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Jetzt mal ernsthaft gelacht Text und Interview: Maximilian Marti «Das ist der Buster Keaton unserer Zeit, ausgerüstet mit ironisch geschliffenem Sezierbesteck», fl üstert mein Kumpel, mit dem ich im Parkett sitze und dem Mann auf der Bühne zusehe. Dieser erklärt uns jetzt mit todernster Miene und singend, warum im Super-Neumarkt in St. Gallen viele den rettenden Ausgang gar nicht mehr oder viel zu spät fi nden und die Fleischtheke an einer komplett andern Stelle als gewohnt. Alles sehr einleuchtend, leicht irritierend und zum Brüllen komisch, weil alle im Saal irgendwann mit solchen Katastrophen konfrontiert wurden. Dort oben steht der bekannte Ostschweizer Comiczeichner, Musiker, Sänger und Mundartdichter Manuel Stahlberger. Seine Markenzeichen sind eine umwerfend komische Sicht der Dinge wie zum Beispiel ein Jasskarten-Musical mit vertauschten Props, selbstgedrehte Crèmeschnitten oder diese seelenvollen Lieder, die ins Leere und doch zum Ziel führen und eben, dieses Stahlberger Poker-Face, wie es weiland Buster Keaton zur Schau stellte, wenn er unter Lebens gefahr die wildesten Abenteuer überstand. Die jetzt folgende, blutige, in familientauglicher Comic-Technik chronologisch präsentierte Karriere des Harnisch tragenden, Lanzen schwingenden Turnierritters Karl, hoch zu Ross, lässt Parallelen zu aktuellen Gepfl ogenheiten durchschimmern. In einer anderen Dia-Show entwickeln warnende, inzwischen zur Harmlosigkeit degradierte Piktogramme unter Stahlbergers Einfl uss teils einen erschreckenden, teils alternativsuggestiven Charakter. Er trägt den schnelllebigen Ablauf des fulminanten Programms mit derselben ernsten Miene vor, mit der er auf die Bühne kam, eines seiner Instrumente ergriff und sich den ersten von vielen Lachern holte. Sein erstes Soloprogramm «Innerorts» appelliert zielsicher an ein eher intellektuelles Publikum mit kontrollierter Schräglage, an ein Publikum, das den Saal heute das beruhigenden Wissen mitnimmt, dass das Leben von nun an um vieles verständlicher sein wird. Wer sonst sähe hinter die Logik, mit der dieses Multitalent das leidige Nummernspiel in den Poststellen einem ratio-

nellen Nutzen zuzuführen vermag? Oder wie heilsam für’s müde Auge der Ausbruch des Baselbieter «Siebedupf» und dessen Integration in andere, weniger spektakuläre Kantonswappen, sich erweisen wird? Ja, Manuel Stahlberger packt die Fakten des Lebens bei den Hörnern. So auch den Salzburger Stier, der ihm 2009 verliehen wurde und jetzt das Regal teilt mit dem Kleinkunst-Innovationspreis «SurPrix», 2005 an Stahlberger-Heuss verliehen und dem Prix Walo für Kleinkunst, 2001 von Mölä & Stahli in Empfang genommen. Nach der Show erkundigte ich mich beim Künstler: Herr Stahlberger, Sie geben sich auf der Bühne etwas stoisch, hat der Erfolg Ihres ersten Soloprogramms Sie erschreckt? Nein, erfreut. weil ich meine Vermutung bestätigt fand, dass Auftritte als Solist die optimale Möglichkeit sind, um meine Sicht der Dinge mit einem Publikum zu teilen. Kann schon sein, dass ich etwas ernster herüberkomme als erwartet, aber das entspricht meinem Naturell, so bin ich drauf auf der Bühne. Die einzelnen Lieder oder Bilderschauen sollen so stabil sein, dass ich als zurückhaltender Präsentator agieren kann, nicht als Entertainer. Hegen Sie ein Lieblingsthema? Jedes Thema ist gut. Ich mache vor allem aus den kleinen, alltäglichen Dingen etwas. Zahnseide zum Beispiel ist interessant.

Oftmals bekommen die Sachen durch Überhöhen, Vergrössern, Repetieren eine Komik. Obwohl es zwischendurch auch sehr ruhig zugeht bei meinen Auftritten. Es muss nicht immer lustig sein. Was steht als Nächstes an? Am 20. Oktober ist in St. Gallen Premiere mit dem neuen Programm «Neues aus dem Kopf», dann geht’s los auf grosse Tournee. Daneben sind Projekte mit meiner Band am Laufen und zudem bin ich im Experimentierstadium mit so exotischen Sprachen wie Hochdeutsch. Infos & Tourplan: www.manuelstahlberger.ch Bücher Herr Mäder 1. Verlag Saiten, St. Gallen 2006 ISBN 3-9521302-2-2. Herr Mäder 2. Verlag Saiten, St. Gallen 2005, ISBN 3-9521302-5-7. Tonträger Stahlberger & Band: Rägebogesidlig, 2009 Abghenkt, 2011 Die Gschicht isch besser, 2014 Manuel Stahlberger solo: Innerorts, 2012

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Best of St. Gallen 2015  
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