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Traumtänzerin aus Leidenschaft Text und Interview: Maximilian Marti Als Giulia Steingruber am 24. März 1994 das Licht von Gossau erblicke, ahnten ihre Eltern wohl kaum, dass sie die erste Schweizer Goldmedaillengewinnerin im Mehrkampf wickelten. Ihrer sportlichen Neigung folgend, wurde Giulia wenig später Mitglied des TZ Fürstenland Frauen. 2011 war sie soweit und wurde erstmals in allen Einzeldisziplinen Boden, Schwebebalken, Sprung und Stufenbarren Schweizer Meisterin, dasselbe auch im Mehrkampf. In ihrer Paradedisziplin Sprung holte sie 2012 an der EM in Brüssel Bronze, 2013 in Moskau Gold und verteidigte 2014 in Sofi a ihren Titel erfolgreich. Trotz ihrer umwerfenden Erfolge hat Giulia ihre heimische Bodenhaftung nicht verloren und freut sich über jeden Erfolg ihres TZ Fürstenland Frauen. Heute ist die sympathische Ostschweizerin in der internationalen athletischen Szene

Bild: Stefan Wurzer

Ich hatte einen Traum. Heute ist er mein Beruf.

Brachte der Wegzug aus der elterlichen Aufsicht auch etwas Freiheit? Aber ja doch! Plötzlich darf man selber entscheiden, wann Bettruhe ist, und kostet diese Freiheit erst mal aus. Aber man lernt schnell, dass Schlafmangel keine Kraftreserve ist und Übermüdung ein schlechtes Zielgerät, wenn die Füsse den Schwebebalken fi nden und die Hände die Holme sicher fassen sollen. Auch in körperlich optimalem Zustand und bei grösster Konzentration ist immer ein Gefahrenpotential vorhanden, das nicht unterschätzt werden darf. Kein guter Platz für Schlafmützen! Bild: www.kummer-kummer.com

ein prägender Faktor mit Blick auf die EM 2015 in Montpellier und, wenn die Gesundheit mitmacht und alles nach Plan läuft, Olympia 2016 in Rio. Eines Ihrer Zitate lautet: «Ich hatte einen Traum. Heute ist er mein Beruf.» So gesagt scheint ihr Erfolg ein Geschenk des Himmels zu sein. Ein Geschenk, das nebst einigen Fitnessprogrammen und viel Verzicht auf ein «normales» Familienleben, verpackt ist in 30 Stunden hartes Training pro Woche, die Unverzichtbarkeit der täglich erforderlichen Selbstmotivation, oft auch den Umgang mit Schmerzen und einen unbeirrbaren Glauben an die eigene Leistungsfähigkeit. Dazu befragt gab Giulia Auskunft: Es ist ein hoher Preis, mit 14 von zu Hause wegzuziehen in die harte Schule nach Magglingen, au Bout du Monde. Auf der anderen Seite ist es wundervoll, sich für einen Ort qualifizieren zu können wo man in einer Gastfamilie leben kann und in einem professionellen Umfeld nach besten und optimalen Möglichkeiten gefördert und gefordert wird. Die Infrastruktur und der total sportlich orientierte Alltag dort oben sind genial. Es ist schon ein Unterschied, ob man quasi à discretion trainiert oder sich unter der Führung und Aufsicht eines erfahrenen Spitzentrainers wie Zoltan Jordanov entwickeln darf.

Alles in allem betrachtet braucht es eine unglaubliche Zähigkeit, wenn nicht Sturheit um ein Ziel dermassen verbissen zu verfolgen. Giulia, bist Du ein Sturkopf? Ja, und stolz darauf, wenn man wie ich unter Sturheit planmässiges Vorgehen versteht, das Anstreben eines gefassten Ziels, ohne sich durch was auch immer davon abbringen oder ablenken zu lassen. Turnen ist meine grosse Leidenschaft. Ich lasse nicht locker, bis ich auf einem Podest stehe und etwas Glänzendes in der Hand habe. Wenn ich dann als Begleitmelodie noch unsere Nationalhymne hören darf und ein bisschen feuchte Augen bekomme, bin ich selig, weil ich mich damit wie jetzt bei allen bedanke, die an meine Fähigkeit glauben, die mich unterstützt und bis zu diesem Moment begleitet haben. Alle Mühsal, jeder Verzicht ist vergessen, bis der nächste Wettkampf ruft. www.giulia-steingruber.ch

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Best of St. Gallen 2015  
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