Ingeborg Diederich brachte sich auch selbst engagiert in Wirtschafts- und Arbeitsgemeinschaften ein. Der andere Umgang mit Geld: Bürger- und Zukunftsstiftungen // Die erste unselbstständige Stiftung unter dem Dach der GLS Treuhand wurde 1997 anlässlich des Strom­netz­ kaufes in Schönau im Schwarzwald gegrün­det. 90

Dort hatten sich Bürgerinnen und Bürger – beeinflusst von der Katastrophe in Tscherno­-­ byl – entschlossen, für eine Stromversorgung ohne Atomstrom einzutreten. Ein bürgereigenes Energie­versorgungsunternehmen, das in erster Linie ökologischen Zielsetzungen verpflichtet ist, sollte entstehen. Nach langen Kämpfen konnten sie diesen Plan in die Tat umsetzen. Die Elektrizitätswerke Schönau wurden gegründet. Zur Unabhängigkeit gehörte auch der Kauf des Stromnetzes. Der bisherige Eigentümer verlangte dafür eine überteuerte Summe, die von den SchönauerInnen allein nicht aufgebracht werden konnte. Um die für den Kauf fehlende Summe einzuwerben, gründete die GLS Treuhand, mit großem persönlichen Engagement von Thomas Jorberg (Vorstand GLS Bank), 1997 die Stiftung Neue Energie und trug damit zur Durchführung der Spendenkampagne „Ich bin ein Störfall“ bei. Die bundesweite Kampagne hatte überwältigenden Erfolg: Umweltschutzverbände riefen zu Spenden auf, Zeitungen veröffentlichten kostenlos Anzeigen, bei Privatfeiern wurde zugunsten von Spenden auf Geschenke verzichtet. Es brauchte nur wenige Monate, um das zusätzlich benötigte Geld zusammenzubekommen. Durch einen Gerichtsbeschluss wurde der ehemalige Netzbetreiber dazu gezwungen, einen Teil der überhöhten Kaufsumme wieder an die Elektrizitätswerke Schönau zurückzuzahlen. Ein Teil dieses Geldes ist in die Stiftung Neue Energie geflossen und steht heute zur Förderung von gemeinnützigen Bildungsinitiativen u. a. im Bereich regenerativer Energien zur Verfügung. 2000 und 2001 folgten weitere Stiftungsgründungen unter dem Dach der GLS Treuhand. Diese Stiftungsneugründungen wurden ganz wesentlich von den beiden damaligen Vorständen Herbert Meier und Julian Kühn mit initiiert. Viele Interessierte, ehrenamtlich Arbeitende, Grün­dungs- und ZustifterInnen sowie die GeschäftsführerInnen, MitarbeiterInnen und SpenderInnen beteiligen sich an den Zukunftsstiftungen. Diese wirken gezielt durch Beratung, Spendensammlung und Förderung herausragen­ der Projekte in zentrale gesellschaftliche Bereiche


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hinein. 2011 sind es fünf Zukunftsstiftungen: Bildung, Gesundheit, Entwicklungshilfe, Landwirtschaft und soziales Leben. Im Falle der Land­wirtschaft und Entwicklungshilfe gingen den Gründungen Spendenfonds, die bei der GLS Bank eingerichtet worden waren, voraus. Über die Zukunftsstiftungen konnten in den vergangenen zehn Jahren über 1600 Vorhaben mit insgesamt ca. 30 Mio. Euro im In- und Ausland gefördert werden. Unter den geförderten Projekten sind solche wie „Jedem Kind ein Instrument“ (Zukunftsstiftung Bildung), das in Kooperation mit der Kulturstiftung des Bundes und dem Land Nordrhein-Westfalen allen Kindern an Grundschulen des Ruhrgebiets die Möglichkeit eröffnet, ein Instrument ihrer Wahl zu erlernen. Darunter ist auch der Saatgutfonds, der die biologisch-dynamische Saatgutzüchtung fördert. Dadurch werden der ökologischen Landwirtschaft biologische Saaten zugänglich gemacht, was direkt zur Erhaltung von Saatgutvielfalt beiträgt (Zukunftsstiftung Landwirtschaft). Dazu zählen Projekte wie die Einrichtung und Begleitung des Forums Pluralismus in der Medizin bei der Bundesärztekammer (Zukunftsstiftung Gesundheit). Hier werden Divergenzen zwischen verschiedenen medizinischen Richtungen durch den gemeinsamen Blick auf PatientInnen und Austausch über mögliche Behandlungsvarianten betrachtet. Das trägt dazu bei, einen neuen Ansatz patientenzentrierter, ganzheitlich ausgerichteter Medizin zu entwickeln. Ein Weiteres Beispiel ist die Förderung einzelner Persönlichkeiten in ihren Bemühungen für gemeinnützige, vorwiegend kulturelle Vorhaben und Projekte durch die Zukunftsstiftung Soziales Leben. Die Förderziele, die die vier Zukunftsstiftungen innerhalb des deutschsprachigen Raums verfolgen, werden im internationalen und interkulturellen Kontext durch die Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe vertreten. Das erfolgt zurzeit in Kooperationen mit über siebzig ProjektpartnernInnen in zwanzig Ländern, die von der Idee „Hilfe zur Selbsthilfe“ inspiriert sind. Der andere Umgang mit Geld: Studienan­ ge­bote für sozial-ökologisches, ethisches

Bankwesen // Green Banking und sozial-ökologisch orientierte Banken boomen im neuen Jahrtausend. Die Pionierzeiten der sozialen und ökologisch arbeitenden Banken hatten auch einen experimentellen Charakter. Um Bildungsangebote und Diskussionsforen für das aus der Nische heraustretende soziale Bank- und Finanzwesen bereitzustellen, entwickelte u. a. Julian Kühn, ehemaliger Vorstand der GLS Treuhand, ab 2005 Studienangebote für sozial-ethisches, ökologisches Bankwesen. Eine Initiative, die 2006 in die Gründung des Institute for Social Banking mündete, das eine internationale Summer School und einen Masterstudiengang zur Ausbildung verantwortungsvoll agierender Sozialbanker anbietet.

Wir wollten eine gemeinnützige Bank, nicht nur für Anthroposophen, sondern für alle, die neue Wege gehen wollen GLS Treuhand heute: individuell stiften, schenken und vererben // Die GLS Treuhand bietet neben dem Engagement für ihre Mitglieder und der Förderung über die Zukunftsstiftungen auch Expertise und Dach für das Engagement anderer – auch anderer Stiftungen und Stiftungsfonds. So sind zum Beispiel unter der Dachstiftung für Individuelles Schenken etwa siebzig individuell ausgestaltete Stiftungsfonds versammelt. Über 260 Personen verständigen sich in ihnen über Förderentscheidungen, die von den MitarbeiterInnen der GLS Treuhand umgesetzt werden. Diese Zeilen verdeutlichen, dass die GLS Treuhand ein pulsierender, facettenreicher sozialer Organismus ist. Sie wird von Menschen getragen, die zuhören, beraten, begleiten und bereit sind zu gestalten. Wir haben das Privileg und Vergnügen, aus dem Reichtum der Erfahrung, der Kontakte und des Wissens handeln zu können und dank des Erbes von Alfred Rexroth die Grundlage zu haben, ohne ökonomischen Druck 91


Die Praxis des Schenkens und Stiftens

Vorhaben, Projekte, Vermögensübertragungen und Schenkungen für gemeinnützige Zwecke begleiten zu können. Um „zuzuhören, um die Gedankengänge der anderen zu klären, sie mit Erfahrungen und praktikablen Ideen zu inspirie­ ren und vorwärts zu bringen“ (Gisela Reuther). Etwa 6,5 Mio. Euro konnten in den vergangenen Jahren jährlich durch alle im Verbund der GLS Treuhand tätigen Einrichtungen vergeben werden. Dabei stehen immer die Menschen im Fokus, die hier und in anderen Kulturen eine Zukunft für und mit ihren Mitmenschen schaffen wollen, die ethisch, ökologisch, sozial ist, im Rahmen eines Wirtschaftslebens, das den Menschen dient. Dieser Text bezieht mündliche und schriftliche Interviews mit Wilhelm Ernst Barkhoff, Rolf Kerler, Albert Fink, Dr. Gisela Reuther, Herbert Meier, Julian Kühn und Andrea Valdinoci ein.

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Die Praxis des Schenkens und Stiftens

Portraits von SchenkerInnen Erkenntnis leben Seit 1998 sammelt Dorothea Offermanns emsig und geduldig Zahngold, Modeschmuck, Besteck usw. Aus den Schmelzerlösen und dem Verkauf des gespendeten Modeschmucks auf Basaren fördert die 1928 geborene Oberstudienrätin Bildungs- und Sozialprojekte in Südamerika. Was sammelt sie?

Goldzähne, beschädigten Gold- und Silberschmuck, Krawattennadeln, Manschettenknöpfe und Münzen, kurzum alles aus Gold und Silber. Alles, was schon seit vielen Jahren in Ecken und Winkeln herumliegt, „Räumgut“ nach Wohnungsauflösungen, Dinge, die man wegen des unklaren Wertes lange nicht weggeben wollte, die man letztendlich aber schon lange nicht mehr braucht. Solche Dinge sammle ich. Edelme­talle werden meist eingeschmolzen, Schmuck auch ver­kauft. Der Erlös fließt in die Förderung von Projekten. Kürzlich z. B. hat es Bewohnern eines Slums in Lima in Peru ermöglicht, ein Gemeinschaftshaus zu bauen. Gerade in indigenen Gemeinschaften ist es traditionell üblich, Mahlzeiten gemeinsam zuzubereiten und zu essen. So dient das Haus als Speisehaus für über 100 Personen und ist gleichzeitig ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Zahngold zurück nach Peru … // Das Gold für Peru sammle ich nun seit Ende der 90er-Jahre. Damals habe ich Walter Burkart von der GLS kennengelernt, der über Entwicklungshilfeprojekte berichtet hat. Mich hat ein Slogan angesprochen, den es damals gab: Gold zurück nach Peru. Das fand ich eine gute und wichtige Idee, weil Peru von uns kolonialisiert und ausgebeutet worden ist. Mir wurde hin und wieder vorgehalten, wir Deutschen hätten doch gar kein Gold aus Peru gestohlen. Da sehe ich mich aber als Europäerin und als Mensch (!) und fühle mich mitverantwortlich für das geschehene Unrecht. Anfangs war das Sammeln recht mühsam, ich hatte zunächst vor allem um Zahngold gebeten. Irgendwann habe ich auch Schmuck und Modeschmuck mit einbezogen, die sich auf dem Adventsbasar einer Wal94

dorfschule hervorragend verkaufen. Zuvor wird er gründlich gesäubert und poliert, wenn nötig auch repariert, damit er namentlich die Damen zum Kauf animiert. So kommen an einem Nachmittag auch mal 800 Euro zusammen, und das mit Artikeln ab 50 Cent! Mittlerweile kann ich auf Unterstützung von rund 60 Menschen zählen, die wiederholt Altgold und Schmuck geschickt haben, eine Spenderin sogar schon elfmal. Da wird in der Verwandtschaft und im Freundeskreis emsig geworben und gesammelt. Die Menschen trennen sich leicht von ihren Werten, wenn sie die Gewissheit haben, dass nicht anonyme Betriebe Gewinne schöpfen, sondern stattdessen Hilfsprojekte gefördert werden. Das schönste Beispiel ist ein Ehering, der mir einmal mit den Zeilen zugesandt wurde: „Relikt einer gescheiterten Ehe, hier kann er noch helfen.“ Die 100.000-Euro-Marke … // Eigentlich hatte ich gedacht, wenn 100.000 Euro zusammengekommen sind, dann hätte ich lange gelebt. Nun bin ich auf dem Wege, uralt zu werden und steuere auf die 150.000 Euro zu. Und wer weiß … Ich mache weiter, weil es richtig Spaß macht, mit relativ geringem finanziellem Aufwand, der eigentlich nur im handschriftlichen Schreiben einer Dankeschönkarte für jede einzelne Spende besteht, so viel zu bewirken. Natürlich hat das auch noch andere Gründe: Aristoteles hat die Wichtigkeit des Erkennens herausgearbeitet, Thomas von Aquin erkannte die Bedeutung des Lebens für die Erkenntnis. Heute scheint es mir an der Zeit zu sein, aus der Erkenntnis heraus zu leben. Das bedeutet, wenn ich Erkenntnisse nicht lebe, also mein Handeln nicht entsprechend meiner Einsicht


Portraits von SchenkerInnen

ausrichte, bleibt die Erkenntnis unfruchtbar. Das ist der Leitfaden meines Handelns.

Leben macht, kommt er weiter und mit ihm ein Stückchen Welt.

Wenn ich die Welt mit all ihren Problemen und allem, was die Menschen sich antun, sehe, hole ich mir beim Nachdenken darüber Ideen und werde tätig. Nur wenn der Mensch etwas tut, wenn er aus Erkenntnis

Sammeladresse: Dorothea Offermanns, Zasiusstraße 118, 79102 Freiburg, Telefon 0761 72016

Initiative durch Vermögen, Freiheit durch Schenken Dirk Lücke, 75, lebt und arbeitet seit 1981 als Landwirt auf einem Demeter-Hof im Bergischen Land. Er ist der GLS Treuhand und der GLS Bank seit über 30 Jahren verbunden. Die ursprüngliche Bezeichnung „Gemeinschaft für Leihen und Schenken” hat ihn von Anfang an fasziniert. Für ihn steht beim Schenken die Freude im Vordergrund.

Freude – das ist mein Hauptmotiv beim Schenken. gutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft oder durch die Zukunfts­stiftung Entwicklungshilfe. Der ein­ Ganz gleich, ob es sich um Geld, ein kleines Präsent gebrachte Betrag samt den erwirtschafteten Erträgen oder einfach nur ein Lächeln handelt. Direkt damit wird im Lauf von etwa 15 Jahren verschenkt. Die Einverbunden ist das Element der Freiheit, weil richtung dieser Stiftung macht das Schenken daraus besonders das Schenken von Geld ohne jegliche leichter, weil der Vorgang des Loslassens nur einmal Bedingungen echtes Loslassen bedeutet. Das erzeugt stattfand, während die Freude des Schenkens in wiederum Freiheit, beim Schenkenden wie auch jedem Jahr neu entsteht. beim Beschenkten. Aller­dings liegt beim Loslassen die Schwierigkeit darin, es bei sich selbst in Gang zu setzen, etwa aus Angst vor dem Verlust von finanzi- Ich lebe und arbeite seit 1981 als Landwirt auf einem Demeter-Hof im Bergischen Land – ehemals als Haupt­ eller Sicher­heit und Beweglichkeit. Ich möchte im verantwortlicher im Kuhstall und der hofeigenen Alter meinen Kindern nicht zur Last werden und bis zum Schluss in der Lage sein, ihnen auch mal finanzi- Milchverarbeitung, inzwischen als ehrenamtlicher ell unter die Arme greifen zu können. Deshalb habe „Opa für alles”. Mein Vermö­gen stammt jedoch nicht aus der Landwirt­schaft – natürlich nicht! – sondern ich, nach fruchtbaren Gesprächen mit Mitarbeitern aus meiner industriellen Vergangenheit in der verarder GLS Treuhand, zwei Lösun­gen gefunden, Freiheit beitenden Industrie. Ganz klar, dieser Wechsel hat und Sicherheit einigermaßen in ein Gleichgewicht zu neue, intensive Erfahrungen und Erlebnisse für mich bringen. gebracht – auch den Kontakt zu GLS Bank und GLS Erstens übertrug ich der GLS Treuhand ein Sonderver- Treuhand und zu Menschen, die mich begeisterten. mögen als zinsloses Darlehen. Daraus vergibt die Treu­ Es entwickelten sich bei mir Erkenntnisse über Nothand in Absprache mit mir und meiner Frau langfris- wendigkeiten und Möglichkeiten, mein „Vermögen“ tige, zinslose Einzeldarlehen an gemeinnützige Träger, sinnvoll in zukunftswei­sende Initiativen einzubringen. Ich bin über­zeugt: Die biologische Landwirtschaft z. B. von Demeter-Höfen. Die Rückzahlungen können zur Alters­sicherung dienen. Die Langfristigkeit bedeu­ kann viel beitragen zur Lösung von Problemen, mit denen die Menschheit sich heute selbst gefährdet, tet praktisch eine Art Schenkung auf Zeit. von der Klimaveränderung über die sogenannte Zweitens habe ich gemeinsam mit meinem Bruder grüne Gentechnik bis zur Welternährung. Aber da braucht es mehr Eigeninitiative – gerade von Menden Stiftungsfonds „Keime“ in der Dach­stiftung für individuelles Schenken gegründet. Zielsetzung ist, schen mit Vermögen – und ich nutze diese GelegenEntstehendes, Keimhaftes zu fördern, z. B. im Saat- heit, um aus Überzeugung dazu aufzurufen! 95


Die Praxis des Schenkens und Stiftens

Wir leben nicht nur für uns Wir leben in und leben für die Gemeinschaft – so lässt sich der Grundsatz einer 72-jährigen Schenkerin zusammenfassen, die Teile ihres Vermögen verschenkte und anonym bleiben möchte.

In meiner Familie ist es immer üblich gewesen, bescheiden zu leben. Meine Kindheitsjahre habe ich im Krieg, mit Hunger und Wohnungsnot verbracht. Das waren schlimme Zeiten. Danach ging es aufwärts im Deutschland des Wirtschaftswunders. Dennoch sind wir sehr umsichtig mit Geld umgegangen. Wir haben Prioritäten gesetzt: Auf eine gute Ausbildung der Kinder wurde z. B. Wert gelegt, oder wenn jemand in der Verwandtschaft Probleme hatte, konnte er immer mit Hilfe rechnen. So war das immer und es ist mir nie schwer gefallen, mich von Geld zu trennen. Das gilt aber nicht nur für jene, die mir nahestehen, sondern auch immer für Menschen, die Beistand benötigen, die es schwer hatten oder haben. Das erschien mir immer sinnvoll. Je mehr Lebenserfahrung ich hatte, desto deutlicher wurde mir, wie eng alles zusammenhängt, wie vernetzt alles ist, dass wir in einem Miteinander leben. Wir leben nicht nur für uns. Darum habe ich zeitlebens auch viel selbst getan, war in der Friedensbewegung aktiv und engagierte mich in der Flüchtlingshilfe. Viele Menschen kämpfen ja mit Ausgrenzung, weil sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Die Idee, Teile meines Vermögens zu stiften, hat in meinem Umkreis schon die unterschiedlichsten Reaktionen ausgelöst: Die Probleme dieser Welt seien viel zu groß, da nütze die Hilfe einer Einzelnen gar nichts, das Geld versickere nur und nichts werde besser. Oder: Schon jetzt gebe es so viele Anstrengungen von so vielen Seiten, da mache eine Einzelne keinen Unterschied. Menschen sind häufig zu schnell mit ihren Bewertungen. Jeder Einsatz ist wichtig. Wir sind aufgefordert, uns für das Gemeinwesen einzusetzen, das kommt auch der nächsten Generation zugute. Ich habe mein Vermögen nie so betrachtet, dass es einfach nur mir selbst zugutekommen sollte. Einiges 96

vom Besitz der Familie war belastet aus der Zeit des Nationalsozialismus. Diese Schuldfrage und wie damit umzugehen sei, haben mich jahrelang sehr bedrückt und nach vielen und teils kontroversen Diskussionen in meiner Familie bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass nur eine „Umwandlung“ dieses Vermögens in Projekte, die sich mit einer sinnvollen Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaft befassen, der richtige Weg sein könne. Inspiriert vom Cellisten Thomas Beckmann aus Düsseldorf, der Benefizkonzerte für Obdachlose veran­ staltet, habe ich mit meinen Stiftungsfonds bei der GLS Treuhand vor allem humanitäre Projekte geför­ dert, die Menschen ohne Obdach, Benachteiligte oder Flüchtlinge unterstützten. Durch mein eigenes ehrenamtliches Engagement habe ich erfahren, was Einzelne durchleben. Die Zuwendungen vergebe ich in der Regel auf fünf Jahre, um eine längere Planung zu ermöglichen. Vielen Einrichtungen, die auf Spenden angewiesen sind, werden nämlich jeden Herbst aufs Neue nervös, weil sie nicht wissen, wie sie das kommende Jahr finanzieren sollen. Eine selbstständige Stiftung kam für mich aufgrund der Verwaltung, Formalien, Anlage des Vermögens etc. nicht in Frage. Die Stiftungsfonds in der Dachstiftung für individuelles Schenken kommen mir sehr ent­ gegen. Ich habe alle Freiheit, die mir in den meisten Fällen persönlich bekannten Projekte zu unterstützen, wobei ich froh bin, dass die GLS Treuhand mir einen Teil der Arbeit abnimmt und mich berät. Mit dieser Aufgabenteilung bin ich sehr zufrieden. Für mich zählt, dazu beizutragen, dass das Ziel näher rückt, das jemand so beschrieben hat: Viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten können das Gesicht der Welt verändern.


Portraits von SchenkerInnen

Unser Geld für sinnvolle Arbeiten einsetzen Drei Geschwister gründeten 2001 einen Stiftungsfonds, in den sie einen Großteil ihres Erbes einbrachten. Anonym beschreibt uns eine von ihnen ihren Impuls und ihre Ziele.

„In einem Märchen der Gebrüder Grimm erweckt der Heilige Petrus eine Königstochter vom Tod. Daraufhin will ihn der dankbare König mit Gold belohnen, doch Petrus lehnt ab. Sein Kompagnon Bruder Lustig flüstert ihm zu: „So nimm’s doch, wir brauchen’s ja!“ – Wir sagten stattdessen: „So gib’s doch, wir können’s nicht selber sinnvoll aufbrauchen!“ Auf diese Weise ließe sich der Impuls dreier Geschwister beschreiben, die den Großteil ihres Erbes in einen Stiftungsfonds bei der GLS Treuhand gegeben haben.

bringen. Es stimmt uns froh zu erfahren, wie viele gute Ideen erwachsen. Bei der Vergabe ist uns wichtig, dass wir die Anonymität wahren können. Die Begegnung mit Menschen aus den geförderten Initiativen bleibt so unbefangener, es entsteht keine Unterwürfigkeit oder Schmeichelei. Schließlich war es unser Großvater, der die guten Ideen hatte.“

Dem Geld eine Richtung geben, Projekte ermöglichen – das war unser Motiv zur Stiftungsgründung. Viele Menschen haben originelle Ideen im sozialen und ökologischen Umfeld, im Therapeutischen und in der Kunst. Solche Initiativen bekommen nur selten Unterstützung aus öffentlichen Mitteln. Um sie in die Tat umzusetzen braucht es freie finanzielle Mittel. An große NGOs wie WWF, Ärzte ohne Grenzen, usw. fließen erfreulich viele Spendengelder. Es gibt aber viele kleine Organisationen, die nicht leicht an Unterstützung herankommen, weil sie nicht so bekannt sind. Auch Forschungsvorhaben in der biologischdynamischen Landwirtschaft oder in der Anthroposophischen Medizin können ohne Stiftungsgelder nur schwer durchgeführt werden. Forschungsförderung z. B. für die Mistel-Therapie bedeutet auch, dass dieser Ansatz in der Öffentlichkeit besser sichtbar wird. Das Gleiche gilt für den Landbau, ebenso für die Weiterentwicklung der Eurythmie als Kunst, die noch in einer Nische verborgen ist. Wir haben als Dach den Stiftungsfonds in der GLS Treuhand gewählt und in der Zusammenarbeit in den vergangenen zehn Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht. In unserem Stiftungsrat bearbeiten wir sehr unterschiedliche Anträge. Ursprünglich waren dort nur meine beiden Brüder und ich. Inzwischen sind wir zu siebt. Wir hatten früh den Impuls, jüngere Leute dazuzunehmen. Das erlebe ich als großen Gewinn, weil sie Projekte aus ihrem eigenen Umkreis herein97


Die Praxis des Schenkens und Stiftens

Glossar Biodynamische Landwirtschaft Rund 1.400 Landwirte in Deutschland mit etwa 50.000 Hektar Land arbeiten biodynamisch. Angeregt von Rudolf Steiners Werk „Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft“ und anknüpfend an Goethes Methode der Naturerkenntnis betrachten sie ihren Hof als lebendigen, einzigartigen Organismus. Sie haben nicht allein die konkreten materiellen Substanzen, die physischen Kräfte der Natur im Blick, sondern auch die gestaltenden Kräfte des Kosmos. Sensible Naturbeob­ach­ tungen schulen und beeinflussen die tägliche Arbeit. Verantwortung für die Gesundheit von Mensch und Erde wird nicht nur durch das Weg­lassen von Chemie, durch Kompostwirtschaft und Gründüngung übernommen, sondern auch durch die aktive Unterstützung und Gestaltung der Lebensprozesse z. B. durch selbst herge­stellte, feinstofflich wirkende Präparate aus Mist, Heilpflanzen und Mineralien, die die Bodenfruchtbarkeit fördern. Unabhängige Forschungen beweisen, dass es sich um die nachhaltigste Form der Landbewirtschaftung handelt, die dafür sorgt, dass die Humusschicht kontinuier­lich wächst. www.demeter.de/index.php?id=1515&MP=13-1491 www.demeter.de/index.php?id=46&MP=14-1492

Bretton-Woods-System Bezeichnung des ab 1944 neu geordneten internationalen Wäh­rungssystems von festen Wechselkursen. Die teilnehmenden Staaten verpflichteten sich, ihre Wechselkurse innerhalb vergleichbar geringer Schwan­ kungsbreiten an den US-Dollar als Leitwährung zu knüpfen. Gleichzeitig galt die US-Währung fortan mit einer fixen Dollar-Gold-Relation (35 US-Dollar je Unze Gold) als Welt­reservewährung. Dies sicherte den USA die Vormachtstellung in der Welt. Die strukturellen Mängel des Währungssystems wie die Dominanz des US-Dollars und fehlende Mechanismen zum Import-Export-Ausgleich führten während des starken Wachstums der Welt­wirtschaft und der stei-

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genden Verschuldung der USA zum Zusammenbruch. Das Festhalten an festen Wechselkursen war unter dem Druck der Märkte nicht mehr möglich und die USA konnten die Golddeckung des US-Dollars nicht aufrecht­erhalten. So wurden Anfang der 1970er-Jahre die Bretton-Woods-Abkommen aufgegeben und der Übergang zu einem System der flexiblen Wechselkurse fand statt. Wikipedia http://zeitenwende.ch/finanzgeschichte/der-zusammenbruch-desbretton-woods-systems-1973/

Burning Man Gathering (Festival „Brennender Mann“): ein seit 1994 jährlich in einer Wüste in Nevada stattfinden­des, einwöchiges Festival mit über 50.000 Teilnehmern. Seine Kernveranstaltung ist das Verbrennen einer überdimensionalen menschlichen Statue, das seit der Entstehung der Veranstaltung als Ritual zelebriert wird. Das Festival ist eine große Kunstausstellung, ein Ort intensiver Selbstdarstellung und eine große Party. Kommerzielle Aktivitäten sind verboten, stattdessen wird eine Schenk­ ökonomie praktiziert. www.terrain.org/essays/16/hess.htm www.burningman.com/whatisburningman/ Wikipedia

Dreigliederung Die Dreigliederung des sozialen Organismus in Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben ist ein Leit­ bild für die gesellschaftliche Entwicklung, das in den Jahren 1917 bis 1920 von Rudolf Steiner entwickelt wurde. Innerhalb einer so gedachten Gesellschaft werden Lebens­prozesse nicht zentral vom Staat oder einer Führungselite geregelt, sondern durch Selbst­ ver­waltung in den unabhängigen drei Bereichen gestaltet. Wikipedia


Glossar

Emissionswertehandel/Emissionsrechtehandel Mechanismus, der darauf abzielt, eine fest­ge­legte Reduktion von Treibhausgasen mithilfe des Preis­ mechanismus zu gestalten. Den Teilneh­mern am Emissionsrechtehandel wird gestattet, die ihnen zugewiesene Menge an Emissionen – sie wird i. d. R. durch Emissionszertifikate verbrieft – entweder selbst aufzubrauchen oder zu veräußern. Ein Teilnehmer, der sein Kontingent nicht voll ausschöpft, kann das überschüssige Emissionsguthaben an einen anderen Teil­neh­mer verkaufen. Zur Erreichung der im Kyoto-Proto­koll vereinbarten Ziele der Emis­sions­ reduk­tion wurde das europäische Emissions­rechte­ han­dels­system geschaffen und trat 2005 in Kraft. Der Emissionsrechtehandel der EU gilt laut verschiedenen Studien als fragwürdig. Kritiker bemängeln, dass es durch ein Überangebot an Emissionsrechten keine emissionsmindernde Wirkung gebe; Investitionen in CO2-arme Herstellungsmethoden blieben aus. Brockhaus 2006 www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort= wu&dig=2009%2F07%2F21%2Fa0148&cHash=53103fa4f1

Exodus (lat. Ausgang, Auszug) Bezeichnet in der Überlieferung des Alten Testaments die Auswanderung der Israeliten aus Ägypten unter der Führung von Mose auf dem Weg in das von Jahwe den Israeliten versprochene Land Kanaan. Wikipedia

Gemeingüter Güter, die nicht einem Einzelnen, aber auch nicht niemandem gehören. Es sind all jene Dinge, die einer bestimmten Gruppe „gemein“ sind. Gemein bedeutete ursprünglich „mehreren abwechselnd zukommend“, später dann „mehreren in gleicher Art gehörig“. Gemeingüter in der Natur sind z. B. Wasser, Wälder, Boden, Luft, im Sozialen öffentliche Parks oder digitale Netze, im Kulturellen Sprache und Wissen. Es handelt sich um Ressourcen, die grundsätzlich jeder Mensch gleichberechtigt nutzen kann, die jedoch nicht ohne Regeln und Normen auskommen, da der gleichberechtigte Zugang erst durch eine gerechte, maßvolle Nutzung mög­lich wird. Durch Privatisierung eignen sich Einzelne Gemeingüter als Privat­ eigentum an und schlie­ßen die Allgemeinheit von deren Nutzung aus.

Kapitalwertmethode Gängige Methode zur Beurteilung einer Investition. Der Kapitalwert stellt den Bar- oder Gegenwartswert eines Investitionsobjektes dar, d. h., die mit dem Kalkulationszinssatz (subjektive Mindestver­zin­sungs­ forderung eines Anlegers an seine Investition) abgezinste Summe aller ihm zuzurechnenden zukünftigen Einnahmen abzüglich der Ausgaben und Anschaffungskosten. Auf­grund des Zinseszinseffektes ist der Wert einer Zahlung umso geringer, je später sie anfällt. Der Kapitalwertmethode zufolge ist ein Projekt ökonomisch vorteilhaft, wenn sein Kapi­talwert positiv ist, d. h., wenn seine Rendite den Kalkula­ tionszinssatz übersteigt. Brockhaus Wirtschaft, 2004

Kaufgeld, Leihgeld, Schenkgeld Eine von dem Philosophen und Gründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, in „Der Natio­nal­öko­no­ mische Kurs“ (Vorträge über Volks­wirt­schaft) entwickelte Unterscheidung der Funktionen von Geld, die dieses je nach Verwendungszweck annimmt. Rudolf Steiner: Der Nationalökonomische Kurs, Dornach 1922

Klimazertifikat Finanzierungsmittel, das von Emissionsminderungsprojekten ausgegeben wird, die durch das UNO-Klima­ sekretariat anerkannt sind. Es dient in unterschied­ lichen Formen entweder der in der EU gesetzlich vorgeschriebenen Treibhausgaskompensation von Unternehmen oder der freiwilligen Treibhausgaskompensation von Unter­nehmen und Privatpersonen. Ersteres wird zur Erweiterung des je Unternehmen begrenzten Kontingents an Emissionsrechten verwendet, da Klimazertifikate gegen Emissionsrechte einge­tauscht werden können. Klimazertifikate gelten laut verschiedenen Studien als fragwürdig, da sie den Druck, selbst Emissionen einzusparen, verringern und die Qualität der Emissionsminderungsprojekte z. T. zweifelhaft ist. www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/natur/umwelt/ index,page=4322106.html www.energieverbraucher.de/de/Umwelt-Politik/Umwelt-und-Klima/ Klimakompensation__2109/ http://cdm.unfccc.int/

Silke Helfrich, www.oya-online.de/article/read/15-Wovon_wir_alle_ leben.html

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Die Praxis des Schenkens und Stiftens

Konvivialität Begriff, den der österreichisch-amerikanische Philosoph und Theologe Ivan Illich geprägt hat. Er leitet ihn von dem spanischen „convivencialidad“ ab, das so viel bedeutet wie „Fülle des Miteinanderlebens“. Illich verwendet den Begriff im Zusammenhang mit dem technologi­schen Fortschritt, um dessen lebensgerechten („konvivialen“) Einsatz es ihm ging. Ivan Illich: Selbstbegrenzung – Eine politische Kritik der Technik, Reinbek 1975 Wikipedia

Kooptation (lat. cooptatio, „Zuwahl“) Die nachträgliche Wahl neuer Mitglieder in eine Gruppe durch die dieser Gruppe bereits angehörenden Mitglieder, heute z. T. noch in Körperschaften, Verbänden oder Unternehmen üblich. Dabei werden i. d. R. nur diejenigen gewählt, von denen angenommen wird, dass sie in die Gruppe „passen“. Dies ermöglicht rela­tive Gruppenstabilität, führt aber andererseits tendenziell zur Ausschaltung neuer bzw. kritischer Einflüsse. Brockhaus 2006

Leviten Einer der zwölf Stämme Israels, die nach dem Tanach (Heilige Schrift des Judentums) von den Söhnen Jakobs abstammen und nach dem Stammvater Levi benannt sind. Sie wurden laut dem 5. Buch Mose allein zum Tempeldienst für alle Israeliten erwählt. Als einziger der Stämme Israels erhielten sie keinen Landbesitz, stattdessen standen ihnen die Tempelabgaben zu. Wikipedia

Matriarchat (lat. mater, „Mutter“, und griech. arché, „Beginn“, „Ursprung“, auch „Herrschaft“) Gesellschaftsstruktur, in der je nach verwendeter Defi­ nition entweder Frauen die Macht inne­haben oder die frauenzentriert ist, die Gesellschaftsordnung also um die Frauen herum organisiert ist. Für einige Vertreterinnen der Frauenbewegung bezeichnet das Matriarchat im besonderen eine Zeit der Ur- und Frühgeschichte, in der die Frauen kulturschöpferisch und prägend gewesen sind, aber nicht geherrscht haben. Es besteht demgegenüber heute bei HistorikerInnen wie bei Feministinnen Einigkeit darüber, dass es Gesellschaften mit Frauenherrschaft – im Sinne eines umgedrehten Patriarchats – nicht gegeben hat. Wikipedia

Mikrokredit Kleinstkredite an Menschen, die üblicherweise von Banken nicht bedient werden, zur Unterstützung von beruflicher Selbstständigkeit und unternehmerischen Aktivitäten. Die Kredite werden in der Regel von spezialisierten Finanz­dienstleistern und nichtstaatlichen Organisationen, meist zur Förderung der Entwicklung, vergeben. Falk Zientz, Leitung Mikrofinanz, GLS Bank http://grameen-info.org/index.php?option=com_content&task=view &id=32&Itemid=91 Wikipedia

Monetarisierung Bedeutet, dass in der Gesellschaft eine zuneh­mende Anzahl von Lebensbereichen in Beziehungen und Prozessen durch Geld „käuflich“ wird. Ein Beispiel ist die Altenpflege, die von einer vormals unbezahlten Tätigkeit zu einer bezahlten Dienstleistung wurde. Im wirt­schaft­lich-technischen Bereich ist Monetarisierung der Vorgang, nicht geldwerte Güter in Geld­ äquivalente zu übersetzen, beispielsweise die Bewertung von Umweltschäden bei der Planung von Infra­struktur. Anarchopedia

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Glossar

Moralische Intuition Der Philosoph und Gründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, entwickelte in seinem Werk „Die Philosophie der Freiheit“ den Begriff der moralischen Intuition, die er als Grundlage und Fähigkeit des freien Menschen versteht. Demnach richtet der unfreie Mensch seine Entscheidungen und Handlungen an Regeln, Normen, Traditionen aus, der freie Mensch hingegen an Intuitionen, die er aus seiner Begriffs- bzw. Ideenwelt gewinnt. Die Ideenwelt bildet er durch Erkenntnis der inneren Gesetz­mäßig­ keiten der Welt. Moralische Intuition bedeutet die rein ideelle Begründung von Hand­lungen, die auf einer durch die Kraft des Denkens erkannten Wahrheit beruhen und dadurch im Einklang stehen mit den „ewigen Gesetzen“ der Welt. http://wiki.anthroposophie.net/Philosophie_der_Freiheit http://wiki.anthroposophie.net/Moralische_Intuition

Naturreiche In der von Rudolf Steiner begründeten Anthroposophie verwendeter Begriff für die äußerlich sichtbare Natur, die Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich und Menschenreich umfasst. http://wiki.anthroposophie.net/Naturreiche http://wiki.anthroposophie.net/Anthroposophie

Rainbow Gathering (Regenbogen-Zusammenkunft) Eine Mischung aus Festival und Landkommune auf Zeit, das meist unter freiem Himmel in abgeschiedener Umgebung stattfindet. Aufgrund der Abwesenheit jedweder Hierarchie und kommerzieller Aktivitäten sind diese Treffen ein Beispiel für Selbst­­organisation und Schenkökonomie.

Rechtlich unselbstständige/treuhände­rische Stiftung Ein eigenständiges Steuersubjekt, das keine juristische Person und nicht rechtsfähig ist. Diese Stiftungsform benötigt einen Treuhänder, der das Stiftungsvermögen getrennt von seinem eigenen Vermögen gemäß dem Stiftungszweck verwaltet und die Stiftung nach außen vertritt. Die Stiftung ist auf Zeiträume beschränk­bar, Gremien und Treuhänder können Ände­rungen und auch Auflösung beschließen. GLS Treuhand e. V.

Reproduktionsarbeit Vom Marx’schen Begriff der Reproduktion der Arbeitskraft abgeleitete Bezeichnung für Arbeits­ verrichtungen außerhalb des Sektors formeller Erwerbsarbeit, die dem Erhalt der individuellen Arbeitsfähigkeit und zur Sicherung der Erhaltung der Arbeitsbevölkerung dienen. Neben dieser Perspektive der Reproduktionsarbeit als Mittel zum Zweck kann sie auch als Selbst­z weck im Sinne unmittelbar lebenserhaltender Tätigkeiten gesehen werden. Sie umfasst u. a. unbezahlte häusliche und familienbezogene Arbeiten für sich selbst, für im Haushalt lebende Kinder und Angehörige und ggf. für Dritte. Wikipedia www.wirtschaftslexikon24.net/e/reproduktionsarbeit/reproduktionsarbeit.htm

Reziprozität Gegenseitigkeit, wechselseitiges Verhältnis, auf den Austausch mit anderen Menschen gegründetes Verhalten und elementare Bedingung menschlicher Beziehungen. Brockhaus 2006

Wikipedia www.rainbowinfo.de

Rechtlich selbstständige Stiftung Eine eigenständige Körperschaft, die eine juristische Person darstellt und der staatlichen Stiftungsaufsicht unterliegt. Die Stiftung und ihr Zweck sind auf unbestimmte Dauer ausgerichtet, Änderungen können nur mit Genehmigung der Stiftungsbehörde vorgenommen werden. GLS Treuhand e. V.

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Die Praxis des Schenkens und Stiftens

Soziale Dreigliederung Ein Leitbild für die gesellschaftliche Entwicklung, das in den Jahren 1917 bis 1920 von dem Philosophen und Gründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, entwickelt wurde. Die soziale Dreigliederung beschreibt die Grundstruktur einer Gesellschaft, in der die Koordination der gesamtgesellschaftlichen Lebensprozesse nicht zentral durch den Staat oder eine Führungselite erfolgt, sondern in der drei selbstverwaltete und relativ autonome Subsysteme (Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben) sich gegenseitig die Waage halten. Jedem Bereich wird ein Ideal der Französischen Revolution als leitendes Prinzip zugeordnet: die Freiheit dem Geistesleben, die Gleichheit dem Rechtsleben, die Brüderlichkeit dem Wirtschafts­ leben. http://wiki.anthroposophie.net/Soziale_Dreigliederung

Subsistenz (spätlat. subsistentia, „Bestand haben“) landwirtschaftliche Wirtschaftsform, die ganz oder überwiegend für die Selbstversorgung produziert. Der dominierende Subsistenzbegriff ist negativ konnotiert, Subsistenz gilt als rück­ständig und unökonomisch. Im sogenannten Bielefelder Ansatz hingegen (V. Bennholdt-Thomsen u. a.) wird Subsistenz in einer von Krisen bedrohten Fremdversorgungswirtschaft als eine zukunftsweisende Möglichkeit gesehen. Brockhaus Wirtschaft www.wirtschaftslexikon24.net/e/subsistenzproduktion/subsistenzproduktion.htm V. Bennholdt-Thomsen: Geld oder Leben, München 2010

Treuhänder Juristische oder private Person, die fremde Rechte (Treugut) ausübt und verwaltet, in eigenem Namen, aber in schuldrecht­licher Bindung gegenüber demjenigen, dem die Rechte an sich zustehen (Treugeber).

Soziale Plastik Brockhaus 2006 Bezeichnet eine spezifische Definition eines erweiterten Kunstbegriffs des deutschen Künst­lers Joseph Zakãt (arabisches Wort, dt. „Almosen“ wörtlich Beuys, der damit seine Vorstellung einer gesell- „wachsen“) schaftsverändernden Kunst erläu­tern wollte. Die Ausschließlich den Muslimen auferlegte obligatoriGrundlage der Idee einer sozialen Plastik ist der sche Armensteuer. Die Höhe der Zakãt ist unterMensch, der durch Denken und Sprache soziale schiedlich. Je nach Quelle werden 2,5 %, 5 % bis Strukturen entwickelt. Der Gesamtzusammenhang 10 % oder bis zu 20 % des Vermögens angegeben. der sozialen Plastik erklärt sich aus einem sozialen, Im Islam ist die Zakãt eine Institution gegenseitiger also das Allgemeinwohl betreffenden Handeln und sozialer Verantwortung, die laut vieler Muslime die dem Be­griff Plastik, der ein modellierfähiges und Einrichtung eines moder­nen Sozialstaates um viele formbares Gebilde benennt, das sinnlich erfahr­bar Jahrhunderte vorweggenommen hat. und mit der Wahrnehmung der Gesellschaft gleich- Khoury/Hagemann/Heine: Islam-Lexikon, Freiburg i. Br. 1991 Wikipedia zusetzen ist. Die soziale Plastik umfasst als ein anthro­ Ahmed Elhassab pologischer Kunstbegriff jegliche kreative mensch­ liche Tätigkeit. Mit allem, was der Mensch gestaltet Zedaka und somit als eine geistige Leistung schöpferisch her- Hebräisches Wort für das jüdische Wohltätigkeitsgevorbringt, gilt er als gesellschaftsverändernd aktiv. bot. Zedaka wird häufig mit Wohltätigkeit übersetzt, stammt allerdings von dem hebräischen Wort Tzedek Wikipedia ab, das so viel wie Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit bedeutet. Anders als Wohltätigkeit, die vollkommen frei­willig geschieht, stellt Zedaka eine religiöse Pflicht dar und einen Akt der Gerechtigkeit den Armen und Bedürftigen gegenüber, durch den ihnen gegeben wird, was ihnen zusteht. Das Gebot der Zedaka spielt eine wichtige Rolle im reli­giösen Leben der Juden. Es soll ungeachtet der finanziellen Situation selbst von armen Men­schen ausgeübt werden. Wikipedia Englisch www.jewfaq.org/tzedakah. Zusammengesellt von Hedwig Scharlipp 102


Da hilft nur Schenken  

In dem anlässlich unseres 50. Jubiläums herausgegebenen Buch "Da hilft nur Schenken" nehmen 17 Autorinnen und Autoren das Thema Schenken unt...

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