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Wo Holz fliegen lernt Text und Interview: Maximilian Marti Sie zieren alte Wirtshäuser, Vorgärten und Talstationen, begegnen uns auf Hinweisschildern im Wald und am Wanderwegrand oder stehen als begehrte Preise auf Gabentischen oder bereits als verdiente Trophäe in der Vitrine des Vereins: handgefertigte Holzskulpturen. Von der überlebensgrossen, imposanten Statue im Park bis zum putzigen Murmeltier oder kleinen Bären auf dem Stammtisch zeugen sie meistens von der Begeisterung des Künstlers und von dessen mehr oder weniger offensichtlichem Talent. Was im Kleinen im Atelier durch Feinarbeit mit dem Schnitzwerkzeug entsteht, bedarf in grossen Dimensionen, besonders zur Formgebung des Rohlings, entsprechen grösserem Werkzeug. Für diese Arbeit hat sich die Kettensäge durchgesetzt, vielen bekannt als überzeugendes Requisit in Horrorfilmen. Um 1830 vom Würzburger Arzt Bernhard Heine erfunden zum Knochen zersägen, begann der Siegeszug des technische Prinzips der Sägekette, die um eine Schiene läuft. Ab 1900 im Wald eingesetzt, ist sie heute aus dem gängigen Gerätepark nicht mehr wegzudenken und mutiert in den Händen fähiger Skulpteure zum Zauberstab. Einer dieser Künstler ist Thomas Jud, gelernter Forstwart, bekennender Waldmensch und Sieger von zwei der drei bisher durchgeführten Schweizer Meisterschaften. Wo andere Skulpturen oft am charakteristischen Grundzug der dargestellten

Figur mangeln, zeichnen sich seine Figuren aus durch lebensechte Posen und anatomisch akkurate Details. Seine im Jagd-Flug festgehaltenen Greifvögel zum Beispiel vermitteln unverdünnt die grossartige Eleganz ihrer Flugakrobatik und machen gleichzeitig die tödliche Präzision des Angriffs sichtbar und sein Steinwild beeindruckt durch das, was wir am meisten an ihnen bewundern, die stolze Ausstrahlung dieser trittsicheren Tiere. Um hinter sein Geheimnis zu kommen besuchte ich den Künstler in seinem Atelier in Mols und fragte: Herr Jud, wie wird man Schweizermeister im Kettensägeschnitzen? So wie bei allen Kunstformen: Das bisschen vorhandene Talent pfl egen und entwickeln, sich die Techniken aneignen, die sich am besten für die gewählte Kunstform bewähren und üben, bis man dem gesetzten Massstab näher kommt. Schnitzen hat mich immer fasziniert und ich hatte den Traum, davon leben und eine Familie ernähren zu können, der Traum wurde Wirklichkeit. Um dazu den nötigen Ruf und die Anerkennung als Künstler zu erhalten, musste ich Schweizermeister werden. Dieses Ziel habe ich mir gesetzt und an mir gearbeitet, bis ich es erreichte. So einfach ist das. Beginnen Sie einfach mit sägen, oder zeichnen Sie die Figur zuerst aufs Holz? Beides kann zutreffen. Zeichnen und Skizzieren war schon als Bub meine Leiden-

schaft und hat zur Entwicklung meines räumlichen Vorstellungsvermögens, welches für formgebende Kunstformen unabdingbar ist, wesentlich beigetragen. Oft skizziere ich ein Vorhaben, manchmal lege ich einfach los, vor allem bei Figuren, an denen ich oft arbeite wie Adler oder Gemsen und Steinböcke. Sie arbeiten oft vor Publikum, lenkt das nicht ab? Doch, natürlich, deshalb stelle ich bei Grossanlässen ein Schild auf «Nicht stören», wenn’s unerträglich wird und beim Arbeiten an Lebendholz privat vor Ort bitte ich um Distanz. Grundsätzlich bin ich gerne allein mit der Natur und mit mir selber, deshalb habe ich Forstwart gelernt. Inzwischen habe ich eine Auftragslage die mir erlaubt, meine Arbeit selber einzuteilen und die Konditionen so auszuhandeln, dass ich ungestört arbeiten kann. Schnitzen, egal in welcher Grössenordnung, erfordert ein Höchstmass an Konzentration. Ein Schnitt zu tief, zu schräg oder zu viel und das Resultat ist Ausschuss. Zudem können Verletzungen mit Motorsägen recht unschön werden. Was ist Ihr nächstes Vorhaben? Mich weiterentwickeln zu dürfen – als Künstler kann man nie zufrieden sein. Dann möchte ich genug Zeit haben, um dieses Haus fertig zu renovieren, um darin unsere Kinder gesund und glücklich aufwachsen zu sehen. Und natürlich will ich die nächste Schweizer Meisterschaft für mich entscheiden. www.jud-skulpturen.ch

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Best of St. Gallen 2015  
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